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KINDER / FAMILIE

© Rainer Drexel

Wissen, was mit Jenny geschah

Nie wieder klein! Gallus Theater: »Krümel und Stelze« für Kinder ab zwei Jahren

Theaterhaus Frankfurt zeigt Liora Hilbs Karfunkelpreis-Gewinner »RemembeRING« Es liest sich wie eine große stille Übereinkunft. Denn nicht nur auf der Seite der Täter und ihrer Nachfahren wurde in der Nachkriegsära der Fünfziger, Sechziger die Judenvernichtung im Dritten Reich weitgehend mit Schweigen belegt. Auch in den Familien der Opfer selbst war das Thema häufig ein Tabu. Die in Tel Aviv geborene Frankfurter Schauspielerin Liora Hilb hat es erlebt, dass ihre vielen Fragen zum Tod ihrer Großmutter Jenny in Auschwitz im Jahr 1943 keine Antworten fanden bei ihren Eltern. Dabei kehrte ihr Vater, dem schon 1939 mit seinem Bruder die Flucht nach Israel gelang, wo er ein Familie gründete, im Jahr 1965 mit seiner Frau und mit der sechsjährigen Liora nach Deutschland zurück. Statt nach Ulm, wo sich die Wurzeln der jüdischen Hilbs bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, siedelte er nach Frankfurt. Dass die Großmutter dennoch in lebendiger Erinnerung bei ihrer Enkelin bleibt, ist einem Ring zu verdanken, den ein Bote mehr als 15 Jahre nach deren Tod in einem Päckchen ohne Absender im Tel Aviver Haus von Lioras Vater abgegeben hat. Der Ring gibt ihr fortan nicht nur den Antrieb, ihren vielen unbeantworteten Fragen zum Warum und Wieso persönlich nachzugehen, sondern auch dazu, ein Theaterstück zu wagen, das sich mit dem Schicksal ihrer Großmutter und dessen Bedeutung für uns alle bis heute befasst. »RemembeRING – Besser ist, wenn du nix weißt«. Wie der Ring noch Jahrzehnte nach dem grausamen Tod Jenny Hilbs zu

ihrer Familie gekommen ist, bleibt darin zwar weiter im geheimnisvollen Dunkel, dafür werden aber die Besucher drei mögliche Varianten erfahren, wie es dazu gekommen sein könnte, und Gründe finden, weshalb es 70 Jahre nach der Shoah immer noch und vielleicht sogar besonders wichtig ist, aus dieser Vergangenheit zu lernen. Das Stück hat Liora Hilb mit der Dramaturgin Miriam Locker für ihr Kindertheater-Projekt La Senty Menti verfasst. Unter der Regie von Sabine Loew bestreitet sie die Aufführung mit ihrer Tochter Stella, die selbst Schauspielerin ist. Dazu werden in Filmen Ergebnisse aus Recherchen mit Frankfurter Schülern der IGS Fechenheim und der Hostatoschule eingeblendet, die in einem Projekt Passanten nach ihrer Meinung zu den Stolpersteinen in der Stadt befragen. Die mit weißen Textilflächen behängte Bühne von Cornelia Falkenhain wird durch Projektionen mit historischen Familienbildern zu einem Raum der Erinnerung und des Bewahrens. »RemembeRING« wurde von der Stadt Frankfurt im vergangenen Jahr als herausragendes Stück im städtischen Kinder- und Jugendtheater mit dem Karfunkel-Preis ausgezeichnet.

Es ist »Theater für die Allerkleinsten«, das sich Katharina Luckhaupt und Otto Senn auf die Bühnenfahne ihres Krümel-Theaters geschrieben haben. Für Kinder, muss man dazu sagen, wo es ja schon Theater für Neugeborene gibt, ab immerhin zwei Jahren. Im Frankfurter Gallus Theater und in seinem Stammhaus Mainzer Kammerspiele gastiert das Duo jetzt nicht zum ersten Mal mit dem Stück »Krümel und Stelze« von Carla Mazzini. Darin geht es um eine ganz große Ungerechtigkeit, jedenfalls in den Augen von Krümel, der – von Otto Senn als Handpüppchen toll in Szene gesetzt – um einiges zu klein ist, vor allem im Verhältnis zu seiner Freundin Stelze. Dieser neidet er, dass sie auf großen Stühlen sitzen kann, und eine große Blume hat – und vieles andere Großes mehr. Selbst als Stelze, die von Katharina Luckhaupt gegeben wird, ihm einen Ableger ihrer wun-

derschönen Anemone schenkt, hilft das nichts. So viel Zeit, wie die viel zu langsame Pflanze braucht, hat Krümel nun auch wieder nicht. Voller Gedanken aber schläft der rothaarige Winzling in Ringelsokken ein, um einen wunderbaren Traum zu träumen, in dem er wächst und wächst und sogar Stelze überragt. Plötzlich aber merkt er, dass es in der Welt der ganz Großen so viel zu beachten gibt, dass von Spaß nicht mehr wirklich die Rede sein kann. Wie sich aber Krümel damit arrangiert, dass er ist, wie er ist, und sich sogar wohl damit fühlen kann, das wird hier nicht verraten. Dreißig kleinkindgerechte Minuten dauert die von Claudia Wehner inszenierte Aufführung. gt Termin: 28. April, 15 Uhr (Gallus) 29. April, 15 Uhr (Mainz) www.gallustheater.de www.mainzer-kammerspiele.de

gt Termine: 16. bis 20. April, jeweils 11 Uhr und 20. April auch 19 Uhr www.theaterhaus-frankfurt.de

Strandgut 04/2018

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Kulturmagazin für Frankfurt am Main

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