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THEATER

Skrupellos ins Private

VORGEFÜHRT

Schauspiel Frankfurt: Sarah Grunert spielt »Emilia Galotti«

>> Großer Irrtum: Nicht Peter Eckert, der Regisseur des Stückes »Die Antworten« in den Landungsbrücken, spielt darin die tragende Rolle des Monsieur Merde, sondern der Schauspieler Johannes May. Da hat sich unser Schreiber einfach verguckt und grämt sich nun. Sorry Peter Eckert, tut uns leid, Johannes May. Nächste Vorstellung am 20. und 21. April, jeweils um 20 Uhr. www.landungsbruecken.org

Der gehypte Jungregisseur Alexander Eisenach bemerkte kürzlich despektierlich, ein Stück wie »Emilia Galotti« sei im Vergleich zu modernen TV-Serien doch einfach nur simpel. Und deshalb reizlos für das Publikum? Tatsächlich wird das »bürgerliche Trauerspiel« von Gotthold Ephraim Lessing kaum mehr gespielt, in der Region zuletzt 2010 in Wiesbaden mit der inzwischen in Oldenburg gefeierten Franziska Werner. Aber es war auch Lessings Emilia, mit der der Regiestern von Michael Thalheimer aufging, dem die Frankfurter Ära Reese ihre größten Erfolge verdankt. Thalheimer deklinierte mit dem Werk, das Goethes Werther in den Suizid geleitete, die Liebe in allen ihren Facetten durch. In David Bösch hat das Schauspiel Frankfurt für eine neue Inszenierung des Klassikers einen nicht weniger profilierten Regisseur verpflichtet, der hier bisher nur an der Oper (»Orlando Furioso«, »Der fliegende Holländer«) engagiert war. Von dem 40-jährigen Theatermacher ist bekannt, dass er bei allem Ideenreichtum, mit dem er seine Stücke verheutigt, stets eng der Vorlage und ihren Figuren verbunden bleibt. Das sollte auch bei dieser (Coming-of-Age?)-Geschichte der frommen 17-jährigen so sein, die gewaltsam – durch die Ermordung ihres kommenden Bräutigams – aus dem siebten Liebeshimmel gerissen wird. Oder war es gar keiner? Als Emilia sich haltund wehrlos – »Ich habe Blut, mein Vater, so jugendliches, so warmes Blut als eine.« – einer Intrige des sie begehrenden Herrschers ausgeliefert sieht, sucht sie den Tod. In Frankfurt gibt Sarah Grunert die Heraanwachsende, die ihren enragierten Vater dazu verleitet, sie zu erdolchen. Die 28 Jahre alte in Berlin aufgewachsene Schauspielerin, die der Intendant Anselm Weber aus Bochum mitbrachte, avancierte hier schnell zu einem der prägendsten Gesichter des neuen Ensembles. Sie spielt eine kesse Gothic-Julia im Shakespeare-Blockbuster, betört als beherzte Anne in »Alle meine Söhne«, verblüfft mit einem Wahnsinnsmonolog in »Das hässliche Universum« und gewährt im Solo »Grounded« Einblick in die lädierte Psyche einer DrohnenKillerin der US-Army. Für sie sei die erwähnte Thalheimer-Inszenierung die TheaterErleuchtung schlechthin in ihrer Ausbildung gewesen, freut sich Grunert auf die Rolle. Emilia sei eine

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Strandgut 04/2018

>> Würdigung: Der rührige und virtuose Frankfurter Theatermacher Willy Praml erhält für »herausragende politisch-ästhetische und integrative Theaterarbeit« den vom Haus am Dom und dem Haus für Volksarbeit zweijährlich verliehenen WalterDirks-Preis. Über seine jüngste Arbeit »Kafka/Amerika« berichten wir auf Seite 23. Der Preis wird nach einem Gedenkgottesdienst für den bedeutenden Frankfurter Publizisten Walter Dirks (1901–1991) am 26. Mai im Kaiserdom verliehen. Sarah Grunert in »Das hässliche Universum« © Jessica Schäfer

verunsicherte junge Frau, die vielleicht auch neue Wertigkeiten spüre, die sie noch nicht einzuordnen wisse. Mit ihrer Entscheidung zum Tod wehre sich Emilia dagegen, ein Opfer zu sein und bewahre zugleich ihre Autonomie. Sehr angetan ist Grunert davon, wie modern dieser Text gelesen werden kann, gehe es darin doch um Machtstrukturen, übergriffige Gebaren, aber auch um den Einfluss des Glaubens und das heute verstärkt beobachtbare Bedürfnis, sich etwas ganz fest zu verschreiben. Lessing lasse seinen Figuren viel Raum zur Entfaltung und zeichne selbst den egomanischen Prinzen, den der Frankfurter Publikumsliebling Issak Dentler gibt, keineswegs nur negativ. So völlig unempfänglich für dessen Avancen erlebe sich ja selbst Emilia nicht. Wolfgang Vogler gibt den Grafen Appiani, Sebastian Kuschmann und Olivia Grigolli das Elternpaar Galotti und Florian Sandmeyer Marinelli den Handlanger des Prinzen. Katharina Bach wird in diesem »hochaktuellen Stück über die Gefahr einer schamlosen Macht, die skrupellos ins Private eindringt« (Programm) die wütende Gräfin Orsina spielen, die Grunert eher als eine Schicksalsschwester Emilias sieht. Auch darauf darf man sich freuen. Winnie Geipert Termine: 13., 16., 20., 23., 25., 26. April, 19.30 Uhr; 15., 29. April, 16 Uhr www.schauspielfrankfurt.de

>> Häusliche Gewalt: In Italien initiiert, kommt die seit 2012 weltweit tourende Inszenierung »Ferite a morte – Tödlich verletzt« am 13. April in den Mousonturm. In deren Zentrum stehen Monologe über familiäre Tragödien hinter verschlossenen Türen, die von Serena Dandini und Maura Misita aus Zeitungsberichten und journalistischen Recherchen erstellt wurden und von engagierten Frauen vorgetragen werden. Zu den Leserinnen gehören die Ex-Stadträtin Jutta Ebeling, die Journalistin Ruth Fühner und Frankfurter Umweltdezernentin Rosemarie Heilig. Der Eintritt ist frei, aber eine Anmeldung bis 10. April an reservierung-feriteamorte@italiaaltrove.com erforderlich. >> Ein Herz für Kicker: Um die FußballWM in Russland nicht zu gefährden, wurde das Barock-am-Main-Festival vorverlegt: Es findet nun vom 30. Mai bis 24. Juni statt: wie im Vorjahr im Hof der Hoechster PorzellanManufaktur, wie im Vorjahr auch ohne Molière. In verstehbares Hessisch übertragen hat der Hausdolmetscher Rainer Dachselt dieses Mal eine Vorlage des Barockdichters Andreas Gryphius: »Horribilis von Huckevoll«. Ein Aufschneider, der im Dreißigjährigen Krieg nach Frankfurt kommt und die krämerselige Bürgerschaft aufmischt – mithin die Rolle für Michael Quast. Der Vorverkauf brummt. Infos unter www.barockam-main.de >> Rostet alte Liebe doch? Das Offenbacher Zimmertheater t-raum lässt sich mal wieder im KlingsporMuseum blicken. Sarah C Baumann und Frank Geisler sind am 5. April um 20 Uhr mit der komödiantischen Szenen-Collage »Liebe Second Hand« von Derek Benfield im Haus der Buch- und Schriftkunst zu Gast. Infos www.klingspormuseum.de

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Strandgut 4/2018  

Kulturmagazin für Frankfurt am Main

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