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streichelwurst

DAS MAGAZIN #8 SEKT FÜR ALLE


VALENTIN JUST IST DIE STREICHELWURST

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VORWORT

Vielleicht gibt es ja nichts Neues unter der Sonne, aber dies Neue handelt von einem Klub, der im Äther ankert und im Leuchten der Milchstraße ertrunken ist.a Auf der Rückseite der Postkarte eine Abbildung von Galileo in Strumpfhose. Es ist bereits die Achte dieser Art. Wohin und gegen wen die genannte Armee marschiert, wird aus den Postkarten nicht ersichtlich, wohl aber die Orte, an denen sie stationiert scheint: überall!b Wir wollten ein Teil dessen werden und wenn uns aus früheren Unternehmungen etwas klar geworden war, dann: Das Symbolbewusstsein impliziert eine Tiefenimagination.c Also zogen wir uns Strumpfhosen an und blieben dem Begehren treu. Kein schlechter Prozess. Bis eine sagte: Ich habe Lust auf Sekt. Und eine andere darauf: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Dann ging es Schlag auf Schlag.d Die Korken verschwanden im blinden Fleck. Wie lustig. Die Welt war heute tatsächlich groß in Form.e Ohne Umschweife, heisst ohne Zweifel, heisst in Strumpfhosen schwirrten wir aus. Eine Rutsche für den Sekt musste her, denn: Wenn im kollektiven Bewusstsein Veränderungen stattfinden, die es erlauben, bislang unvereinbare Anschauungen und Lebensaspekte zuzulassen, erübrigt sich die kollektive Verdrängungsarbeit.f Sowie langwierige Suchaktionen. Der Sinn, nach dem buchstäblich alles, was die oberflächlichen Merkmale einer Zitrone hat, notwendig eine Zitrone ist, ist ganz entschieden nicht der vorherrschende, sondern ein extrem abweichen-

der.g Die Rutsche, die wir fanden, leutete purpur. Salut. Durch den taktilen Effekt der Säure, den tausende winzige Bläschen hervorrufen, […]h konnten wir bald die erste Laufmasche verzeichnen. Der archäologische Befund bestätigt die literarische Beschreibung weitgehend.i Doch kehren wir zur Bedeutungstheorie zurück; um die geht es uns hier ja und nicht um eine Theorie der notwendigen Wahrheit.j a b c d e f g h i j

Djuna Barnes: New York. Geschichten und Reportagen aus einer Metropole. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 1987, S. 91 Thomas Lau: Die heiligen Narren. Punk 1976–1986. Berlin: Walter de Gruyter, 1992, S. 114 Roland Barthes: Am Nullpunkt der Literatur. Literatur oder Geschichte Kritik und Wahrheit. Frankfurt/ Main, 2006, S. 98 Samuel Beckett: Mehr Prügel als Flügel. Frankfurt/ Main: Suhrkamp Verlag, 1989, S. 190 Ebd., S. 191 Wolfgang Roth: Einführung in die Psychologie C. G. Jungs. Düsseldorf, Zürich: Patmos Verlag, 2003, S. 89 Hilary Putnam: Die Bedeutung von »Bedeutung«. Frankfurt/ Main: Verlag Vittorio Klostermann, 1979, S. 54 Tom Stevenson: Sekt & Champagner. Köln: Könemann Verlag, 1999, S. 19 Karl-Wilhelm Weeber: Nachtleben im alten Rom. Darmstadt: Primus Verlag, 2004, S. 30 Hilary Putnam: Die Bedeutung von «Bedeutung«. Frankfurt/ Main: Verlag Vittorio Klostermann, 1979, S. 46


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Sunshot

Nur für die Galerie meiner Erinnerungen schon hatte ich andere Bilder erwartet, wie sich etwa der General in vollem Lametta johlend und grölend über die Brüstung, mitten auf Lady Idefix Conners` Preisrosen erbrach und vor Lachen fast erstickt wäre; stattdessen blickte ich in abendgraue, an ihren Gläschen nippenden Regenwetterfres­ sen, die ängstlich zur Flasche schielten, ob sie denn eine Weile standhalten mochte. Der bleiche Norbert knabberte gedankenverloren an seinen Fingernägeln, als befürchtete er, dass die Kraft, die er investiert hatte, uns alle nach so langer Zeit zusammenzubringen, gerade ungenutzt in die Luft entwich; was beim Anblick Jan Salzniks neben ihm, der aussah, als wäre er sich selbst für ein Lächeln zu geizig, sehr nahe lag. Bloss Felix Malzbrand produzierte seinen altbewährten Wortschwall, mit dem er gerade auf Elsa Marie zielte, die mit zerkniffenem Mund auf den Fussboden starrte: »Nee, der Darkhouse war für mich irgendwann ne Sackgasse, hab ich seit Jahren nichts mehr mit zu tun. Ich definiere gerade den Doom Hop, so`n schweres, drückendes Zeug; ich sag mal 86 bpm, fette Orgeln und echt tiefe Bässe, – flüsternde Geister, flatternde Todesschwingen; das haut dich weg!« Bernd, der bereits sein zweites alkoholfreies Weizen hinuntergestürzt hatte, bedachte ihn mit einem skeptischen Brummen, was aber vielleicht auch der Kellnerin galt, der er gerade zuwinkte.« ... Und natürlich die Show: so krasse Horrorvideos, rote Stroboskope, ne echt heisse Stripperin in Leder, und ich mit Peit­ sche und langem Mantel, Dreizack und ner total tiefen Stimme, über son Oktaver: children of darknesssskiss my hand, children of darknessskiss my aaaaaaah-ssssss!« Immerhin reagierte wenigstens Tanja mit so einer Art Lachen, während sie nervös an einem Bierdeckel knibbelnd nacheinander die Gesichter der Runde anvisierte, als suchte sie einen Orientierungspunkt; mir ging es ähn­lich, nichts hier erinnerte mich an die Parties, die wir einstmals gemeinsam organisiert und gefeiert hatten; hier saß doch nur ein Haufen entfremdeter und entfreundeter Nostalgie-Lappen – und der Spass, der früher direkt bei uns gewohnt hatte, war meilenweit entfernt. Norberts Plan und Hoffnung, wir könnten zum zwanzigjährigen


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ANNA KASTEN IST DIE STREICHELWURST


HEIKE GEISSLER IST DIE STREICHELWURST

Hedlinde Zander, die Sprecherin der Bundesministerin für Arbeit und Soziales auf der spontan einberufenen Presse­ konferenz: Guten Tag, meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihr Kommen. Ich werde Ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen. Ihre Fragen können Sie mir im Anschluss stellen. Wir haben uns in den letzten Monaten verstärkt mit der Arbeitnehmerfrage beschäftigt. Die Probleme der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind nicht neu und jeder kennt sie. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben in den wenigsten Fällen Zeit, mehr als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu sein. Das ist nichts Neues, wie gesagt, jeder weiß das. Es ist aber neu, dass wir uns des Problems derart umfassend und konsequent annehmen. Wir strek­ ken nicht die Waffen. Wir nehmen den Kampf auf. Wir haben nun ein Maßnahmenpaket beschlossen. Es trägt den Titel: Offene Tür. Wir reduzieren mit diesem Maßnahmenpaket die wöchentliche Arbeitszeit. Der Arbeitnehmer und die Arbeitnehmerinnen, die dies wünschen, können ihre Arbeitszeit auf sechs Stunden täglich und vier Tage wöchentlich reduzieren, ohne dafür Lohneinbußen in Kauf nehmen zu müssen. Ich wiederhole: Jeder Arbeitnehmer, jede Arbeitnehmerin, kann die tägliche und wöchentliche Arbeitszeit regulieren, ohne Lohneinbußen oder negative Folgen befürchten zu müssen. Das ist realistisch. Wir haben entschieden, dies nun für realistisch zu halten. Jeder Realismus beginnt mit einer Entscheidung, etwas eher für möglich als für unmöglich zu halten. Auf die Frage, wir das alles finanziert werden soll, reagieren wir vorerst mit Zuversicht und wollen hier nicht hören müssen, dass Zuversicht kein professionelles Werkzeug ist. Doch, das sei hier ausdrücklich gesagt und das bitte ich auch zu zitieren: Zuversicht ist ein professionelles Werkzeug. Wir reden hier von einer vollkommen praktikablen Hoffnung und präsentieren Ihnen Maßnahmen, die die ersten von vielen sind. Unternehmen, denen durch eine übergroße Inanspruchnahme dieser Maßnahme Belastungen entstehen, erhalten in einer Übergangszeit Unterstützungen, über die wir uns im Detail noch abstimmen müssen. Hier bitte ich noch um etwas Geduld. Wir bearbeiten diesen Aspekt mit großer Dringlichkeit, sind aber willens, den Prozess der Arbeitszeitreduzierung zuerst beobachtend zu verfolgen, bevor wir gemeinsam mit den Unternehmensvertretern Lösungen für eventuell, ich betone: eventuell auftretende Probleme entwickeln. Wir gehen jedoch von keiner erheb­lichen oder gar dauerhaften

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INKEN HILGENFELD IST DIE STREICHELWURST

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12 SOPHIE VON STILLFRIED IST DIE STREICHELWURST


FRAGE UND ANTWORT

STREICHELWURST IST DIE STREICHELWURST

Moment! Sprechzeiten? 50 %? Doc Pu?

Wie, Sie sind ein Bild und können nicht zu mir kommen?

Nööö, Sie sind mir nicht zu alt.

bei

mr. rob

Was feiern Sie am liebsten? Geburtstag. Gehen Sie nach Hause, sobald der Sekt alle ist? Nein. Ich trinke sowieso keinen Sekt. Was halten Sie davon, Sekt gemeinsam in das Weltall zu sprühen? Da soll überhaupt nichts hinein gespritzt werden. Woran würden Sie nie sparen? Am falschen Ende. Wie oft wurden Sie schon zum Sekt trinken verurteilt? Ich fühle mich da jetzt nicht genötigt. Wogegen sind Sie? Homo­phobie und tagesaktuell, gegen die Okkupation der Krim von den Russen. Was begleitet Sie? Der Schatten, wenns lichtet. Wo­­mit können Sie trumpfen? Mit Überraschungen – sonst hat man nichts. Ein Slogan für die nächste Feier? Hoch die Tassen.

Ich sage Ihnen doch: Ich möchte nur mit Ihnen anstossen.

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JUWELIA SORAYA IST DIE STREICHELWURST

6 von 30 für alle leckere to ist heute champ agn be hasten am nkuchen kostet nu er da. jeder kann sic r8 wandgroß en bäcke 0 cent. dazu noch h die schönen gou re rmetwoc ein is chaufens 7 von 30 hen ter vorbe en milchkaffe. ch was würd a i. mpagner bei liedel leisten: en sie nu de der perlt. regten ha r zum th ndy und die m r enschen und wo s gesichter würde ema »champagne teh ihn r für alle« sa halts­ am n t der denn nun? w en erstmal nichts einfallen. gen. ich glaube, w un zum c ill man de hampagn egen ihre w n manchma as ist de ü b e rha er. berlin r l den eind ist wie ch upt haben? aber d nn nur der »cham gehetzten, aufge ruck. ­ och, irgen pagner fü ampagne r, die gan d ze welt s wie ströhmen all r alle«? e doch un tröhmt n ach berlin , habe ich auf­

8 von 30 abenteuerspielplatz und spielwiese für alle. champagner und party und keine wohnungen. der raum wird enger. könnte champagner auch raum bedeuten? also wenn ich einen champagner rausgeben würde, würde der »space and time« heißen. die zeit perlt also im gesöff, wobei das gesöff der raum ist. oh, kann es sein das ich zu viel champagner getrunken habe, hicks? 9 von 30 oder doch nicht? denn sehr wichtig und wahrer luxus sind doch eigentlich zeit und raum heute in der welt. dies sagte mir vor ein paar jahren penny arcade, als sie meinen laden sah. und ich musste ihr recht geben. verlottert war die new yourker off-theater-ikone und ehemalige andy-warhol-muse für ein paar tage nach berlin gekommen. 10 von 30 mit einer schmutzigen jacke lief sie durch berlin und testete damit die leute. campagner war ihr sicher unwichtig, obwohl sie den bestimmt auch gerne trank. sie ernährte sich nur von kartoffelchips, was in ihrem alter bestimmt nicht gut war und kramte gerne in flohmarktkisten herum.


VORWORT CLAUDIA GÜLZOW IST DIE STREICHELWURST

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VORWORT CLAUDIA GÜLZOW IST DIE STREICHELWURST

Vertrauen zu anderen. Ich zitiere die Idee der Frau Melentjewa, eine Buchhalterin aus Syktywkar, die sie vor einigen Jahren hatte und bitte auch hierfür noch einmal um Ihre Aufmerksamkeit: »Sie lassen aus dem Fenster des Hauses, in dem sie wohnen, an einem Seil einen Korb herab, auf dessen Boden Sie einen Zettel und Geld gelegt haben. Auf dem Zettel steht folgender Text: ›Bleiben Sie bitte stehen! Wir haben eine vernünftige Bitte an Sie. Aus Gründen, die nicht von uns abhängen, kann ich nicht aus dem Haus gehen (schwere Krankheit). Gegenüber ist ein Lebensmittel­ geschäft. Wir bitten Sie sehr, den Korb und das Geld zu nehmen und Brot, Milch und 10 Eier zu kaufen. Binden Sie den Korb wieder an das Seil und ziehen Sie dreimal daran. Das ist das Signal, daß der Korb hochgezogen wird. Das Wechselgeld behalten Sie für sich. Danke im voraus.‹


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VORWORT CLAUDIA GÜLZOW IST DIE STREICHELWURST


VORWORT CLAUDIA GÜLZOW IST DIE STREICHELWURST

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ROMAN KOROVWIN & CLAUDIA GÜLZOW SIND DIE STREICHELWURST

Sie sind Stier und verstehen das Jahr 2014, als Jahr der Wandlung – warum wollen Sie eine Tüte sein?


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VORWORT CLAUDIA GÜLZOW IST DIE STREICHELWURST


VORWORT CLAUDIA GÜLZOW IST DIE STREICHELWURST


Valentin Just Claudia Gülzow gatze fieling Doc Schoko Anna Kasten Heike Geißler Inken Hilgenfeld Sophie von Stillfried Grit Hachmeister Juwelia Soraya Peter Auge Lorenz Bea Meyer & Katharina Immekus Julia Krause Roman Korovin Pascal Schneider


streichelwurst #8