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TANZ © Andreas Etter

Modern Times im Fluge

© Mirko Blaufuß

Rund um die Gebärmutter Ausblick pad-Mainz: Das Internationale Performance-Festival Dass aus einem Beitrag zum KSP, dem Kultursommer RheinlandPfalz, einmal ein Festival werden würde, hat man sich 2009 im Mainzer »performance art depot« (pad) allenfalls heimlich gewünscht. Inzwischen gelten die Auftritte einer Handvoll zeitgenössischer britischer Künstler als Auftakt des Internationalen PerformanceFestivals, so dass man nun in der ehemaligen Lagerhalle der Mainzer Leibnizstraße 46 das erste Jubiläum begeht. Die zehnte Ausgabe des Treffens bringt vom 26. April bis zum 5. Mai Performance-Künstler aus Spanien, Großbritannien, Chile, Griechenland und Portugal mit innovativen Produktionen auf die pad-Bühne. Und noch immer ist das Festival ein Teil des KSP. Mit und von Beginn an fast immer dabei ist der britisch-japanische Performer Marmoru Iriguchi, der mit seiner längst Kult gewordenen Performance »Pregnant?!«, bei der er als pseudoschwangerer Mann auf eine irre Reise rund um und in seine imaginäre Gebärmutter geht,

die Eröffnung am 26. April (20 Uhr) bestreitet. Mit seiner surrealen cartoon-artigen und äußerst charmanten Videoanimation spinne der ausgebildete Zoologe zwerchfellreißende Geschichten für die ganze Familie, so die Festival-Macher um das Mainzer Performance Duo (Nic) Schmitt & (Peter) Schulz. Trotz dieser nostalgischen Sentenz geht der Blick in Mainz aber mit aktuellen Arbeiten nach vorne. Das portugiesische Duo Anti Kougia und Mafalda Miranda Jacinto setzt sich in »Mosquito« mit einem körperlosen Feind auseinander, La(Sic) aus Barcelona zeigen ihre neue Performance »Après la chronique«, die dem Zusammenhang von Einsamkeit und sozialen Technologien nachgeht. Aus London kommen The Mostly Everything People mit ihrer Produktion »The Very Important Child«, die von der Entwicklung des Ego, psychologischer Kriegsführung im Kinderwagen und überhaupt von erwachsenen Kindern handelt. Und das deutsch-chilenische Projekt El Cuco geht mit seiner dramatisch-witzigen Tanzproduktion »My Reputation is Your Guarantee« auf das widersprüchliche Verhältnis zwischen Mensch und Tier ein. Obligatorisch sind Gespräche mit den Künstlern nach den Vorstellungen. Alles Nähere weiß die Homepage. gt

Come and lay down by my side ...

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Strandgut 04/2018

Termine: 26.–30. April; 2.–5. Mai jeweils ab 20 Uhr in der Leibnizstraße 46 www.pad-mainz.de

Tanzmainz: Mit »Impetus« in neue Dimensionen Wir sind mitten drin, in einem ruhigen Teil der Aufführung, die Musik von John Adams erklingt im Raum. Vom zweiten Rang Mitte Reihe 6 im wahrhaft hohen Haus des Mainzer Staatstheaters sieht man auf die verstreut liegenden Körperbündel des Tanzmainz-Ensembles herab wie auf Zellkulturen in der Petrischale durchs Mikroskop. Für nur ein paar Sekunden wie reglos liegend, kommt Leben, Bewegung in die weiß, grau und schwarz gekleideten Körper der 17 Tänzer und Tänzerinnen zurück, die sie weiter treibt in immer wieder neue Kreisläufe und Formationen. Rund um die mit einer steilen Böschung befestigte Schräge auf der Bühne entstehen Bilder, die an die Räderwerke in Charly Chaplins »Modern Times« oder Fritz Langs »Metropolis« erinnern, in denen verlässlich eins ins andere greift. Eine andere Szene ruft Sebastiao Salgados Großfotografien aus den Goldsteinbrüchen in Brasilien wach oder den erschütternd-melancholischen Film über indonesische Schwefelträger am Vulkan Kawa Ijang auf Java. Nur sind es keine Lastkörbe, die sich um die Oberkörper der aufwärts Schreitenden heften, sondern Leiber. Es ist die Mühsal des Sisyphus, die dieser Choreografie als Ideenvorlage dient. Und trotzdem wird das, was doch mühsam und anstrengend sein sollte, mit frappierender Leichtigkeit, Verve und Elan bewältigt. Mit jenem Ausdruck also, der der neuesten Arbeit des libanesisch-spanischen Choreografen-Paares Guy Nader/Maria Campos den Titel verleiht: »Impetus«. Es ist bereits die zweite Arbeit der beiden Künstler für die von Honne Dohrmann geleitete Ballettsparte des Mainzer Hauses. Ihre erste trug dem bei einem Newcomer-Festival entdeckten Duo gleich den »Faust«Preis für die beste deutsche Ballett-

choreografie 2017 ein: »Fall Seven Times« haute Publikum wie Kritik schier aus den Socken. Das dem Sprichwort »Falle sieben Mal steh acht Mal auf!« entlehnte Motto setzt in seinem Mix aus Contact, Contemporary, Martial Arts und Akrobatik eine atemberaubende Schau fliegender Körper in Gang. Und findet in »Impetus« seine Fortsetzung auf höherem Level. Es spricht für die Expertise des Ballettdirektors, Nader/Campos lange vor der Auszeichnung für diese zweite Produktion verpflichtet zu haben, in der nicht weniger akrobatisch und derart zirkusreif geflogen, gefallen und sich wieder erhoben wird, dass man sich über Szenenapplaus nicht wundern würde, und eher staunt, dass sich das disziplinierte Publikum diesen aufspart. Für die Choreografen aber setzen nicht nur die Größe der Spielstätte und des Ensembles neue Maßstäbe. Kleidete bisher ein befreundeter Komponist ihre Arbeiten in maßgeschneiderten Sound, so müssen sich die Bewegungsabläufe der Compagnie nun den vom Philharmonischen Staatsorchester Mainz (Leitung: Hermann Bäumer) live gespielten Werken einpassen. Kein leichter Prozess, wie Honne Dohrmann verrät, Musik und Tanz zu verschmelzen. Ausgesucht wurden Werke von Anatas Reikasius (»Music for Strings«), John Adams (»Shaker Loops«), Jurgis Juozapaitis (»Perpetuum mobile«) und – zum rasanten Schluss – vertraute Sommer-und Winterpassagen aus den »Vier Jahreszeiten« des alten Rokkers Antonio Vivaldi. Begeisterung pur und ›standing ovations‹. Gisbert Gotthardt Termine: 6., 19. April, 19.30 Uhr, 15. April, 14 Uhr; 16. April, 11 Uhr, 29. April, 18 Uhr www.staatstheater-mainz.de

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Strandgut 4/2018  

Kulturmagazin für Frankfurt am Main

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