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A r t h u r Z a l e w s k i ist der B l i n d e F l e c k


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i s c h a p p a b l i n d a f l e c w a s s i s c h d a s e h i s w e i s c h a p p a b l i n d a f l e c wassischda deponieri b l e i p t d o r t b e v o r i s c s p ü r i e o p d a s w o i s c d a n n s p ü r i e i s c h d e p i s c h s p ü r i s p ü r i s p ü r i i s c h a p p a b l i n d a f l e c

k g k e h h p e k

M o n i k a R i n c k ist  der B l i n d e F l e c k


Wenn ihr mich zu Gesicht bekommt,/ dann laßt gut sein,/das bin nicht ich.

a

denn: Nicht nur Gott ist tot, auch die >Göttin<.b Doch wenn sie ein wenig den Blick wenden könnten - Dankeschön - ein wenig ohne Unterlass den Blick also wenden, sprich Auge rein, Auge raus. Hierfür stecken sie ihre Finger in ihre Augen, bis sie mit ihren Fingerkuppen ihr Auge umfasst halten. Und nun Auge rein, Auge raus oder aber auch mal nur anteilig raus, dann könnten sie sich unter Umständen in folgenden Worten, vorausgesetzt sie wenden ihr Auge anteilig rein, beheimatet sehen: In der Haltung und Nutzung von Pferden ist das Scheuen eine unerwünschte Eigenschaft, die viel zu oft auf Unzulänglichkeiten des Auges zurückgeführt und viel zu wenig im Zusammenhang mit der natürlichen Reaktion des Pferdes gesehen wird.c Was ich damit sagen will ist, [...] alles hat sich bisher ins Sonett gefügt, alles fügt sich unters Sonett, alles wird in Zukunft das Sonett bilden; […] fast unabsichtlichd. Für diejenigen, deren Fingerkuppen jetzt zwar in ihren Augen stecken, die darin jedoch keinerlei Trost empfinden, sei an dieser Stelle gesagt, der frühe Vogel fliegt. Aber riskieren wir ruhig noch einen Blick und betrachten in Folge unerschrok­ ken die bisherigen Ergebnisse. Also: Vauquelin, der den Kalkgehalt des Hafers berechnet hat, den ein Huhn frißt, stellte in den Schalen seiner Eier ein größeres Quantum fest. Die Substanzen werden also neu geschaffen. Aber wie? Hierüber weiß man nichts.e Eine weitere Schwierigkeit liegt in der natürlichen Kompliziertheit der logischen Systeme des Konkreten, für die das Vorhandensein einer Verbindung wesentlicher ist als die Beschaffenheit der Verbindung; in formaler Hinsicht ist ihnen, wenn man so sagen darf, jedes Mittel recht.f Und ich will mich da gar nicht rausreden, auch nicht an­teilig, auch ich pflege in Faulheit andere Prozesse ( Augen auf dem Nacht-­ tisch liegen lassen ) und ergieße mich in Massen über Massen einer Art geis-­­ tigen Stoffes, wie Schlamm oder wie Quecksilber oder wie ein Gas – eine Wonne ohne Ende.g Der blinde Fleck da also ein inneres Davos und ich liege wochenlang in Kashmirdecken gehüllt auf der Veranda, starre in das Geäst der knospenden Linde – ein Pirol piepst. Plötzlich: Der Vogel platzt geräuschlos und aus seinem Bauch steigt / Ein Springbrunnen braungoldener Federn / Die Pilze lösen sich vom Boden und schweben / Von der warmen Luft getra­gen / Bis an die Wolken / [ … ]h PUFF. I suggest that that is not what i ordered. I relieve more feathers that way than any other.i PUFF. Fassen wir das Bild der Feder, sie sich spannt, entspannt und wieder spannt, noch näher ins Auge.j Falls sie sich dabei von ihren Fin-­ gerkuppen gestört fühlen, so gucken sie getrost an ihnen vorbei. Und nun nutzen wir die Gunst, denn: Nirgends offenbart sich die Unzulänglichkeit der

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üblichen Untersuchungsmethoden besser als in diesem Zusammenhang.k Genau deshalb bauen wir ein Dutzend Tarnzelte auf und erwarten erregt jenes scheue Treiben, dem wir, unverzagt doof, nun ein klitzekleines Geheimnis zu entlocken hoffen. Wir verharren in erdachter Andacht, denn: Die Jungen wachsen sehr schnell, bekommen bald Federn, in der bei anderen Arten dieser Gattung gewöhnlichen Folge, und können nach zwei Wochen schon fliegen und den Alten folgen, was sie unter immerwährendem verlangen dem Schreien tun [ … ].l Wow! Und das Geheimnis? Hmpf. Man muss wohl sagen: Es bleibt also wieder einmal nur der Güterzug, um von Nirgendwo nach Irgendwo zu gelangen [ … ].m Auf dem Wege uns mit dieser Möglichkeit zu beschäftigen, treffen wir auf eine Behauptung, die so erstaunlich ist, daß wir bei ihr verweilen wollen.n Abends schiebt jede Aprikose der anderen ein Steinchen in den Bauch [ … ]o Da nun einige unter ihnen ihre Augen anteilig im Draußen bzw. im Drinnen haben, andere gar die Kunst erlernten, an ihren Fingerkuppen vorbei zu sehen, können wir zum Schluss folgende Erkenntnis resümieren: Die Demarkationslinie zwischen Scheitern und Triumph fällt [ … ] einmal mehr mit einem heilsamen Schlaf zusammen.p Wenn sie also mögen, können sie die Fingerkuppen weiterhin in ihren Augen belassen.

a Henri Michaux: Meine Besitztümer. Wien: Literaturverlag Droschl, 2003, S.119 b Donna Haraway: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt/ Main; New York: Campus Verlag, 1995, S.49 c Handbuch Pferdepraxis. Hrsg.: Olof Dietz, Bernhard Huskamp. Stuttgart: Enke Verlag, 2005, S.758 d Ronald M. Schernikau: Königin im Dreck. Berlin: Verbrecher Verlag, 2009, S.47 e Gustave Flaubert: Bouvard und Pécuchet. Frankfurt/Main; Leipzig: Insel Verlag, 1996, S.109 f Claude Lévi-Strauss: Das wilde Denken. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1973, S.82 g Henri Michaux: Meine Besitztümer. Wien: Literaturverlag Droschl, 2003, S.83 h Meret Oppenheim: Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag, 2002, S.69 i Gertrude Stein: Spinnwebzeit. Bee Time Vine und andere Gedichte. Zürich: Arche Verlag, 1993, S.61 j Henri Bergson: Das Lachen. Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2011, S.58 k Ebd., S.58 l Johann Freidrich Naumann: Die Vögel Mitteleuropas.Frankfurt/Main: Eichborn, 2009, S.393 m Klaus Nüchtern: Buster Keaton oder die Liebe zur Geometrie. Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2012, S.183 n Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Frankfurt/Main: Fischer Verlag, 2009, S.52 o Herta Müller: Die blassen Herren mit den Mokkatassen. München: Carl Hanser Verlag, 2005 p Klaus Nüchtern: Buster Keaton oder die Liebe zur Geometrie. Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2012, S.165

C l a u d i a G ü l z o w ist der B l i n d e F l e c k


WEG SCHAUEN

Die Erwachsenen zeigten dieses klei­ne Wunder: „Versuch mal genau auf den Stern am nächtlichen Him­mel zu schauen, dann merkst du, dass er ver­schwindet. Schaust du ein wenig zur Seite, siehst du ihn wieder.“ Und dann folgt diese Erklärung der Physiologie des Auges und der Netzhaut. Das war weniger interessant. In Erinnerung blieb dieses kleine Wunder. Mit einer kleinen Ablenkung des Blickes wer­­den Dinge sichtbar, die wieder verschwin­ den, wenn sie direkt angeschaut wer­den.  In St. Petersburg steht einen Riesenglobus. Der Globus ist die verdinglichte koloniale Allmachtsphantasie, die es erlaubt, sich vorzustellen, die Welt sei eine Kugel und man könne mit der eigenen Hand jeden beliebigen Fleck vor die eigenen Augen drehen. Der Turm der Kunstkammer Peters des Großen ist weithin über die Stadt sichtbar und der „Gottorfer Globus“ ist die Hauptattraktion des ethnogra­ fischen Museums, das sich dort im obersten Geschoß des Turms befindet. Er war ein Mitbringsel des Zaren aus dem Krieg mit Schweden. Ein solches Wunderwerk konnte sich Peter nicht entgehen lassen, als er sich am 6. Fe­bruar 1713 auf Schloss Gottorf bei Schleswig mit dem dänischen König traf. Im Innern des Globus befindet sich eine Sitzbank und ein Tisch an dem eine ausgewählte Runde Platz nehmen und den Sternenhimmel um sich kreisen lassen kann, der auf der Innenseite des Globus dargestellt ist. Nicht nur Peter der Große hat hier

gesessen. Während der Sowjetunion versammelten sich im Globus erlauchte Professoren der Akademie der Wissenschaften, der die Kunstkammer heute gehört. Ein ausgeklügelter Me­chanismus ließ den Globus entsprechend der Uhrzeit kreisen, er konnte jedoch jederzeit ganz nach Belieben angehalten und manuell bewegt werden.  Natürlich braucht das größte Land der Erde auch den größten Globus und seine größten Männer giessen sich in seinem dämmerigen In­­­­­­­­­­nern ein Gläschen Wodka ein.  Aber nicht diese symbolische Selbst­ermächtigung ist das eigentlich Wichtige am Globus. Viel spannender ist das, was auf ihm nicht zu sehen ist: die weißen Flecken. In der Mitte der größten Wüsten, höchsten Gebirge, tiefsten Wälder müssen sie sich befinden. Nur weil die Forschungsreisenden, die Geografen, Ethnografen und anderen Landvermesser nichts über sie wissen, scheinen sie leer und weiß und wecken unstillbares Wis­sens- und Reisefieber. Aber nicht mal auf den Landkarten sind die weißen Flecken wirklich weiß. Die Geografen füllen sie mit dem selben Beige oder Grün oder Braun wie die restliche Landschaft. Gewiss müssen sie dort irgendwo sein, an den Stellen, die am weitesten entfernt von den dicken Punkten der Hauptstädte und den Linien der Eisenbahn entfernt liegen. Niemals auf die Ritzen zwischen den Steinplatten treten, immer auf die Stel­ le, die am weitesten von diesen Lin­-

S t e p h a n D u d e c k ist der B l i n d e F l e c k


ien entfernt ist – vielleicht ist das Be­dürfnis, auf dem Globus zu diesen Flecken vorzudringen, ein ähnliches?  Am 25. Januar 1959 brachen neun junge russische Studenten in den nörd ­lichen Ural auf, eine Tour, von der keiner von ihnen lebendig heimkeh­ ren sollte.  Sie widmeten ihre Tour dem 21. Par­teitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, dem Land, das wis­senschaftliche Erkenntnis zum einzig gültigen Prinzip der sozialen Entwick­ lung erklärt hatte. Unbezwungene Naturkräfte, unbekannte Gegenden, Unwissen und weiße Flecken galt es

auszuräumen, so wie es Gleb Travin in den 20er Jahren vorgemacht hatte, der die gesamte Sowjetunion, inklu-

sive Eismeerküste, auf dem Fahrradsattel umrundete.  Zwar folgte die Regierung den wissenschaftlichen Erkenntnisen der Naturgesetze, die Verwechslung von Erkenntnis mit Beherrschbarkeit er­wies sich jedoch als fatal, nicht zuletzt 1986 in Tschernobyl. Ein frühes Bei­spiel dafür ist die Tragödie der neun Touristen um Igor Djatlov,* die, wie die gerichtsmedizinische Un­tersuchung feststellte, von einer un­bekannten übermenschlichen Kraft am Berg Cholat-Sjachl zu Tode gebracht wurden. Weiße und schwarze Flecken machen die Geschichte der Gruppe Djatlov bis heute zu einer der unheim­lichsten Episoden in der Geschichte der Sowjetunion. Die weißen Flecken sind die der Geheimniskrämerei des Staates – niemand weiß, ob und wie das Militär, der Geheimdienst KGB und der GULAG in die Sache verwik­kelt waren. Einen Zugang zu deren Archiven gibt es bis heute nicht. Die Wildnis des Uralgebirges war sowohl Testgebiet für Waffen und Atomtechnik als auch der Ort, an dem sich das Netz der staatlichen Gefangenenlager ausbreitete, die in der Stalinzeit er­richtet wurden und teilweise auch nach Stalins Tode weiter existierten. Auf der anderen Seite sind hier die schwarzen Flecken der russischen Ko­lonialgeschichte. Das Gebiet, in dem die neun Touristen verunglückten, ge­hörte den Jägern und Rentierzüch­ tern vom Volk der Mansi, die vom rus­sischen Staat im 17. Jh. unterworfen wurden. Aber selbst während der So­wjetunion konnten hier einige Ren­-

tier­züchterfamilien ihre Unabhängigkeit bewahren und sich der Kollektivierung, Armee, Schulpflicht und überhaupt staatlicher Kontrolle ent­ziehen.  Ich vermute, dass die Legende der neun Jäger vom Volk der Mansi, die an demselben Berg zu Tode kamen wie die sowjetischen Touristen, und den neun Opfertieren, die die Schama­ nen der Mansi vor Zeiten jedes Jahr am heiligen Platz einer Göttin auf die­sem Berg dargebracht haben sollen, erst nach dem Unglück der Gruppe Djatlov aufgezeichnet wurde. Fast überall, wo Kolonisatoren neue Sied­lungen errichten, existieren diese Geschichten von ignorierten Opferstät­ten und Friedhöfen der Urbe­völ­ke­ rung. Oft haben sie auch einen realen Hintergrund, weil keine Kolo­nisation ohne diese Mischung von Ignoranz mit Aneignung auskommt. Die Plätze wandeln sich dadurch von Orten, die aufgesucht werden, um das Schicksal zum Besseren zu wen­den, zu Orten, die sich rächen und Unglück bringen. Hier wird klar, dass Be­herrschbarkeit nur um den Preis der Ignoranz zu erreichen ist und dass diese Beherrschbarkeit immer pre-­ kär bleibt – ein genau entgegengesetztes Verhältnis von Erkenntnis und Beherrschbarkeit, wie sie der Globus vermittelt. Der ist mit seinen imagi­ nären weißen Flecken, die es zu er-­ kun­den gilt, das Gegenbild zur realen Landschaft mit ihren dunklen Orten, den schwarzen Flecken, die auf der weißen Weste der Kolonisatoren zu­rückbleiben.

 Das letzte Foto der Gruppe Djatlov zeigt genau diese Absurdität des Unsichtbaren. Es ist das zu sehen und nicht zu erkennen, was den Tod der neun jungen Menschen verursacht hat. Genauso, wie sie die Zeichen der Man­si an den Bäumen des Rentierpfads nicht lesen konnten, dem sie den Fluss Loswa hinauf folgten, kann heute niemand erkennen, was auf dem Foto zu sehen ist.  Die Touristen hielten mit etlichen Fotoapparaten ihre sportliche Höchstleistung fest, Bilder, die in ihrem Op­timismus in so starkem Widerspruch zu den Polizeifotos von den gefro­renen und verstümmelten Leichen ste­hen. Das „letzte Foto“ mit seinen wei-­ ßen Flecken auf schwarzem Hinter-­ grund verbindet diese Fotos zu einem Traumbild.  Die Fotoapparate, die Schrift der Ta­gebücher und die Zeichnung der

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geografischen Karten gleichen der Ma­­schine aus Kafkas „Strafkolonie“, die den Text des Urteils in den Körper des Verurteilten, aber schlussendlich in den des Kolonialoffiziers selber schreibt. Es ist eine Maschine, die diszipliniert und beherrscht, die aber lehrt, dass es nichts zu beherrschen gibt, als den Beherrschenden selbst, um dann schließlich auseinander zu fallen.  Die Kolonisierten sehen anders als die Kolonisatoren. Da ihr Sehen nicht beherrschen muss, sind sie in der Lage das zu sehen, was für die Koloni­satoren unsichtbar ist. Die Geis­ter, Götter und Ahnen sind für sie wahr­nehmbare Wesen, weshalb sie eines Glaubens an diese nicht bedürfen. Die Religion (ebenso wie der Aberglaube) entsteht erst in dem Moment, in dem diese Wesen übersinnlich und damit unsichtbar werden, weil das Sinnliche kontrolliert, aufgeschrieben und festgehalten werden muss. Ein Wahrnehmen, dass nicht beherrschen muss, kann auch unbeherrschte Dinge sehen.  Aber es herrscht die Vorstellung, dass das, was sichtbar ist, was sich dem Blick nicht entziehen kann, schon besiegt ist. Was sichtbar ist, ist nackt, und was nackt ist, ist wehrlos. Was be­kannt ist, ist besiegt. Wie groß ist die Enttäuschung, wenn sichtbar wird, dass die Nacktheit eine Maske trägt. Die Sicht ist versperrt.  Es ist die Maske aus “Le Caput Mor­tuum ou la Femme de la l’Alchimiste”, eine Maske nach einen Entwurf von

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W.B. Seabrook über die Michel Leiris schreibt: „Der Blick, die Quintessenz des menschlichen Ausdrucks, ist eine Zeitlang geblendet, was der Frau eine noch höllischere und unterirdische Be­deutung verleiht. Und der Mund ist, dank des schmalen Spalts, der allein

ren­de Blick, den der Kapitalist auf das Geld und der Konsument auf die Ware haben, es ist der Fetisch selbst, der zurückschaut.  Die Obszönität und Gewalttätigkeit der Ledermaske liegt in der Art, in der sie das Subjekt zum Objekt und

ihn erkennen lässt, auf die animalische Rolle einer Wunde reduziert.“  Die übliche Ordnung der Kleidung ist umgekehrt – das Gesicht ist ver­hüllt und der Körper nackt. In dieser Umkehrung zeigt sich die Erotik der Maske. Es ist eine Erotik, die in ihrer Blindheit genau die Fähigkeit zu seh­en erlangt, die nötig ist, um den Ab­grund ertragen zu können der zurückschaut. Es ist nicht der fetischisie-­

damit nicht ohnmächtig, sondern zum Herrscher über das Begehren macht.  Diese Blindheit lässt sich verglei­chen mit der Blindheit des Sehers Teiresias, des doppelten Transsexuel­ len, der von Hera mit Blindheit ge­schlagen wurde, weil er Zeus ver­riet, dass Frauen neunmal mehr Lust em-­ pfinden können als Männer.  Der blinde Teiresias macht sich auf

zum Fest des Gottes der Ekstasis, des Außersichgeratens, und des Enthousi-­ asmos, des Begeistertseins, obwohl der Herrscher von Theben, Pentheus, den staatsgefährdenden Kult verboten hat. Teiresias redet vom lächerlichen Anblick, den er als tanzender, stolpernder Alter nicht fürchtet, da feiern wichtiger ist als Staatsraison. Er weiß, dass seine seherische Blind­heit, der der Feiernden ganz ähnlich ist, die ihre Körper der Musik und den Drogen anvertrauen. Als wahrhaft blind erweist sich Pentheus – der Kraft der Verwandlung ist er nicht gewachsen, seine eigene Mutter zerreißt ihn bei lebendigem Leib.  Ein Anblick, der wiederkehrt im Film über die westafrikanischen Hauka, „Les maîtres fous“ von Jean Rouch. Wie groß ist die Verwirrung, wenn die Masken nicht die Wildheit des wilden Mannes, sondern das Ge­sicht von Militär, Eisenbahn und Ko­lonialverwaltung zeigen. Der Film portraitiert Männer, die von Geistern besessen werden, die durch Symbole der europäischen Ordnung gekennzeichnet sind, die Uniformen tragen und sich durch besondere Grausamkeit und Blutrünstigkeit auszeichnen. Sie beißen während des Besessen­ heits­rituals einem Hund die Kehle durch und verspeisen diesen roh.  Das Problem ist nicht, dass das Unbekannte unsichtbar wäre. Alles ist sichtbar, das heißt erfahrbar. Die Fra­ge ist, ob die Anstrengung, Dinge zu sehen, um sie zu beherrschen, sie nicht erst zu unsichtbaren Dingen macht, zu Göttern, an die man glauben oder

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aber auch nicht glauben kann, je nach­dem ob man sich für Religion, Aberglauben oder Aufklärung entscheidet, scheinbar individuell und frei. Das Un­sichtbare ist machtlos, es kann als Illusion enttarnt, es kann als Göttliches verschleiert werden. Aber wenn es sich zeigt, dann zeigt es Zähne und Krallen, seine Fratze, die Schrecken verursacht, weil klar wird, dass es nichts Unsichtbares gibt, weil die Vor-­ stellung vom Schleier, der unsichtbar macht, die eigentliche Illusion ist. Die Maske verbirgt nicht, sie macht sicht­bar, sie ermöglicht uns zu sehen und zu sprechen. Es ist keine neue, aber immer wieder vergessene Erkenntnis, dass hinter der Maske keine Eigent­ lichkeit wohnt. Sie ist verdeckt von der Vorstellung einer Lüge, die der Wahrheit diametral gegenübersteht. Dabei weiß schon der Volksmund, dass der einzige Unterschied zwischen beiden nur die Länge der Beine ist. Die Fra-­ ge ist, wie weit eine Erkenntnis reicht, wie schnell sie voranschreitet, wo­hin auch immer. Jedes Wort sagt so viel, wie es verschweigt, jede Abbildung zeigt so viel, wie sie verbirgt.

*Es ist wirklich nur ein Zufall, dass der Leiter der Gruppe, der 23 jährige Igor Djatlow den gleichen Familiennamen trug, wie der Ingenieur, der den Versuch leitete, der zur Katastrophe von Tschernobyl führte.


L y s a n n B u s c h b e c k istâ&#x20AC;&#x201A;der B l i n d e F l e c k


Kaartaen jyrkästi alas lintu lensi päin naamaa.

Ennen vuoroani katson ihmisiä ja etsin silmiä, joihin kiinnittyä. Tumma pieni nainen mustassa hameessa eturivissä vasemmalla, ja tuo tuolla jolla on hiukset kammattu punoksille, nuo kovat poskipäät keskivaiheilla. Livon kielellä huulia, hieron kämmeniä vastakkain ja pyöritän hartioita. Hengitän. Suljen silmät. Seison liikkumatta, käsivarret suorina ja painottomina. Ajattelen mustia nahkakenkiäni salin punaisella kokolattiamatolla, varpaitani mustissa sukissa, liikutan niitä. Ajattelen mustia housujani, kirkasta valkoista paitaa ja aluspaitaa jossa on navan kohdalla pieni eläinten syömä reikä, mustaa kravattia, mustaa takkia ja silmälasieni mustia sankoja. Lauseita ryppyisellä paperilla. Pöydällä tyhjiä pulloja, kuivunutta verta, välineitä. Muistiinpanot sekavana kasana nurkassa, joukossa sanomalehtiä ja kirjoja, roskia, veitsi, revennyt selkäreppu. Lattialla on patja ilman vuodevaatteita, tuoli. Ikkunalaudalla kirjekuori, jossa avaimia. Ulko-ovi on raollaan. Naapurin oven takaa kuuluu riitelyä. Hän juoksee rappuja ylös. Neljännessä kerroksessa nuori tyttö hypähtää säikähtäen syrjään, tarttuu kaiteesta kiinni ja jää katsomaan miehen perään.

En ole näkemässä kun viestini muuttuu toiminnaksi, tiedän sen, muistansen aina ennen kuin alan puhua. Suostuin tähän jo kauan sitten. Istuin vasta-päätä opettajaani ja keskustelimme tasapainosta. Siitä että me olemme vain siksi, että olisi vastus. Puheemme muodostaa vastuksen. Tehtävämme on kutoa retorisesta verkosta niin tiivis, että vihollisen pyrkimykset hidastuvat vuosilla, vuosikymmenillä. Avaan silmät ja katson alas, kengänkärkiä punaisella matolla. Katson ihmisiä. Olen kuusikymmentä. Suuni on kuiva. Huulet kuivat. Sydämeni syke kiihtyy kun nimeni sanotaan. Opettajani sanoi: ”Sinun tehtäväsi on asettua tiettyyn asentoon ja pysyä siinä.” Hän tempaisee oven auki, astuu olohuoneeseen, ei ketään, tyhjä, tuoli, pöytä ja sillä ryppyinen paperi jolla lauseita, toiseen huoneeseen, vasemmalle,

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keittiöön, jonka nurkassa on pahvilaatikko ja siinä pahvilaatikossa istuu nainen kädet polvien ympärille kietoutuneena. Naisen naama on ruhjoutunut. Mies nostaa naisen laatikosta ja kantaa hitaasti alas portaita, ovesta ulos, kohti rantaa. ” Sinun tehtäväsi on pysyä siinä asennossa, Antti. ” ” Me muodostamme näkemyksen. ” ” Meitä on oltava riittävästi. ”

Kaivopuistossa on maaliskuisena sunnuntaiaamuna hiljaista. Kävelytiellä on jäätynyt sanomalehti. Luen otsikon: ” Lintu lensi suoraan päin naisen naamaa. ”

St e i l n a c h u n t e n s c h w e n k e n d flog der Vogel ins Gesicht.

Bevor ich dran bin, sehe ich mir die Menschen an und suche Augen, an die ich mich heften kann. Eine dunkle kleine Frau in schwarzem Rock in der ersten Reihe links, und der dort, der die Haare zu einem Strang gekämmt hat, diese harten Backenknochen in der Mitte. Ich lecke mit der Zunge über die Lippen, massiere die Handflächen gegeneinander und rolle die Schultern. Ich atme. Schließe die Augen. Sitze bewegungslos, die Arme gerade und schwerelos. Ich denke an meine schwarzen Lederschuhe auf dem roten Teppichboden des Saals, an meine Zehen in schwarzen Socken, ich bewege sie. Ich denke an meine schwarzen Hosen, das helle weiße Hemd und das Unterhemd, das auf der Höhe des Nabels ein kleines, von Tieren hinein gefressenes Loch hat, an die schwarze Krawatte, die schwarze Jacke und die schwarzen Bügel meiner Brille. Sätze auf zerknittertem Papier. Auf dem Tisch leere Flaschen, getrocknetes Blut, Gegenstände. Notizen als chaotischer Haufen in der Ecke, darunter Zeitungen und Bücher, Müll, ein Messer, ein kaputter Rucksack. Auf dem Boden eine Matratze ohne Laken, ein Stuhl. Auf dem Fensterbrett ein Briefumschlag, in dem Schlüssel sind. Die Haustür steht auf.

T e e m u M i e t t i n e n ist der B l i n d e F l e c k


Hinter der Tür des Nachbarn ist Streit zu hören. Er läuft die Treppe hoch. Im vierten Stock hüpft ein junges Mädchen erschrocken zur Seite, hält sich am Geländer fest und sieht dem Mann hinterher. Ich sehe nicht, wie meine Nachricht zur Tat wird, ich weiß es, ich erinnere mich immer daran, bevor ich anfange zu reden. Schon vor langem habe ich mich hierauf eingelassen. Ich saß meinem Lehrer gegenüber und wir sprachen über Gleichgewicht. Darüber, dass es uns nur gibt, damit es Widerstand gibt. Unser Gespräch formt den Widerstand. Unsere Aufgabe ist es, das rhetorische Netz so eng zu knüpfen, dass die Bestrebungen des Feindes mit den Jahren, den Jahrzehnten langsamer werden. Ich öffne die Augen und sehe nach unten, die Schuhspitzen auf dem roten Teppich. Ich sehe die Menschen an. Ich bin sechzig. Mein Mund ist trocken. Die Lippen trocken. Mein Herzschlag beschleunigt sich, als mein Name genannt wird. Mein Lehrer sagt: ” Deine Aufgabe ist es, dich in eine bestimmte Stellung zu begeben und darin zu verharren. ” Er reißt die Tür auf, geht ins Wohnzimmer, niemand, ein leerer Stuhl, ein Tisch und darauf zerknittertes Papier mit Sätzen, ins nächste Zimmer, nach links, in die Küche, in deren Ecke ein Pappkarton steht und in diesem Pappkarton sitzt eine Frau mit den Armen um die Knie. Das Gesicht der Frau ist ramponiert. Der Mann hebt die Frau aus dem Karton und trägt sie langsam die Treppe nach unten, aus der Tür, in Richtung Strand. ” Deine Aufgabe ist es, in dieser Stellung zu verharren, Antti. “ ” Wir bilden den Standpunkt. ” ” Wir müssen genügend sein. ”

Im Kaivopuisto ist es ruhig an einem Sonntag morgen im März. Auf dem Gehweg liegt eine gefrorene Zeitung. Ich lese die Überschrift: ”Ein Vogel flog der Frau direkt ins Gesicht.”

A l e x a n d r a S t a n g ist die Ü b e r s e t z u n g

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E v e l i n a D e i c m a n e istâ&#x20AC;&#x201A;der B l i n d e F l e c k

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Elisabeth von Samsonow: INFRA EARTH. Notes from a parageological insider 28


G e t r ä u m t, e s s o l l t e e i n F o t o g e m a c h t w e r d e n. E ine Horde Pferde galoppiert in eine M e n s c h e n m e n g e h i n e i n. I c h r e n n e d a v o n, d a e i n P f e r d a u f m i c h z uk o m m t. I c h l a u f e d u r c h S t r a ß e n. I c h g e h e i n e i n e K n e i p e. I c h b e s t e l l e S ü s s m y z e l. E s w i r d s e r v i e r t, i n e i n e m G l a s, s o d ü n n w i e Z e l l o p h a n, d a s s e s i n m e i n e n H ä n d e n z e r b r i c h t. I c h m e i n e, e s t r o t z d e m e s s e n z u m ü s s e n. Ich habe bald den Mund voll mit Süssmyzel u n d G l a s. D i e W i r t i n s c h e n k t m i r e i n G l a s R o t w e i n. S i e s a g t: S e i t s i e h i e r s i n d, h a b e i c h s c h o n e i n e g a n z e F l a s c h e v e r k a u f t.

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The Candy Stripe – Soap Land

Oh the candy stick striped like a gay barber’s pole, Was a luscious delight of my infantile soul, Ev’ry penny I earn’d in my little palm burn’d, Till away to the store on the corner I stole, For the candy stick striped like a gay barber’s pole. G e o r g W. E l l i o t t, 1 8 8 5


– Soll ich das Foto machen? – Was? – Wenn Sie möchten, kann ich fotografieren. Dann sind Sie beide mit dem Tokyo Sky Tree drauf. – Ah, das ist sehr freundlich. Ich fotografiere gar nicht den Sky Tree. Ich fotografiere die rot-blau-weiß gestreifte Stange dort. – Vor dem Soapland? – Ja vor dem Friseur. – Ach so, ja. Das ist ein Soapland. – Ein Soapland? – Ja. – Ach so. Zum Rasieren. Und Haareschneiden.  – Also. Ich kann das nicht erklären. Dort trifft man sich. Keine Haare. Dort werden Männer gewaschen. Von Frauen. – Ach so? – Ja. – Ich dachte die Stangen leuchten vor Friseurgeschäften. – Ja.  – Und das ist aber kein... – Also. Sehen Sie... Prostitution ist illegal in Japan.  – Ah. – Sehen Sie. Das sind zwei Stangen. Da oben noch eine. Sehen Sie? Sie drehen sich andersrum. Die eine so, die andere so. – Ja. – Wenn Sie möchten, kann ich das Foto jetzt machen. J a n a E n g e l ist der B l i n d e F l e c k


Mein Arbeitszimmer hat eine Größe von etwa vier mal fünf Metern. In seiner Mitte sind drei massive Schreibtische auf denen mein Mikroskop und der Bildschirm meines Computers stehen. Es gibt an der Wand gegenüber der Tür zwei kleine Fenster die den Himmel nach Nordwesten freigeben. Mein Zimmer gehört mir nicht allein. Ich teile es mir mit einem langjährigen Mitarbeiter des Instituts. Sein Arbeitsplatz liegt am Schreibtisch mir gegenüber. L i n k s n e b e n d e r T ü r stehen zwei hohe Bücherregale aus Fichtenholz, auch unter den Fenstern stehen Holzregale mit Büchern. An der Schmalseite eines Regals gleich links von der Tür hängt eine gerahmte Urkunde vom 16. Mai 1972. In fetten schwarzen Lettern steht unter einer dünnen Linie „ Protokoll über den Nachweis der marxistisch-leninistischen Kenntnisse zur Verleihung des Dok­tors eines Wissenschaftszweiges. “ Etwa in der Mitte des Blattes darunter et­was dünner „Prädikat „Sehr gut (1)“. In der linken unteren Ecke, neben den verblas­ sten Unterschriften des Vorsitzenden des Prüfungsausschusses und des Bei­sit­zers wurde eine Notiz zwischen das Deckglas geschoben auf der in Schreibma­schinenschrift getippt steht „ Das war das Ende meiner wiss. Tätigkeit bis zur Entlassung und darüber hinaus bis „ zur Wende.“ “ Direkt unter der Urkunde hängt ein ebenfalls gerahmter Holzschnitt im A4 Format, das Porträt eines et­wa sechzigjährigen hageren Mannes mit schmaler langer Nase und dünnem Haar. Etwa drei Zentimeter unter dem Porträt ist eine rote Reißzwecke ins Holz ge­steckt. D a s R e g a l ist gefüllt mit Büchern aller Art und Format, mit ver­scho­benen und durcheinander geworfenen Aktenstößen, Papierstapeln und mit grau­ schwarz marmorierten Pappkartons. Die Kartons sind an ihren Frontseiten mit kleinen weißen und gelblichen Papierchen beschriftet. In Handschrift sind Worte darauf geschrieben: Dobrilug, Tertär, Lit., Foto., Fobo., Erzgebirgisches Becken, Palmoxylon. Ganz oben im Regal, sehr verstaubt, finde ich ein „ Tabel­len­buch für Elektrotechnik “ gebunden in dunkelgrünem Leinen, „Die heilige Fa­milie “ von Marx und Engels in braunem Kunstleder, einen dicken Band „Grund­lagen der marxistischen Philosophie “ und das schmalere „ Was tun? “von Lenin, in der Reihe darunter einen bunten Band „ Walang in Bildern “, „ Flourit, oder von dem Vergnügen Flußspat zu sammeln “, sowie einen Fotoband „Der Ein­gang zum Traumhaus “, daneben ein Stapel aufgewellter verstaubter Kartei­­kar­ten deren ursprüngliches Rot in verschieden Grautöne gradiert. An jeder der Karten ist mit Büroklammern eine verblichene Schwarz-Weiß Fotogra­fie im Passbildformat festgeheftet. Die Bilder zeigen verkohlte Pflanzenfossilien auf den Schichtflächen aufgeschlagener

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Bohrkerne. Ganz unten im Regal stehen große Folianten aus dem 19 ten Jahrhundert. Ich erkenne „ Die Versteinerungen der Steinkohlen Formation in Sachsen “ von Geinitz, von 1855, daneben die „Rahmenkonzeption zur regionalgeologischen Untersuchung des Territoriums der DDR “ herausgegeben vom ZGI, mit der Aufschrift „Vertauliche Dienstsache!“, 1966, eine leere Plastiktüte „ Apotheke Döpfel Adlershof “, ein fünf Zentimeter hoher Stapel dünnes Pergamentpapier, grüne Lochordner aus Plastik, Diakästen, unbeschriftet, weiß-schwarz, aus Plastik. E i n e r d e r K ä s t e n ist auf­­geklappt. Innen aufgereiht befinden sich dutzende daumengroße Glasplatten mit aufgeklebten nummerierten, dünngeschliffenen Gesteinsproben. Die quadratischen Gesteinsscheiben sind dünn genug, dass sie gegen das Licht durchscheinen. Manche haben ein bewegt fleckiges Muster mit dunklen Fasern und glasig glänzenden Quarzkörnchen mit feinen, bernsteinfarbenen Kohlestücken. Andere haben eine monotone opake Fläche der Grauwacken, wieder andere sind zu dünn geschliffen, als dass irgend etwas mit bloßem Auge erkennbar wäre. Unter dem Deckel des Kastens finden sich kurzgefasste Beschriftungen und Notizen in eiliger Handschrift mit Bleistift oder Kugelschreiber: Zwickau I, Wippra, Dober-­ lug, 15 Ha, SH-Mulde, Zahlen. A u f d e m S c h r e i b t i s c h steht ein großer Samowar, eine kleine längliche mit roten Mustern bedruckte deckellose Kanne aus Porzellan die innen mit einer dunklen Patina bedeckt ist und in der an einer zierlichen Kette ein ebenfalls mit dicker Patina bedecktes Tee-Ei hängt. Daneben steht auf einem grün-weiß karierten Abwaschtuch eine große Henkeltasse mit der Aufschrift „Ein Genie hat einen chaotischen Schreibtisch.“ In einer Blechdose mit dem Aufdruck „Diamant Kalifornische Walnusskerne“ befinden sich eine Menge Stifte, ein Brieföffner in der Form einer hölzernen Ente mit langem Schwanz und eine Schere. Auf der Breitseite, die an meinen Schreibtisch grenzt, liegt ein langes Holzbrettchen mit Hohlprofil in dem ein paar Stifte liegen, zwei kleine Jade-Delphin Figurinen, einer in hellblau, der andere in eisenrot, ein Prittstift, ein Anspitzer aus Aluminium, ein rotweißer quadratischer von der Sonne verbrannter, rissiger Radiergummi, ein vertrockneter grünlich glänzen­der Rosenkäfer, eine speckig abgegriffene Wassernuß, eine metallene Lupe. Vor dem Brettchen steht ein kleines Fässchen Ausziehtusche „Barock, rot“, ein weis­ses Stempelkissen aus Plastik mit der Aufschrift „Barock“, ein Stempelkarussel an dem fünf Stempel unterschiedlichen Formats hängen. V o r d e m T i s c h steht ein braun bezogener Drehstuhl aus schwarzemPlastik mit fünf Rollbeinen. Auf der Sitzfläche befindet sich ein flaches, etwas durchgesessenes Kissen das mit einem weißen, mit einem groben bunten Blumen-­ muster bedruckten Stoff bezogen ist. B j ö r n K r ö g e r ist der B l i n d e F l e c k


a n f r a g e f ür D I E S T R E I C H E LW U R S T # 4 04.09.11 lieber ulf, in der hoffnung, dass du dich an mich erinnerst und in guter erinnerung hast, die anfrage an dich, den ich gut in erinnerung habe. die vierte ausgabe der STREICHELWURST wird sich ganz der verführung widmen. und wir würden uns sehr sehr freuen, wenn du lust hättest dazu etwas abzufeuern. der redaktionsschluß wäre der 15. november, und geld können wir leider auch nicht verteilen. aber liebe, aber liebe. einstweilen herzliche grüße, claudia 05.09.11 liebe claudia, über deine mail habe ich mich sehr gefreut, wirklich - es ist nur so, daß mir im moment die dinge über den kopf wachsen, und wenn ich jetzt noch irgendwas zusage, explodiert das ganze. vielleicht beim nächsten mal? sei bitte nicht sauer, sondern herzlich gegrüßt, ulf lieber ulf, das ist schade, aber ich bin gar nicht sauer. ich möchte auch nicht, dass dir irgendetwas um die ohren fliegt, was nicht fliegen soll. beim nächsten mal frag ich dich einfach wieder, vielleicht ist´s da schon luftiger um dich. bleib uns gewogen, herzlich, claudia

05.09.11

a n f r a g e f ür D I E S T R E I C H E LW U R S T # 5 06.02.12 Liebe auserwählte Erdenbürger, die Streichelwurst ist soeben von einer aufregenden Forschungsreise zurückgekehrt und ganz Feuer und Flamme für Cowboys und Aliens, also ScienceFiction. Wagt Ihr es, auf die fliegende Untertasse aufzuspringen ? Wir drücken die Daumen. Der Einsendeschluß für alle Fantasyromane, Dystopia- Entwürfe und Cyborgkochrezepte ist der 15. April 2012. Bitte teilt uns in den nächsten 7 Tagen Eure Zu- oder Absage mit. Für weitere Fragen stehen wir gerne zur Verfügung. Herzlich verbleibt, Eure Ergül Androida Busch

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16.02.12 lieber ulf, leider hast du auf unsere anfrage noch nicht geantwortet, was uns zittern lässt, angesichts der möglichkeit, dies bedeute eine absage. es wäre sehr schön, wenn du uns zusagst (natürlich) oder die andere variante, damit wir damit planen können. unten stehend noch einmal thema und umstände. sei herzlich gegrüßt, claudia ( gülzow ) aka er( gül ) busch a n f r a g e f ür D I E S T R E I C H E LW U R S T # 6 lieber ulf, auf ein neues! aus dem ewiglichen blütenkelch der hoffnung, grüßt claudia aka ergül busch ps: im anhang die offizielle einladung. liebe ergül busch, oh je - ich bin ganz gerührt von eurer hartnäckigkeit und gleichzeitig ganz erschüttert von meinem versagen; ich schaff es einfach nicht! tut mir wirklich leid, aber ich bin im moment nur noch dabei, die allerschlimmsten probleme zu beheben - und selbst das schaff ich nicht! seid bitte nicht böse, sondern herzlich zerknirscht gegrüßt von eurem ollen arschgesicht ( vor allem aber: viel glück! ) a nf r a g e f ür D I E S T R E I C H E LW U R S T # 7 unser allerliebster ulf, der du nun schon so oft fast. wir paddeln wieder! und wollen – ja ha – dass du mit uns paddelst. zu wasser lassen wir die boote im thema der blinde fleck. wir würden uns dolle freuen, wenn du J A sagst. bitte sag uns ganz bald, wie du dich entschieden hast. der sogenannte einsendeschluss ist der 21. april 2013

22.08.12

06.09.12

12.03.13

C l a u d i a G ü l z o w & U l f S t o l t e r f o h t sind der B l i n d e F l e c k


und das sogenannte erscheinungsdatum ist mitte juni. sei herzlichst gegrüßt, deine ergül buschecke 18.03.13 lieber ulf, du hast sicher den kopp voll. und trotzdem üben wir nun leichten druck aus. machst du mit? bitte gib uns bald bescheid, da wir das für unsere planung bisschen wissen müssen. sei herzlichst gegrüßt, deine ergül buschecke deine claudia gülzow 18.03.13 liebe claudia, es ist schrecklich – aber gerade muß ich drei bücher gleichzeitig fertig machen ... bis wann bräuchtet ihr denn was? und WAS? herzlich, dein ulf 18.03.13 lieber ulf, was herrschen da für zustände? drei bücher! geschriebenes oder anderes bis 21. april zum thema. das müsste. sehr herzlich, ergül claudia buschecke 18.03.13 liebe claudia, das schaff ich nicht! ab morgen sind wir für drei wochen in einer hütte in der steiermark – praktisch ohne internet! aber fürs nächste mal versprech ich was! ganz bestimmt! ganz herzlich, dein ulf

18.03.13 lieber ulf, allerdings kam mir der gedanke, wenn du wieder nicht kannst, dann wäre es nun an der zeit unsere streichelwurstanfrageleiderabsagekorrespondez im magazin zu veröffentlichen. blinder fleck scheint mir da ein angemessenes themendach für zu sein. was meinst du? 18.03.13 liebe claudia, ich habe keine ahnung mehr, mit welch fadenscheinigen begründungen ich bisher abgesagt habe – aber in diesem fall gilt wohl: je fadenscheiniger, umso besser! wenn du denkst, dann machs. mich plagen allerdings gewisse zweifel, ob das ein heller blinder fleck sein könnte. herzlich, dein ulf 18.03.13 lieber ulf, du hörst mich herzlich lachen. meinem gefühl nach, dürfte nichts schief gehen... deine claudia


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Line Wasner

istâ&#x20AC;&#x201A;der

Blinde Fleck


en sie die Karten uis fragilis und gemeinsam legt Die Streichelwurst besuchte Ang gesucht haben. nee Sch im Eier : Sie werden weiße für das vergangene halbe Jahr gekrochen sein müssen. und werden nicht aus Körbchen Schlangen haben keine Beine Sie wollten. wie Flöte gespielt haben können, Des weiteren haben, Sie so gut endet wurden, haben verw ekt korr Zeitformen in diesem Text die ob en, wiss h noc Sie n Wen und vergessen Sie nicht nichts zu befürchten.Viel Glück Sie für das vergangene halbe Jahr kommende halbe Jahr in der Verden Sie nie erfahren, wie das uns zu abonnieren. Sonst wer Maul der Schlange muss. Ihre Streichelwurst im Jahr gangenheit ausgesehen haben

Unter den richtigen Einsender_innen verlosen wir eine Streichelwurstbrosche. Einfach eine Postkarte mit der Lösung an Die Streichelwurst Pankower Allee 94, 13409 Berlin schicken.

FLECKENWESEN. 54


ODER: WAS SICH VON HIER AUS SEHEN LÄSST Rückspiegel: Bordsteinkante. Ich nehme an: Etwas, das Fleck ist an mir, sucht etwas nicht zu sehen, das Fleck ist, der etwas nicht sieht. Oder Kante. Falls es nicht mehr geht, dass du etwas siehst und sagst, sag, was du siehst und etwas, das wir sind, wird dir sagen, was du nicht gesehen haben wirst. Man sieht: Ich schwanke im Moment vernehmlich.

Kannst du mich mal hochheben? Hoch über die Armatur, zur Hochebene von eben. Die Ahnung einer Gefahr im Verzug. Was werde ich übersehen haben? Die Ahnung. Das Schwanken. Den Fleck auf der Kante des dreckigen Betts. Den rettenden Blick auf die Deutung der Leute. Oder, noch einmal anders: Etwas (der Fleck) sucht wie etwas nicht zu sehen (blind), das etwas nicht sieht (Blinder-Fleck-Subjekt). Wir (ich und der Flecken, auf dem ich stehe, das Blinde) stellen uns jetzt dumm, lassen die Bindehäute tun.

Exerzierstraße, Hinterhof, eine weiße Hauswand, sechs Fenster, Berankung. Dachrinne mit einem kleinen Geländer drüber, o du böser Haken! Schornsteinfegerfalle, unten rechts ein Fliederstrauch mit Frühjahrsknospen. Es zeigt sich beim Versuch die eigene Nasenspitze in den Blick zu --- , dass sich (nur in diesem oder in jedem Fall?) je nur ein Nasenflügel zeigt, also entweder der rechte oder der linke, es sei denn, man schließt oder folgert:

ein Auge, bejaht demnach eine einseitige Blindheit. So zeigt sich die Spitze zumindest halb, nämlich seitlich links oder seitlich rechts, jedoch aufgrund des zu geringen Abstands zum Auge mit vagem Rand, bebender Kontur – so als sähe man bloß die ganz feinen Härchen, nicht aber die Begrenzung, die man sieht, Hautknorpel. Und biegst du trotzig die Nase um in Richtung des je offenen Auges, einmal nach links, einmal nach rechts, mit dem Finger?

Ansicht verklumpt, Blickfeld verengt, Nasenflügel links wie rechts färbt sich dunkel ein. Zu sehen, blindfleckig, nichts mehr. C h r i s t i a n F i l i p s ist der B l i n d e F l e c k

X sehen U meinen X meinen U sehen X für U sehen. Nein, es macht mir auch ein X sich für ein X vor. Ein U für ein Ei. Auch das Ei ist schon ein gemachtes. Und keinen hab ich je ohne Fleck (Dotter) gesehen, der lebte. Stehlampe brennt. Das Unbewusste klemmt. Ein Busenschub mit Wurzel ins Haar. Etwas mag geschehen sein. Mein Beileid.

Ansage, die Augen aber: etwas verweise auf Schepperndes, die Augen sehen nicht, sie sagen vielmehr: dieses Tal verberge den Berg, hüben sei eigentlich trübe, uneigentlich die Übersehene, das Überlaufende - Äh – Gras Erdkreis Himmelsrücken, Tal Falz Pfanne, Fisch, Brett, Erbrechen, Erbrecht. Ich halte mich auf --- Denn schön ist das Scheitern, und leise, und immer im Streit um den richtigen Euter. Euter? Vielleicht war Deutung gemeint. Etwas meutert, das heißt: es springt vielleicht ein Fleckenwesen auf!

Wie etwas, das sich sehen lässt. Verlässlich.

(algorithmensch) viel tausendmal klick. des ewigen auge schlägt auf. im internet, gelinder fleck, in heißer nacht liegt eine behaarte dame aus java im schlaf. unter der braue, mystische rose, erblühe, browser! klick. was ich sehe? ich sah. nicht schlafen die bären aus tokio zur nachtzeit, im kimono, mit dildo im after. klick shanghai, panda-roulette, dreizehn männer mit nichts als pandamasken an, die schwänze kaum bambussprossengroß. was zeichnet die linke hand in die luft? eine acht, die unendliche zeit, klick minsk, der ludmilla geweiht, dem boy brasil, der sich gelt, verfolger von freunden von freunden von freunden von freunden heißen sich gut. schenkelflaum, krautige träume, twinks, zärtliche lesben in lack, die blaue augen sich hauen, fee fix aus dem forum bukkake belehrt: zuviel samen flottiert aufs antlitz der erde. hypps, gottesteilchen! der admin wünscht glück.

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hat etwas in der dimension sich soeben verändert? der zwitter muss passen bei dieser frage. wie aber user pampersträger klammert! mama, schick mal was zartes, mister kastrat, einen ton. so turn your discodick on defray, jäckel & hüt dich, hüt dich gut. klick chakrendreh. klick achselschleck. kein eintrag: eichelkäse inhalieren. blutwunder. heilige leiber in scheiben. juchheisa eigen-urin. summa cum bubu xxl gemächtel fiakerprofil des users singleäffchen: ziert meine palme mit schirmchen! man hat auf dein profil getapst, amme. zaramba. was? wer hat da was an meinem latz geflaggt? bruno, fette mich mit krebbeln! sah ich, was ich sah? informationen. die sich empfindlich stoßen. o vogelhafte demut, i-punkt, w-punkt, g-punkt, wüsten, viren, onkelwaren, mokka. bruder dein trieb hat dich lieb. nie wussten wir besser, was wir gerade verpassen.

d i e S t r e i c h e l w u r s t ist der B l i n d e F l e c k


Impressum Die Streichelwurst Das Magazin Pankower Allee 94, 13409 Berlin erguelbuschecke@gmail.com streichelwurstmagazin. blogspot.com Herausgeberinnen/Redaktion: Lysann Buschbeck, Claudia Gülzow, Pauline Recke, Grit Hachmeister, Grafik & Gestaltung: Pauline Recke

Die Rechte der Texte und Abbildungen liegen bei den Autoren: Arthur Zalewski, Monika Rinck, Claudia Gülzow, Stephan Dudeck, Lysann Buschbeck, Teemu Miettinen, Alexandra Stang, Evelina Deicmane, Elisabeth von Samsonow, Gunnar Wendel, Jana Engel, Björn Kröger, Ulf Stolterfoth, Lilli Loge, Grit Hachmeister, Line Wasner, Christian Filips, Josephine Freiberg Druck: Oktoberdruck Berlin Auflage: 120 Bankverbindung: Streichelwurstmagazin Ethikbank KtoNr.: 3051498 BLZ: 830 944 95 © 2013 Hachmeister, Gülzow & Buschbeck GbR Berlin, USt-IdNr. DE277353693

S.34–35 Claudia Gülzow/ Lysann Buschbeck S.48– 49Lilli Loge nach einer Idee von C. Gülzow S.58– 59Fotografien von Josephine Freiberg S.50+ 54Ergül Buschecke

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Streichelwurst magazin#7 der blinde fleck