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Gr체ne Wohntr채ume Von der Stadtwohnung bis zum Einfamilienhaus

Joachim Fischer

Vorwort von

Gerhard Matzig


INHALT 04

VORWORT

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IM GRÜNEN BEREICH

12

Solarhaus | Göppingen

18

Fincube | Unterinn, Ritten

26

Wohnhaus T | Heidelberg

32

Drei Häuser in Reihe | Arnsberg

38

Haus 9 x 9 | Stadtbergen

46

Schuppen | Berlin

54

T-Bone House | WAIBLINGEN

62

Minimum Impact House | Frankfurt a. M.

68

Wohnhaus Berger | Wiesloch-Baiertal

76

Wohnhaus | St. Johann

82

Haus F | Denkendorf

Ippolito Fleitz Group GmbH

90

Wohnhaus | Wolfurt

Daniel Sauter

96

Stadthaus e3 | Berlin

Kaden Klingbeil Architekten

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Joachim Fischer Gerhard Matzig

Joachim Achenbach Architekten BDA Studio Aisslinger Rüdiger Trager, ap88 Architektenpartnerschaft Banz + Riecks Architekten BDA

Titus Bernhard Architekten BDA

brandt + simon architekten Coast Office Architecture Drexler Guinand Jauslin Architekten GmbH

Thomas Fabrinsky Dipl.-Ing. Freier Architekt BDA

gk Gössel + Kluge. Freie Architekten GbR


Haus am See | Kaufbeuren

104

Das Naturhaus | Neuenhagen bei Berlin

112

Baufeld 10 Hafencity | Hamburg

118

Wohnhaus am See | Meilen

124

Trident | Dübendorf

132

Sanierung Kurpfalz-Kaserne | Speyer

138

Zertifiziertes Passivhaus | Ulm

144

Wohn- und Bürogebäude in EINer ehemaligen Automobilfabrik | Köln

150

Haus X | Kleinreuth bei Nürnberg

158

Patchwork-Haus | Müllheim

166

PasSivhaussiedlung | Winklarn

172

Haus M.u.U.G.N | Memmingen

178

Solar Decathlon 2007 Haus | DARMSTADT

184

CREDITS

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IMPRESSUM

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KEHRBAUMARCHITEKTEN AG Anne Lampen Architekten BDA

LOVE architecture and urbanism ZT GmbH

m3 Architekten GmbH

m3 Architekten GmbH Architekturbüro Melcher

Mühlich, Fink + Partner Architekten BDA Nebel Pössl Architekten

netzwerkarchitekten PartG

Architektengemeinschaft Pfeifer, Roser, Kuhn, Poppe-Prehal Architekten ZT GmbH

SoHo Architektur Technische Universität Darmstadt Fachbereich Architektur

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joachim fischer

GRÜNE WOHNTRÄUME Von der Stadtwohnung bis zum Eigenheim

Nachhaltigkeit, Nullenergie, Energiebilanz, Integration erneuerbarer Energien – diese Begriffe sind in den letzten Jahren allgegenwärtig, wenn man sich mit den Themen Neubau oder Bestandssanierung beschäftigt. Ohne Zweifel gehören weiterentwickelte Techniken, erhöhte Standards, Wirtschaftlichkeitsberechnungen unter neuen Vorzeichen und eine gewandelte Lebenseinstellung zu den wichtigsten Merkmalen aktueller Bauvorhaben.

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Für die vorliegende Publikation war es mir ein besonderes Anliegen speziell unter dem Gesichtspunkt sich permanent verändernder Rahmenbedingungen eine Auswahl an Bauten zu erfassen, deren gestalterische Qualität unvermindert der Vorstellung von hoher Baukultur entspricht. Die Praxis zeigt, dass diese Aufgabe eine echte Herausforderung nicht nur für die Architekten, sondern auch für die beteiligen Unternehmen und nicht zuletzt für die Bauherren darstellt. Kann diesem Anspruch denn überhaupt Genüge getan werden, können die Grenzen zwischen hochwertigem Design und nachhaltiger Technologie aufgehoben werden? Sind ökologisch vertretbare Standards mit erlesener Architektur zu verbinden? Ist diese Symbiose möglich? Oder setzt sich hier langfristig eine klischeehafte Ökoästhetik durch, bei der zugunsten von Nachhaltigkeit auf jede Form von Annehmlichkeit und distinguierter moderner Gestaltung verzichtet wird? Mitnichten! Bei allem unumgänglichen sorgsamen Umgang mit der Umwelt gilt es, das eigene Leben ebenso bewusst auszugestalten. „Grüne Wohnträume“ erfordern Innovation, kreatives Denken und zeitgemäße Lösungen, um unsere Ansprüche an Komfort auch zukünftig mit den größtmöglichen natürlichen und umweltschonenden Mitteln zu erhalten. Wie die

in diesem Band präsentierten Beispiele zeigen, sind Baukultur und Umweltverträglichkeit heutzutage keine Gegensätze mehr. Nachhaltige und dennoch ästhetisch hochwertige Planung, Gestaltung und Umsetzung sind zwar noch nicht an der Tagesordnung auf unseren Baustellen, aber es sind ständig mehr Architekten und Bauherren zu finden, die dies in ihren Bauvorhaben verwirklichen. Und sie stellen sich damit auch einer soziale Verantwortung, denn weder Rohstoffe noch Menschen dürfen restlos erschöpft und ausgebeutet werden. Bewusst habe ich für diesen Band Gebäude ausgewählt, die mit heute bereits verfügbaren und finanzierbaren Bauweisen und Technologien realisiert werden können, zugleich aber visionär und wegweisend sind. Von der ehemaligen Automobilfabrik in einem Kölner Hinterhof bis zum Wohnhaus am Ufer des Zürichsees, vom Holzhochhaus in Berlin bis zur „bewohnbaren Skulptur“ bei Augsburg zeigen diese Bauten, dass es möglich ist, moderne Wohnansprüche umweltgerecht und wirtschaftlich rentabel umzusetzen. Und: Mit der Abbildung dieser Projekte möchte ich auch all diejenigen würdigen, die sich trotz mancher Widerstände um Nachhaltigkeit und Baukultur verdient machen.

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gerhard matzig

IM GRÜNEN BEREICH DAS ÖKOLOGISCHE ZEITALTER IN ARCHITEKTUR UND STÄDTEBAU

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„Dann sprach Gott: Das Land lasse junges Grün wachsen ...“ – ein Satz aus der Genesis. Nun ist Richard Daley kein Gott, aber immerhin seit gut zwanzig Jahren der Oberbürgermeister von Chicago, weshalb man seine jüngste „Green Roofing“-Idee eine kleine Ewigkeit nach der Schöpfungsgeschichte auch so übersetzen könnte: „Die Stadt lasse junges Grün wachsen.“ Allerdings nicht auf der Erde, sondern auf den Dächern. Man könnte sogar genesishaft hinzufügen: Und so geschah es. Denn Daleys Kampagne zur Renaturierung der Dachlandschaft im Zeichen der Kohlendioxidabsorbierung ist durchaus erfolgreich. In Chicago gibt es tatsächlich (wenn auch relativ gesehen) immer mehr grüne, also mit allerlei Kräutern, Gräsern und Moosen bewachsene Dächer. Das ist erstaunlich, weil Chicago auch als Geburtsstadt des Wolkenkratzers gilt, also einen superlativistischen Bautyp hervorgebracht hat, der zumindest seinen Anfängen zufolge nicht gerade Ökologie, Energieeffizienz oder Nachhaltigkeit repräsentiert.

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Grüne Architektur und grüner Städtebau. energieeffizienz und nachhaltigkeit sind das gebot der stunde. New York, Chicagos Konkurrent seit jeher, will übrigens nicht zurückstehen im Kampf gegen den Klimawandel, weshalb dort seit einiger Zeit über ein Mautsystem zur Verkehrsberuhigung nachgedacht wird. Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg will aus der Stadt, die niemals schläft und entsprechend viel Energie benötigt, sogar die „Öko-Hauptstadt der Welt“ machen. Eine „Green City“, so Bloomberg, sei das Ziel. Der alte Titanenkampf, Chicago versus New York, erlebt also eine Neuauflage: Nur geht es dieses Mal nicht um hohe Häuser und verschwenderische Städte, sondern um grüne Dächer und Fahrradwege. Und auch wenn es vorerst vor allem um grüne Rhetorik geht: Die aktuelle Hingabe zur Farbe Grün, ob nun in Form von Green Roofing oder Green City, ist bemerkenswert. Für gewöhnlich wird Grün als Signalfarbe eingesetzt, um das Normale, Ordnungsgemäße oder Ordentliche zu beschreiben – wes-

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halb aufgeladene Handys grün leuchten und man bei Grün über die Ampel gehen darf. In Architektur und Städtebau markiert aber das seit der Genesis bekannte Grün einen staunenswerten Wandel. Die Farbe Grün steht hier nun für das in gewisser Weise außerordentliche Bemühen, die zurückliegenden Jahrzehnte zu überwinden, in denen Energiefragen am Bau nachrangig beurteilt wurden. Grüne Architektur und grüner Städtebau, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit sind in Zeiten des Klimawandels und erschöpfter fossiler Ressourcen das Gebot der Stunde. Selbstverständlich ist das nicht – obwohl auf dem Terrain der Baukultur Fragen der Existenzsicherung diskutiert werden. Ästhetische Debatten werden deshalb zwar nicht obsolet, verlieren aber ihre lange ausgeübte Dominanz über die Technik: Im Berufsbild des Architekten kehrt daher mit aller Macht der Ingenieur zurück, nicht als Haustechniker, wohl aber als Fachmann etwa für Clima Design. Die Architektur als „Mutter aller Künste” (Vitruv) kann sich in einer ökologisch determinier-

ten Zeit nicht mehr nur als Kunstform begreifen, sondern wird Teil eines Themenkomplexes, in dem es auch um das Klima, um Ressourcen, Volkswirtschaft oder Geostrategie geht. Architektur und Städtebau werden somit politisch. Sie befinden sich inmitten eines Paradigmenwechsels, wie es ihn niemals zuvor in der Geschichte dieser Disziplinen gegeben hat. Allein in Deutschland verursacht beispielsweise das Wohnen rund 20 Prozent des gesamten Energiebedarfs. Nimmt man die Energetik von Bürohäusern hinzu, wird deutlich, dass neben Verkehr und Industrie die Architektur zu einem der drei maßgeblichen Energiefaktoren unserer Zeit geworden ist. Insbesondere die Beantwortung der Frage, wie das Wohnen energetisch optimiert werden kann, gehört zu den Zukunftsaufgaben der Menschheit. Falls die Treibhausgaskonzentration bis zum Jahr 2050, wie vom UN-Klimarat gefordert, um bis zu 80 Prozent gesenkt werden muss, wird es vor allem auch auf die Erneuerung der alten Kunst des Häuserbauens ankommen.

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Wenn sich aber schon die Politik für das grüne Bauen interessiert – warum haben dann ausgerechnet die deutschen Architekten selbst dieses Thema bislang sträflich vernachlässigt? Es ist fast eine Analogie zum Autobau. Die großen deutschen Hersteller von Mobilität, ob sie nun BMW oder Volkswagen, Audi oder Mercedes heißen, haben viele Jahre lang das Thema unterschätzt – um jetzt endlich aufzuholen und in die Technologie der Zukunft zu investieren, in der es nicht mehr um Raserei gehen kann. Auch die Nachfrage nach energieeffektiven Gebäuden nimmt dramatisch zu – ohne dass bisher der starken Nachfrage ein ebenso starkes Angebot entsprochen hätte. Die Pioniere des umweltbewussten Bauens, Thomas Herzog, Rolf Disch oder Werner Sobek und andere namhafte Architekten, befanden sich deshalb lange Zeit in einer einsamen Liga. Das ist nun vorbei. Die Architektenschaft in Deutschland, einer in Umwelttechnologie ohnehin führenden Nation, hat endlich die Herausforderungen angenommen. Wobei die Beispiele, die in diesem Buch versammelt sind, auf das Schönste zeigen, wie variantenreich das ökologisch orientierte Bauen sein kann. Vor allem aber auch: dass weder die Ökonomie noch die Ästhetik darunter leiden müssen. Die Zeit scheint vorbei zu sein, da sich nachhaltige Gebäude durch eine Art Entsagungsästhetik auszeichnen mussten, als ungeschickt formulierte und wie geknetet aussehende Lehmbauten oder als zusammengeschraubte Ideologien. Wobei sich immer stärker zeigt, dass das moderne ökologische Bauen keine Apparatemedizin sein und sich nicht in vermeintlich der Energiebilanz dienenden Applikationen erschöpfen darf. Ökologie darf nicht als Ornament des 21. Jahrhunderts missverstanden werden. Das heißt: Das hochgerüstete Einfamilienhaus auf der grünen Wiese, mit drei Garagen und langen Anfahrtswegen versehen, ist Vergangenheit. Architektur und Städtebau werden als integrale Bestandteile umweltschonender Gestaltung begriffen. Längst geht es nicht mehr nur um Materialien und Hightech, sondern auch um Mentalitäten und Lebensgewohnheiten.

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Die architektenschaft in deutschland hat endlich die Herausforderungen angenommen.

Der lange Zeit nur beschworene Paradigmenwechsel, der bei näherer Betrachtungsweise viel zu oft zu einer Art „Green Glamour“, zu einem modischen Accessoire schrumpfte, scheint sich tatsächlich zu ereignen. Auch wenn die Anzahl der ökologisch relevanten Architekturinnovationen noch viel zu klein und zu elitär sein mag angesichts der dramatischen Umstände im globalen Maßstab: Die Hoffnung, heißt es, trägt gleichfalls die Farbe Grün. Einige Beispiele, die in diesem Buch stellvertretend für viele andere Bemühungen dokumentiert werden, seien deshalb an dieser Stelle herausgehoben. Das „Haus am See“ von Kehrbaum Architekten ist nicht nur eine mondän wirkende Villa (und zwar die des Architekten selbst), sondern auch der hochinteressante Umbau eines zuvor ziemlich unansehnlichen Mehrfamilienhauses aus den sechziger Jahren. Dieses Umformen und Neuinterpretieren des Raumes zugunsten der Bausubstanz versöhnt im Zusammenspiel mit einer durchdachten Technologie den Begriff der Nachhaltigkeit mit einer anspruchsvollen Ästhetik. Ein anderes Beispiel ist das Projekt einer Berliner Baugruppe. Nach dem Entwurf von Kaden Klingbeil Architekten entstand das in Deutschland vermutlich höchste Wohnhaus aus Holz. Städtisch situiert, wirkt es aber kein bisschen wie ein demonstrativ hölzernes Haus. Es fehlt zum Glück das emblematische Ökosiegel. Aber jenseits der Fassadenfrage geht es in diesem Fall auch darum, städtischen Wohnraum nicht allein der BauträgerKultur zu überlassen, sondern als Baugruppe individuell zu nutzen. Auch dies ist eine neue Form nachhaltigen Planens. Es müssten hier noch mehr Beispiele genannt werden: das Nachverdichten städtischer Räume, das Leben im Mini-Haus, das Angebot für mehrere Generationen oder divergente Lebensstile, das Temporäre, Veränderbare … gemeinsam ist diesen Projekten, dass sie Lebensweisen reflektieren. Sie dienen nicht der neuen Ökoaufrüstung, sondern setzen dort an, wo wirkliche Nachhaltigkeit beginnt. Nur Gebäude, die geliebt und respektiert werden, können nachhaltig im Wortsinn sein. Die neue grüne Architektur ist insofern ein alter Bekannter: das richtige und schöne Bauen.

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Über Allem schwebt das weiSSe Obergeschoss. Stahl, weiSSer Putz und die Auswahl von Mobiliar und Kunstwerken sorgen für schlichte Eleganz der Innenräume.

Das Haus hat fünf gleich behandelte Fassaden, die vier Außenwände und das Dach, und verbindet reduzierten, ästhetischen Anspruch mit einem ökologischen Konzept. Laut Bauantrag hatten Bauherren und Architekt vor, die Betonschale des Hauses mit einem mineralischen Putz zu versehen. Während der Bauphase erhielten sie aber das verlockende Angebot, das Haus zu einem Referenzbau zu machen und mit einer gesponserten Natursteinfassade zu versehen – jedoch nicht im klassischen Sinn: Mit Steinen gefüllte Gitterkörbe wurden als vorgehängte Fassade an den gedämmten und abgedichteten Rohbau angehängt. Diese 365 handbefüllten Gitterkörbe mit etwa 40.000 Steinen, sogenannte Gabionen, kennt man sowohl aus dem Landschaftsbau, wo sie als Böschungsbefestigungen oder zur Fassung und Abgrenzung von Außenanlagen eingesetzt werden, als auch aus innovativen Bauvorhaben, etwa einem Weingut in Kalifornien, wo sie ebenfalls für die Fassaden verwendet wurden. Das brachte neben dem optischen Akzent auch noch ökologische Vorteile: Die Steinkörbe bilden etwa 28 Tonnen Speichermasse und konnten das kühne Gebäude dank hervorragender Dämmwerte somit noch zum Niedrigenergiehaus aufwerten. Störende Regenrinnen und Fallrohre gibt es hier nicht, da das Haus rundum vollständig abgedichtet und mit einer Folie überzogen wurde, sodass das Wasser flächig abfließen kann. Diese neuartige Gestaltung folgt dem Prinzip der an Ankern vorgehängten Fassadenelemente. Auch der nahtlose Verlauf der Fassade über die Traufkanten hinweg zum Dach ist neu und wurde in dieser Art noch nicht realisiert.

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Die hellen Materialien des Innenraumes im Zusammenspiel mit dem Lichteinfall durch die großflächigen Verglasungen vermitteln dem Betrachter innerhalb des kompakten Baukörpers einen großzügigen Raumeindruck.

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So roh und einfach sich das Haus von außen präsentiert, im Inneren feilte der Architekt Titus Bernhard an einem komplexen Raum- und Lichtkonzept: Der rauen Außenhaut steht nun ein schlicht durchgearbeitetes und lichtdurchflutetes Innenraumkonzept gegenüber. Alle Dimensionen des Gebäudes sind durch Blickachsen erlebbar und erzeugen einen luftigen Raumeindruck. Hierbei bestand die Absicht, den eher kleinen Innenraum des Hauses mit einer Nutzfläche von ungefähr 130 Quadratmeter so großzügig wie möglich wirken zu lassen. Im Gartenbereich kontrastiert das Haus eine Freifläche von gleichfalls 9 x 9 Meter. Sie ist eine Kunstfläche, die sich von den natürlichen Grünflächen der umliegenden Nachbarn abgrenzt. Diese Spannung wird durch die schlichte Grundform des puristischen Baukörpers gegenüber der von großen, wildwachsenden Bäumen geprägten Umgebung noch weiter erhöht.

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Der vielfältigen architektonischen und gestalterischen Herausforderung stellten sich Architekt und Bauherr mit keinem geringeren Anspruch, als ein kleines bauliches Manifest zu realisieren. Damit wurde das Haus 9 x 9 in erster Linie eine „bewohnbare Skulptur“, welche die Möglichkeiten des Bebauungsplanes und die vorgegebene Form nicht nur interpretiert, sondern noch ein Stück darüber hinausgeht. Noch immer wird in Stadtbergen darauf gewartet, dass das Haus endgültig verputzt und mit einem Blechdach versehen wird. Zu diesen Nachbesserungsarbeiten räumte die örtliche Baubehörde den Bauherren damals eine Frist von drei Jahren ein. Diese Frist ist bis heute ohne Konsequenz verstrichen. Stattdessen hat das hier beschriebene Haus längst seinen Siegeszug in der Fachwelt und der Presse angetreten, und so war es im Jahre 2004 als offizieller deutscher Wettbewerbsbeitrag bei der Architektur-Biennale in Venedig vertreten.


Das Innenraumkonzept wird durch den ausgewogenen Einsatz der Lichtquellen bestimmt – so entsteht der romantische Eindruck des BaukÜrpers in der Abendstimmung.

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Selbstbewusst setzt sich der Wohnkubus von den standardisierten Satteldachh채usern der Umgebung ab.

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ENERGIEKONZEPT

BAUDATEN

Die „Gabionenhaut“ erfüllt wichtige ökologische Aufgaben: Sie puffert im Sommer die Wärme und im Winter die Kälte und ist vollkommen recyclingfähig. Der Gebäudekern ist ein voll unterkellerter Massivbau mit einer weitgehend in WU-Beton B25 gefertigten Außenschale. Die Wandstärke betragt 22 Zentimeter, mit etwa 180 eingelegten Anschweißplatten für die Aufhängung der Gabionen an L-Profil-Kurzstücke und großformatigen Fenstern als IV68-Konstruktion in geölter Eiche. Die Fensterrahmen sind einfach weiß pigmentiert als UV-Schutz und zwecks Farbangleichung an die Farbe des Schotters in den Stahlkörben auf Distanzrahmen verleimt für die flächenbündige Arretierung mit der Gabionenhaut. Die Gebäudeabdichtung ist eine streichfähige Schwarzabdichtung, in welche die Wärmedämmung aufgebracht wird. Den Abschluss bildet eine etwa 15 Millimeter starke Kunststoff-Drainmatte mit Filtervlies als Wurzelschutz.

Projekt: Architekt: Bauherr: Wohnfläche: Anzahl der Bewohner: Grundstücksgröße: Baujahr: Planungszeit: Bauzeit: Baukosten brutto je m2: Jahresheizwärmebedarf (Qh): Jahresprimärenergiebedarf (Qp):

Haus 9 x 9 | Stadtbergen Titus Bernhard Architekten BDA Claus Kaelber und Barbara Gayer 130 m2 2 Personen 465 m2 2006 18 Monate 7 Monate 2.900 Euro 37 kWh/m2 43 kWh/m2

Fotos: Christian Richters

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Schuppen | berlin

Grüner Lichtblick Ein weiteres kleines, aber feines Architekturerlebnis in Berlin: Dieses Hinterhofhaus ist ein grüner Lichtblick in der grauen Tristesse der Umgebung.

An diesem konkreten Beispiel wird aufgezeigt, wie Architektur einen problematischen, eher uninteressanten Ort aufwerten kann und eine Baulücke nicht automatisch rein zweckgebunden und uninspiriert zugebaut werden muss. Das untypisch großzügige innerstädtische Grundstück erlaubte neben der Errichtung eines Einfamilienhauses auch noch die Anlage eines Gartens mit Gemüsebeeten, Obstbäumen und Rasen, so wie es von den Bauherren gewünscht wurde. Rückseitig schließt das auffällige, komplett in grüne Ziegel gehüllte Haus an die Brandmauer des nachbarlichen Hinterhauses an, ein Berliner Mietshaus aus der Gründerzeit. Rundum ist hier noch wenig saniert worden, was nicht zuletzt auf die Lage zurückzuführen ist: Das Szeneviertel Prenzlauer Berg ist von hier ebenso weit entfernt wie das bürgerliche Zentrum von Pankow. So kommt es, dass dieses unkonventionelle Einfamilienhaus im Viertel schon rein formal ins Auge sticht: Für eine Remise ist es mit seinen elf Metern zu hoch, für ein Hinterhaus zu niedrig und zu schmal, und auch mit den angesagten Townhouses in Berlin Mitte hat es wenig gemeinsam. Der eher konservative städtebauliche Kontext hinderte die ausführenden Architekten aber nicht im Geringsten daran, ihre innovativen architektonischen Ideen umzusetzen. Im Gegenteil, es scheint eine reizvolle Herausforderung gewesen zu sein.

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Von dunkel- zu hellgrün – ähnlich den Schuppen einer Eidechse – verlaufen die Keramikschindeln an der Fassade des innerstädtischen Wohnhauses.


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Bereits seit Beginn des letzten Jahrhunderts war das Grundstück mit einem Einfamilienhaus bebaut, das seit der Wende leer stand, bis seine letzten Bewohner es verkauften. Dieses Haus wurde abgerissen und das neue Haus tief in das Grundstück an die Brandwand des Hinterhauses gebaut. Damit wurde der in der Berliner Bauordnung festgeschriebenen „Anbaupflicht“ an die Brandmauer Genüge getan. Um zumindest andeutungsweise mit der Hinterhauszeile abzuschließen, entwarfen die Architekten ein hohes, dreigeschossiges Gebäude, dessen Fassaden im Wesentlichen parallel zu der sich anschließenden Bebauung verlaufen. Letztlich entstand eine Gebäudeform, die sich aus einem nahezu quadratischen, nach Süden orientierten und einem sich trapezförmig verjüngenden, nördlichen Teil zusammensetzt. Den benachbarten Gebäuden mit ihren Berliner Dächern wurde die Kombination aus Steildach- und Flachdachfläche entlehnt. Über die Fassaden des Hauses scheinen die Fenster ohne Ordnung verteilt. Das liegt daran, dass sich die Form Das ganz und gar grüne Haus passt sich an die vorhandene Bebauung an – es schmiegt sich eng an die Brandmauer des Nachbargebäudes.

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und Lage der Fenster funktional aus den dahinterliegenden Räumen ergibt. Ein breiter Rahmen aus Zinkblech betont die großen Fensterflächen. Die später hinzugefügten, kleineren Fenster präsentieren sich unauffälliger – von außen sind sie in einem dunklen, warmen Grau gerahmt und innen, wie die Wände, weiß. Im Inneren ist die Aufteilung in großzügige Räume nach Süden und kleinere Räume nach Norden möglich. Bedingt durch die Bauform, gleicht kein Raum dem anderen. Die Fenster sind oft Wandbreiten füllend und legen die Ausrichtung der jeweiligen Räume fest. Der Blick aus Küche und Essbereich geht auf die Terrasse, vom rückwärtigen Wohnbereich im Erdgeschoss blickt man aus niedriger Sitzhöhe auf einen kleinen ummauerten Teil des Gartens, aus dem Arbeitszimmer schaut man über die Baumwipfel in den Himmel nach Norden, wo die letzten Flugzeuge zur Landung auf Tegel ansetzen. Schlafzimmer und Bad werden von der Morgensonne erhellt, vom Kinderzimmer aus kann man den Vorgarten bis


zur Straße übersehen. Nur der Bibliothek fehlt das große Fenster. Hier werden die Wände als Stellfläche für Bücherregale benötigt – so hat man sich bei diesem Raum konsequent an der Nutzung orientiert. Dafür taucht eine große Anzahl kleiner Fenster mit tiefer Leibung in Wänden und Dach den Raum in überwiegend indirektes Licht. Auf diese Weise entstehen trotz der exponierten Lage des Gebäudes Räume und Raumteile großer Intimität. Das von außen am stärksten wahrzunehmende Gestaltungsmerkmal ist die außergewöhnliche Fassade. Die Architekten haben bei ihrem ersten Neubau ein gewisses Vergnügen bei der Auswahl von Farbe und Material gehabt. Die durchgehende Hülle aus 8350 Stück grünen Biberschwanzziegeln zur Fassaden- und Dacheindeckung wandert über die gesamte Hausfassade, wobei die Ziegel mit zunehmender Höhe von dunklen zu hellen Grüntönen changieren. Die glasierten Tonziegel treten so vortrefflich in Verbindung mit dem Grün der umliegenden Bäume und Sträucher.

Die ungewöhnliche Wahl der Fensterformate belebt die Hausfassade und versorgt die Innenräume mit jeweils ganz unterschiedlich einfallendem Tageslicht.

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Die keramischen Fassadenelemente erinnern an Azulejos, die zur Dekoration von Fassaden und Innenr채umen in s체dlichen L채ndern wie Portugal oder Spanien verwendet werden.

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Eine geschwungene Treppe verbindet die drei trapezfรถrmigen Ebenen des Wohnhauses miteinander.

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ENERGIEKONZEPT

BAUDATEN

Der Warmwasserbedarf des Hauses wird überwiegend durch Solarthermie gedeckt, die auch heizungsunterstützend eingebunden ist. Zusätzlich wird das Haus bei Bedarf mit einer Gasbrennwerttherme beheizt. Die Räume werden vollständig über Fußbodenheizung erwärmt. Durch die großen Heizflächen ist eine sehr geringe Vorlauftemperatur und damit sparsames Heizen möglich. Zudem wird der angestrebte Wärmeschutz hervorragend durch die mit 36 Zentimeter Zellulose gedämmte schlanke Holzständerwerkkonstruktion erfüllt.

Projekt: Architekt: Bauherr: Wohnfläche: Anzahl der Bewohner: Grundstücksgröße: Baujahr: Planungszeit: Bauzeit: Baukosten brutto je m2: Jahresheizwärmebedarf (Qh): Jahresprimärenergiebedarf (Qp):

Schuppen | Berlin brandt + simon architekten Privat 156 m2 3 Personen 847 m2 2009 9 Monate 6 Monate 1.030 Euro 35 kWh/m2 53,9 kWh/m2

Fotos: Michael Nast

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T-Bone House | WAIBLINGEN

Raumskulptur mit Wohngarage In der Nähe von Stuttgart sorgt ein Einfamilienhaus für Aufsehen, und dies nicht nur wegen seiner auSSergewöhnlichen Form. Bei der Gestaltung hat man sich von der Nähe zur Natur inspirieren lassen: Selbst der Porsche blickt ins Grüne.

Auch wenn der Name des Hauses an ein saftiges Stück Fleisch denken lässt, der Bauherr ist weder Metzger, noch handelt es sich um die Dependance für ein Steakhouse. Der Name bezieht sich ausschließlich auf die ungewöhnliche T-Form des Wohnhauses, die aus baurechtlichen, innenräumlichen und funktionalen Gegebenheiten resultiert. Als „Raumskulptur mit Wohngarage“ beschreiben die Architekten von Coast Office Architecture das Haus, das für einen der beiden Partner und seine Familie geplant wurde. Unverbaubare Panoramen sind in Ballungsräumen rar geworden, dennoch konnte die junge vierköpfige Familie ein für die Umgebung Stuttgarts typisches Hanggrundstück mit Ausblick und altem Obstbaumbestand erwerben. Grundlage des Entwurfes sind zwei miteinander verbundene Baukörper, deren auf drei Geschosse verteilte Räume einen differenzierten Außenbezug ermöglichen. Zwischen introvertierten, extrovertierten und halb offenen Räumen, die sich abwechseln, ergibt sich eine Vielzahl von anspruchsvollen, spannenden Raumbeziehungen. Das Gebäude wird durch einen nach innen orientierten Eingangsbereich betreten, von dem aus der Besucher direkt in das offene Wohnzimmer gelangt. Dieses scheint in die umgebende Landschaft gebettet, da die dreiseitige, raumhohe Schiebeverglasung die Raumgrenzen auflöst und einen fließenden Übergang zwischen Garten und Wohnraum entstehen lässt. So ist der ausdrückliche Wunsch der Bauherren, „im Garten zu wohnen“, hier als klare Aussage räumlich spannend umgesetzt. Zur Verstärkung des offenen Raumflusses zwischen innen und außen zieht sich der braune Ölschiefer als Bodenbelag vom Wohnzimmer bis hinaus auf die Terrasse. Umlaufende Vorhänge ermöglichen es, den Wohnraum nach außen hin abzuschließen, sodass zusammen mit dem offenen Kamin auch eine sinnliche, private Raumstimmung entstehen kann. Diese wohnliche Atmosphäre wird durch einen in der Wand integrierten und mit Leder bezogenen Schrank, der zugleich schalldämmende Funktionen erfüllt, noch unterstützt.

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Die leichte Hanglage und der weite unverbaubare Blick sowie der alte Obstbaumbestand sind charakteristisch für das Grundstück. Die spannende wie monolithische skulpturale T- Form ist ein Resultat baurechtlicher, innenräumlicher und funktionaler Vorgaben.


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Die „Wohngarage“ ist mehr als ein bloSSer Abstellraum. Kunstvolle Durchblicke inszenieren den 74er Porsche Targa der Bauherren.

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Das Pendant zum Wohnbereich ist die sogenannte Wohngarage für den roten Porsche. Hier wurde das Thema Autogarage neu definiert: In der Regel steht ein solcher Raum am Tag leer und schließt außerhalb seiner eigentlichen Nutzung andere durch geringe Aufenthaltsqualität aus. Diese Garage dagegen wurde mit braunem Ölschiefer als Bodenbelag, Fußbodenheizung und Einbauschränken als wohnlicher Mehrzweckraum konzipiert und ermöglicht durch seine räumliche und gestalterische Qualität nun unterschiedliche Nutzungen. So kann hier ein Gäste-, Kinder-, Spiel- oder Hobbyzimmer entstehen, aber auch eine Einheit zum barrierefreien Wohnen im Alter wäre möglich. Die Wohngarage ist einer von zwei extrovertierten, stützenfreien Räumen im Erdgeschoss, die sich durch die T-Form des Gebäudes ergeben haben und deren symmetrische Anordnung ihre thematische Gleichwertigkeit verdeutlicht.

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Möbelelemente teilen den offenen Grundriss in verschiedene Wohnbereiche ein.

Unter dem Wohnbereich liegt eine in das Erdreich geschobene Box, die das Untergeschoss definiert. Hier befinden sich Nebenräume und ein Lesebereich sowie der Koch- und Essbereich der Familie. Die Küche ist funktional und streng linear angeordnet und orientiert sich zum grünen Tiefhof, der den Hang entlang in die Obstwiese ausläuft. Hier, in einem der für die Familie zentralen Räume, legten die Gestalter besonderen Wert auf die Möblierung: So präsentiert sich die Koch- und Arbeitsinsel als futuristische „Kommandobrücke“, der freitragende Esstisch betont die klare Ausrichtung hin zum Außenbereich und thematisiert die Aufhebung der Raumgrenzen. Dieses gestalterische Thema wird durch die raumhohe Verglasung mit Schiebetüre aufgenommen, die es ermöglicht, aus jeder Ecke bis weit ins Grüne zu blicken. Eine holzvertäfelte Wand zwischen Ess- und Lesebereich trägt die äußere Fassadenstruktur in den Innenraum, sodass der T-Körper auch im Inneren des Hauses erlebbar wird. Im Gegensatz zu den nach außen orientierten Wohnund Aufenthaltsräumen befinden sich die Privaträume der Familie im introvertierten Dachgeschoss. Dieser nach innen gekehrte Charakter wird durch die wenigen Fenster in der Holzfassade der oberen Etage noch verstärkt. So werden das Treppenhaus und die Bäder mit der kleinen Sauna lediglich über das Dach belichtet. Eine dicke Isolierschicht umhüllt das Gebäude, verkleidet mit einer stabilen Außenhaut aus Lärchenholz. Schiebeläden, die hinter der Holzfassade geparkt werden können, schließen über ein Schienensystem die Fassade flächenbündig. Stein und Holz zitieren die Natur in veredelter Form. Den Bauherren gefällt der moderne Stil, der gleichzeitig wohnlich, warm und nicht zuletzt auch kinderfreundlich ist. Im Untergeschoss schlägt eine Schwarzwälder Kuckucksuhr zur vollen Stunde – eine Reminiszenz an gute alte schwäbische Tradition in diesem unkonventionellen Haus.

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Eine als Kommandobr端cke gestaltete Kochinsel und der freitragende Esstisch sind eine Hommage an alte STAR-TREK-Zeiten. 59


Das Erdgeschoss wird durch den flieSSenden Übergang von Innen nach AuSSen bestimmt. Der markante Dachüberstand verbindet die Bereiche und wirft auffallende Schatten, die zu einer optischen Verschmelzung von Natur und Architektur führen. 60


ENERGIEKONZEPT

BAUDATEN

Die Wärmeversorgung beim T-Bone House läuft über eine Erdwärmepumpe mittels Erdsonde. So wird die Wärme den Wohnräumen während der Wintermonate über die Fußboden- und Wandflächenheizung zugeführt, in den Sommermonaten dagegen wird durch eine Umkehrfunktion des Systems mittels Bauteilaktivierung das Gebäude gekühlt. Zudem ermöglicht eine Regenwasserzisterne die Nutzung von Regenwasser für den Hausgebrauch.

Projekt: Architekt: Bauherr: Wohnfläche: Anzahl der Bewohner: Grundstücksgröße: Baujahr: Planungszeit: Bauzeit: Jahresprimärenergiebedarf (Qp):

T-Bone House | Waiblingen Coast Office Architecture Privat 181 m2 4 Personen 1.200 m2 2006 6 Monate 12 Monate 58,7 kWh/m2

Fotos: Valentin Jeck, David Franck

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Gruene Wohntraeume  

Von der Sradtwohnung bis zum Einfamilienhaus

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