Page 1

heįmat sommer 2010 nr. 7

Hausbesuch bei Hans Werner Henze Warum New York nicht immer besser als das Ruhrgebiet ist Mut zur Lücke – Vom Umgang mit Schlaglöchern Wo ist Woanders In Zukunft: Ruhr 2100 mode Nicola Tigges — Le Salon — Heren van Koster — Sharon Ludwichowski �


4

heimatdesign sommer 2010 bild Reza Nadji

editorial

Das ging schnell. Die erste Hälfte des Kulturhauptstadtjahres ist fast vorbei. Wie immer man auch zur ruhr.2010 steht – man merkt, dass sich etwas bewegt im Revier. Auch wir, bei Heimatdesign, spüren das in Gesprächen mit Kollegen, Designern, Künstlern und Kulturschaf­ fenden. Eines wird aber klar – im Ruhrgebiet hat sich schon vor 2010 etwas bewegt und das wird danach nicht anders sein. Mit oder ohne Kulturhauptstadt – die vielbeschworene Nachhaltigkeit schaffen Menschen, die nicht darauf warten, dass etwas passiert oder dass man ihnen für ihre Idee ein schickes Leucht turmprojekt hinstellt. Wir haben in der vorliegenden Ausgabe versucht, einen Blick auf das Ruhrgebiet von unten zu werfen, oder besser: von der Seite.

Perspektivverschiebung der Heimatblicke; beispielsweise auf Künstlerkollektive wie Bohème Précaire oder all the time, die leere Räume neu besetzen. Oder auf die Macher des kleinen, aber sehr feinen Falt­Magazins Ruhrgestalten, das immer schnell vergriffen ist. Auf die Initiative unprojekte 2010, die von der Kulturhaupt stadt verschmähten Projektideen eine Plattform gibt. Zudem zeigen wir, was sich gegen die Schlaglöcher in den Straßen und Hirnen tun lässt – Eigeninitiative! Wir blicken aus unserem Metropolendorf nach Italien und berichten über einen legendären Besuch beim nicht minder legendären Komponisten Hans Werner Henze. Und wir fragen ehemalige Ruhrgebietler, die nach New York City aus­ gewandert sind, wie sich das anfühlt – Heimweh oder Heimat? Dazu Mode, Literatur und einiges mehr. Auch bei Heimatdesign tut sich was: Seit dieser Ausgabe ist ein neues Team für das Magazin verantwortlich; und im Mai begann das Streetart­Festival Concrete Playground. Unter der Dortmunder Heimatadresse Hoher Wall 15 fi nden sich neuerdings auch die Ideen­Werkstatt und Kommunikationsplattform Ständige Vertretung und in der 1. Etage eröffnet Daniel Veselka mit dem Amt für neue Ordnung einen Coworking­Space für eine neue Art der Arbeit – eine Mischung aus Kaffeehaus und Büroraum. Also dann: Wir hoffen, dass das neue Heft gefällt. Viel Spaß bei der Lektüre! Volker K. Belghaus, Chefredakteur


inhalt

8 Work Cloud

heimatkunde 10

Neues aus der Heimat 14 Da schau her

heımatobjekt

18

Stahlarbeiter. Oder: »Mit Kappes bisse schneller.« Fahrradkultur aus dem Revier. 22 Ruhrpott Origami Das Magazin Ruhrgestalten.

Heimatbild

29

26 Zwischen Kunst & Club Wie junge Kreative leere Räume neu besetzen. Designer illustrieren Heimat Felix Gephart, Reza Nadji, Nonstopnerds und Cape Arcona. 34 Die Kunst der Straße Concrete Playground zeigt Streetart.

heimatkultur

38

Nennen Sie mich Hans! Ein Besuch bei Komponist Hans Werner Henze in seinem Haus bei Rom. Let’s get it real unprojekte 2010 bietet den von der Kulturhauptstadt abgelehnten Ideen ein neues Zuhause. 46 Pot(t)holes Löcher in den Straßen, Löcher in den Kassen.

44

h k

eimat leid 50 Nicola Tigges Immer wieder neu. 58 Le Salon Der Bewahrer. 66 Heren van Koster Für den Herren. 74 Sharon Ludwichowski Science Fashion.

heimatlust

Paddeln auf Ruhr Das Revier vom Wasser aus. 86 Auf und davon Heimweh oder Heimat? 89 Schlafamzug Mit NL-Ruhr im Oberhausener HBF.

82

heimatgedanke

Akademische EPs in schön Die Bücher des Posth­Verlags. 92 Auf Text­Montage Die Schriftstellerin Ivette Vivien Kunkel im Porträt – plus Originaltext. 96 Wir sind eine Armee Ein Text. 100 ruhr.2100 Kolumne: Das Ruhrgebiet in 90 Jahren. 90

102 Impressum

Nr . 7 Sommer 2010


8

heimatdesign sommer 2010

heimat

Ivette Vivien Kunkel

Katrin Rodegast Anne Deppe Felix Gephart

Jan Wilms Martini Peter Erik Hillenbach Katja Neumann Jan­Peter Wulf Cape Arcona Alexandra Brandt Reinhild Kuhn Nonstopnerds Nico Schmitz Marc Röbbecke Daniel Sadrowski Philipp Wente Tom Thelen Johannes Wiek Kay Berthold Ivonne Woltersdorf Volker K. Belghaus J. Jesus Fernandez Stephanie Julia Wagner Reza Nadji Diego Gardon Julia Majewski Julie Junginger Ivo Mayr

Jörg Jäger

www.kreativwirtschaft-dortmund.de

DORTMUND. KREATIVITÄT FINDET STADT.

Petra Engelke •

Dortmund ist gut sortiert. Gehen Sie online: Informieren Sie sich über aktuelle News und Termine Erweitern Sie Ihr persönliches Kreativnetzwerk Identifizieren Sie Kooperationspartner Kaufen Sie kreative Dienstleistungen in Dortmund


12

13

heimatkunde

gemischte Tüte tiefschwarz & edelweiß Nein, dieser feine Shop findet sich nicht in Dortmund, Essen-Rüttenscheid oder auf Zollverein, son­ dern in – Hagen. tiefschwarz und edelweiß, kurz tsew, heißt der Laden für Design, Kunst und Accessoires, der seit Anfang 2010 in der Frankfurter Straße 65 zu finden ist. Dahinter stecken die Designer Christian Köhler, Jessica Nitsche und Martina Döbler, die außerdem noch eine Agentur und ein Foto­ studio betreiben, und mit dem Shop eine kreative Plattform für ihre Stadt schaffen wollen. Das Konzept ähnelt natürlich dem von Heimatdesign, und auch der tsew-shop ist Herzenssache. Manche Produkte sind identisch, dennoch setzt man auf Regionalisierung und bietet Designern und Künstlern aus dem Raum Hagen-Wuppertal eine Plattform. So gibt es die bepflanzbare Grußkarte Hagen ergrünt! oder Fläschchen mit echtem Hagener Vorstadtblut – ein Obstbrand aus der Region; unter dem selben Namen sind Buttons und Notizhefte erhältlich, auf denen hübsch-hässliche Fassaden abgebildet sind. Die tsew’ler wissen: »Hagen ist nicht Berlin!«, zitieren im Gegenzug aber gern ein Lied von Clueso:

Im Ruhrgebiet gibt es momentan Design an (fast) jeder Ecke. Verantwortlich dafür ist der Verein BochumDesign e. V., der, gemeinsam mit der ruhr.2010, dreißig junge Designer eingeladen hat, ihre Produkte an dreißig Kiosken im Revier zu verkaufen. Das Projekt Designkiosk ruhr.2010 bietet ungewöhnliche Objekte, die alle max. 11 × 11 × 11 cm groß sind, nicht mehr als 20 Euro kosten und in roten, quadra­t ischen Kartons Platz finden. Dazu gehören z. B. Pottlappen, Schmuck­ stücke oder Döschen, die aus ehemaligen Telefon-Ohrmuscheln bestehen. Die Designkioske verbindet eine Erlebnisroute; zudem gibt es einen mobilen, hölzer­ nen Kiosk, der vom Dortmunder Architekturstudenten Roland Meinzer entwor­ fen wurde. Geschlossen erinnert dieser an eine Schatzkiste, die sich aber wie eine Blüte öffnen lässt, um, je nach Wetterlage, die hübschen Dinge in seinem Inneren zu präsentieren. www.designkiosk-ruhr.de

»Du sollst deine Stadt nicht unterschätzen.« www.tsew-shop.de

annastrasse 38 the Market

Essen-Rüttenscheid. Hier, wo die Straßen Frauennamen tragen, findet sich ein kleiner, aber feiner Raum für

ist ein gefördertes Twins2010-Projekt im Rahmen der Kulturhaupt­

Kunst – die Loge. Seit Herbst 2009 bewegen sich die Macher

stadt 2010, das unter der Leitung von Pascal Amos Rest, Holger

Sebastian Fritzsch, Rabea Kiel, Theresa Wegner und Axel

Jacoby und Prof. Cindy Gates durchgeführt wird. Etwa 200 Foto­

Pötzschke mit Ausstellungen, Lesungen, Konzerten

grafen aus 13 Nationen folgten dem Aufruf der Organisatoren zur

und Filmvorführungen zwischen den Künsten; immer den

Teilnahme und meldeten sich zum Foto-Wettbewerb an.

›interdisziplinären Diskurs‹ im Blick. In den Veranstal­

Das Wettbewerbs-Thema ›The Market‹ (›Der Markt‹) ließ bewusst viel

tungen treffen Theaterleute auf Maler, Regisseure erklären

Spielraum für eigene Interpretationen und eine persönliche Bild­

ihre Arbeit in Form von Filmen und Musikvideos oder es

sprache. Besonders wichtig war es der Jury, dass die ein­gesandten

gibt Abende voller Musikkritik unter dem Titel: ›Platten,

Arbeiten sowohl fotografisch und künst­lerisch als auch durch

die ich mochte‹. Auch der Raum selbst wird inszeniert, wie

innovative Themen bzw. innovative Herangehensweisen an be­

z. B. mit der Arbeit Bühne von Daniela Friebel (siehe Foto),

kannte Themen überzeugten und natürlich inhaltlich das Thema

die die Loge durch zwei großformatige Dias auf den

›The Market‹ aufgriffen. Die Ausstellung der Arbeiten der

Schau­fenstern in ein Theater verwandelte. Die Loge ist ein

Preisträger sind ab dem 28. Mai 2010 im Dortmunder U zu sehen.

typischer Off-Space – unkommerziell, unabhängig, avant­

www.themarket2010.com

gardistisch. Man gehört zwar zum Kunsthaus Essen e. V., ist aber weiter auf Förderung angewiesen. Die ›Logen-Leute‹

verner panton bei Tagwerc

freuen sich über Spenden und suchen weitere Mitstreiter, um Rüttenscheid weiterhin künstlerisch zu rocken.

Gutes Design findet sich manchmal dort, wo man es kaum vermuten würde. Beispielsweise in der

www.annastrasse38.de

Forstmannstraße 2 in Essen-Werden, wo die Design-Agentur Tagwerc in einem Showroom Möbel, Lampen und Teppiche von Verner Panton zeigt und verkauft. Tagwerc sind Bianca Killmann und Stephan Tovar, die, in Ruhr-Nähe, den ›wohl einzigen Verner Panton-Monostore weltweit‹ betreiben. Wer aber einen durchdesignten Markenshop erwartet, wird positiv enttäuscht – der Eckladen bietet Charme statt ›Design-Blingbling ‹. Der historische Fliesenboden wurde aufgearbeitet, ein knallgelber Flughafentresen im 70er Design dominiert den Raum – ansonsten: dänisches Design vom Meister. Der Panton Chair, in vielen Farben, dazu Lampen wie die Spiral SP3 (1970), deren spiralförmige Elemente das Licht spekta­ kulär reflektieren. Zudem gibt’s Ausstellungen, Filmvorführungen, Lesungen und ›Kochungen‹. Man kann aber auch nur mal reinschauen, in Designbüchern schmökern und dabei einen Kaffee, dessen Bohnen vom Monsunregen gewaschen wurden, genießen. Zusätzlich bieten die Tagwercs auf ihrer Web­ site einen Panton-Blog für Design-Interessierte an. www.tagwerc.com


heimatdesign sommer 2010 illustration Katrin Rodegast / bild Anne Deppe

14

da schau her ↘

heimatkunde

15

1 ↘

4 ↘

2 ↘

7 ↘ 

5 ↘

8↙ 

6 ↘ 

3 ↘ 10 ↗  9 ↘  19 ↘

5 ↘

18 ↗ 17 ↙

16 ↘

11 ↘ 

15 ↙

13 ↙

14 ↘

5 ↗

12 ↙

1 ↘ pottbegrünung Bunte Mischung aus Sonnenblumen, Adonisröschen, Löwenmaul ... 3,90 € www.reviersouvenir.de 2 ↘ gürtel 29 € www.lipbert.de 3 ↘ schlüsselbänder aus recycelter Bergmannskleidung –

7↘ imagepolierer-set Poliertuch und Spiegel 12 €

www.carrothead.eu

8↘ grubengold – baden wie die kumpel Schwarzes Badesalz

12,95 € www.reviersouvenir.de

handgemacht im Ruhrgebiet. 19 € / 21 € www.zechenkind.de

9 ↘ u-teelicht 24,90 € www.4301-design.de

4 ↘ zechen stechen – das quartett der ruhrbergwerke

10 ↘ ring förderturm 119 € www.zweimachenschmuck.de

12,95 € www.reviersouvenir.de

5 ↘ lieblingsplätzchen 4,90 € www.ruhrperle.com 6 ↘ i-phone-tasche aus Turnbockleder 35 € www.elkedag.de

11 ↘ westfalenstadion dortmund-karte nur in BVB-Fanshops

13 ↘ schlüsselanhänger uhu 7,95 € 14 ↘ brosche fliege 12,95 € beides www.pimpshrimp.de

15 ↘ geldbörse der kohlebeutel 138 € 16 ↘ gürtel klassik 138 € 17 ↘ schlüsselkette 39 €

alle aus der Serie Flöz von Moritz Wenz. www.moritz-wenz.com

18 ↘ harte schale Französische Mandeldragees. 4,60 € www.ruhrperle.com

erhältlich. 6,95 € www.derkartenmacher.de

19 ↘ püttstück – echt saubere kohle! Seifenbrikett 12,95 € www.reviersouvenir.de

12 ↘ faltentasche gross 179 € www.lipbert.de

Alle Produkte sind auch im Heimatdesign-Shop erhältlich.


20 X 20 20 FOLIEN X 20 SEKUNDEN

03-04 juli2010

EIN DUTZEND KREATIVER PROJEKTE AN EINEM ABEND WW W.PECHAKUCHA-DORTMUND.DE

MODE GRAFIK FOTO MÖBEL MUSIK ESSEN TRINKEN MESSE AUSSTELLUNG GEÖFFNET SA / SO 11 – 19 H EINTRITT FREI ESSEN / ZECHE ZOLLVEREIN / HALLE 5 WWW.HEIMATDESIGN.DE KLEIN DYTHAM


18

heimatdesign sommer 2010 text Philipp Wente bilder Eigenmaterial

19

heimatobjekt

Stahlarbeiter. Oder: »Mit Kappes bisse schneller.« *

Das Rennrad. Assoziiert mit wohlklingenden Namen wie Cino Cinelli, Ernesto Colnago, Faleiro Masi, Gianni Motta, Sante Pogliaghi, Ugo De Rosa, Irio Tommasini, auch André Bertin oder René Herse. Und dann das: Hugo Rickert spezial, Krautscheid Bochum. * Westfälisch für ›Weißkohl‹

Dammstraße 28 in Dortmund, Luftlinie rund einen Kilometer von der ehe­­­­­­-

Krautscheid – dem Laien mag dies paradox erscheinen –

­m a­l igen Westfalenhütte entfernt. Vorm Felde 32 in Bochum, idyllischer

das für ihre Rahmen benötigte Rohmaterial keineswegs

Blick durch das Ruhrtal, rostige Metallgiganten der Hattinger Henrichshütte

aus der Produktion hiesiger Werke. Nein, die Stahlrohre

kontrastieren die grüne Landschaft. Zwei Adressen, mitten im Ruhrgebiet.

für die diamantförmigen Rahmen stammen von Reynolds

Zwei Werkstätten, in denen – in unserer Region kann man es ohne zu über­

aus Birmingham / England bzw. von Columbus aus Settala / 

treiben ›traditionell‹ nennen – mit Stahl gearbeitet wird, respektive wurde:

Italien.

Hugo Rickert, einer der renommiertesten Rennradkonstrukteure und -bauer Deutschlands, musste seinen Betrieb in Dortmund Eving vor knapp zehn

Da ist zum anderen die Leidenschaft für den Radsport. Beide

Jahren nach drei Schlaganfällen aufgeben. Aber im Bochumer Vorort Stiepel

fahren in ihrer Jugend regelmäßig Rennen, trainieren

werden dünnwandige Stahlrohre bis heute zu Rennmaschinen verlötet, von

im örtlichen Radsportverein. »  Hugo Rickert fand als idealen

­einem weiteren Meister seines Faches, Günter Krautscheid.

Ausgleich zu seiner interessanten Arbeit Freude an rad­ sportlicher Betätigung und beteiligte sich mit gutem Erfolg

Rickert und Krautscheid. Welch erdige Namen für ein derart filigranes Kon­

an Jugendrennen.« schreibt der Radmarkt in Aus­gabe

strukt. Und doch finden die Räder aus Westfalen, die als Rickert spezial und

24/1961. Auch Günter Krautscheid tritt in die Pedale, mit

Krabo, dem derben Akronym für Krautscheid Bochum, angeboten werden,

beachtlichem Erfolg: 1956 gewinnt er den Klassiker Rund um

Liebhaber auf allen Kontinenten. Auf handgelöteten Eigenentwicklungen

Köln in der Jugendwertung, fährt aufs Siegerpodest

von Hugo Rickert – ob für die Straße oder für den Bahnradsport – sind sogar

in Bochum, Dortmund, Gelsenkirchen und Essen. Nach

Weltmeistertitel und Olympiasiege errungen worden. Was aber verbindet

ihrer aktiven Zeit bleiben Rickert und Krautscheid dem

die beiden Gestalter und Handwerker, außer der geographischen Nähe ihrer

Radsport verbunden. Sie unterstützen den rennradelnden

Werkstätten?

Nachwuchs, haben zwischenzeitlich sogar eigene Rad­ renn­teams, denen sie die Räder und Bekleidung zur Ver­

Da ist zum einen die Faszination für ihr Produkt. Fahrräder, und in besonderem

fügung stellen.

Maße gilt dies für die leichten Rennräder, sind sehr effiziente Maschinen. Auf ihnen können sich Menschen schneller und über größere Entfernungen

Beide genießen in ihrer raren freien Zeit die Ausfahrt auf

fortbewegen, als es sonst mit Muskelkraft möglich ist. Im Buch Smart Move

einer selbstkonstruierten und von eigener Hand gebauten

schreibt der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann: »Form ist ein

Rennmaschine. Wer einmal an einem Sonntag ganz

anderes Wort für den zweckfreien Zweck. Das Rennrad in seiner seit Jahr­

früh mit einem klassischen Stahlrenner von Rickert oder

zehnten nahezu unveränderten klassischen Gestalt kommt dieser Idee von

Krautscheid über hiesige Asphaltbänder gefahren ist, nichts

Form nahe wie kein anderes Vehikel. Rahmen, Lenker, Laufräder, Schaltung,

außer Wind, dem Gesang der Vögel und dem steten Surren

Bremsen, Sattel: Mehr bedarf ’s nicht. Was immer dazu kommt, ist ein Zuviel.«

der Kette im Ohr, die aufgehende Sonne in den Speichen

Und weiter:  »Der oft geschmähte Konservativismus des Rennrades gründet in

tanzend, wird die Faszination verstehen, die Rickerts und

der Vollkommenheit seiner Gestalt. Und diese wiederum ist Ausdruck seines

Krautscheids Antrieb ist.

zentralen Prinzips: Leichtigkeit.« Danach strebend, beziehen Rickert und

www.smart-move.at


20

21

(1 – 3) parameter für einen perfekt auf den fahrer zugeschnittenen rennradrahmen: rahmenhöhe und länge des oberrohrs.

hugo rickert

doris rickert

AnzeigeHD-KH:Layout 1

HUGO RICKERT wird am 20. März 1928 geboren. Mit vierzehn be­

GÜNTER KRAUTSCHEID wird am 23. Juni 1941 geboren. Schon als

ginnt er eine kaufmännische Lehre bei einer Dortmunder Eisen­

Junge ist er dabei, wenn sein Vater in dessen Gelsenkirchener

und Stahlgroßhandlung, die er vorzeitig wegen Einberufung zum

Autowerkstatt Fahrräder für Familie und Freunde baut. Günter

Kriegsdienst abbrechen muss. Als Sechzehnjähriger kehrt er heim.

Krautscheid ist fasziniert. Erst viel später, im Jahr 1977, macht

Rickert fi ndet keine Anstellung in der Industrie, beginnt eine

er seine Leidenschaft zum Beruf. Ausschlaggebend dafür ist die

Lehre als Mechaniker beim damals führenden Rahmenbauer Paul

Bestellung seines neuen Rennradrahmens bei Vito Ortelli in

Brose. Dort lernt er die Achtung vor dem Handwerk, den unbeding­

Faenza / Italien. Vom Tag der Bestellung bis zur Fertigstellung

ten Willen zur Präzision. Und er entwickelt eine Abneigung gegen

dauert es ganze vierzehn Tage. Und Krautscheid verbringt diese

alles, was sich seiner Kontrolle entzieht. Wohl auch deshalb hat

vierzehn Tage in der Werkstatt Ortellis, um den Bau seines Rades

Rickert nie nach einem Angestellten Ausschau gehalten. Lediglich

zu verfolgen. Direkt im Anschluss nimmt er Kontakt auf zu

seine Frau Doris durfte mitarbeiten. Sie hat die Laufräder gebaut,

Bernhard Strohmann, den er noch heute ehrfürchtig als » den

also die Felge über 28, 32 oder auch 36 Speichen mit der Nabe ver­

größten Rahmenbauer Deutschlands « bezeichnet. Der Altmeister

bunden und anschließend zentriert. Und sie hat mit ruhiger Hand

hatte sich kurz zuvor zur Ruhe gesetzt, steht Krautscheid aber in

die Zierlinien um die Muffen und auf die Sattelstreben gepinselt

den ersten beiden Jahren seiner Selbstständigkeit zur Seite, gibt

– bei jedem der ungezählten Fahrräder, die Hugo Rickert in den

Ratschläge, packt mit an. »Mein Glück,« sagt Krautscheid heute,

mehr als 50 Jahren Selbstständigkeit gebaut hat. Erst im Alter von

» in der Theorie lernt man den Rahmenbau nämlich niemals.«

74 Jahren gibt Rickert seine Werkstatt auf. Nicht etwa freiwillig:

Schon bald spricht sich die Qualität der Krabo­Rahmen herum.

drei Schlaganfälle zwingen den arbeitsbesessenen Westfalen

Selbst Radsportgrößen wie Gregor Braun kommen nach Stiepel

dazu. In guten Jahren stellte Rickert mehr als 500 Räder auf Doris’

Dorf, um sich vermessen zu lassen für einen maßgefertigten

Felgen, viele davon Maßanfertigungen. Ein einfaches Rennrad

Rahmen. Auf Krautscheids Eigenentwicklungen werden regel­

kostete zuletzt 1.400 Euro. In Material, Oberfl ächenbehandlung

mäßig Rennen gewonnen, wobei der Rahmenbauer auf die Titel

und Ausstattung höherwertige und leichtere Räder konnten durch­

bei den Amateuren besonders stolz ist. Vielleicht, weil diese

aus auch das Dreifache kosten. Rickert: » Wer weniger bezahlen

noch nicht so exzessiv gedopt haben, zumindest nicht mit

will, muss eben mehr treten.«

Medikamenten. Krautscheid: » Wir haben damals noch gedacht, mit Kappes bisse schneller.« � www.krabo.de

heimatobjekt

günter krautscheid

21.05.2010

10:32 Uhr

Seite 1

www.kh-do.de


22

heimatdesign sommer 2010 text Ivonne Woltersdorf bilder Ruhrgestalten

23

heimatobjekt

rUhrPOtt ORIGAMI RUHRGESTALTEN iSt der NaMe eiNeS NeUeN liFeStYleMaGaZiNS aUS herNe, daS Über MOde, deSiGN, KUltUr, MUSiK UNd KUNSt aUS eSSeN, dOrtMUNd, bOChUM UNd herNe beriChtet. UNGeWÖhNliCh iSt eS NiCht NUr WeGeN SeiNeS eNthÜlleNdeN FOrMateS. eS SChiCKt SeiNe leSer aUF eiNe eNtdeCKUNGSreiSe, deNN eiNFaCh dUrChblÄtterN lÄSSt eS SiCh NiCht. In den Augen des Chefredakteurs Jerome Vazhayil hat Lifestyle vor allem etwas

die wechselnde Papierveredelung des Covers zudem eine

damit zu tun, was man aus seiner Umwelt macht und wie sie im besten

besondere Anmutung. Bei der ersten Version entschieden

Fall positiv zu verändern ist. Mit dem Magazin Ruhrgestalten tragen er und seine

sich die Herausgeber für die Sonderfarbe Gold. Bebildert

ebenfalls designaffi nen Freunde Florian Kolominski, Christian Wohs, Jobin

ist das Magazin mit schönen Fotografien, die extra für das

Vazhayil und Marcus Brockmeier ein Stück zu eben jener positiven Ver änderung

jeweilige Heft geschossen werden.

bei. Seit Januar 2010 bringen sie ein anspruchsvolles Low­Budget­Magazin her­ aus, in dem sie über ihre Heimat und das, was in ihr vorgeht, informieren.

Auf ein Format festlegen wollen sich die Macher der Ruhrge-

Und das Ganze auch noch gratis. Hervorgegangen ist das Projekt aus einer

stalten jedoch nicht. »Denn Stillstand ist der Tod und

Seminararbeit von Florian Kolominski, der an der Fachhochschule Dortmund

wir haben Lust auf ein allzu lebendiges Magazin.« So ist

Kommunikationsdesign studiert und seinen Entwurf eines Low­Budget­Maga­

die dritte Ausgabe als eine Poster­Issue entstanden, die

zins im Hosentaschenformat nicht einfach nur als eine Idee für einen Leis­

aufgrund der großen Nachfrage bereits in einer Aufl age von

tungsnachweis belassen wollte. Das konsequente Editorial Design, das trotz­

5000 Stück produziert wurde. In Cellophan verpackt

dem Freiraum für gestalterische Experimente lässt, macht die bisherigen drei

enthält sie din a4­Blätter, die sich auf din a2­Poster aus­

Ausgaben bereits jetzt zu Sammlerraritäten.

klappen und, wenn man will, an die Wand hängen lassen. Ver anstaltungskalender und Impressum sind auf zwei

Die ersten zwei Ausgaben erschienen im Endformat din a6 und entfalten ihre

separaten Pappbögen abgedruckt zu fi nden. Zusätzlich bei­

ganze Größe erst beim Lesen. Ein ausgeklügeltes Falzsystem lässt die prak­

gegebene Sticker und Aufk leber machen aus der verpackten

tische Pocketgröße zum handlichen din a4­Format anwachsen. Die einzelnen

Märzausgabe eine Wundertüte. Die Ruhrgestalten sind sich

Beiträge haben immer auf einer Seite Platz und breiten sich flexibel auf

sicher: »Das Potential unseres Formats ist bei Weitem noch

din a6, a5 oder a4 aus. Den 1000 Heften der ersten und zweiten Ausgabe verleiht

nicht ausgeschöpft.«


24

IM DORTMUNDER U

RA DAU- GESTALTUNG. DE

FOUR FILMS ABOUT ARCHITECTURE, MONUMENTS AND COMMUNIT Y

MIROS ŁAW BAŁK A YAEL BARTANA DEIMANTAS NARKEVICˇIUS MARCEL ODENBACH 28. MAI BIS 15. AUGUST 2 010 HART WARE MEDIENKUNSTVEREIN W W W.HMK V.DE W W W.BUILDINGMEMORY.NET IN ZUSAMMENARBEIT MIT GOETHE - INSTITUT, WARSCHAU ; CONTEMPOR ARY ART CENTER, VILNIUS ; MUZEUM SZTUKI, ŁÓDZ´; BRITISH FILM INSTITUTE, LONDON UND THE CENTER FOR CONTEMPORARY ART, TEL AVIV

HMKV im Dortmunder U 14. Mai — 18. Juli 2010

Aber nicht nur das enthüllende Layout macht Ruhrgestalten

Und wen die bisherige Vielfalt an Konzerten, Theatervorstellungen, Partys,

zu einem herausragenden Lifestyle­Heft mit haptischem

Ausstellungen und sonstigen Events zuweilen erschlägt und von einer Ent­

Erlebnisfaktor. Die Beiträge darin berichten prägnant

scheidung abhält, der lasse sich von den Ruhrgestalten bei der Freizeitplanung

und im persönlichen Stil über passionierte Klamottenläden

an die Hand nehmen und vom überschaubaren Veranstaltungskalender

oder eingesessene Spezialitätengeschäfte, über ausgefal­

inspirieren. Wer Gleichgesinnte sucht, hat mit den Ruhrgestalten adäquate

lene Agenturen oder gute Imbissbuden, die die Macher von

Verbündete an seiner Seite. Denn sie bringen zusammen, was zusammen

Ruhrgestalten natürlich auch selbst gerne aufsuchen, um

gehört. » Wir sind ein Magazin, das Dich auf die richtige Fährte lockt und Dir

sich für die Arbeit an der nächsten Ausgabe zu stärken. Auch

Lichtblicke beschert, bevor Du im Regen oder im Dunkeln stehst.« �

skurrile Begegnungen und gute Ideengeber sind Bestand­

Kele Judit: I am an Artwork, 1979, Szépm vészeti Múzeum, Budapest

www.hmkv.de

Books and Society 22%,1998,Videostill©Igor GrubicBudapest

www.ruhrgestalten.de

teil des nach den jeweiligen Städten unterteilten Inhalts.

Teilnehmende KünstlerInnen: Autoperforationsartisten (DE) VALIE EXPORT (AT) Ion Grigorescu (RO) Andris Grinbergs (LV) Igor Grubic (HR) IRWIN (SI) Judit Kele (HU / FR) Künstler informieren Politiker (DE) New Collectivism (SI) Orange Alternative (PL) Ewa Partum (PL / DE) Tamás St.Auby (HU) Milica Tomic (RS) The Yes Men (US) und andere

Belgrade Remembers,2001©Milica Tomic

Im Rahmen von:

Partner:

Förderung / Unterstützung durch:

Medienpartner:


26

heimatdesign sommer 2010 text Jan-Peter Wulf bilder Daniel Sadrowski

27

heimatbild

Zwischen Kun� & Club Jenseits des etablierten Kulturbetriebs und des 2010-Hypes eignen sich kreative Projekte leerstehende Räume an. Die Idee: Club und Kunst verbinden, Kultur dort machen, wo sie keiner erwartet.

Während unseres Gesprächs über das ›Ruhrgebiet von unten‹ klingelt immer wieder das Handy. Das Ruhrgebiet von oben ist dran. Als einer der Öffentlichkeitsarbeiter des Dort­mun­der U hat Fabian Saavedra-Lara vor der Eröffnung des ruhr.2010-Leuchtturmprojekts einiges zu regeln. » Ich pendle zwi­schen Prekariat und Großprojekten hin und her «, sagt der DJ und Veran­stalter. Mit Ersterem meint er eines seiner eigenen Projekte, Bohème Précaire. ›Kulturver­ mittlung für ein junges Publikum‹ ist das Ziel des Zusam­ menschlusses von Popstuff, Heimatdesign (beide Dortmund) und Hug me, Heimlich (Köln) und neuerdings auch der Loge (Essen) und Salon Atelier (Dortmund). Im Oktober 2009 fand die erste Veranstaltung statt, im Obergeschoss einer freien Hochhaus-Bürofläche mitten in der Dortmunder City: Eine Nacht lang Party und Kunst in Form von Instal­la­­tio­n­­en, Grafiken oder Fotografie. Aktuell ist man wieder auf der Suche nach einem ›temporary space ‹. Das Konzept wird auf eine ganze Woche ausgedehnt, inklusive Work­shops und Diskussionsrunden. Eigentlich war der Früh­sommer avi­ siert, jetzt wird es wohl September. Aufschübe, Ab­sagen, Hängenbleiben im Genehmigungs- und Ver­hand­­­lungs­ dickicht, das gehört dazu, weiß Fabian: » Es ist schwer, an solche Locations heranzukommen. Aber es ist spannend, in einer immer gesichtsloser werdenden City was aus ihnen zu machen.«


p.28

29

heimatbild text Katja Neumann

Designer illustrieren Heimat Felix Gephart Ein Mann steht am Fenster. Er schaut skep­

Nonstopnerds Pommes und Hochofen, Dortmunder U und

tisch drein, neben ihm lehnt ein Gewehr am Kamin. Der Mann

Döneria – selten wurden die klassischen Ruhrgebiets­Klischees

ist Dr. Henry Selwyn, Protagonist der gleichnamigen Geschichte

so schön dargestellt wie von den Nonstopnerds: Als chaotisches,

von W. G. Sebald, und er wird sich am Ende der Geschichte mit

freundliches, spannendes und lustiges Durcheinander, als kreativer

dem Gewehr erschießen. »Die Geschichten von Sebald drehen sich

›Clash‹, der die Vielfalt der Region darstellt und zum genauen

oft um Leute, die ihre Heimat verlassen haben und in der neuen

Hinschauen und Entdecken einlädt. Die Illustration ist eine Collage

Heimat keinen Bezugspunkt mehr fi nden«, erklärt der aus Bochum

aus Zeichnungen von neun Mitgliedern des Kreativ­Kollektivs, das

Räume schaffen

Mehr davon!

stammende und in Berlin lebende Illustrator Felix Gephart, der

2008 als kleiner Kreis von Design­Studierenden der Fachhochschule

André Rother und Marc Lukat von all the time (att), auch

GoetheBunker: Der Name des Weltkriegs­Betonbaus mitten im Essen­Rütten­

die Zeichnung zu dieser Schlüsselszene der Geschichte schuf. Darin

Dortmund ins Leben gerufen wurde und mittlerweile auf rund

aus Dortmund, suchen per Fahrrad nach Räumen für

scheider Wohngebiet klingt nach Ewigkeit. Aus diesem Nicht­Ort ist

steht Dr. Selwyn in einem vollgestellten Raum, dessen düstere

20 ›Nerds ‹, unter anderem aus Th ailand, Russland, Großbritannien,

ihre › Showcases ‹. » Es geht darum, Menschen, die gerne

ein angesagter Club für die ganze Region geworden, doch eigentlich hatte

Enge im Kontrast zum bunten Leben steht, das draußen vor dem

Spanien und Taiwan, angewachsen ist. Ihre kreativen Arbeiten aus

feiern gehen, Kunst nahe zu bringen «, erklärt André.

Carsten Wegmann nur nach einer Räumlichkeit für eine ›Tanz in den Mai­

Fen ster stattfi ndet. Sein Blick fällt auf das Gewehr – den Rest kann

den unterschiedlichen Disziplinen präsentieren die Nonstopnerds

Ungezwungen freilich: Popkultur in seiner gesamten

Party‹ gesucht. Jetzt fährt er hier seit zwei Jahren ein festes Clubprogramm

man sich denken. Und so offenbart sich in Gepharts Illustration

übrigens auch in einem eigenen Magazin namens Zines, dessen

Breite – Streetart, Fotografie, Installationen, Malerei,

von Sixties bis Dubtechno, dazwischen fi nden Konzerte und Lesungen statt,

das ganze Drama der entwurzelten Heimatlosigkeit in nur einer

zweite Ausgabe Anfang Juni 2010 erscheint.

ausgedehnte DJ­Sets – in ungewohnten Locations, da rum

zudem gibt es Proberäume und Studios im Innenleben des Schutzbaus. Es

einzigen Szene. www.felixgephart.de

geht es. Zum Showcase im Stadion Rote Erde, alte Heimat

sollte mehr von solchen Orten geben, fi ndet Carsten: » Für eine Gegend, die

des BVB, kamen über 300 Gäste, es wurden sogar

sich derart im Wandel befi ndet wie das Ruhrgebiet, ist die Neu­ und Um­

Kunstwerke verkauft inmitten der clubbigen Szenerie.

nutzung von Gebäuden eine Chance. Wenn nicht ein Muss. «Das ist › oben‹

Reza Nadji Haben Reisende eigentlich eine Heimat? Oder ist

Cape Arcona War schon mal jemand in Cape Arcona? Nein?

Für den Sommer hat man eine ehemalige Seilerei im

aber noch nicht angekommen, ohne private und unentgeltliche Hilfe hätte

für sie Heimat der Weg zwischen zwei Orten? Ist Heimat überhaupt

Dann wird es höchste Zeit, denn es lohnt sich wahrhaftig, diesen

Hafen ergattert, mit großem Außenbereich und Blick aufs

er das Projekt nicht stemmen können. Carsten: » Eine Stadt, die es so bitter

ein Ort oder doch eher ein Gefühl ? Und warum gibt es vom Begriff

›Ort‹ einmal genauer anzuschauen. Cape Arcona ist eine kleine,

Wasser. Spielplan: monatliche Partys und jeden Samstag

nötig hat, die demographische Abwanderung aufzuhalten, sollte Partner

›Heimat‹ keinen Plural ? Diese und andere Fragen rund um das

aber feine Kreativ­Insel, malerisch gelegen im idyllischen Essen.

Kunstausstellungen mit elektronischer Musik. André:

junger, ambitionierter Projekte sein, statt ihnen Steine in den Weg zu legen.

Thema Beweglichkeit und Reisen verarbeitet der Fotokünstler Reza

Die beiden Inselbewohner, Präsident Stefan Claudius und König

» Man muss sich den Raum selbst schaffen, weil es keinen

Wer hier Industrie ansiedelt, kann sich der Hilfe und Subventionen sicher

Nadji in seinen Motiven. Für sein Bild von Heimat hat er

Thomas Schostok, widmen sich den schönen Schriften, also der

vorgesehenen Raum dafür gibt.«

sein. Wer Kultur und Lebensqualität schaffen will, steht fast alleine da.«

einen Rastplatz ausgewählt. Dahinter eine Mauer, dazwischen ein

Typographie und allem, was dazu gehört, wie Cocktails, Strand­

Eine Vermittlungsinstanz zwischen oben und unten, die den Leerstand mit

Trampelpfad. Tausend Mal gesehen, doch beim näheren Hin­

partys und dem hauseigenen Sender Cape tv. Ihre ›Heimat‹ fi nden

Kreativen zusammenbringt, die ihn künstlerisch bespielen wollen, das wäre

schauen bietet das Motiv eine Fülle an Interpretationsmöglich­

Stefan Claudius und Thomas Schostok dort, wo ›the action is ‹, in

ein erster Schritt. �

keiten. Das scheinbar ›Normale‹, das in Nadjis Bildern zu sehen ist

einer bunten Technicolor­Welt, die es bei der Gründung der

– ob eine verlassene Autobahn, ein menschenleerer Platz oder nur

Cape Arcona Type Foundry im Jahr 2002 erst noch zu erschaffen galt.

eine Treppe – wirkt verfremdet durch den Blickwinkel und durch

»Cape Arcona ist eine kleine Insel irgendwo im Atlantik, mit Son­

das Medium Foto generell. Eine spannende Reise, bei der uns

ne, Wellen, Strand, Palmen und glücklichen Menschen«, erklärt

die eigene Heimat, das uns stets umgebende Alltägliche, aus einem

Stefan Claudius. »Es gibt dort kein Geld und keine Existenzängste.

anderen Blickwinkel betrachtet plötzlich wieder zum Staunen

Dort ist unser Zuhause. Das ist Heimat.« www.cape­arcona.com

www.bohemeprecaire.de www.allthetime.de www.myspace.com/goethebunker www.ruhr­clubbing.com

bringt. www.rezanadji.com

www.nonstopnerds.com


34

heimatdesign sommer 2010 text Volker K. Belghaus bilder Reinhild Kuhn / Kay Berthold

Die Kunst der Straße Die Kulturhauptstadt kann auch cool sein. Mit dem Projekt Concrete Playground wird einen Sommer lang im Rahmen von ruhr.2010 die internationale Streetart-Szene gefeiert. Streetart ist im Trend. Das haben mittlerweile auch große Konzerne verstanden, die gerne mal in Fußgängerzonen ein Mäuerchen vollsprayen lassen, um ihre Produkte an den Mann zu bringen. Dabei war Streetart von Anfang an eher eine subversive Kunstform; geprägt von Anarchie und Protest, immer an der Grenze zur Illegalität. Mittlerweile gehört die Streetart zum Bild vieler Städte. Die Wurzeln gibt es jedoch immer noch. Das Kulturhauptstadt-Projekt Concrete Playground bündelt die vielfältigen Aus­ drucksformen der Streetart. Wer mehr zum Thema erfahren möchte, der sollte einen Blick in die Fördermaschinenhalle (B44) auf der Zeche Zollverein ris­k ieren. Von Mai bis Ende September findet sich dort ein Kommunikations­ zentrum mit Streetart-Archiv, Mediacorner und Pop-up-Gallery. Es werden extravagante Streetart-Positionen gezeigt. Clemens Behr und Anna ›Ovni‹ Taratiel erweitern eine Ecke der Halle zu einer 3D-Skulptur; Niels ›Shoe‹ Meulman

Essen 7. Mai – 30. September: Ausstellung Zeche Zollverein,

zeigt Calligraffiti – eine hochästhetische Mischung aus Kalligrafie und

Fördermaschinenhalle (B44). mi – so 11 – 19 Uhr

Graffiti –und ›East Eric‹ druckt mit seinen Stempelschuhen Ameisen auf den

Bochum 4.– 25. Juli: Screenings

Asphalt. Zusätzlich finden Workshops, Vorträge und Filmvorführungen statt.

Dortmund 4.– 31. Juli: Ausstellungen in Leerständen

Im Juli inszeniert ein Screening-Team durch Projektionen die Fassaden der

Dortmund 30.– 31. Juli: Juicy Beats-Festival / Heimatdesign

Bochumer Innenstadt neu.

4.– 28. August: Streetlab Pop-up-Store @ Heimatdesign Dortmund 2.– 25. September: Mikosa @ Heimatdesign �

Im gleichen Monat werden leerstehende Ladenlokale zu Schauflächen für ein­

www.concreteplayground.de

zelne Künstler, wie z. B. Dominik Wieschermann. Auch beim Dortmunder Juicy Beats-Festival ist Concrete Playground präsent – in Form eines Containerdorfs, das gemeinsam mit Streetlab, einer niederländischen Plattform für junge Kreative, bespielt wird. Streetlab bringt Modemacher, Bands, DJs, Street-Artists und Fotografen ins Revier und konfrontiert sie mit der hiesigen Szene. In den Räumen von Heimatdesign finden zudem der Streetlab Pop-up-Store und eine Retrospektive des Streetart-Magazins der Mikosa-Foundation statt. Also nix wie raus auf die Straße!

abgebildete arbeiten: oben base23 — oben rechts clemens behr / ovni im hintergrund buff diss — unten links 44flavours unten rechts add entry — seite 36 oben biserama — unten east eric

35

heimatbild


e n r e

T S N U K

d o m 37

U A BR

36

heimat

Brau|kunst, die;

im Wesentlichen durch

folgende Attribute definiert: 1. Geschmack:

Frisches VELTINS – Pilsener Brauart; 2. Haptik: Ergonomische Flaschenform, liegt gut in der Hand; 3. Design: Puristisch, ohne Label, ausgezeichnet mit dem reddot design award.

WWW.FACEBOOK.COM/VELTINS


38

heimatdesign sommer 2010 text Jan Wilms bilder Philipp Wente

39

heimatkultur


40

41

heimatkultur

Zwischenspiel Der Gigant wurde schon erwähnt. Es handelt sich um den größten

Trauer in der Welt, nicht? «. Ein Schlaganfall hat ihm 2002 zuge­

lebenden deutschen Komponisten, Hans Werner Henze. Er residiert

setzt, momentan geht es einigermaßen, er komponiert täglich

seit 1955 in einem palastartigen Landsitz bei Marino, gut 20 Kilo­

mehrere Stunden: » Es fällt zunehmend schwerer «, gesteht Henze.

meter südlich von Rom, neben einem Anwesen, das Sophia Loren

Hans ! Bitte nennen Sie mich

kürzlich verpfänden musste. Vor 60 Jahren wurde Henze mit

Nach dem zweiten Martini habe ich mich der auf La Leprara her r­

Werken wie König Hirsch zur Legende der Neuen Musik, schrieb

schenden Gemächlichkeit angepasst. Wir müssen über Politik

mit Freundin Ingeborg Bachmann die Oper Der junge Lord und ließ

sprechen, ohne die seine Kunst nie denkbar war. Nun, in seinen

seine Kompositionen von Bernstein und Karajan dirigieren. Jetzt

späten Jahren interessiert sich der Auswanderer wieder für seine

feiert Deutschland in der Kulturhauptstadt ruhr.2010 das Gesamt­

deutsche Heimat, das Berlusconi­Italien hat ihn enttäuscht, auch

werk des 84­Jährigen. Deshalb erhielt ich vom Kultur magazin

die Nähe zum › wahnwitzigen bayerischen Papst ‹ behagt ihm nicht

zwanzig 10 den Auftrag ihn zu interviewen.

mehr. »Ich hätte nie gedacht, dass ich einen solchen Niedergang noch erleben würde «, ächzt er und fährt sich über den kahlen Kopf.

Ich bestelle CDs, DVDs und Bücher und verbringe Wochen mit den

Doch wie immer schöpft Henze neue Kraft aus der Musik: Im

sperrigen Werken des Großmeisters. Höre die klagenden Stimmen

September wird seine neue Oper Gisela aufgeführt, es geht um ein

aus Orpheus behind the wire, wundere mich über die Agitprop­

Mädchen aus Oberhausen, das sich auf Klassenfahrt in einen nea­

Kantate Streik bei Mannesmann. Und bekomme doch keinen

politanischen Pizzabäcker verliebt. Wieviel davon ist biographisch,

richtigen Zugang. Das riesige Werk von Henze, je länger ich mich

Herr Henze? Der Maestro lächelt still.

damit beschäftige, wird immer verwirrender. 12­Ton­Musik, dann wieder Klassik, Arien, Kammermusik. Der Mann brach Regeln

Wir treten heraus auf die Terrasse. Prächtige Zitronen reifen hier.

30 Euro für acht Kilometer? Plus 30 noch mal für den Rückweg des

und stellte seine eigenen auf. In der konservativen Opernwelt hat

Und überall auf dem Grundstück, das so groß ist wie ein Fußball­

Fahrers sowie zwei Euro pro Koffer? Es ist nach 23 Uhr und der

Henze damals wie ein Punk gewütet. Und nahm, als Avantgardist

platz, wachsen Olivenbäume, Zypressen und Mimosen. An der

Provinzflughafen Rom­Ciampino schließt gleich. Ohne Taxi wird

auch im Privaten, die Welle der Urlauber und Hauskäufer vorweg,

Stelle, auf die Hans Werner Henze sich jetzt mit seinen Gehstock

man hier versauern, die ganze Nacht. Wer hier wen verarschen

die seit Jahrzehnten nach Bella Italia strömt.

stützt und in das helle Licht blinzelt, spielte er 1968 Boccia mit

Ouvertüre Furioso

Rudi Dutschke, der sich hinter den steinalten Mauern vom Berliner

will wurde eben klar. Am längeren Hebel wähnt sich die Taxima­ fi a. Noch. » Ich bin auf dem Weg zu einem Giganten und du willst

Als er flüchtete war Deutschland muffig. Henze, der schwule Außen­

Attentat erholte. Auch Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin sonn­

mich hier abziehen, du dummes Schwein?«, formuliere ich in

seiter, sah in Italien, dem romantischen Land der Oper und dem

ten sich in der ›vor­RAF­Ära‹ in Henzes Komfort. Andreas Baader,

Gedanken aber würge den Satz herunter, weil ich kein Italienisch

milden Klima, eine andere Welt. Genau wie der Gütersloher Henze

so ist überliefert, lieh sich auf einer Flucht eines der bunten Seiden­

kann. Stattdessen greifen der Kollege und ich zu einem Kniff,

vor einem halben Jahrhundert machen wir uns von West falen

hemden des Gastgebers. » Kommen Sie morgen noch zum Essen? «,

der sonst aus gutem Grund verpönt ist: Petzen. Der Junge am

auf ins Latium. Doch auch im Transitraum, einem klebrigen Ryan

fragt Henze, als wir Kamera und Diktiergerät eingepackt haben.

Busschalter gab den entscheidenden Tipp: Holt die Carabinieri, die

Air­Flieger, nähere ich mich dem Komponisten nur physisch. Scena

setzen für euch den korrekten Preis durch. Denn der Hauptstadt­ Flughafen wird derzeit mit EU­Geldern renoviert. Da kommt es

Arie

Erst am Morgen des nächsten Tages, an dem ich gegen halb fünf

nicht gut, wenn es am Taxistand zugeht wie in einem kalabrischen

» Ist den Herren ein trockener Martini recht? «, fragt Hans Werner

aufwache und der Sonne bei ihrem Zug über die Bergkämme

Bergdorf, wenn Erpressung und Verachtung regieren. Aber jetzt

Henze und beugt sich aus dem Ohrensessel. Es ist elf Uhr am Vor­

zu schaue, fi nde ich endlich die Ruhe, um einen Funken der Schön­

wird aufgeräumt! In der Tat, vom Arm des Gesetzes auf die Rück­

mittag, wir haben in einem geräumigen Salon Platz genommen.

heit seiner Musik zu begreifen. Im Smog erwacht Rom am Horizont

bank des Taxis eskortiert, dann unter uniformierter Aufsicht den

Zwei polierte Konzertflügel, hohe Regale mit Originalpartituren;

mit blinkenden Lichtern. Jetzt weiß ich, warum der Papst seinen

Fahrpreis ausgehandelt (jetzt 27 statt 66 Euro) lebt es sich besser.

wenn die Zeitläufe der Musikgeschichte zu greifen sind, dann hier,

Sommersitz hier am Albaner See hat: Die Aussicht auf das stille

Noch schöner ist nur die Laune des Fahrers: Die Augen voller Hass,

in diesem abgedunkelten Kabinett. Ich betrachte die Fotos auf dem

Wasser sediert, kein Wunder, dass ihn die Welt da draußen nicht

seine Seele kocht. Scheiß Kartoffelfresser, denkt er, porca puttana,

Schreibtisch: Henze mit Bachmann, mit Geliebten, mit Ikonen.

mehr interessiert.

und zuckt so nervös mit dem Steuer als wolle er den alten Lancia

Gewidmete Kunstwerke und Reliquien als Requisiten eines prallen

die Böschung herunter ins kalte Wasser des Albaner Sees stürzen.

Lebens – und einer vergangenen Ära. Wir sprechen darüber, ob

Wir gleiten in einem dunkelblauen Jaguar XJ6 4.2 durch die Hügel

Kurz riecht es nach toten Fischen, abgehackten Fingern, Füßen

Musikunterricht für Jedermann eine kranke Gesellschaft heilen

des Latiums, am Steuer sitzt Henzes Assistent Dr. Kerstan. Der

in Zement. Dann relaxen wir auf dem billigen Kunstleder und

könnte. Der Komponist ist gebrechlich, doch seine Augen funkeln

Sechszylinder­Motor mit Overdrive arbeitet immer noch geschmei­

bedanken uns ohne Trinkgeld. Signore Taxi Driver sagt nicht ein

wach. Er spricht leise, mit langen Pausen, dann wirft er unver­

dig, das Wurzelholz auf dem Handschuhfachdeckel glänzt wie ein

einziges Wort.

mittelt brillante Gedanken aus. Oder sagt Sätze wie: » Es ist viel

Spiegel, nur das Kassettenradio datiert das Alter des Wagens:


Lokalpatriot.

42

Wir stehen zu Dortmund Infos unter www.dew21.de Finale Solche Chrombolzen wurden zuletzt in den Siebzigern verbaut.

Die Frühlingssonne erwärmt schon die Berge um Marino. Doch

Früher bestritt Autobahnfan Henze alle Touren in diesem Wagen:

Hans Werner Henze fröstelt, lässt noch Holz in den Kamin legen.

Rom­München­Berlin und zurück, mehrmals im Monat,

Er ahnt, dass die Arbeit für die Kulturhauptstadt sein letztes

die Schmauchspuren im Aschenbecher zeugen von extensiver

großes Werk sein wird. Dann sagt er, dass er sich über den Besuch

Nutzung.

aus seiner alten Heimat sehr gefreut habe. Als Henze mit starkem Griff meine Hand drückt ruft er: » Bitte nennen Sie mich Hans! «.

Doch wie passt eine luxuriöse Limousine zum SDS und APO­Mann

Auf dem Rückweg zum Flughafen machen wir Pause an einer

Henze, immerhin Mitglied der italienischen KP? » Ha, davor bin

Kreuzung, vor dem Tor eines Klosters. Da fl iegt ein mit fünf

ich Maserati gefahren «, entgegnet der Komponist unbeeindruckt,

Nonnen im Ornat besetzter Fiat Punto so rasant vorbei, dass die

» doch er lag zu tief für die rumpeligen Feldwege in dieser Gegend«.

Steine fl iegen und das Reifengummi stinkt. Die Schwester am

Der Vorwurf des Salonkommunisten traf Henze schon in den

Steuer muss ein wirklich unerschütterliches Gottvertrauen haben.

Sechzigern. Da war er der Liebling der intellektuellen Schickeria.

Oder Rallye­Erfahrung. Italien ist ein wunderbares Land. �

Bilder aus dieser Zeit zeigen ihn dandyesk mit Willy Brandt, Igor Strawinsky, Rudolf Nurejew, Günter Grass, Volker Schlöndorff. Zur Entlastung seines Freundes von den Vorwürfen der Schein­ heiligkeit verfasste Dutschke im Dezember 68 einen offenen Brief im Spiegel. Wir glauben ihm. Im Salon mit Blick auf den Vorgarten gibt es Mittagessen: Pasta Pomodori mit gegrilltem Gemüse, danach Torta al Limone mit Orangenfi lets, dazu frischer Landwein vom Nachbargrundstück. » Kurz ist die Freude, doch ewig ist der Schmerz «, meint Henze, während die Hunde Belmonte, Dario und Aristaeus um den Tisch streichen. Seine Musik wird gerne als Seismograph gesell schaft­ licher Entwicklung bezeichnet. Doch im Medienrauschen der digitalen Ära ist Henze in der Wahrnehmung untergegangen. Man muss sich Zeit für ihn nehmen, Henze­Häppchen funktionieren nicht. Dennoch ist die Bedeutung des Trägers des Praemium Imperiale, des Nobelpreises der Künste, nicht zu überschätzen – kulturell und politisch.

Experte für regenerative Energiequellen im Bereich Windenergie – Volker Prellwitz

Erdgas

Strom

Wärme

Wasser


44

heimatdesign sommer 2010 text Ivonne Woltersdorf bilder Unprojekte

let’s get it real

Warum das kreative Potenzial nicht nutzen, das in den über 2000 niedergeschriebenen Entwürfen steckt, die es nicht in das offizielle Programm der Kulturhauptstadt geschafft haben? Das haben sich Gabriel Gedenk und Holger Gathmann auch gefragt und zusammen mit André Michaelis und Stella Sotiga den Verein unprojekte e.V. gegründet.

45

heimatkultur

Der Ruhrgebietler als solcher bildet gern mal einen Verein,

realisiert zu sehen sein oder aber zu mindest ungewöhnlich inszeniert dar­

Schornsteine auf ausgesuchten Dächern auf die Vorlieben

vor allem, wenn sich so eine gute Idee voranbringen lässt.

gestellt. So die Versprechung. Kulturhauptstadt sind wir für ein Jahr, die

der jeweiligen Hausbewohner schließen. Und wer immer

Vier Mann reichen da oft schon: Holger Gathmann und

unprojekte 2010 aber werden, getreu dem erklärten Vereinsmotto › Einmal Kultur­

mal wissen wollte, wie Kunst Bei Aldi anne Kasse aussieht,

André Michaelis sind im Hauptberuf Geschäftsführer der

hauptstadt, immer Kulturhauptstadt ‹, das Ende des postulierten Kunst­

der schaue unter der Rubrik Kreativität nach – bei Copper­ head Coppinski, dem Atelier für sinnfreie Kunst.

Essener Design­Agentur Gathmann Michaelis und Freunde ;

marathons überdauern. Schon jetzt kommen immer neue Projekte hinzu,

Gabriel Gedenk und Stella Sotiga betreiben die Bar Banditen

und für 2011 ist eine große Abschlussfeier mit allen Teilnehmern und ihren

wie wir in Rüttenscheid. Unter der Adresse www.unprojek­

Projekten geplant.

te2010.de bieten sie den Projekten, die von der ruhr.2010

So eingängig wie die Überlegung, die der Vereinsgründung zugrunde liegt, ist auch die Handhabung ihrer Website.

abgelehnt, und jenen, die erst im Laufe der Zeit entwickelt

Tatsächlich fi ndet man auf der Website kreative Konzepte, die man gerne um­

Sie macht es den Ideengebern spielend leicht, ihre Projekte

wurden, eine Plattform. Die Macher von unprojekte 2010

gesetzt sehen möchte; die das Innere des Ruhrgebietes nach Außen kehren

einzustellen. Und auch die Besucher können sich unkom­

verstehen ihre Initiative aber nicht nur als einen virtuellen

und die teilweise eine sehr persönliche Auseinandersetzung der Ruhrstädter

pliziert durch die Inhalte klicken. Solch eine nutzerfreund­

Showroom. Neben der Bekanntheit der Ideen fördern sie

mit ihrem eigenen Revier erkennen lassen.

liche Übersichtlichkeit und Bedienbarkeit wünscht man

auch den Austausch und die Suche nach Geldgebern, um

sich auch für die offi zielle Homepage der Kulturhauptstadt.

den bislang unrealisierten Plänen die Möglichkeit zu geben,

Wäre es nicht schön, auf der Ruhr venezianische Gondeln schippern zu sehen?

Das Team der unprojekte 2010 versuchte die ruhr.2010 GmbH

doch noch konkrete Gestalt anzunehmen. Jeder kann mit­

Und das nicht nur für ein Jahr? Ohne unprojekte 2010 wäre die Idee, mit einer

mit ins Boot zu holen, jedoch ohne Erfolg. Gut, dass sie sich

machen, es wird nicht qualitativ sondiert. Das einzige Aus­

pressluftbetriebenen Telefonzelle von Stadt zu Stadt pendeln zu können, nur

davon abhalten ließen, ihre Idee bei einem Unprojekt zu

wahlkriterium, auf das geachtet wird: Die Projekte müssen

einem kleinen Kreis bekannt. Und wer schon immer mal das undurchsichtige

belassen. Schließlich zeigen sie so, dass die offi zielle Teil­

etwas mit dem Ruhrgebiet zu tun haben.

Finanzgerangel der Kommunen verstehen wollte: Das RuhrCity­Spiel aufruhr!

nahme an der Kulturhauptstadt eben doch nicht alles ist. �

würde dies möglich machen. Die Spieler könnten bei diesem Brettspiel das Mit einem Online­Voting auf der Website, das seit dem

Amt des Bürgermeisters großer Ruhrgebietsstädte übernehmen und lernen,

1.Oktober 2009 läuft, können die Menschen von hier

was es heißt, den eigenen Kirchturm zu verteidigen. Auch ökologische Themen

und anderswo ihre ›Top 10‹ aller bisher 90 eingetragenen

fi nden sich unter den Unprojekten. Der Verein 2010 Königinnen für das Ruhrgebiet

Beiträge wählen. Die Projekte, die nach einer Zwisch­

bietet Laien eine Einweisung in Bienenpflege an und macht sich so für mehr

enauswertung am 31. Mai das Rennen machen, werden

städteübergreifende Bestäubung und damit für mehr Lebensqualität stark.

beim Unprojekte­Festival (14.08. – 12.09.) entweder schon

Würde das Projekt Kamindingse realisiert, könnte man von der Gestaltung der

www.unprojekte2010.de


46

heimatdesign sommer 2010 text Johannes Wiek illustration Katrin Rodegast / bilder Anne Deppe

47

heimatkultur

pot(t)holes

Schlaglöcher! Ärgerlicher Zustand. Ärgerliches Thema! Die Fakten: Unsere Straßen waren bereits vor dem kalten Winter in marodem Zustand. Dann sprengte der Frost tiefe Löcher. Viele. Auf viel zu vielen Straßen. Zum Löcher stopfen fehlt das Geld. Autos leiden. Reifen und Stoßdämpfer sind teuer. Motorradfahrer sind extrem bedroht. Fußgänger brechen sich die Knochen. Und der nächste Winter kommt bestimmt. Dann kriegen die alten neue Löcher. Alles schon gesagt. Nur – wie können wir diesen Kreis durchbrechen? Mit einem scheinbar in Vergessenheit geratenen Prinzip zur Lösung kollektiver Probleme. Während wir als gefühlte Opfer durch einen immer dichter werdenden Wald

zulassen, haben wir vielleicht bald überall das Logo eines

von Tempo-30-Schildern schleichen – der günstigsten ordnungspolitischen

japanischen Automobilherstellers auf den Straßen. Gemäß

Maßnahme, die gleichzeitig den kommunalen Haftungsausschluss garantiert –,

dem Motto: »Wenn schon nicht Eure Autos, dann machen

verhallt der vielstimmige Ruf gemäß der Deutschen liebsten Strategie, bei

wir wenigstens Eure Straßen sicherer.« Moderne Corporate

der Lösung sozialer Probleme möglichst lange möglichst passiv bleiben zu kön­

Social Responsibility par excellence.

nen:

gerne übersehen, ist ein dritter Weg, auf dem wir eigentlich

virtuellen Universum anders? Ganz einfach: hier machen wir es selbst, wenn

Chatroom zu parlieren. Die simple Lösung des grassierenden

Vater Staat, der die Probleme mit neuen Schulden lösen soll. Doch der stopft

fast jedes gesellschaftliche Kernproblem in Angriff neh­

wir was brauchen oder wenn es Probleme gibt!

Schlagloch-Problems liegt in der Übertragung des Prinzips

derzeit ganz andere Löcher mit geliehenem Geld. Und die Löcher in den Ruhr­

men könnten. Und ratet mal, auf welchem Wort in diesem

vernetzen Umwelt sind enorme Produktivkräfte entstanden, sagt Harvard

des ›user-generated-content‹ aus der virtuellen in die reale

Der wahlweise empörte oder verzweiflungsnahe Schrei nach

Was wir In unserer digital

stadt-Haushalten sind derart abgründig, dass bereits andere lebenserhaltende

Satz die Betonung liegen soll. Offiziell leben – genau! – wir

Rechtsprofessor Yochai Benkler, Vordenker der Open-Source-Bewegung. Er

Welt. Denn content – Inhalt – ist genau das, was in die

Systeme wie Kultur, Bildung und Betreuung darin zu verschwinden drohen.

seit kurzem in einer Netzwerkgesellschaft. Spätestens seit

unter­s ucht die commons-based-peer-production – die Art, wie wenige oder hundert­

Löcher auf den Straßen muss. Und wer kann den Inhalt in

Manuel Castells The Rise of the Network Society, geistert der

tausende Menschen jenseits von Marktpreiskategorien oder Unternehmens­

die Löcher bringen? Genau: die user. Also: wir! ¹

lung – meist einer brisanten Mischung aus den vier Faktoren – der Deutschen

Begriff als Leitmotiv durch unsere Kommunikation. Aber

hierarchien in lose gekoppelten Netzwerken an einem gemeinsamen Ziel arbei­

Für soziale Ernstfälle wie diesen, gibt es bereits vorbildliche

Versagt der Staat, wird heute aus Prinzip, Gier, Idiotie oder Verzweif­

zweitliebste Strategie gefahren: die Privatisierung von Gemeingütern. Vor­-

eigentlich ist das eine merkwürdige gesellschaftliche

ten. Denn mittlerweile entstehen so die meiste und die meist beste Software

Muster zielstrebigen Kollektivverhaltens. Beispielsweise

rei­ter auf den Holperpisten in die neoliberale Zukunft ist eine thüringische

Selbstbeschreibung. Denn wir waren schon immer Netz­

und immer größere Anteile der Informations- und Kulturproduktion. Mehr als

Maos Taktik des Guerillakriegs. Als entmilitarisierte Strate­

Kleinstadt. Der Bürgermeister von Niederzimmern erregte internationales Auf­

werker. Nicht erst seit wir uns qua Rechnerverdrahtung in

60 Prozent der Inhalte im Internet sind non-commercial – basieren auf Leiden­

gieoption bietet sie alles, was nötig ist, um gesell­schaft­

sehen mit der Idee, die Löcher in den Straßen seines Amtsbezirks an private In­

einer virtuellen Dimension verlinken können. Sondern

schaft und Pflichtgefühl, sagt auch Kevin Kelly, der ehemalige Chefredakteur

liche Probleme zu lösen, vor denen a) die Staatsmacht

teressenten zu verkaufen. 120 Investoren durften bis dato ›ihr‹ Schlagloch im

spätestens seit unsere behaarteren Vorfahren von den Bäu­

von Wired.

hilflos steht oder b) bei denen wir die Vereinnahmung durch

gefüllten Zustand mit einer Namenszugplakette versehen. Ein bemerkens­

men stiegen und Pfade durch ihre Reviere trampelten – die

space lieber gemeinsam produktiv als im Real-Life? Warum sind wir in unserer

die Privatwirtschaft nicht wollen. Gesellschaftliche Legi­

werter Nachweis, dass sich in unserem Wirtschaftssystem nicht nur jeder Mist,

Vorläufer unseres heute zunehmend löchrigen Straßen-

hochgradig vernetzten Gesellschaft nicht Willens und in der Lage, eines

timation (so ziemlich alle wären dankbar), Unterstützung

sondern sogar Nichts verkaufen lässt.

und Autobahnnetzwerks.

der wichtigsten Hardware-Netzwerke selber in einem benutzerfreundlichen Zu­

durch einen starken Verbündeten (die kommunalen Be­

Allerdings drohen

Dabei ist es eines der

Warum, stellt sich die Frage, sind wir im Cyber­

Risiken bei dieser Strategie – spätestens wenn internationale Unternehmen die

erstaunlichen Phänomene in unserer Netzwerkgesell­

stand zu erhalten? Obwohl die meisten von uns ihr Hirn noch immer über

triebshöfe) und Rückhalt in der Bevölkerung (die Anwohner)

Sache großflächig übernehmen. Beispielsweise repariert Amerikas Hühner­

schaft, dass im Internet keiner nach mehr Staat oder mehr

Straßen zu seiner Arbeitsstätte transportieren. Obwohl unsere Klamotten, die

– kommen diese drei Faktoren zusammen, ist es eigentlich

mörder Nummer 1, Colonal Sanders, ›The face of Kentucky Fried Chicken‹, in

Markt ruft, wenn irgendetwas nicht oder nicht gut genug

wir auf Ebay verticken, sich immer noch nicht dematerialisiert durch Kabel

unmöglich, motivierte, gut organisierte und flexible

fünf amerikanischen Städten Schlaglöcher – und sprüht jeweils sein Signet auf

funktioniert. Hier pochen wir auf Selbstbestimmung,

oder wireless verschicken lassen. Und obwohl wir uns – spätestens wenn es

Guerillas von ihren Zielen abzubringen.

den noch herdplattenheißen Asphalt. Wenn wir ähnliches in unserer Heimat

Selbstorganisation und Selbstverwirklichung. Was ist im

ernst wird oder werden soll – immer noch lieber physisch treffen, als nur im

hat bisher noch niemand eine How-To-Do-Anleitung zur

Warum


48

49

Schlaglochreparatur ins Internet gestellt? Für Terrororga ni­

Erstens wird von den Städten derzeit häufig selbst mehr schlecht als recht ge­

sationen ist das old school in Sachen Bombenbau. Stichwort

fl ickt. Und zweitens wurde unlängst medial verbreitet, dass eine Gruppe

Bomben: Seed­Bomber schmeißen derzeit bereits blumen­

von Bauern in NRW die von ihnen genutzten Straßen offi ziell selber in Stand

saatgutbefüllte Ballons über die Zäune urbaner Ödnis­

bringen dürfen. Der Präzedenzfall dürfte noch den letzten Bedenkenträger

fl ächen. Und die Vorkämpfer des Guerilla­Gardening ver­

an die Kelle zwingen.

wandeln nächtens trostlose Verkehrsinseln in kunterbunte

um den Einsatzort werden sich sicher welche fi nden, die Bier und Kuchen

Prachtrabatten. Da sind wir doch schon im besten Sinne

vor die Tür stellen und / oder was auf den Grill werfen. Und wer einmal um ein

unterwegs. Auch wenn sich die Halbwertzeit von Stief­

selbstgefülltes Schlagloch herumgetanzt ist, für den wird zumindest diese

mütterchen in den Schlaglöchern auf dem Ruhrschnellweg

Straße gefühlt das, was sie ohnehin schon ist: Seine Straße! In genau diesem

nur in Sekunden messen lässt. Hier geht es ums Prinzip.

Sinne geht es um Pot(t)holes. Das mühsam aus dem angelsächsischen ent­

Ist die Aufrufplakatierung zum Schlagloch­Flash­

Unter den Bevölkerungsvertretern rings

Macht sie selber zu, wenn sie Euch stören! Von Vater Staat gibt es obendrauf

munalen Betriebshof wirklich so schwer zu orga nisieren?

vielleicht noch einen Orden – denn die sind im Vergleich zu Tempo­30 Schildern

Lassen sich Zweifel an der individuellen Fach kompetenz

noch viel kostengünstiger zu produzieren.

nicht dadurch kompensieren, dass man im Bekanntenkreis

¹ [Erik von Hippel, MIT Ikone und Vater der Lead­User­Theorie, geht davon aus, dass Menschen im Netz aktiv werden, wenn ihre Bedürfnisse vom bestehenden Angebot nicht erfüllt werden – und die selbstorganisierte Verbesserung ein persönliches Problem löst und / oder individuellen Distink­ tionsgewinn verspricht und /oder soziale Anerkennung bringt. Aber: es muss wehtun, bevor die Leute in Bewegung kommen. Und genau das ist doch im Straßennetz der Fall...]

klopft, um sie vom Fernseher wegzuholen? Vielleicht hat sogar der ein oder andere Verkehrspolizist die Zeit und den Behördensegen, das Einsatzfeld zu sichern.

Eine europäische Geschichte Kinematografische Installation von Péter Forgács und Gusztáv Hámos Kuratiert von Dávid Szauder

lehnte Wortspiel soll nur eins klarmachen: Pottbewohner, es sind Eure Löcher.

Mob und die anschließende Teereimerausgabe am kom­

bei den vielen Fach­ und Bauarbeitern auf Kurz arbeit an­

Deutsche Einheit am Balaton Museum für Kunst und Kulturgeschichte Hansastr. 3 | 44137 Dortmund | www.museendortmund.de geöffnet Di, Mi, Fr, So 10 – 17 h, Do 10 – 20 h und Sa 12 – 17 h

Die

Eine Ausstellung im Rahmen von scene ungarn in nrw – 40. internationale kulturtage der stadt dortmund 2010 Ein intermediales Forschungs- und Ausstellungsprojekt des .CHB

Ausreden, dass selbstorganisiertes Reparaturverhalten auf öffentlichen Wegen gegen Vorschriften verstößt oder die Ergebnisse vielleicht nicht bis in alle Ewigkeit die Straßen­ oberfl äche isolieren, lassen sich ebenfalls entkräften. D

Deutsche Einheit am Balaton


50

heimatdesign sommer 2010 bilder Philipp Wente haare & makeup Viola Finkenrath model Anncharlott (model pool) model Angela Pelivan (notoys modelagency)

heimatkleid

nt

icola igges Immer wieder neu. Nicola Tigges kreiert Mode f端r Frauen in Wuppertal. Eine Mode der Gleichzeitigkeit. Doch wie lange noch?


Nicola Tigges text Tom Thelen

Sie kombiniert Spitze mit Leder, Baumwolle mit Seide und manchmal das alles noch mit Fell. Nicola Tigges erzählt, sie glaube nicht an Widersprüche. Vielmehr glaube sie an Gleichzeitigkeit. Das klingt zunächst einmal leicht esoterisch, ist aber intellektuell in ihrer Biografie verankert. Denn einige berufl iche Baustellen hat die Wuppertaler Modemacherin bereits hinter sich: Sie war schon fertige Psychologin als sie für sich merkte, dass dieser Job ihr zu verantwortungsreich ist. Deshalb schulte die Bergländerin noch einmal um, studierte in Bremen Kunst und Mode und verband diese Kombination mit ihrem erworbenen Wissen der Psychologie. » Mode hat viel mit Psychologie zu tun «, ist folglich das Credo dieser energiereichen Frau, die nun als quasi offi zielle Kreative sofort einige Preise gewann: 2003 den Sonderpreis für den Siemens Fashion Design Award, 2005 den interdis­ ziplinären Designpreis des Landes Bremen für das landesbeste Diplom. Daneben gab es ruhmreiche Nominierungen für den Apolda European Fashion Design Award 2005 und für den Staatspreis NRW Textilkunst 2009. Sie schien angekommen zu sein. Tigges entwirft ihre kleinen Kollektionen bisher ausschließlich für Frauen. Deren Psyche glaubt sie zu kennen, deren innerer Vielschichtigkeit versucht sie äußere Form zu geben. Ein Umstand, der sich derzeit eher in der Materialwahl widerspiegelt als in der Farbe. » Schwarz­Weiß interessiert mich grade, aber vielleicht ist das ja nur eine Phase. Vielleicht mache ich demnächst mal eine Stange nur in rot «, weiß sie ihre eigene Wechselhaftigkeit einzuschätzen. Eine Emotionalität, die auch ihre Kundinnen zu schätzen wissen, die vornehmlich aus dem kreativen Milieu stammen. Das ist auch der Grund, weshalb sich Tigges geografi sch verändern möchte, ja muss. Bisher fühlte sie sich in ihrer Heimatstadt gut aufgehoben und aufgestellt: » Ich liebe Wuppertal, komme hier her und habe mein halbes Leben woanders verbracht «, sagt sie. Das hatte mit der Stadt zu tun, mit Pina Bausch und dem Tanz, mit dem Jazz und natürlich mit dem Luisenviertel. Hier fühlte sie sich wohl, die Mischung der Laden­ lokale und des Publikums passten gut zu ihrem Lädchen mit dem Verkaufsraum und der kleinen Werkstatt hinten. Keine Konkurrenz, ein Miteinander. Dazu die vielen Ateliers, Gastronomie, die lebendige Szene. Wer braucht da Düsseldorf, Mode geht doch gut in Wuppertal, dachte sie. Doch nach dem Tod der Pina Bausch und der Bekanntgabe der Stadt, dass auch das Schau spielhaus in zwei Jahren schließen wird, ist die Attraktivität des Standorts an der Wupper offenbar augenblicklich gesunken. » Ich habe nicht mehr genug Kun­ dinnen hier «, klagt Tigges. Womöglich eben über einen kulturpolitischen Effekt, der sehr schnell zu einem ökonomischen geworden zu sein scheint. Vielleicht reagiert eben eine kleine Ökonomie wie jene von Tigges auch wesentlich sensibler auf solche Erschütterungen. Ihr Geschäftsmodell basiert auf engem Kundenkontakt. Sie verkauft ihre Teile ausschließlich direkt, verzichtet auf einen Internet­Shop, auch ein Verkauf über Händler lohne sich nicht, sagt sie. Entsprechend wird sie sich wieder verändern. Wuppertal noch einmal verlassen. Ins Ruhrgebiet vielleicht, Essen hat sie sich angesehen, die ominösen Kreativviertel der Kulturhauptstadt sind womöglich interessante Ziele. Eines ist aber sicher: Veränderungen sind für Nicola Tigges nichts Neues. � www.nicolatigges.de


20–29 August 2010 Essen

Fr 30 Juli Eröffnung TRUST

Dortmund

Do 19 August Eröffnung ISEA2010 RUHR Ausstellung

20

Performances Sa 21 und Workshops 22 Day of Sound, Essen So

Deutscher Klangkunst-Preis, Marl

23 24

Dortmund Konferenz Keynotes E-Culture Fair Konzerte Club

25 Exkursionen 26 27

www.isea 2010 ruhr.org

Duisburg Public Art

28 So 29

Gestaltung: www.labor b.de

In Kooperation mit PACT Zollverein, Konzerthaus Dortmund, Kunsthochschule für Medien Köln, ICEM Essen, Skulpturenmuseum Glaskasten Marl, Kulturwerft Ruhrort, VHS Dortmund, FZW Dortmund.

Die ISEA 2010 RUHR ist ein Projekt der RUHR.2010 und wird im Auftrag des medienwerk.nrw vom Hartware MedienKunstVerein organisiert; gefördert u. a. von der RUHR.2010 GmbH, dem Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, der Stadt Dortmund und der Kunststiftung NRW. In Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung.


58

heimatdesign sommer 2010 bilder Jörg Jäger / Ivo Mayr

heimatkleid

ls

e alon Der Bewahrer. Gleichberechtigung mal andersrum: War die Salonkultur im Europa des 17. bis. 20. Jahrhunderts in der Regel weiblich geprägt, wird sie heute zumindest in Bochum von einem Mann vertreten: Jürgen Bielawny fügt der kulturellen Szene der Ruhrstadt eine ganz eigene Facette hinzu. Dreh- und Angelpunkt des Ganzen ist Le Salon – ein Vintage-Shop der besonderen Art.


Le Salon text Alexandra Brandt

»Warum sollte ich Jeans und T­Shirt tragen wollen, wenn ich außergewöhnlich aussehen kann?« Dieses Be­ kennt nis zum konsequenten Styling stammt von Burlesque­Ikone Dita von Teese – und es könnte einer kleinen, aber feinen Szene, die Mode, Musik und Lebensart längst vergangener Jahrzehnte wiederaufleben lässt, als Leitspruch dienen. Deren Protagonisten statten sich in Second Hand­Boutiquen aus, die sich auf die 20er­ bis 40er­Jahre spezialisiert haben, fallen auf der Straße mehr auf als jeder Punk und tanzen Swing und Lindy Hop. Auf den entsprechenden Partys wirken sie mit ihren Wasserwellen und Charleston­Kleidern, feinen Anzügen oder Marine­Uniformen wie eine Antithese zum lässig­sportiven Style, der heute die Clubs dominiert.

Sicher, für manche mag das Ganze nur ein kurzweiliges Retro­Phänomen sein – für Jürgen Bielawny ist es defi nitiv mehr. Als Verfechter der klassischen europäischen Eleganz sieht er sich als Bewahrer echter Wertarbeit und seinen Salon als Reservat für Kleidung, Accessoires und Kultur auf hohem Niveau. »Viele traditionelle Mode­Elemente wie etwa Hüte oder Hosenträger sind nach und nach aus unserem Alltag verschwunden«, bedauert der Recklinghäuser. »Dabei kann so ein Accessoire ein Outfit wunderbar bereichern.« Bielawny ist kein weltfremder Exot – er fi ndet es einfach reizvoll, zwischen Alltags­ und Feiertagskleidung zu unterscheiden, gewisse Höfl ichkeitsformen zu wahren und die schönen Dinge des Lebens zu genießen. »In der Generation meiner Großeltern waren Essen, Trinken und Ausgehen nicht selbstverständlich und wur­ den deshalb umso mehr zelebriert – mit allem was dazugehört. Und man wusste die Zeit und das Können zu schätzen, die ein Schneidermeister in einen handgearbeiteten Anzug legte. Zwei, drei Monatsgehälter in ein solches Kleidungsstück zu investieren, war damals keine Seltenheit.« Entsprechend pfleglich sei man damit dann auch umgegangen. Gegen Wegwerfk ultur und Einheitslook hält Jürgen Bielawny Qualitäts­ arbeit und zeitlosen Chic – und kann angesichts der Eigenschaften englischer Filzwolle durchaus ins Schwärmen geraten. Bei »Le Salon« fi ndet sich vom Anzug bis hin zur Seidenfl iege oder dem Marine­Ausgehschuh ein breites Spektrum klassischer Herrenmode; das Angebot für Damen reicht bis hin zum farbenfrohen Tiki­Style der 50er. Bis heute fi nden Schnitte, Muster und Stoffe, die in der Swing­Ära getragen wurden, ihren Weg in die Kollektionen zeitgemäßer Designer – ob in Form eines sorgsam ausgewählten Details oder kon se­ quent ausgearbeitet. Einmal im Monat veranstaltet Jürgen Bielawny den Swingpalast in der Eve Bar neben dem Schauspielhaus – dort wird in aufwändiger Dekoration und mit Live­Musik gefeiert, was das Zeug hält. Schließlich soll keiner sagen, es gäbe keine Gelegenheit, um sich mal richtig herauszuputzen. Jürgen Bielawny kommt aus Recklinghausen. Seine Jugendjahre verbrachte er in verschiedenen subkulturel­ len Milieus, später arbeitete er einige Jahre in der Musikindustrie und reiste viel. Mit seinem Vintage­Shop »Le Salon«, in dem er ausgewählte Second Hand­Ware im Stil der 20er bis 50er­Jahre anbietet, zog er kürzlich von der Herner Straße in die Königsallee. In naher Zukunft soll das Angebot um ausgewählte Neuware erweitert werden – zurzeit hält Jürgen Bielawny Ausschau nach Jungdesignern, deren Stil zum Laden passt. � www.le­salon­bochum.de


, Y T I V I T A E R C H G N I T C C E R N A E N CO ND RES ERLANDS, ART A THE NETHNRW. EATIVITY FROMDERS ATRNE FDOR AR3T7 ADNODRTCMRUND FLRTAMNUNDEGREURS–-TCEERNRASSE, 441 DO IE-REY LEON 10 – 20 H EFAIR.EU OPEN .ECULTUR WWW

PART OF

A PROJECT BY

FUNDED BY

MEDIA PARTNER


p.66 66

heimatdesign sommer 2010 bilder Noel Loozen / Meneer Minee / Anne Huinen

heimatkleid

h vk

eren an oster Für den Herren. Die niederländische Modedesignerin Roos van Koster schneidert mit ihrem Label Heren van Koster ausschließlich Männern Hightech-Materialien auf den Leib. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Kunst und Streetwear.


10

heimatdesign sommer 2010 bilder Eigenmaterial

11

heimatkunde

neues aus der Heimat scene ungarn: Der O�en im We�en

echte Fressen

Max Goldt hat mal geschrieben, dass er gerne nach Ungarn fahren

Das Paradies ist für manche Menschen wahrscheinlich ein ewiger Samstagnachmittag

würde, »obwohl es sprachlich viel schöner sei, ungern nach

voller Fußball, Fangesängen und dem Pils danach. Adolf Winkelmann hat diese Bun­des-

Ungarn zu fahren.« Eigentlich kann man auch erstmal hier blei­

­­liga-Stimmung Anfang der 90er in seinem Film Nordkurve eingefangen. Johannes

ben, denn die Scene Ungarn ist diesen Sommer zu Gast in NRW und

Klais’ Film Oh Fortuna ist hingegen Kreisklasse – aber nur thematisch. Da kämpft der

stellt die Kultur des Landes vor. Beispielsweise im Künstlerhaus

klamme Vorortverein SV Fortuna Dortmund in der Kreisliga C gegen den Abstieg und ein

Dortmund, wo die Ausstellung szimpla dupla Raum-Installationen

Spekulant will aus dem Platz einen Schotterparkplatz machen. Außerdem wird die

präsentiert, die von acht Künstlern aus Pécs und Budapest exklusiv

Tochter des Platzwarts entführt und zwei Spieler machen sich auf, um das Mädchen

für diese Räume geschaffen wurden. Zudem zeigt der Hartware

und den Verein zu retten. Der Regisseur, Kameramann, Produzent und Drehbuchautor

MedienKunstVerein mit Agents & Provocateurs Medienkunst – subver­

Klais studiert Kamera in Dortmund und versammelt in seiner Low-Budget-Produktion

sive und provokative künstlerische Strategien, die während

Laiendarsteller neben Szenegrößen und Gaststars. Die Eins Live-Herren Mike Litt und

des Sozialismus in Osteuropa entstanden. Eine Premiere, denn

DJ Larse sind ebenso dabei wie der Kabarettist Heinz-Peter Lengkeit und der Türsteher

die Ausstellung findet in den neuen Räumen des HMKV im

Olli Hoppe. Auch der VfL-Fan Frank Goosen spielt eine kleine Rolle und sprach nach

Dortmunder U statt. Natürlich gibt’s auch Kunst auf Zeche, die

Sichtung der Rohversion von »echten Fressen in großartigen stimmungsvollen Bildern.«

diesjährige Medienkunst-Messe contemporary art ruhr (C.A.R.)

Hergestellt wurde Oh Fortuna von der Dortmunder Produktionsfirma Gratisfilm, bei

stellt als Schwerpunkt die ungarische Galerie-Szene und Video-

der die Mitarbeiter aus Überzeugung und ohne Gage arbeiten. Denn wichtig is’ im Kino.

Kunst vor. Aber das ist noch nicht alles – ein umfangreiches

www.gratis-film.de

Programm bietet Musik, Literatur, Tanz, Theater im Revier und ganz NRW. Die Fotos in den Programmbüchern stammen von jungen ungarischen Fotografen; für den Sommer ist eine Aus­ stellung der Werke geplant. www.scene-ungarn.de

ruhrbarone, gedru�t Sie haben die NRW-Landtagswahl gerockt, legen sich mit allen Parteien an und haben es sogar geschafft, von Landwirtschaftsminister Uhlenberg im Parlament erwähnt zu werden. Der Mann war sauer auf das Blog ruhrbarone.de,

geschenkt – bessere Werbung kann man gar nicht bekommen. Die Ruhrbarone sind ein Zu­sam­men­

schluss von Journalisten, die ›das Revier bloggen‹. Das tun sie dermaßen erfolgreich, dass sie vor Kurzem ein Experiment wagten. Sie gingen offline – an den Kiosk, in Form eines gedruckten Ruhrbarone-Magazins. Das Heft erscheint im Essener Klartext-Verlag und vereint Politik und Kultur, angereichert mit einigen Fotostrecken wie die Bild-Reportage von brutzelbraunen Bodybuildern des Fotografen Cornelius Popovici. Berichtet wird über den merkwürdigen Umgang der Regierung Rüttgers mit kritischen Journalisten, Spitzeleien in der Links-Partei

glückwunsch Eins

und wie es sich für eine Autorin anfühlt, als Hooters-Girl in Hot-Pants Burger zu servieren. Gestaltet wurde das

Pierre Kracht und Katrin Füser, die wir mit ihrer Lampe Käte bereits im letzten Heft (Heimatdesign Nr. 6)

unabhängige ›Print-Ding‹ der Ruhrbarone von Denise Franke (d.fact Kommunikationsdesign) aus Bottrop und war zu

vorstellten, sind für ihr Unter­nehmen Fremdform vom kultur.unternehmen.dortmund und der hiesigen Wirtschafts­

Verkaufsbeginn sehr schnell ausverkauft; ist jetzt aber wieder erhältlich. www.ruhrbarone.de

förderung mit dem Sonderpreis Kreativwirtschaft für den besten Businessplan ausgezeichnet worden. www.fremdform.de

glückwunsch Zwei

der goldene schnitt – Fahrbereitschaft 2010 »In 50 Metern links abbiegen!« Das Finden von Orten hat sich in den letzten Jahren grund­­le­gend geändert. Stauumfahrung. Durchschnittsgeschwindigkeit. Geplante Ankunft.

Das Dortmunder U bekommt eine neue Dachmarke. Und wer hat’s erfunden? Die Herr­

Verboten: Umwege, Zufälle oder gar ein Verirren, eine Ästhetik des Umwegs. Wenngleich

schaften der Dortmunder Designagentur labor b, die sich mit ihrem Entwurf bei einer

Weg und Ort noch existent sind, fährt man auch bekannte Teilstrecken gern mit stimm­

nationalen Ausschreibung gegen 27 Mitbewerber, u. a. aus Köln, Wuppertal und Berlin,

licher, aber auch grafischer Begleitung. In der Mitte der Windschutzscheibe zumeist, und

durchsetzen konnten. Die Jury von Fachleuten aus Marketing, Kultur und Politik über­

dort, wo früher Fuchsschwanz oder die kleinen Schuhe des ersten Kindes schwingenden

zeugte labor b mit einer einfachen und klaren Bildsprache. Wie auch im richtigen Leben

Platz hatten, haftet nun ein mit Strippen und Saugnapf versehenes ›Device‹: ein Navigations­

thront das U über allem auf einem stilisierten Sockel, während unterhalb des Logos ein

gerät. Warum?

weiterer Balken das Fundament des Gebäudes zitiert. Im so entstandenen Zwischen­

Ein goldener BMW aus dem Jahre 1984 – Fahrbereitschaft der Ständigen Vertretung Dortmund –

raum findet das Innenleben statt, es ist also Platz für die eigentlichen Anzeigen- und

will dies im Kulturhauptstadtjahr überprüfen, bewerten und neu definieren. Old School

Bildmotive. Das Corporate Design funktioniert als Dachmarke für die Institutionen,

Driving. Das Kunstprojekt Der Goldene Schnitt wagt eine ästhetische Vermessung der Region.

die in Zukunft im U residieren, wie der HMKV oder das Museum am Ostwall. Diese können

Blicke auf Karten, aus dem Fenster in die Landschaft; Orte im Dazwischen bilden das

auf diesem Weg ihre eigenen Logos und Erscheinungsbilder behalten und gehören doch

Material der Grand Tour Ruhrgebiet. Der Goldene Schnitt, das ist die Kunst der Navigation im

erkennbar zum U. www.laborb.de

kulturellen Raum. www.fahrbereitschaft.com / www.staendigevertretungdortmund.de


Heren van Koster text Tom Thelen

Ihre Inspiration beziehe sie aus ›non­popular sub­cultures‹ und aus Kleidung, die niemals modisch war, verkündet Roos Koster. Doch was sind diese unpopulären Subkulturen? Komische Nerds, die sich zu sammengetan haben, um sich in unmodischer Kleidung zu versammeln und Dinge zu tun, die keine Sau interessieren? Gefragt nach dieser Inspiration lacht die Amsterdamer Modedesignerin und beschreibt tatsächlich einen speziellen Typus von Menschen in ihrer Umgebung. Diese teilen Lifestyle und die Art sich anzuziehen. »A Dutch Th ing «, fasst sie zusammen. Ein Amsterdam­Ding wohl eher. Hier hat Roos ihren Bachelor am Fashion Institute gemacht, dem der Master vor knapp einem Jahr in Arnheim folgte. Jetzt präsentiert sie ihr Label Heren van Koster – reine Männermode. Warum nur Männer? »Weil sie eben anders sind als ich «, sagt Koster. Und verkündet ganz souverän, dass sie ein völlig unemotionales Verhältnis zum männlichen Körper und Seele hat. Und dass Körper nur Kleiderständer mit Geschlecht seien. Und warum macht sie überhaupt Mode? »Es gab keine andere Option, es passierte, das fühlt sich jetzt natürlich an.« In ihrer Umgebung scheint sie sich wohl zu fühlen. Amsterdam ist keine sonderlich etablierte alte Mode­ stadt, sondern eher suchend, instabil, dafür aber jung und kraftvoll. Ein kreatives Biotop also – dort, wo Touristen eher Rotlicht sehen, Trance hören und Geschäftsangebote von zerschlissenen Rastaköpfen be­ kommen. Roos’ spezielles Umfeld ist aber offenbar eine andere Art von Gemengelage. Sie gibt an, dass ihre frühere Arbeit als Kellnerin und als Verkäuferin von Herrenunterwäsche ihre kommunikative Herange ­ hensweise gefördert hat. Inzwischen bezieht sie sich auf ein enges Umfeld von Leuten, die einen besonderen Lebensstil gewählt haben; die viel gemeinsam haben. Mode aus einer selbst gewählten Familie heraus. Das führt auch dazu, dass sie sich anderen holländischen Designern nicht sonderlich nahe fühlt. Lokaler, speziell holländischer Glamour. Vielleicht demnächst auch für andere? Fasziniert ist die Holländerin von Hightech­Materialien. Noch kann sie sich nicht immer die Stoffe und Ma­ terialien leisten, die sie für ihre außerordentlichen Teile wünscht, noch trickst sie gelegentlich herum. Ihr Ideal wären Stoffe, die der Haut gleichen, quasi intelligentes und höchst funktionales Material. Schon jetzt benutzt sie ihre Stoffe, um die männliche Silhouette zu manipulieren und um permanent das Verhält­ nis zwischen der Kleidung und dem darunter befi ndlichen Körper zu thematisieren. Allerdings nicht in traditioneller Hinsicht, hin auf die Betonung bestimmter Proportionen, sondern um zu irritieren und die Frage zu evozieren, was da wohl unter der Kleidung ist, was da sein könnte. Eine durchdachte, vielleicht etwas akademische Herangehensweise an Mode, die der Kunst fast näher steht als der Streetwear. Eine Kollektion von 2007, Karbonadeparade, widmete sie etwa dem Clash zwischen zwei besonderen Vertretern der Männlichkeit, genauer: der männlichen Körperlichkeit. Einerseits der gemütlich, dickliche Volkssänger André Haze, auf der anderen Seite Marilyn Manson. Da essen, dort hungern. Für Koster Ikonen, doch auch Silhouetten der Missverständnisse. Denn ihr Ziel ist es auch, in dieser Konstellation den Konfl ikt – genauso wie die Kooperation – zwischen Kleidung und Körper zu thematisieren und daraus Spannung aufzubauen. Die Funktionalität ihrer Kollektion schätzt sie dennoch hoch ein. Eine Diagnose, die man beim ersten Be­ trachten nicht unbedingt teilen würde. Doch sie wünscht sich einen souveränen Umgang mit ihren inten­ siven Entwürfen, einen selbstständigen und selbstverständlichen Mix mit anderer Kleidung. Mann muss nur Manns genug sein. Roos Koster kommt aus dem Umfeld von Streetlab aus Amsterdam und wird in Dortmund beim Concrete Playground Projekt ausstellen. �

www.herenvankoster.nl www.streetlab.nl


www.k-west.net

DAS KULTURMAGAZIN DES WESTENS

DIE AUGEN DER ANDERN: »THEATER DER WELT« IM REVIER HANS WERNER HENZE ZUM GEBURTSTAG EMSCHERKUNST BEI RUHR.2010 ALBERT OEHLEN IN HAGEN

K.WEST ISSN 1613-4273 NO.06 JUNI 2010 4.50 ¤


74

heimatdesign sommer 2010 bilder Nico Schmitz assistenz Anne Müchler haare & makeup Shideh Nikou model Ricarda

heimatkleid

sl

haron udwichowski Science Fashion. Die Zukunft des Menschen liegt auf dem Wasser. Für die Zeit, in der durch die Klimaerwärmung die Catwalks in Paris längst überflutet sind, hat Sharon Ludwichowski aus Oer-Erkenschwick die passende Kleidung entworfen.


Sharon Ludwichowski text Volker K. Belghaus

Kramt man in der Kulturgeschichte, stößt man früher oder später auf das Motiv der Muschel. Den Pilgern auf dem Jakobsweg weist sie die Richtung, ebenso den Autofahrern auf der Suche nach einer Tankstelle. Sandro Botticelli ließ 1484 auf seinem berühmten Gemälde die Venus aus einer Muschel steigen; ein paar Jahrhunderte später ist es Ursula Andress, die im Film James Bond jagt Dr. No im Bikini, die Hände voller Schneckenhäuser und Muscheln, den tropischen Wellen entsteigt. Insofern stehen Sharon Ludwichowskis Entwürfe, die maritime Formen zitieren, in großer Tradition.

Ludwichowski studiert Modedesign in Düsseldorf, ist mittlerweile aber von der amd (Akademie für Mode und Design) zum neugegründeten Design Department (Akademie für Mode und Kommunikation) gewechselt. Die Kleider und Overalls der Linie Odyssea gehören zu einer Semesterarbeit, und ihnen liegt, wie immer bei solchen Projekten, ein Konzept zugrunde. Die Fotoserie trägt den Titel sirens, der schon mal in die richtige Richtung führt – zum Meer. Die 22-Jährige hat aber nicht weiter in der Homer’schen Vergangenheit gewühlt, sondern die Gegenrichtung, gen Zukunft, eingeschlagen. Ludwichowski ist fas­­ziniert von den utopischen Entwürfen des belgischen Architekten Vincent Callebaut. Dessen Lilypads sind künstliche Inseln, die, nachdem der Meeresspiegel durch die Klimaerwärmung gestiegen ist, den Menschen eine neue Heimat bieten sollen. Die Lilypads funktionieren als in sich geschlossene Ökosysteme, als so ge­n annte Biosphären, die teilweise unter der Wasseroberfläche liegen und deren amorphe Formen an geöffnete Seerosen erinnern. Mit Odyssea hat Sharon Ludwichowski die passende Kleidung für diese Zukunft entworfen – Science Fashion. Bis in kleinste Detail sind Form und Farbigkeit vom Meer inspiriert, die Oberteile fächern sich schuppen­ artig auf; bei kantigen Schnittformen fühlt man sich an die Panzer von Schalentieren erin­nert. Dazu passt die Materialauswahl – mal glänzen die Entwürfe wie Fischhaut, dann wieder fließt der Stoff wie Wasser am Körper entlang. Eigentlich hätte man das Shooting direkt unter Wasser fotografieren sollen, wahrscheinlich würden sich die Stoffe sanft wie Meerespflanzen in der Strömung bewegen. Ausprobieren konnte man das leider nicht, da die Kleider und Overalls Einzelstücke sind, in denen eine Menge Arbeit und Herzblut stecken. Aber Sharon Ludwichowski, die aus Oer-Erkenschwick kommt, denkt schon weiter. Im nächsten Semester steht ihr Diplom an, und ein Thema hat sie auch schon – ›Die Kunst zu lesen‹. Momentan ist sie noch in der Recherche-Phase, schließlich bietet so ein Thema großen kreativen Spielraum. Mal schauen, was am Ende dabei herauskommt. Kursive Kleidung? Blusen zum Blättern? Oder etwas mit Schrift, wieder von der Zukunft beeinflusst, bedruckt mit Buchstaben in Futura? Wahrscheinlich steht am Schluss etwas viel subtileres. Wobei – einen Vorschlag hätten wir noch: Eine Jacke mit Lesebändchen. � sharon.ludwichowski@gmx.de


MMM$ @7D#A7J>$9EC


82

heimatdesign sommer 2010 text Martini bilder Martini

83

heimatlust

Paddeln auf Ruhr

Das Ruhrgebiet verdankt diesem Fluss seinen Namen, auch wenn nicht alle Städte so nah am Wasser gebaut sind wie Duisburg oder Essen. Wer sich mit dem Kajak auf die Ruhr wagt, erlebt überraschend viel Natur und sieht die Heimat aus völlig anderer Perspektive. Martini ist schon mal losgepaddelt. Wäre da nicht die Sache mit der Kohle gewesen, die Ruhr wäre im Netz der

Fischreiher und Eisvögel, Prachtlibellen und Mosaik­jung­

deutschen Fließgewässer ein kleiner Fisch geblieben. Nur 219 Kilometer

fern lassen sich selten so gut beobachten wie hier.

misst sie von ihrer Quelle im Sauerland bis zur Mündung bei Duisburg. Kaum

Bei Hagen mündet die Lenne in die Ruhr und der

länger als Unstrut oder Aller, bringt sie dreißig Kilometer weniger als die

Hengstey­see beginnt. Die Endung auf -ey, die einem

Weiße Elster ans Maßband. Kroppzeug. Eigentlich. Berühmter als die Ruhr ist

im Ruhr­tal des öfteren begegnet, lässt sich von einem alter­

der Rhein. Vielleicht. Die Ruhr ist ein einzigartiger Natur-, Kultur- und Industrie­r aum. Man

tümlichen Begriff für verlandete Flussbuchten her­leiten. Diese einst landwirtschaftlich nutzbaren Flächen liegen

kann sich ihr zu Fuß nähern, mit dem Rad, dem Auto, dem Fahrgastschiff. Wer

inzwischen oft unter der Wasseroberfläche. 1928 fertig­

sie wirklich kennenlernen will, braucht ein Kajak. Okay, schwimmend geht’s

gestellt, ist der Hengsteysee der älteste von insgesamt fünf

auch, per Luftmatratze oder Schlauchboot, aber dann kommt man nicht recht

Ruhrstauseen. Ursprünglich waren acht geplant. Sie ver­

vom Fleck. Denn meist steht die Ruhr sehr ruhig in ihrem Tal herum. Zu­m in­dest

danken ihre Existenz der Notwendigkeit, den Ab­l auf des

im Unterlauf. Weiter oben hat sie zur Schneeschmelze annähernd Wild­wasser­

Ruhrwassers regulieren zu können, vor allem aber der Ein­

qualität. › Sportlich lohnend ‹ schreibt das Paddelhandbuch. Damit ist es spätes­

sicht, endlich etwas gegen die verheerende Ver­schmutz­u ng

tens ab Wickede vorbei.

infolge der schwerindustriellen Nutzung unter­nehmen

Mit Hagen beginnt das Ruhrgebiet. Was das genau meint, ist zwar nirgend­­

zu müssen. Es gab keine Fische mehr, dafür aber Typhus.

wo präzise definiert, von Stahl und Kohle aber nicht zu trennen. Ur­k undlich

Als hübscher Nebeneffekt konnte obendrein durch Auf­

ist der Kohleabbau an der Ruhr seit dem Mittelalter belegt. Ende des 18. Jahr­hun­

stauen Elektrizi­t ät gewonnen werden. Das Koepchenwerk

derts stieg die Förderung deutlich an. Erstmals wird vom Ruhrgebiet geredet.

am steilen rechten Ufer des Sees ist augenfälliger Hinweis.

1919, im Vertrag von Versailles, hat der Begriff dann seine offizielle Premiere.

Außerdem ist der Erholungswert der Stauseen nicht zu un­

Heute zählt man auch das Einzugsgebiet der Emscher, das Land an unterer und

terschätzen. Vier Fliegen mit einer Klappe; die Ruhrverband

mittlerer Lippe sowie des Niederrheins dazu.

und Ruhr­tal­sperrenverein als Planer und Betreiber da ge­

Als Paddler zwischen Wickede und Hagen hat man ein gutes Dutzend Wehre zu umtragen, unverkennbare Zeichen gewerblicher Nutzung. Oft

schlagen haben. Am Eisenbahnviadukt der Strecke Hagen-Herdecke-

kann man von einer Wehrkrone schon die nächste sehen. Gummiwasser.

Dortmund beginnt der Harkortsee und nach dessen Stau­

Zu­gegeben, das nervt. Blanker Fels an den Prallhängen der Außenkurven

mauer in Wetter kann die Ruhr mal wieder frei fließen.

zeigt, wie die Ruhr könnte, wenn man sie nur ließe. Immerhin hat sie sich

Der Abschnitt endet mit dem Rückstau der mächtigen

im Lauf von 1,8 Millionen Jahren gut 80 Meter tief ins Tal gefressen, bevor

Wehranlage bei Witten. Dort rauscht der Fluss bei Hoch­

der Mensch begann, ihre Kraft für seine Ideen nutzbar zu machen. Doch

wasser beeindruckend über die Wehrkrone. Unterhalb

wer sich auf die Ruhe einlässt, wird belohnt. Nahezu lautlos bewegt man

der Fischtreppe, an deren Rand die Boote zu umtragen sind,

sich per Kajak im Wasser.

gibt der angespülte Sand einen prima Picknickplatz ab.


84

Eine kleine Oase. Man sitzt, von Mitmenschen meist verschont, auf einer Art Insel, kann auf die tosenden Wasser der Ruhr schauen und Schwäne, oder die inzwischen auch hier heimischen Nilgänse, beobachten. Von hier aus beginnt bald der wasserwandertouristisch gut erschlossene Teil der Ruhr. Mit Ausnahme der Hattinger Schleuse, wo noch geplant wird, sind zwischen dem Kemnader Stausee und dem Baldeneysee alle Wehre mit be­fahrbaren Bootsgassen ausgestattet. Mithin entfällt das lästige Raus und wieder Rein. Die Rutschen bringen Spaß, nur sollte, wer Spritzwasser scheut, nicht ohne Spritzdecke fahren. Der Sage nach liegt unterhalb Hattingens der Schatz des Raubritters Joost von Blankenstein auf dem Grund des Flusses. Vom aufgebrachten Volk auf seiner Burg belagert, konnte er durch List und Tücke zunächst fliehen, doch – welch Schicksal – riss ihn seine Gier dann doch noch in die Fluten. Manch­mal, so heißt es, könne man dort unten das Geschmeide noch funkeln sehen. Un­­ab­hängig vom Wahrheitsgehalt dieser Geschichte, beginnt hier der schönste Teil der unteren Ruhr. Buhnen konzentrieren den Flusslauf, die Bereiche zwischen den langen Steinschüttungen sind Paradiese für Wasservögel. Mit etwas Glück entdeckt man die rotgelbe Rostgans. Nur etwa 50 Brutpaare der in Europa seltenen Art sind für NRW nachgewiesen. Und die Ruhr darf end­ lich noch einmal Tempo machen. Hinter der scharfen Rechtskurve, in die der Fluss gezwungen wird, lockt bei gutem Wasserstand der Isenbergschwall. Rund 150 Meter über dem Tal thront die namensgebende Ruine Isenburg auf steilem Prallhang. Für die Tierwelt ist die landschaftliche Schönheit eher zweitrangig. So schätzen Bisam und Nutria eher die mäßige Strömung zwischen Baldeney,

Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt.

Kettwiger Stausee und darüber hinaus. Die Nager graben ihre Höhlen unter

Wir machen den Weg frei.

ufernahem Buschwerk. Sie wurden im 19. Jahrhundert im Ruhrtal ausge­rottet, und im Volksmund ›Ersatzbiber ‹ oder ›Sumpfkaninchen ‹ genannt. Der Nutria hat es indes auch nicht leicht – hoffentlich haben ein paar der frostempfind­ lichen Biester den letzten Winter überlebt. Was wichtig ist: Mit jedem Paddelschlag entfernt man sich vom Alltag. Das ist toll. Aber es gibt Spielregeln. Um die Natur zu schützen gibt es, manchmal zeitlich begrenzt, Befahrungs- bzw. Uferbetretungsverbote. Im Netz, beispiels­

Was treibt Sie an? Bei uns stehen Sie im Mittelpunkt. Wir reden Ihnen keine Bedürfnisse ein, die Sie nicht haben, wir hören Ihnen zu. Und was es auch ist, das Sie antreibt, wir helfen Ihnen, Ihre Ziele zu erreichen. Wir sorgen dafür, dass Ihre Träume und Wünsche wahr werden. Denn es ist unser Antrieb, Ihnen versprechen zu können: Wir machen den Weg frei.

weise unter www.kanu.de, kann man sich vorher informieren. Außerdem sollte man sich auf und an der Ruhr nicht wie der letzte Mensch aufführen und neben neuen Eindrücken der Region auch seinen Müll mit nach Hause nehmen. �

www.dovoba.de


86

heimatdesign sommer 2010 text Petra Engelke illustration J. Jesus Fernandez

Auf und davon Ich bin hin- und hergeflogen, bis ich entschieden habe: Es reicht. Ich ziehe nach New York. Und nun soll ich übers Weggehen schreiben, was aus meiner Perspektive gar kein Weg­ gehen ist. Ich bin auf’s Hier konzentriert. Es scheint mir, als ginge es den anderen, die ich dazu befragt habe, genauso. Entwickeln wir einen blinden Fleck in dem amöbenhaften Gebilde, das sich Heimat nennt?

Zuerst heißt es ständig: Warum gehst du weg? Wie lange denn? Für immer? Gründe gibt es genug. Flucht, Langeweile, Abenteuerlust, Ehrgeiz. Manche fühlen sich einfach nicht verbunden mit dem Ruhrgebiet. Andere empfinden ihre Verwurzelung als Fessel. Manche sind auf der Suche. Oder sie haben da jemanden gefunden. Das kann man alles erklären. Und dann ist da noch etwas, das man beschreiben, aber nicht erklären kann. Die ersten drei Töne aus einem Song aus der West Side Story, im Drei-MinutenTakt wiederholt im Quietschen einer anfahrenden U-Bahn an einer ganz bestimmten Haltestelle. Das kalte Silber von Regentropfen, die wie aus der Gieß­kanne herunterrauschen. Das klebrige Schweißdreckgemisch auf der Haut, wenn die Klimaanlagen es schaffen, den Verkehr zu übertönen. Die schwarzweiße Glasur des Gebäcks, das in Deutschland ›Amerikaner‹ heißt. Die Zehntel­ sekunde Innehalten, wenn die altbackene, zentralgesteuerte Heizung mit demselben ›klonk ‹ anspringt, wie ein Stein vom Herzen fällt. Es sind Splitter aus Momenten, die im Grunde jeder erlebt haben kann, der ein­ mal in New York war. Doch bei manchen bleiben sie tief drin stecken und funken Phantomschmerz, als würde ein Körperteil fehlen, wenn man nicht in New York ist. Regina Spektor, die vor langer Zeit aus Russland herkam und jetzt als New Yorker Musikerin gilt, sagt zu diesem Thema: New York sei so un­ mittelbar, man könne sich all diesen Gefühlen nicht entziehen, die die Stadt einem entgegenschleudert. Für mich trifft es das. Ich bin wegen New York hier. Und trotz New York. Bei Tobias Prasse war das anders. Er stammt aus Dortmund, studiert in Essen an der Folkwangschule Fotografie. Als er 1999 sein Grundstudium hinter sich hat, denkt er über ein Auslandssemester nach. Aber seine Professorin meint, wenn er hier keine Lust mehr auf Schule hat, wird das anderswo kaum anders sein. Sie rät ihm, für ein Jahr wegzugehen, zu arbeiten, zu assistieren, Projekte zu machen. Die Idee gefällt ihm. »Dann habe ich mehr oder weniger mit dem Fin­ ger auf dem Globus gesucht«, sagt er. Er landet auf New York, einige Monate später dann in New York. »Ich war ein Jahr hier, und dann bin ich wieder zurückgegangen«, sagt er. Pause. »Eigentlich.« Denn uneigentlich lernt Tobias wenige Wochen nach seiner Ankunft in New York die Frau kennen, mit der er inzwischen seit sieben Jahren verheiratet ist. Er geht Ende 1999 zurück nach Essen, um sein Studium zu beenden, verbringt aber so oft es geht Zeit in New York. Zwischendrin fotogra­ fiert er seine Diplomarbeit in Bombay. »Danach hat es zwei, drei Monate gedauert, das Diplom auszuarbeiten und zu präsentieren, aber dann bin ich 2002 komplett umgezogen. Also so: Jetzt gehe ich für immer. Oder erst mal für eine lange Zeit.«

87

heimatlust


88

89

Die Zeitfrage stellte sich für Raul Mandru andersherum: Wie lange soll er im

Wenn Tobias ins Ruhrgebiet fährt, fühlt er sich wie ein Be­

Ruhrgebiet bleiben? Der Rumäne kommt 2003 für ein Designstudium nach

sucher. Allerdings einer, der an einen sehr vertrauten Ort

Dortmund und bleibt in der Nähe, weil er von einer Düsseldorfer Agentur ange­

zurückkommt. »Viele Leute sagen, dass die New Yorker

stellt wird. Aber etwas treibt ihn. »Ich hatte längst im Hinterkopf, dass ich

so unfreundlich sind. Aber ich finde, das ist nicht richtig

den nächsten Schritt machen muss und dafür außerhalb von Deutschland le­

beobachtet. Wenn du zu langsam bist, nicht verstehst,

ben würde«, sagt er. Seit Oktober 2009 ist er Art Director in New York. Ungefähr

was sie dir sagen, dann kommt das manchmal so rüber, als

ein Jahr lang hat er genau beobachtet, welche Agenturen innovativ sind,

würden sie dich anpampen. Aber die New Yorker sind

zu welchen Firmen coole Kreativchefs wechseln, welche Branchenbewegungen

eigentlich sehr witzig und hilfsbereit, du musst halt nur

zu verzeichnen sind. Immer wieder taucht eine Firma in New York in den

auf Zack sein. Diese schnelle, witzige Art hat etwas Ehr­

Meldungen auf.

liches. Und ich finde, das haben die Leute im Ruhrgebiet

Die Herausforderung, da mitzumischen, trifft seine Erwartungen: »Ich finde das

auch. Das vermisse ich nicht.«

Niveau der Anforderungen viel, viel höher als bei meiner Arbeit in Deutsch­

Gerade weil man nicht da ist, ist es leicht, davon zu schwär­

land. Bei allem wird viel weniger Zeit und viel mehr Qualität erwartet. Man

men. Die Leute im Ruhrgebiet haben mehrere Rezessio­

rechnet nie Tage, um mit Konzepten zu kommen, hier geht es um ein paar

nen überstanden, sie haben ihren Überlebenswillen mit

Stunden. Und auch die Erwartungen vom Kunden sind höher, selbst Layouts,

Galgenhumor gekreuzt – ich finde, das kann New York

Ideen und Skizzen müssen fast wie ein fertiges Produkt aussehen.« Deshalb,

jetzt brauchen. Wenn ich sage, die Ruhrgebietsmenschen

so sagt er, sei er hergekommen. Er will von Leuten lernen, die besser sind als er.

können sehr direkt sein, wirken vielleicht rau dadurch,

heimatlust text Volker K. Belghaus bild NL-Ruhr / Eric Dil

ertappe ich mich dabei, dass ich pathetisch anschließe: Sie Die Fragen ändern sich: Woher kommst du? Tobias’ Frau ist Inderin, die beiden

haben aber ein Herz aus Gold. Kohle und Stahl haben es ja

Kinder sind Amerikaner. »Deutschland ist die Heimat, und hier in New York

nicht gebracht.

bin ich zu Hause«, sagt er. Vielleicht wird er sich um die doppelte Staatsbürger­

Keiner, den ich hier getroffen habe, hat Heimweh. Auch

schaft bemühen. Den deutschen Pass würde er auf keinen Fall abgeben.

wenn jedem etwas fehlt. Das Ruhrgebiet macht keinen

»Wer weiß, wo meine Familie und ich mal landen. Es ist ja nicht gesagt, dass

Phantomschmerz. Es ist einfach da, tief drinnen. �

wir für immer hier bleiben.« Wenn Raul seinen Kollegen erzählt, dass er vorher in Deutschland war, hört er meistens: In Berlin? »Die kennen halt nur das. Aber denen erzähle ich, es ist eine echt geile Ecke zu leben, es hat sich so viel verändert, auch kulturell. Ich

Schlafamzug

fand, dass ich da in einer sehr spannenden Zeit gelebt habe.« Raul versucht

ortsbegehung

erst gar nicht, das Ruhrgebiet und New York zu vergleichen. Komplett unter­

Designer haben im Rahmen des Kulturfestivals NL-Ruhr als ›Gastgastgeber‹ mehrere Gästezimmer eingerichtet

Raum ist in der abgerocktesten Hütte: Niederländische

schiedlich, sagt er. Keins besser, keins schlechter, unvergleichbar.

– mit ungewöhnlicher und heimelig-holziger Atmosphäre.

Viele New Yorker sind besessen von ihrer Herkunft. Sie sind stolze Amerikaner.

Schrankbetten sind eigentlich die Hölle. Man denkt an Urlaube in engen wie

zu Themenzimmern gestaltet und mit Gebrauchsgegenstän­

Und erzählen einem sofort, dass sie mütterlicherseits irisch und väterlicher­

piefigen Ferienwohnungen; immer mit der Angst, dass das Bett nachts in

den in niederländischem Design eingerichtet – so kann

seits italienisch sind. Oder französisch-indianisch-vietnamesisch, womöglich

den Schrank zurückschnellen und den Schlummernden zerquetschen könnte.

man sich aussuchen, ob man lieber im Vasen-, Bibliotheks-

führen sie dabei noch die Anteile auf, als würden sie gemischtes Hack be-

In der Gästeunterkunft Oberhausen sind solche Bedenken unbegründet, denn hier

oder Puzzlezimmer nächtigen möchte. Eine Nacht im

stellen. Ein Achtel Pfund. Und wir sollen dann sagen, woher genau aus Deutsch­

kann man auf dem Schrankbett 2.0 nächtigen. Im ehemaligen Wasserturm

Himmel über Oberhausen kostet pro Person 50 Euro, An­

land wir denn kommen. Plötzlich muss man sich mit Geographie, Statistik,

am Oberhausener Hauptbahnhof ist durch das Projekt Gastgastgeber, des Inten­

nehmlichkeiten wie einen Nachtportier gibt es zwar

Geschichte auskennen. Dortmund. Essen. Bochum. Große Städte. Nicht mal

danten Hans Venhuizen, im Rahmen des Kulturfestivals NL-Ruhr ein un­ge­

nicht, dafür aber Frühstück – in Form eines Gutscheins,

ein Zehntel der Einwohner, die New York hat. Kleine Lichter. Einmal bin

wöhn­l iches Gästezimmer entstanden. Die Niederlande sind auf Besuch in NRW

der beim Bahnhofsbäcker eingelöst werden kann.

ich in Versuchung, Pleitgens überstrapazierten Vergleich mit dem Licht anzu­

und werden gleichzeitig selbst zum Gastgeber.

Natürlich kann man die Zimmer auch nur besichtigen;

bringen, das man aus dem Weltall sieht. Wie die Chinesische Mauer. Und

Deshalb werden ungenutzte Räume an ungewöhnlichen Orten umgestaltet und

Frei­t ag bis Sonntag, zwischen 14 und 17 Uhr. Ähnliches

das größte Ballungsgebiet Europas. Na ja, es liegt halt in der Nähe von Düssel­

in Schlaf- und Arbeitszimmer verwandelt. Die niederländischen Designer

findet man ab dem 1. Juli auch in Dortmund. Dann

dorf und Köln.

Jurgen Bey und Gilian Schrofer inszenieren die Räume um, in dem sie die alte

eröffnen die Appartementen in der Nähe des Dortmunder U.

Bausubstanz erhalten; und, wie in Oberhausen, dem Ort neue Elemente

Gilian Schrofer richtet acht leerstehende Apartments mit

hinzufügen. Die vorgefundenen und abgeliebten Wände bleiben unangetastet,

einer ›Ode an 100 Jahre niederländisches Design‹ ein.

dank der Konstruktionen aus unbehandelten Vierkanthölzern, die einen neuen

Und wer dann richtig Lust auf die Kunst und Kultur der

Raum im Raum schaffen. Daraus entstehen Schränke, Betten und Tische;

west­l ichen Nachbarn bekommen hat, der kann sich

und es ist ein großer Verdienst der Designer, keine Baustellenatmosphäre ge­

mit dem Ver­a nstaltungsprogramm der NL-Ruhr austoben:

schaffen zu haben, sondern spektakuläre, temporäre Gästezimmer.

Eine pralle Mischung aus Kunst, Fotografie, Design,

Der Oberhausener Bahnhofsturm wird bereits als kreativer Ort genutzt, die

Fashion, Musik, Kreativwirtschaft, Film, Theater und

Künstlergruppe K.I.T. e.V. (Kunst im Turm) arbeitet schon länger hier und hat

vielem mehr. Geschlafen wird später. �

eine Etage für die Gastgastgeber zur Verfügung gestellt. Acht Betten sind zu ver­ mieten, die Räume als solche wurden wiederum von Künstlern und Designern

www.nl-ruhr.de www.gastgastgeber.org


90

heimatgesdanke text Tom Thelen

Buchlayout aus dem Geist des E-Books:

Akademische EPs in schĂśn Der Posth-Verlag macht hĂźbsche minimalistische BĂźcher zu coolen Themen. Denkt man an einfach gehaltene BĂźcher, die Philosophie in coolen

tierte Posth-Verlag lange Zeit nur nebenbei, der Output blieb gering,

Häppchen verabreichen, so landet man schnell bei Merve. Die

das Geschäft ging vor. Wirtschaftliche Grßnde kickten Posth dann

Bßcher aus dem Berliner Kleinverlag wurden als Westentaschen­

2009 aus der Firma; inzwischen macht er E­Books fßr einen anderen

accessoires fßr den Geisteswissenschafts­Hipster der 80er und

Buchgiganten.

90er populär. Sebastian Posth, Jahrgang 74, verlegt in seinem Ver­

Den Posth­Bßchern sieht man ihren Status als Abfallprodukt

lag auch philosophische Bßcher, die sich mit der populären Kultur

nicht an. Die zumeist in zartem rosa gehaltenen Schriften zur Pop­

beschäftigen, bedient sich dabei ebenso eines seriellen, mini malen

kultur legt man sich gerne auf den Tisch: AndrÊ Menkes Die Popli­

Buchdesigns, will sich aber sonst nicht mit Merve vergleichen.

teratur nach ihrem Ende. Zur Prosa Meineckes, Schamonis, Krachts

Die Geschichte des Posth-Verlags hat einen anderen Hintergrund.

in den 2000er Jahren etwa, oder den ›Verlags­ Bestseller‚ von Thomas

Merve war postpunkiges ›Do It Yourself ‚, Posths Impuls stammt aus

Hecken: Populäre Kultur. Mit einem Anhang › Girl und Popkultur ‚.

der Technik­ und Mediengeschichte.

Da macht die Akademie wieder SpaĂ&#x;. Mehr cooles Wissen Ăźber den

Der Bochumer Germanist und Philosoph ist nämlich E­Book­ Pionier. Darauf angesprochen, dass seine Bßcher schÜn sind, winkt

&44&/;&$)&;0--7&3&*/'e3%&3."4$)*/&/)"--& # 4$)"$)5 "6445&--6/(&/803,4)01470353`(&

Weg vom Mädchen zum Girl, vom Screamager zur Postfeministin. Apropos Thomas Hecken.  Ein Verlag steht und fällt mit guten

er ab. Das ist ein Missverständnis. Die sind auf gar keinen Fall das,

Herausgebern, mit Leuten, die agieren , erzählt Posth zu Hecken

was gemeinhin als bibliophil gilt.ÂŤ Vielmehr seien die BĂźcher, die

und ist entsprechend froh Ăźber dessen Engagement. Denn Ăźber den

das altertĂźmliche Posthorn als Signet tragen, Abfallpro dukte einer

Noch­Bochumer Privatdozenten mit dem enzyklopädischen Pop­

anderen Entwicklung. Ihre schÜne Schlichtheit entstand aus Anfor­

Wissen kommt er auch an interessante Textsorten. Âť Das sind eben

derungsstruktur der Medientechnologieentwicklung: Posth beschäf­

nicht unbedingt Doktorarbeiten, sondern Texte, die Akademiker in

tigte sich seinerzeit – bei der Verlagsgrßndung im Jahre 2005 – mit

Schubladen liegen haben. Zu lang als wissenschaftliche Aufsätze,

E­Books. Das minimale Layout, die Seitengestaltung, Ăœberschriften

zu kurz fßr Monografien, wie sie klassische Verlage sonst verÜffent­

und Kapitelordnungen sind optimiert fßr die Lektßre auf elektroni­

lichen.  Da ist das ›E­Book‚ und das Prinzip ›Book on Demand‚ eine

schen Lesegeräten. Komplexe Baum strukturen wie in anderen aka­

Chance ÂŤ, weiĂ&#x; Posth. Und so entstehen nebenbei auch jene gedruck­

demischen Werken? Fehlanzeige. Funktionalität fßr das Lesen der

ten Werke, die, wenn man den Vergleich zur Musik heranzieht, so

Zukunft ist die Devise. Und das lange vor Kindle und I-Pad.

etwas wie EPs sind. EPs fßr den Pop­affi nen Geisteswissenschaftler

Aus diesem Verlag erwuchs schnell eine Firma, die ab 2007 die

mit dem Sinn fßr Form. Womit wir wieder bei Merve wären. Deren

ersten elektronischen BĂźcher fĂźr Verlagsgiganten wie Kiepen-

BĂźchlein von Deleuze, Foucault und Co wurden ja damals gerne mit

heuer & Witsch, Rowohlt, Metzler und Campus produzierte. Und das in

Singles verglichen. ďż˝

Bochum, mit Posths Software. Entsprechend lief der printorien­

453&&5"35'&45*7"-*.3").&/%&3 ,6-563)"61545"%5&6301"436)3

www.posth­verlag.de

"#07&]"%%&/53:]#"4&]#*4&3"."]#3&4]#6''%*44]$-&.&/4#&)3]% '"$& %"7*%3"%0/]&"45&3*$]&,04:45&.03('&"5"-#&350%&1&%307*50453&&5 ':&&14$$3&8](3"''*5*."(";*/&]+645]."35)"$001&3]."55)*"4(&1)"35 %*4563#"/*5:]/*&-4Ăƒ4)0&².&6-."/]07/*]30#&35."5;,&]45*$,&3%6%& '3*&/%4]4*(/7*"(3"'*,]7"/-"",];&--&"41)"-5,6-563]'-"7034  #0$)6.*//&/45"%5 4$3&&/*/(4  %035.6/%+6*$:#&"54'&45*7"-)&*."5%&4*(/-&&345`/%& $0/5"*/&3%03'101614503&"6445&--6/(&/ 

      

1BSUOFS

1SPKFLUVOUFSTUU[FS4VQQPSUFS

   

888$0/$3&5&1-":(306/%$0.


92

heimatdesign sommer 2010 text Ivette Vivien Kunkel

93

heimatgedanke

wenn ich jetzt meine hand zu dir.

aber du schaust weg, schaust in den park und die straße hinauf. voll mit menschen augen schnee. du fragst nach meinem befinden ich sage ja sage nein. ich flüstere wir sollten nicht so vorsichtig sein. wenn ich jetzt meine hand.

du hältst sie fast. ich sage du sollst mich festhalten. nur fast halten, da musst du dich nicht wundern, wenn ich dir entwische. ich sage du könntest mich so einfach haben, aber du bringst es nicht fertig. du bist dein eigener schatten, über den du nicht springen willst nicht kannst. deine sonne bin eben nicht ich. es ist die fremde frau, der ich küsse stehle von dir. es ist ja gut, sage ich, es ist ja gut, ich verstehe schon. wenn ich jetzt meine.

was meinst du fragst du, weil du mich immer falsch verstehst. das ist ein spiel, es hindert uns daran, uns zu ernst zu nehmen. schwierig genug in einer stadt, in der man einander nicht lieben kann, ohne sich zu verletzen. ich teile meinen letzten schluck wein mit, mit dir, deinem mund, deinem rauchigen harten mund, du begreifst mich, deine großen hände umfassen mich, das mitternachtsblau des nagellacks senkt sich in zehn nägeln auf dein bein herab, ich will dich fassen, ich kann dich nicht fassen. ich darf nicht. du sagst aber ich bin verheiratet. ich frage was das denn damit zu tun hätte. wenn ich jetzt.

ich sage das ist unwichtig. ich sage es ist mir egal. wir gehen die straße entlang du erklärst mir die häuser erläuterst mir gassen, deine gesten schließen alles mit ein, schließen mich ein. ich geliebte deiner graublauen hände sage ich, dein blick schweift herum, streift mich, meine blicke in deinen, dein begehren, wir verschränken uns grenzen fassen greifen, spreize mich mit deinem wort, dies ist kein spaziergang es ist ein kampf. ich frage warum müssen wir kämpfen. können wir nicht einfach zu dir gehen. wenn ich.

bei dir können wir einen moment alleine sein. bei dir lege ich meine jacke ab und meinen schwarzen pullover, den fliederfarbenen, den roten, die lasse ich an, es ist kalt, nicht nur draußen, auch hier bei dir ist es kalt, wie im universum sage ich und du nennst mich astronautin. du flüsterst ich bin doch verheiratet, deine angst macht es noch kälter und dann umarmst du mich. wenn.

ich spüre dich. ich sehe über deine schulter aus dem fenster über die dächer, ich sehe die tauben und den schnee ich sehe den himmel grau in grau. an meinem gesicht, meinen zu dir gebogenen wimpern, spüre ich deinen pullover, deine schulter unter meinen händen und deine hände an meinem rücken, wo sie vorsichtig liegen, wo sie liegen und sich nicht bewegen, was passiert, wenn du sie los lässt frage ich. wenn du.

und du blickst mich an und sagst ich solle stark sein. ich muss lachen, weil auch das nicht hier her gehört. ich sage ich will nicht mit dir zusammen sein. ich bin an exklusivität nicht interessiert es ist mir gleich, wem du sonst gehörst. ich will dich jetzt, mehr nicht, jetzt, ein freies wildes jetzt, und dafür muss ich nicht stark sein, ich muss schwach sein, mich gehen lassen, dich gehen lassen, dich festhalten, dich verführen führen uns verirren. wenn du jetzt.

du könntest mich ganz einfach haben. keine forderungen. willst du etwas trinken fragst du. willst du etwas essen fragst du. sollen wir woanders hingehen lass uns gehen sagst du. ich will mich ja gehen lassen, du lässt mich nicht flüstere ich und will nach dir greifen. ich will dich. ich will dich vom ersten moment an. du sagst, du fühlst dich zu mir hingezogen. aber du gehst weg. ich laufe dir nach. wenn du jetzt deine.

du fragst lebst du allein ich sage ja. ich bin allein, ich bin wegen dir hier. der schnee unter unseren schuhen will nicht aufhören. die häuser hören nicht auf, geschichten zu erzählen, häuserzeile um zeile, wir nur satzzeichen, ein komma ein punkt, unsere eigene pause, unser unterbrechen. ich höre dir gern zu sage ich. dort drüben musste man eine mark zahlen, um auf der bank zu sitzen, damals, sagst du. in diesem park. deinem park. dein damals. deine stadt. wenn du jetzt deine hand.

in deinem mantel siehst du aus wie ein vögelchen sagst du. und ich singe dir sage ich, wann immer du willst. und ich reise dir nach, wohin immer du willst. über uns kreisen krähen. du wirfst einen sichernden blick nach vorn und nach hinten. nach oben und unten. die krähen verraten uns nicht sage ich, dann küsst du mich. ich werde jetzt immer an den wein denken, der nach deinem mund schmeckt, dein mund, der nach rotwein schmeckt, dunkel und trocken, und deine hand zwischen meinen beinen, aber du traust dich nicht, mich mit nach hause zu nehmen. wenn du jetzt deine hand zu.

ich bin heimgefahren. am telefon sagst du die sehnsucht sei groß. auch meine sehnsucht. nach der art, wie du mich anfasst, anschaust, wie du redest. deine worte mit den großen vokalen, den fremden worten, über die wir lachen. aber ich sage nichts davon. ich sage aber du bist verheiratet. ich sage du musst jetzt stark sein. das sage ich. du hättest mich einfach haben können, einfach schwerelos, leichtsinnig, das habe ich dir gesagt: wenn du mich haben willst nimm mich. aber nimm mich jetzt. das war gestern. und dann lege ich auf. ich lege uns ab, ich lege mich nicht mehr mit dir an. wenn du jetzt deine hand zu mir.

ich blicke aus meinem fenster, sehe den himmel und die sonne, sehe meine


94

text Volker K. Belghaus bild Ivette Vivien Kunkel

bäume, meine gärten, ich denke an dich, an unsere hände, die sich nicht berührten, nicht halten konnten. nur fast halten. nicht festhalten. so entwische ich dir. www.ivettevivien.com

Auf Text-Montage Ivette Vivien Kunkel lebt und schreibt im Ruhrgebiet, ist aber gerne mal ganz woanders. Mit 16 Jahren wollte sie schreiben wie Georg Trakl, mit 17 wie Ingeborg Bachmann. Hat sie dann aber gelassen, denn Helden der Jugend sind vergänglich. Schreiben ja, aber lieber was Eigenes. Da es aber keine dreijährige Ausbildung zur staatlich­geprüften Autorin gibt, sucht sich Ivette Vivien Kunkel etwas Naheliegendes aus. Ausbildung zur Buchhändlerin, ganz solide. Dumm nur, dass es diesen Beruf in bewährter Form in der Zeit von der Bewerbung bis zum Ausbildungsbeginn nicht mehr gab. Dann also Studium. Germanistik, Anglistik, Sprachwissenschaften. Auch naheliegend, vielleicht zu naheliegend und deshalb knapp am Leben Kunkels vorbei. Nach Abbruch des Studiums und einigen Nebenjobs verliert sie die große Richtung aber nie aus dem Blick: Schreiben! Normalerweise würde so etwas früher oder später im Journalismus enden – nicht so bei Ivette Vivien Kunkel. Sie hat zwar schon mal einen Artikel über den Maler Jackson Pollock in der Tageszeitung Junge Welt veröffentlicht, der auch schon sehr literarisch daherkam, ansonsten schreibt sie aber Prosa und Kurzgeschichten, reist durch die Welt und räumt reihenweise Preise bei Literaturwettbewerben ab. Anfangs stand die Teilnahme beim Kunstsommer Arnsberg, ein Jahr darauf, 1999, las sie dann schon in New York, wo sie später, wie auch in Vancouver, einige Monate lebte. Ab 2003 ist Witten ihr Basislager. Ihr Stil? Kurz, knapp, eindringlich. Assoziativ. Absatz­Liebhaberin, Taktgeberin. Man braucht nur den Text These foolish Th ings auf ihrer Website zu lesen – da steckt alles drin. Der Text gewann den ersten Preis beim 4. Oberhausener Literaturpreis mit dem Thema › Jazz ‹ und basiert locker auf dem gleichnamigen Jazz­Standard, in dem der Sänger › diese dummen Dinge ‹ aufzählt, die ihn an seine Verflossene erinnern. Ähnlich wie im Originaltext streunt Kunkel literarisch durch die Straßen und streut urbane Eindrücke und Wahrneh­ mungsfetzen in den eigenen Gedankenfluss. Scheinbar Beiläufiges wird bedeutend. Auch hier: Absätze, Rhythmus, Takt. Geschriebene Musik. In einem ähnlichen Rhythmus scheint auch das Leben Kunkels zu verlaufen – nirgendwo zu lange bleiben, neues ausprobieren. In diesem Jahr ging es mit dem ruhr.2010­Twins­Projekt Überm Sternenzelt nach Istanbul, wo deutsche und türkische Literatur und Musik aufeinandertrafen. Kunkel verfasste eigens für diesen Anlass einen Text, im April kam es zum Gegenbesuch in Bochum und Dorsten. Dann wird sie in den nächsten Monaten als Stadtschreiberin des Städtchens Otterndorf, das zwischen Cuxhaven und Stade liegt, arbeiten und ist von der Konrad-Adenauer-Stiftung eingeladen worden, mit den Kolleginnen Judith Hermann und Katharina Hacker am Comer See zu lesen. Ab Januar 2011 kann man sie als Gastdozentin an der Bochumer Ruhr-Universität hören. Ansonsten: »Gucken, was passiert. « Und – natürlich – schreiben. Ihr Wunsch wäre ein eigenes Buch. Klingt ambitioniert, ist aber vielleicht einfacher als man denkt. Schließlich ist ein Buch eigentlich auch nichts anderes als eine lange Kurzgeschichte. �

gefördert von:


heimatgedanke text Petra Engelke illustration Diego Gardon

96

Wir

sind eine Armee Wir sind eine Armee. Schwerbewaffnet, geladen, gefechtsbereit. Wir haben die beste Tarnung. Wir sind unsichtbar. Ihr wollt uns nicht sehen. Und ihr dürft es auch nicht. Wir kennen die Wahrheit. Ihr würdet nur weinen. Wir sind eine Armee. Uns eint das Unsichtbare. Jeder von uns singt

Wir sind eine Armee. Wir sind unsichtbar. Ihr könnt uns nicht

das geheime Lied. Hoff ung ist Folter für den, der an sein Glück

sehen. Aber wir können die Wahrheit sehen. Wir können

nicht glauben kann.

sehen, wenn der Samen eines Mannes beim nächsten Schuss ein Kind ergeben wird. Wir können dafür sorgen, dass die Männer

Wir sind eine Armee. Wir werden jeden Tag mehr. Wir sind nicht

das spüren. Überall sind Zeichen! Wir sehen die Zeichen überall.

arm. Wir werden stärker. Niemand kann uns lieben. Es ist

Wir können kaum glauben, dass ihr sie nicht seht! Wir können

unmöglich, uns zu lieben. Wir kennen die Wahrheit. Wir schützen

nicht glauben, dass ihr uns nicht seht. Ihr seht uns nicht. Aber wir

euch davor.

sind da. Und wir sind eine Armee.

Wir sind eine Armee. Wir erkennen einander. Es ist unmöglich,

Wir sind die Armee der Ungeliebten. Wir haben nichts zu verlieren.

uns zu lieben. Wir wissen das. Ihr wisst es nicht. Ihr liebt.

Fürchtet unsere Waffen.

Wir sind eine Armee. Wir sind die, die immer im Schatten stehen.

Wir sind eine Armee. Wir streuen Zweifel. Ist es unmöglich, zu

Wir sind die, deren Gesichter ihr vergesst, sobald ihr in eine

lieben?

andere Richtung schaut. Wir sind die, von denen es heißt, sie seien immer nette, unauffällige Nachbarn gewesen.

Wir sind eine Armee. Wir schlafen nie. Wir schleichen in eure Träume. Wir geben euch unser Wissen, damit ihr vergessen könnt.

Wir sind eine Armee. Es ist unmöglich, uns zu lieben. Da ist nichts,

Es gibt keine Liebe, die bleibt. Es gibt keine Liebe, die bleibt. Ihr

woran ein Herz hängenbleiben kann. Und wir werden immer

träumt unsere Tränen. Ihr träumt unsere Wahrheit. Ihr träumt.

mehr.

Ihr wacht auf. Dann überseht ihr uns wieder.

Wir sind eine Armee. Wir schreiten voran. Unser erster Schritt am

Aber wir sind eine Armee. Wir streuen Zweifel. Jeder von uns singt

Tag beginnt mit dem falschen Fuß. Danach straucheln wir.

das geheime Lied. Hoffnung ist Folter für den, der an sein Glück nicht glauben kann.

Wir sind eine Armee. Man kann uns nicht lieben. Wir tragen ein Virus in uns. Wir opfern uns, wenn wir uns von euch fernhalten!

Wir sind eine Armee. Wir werden jeden Tag mehr.

Unsere Herzen sind gesunken. Wir würden alles mitreißen. Aber

Schwerbewaffnet, geladen, gefechtsbereit. Wir haben die beste

da ist nichts.

Tarnung. Wir sind unsichtbar. Ihr wollt uns nicht kennen. Wir kennen die Wahrheit. Ihr werdet noch weinen. �

Manche von uns sind hässlich wie die Nacht. Und ihr solltet euch schämen, dass ihr sie deshalb nicht lieben könnt. Manche von uns sind schön wie die Sonne. Und ihr solltet euch schämen, dass ihr sie zwar begehrt, aber nicht lieben könnt. Manche von uns haben es nie zu etwas gebracht. Und ihr solltet euch für euer Mitleid schämen. Manche von uns haben alles erreicht und sagen nicht mal, dass es einsam sei an der Spitze. Ist es aber. Und ihr solltet euch für euren Neid schämen.

9Vh LZhZc YZh`gZVi^kZc EgdoZhhZh^hi! YVh KZ K gigVjiZ Vah[gZbYoj WZigVX]iZc#


sideBow Sideboard. Die klare Linie bestimmt die zeitlose Silhouette des sideBow – mit unzähligen Möglichkeiten für jede geschmackvolle Einrichtung. Ob als elegantes Sideboard, als Lieblingsplatz für Accessoires oder als temporärer Akzent. Dank seiner speziellen Herstellungstechnik made in Germany verbindet der sideBow dabei vergleichsweise geringes Gewicht mit höchster Stabilität. So trägt jedes Exemplar mühelos auch schwerere Objekte – und bewahrt immer seine einzigartige Form. Ab € 950,00.

dogBar / catBar. Der Futternapf für höchste Ansprüche an Form und Funktion: schön fürs Auge, perfekt für das Tier. Neben komfortabler Fresshöhe dank unterschiedlicher Größen besticht die dogBar durch hochwertige Materialien und langlebige Qualität: Der solide Echtholzkorpus bildet eine stabile und rutschfeste Basis für die hochglanzpolierten Edelstahlschüsseln. Ein echter Design-Leckerbissen – 100% Swiss made. Als dogBar in drei Größen erhältlich, sowie speziell für Katzen als catBar. Ab € 99,00.

Yeah! Yeah! Yeah! www.studio-L5.com

P +49 (0) 234 6406-123 F +49 (0) 234 6406-124 o f f i c e @K AT T E R .d e 31.05.2010 11:24 Uhr Seite 1

Postfach 100642 D-44706 Bochum www.K AT TER.de



popdesign_heimtdesign:Layout 2

Mester_Anz_Heimatdesign:Layout 1

23.04.2010

9:11 Uhr

Seite 1

           



                   

   

mester 

  

 

optic

brill mich mester! Rheinische Straße 38. 44137 Dortmund. Tel. 02 31.14 15 37. www.mesteroptic.de


100

heimatdesign sommer 2010 text Peter Erik Hillenbach

ℜuhr.2100 Für Sie besu�t:

Unsere Welt in 90 Jahren Teil I

Ich bin jetzt 140 Jahre alt. Oh, danke, es geht mir gut.

älteren Brasilianerinnen in den Grandhotels von Bad Baukau die schmerzenden

Dr. Cha sagt immer, so wie meine Leber aussieht, könnte

Sambahüften gegen Titanscharniere austauschen lassen.

ich glatt 142 werden, haha. Dabei ist es doch erst meine dritte. Ich hoffe, sie erlebt noch ein paar Jahrgänge vom

guten Bredeneyer Spätburgunder. Selim und Mikhail, die beiden Alt­2068er, die die Wabe neben meiner bewohnen,

Ja, M’scha Valley ist reich geworden im vergangenen Jahrhundert. Es ist die

sitzen in der Sonne und erzählen den Chinoidenkids von

neue Goldküste des ehemaligen Ruhrgebiets; wer keine schnittige Yacht an

ihren Abenteuern. Ich kann’s bald nicht mehr hören,

einer der Marinas von Tetraeder Island in Boy liegen hat, zählt nicht dazu. Das

immer dieselben alten Geschichten: Wie sie mal in einem

alte Kernruhrgebiet gibt es natürlich auch noch, es sieht nur anders aus. Drei

nächtlichen Happening das goldene U vom Turm geklaut

Megasprawls, in denen die RuhrWörker und heimatlos gewordenen Glabotkis

und durch ein riesiges X ersetzt haben. Das nannten

hausen, haben sich schon in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts gebildet.

die poetische Revolution und hintersinnig! Gähn. Oder

Irgendwo mussten wir ja leben, und mit zersiedelten Stadtlandschaften

noch besser: Wie die auf einmal alle zum Schutz vor

kannten wir uns prima aus. Da war ich noch ein junger Hüpfer von Anfang

Fremdbeobachtung nur noch in diesen digitalen Burkas

70 und hatte noch 25 Jahre bis zur Rente. Die tägliche Pendelei mit der

herumliefen und die Parlamentarier der GoogleFacebook-

unpünktlichen Magnetgondel von meinem geliebten westfälischen Bochmund

Einheitspartei mit kontaminiertem Wasser aus dem Phoenix­

aus, wo ich immer noch wohne, durch die posturbane Stadtlandschaft von

see attackierten. Hat aber am Ende alles nix genutzt. Wir

Obermülssen bis zu den eCar Plants und Office Towers von Duiselogne sur Rhin

Älteren warten nur noch darauf, dass das MHD unserer

habe ich damals schon als überflüssig empfunden. Als die FED irgendwann

Bauteile erreicht ist, und dann is Sense mit dem alten Pott.

in den Zwanzigern erfolgreich das Bargeld abschaffte, worauf sie schon seit

Nach uns kommen nur noch Chinoide.

Jahrzehnten hin gearbeitet hatte, trug ja eh jeder den OmniChip unter der Haut und war kontrollierbar. Für einen kleinen Obolus on top ließ sich dieser

nicht nur auf GPS­Kontoführung und freiwillige Jederzeit­Organspende programmieren, man konnte auch das Gedanken­Vernetzungstool und diese

Seit den 2050er Jahren spricht man sowieso nicht mehr

geile neue Ameisenstaat­App aktivieren lassen. Seitdem habe ich keinen Tag

vom Ruhrgebiet. Als man Anno 2048 endlich das einzig

mehr frei gehabt. Man sitzt zwar mit dem Arsch zuhause im Schrebergarten,

Richtige tat und die Bergwerkspumpen abschaltete,

trifft sich aber gleichzeitig in der Cloud und bearbeitet gemeinsame Projekte.

versank Glabotki in den Emscherfluten. Sehr zur Freude

Das hält jung, sag ich Ihnen. Und weil damals ein Kumpel von mir bei der

der hanseatischen Schnösel aus dem Teutoburger Wald, die

Chip­Behörde arbeitete, der gern mal einen zur Brust nahm, hat der mir für

seitdem ihre Tauchferien an der Batenbrocker Seenplatte

zwei Pullen Aufgesetzten die Gamma­GT­Werte auf meinem Chip auf 250

verbringen; als Hamburg in den Dreißigern in der Großen

programmiert. So kann ich also im Garten sitzen und Bergmann Bier süppeln

Gletscherschmelze unterging, hatten die Pfeffersäcke ja

– etwas anderes als dieses Monopolgesöff gibt es ja nicht mehr –, während der

die Höhenzüge weiter südlich besiedelt. Für die ist das

Krankenkassendetektor bei mir einfach nicht anschlägt, hihi.

richtig abgefahren, sie lassen viel Geld im Emschertal, das längst M’scha Valley heißt, seit Abu Dhabi hier richtig

investierte. Das gefällt den chinesischen Touristen und den schicken Indern, die vor allem die Casinos in Resse

Nächste Folge: Pfefferpotthast 4.0, die Gen-Kuh auf dem Hochhausdach und

und Henrichenburg frequentieren, während sich die

Schalke: 142 Jahre ohne Schale.


102

impressum

Heimatdesign Sommer 2010 / Nr.7 verlag

Heimatdesign, Hoher Wall 15, 44137 Dortmund www.heimatdesign.de herausgeberin

chefredaktion

Reinhild Kuhn

Volker K. Belghaus (V.i.S.d.P.) belghaus@heimatdesign.de bildredaktion

Philipp Wente & Affairen

schlussredaktion

Stephanie Julia Wagner

konzept, marketing, anzeigen, vertrieb artdirektion autoren

Marc Röbbecke

Affairen www.affairen­gestaltung.de

Alexandra Brandt — Petra Engelke www.p­eng.de — Peter Erik Hillenbach — Wolfgang Kienast Martini www.ekamina.de Ivette Vivien Kunkel www.ivettevivien.com — Katja Neumann www.spoonfork.de — Tom Thelen — Philipp Wente Johannes Wiek — Jan Wilms www.janwilmstext.de — Ivonne Woltersdorf — Jan­Peter Wulf

fotografen und illustratoren

Kay Berthold www.kayberthold.com — Anne Deppe www.annedeppe.de — J. Jesus Fernandez www.jjfez.com

Jörg Jäger www.momentanverstricktes.de — Ivo Mayr www.ivomayr.com — Katrin Rodegast www.katrinrodegast.com Nico Schmitz www.nicoschmitz.de — Philipp Wente www.philippwente.com praktikanten

Eva Büttner — Jennifer Hennig

titelbild papier schrift druck

Noel Loozen

Maxi Offset 120g/m 2

Fedra www.typotheque.com

Druckverlag Kettler / Bönen www.druckverlag­kettler.de auflage

15.000 Erscheinungsweise halbjährig

Ein Nachdruck der Texte oder Fotos in Heimatdesign – auch im Internet – ist nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages gestattet.

NL RUHR.2010 AUFWACHEN IN NIEDERLÄNDISCHEM DESIGN WÄHREND DER RUHR .2010

WWW.GASTGASTGEBER.ORG


heimatdesign sommer 2010 / nr. 7

heįmat sommer 2010 nr. 7

Hausbesuch bei Hans Werner Henze Warum New York nicht immer besser als das Ruhrgebiet ist

Kult[ur]getränk

Mut zur Lücke – Vom Umgang mit Schlaglöchern Wo ist Woanders In Zukunft: Ruhr 2100 mode Nicola Tigges — Le Salon — Heren van Koster — Sharon Ludwichowski �

gratıs

www.bionade.com

HEIMATDESIGN MAGAZIN No. 7  

junges Design aus dem Ruhrgebiet.

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you