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InnenAnsichten

Publikationsplattform f端r StudentInnen herausgegeben von der Studienvertretung/Institutsgruppe Geschichte Jahrgang 1 (2012), 1


Mitarbeit an dieser Ausgabe: Studienvertretung/Institutsgruppe Geschichte Alexia Bumbaris, Clemens Pfeffer, Ljiljana Radonic, Anton Tantner, Florian Wenninger Impressum: Gefördert durch die Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät der Universität Wien InnenAnsichten. Publikationsplattform für StudentInnen. Zitierweise: InnenAnsichten Jahrgang 1 (2012), 1 Medieninhaberin: Österreichische HochschülerInnenschaft an der Universität Wien, Spitalgasse 2-4, 1090 Wien Herausgeberin: Studienvertretung/Institutsgruppe Geschichte an der Universität Wien, Universitätsring 1, 1010 Wien Lektorat: Veronika Helfert Layout und Titelbild: Matthias Vigl Druck: facultas, Wien ISSN 2304-148X

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Inhalt Grußwort von Wolfgang Schmale

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Grußwort von Martin Gasteiner

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Vorwort der StRV/IG Geschichte

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Jutta Fuchshuber „Auf der Flucht erschossen“? Tötungen im KZ-Komplex Mauthausen

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Béatrice Grasser Die sexuelle Revolution im Spiegel der Jugendzeitschrift BRAVO (1969–1985)

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Florian Knotz „Niemals vergessen!“ Eine Ausstellung zwischen antifaschistischer Agitation und Konsensdemokratie

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Florian Reinhold, Julia Anna Schön Verhandlungen von Ehestreitigkeiten vor dem Passauer Konsistorium unter der Enns

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Nina Stren Die „Stubenprotokolle“ als Quelle zur Geschichte des Wiener Bürgerspitals im 18. Jahrhundert

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Tagungsbericht: un/diszipliniert?

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Kurzbiographien und englischsprachige Abstracts

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Grußwort von Wolfgang Schmale

Eigenständige wissenschaftliche Erkenntnis beginnt in den geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächern mit dem ersten Tag des Studiums. Dieser Satz gilt immer, also auch dann, wenn die eigene Universität 91.000 Studierende hat wie die Universität Wien und wenn im eigenen Fach mehrere tausend Studierende zusammenkommen. In der Geschichte sind es derzeit (Sommer 2012) rund 5.400 Studierende, zu denen 1.500 oder mehr aus anderen Fächern, die einige Geschichte-Lehrveranstaltungen besuchen, hinzuzurechnen sind. „Masse“ ist weder ein Hindernis wissenschaftlicher Erkenntnis noch sonst negativ anzusehen. Es kommt lediglich darauf an, positiv motivierende und produktive Verhältnisse zu schaffen. Hier hat die Initiative der Studienrichtungsvertretung Geschichte ihren Platz und Wert, denn wissenschaftliche Erkenntnis ist darauf ausgerichtet, mitgeteilt, kommuniziert zu werden. In der Wiener Geschichte hat der frühe Einstieg im Studium in das Arbeiten mit Primärquellen und in gesellschafts-, politik-, wirtschafts- und kulturkritische Themen, um nur vier Felder zu nennen, einen hohen Stellenwert. Bereits viele Seminar-, Diplom- und Masterarbeiten vermitteln originäre Forschungsergebnisse, ohne dass diese hinreichend bekannt gemacht würden. Hier besteht eine Kommunikationslücke, auf die die „InnenAnsichten“ reagieren. Die Initiative ist geeignet, Lehrende und Studierende ganz im Sinne von universitas zusammenzubringen, wo alle zugleich Lehrende wie Studierende sind. Ich wünsche den „InnenAnsichten“ einen guten Start und eine gute Aufnahme beim ‚Publikum‘. Sie besitzen das Potenzial, Identifizierungsmöglichkeiten mit einer sehr großen Studienrichtung zu schaffen. Wolfgang Schmale, Studienprogrammleiter Geschichte

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Grußwort von Martin Gasteiner

Hin und her im Schatten vom inneren zum äußeren Schatten vom undurchdringlichen Selbst zum undurchdringlichen Nicht-Selbst durch weder noch Samuel Beckett Die vorliegende Zeitschrift will sichtbar machen, was zumeist in den Schubladen der Lehrenden verschwindet. Die „InnenAnsichten“ verorten sich damit in einem entstehenden Zwischenraum: Die Institution der Universität im Verhältnis zur Öffentlichkeit steht in der Frage, andererseits ist die Dynamik des studentischen Schreibsozialisationsprozesses innerhalb der Institution als Identifizierungsfeld ins Konzept eingeschrieben. Die sich konstituierenden Schreibräume der jungen ForscherInnen versuchen nicht nur die Lehrenden zu adressieren, folgerichtig wird das Innen und das Außen im Schreibprozess in den Blick genommen. Nach innen, um sich selbst im Verhältnis zu den Dingen und den Menschen zu befragen, und umgekehrt, um nach außen zu zeigen, was das jeweilige Ich zu sagen hat bzw. was auf das Gesagte geantwortet werden könnte. Junge Forschende sind in ihrem Engagement mit ihren individuellen Stärken und Schwächen hier ernst genommen. Eine zusätzliche unbedingte Motivation und Wachstumschance ist es, ein Publikum adressieren zu können und zu wollen. Es ist erfrischend zu sehen, dass sich Gruppen formieren, die obgleich allen Abgesangs auf Zeitschriften und Druckwerke Initiativen setzen, die als Indikator oder potenziell als Sprachrohr für Veränderungen stehen können. Das Feld der Universität ist das Feld des Experiments, des Versuchens und der Suche nach der eigenen Stimme. Diese Initiative getragen von der StV sehe ich als ein In-Erinnerung-Rufen, dass diese Felder weiterhin vorhanden sind und immer aufs Neue konstituiert bzw. erkämpft werden müssen. Die Plattform der Studienrichtungsvertretung Geschichte ist offen für Ideen und zeigt sich nicht nur oberflächlich als offenes Forum. Ich habe die dort geschaffene Sphäre als herzlich und überaus kreativ und produktiv wahrgenommen. Ich bin sicher, dass dies das beste Milieu zur Entstehung einer Zeitschrift ist. Martin Gasteiner, Projektmitarbeiter und Lehrender am Institut für Geschichte

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Vorwort StRV/IG Geschichte

Das Verfassen eines Vorworts bringt im Normalfall unweigerlich Frustration mit sich. Erstens wird es in der Regel nicht gelesen und zweitens versetzt es einEn in die Lage Sinnvolles schreiben zu müssen – eine Aufgabe, die in einer Zeitschrift primär den Artikeln zukommen sollte. Dies ist aber die erste Ausgabe der InnenAnsichten und deswegen lässt sich eine kurze Beschreibung des Projekts, seines schlussendlichen Zustandekommens und der Personen, die dahinter stehen, nicht vermeiden. Der Hintergrund des Projekts InnenAnsichten ist die universitäre Realität, in der wissenschaftliche Nachwuchsförderung dem Vernehmen nach im Allgemeinen zwar großgeschrieben wird, in der Praxis für ambitionierte StudentInnen allerdings wenige Möglichkeiten bietet. Diese haben selten die Gelegenheit ihre Arbeiten außerhalb von Lehrveranstaltungen, geschweige denn gegenüber einer größeren Öffentlichkeit, zu präsentieren. In der Regel ergeben sich erste Chancen in Richtung Publikation erst mit der Abschlussarbeit, wobei auch publizierte Diplomoder Masterarbeiten nach wie vor eine Seltenheit darstellen. Bis zu diesem Stadium produzieren Studierende eine Vielzahl von Texten, oft mit beträchtlichem wissenschaftlichem Niveau, die üblicherweise in Schubladen, beziehungsweise auf Festplatten, verstauben. Ein weiteres Problem, das sich daraus ergibt und das aus unserer Perspektive am schwersten wiegt, ist, dass Kommunikation über diese Arbeiten, jenseits von Benotung und allfälligem Feedback durch Lehrende, nicht stattfindet. So schreiben Studierende häufig ins Leere hinein. Die Konsequenz aus diesen Überlegungen war es folgerichtig StudentInnen die Möglichkeit zu geben, schon während ihres Studiums Arbeiten zu veröffentlichen um gewissermaßen Nachwuchsförderung von unten zu betreiben. In möglichst regelmäßigen Abständen sollen also ausgewählte Arbeiten, die entsprechenden Kriterien gerecht werden, abgedruckt und einer hoffentlich interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Der Anspruch, möglichst hochwertige Arbeiten („entsprechende Kriterien“) abzudrucken und trotzdem nicht elitär zu sein und die Auswahl nicht subjektiv zu treffen, ist allerdings schwierig umzusetzen. Um dieses Problem möglichst elegant zu meistern, werden Artikel nach der Einreichung von NachwuchswissenschaftlerInnen an der Universität Wien durchgesehen um eine Art von Review-System zu gewährleisten. Neben den oben angeführten Überlegungen war noch eine weitere für die Entstehung der vorliegenden Zeitschrift ausschlaggebend. . Auch wenn dieses Argument nach zehn Jahren Verspätung klingt, so ist ein gewichtiger Grund für die InnenAnsichten das Internet. Nachdem nämlich mittlerweile sämtliche Informationen zu Studienplänen, Abläufen im Studium etc. online auffindbar sind, hatte die ehemalige Zeitschrift der Studienvertretung/Institutsgruppe (StV/IG) Geschichte, das Geschichte-Info, seinen ursprünglichen Auftrag, nämlich ebendiese studienspezifischen Informationen zugänglich zu machen, verloren. Deswegen kam in der 6


StV/IG Geschichte die Idee auf, etwas Neues auszuprobieren. Nach einiger Diskussion stand schließlich der Entschluss, keine herkömmliche Zeitschrift mehr zu gestalten, sondern „etwas in Richtung wissenschaftliche Publikationsplattform“ machen zu wollen, das auch „auf seine Qualität geprüft aka peer reviewed“ und außerdem „„breit und offen, aber doch kritisch“ sein sollte. Und das den HerausgeberInnen außerdem wenig Arbeit machen sollte, denn „die Beiträge existieren ja bereits und müssen nur noch abgedruckt werden“. So weit, so blauäugig. Retrospektiv betrachtet ist es eigentlich belustigend, wie einfach wir uns alles vorgestellt hatten: einen Call For Papers an alle Studierenden schicken, Arbeiten auswählen, die Auswahl mit jungen WissenschaftlerInnen besprechen, Seminararbeiten zu Artiklen umarbeiten, Layouten, Drucken, fertig. Zu guter Letzt hat der Produktionsprozess schließlich weit mehr als ein Jahr gedauert und die Nerven von mehreren Menschen ruiniert. Die Artikel, die schlussendlich veröffentlicht werden, haben auf unterschiedliche Weise ihren Weg in die Zeitschrift gefunden. Sei es durch die Kontaktherstellung durch Lehrende. Sei es durch die Vermittlung von Bekannten. Sei es durch eigenständige Kontaktaufnahme der AutorInnen mit den HerausgeberInnen. Besonders während dieser Phase der Auswahl der Artikel und des Feedbacks durch unsere KommentatorInnen, hat es einige Male so ausgesehen als ob das Ganze zum Scheitern verurteilt gewesen wäre. In die Zeitung geschafft haben es nun schlussendlich fünf Arbeiten. Diese behandeln, darauf wurde von uns Wert gelegt, sowohl unterschiedliche Epochen, als auch vollkommen unterschiedliche Themenzusammenhänge. Natürlich sind bei Arbeiten von StudentInnen Niveauunterschiede entsprechend ihres Studienfortschritts vorhanden. Allerdings verbindet diese Beiträge nicht nur ein kritischer Anspruch an Geschichtswissenschaft, sondern sie zeigen auch die eigenständigen wissenschaftlichen Leistungen von Studierenden. Jutta Fuchshuber befasst sich mit „Erschießung auf der Flucht“ im KZ Gusen. Ausgangspunkt ist der 1947 vom Dachauer US-Militärgericht geführte Prozess gegen Alexander Peroutka, der als Wachposten im KZ-Komplex Mauthausen tätig und an Tötungen sowie Misshandlungen beteiligt gewesen war. Nach einer Kontextualisierung, sowohl durch die Darstellung des Lagerkomplexes Mauthausen als auch des rechtlichen Hintergrundes, werden anhand von Fallbeispielen Mordfälle rekonstruiert und deren rechtliche Konsequenzen nachgezeichnet. Der Beitrag von Béatrice Grasser beschäftigt sich mit der bildlichen sowie textlichen Darstellung von Homo- und Heterosexualität in der Jugendzeitschrift BRAVO von 1969 bis 1985. Nach einer theoretischen und methodischen Einleitung wird der Wandel aufgezeigt, der im Untersuchungszeitraum stattfand. Bei den Textergebnissen wird dargestellt, welche Argumente in Bezug auf Homo- und Heterosexualität die Diskurse beherrschten. Aufgezeigt wird die Transformation der Berichterstattung von konservativer Dominanz Ende der 1960er hin zu einem liberaleren Diskurs in den 1980ern. Die Ausstellung „Niemals vergessen“ von 1946 ist Thema des Beitrags von Florian Knotz. Diese „antifaschistische Ausstellung“ wird herangezogen, um die soziale und politische Atmosphäre im Nachkriegs-Österreich zu analysieren. Vor allem die Frage, ob die Ausstellung als authentisch antifaschistisch oder als Teil der österreichischen Konsenspolitik nach Kriegsende verstanden werden muss, ist Thema des Artikels. Florian Reinhold und Julia Anna Schön behandeln die Verhandlung von Ehestreitigkeiten in der Frühen Neuzeit. Zu diesem Zweck wurden zwei Fälle vor dem Passauer Konsistorium 7 InnenAnsichten, 1(2012),1


unter der Enns aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts anhand einer kritischen Interpretation der Ratsprotokolle rekonstruiert. In beiden Fällen sind die Ehefrauen mit häuslicher Gewalt konfrontiert. Die beiden Fälle unterscheiden sich allerdings sowohl hinsichtlich der Verhandlungsstrategien als auch des Ausgangs und bieten aufschlussreiche Beispiele für Ehekonflikte und ihrer Behandlung durch kirchliche Gerichte. Die Geschichte des Wiener Bürgerspitals in der Mitte des 18. Jahrhunderts ist Thema des Aufsatzes von Nina Stren. Mittels der standardisierten Einträge in den „Stubenprotokollen“ wird die Aufenthaltsdauer der InsassInnen ermittelt, auch die Krankenzimmern, die Stuben, auf welche die SpitalsbewohnerInnen gewiesen wurden, werden thematisiert. Da die Mehrheit der Klientel des Wiener Bürgerspitals in der Mitte des 18. Jahrhunderts unversorgte Kinder ausmachte, widmet sich der Text Findelkindern und Kindern lediger Mütter und deren Situation im Wien des 18.Jahrhunderts. Außerdem versucht die Arbeit soziale Unterschiede in der Behandlung von „Armen, Alten und Kranken“ aufzuzeigen. Der letzte abgedruckte Text fällt schließlich etwas aus dem Rahmen. Der Verein fernetzt. Junges Forschungsnetzwerk Frauen- und Geschlechtergeschichte ist eine Initiative von DissertantInnen der Geschichte, die Raum für wissenschaftlichen Austausch bieten soll. Im Februar 2012 fand eine internationale Dissertantinnentagung unter dem Titel „un/diszipliniert? Methoden, Theorien und Positionen der Frauen- und Geschlechtergeschichte“ statt. Wir drucken den Tagungsbericht, der zuerst auf H-Soz-u-Kult erschienen ist, ab, weil wir der Meinung sind, dass dieses Anliegen, also die Förderung von internationaler und interdisziplinärer Vernetzung, auch unsere sind. Nicht zuletzt muss allen gedankt werden, die am Zustandekommen dieses Projektes beteiligt waren. Besonderer Dank gilt Martin Gasteiner, der von Anfang an an der Konzeption und der Umsetzung der InnenAnsichten beteiligt war und die Publikation durch finanzielle Unterstützung erst wirklich ermöglicht hat. Außerdem möchten wir Alexia Bumbaris, Clemens Pfeffer, Ljiljana Radonic, Anton Tantner und Florian Wenninger für die wissenschaftliche Beratung und das ausführliche Feedback und Franz X. Eder, Andrea Griesebner und Stefan Zahlmann für die Vermittlung von AutorInnen danken. Die Fortsetzung dieses Projekts hängt maßgeblich davon ab, wie es aufgenommen wird und in welchem Ausmaß sich Studierende und Lehrende daran beteiligen. Demzufolge endet dieses Vorwort mit der Bitte an alle LeserInnen Arbeiten einzureichen beziehungsweise andere dazu zu ermuntern.

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„Auf der Flucht erschossen“?

„Auf der Flucht erschossen“? Tötungen im KZ-Komplex Mauthausen Jutta Fuchshuber

Einleitung Der Ausgangspunkt dieses Beitrags ist die Anklage des Dachauer Militärgerichts gegen Alexander Peroutka, der als Wachposten im KZ-Komplex Mauthausen tätig und an Tötungen sowie Misshandlungen beteiligt war. In seiner eidesstattlichen Erklärung gestand er, einen Häftling „auf der Flucht erschossen“ und einen weiteren gemeinsam mit dem Kommandoführer Hans Heinrich Böhn durch die Postenkette geführt zu haben. Um seine Aussage und die Fallbeispiele kontextualisieren zu können, geben die ersten beiden Abschnitte einen kurzen Einblick in das Lagersystem von Gusen sowie die KZ-Bewachung. Im Vordergrund stehen dabei der Aufbau des Nebenlagers sowie die Bedeutung der Rüstungsindustrie. Weiters wird der Frage nachgegangen, welche Personengruppen zur Bewachung des Konzentrationslagers herangezogen wurden und wie sich die KZ-Bewachung im Laufe der Zeit veränderte. Daran anschließend wird der Tatbestand „auf der Flucht erschossen“ sowie dessen rechtlicher und funktionaler Hintergrund näher beleuchtet und analysiert. In vier Fallbeispielen wird einerseits gezeigt, wie aus der Perspektive der Nationalsozialisten diese „Erschießungen auf der Flucht“ aktenkundig wurden, und andererseits, dass diese Tötungen keine Bestrafung der Wachposten zur Folge hatten. Vor dem US-amerikanischen Gericht in Dachau im Rahmen der Dachauer Mauthausenprozesse mussten sich erstmals einige KZ-Bewacher verantworten. Dieser Aspekt wird im letzten Teil der Arbeit anhand zwei verurteilter Kommandoführer von Gusen II analysiert. 9 InnenAnsichten, 1(2012),1


Jutta Fuchshuber

Die Tötungen durch „Erschießungen auf der Flucht“ wie auch die Dachauer Nebenprozesse wurden bis dato von der Forschung nur am Rande bearbeitet. Diese Arbeit erhebt daher nicht den Anspruch, die Thematik in ihrer gesamten Breite erfasst zu haben, sondern einen kleinen Beitrag zu ihrer Erforschung zu liefern.

Gusen Die Geschichte des KZ Gusen ist eng mit jener des KZ Mauthausen verbunden. Entscheidend für die Standortwahl waren die vorhandenen und gepachteten Granitsteinbrüche in Gusen (Gusen, Kastenhof), die Nähe zum Stammlager und die gute Anbindung an die Donau und die Bahn. In der Fachliteratur wird Gusen oft als Außenlager bezeichnet, doch es „stellt wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Stammlager und seiner Existenzdauer und Größe einen Sonderfall im System von Mauthausen dar. Gusen […] bildete vielmehr mit dem Lager Mauthausen eine Art Doppellager in einem von dem SS-Unternehmen Deutsche Erd- und Steinwerke (DESt) genutzten Gebiet großer Granitsteinbrüche zwischen den Ortschaften Mauthausen und St. Georgen an der Gusen.“1

Das Lager wurde bis Mai 1940 in der Nähe der Steinbrüche von Gusen von mehreren hundert Häftlingen erbaut und am 25. Mai 1940 eröffnet. Die Häftlinge des „BarackenbauKommandos“ bildeten die ersten Insassen des neu errichteten Lagers. Nachdem sie eine neue Häftlingsnummer erhalten hatten, wurden sie aus dem Bestand des KZ Mauthausen gestrichen. Die selbstständige Personennummernregistratur von Gusen untermauert die vorhandene Autonomie des Lagers. Am 1. Juli 1940 wurde SS-Untersturmführer Karl Chmielewski (zuvor im KZ Sachsenhausen) zum Lagerführer von Gusen, SS-Untersturmführer Anton Streitwieser zum Rapportführer und Kurt Kirchner zum Arbeitsdienstführer bestimmt. Chmielewski wurde Ende 1942 von Fritz Seidler abgelöst, da dieser Kommandant des neu errichteten KZ Herzogenbusch (beim holländischen Ort ’s-Hertogenbosch) wurde. Bei der Eröffnung waren 212 Personen im Lager inhaftiert, bis zum Sommer 1940 kamen etwa 8.000 polnische Häftlinge nach Gusen, die zur Steinbrucharbeit herangezogen wurden. Anfang 1944 gab es in Gusen 32 Baracken. Im Frühjahr kamen die ersten spanischen und im Herbst 1941 die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen nach Gusen. Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden, wie in Mauthausen und anderen Konzentrationslagern auch, in einem gesonderten Bereich untergebracht. Durch die hohe Sterblichkeit in Gusen trat ein Arbeitskräftemangel auf. Als Gegenmaßnahme ließ die SS weitere sowjetische Kriegsgefangene und polnische Häftlinge von Auschwitz überstellen. Jugoslawen, sowjetische Zivilisten und einige Franzosen wurden erstmals 1942 interniert. Den Mangel an Facharbeitern glich die DESt mit der Ausbildung mehrerer hundert jugendlicher, insbesondere aus der Sowjetunion stammenden Häftling zu Steinmetzen aus. Obwohl der größte Teil zwischen 1941 und 1943 Zwangsarbeit in den Steinbrüchen leisteten, wurden die Häftlinge u.a. auch für den Ausbau der Infrastruktur des Steinabbaues herangezogen. 1943 veränderte sich der Arbeitseinsatz der Häftlinge. Es kam zu einer Intensivierung der Beziehung zwischen dem KZ Mauthausen und der Steyr-Daimler-Puch AG (SDPAG). Das Ergebnis war die teilweise 1 Bertrand Perz, Konzentrationslager Mauthausen, in: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 4, Flossenbürg, Mauthausen, Ravensbrück, München 2006, 371.

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„Auf der Flucht erschossen“?

Verlegung der Gewehrproduktion ins KZ Gusen, wofür die DESt zunächst acht Lagerhallen zur Verfügung stellte. Am Jahresende 1943 waren mehr als 20 Prozent der Häftlinge in der Rüstungsindustrie tätig, bis Ende 1944 waren für die Rüstungsindustrie bis zu 6.000 Häftlinge eingesetzt. Von alliierten Luftangriffen war u.a. der Flugzeughersteller Messerschmitt in Regensburg betroffen, weshalb 1943 die Verlegung der Fertigung nach Gusen beschlossen wurde. Die Produktion wurde in den unterirdischen Stollen von Gusen, die von Häftlingen nur für diesen Zweck errichtet worden waren, weiter betrieben. In der von der DESt zur Verfügung gestellten vier Hallen wurden Teile für Me-109 Jagdflugzeuge gefertigt. Der Wandel des Arbeitseinsatzes vom Steinabbau zur Rüstungsindustrie steigerte die Anforderungen an Arbeitskräften. Zusätzliche Häftlingstransporte nach Gusen folgten. Im Frühjahr 1943 waren 9.000 Inhaftierte in Gusen, bestehend aus polnischen, jugoslawischen und französischen Häftlingen sowie sowjetischen Zivilisten. Unter dem Tarnnamen „Kellerbau“ mussten die Häftlinge im nordwestlichen Teil des Lagers direkt im Sandsteinhügel Stollen auf einer Fläche von etwa 12.000 m² errichten. Im ersten Stollen wurden Teile von Maschinenpistolen produziert. Im März 1944 begann man, Stollen in St. Georgen für Messerschmitt zu errichten – Tarnname „Bergkristall“. Bis Kriegsende waren etwa 50.000 m² der unterirdischen Anlage fertiggestellt worden. Im Oktober 1944 konnte der Montagebetrieb für Messerschmitt aufgenommen werden. Diese Projekte in Gusen und St. Georgen erzeugten weiteren Bedarf an KZ-Zwangsarbeitern; die Anzahl der Häftlinge stieg neuerlich. Ende 1944 befanden sich etwa 24.000 Gefangene in Gusen. Für diese wurde Anfang 1944 ein Barackenkomplex in Richtung St. Georgen errichtet, der am 9. März 1944 unter dem Namen Gusen II als Unterkunft für die im Stollenbau arbeitenden Häftlingen eröffnet wurde. Da Gusen II für die Flugzeugindustrie produzierte, wurden 260 Angehörige der Luftwaffe aus dem Luftgau Wien zur Bewachung herangezogen. Am 5. Mai 1945 wurde Gusen durch US-Truppen befreit. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich über 20.000 Häftlinge in dem Lager.2

KZ-Wachmannschaften Gemeinsam mit dem ersten Häftlingstransport am 8. August 1938 kamen etwa 80 Angehörige des Dachauer SS-Totenkopfverbandes in das KZ Mauthausen. Am 12. Februar 1940 legte der Inspekteur der Konzentrationslager eine Anzahl an SS-Angehörigen für MauthausenGusen (157 für den Kommandanturstab, 33 für die Verwaltung und 1.060 als Wachmannschaften) fest. Im Oktober 1941 waren 1.018 SS-Männer in Mauthausen-Gusen tätig, zwei Jahre später im Oktober 1943, waren es bereits 1.639. Durch den Ausbau der Außenlager und der damit verbundenen Steigerung der Häftlingszahlen wurde auch die Anzahl der SSAngehörigen erhöht. Bis Oktober 1944 stieg die Zahl auf 4.960 und im Winter 1944/45 auf fast 6.000 SS-Männer. Die letzte Zahl beinhaltet auch jene Personen, die von der Wehrmacht zu den Wachmannschaften abgestellt und im Sommer 1944 zur SS überstellt worden waren. Anfang 1945 stieg die Anzahl der SS-Angehörigen in Mauthausen-Gusen aufgrund der eintreffenden Evakuierungsmärsche neuerlich. Im Stammlager befanden sich am 27. März 1945 2.962 SS-Führer, SS-Unterführer und SS-Männer, in Gusen 19 SS-Führer und 3.010 SS- bzw. 2 Vgl. ebd. 371–382.

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Jutta Fuchshuber

Luftwaffenangehörige. Einige dieser SS-Angehörigen wurden Ende April 1945 zum Fronteinsatz abkommandiert.3 Im Februar 1940 umfasste die Wachtruppe in Gusen vier SS-Kompanien mit 600 SS-Führern, SS-Unterführern und SS-Männern; jede Kompanie bestand aus 128 SS-Männern, 20 Unterführern, davon 15 SS-Scharführern, vier Oberscharführern und einem Hauptscharführer, und aus zwei Führern mit je einem Obersturmführer und einem Hauptscharführer. Im März 1945 gab es in Gusen I, II und III insgesamt 13 SS-Kompanien mit 3.029 Mann. Die Wachmannschaften setzten sich bis Ende 1941 hauptsächlich aus deutschen und österreichischen Angehörigen der SS-Totenkopfverbände zusammen.4 Mit der Expansion des KZ-Systems wurde eine weitere Erhöhung der Wachmannschaften notwendig. Es wurde versucht, das Personalproblem auf zwei unterschiedlichen Ebenen in den Griff zu bekommen. Einerseits wurden sogenannte Häftlingsfunktionäre5 zur internen „Bewachung“ herangezogen, andererseits wurden „Volksdeutsche“ in Südosteuropa rekrutiert. In den Jahren 1942 und 1943 bestand ein großer Teil des Wachpersonals aus angeworbenen Volksdeutschen, ab 1944 zunehmend auch aus Wehrmachtsangehörigen. Eine spezielle Koordinierungsstelle, der „Jägerstab“6, befasste sich u.a. mit dem Personalproblem der KZ-Bewachung. Die SS forderte Wehrmachtssoldaten an, da die Lager bzw. Stollenbauten letztlich für die Rüstungsindustrie der einzelnen Wehrmachtssteile errichtet wurden. Als erster Wehrmachtsteil erklärte sich die Luftwaffe bereit, die Bewachungsfunktion zu übernehmen. 1944 wurden diese ersten Wehrmachtssoldaten als Wachmannschaften in die Konzentrationslager überstellt sowie teilweise in die SS eingegliedert. Vor allem ältere Jahrgänge von Wehrmachtssoldaten wurden zur Bewachung abbestellt. Später wurden auch Soldaten der Marine zur Bewachung herangezogen.7 Die Aufgaben und Pflichten der Wachmannschaften waren klar definiert. Am 27. Juli 1943 sandte der Amtsgruppenchef D des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamtes an die Lagerkommandanten der Konzentrationslager einen Entwurf über „Aufgaben und Pflichten der Wachposten“8. Dieser Entwurf sollte mindestens einmal wöchentlich zur Belehrung des Wachpersonals verwendet werden und ist in fünf Bereiche geteilt. Aufgebaut ist der Leitfaden nach einem Frage-Antwort-Schema. In „I. Grundsätzliches über den Wachdienst im Konzentrationslager“ wird neben der Definition eines Konzentrationslagers und der Häftlinge auch die Bedeutung der Konzentrationslager für die Gesellschaft beleuchtet. Die zwei folgenden Punkte befassen sich mit den Pflichten der Wachposten im Allgemeinen und im Speziellen. Es wird erläutert, warum es gefährlich ist, im Dienst zu rauchen, zu essen, sich zu unterhalten oder gar 3 Vgl. Florian Freund/Bertrand Perz, Konzentrationslager Oberösterreich 1938-1945, Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus Bd. 8, Linz 2007, 30–32. 4 Vgl. Stanislaw Dobosiewicz, Vernichtungslager Gusen, Mauthausen Studien. Schriftreihe der KZ-Gedenkstätte Mauthausen Bd. 5, Bundesministerium für Inneres, Wien 2007, 99. 5 Näheres ebd., 101–116. 6 Der Jägerstab war ein im Rüstungs- und Reichsluftfahrtsministerium eingerichteter interministerieller Krisenstab, der Vollmachten zur Produktionssteigerung der Flugzeugindustrie hatte. Dieser war maßgeblich für die Verlagerung der Rüstungsindustrie unter Tage verantwortlich. Vgl. Adam Tooze, The Wages of Destruction. The Making and Breaking of the Nazi Economy, London 2007, 627–634. 7 Vgl. Bertrand Perz, Wehrmachtsangehörige als KZ-Bewacher, in: Walter Manoschek (Hg.), Die Wehrmacht im Rassenkrieg. Der Vernichtungskrieg hinter der Front, Wien 1996, 168–181. 8 AMM, M/01/09, Totenbuch „unnatürliche Todesfälle“ 01.10.1942-06.04.1945, Entwurf über „Aufgaben und Pflichten der Wachposten“ vom 27.07.1943.

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„Auf der Flucht erschossen“?

zu schlafen. Auch wird untersagt, die Waffe aus der Hand zu legen oder Geschenke anzunehmen. Festgelegt waren die Hauptaufgaben der Wachposten; der Umgang mit der Waffe und das genaue Tragen der Waffen wurden dort erklärt. Im vierten Punkt wird auf den Waffengebrauch eingegangen. Hier wird auch erklärt, wer als fluchtverdächtig gilt und wie die Waffe bei fliehenden Personen einzusetzen ist (siehe Abschnitt „Auf der Flucht erschossen“). Im letzten Punkt wird auf das „Verhältnis der Posten zu den Häftlingen“ eingegangen. Betont wird, dass der Wachposten der Vorgesetzte des Häftlings ist und jede Art von außerdienstlicher Konversation untersagt ist. Weiters wird auch die höfliche Anrede des Wachpersonals angeführt, welche der Häftlinge beachten muss.9

„Auf der Flucht erschossen“ „Stereotyp gewordene Angabe der Todesursache auf Totenscheinen der Konzentrationslager und in den Formularen zur Benachrichtigung der Angehörigen von Häftlingen. Die Formel auf der Flucht erschossen bildete sich 1933 heraus. Sie tauchte im ersten Jahr der NS-Herrschaft, als zur Einschüchterung politischer Gegner noch über Inhaftierungen und Konzentrationslager in der Presse berichtet wurde, bereits so häufig in den Meldungen auf, daß schon damals ihr Wahrheitsgehalt in Zweifel gezogen wurde.“10

Cornelia Schmitz-Berning weist daraufhin, dass der Begriff bereits 1933 im Kontext mit den ersten Konzentrations- und Internierungslagern im Sprachgebrauch war und ab diesem Zeitpunkt eine Vertuschung von Morden bezweckt wurde. Im Unterschied zu Häftlingen, die „erschlagen“ wurden oder durch die schwere Arbeit in den Steinbrüchen zu Tode kamen, wurden „auf der Flucht erschossene“ Häftlinge von den NS-Behörden dokumentiert. Diese Fälle wurden im Totenbuch für „unnatürliche Todesfälle“11, geführt vom 1. Oktober 1942 bis zum 6. April 1945, festgehalten. Nach seiner Aussage vor dem Gericht in Dachau hatte Hans Martin am 20. April 1945 von der SS den Befehl erhalten, sämtliche Papiere des SS-Standortarztes zu verbrennen. Unter diesen Dokumenten befanden sich auch die Totenbücher – sieben enthielten die Namen der toten Häftlinge von Mauthausen und den Außenlagern, fünf der Totenbücher dokumentierten jene von Gusen, eines verzeichnete die Namen der verstorbenen Kriegsgefangenen. Unter dem gesamten Material des SS-Standortarztes befanden sich Einzelakten zu etwa 72.000 Toten und es hätte nach Martin acht Tage gedauert um das Material im Krematorium zu vernichten. Martin gelang es, in dem Durcheinander der letzten Kriegstage die Totenbücher zu verstecken, weshalb sie heute der Forschung zur Verfügung stehen.12 Versehen mit laufenden Nummer wurde in den Totenbüchern der Vor- und Nachname sowie die Häftlingsart eingetragen, gefolgt von Todestag, Art des Todes, Name des Wachpostens und Angaben zum bürokratischen Ablauf (gesandt an das SS- und Polizeigericht, Einstellungsverfügung). Dieses Totenbuch wurde vom SS-Standortarzt im KZ Mauthausen geführt, der 9 Vgl. AMM, M/01/09, Totenbuch „unnatürliche Todesfälle“ 01.10.1942-06.04.1945, Entwurf über „Aufgaben und Pflichten der Wachposten“ vom 27.07.1943. 10 Cornelia Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin/New York 22007, 233. 11 AMM, M/01/09, Totenbuch „unnatürliche Todesfälle“ 01.10.1942-06.04.1945. 12 Vgl. Florian Freund, Der Dachauer Mauthausenprozess, in: Dokumentation des österreichischen Widerstandes, Jahrbuch 2001, Wien 2001, 35–66.

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Jutta Fuchshuber

auch für alle „unnatürlichen Todesfälle“ der Außenlager zuständig war und in dessen Kompetenzbereich ebenfalls die bürokratische Abwicklung lag. Der Wachposten, der den Häftling erschossen hatte, musste eine Aussage über den Tathergang machen („Formular Vernehmungsniederschrift“). Weiters wurde eine Skizze des Tatortes angefertigt und in einigen Fällen auch eine Leichenschau durch den Standortarzt vorgenommen. Der Gerichtsoffizier des KZ Mauthausen meldete die „Erschießungen auf der Flucht“ dem Inspekteur der Konzentrationslager und übermittelte ihm die gesamten Unterlagen des jeweiligen Falles. Weiters enthalten diese Meldungen eine abschließende Formel, dass der Wachposten „in Ausübung seines Dienstes pflichtgemäß gehandelt [hat].“13 Somit lag keine strafbare Handlung seitens des Wachpersonals vor. Ein Mitarbeiter der politischen Abteilung, SS-Mann Hermann Schinlauer, berichtete über das Procedere der „Untersuchungen“ bei seiner Einvernahme durch amerikanische Ermittlungsbeamte: „Jedesmal wenn ein Häftling bei einem Fluchtversuch erschossen wurde, macht der Offizier oder der Dienstführende telefonisch bei der politischen Abteilung davon Mitteilung und berichtete, daß der Wachposten […] einen Häftling beim Fluchtversuch erschossen hätte. Sodann war es meine Pflicht […] den Adjutanten davon in Kenntnis zu setzen, diesen in seiner Eigenschaft als Gerichtsoffizier. Gleichzeitig wurde das Spital und der Arzt im Hauptquartier verständigt, damit der Ort der Tötung sowie der Tod selbst besichtigt werden konnte. Nach erfolgter Inspektion wurde der Wachposten, der die Tötung durchgeführt hat, abgelöst und er mußte bei der politischen Abteilung Meldung erstatten. Dort wurde er durch mich oder einen anderen Beamten vernommen. Es wurde darüber ein Protokoll angefertigt. Der Wachposten unterschrieb das Protokoll und gab zu, einen Gefangenen erschossen zu haben. Zusammen mit dem Bericht des Arztes und des Kommandeurs des Konzentrationslagers wurde dieses Protokoll zum SS- und Polizeigericht nach Wien geschickt, wo eine Untersuchung gegen den Wachposten wegen Tötung eines Häftlings eingeleitet worden ist. Jedoch ist mir aus der ganzen Zeit, während der ich in Mauthausen gewesen bin, nicht ein einziger Fall bekannt, daß ein Wachposten wegen Tötung eines Gefangenen bestraft worden ist.“14

Die Aussage verdeutlicht einerseits den bürokratischen Aufwand zur Legitimierung und zeigt andererseits, dass vermutlich kein Wachposten wegen dieses Tötungsdelikts bestraft worden ist. Bei Selbsttötung oder „Erschießungen auf der Flucht“ wurde in den Jahren 1939 bis 1940 eine Gerichtskommission des Amtsgerichtes Mauthausen über den Vorfall informiert und diese stellte einen Gerichtsbeschluss aus. Die Prozedur der formellen Gerichtsbeschlüsse wurde durch eine Anweisung des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) ab dem 11. Juni 1940 nicht mehr ausgeführt. Nun unterrichtete einer der SS-Gerichtsoffiziere das SS- und Polizeigericht in Wien über die „unnatürlichen Todesfälle“. Die politische Abteilung informierte die Angehörigen der deutschen, österreichischen, tschechischen, französischen, belgischen, holländischen, skandinavischen, slowenischen und polnischen Häftlinge von Tod, die sogenannten NN-Häftlinge15 waren von dieser Regelung ausgenommen. Das zuständige Arbeitsamt wurde 13 AMM, E/1c/1-E/1c/4d, Häftlinge E1 Nationalitäten Arten, E1/c Sowjetrussen, Kriegsgefangene, Akten über die Erschießungen von sowjetischen Kriegsgefangenen. 14 Aussage des SS-Mannes Hermann Schinlauer vor amerikanische Ermittlungsbeamten, Website des Mauthausen Memorials, Redaktion Florian Freund/Harald Greifeneder, http://www.mauthausen-memorial.at/db/admin/ de/show_article.php?carticle=344&topopup=1, 2008 Juni 22. 15 Bezeichnet Häftlinge, die unter den „Nacht- und Nebel-Erlass“ vom 07.12.1941 fallen. Personen aus den besetzten Gebieten, die des Widerstandes gegen das Deutsche Reich verdächtigt wurden, konnten aufgrund dieses Erlasses nach Deutschland verschleppt werden und wurden ohne ein Gerichtsverfahren in ein KZ interniert.

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nur über die Todesfälle sowjetischer Zivilarbeiter informiert und bei sowjetischen Kriegsgefangenen, ausgenommen „K-Häftlinge“16, war die Wehrmachtsauskunftsstelle zuständig. Auch dieser Vorgang wurden im Laufe der Zeit einige Male adaptiert.17 Wie sollte sich das Wachpersonal den fliehenden Häftlingen gegenüber verhalten? In dem bereits erwähnten Entwurf über „Aufgaben und Pflichten der Wachposten“ vom 27. Juli 1943 wurde dies unter dem Punkt IV. „Waffengebrauch“ definiert. Generell wurde zwischen „dem Gebrauch der Waffen nach Anruf und dem Gebrauch der Waffen ohne Anruf“18 unterschieden. Sollte ein Häftling fliehen, musste der Wachposten drei Mal „Halt“ rufen und seine Waffe schussfertig machen. Brach der Fliehende seinen Fluchtversuch nicht ab, war dieser sofort zu erschießen. Klar definiert wurde, wer als fluchtverdächtig galt: „1.) Wer ohne Begleitperson das Schutzhaftlager oder die Arbeitsstelle verlässt. 2.) Wer die neutrale Zone betritt. 3.) Wer sich am Draht und Mauer des Schutzhaftlagers zu schaffen macht. 3.) Wer die Postenkette überschreitet.“19 Nach Ansicht des Reichsjustizministers Franz Gürtner20 gab es in den Konzentrationslagern zu viele „Erschießungen auf der Flucht“. Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei und Reichsinnenminister Himmler reagierte auf die Einsprüche, indem er Theodor Eicke21 befahl, die Totenkopfverbände anzuweisen, nur im äußersten Notfall zu schießen. Bei einem Besuch im KZ Buchenwald stellte Himmler angeblich fest, dass diese Anweisung ein Fehler war, da zwei Häftlinge einen SS-Mann mit einer Schaufel erschlagen hätten. „Ich habe mir erneut die Insassen des Lagers angesehen und bin tief betrübt bei dem Gedanken, dass durch zu grosse Milde, die ich immer in einem […] der Dienstvorschriften des Schiessens bei Fluchtversuchen liegt, nun einer meiner anständigen Männer das Leben lassen musste.“22 Die Folge war, dass Himmler seinen Befehl aufhob und die alte Regelung – dreimaliges Rufen und dann Waffengebrauch ohne Warnschuss – wieder in Kraft trat.23 Vgl. Elke Fröhlich, Nacht- und Nebel-Erlaß, in: Wolfgang Benz/Hermann Graml/Hermann Weiß (Hg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 52007, 653. 16 Bezeichnet Kriegsgefangene, die aufgrund des „Kugelerlasses“ von Anfang 1944 ermordet wurden. Ausgenommen waren britische und amerikanische Kriegsgefangene. Vgl. Willi Dreßen, Kugelerlaß, in: Wolfgang Benz/ Hermann Graml/Hermann Weiß (Hg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 52007, hier 614–615. 17 Vgl. Hans Maršálek, Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Dokumentation, österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen, Wien 1974, 133. 18 AMM, M/01/09, Totenbuch „unnatürliche Todesfälle“ 01.10.1942-06.04.1945, Entwurf über „Aufgaben und Pflichten der Wachposten“ vom 27.07.1943. 19 Ebd. 20 Gürtner war ab 1932 Reichsjustizminister und in dieser Funktion unterzeichnete er die NS-Gesetze, welche diskriminierende Handlungen des NS-Systems legitimierten. Vgl. Lothar Gruchmann, Gürtner Franz, in: Hermann Weiß (Hg.), Biographisches Lexikon zum Dritten Reich, Die Zeit des Nationalsozialismus Bd. 13086, Frankfurt am Main 2002, hier 170–171. 21 Eicke war in seiner Funktion als Inspekteur der Konzentrationslager maßgeblich am Aufbau der Konzentrationslager beteiligt und ihm unterstanden die SS-Totenkopfverbände, die eine relevante Rolle im Bewachungssystem der Konzentrationslager einnahmen. Näheres bei: Johannes Tuchel, Konzentrationslager. Organisationsgeschichte und Funktion der „Inspektion der Konzentrationslager“ 1934–1938, Schriften des Bundesarchivs Bd. 39, Boppard am Rhein 1991, und Johannes Tuchel, Die Inspektion der Konzentrationslager 1938–1945. Das System des Terrors, Eine Dokumentation, Schriftreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Bd. 1, Berlin 1994. 22 AMM, M/01/09, Totenbuch „unnatürliche Todesfälle“ 01.10.1942-06.04.1945, Brief von Heinrich Himmler an Dr. Franz Gürtner. Das Datum konnte leider aufgrund der schlechten Qualität des Briefes nicht entziffert werden, aber er muss vor Februar 1941 entstanden sein, da Gürtner im Januar 1941 starb. 23 Ebd.

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Ob diese angebliche Tötung eines SS-Mannes tatsächlich stattgefunden hat, lässt sich nicht klären. Vermutlich hat Himmler dies nur als Vorwand verwendet, um ein gutes Argument für die Verwendung der alten Dienstvorschrift zu haben. Der Brief belegt jedoch, dass sich auch die Spitzen des NS-Staates mit der häufigen Praktizierung dieser Tötungsart befasst haben. Der Leitfaden instruierte die Wachposten auch über ihre Aufgaben als Bewachungsorgane. Zunächst war relevant, welche Personen inhaftiert wurden und dass sie einen „sehr wichtigen, verantwortungsvollen Posten“24 innehatten, denn „F: Unsere Kameraden an der Front schützen die Heimat vor dem äußeren Feind. Vor welchem Feind schützen wir [hervorgehoben im Original] das Vaterland? A: Vor dem inneren Feind.“

Tötungen im KZ-Komplex Mauthausen – „Auf der Flucht erschossen“? Weiters wird angeführt, „dass es ein stolzes Recht ist, Waffen zu tragen zu dürfen. […] Es verpflichtet uns dazu, vorsichtig und umsichtig mit den Schusswaffen umzugehen, sie aber im gegebenen Falle auch kaltblütig und wirksam einzusetzen.“25 Die Wachposten sollen das Deutsche Reich vor den inneren Feinden schützen und in bestimmten Fällen ihre Waffen auch einsetzen. Himmler betonte in seinem Befehl vom 6. April 1936, dass „wir [die SS-Totenkopfverbände, Anm. d. A.in] keine Waffen [tragen], um dem Heere ähnlich zu sein, sondern um sie zu gebrauchen, wenn Führer und Bewegung in Gefahr sind.“26 In seiner Rede vom 22. Mai 1936 wies er darauf hin, dass „[d]ie SS […] die schwere Aufgabe des Schutzes des Reiches im Inneren [hat].“27 Für jeden auf der Flucht erschossenen Häftling wurden die jeweiligen Wachposten in Form einer Sonderprämie belohnt. So erhielten sie zum Beispiel einen dreitägigen Urlaub, 100 Zigaretten oder einen kostenlosen Besuch im Bordell.28 Was konkret bedeutet nun der Tatbestand „auf der Flucht erschossen“? Treffend hat es Bertrand Perz formuliert: „Vielfach wurde der Tod durch aktive Handlungen des SS-Personals und auch von Kapos herbeigeführt, seien es körperliche Misshandlungen mit Todesfolge, ‚Erschießungen auf der Flucht‘ oder ‚Freitod‘, wie die direkte Ermordung in der Tarnsprache der SS ihren Niederschlag in den ‚Totenbücher‘ des SS-Standortarztes fand, wobei es hier weitgehend unerheblich ist, ob ein verzweifelter Häftling in einer aussichtslosen Situation tatsächlich einen Fluchtversuch unternahm oder in den Selbstmord getrieben wurde oder ob es sich nur um die Verschleierung des Mordes an Häftlingen ging.“29

Im folgenden Abschnitt werden vier Fälle von „Erschießungen auf der Flucht“ skizziert. Alle vier Fälle gewähren einen Einblick in das vorhandenen Quellenmaterial im Archiv der KZ24 AMM, M/01/09, Totenbuch „unnatürliche Todesfälle“ 01.10.1942-06.04.1945, Entwurf über „Aufgaben und Pflichten der Wachposten“ vom 27.07.1943. 25 Ebd. 26 ZStA Potsdam, Film 4142 und 3607, zitiert nach: Klaus Drobisch/Günther Wieland, System der NS-Konzentrationslager 1933–1939, Berlin 1993, 256. 27 Ebd. 28 Vgl. Dobosiewicz, Vernichtungslager, 100. 29 Bertrand Perz, Prozesse zum KZ Mauthausen, in: Ludwig Eiber/Robert Sigel (Hg.), Dachauer Prozesse. NSVerbrechen vor amerikanischen Militärgerichten in Dachau 1945–1948, Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte Bd. 7, Göttingen 2007, hier 174–175.

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Gedenkstätte Mauthausen – eine detaillierten Analyse liegt bis dato nicht vor. In allen vier Fällen wurden die Wachposten nicht bestraft, da sie im Dienst pflichtgemäß gehandelt hätten. Außerdem geht aus den Beispielen hervor, dass nicht nur die aus den Reihen der SS stammenden Wachposten, sondern auch Angehörige der Luftwaffe und der „Volksdeutschen“ an den Tötungen beteiligt waren. Implizit wird auch die geografische Ausdehnung des KZ-Komplexes Mauthausen sichtbar.

Josef Huemer – Anatoli Jurzow Am 15. Dezember 1941 informierte das Kriegsgefangenen-Arbeitslager Mauthausen den Inspekteur der Konzentrationslager über die Erschießung des sowjetischen Kriegsgefangenen Anatoli Jurzow. In der Beilage wurde ihm eine Vernehmungsniederschrift und die Sterbefallanzeige übersandt. SS-Rottenführer Josef Huemer, geboren 1910 in Oberösterreich, Reservist, gehörte seit 1937 der SS und seit 1939 der Polizei an. Am 15. Dezember 1941 war er in der großen Postenkette eingeteilt, die sich am Nordrand des Lagers befand, und bewachte sowjetische Kriegsgefangene, die Steine aus dem „Wiener Graben“ in das Lager trugen. Um 9:05 Uhr hätte einer dieser Kriegsgefangenen den Stein weggeworfen und sei auf die Drahtumzäunung zugelaufen. Huemer habe ihm hinterher gerufen und als dieser nicht stehen blieb, hab er von seiner Schusswaffe Gebrauch gemacht. „Von eingen [sic] gut gezielten Schüssen getroffen fiel er zu Boden und blieb bewegungslos unmittelbar vor der Drahtumzäunung liegen.“30 In der Sterbefallanzeige vom 16. Dezember 1941 wurde als Todesursache „auf der Flucht erschossen“ eingetragen und vermerkt, dass keine Angehörigen verständigt wurden. Nach der Beurteilung des SS-Hauptsturmführers und Gerichtsoffiziers K.L.M. hat Huemer „in Ausübung seines Dienstes pflichtgemäß gehandelt.“ 31

Karl Pless – Gierman Pankratow Der sowjetische Kriegsgefangene Gierman Pankratow war im Kommando „Steinbruch-Kastenhofen“ in Gusen I als Zwangsarbeiter tätig. Am 16. November 1942 sei er gegen 7:25 Uhr durch die Postenkette gelaufen. SS-Unterscharführer Karl Pless, der seinen Fluchtversuch sah, habe nach eigener Darstellung mehrmals „Halt“ gerufen und dann von seiner Schusswaffe Gebrauch gemacht. Pless, geboren 1907 in Hamburg, war als Reservist der 1. Kompanie Gusen zugeteilt und seit November 1939 Angehöriger der Waffen-SS. Gemeinsam mit dem 1. Schutzhaftlagerführer, Gerichts-SS-Führer und dem Kriminalsekretär besichtigte der SS-Standortarzt von Gusen den Leichnam am „Tatort“. Die Leiche lag außerhalb der Postenkette im Steinbruch Kastenhofen und es befanden sich zahlreiche Blutspuren in der Umgebung des Tatortes. Der Standortarzt untersuchte die Leiche und dokumentierte in seinem Befund der amtsärztlichen Leichenöffnung, dass Pankratow an einer zentralen Hirnlähmung infolge des Hirndurchschusses verstorben war. Auch hier kam der Gerichtsoffizier des KZ Mauthausen zum Schluss, dass Pless pflichtgemäß handelte und keine strafbare Handlung vorlag.32 Neben der üblichen Vernehmungsniederschrift enthält dieser Akt einen Bericht der amtsärztlichen 30 AMM, E/1c/1-E/1c/4d, Häftlinge E1 Nationalitäten Arten, E1/c Sowjetrussen, Kriegsgefangene, Dokumente E/1c/3 Erschießung Anatoli Jurzow. 31 Ebd. 32 Siehe AMM, E/1c/4e-E/1c/5a, Häftlinge E1 Nationalitäten Arten, E1/c Sowjetrussen, Kriegsgefangene, Dokumente E/1c/4e Erschießung Gierman Pankratow.

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Leichenschau inklusive einer amtsärztlichen Leicheneröffnung sowie eine kleine Fotografie der Leiche am Tatort. Nur sehr wenige Akten enthalten Fotografien des Tatortes und der Leiche. In den meisten Fällen wurden Planskizzen über die Flucht gezeichnet, die vermutlich von Häftlingen angefertigt wurden.

Friedrich Hassel – Jefim Subjenko Ein weiterer angeblicher Fluchtversuch eines sowjetischen Kriegsgefangenen wurde vom Unterfeldwebel der Luftwaffe, Friedrich Hassel, am 22. Juni 1944 verhindert. Hassel, geboren 1890, war der 1. Sonderinspektion IV, 4. Zug, St. Georgen, zugeteilt und war seit 25. April 1944 Angehöriger der Luftwaffe. Jefim Subjenko sei, so die Vernehmungsniederschrift, von dem Arbeitskommando „Sandwerke DESt“ geflüchtet und wurde von einem Oberfeldwebel um 20:00 Uhr in einem Waldstück in der Nähe von Lungitz (Gusen III) gestellt. Subjenko, der auf der Straße von Lungitz nach St. Georgen abermals zu fliehen suchte, sei von Hassel, nach den „Halt-Rufen“, tödlich getroffen worden. Auch Hassel hat „in Ausübung seines Dienstes pflichtgemäß gehandelt und […] eine strafbare Handlung [liegt] nicht vor.“ 33 Die der Vernehmungsniederschrift beiliegende Planskizze des Fluchtversuches zeigt den Tatort und die nähere Umgebung. Neben Meldungen von „auf der Flucht erschossenen sowjetischen Kriegsgefangenen“ wurden in Gusen auch „Erschießungen“ von sowjetisch-politischen Häftlingen dokumentiert. Manche dieser Tötungen fanden auch in anderen Außenlagern des KZ Mauthausen statt, wie es das nachstehende Beispiel zeigt.

Josef Aniol – Andrej Filipow Laut der Vernehmungsniederschrift vom 24. Mai 1944 hat der SS-Sturmmnann Josef Aniol, geboren in Kroatien 1923, den sowjetisch-politischen Häftling Andrej Filipow „auf der Flucht erschossen.“ Aniol war als Posten dem Kommando „Zufahrtsstraße“ Lager Nord zugeteilt. Um 9:00 Uhr sei ein Häftling zwischen ihm und einem anderen Posten auf die Postenkette zu gerannt. Er „rief ihn dreimal ‚Halt‘! an, ohne dass er stehen blieb“34 und habe vier Mal auf den Häftling geschossen bis dieser am Waldrand, etwa 20 Meter außerhalb der Postenkette, liegen blieb. Der Lagerführer des Außenlagers Loibl-Pass übermittelte noch am selben Tag einen kurzen Bericht über diesen Vorfall an den Kommandanten des KZ Mauthausen. Aus diesem Schriftstück geht hervor, dass der erste Schuss den Häftling verfehlte, zwei weitere ihn in der linken Nierengegend trafen und erst der vierte Schuss in den Hinterkopf schließlich tödlich war. Dem Akt beigelegt sind zwei Tatortskizzen, die neben dem Fluchtweg und dem Tatort auch die Aufstellung der Posten genau dokumentieren.35 Unklar ist, ob es sich bei Andrej Filipow um einen sowjetischen Kriegsgefangenen oder einen sowjetisch-politischen Häftling handelte.

„Erschießungen auf der Flucht“ im Dachauer Mauthausen-Prozess 33 AMM, E/1c/5a-E/1c/6d, Häftlinge E1 Nationalitäten Arten, E1/c Sowjetrussen, Kriegsgefangene, Dokumente E/1c/6d Erschießung Jefim Subenko. 34 AMM, E/1c/5a-E/1c/6d, Häftlinge E1 Nationalitäten Arten, E1/c Sowjetrussen, Kriegsgefangene, Dokumente E/1c/6d Erschießung Andrej Filipow. 35 Ebd.

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Ein Teil des ehemaligen Wachpersonals wurde im Rahmen der Dachauer Prozesse, konkret im Mauthausen Concentration Camp Case, angeklagt. Nach der Befreiung des KZ Mauthausen begannen die US-Truppen mit der Ermittlungsarbeit, an der sich auch ehemalige Häftlinge beteiligten. Der US-Amerikaner Jack H. Taylor dokumentierte die begangenen Verbrechen im KZ Mauthausen; der „Taylor-Report“ war ein zentrales Beweisdokument in den Dachauer Mauthausen-Prozessen. Heimlich geführte Tagebücher, die Totenbücher des SS-Standortarztes von Mauthausen, Negative und Fotografien, welche von der SS angefertigt worden waren, und Zeugenaussagen dienten dem amerikanischen General Military Government Court in Dachau als Beweismaterial in den Verfahren. 36 Insgesamt wurden im „Mauthausen Main Case“ und in den 61 Nachfolgeprozessen 299 Personen, die im Zusammenhang mit den Verbrechen im KZ-Komplex Mauthausen standen, wegen „common design“ angeklagt. Nach der Urteilsverkündung hatten die Angeklagten die Möglichkeit einen Antrag auf Überprüfung („Petition of Review“) zu stellen. Diese Überprüfung wurde durch das „Review Board“ oder einem beauftragten Offizier durchgeführt. 37 Das Gericht benötigte eine Zweidrittelmehrheit zur Verhängung der Todesstrafe. Die Angeklagten hatten das Recht auf Verteidigung. Ein wichtiges Beweisstück der Anklage waren die eidesstattlichen Erklärungen der Angeklagten, welche meistens vom amerikanischen Vernehmungsoffizier Paul C. Guth aufgenommen worden waren. Vermutlich wurden diese Erklärungen anhand eines Fragenkataloges erstellt. Die Angeklagten schilderten zuerst ihren beruflichen Werdegang beim Militär oder der SS, gefolgt von ihrer Position und Tätigkeit im KZ-System. Da die amerikanische Anklagebehörde anfänglich nur Verbrechen gegen Nicht-Deutsche ahndete, wurde in den eidesstattlichen Erklärungen meist die Nationalität der Ermordeten erhoben. Die Schriftstücke endeten immer mit einer Formel, dass die Angeklagten diese Aussage freiwillig gemacht hätten und der Inhalt der Wahrheit entspräche. Die Wachposten wurde von den Zeugen beschuldigt, die Häftlinge „auf der Flucht erschossen“ oder so misshandelt zu haben, dass diese an den Folgen starben. Die ehemaligen Wachposten gaben diese „Erschießungen“ nur dann zu, wenn die Anklage dies durch SS-Dokumente beweisen konnte. Ein häufiges Argument der Angeklagten war, dass sie entweder nicht am Ort des Geschehens oder aber niemals in einem Arbeitskommando gewesen waren. „Hauptargument der Verteidigung war jedoch, dass es sich bei den hier verhandelten Verbrechen nicht um ein ‚common design‘ handelte. Die Exekutionen hätten in der Regel auf Befehl Berlins stattgefunden, genauso wie der Befehl, auf flüchtende Häftlinge zu schießen, in Berlin erlassen worden wäre.“38

Eine wissenschaftliche Analyse der 61 Nachfolgeprozesse insgesamt liegt derzeit nicht vor. Florian Freund und Bertrand Perz haben sich in ihren Forschungen vor allem mit dem Main Case befasst und die Nachfolgeprozesse nur in Ansätzen analysiert. Die Prozessakten, welche unzählige Schriftstücke umfassen, befinden sich in den National Archives in 36 Vgl. Perz, Prozesse, 174–192. 37 Vgl. ebd. 38 Florian Freund, Der Dachauer Mauthausenprozess, in: Dokumentation des österreichischen Widerstandes, Jahrbuch 2001, Wien 2001, 35–66.

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College Park (Maryland, USA) und harren einer näheren Erforschung.

Alexander Peroutka & Hans Böhn – zwei Kommandoführer vor dem Dachauer US-Militärgericht Am 4. Juni 1946 gab Alexander Peroutka in Dachau dem US-amerikanischen Vernehmungsoffizier eine eidesstattliche Erklärung ab. Peroutka wurde am 24. November 1905 in Tischau geboren und gehörte sowohl der Luftwaffe als auch der Waffen-SS an.39 Gemäß dieser Erklärung war er seit 2. September 1940 Angehöriger der deutschen Luftwaffe. Im August 1944 wurde er in das KZ Gusen zur Bewachung überstellt, wo er bis Ende Dezember 1944 im Wach- und Kommandodienst tätig war. Anschließend war er als Kommandoführer eines Arbeitskommandos in Gusen II in der Rüstungsindustrie, im Messerschmitt-Stollen, eingesetzt. Nach seinen Angaben bestand seine Aufgabe in der Maximierung der Arbeitsleistung der Häftlinge. Er schilderte Misshandlungen durch Kapos und Vorarbeiter sowie selbst durchgeführte. An diesem Punkt seiner Aussage berief er sich auf die allgemeine Weisung seiner Vorgesetzten: „Dabei habe ich allgemeinen Weisungen meiner Vorgesetzten entsprechend häufig Häftlinge mit der flachen Hand und mit einem Elektrokabel so geschlagen, dass sie zu Boden gestürzt sind.“40 Weiters gab er an, Ende Februar 1945 eine Schießerei im Stollen gehört und gesehen zu haben, dass ein Häftling eines anderen Arbeitskommandos durch die Postenkette auf das freie Feld lief. Er sei dem Häftling nachgelaufen und habe ihn aus einer Entfernung von 30 Metern erschossen.41 Im Totenbuch des SS-Standortarztes konnte ich Folgendes recherchieren: SS-Unterscharführer des Kommandantenstabes Alexander Peroutka hat am 28. Februar 1945 den russischen Zivilarbeiter (RZA) Wasily Tschuomtreno42 in Gusen II „auf der Flucht erschossen“ und am 20. März 1945 wurde der Tatbericht an das SS- und Polizeigericht gesandt.43 In seiner Erklärung 1946 gab er einen weiteren Tatbestand zu: „Ich erinnere mich auch, einmal zusammen mit Oscha [Oberscharführer, Anm. d.A.in] BÖHN einen Häftling unbekannter Nationalität durch die Postenkette geführt zu haben. Der Häftling wurde dann von einem Turm aus erschossen. Warum ich das getan habe, kann ich heute nicht mehr sagen.“44

Ob dieser Häftling in das Totenbuch eingetragen wurde, konnte ich nicht eruieren, da weder das genaue Todesdatum noch der Täter näher erwähnt werden. Da Peroutka diese Tat nicht allein begangen hatte, soll an dieser Stelle kurz auch auf Kommandoführer Böhn eingegangen werden. Hans Heinrich Böhn wurde am 23. September 1907 in Hamburg geboren und gehörte der

39 Vgl. Accused identification sheet von Alexander Peroutka, 04.08.1947, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/Berg. htm, 2008 Juni 22. 40 Exhibits available in Record Group, Alexander Peroutka, 04.06.1946, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/Berg. htm, 2008 Juni 22. 41 Ebd. 42 Schreibweise des Namens von der Autorin. 43 Siehe AMM, M/041/09, Totenbuch „unnatürliche Todesfälle“ 01.10.1942-06.04.1945. 44 Exhibits available in Record Group 153, Alexander Peroutka, 04.06.1946, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/ Berg.htm, 2008 Juni 22.

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Waffen-SS an.45 Laut seinen eigenen Angaben bei einer Vernehmung wurde er am 10. November 1939 zur Waffen-SS eingezogen46 und krankheitshalber entlassen. Im Januar 1942 wurde er neuerlich zur Waffen-SS eingezogen und in das KZ Mauthausen versetzt. Bis ins Frühjahr 1944 war er als Wachposten, nach seiner Überstellung nach Gusen war er als Kommandoführer des Arbeitskommandos für den Stollenbau tätig, wo er gemeinsam mit Kapos rund 2.000 Häftlinge bewachte und zur Arbeit antrieb. Die Arbeitsbedingungen der Häftlinge seien sehr hart gewesen. „Aus Verzweiflung haben sich Häftlinge aufgehängt oder sind durch die Postenkette gelaufen und erschossen worden. Wenn die Häftlinge wegen schwerer Verfehlungen beanstandet werden mussten, haben die Capos und ich sie mit der Hand oder mitunter mit einem Gummischlauch geschlagen.“47

Über die von Peroutka erwähnte gemeinsame Erschießung eines Häftlings sagte er selbst nicht aus. Seine Erklärung ist sehr allgemein und selbstentlastend verfasst, er wies auf keine Tötungen hin. Seiner Aussage nach wurden Häftlinge nur erschossen, wenn sie es selbst provozierten, indem sie zum Beispiel durch die Postenkette liefen. Körperliche Gewalt habe er nur bei schweren Verfehlungen angewandt. Die beiden Kommandoführer Peroutka und Böhn wurden im Prozess Case no. 000-50-528 USA v. Adolf Berg et al., der am 28. August begann und am 11. September 1947 endete, angeklagt.48 Die Anklage vom 30. Juni 1947 lautete auf „Verletzung der Kriegsgesetze und -gebräuche“ und ihnen wurde das „acting in pursuance of common design“ im KZ Mauthausen und dessen Außenlagern vorgeworfen.49 Neben den eidesstattlichen Erklärungen von Juni und Juli 1947 wurden im Gerichtsverfahren diverse Zeugenaussagen, die im „Review and Recommendations“50 im Mai 1948 zusammengefasst worden sind, als Beweismaterial für ihre Taten im Nebenlager Gusen II herangezogen. Ein Zeuge sagte aus, dass ein Vorarbeiter im September 1944 einen russischen Häftling fälschlicherweise beschuldigte, ihn attackiert zu haben und der Häftlinge deshalb von Peroutka zur Postenkette geführt worden sei. Peroutka habe Arthur Obst 51 aufgefordert, den am Boden liegenden Häftling zu erschießen. Da dieser ihn nur verletzte

45 Vgl. Accused identification sheet von Hans Heinrich Böhn, 05.08.1947, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/ Berg.htm, 2008 Juni 22. 46 Im Jahre 1939 wurden Männer nicht zur Waffen-SS eingezogen, sondern ihre Mitgliedschaft basierte auf einer freiwilligen Meldung. Näheres bei Bernd Wegner, Hitlers Politische Soldaten. Die Waffen-SS 1933–1945. Leitbild, Struktur und Funktion einer nationalsozialistischen Elite, Paderborn 41990. 47 Exhibits available in Record Group 153, Hans Heinrich Böhn, 14.11.1946, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/ Berg.htm, 2008 Juni 22. 48 Vgl. Pages 1–556 of Trial Transcript prepared by David Chappell, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/Berg.htm, 2008 Juni 22. 49 Vgl. Charge Sheet, 30.06.1947, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/Berg.htm, 2008 Juni 22. 50 Da mir die Dokumente der Zeugenaussagen nicht vorliegen, entnehme ich diese aus der zusammengefassten Überprüfung durch des Review Board. Vgl. Review and Recommendations, 24.02.1948, Hans Heinrich Böhn, 2–4 und Alexander Peroutka, 13–16, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/Berg.htm, 2008 Juni 22. 51 Auch Obst war ein Angeklagter in diesem Nachfolgeprozess und wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Vgl. Statement of Arthur Obst, 31.01.1947, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/Berg.htm, 2008 Juni 22.

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habe, hatte Peroutka schließlich den tödlichen Schuss abgegeben.52 Diese Aussage wurde auch von Obst in seiner eidesstattlichen Erklärung bestätigt. Ein anderer Zeuge schilderte, dass Peroutka im März 1945 einen polnischen Juden bei der Postenkette erschossen hatte. Ein weiterer Zeuge gab an, dass der Kommandoführer im Januar 1945 einen russischen Häftling zu Tode prügelte, da dieser während der Arbeit geschlafen habe. In seiner „Evidence for Defense“ gestand Peroutka zwar, einen Häftling angeschossen zu haben, jedoch wisse er nicht, wer diesen erschossen habe und „that he never gave an order to beat anyone; and that he never chased an inmate through the guards, hanged one or exhibited one who had been hanged.“53 Auch Böhn wurde von Zeugen54 vorgeworfen, Häftlinge zu Tode geprügelt, anderen Wachposten das Erschießen von Häftlingen befohlen und Todesschüsse abgegeben zu haben. So etwa im Juli 1944: „Two additional witnesses testified that in July 1944 a Polish inmate, who was working at St. Georgen […], was ordered by a capo to go down a road which passed through the guard chain, whereupon he was shot by a guard who was under the command of the accused. These shots struck the victim in the legs, but did not kill him. Thereupon the accused came up to him, drew his pistol […], shot him in the chest and killed him.“55

In seiner „Evidence for Defense“ stritt Böhn Tötungshandlungen rundwegs ab: „The accused testified that he never shot any inmate; that he never beat anyone to death; that he never ordered anyone killed; that he never stood by while anyone was killed […]; and that he never had anything to do with the camp itself […]. He categorically denied the accusation of having shot an inmate at the guard chain […] and testified that the only time he ever fired his gun at subcamp Gusen II was to kill a wild dog […].“56

Sowohl Peroutka als auch Böhn wurde vom Militärgericht am 11. September 1947 wegen „participation in Mauthausen Concentration Camp mass atrocity“ für schuldig befunden und zum Tode durch den Strang verurteilt.57 Nur im Fall Böhn wurde vom Recht auf „Petition of Review“ Gebrauch gemacht. Die Gnadengesuche fasste ein Bericht vom 19. April 1948 zusammen.58 Vor allem Familienangehörige wandten sich mit einem Bittgesuch an das Militärgericht. Sie beschrieben ihn als eine schlichte, fleißige, ambitionierte, diensteifrige, gutherzige, tugendhafte und gerechte Person. Hermann Böhn glaubte nicht, dass sein Bruder zu den ihm vorgeworfenen brutalen Handlungen fähig sei. Sein Onkel, William Tomm, meinte, dass die Beweise nicht mit den Tatsachen 52 Dieser Tatbestand wurde von den Nationalsozialisten als „Erschießung auf der Flucht” definiert. 53 Review and Recommendations, 24.02.1948, Alexander Peroutka, 16, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/Berg. htm, 2008 Juni 22. 54 Vgl. Review and Recommendations, 24.02.1948, Hans Heinrich Böhn, 2–4, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/ Berg.htm, 2008 Juni 22. 55 Review and Recommendations, Hans Heinrich Böhn, 24.02.1948, 4, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/Berg. htm, 2008 Juni 22. 56 Ebd. 57 Vgl. Order on Review and Certification of Compliance, Case no: 000-50-5-28, Hans Böhn, 15.05.1948 und Alexander Peroutka, 17.05.1948, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/Berg.htm, 2008 Juni 22. 58 Vgl. Petitions for Clemency, Hans Heinrich Böhn, 19.04.1948, 2–3, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/Berg. htm, 2008 Juni 22.

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übereinstimmen, und forderte eine Überprüfung. Konkrete Beweise für seine Behauptungen lieferte er dem Militärgericht jedoch nicht. Anna Böhn und die gemeinsamen Kinder führten am 18. Februar 1948 im Gnadengesuch an, „that the accused was a good husband and father.“59 Die Offiziere des Militärgerichtes kamen zu folgendem Schluss: „None of the above petitions present any new matter not previously considered or other compelling reasons of law or fact which would form the basis for clemency action.“60 Nach der Überprüfung des Urteils kam die „Post Trial Branch“ zum Schluss, dass im Falle Peroutka und Böhn „The findings of guilty are warranted by the evidence. The sentence is not excessive.“61 Das Militärgericht in Dachau ordnete die Exekution der beiden Angeklagten an. Peroutka wurde am 12. November 1948 um 11:00 Uhr und Böhn um 11:34 Uhr im Strafgefängnis Landsberg hingerichtet.62

Conclusio Der von den NS-Behörden genau dokumentierte Tatbestand „auf der Flucht erschossen“ fand in der Forschung bislang nur selten Erwähnung. Für das Konzentrationslager MauthausenGusen sind neben 13 Totenbüchern, welche die Todesart der Häftlinge verzeichnen, zu den „auf der Flucht erschossenen“ Personen auch Einzelakten, bestehend aus „Vernehmungsniederschriften“, Tatortskizzen, Leichenbeschau und teilweise auch Fotos der getöteten Männer überliefert. Der Tatbestand war zudem Teil der Anklage in den Dachauer Mauthausen-Prozessen. Insbesondere die Dachauer Nebenprozesse wurden bis dato von der Forschung nur am Rande ausgewertet. Wie anhand des vorhandenen Quellenmaterials im Archiv der KZGedenkstätte Mauthausen [AMM] gezeigt wurde, endeten alle NS-internen Ermittlungen von „auf der Flucht erschossen“ Häftlingen mit dem Ergebnis der Kommandantur, dass die Wachtposten in Aus��bung ihres Dienstes pflichtgemäß gehandelt hätten. Als Basis dieser Ermittlungen diente der „Entwurf über „Aufgaben und Pflichten der Wachposten“, welcher die Wachtposten anwies, bei flüchtenden Häftlingen die Waffe zu gebrauchen. Der Fokus des Artikels liegt auf den Tätern. Gezeigt wird, dass mit zunehmender Bedeutung von Gusen für die Rüstungsindustrie sich auch die Zusammensetzung des Wachpersonals veränderte. Waren zu Beginn noch vor allem SS-Angehörige für die Bewachung der Konzentrationslager zuständig, so wurden ab 1943 auch sogenannten „Volksdeutsche“, ältere Jahrgänge der Wehrmacht und ab 1944 vor allem Luftwaffen-Angehörige zur Bewachung der Häftlinge herangezogen. Vier Fallbeispiele belegen, dass die Tötungen nicht nur von Mitgliedern der SS, sondern auch von diesen neu rekrutierten und überstellten KZ-Bewachern durchgeführt wurden. Strafrechtlich geahndet wurden die „Erschießungen auf der Flucht“ erstmals in den Dachauer Prozessen. Am Beispiel der Kommandoführer Peroutka und Böhn werden die unterschiedlichen Verteidigungsstrategien der Täter beleuchtet. Peroutka gestand die Misshandlung 59 Petitions for Clemency, Hans Heinrich Böhn, 19.04.1948, 3, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/Berg.htm, 2008 Juni 22. 60 Ebd. 61 Review and Recommendations, 24.02.1948, Alexander Peroutka, 16, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/Berg. htm, 2008 Juni 22. 62 Vgl. Order on Review and Certification of Compliance, Alexander Peroutka und Hans Heinrich Böhn, 27.05.1948, http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/Berg.htm, 2008 Juni 22.

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von Häftlingen, führte allerdings an, immer nur nach den Weisungen seiner Vorgesetzten gehandelt zu haben. In seiner eidesstaatlichen Erklärung gab er zu, einen Häftling auf der Flucht erschossen und einen anderen, gemeinsam mit Böhn, bewusst durch die Postenkette geführt zu haben. Letzterer Häftling wäre nicht von ihnen, sondern von einem anderen Wachposten vom Turm aus erschossen worden. Der von Peroutka „auf der Flucht erschossene“ Häftling konnte im Totenbuch als Wasily Tschuomtreno identifiziert werden. Während der Gerichtsverhandlung bestritt Peroutka seine eidesstattliche Erklärung und dementierte die vorgeworfenen Taten. Anders agierte Böhn, der in seiner eidesstattlichen Erklärung keine Tötung gestand, sondern nur von „allgemeinen Misshandlungen“ berichtete. Beide wurden aufgrund von Zeugenaussagen im Dachauer Mauthausen-Prozess zum Tod durch den Strang verurteilt und nach der Überprüfung des Strafmaßes und der Urteilsbegründungen im November 1948 hingerichtet. Die den rechtsstaatlichen Regeln verpflichteten Prozesse der Alliierten bewerteten die „Erschießungen auf der Flucht“ nicht mehr als „pflichtgemäße Dienstausübung“ gedeckt durch pseudolegale Ermächtigungen zum Töten von Häftlingen, sondern als Mord.

Quellenverzeichnis Archiv der KZ-Gedenkstätte Mauthausen (AMM) M/01/09, Totenbuch „unnatürliche Todesfälle“ 01.10.1942-06.04.1945. E/1c/1-E/1c/4d, Häftlinge E1 Nationalitäten Arten, E1/c Sowjetrussen, Kriegsgefangene, Dokumente E/1c/3 Erschießung Anatoli Jurzow. E/1c/4e-E/1c/5a, Häftlinge E1 Nationalitäten Arten, E1/c Sowjetrussen, Kriegsgefangene, Dokumente E/1c/4e Erschießung Gierman Pankratow. E/1c/5a-E/1c/6d, Häftlinge E1 Nationalitäten Arten, E1/c Sowjetrussen, Kriegsgefangene, Dokumente E/1c/6d Erschießung Jefim Subenko. E/1c/5a-E/1c/6d, Häftlinge E1 Nationalitäten Arten, E1/c Sowjetrussen, Kriegsgefangene, Dokumente E/1c/6d Erschießung Andrej Filipow. Pima Community College, Tucson http://ecc.pima.edu/~gusen/Berg/Berg.htm, 2008 Juni 22 Pages 1-556 of Trial Transcript prepared by David Chappell. Charge Sheet, 30.06.1947. Accused identification sheet von Alexander Peroutka, 04.08.1947. Exhibits available in Record Group, Alexander Peroutka, 04.06.1946. Review and Recommendations, Alexander Böhn, 24.02.1948. Order on Review and Certification of Compliance, Case no: 000-50-5-28, Alexander Peroutka, 24


„Auf der Flucht erschossen“?

17.05.1948. Accused identification sheet von Hans Heinrich Böhn, 05.08.1947. Exhibits available in Record Group 153, Hans Heinrich Böhn, 14.11.1946. Review and Recommendations, Hans Heinrich Böhn, 24.02.1948. Order on Review and Certification of Compliance, Case no: 000-50-5-28, Hans Böhn, 15.05.1948. Petitions for Clemency, Hans Heinrich Böhn, 19.04.1948. Statement of Arthur Obst, 31.01.1947.

Literaturverzeichnis Wolfgang Benz/Hermann Graml/Hermann Weiß (Hg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 52007. Klaus Drobisch/Günther Wieland, System der NS-Konzentrationslager 1933–1939, Berlin 1993. Florian Freund, Der Dachauer Mauthausenprozess, in: Dokumentation des österreichischen Widerstandes, Jahrbuch 2001, Wien 2001, 35–66. Florian Freund/Bertrand Perz, Konzentrationslager Mauthausen, in: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager Bd. 4 Flossenbürg, Mauthausen, Ravensbrück, München 2006, 293–471. Florian Freund/Bertrand Perz, Konzentrationslager Oberösterreich 1938–1945, Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus Bd. 8, Linz 2007. Stanislaw Dobosiewicz, Vernichtungslager Gusen, Mauthausen Studien. Schriftreihe der KZGedenkstätte Mauthausen Bd. 5, Wien 2007. Karin Orth, Die Konzentrationslager-SS. Sozialstrukturelle Analysen und biographische Studien, Göttingen 2000. Hans Maršálek, Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Dokumentation, Wien 1974. Bertrand Perz, Wehrmachtsangehörige als KZ-Bewacher, in: Walter Manoschek (Hg.), Die Wehrmacht im Rassenkrieg. Der Vernichtungskrieg hinter der Front, Wien 1996, 168-181. Bertrand Perz, Prozesse zum KZ Mauthausen, in: Ludwig Eiber/Robert Sigel (Hg.), Dachauer Prozesse. NS-Verbrechen vor amerikanischen Militärgerichten in Dachau 1945–1948, Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte Bd. 7, Göttingen 2007, 174-191. Cornelia Schmitz-Berning, Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin/New York 22007. Adam Tooze, The Wages of Destruction. The Making and Breaking of the Nazi Economy, London 2007. 25 InnenAnsichten, 1(2012),1


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Johannes Tuchel, Konzentrationslager. Organisationsgeschichte und Funktion der „Inspektion der Konzentrationslager“ 1934–1938, Schriften des Bundesarchivs Bd.39, Boppard am Rhein 1991. Johannes Tuchel, Die Inspektion der Konzentrationslager 1938–1945. Das System des Terrors, eine Dokumentation, Schriftreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Bd. 1, Berlin 1994. Hermann Weiß (Hg.), Biographisches Lexikon zum Dritten Reich, Die Zeit des Nationalsozialismus Bd. 13086, Frankfurt am Main 2002. Bernd Wegner, Hitlers Politische Soldaten. Die Waffen-SS 1933–1945, Leitbild, Struktur und Funktion einer nationalsozialistischen Elite, Paderborn 41990. h t t p : / / w w w. m a u t h a u s e n - m e m o r i a l . a t / d b / a d m i n / d e / s h o w _ a r t i c l e . php?carticle=344&topopup=1

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Die sexuelle Revolution im Spiegel der Jugendzeitschrift BRAVO (1969–1985)

Die sexuelle Revolution im Spiegel der Jugendzeitschrift BRAVO (1969–1985) Béatrice Grasser

Während der sogenannten „sexuellen Revolution“ zeichnete sich innerhalb der Gesellschaft ein Wandel hinsichtlich ihrer Einstellung zur Sexualität ab. Traditionelle Sexualvorstellungen wurden immer öfter hinterfragt und ein Liberalisierungsschub setzte sich durch. Quer durch alle Gesellschaftsschichten wurde über Sex geredet und es herrschte ein „noch nie da gewesener medialer Sexboom“.1 Das Sexualverhalten von vielen Jugendlichen änderte sich, die Jugendzeitschrift BRAVO griff dieses Thema auf und vermarktete es erfolgreich. Im Zuge des Forschungsseminars „Geschichte der Sexualität im 20. Jahrhundert“ bei Franz X. Eder 2008/2009 entstand die diesem Beitrag zu Grunde liegende Arbeit „Die Jugendzeitschrift BRAVO im Spiegelbild der sexuellen Revolution (1969–1985)“. Darin wurde versucht aufzuzeigen, wie sich die erotischen Abbildungen und Aufklärungstexte in der Jugendzeitschrift BRAVO innerhalb von einem Zeitraum von 16 Jahren (1969–1985) wandelten und welche Faktoren dafür ausschlaggebend waren. Es existieren einige Publikationen zur Jugendzeitschrift BRAVO. Meistens sind es die LeserInnenbriefe und Aufklärungsartikel, die wissenschaftlich behandelt werden. So hat etwa Lutz Sauerteig einen Artikel über „die Herstellung des sexuellen und erotischen Körpers in der westdeutschen Jugendzeitschrift BRAVO in den 1960er und 1970er Jahren“2 verfasst. Darin 1 Franz X. Eder, Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität, München 2002, 224. 2 Lutz Sauerteig, Die Herstellung des sexuellen und erotischen Körpers in der westdeutschen Jugendzeitschrift BRAVO in den 1960er und 1970er Jahren (Manuskript), erscheint in Medizinhistorisches Journal.

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zeigt er anhand einer Textanalyse auf, wie die Jugendzeitschrift die Themen Homo- und Heterosexualität behandelte. Thommi Herrwerth thematisiert unter anderem das Thema Petting in der BRAVO, Susanne Wenzel untersucht anhand von LeserInnenbriefe die sexuellen Probleme der Jugendlichen in den Jahren 1968 bis 1987. Neben diesen genannten AutorInnen wurden noch Renate Freund sowie Erwin In het Panhuis als Sekundärliteratur für die Textanalyse herangezogen. Für die Bildanalyse wurde ein eigener Methodenapparat entwickelt, der im Kapitel „Ikonographische Analyse“ näher beschrieben wird. In diesem Artikel wird ein Auszug aus der Forschungsseminararbeit vorgestellt. Es wird versucht darzulegen, wie in den BRAVO-Aufklärungsseiten von 1969 bis 1985 die Themen Homo- und Heterosexualität behandelt wurden. Des Weiteren wird näher auf die Quellenlage eingegangen und erklärt, welche Ausgaben für diesen Aufsatz verwendet werden. Ebenso werden kurz die Methoden vorgestellt, die für die Analyse der Bilder sowie der Texte angewendet wurden. Anschließend folgen die Ergebnisse der untersuchten Bild- und Textdarstellungen.

Quellen Mein Quellenkorpus besteht insgesamt aus 76 Heften (1968–1985), davon lagen mir 42 Exemplare als Originale vor, 34 waren abfotografierte Ausgaben. Bei den abfotografierten Zeitschriften wurden jeweils nur die Aufklärungsseiten fotografiert. Die Recherche ergab, dass beim österreichischen Bibliothekenverbund BRAVO-Zeitschriften von 1956 bis 1969 erhältlich sind. Die abfotografierten Seiten stammen von Zeitschriften der Hauptbibliothek in Wien. Als sehr schwierig ergab sich die Suche nach weiteren Ausgaben aus den 1970er und 1980er Jahren. Fündig wurde ich schließlich beim Wiener Papierantiquitätenhändler Wolfgang Siska3, der einen großen Fundus an alten BRAVO-Zeitschriften besaß. Der Schwerpunkt meiner Forschungsseminararbeit konzentrierte sich auf das Thema Homosexualität sowie auf folgende Aspekte der Heterosexualität: „Das Erste Mal“, „Masturbation“ und „Petting“. Nach diesen Gesichtspunkten wurden die Zeitschriften gesichtet und vierzehn Bilder ausgewählt. Die Ergebnisse der analysierten Bild- und Textdarstellungen sollen hier in komprimierter Form präsentiert werden. Damit die Bildergebnisse besser nachvollzogen werden können, werden jeweils fünf Bilder zu den Themen Homo- und Heterosexualität gezeigt. Drei Bilder handeln von der weiblichen Homosexualität, ein Bild behandelt beide Themen gleichzeitig und die fünfte Abbildung beschreibt die männliche Homosexualität. Zur Heterosexualität werden drei Bilder gezeigt, die sich auf das Thema „Erstes Mal“ beziehen. Bei einem Bild geht es um „Masturbation“ und das fünfte stellt das Thema „Petting“ dar. Die Bilder wurden deshalb ausgewählt, weil sie die bildlichen Wandlungen von Ende der 1960er bis Mitte der 1980er Jahre aufzeigen.

Ikonographische Analyse Ikonographie meint „Beschreibung, Form- und Inhaltsdeutung von [...] Bildwerken“.4 Eng mit der Ikonologie sind die Namen Erwin Panofsky, Aby Warburg sowie Alois Riegel verbunden. Sie haben sich bereits Anfang bzw. Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Wissenschaft des Bil-

3 Diesen Händler gibt es mittlerweile nicht mehr. 4 Vgl. DUDEN, Fremdwörterbuch, Mannheim 72001, 421.

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des auseinander gesetzt.5 Vor allem dem Kunsthistoriker Erwin Panofsky verdanken wir das „ikonographisch-ikonologische Modell“, welches es ermöglicht, Bilder zu interpretieren.6 Wenn von Bildwissenschaft die Rede ist, dann kommen sofort die Schlagwörter pictorial turn sowie iconic turn auf. Der erste Begriff ist von W.J.T. Mitchell (1992) geprägt. Der zweite entstand zwei Jahre später und wurde von Gottfried Boehm formuliert. Beide haben eine Wende vom Wort zum Bild festgestellt und, dass unsere Alltagskultur aufgrund unter anderem des world wide web immer mehr von Bildern beherrscht würde. Ziel ist es, den Bildern genauso wie den Texten wissenschaftliche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.7 Für meine Bildanalyse orientierte ich mich an Peter Holzwarth und an dem von Alfred Holzbrecher und Sandra Tell vorgestellten „kommunikationspsychologischen Modell von Friedemann Schulz von Thun (1981)“8. Um für mich einen geeigneten Analyseapparat zu erstellen, nahm ich von jedem der hier erwähnten Personen eine Komponente aus deren vorgestellten Arbeitsschritten heraus und stellte mir meine eigene Methode zusammen. Bei der Ersteindrucksanalyse geht es darum, mit einer subjektiven Sichtweise an das Bild heranzugehen und eventuelles Kontextwissen so gut wie möglich auszublenden. Laut Peter Holzwarth sollen „spontane Assoziationen, Gedanken und Gefühle“9, die die/der BetrachterIn zum jeweiligen Bild entwickelt, niedergeschrieben werden. Auf der Sachebene wird das Foto unter technischen Gesichtspunkten betrachtet. Es wird dabei auf die Bildgattung, den Verwendungskontext, Bild- und Textplatzierung, Entstehungsort sowie -zeit geachtet. Beim Bild selbst liegt das Augenmerk auf Körperhaltung, Geschlecht, Gesichtsausdruck, Erotik, Kleidung, Nacktheit und Haltung.10 Bei der Beziehungsebene ist es wichtig darauf zu achten, wie die Personen zueinander positioniert sind. Es geht dabei um die „Beziehungsqualität der abgebildeten Personen [...] (Gestus, Körperhaltung/Habitus etc.) [...] sowie die Beziehungsqualität zwischen dem Fotografen und den abgebildeten Personen.“11 Aus diesen Arbeitsschritten erschließt sich mir, was das Bild bzw. Foto vermitteln möchte.

Textanalyse Für die Textanalyse, die im Zusammenhang mit der Bildanalyse zu sehen ist, wurden die Themen näher beleuchtet und nach dem Gegenstand der Artikel gefragt. Es wurde der Versuch unternommen, Argumente bzw. Aussagen herauszufiltern, die gehäuft vorkommen. Es soll festgestellt werden: „Welche Merkmale stehen im Mittelpunkt, welche Worte, Argumente, Ab5 Vgl. W.J.T. Mitchell, Vier Grundbegriffe der Bildwissenschaft, in: Klaus Sachs-Hombach (Hg.), Bildtheorien. Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn, Frankfurt am Main 2009, 319. 6 Vgl. Felix Thürlemann, Ikonographie, Ikonologie, Ikonik. Max Imdahl liest Erwin Panofsky. in: Klaus SachsHombach (Hg.), Bildtheorien. Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn, Frankfurt am Main 2009, 214. 7 Vgl. http://edoc.bbaw.de/volltexte/2011/1774/pdf/03_Bachmann_Medick.pdf, 2011 November 23. 8 Ebd. 9 Peter Holzwarth, Fotografie als visueller Zugang zu Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen mit Migrationhintergrund, in: Winfried Marotzki/ Horst Niesyto (Hg.), Bildinterpretation und Bildverstehen. Methodische Ansätze aus sozialwissenschaftlicher, kunst- und medienpädagogischer Perspektive, Wiesbaden 2006, 180. 10 Alfred Holzbrecher, Sandra Tell, Jugendfotos verstehen. Bildhermeneutik in der medienpädagogischen Arbeit, in: Winfried Marotzki/Horst Niesyto (Hg.), Bildinterpretation und Bildverstehen. Methodische Ansätze aus sozialwissenschaftlicher, kunst- und medienpädagogischer Perspektive, Wiesbaden 2006, 107. 11 Ebd., 111.

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grenzungen tauchen immer wieder auf, halten den Diskurs zusammen und sind Kernpunkte von Auseinandersetzungen?“12 Des Weiteren wurde Sekundärliteratur herangezogen, die sich bereits mit den Aufklärungstexten von BRAVO auseinander setzt. Neben anderen waren vor allem die deutsche Schriftstellerin Marie Louise Fischer (1922–2005) und Martin Goldstein für die Inhalte in den Aufklärungstexten verantwortlich. Marie Louise Fischer schrieb unter zwei Pseudonymen: Dr. Vollmer und Kirsten Lindstroem. Von 1962 bis Ende der 1960er Jahre beriet sie Jugendliche in den diversen BRAVO-Ratgeberrubriken: „Knigge für Verliebte“, „Aktion Anonym“, „Liebe ohne Geheimnis“13 und „Schicksalsbriefe an Dr. Vollmer“.14 Im Herbst 1969 betrat der bis heute noch bekannte Dr. Jochen Sommer die Bühne der Aufklärungswelt. Zwei Jahre später folgte ihm Dr. Alexander Korff und nahm einen ebenso wichtigen Platz im BRAVO-Olymp der Sexualaufklärung ein.15 Hinter diesen Pseudonymen verbarg sich „der Arzt und Psychotherapeut Dr. Martin Goldstein, ärztlicher Mitarbeiter an der evangelischen Beratungsstelle für Familie und Erziehung“.16 Bei den Artikeln handelt es sich um Texte, in denen nicht nur auf der sexuellen Ebene aufgeklärt wird, sondern auch beziehungstechnische Probleme behandelt werden. Es werden fingierte Fallbeispiele verwendet, die die LeserInnen direkt in den Diskurs miteinbeziehen. Einzige Ausnahme ist die Ausgabe Nummer 34 aus dem Jahr 1969. Hier werden die Ergebnisse einer Befragung von Jugendlichen vorgestellt. Als Anredeform wird das DU benutzt, was den Effekt hat, dass sich die LeserInnen mit dem Erzählten identifizieren können. Zusätzlich werden Aussagen von PsychologInnen herangezogen, um dem Geschriebenen eine gewisse Autorität zu verleihen. Ziel der Texte ist es zwar, aufzuklären und Hilfestellung zu geben, aber auch vor „Verirrungen“ zu warnen.

„Mädchen-Liebe“, „Jungen-Liebe“ Generell kann festgestellt werden, dass bis Ende der 1960er Jahre im Gegensatz zu den 1970er Jahren weniger Bilder zu den Aufklärungsartikeln verwendet wurden. In der bildlichen Darstellung wird das Thema Homosexualität Ende der 1960er Jahre nur vage angedeutet. Bei dem Bild aus dem Jahre 1969 ist ohne dem entsprechenden Text nicht deutlich erkennbar, um welches Thema es sich handelt. Die gesamte Bildinszenierung warnt vor gleichgeschlechtlicher Liebe und stellt sie als etwas Verbotenes dar. Im Unterschied zu den 1960ern wird ab den 1970er Jahren gleichgeschlechtliche Liebe nicht mehr versteckt abgebildet, sondern offen gezeigt. Anfang der 1970er Jahre zeigen die Mädchen bereits nackte Haut und es besteht enger Körperkontakt. Einerseits werden sie in zärtlichen Positionen zueinander dargestellt und die weichgezeichneten Fotos vermitteln eine gewisse erotische Ausstrahlung. Andererseits machen die Bilder auf die/den BetrachterIn ei12 Achim Landwehr, Historische Diskursanalyse, Frankfurt am Main 2008 ,115. 13 Susanne Wenzel, Sexuelle Fragen und Probleme Jugendlicher: dargestellt an den Leserbriefen von der Zeitschrift BRAVO (1968-1987), in: Norbert Kluge (Hg.), Studien zur Sexualpädagogik Bd. 6, Frankfurt am Main/Bern/ New York/Paris 1990, 49. 14 http://www.bravo-archiv.de/auswahl.php?link=aufkl60-3.php, 2012 April 12. 15 Sauerteig, Herstellung, 22. 16 Ebd.

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BRAVO, 1969, Nr. 44

nen bedrückenden Eindruck. Bedrückend deshalb, weil die Gesichter der Mädchen unsicher, nachdenklich und traurig wirken. Werden die Bilder genauer betrachtet, dann wird klar, dass wie in den 1960er Jahren auch hier das Thema Homosexualität negativ besetzt ist. Zudem ist auffallend, dass vorwiegend sehr junge Mädchen für die Bilddarstellungen verwendet werden. Ebenso kann gesagt werden, dass bei beiden Themen, Homosexualität und Heterosexualität, Mädchen abgebildet werden, die alle einen verträumten und hilfsbedürftigen Typus darstellen. BRAVO, 1972, Nr. 6

Die Bildinszenierungen Ende der 1970er Jahre sind mit denen vom Anfang des Jahrzehnts nicht zu vergleichen. Es werden nun Mädchentypen abgebildet, die älter aussehen und selbstbewusster und aufgeklärter wirken. Was sofort auffällt, ist, dass die Gesichter einander zugewandt sind, Blickkontakt besteht und die Personen einander anlächeln. Farbfotos finden sich verein31 InnenAnsichten, 1(2012),1


Béatrice Grasser

BRAVO, 1979, Nr. 30

zelt bereits Anfang, vermehrt dann aber Mitte der 1970er Jahre. Schließlich werden die weichgezeichneten Bilder und Schwarz-Weiß-Fotos in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre bis auf ein paar Ausnahmen durch Farbfotos ersetzt. Die Bilddarstellungen wirken realistischer, mehr erotische Berührungen sind zu sehen. Die Mädchen werden nicht mehr nur in geschlossenen Räumen dargestellt, sondern auch in der freien Natur. Es hat den Anschein, als wolle BRAVO damit zeigen, dass zumindest gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Mädchen nicht anstößig ist und diese Form der Sexualität auch in der Öffentlichkeit gezeigt bzw. ausgelebt werden darf.

BRAVO, 1971, Nr. 13

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Zur männlichen Homosexualität wurden nur drei Bilder analysiert, da bei meinen Recherchen zu diesem Thema nicht mehr Bilder auffindbar waren. Analysiert wurden Bilder vom Beginn und der Mitte der 1970er sowie Anfang der 1980er Jahre. Wenngleich drei Bilder nicht ausreichen, um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, konnte dennoch eine Entwicklung festgestellt werden. Bis Mitte der 1970er Jahre werden homosexuelle Jungen zwar in engem Körperkontakt dargestellt, doch haben diese Bilder mehr einen freundschaftlichen als erotischen Charakter. BRAVO, 1980, Nr. 32

Die Freundschaft zwischen zwei Jungen als Bildmotiv wird auch noch Anfang der 1980er Jahre verwendet. Jedoch ist anhand der Berührungen und Blicke Interesse am gleichen Geschlecht erkennbar. Erotische oder nackte Bilddarstellungen zur männlichen Homosexualität kommen bei meinen Bildquellen nicht vor. Das Aussehen der Jungen wandelt sich von Anfang der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre von sehr männlich bis hin zu sensibel und feminin. Es ist klar erkennbar, dass die BRAVO mit dem Thema männlicher Homosexualität bei den Bilddarstellungen und den Texten vorsichtiger umgeht als mit gleichgeschlechtlicher Liebe bei Mädchen. Des Weiteren konnte festgestellt werden, dass mehr über „Mädchen-Liebe“ geschrieben wurde bzw. Abbildungen in der BRAVO zu finden sind als über die männliche Homosexualität.

Texte Einleitung Homosexualität wurde in der BRAVO meistens mit „gleichgeschlechtlicher Liebe“ oder „JungenLiebe“ sowie „Mädchen-Liebe“ beschrieben. In den von mir untersuchten Texten wird das Wort Homosexualität niemals als Überschrift verwendet und kommt lediglich hin und wieder in den Texten vor. Mitte der 1970er Jahre ist dann vermehrt von „Schwulen“ und „Lesben“ die Rede. Es sind vor allem drei Hauptargumente, welche Ende der 1960er bis Mitte der 1980er Jahre immer wieder in den Aufklärungstexten der BRAVO angeführt werden. Im Zusammenhang mit gleichgeschlechtlicher Liebe ist stets von der „homosexuellen Phase“ die Rede. Ebenso spie33 InnenAnsichten, 1(2012),1


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len der „Fachmann“ sowie die „Warnung“ am Schluss der Texte eine wichtige Rolle. Zwar unterscheiden sich die Texte inhaltlich in ihren Argumentationsweisen, doch das Hauptziel, die Jugendlichen zur Heterosexualität zurück zu führen, bleibt bis in die erste Hälfte der 1980er Jahre bestehen. Die direkten Warnungen hörten Mitte der 1970er Jahre auf, trotzdem war die BRAVO laut Lutz Sauerteig noch weit davon entfernt, Homosexualität „als gleichberechtigte Lebensform“17 darzustellen. Auch Erwin In het Panhuis hat im Zuge seiner umfangreichen Untersuchung zum Thema Homosexualität in der BRAVO festgestellt, dass „das Heft durchaus von homophoben Berichten und Leserbrief-Antworten geprägt“ war. Noch Anfang der 1970er Jahre kamen zwei Ausgaben, die das Thema gleichgeschlechtliche Liebe behandelten, auf den Index der jugendgefährdeten Zeitschriften. Erst als es diesbezüglich in der Gesellschaft eine liberalere Einstellung gab, nahm laut Erwin In het Panhuis auch die BRAVO eine offenere Haltung dazu ein.18 Generell lässt sich zu den untersuchten Texten sagen, dass die gleichgeschlechtliche Liebe nur dann als normal dargestellt wird, wenn sie im Rahmen der Pubertät als sexuelle Begleiterscheinung integriert wird. Homosexualität als eigene Lebensform wird nicht behandelt. Im Folgenden wird zuerst auf das Argument der „Übergangsphase“ eingegangen. Anschließend wird näher erläutert, welche Rolle der „Fachmann“ einnahm bzw. ihm zugeschrieben wurde. Am Schluss wird das Argument der „Warnung“ näher dargestellt. Ergebnisse In allen untersuchten Aufklärungstexten wurde Homosexualität stets als eine „vorübergehende Phase“ während der Pubertät beschrieben. Beispielsweise heißt es in der Ausgabe von 1969, dass sexuelle Spiele zwischen jungen Mädchen normal seien und zur Entwicklung dazu gehörten. Sobald ein Mädchen dann aber einen Freund gefunden hätte, sei sie längst „über diese gleichgeschlechtliche Phase hinweg.“19 In der Ausgabe von 1980 stellt Dr. Korff am Schluss fest, dass viele junge Männer sich während der Pubertät zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen. Dies sei aber noch kein Indiz für Homosexualität, denn „selbst wenn einmal ein handfestes Erlebnis daraus wird, legt das keinen Jungen ein für allemal fest, dass er gleichgeschlechtlich veranlagt sei“.20 Bis Anfang der 1980er Jahre wird diesen jungen Menschen geraten, einen „Fachmann“ aufzusuchen, falls diese Phasen nicht von alleine abklingen sollten. Denn nur dieser könne feststellen, ob tatsächlich eine Homosexualität vorherrsche. In der Ausgabe von 1971 heißt es beispielsweise, dass gleichgeschlechtliche Liebe „kein Makel und keine Krankheit“ sei. Gleichzeitig wird den Jugendlichen aber geraten, nicht „auf den Weg zu einem Fachmann zu verzichten.“21 Ende der 1970er Jahre spielt der „Fachmann“ in den Texten nach wie vor eine wichtige Rolle. Ob gleichgeschlechtliche Liebe eine „angeborene Veranlagung“ sei oder aber durch „unglückliche Einwirkungen in Kindheitsjahren“ entstehe, könne nur ein „Fachmann, sprich Psychologe, genau feststellen“.22 17 Sauerteig, Herstellung, 30. 18 http://www.qwien.at/?p=288, 2011 November 25. 19 Dr. Kirsten Lindstroem, Liebe ohne Geheimnis, Wenn Mädchen Mädchen verführen, BRAVO, 1969, Nr. 44. 20 Dr. Alexander Korff, Was viele nicht zu fragen wagen, Wie merkt ein Junge, dass er schwul ist? BRAVO, 1980, Nr. 32. 21 Dr. Alexander Korff, Die heißen Fragen der Liebe. Sind unsere Liebesspiele normal? BRAVO, 1971, Nr. 13. 22 Dr. Alexander Korff, Mädchen-Liebe, BRAVO, 1979, Nr. 30.

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Die sexuelle Revolution im Spiegel der Jugendzeitschrift BRAVO (1969–1985)

Bei den älteren Artikeln (1969, 1971) enden die Texte mit einer „Warnung“ vor Homosexualität. Beispielsweise heißt es da an einer Stelle: „Es kommt wohl sehr viel auf die Erziehung an, auf das Elternhaus. […] Manche Mädchen werden so, weil sie einfach neugierig sind. […] Auf alle Fälle ist das sehr schade, denn sie wissen gar nicht, auf was sie sich da einlassen. Ich möchte deshalb alle neugierigen Mädchen warnen.“23 In einer anderen Ausgabe wird das Beispiel eines „gefallenen“, namenlosen, dreißigjährigen Homosexuellen angeführt, der erzählt: „Ich liebte schon mit dreizehn einen Mann, der mein Freund – und mein Liebhaber wurde. Ich verstand das damals nicht, aber keiner kümmerte sich darum. Heute leide ich darunter, dass ich homosexuell bin. Vielleicht hätte mir damals geholfen werden können. Aber das wurde versäumt.“ Dazu meint Dr. Korff: „Seine Warnung ist begründet. […] Solche Erlebnisse einfach weiterlaufen zu lassen, kann gefährlich sein. […] Homosexualität ist kein Makel und keine Krankheit“, jedoch solle man nicht „auf den Weg zu einem Fachmann verzichten.“24

„Das Erste Mal“, „Masturbation“, „Petting“ Bis Ende der 1960er Jahre sind keine nackten Bilder oder Fotos (ausgenommen bei den Werbefotos) von Jugendlichen in der Jugendzeitschrift BRAVO zu finden. Ebenso nehmen die Personen nur selten erotische Körperpositionen ein. Die Bilddarstellungen Ende der 1960er Jahre vermitteln Freundschaft, Liebe und Romantik. Jegliche Anspielung auf das Sexuelle wird vermieden. BRAVO, 1969, Nr. 34

Mit Beginn der 1970er Jahre ist eine klare Zäsur erkennbar. Erstmals werden die Jugendlichen entweder teilweise oder ganz nackt abgebildet. Die Körperhaltungen haben sich dahingehend geändert, dass die Jugendlichen nun in erotischen Positionen dargestellt werden. Bis Mitte der 1970er Jahre dominieren vor allem weichgezeichneten Bilder und Schwarz-Weiß-Fotos die Aufklärungsseiten. Durch den Effekt, Bilder bzw. Personen „verschwommen“ darzustellen, 23 Dr. Kirsten Lindstroem, BRAVO, 1969, Nr. 44. 24 Dr. Alexander Korff, BRAVO, 1971, Nr. 13.

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BRAVO, 1972, Nr. 4

rückt der sexuelle Aspekt in den Hintergrund und die Bilder vermitteln den Eindruck von Verträumtheit sowie Romantik. Die abgebildeten Mädchen sehen sehr jung aus und verkörpern den „Lolitatyp“. Sie sind in leichter Bekleidung abgebildet, wirken verträumt und nachdenklich bis naiv, was den Eindruck erweckt, dass sie in sexueller Hinsicht nicht aufgeklärt wären. Des Weiteren wurden Anfang der 1970er Jahre vorwiegend Mädchen zum Thema „Erstes Mal“ dargestellt. Das vermittelt den Eindruck, dass diese Thematik speziell an junge Frauen gerichtet BRAVO, 1979, Nr. 45

geworden wäre. Nacktheit wird auf den Farbfotos naturalistisch dargestellt, d. h. der weibliche Busen sowie der Penis sind klar erkennbar und der Umgang mit ihr wirkt natürlich. Die sexuellen Handlungen zu den verschiedenen Themen wie zum Beispiel „Petting“, „Erstes Mal“ oder „Masturbation“ 36


Die sexuelle Revolution im Spiegel der Jugendzeitschrift BRAVO (1969–1985)

BRAVO, 1981, Nr. 15

werden nicht mehr nur vage angedeutet, sondern erkennbar dargestellt. Des Weiteren finden wir in den 1980er Jahren einen anderen Mädchentyp vor. Zwar sehen die Mädchen immer noch sehr jung aus, wirken aber aufgeklärter und reifer. Die Blicke sind entweder dem Partner oder der/dem FotografIn zugewandt, und sie wirken nicht mehr nachBRAVO, 1979, Nr. 45

denklich oder verträumt, sondern selbstbewusst und glücklich. Während Mädchen und Jungen in den 1970er Jahren meistens allein abgebildet werden, sind sie Ende der 1970er bzw. Anfang der 1980er Jahren meistens in gemeinsamen Positionen zu sehen: Sie stehen zusammen unter der Dusche, küssen sich oder berühren sich zärtlich, wobei auffällt, dass meistens die Mädchen den Mittelpunkt der Bildinszenierungen bilden. 37 InnenAnsichten, 1(2012),1


Béatrice Grasser

Texte Einleitung Bis Ende der 1960er Jahre vertrat die BRAVO eine konservative Sexualmoral. Im Zuge der sexuellen Liberalisierung veränderte sich das Sexualverhalten vieler junger Menschen und die Inhalte der Jugendzeitschrift entsprachen nicht mehr dem Zeitgeist. Dies änderte sich als Anfang der 1970er Jahre, als Martin Goldstein – bekannt unter den Namen Dr. Korff und Dr. Sommer – die Bühne der Aufklärungsberichterstattung betritt. Nun werden erstmals sexuelle Abläufe genauer behandelt. Schwerpunkte der Texte sind unter anderem, das „Erste Mal“, „Petting“, „Masturbation“ sowie die allgemeine sexuelle Unerfahrenheit der Jungendlichen. Anfang der 1980er Jahre nahmen die Mädchen in der Berichterstattung der BRAVO genauso wie die Jungen eine aktive sexuelle Rolle ein. Im Folgenden sollen in chronologischer Reihenfolge die Textergebnisse dargestellt werden. Ergebnisse „Erst kommt die Liebe – dann der Sex“ ist die Überschrift eines Artikels aus dem Jahre 1969. Anhand einer voraus gegangenen Umfrage werden Ergebnisse präsentiert, die aufzeigen sollen, dass die Jugendlichen nicht „oberflächlich und vom Sex verdorben“25 sind und „jedes fünfte Mädchen über 18 […] unverbindliche sexuelle Kontakte“26 ablehnt. Nach dieser Umfrage wünschen sich beispielweise immerhin noch 20 Prozent aller Jungen, dass die Mädchen unberührt in die Ehe gehen. Es wurde von der Zeitschrift also ein traditionelles Geschlechterbild konstruiert. So wurden die Mädchen nach Liebe und Zuneigung suchend dargestellt, während die Jungen nur auf Sex aus waren. Kam es ungewollt zu einer Schwangerschaft, ließen die Texte in der BRAVO laut Lutz Sauerteig „das schwangere Mädchen als quasi selbst schuld erscheinen, weil es sich nicht sittsam verhalten hatte.“27 Der Junge kam meistens gut davon, da er ja nur Opfer seiner Triebe war. Ebenso wurde Masturbation lange Zeit als „eine elende Sache“28 bezeichnet. Der Artikel von 1972 handelt von einem Mädchen, das mit einem Jungen schläft. Es fühlt sich hinterher schlecht und ist froh, nicht schwanger zu sein. Dr. Korff sieht die Schuld bei den Eltern: „zu Hause wurde nie über Sex geredet. Es wurde totgeschwiegen. […] Auf diese Weise musste ja eigentlich irgendwann einmal genau das eintreten, was die Eltern immer hatten verhindern wollen.“29 Ein anderes Beispiel zeigt, dass trotz Aufklärung ein bitterer Nachgeschmack nach einem intimen Erlebnis bleiben kann: „Auf einmal fing er an, mich intim zu streicheln. […] Das traf mich so überraschend, dass ich ganz kühl und nüchtern wurde. […] Ich verzog mich schnell auf mein Zimmer und da habe ich geheult. […] Ich bin schrecklich unglücklich. Ich verstehe das ganze nicht.“30 Dr. Korff macht dem Mädchen klar, dass auch Mädchen ihre sexuellen Wünsche äußern sollten, und räumt mit 25 BRAVO veröffentlicht die Ergebnisse der großen Fragebogen-Aktion: Die geheimen Wünsche – So lebt und liebt die Jugend 69. Erst kommt die Liebe, dann der Sex. BRAVO, 1969, Nr. 34. 26 Ebd. 27 Sauerteig, Herstellung, 8. 28 Thommi Herrwerth, Partys, Pop, Petting: die Sixties im Spiegel der Bravo, Marburg 1997, 70. 29 BRAVO, 1972, Nr. 4. 30 Dr. Alexander Korff, Für junge Leute, die die Liebe nicht dem Zufall überlassen wollen. Aufklärung für Fortgeschrittene. BRAVO, 1973,Nr. 2.

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Die sexuelle Revolution im Spiegel der Jugendzeitschrift BRAVO (1969–1985)

traditionellen Verhaltensweisen während des Geschlechtsverkehrs auf: „Die Frau gibt, der Mann will nehmen – so die alte Meinung über Sexualität. […] Diese Meinung benachteiligt Mädchen und Frauen. Sie gibt Männern das angebliche Recht, aufs Ganze zu gehen und lässt Mädchen oder Frauen wie Spielzeuge erscheinen […].“31 Es folgt ein indirekter Vorwurf an die Eltern: „Nicht von Natur aus, sondern durch Erziehung sind derartige Wünsche bei Mädchen zuerst weniger ausgeprägt.“32 Ebenso findet in dieser Zeit das Thema „Petting“ Eingang in die Aufklärungsartikel. Dies war nach Lutz Sauerteig „in den 1950/1960er Jahren noch ein Tabu für Jugendliche “ und ist erst „in den 70er Jahren zu einer legitimen und akzeptablen Form von Sex ohne Geschlechtsverkehr geworden“.33 So gibt Dr. Korff der unaufgeklärten Iris folgende „Tips für die sexuelle Liebe“: „Jede innige Berührung an seinem Glied bringt ihn dahin. Und dabei kannst du ihm durch deine zärtlichen Bewegungen helfen […] wenn du dich ankuschelst und dich an ihn presst. Er reibt sich sozusagen an dir, bis er zur Entspannung kommt.“ 34 Beim Thema „Masturbation“ spielt die Unaufgeklärtheit sowie das schlechte Gewissen und der Glauben, etwas Unnatürliches zu machen, eine große Rolle. Carola onaniert und „hinterher ist ihr meist so jämmerlich zumute.“35 Hingegen scheint David damit weniger Probleme zu haben und nachdem er seinen ersten nächtlichen Samenerguss hatte, wollte er wissen „ob das auch öfters geht.“36 Dr. Korff räumt mit althergebrachten Vorstellungen auf, wie etwa jener, dass der Mann nur eine gewisse Anzahl von Samen übrig hätte: „Das stimmt nicht. Der Körper bildet Samen und sexuelle Spannung immer wieder neu.“37 Wie bereits Lutz Sauerteig festgestellt hat, zeigen auch meine eigenen Ergebnisse, dass der Diskurs in der BRAVO in den1970er Jahren deutlich macht, wie groß der Bedarf an sexueller Aufklärung zu dieser Zeit war. Die Jugendlichen wurden zuhause oder von anderen Erziehungsberechtigten zu wenig bis gar nicht informiert. Was ebenfalls auffällt, ist, dass vor allem die Mädchen mit all ihren Ängsten im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen. Ihre Unaufgeklärtheit und Passivität werden besonders hervorgehoben. Im Gegensatz dazu nehmen die Jungen den aktiven sexuellen Part ein und werden als „Draufgänger“ beschrieben, welche die Mädchen reihenweise verführen. Seit den 1970er Jahren wird „sexuelles Verhalten [...] von Jugendlichen“38 wissenschaftlich untersucht. Beispielsweise besagt eine der Thesen des Sexualforschers Gunter Schmidt, dass „Jungen und Mädchen sich in ihrem Selbsterleben und in der sexuellen Interaktion tendenziell einander angleichen.“39 Mädchen nehmen demnach ebenso wie die Jungen eine aktive sexuelle Rolle ein.40 Das lässt sich durchaus auch an der Berichterstattung in der BRAVO nachvollzie31 Ebd. 32 Ebd. 33 Sauerteig, Herstellung, 23. 34 Dr. Alexander Korff, Liebe ohne Angst, Zarter Sex für junge Leute, BRAVO, 1972, Nr. 4. 35 Dr. Alexander Korff, Dr. med. Korff bringt Ergänzungen zum Sexualkunde-Unterricht und wichtige Informationen zu einem heiklen Thema. Liebe ohne Partner. BRAVO, 1979, Nr. 45. 36 Ebd. 37 Ebd. 38 Renate Freund, Toughe Jungs und süße Girls? Geschlechterverhältnisse und Jugendsexualität in der BRAVO, in: Archiv der Jugendkulturen e. V. (Hg.), Archiv der Jugendkulturen: 50 Jahre BRAVO, Berlin 2005, 79. 39 Zitat nach ebd. 40 Vgl. ebd.

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hen, trotzdem gibt es Abweichungen zu dieser These wie folgende Beispiele zeigen. Im Artikel „NECKING Streicheleien, die heiße Gefühle machen“41 wird das Beispiel eines Jungen behandelt, der ein Mädchen im Wohnwagen verführen möchte und gleich „aufs Ganze“ geht. Das Mädchen faucht „ihn mit blitzenden Augen an: ,Lass endlich deine Flossen von mir!‘“.42 Dr. Korff meint dazu:„In den Köpfen vieler Jungen stecken noch solche dummen Vorstellungen, es gäbe viele Tricks, mit bestimmten Bewegungen und Anfassen ein Mädchen herumzukriegen, dass sie alles mit sich machen lässt. Solche Mädchen gibt es zwar, aber selten.“43 Betty „sei so eine“44 und wurde von Dr. Korff in keinem guten Licht dargestellt: Sie ist „eine“, die „immer scharf darauf“ ist, „angefasst zu werden.“ Weil sie auch „schon mit mehreren geschlafen“ hat, wurde „ihr Durst nach Liebe [...] nie gestillt. […] Keiner wollte wirklich ihr Freund sein.“45 Dr. Korff lässt die Mädchen in seinen Fallgeschichten selbstbewusster und sexuell aktiver erscheinen, kritisiert aber gleichzeitig Mädchen, die ihre Sexualität genauso selbstbestimmt ausleben wie die Jungen. Einerseits wird Verständnis für Jugendliche aufgebracht, welche aus „Rollenkonventionen“46 fallen. Andererseits ist es sicher nicht förderlich, wenn in den Fallgeschichten das Wort „Flittchen“47 für ein Mädchen verwendet wird, das es „wie […] ein Junge macht“. Am Ende des Textes stellt Dr. Korff zwar klar, das „solche Einstufungen natürlich Unsinn“48 sind, dennoch tragen solche Äußerungen zu Verunsicherungen bei den Jugendlichen bei.

Fazit Mit den auslaufenden 1960er Jahren kam kein Aufklärungsartikel ohne eine ganz- bzw. halbnackte Abbildung aus. Wobei festgehalten werden muss, dass zu dieser Zeit wesentlich mehr Mädchen als Jungen in erotischen Positionen dargestellt wurden. Ende der 1970er bzw. Anfang der 1980er Jahre wurden vermehrt Jugendliche gemeinsam abgebildet. Ebenso konnte festgestellt werden, dass bis ca. Mitte der 1970er Jahre die Bilder einen verträumten, unaufgeklärten, hilfsbedürftigen Mädchentyp transportierten. Ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre gab es diesbezüglich eine Änderung. Nun wurden selbstbewusste, fröhlich wirkende Mädchen abgebildet. Im Vergleich zu den Mädchen konnte bei den Bilddarstellungen der heterosexuellen Jungen keine solche Diskrepanz festgestellt werden. Männliche Homosexuelle dagegen wurden anfänglich noch maskulin abgebildet und im Laufe der Zeit femininer dargestellt. Im Zuge des Verlags- sowie Personalwechsels setzte sich Ende der 1960er Jahre zwar ein liberaler Sexualdiskurs durch, jedoch schwang bei den Berichterstattungen unterschwellig immer noch ein konservativer Ton mit. Anfang der 1970er Jahre schien dieser Konservativismus endgültig überwunden zu sein. Im heterosexuellen Bereich wurden alle möglichen Aspekte thematisiert und eine jugendgerechte Sprache verwendet. Verpackt in unzählige Fallgeschichten, konnten sexuelle und emotionale Probleme jugendgerecht thematisiert werden. Die Ergebnisse ergaben 41 Dr. Alexander Korff, PUBERTÄT – Große Aufklärungsserie von Dr. med. Alexander Korff. NECKING Streicheleien, die heisse Gefühle machen. BRAVO, 1981, Nr. 15. 42 Ebd. 43 Ebd. 44 Ebd. 45 Ebd. 46 Freund, Jungs, 80. 47 Zitat nach ebd. 48 Ebd.

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aber, dass die BRAVO in ihrer Berichterstattung gleichgeschlechtliche Liebe nie als eigene sexuelle Form behandelte, sondern stets als eine vorübergehende Phase in der Pubertät beschrieb. Ziel war es offensichtlich, Jugendliche auf den Weg der Heterosexualität zurück zu führen.

Quellenverzeichnis BRAVO veröffentlicht die Ergebnisse der großen Fragebogen-Aktion: die geheimen Wünsche – So lebt und liebt die Jugend 69. Erst kommt die Liebe- dann der Sex, BRAVO, 1969, Nr. 34. Dr. Kirsten Lindstroem, Liebe ohne Geheimnis, Wenn Mädchen Mädchen verführen, BRAVO,1969, Nr. 44. Dr. Alexander Korff, Die heißen Fragen der Liebe. Sind unsere Liebesspiele normal? BRAVO, 1971, Nr. 13. Dr. Alexander Korff, Liebe ohne Angst. Zarter Sex für junge Leute, BRAVO, 1972, Nr. 4. Dr. Alexander Korff, Liebe ohne Angst. Wenn Mädchen Mann und Frau spielen, BRAVO, 1972, Nr. 6. Dr. Alexander Korff, Für junge Leute, die die Liebe nicht dem Zufall überlassen wollen. Aufklärung für Fortgeschrittene. BRAVO, 1973, Nr. 2. Dr. Alexander Korff, Mädchen-Liebe, BRAVO, 1979, Nr. 30. Dr. Alexander Korff, Dr. med. Alexander Korff bringt Ergänzungen zum Sexualkunde-Unterricht und wichtige Informationen zu einem heiklen Thema. Liebe ohne Partner, BRAVO, 1979, Nr. 45. Dr. Alexander Korff, Was viele nicht zu fragen wagen, Wie merkt ein Junge, dass er schwul ist? BRAVO, 1980, Nr. 32. Dr. Alexander Korff, PUBERTÄT- Große Aufklärungsserie von Dr. med. Alexander Korff. NECKING Streicheleien, die heisse Gefühle machen. BRAVO, 1981, Nr. 15. Liebe & Sex zwischen 15 und 17, Hubert: Bei uns passierte es auf dem Teppich, BRAVO, 1983, Nr. 43.

Literaturliste Achim Landwehr, Historische Diskursanalyse, Frankfurt am Main 32008. Alfred Holzbrecher/Sandra Tell, Jugendfotos verstehen. Bildhermeneutik in der medienpädagogischen Arbeit, in: Winfried Marotzki/Horst Niesyto (Hg.), Bildinterpretation und Bildverstehen. Methodische Ansätze aus sozialwissenschaftlicher, kunst- und medienpädagogischer Perspektive, Wiesbaden 2006. Franz X. Eder, Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität, München 2002.

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Béatrice Grasser

Lutz Sauerteig, Die Herstellung des sexuellen und erotischen Körpers in der westdeutschen Jugendzeitschrift BRAVO in den 1960er und 1970er Jahren (Manuskript), erscheint in Medizinhistorisches Journal. Peter Holzwarth, Fotografie als visueller Zugang zu Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, in: Winfried Marotzki/Horst Niesyto (Hg.), Bildinterpretation und Bildverstehen. Methodische Ansätze aus sozialwissenschaftlicher, kunst- und medienpädagogischer Perspektive, Wiesbaden 2006. Renate Freund, Toughe Jungs und süße Girls? Geschlechterverhältnisse und Jugendsexualität in der BRAVO, in: Archiv der Jugendkulturen e. V. (Hg.), Archiv der Jugendkulturen: 50 Jahre BRAVO, Berlin 2005. Susanne Wenzel, Sexuelle Fragen und Probleme Jugendlicher: dargestellt an den Leserbriefen von der Zeitschrift „BRAVO“ (1968–1987), in: Norbert Kluge (Hg.), Studien zur Sexualpädagogik Bd. 6, Frankfurt am Main/Bern/New-York/Paris 1990. Thommi Herrwerth, Partys, Pop, Petting: die Sixties im Spiegel der Bravo, Marburg 1997.

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„Niemals vergessen!“

„Niemals vergessen!“ Eine Ausstellung zwischen antifaschistischer Agitation und Konsensdemokratie Florian Knotz

Die Ausstellung „Niemals vergessen!“, die von September bis November 1946 im Wiener Künstlerhaus zu sehen war, ist besonders aufgrund ihrer zeitlichen Nähe zur nationalsozialistischen Herrschaft und dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein interessanter Forschungsgegenstand. Trotzdem existiert zu dieser Ausstellung nur eine kritische historische Untersuchung,1 „Die Schau mit dem Hammer“ von Wolfgang Kos2; auf dieser aufbauend soll in diesem Text der Narrativ der Ausstellung und ihre Einfügung in den zeitgenössischen politischen Kontext beschrieben werden. Einerseits werden Anzeichen dafür herausgearbeitet, dass es sich bei „Niemals vergessen!“ um eine „spontane Manifestation antifaschistischer Agitation“3 handelt, andererseits wird dargestellt, wie der Inhalt der Ausstellung – bedingt durch den politischen Konsens des Festhaltens an Opfer- und Widerstandsthese durch die führenden Köpfe der österreichischen Nachkriegspolitik – entradikalisiert und das Anliegen, niemals zu vergessen, bis zu einem gewissen Grad ad absurdum geführt wurde. 1 Mein Dank geht an dieser Stelle an Daniela Salhofer, ohne deren Mitarbeit und Inspiration dieser Text nicht zustande gekommen wäre. Außerdem möchte ich Mag.a Dr.in Regina Fritz danken, deren konstruktives und kritisches Feedback die finale Fassung dieses Textes maßgeblich beeinflusst hat. 2 Vgl. Wolfgang Kos, Die Schau mit dem Hammer. Zur Planung, Ideologie und Gestaltung der antifaschistischen Ausstellung „Niemals vergessen!“, in: Ders., Eigenheim Österreich. Zu Politik, Kultur und Alltag nach 1945, Wien 1994, 7–58. 3 Ebd., 10.

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Florian Knotz

Dazu wird in einem ersten Schritt die politische Situation Österreichs in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg dargestellt. Im zweiten Schritt werden die Ausstellung „Niemals vergessen!“, ihre Macher, Daten und Rezeption, sowie ihr Aufbau beschrieben. Daran anschließend werden der Ausstellungskatalog4, das Gedenkbuch zur Ausstellung5 und die Entradikalisierung der Ausstellung analysiert. Mithilfe der Analyse dieser Quellen wird die Stellung der Schau zwischen antifaschistischer Agitation und konsensuellem politischen Vorgehen herausgearbeitet. Dem folgt ein abschließendes Fazit. Im vorliegenden Beitrag werde ich mit dem Begriff Antifaschismus, wie ihn Gerhard Botz 1994 definiert hatte6, arbeiten.

Die politische Situation nach dem Zweiten Weltkrieg Bildung der Großen Koalition und Konstituierung der „Lebenslüge“ Bereits vor dem Ende der Kampfhandlungen konstituierten sich drei Parteien in Österreich neu: Am 14.4.1945 wurde die SPÖ neu begründet und am 17.4.1945 rekonstituierte sich das bürgerliche Lager (die Christlichsozialen und der Landbund bildeten die ÖVP) sowie die KPÖ. Das nationale Lager war bis 1949 nicht existent, erst in jenem Jahr wurde von den Alliierten die Gründung einer vierten Partei, dem Verband der Unabhängigen (VdU), gestattet. SPÖ, ÖVP und KPÖ, die „drei antifaschistischen Parteien“7, bildeten unter der Leitung Karl Renners eine provisorische Konzentrationsregierung. Am 27.4.1945 wurde in der Unabhängigkeitserklärung die Zweite Republik „im Geiste der Verfassung von 1920“8 proklamiert, der Anschluss an das Deutsche Reich wurde für null und nichtig erklärt. Es ging an die „Errichtung einer Demokratie, die auf Zusammenarbeit aller antinazistischen Strömungen“9 basierte. Wichtige Grundlage für das Vorgehen der Regierung war die Moskauer Deklaration vom Oktober 1943. Hierin war Österreich von den Alliierten zum ersten Opfer der nationalsozialistischen Expansionspolitik erklärt worden; gleichzeitig wurde darin von Österreich aber auch ein eigener Beitrag zu seiner Befreiung gefordert. Diese Opferthese der Moskauer Deklaration lässt sich in der Unabhängigkeitserklärung Österreichs wiederfinden, es wird vermittelt, dass „der Anschluss des Jahres 1938 […] durch militärische Bedrohung von außen und den hochverräterischen Terror einer nazifaschistischen Minderheit […] dem hilflos gewordenen Volke Österreichs aufgezwungen worden ist.“10 Auch der österreichische Anteil an seiner Befreiung wurde von den führenden PolitikerInnen der Zweiten Republik immer wieder betont, wenn auch die sowjetische Nachrichtenagentur TASS dazu lakonisch vermeldete: „Von einem öster4 Vgl. Victor T. Slama, Katalog zur antifaschistischen Ausstellung ‚Niemals vergessen!‘. September – November 1946, Wien, Künstlerhaus, Wien 1946. 5 Vgl. Viktor Matejka/Victor Th. Slama/Gemeinde Wien, Verwaltungsgruppe III, Kultur und Volksbildung (Hg.), Niemals vergessen! Ein Buch der Anklage, Mahnung und Verpflichtung, Wien 1946. 6 Vgl. Gerhard Botz, Erstarrter „Antifaschismus“ und „paranazistisches Substrat“: Zwei Seiten einer Medaille, in: Ders./Gerald Sprengnagel (Hg.), Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker, Frankfurt am Main/New York 1994, 452–464, hier: 452–455. 7 Karl Vocelka, Geschichte Österreichs. Kultur – Gesellschaft – Politik, Graz/Wien/Köln 2009, 317. 8 Ebd. 9 Hans Prader, Die Angst der Gewerkschaft vor’m Klassenkampf. Der ÖGB und die Weichenstellung 1945–1950, Wien 1975, 14. 10 Proklamation über die Selbständigkeit Österreichs vom 27. April 1945 (St.G.Bl. 1/1945), http://www.verfassungen.de/at/unabhaengigkeit45.htm, 2011 Februar 6.

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„Niemals vergessen!“

reichischen ‚Widerstand‘ war selbst während des Sturmes der Sowjetarmeen auf Wien kaum etwas zu merken.“11 Bereits am 25. November 1945 kam es zu den ersten freien Wahlen seit 15 Jahren. ÖVP und SPÖ erhielten fast die gesamten Stimmen, die KommunistInnen, die im Widerstand während der NS-Herrschaft die wichtigste Gruppe dargestellt hatten, verschwanden zunehmend in die politische Bedeutungslosigkeit. Die im Dezember 1945 gebildete Große Koalition bestand in verschiedenen Formen bis 1966; im Gegensatz zur Ersten Republik überwanden ÖVP und SPÖ ihre ideologischen Differenzen: Proporzdemokratie und Sozialpartnerschaft bildeten sich heraus. Der Antifaschismus als einigendes Band der antinazistischen Parteien verlor bald an Vehemenz, im Vordergrund stand „totale Konfliktvermeidung“12, womit, um Wolfgang Kos zu zitieren, ein „Klima des Unschöpferischen und der Verwaschenheit einherging, [das] man allzu gerne in Kauf“13 nahm. Die PolitikerInnen der beiden „staatstragenden Parteien“14 versuchten, „Kalamitäten zu vermeiden“15. Entscheidungen wurden oftmals informell getroffen. Paradigmen der Nachkriegspolitik waren Opfer- und Widerstandsthese sowie der Mythos einer „Stunde Null“ im Jahr 1945 („Gründungsmythos der Zweiten Republik“). Vorrangiges Ziel war es, „so bald als möglich von der Befreiung zur Freiheit zu gelangen und die alliierte Besatzung abzuschütteln“.16 Außerdem zeigten viele führende PolitikerInnen die Absicht und Motivation, sich besonders stark von Deutschland zu distanzieren.17 Dieses offiziöse, von Mythen bestimmte Geschichtsbild blieb im Wesentlichen bis in die 1980er Jahre bestehen, erst durch die Affäre Waldheim wurde die NS-Vergangenheit Österreichs, nicht zuletzt von ZeithistorikerInnen, kritischer beleuchtet. In punkto Anschluss und MittäterInnenschaft wurde der Opferthese eine These der „Externalisierung der Schuld“18 gegenübergestellt. Exkurs: Antifaschismus Da Antifaschismus einer der zentralen Begriffe dieses Textes ist, werden im Folgenden terminologische Fragen zu diesem Komplex behandelt. Schlägt man im Duden nach, findet sich eine sehr universelle Definition des Begriffes Antifaschismus als „politische Einstellung und Aktivi-

11 Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Widerstand, 1975, Bd. III, 397. 12 Wolfgang Kos, Inventur 45/55. Österreich im ersten Jahrzehnt der Zweiten Republik, Wien 1996, 10. 13 Ebd., 12. 14 Herbert Steiner, Widerstand und Nationsbewußtsein, in: Gerhard Botz/Gerald Sprengnagel (Hg.), Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker, Frankfurt am Main/New York 1994, 523–526, hier: 525. 15 Kos, Inventur, 10. 16 Gisela Wimmer, Österreich zwischen Ost und West von 1945 bis zum Abschluss des Staatsvertrages, Diss., Würzburg 1978, 278. 17 Vgl. Richard Mitten, Die Vergangenheit bewältigen?, in: Gerhard Botz/Gerald Sprengnagel (Hg.), Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker, Frankfurt am Main/New York 1994, 385–408, hier: 404f. 18 M[ario] Rainer Lepsius, Das Erbe des Nationalsozialismus und die politische Kultur der Nachfolgestaaten des „Großdeutschen Reiches“, in: Max Haller/Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny/Wolfgang Zapf (Hg.), Kultur und Gesellschaft: Verhandlungen des 24. Deutschen Soziologentags, des 11. Österreichischen Soziologentags und des 8. Kongresses der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie in Zürich 1988, Frankfurt am Main 1989, 247–264, hier: 251.

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tät gegen Nationalsozialismus und Faschismus“.19 Gerhard Botz definierte in seinem 1994 publizierten Text „Erstarrter ,Antifaschismus‘ und ,paranazistisches Substrat‘: Zwei Seiten einer Medaille“20 eine Typologie des Antifaschismus bzw. der antifaschistischen Geschichtsauffassung. Im Folgenden die wichtigsten Punkte dieser Typologie: „Aufzeigen der in der Tat schrecklichen Wirkungen des Faschismus, als dessen Prototyp, jedoch nicht einzige Spielart, der Nationalsozialismus gilt; Beschreibung seiner Inhumanität und unmenschlichen Diktatur. […] Damit verbindet der Antifaschismus eine heroisierende Betonung des Widerstandes und des Gedenkens an die Opfer des Faschismus. […] Er steht marxistischen Traditionen nahe, ohne mit diesen vollkommen identisch zu sein. […] Dem Antifaschismus [ist] […] die Tendenz immanent, […] die volksparteiartige soziale Basis des Nationalsozialismus, und dessen tiefe Verankerung in Österreich selbst herunterzuspielen; oder die Bedeutung der Anschlußwünsche der Österreicher überhaupt zu leugnen und den Nationalsozialismus als Importartikel aus Deutschland […] darzustellen.“21

Es ist wichtig festzuhalten, dass Antifaschismus nicht synonym für Marxismus / Sozialismus / Kommunismus gebraucht werden kann, da er seine Basis auch im konservativen Lager hatte. Besonders in den ersten Jahren der Zweiten Republik gehörte „ein teils deklaratorischer, teils echter Antifaschismus zum Basiskonsens des neu erstandenen Österreich.“22 Dieser „antifaschistische Konsens“ bildete die Grundlage der Zusammenarbeit der wiedererrichteten österreichischen Parteien nach 1945, erodierte allerdings bald zusehends. Spätestens mit der Zulassung der registrierten NationalsozialistInnen zu den Wahlen 1949 verkam der Antifaschismus der beiden Großparteien zu einer leeren Worthülse; seine Symbolik konnte allerdings in den Verhandlungen mit den Alliierten eingesetzt werden, um den Souveränitätsbestrebungen Österreichs Legitimität zu verleihen.

Die Ausstellung Die Ausstellungsmacher Viktor Matejka gehörte bis zum April 1945 keiner politischen Partei an, sondern nannte sich selbst einen unabhängigen Linken.23 Im April 1945 trat er jedoch der KPÖ bei und wurde am 20. April 1945 zum Wiener Stadtrat für Kultur und Volksbildung ernannt. Allerdings bewahrte sich Matejka in dieser Funktion jene „politische Unabhängigkeit, die schon immer ein Charakteristikum seiner Persönlichkeit darstellte“24; des Weiteren zeichnete ihn eine Aufgeschlossenheit Neuem gegenüber aus, er war für den „Reiz des ‚Nochnichtdagewesenen‘ sehr empfänglich“.25 Matejka erhielt von der sowjetischen Besatzungsmacht die Order, das kulturelle Leben Wiens so schnell wie möglich in Gang zu bringen26, womit teilweise der frühe Zeitpunkt der Ausstel19 Dudenredaktion (Hg.), Duden Fremdwörterbuch, Mannheim [u. a.] 72001, 72. 20 Botz, Antifaschismus, 452–464. 21 Ebd., 452–454. 22 Ebd., 452. 23 Viktor Matejka in der ORF-Sendung „Zeugen der Zeit“, 5.7.1974, zitiert in: Elisabeth M(ajela) Klamper, Viktor Matejka. Beitrag zu einer Biographie, Diss., Wien, 1981, 349. 24 Klamper, Viktor Matejka, 370. 25 Ebd., 374. 26 Ebd., 377ff.

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lung „Niemals vergessen!“ zu erklären ist. Ausstellungen hatten für Matejka besonders den Auftrag der Volksbildung.27 Dies bedeutete in Bezug auf „Niemals vergessen!“ einerseits, darin die Gräuel des Faschismus darzustellen, andererseits sollte sie aber auch als „Appell an alle friedliebenden Menschen“28 verstanden werden. Der Grafiker Victor Theodor Slama, „ein profilierter Propagandist der Sozialdemokratie“29, wurde Ende April von Matejka mit der Konzeption und Leitung der Ausstellung beauftragt. Slama war Spezialist für politische Plakate und schuf, vor allem für die Sozialdemokratie der Ersten Republik, Bilder und Grafiken mit hohem Pathos. Bereits Mitte Mai 1945 legte Slama ein Exposé vor, in dem er die Prämisse vertrat, dass es „auch nach dem Sieg der Alliierten ein Faschismusproblem geben werde“30. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt das Plakatsujet zur Ausstellung, von dem weiter unten noch die Rede sein wird. Paul Kirnig war neben Slama der prägendste Gestalter der Ausstellung, und wurde Ende Mai 1945 mit der grafischen Leitung der Ausstellung betraut.31 Kirnig bediente sich in seinen Arbeiten eines ähnlichen Stils wie Slama, und widmete sich besonders der Darstellung industrieller Motive. Er war von 1935 bis 1953 an der Wiener Kunstgewerbeschule beschäftigt (die er zuvor selbst absolviert hatte), und so waren auch einige seiner Schüler als Mitarbeiter von „Niemals vergessen!“ tätig.32 Kirnig hatte zwar eine kommunistische Vergangenheit, war zugleich aber ein entregistriertes NSDAP-Mitglied; dennoch hatten weder Matejka noch Slama Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit und ideologischen Verfassung.33 Das Zusammenspiel dieser drei, ideologisch dem linken Lager zuzuordnenden Akteure, versprach eine radikale Ausstellungskonzeption zu zeitigen, eingedenk der zuvor beschriebenen politischen Situation der Zweiten Republik. Wolfgang Kos beschreibt das Ergebnis treffend: „Überspitzt gesagt: ‚Niemals vergessen!‘ war eine traditionell gearbeitete moderne Propagandaausstellung, deren Bildkraft Menschen mit propagandistischen Mitteln gegen totalitäre Propaganda immunisieren sollte.“34 Daten und Rezeption der Ausstellung „Niemals vergessen!“ fand von September bis November 1946 im Künstlerhaus in Wien statt; im Anschluss wurde sie auch in anderen Bundeshauptstädten gezeigt. Bundesweit konnten über 840.000 BesucherInnen erreicht werden, während der vierzehn Wochen in Wien allein 260.000. Hinsichtlich dieser Zahlen kann von einem „Publikumserfolg“35 gesprochen werden. In Wien gab es Tage mit bis zu 5.000 Interessierten, dies führte mitunter zu temporären Schließungen wegen Überfüllung. Wolfgang Kos sieht den Erfolg der Ausstellung „möglicherweise [in der] Hervorhebung der entschuldbaren Verführung [der Österreicher durch den

27 Ebd., 410–411. 28 Ebd., 416. 29 Kos, Schau, 10. 30 Ebd. 31 Ebd., 17. 32 Ebd., 18. 33 Vgl. ebd., 17f. 34 Ebd., 20. 35 Ebd., 12.

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Nationalsozialismus]“36 begründet; grundsätzlich ist die Rezeption angesichts der kritischen ökonomischen und finanziellen Situation im Jahre 1946 als überraschend gut zu bewerten. Die Ausstellungsmacher suchten innerhalb der Ausstellung immer wieder das Gespräch mit den BesucherInnen und initiierten schließlich eine Fragebogen-Aktion, mit welcher der pädagogische Wert der Ausstellung evaluiert werden sollte. Ziel war es zu erfahren, inwiefern der Besuch der Ausstellung bei registrierten NationalsozialistInnen Spuren hinterlassen hatte. Im Laufe dieser Aktion wurden 125.000 Einladungen und Fragebögen an ehemalige NSDAPMitglieder ausgeschickt, die den Hinweis enthielten, dass der Besuch der Ausstellung sowie das Ausfüllen der Fragebögen beim Entregistrierungsprozess vorteilhaft sein könnten.37 Besonders Matejka lag diese Aktion am Herzen; hier lässt sich sein Anliegen, mit dieser Ausstellung Volksbildung zu betreiben, gut erkennen. Der Aufbau der Ausstellung Im Erdgeschoß des Künstlerhauses befand sich die Hauptausstellung, im ersten Stock wurde parallel eine Ausstellung Bildender Kunst (167 Bilder in sieben Sälen) zum Thema Faschismus gezeigt, auf die allerdings im Rahmen dieses Textes nicht näher eingegangen wird. Die Ausstellung im Erdgeschoß fand in zwölf Sälen statt, die nach einer vorgegebenen Route im Uhrzeigersinn zu durchqueren waren. Die Säle I bis IV behandelten die repressive Herrschaft der Nationalsozialisten (Saal I: „Faschismus = Imperialismus + Chauvinismus gepaart mit Brutalität“; Saal II: „Recht siegt über Gewalt“; Saal III: „Faschismus ist Krieg – Faschismus ist Tod“; Saal IV: „Warner“). Saal V („Lüge, Verrat, Gewalt, die Stützpfeiler des Faschismus“) wurde bereits im Mai 1945 konzipiert38 und stellte zusammen mit Saal VII („Widerstand“, untergliedert in 1. „Formen des Widerstands“; 2. „Methoden des Widerstands“; 3. „Widerstand in Europa“; 4. „Widerstand in den KZ“; 5. „Widerstand in Österreich“) und Saal VIII („Weiheraum den im Kampf gegen den Faschismus gefallenen Österreichern gewidmet“) das Zentrum der Ausstellung dar. Saal VI („Judenverfolgung – Judenvernichtung“) thematisierte den Völkermord, Saal IX („Wiederaufbau ist Antifaschismus“) und Saal X („Wiederaufbau Österreichs“) beschäftigten sich mit dem Wiederaufbau. In den letzten beiden Sälen (Saal XI: „Weltgemeinschaft oder Untergang“; Saal XII: „Krieg der Zukunft – Selbstmord der Menschheit“) wurden die Schrecken des Zweiten Weltkrieges dargestellt und darauf aufbauend für eine internationale Zusammenarbeit plädiert. Auffallendes stilistisches Merkmal der Ausstellung war die „klassenkämpferische Agitationsgraphik der zwanziger Jahre“.39 Besonders Slama war ein talentierter Vertreter der „Megaphon-Ästhetik“40, die zum Ziel hatte, komplexe soziale und politische Themen polemisierend und „schlagend“ in Bilder zu fassen. Insgesamt wurden in der Ausstellung „Niemals vergessen!“ 204 Objekte ausgestellt. Der überwiegende Teil waren Wandtafeln, Fotocollagen, historische Karten, Plakate und statisti36 Ebd., 12f. 37 Vgl. ebd., 48ff. Kos führt aus, dass die Rücklaufquote der Fragebögen unklar ist. Nach Angaben Slamas nahmen 50.000 ‚Registrierte‘ die Einladung zur Ausstellung an. 38 Vgl. ebd., 11. 39 Ebd., 14. 40 Ebd.

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Abbildung 1: Plakat zur Ausstellung ‚Niemals vergessen!‘, Victor T. Slama, Katalog zur antifaschistischen Ausstellung ‚Niemals vergessen!’. September – November 1946, Wien, Künstlerhaus, Wien 1946. 49 InnenAnsichten, 1(2012),1


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sche Bildtafeln. In Saal VI („Judenverfolgung – Judenvernichtung“) waren außerdem Vitrinen mit Objekten der Judenvertreibung und -ermordung angebracht, über den genauen Inhalt dieser Vitrinen gibt der Ausstellungskatalog jedoch keine Auskunft.41 In den Sälen IV und VIII befanden sich überdies Plastiken (Saal IV: „Der Rufer in der Wüste“ [Prof. Hey], Saal VIII: „Der letzte Mensch“ [Prof. Hanak]).

Analyse Leider gibt es zur Ausstellung „Niemals vergessen!“ keine vollständige Bild- bzw. Objektsammlung, weshalb sich die Quellenanalyse auf den (inhaltlich sehr unvollständigen) Ausstellungskatalog und das Gedenkbuch zur Ausstellung beschränken muss. Der Ausstellungskatalog enthält nur sehr wenige Abbildungen, daher können teilweise nur die Titel der jeweiligen Objekte auf ihre Botschaft hin analysiert werden. Der Ausstellungskatalog42 Als erstes Objekt soll das Plakat der Ausstellung (vgl. Abb. 1) näher betrachtet werden. Wolfgang Kos beschreibt das Sujet des „Hammerschwingers“ treffend als einen „wuchtigen roten Riesen, der suggerierte, man könne die faschistische Ideologie […] durch entschlossenes Zupacken ein für allemal zerschmettern.“43 Anhand dieses Plakats lassen sich die stilistischen Merkmale der „Megaphonästhetik“ nachvollziehen: kantige Umrisse, martialische Posen und einprägsame Bildsprache im Zeichen einer politisch-polemischen Grafikkunst. Interessant erscheint die Abbildung der fünf Flaggen am rechten Bildrand. Neben den Flaggen der vier Alliierten ist auch der rot-weiß-rote Bindenschild zu erkennen, allerdings ohne Wappentier im Zentrum. Diese österreichische Flagge überlappt die anderen vier Flaggen, was als ein Hinweis auf die Aufbauarbeit Österreichs seit Kriegsende aber auch als Betonung des eigenen Anteils an der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft (ganz im Sinne der Moskauer Deklaration) gedeutet werden kann. Interessant ist die Anordnung der alliierten Flaggen. Beginnend mit der britischen Flagge folgen die russische, die amerikanische und an unterster Stelle die französische. Es ließe sich vermuten, dass Slama (der Gestalter des Sujets) als „Linker“ der Sowjetunion ideologisch näher stünde als Großbritannien. Außerdem würde die insgesamt stark „linke“ Stilistik dieses Plakats eine stärkere Hervorhebung der Sowjetflagge als naheliegend erscheinen lassen. Als lohnend erweist sich ein Blick auf das Motto der Ausstellung, welches auf Seite 7 des Katalogs abgedruckt ist: „Nicht der Verewigung des Hasses dient diese Ausstellung. Wir alle sind schuldig. Jeder erkenne selbst sein Maß an Schuld. Keiner verschließe sich den dargereichten Argumenten, vor allem nicht, wer – bedrängt von Not oder irregeleitet – in der Front des Verderbens stand. Erkenntnis allein ermöglicht den Bau einer besseren Welt. NIEMALS VERGESSEN!“

An diesem Motto ist vor allem der Hinweis auf diejenigen ÖsterreicherInnen, die „irregeleitet“ dem Nationalsozialismus folgten, hervorzuheben. Diese Formulierung kann als Fundierung 41 Vgl. Slama, Katalog, 20–21. 42 Ebd.. 43 Kos, Schau, 10–11.

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der Opferthese gewertet werden, da sie eine Lesart nahelegt, nach der „die Deutschen“ die ÖsterreicherInnen manipuliert und zum Mitmachen verführt hätten. Allerdings lässt sich aus der Passage „Erkenntnis allein ermöglicht den Bau einer besseren Welt“ der besonders von Matejka vertretene, pädagogische Gedanke der Volksbildung herauslesen. Die Leitgrafik des Saales V „Lüge, Verrat, Gewalt, die Stützpfeiler des Faschismus“ (vgl. Abb. 2) personifiziert die Schuldigen an den Gräueln des Zweiten Weltkrieges. Darauf werden Hitler, Goebbels und Himmler als düstere, sadistische Dämonen dargestellt. Dass allerdings weder die kriegerische Expansionspolitik, noch der Holocaust ohne willfährige HelferInnen (auch aus Österreich) durchgeführt hätte werden können, verschweigt diese Grafik. Anhand dieser Abbildung lässt sich insbesondere die – später von M. Rainer Lepsius als „Externalisierung der Schuld“44 bezeichnete – These erkennen, dass alle Verbrechen von Deutschen – und nicht von ÖsterreicherInnenn – begangen worden wären. Der zentrale Saal VII, der im Zeichen des Widerstandes stand, bestand aus fünf Teilen, wobei der letzte und größte davon sich dem Widerstand in Österreich widmete. Leider sind im Ausstellungskatalog keine Abbildungen dieses Saales enthalten, weshalb hier die prägnantesten Titel der Objekte genannt werden: „Österreich steht im permanenten Widerstand“, „Österreichs Teilnahme am Widerstand anderer Länder“, „Österreicher kämpfen in den alliierten Armeen“. Anhand dieser Objekte lässt sich das Bild, das vom österreichischen Widerstand gezeichnet wird, nachvollziehen: Österreich war von den Nationalsozialisten „besetzt“, versuchte jedoch während der Zeit von 1938 bis 1945 durch Widerstand das NS-System zu stürzen oder wenigstens zu untergraben – so der Duktus. Auf diese Weise sollen sowohl die Opfer- als auch die Widerstandsthese gefestigt werden. Saal VIII steht ebenfalls im Zeichen des österreichischen Widerstandes. Er stellt den „Weihe­raum den im Kampf gegen den Faschismus gefallenen Österreichern gewidmet“ dar. In diesem Raum befindet sich die Plastik „Der letzte Mensch“ von Prof. Hanak (vgl. Abb. 3). Interessant ist allerdings vor allem das Motto dieses Saales: „Ein Licht leuchtet aus dem Abgrund – eure Opfer waren nicht vergeblich. Ihr habt uns den Glauben an die Menschheit gerettet – wir wollen es euch ewig danken.“

Dieses pathetische Motto soll an die Opfer des österreichischen Widerstandes erinnern und sakralisiert die WiderständlerInnen gewissermaßen zu HeldInnen der Menschheit.45 Auch hier wird der Widerstandsthese zugearbeitet. Es kann durch diese Zeilen dem österreichischen Widerstand gar eine christliche Märtyrerkonnotation zugesprochen werden: Das „Licht“ aus dem „Abgrund“ kämpft gegen die dunklen Mächte der Nationalsozialisten. Das Gedenkbuch zur Ausstellung „Niemals vergessen!“46 Die Textbeiträge im Gedenkbuch zur Ausstellung weisen eine „genau registrierte Parteizuordnung“47 auf. Frei nach dem Proporz-Prinzip finden sich darin 18 SPÖ-nahe und 14 44 Vgl. Lepsius, Erbe, 251. 45 An dieser Stelle soll die Widerstandsbewegung keineswegs marginalisiert werden; Ziel ist es, auf die Überhöhung der Darstellung in der Ausstellung hinzuweisen. 46 Matejka/Slama/Gemeinde Wien, Niemals vergessen. 47 Kos, Schau, 32.

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Abbildung 2: ‚Lüge Verrat Gewalt‘, Victor T. Slama, Katalog zur antifaschistischen Ausstellung ‚Niemals vergessen!‘. September – November 1946, Wien, Künstlerhaus, Wien 1946. 52


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Abbildung 3: Plastik ‚Der letzte Mensch‘, Victor T. Slama, Katalog zur antifaschistischen Ausstellung ‚Niemals vergessen!‘. September – November 1946, Wien, Künstlerhaus, Wien 1946. 53 InnenAnsichten, 1(2012),1


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ÖVP-nahe Artikel, des Weiteren zehn Artikel von Parteilosen und sechs Beiträge der KPÖ.48 Besonders hervorzuheben sind im Gedenkbuch die Textbeiträge des Bundespräsidenten Karl Renner, des Bundeskanzlers Leopold Figl sowie von Victor Theodor Slama. Karl Renners Beitrag49 lässt schon durch die Überschrift die Ausrichtung erkennen: „Die demokratische Grundhaltung des Österreichers und die Wiederherstellung der demokratischen Republik. Enthauptung und Zerstückelung Österreichs“. Renner vertritt vehement die Opferthese, indem er schreibt, dass die „selbständige Republik Oesterreich [sic!] vollständig ausgetilgt“ und „alles was österreichisch war, dem Reich einverleibt, umgegliedert, umgestaltet, umbenannt oder gänzlich vernichtet“ worden wäre. Renner betont die demokratische Grundgesinnung der ÖsterreicherInnen und erklärt den Anschluss ausschließlich durch ein Weichen vor der Gewalt. Im weiteren Verlauf seines Beitrags vertritt Renner die Ansicht, dass nach dem Einmarsch der Alliierten „kein Staat vorhanden [war], er musste in allen seinen Instanzen neu aufgebaut werden!“ Darüber hinaus unterstreicht er, dass die Provisorische Regierung „nicht von außen aufgenötigt und eingesetzt, sondern durch den einmütigen Willen aller demokratischen Parteien frei berufen“ worden wäre. Renner offenbart sich hier als politischer Vertreter der „Stunde Null der Zweiten Republik“ und stellt die demokratische Grundhaltung der ÖsterreicherInnen in den schillerndsten Farben dar. Der Beitrag Leopold Figls50 trägt den Titel „…und Österreich lebt“. Zu Beginn des Beitrags schreibt Figl der Ausstellung „Niemals vergessen!“ einen zweifachen Zweck zu: „Sie [die Ausstellung; Anm. F.K.] soll die Schrecknisse, den Terror und die Unterdrückung, die durch den Faschismus verursacht wurden, vor unserem geistigen Auge wiedererstehen lassen, sie soll aber auch den Beitrag Oesterreichs [sic!] zur Besiegung des Weltfeindes Nr. 1 in Erinnerung bringen.“

Figl vertritt also die Widerstandsthese. Er geht aber noch weiter, indem er schreibt, dass beim Anmarsch der Alliierten das „österreichische Volk selbst auf[stand] und das verhaßte Joch ab[schüttelte].“ Außer der Betonung des Widerstandes überhöht Figl hier bewusst den Anteil Österreichs an seiner eigenen Befreiung. Figl vertritt jedoch auch die Opferthese und bezeichnet den 30. Januar 1933 als „Tag der Kampfansage […] an das kleine, friedliebende Oesterreich [sic!]“. Festzustellen ist also, dass in Figls Text alle Elemente der Moskauer Deklaration enthalten sind: Österreich als Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands, der Beitrag zu seiner eigenen Befreiung und die Hervorhebung des österreichischen Widerstandes. Victor Theodor Slamas Beitrag51 unterstützt ebenso die Opferthese; er bezeichnet Österreich als „erstes Opfer der faschistischen Aggression“, das seine „demokratischen Freiheiten verteidigen, beziehungsweise verlieren“ musste. Das Ziel der Ausstellung sieht Slama in der „öffentlichen Anklage gegen jene, die durch Verrat, Gewalt und Lüge die größte Katastrophe der Menschheit verursacht hatten.“ Er sieht des Weiteren ein noch ungelöstes Faschismusproblem („Sollen die Millionen Opfer wirklich umsonst gefallen sein, soll sich das gleiche Spiel wie nach 1918 mit einem noch grauenvolleren Ausgang wiederholen?“). Daher soll die Ausstellung über die Verbrechen „der Deutschen“ aufklären, um eine erneute Konjunktur des Faschismus 48 Vgl. ebd., 32–33. 49 Matejka/Slama/Gemeinde Wien, Niemals Vergessen, 17–18. 50 Ebd., 19–21 51 Ebd., 178–180.

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zu verhindern. Der Titel der Ausstellung stammt von Slama selbst und bestimmt die „Aufgabe und das Ziel der Ausstellung“: „Anklage, Mahnung und Verpflichtung“. Gegen Ende seines Textes bringt Slama diese einem Mantra gleichende Beschreibung der Ausstellung zu Papier: „Niemals vergessen dürfen wir die Ursachen und Urheber des entsetzlichen Geschehens der letzten Jahre, niemals vergessen den Umfang an Weltzerstörung, an Menschenopfern, die Bilanz des letzten Krieges, niemals vergessen, die Methoden des Terrors, mit welchen eine Gruppe wahnsinniger Verbrecher ein ganzes Volk, ja einen ganzen Weltteil zu versklaven suchte und ins Unheil führte, niemals vergessen die gefallenen Kämpfer für Menschenrecht und Menschenwürde “

Vergleicht man diese Aufzählung mit der oben genannten Typologie des Antifaschismus nach Gerhard Botz52 erkennt man, dass die Ausstellung „Niemals vergessen!“ die meisten Kriterien erfüllt. Slama zeigt die schreckliche Wirkung des Faschismus auf und beschreibt dessen Unmenschlichkeit, außerdem betont er die Rolle des österreichischen Widerstandes, und schließlich bezeichnet er (zumindest implizit) den Nationalsozialismus als Importartikel Deutschlands („eine Gruppe wahnsinniger Verbrecher“). Die Entradikalisierung der Ausstellungskonzeption Leopold Figl und andere führende NachkriegspolitikerInnen beäugten die Planung der Ausstellung „Niemals vergessen!“ mit „großem Misstrauen“, da die zwei Hauptverantwortlichen ein „KP-Stadtrat (Matejka) [sowie ein] SP-Stargraphiker“53 waren. Figl war der Meinung, dass der Geist der Zweiten Republik nur „gedeihen [konnte], wenn die jüngste Vergangenheit selektiv betrachtet und mit Geschick instrumentalisiert wurde.“54 Dadurch kam es im Laufe der 15-monatigen Planungsphase zu einer Einflussnahme durch die Parteien. Dies führte bereits im Juli 1945 zur Einsetzung eines politischen Beirats (je zwei Mitglieder der ÖVP, SPÖ und KPÖ). Diesem Beirat kam 1946 sogar ein „Vorprüfungsrecht der Exponate und Begleittexte zu.“55 Auf diese Weise sollten eine zu radikale Darstellung und die Bearbeitung von Themen, die der politischen Elite der Zweiten Republik widerstrebten, verhindert werden. Die Beschneidung der ursprünglichen Planungen Slamas zeigte sich erstmals im Juli 1945. Besonders die Vertreter der ÖVP forcierten eine Änderung des Titels, welcher bis zu diesem Zeitpunkt noch „Antifaschistische Ausstellung“ bzw. schlicht „Antifaschismus“ lautete. Die ÖVP lehnte die explizite Verwendung des Begriffes Faschismus ab, da dieser auch auf die Zeit von 1933/34 bis 1938 – die Zeit des Austrofaschismus – verweisen konnte, zu der einige hochrangige ÖVP-Politiker Kontinuitäten aufwiesen (Leopold Figl, Julius Raab). Jedoch wurde auch der ÖVP-Titelvorschlag „Die braune Flut“ abgelehnt. Schlussendlich wurde am 9. August 1945 die Kompromissvariante Slamas „Niemals vergessen!“ angenommen.56 In weiterer Folge wurde schließlich eine Darstellung der Phase des Austrofaschismus gänzlich unterdrückt. Slama dazu in einer Aktennotiz: „Weglassen der Zeit von 1934–1938 von der OeVP conditio sine

52 Vgl. Botz, Antifaschismus, 452–454. 53 Kos, Schau, 9. 54 Ebd. 55 Ebd., 32. 56 Vgl. ebd., 32–33.

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qua non.“57 SPÖ-Vertreter versuchten zwar die Zeit von 1933/34 bis 1938 in die Ausstellung zu reintegrieren, scheiterten aber am massiven Widerstand der ÖVP-Vertreter. Das Ausklammern des Austrofaschismus ging so weit, dass im Saal VII („Widerstand“) innerhalb einer Bildmontage die Zerschlagung des Mehrparteiensystems 1933/34 so dargestellt wurde, als wäre dies von außen gesteuert worden und als hätte das faschistische Italien im Hintergrund die Fäden gezogen.58 Als zentrales Element der Ausstellung sahen alle Parteienvertreter die Betonung des österreichischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus an. Im Saal VIII („Weiheraum den im Kampf gegen den Faschismus gefallenen Österreichern gewidmet“) sollten die Namen der im Widerstand gefallenen ÖsterreicherInnen eingraviert werden. SPÖ-Vertreter schlugen prominente Opfer der Sozialdemokratie des Jahres 1934 vor (Karl Münichreiter, Koloman Wallisch), die ÖVP forderte im Gegenzug die Erwähnung Engelbert Dollfuß’ als erstes Opfer der Nationalsozialisten. Diese Vorschläge mündeten in einen Streit, sodass schließlich die „zentrale Idee des Ausstellungskonzepts“59 – nämlich die Eingravierung der gefallenen österreichischen Widerstandskämpfer – durch diese Uneinigkeiten der beiden Großparteien zunichte gemacht wurde und anstatt der eindrucksvollen Präsentation der Namen der WiderstandskämpferInnen an den Wänden des „Weiheraumes“ der bereits erwähnte pathetische Weihespruch (vgl. Seite 9f.) angebracht wurde. Eine namentliche Auflistung einzelner Personen – darunter auch Münichreiter, Wallisch und Dollfuß – findet sich lediglich im Gedenkbuch zur Ausstellung.

Fazit Anhand der zuvor beschriebenen Texte und Objekte kann „Niemals vergessen!“ als antifaschistische Ausstellung bezeichnet werden – dies zu sein beanspruchte sie gemäß ihrem Untertitel auch selbst. Bezug nehmend auf die Typologie des Antifaschismus von Gerhard Botz60 erscheinen mir folgende Aspekte als nennenswert: Es werden innerhalb der Ausstellung Wirkungen und Folgen des Faschismus, im Besonderen des Nationalsozialismus, aufgezeigt und durch die Verwendung der Stilmittel (“Megaphonästhetik“) noch zusätzlich verstärkt. Die Ausstellung beinhaltet Darstellungen der Inhumanität der Diktatur sowie deren, ausschließlich als negativ beschriebene, Folgen. Es erfolgt eine heroisierende Betonung des Widerstandes und des Gedenkens an die Opfer. Die Ausstellung steht einer marxistischen Tradition (im grafischen und stilistischen Sinne) nahe, hierbei sei an das Plakat mit dem Sujet des „Hammerschwingers“ erinnert. Die breite gesellschaftliche Basis des Nationalsozialismus und dessen tiefe Verankerung in Österreich werden von der Ausstellung verschwiegen, die Anschlusswünsche der Bevölkerung und der Parteien ausgeklammert. Der Nationalsozialismus wird als Importartikel Deutschlands – Österreich als Opfer dargestellt. Das endgültige Ergebnis der Ausstellung wich von den Planungen, vor allem Slamas und Matejkas, ab, da Konzessionen an den von den Großparteien angedachten Zeitgeist der Zwei57 Gedächtnisprotokoll Slama vom 30.7.1945 im Konvolut der Sitzungsprotokolle. WStLA, MAbt 350, A 19/12, zitiert in: ebd., 33. 58 Vgl. ebd., 34–35. 59 Ebd., 35. 60 Vgl. Botz, Antifaschismus, 452–453.

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ten Republik gemacht werden mussten. Diese äußerten sich in der Entschärfung des ursprünglichen Titels sowie in der vollständigen Ausklammerung des Austrofaschismus. Aus dieser Perspektive fügte sich die Ausstellung in den herrschenden politischen Diskurs ein, indem ausschließlich an die Untaten der „deutschen“ Nationalsozialisten erinnert wurde. Außerdem stand die Betonung des österreichischen Widerstandes im Zentrum der Ausstellung (Säle VII und VIII), wenn auch durch widerstreitenden Interessen der beiden Großparteien die Dramatik des „Weiheraumes“ (Saal VIII) minimiert wurde. Zieht man die Textbeiträge im Gedenkband zur Ausstellung hinzu, kann ein Festhalten an der „Lebenslüge der Zweiten Republik“ attestiert werden: Opfer- und Widerstandsmythos werden, wie auch der Mythos der „Stunde Null“, dargelegt und (zum Teil) vehement verteidigt. Ich möchte diese Abhandlung mit einigen Passagen aus einem Text von Konrad Paul Liessmann schließen. Liessmann verfasste anlässlich des Gedenkjahres 2005 einen Text zu „Opfermythos und Lebenslüge“61 und zog darin Parallelen zu Henrik Ibsens Stück „Die Wildente“ aus dem Jahre 1884, in dem nach Liessmann der Begriff der Lebenslüge seinen Ursprung hat. Liessmann konstatiert darin zwei Formen der Lebenslüge. Einerseits kennzeichnet sie „verdrängte und vergessene Vergangenheit“62, andererseits die „Flucht in eine illusionäre Welt.“63 Er geht in einem weiteren Schritt der Frage nach, warum die österreichische Lebenslüge jahrzehntelang aufrecht gehalten worden ist, und kommt zu dem Schluss: „Man habe Wichtigeres zu tun gehabt (den Wiederaufbau), ohne diese Lüge hätte man nie bekommen, was man bekommen wollte (die Eigenstaatlichkeit), und überhaupt, was wäre aus dem Land geworden, hätte man nicht rasch vergessen.“64 Anhand dieser ironischen Retrospektive stellt sich die generelle Frage der Relevanz einer Ausstellung in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Es ist anzuzweifeln, ob die Bevölkerung in einer Zeit der wirtschaftlichen Not schon frei für Gedanken der Schuld und Verantwortung war. Mag auch ein Teil des Vergessens dem bewussten Verdrängen geschuldet sein, primärer Antrieb der Bevölkerung war es, das eigene Überleben zu sichern. Der Titel „Niemals vergessen!“ ist von den Ausstellungsmachern gewiss nicht ohne Hintergedanken gewählt worden, allerdings bleibt fraglich, ob im Österreich des Jahres 1946 die Zeit schon reif für eine radikale Abrechnung mit der jüngsten Vergangenheit war.

Literatur Gerhard Botz, Erstarrter „Antifaschismus“ und „paranazistisches Substrat“: Zwei Seiten einer Medaille, in: Ders./Gerald Sprengnagel (Hg.), Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker, Frankfurt am Main/New York 1994, 452–464. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.), Widerstand, 1975, Bd. III. Dudenredaktion (Hg.), Duden Fremdwörterbuch, Mannheim u. a. 72001. 61 Konrad Paul Liessmann, Opfermythos und Lebenslüge, in: Helene Maimann (Hg.), Was bleibt. Schreiben im Gedenkjahr, Wien 2005, 114–117. 62 Ebd., 115. 63 Ebd. 64 Ebd., 116.

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Elisabeth M(ajela) Klamper, Viktor Matejka. Beitrag zu einer Biographie, Diss., Wien, 1981. Wolfgang Kos, Die Schau mit dem Hammer. Zur Planung, Ideologie und Gestaltung der antifaschistischen Ausstellung „Niemals vergessen!“, in: Ders., Eigenheim Österreich. Zu Politik, Kultur und Alltag nach 1945, Wien 1994, 7–58. Wolfgang Kos, Inventur 45/55. Österreich im ersten Jahrzehnt der Zweiten Republik, Wien 1996. M[ario] Rainer Lepsius, Das Erbe des Nationalsozialismus und die politische Kultur der Nachfolgestaaten des „Großdeutschen Reiches“, in: Max Haller/Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny/Wolfgang Zapf (Hg.), Kultur und Gesellschaft: Verhandlungen des 24. Deutschen Soziologentags, des 11. Österreichischen Soziologentags und des 8. Kongresses der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie in Zürich 1988, Frankfurt am Main 1989, 247–264. Konrad Paul Liessmann, Opfermythos und Lebenslüge, in: Helene Maimann (Hg.), Was Bleibt. Schreiben im Gedankenjahr, Wien 2005, 114–117. Viktor Matejka/Victor Th. Slama/Gemeinde Wien, Verwaltungsgruppe III, Kultur und Volksbildung (Hg.), Niemals vergessen! Ein Buch der Anklage, Mahnung und Verpflichtung, Wien 1946. Richard Mitten, Die Vergangenheit bewältigen?, in: Gerhard Botz/Gerald Sprengnagel (Hg.), Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker, Frankfurt am Main/New York 1994, 385–408. Hans Prader, Die Angst der Gewerkschaft vor’m Klassenkampf. Der ÖGB und die Weichenstellung 1945–1950, Wien 1975. Victor T. Slama, Katalog zur antifaschistischen Ausstellung ‚Niemals vergessen!‘. September – November 1946, Wien, Künstlerhaus, Wien 1946. Herbert Steiner, Widerstand und Nationsbewußtsein, in: Gerhard Botz/Gerald Sprengnagel (Hg.), Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, ÖsterreichIdentität, Waldheim und die Historiker, Frankfurt am Main/New York 1994, 523–526. Karl Vocelka, Geschichte Österreichs. Kultur – Gesellschaft – Politik, Graz/Wien/Köln 2009. Gisela Wimmer, Österreich zwischen Ost und West von 1945 bis zum Abschluss des Staatsvertrages, Diss., Würzburg 1978.

Abbildungen Abbildung 1: Plakat zur Ausstellung ‚Niemals vergessen!‘, Victor T. Slama, Katalog zur antifaschistischen Ausstellung ‚Niemals vergessen!‘. September – November 1946, Wien, Künstlerhaus, Wien 1946. Abbildung 2: ‚Lüge Verrat Gewalt‘, Victor T. Slama, Katalog zur antifaschistischen Ausstellung ‚Niemals vergessen!‘. September – November 1946, Wien, Künstlerhaus, Wien 1946. Abbildung 3: Plastik ‚Der letzte Mensch‘, Victor T. Slama, Katalog zur antifaschistischen Ausstellung ‚Niemals vergessen!’. September – November 1946, Wien, Künstlerhaus, Wien 1946.

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Verhandlungen von Ehestreitigkeiten vor dem Passauer Konsistorium unter der Enns

Verhandlungen von Ehestreitigkeiten vor dem Passauer Konsistorium unter der Enns Florian Reinhold und Julia Anna Schön

Einleitung Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen die Ratsprotokolle des Passauer Offizials unter der Enns als wertvolle Quelle zur Erforschung von Ehegerichtsbarkeit und Ehekonflikten in der Frühen Neuzeit. In der Habsburgermonarchie übernahmen bis 1783 die Kirchengerichte die Rolle des obrigkeitlichen Schlichters in Ehekonflikten. Primäres Instrument zur obrigkeitlichen Schlichtung von Ehekonflikten war die Disziplinierung eines oder beider EhepartnerInnen. Manchmal kam es aber auch vor, dass der Ehestreit durch die Aufhebung der ehelichen Pflichten – der Trennung von Tisch und Bett – durch das Konsistorium beendet wurde. Für wie lange und ob solche Trennungen oft gewährt worden sind oder welche Argumente bzw. Sachverhalte genau für die Entscheidung des Kirchengerichts ausschlaggebend waren, darüber herrscht bis heute teilweise Unklarheit, da größere Forschungen zu diesem Thema fehlen. Ziel dieser Arbeit ist es, einen Beitrag zur Schließung dieser Lücke zu leisten, indem zwei in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor dem Passauer Konsistorium unter der Enns ausgetragene Ehekonflikte anhand der Ratsprotokolle analysiert werden. Damit liefert dieser Artikel wertvolle Einblicke darin, wie Ehekonflikte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor dem Kirchengericht des Passauer Offizials unter der Enns, dem große Teile des heutigen Niederösterreichs unterstanden, ausgetragen wurden. Bevor mit der Analyse der Fälle begonnen werden kann, müssen einige Vorarbeiten erledigt werden. Im zweiten Kapitel werden daher das katholische Verständnis von Ehe und die 59 InnenAnsichten, 1(2012),1


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Gründe, die eine Trennung von Tisch und Bett legitimier(t)en, erörtert. Um zu verstehen, wie Gerichtsakten der Diözese Passau in das Wiener Diözesanarchiv gekommen sind, ist eine kurze Skizzierung der Geschichte der Diözese Passau notwendig, die im dritten Kapitel erfolgt. Das vierte Kapitel widmet sich der Beschreibung der Quelle – den Ratsprotokollen des Passauer Offizials unter der Enns – und einigen Überlegungen dazu, was HistorikerInnen beachten müssen, wenn sie diese Gerichtsakten als Quelle heranziehen. Im fünften und sechsten Kapitel wird die Austragung der Ehestreitigkeiten der Ehepaare PücherIn und WalterIn vor dem Passauer Kirchengericht unter der Enns nachgezeichnet und analysiert. In der abschießenden Conclusio werden Ähnlichkeiten und Unterschiede der beiden untersuchten Fälle herausge­arbeitet.

Ehe in der Frühen Neuzeit Die Verwendung der Begriffe „Scheidung“ oder „Ehetrennung“ ist in unserer heutigen Gesellschaft keine Seltenheit mehr. Mit diesem Thema werden Emotionen und Vorstellungen verbunden, die je nach persönlicher Erfahrung und Einstellung ganz unterschiedlich sein können. Doch eine „Scheidung“, so wie wir sie heute kennen, ist erst seit dem 20. Jahrhundert möglich. In den Augen der katholischen Kirche, welche die Verhaltensweisen, Vorstellungen und auch Gesetze vieler Menschen über einen sehr langen Zeitraum geprägt hat, ist die Ehe ein Sakrament, ein im wahrsten Sinne des Wortes vor Gott geschlossener Bund fürs Leben. Wenn sie körperlich vollzogen worden ist, gilt sie für die Kirche als unauflöslich. Bis zum Josephinischen Ehepatent 1783 war für die Ehegerichtsbarkeit ausschließlich die Kirche (Diözesangerichte) zuständig. Erst durch dieses Patent kam es zu einer Trennung zwischen dem kirchlichen Ehe­sakrament und dem staatlichen „Ehevertrag“, für welchen nun die staatlichen Gerichte zuständig waren.1 Die Zivilehe, wie wir sie heute kennen, wurde jedoch erst mit der Machtübernahme der NationalsozialistInnen in Österreich 1938 durch die Gesetzesanpassung aufgrund des Anschlusses an Deutschland eingeführt.2 Das sakramentale Band, welches bei einer katholischen Trauung entsteht, konnte nicht gelöst werden. Es gab nur die Möglichkeit, die eheliche Gemeinschaft aufheben zu lassen 3 („Trennung von Tisch und Bett“), wohingegen eine Trennung auf Dauer nur durch den Eintritt ins Kloster und der Ablegung der Gelübde möglich war.4 Ehetrennungen wurden vor 1783 vom kanonischen Eherecht geregelt, wobei vor allem das auf dem Konzil von Trient 1563 verabschiedete Dekret Tametsi eine bedeutende Rolle spielte. In diesem Dekret wurde die Zuständigkeit der Kirche für Ehebelange bekräftigt (bezüglich der Kompetenzen der weltlichen Gerichtsbarkeit fehlen jedwede Anmerkungen) und die Bestimmungen zum Eherecht systematisch verzeichnet.5 Dem auf 1 Vgl. Willibald M. Plöchl, Geschichte des Kirchenrechts, Band IV. Das katholische Kirchenrecht der Neuzeit, Zweiter Teil, Wien/München 1966, 361f. 2 Vgl. Ursula Floßmann, Österreichische Privatrechtsgeschichte, Wien/New York 62008, 85. 3 Dadurch wurde aber nur die eheliche Gemeinschaft aufgelöst und nicht das sakramentale Eheband, somit war eine neuerliche Eheschließung nicht möglich. Vgl. Willibald M. Plöchl, Geschichte des Kirchenrechts, Band II. Das Kirchenrecht der abendländischen Christenheit 1055 bis 1517, Wien/München 1955, 293. 4 Vgl. Plöchl, Geschichte des Kirchenrechts, Band IV, 320. 5 Vgl. ebd. 201ff.

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katholisches Kirchenrecht spezialisierten Juristen Willibald M. Plöchl folgend, gab es vier Trennungsgründe6: - leiblicher Ehebruch (fornicatio carnalis), - geistiger Ehebruch (fornicatio spiritualis)7, - Lebensnachstellung8 eines Gatten durch den anderen (saevitia) und - Klostereintritt (bzw. Gelübde der Enthaltsamkeit) Auch wenn diese Gründe von einem Ehepaar vor dem Kirchengericht vorgebracht worden sind, hieß das nicht, dass der Trennung stattgegeben werden musste. Welche Faktoren für die Entscheidung des Konsistoriums ausschlaggebend waren, kann heute aufgrund von fehlenden größeren Forschungen nicht mit Sicherheit gesagt werden.

Die Diözese Passau Die Diözese Passau wurde im 8. Jahrhundert eingerichtet und ab dem Beginn des 11. Jahrhunderts zählte auch die babenbergerische Ostmark zu ihrem Einflussgebiet. Den Habsburgern gelang es 1469 die Stadt Wien von Passau unabhängig zu machen und das Bistum Wien einzurichten. In den Jahren 1783/85 wurden die österreichischen Diözesanteile durch Kaiser Josef II. endgültig von Passau abgetrennt.9 Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurden in der Diözese Passau neue Leitungsämter für Verwaltung und Rechtssprechung geschaffen, wobei die Diözese selbst aufgrund ihrer Größe in zwei Verwaltungsbezirke (der Fluss Ybbs bildete die Grenze; der östliche Teil wurde oft als „…unter der Enns“ bezeichnet) eingeteilt worden ist. Der Generalvikar hatte seinen Sitz in Passau und besaß die volle Verwaltungs- und Rechtssprechungsbefugnis für die gesamte Diözese. Für den Teil „unter der Enns“ war der Offizial zuständig, der seinen Sitz seit 1357 in der Kirche Maria am Gestade in Wien hatte.10 Vor allem im Spätmittelalter scheint der Offizial mit umfassenden Gerichtsaufgaben betraut gewesen zu sein. Dies änderte sich in der Neuzeit. Während die richterliche Tätigkeit immer mehr in den Hintergrund rückte, wurde der Offizial im Bereich der Verwaltung nun fast dem Generalvikar in Passau gleichgestellt. Ab dem Ende des 16. Jahrhunderts war er auch nicht mehr dem Generalvikar, sondern direkt dem Bischof unterstellt.11 Mit der Abtretung der österreichischen Diözesanteile 1783/85 wurden auch geführte Akten und Archivalien an die neuen Diözesen abgegeben. Das Archiv des ehemaligen Passauer Offizialats in Wien wurde somit auf die Diözesen Wien und St. Pölten aufgeteilt. Seitdem befinden sich die für unsere Arbeit wichtigen Protokolle, die das gesamte ehemalige Offizialat unter

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Plöchl, Geschichte des Kirchenrechts, Band II, 293. Der geistige Ehebruch umfasste zum Beispiel den Abfall vom Glauben oder Häresie. Vgl. ebd, 293f. Bedrohung mit dem Tod. Vgl. Josef Oswald, Der organisatorische Aufbau des Bistums Passau im Mittelalter und in der Reformationszeit (Offizialats-, Dekanats- und Pfarreinteilung), in: ZRG Kann. Abt. 30, 1941, 131–164, hier: 131f. 10 Vgl. Johann Weissensteiner, Die „Passauer Protokolle“ im Wiener Diözesanarchiv, in: Josef Pauser/Martin Scheutz/Thomas Winkelbauer (Hg.), Quellenkunde der Habsburgermonarchie (16.–18. Jahrhundert). Ein exemplarisches Handbuch, Wien [u. a.] 2004, 651–662, hier: 651. 11 Vgl. ebd., 652.

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der Enns betreffen, in Wien.12 Der Passauer Offizial in Wien war Richter und hoheitlicher Verwalter des ihm zugewiesenen Gebietes unter der Enns. Da ihm keine Beamten zugeteilt wurden, schuf er sich eine eigene Behörde, welche spätestens gegen Ende des 15. Jahrhunderts festere Züge in Form eines Konsistoriums (mit kollegialem Charakter) angenommen hatte. Der Offizial hatte den Vorsitz inne und ihm alleine oblag die Auswahl der Konsistorialmitglieder. Ab dem 18. Jahrhundert kann zwischen geistlichen und weltlichen Konsistorialräten unterschieden werden, wobei jedoch nicht ganz klar ist, ob den weltlichen Räten weniger Befugnisse zustanden als den geistlichen.13 Während es im 16. und 17. Jahrhundert zu fast täglichen Sitzungen kam, verringerte sich die Anzahl im 18. Jahrhundert auf wöchentliche Zusammenkünfte.14 In den Sitzungen selbst wurde über laufende Angelegenheiten beraten. Im Großen und Ganzen umfassten sie legislative, administrative und judikative Inhalte, wie zum Beispiel bischöfliche Befehle, Hof- und Regierungsdekrete, Pfarrsachen, Kridasachen (Testaments- und Verlassenschaftsangelegenheiten), Schuldsachen oder auch Ehesachen.15

Die Ratsprotokolle des Passauer Offizials und Quellenkritik Die Ratsprotokolle des Passauer Offizials unter der Enns geben uns über die unterschiedlichsten kirchlichen Belange Auskunft. Heute sind vor allem die Protokolle des 17. und 18. Jahrhunderts (bis 1785) fast vollständig erhalten. Vom Umfang her bilden die Pfarr- und Ehesachen den Hauptinhalt der Passauer Protokolle. Zu den Ehesachen zählen neben den für unsere Arbeit interessanten Fällen von „Trennung von Tisch und Bett“ zum Beispiel auch Klagen auf die Einhaltung von Eheversprechen (Sponsalia), Ansuchen auf Dispens von Verwandtschaftsgraden oder auch Ansuchen von verwitweten Personen ohne Totenschein für ihre EhepartnerInnen, nochmals heiraten zu dürfen.16 Die Protokolle weisen eine summarische Form auf. Das bedeutet, dass es sich dabei nicht um eine genaue Niederschrift der in der Verhandlung getätigten Aussagen handelt, sondern um eine vom Schreiber nachträglich angefertigte Zusammenfassung. Dem Schreiber oblag dabei die Auswahl, welche Informationen in das knapp zu haltende summarische Protokoll aufzunehmen waren. Dabei wurde er von dem Ziel geleitet, die Entscheidung des Konsistoriums möglichst plausibel darzustellen. Dieses Ziel des Schreibers muss bei einer Analyse der Protokolle berücksichtigt werden.17 Die Einträge in den Passauer Protokollen sind immer nach einem gleichen Bauschema aufgebaut. Jeder Eintrag besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil treten die klagende und die beklagte Partei als SprecherInnen auf, während im zweiten Teil das Konsistorium spricht.18 Der 12 Vgl. ebd., 653. 13 Vgl. Willibald M. Plöchl, Zur Rechtsgeschichte der Wiener geistlichen Konsistorien, in: MIÖG 63, Wien 1955, 323–337, hier: 326, 330f. 14 Vgl. ebd., 329f. 15 Vgl. Weissensteiner, „Passauer Protokolle“, 654; Plöchl, Rechtsgeschichte, 332. 16 Vgl. Weissensteiner, „Passauer Protokolle“, 653–658. 17 Vgl. Ulrike Gleixner, Geschlechterdifferenzen und die Faktizität des Fiktionalen. Zur Dekonstruktion frühneuzeitlicher Verhörprotokolle, in: Werkstatt Geschichte 11, 1995, 65–70, hier: 66. 18 Die zwei Teile werden in den Protokollen durch bestimmte Wörter bzw. Buchstaben getrennt. Handelt es sich bei dem Eintrag um einen Verlaß (Urteilspruch), werden die beiden Teile durch das Wort Verlaß getrennt. Wird

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zweite Teil enthält in den meisten Fällen nur wenige Informationen, da er größtenteils aus standardisierten und formelhaften Phrasen besteht. Der Aufbau vermittelt den Eindruck, dass sich das Konsistorium lediglich auf das Annehmen oder Ablehnen von Gesuchen beschränkt hätte. Wie anhand des Ehekonflikts zwischen Christina und Johann WalterIn gezeigt werden wird, ist diese passive Rolle des Konsistoriums kritisch zu hinterfragen, da sie doch keineswegs dem tatsächlichen Machtverhältnis zwischen Konsistorium und den streitenden Parteien entsprach.

Maria Pücherin contra Mathias Pücher Einer der beiden Fälle aus den Passauer Protokollen des Jahres 1717 (PP 126), mit denen wir uns im Zuge unserer Arbeit näher auseinandergesetzt hatten, beschäftigt sich mit den Angelegenheiten des Ehepaares Maria und Mathias PücherIn. Maria Pücherin erschien am 17. März 1717 vor dem Konsistorium, um sich über ihren Mann, Mathias Pücher, zu beschweren. Im Protokoll ist vermerkt, dass Maria seit dem Jahr 1713 mit Mathias ordentlich verheiratet war. Zuerst wäre alles ganz gut gelaufen, doch nach einiger Zeit kam es durch seine Mutter und Schwester zu einem Zwischenfall, der ihren Ehemann dazu veranlasst hätte, sie „erstlichen mit harten schlägen zu tractiren“19. Dem nicht genug, habe Mathias sie dann auch noch von ihrem gemeinsamen Zuhause vertrieben, so dass sie zu ihren Eltern, die „naher Klosterneuburg“20 lebten, zurückkehren musste. Weiters wurde angeführt, dass „ihr herr pfarrer“21 mit den getrennten Wohnsitzen der Eheleute nicht einverstanden sei und auch Maria scheint einer Versöhnung nicht abgeneigt, allerdings nur, wenn er „seine geschwisteriget von sich dimittiret“22. Das Konsistorium wird gebeten, ihrem Mann aufzuerlegen, dass er sie als sein Eheweib zu sich nimmt, mit ihr friedlich zusammen lebt und „seine geschwisteriget“23 von sich weist. Das Konsistorium verschob die Entscheidung und setzte einen neuerlichen Termin am 16. April um 9 Uhr Vormittag an. Ihrem Mann wurde die persönliche Erscheinung unter Androhung der staatlichen Gewalt auferlegt. Am 16. April 1717 wurde der Prozess fortgeführt. Laut Protokoll bleibt Maria Pücherin bei der Aussage ihrer schriftlich eingereichten Klage, nämlich „dass sie ihren ehemann wegen harten tractaments nicht ehelich beiwohnen könne“24. Dem Protokoll folgend argumentierte bzw. rechtfertigte sich ihr Ehemann, dass er sie nur drei Mal geschlagen hätte und sie von ihm weggegangen sei, noch dazu zur Pestzeit. Das Konsistorium beschloss in einer sehr langen und formelhaften Erklärung, dass beide Eheleute friedlich miteinander beichten, „gott umb beistandt, friedlicher ehe anruefen, sodann wider durch den Eintrag ein Verlaß modifiziert, befindet sich das Wort Conclusum zwischen den beiden Teilen. Bei sonstigen Einträgen (z.B. dem Ansetzen einer Verhandlung) befindet sich der Buchstabe R zwischen den Einträgen. Es kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, wofür der Buchstabe R steht, vermutlich steht er für responsio. 19 Wiener Diözesanarchiv, PP 126 1717, 169. 20 Ebd., 170. 21 Ebd. 22 Ebd. Aus dem Protokoll geht nicht eindeutig hervor, ob mit dem Wort „geschwisteriget“ ein oder mehrere Personen gemeint sind. Da allerdings einmal von einer Schwester von Mathias Pücher die Rede ist, wird in der folgenden Interpretation von nur einer Schwester ausgegangen. 23 Ebd., 170. 24 Ebd., 145.

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zusamben gehen und wie es ehelichen eheleüthen gebiehret, einander ehelich beiwohnen“25 sollen. Außerdem soll Mathias seine Ehefrau nicht mehr schlagen oder sonst irgendwie misshandeln und wer sich von beiden nicht an diese Regelung hält, soll vom Konsistorium bestraft werden. In der ersten Verhandlung erfahren wir LeserInnen mehrere Fakten, die nicht durch eine Zusammenfassung verfälscht bzw. nicht durch die Wortwahl des Schreibers anders interpretiert worden sein dürften, da es sich um persönliche Angaben handelt (Abschreibfehler bzw. Ziffernstürze bei Zahlen ausgenommen). Die Fakten sind in unserem Fall die Namen der betreffenden Personen (Maria Pücherin und Mathias Pücher), ihr Hochzeitsjahr 1713 und der Wohnort von Marias Eltern, nämlich naher Klosterneuburg26 (zumindest kann das für die Zeit zwischen der Hochzeit 1713 und dem Prozess 1717 angenommen werden). Durch eine Recherche in der Gendatenbank von Felix Gundacker27 konnte mithilfe der oben genannten Fakten ein gewisser Mathias Puecher ausgeforscht werden, der 1713 in Heiligenstadt geheiratet hat. Die Trauungsmatrikel besagt, dass Mathias Puecher, Sohn von Georg und Catharina Puecher, am 25. Jänner 1713 eine Jungfrau namens Maria Tradstrummin, Tochter von Jacob und Susanna TradstrumIn, geheiratet hat. Weiters geht daraus hervor, dass es sich bei Mathias Puecher um einen „ehrbahren jungen gesöll“28 handelte, dessen Eltern beide noch lebten und in Unterdöbling wohnhaft gewesen sind. Marias Eltern lebten zu diesem Zeitpunkt ebenfalls noch und kamen aus Klosterneuburg. Dies deutet darauf hin, dass der Satz „ihre zueflucht zu ihren eltern naher Klosterneuburg“29 aus dem Protokoll von 1717 als „nach Klosterneuburg“ zu interpretieren ist und nicht, dass ihre Eltern nahe Klosterneuburg gelebt haben. Wo das Ehepaar nach der Hochzeit wohnte, kann nicht mit Sicherheit festgestellt werden. Nach Durchsehen der Taufbücher von Heiligenstadt von 1713 bis 172030 konnten leider keine Kinder mit dem Namen Puecher ausfindig gemacht werden, was entweder bedeutet, dass sie keine Kinder hatten oder dass sie nach der Hochzeit umgezogen und die Kinder dort getauft worden sind. Eine weitere Auffälligkeit in der Trauungsmatrikel ist die Betonung, dass der Vater von Mathias „gewester nachbahr zu Unterndöbling“31 war. Hier wurde scheinbar versucht, eine Gleichheit bei der sozialen Stellung der Familien herbeizuführen, denn die Familie der Braut wurde als „Bürger“ aus Klosterneuburg ausgewiesen. Die Interpretation des restlichen Protokolls ist nicht so einfach, da, wie bereits erwähnt, nicht außer Acht gelassen werden darf, dass diese Version von einem Gerichtsschreiber stammt. Nachdem zu Beginn der Ehe noch alles in Ordnung gewesen ist, scheint es nach einer gewissen Zeit zu einem Zerwürfnis zwischen Maria, ihrer Schwiegermutter und ihrer Schwägerin gekommen zu sein, woraufhin ihr Ehemann sie zum ersten Mal geschlagen zu haben scheint. Wenn Maria diese Aussage tatsächlich so vor dem Konsistorium getätigt hat, scheint es, als suche sie die Schuld für das Fehlverhalten ihres Mannes bei dessen Familie. Ihr Mann habe sie zwar geschlagen, er könne jedoch nichts für seine Reaktion, denn es wäre ihm mehr oder 25 Ebd., 146. 26 Ebd., 170. 27 http://www.genteam.at/ 28 Pfarre Heiligenstadt, III Trauung Heiligenstadt Wien 19 1908-1735, 102. 29 Wiener Diözesanarchiv, PP 126 1717, 170. 30 Vgl. Pfarre Heiligenstadt, II Taufe Heiligenstadt Wien 19 1695-1715 und III Taufe Heiligenstadt Wien 19 17161740. 31 Pfarre Heiligenstadt, III Trauung Heiligenstadt Wien 19 1908-1735, 102.

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weniger von seiner Mutter und Schwester eingeredet worden. Warum versucht sie ihren Mann auf diese Art „zu entlasten“? Das könnte vielleicht daran liegen, dass sie nicht die Separierung von ihrem Mann, sondern das friedliche Zusammenleben mit ihm wünscht, Gewalt in der Ehe aber für das Konsistorium einer der Gründe ist, für eine Trennung von Tisch und Bett zu entscheiden. Ein weiterer Vorwurf, den Maria ihrem Mann macht, ist, dass er sie von sich gewiesen hat. Durch die Darstellung im Protokoll scheint dieser Vorwurf für Maria beinahe schwerwiegender gewesen zu sein als die physische Gewalt, denn es wird betont, dass sie deswegen sogar zu ihren Eltern nach Klosterneuburg zurückging. Neben Maria scheint auch dem „herr pfarrer“32 die räumliche Trennung der Eheleute nicht recht gewesen zu sein. Wer genau mit ihr herr pfarrer33 gemeint ist, bleibt wohl Spekulation (Ein Pfarrer aus Klosterneuburg? Ein Pfarrer aus dem Wohnort des Ehepaares?). Maria möchte mit ihrem Mann wieder zusammen leben, stellt aber die Bedingung, dass er seine „geschwisteriget von sich dimittiret“34. Dass er seine Schwester von sich dimittieren (entlassen, verabschieden) soll, könnte bedeuten, dass seine Familie bei ihnen im Haus lebt und Maria möchte, dass ihr Mann sie fortschickt. Einer der Gründe dafür ist vermutlich der Standpunkt Marias, dass die Schwiegermutter und die Schwägerin ihren Ehemann gegen sie aufbringen würden. Falls diese Theorie zutrifft, bleibt die Frage offen, warum Maria das Konsistorium nur bittet, seine Schwester fort zu schicken und nicht auch seine Mutter. Eine Möglichkeit der Interpretation wäre, dass die Mutter gar nicht bei ihnen wohnt, vielleicht konnte man die eigene Mutter/Schwiegermutter aber auch nicht so einfach wegschicken. War sie von ihrem Sohn abhängig? Ein weiterer Erklärungsansatz könnte sein, dass Mathias Pücher einen eigenen Betrieb hatte (aus der Trauungsmatrikel von 1713 könnte herausgelesen werden, dass Mathias zum Zeitpunkt der Eheschließung ein ehrbarer junger Geselle gewesen ist) und seine Schwester möglicherweise bei ihm gearbeitet hat. Somit hätte Maria das Konsistorium also gebeten, dass sie aus dem Betrieb geworfen wird. Da die Mutter vermutlich nicht im Betrieb ihres Sohnes gearbeitet haben wird, könnte das ihr Fehlen in dieser Bitte erklären. Natürlich könnte es auch ganz anders gewesen sein, aber aufgrund von fehlenden genaueren Angaben, können nur Vermutungen aufgestellt werden. Trotz desselben Themas und derselben Personen unterscheidet sich die zweite Verhandlung inhaltlich gesehen doch in einigen Punkten von der ersten. Mutter und Schwester des Ehemannes werden überhaupt nicht mehr erwähnt und die physische Gewalt steht als einziger Faktor im Mittelpunkt. Außerdem wird berichtet, dass Maria die Aussage ihrer schriftlich eingereichten Klage bestätigte und wiederholte. Unerwähnt bleibt jedoch, wann sie diese schriftliche Klage eingereicht hat. Vermutlich leitete dieses Schriftstück das mündliche Verfahren überhaupt erst ein und wurde deshalb als selbstverständlich betrachtet und somit im ersten Protokoll nicht erwähnt. Auffällig ist, dass die indirekten Anschuldigungen gegenüber seiner Familie fehlen. Es könnte sich dabei um einen Strategiewechsel von Maria vor Gericht handeln oder aber der Schreiber hat diese Aussagen einfach ausgelassen. Vielleicht tauchen die Anschuldigungen auch deshalb nicht mehr auf, weil das Konsistorium dafür nicht zuständig war. Möglicherweise besaß das 32 Wiener Diözesanarchiv, PP 126 1717, 170. 33 Ebd. 34 Ebd.

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Konsistorium auch keine Befugnis darüber, dass es jemandem auferlegen könnte, eine andere Person aufgrund von „Hören-Sagen“ wegzuschicken. Ein weiterer divergierender Punkt im zweiten Verhör ist die Aussage von ihrem Ehemann Mathias, die im Protokoll der ersten Verhandlung völlig fehlt. Hat er an der ersten Verhandlung überhaupt teilgenommen? Wenn er am 17. März nicht anwesend war, würde das auch den Vermerk des Konsistoriums erklären, dass er am 16. April persönlich erscheinen muss. Laut Protokoll verteidigt er sich mit dem Argument, dass er seiner Frau nicht mehr als drei Ohrfeigen gegeben hätte. Außerdem dreht er den Spieß nun um und erklärt, dass sie von ihm weggegangen sei (noch dazu zur Pestzeit!) und nicht er sie weggeschickt hätte. Somit macht er sich in gewisser Weise selbst zum Opfer. Was die Pestzeit betrifft, so gab es in den Jahren 1713/171435 eine Pestwelle in Wien. Möglicherweise stellte es eine schwerwiegendere Verfehlung dar, wenn der/ die EhepartnerIn zu einer Pestzeit verlassen wird. Antworten könnten vielleicht Verordnungen der damaligen Zeit geben, die Reisen während der Pestzeit verboten, um die Seuche nicht noch weiter zu verbreiten. Die Strategie, die sich hinter Mathias Anschuldigungen verbirgt, ist offenbar jene, Maria vom Opfer zu einer Art Täterin zu machen. Für uns stellt sich die Frage, welches Ziel Maria mit dem Gang vor das Konsistorium erreichen wollte. Sie wollte offensichtlich keine Trennung von ihrem Ehemann. Physische Gewalt, auch in der Ehe, stellte ein weltliches Vergehen dar und somit wären öffentliche Gerichte zuständig gewesen. Vielleicht wollte sie nur die Maßregelung ihres Ehemannes erreichen und wieder mit ihm zusammen leben. Andererseits könnte sie auch mit dem Gedanken vor das Konsistorium getreten sein, dass es für eine eventuell folgende Klage auf Trennung von Tisch und Bett von Vorteil wäre, schon einmal vor dem Konsistorium gewesen zu sein und den Willen zur Weiterführung der Ehe gezeigt zu haben.

Christina Walterin contra Johann Baptista Walter Der zweite Fall, der in diesem Beitrag analysiert wird, handelt vom Ehestreit zwischen Christina Walterin und Johann Baptista Walter. Wir können die Austragung des Ehestreits vor dem Passauer Konsistorium unter der Enns etwas mehr als zwei Jahre lang, vom 27. November 1716 bis zum 26. Jänner 1718, anhand von 17 Einträgen in den summarischen Protokollen verfolgen. Laut Angaben aus dem Protokoll war das Ehepaar, als sich Christina Walterin an das Konsistorium wandte, bereits 30 Jahre verheiratet.36 Daher kann davon ausgegangen werden, dass zu diesem Zeitpunkt bereits beide EhepartnerInnen über 50 Jahre alt gewesen sind.37 Das Ehepaar lebte in Böhmischkrut (seit 1922 Großkrut) im nördlichen Weinviertel.38 Böhmischkrut besaß seit mindestens Anfang des 16. Jahrhunderts die Marktfreiheit, wozu auch die Übertragung der niederen Gerichtsbarkeit auf den Marktrichter und den Marktrat gehörte.39 Aus 35 Vgl. Wiener Geschichtsblätter, Beiheft 5/2004, 29. 36 Wiener Diözesanarchiv, PP 125 1716, 546. 37 Laut Hajnal heirateten Frauen in Westeuropa üblicherweise frühestens ab einem Alter von 23 Jahren, Männer ab einem Alter von 26 Jahren. Demzufolge kann davon ausgegangen werden, dass Christina Walterin mindestens 53 Jahre alt und Johann Walter mindestens 56 Jahre alt war. Vgl. J. Hajnal, Two kinds of pre-industrial household formation system, in: Richard Wall (Hg.), Family forms in historic Europe, Cambridge [u.a.] 1983, 69. 38 Wiener Diözesanarchiv, PP 125 1716, 546. 39 Vgl. Artur Stögmann, „Der ist des Teufels, der einen Pfaffen begehrt.“ – Pfarrer gegen Gemeinde und Grund-

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dem Protokoll geht hervor, dass Johann Baptista Walter dem Hutmachergewerbe nachging, was vermuten lässt, dass das Ehepaar nicht arm war.40 Im Folgenden sollen die wichtigsten Einträge zu diesem Ehestreit in den Protokollen beschrieben und analysiert werden. Am 27. November 1716 erschien Christina Walterin vor dem Konsistorium, um die Trennung von Tisch und Bett zu erbitten.41 Der Teil des Eintrages, in dem die Klage vorgebracht wird, ist sehr strategisch aufgebaut. Zunächst wird auf die Leidensfähigkeit von Christina Walterin und deren Loyalität und Liebe gegenüber ihrem Ehemann hingewiesen, indem erwähnt wird, dass „sie schon in das 30iste jahr mit ihrem ehemann in immerwehrender zanckheit und haader“ lebt, welcher „alle erdenckhliche leichtferttigkheit in gegenwarth ihrer ohnne scheu ausiebet“42. Außerdem erfahren wir von einem Beweis für den Ehebruch ihres Ehemannes, den sie aber „bishero aus lieb gegen ihme allzeit verporgen“ hat43. Die nächsten Zeilen begründen Christina Walterins Schritt vor das Konsistorium. Wir erfahren, dass Johann Walter angefangen hat, Christina Walterin und die Kinder mit Schleppseilen zu schlagen, wobei Christina Walterin „unglick und morthat“ befürchtet.44 Außerdem wurde festgehalten, dass nicht Christina Walterin ihrem Ehemann den Rücken kehrte, sondern er sie verstoßen hat, um einer Dienstmagd ihre Position einzuräumen. Im Anschluss steht Christina Walterins Bitte, sich von ihrem Ehemann „zu separieren unnd die würthschaft mit denen 4 kiindern selbst zu fihren“45. Hierbei ist anzumerken, dass die Übertragung der Wirtschaft an den betrogenen Eheteil bei Ehebruch laut kanonischem Recht eine legitime Forderung darstellte.46 Aus der Tatsache, dass das Protokoll Christina Walterin als brave und leidensfähige Ehefrau präsentiert, kann geschlossen werden, dass das Konsistorium ihr wohlgesinnter war als Johann Walter.47 Wie später noch gezeigt wird, findet diese Vermutung letztendlich auch durch einen entsprechenden Verlaß ihre Bestätigung. Die Wohlgesinntheit gegenüber Christina Walterin findet auch in den restlichen Einträgen ihren Niederschlag. So wird ihren Aussagen in den Protokollen mehr Platz eingeräumt als den Aussagen ihres Ehemannes. Außerdem werden die Aussagen Christina Walterins meistens im Indikativ und damit als Tatsachen präsentiert, während die Aussagen Johann Walters im Konjunktiv formuliert und damit als Behauptungen wiedergegeben werden.48 Den in der Folge angesetzten Tagsatzungen blieb Johann Walter unentschuldigt fern. In den Summarischen Protokollen wird sein Fehlen durch seinen negativen Charakter begründet. So heißt es in den Protokollen, er ist „comtumaciter“ (stur) und „halßstährig“.49 Als Johann Walter schließlich am 23. Jänner 1717 vor dem Konsistorium erschien, beklagte er, dass seine Frau herrschaft im Weinviertler Markt Großkrut (1648–1670), in: Willibald Rosner (Hg.), Die Städte und Märkte Niederösterreichs im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, St. Pölten 2005, 162f. 40 Wiener Diözesanarchiv, PP 125 1716, 546. 41 Ebd., 546–546b (Paginierungsfehler im Original). 42 Ebd., 546. 43 Ebd., 546b. 44 Ebd. 45 Ebd. 46 Vgl. Barbara Egger, Bis dass der Tod euch scheidet. Die katholische Ehescheidungsvariante der Trennung von Tisch und Bett im Spiegel von Salzburger Ehegerichtsakten 1770–1817. Dipl. Arb., Salzburg 1994, 197. 47 Vgl. Gleixner, Geschlechterdifferenzen, 68. 48 Vgl. David Warren Sabean, Peasant Voices and Bureaucratic Texts: Narrative Structure in Early Modern German Protocols, in: Peter Becker/William Clark (Hg.), Little Tools of Knowledge. Historical Essays on Academic and Bureaucratic Practices, Ann Abor 2001, 67–93, hier: 76. 49 Wiener Diözesanarchiv, PP 125 1716, 595.

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ihm falsche Verhandlungstermine zugestellt habe und ihn daher für das Fernbleiben von den Tagsatzungen keine Schuld treffe. In der Antwort des Konsistorium wird jedoch auf diese Entschuldigung nicht eingegangen und nur ein neuer Verhandlungstermin angesetzt. In der nächsten Verhandlung zwischen Christina und Johann WalterIn am 16. April 1717 wird die Beschwerde von Johann Walter festgehalten, dass die Klage „von seinem weib ein pur lauthere boßheit seie“50 (Konjunktiv!). Außerdem legt Johann Walter ein Attest des Rates von Böhmischkrut vor, das besagt, dass er „ein ehrlicher mann seie“51 (Konjunktiv!). Im Verlaß wird die Klage von Christina Walterin abgewiesen; wie sich aber im nächsten Eintrag (28. April 1717) zum Ehestreit herausstellt, nicht, weil dem Attest des Rates soviel glauben geschenkt worden wäre, sondern weil Christina Walterin sich bereit erklärte, weiterhin mit Johann Walter zusammenzuleben, wenn mehrere Forderungen erfüllt werden. So soll „die heilige beicht und communion allhier in Wienn“52 stattfinden und ihr Ehemann die Dienstbotin, die Christina Walterins Position im Haushalt eingenommen hat, entlassen. Zudem wird im Protokoll festgehalten, dass Christina Walterins Möglichkeit auf Trennung von Tisch und Bett bestehen bleibt, sollte Johann Walter „sein altes luedleben“ wieder aufnehmen.53 Die letztgenannten Einträge liefern uns wertvolle Informationen darüber, warum sich Christina Walterin an das Konsistorium im fernen Wien wandte und nicht versuchte, ihren Ehestreit durch die Anrufung lokaler Obrigkeiten zu schlichten. Das Attest des Rates und die Tatsache, dass die Beichte und Kommunion in Wien und nicht in Böhmischkrut stattfinden sollen, deuten daraufhin, dass sowohl Rat als auch Pfarrer von Böhmischkrut ihrem Mann wohlgesinnter waren als Christina Walterin, weshalb sie sich an das Konsistorium in Wien wandte, wo sie sich, aufgrund der fehlenden Beziehungen ihres Mannes, bessere Chancen für sich ausrechnete. Eine wichtige Frage, die sich bezüglich des Eintrages vom 28. April 1717 aufdrängt, ist, warum Christina Walterin sich bereit erklärte, auf die zunächst von ihr angestrebte Trennung von Tisch und Bett zu verzichten. Im Protokoll wird suggeriert, dass diese Entscheidung von Christina Walterin aus eigenem Antrieb und aus freien Stücken getroffen wurde. Dies darf bezweifelt werden. Berücksichtigen wir das Ziel des Konsistoriums, katholische Moralvorstellungen durchzusetzen, dürfte es wahrscheinlicher sein, dass das Konsistorium Christina Walterin zum Verzicht gedrängt hat. Natürlich ist es denkbar, dass sie für ihren Verzicht auch etwas geboten bekam, wie etwa das Versprechen bei neuerlichen Fehlverhalten ihres Mannes die Wirtschaft zu erhalten. Tatsächlich erschien Christina Walterin am 25. Oktober 1717 erneut vor dem Konsistorium und berichtete, dass ihr Mann sich weigerte ihre Forderungen zu erfüllen.54 Auffallend ist, dass von nun an die Dienstbotin, mit der Johann Walter zusammenlebte, als Konkubine bezeichnet wurde, womit die Johann Walter vorgeworfene Straftat von Ehebruch auf Konkubinat ausgeweitet wurde.55 Im Verlaß der daraufhin stattfindenden Verhandlung am 26. Jänner 1718 wird 50 Wiener Diözesanarchiv, PP 126 1717, 146. 51 Ebd. 52 Ebd., 163. 53 Ebd., 164. 54 Ebd., 386f. 55 Unter Konkubinat wird der kirchenrechtliche Tatbestand einer eheähnlichen Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau außerhalb des Sakraments der Ehe verstanden. Hat laut dem Dekret Tametsi der Konkubinarier nach dreimaligem Ermahnen die Beziehung zu seiner Konkubine nicht beendet, soll über ihn die Exkommunika-

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Verhandlungen von Ehestreitigkeiten vor dem Passauer Konsistorium unter der Enns

Christina Walterin aufgefordert, ihre Beweise innerhalb von 14 Tagen offen zu legen, woraufhin Johann Walter 14 Tage Zeit hat, diese zu widerlegen. Bis zur Verstreichung der Frist „sollen beede einander fridlich, wie es ehelichen eheleuthen gebühret, cohabitiren“56. Da dies der letzte Eintrag zum Ehestreit zwischen Christina und Johann WalterIn ist, wissen wir nicht, ob die Trennung letztendlich vollzogen wurde.

Conclusio Die Conclusio bietet die Möglichkeit die Ähnlichkeiten und Unterschiede beider Fälle herauszustreichen. Beide Ehefrauen wurden Opfer von häuslicher Gewalt und anschließend aus dem gemeinsamen Haus geworfen. Daraufhin suchten sie das Konsistorium auf. Während bei Maria Pücherin der Verdacht nahe liegt, dass sie von ihrem Pfarrer zum Gang vor das Konsistorium gedrängt wurde, wandte sich Christina Walterin höchstwahrscheinlich freiwillig an das Konsistorium. Für Christina Walterin stellte das Konsistorium eine Instanz dar, vor dem sie sich größere Chancen ausrechnete als vor dem Marktgericht oder dem Pfarrer von Böhmischkrut. Der unterschiedliche Grad der Freiwilligkeit beim Gang vor das Konsistorium könnte seine Ursache in der unterschiedlichen Stärke der Verhandlungsposition der beiden Ehefrauen haben. Während Christina Walterin mit ihrem Beweis für Ehebruch eine relativ starke Verhandlungsposition besaß, hatte Maria Pücherin nichts gegen ihren Ehemann in der Hand. Die unterschiedliche Verhandlungsposition liefert vermutlich auch einen Erklärungsbeitrag zu den unterschiedlichen Zielen der beiden Ehefrauen. Christina Walterin konnte Kraft ihres Beweises auf Separierung klagen. Diese Option stand Maria Pücherin nicht offen. Wollte sie ohne Beweise etwas für sich vor dem Konsistorium herausholen, konnte sie dies nur erreichen, wenn sich ihre Ziele mit jenen des Konsistoriums überschnitten, was auf eine Klage auf friedliche Cohabitierung hinauslief. Beide Ehefrauen konnten nur Teilerfolge vor dem Konsistorium verbuchen. Maria Pücherins Ehemann wurde zwar vom Konsistorium abgemahnt, sie konnte aber nicht erreichen, dass die Schwester (Geschwister) des gemeinsamen Hauses verwiesen wurde(n). Christina Walterin konnte ihre Klage auf Separierung zunächst nicht durchsetzen, sondern nur die Aufforderung, dass ihr Ehemann die Dienstmagd des Hauses verweisen soll. Erst in einem zweiten Anlauf konnte Christina Walterin erreichen, dass die Separierung in Betracht gezogen wurde, ob dies jedoch tatsächlich geschah, bleibt ungewiss, da weitere Einträge bezüglich des Ehestreites im Hause WalterIn fehlen.

Quellenverzeichnis Pfarre Heiligenstadt, III Trauung Heiligenstadt Wien 19. 1708-1735. Pfarre Heiligenstadt, II Taufe Heiligenstadt Wien 19. 1695-1715. Pfarre Heiligenstadt, III Taufe Heiligenstadt Wien 19. 1716-1740. Wiener Diözesanarchiv, PP 125 1716. tion verhängt und in weiterer Folge streng vorgegangen werden. Vgl. Josef Wohlmuth/Guiseppe Alberigo (Hg.), Dekrete der ökumenischen Konzilien Bd. 3: Konzilien der Neuzeit, Paderborn [u. a.] 2002, 759f. 56 Wiener Diözesanarchiv, PP 127 1718, 41f.

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Wiener Diözesanarchiv, PP 126 1717. Wiener Diözesanarchiv, PP 127 1718.

Literaturverzeichnis Barbara Egger, Bis dass der Tod euch scheidet. Die katholische Ehescheidungsvariante der Trennung von Tisch und Bett im Spiegel von Salzburger Ehegerichtsakten 1770–1817, Dipl. Arb., Salzburg 1994. Ursula Floßmann, Österreichische Privatrechtsgeschichte, Wien/New York 62008. Ulrike Gleixner, Geschlechterdifferenzen und die Faktizität des Fiktionalen. Zur Dekonstruktion frühneuzeitlicher Verhörprotokolle, in: Werkstatt Geschichte 11, 1995, 65–70. J. Hajnal, Two kinds of pre-industrial household formation system, in: Richard Wall (Hg.), Family forms in historic Europe, Cambridge [u.a.] 1983, 65-105. Josef Oswald, Der organisatorische Aufbau des Bistums Passau im Mittelalter und in der Reformationszeit (Offizialats-, Dekanats- und Pfarreinteilung), in: ZRG Kann. Abt. 30, 1941, 131–164. Willibald M. Plöchl, Zur Rechtsgeschichte der Wiener geistlichen Konsistorien, in: MIÖG 63, Wien 1955, 323–337. Willibald M. Plöchl, Geschichte des Kirchenrechts, Band II. Das Kirchenrecht der abendländischen Christenheit 1055 bis 1517, Wien/München 1955. Willibald M. Plöchl, Geschichte des Kirchenrechts, Band IV. Das katholische Kirchenrecht der Neuzeit, Zweiter Teil, Wien/München 1966. David Warren Sabean, Peasant Voices and Bureaucratic Texts: Narrative Structure in Early Modern German Protocols, in: Peter Becker/ William Clark (Hg.), Little Tools of Knowledge. Historical Essays on Academic and Bureaucratic Practices, Ann Abor 2001, 67–93. Artur Stögmann, „Der ist des Teufels, der einen Pfaffen begehrt.“ – Pfarrer gegen Gemeinde und Grundherrschaft im Weinviertler Markt Großkrut (1648–1670), in: Willibald Rosner (Hg.), Die Städte und Märkte Niederösterreichs im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, St. Pölten 2005, 158-203 Johann Weissensteiner, Die „Passauer Protokolle“ im Wiener Diözesanarchiv, in: Josef Pauser/ Martin Scheutz/Thomas Winkelbauer (Hg.), Quellenkunde der Habsburgermonarchie (16.–18. Jahrhundert), Wien [u.a.] 2004, 651–662. Wiener Geschichtsblätter, Beiheft 5/2004. Josef Wohlmuth/Giuseppe Alberigo (Hg.), Dekrete der ökumenischen Konzilien Bd. 3: Konzilien der Neuzeit, Paderborn [u.a.] 2002.

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Die „Stubenprotokolle“ als Quelle zur Geschichte des Wiener Bürgerspitals

Die „Stubenprotokolle“ als Quelle zur Geschichte des Wiener Bürgerspitals im 18. Jahrhundert Nina Stren

Einleitung „Ferdinand Frey, der Theresia Freyin eines ledigen menschen kind, alh[ier] geb[oren], alt 8 tag, ist den 5.9.1748 von Bettenmacherischen Haus in Liechtenthall an saubern leibl gegen 12 Gulden 30 Kreutzer auf die Kl[eine] Kinder Stuben kommen.“1 Dieser Aufnahmevermerk des Knaben Ferdinand Frey in den Stubenprotokollen des Wiener Bürgerspitals ist einer von 334 Einträgen, welche die Grundlage dieses Textes bilden.2 Hilfsbedürftige Kinder wie Ferdinand Frey, aber auch Erwachsene, wurden unter die Obhut des Bürgerspitals aufgenommen um dort versorgt zu werden. Die Aufnahmebücher des Wiener Hospitals aus den Jahren 1746 bis 1748 protokollieren dabei chronologisch diese Personen und nennen das Krankenzimmer, also die Stube, auf welche sie gebracht wurden. In den Stubenprotokollen sind neben Namen und Alter verschiedene andere Angaben wie Beruf, Gesundheitszustand oder vormaliger 1 Wiener Stadt- und Landesarchiv (im Folgenden zitiert als: WStLA), Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Folio 96a. Bei der Transkription des ungedruckten Quellenmaterials wurden nur Satzanfänge, Orts-, Personenund Eigennamen (beispielsweise Kleine Kinder Stube) groß geschrieben, alles andere klein. Die Orthografie des Originaltextes wurde beibehalten und eindeutige Abkürzungen mittels eckiger Klammer aufgelöst. Datums- und Währungsangaben wie beispielsweise „7ber“ für September oder „fl“ für Gulden wurden stillschweigend aufgelöst um die Lesbarkeit zu verbessern. 2 Dieser Text basiert auf einer gekürzten Seminararbeit, die im Sommersemester 2011 im Rahmen eines quellenkundliches Seminars zum Wiener Bürgerspital in Spätmittelalter und Neuzeit entstanden ist. Zielsetzung war, die Quellengattung Stubenprotokoll zur Geschichte des Bürgerspitals vorzustellen.

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Wohnort über die InsassInnen enthalten. So wie das Eintrittsdatum wird auch das Austrittsdatum vermerkt. Die Informationen aus der Quelle Stubenprotokoll können Aufschluss über den Personenkreis geben, der Mitte des 18. Jahrhunderts die Klientel des Bürgerspitals ausmachte. Der Säugling Ferdinand Frey wurde gegen zwölf Gulden und 30 Kreuzer in die Evidenz des Hospitals genommen, aber auch erwachsene Frauen und Männer kauften sich mit höheren Geldbeträgen, beispielsweise mit 200 Gulden, als „reiche Pfründner“3 in die Spitalsversorgung ein. Mithilfe des Eintritts- und Austrittsdatums lässt sich zudem die Aufenthaltsdauer der InsassInnen in der Institution Bürgerspital eruieren. Im heutigen Verständnis ist ein Krankenhausbesuch auf kurze Zeit angelegt und dient dem Zweck der medizinischen Versorgung von Krankheiten und Verletzungen. 90 Prozent der zwischen 1746 und 1748 aufgenommenen Personen verstarb hingegen während ihres Aufenthaltes in den Räumlichkeiten des Wiener Bürgerspitals, manchmal auch nach einem 20 Jahre andauernden Verbleiben im Hospital. Obwohl der Spitalsaufenthalt vor allem der Altersversorgung diente, finden sich in den Aufnahmebüchern des Wiener Spitals auch Hinweise auf Erkrankungen der InsassInnen. In dem vorhin zitierten Vermerk von Ferdinand Frey ist das Zimmer genannt, in welches er aufgenommen wurde, die Kleine Kinder Stube. Das Bürgerspital verfügte den administrativen Protokollbüchern zufolge über mehrere Krankenzimmer, welche jeweils verschiedene InsassInnen beherbergten: von der Kleinen Kinder Stube für die Säuglinge und Kinder bis zur Rochus Stube für betagte Frauen. Was genau lässt sich über diese Räumlichkeiten aus der Quelle Stubenprotokoll in Erfahrung bringen? Als Sohn einer unverheirateten Frau ist Ferdinand Frey exemplarisch für die vielen Kinder, die in den Stubenprotokollen verzeichnet sind. Unter den Kindern befinden sich auch solche, deren Mütter und Väter unbekannt sind und die an einer Stelle der Stadt weggelegt wurden. Da es Mitte des 18. Jahrhunderts noch keine eigene Institution zur Versorgung von Findelkindern gab4, fanden sie Aufnahme im Wiener Bürgerspital und sind in den Stubenprotokollen aufgezeichnet worden.

Das Quellenmaterial Das Quellenmaterial des vorliegenden Beitrages besteht aus einem Sample von 334 Einträgen aus den Stubenprotokollen des Wiener Bürgerspitals. Dabei wurden für diese Studie von den drei Jahren 1746 bis 1748 jeweils alle aufgenommenen Frauen und Männer der Monate September und Dezember berücksichtigt.5

3 Reiche Pfründer waren jene Personen, welche sich durch Vermögen oder andere Leistungen den Aufenthalt und die Verpflegung in einem Spital erkauften. Vgl. Christine Ottner, Dem gemeinen Wesen zum Besten. Verwalten von Krankheit und Gesundheit in Krems an der Donau und Österreich unter der Enns (1580–1680), St. Pölten 2003, 134. 4 Vgl. Verena Pawlowsky, Mutter ledig – Vater Staat. Das Gebär- und Findelhaus in Wien 1784–1910, Innsbruck/ Wien/München 2001, 37–39. 5 Bei der Durchsicht des Quellenmaterials zeigten sich keine starken monatlichen Schwankungen der Aufnahmezahl. Als Stichprobe wurden die Monate September und Dezember deswegen gewählt, weil diese in den drei Jahren vollständig in dem Band enthalten waren.

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Die „Stubenprotokolle“ als Quelle zur Geschichte des Wiener Bürgerspitals

Gegründet wurde das Wiener Bürgerspital um die Mitte des 13. Jahrhunderts.6 Im Mittelalter erfüllte es vielfältige Funktionen: Es diente zur Versorgung von armen und auch kranken Personen sowie als Altersvorsorge für wohlhabende BürgerInnen. Es bot Unterkunft für Pilgernde und verfügte zudem über Bier- und Weinkeller mit dazugehöriger Brauerlaubnis sowie über Badestuben und übernahm in Wien auch andere rechtliche und wirtschaftliche Funktionen innerhalb der Stadt.7 Auch im 18. Jahrhundert diente das Bürgerspital noch zur Versorgung von alten, kranken und armen Frauen und Männern sowie von hilfsbedürftigen Kindern, Findelkindern und Waisen.8 Das breite Verständnis vom Spital als Fürsorgeeinrichtung verengte sich jedoch gegen Ende des 18. Jahrhunderts. 9 Die Zahl der „reichen Pfründner“ in den Spitäler nnahm ab, während die der „armen Pfründner“ zunahm.10 Ab 1529 war das Wiener Bürgerspital innerhalb der Stadtmauer im Gebäude des ehemaligen Clarissenklosters am Schweinemarkt situiert. Der mehrmals um- und ausgebaute Komplex des Spitals erstreckte sich von der Kärtnerstraße bis zum heutigen Lobkowitzplatz.11 Die Quellen wurden einem Band entnommen, in dem der Protokollschreiber die Personen, welche zwischen 1746 und 1751 in das Spital aufgenommen wurden, fortlaufend und getrennt nach Frauen und Männern eintrug. Dieses Buch enthält auch einen nach Geschlechtern getrennten Index. Die kurrentgeschriebenen Einträge mit Tinte auf Papier dürften nur von einem einzigen Schreiber stammen, da sich die Schrift während der fünf Jahre nicht ändert. Die Stichprobe ergab, dass etwa im Untersuchungszeitraum 110 Personen in den jeweils zwei Monaten pro Jahr in das Wiener Bürgerspital aufgenommen worden waren. Wird diese Zahl hochgerechnet, kann eine jährliche Aufnahmezahl des Bürgerspitals von rund 660 Personen in den Jahren um die Mitte des 18. Jahrhunderts angenommen werden. Zum Vergleich wurden etwas später, im Jahr 1783, bei einer Zahl von ungefähr 200.000 EinwohnerInnen in Wien etwa 1.250 Personen in den verschiedenen Spitälern betreut.12 6 Vgl. Brigitte Resl, Bürger und Spital. Zur Entwicklung des Wiener Bürgerspitals bis zum ersten Drittel des 14. Jahrhunderts, in: Studien zur Wiener Geschichte 47/48, 1991/1992, 173–211, hier: 178. 7 Vgl. Brigitte Pohl-Resl, Rechnen mit der Ewigkeit. Das Wiener Bürgerspital im Mittelalter. MIÖG Erg. Bd. 33, Wien 1996, 188–191. 8 Vgl. Falk Bretschneider/Martin Scheutz/Alfred Stefan Weiß, Machtvolle Bindungen – Bindungen voller Macht. Personal und Insassen in neuzeitlichen Orten der Verwahrung zwischen Konfrontation und Verflechtung, in: Falk Bretschneider/Martin Scheutz/Alfred Stefan Weiß (Hg.), Personal und Insassen von „Totalen Institutionen“ – zwischen Konfrontation und Verflechtung, Leipzig 2011, 7–24, hier: 13. 9 Vgl. Christina Vanja, Offene Fragen und Perspektiven der Hospitalsgeschichte, in: Martin Scheutz/Andrea Sommerlechner/Herwig Weigl/Alfred Stefan Weiß (Hg.), Europäisches Spitalswesen. Institutionelle Fürsorge in Mittelalter und Früher Neuzeit, Wien/München 2008, 19–40, hier: 19f. 10 Vgl. Ludwig Ohngemach, Die Reformprozesse in der Ehinger Spitallandschaft im 18 .Jahrhundert, in: Martin Scheutz/Andrea Sommerlechner/ Herwig Weigl/Alfred Stefan Weiß (Hg.), Quellen zur europäischen Spitalsgeschichte in Mittelalter und Früher Neuzeit, Wien/München 2010, 443–465, hier: 443–446. 11 Vgl. Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien in 6 Bänden, Bd. 1: Lemma: Bürgerspital am Schweinemarkt, Wien 2004, 512f. 12 Vgl. Martin Scheutz/Alfred Stefan Weiß, Spitäler im bayrischen und österreichischen Raum in der frühen Neuzeit (bis 1800), in: Martin Scheutz/Andrea Sommerlechner/Herwig Weigl/Alfred Stefan Weiß (Hg.), Europäisches Spitalwesen. Institutionelle Fürsorge in Mittelalter und Früher Neuzeit. Hospitals and Institutional Care in

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Die chronologisch geordneten Protokoll-Einträge der aufgenommenen Personen erfolgten nach einem einheitlichen, auf zwei Spalten aufgeteilten, Schema. Die rechte Spalte enthält einen Absatz, in dem Aufnahmedatum, Name, Herkunft und Alter der Insassin bzw. des Insassen verzeichnet sind. Zudem wird die Stube genannt, auf welche die Person überwiesen wurde. Bei Kindern, so sie nicht unter die Kategorie der als unbekannt abgegebenen Findelkinder fallen, gibt es zudem Informationen über deren Eltern. In der linken Spalte findet sich ein kurzer Satz mit dem Datum und dem Umstand des Austrittes der Person aus dem Spital. Stirbt etwa einE InsassIn, wird dies mit Worten wie „den 21.1.1758 auf der Catharina Stuben gestorben“13 festgehalten. Die Stubenprotokolle können als internes Geschäftsbuch14 bezeichnet werden, denn sie dienten administrativen Aufgaben des Wiener Bürgerspitals.15 Aufnahmebücher und Sterbematrikeln der Spitäler lassen sich, etwa im Vergleich zu wesentlich älteren Quellengattungen wie Urkunden, Kopialbüchern oder Rechnungsbüchern etwa ab dem 18. Jahrhundert finden. Im Mittelalter gab es noch keine derartigen Quellen zur Spitalsgeschichte.16 Erst ab dem 16. Jahrhundert sind vereinzelt Listen mit HospitalsinsassInnen, deren Namen und deren Krankheiten überliefert. Diese Verzeichnisse wurden meist nicht von Medizinern, sondern von Administratoren geführt17, was auch für die Stubenprotokolle des Wiener Bürgerspitals gelten dürfte. Grob gesagt können mit Hilfe solcher Aufnahmebücher Informationen zur körperlichen Verfassung, Berufsstruktur, Herkunft und sozialer Verortung der InsassInnen gefasst werden.18 Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Quellen aus der Verwaltungstätigkeit des Bürgerspitals entstanden sind und „persönliche“ Lebens- und Krankengeschichten der InsassInnen vom Protokollschreiber in eine standardisierte Sprache gebracht und den formalen Anforderungen des Protokollbuches angepasst wurden.

Aufenthaltsdauer der Insassen im Wiener Bürgerspital Aufenthaltsdauer 0–6 Tage 7–30 Tage 31–365 Tage mehr als ein Jahr keine Angabe

13 185 87 39 10

% 3,9 55,4 26,0 11,7 3,0

Personen

334

100

Tabelle 1: Aufenthaltsdauer der Personen im Wiener Bürgerspital

Medieval and Early Modern Europe, Wien/München 2008, 185–229, hier: 204. 13 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 6a. 14 Vgl. Josef Hartmann, 2. Amtsbücher. a. Allgemeine Entwicklung des Amtsbuchwesens, in: Friedrich Beck/Eckart Henning (Hg.), Die archivalischen Quellen. Mit einer Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften, Köln/Weimar/Wien 2004, 40–53, hier: 40–42. 15 Michael Hochedlinger, Aktenkunde. Urkunden- und Aktenlehre der Neuzeit, Wien/München 2009, 229f. 16 Scheutz/Weiß, Spitäler, 188. 17 Vanja, Fragen, 32. 18 Scheutz/Weiß, Spitäler, 187f.

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Die „Stubenprotokolle“ als Quelle zur Geschichte des Wiener Bürgerspitals

Von 334 aufgenommenen Personen waren 52, also 16 Prozent, erwachsen. Den ungleich größeren Anteil machten 282 Kinder aus, das sind 84 Prozent. Das Verhältnis der aufgenommenen Frauen zu den aufgenommen Männern ist beinahe ausgwogen. Im Untersuchungszeitraum wurden 170 Frauen und 164 Männer in den Stubenprotokollen verzeichnet. Bei 97 Prozent aller Einträge sind Aufnahmedatum und Entlassungsdatum der InsassInnen vermerkt. Daher lässt sich die Verweildauer der Personen im Spital sehr leicht ermitteln. Die Bandbreite reicht dabei von einem nur eintägigen Aufenthalt eines Insassen bis hin zu einem Aufenthalt von über 20 Jahren. Wie in Tabelle 1 ersichtlich, war über die Hälfte aller InsassInnen zwischen sieben und 30 Tage im Spital. Wird die die durchschnittliche Aufenthaltsdauer nur für die erwachsenen InsassInnen berechnet, zeigt sich, dass hier mehr als 50 Prozent mindestens ein Jahr im Spital verblieben. Ein Beispiel für diese lange Verweildauer ist die Witwe eines Tischlers, Anna Catharina Staubin, die am 16. Dezember 1748 als 60jährige in die Sebastiani Stube gebracht wurde und im Jahr 1772 auf der Catharina Stube verstarb.19 Sie verbrachte mehr als 23 Jahre unter der Obhut des Wiener Bürgerspitals und repräsentiert die angebotene Altersversorgung durch das Bürgerspital.20 Zwei Kinder wurden statt dem üblichen einmaligen Eintrag gleich zweimal in Evidenz genommen. Das Findelkind Maria Agate etwa wird am 14. Dezember 1747 mit einem Alter von drei Wochen erstmals in die Kleine Kinder Stube eingewiesen. Dort wird sie bis zum 3. August 1748, also ungefähr acht Monate, versorgt und dann „dem Jackob Winckler nach Penzing in die verpflegung geben“21. Maria Agate bleibt vermutlich bis zum November 1754 in Pflege, denn dann wird sie als nunmehr fast Siebenjährige erneut unter die Obhut des Bürgerspitals genommen. In der Mägdl Stube verbringt das Mädchen weitere zwei Jahre bis sie schlussendlich dort verstirbt.22 Im Allgemeinen lässt sich aus den vorher erwähnten Zahlen schließen, dass Kinder wesentlich kürzere Aufenthalte im Bürgerspital hatten als Erwachsene. Im Sinne der Altersversorgung legten Erwachsene ihren Aufenthalt auf eine längere Dauer aus, wohingegen man bei Kindern vermutlich danach trachtete – so sie nicht ohnehin verstarben – sie später an anderer Stelle unterzubringen oder auszubilden, damit sie sich als Erwachsene selber versorgen konnten.23 Beim Austrittsdatum sind durchwegs Informationen darüber zu finden, warum die Personen das Spital verlassen hatten. Ein hoher Prozentsatz starb, andere sind „von selbsten hinaus gegangen“24 oder wurden entlassen. Wie hoch ist der Anteil jener Personen, die während des Spitalsaufenthaltes beziehungsweise nach der Aufnahme verstarben? Bei der Stichprobe der Jahre 1746 bis 1749 starben 86 Prozent: Unter den Kindern ist der Anteil noch höher und liegt bei 91 Prozent. Aus der Sicht der Stubenprotokolle stellt sich das Bürgerspital also nicht als Krankenhaus im heutigen Sinne mit kurzer Verweildauer, Klinikfunktion und medizinischer Versorgung 19 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 97b. 20 Vgl. Scheutz/Weiß, Spitäler, 208. 21 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 55a. 22 Ebd. 23 Vgl. Ludwig Ohngemach, Spitäler in Oberdeutschland, Vorderösterreich und der Schweiz in der Frühen Neuzeit, in: Martin Scheutz/Andrea Sommerlechner/Herwig Weigl/Alfred Stefan Weiß (Hg.), Europäisches Spitalswesen. Institutionelle Fürsorge in Mittelalter und Früher Neuzeit, Wien/München 2008, 255–294, hier: 277. 24 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 94a.

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dar25, sondern als letzte Station im Leben seiner InsassInnen. Im Bezug auf die Versorgung der Kinder war der eigentliche Zweck diese vor dem Kindsmord zu bewahren und am Leben zu erhalten.26 Diesem Anspruch konnte das Bürgerspital wohl nicht gerecht werden. Zwei Fälle waren im Sample zu finden, bei denen die Personen schon tot in das Bürgerspital gebracht wurden, damit dort der Leichnam nach der Beschauung des Totenbeschauamts für die Beerdigung freigegeben werden konnte.27 In den Stubenprotokollen findet sich dazu der Eintrag über Johann Joseph Baader, einen 21jährigen Maurer Lehrjungen, der 1748 bei einem Unfall „am Traithmarckt [Getreidemarkt], allwo er vom crist [Gerüst] herunter gefallen, todt hereingekommen“ sei und daraufhin im Bürgerspital „von kay[serlich] könig[lich] stattgericht beschaut worden“28. Er wird in den Stubenprotokollen vermerkt, obwohl er nicht in eine Stube aufgenommen wurde. Das Bürgerspital diente wahrscheinlich nur als kurzfristiger Aufbewahrungsort des Leichnams um die Totenbeschauung abzuwarten.

Die Stuben des Wiener Bürgerspitals Bis auf jene zwei Personen, die bereits tot eingeliefert wurden, ist für jedEn InsassIn, die/der in den Protokollen vermerkt wurde, eine Stube angegeben, in die er oder sie Aufnahme gefunden hatte. Säuglinge und kleine Kinder wurden ausschließlich in die Kleine Kinder Stube zugeteilt. Sie wurden nicht nach Geschlecht getrennt. Aus den Stubenprotokollen lässt sich für diesen Raum eine sehr hohe Belegzahl vermuten. Pro Monat kamen etwa 25 neue Kinder hinzu, wobei aber meist ebenso viele sehr schnell wieder verstarben. Zur Versorgung der Säuglinge und Kleinkinder wurden zusätzlich eine Kindsmagd und elf Ammen auf die Kleine Kinder Stube aufgenommen. Einige Säuglinge fanden dabei gemeinsam mit ihren Müttern, die als Ammen arbeiteten, in die Kleine Kinder Stube Aufnahme. Dies weist auf die durchlässige Grenze zwischen Personal und InsassInnen hin, die für Spitäler des Mittelalters und der Frühen Neuzeit kennzeichnend war.29 Ein Beispiel hierfür stellt die aus Mähren stammende dreißigjährige Amme Thereßia Pfanenschmidin dar, denn „samt ihrem kind Rosalia Pfanenschmidin, alt 3 wochen ist [sie] den 16.9.1746 von St. Marx als ähml auf die kleine kinder stuben kommen“30. Ihre Tochter Rosalia verstirbt noch im November des gleichen Jahres, die Mutter verbleibt jedoch ein weiteres halbes Jahr als Amme im Spital und wird dann entlassen. Beide zahlten kein Aufnahmeentgelt, vermutlich stellte also Thereßia Pfannenschmidin als Gegenleistung für den Spitalsaufenthalt ihre Dienste als Arbeitskraft zur Verfügung. Es lässt sich dementsprechend nicht genau sagen, ob Thereßia Pfanenschmidin als Insassin oder Arbeitskraft gelten kann. Einerseits kamen ihr und ihrem Kind die Pflege und Versorgung des Spitals zugute, andererseits unterstützte sie das Spital durch ihre Tätigkeit als Amme, auch nach dem Tod ihres Kindes. 25 Vgl. Vanja, Fragen, 19f. 26 Vgl. Pawlowsky, Mutter, 32–34. 27 Vgl. Silvia Mattl-Wurm, Wien vom Barock bis zur Aufklärung, Wien 1999, 86. 28 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol.112a. 29 Vgl. beispielsweise Martin Scheutz, Ein langsamer Ausdifferenzierungsprozess von der Hausordnung über die Dienstinstruktion zur Anstaltsordnung – Insassen als Personal in österreichischen Spitälern der Frühen Neuzeit, in: Falk Bretschneider/Martin Scheutz/Alfred Stefan Weiß, Personal und Insassen von „Totalen Institutionen“ – zwischen Konfrontation und Verflechtung, Leipzig 2011, 121–153. 30 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 5b.

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Für männliche Kinder höheren Alters verfügte das Bürgerspital über die Graue Knaben Stube und die Grüne Knaben Stube. Ältere Mädchen hingegen wurden in der Mägdl Stube untergebracht. Ältere Kinder wurden also nicht gemeinsam, sondern geschlechtergetrennt beherbergt. Die vier Mädchen, welche die Mägdl Stube bewohnten, waren zwischen sieben und 13 Jahre alt. Ebenso gab es aber auch ein siebenjähriges Mädchen, das noch auf die Kleine Kinder Stube gebracht wurde, wobei diese sonst den Säuglingen und Kleinkindern vorbehalten war. Das Alter der vier Burschen in den beiden Knabenstuben schwankte zwischen vier und zehn Jahren. Bei den erwachsenen InsassInnen zeigte sich eine größere Auswahl an Stuben. Für Männer gab es die Bürgerstube, die Lazari Stube und die Martini Stube. In die Bürgerstube wurde in der Stichprobe nur ein einziger Mann, und zwar ein 67jähriger Schneider aus Westfalen,31 eingeliefert. Aus diesem Grund lässt sich nichts Näheres über den Charakter dieser Stube feststellen. Die acht Insassen der Lazari Stube weisen ein Durchschnittsalter von 59 Jahren auf. Hier dürften also vorwiegend alte Männer zur Altersversorgung ihren Platz gefunden haben. Unter den zwölf Personen, die Aufnahme in die Martini Stuben fanden, reicht das Alter von 19 bis 73 Jahren. Was die Insassen verbindet, ist also nicht das Alter, sondern vielmehr körperliche Gebrechen, auf die in den Protokoll-Einträgen eines Jeden eingegangen wird. So werden hier ein Mann mit „zerquetschter kniescheiben“32, ein anderer mit „schadhafter rechter hand“33 und ein weiterer als „plessierter“34 aufgenommen. Auf die Martini Stube wurden vermutlich jene Insassen eingeliefert, die mit schwerwiegenden körperlichen Einschränkungen zu kämpfen hatten und bettlägerig waren. Bei den Frauen werden in den Spitalsaufnahme-Büchern sieben verschiedene Stuben erwähnt. Auf die Martha Stube und die Ellonora Stube wurde im Untersuchungszeitraum jeweils nur eine Insassin gebracht. Die Clara Stube war Anlaufstelle für zwei Frauen. Auf die Magdalena Stube und die Sebastiani Stube wurden jeweils drei Patientinnen eingewiesen. Die Catharina Stube bot vier und die Rochus Stube fünf Frauen Platz. Das Durchschnittsalter lag in jedem der Zimmer für die Frauen bei ungefähr 60 Jahren. Einen speziellen Raum für Verletzte oder Kranke lässt sich unter den Zimmern der Frauen anhand der aufgenommenen Personengruppen nicht nachweisen. Die Rochus Stube beherbergte zwei Insassinnen, die ein vergleichsweise hohes Aufnahmeentgelt bezahlt hatten. Die Witwe Apolonia Kloppin entrichtete 50 Gulden.35 Theresa Harlin, die Frau eines Maurers und Hausbesitzers, erlegte sogar 200 Gulden um in das Spital aufgenommen zu werden.36 Im Vergleich zu dem Aufnahmeentgelt der anderen InsassInnen stellte beides eine hohe Summe dar, was den Schluss nahelegt, dass die Rochus Stube den wohlhabenden Frauen vorbehalten war. Vermutlich war dieser Raum der bequemste und der mit dem größten Komfort ausgestattete. Die Räumlichkeiten des Wiener Bürgerspitals sind in den Stubenprotokollen nicht näher beschrieben. Zwar erfährt man, welche Personengruppen tendenziell in welche Zimmer einge31 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 109b. 32 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 4a. 33 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 111a. 34 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 13b. 35 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 4b-5a. 36 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 13b-14a.

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wiesen wurden, weiß aber nichts über deren Größe und Ausstattung oder über die Bettenzahl oder Anzahl der Personen, die eine Stube bewohnten.37 Spitalsaufenthalte der Frühen Neuzeit waren mehrheitlich durch Platzmangel, schlechten Geruch und wenig Hygiene geprägt.38 Die Räume waren meist mit Stockbetten versehen, um den ohnehin meist begrenzten Platz auszunützen. Oft teilten sich mehrere InsassInnen die Betten.39 Die Zimmer wurden von sog. Stubenmüttern und Stubenvätern verwaltet, die für Disziplin, Reinheit und Religiosität untern den InsassInnen sorgen sollten.40 In den Aufnahmebüchern des Wiener Bürgerspitals finden sich keine Ehepaare, welche sich, wie das Beispiel anderer Spitäler zeigt, das Vorrecht erkaufen konnten, gemeinsam eine Stube bewohnen zu dürfen oder im eigenen Haus lebend durch das Bürgerspital versorgt zu werden.41 Auch lässt sich in dem Sample bis auf die Kleine Kinder Stube kein geschlechtergemischter Raum nachweisen. Erwachsene, Kinder, Männer und Frauen wurden in den Stuben voneinander getrennt.

Kinder und Findelkinder In der Stichprobe waren 282 Kinder verzeichnet, die einen Anteil von 84 Prozent ausmachen.42 Die Gruppe der Kinder lässt sich weiter unterteilen in 40 Prozent Findelkinder, 59 Prozent Kinder, bei denen Informationen zu den Müttern oder auch zu den Vätern vorhanden waren (diese stammten von ledigen, verheirateten oder verwitweten Frauen), und in Waisen, welche nur einen Prozent ausmachen; in absoluten Zahlen waren es im Untersuchungszeitraum 112 Findelkinder, 167 ehelich oder unehelich geborene Kinder und drei Waisen. Unter den 59 Prozent Kindern, zu denen in den Stubenprotokollen Informationen zu den Eltern vorhanden waren und die nicht unter die ausgesetzten Kinder fielen, waren zwei Drittel unehelich geboren. Nur 51 der 282 Kinder (15 Prozent) im Bürgerspital entstammten einer Ehe und hatten entweder verheiratete Eltern oder zumindest einen verwitweten Elternteil. Daraus ergibt sich, dass die Klientel des Wiener Bürgerspitals in der Mitte des 18. Jahrhunderts hauptsächlich aus unehelich geborenen Kindern und Findelkindern bestand, deren Versorgung ein wichtiger Aspekt des Armenwesens der Frühen Neuzeit war.43 Das Bürgerspital stellte vor der Gründung des Wiener Findelhauses 178444 folglich vor allem für diese Kinder in Wien eine wichtige Anlaufstelle dar. Die Aufnahme der Kinder in das Bürgerspital erfolgte meist gegen einen geringen Erlag von einigen Gulden. Sogenannte „gemeine“, „untere“ oder „arme Pfründner“ konnten im 37 Vgl. Beate Falk, Lebensraum, Verpflegung, Alltagskonflikte, in: Andreas Schmauder (Hg.), Macht der Barmherzigkeit. Lebenswelt Spital, Konstanz 2000, 72–94. 38 Scheutz/Weiß, Spitäler, 219. 39 Vgl. ebd., 223. 40 Scheutz, Hausordnung, 142. 41 Vgl. Beate Falk, Die Bewohner des Spitals: arme Alte, Kinder, Sieche und Geisteskranke sowie Pfründner, in: Andreas Schmauder (Hg.), Macht der Barmherzigkeit. Lebenswelt Spital, Konstanz 2000, 43–57, hier: 55. 42 Unter dem Begriff „Kinder“ sind in dieser Berechnung alle Personen zusammengefasst, die auf die Kleine Kinder Stube, Graue Knaben Stube, Grüne Knaben Stube oder Mädl Stube gebracht wurden (mit Ausnahmen der Ammen). 43 Vgl. Markus Neumann, Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord. Unversorgte Kinder in der frühneuzeitlichen Gesellschaft, München 1995, 256f. 44 Vgl. Pawlowsky, Mutter, 41.

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Gegensatz zu „reichen Pfründnern“ bei der Aufnahme in das Spital kein oder wenig Entgelt leisten und trugen dadurch entweder gar nicht oder kaum zu ihrer Versorgung im Spital bei.45 Die Verpflegung durch das Spital unterschied sich allerdings bei den verschiedenen Pfründnern im Bereich der Räumlichkeiten, Essensversorgung, Bekleidung und Arbeitsverpflichtung.46 Unter die Kategorie der gemeinen, unteren oder armen Pfründner fallen auch die Kinder und Findelkinder als InsassInnen des Wiener Bürgerspitals. Die höchste Summe, die bei ihnen zur Anwendung kam, war 16 Gulden und 48 Kreutzer, bei den Meisten jedoch wurde gar kein Geldbetrag erlegt. Die unentgeltlich aufgenommenen Kinder wurden sozusagen „umb gotzwillen“ im Spital versorgt47, was auch mittellosen Müttern die Möglichkeit gab, ihre Kinder der Fürsorge des Bürgerspitals zu übergeben. Ab 1784 war es im Wiener Gebär- und Findelhaus üblich, dass eine Mutter, die die Taxe nicht zahlen konnte, ihren Namen bekannt geben musste.48 Diese Praxis kann auch für das Bürgerspital vermutet werden, denn von vielen Kindern ist in den Stubenprotokollen der Name der ledigen Mutter vermerkt. Wenn der Schreiber in den Stubenprotokollen eine unverheiratete Frau beschrieb, so bediente er sich dabei durchgehend der Formulierung: „das ledige mensch“. Diese Zuschreibung und der neutrale Artikel implizieren eine negative Konnotation des Begriffes, mit dem „eine geringe Person weiblichen Geschlechtes im verächtlichen Verstande“49 gemeint wird. Das Spital zu St. Marx, eine Filiale des Bürgerspitals, diente als Gebäranstalt für ledige Frauen und war gleichzeitig Heilanstalt für syphilitische Personen.50 Diese gemeinsame Unterbringung von Syphiliskranken und ledig Gebärenden weist, wie auch schon der Begriff „das ledige mensch“, auf die schlechte Stellung der ledigen Mütter in der Gesellschaft Wiens im 18. Jahrhundert hin.51 112 InsassInnen der Stichprobe wurden vom Protokollschreiber als Findelkinder bezeichnet. In ihren Einträgen gab es keine Informationen zu den Eltern, dafür wurde aber manchmal ein Fundort genannt. Teilweise wurden die Findelkinder aber auch abgegeben und eine Taxe für sie gezahlt, was auf die vorher erwähnte Praxis der gegen Geldleistung gewährten Anonymität hinweisen könnte. Ein Teil der Findelkinder wurde auch aus Filialen des Bürgerspitals überstellt, beispielsweise aus der Gebäranstalt St. Marx. Ein Findelkind war nach zeitgenössischer Definition „ein gefundenes Kind, welches von seinen Ältern weggesetzt worden“52,während demgegenüber ein Waise „ein seiner Ältern beraubtes, besonders unmündiges Kind“53 war. 45 Vgl. Scheutz/Weiß, Spitäler, 209. 46 Vgl. Falk, Bewohner, 47. 47 Vgl. Rezia Krauer/Stefan Sonderegger, Die Quellen des Heiliggeist-Spitals St. Gallen im Spätmittelalter, in: Martin Scheutz/Andrea Sommerlechner/Herwig Weigl/Alfred Stefan Weiß (Hg.), Quellen zur europäischen Spitalsgeschichte in Mittelalter und Früher Neuzeit, Wien/München 2010, 423–441, hier: 424. 48 Vgl. Pawlowsky, Mutter, 27. 49 Artikel „Mensch“, in: Johann Georg Krünitz, Ökonomisch-technologische Enzyklopädie, Bd. 88, 1802, 425. Elektronische Ausgabe der Universitätsbibliothek Trier, http://www.kruenitz.uni-trier.de/, 2012 Februar 7. 50 Vgl. Pawlowsky, Mutter, 39. 51 Vgl. ebd., 46–48. 52 Artikel „Findelkind“, in: Johann Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Bd. 2, Leipzig 1796, 155. Elektronische Ausgabe von www.zeno.org, http://www.zeno.org/ nid/20000153931, 2011 Juni 27. 53 Artikel „Waise“, in: Johann Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Bd. 4, Leipzig 1801, 1351f. Elektronische Ausgabe von www.zeno.org, http://www.zeno.org/

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Findelkind in seiner ursprünglichen Bedeutung meint folglich ein ausgesetztes, gefundenes Kind. Ab der Gründung des Wiener Findelhauses 1784 bekam der Begriff Findelkind noch eine weitere Bedeutungsebene. In diesem Zusammenhang meinte es eher ein in staatliche Versorgung gegebenes uneheliches Kind, zumeist von DienstbotInnen.54 Wenn Findelkinder gefunden wurden, dann oft in unmittelbarer Nähe des Bürgerspitals; so beispielsweise „vor der Bürgerspitals Apotheke“55, „vor des Bierbeschreibers thier“56, „vor der kellerthür neben der Trickerstube“57, „am Creüzgang des Bürgerspitals, neben der Magdalena Stuben“58 oder „vor dem Bürgerspitals Rossthor“59. Pro Monat wurden etwa 14 männliche und weibliche Findelkinder gefunden und in das Bürgerspital gebracht. Nicht alle Findelkinder, welche das Spital aufnahm, waren vorher schon getauft. Vor allem, wenn die Säuglinge erst einige Stunden oder Tage alt waren, übernahm die Pfarre St. Klara, zuständig für das Wiener Bürgerspital, die Taufe der Kinder und wählte meist auch einen Namen für sie aus.60 Bei etwa 16 Prozent der Stichprobe ist in dem Aufnahmetext folgender Hinweis auf eine Taufe zu finden: „Maria Elisabetha N., ein findl kind, aet[atis] 6 wochen, ist den 6.12.1746 von Kayserstr[aße] Hauß in der Himmelporthgassen an saubern leibel auf die kl[eine] kinder stuben kommen, und obigermassen sub cond[itione] getaufft worden.“61 Wenn eine Taufe sub conditione erfolgte, bedeutete dies eine bedingungsweise Taufe. Sie geschah unter der Vorannahme, dass ein Kind noch nicht getauft war.62 In diesen Fällen wurde ein Name für den Findling „geschöpft“, also erfunden, und es wurde mit diesem „geschöpften“ Namen in das Taufbuch der Pfarre eingetragen.63 In den Stubenprotokollen sind alle Findelkinder nur mit einem Vornamen eingetragen, denn die Praxis, Findelkindern auch einen eigenen Zunamen zu geben, entwickelte sich in Wien erst ab 1770.64 Anstelle des unbekannten Nachnamens findet sich in den Aufnahmebüchern des Wiener Bürgerspitals ein „N.“65 als Platzhalter. Die geschöpften Namen der Findelkinder weisen manchmal einen Bezug zum Fundort, zum Zeitpunkt des Fundes, zu den daran beteiligten Personen oder zum Status des Kindes als

nid/20000516155, 2011 Juni 27. 54 Vgl. Anna L. Staudacher, „Banklin Katharina, alt bey 5 Wochen … auf einer Bank gefunden“. Zur Namensfindung ausgesetzter Findelkinder in Wien und Umgebung (2. Hälfte 18. Jhdt.–1. Hälfte 19. Jhdt.), in: Österreichische Namensforschung, Jg. 31, Heft 1–3, 2003, 97–159, hier: 97. 55 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, 14a. 56 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, 54b. 57 Im Wienerischen bedeutet „trickern“ so viel wie trocknen. Mit Trickerstube dürfte somit Trockenstube gemeint sein. WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Männer, Frauen 55b. 58 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, 14a. 59 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, 56a. 60 Vgl. Staudacher, „Banklin […]“, 98. 61 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, 12b. 62 Vgl. Staudacher, „Banklin […]“, 98. 63 Vgl. ebd., 97–159. 64 Vgl. ebd.. 65 Das n. oder auch n.n. steht für das lateinische „numerius nigidius“, dass verwendet wurde, um einen unbekannten Namen anzuzeigen. Nach: Artikel „Numerius Nigidus“, in: Johann Heinrich Zedler, Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 24, 1731–1754, 844. Elektronische Ausgabe der Bayerischen Staatsbibliothek, http://www.zedler-lexikon.de/index.html, 2012 Februar 11.

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Findelkind auf.66 Zeitnamen bezogen sich beispielsweise auf einen Wochentag, einen Monat, ein Fest oder eine Jahreszeit.67 In den Stubenprotokollen kann etwa von einem Findelkind gelesen werden, das am 30. Dezember 1747 im Kellerhof des Bürgerspitals entdeckt wurde. Der Knabe wurde unter der Obhut des Bürgerspitals getauft und erhielt den Taufnamen Silvester, da dieser der bekannte Namenspatron des darauffolgenden Tages ist.68 Verena Pawlowsky stellte in ihrem Buch über Wiener Findelkinder fest, dass an dem Stichtag 1783 das Bürgerspital insgesamt 1.027 Findelkinder versorgte, wobei dreiviertel davon außerhalb des Hauses in Pflegeparteien untergebracht war.69 Auf den Untersuchungszeitraum der Stubenprotokolle der Jahre 1746 bis 1748 trifft dies nur begrenzt zu. Es scheint so, als würde ein Großteil der aufgenommenen Kinder direkt im Bürgerspital und zwar in der Kleinen Kinder Stube versorgt worden sein. Die Anzahl der in Pflege untergebrachten Kinder dürfte in der Mitte des 18. Jahrhunderts also noch beträchtlich niedriger gewesen sein. Von den 282 Kindern der Stichprobe starben 92 Prozent im Spital. Die anderen acht Prozent setzen sich aus entlassenen, in Verpflegung geschickten oder von Verwandten wieder herausgenommenen Kindern zusammen. Ein Bestandteil der Unterstützung der Stadt war auch die Förderung des Schulbesuchs beziehungsweise die Anleitung der Kinder zu Arbeit.70 In den Stubenprotokollen des Wiener Bürgerspitals finden sich Kinder, die nach mehrjährigem Aufenthalt im Bürgerspital in eine Fabrik weitervermittelt wurden. Zum Beispiel kam der neunjährige Johann Eschler, eine Halbwaise, am 24. Dezember 1746 für knapp drei Jahre in die Grüne Knaben Stube. Auf „befehl hocher obrigkeit“ wird er 1749 in die „Stachel Fabrica hinaus gegeben“71. Über seinen weiteren Lebenslauf erfährt man in den Stubenprotokollen nichts, da durch den Austritt sein Spitalsaufenthalt beendet wird. Ebenso erging es dem zwölfjährigen Benedict Zäs, der nach zweijährigem Aufenthalt auf der Grünen Knaben Stube in eine Nadelfabrik übernommen wurde und damit von der Obhut des Bürgerspitals ausschied.72

Krankheit und Tod Der Gesundheitszustand der aufgenommenen Personen wurde teilweise in den Stubenprotokollen vermerkt. Dabei finden sich Hinweise auf Krankheiten, Verletzungen oder Todesursachen der InsassInnen. Kategorien wie „Gesundheit“ und „Krankheit“ sind historisch gewachsen und werden zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich konstruiert.73 „Kranksein“ in der Frühen Neuzeit wurde ebenso wie heute als Bedrohung für den Körper wahrgenommen. Die Krankheit wurde oft als etwas Eigenständiges oder Körperfremdes beschrieben. Dies äußerte sich in Formulierungen wie jenen, dass die Krankheit eine Person „packte“, „überkam“, „ergriff“ oder „sich ein66 Vgl. Staudacher, „Banklin […]“, 98 und 134. 67 Vgl. ebd., 122–124. 68 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 58a. 69 Vgl. Pawlowsky, Mutter, 39. 70 Vgl. Neumann, Findelkinder,, 256–257. 71 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 14a. 72 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 98a. 73 Vgl. Michael Stolberg, Homo patiens. Krankheits- und Körpererfahrung in der Frühen Neuzeit, Köln/Weimar/ Wien 2003, 36–39.

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schlich“. Demgegenüber wurde Krankheit seltener mit Hilfe des Verbes „sein“ beschrieben, das heute für Krankheitszustände verwendet wird („krank sein“).74 Die in den Stubenprotokollen von 1746 bis 1748 verwendeten Begrifflichkeiten um Krankheit zu benennen, passen zu den oben genannten Befunden. Bei 23 Einträgen (6,7%) gibt es eine nähere Erklärung zum Gesundheitszustand der aufgenommenen Personen. Dabei vermerkt der Protokollschreiber diesen Umstand stets mit dem Wort an etwas erkrankt zu sein. Der Insasse Christian Jacob Zueschratter ist beispielsweise „an innerl[ichen] Brand gestorben“75. Michael Stobauer, ein Bäckerjunge, kam „an einen fluß im gesicht“76 in das Bürgerspital. Das ungefähr vier Wochen alte Findelkind Susanna verstarb wiederum nach drei Tagen Aufenthalt „an der frais“77 in der Kinder Stube des Spitals und die 55jährige Witwe eines Schusters, Maria Barbara Nellin, verbrachte keine Nacht im Bürgerspital, denn sie verblich gleich an ihrem Ankunftstag den 1. Dezember 1747 „an der wassersucht“78. In diesen Krankheitsbeschreibungen, die durchwegs mit der Präposition „an“ formuliert sind, zeigt sich die neuzeitliche Vorstellung, dass Krankheit von einer Person Besitz ergreift. In den Einträgen, welche die Aufnahme von Kindern betreffen, findet sich ein spezielles Begriffspaar um den jeweiligen Gesundheitszustand der Aufgenommenen zu beschreiben. Dabei handelt es sich um die Zuschreibungen „ist an sauberen leibel in die kleine kinder stuben kommen“79 oder „ist an verdorbenen leibel in die kleine kinder stuben kommen“80, also um das Gegensatzpaar sauber und verdorben. Sauber könnte nach Grimms Deutschen Wörterbuch „frei von krankhaftem, besonders von ausschlag und andern sichtbaren zeichen einer krankheit“ 81 bedeuten. Bei der Übergabe an das Bürgerspital wurden die Kinder anscheinend begutachtet und ihr Gesundheitszustand festgestellt. Wenn sie keine äußerlich sichtbaren Krankheitsbilder aufwiesen, dürften sie folglich als sauber klassifiziert worden sein. Verdorben stand demgegenüber für den „Zustand, da ein Ding aus seiner ersten bessern Beschaffenheit in die entgegen gesetzte schlimmere übergegangen ist“ 82. Ein Kind, welches verdorben in das Bürgerspital kam, litt nach außen hin wahrscheinlich schon an einer Krankheit und hatte vielleicht Ausschläge oder andere sichtbare Zeichen. 74 Vgl. ebd. 75 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 58a. 76 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 47b. 77 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 88b. Die Frais war mangels genauerer medizinischer Kenntnisse eine Sammelbezeichnung für verschiedenste Krankheitsbilder, welche sehr häufig als Todesursache angegeben wurde. Vgl. Pawlowsky, Mutter, 220. 78 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 53b. 79 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 56b. 80 WStLA, Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35, Fol. 6b - 7a. 81 Artikel „Sauber“, in: Jacob Grimm/Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. 14, Sp. 1849, Elektronische Ausgabe der Universität Trier, http://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemma=sauber, 2011 Juni 27. 82 Artikel „Verdorben“, in: Johann Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Bd. 4, Leibzig 1801, S. 1018. Elektronische Ausgabe von www.zeno.org, http://www.zeno.org/ nid/20000496162, 2011 Juni 27.

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Mit der Zuschreibung sauber kamen 67 Prozent der Kinder in das Bürgerspital. Mit der Zuschreibung verdorben rund 15 Prozent. Allerdings konnte nicht festgestellt werden, dass Kinder mit nach außen bereits sichtbaren Krankheitsbild eine höhere Sterblichkeitsrate aufwiesen. Kinder, die mit sauberen leibel in das Spital kamen, hatten keine signifikant höhere Chance zu überleben.

Resümee Das von administrativer Seite geführte Aufnahmebuch des Wiener Bürgerspitals aus den Jahren 1746 bis 1748 ist im Vergleich zu anderen schriftlichen Überlieferungen wie Urkunden oder Rechnungsbüchern ein junger Quellentyp zur Geschichte dieser Institution. Die Stubenprotokolle zeigen, dass 84 Prozent der jährlich rund 660 aufgenommenen Personen des Bürgerspitals Kinder waren. Sie stellten den größten Anteil an der Klientel des Wiener Bürgerspitals in dieser Zeit dar. Durchschnittlich dauerte ein Aufenthalt im Wiener Hospital zwischen sieben und 30 Tage, wobei 90 Prozent der Kinder und Erwachsenen nicht entlassen wurden, sondern in der Obhut des Bürgerspitals starben. Die Mehrheit der InsassInnen des Wiener Bürgerspitals kann als sogenannte „arme Pfründner“ gelten, da sie entweder keinen oder einen sehr geringen Geldbetrag für ihre Aufnahme hinterlegten. Das Bürgerspital war also in der Mitte des 18. Jahrhunderts mehrheitlich eine Anlaufstelle für mittellose Personen. Die Versorgung von Findelkindern dürfte ebenfalls ein wichtiger Aufgabenbereich des Bürgerspitals gewesen sein. 112 von 282 Kindern wurden vom Protokollschreiber als Findelkinder kategorisiert, sie wurden nach der Aufnahme durch die Pfarre St. Clara sub conditione getauft. Die Lebenserwartung der Kinder und Findelkinder in der Spitalsversorgung stellte sich als ausgesprochen gering heraus. Beschrieb der Protokollschreiber in seinem Eintrag den Gesundheitszustand der InsassInnen, bedient er sich der Formulierung, dass Personen an etwas erkrankt seien. Darin äußert sich die neuzeitliche Vorstellung, dass Krankheit als etwas Körperfremdes von diesem Besitz ergreift.83 Um den Gesundheitszustand von Kindern zu beschreiben wird in den Aufnahmebüchern das Gegensatzpaar an sauberen leibel und an verdorbenen leibel verwendet, wobei letzteres wahrscheinlich darauf hinweist, dass die Kinder ein nach außen sichtbares Krankheitszeichen aufwiesen. Die geringe Lebenserwartung von Kindern, welche an verdorbenen leibel auf die Kleine Kinder Stube kamen, unterschied sich aber kaum von jenen, welche an sauberen leibel aufgenommen wurden. Zu den Krankenräumen des Wiener Hospitals kann aus den Stubenprotokollen geschlossen werden, dass alle bis auf die Kleine Kinder Stube geschlechter- und altersgetrennt waren. Die Kleine Kinder Stube bot Unterkunft für Buben und Mädchen im Säuglings- und frühen Kindesalter sowie für ledig gebärende Mütter, die dem Spital ihre Arbeitskraft als Amme als Gegenleistung für Versorgung zur Verfügung stellten. Die Männer wurden bei Aufnahme in das Spital entweder in die Bürgerstube, die Lazari Stube oder die Martini Stube gewiesen. Letztere diente als Anlaufstelle für verletzte Männer verschiedenen Alters. Die Frauen wurden bei ihrer Ankunft auf eine von sieben Stuben verteilt, wobei die Rochus Stube wahrscheinlich den wohlhabenderen Frauen vorbehalten blieb, weil sich dort reiche Pfründnerinnen versammelten. 83 Vgl. Stolberg, Homopatius, 36–39.

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Die Stubenprotokolle ermöglichen durch die Brille des Protokollschreibers einen Blick auf die InsassInnen des Bürgerspitals zwischen 1746 und 1748. Der vorliegende Beitrag widmete sich den Aspekten der Aufenthaltsdauer, der Stuben, der Kinder und Findelkinder unter den InsassInnen und den Krankheitsbeschreibungen des Protokollschreibers. Anhand der Information zur Herkunft könnte mit den Stubenprotokollen beispielsweise auch das Einzugsgebiet des Spitals untersucht werden. Die Angaben zu Beruf und dem Prozess der Aufnahme in das Bürgerspital könnten bei weiterer Beschäftigung mit den Aufnahmelisten bei der sozialen Verortung der InsassInnen behilflich sein. Um auch die Seite der PatientInnen zu betrachten, wäre es sinnvoll, die Stubenprotokolle mit anderen Quellentypen zu kombinieren, wie beispielsweise mit Supplikationen und Bittbriefen als „Ego-Dokumente“.84

Literaturverzeichnis Quellen Wiener Stadt und Landesarchiv (WStLA), Stubenprotokolle B 1-3 (1741) 309 – 8 – 35. Selbstständige und unselbstständige Literatur Falk Bretschneider/Martin Scheutz/Alfred Stefan Weiß, Machtvolle Bindungen – Bindungen voller Macht. Personal und Insassen in neuzeitlichen Orten der Verwahrung zwischen Konfrontation und Verflechtung, in: Falk Bretschneider/Martin Scheutz/Alfred Stefan Weiß (Hg.), Personal und Insassen von „Totalen Institutionen“ – zwischen Konfrontation und Verflechtung, Leipzig 2011, 7–24. Felix Czeike, Artikel „Bürgerspital am Schweinemarkt“, in: Historisches Lexikon Wien in 6 Bänden, Bd. 1, Wien 2004, 512–513. Beate Falk, Die Bewohner des Spitals: arme Alte, Kinder, Sieche und Geisteskranke sowie Pfründner, in: Andreas Schmauder (Hg.), Macht der Barmherzigkeit. Lebenswelt Spital, Konstanz 2000, 43–57. Beate Falk, Lebensraum, Verpflegung, Alltagskonflikte, in: Andreas Schmauder (Hg.), Macht der Barmherzigkeit. Lebenswelt Spital, Konstanz 2000, 72–94. Josef Hartmann, 2. Amtsbücher. a. Allgemeine Entwicklung des Amtsbuchwesens, in: Friedrich Beck/Eckart Henning (Hg.), Die archivalischen Quellen. Mit einer Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften, Köln/Weimar/Wien 2004, 40–53. Michael Hochedlinger, Aktenkunde. Urkunden- und Aktenlehre der Neuzeit, Wien/München 2009. Rezia Krauer/Stefan Sonderegger, Die Quellen des Heiliggeist-Spitals St. Gallen im Spätmittelalter, in: Martin Scheutz/Andrea Sommerlechner/Herwig Weigl/Alfred Stefan Weiß (Hg.), Quellen zur europäischen Spitalsgeschichte in Mittelalter und Früher Neuzeit, Wien/München 2010, 423–441. Syliva Mattl-Wurm, Wien vom Barock bis zur Aufklärung, Wien 1999.

84 Vgl. Vanja, Fragen, 32.

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Die „Stubenprotokolle“ als Quelle zur Geschichte des Wiener Bürgerspitals

Markus Neumann, Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord. Unversorgte Kinder in der frühneuzeitlichen Gesellschaft, München 1995. Ludwig Ohngemach, Die Reformprozesse in der Ehinger Spitallandschaft im 18. Jahrhundert, in: Martin Scheutz/Andrea Sommerlechner/Herwig Weigl/Alfred Stefan Weiß, Quellen zur europäischen Spitalsgeschichte in Mittelalter und Früher Neuzeit, Wien/München 2010, 443–465. Ludwig Ohngemach, Spitäler in Oberdeutschland, Vorderösterreich und der Schweiz in der Frühen Neuzeit, in: Martin Scheutz/Andrea Sommerlechner/Herwig Weigl/Alfred Stefan Weiß (Hg.), Europäisches Spitalswesen. Institutionelle Fürsorge in Mittelalter und Früher Neuzeit, Wien/München 2008, 255–294. Christine Ottner, Dem gemeinen Wesen zum Besten. Verwalten von Krankheit und Gesundheit in Krems an der Donau und Österreich unter der Enns (1580–1680), St.,Pölten 2003. Verena Pawlowsky, Mutter ledig – Vater Staat. Das Gebär- und Findelhaus in Wien 1784–1910, Innsbruck/Wien/München/Bozen 2001. Brigitte Pohl-Resl, Rechnen mit der Ewigkeit. Das Wiener Bürgerspital im Mittelalter, MIÖG Erg. Bd. 33, Wien 1996. Brigitte Resl, Bürger und Spital. Zur Entwicklung des Wiener Bürgerspitals bis zum ersten Drittel des 14.Jahrhunderts, in: Studien zur Wiener Geschichte 47/48, 1991/1992, 173–211. Martin Scheutz/Alfred Stefan Weiß, Spitäler im bayrischen und österreichischen Raum in der frühen Neuzeit (bis 1800), in: Martin Scheutz/Andrea Sommerlechner/Herwig Weigl/Alfred Stefan Weiß (Hg.), Europäisches Spitalwesen. Institutionelle Fürsorge in Mittelalter und Früher Neuzeit. Hospitals and Institutional Care in Medieval and Early Modern Europe, Wien/München 2008, 185–229. Martin Scheutz, Ein langsamer Ausdifferenzierungsprozess von der Hausordnung über die Dienstinstruktion zur Anstaltsordnung – Insassen als Personal in österreichischen Spitälern der Frühen Neuzeit, in: Falk Bretschneider/Martin Scheutz/Alfred Stefan Weiß (Hg.), Personal und Insassen von „Totalen Institutionen“ – zwischen Konfrontation und Verflechtung, Leipzig 2011, 121–153. Andreas Schmauder, Leben in der Isolation: Lepra, Pest und Syphilis, in: Andreas Schmauder (Hg.), Macht der Barmherzigkeit. Lebenswelt Spital, Konstanz 2000, 120–142. Anna L. Staudacher, „Banklin Katharina, alt bey 5 Wochen … auf einer Bank gefunden“. Zur Namensfindung ausgesetzter Findelkinder in Wien und Umgebung (2. Hälfte 18. Jhdt.–1. Hälfte 19. Jhdt.), in: Österreichische Namensforschung, Jg. 31, Heft 1–3, 2003, 97–159. Michael Stolberg, Homo patiens. Krankheits- und Körpererfahrung in der Frühen Neuzeit, Köln/Weimar/Wien 2003. Christina Vanja, Offene Fragen und Perspektiven der Hospitalsgeschichte, in: Martin Scheutz/ Andrea Sommerlechner/Herwig Weigl/Alfred Stefan Weiß (Hg.), Europäisches Spitalswesen. Institutionelle Fürsorge in Mittelalter und Früher Neuzeit, Wien/München 2008, 19–40. 85 InnenAnsichten, 1(2012),1


Nina Stren

Internet Artikel „Sauber“ in: Jacob Grimm/Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Bd. 14, Sp. 1849. Elektronische Ausgabe der Universität Trier, http://www.woerterbuchnetz.de/ DWB?lemma=sauber, 2011 Juni 27. Artikel „Mensch“, in: Johann Georg Krünitz, Ökonomisch-technologische Enzyklopädie, Bd. 88, 1802, 425. Elektronische Ausgabe der Universitätsbibliothek Trier, http://www.kruenitz. uni-trier.de/, 2012 Februar 7. Artikel „Numerius Nigidus“, in: Johann Heinrich Zedler, Grosses vollständiges Universallexicon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 24, 1731–1754, 844. Elektronische Ausgabe der Bayerischen Staatsbibliothek, http://www.zedler-lexikon.de/index.html, 2012 Februar 11. Artikel „Verdorben“, in: Johann Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Bd. 4, Leibzig 1801, 1018. Elektronische Ausgabe von www.zeno. org, http://www.zeno.org/nid/20000496162, 2011 Juni 27. Artikel „Waise“, in: Johann Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Bd. 4, Leipzig 1801, 1351f. Elektronische Ausgabe von www.zeno. org, http://www.zeno.org/nid/20000516155, 2011 Juni 27.

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Tagungsbericht: „un/diszipliniert“

Tagungsbericht: Internationale DissertantInnentagung: „un/diszipliniert?“ Methoden, Theorien und Positionen der Frauen- und Geschlechtergeschichte, 27-29/2/2012, Wien

Matthias Vigl zuerst veröffentlicht am 31.04.2012 auf http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de

Vom 27. bis zum 29. Februar 2012 veranstaltete der Verein „fernetzt – Verein zur Förderung junger Forschung zur Frauen- und Geschlechtergeschichte“, ein Forschungsnetzwerk von DissertantInnen an der Universität Wien, die internationale DissertantInnentagung „un/diszipliniert? Methoden, Theorien und Positionen der Frauen- und Geschlechtergeschichte“. Der kritische Anspruch von Frauen- und Geschlechtergeschichte verlangt es, die eigenen Theorien und Methoden immer wieder in Frage zu stellen und sich diesbezüglich permanent zu repositionieren, sowie immer wieder neue Fragestellungen an neue (und altbekannte) Quellen anzulegen: Über diesen Anspruch und Möglichkeiten zu seiner Umsetzung zu diskutieren war die zentrale Fragestellung für die Tagung. Angestrebt wurde außerdem ein internationales Podium mit dem Ziel, die Breite und Vielfalt der europäischen Frauen- und Geschlechtergeschichte zu zeigen, die Diskussion aus nationalgeschichtlichen Zusammenhängen zu lösen und nicht zuletzt eine internationale Vernetzung zu fördern. Die Darstellung der Zielsetzungen der Tagung waren Inhalt der Eröffnung durch die Veranstalterinnen ALEXIA BUMBARIS, VERONIKA HELFERT, JESSICA RICHTER, BRIGITTE SEMANEK und KAROLINA SIGMUND (alle Wien). Besonders die Notwendigkeit des Austausches auf fachlicher und programmatischer Ebene wurde an dieser Stelle eingefordert. Außerdem wurde betont, dass der Anspruch der Frauen- und Geschlechtergeschichte, sowohl Wissenschaft als auch Gesellschaftskritik zu sein, weiterhin zentraler Aspekt der Arbeit sei und dass gerade vor diesem Hintergrund die Notwendigkeit bestehe, „die Disziplinierung 87 InnenAnsichten, 1(2012),1


Matthias Vigl

von kritischem Wissen“ durch den Universitätsbetrieb ständig als Risiko im Auge zu behalten. BARBARA DUDEN (Hannover) schlug in ihrem Vortrag einen großen Bogen von der Frauenbewegung der 1970er Jahre und ihrem eigenen Werdegang hin zur Frage, wie einerseits eine Frauengeschichte zeitgeschichtlich darzustellen sei und andererseits verhindert werden könne, dass „die nächsten hundert Jahre die Geschichte von gescheiterten Umbrüchen“ geschrieben werden müsse. Besonderes Augenmerk legte sie auf die Gefahr, dass Errungenschaften wie etwa Alternativen zum Ernährermodell sich in neue Ausbeutungsverhältnisse umkehren. Die Frage, ob „Erfahrung zur Grundlage von Praxis werden könne“ oder ob die „allgemeine Verwaltung“ dies ausschließe, leitete schließlich zur Diskussion über. Das Vormittagspanel am 28. Februar wurde von Karolina Sigmund eröffnet. Sie leitete die Tagung thematisch mit der Frage nach der Notwendigkeit einer RePolitisierung der Frauen-und Geschlechtergeschichte ein und resümierte, dass das Erkenntnisinteresse des Faches politisch war und weiterhin ist. Allerdings werde die Anbindung an politische feministische Bewegungen im Kontext der steigenden „Institutionalisierung und Professionalisierung“ immer weniger betont. Damit würden immer stärkere Grenzen zwischen politischem Engagement und wissenschaftlicher Reflexion gezogen. JUDITH GÖTZ (Wien) stellte in ihrem Vortrag die Geschichte und Entwicklung der sozialhistorischen Auseinandersetzung mit rechtsextremen Frauen im deutschsprachigen Raum seit den 1990er Jahren dar. Eine Periodisierung der Forschung in drei große Phasen, nämlich die Beschäftigung mit rechtsextremen Frauen, die Geschlechterforschung seit den 2000er Jahren und die Einbindung der Männlichkeitsforschung in jüngster Zeit, stellte gemeinsam mit einer Darstellung und Kritik der österreichischen Forschungslandschaft den Kern ihrer Ausführungen dar. ELIFE BIÇER-DEVECI und EDITH SIEGENTHALER (beide Bern) stellten anhand ihrer jeweiligen Dissertationsprojekte, die Verflechtung zwischen internationaler und osmanischer Frauenbewegung (Biçer-Deveci) und die Entstehung internationaler Normen zu Frauen- und Kinderhandel im Umfeld des Völkerbundes (Siegenthaler), das Konzept der entangled history oder Verflechtungsgeschichte dar. Das Konzept ist ihres Erachtens besonders geeignet für frauen- und geschlechterhistorische Forschungen, da Netzwerke besonders für Mitglieder der Gesellschaft wichtig seien, die wenig Möglichkeiten zur formalen politischen Einflussnahme haben. SELIN CAGATAY (Budapest) befasste sich in ihrem Vortrag (und ihrem PhD-Projekt) mit der kemalistischen Frauenbewegung der Gegenwart und ihrem Aktivismus mit einem klaren Fokus auf die Beziehungen zu Feminismus, dem türkischen Staat und internationalen AkteurInnen. Im methodischen und kontextuellen Rahmen von Intersektionalität und weltweiter Frauenbewegung sollen die Positionen der kemalistischen Frauen, wie etwa Nationalismus, Säkularismus, (weibliche) Zivilgesellschaft und (weibliche) StaatsbürgerInnenschaft diskutiert und in einen breiteren wissenschaftlichen Kontext gestellt werden. RUBEN MARC HACKLER (Zürich) ging in seinem Beitrag auf die Rolle ein, die Ideologiekritik als dezidiert politische Methode im Rahmen der Geschichtsschreibung spielen könnte. Da, wie er meinte, „die kritische Haltung der Geschlechtergeschichte des Öfteren dazu geführte hätte, dass ihr die Wissenschaftlichkeit abgesprochen“ wurde, vertrat er die Ansicht, dass Ideologiekritik insofern ein sehr attraktiver Ansatz sei, weil sie „eine Form systematisch begründeter Kritik darstellt, die sich auf bereits akzeptierte Rationalitätsmerkmale stützt“. 88


Tagungsbericht: „un/diszipliniert“

Desweiteren betonte er die Notwendigkeit der „immanenten Kritik“, also die Ausrichtung der Maßstäbe der Kritik an den historischen Umständen selbst. MERITXELL SIMON-MARTIN (Winchester) versuchte anhand ihres Forschungsprojektes, die Briefe von Barbara Leigh Smith Bodichon (1827–1891): Briefdialoge und interepistemologischer Austausch, die Herausforderungen eines gemischten epistemologischen Zugangs darzustellen. Die zentrale Schwierigkeit stellt hier die Findung eines Kompromisses zwischen empirischen und postrukturalistischen Zugängen dar, Simon-Martin betonte dabei die Performativität von Briefen. HEIKE MAUER (Luxemburg) konzentrierte sich in ihrem Beitrag auf zwei theoretische Aspekte ihres Promotionsvorhabens zum Prostitutionsdiskurs in Luxemburg des frühen 20. Jahrhunderts. Der Vergleich zwischen intersektionaler Perspektive sowie dem Konzept von „Geschlecht als mehrfach relationale[r] Kategorie in der Geschlechtergeschichte“ und die Frage nach theoretischen Anschlussmöglichkeiten zwischen Intersektionalität und Gouvermentalität standen so im Mittelpunkt. IRENE MESSINGER (Wien) stellte anhand ihrer kürzlich abgeschlossenen Dissertation zu weißen Männerbünden in der österreichischen Migrationspolitik eine geschlechtergeschichtliche Betrachtung der „Scheinehe“ und ihrer AkteurInnen vor. Mittels einer intersektionallen Mehrebenenanalyse konnte dabei mit qualitativer und quantitativer Datengrundlage Weiße Männlichkeit in Staatsapparaten methodisch erfasst und deren konkrete Auswirkungen auf die Gesetzgebung am Beispiel des Fremdenpolizeigesetzes 2005 nachgewiesen werden. IRENE SOMÁ (Bologna) eröffnete den zweiten Tagungstag mit einem Beitrag zur Rolle der Epigraphik für frauen- und geschlechtergeschichtliche Studien in der Alten Geschichte. Die Analyse von Quellentypen, die nicht dem klassischen literarischen Quellenkorpus entsprechen, wie etwa epigraphische und numismatische Belege, geben demnach eine einzigartige Möglichkeit, Einblick in „privatere“ und wirtschaftliche Bereiche zu erlangen. Die vorgestellten Beispiele aus dem Dissertationsvorhaben zeigten, wie epigraphische Quellen ein tieferes Erfassen der vielfältigen Beziehungen von antiken Frauen zu ihrer Umwelt erlauben. DOMINIK SCHUH (Mainz) folgte seiner Vorrednerin chronologisch mit einer Untersuchung von Männlichkeit an der Schwelle zur frühen Neuzeit. Er versucht in seinem Dissertationsprojekt der Problematik der Nichtfassbarkeit von Männlichkeit in vormodernen Texten damit zu begegnen, zu erfassen, was nicht als Nicht-Männlichkeit codiert wurde. Als Untersuchungsmaterial dienen in diesem Fall Lebensbeschreibungen und fiktionales Material, das beispielsweise daraufhin untersucht wird, was als erzählenswürdig, bzw. -notwendig verstanden wird und ob darin Geschlecht explizit thematisiert wird, und wenn ja, in Verbindung mit welchen Ereignissen. MARIA GROSS (Hamburg) richtete ihren Blick auf Selbstzeugnisse von Künstlerinnen um 1900. Besonders interessant scheint dies, da innerhalb der Autobiographik Selbstzeugnisse von KünstlerInnen eine besondere Rolle einnehmen. Innerhalb der Selbstzeugnisse von KünstlerInnen wird Kunst nämlich oft zur allen Facetten des Lebens übergeordneten Materie. Anhand von autobiographischen Texten der russischen Künstlerin Elena Luksch-Makowskaja wird versucht, die Vorstellungen der Künstlerin über ihre Profession zu dekonstruieren und innerhalb der individuellen Lebensläufe zu kontextualisieren. Wahrnehmungen, Vorstellungen und legitimatorische Topoi sollen auf diese Art und Weise herausgearbeitet und sichtbar gemacht werden. 89 InnenAnsichten, 1(2012),1


Matthias Vigl

JITKA GELNAROVÁ (Prag) stellte in ihrem Vortrag Diskurs(e) zum Frauenwahlrecht und entsprechende Analysemöglichkeiten anhand des tschechischen Beispiels vor. Der Versuch, unter Anwendung der kritischen Diskursanalyse nach Fairclough aufzuzeigen, wie ein Diskurs als Repräsentationssystem eines Themas aufgespürt, analysiert und abgesteckt werden kann, stand dabei im Zentrum der Ausführungen. MICHAELA MARIA HINTERMAYR (Wien) befasste sich in ihrem Beitrag zum geschlechterspezifischen Suiziddiskurs in Österreich seit 1870 mit verschiedenen Aspekten ihres Dissertationsthemas. Der Grundannahme folgend, dass suizidale Handlungen von Frauen anders interpretiert und theoretisiert wurden und werden, soll nachgewiesen werden, welches Wissen im geschlechtsspezifischen Suiziddiskurs produziert, reproduziert und repräsentiert wurde. Anhand der Kategorien Geschlecht, Gesellschaft, Zeit und Wissenschaft werden diese Fragen diskursanalytisch analysiert. ALINA BOTHE (Berlin) versuchte in ihrem Vortrag unter dem Titel Gender und Digital History die Potentiale und Notwendigkeiten, die die Felder der Digital und Virtual History im Forschungsfeld der Geschlechtergeschichte aufweisen, aufzuzeigen. Besonders zwei Notwendigkeiten wurden von ihr in den Vordergrund gestellt: Die Geschichte der digitalen Medien und die Geschichte in den digitalen Medien. Besonders die Defizite, die die Geschichtsschreibung zum Internet als reine Männergeschichte aufweist, wurden hervorgehoben, ebenso wie die Feststellung, dass das Web keinesfalls postgender ist, wie etwa von Donna Haraway als Utopie gedacht wurde oder neuerdings von der Piratenpartei behauptet wird, und dass eben dieser Bereich noch in Ausverhandlung begriffen sei und einer permanenten Reflexion unterworfen werden müsste. Als Übergang zur Abschlussdiskussion verstand Alexia Bumbaris ihren Beitrag. Bewusst ohne große Verweise auf ihr Dissertationsprojekt zur Stadtsemiotik problematisierte sie das Theorieund Methodendefizit, das ihrer Meinung nach in den Geschichtswissenschaften herrscht bzw. dass diese sich gerne selbst attestieren. Unter Verweis auf die politischen Ursprünge der Frauenund Geschlechtergeschichte stellte sie allerdings auch fest, dass die deswegen etablierte Theorieund Methodenkompetenz innerhalb dieses Feldes im Laufe der Institutionalisierung des Faches teilweise verloren gegangen sei. Mit dem Hinweis darauf, dass ohne politische Positionierung auf der einen Seite und methodischer und theoretischer Kompetenz auf der anderen, und damit verbunden einer Rückbesinnung auf die politischen Wurzeln des Faches, der Verlust der herausragenden Stellung innerhalb der Geschichtswissenschaften drohe und dem Aufruf im Sinne des Namens der Konferenz undiszipliniert zu sein, wurde schließlich zur Diskussion übergeleitet. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass viele der Ansprüche der Tagung durchaus eingelöst wurden. Besonders in den Diskussionen zwischen WissenschaftlerInnen verschiedener Generationen wurde die Frage der Neupositionierung bzw. der methodischen und theoretischen Verortung teilweise heftig diskutiert. Wenngleich einige Aspekte gar nicht oder zu wenig vorkamen, so waren VertreterInnen der queer theory gar nicht vertreten, muss festgestellt werden, dass besonders der Anspruch eine Vernetzung von jungen WissenschaftlerInnen auf internationaler Ebene herbeizuführen gelungen ist. Dem Hinweis der Veranstalterinnen, dass der Anspruch undiszipliniert zu sein im Kontext von prekären Beschäftigungsverhältnissen und fehlenden Perspektiven nur schwer aufrechterhalten werden kann, muss allerdings vorbehaltlos zugestimmt werden. Womit sich wiederum ein Bogen zur Auftaktveranstaltung mit Barbara Duden schlagen lässt.

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Tagungsbericht: „un/diszipliniert“

Tagungsübersicht/Conference Overview Panel 1: Frauenbewegungen und Theorien | Women’s Movements and Theories Chair: Veronika Helfert Karolina Sigmund, Wien | Vienna: RePolitisierung der Frauen- und Geschlechtergeschichte? Kommentar | Comment: Barbara Duden, Hannover | Hanover Judith Götz, Wien | Vienna: Das rechtsextreme Geschlecht. Zur geschlechtersensiblen Rechtsextremismusforschung in Österreich Kommentar | Comment: Roswitha Breckner, Wien | Vienna Elife Biçer-Deveci & Edith Siegenthaler, Bern: Entangled History als Perspektive auf Frauenbewegungen Kommentar | Comment: Carola Sachse, Wien | Vienna Selin Cagatay, Budapest: Gender, Class, Ethnicity and the Women’s Movement in Turkey: Looking at Kemalist Women’s Activism through the Lens of Intersectionality Kommentar | Comment: Sabine Strasser, Wien | Vienna Panel 2: Theorie und Praxis | Applying Theories Chair: Jessica Richter Ruben Marc Hackler, Zürich | Zurich: Ideologiekritik in der Frauen- und Geschlechtergeschichte: Rezeption, systematischer Begriff und Fallbeispiel Kommentar | Comment: Regina Becker-Schmidt, Hannover | Hanover Meritxell Simon-Martin, Winchester: The Letters of Barbara Leigh Smith Bodichon (1827–1891): Epistolary Dialogues and Cross-Epistemological Exchanges Kommentar | Comment: Andrea Griesebner, Wien | Vienna Panel 3: Intersektionalität| Intersectionality Chair: Alexia Bumbaris Heike Mauer, Luxemburg: Intersektionalität und Gouvernementalität: Theoretische und methodische Überlegungen für die Analyse des Prostitutionsdiskurses in Luxemburg (1900–1939) Kommentar | Comment: Birgitta Bader-Zaar, Wien | Vienna Irene Messinger, Wien | Vienna: Methoden der Erforschung „Weißer Männerbünde“ in der österreichischen Migrationspolitik Kommentar | Comment: Annemarie Steidl, Wien | Vienna Panel 4: Blick in die Werkstatt | Comparing Notes on Research Chair: Karolina Sigmund Irene Somà, Bologna: Gender Studies und Geschichtswissenschaften in den Untersuchungen 91 InnenAnsichten, 1(2012),1


Matthias Vigl

zu Frauen in der Antike: der Beitrag der Epigraphik Kommentar | Comment: Fritz Mitthof, Wien | Vienna Dominik Schuh, Mainz: Männlichkeit erzählen. Narrative Geschlechtsidentität an der Schwelle zur Neuzeit Kommentar | Comment: Wolfgang Schmale, Wien | Vienna Maria Gross, Hamburg: Leben schreiben – Beruf schreiben. Historische Selbstzeugnisforschung als Zugang zur Berufsgeschichte der Künstlerinnen um 1900 Kommentar | Comment: Christa Hämmerle, Wien | Vienna Panel 5: Diskurse | Discourses Chair: Brigitte Semanek Jitka Gelnarovà, Prag | Prague: How to Approach Women’s Suffrage Discourse/s? Kommentar | Comment: Johanna Gehmacher, Wien | Vienna Michaela Maria Hintermayr, Wien| Vienna: Todernst. Eine Analyse des geschlechtsspezifischen Suiziddiskurses in Österreich (1870 bis heute) Kommentar | Comment: Therese Garstenauer, Wien | Vienna Panel 6: Perspektiven | Perspectives Chair: Brigitte Semanek Alina Bothe, Berlin: Gender und Digital History. Potentiale und Notwendigkeiten interdisziplinärer Geschlechtergeschichte in einem neuen Forschungsfeld Kommentar | Comment: Monika Bernold, Alexia Bumbaris, Wien | Vienna: Urban Semiotics as a Research Method. About the Necessity to Try Something New Schlussdiskussion | Concluding Discussion Moderation | Moderators: Alexia Bumbaris & Jessica Richter

Tagungsbericht „un/diszipliniert?“ Methoden, Theorien und Positionen derFrauen- und Geschlechtergeschichte. 27.02.2012-29.02.2012, Wien, in:H-Soz-u-Kult, 31.03.2012,<http://hsozkult.geschichte.huberlin.de/tagungsberichte/id=4177>. Copyright (c) 2012 by H-Net, Clio-online, and the author, all rightsreserved. This work may be copied and redistributed for non-commercial,educational purposes, if permission is granted by the author and usageright holders. For permission please contact H-SOZ-U-KULT@H-NET.MSU.EDU.

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Abstracts und Kurzbiographien

Englischsprachige Abstracts der Beiträge und Kurzbiographien der AutorInnen

Jutta Fuchshuber Jutta Fuchshuber, geb. 1983, Studium der Geschichtswissenschaft, Schwerpunkt Nationalsozialismus in Österreich mit Fokus auf Enteignungsprozesse, Mitbegründerin des Vereins „Wiener Historische Forschung (WHF)“ – www.whf.co.at, seit 2009 Forschungsprojekt zu „Enteignungen von Handelsunternehmen jüdischer BesitzerInnen in Wien“ im Rahmen des Vereins. This article was developed as part of a university course and deals with the subject of „shooting when trying to escape“. The starting point of this research paper is Alexander Peroutka who was put on trial in 1947 by the American Military Tribunal at Dachau (the Dachau Trials). Peroutka was involved as a guard in the Mauthausen Concentration Camp Complex and participated in abuse and killings. First the article deals with the placement of Gusen Camp in National Socialist Camp System and the development of the Concentration Camp Guards units, in order to be able to contextualise Peroutka’s testimony during the trial. Furthermore, the legal and functional background of the elements of offences mentioned in the files will be analysed and spotlighted. Based on four case studies it is shown that all Nazi internal investigations of the commander’s office concerning prisoners who were „shot when trying to escape“, ended with impunity for the guards, because they had allegedly acted “dutifully“ in carrying out their duties. The offence has been prosecuted for the first time in the Dachau Trials, citing the example of Peroutka. In his declaration in lieu of oath he admitted having shot a prisoner “trying to escape”, as well as having another prisoner deliberately driven through the cordon, jointly with Böhn, a co-defendant of Peroutka. 93 InnenAnsichten, 1(2012),1


Different defence strategies of Peroutka and Böhn are shown as well as their participation in killings and abuses. In the Dachau-Mauthausen Trial both were sentenced to death by hanging and executed in November 1948. The Allies did no longer rate the „shooting when trying to escape” as „proper exercise of someone’s duties“ covered by the pseudo-legal authorisation to kill prisoners, but as a murder.

Béatrice Grasser Béatrice Grasser wurde am 12. September 1975 in Bludenz (Vorarlberg ) geboren und studiert seit 2007 Geschichte Diplom an der Universität Wien. Studienschwerpunkte sind Kulturgeschichte sowie Frauen- und Geschlechtergeschichte. This article is concerned with pictorial as well as textual representation of homo- and heterosexuality in the teen magazine BRAVO (1969–1985). The first section explains and dwells on the corpus of sources, images and texts, which were used for this article. The Chapter Ikonographische Analyse (iconographic analysis) introduces, inter alia, Erwin Panofsky and Aby Warburg, to whom we owe the „Iconographic-Iconological model“, as well as W.J.T. Mitchell and Gottfried Böhm, who have ascertained the change from the word to the picture. Afterwards the analytical procedures regarding the pictorial and textual representation are presented. The second section and equally the main focus of this article represent the results of the picture und text analysis. The image results are showing the changes between 1969 and 1985, meanwhile the text results depict, which arguments dominate the discourse in relation to homo- and heterosexuality. Furthermore it is shown how coverage developed from conservative to liberal sexual discourse.

Florian Knotz Florian Knotz wurde am 3. Mai 1979 in Bruck an der Mur geboren. Seit 2009 studiert er Geschichte an der Universität Wien. Persönliche Schwerpunkte liegen in der Mentalitäts- und Ideengeschichte der Aufklärung und des bürgerlichen Zeitalters A critical discussion on Austria’s National Socialist past took place mainly in the 1980s (Kurt Waldheim, Jörg Haider), up to this point the issue was rather ignored within the Austrian public discussion. Therefore „Niemals vergessen!“ – an anti-Fascist exhibition held in Austria in 1946 – was a remarkable event. Due to the short time elapsed since the end of World War II, this exhibition is a good object of research to analyze the social and political atmosphere of postwar Austria. After the war several myths („Widerstandsmythos“, „Opfermythos“, „Mythos der Stunde Null“) were established and formed the Austrian „Lebenslüge“-complex, which was one of the main foundations of the second Austrian Republic. The exhibition „Niemals vergessen!“ needs to be examined as part of Austria’s post-war positioning between critical examination of the recent past and adjustment to the political and social climate. The present 94


Abstracts und Kurzbiographien

article questions whether the described exhibition is to be seen as „a spontaneous manifestation of anti-Fascist agitation“ (Wolfgang Kos) or as a product of the consensual Austrian policy of 1945/46.

Florian Reinold und Julia Anna Schön Florian Reinold wurde am 17. Juni 1984 in Wien geboren. Seit 2007 studiert er Geschichte an der Universität Wien. Sein Spezialgebiet ist europäische Wirtschafts- und Sozialgeschichte (18.–20. Jahrhundert). Sein besonderes Interesse gilt dabei der Beziehung zwischen Wirtschaft und Haushalt/Familie. Julia Anna Schön wurde am 5. Juni 1989 in Vöcklabruck geboren. Seit 2008 studiert sie Geschichte an der Universität Wien. Persönliche Schwerpunkte liegen in der Sozial- und Kulturgeschichte des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit und in den historischen Hilfswissenschaften. In early modern times spouses were provided the opportunity to appear in a ecclesiastical court to hear out marital conflicts. Usually those hearings ended with disciplinary actions against the spouses. In rare cases, a so-called legal separation was permitted, which did not annul marriage but which allowed a physical separation of spouses. Due to a lack of research in this area the decisive factor to authorise a legal separation is to determine, which is. The aim of this paper is to make a contribution to fill this research-gap. For that purpose two cases of the Passau Consistory below the Enns from were reconstructed the first half of the 18th century based on a critical interpretation of Council Minutes. In both cases the wives are faced with a similar problem: They had to leave the common household, after having been affected by domestic violence and referred the matter to an ecclesiastical court. Thereby, the difference between the women is the strength of their negotiating position, which led to different strategies in court and finally to different verdicts of the ecclesiastical court: in the first case the husband was sentenced to disciplinary action, in the second case the ecclesiastical court raised the prospect of legal separation toward the wife.

Nina Stren Nina Stren, geboren 1986, maturierte 2004 in Wien und studiert seitdem an der Universität Wien im Diplomstudium Geschichte, für welches sie derzeit ihre Diplomarbeit verfasst. Von 2006 bis 2011 absolvierte sie das Bachelorstudium der Theater-, Film-, und Medienwissenschaft. Ihre Forschungsinteressen liegen im nicht-literarischen Theater des 18.Jahrhunderts, Kriminalitätsgeschichte der Frühen Neuzeit, Frauen- und Geschlechtergeschichte sowie Kulturwissenschaften/Cultural Studies. Seit 2009 im Rahmen hilfswissenschaftlicher Mitarbeit Transkription von Handschriften aus Württemberg aus dem 18. und 19. Jahrhundert für das Projekt „Human Well-Being and the ‚Industrious Revolution‘“ an der Universität Cambridge (UK). This text focuses on the history of the Wiener Bürgerspital (Vienna Public Hospital) in the mid 18th century by reference to a source genre, the so-called Stubenprotokolle. A recorder of this health institution kept record lists for administrative purposes. In those lists all residents were chronologically scheduled as well as their social class, age, profession and 95 InnenAnsichten, 1(2012),1


physical condition. Considering the authoritarian perspective of the Stubenprotokolle, this text focuses on women, men and children who were hospitalised between 1746 and 1748 in the Wiener B端rgerspital. By the means of standardised entries, the length of stay of the residents will be determined and by the same token, the hospital rooms (Stuben), to which the residents used to be relegated, are going to me made subject of discussion. Since the majority of the clientele of the Wiener B端rgerspital in the middle of the 18th century accounted for unserved children, the text is devoted to foundlings, children of unmarried mothers and their situation in Vienna during the 18th century. The Wiener B端rgerspital in the early modern period was evidentially not a hospital in terms of modern times as the disease profile of the writer of the protocol shows, but an institution for supply means for poor and old people and unprovided children.

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Innenansichten