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Konjunkturzyklus

Die aktuelle wirtschaftliche Gesamtlage eines Landes bezeichnen wir als Konjunktur. Sie wird bestimmt durch den Auslastungsgrad der zur Verfügung stehenden Ressourcen, der Produktionsfaktoren Arbeit, Wissen, Kapital und Boden. Die Konjunkturentwicklung, d. h. der Verlauf der gesamtwirtschaftlichen Aktivitäten, durchläuft immer wieder Phasen des Aufschwungs, mit hoher Auslastung der Produktionsfaktoren, und Phasen des Abschwungs, in denen nicht alle Produktionsfaktoren vollständig ausgelastet sind.

Theorie 33.1 33.2 33.3 33.4

Wachstumspolitische Massnahmen zielen auf die Ausweitung der vorhandenen Produktionsfaktoren und zeichnen einen entsprechenden Wachstumspfad vor. In der Praxis gelingt es jedoch nicht immer, diese Ressourcen auch tatsächlich auszulasten, und es kann zu unerwünschten Effekten wie Arbeitslosigkeit oder Teuerung kommen. Anhand von Konjunkturprognosen versucht die Politik, solche Störungen frühzeitig zu erkennen, um vorausschauend geeignete Massnahmen ergreifen zu können.

Übungen

Der Konjunkturzyklus ......................................................................................... Die Konjunkturindikatoren ................................................................................. Konjunkturprognosen und Konjunkturpolitik ...................................................... Zielkonflikte in der Konjunkturpolitik .................................................................. Das haben Sie gelernt ........................................................................................ Diese Begriffe können Sie erklären .....................................................................

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1 2 3 4

Konjunkturzyklus ............................................................................................... Konjunkturindikatoren ....................................................................................... Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik ........................................................ Zielkonflikte in der Volkswirtschaft .....................................................................

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Aufgaben 1 2 3 4

Konjunkturprognose aus der Praxis .................................................................... Konjunkturindikatoren – der Zeit voraus ............................................................. Zielkonflikte in der Konjunkturpolitik .................................................................. Merkmale der einzelnen Konjunkturzyklen .........................................................

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Brennpunkt Wirtschaft und Gesellschaft 2.. Auflage 2017 / © Verlag SKV AG, Zürich Diese Broschüre ist urheberrechtlich geschützt. Ohne Genehmigung des Verlages ist es nicht gestattet, die Broschüre oder Teile daraus in irgendeiner Form zu reproduzieren. Bestellung über: http://brennpunkt-wug.verlagskv.ch Konjunkturzyklus

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33.1 Der Konjunkturzyklus Die Wirtschaftsentwicklung ist gekennzeichnet durch Phasen des Auf- und Abschwungs. Der Konjunkturzyklus beschreibt sich wiederholende Phasen der wirtschaftlichen Entwicklung. Ein vollständiger Zyklus kann in vier typische Phasen unterteilt werden: Konjunkturaufschwung, Hochkonjunktur oder Boom, Konjunkturabschwung und schliesslich eine Rezession. Ist diese besonders stark, sprechen wir von einer Depression. BIP in Mia. CHF

Wachstum bei optimaler Auslastung der Produktionsfaktoren, Produktionspotenzial oder Trend-Wachstum

Hochkonjunktur, Boom

Konjunkturelle Entwicklung (mit Aufschwungs- und Abschwungsphase)

Konjunkturabschwung Rezession, Depression

Konjunkturabschwung

Konjunkturaufschwung

Rezession, Depression Zeit Vollständiger Konjunkturzyklus

Die einzelnen Phasen dauern in Wirklichkeit unterschiedlich lang; sie verlaufen nicht gleichmässig, wie dies aufgrund der schematischen Darstellung einer vollständigen Wellenbewegung den Anschein erweckt. In einer Hochkonjunktur (Boom) sind die vorhandenen Produktionsfaktoren vollständig ausgelastet, und die gesamtwirtschaftliche Leistung erreicht Rekordwerte. In gewissen Branchen kann es trotz des Ausbaus der Kapazitäten und Überzeitarbeiten zu Produktionsengpässen kommen. Dies kann bei anhaltend hoher Nachfrage zu Preiserhöhungen führen. Boomphasen weisen deshalb oft inflationäre Tendenzen auf. Der Arbeitsmarkt ist ausgetrocknet, und es herrscht beinahe Vollbeschäftigung, weil die Unternehmungen alle verfügbaren Arbeitsplätze besetzen. Die Unternehmungen benötigen viel Kapital, um Investitionen zu tätigen. Als Folge davon steigen die Preise für ausgeliehenes Geld: die Zinsen. Die guten Unternehmungsergebnisse führen zu hohen Steuererträgen des Staates. Gleichzeitig können in dieser Phase die staatlichen Ausgaben zurückgefahren werden, weil z. B. weniger Mittel für den sozialen Ausgleich aufgewendet werden müssen. Allfällige Haushaltsüberschüsse können zum Abbau von Staatsschulden verwendet werden.

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In der Talsohle, einer Rezession Rezession, sind dagegen die gesamtwirtschaftlichen Aktivitäten stark eingeschränkt. Weil Unternehmungen zunehmend sinkende Umsätze verzeichnen, werden Kapazitäten abgebaut und Personal wird entlassen; entsprechend steigt die Arbeitslosigkeit an. Offiziell sprechen wir von einer Rezession, wenn das reale BIP (nach Berücksichtigung allfälliger Veränderungen des Preisniveaus) in zwei aufeinander folgenden Quartalen stagniert oder abnimmt. Wenn das reale BIP mehr als 10 % abnimmt oder wenn die Phase des Negativwachstums mehr als 3 Jahre beträgt, spricht man von einer Depression. Beispiele für Depressionen sind die Grosse Depression in den USA (1929 – 33), der Zusammenbruch der Sowjetunion (1989 – 98) und die Währungs- und Regierungskrise in Argentinien (1998 – 2002). Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer befinden sich in dieser Situation gegenüber den Unternehmungen in einer schwächeren Position und müssen in solchen Phasen Lohneinbussen oder gar Kündigungen in Kauf nehmen. Dies führt insgesamt zu stagnierenden oder gar sinkenden Einkommen, was die Gesamtnachfrage vermindert. Aufgrund der schwachen Nachfrage versuchen Unternehmungen, ihre Produkte zu tieferen Preisen abzusetzen, was in deflationäre Tendenzen 1 münden kann. Die staatlichen Einnahmen gehen zurück, weil sowohl Unternehmungen als auch Private aufgrund der geringeren Gewinne und sinkender Einkommen weniger Steuern bezahlen. Gleichzeitig nehmen die Staatsausgaben im Bereich der sozialen Wohlfahrt zu (z. B. infolge vermehrter Arbeitslosigkeit), was die Gefahr von Haushaltsdefiziten erhöht. Konjunkturschwankungen entstehen nicht einfach aus dem Nichts, sondern werden durch Veränderungen im sozialen, ökonomischen und / oder ökologischen Teilsystem ausgelöst. Allerdings treten solche Veränderungen meistens überraschend auf, oder sie können aussergewöhnlich heftig sein, sodass sie kurzfristig nicht durch entsprechende Gegenmassnahmen aufgefangen werden können. Aus der Vielzahl möglicher Auslöser für Konjunkturschwankungen werden hier einige typische aufgeführt: ■ Ökonomische Ursachen – Die Zentralbank weitet die Geldmenge aus oder schränkt sie ein. In der Folge verändern sich Preise, Löhne und Zinsen, mit entsprechenden Konsequenzen auf dem Kapital-, Arbeits- und Gütermarkt. – Irgendein Element der Nachfrage nach Gütern (staatlicher oder privater Konsum, Exportnachfrage) nimmt zu oder ab. Das kann z. B. aufgrund von Wechselkursschwankungen, einer konjunkturellen Veränderung im Ausland oder haushaltspolitischen Massnahmen des Staates geschehen. – Das Gesamtangebot wird grösser oder kleiner, z. B. weil das Arbeitskräfteangebot durch Zu- oder Abwanderung schwankt oder weil aus politischen Gründen massive Aufgabe 1 Kapitalzuflüsse oder -abflüsse erfolgen. Übung 1 1

Unter Deflation verstehen wir einen Rückgang des durchschnittlichen Preisniveaus.

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■ Soziale Ursachen – Aussen- oder innenpolitische Veränderungen bewirken Optimismus oder Pessimismus in der Gesellschaft. – Religiöse oder kulturelle Veränderungen beeinflussen die Grundhaltungen der Menschen, z. B. in Bezug auf Sparen und Konsum. ■ Ökologische Ursachen – Naturkatastrophen, Rekordernten oder der Fund neuer Rohstoffvorkommen können vorübergehend zu einem massiv veränderten Güterangebot mit entsprechenden Konsequenzen für das Preisniveau sorgen.

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33.2 Die Konjunkturindikatoren Die konjunkturelle Entwicklung lässt sich in erster Linie am Bruttoinlandprodukt ablesen. Allerdings lassen sich die einzelnen Konjunkturphasen anhand der BIP-Entwicklung nur schwer voneinander abgrenzen. Deshalb betrachten wir auch andere Messgrössen, die Aussagen über die wirtschaftliche Entwicklung zulassen. Diese sogenannten Konjunkturindikatoren lassen sich in drei Gruppen unterteilen: ■ Gleichlaufende Indikatoren weisen etwa den gleichen zeitlichen Verlauf wie der Konjunkturzyklus auf. Typische Beispiele dafür sind der private Konsum sowie die Investitionen von Unternehmungen, Unternehmungen die beide in Boomphasen deutlich ansteigen, während sie in einer Rezession stagnieren oder gar sinken. Auch für die Umsätze von Unternehmungen sowie für die Exporte eines Landes gilt: Die Daten bewegen sich etwa im Gleichschritt mit der konjunkturellen Entwicklung. Veränderung des Indikators

Höhepunkt des Indikators

Konjunkturtiefpunkt

Gleichlaufende Indikatoren Z. B. – Privater Konsum – Investitionen – Umsätze von Unternehmungen – Exporte

Konjunkturentwicklung Konjunkturhöhepunkt

Veränderung des Indikators

Konjunkturtiefpunkt

Konjunkturentwicklung

Tiefpunkt des Indikators

Zeit

■ Vorauseilende Indikatoren nehmen den konjunkturellen Verlauf vorweg. Sie sind deshalb besonders geeignet, um Konjunkturprognosen zu erstellen. Typische Beispiele dafür sind Umfrageergebnisse zur Konsumenten- und Unternehmerstimmung, der Auftragseingang von Industrie- und Bauunternehmungen oder die Entwicklung des Geldumlaufs. Wenn es gelingt, nicht nur die Richtung der kommenden konjunkturellen Entumlaufs wicklung frühzeitig zu erkennen, sondern auch die ungefähre Stärke und zeitliche Verzögerung, bilden vorauseilende Indikatoren ein wichtiges Instrument zur Planung von konjunkturpolitischen Massnahmen. Vorauseilende Indikatoren Z. B. – Konsumentenstimmung – Auftragseingänge – Geldumlauf

Höhepunkt des Indikators

Zeit

■ Nachhinkende Indikatoren zeichnen den Konjunkturverlauf mit einer gewissen Verzögerung nach. Typische Beispiele dafür sind die Lohn-, Zins- und Preisentwicklung sowie die Arbeitslosenzahlen Arbeitslosenzahlen. Dies erklärt sich durch das Verhalten von Unternehmungen und privaten Haushalten im Konjunkturverlauf. Nach einer Rezession dauert es eine bestimmte Zeit, bis das Vertrauen in einen konjunkturellen Aufschwung zunimmt. Eine leicht steigende Nachfrage wird mit dem Abbau von Lagerbeständen befriedigt, ohne dass deswegen die Preise ansteigen. Investitionen werden vorerst aus eigenen Mitteln finanziert und wirken sich erst nach einiger Zeit auf die Kreditnachfrage in Form von steigenden Zinsen aus. Erst wenn zusätzliche Produktionskapazitäten vorhanden sind, werden neue Arbeitskräfte benötigt, und die verbesserte Beschäftigungssituation wirkt sich auch positiv auf die Löhne aus.

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Nachhinkende Indikatoren Z. B. – Lohn-, Zins- und Preisentwicklung – Arbeitslosigkeit

Konjunkturhöhepunkt

Veränderung des Indikators Tiefpunkt des Indikators

Höhepunkt des Indikators

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Konjunkturtiefpunkt

Konjunkturentwicklung Konjunkturhöhepunkt

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33.3 Konjunkturprognosen und Konjunkturpolitik Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) hat einige vorauseilende Indikatoren zu einem Konjunkturbarometer zusammengefasst, dessen Stand quartalsweise publiziert wird. Im neuen Konjunkturbarometer (Version 2014) werden über 200 Variablen miteinbezogen, unter anderem: Bestellungseingänge, Auftragsbestände und Rohstoffeinkäufe in der Industrie, Selbsteinschätzung der privaten Haushalte über ihre finanzielle Lage, Lagerbestände im Grosshandel und Auftragsbestände in der Baubranche. ■ KOF-Konjunkturbarometer 120

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2008

2010

2012

2014

2016

–6

Konjunkturbarometer Indexzahl, Durchschnitt 2006 – 2015 = 100 Veränderung der Schweizer Konjunktur in % gegenüber dem Vormonat Quelle: KOF Bulletin – Nr. 102, Dezember 2016

Die Darstellung zeigt, dass die wirtschaftliche Entwicklung auf zwei Jahre hinaus prognostiziert wird. Die Prognosen werden regelmässig angepasst. Eine zuverlässige Konjunkturprognose bildet die Voraussetzung für eine Konjunkturpolitik, die drohenden Schwierigkeiten bereits frühzeitig entgegenwirkt. Dafür stehen in politik erster Linie geld- und fiskalpolitische Instrumente zur Verfügung; diese werden im Kapitel 3, «Fiskal- und Geldpolitik», näher erläutert. Unter Konjunkturpolitik verstehen wir die Gesamtheit aller Massnahmen, die darauf hinzielen, Schwankungen in der wirtschaftlichen Entwicklung auszugleichen.

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Wie lassen sich konjunkturelle Krisen bewältigen? Der britische Ökonom Keynes entwickelte dazu eine Theorie, die heute als Keynesianismus bezeichnet wird. Keynes ging davon aus, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ausschlaggebend für das BIPWachstum sei. Bei sich abzeichnenden Krisen müsse deshalb die Nachfrage erhöht werden, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Dies könne zum Beispiel durch Steuersenkungen erreicht werden, damit den privaten Haushalten mehr Mittel für den Konsum zur Verfügung stünden. Weil dies aber erst mit einiger Verzögerung wirke (es würde eher gespart als konsumiert), müsse der Staat in die Bresche springen und den Staatskonsum entsprechend erhöhen, z. B., Der britische Ökonom John M. Keynes entwickelte in den 30er-Jahren des indem er öffentliche Gebäude saniere, Ausrüstungsletzten Jahrhunderts die Theorie des oder Rüstungsgüter kaufe oder Strassen baue. Beide Keynesianismus. Massnahmen, Steuersenkungen und hohe Staatsausgaben, belasten die öffentlichen Haushalte und führen zu entsprechenden Defiziten. Um sich die dafür nötigen Mittel zu beschaffen, müsste – gemäss Keynes – der staatliche Konsum in Boomphasen entsprechend zurückgefahren werden. Mit den dabei erwirtschafteten staatlichen Überschüssen könnte in Krisenzeiten die Nachfrage stimuliert und eine Rezession vermieden werden. Diese zeitliche Abfolge – Defizite während einer Rezession und Überschüsse während des Booms – läuft dem Konjunkturzyklus im Idealfall konsequent entgegen. Deshalb wird in diesem Zusammenhang auch von antizyklischer Konjunkturpolitik gesprochen. Auch wenn der Keynesianismus durchaus umstritten ist und es viele Kritiker gibt, ist die Überzeugung, dass der Staat eine drohende Rezession mit aktiver Konjunkturpolitik verhindern oder bekämpfen müsse, heute weit verbreitet. Deshalb werden in Phasen des Abschwungs, zumal wenn die Arbeitslosenzahlen zu steigen beginnen, häufig und schnell sogenannte Konjunkturprogramme gefordert und teilweise auch beschlossen. Dabei handelt es sich in der Regel um Vorschläge, in welchen Bereichen der Staat seine Ausgaben erhöhen müsse, um den Verlust weiterer Arbeitsplätze zu vermeiden. Leider lässt sich der Erfolg solcher Programme auch im Nachhinein nicht genau ermitteln. Denn selbst wenn eine prognostizierte Rezession nicht eintritt, so lässt sich nie genau sagen, ob sie aufgrund der ergriffenen Massnahmen ausgeblieben ist oder auch dann nicht eingetreten wäre, wenn der Staat nichts unternommen hätte. Daher darf auch die oben formulierte Aussage, dass die KOF-Prognose nicht immer eingetroffen sei, nicht als Kritik an der Arbeit der Forscher verstanden werden. Möglicherweise haben erst die Entscheide der politischen Entscheidungsträger auf der Basis dieser Prognose dazu geführt, dass die Konjunktur einen anderen Verlauf nahm, als prog- Aufgabe 3 nostiziert wurde. Übung 3

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33.4 Zielkonflikte in der Konjunkturpolitik

■ Drei Beispiele von Zielkonflikten der Konjunkturpolitik RECHTSORDNUNG

Staat und Nationalbank sind durch entsprechende Artikel in der Bundesverfassung zu Eingriffen in das Wirtschaftsgeschehen ermächtigt. Dabei streben sie mit ihren Massnahmen nach sozialer, ökonomischer und ökologischer Stabilität, ohne jedoch im Stillstand zu verharren. Diese allgemeine Zielsetzung lässt sich konkret in folgende Ziele fassen: ■ Die sieben wirtschafts-, sozial- und umweltpolitischen Ziele – – – – – – –

SOZIALES SYSTEM Staat Sozialpolitik

Preisstabilität Vollbeschäftigung Angemessenes Wirtschaftswachstum Aussenwirtschaftliches Gleichgewicht Ausgeglichener Staatshaushalt Sozialer Ausgleich Umweltqualität

Zwischen einigen dieser Ziele bestehen Zielkonflikte, was bedeutet, dass mit Massnahmen zur Erreichung eines Ziels (z. B. Vollbeschäftigung) die Erreichung eines andern Ziels (z. B. Preisstabilität) behindert wird. Zielkonflikte zwingen jede Volkswirtschaft, sich zwischen verschiedenen Handlungsoptionen zu entscheiden. Wirtschaftlich erfolgreiche Länder zeigen, dass es durchaus möglich ist, für alle Ziele gleichzeitig positive Werte zu erzielen. So weist die Schweiz seit Jahren eine tiefe Teuerung, geringe Arbeitslosigkeit, angemessenes Wachstum und eine stabile Ertragsbilanz sowie gesunde Staatsfinanzen aus. Dennoch unterliegen vor allem demokratische Gesellschaften, in denen sich Parlament und Regierung nach einer vier- bis fünfjährigen Periode einer Volkswahl stellen müssen, dem politischen Druck, kurzfristig konjunkturelle Verbesserungen zu erzielen, weil diese im Hinblick auf die Wahlen von grosser Bedeutung sind. Politikerinnen und Politiker neigen daher dazu, langfristige Ziele zugunsten kurzfristiger konjunktureller Erfolge etwas zurückzustellen. Wir zeigen einige typische volkswirtschaftliche Zielkonflikte Zielkonflikte, die sich aus einer aktiven Konjunkturpolitik ergeben.

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Soziale Gruppen Familie

Parlament

Vereine

Regierung Gerichte

Parteien ...

Staat als Bundesund un des- Akteur

Sozialer Ausgleich

verwaltung errwal altung tun ung

Kantonale Kantonale Kanton ale Verwaltungen Gemeindeverwaltungen

ÖKONOMISCHES SYSTEM

Ausgeglichener Staatshaushalt

Beispiel B eis l 1

Vollbeschäftigung

Beispiel 2

Wirtschaftspolitik

Wirtschaftswachstum

Beispiel 3

SNB als Akteur

Aussenwirtschaftliches Gleichgewicht

Preisstabilität

ÖKOLOGISCHES ÖKOLOGIS SYSTEM Umweltpolitik

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Umweltqualität

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■ Beispiel 1: Vollbeschäftigung – ausgeglichener Staatshaushalt

■ Beispiel 2: Vollbeschäftigung – Preisstabilität

Politikerinnen und Politiker fürchten sich ganz besonders vor den beschäftigungspolitischen Folgen einer Rezession. Arbeitslosigkeit ist nicht nur für die direkt Betroffenen mit grossen Nachteilen verbunden; sie führt auch dazu, dass sich breite Teile der Bevölkerung Sorgen über ihre Zukunft machen. Um zu verhindern, dass diese Menschen bei den nächsten Wahlen eine andere Partei oder Person wählen, sind Regierungen deshalb bereit, das langfristige Ziel eines ausgeglichenen Staatshaushaltes ausser Acht zu lassen, wenn sie dafür kurzfristig wirksame Massnahmen gegen Arbeitslosigkeit ergreifen können. Solche Massnahmen sind z. B. Steuersenkungen, damit die privaten Haushalte mehr Geld für Konsumausgaben zur Verfügung haben, oder die Sanierung öffentlicher Gebäude durch staatliche Gelder, um den Unternehmungen Aufträge und mehr Arbeit zu ermöglichen. Beide Eingriffe bewirken eine Belebung der Wirtschaft und reduzieren Die deutsche Regierung zahlte im Jahr 2009 zur damit die Arbeitslosigkeit. Es wird damit beVerhinderung einer drohenden Rezession für jeden wusst in Kauf genommen, dass der StaatsEintausch eines alten durch ein neues Auto eine Abwrackprämie von € 2500.–. Diese und andere haushalt durch die staatlichen MehrausMassnahmen wurden mit zusätzlichen Staatsschulgaben und Mindereinnahmen aus dem den von 37 Mrd. Euro finanziert. Gleichgewicht gerät.

Seit der Jahrtausendwende befanden sich die meisten europäischen Volkswirtschaften wie auch die japanische und die amerikanische Wirtschaft in einer historisch langen Phase grosser Preisstabilität. Inflation war in diesen Ländern schon beinahe in Vergessenheit geraten; es drohte eher Deflation. Gleichzeitig waren viele dieser Länder in den letzten Jahren von geringem oder negativem Wachstum sowie hoher Arbeitslosigkeit geprägt. Man führte dies unter anderem darauf zurück, dass die Kreditzinsen und teilweise auch der Wert der nationalen Währung zu hoch seien und deshalb kaum Kredite für Investitionen nachgefragt würden und die im Land hergestellten Güter für den Export zu teuer seien. Die naheliegendste Lösung bestand darin, die von den Regierungen unabhängigen Zentralbanken dazu zu drängen, die Geldmenge im Interesse von Wachstum und Beschäftigung zu erhöhen. Die daraus zu erwartende Inflation würde man wohl oder übel in Kauf nehmen. Insbesondere Japan und die USA verfolgten nach 2008 diese Strategie – mit offenem Ausgang. Ein Zusammenhang zwischen Beschäftigung und Preisstabilität wurde schon seit 50 Jahren vermutet. Wissenschaftliche Untersuchungen in verschiedenen Volkswirtschaften zeigen jedoch, dass nur kurzfristig ein Abbau der Arbeitslosigkeit mit Inflation erkauft werden kann. Langfristig fällt die Beschäftigung wieder auf das Ursprungsniveau zurück – allerdings bei gleichzeitig höherer Inflation. Aber auch bei diesem Zielkonflikt gilt: Wenn die Arbeitslosigkeit bei den nächsten Wahlen zurückgegangen ist, reicht dies für die Wiederwahl. Was später kommt, muss erst die nachfolgende Regierung kümmern.

Wir haben im vorhergehenden Kapitel gesehen, dass Politikerinnen und Politiker sich dabei auf die Theorie von Keynes stützen können, sofern sie bereit sind, im anschliessenden Aufschwung Überschüsse im Staatshaushalt zu erzielen. Und hier beginnt nun der eigentlich Zielkonflikt: Tun sie das tatsächlich, wird das nur um den Preis höherer Steuern und / oder reduzierter Staatsausgaben möglich sein. Beides ist bei Wählerinnen und Wählern unpopulär, weshalb die Versuchung gross ist, diese Massnahmen im Hinblick auf die nächsten Wahlen hinauszuschieben. Weil Politikerinnen und Politiker in der Regel immer wieder gewählt werden wollen, ist die Gefahr gross, dass bis zur nächsten konjunkturellen Krise keine Überschüsse erzielt werden. Dennoch wird dann zugunsten eines Konjunkturprogramms erneut ein Defizit in Kauf genommen. In der Konsequenz bedeutet dies, dass die Staatsverschuldung kontinuierlich ansteigt und der wirtschaftspolitische Handlungsspielraum für jede spätere Regierung kleiner wird.

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■ Beispiel 3: Sozialer Ausgleich – angemessenes Wachstum Wirtschaftliche Entwicklung ist immer mit Veränderung verbunden. Die konjunkturelle Entwicklung bewegt sich nur dann am oberen Rand des Wachstumspfades, wenn die vorhandenen Ressourcen langfristig möglichst effizient eingesetzt werden. Um dies zu gewährleisten, müssen sich wirtschaftliche Strukturen immer im Wettbewerb bewähren und sich durch Innovation und Erneuerung den neuen Erfordernissen des Marktes anpassen. Gelingt dies nicht, sind bestimmte Unternehmungen, Branchen, Regionen oder Bevölkerungsgruppen irgendwann möglicherweise nicht mehr in der Lage, die von ihnen verbrauchten Ressourcen effizient einzusetzen. Dieser Erkenntnis widerspricht nun aber die Vorstellung, dass bestimmte wichtige Unternehmungen, Branchen, Regionen oder Bevölkerungsgruppen aus sozialen Gründen vor massiven Veränderungen geschützt werden sollten. Wenn ein regional oder national wichtiges Unternehmen Konkurs geht (beispielsweise eine grosse Unternehmung im Wallis, eine Bank in Zürich oder eine Chemieunternehmung in Basel), fürchtet man kurzfristig einen massiven Einbruch der Nachfrage, eine Zunahme der Arbeitslosigkeit oder gar soziale Spannungen. Die Versuchung ist dann gross, mit staatlichen Mitteln zu intervenieren, obwohl damit mög- Aufgabe 4 licherweise langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft geschwächt wird. Übung 4

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Konjunkturzyklus 12

 Das haben Sie gelernt

Offene Fragen

Einen vollständigen Konjunkturzyklus beschreiben Die Merkmale der unterschiedlichen Phasen des Konjunkturzyklus nennen Einige mögliche Ursachen für konjunkturelle Veränderungen nennen Unterschiedliche Konjunkturindikatoren erläutern Volkswirtschaftliche Zielkonflikte aufzeigen

 Diese Begriffe können Sie erklären Konjunktur Konjunkturzyklus Konjunkturaufschwung Hochkonjunktur (Boom) Konjunkturabschwung Rezession (Depression) Konjunkturindikatoren Vorauseilende Indikatoren Gleichlaufende Indikatoren Nachhinkende Indikatoren Konjunkturprognose Konjunkturpolitik Keynesianismus Antizyklische Konjunkturpolitik Volkswirtschaftliche Zielkonflikte

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Ordnen Sie die folgenden Aussagen zum Konjunkturzyklus den richtigen Ziffern in der schematischen Darstellung zu.

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1 7

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– 10 %

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Ziffer des zutreffenden Begriffs

Übung 1 Konjunkturzyklus

m) In diesen Phasen sind die Produktionsfaktoren vollkommen ausgelastet, möglicherweise sogar überlastet. n) Unternehmen verzeichnen während zwei Jahren stark sinkende Umsätze und entlassen deshalb viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

3

o) Es werden viele Überstunden geleistet, und die Maschinen laufen rund um die Uhr.

2 6 9

Ordnen Sie die folgenden Begriffe den richtigen Ziffern in der schematischen Darstellung des Konjunkturzyklus zu. a ) Trendwachstum

g) Konjunkturerholung

b ) Zeit

h) Hochkonjunktur

c) Depression

i) Konjunkturelle Entwicklung

d ) Konjunkturaufschwung

j) Konjunkturabschwung

e ) Rezession

k) Boom

f ) BIP

l) Wachstum bei optimaler Auslastung der Produktionsfaktoren

p) Zeigt die Gesamtheit aller innerhalb eines Jahres in einem Land hergestellten Güter und Dienstleistungen. q) Zeigt die mögliche, langfristige Entwicklung der Wirtschaftsleistung aufgrund der Produktionsfaktoren, die zur Verfügung stehen. r) Die Wirtschaftsleistung steigt markant an; Unternehmungen investieren kräftig und stellen neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein. s) Die Wirtschaftsleistung stagniert. Überstunden werden abgebaut und Produkte an Lager gelegt. t) Die Wirtschaftsleistung sinkt infolge einer Bankenkrise um 15 %.

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Konjunkturzyklus 14

a ) Investitionen b ) KOF-Konjunkturbarometer

gleichlaufend

nachhinkend

Ordnen Sie die folgenden Konjunkturindikatoren der richtigen Kategorie zu.

Übung 3 Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik vorauseilend

Übung 2 Konjunkturindikatoren

A

B

C

Welche Aussagen sind richtig (R), welche falsch (F)? Setzen Sie das zutreffende Symbol in das Kästchen und korrigieren Sie die Fehler auf den leeren Linien. a) Keynes ging davon aus, dass das gesamtwirtschaftliche Angebot ausschlaggebend für das BIP-Wachstum ist.

b) Eine zuverlässige Konjunkturprognose bildet die Voraussetzung für eine Konjunkturpolitik, die drohenden Schwierigkeiten bereits frühzeitig entgegenwirkt.

c) Privater Konsum d ) Auftragseingänge

c) Keynes empfiehlt zur Bekämpfung einer Rezession die Erhöhung von Staatsausgaben und Steuern.

e ) Arbeitslosenrate f ) Preisentwicklung

d) In Boomphasen sollen nach der Theorie von Keynes durch Steuererhöhungen und Senkung der Staatsausgaben Schulden zurückbezahlt werden.

g ) Exporte h ) Lohnentwicklung

e) Im Konjunkturbarometer der KOF / ETH sind einige gleichlaufende Indikatoren zu einem Sammelindikator zusammengefasst.

i ) Konsumentenstimmung j ) Geldumlauf k ) Umsätze von Unternehmungen

f ) Es lässt sich nie mit Sicherheit sagen, ob eine Konjunkturprognose richtig oder falsch gewesen sei, weil konjunkturpolitische Massnahmen ja gerade die prognostizierte Entwicklung abschwächen sollten.

l ) Zinsentwicklung

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Übung 4 Zielkonflikte in der Volkswirtschaft Die folgenden Auswahlaufgaben enthalten immer zwei Aussagen, die miteinander verknüpft sind. Entscheiden Sie sich jeweils für eine der folgenden Antwortmöglichkeiten: A +weil+

B +/+

C +/–

D –/+

E –/–

Beide Aussagen richtig, Verknüpfung trifft zu

Beide Aussagen richtig, Verknüpfung trifft nicht zu

Erste Aussage richtig, zweite Aussage falsch

Erste Aussage falsch, zweite Aussage richtig

Beide Aussagen falsch

Begründen Sie falsche Verknüpfungen oder die falsche Teilaussage in wenigen Worten. a ) Die kurzfristige Bekämpfung der Arbeitslosigkeit geht häufig zulasten gesunder Staatsfinanzen, weil Zentralbanken dazu gedrängt werden, im Interesse von Wachstum und Vollbeschäftigung die Geldmenge zu erhöhen.

b ) Ausschliesslich mit der Erhöhung der Geldmenge kann langfristig die Arbeitslosigkeit nicht wirklich reduziert werden, weil reine Geldmengenerhöhungen langfristig keine positive Wirkung auf den Gütermarkt haben, sondern nur zu höheren Preisen führen.

c ) Gravierende Veränderungen der Wirtschaftsstruktur können in bestimmten Regionen oder Branchen zu hoher Arbeitslosigkeit führen, weil Ressourcen langfristig nur dann effizient eingesetzt werden, wenn sich die Unternehmungen, die sie verbrauchen, im freien Wettbewerb bewähren müssen.

d ) Vor allem totalitär regierte Staaten unterliegen der Versuchung, kurzfristig konjunkturelle Verbesserungen zulasten der langfristigen Entwicklung zu erzielen, weil sich Regierungen demokratischer Staaten alle vier bis fünf Jahre einer Wahl stellen müssen.

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Konjunkturzyklus 16

Aufgabe 1 Konjunkturprognose aus der Praxis Lesen Sie den vorliegenden Zeitungsartikel und beantworten Sie anschliessend die Fragen dazu.

Deutschland darf auf einen Aufschwung hoffen Laut den führenden Forschungsinstituten gewinnt die deutsche Wirtschaft an Schwung. Das eröffnet finanzpolitische Spielräume. Die Parteien sollten sich davon in den anstehenden Koalitionsverhandlungen3 nicht zu Leichtfertigkeit verführen lassen. Matthias Benz, Berlin Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, die die Bundesregierung in Konjunkturfragen beraten, sehen die deutsche Wirtschaft am Beginn eines Aufschwungs. In ihrer Herbstprognose sagen sie für das kommende Jahr ein reales Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 1,8 % voraus, nachdem das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr bei lediglich 0,4 % zu liegen kommen dürfte. Demnach neigt sich eine Phase dem Ende zu, in der sich die deutsche Wirtschaft mehr oder weniger seitwärts bewegt hatte. Seit Mitte 2011 war die Wirtschaftsleistung nur noch geringfügig gewachsen. Trendwende bei Investitionen Die Forschungsinstitute betonen zwar die Risiken für diesen Ausblick; so schliessen sie etwa eine neuerliche Eskalation der Euro-Schuldenkrise nicht aus. Aber insgesamt sehen sie eine positive Grundtendenz. In einem Umfeld, in dem die Weltwirtschaft wieder stärker werde

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und die Euro-Zone langsam zu Wachstum zurückfinde, sollten auch die strukturellen Stärken Deutschlands wieder stärker zum Tragen kommen, hiess es bei der Vorstellung des Herbstgutachtens in Berlin. Der Privatkonsum soll sich auch im kommenden Jahr als Stütze der Konjunktur erweisen, nachdem er schon seit Längerem von der guten Beschäftigungsund Lohnentwicklung angetrieben worden ist. Eine klare Trendwende erwarten die Institute bei den Investitionen. Die Unternehmen dürften demnach ihre jüngste Zurückhaltung ablegen, die historisch niedrigen Zinsen nutzen und wieder kräftiger in Ausrüstungen und MaReale BIP-Entwicklung Bereinigt, verkettete Volumenangaben 660

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Laufende Wachstumsrate in % Jahresdurchschnitt in % Mrd. € (rechte Skala)

2013

2014

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schinen investieren. Eine grössere Dynamik wird schliesslich bei den Exporten prognostiziert. Hier sollte sich die Erholung besonders in den Absatzmärkten der Euro-Zone positiv auswirken. Allerdings dürften die Exporte weniger stark steigen als die Importe, wodurch der Aussenbeitrag das BIP-Wachstum eher dämpfen wird. Schädlicher Mindestlohn Die Prognosen der Forschungsinstitute sind auch deshalb von Gewicht, weil die Regierung auf ihrer Grundlage die Finanzplanung erstellt. Für die kommenden Jahre sagen die Institute wachsende Überschüsse im Staatshaushalt voraus. Die nächste Bundesregierung solle sich davon aber nicht zu wirtschafts- und finanzpolitischer Leichtfertigkeit verführen lassen, mahnten die Forscher. Bei der Fortführung des bisherigen Kurses verfüge die Politik über genügend Mittel, um gleichzeitig mit der Schuldenreduktion zu beginnen, die kalte Progression abzubauen und stärker in Infrastruktur und Bildung zu investieren. Steuererhöhungen brauche es nicht, diese wären schädlich für die Wirtschaftsentwicklung. Auch dem in den Koalitionsgesprächen erörterten gesetzlichen Mindestlohn von € 8.50 erteilten die Institute eine Absage. Dieser würde die Wirtschaft belasten und zu erheblichen Stellenverlusten vor allem in Ostdeutschland führen, hiess es. Quelle: «Neue Zürcher Zeitung», 18.10.2013

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Verhandlung der Parteien (in D) über die Bildung einer Regierung, in welcher mehrere Parteien vertreten sind. Ein Koalitionsvertrag bildet die Grundlage für die Zusammenarbeit der Parteien in der Regierung.

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a ) Was bedeutet die Aussage, dass die deutsche Wirtschaft an Schwung gewinne?

e2 ) Investitionen?

e3 ) Aussenbeitrag (Exporte minus Importe) b ) Was meint der Autor mit der Aussage, die Wirtschaft habe sich seit 2011 nur noch seitwärts bewegt?

e4 ) Staat (Konsum und Investitionen)

c) Aus welchem Grund könnte sich die Wirtschaft auch anders entwickeln als prognostiziert? f ) Empfehlen die Forschungsinstitute eher eine restriktive oder eine expansive Fiskalpolitik? d ) Welche äusseren Einflüsse unterstützen die positive Prognose der Forschungsinstitute?

g) Warum raten die Forschungsinstitute von einem Mindestlohn ab?

e ) Wie entwickeln sich die einzelnen Komponenten der Gesamtnachfrage? e 1 ) Privatkonsum

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Aufgabe 2 Konjunkturindikatoren – der Zeit voraus Lesen Sie die Ausschnitte aus einem Artikel der Zeitschrift «Bilanz» und beantworten Sie anschliessend die Fragen dazu.

Indikatoren: Der Zeit voraus Investoren gieren nach Konjunkturdaten. Neue Indikatoren wie Google-Suchabfragen oder Luftfrachtraten können Anlegern für die Börse richtungsweisende Anhaltspunkte geben. Hans Peter Arnold Zu ungenau, zu optimistisch, zu langsam: Das ist der wenig löbliche Kommentar von Klaus Zimmermann, Professor für Wirtschaft an der Universität Bonn, zu Konjunkturprognosen. Wie hoch die Prognoserisiken sind, offenbaren die teilweise erheblichen Revisionen. Zum Beispiel beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco): Im März 2012 sagte das Seco der Schweiz für das laufende Jahr ein reales Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent voraus. Nur drei Monate später korrigierte die Expertengruppe des Bundes das Wachstum um 0,6 Prozentpunkte auf 1,4 Prozent nach oben. […] Um zuverlässigere Prognosen zu generieren, werden heute neue Datenquellen und Erhebungsmethoden evaluiert. Bereits gibt es mehrere Studien, die auf Basis von Suchabfragen auf Google eine Prognosekraft ableiten. So haben die Forscher Concha Artola und Enrique Galán in der Studie «Tracking the Future on the Web» den Zusammenhang zwischen Google-Abfragen nach Automarken und den tatsächlichen Autoverkäufen nachgewiesen. Auch im Tourismussektor sind solche Korre-

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lationen offensichtlich. Der Reiz solcher Analysen besteht sowohl in der hohen Aktualität der Daten wie auch in der Beinahe-Repräsentativität – aufgrund der breiten Internetnutzung. […] Längst nicht nur das Verhalten von Internetnutzern bietet sich für Real-Time-Analysen und als Baustein für Frühindikatoren an. Getestet werden derzeit unter anderem EchtzeitAnalysen von Handels- und Verkehrsströmen. Dies geschieht zum Beispiel mithilfe von Satelliten, welche die Zahl der auf den Weltmeeren verkehrenden Frachtschiffe sowie ihre Geschwindigkeit aufzeichnen. Die Gegenwart hier und jetzt beobachten: «Now-Casting» heisst dieser Trend, dem sich allerdings die etablierten Prognoseinstitute nur zögerlich zuwenden. Für David Marmet, Leiter Volkswirtschaft Schweiz bei der ZKB, steht aber fest, dass Real-Time-Analysen ein grosses Potenzial haben. Umfragebasierte Erhebungen könnten so ins Hintertreffen geraten: «Von der Durchführung von Umfragen bis zur Publikation der daraus gewonnenen Resultate verstreicht bekanntlich viel Zeit.» In der Kritik stehen insbesondere Fragen, die in die Zukunft gerichtet sind, allerdings erheblich vom aktuellen Zeitgeist beeinflusst werden. So befragt die Credit Suisse beispielsweise im sogenannten ZEW-Indikator des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung Analysten in der Schweiz nach der Konjunkturtendenz der kommenden Monate. Oder das Seco

erhofft sich von Konsumenten Aufschluss über künftige grössere Anschaffungen. «Wir müssen neue kurzfristige Indikatoren gewinnen», fordert Klaus Zimmermann angesichts der voranschreitenden Internetökonomie. Die aktuelle Standortbestimmung sei ja schon höchst anspruchsvoll. «Internetdaten, die praktisch kontinuierlich erhoben werden können, helfen uns, die gegenwärtige Lage zu bestimmen.» Als Leiter des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) hat Zimmermann den Toll-Index lanciert, der Maut-Daten aus dem Gütertransport auf den Autobahnen verwendet. Neben realwirtschaftlichen Fakten sollten Daten zu Finanzströmen ein stärkeres Gewicht haben, meint Susanne Haury von Siebenthal von Publica, der Pensionskasse des Bundes. Haury von Siebenthal steht mit dieser Aussage nicht allein. Auch andere Experten wie Finanzmarktprofessor Erwin Heri sehen gerade die Börsenindizes als wertvolle Signalgeber Schliesslich seien in den Aktienkursen alle zurzeit verfügbaren Informationen unmittelbar enthalten. Viele Prognostiker vernachlässigen diesen Sektor jedoch sträflich. […] Neben Daten aus einzelnen Ländern und Zonen sind globale Konjunkturdaten besonders wertvoll. Dazu gehören etwa die Fracht- und Passagierdaten der IATA, des internationalen Branchenverbandes der Luftfahrtindustrie. Die Daten zur Luftfracht weisen derzeit kaum auf eine Expansion der Wirtschaftsaktivität hin,

was Investoren eher zu Vorsicht mahnt und dazu, mit Zukäufen zu warten. Aufschlussreich ist schliesslich das Geschäft der Halbleiterindustrie. Nicht nur in DesktopPCs, Notebooks und Smartphones stecken Halbleiter. Immer mehr Konsum- und Industriegüter sind von Prozessoren durchsetzt. Der Geschäftsgang dieser Branche ist ein verlässlicher Signalgeber für die Weltwirtschaft. Aktuell sind etwa die Daten der in Nordamerika ansässigen Investitionsgüter-Unternehmen (www.semi.org). Im Juni schwächten sich die Aufträge sowohl gegenüber Mai wie auch gegenüber dem Vorjahresmonat erheblich ab. Die schlechten Halbjahreszahlen der meisten IT-Konzerne waren vor diesem Hintergrund eine logische Folge. Selbst unter Einbezug der neuen Generation von Indikatoren ist es höchst anspruchsvoll, den Konjunkturverlauf zuverlässig abzuschätzen. Die Zyklen werden kürzer, die Ausschläge grösser. Vor allem: Der Einfluss der Politik und der Zentralbanken ist exponentiell gestiegen. Nebst Zinssenkungen hätten die wichtigsten Zentralbanken mit unkonventionellen Massnahmen auf die jüngste Wirtschafts- und Finanzkrise reagiert, erklärt David Marmet von der ZKB. Die Modelle, deren sich die Ökonomen in der Vergangenheit bedient hätten, büssten einen Teil ihrer Prognosekraft ein. Marmet: «Ökonomie und Politik hängen heute wesentlich stärker zusammen.» Quelle: «Bilanz», 14.09.2012

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Aufgabe 3 Zielkonflikte in der Konjunkturpolitik

a ) Warum werden die bisher üblichen Konjunkturprognosen kritisiert?

Lesen Sie den Abschnitt zu den Zielkonflikten in der Konjunktur- und Wirtschaftspolitik (Theorie, S. 8) aufmerksam durch und beantworten Sie die folgenden Fragen. a) Zwischen welchen Zielgrössen werden beispielhaft drei Zielkonflikte beschrieben? b ) Was unterscheidet die bisherigen Prognoseindikatoren grundsätzlich von den neuen Indikatoren?

b) Fassen Sie die Inhalte der beschriebenen Zielkonflikte in eigenen Worten zusammen; Sie können dabei mit Stichworten und Folgepfeilen arbeiten. c) Warum sollen neben realwirtschaftlichen Fakten vermehrt auch Daten zu Finanzströmen (z. B. Aktienindizes) in Prognosen einfliessen?

d ) Nennen Sie drei neue Indikatoren, die im Text erwähnt werden.

e ) Interpretieren Sie die Aussage, dass der Einfluss der Politik und der Zentralbanken gestiegen und Prognosen deshalb schwieriger seien.

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Aufgabe 4 Merkmale der einzelnen Konjunkturzyklen Lesen Sie in der Theorie den Abschnitt über den Konjunkturzyklus (S. 2 – 3). Charakterisieren Sie die vier typischen Konjunkturphasen, indem Sie die jeweilige Ausprägung der Indikatoren aus der ersten Spalte in Stichworten umschreiben. Konjunkturphasen

Konjunkturaufschwung

Hochkonjunktur, Boom

Konjunkturabschwung

Rezession, Depression

Auslastung des Produktionspotenzials

Beschäftigung, Arbeitsmarkt, Arbeitslosigkeit Konsumgüternachfrage (Konsumentenstimmung) Güterpreise, Teuerung

Investitionsgüternachfrage

Zinsentwicklung, Spartätigkeit, Kapitalmarkt Allgemeine Stimmung

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