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In der Maschinerie der Nacht Im Nachhinein stellte sich herraus, es war der heißeste Tag des Sommers. Dieser, vom Brummmen und Summen der Ventilatoren begleitete Sommer, hat kein Ende nehmen wollen. In meinem Zimmer flatterte - zu Streifen zerschnitten; mit Tesafilm vor die Rotoren geklebt- der B¨orsenteil der FAZ: das verstummte Bl¨atterrauschen vor unseren Fenstern imitierend. Seit Wochen Windstille. Seit Wochen Literweise Eistee getrunken, ausged¨ unstet; schweißverklebte T-Shirts gewechselt. Seit Tagen im Zimmer auf den Herbst, auf das Ende der unnachgiebigen Hitze, gewartet. Hanna, meine j¨ ungere Schwester und meine Eltern haben hinter angelehnten T¨ uren vor ihren surrenden Computern geseßen und hackten ihre Emails in Google, Hotmail und Gmx; durch ihre Finger sind Kochrezepte, B¨ ucher, Paper, Listen der tollsten Jungs der Stadt, des Landes, der ganzen Welt, in die Ver¨astelungen des globalen Datenverkehrs gesickert. Meine ¨altere Schwester Nadine hat u ¨ber ihr Papiertokyo gebeugt, dagesessen und sich in eine Menschenmenge phantasiert. Allein f¨ ur das Essen haben wir uns in diesen Monaten in der K¨ uche treffen wollen und tauschten aus, was man getan hatte, vorhatte, was zu tun war -dann: Teller, Gl¨aser, Besteck: abr¨aumen, absp¨ uhlen, abwischen und wieder abtauchen. Wieder Rolll¨aden. Wieder vor dem difus- kalten Licht des Monitors rauchen und warten, dass der Abend abk¨ uhlt, die Nerven beruhigt, alles einfriert und Ruhe: Das dauernde Brummen und periodische Rauschen der halbkreis drehenden Ventilatoren w¨ urden wir vergessen; Dieser gleichm¨aßige Ton, das ungeh¨orte Mantra, das ununterbrochene Gebet der Rotoren w¨ urde verklingen. Als das Telefon klingelte habe ich gewußt, dass B-b-b-b-b dran war. Ich ging ran. Er war einmal das Genie, der Kopf, das Wunderkind gewesen. Man hat ihn aus dem Fernseher gekannt, wie er -neun Jahre alt-, unter dem Beifall der Zuschauer, riesige Zahlen im Kopf multipliziert, binnen einer Woche fremde Sprachen beherrscht, mit Regierungen gewichtige Probleme besprochen hatte. Er war im besitz eines photographischen Ged¨achtnisses gewesen, eines IQ jenseits meßbarer Skalen und eines unbeirrbaren Intellekts. Man hat ihn als das menschliche Wunder gehandelt, als den Titanen, als der letzten Instanz, man war u ¨berzeugt gewesen, dass er die Geheimnisse der 1


Welt in Technicolor und Stereo erkl¨aren w¨ urde. Denn zu allem kam hinzu, dass er fotogen und ein hervoragender Rethoriker war. Zeitgleich mit dem Zur¨ uckgehen seiner F¨ahigkeiten hat er angefangen ein wenig zu stottern. Die Fernsehanstallten sind entsetzt, die Bev¨olkerung ist verwirrt gewesen, man hatte seine Sendung abgesetzt. Stottern: wie unattraktiv f¨ ur die Mattscheibe, aber wie interessant f¨ ur die Neurologie: Er ist Patient meines Vater geworden, ein, wie er gerne durch sein gewinnendes Lachen von sich selber sagte passionierter Liebhaber des menschlichen Gehirns“. Das war mein Vater: ” Gehirn mit gedehnten Vocalen. Nach seinem Anfall schien er ein fast normaler Junge geworden zu sein und wir f¨ ur einen Moment die ber¨ uhmteste Therapeutenfamilie der Welt. Er sagte nie Hallo: Du solltest sch-schneller an ” dein Telefon kommen.“ und ich erwiederte Ja, ich weiß, mach gerade was ” am Computer.“ Ich habe die Augen verdreht und bin auf dem zersessenen B¨ urosessel meines Vaters herum gerutscht, hatte mit einem Stift gespielt, auf einen Download gewartet und bin dem blinkenden und leise vor sich hin fl¨ usterkratzenden Modem Kilobyte f¨ ur Kilobyte in die vernetzte Welt gefolgt. W-w-was ist da so laut bei dir?“ Mit einem Tritt war ich vom ” Schreibtisch in Richtung T¨ ur gerollt. Die Ventilatoren –und ach, ich hab ” da was vor geklebt. Es ist br¨ ullend heiß. Boa, ich f¨ uhle mich als w¨ urde ich in einem Brutkasten sitzen. Sekunde, ich muss mein T-Shirt wechseln.“. Er fragte aufmerksam Ahh, w-w-was habt ihr f¨ ur Ger¨ate? Heute ist eine Par” ty.“ - Wie?Was f¨ ur eine Party? Sekunde, ich geh in den Flur, da ists leiser. ” Ja, Paps war im Baumarkt, das sind so special Teile – keine Ahnung: Sonderangebot. Er hat gleich n ganzes Geschwader von den Dingern gekauft – kennst ja Paps“. Er hat nicht raten m¨ ussen, er kannte jedes Sonderangebot. Seine Gutenachtlekt¨ ure sind Warenkataloge. Honeywell HS 1040, 55 watt ” Leistung, H¨ohenverstellbar, Fernbedienung. F¨ unzig Mark das St¨ uck.“ - Ja, ” ja, genau die.“ und manchmal war er ein Klugscheißer: Die werden 55 dezibel ” laut.“ B-b-b-b-bs Gehirn, hatte mir mein Vater beim Fr¨ uhst¨ uck erkl¨art, sei wie Humpty Dumpty. Auf seinem Teller lag ein rohes Ei und mit seinem Senatorkulli hatte er darin herumgepoolt. “Die Schale ist zwar kaputt, aber der 2


Dotter lebt“ – er stupste ihn mit der Kulliespitze an. Von seinem Anfall hatte b-b-b-b-b sich weitgehend erholt, aber dieses Wort Ich“ bereitete ihm ” Probleme, er stotterte und wie Rettungsbote schien das Wissen in ihm dahin zu treiben um manchmal zu stranden: Listen, Telefonb¨ ucher, Warenkataloge, Tabellen, alles was er in den Jahren aufgenommen und jetzt aus dem Blick verloren hatte. Wir waren daran gescheitert ihn irgendwie zu integrieren und merkten nicht, wie weit wir selbst abgetrieben waren. Vatter hatte es mit der Betonung auf der ersten Silbe gesagt: auszugleichen, wir m¨ ussen uns ” ausgleichen – harmonisieren. Du musst versuchen sein Ungleichgewicht zu harmonisieren. Weißt du, nach so einem Anfall ist es so, als habe es kein vorher gegeben. Er weiß nicht wer er ist, und der er einmal war, kann er nicht mehr sein“. Darin waren wir uns alle ¨ahnlich gewesen. Der Kulli war von ihm in den Dotter gedr¨ uckt worden und lief in ein Meer aus Glibbergelee aus. Er stellte den Teller unserer Katze hin. Ich erwiederte, w¨ahrend Simone schnurrend das Ei aus der Schale leckte: Dann soll ich f¨ ur ihn so was wie ” ein Freund sein?“. Weißt du, . . . “ er war einige Sekunden regungungslos in ” Gedanken, kniff dann die Augen zusammen: Genau das.“. Manchmal musste ” B-b-b-b-b in die R¨ohre, danach bekam er einen seltsamen Helm auf, ein blinkendes Unget¨ um, mit ineinanderverwirrten Kabeln die durch den Boden in den Keller gef¨ uhrt hatten. Dort war Pssst“, wie mein Vater im Laborkittel den ” Finger vor den Mund zu legen pflegte, bevor er hinter der unauf¨allig eingelassenen Stahlt¨ ur mit B-b-b-b-b an der Hand verschwunden war. Danach hatten wir immer zusammen rumgehangen, bis wir anfingen uns zu treffen und durch die Stadt zu laufen, bis die Bushaltestelle gefunden war und wir einen festen Treffpunkten hatten. Also, was f¨ ur eine Party ist das?“ Mit der linken Hand habe ich nach dem ” Lichtschalter im Flur gegriffen und riss dabei zwei Bilder von der Flurwand. Den orangenen Telefonh¨orer habe ich mit meiner Schulter an mein Ohr geklemmt, das alte Fetap meiner Eltern, mit seiner plastik W¨ahlscheibe und seinem Gewicht, war an meinem Zeige- und Mittelfinger gebaumelt. Ich blieb mit meinem Kabel h¨angen und h¨orte meinen Ventilator auf den Boden scheppern. L-l-laureen aus der 12.“ Ich erinnerte mich dunkel an eine rothaarige ” 3


Bohnenstange mit einem affektierten Tick den Schal auf die Schulter zu werfen als habe die Geste Magie. Aus der 12, schon klar – nicht schlecht -, hab ” schon geh¨ort, die Eltern w¨aren in Urlaub gefahren. Wer hat davon erz¨ahlt?“ Ich war durch den Flur gestolpert, w¨ahrend sie in ihren Zimmern saßen: meine Schwestern h¨orten Musik, mein Vater tippte und Mama telefonierte lautstark. Hanna h-h-h-hats mir e-e-erz¨ahlt.“- Hanna?“ Ich habe mir die ” ” Familienbilder angesehen. Auf einem waren sie und ich ineinander gehakt. Wir haben gelacht. Das Bild entstand kurz nach der Landung in Pretoria, wir waren eine Jacaranda-Allee hinunter gegangen. Sie hatten alle gebl¨ uht und wir lachten unter einem lila Trompetenbl¨ uhtenmeer hindurch als Papa das Foto geknipst hatte. Es war ein schrecklicher Urlaub gewesen. All Inclusive S¨ udafrika: Mama war nicht von der Bar zu bewegen und Papa nicht von seinem Kongress in Pretoria. Hanna und ich hatten ohne Erwachsene das Hotel nicht verlassen d¨ urfen und so hatten wir zwei Wochen im Nierenpool verbracht und Mama zu gesehen wie sie sich mit der Cocktailkarte und Ayva -dem all-inclusive-Don-Juan, oder einfach nur Willy, wie ihn die Engl¨anderinnen kichernd gerufen hatten- anfreundete. H-hallo? Noch da?“ ” fragte er etwas unruhig. Krass, wieso hat Hanna mir nichts davon erz¨ahlt?“ ” Ich riss ihre T¨ ur auf und hielt die Sprechmuschel zu. Ey, wieso weiß ich ” nichts von der Party?“ Sie saß vor ihrem PC unter einem riesigen TuPac Poster. “Schon mal was von anklopfen geh¨ort du Penner? Verpiss dich!“ . Ich stierte sie an Wie kommst du auf die scheiß Idee B¨ab¨ab¨ab zu erz¨ahlen ” er darf da hin?! “ woraufhin sie erwiederte Ey, was weiß ich? Und jetzt ” raus!“ Ich glaube bei dir Hackts meine Liebe! Wenn das Vater rauskriegt!“ ” worauf sie JETZT FICK DICH!“ br¨ ullte und eine Bravo nach mir warf und ” h¨atte das Telefonkabel gereicht, w¨are ich an sie rangekommen, h¨atte ich sie ihr u ¨bergezogen. Hey Kinder!“H¨orten wir Mamas Stimme dumpf durch die ” Wand klingen. Ich hatte Hannas T¨ ur aufgelassen, zeigte ihr einen Vogel und deutete auf das Telefon. Sie zeigte mir den Mittelfinger und knallte die T¨ ur zu. Ich habe mich wieder dem H¨orer zugewendet. Hast du das mit meinem ” Vater besprochen?“ fragte ich ernst. I-i-i-i-i-ich-a-a- . . . “. Er war nahe daran ” zu hyperventilieren. Ok,ok – ganz ruhig, in den Bauch atmen. In den Bauch ” Benny. Tief in den Bauch. Dein Zwerchfell muss sich entspannen.“ Ich habe 4


auf ihn ein eingeredet, zu atmen, tief einzuatmen, sich auf darauf zu konzentrieren und nicht nachzulassen. Ich lehnte zuerst gegen einen T¨ urrahmen, dann saß ich auf dem Teppich und konnte das Foto mit Nadines Lachen sehen. Das Bild muss hinuntergerutscht, zwischen Schrank und T¨ ur eingekeilt stecken geblieben sein. Ihre braunen schulterlangen Haare, es ist so lange her, dachte ich, dass sie zuletzt so gelacht hat. Ihre Arme hingen kopf¨ uber in der Luft, die Achterbahn mitten im Looping, dann der Blitz. Und die tiefstehende Sonne hatte uns geblendet w¨ahrend wir aus einem lauwarmen Herbsttag nach Hause gefahren waren. Als sie vor sich hin lachend neben mir im Auto einschlief waren Sonnenflecken u ¨ber uns gejagt. Ein paar Wochen sp¨ater, ich war noch sehr jung und rannte durch die K¨ uche irgendeiner Phantasie nach, da hatte ich meine Schwester im Winkelblick Pssst“ - Finger vor dem Mund ” – hinter der Stahlt¨ ur verschwinden gesehen. Stunden sp¨ater: Krankenwagen, Notizblock, Wohnzimmer und Mama hatte geweint: Du und deine Arbeit, ” du und deine Arbeit, immer nur deine Arbeit.“ ihre energischen Schritte aus dem Haus und er war , Fingern¨agel kauend, Kreise um eine leere Mitte gegangen, w¨ahrend das Telefon nicht klingeln wollte. Er war wieder halbwegs normal am atmen Alles ist gut, bist du ok? Sehen wir uns gleich an der Hal” ¨ testelle?“ - Ahh, o-o-okee. B-b-bushaltes-s-stelle.“ Ich antwortete Gut, bis ” ” dann“ woraufhin einige Sekunden vergingen. Du musst jetzt auch aufle” gen Benny, ok?“ - Ok.“ Die einfachsten allt¨aglichkeiten waren ihm fremd ” geworden. Ich lege jetzt auf, hast du geh¨ort: jetzt.“Die Bushaltestelle lag ” im Nirgendwo einer Menschenmenge – mitten in der Stadt war sie ein Ort des totalen Stillstands. Niemand stieg ein, niemand stieg aus, keiner wartete. Der Bus pendelte zwischen dem Nullort unbesiedelter Neubausiedlungen und Innenstadt. Wir hatten manchen Nachmittag lang dort gesessen und Passanten beobachtet. Ich wollte nur von Zuhause weg. Mich hatte das Gef¨ uhl nicht verlassen, das Haus k¨onnte sich unter der Sonne entz¨ unden, mein Zimmer einst¨ urzen, alles unter Tr¨ ummern versch¨ uttet werden. Das Gewimmel der Vor¨ ubergehenden hatte B-b-b-b-b und mich beruhigt. Das Dopplereffektbrummen der vorbeiziehenden Autos und das Gewimmel der Stimmen war einem Gef¨ uhl nahe, dass wir beide geteilt hatten. Wenn er einen schwierigen Tag hatte, trafen wir uns dort, um den Menschenstr¨omen zuzusehen, wie 5


sie zwischen den Enden des Horizonts zirkulieren. Wenn unsere Gespr¨ache zu verebben begonnen hatten, wir zwischen Wortwirrwarr und Motorenger¨ausch festgesessen, die endlose Reihe bunter Hosen, bunter Hemden, bunter Taschen und bunter Schuhe sich zu einem Streifen bunten Farbmatsch vermischt hatten, dann war es die endlose Reihe m¨oglicher Identit¨aten in die wir zerfielen: Modekrimskrams. Die Plastikzahnr¨ader haben, mit jedem Aufb¨aumen, jeder Drehung immer lauter geknackt. Meine B¨ ucher waren aufgeschlagen und die Streifen mit ihrem endlosen Zahlendurcheinander sind in die Luft gehoben worden. Sie wirbelten umher, knitterten gegeneinander, dann fielen sie wieder zu Boden nach dem der Ventilator seine 90◦ vollendet und ein St¨ uck zur Seite gerobbt war. Ich habe in meiner T¨ ur gelehnt und sah zu, wie es sich langsam und qu¨alend bewegte. Als w¨are es ein gestrandetes Tier. Ich beobachtete den kleinen rotierenden Knopf, bis mir aufgefallen war, dass ich, weiß nicht wie lange, mir selbst im Plastikchrome auf die Stirn gestarrt habe. Vater hat mir von hinten in die Seite gestoßen. He, die sind gut was?“ Er deutete auf den ” Ventilator, der knattertend apathisch mit dem Rotorenkopf seine zuckenden Bewegung wiederholte. Ich habe ihn aufgerichtet und mich meinem Vater zugewendet. Ein bisschen laut.“ Dann stand er Sekunden an der Stelle an ” der ich gestanden habe, griff in seine Jeanshose, kramte den kleinen silbernen Tablettenstreifen heraus und sah mich mitleidig an. Seine Haare waren dunkel und dicht, sein Blick war klar und bestimmt, kein Ansatz Bauch und frisch rasiert stand er vor mir und knitterte nerv¨os den Silberstreifen in seiner Hand. “Kannst du es heute machen?“ fragte er mich w¨ahrend ich das Papier in meinem Zimmer zusammen geklaubt habe. Ich gab es dann aber auf, nachdem ich den u ulleimer gesehen habe. “Mischs ¨berquellenden M¨ ihr es doch ins Essen.“ Das Wirrwarr in meiner Hand habe ich zu einem Kneuel gedr¨ uckt und es neben den Eimer fallen lassen. Du weißt,“ sagte ” er schwerm¨ utig das kriegt sie mit ...“ Nadines Augen hatten sich synchron ” zu ihren Kaubewegungen hin- und herbewegt. Zuerst hatte sie skeptisch auf ihren Teller geblickt, dann waren ihr die zerkauten Spaghetti aus dem Mund gefallen. Sie hatte sich die Lippen mit der Serviette abgetupft und war aufgestanden. W¨ahrend Hanna mit hochgezogenen Augenbrauen ihr nachgesehen hatte, war sie in ihr Zimmer gegangen und klebte an ihren Papierhochh¨ausern 6


weiter. Komm schon . . . sie braucht ihre Medikamente und mir vertraut sie ” nicht mehr. “ betelte er, w¨ahrend ich ein paar Hemden in den Rucksack gedr¨ uckt habe und daran dachte, wie peinlich das ist, mit Schweißflecken da zu stehen. Ich dachte auch daran, noch eine Flasche Champagner zu klauen, da fiel mir beil¨aufig der Satz aus dem Mund. “Nein, du brauchst das, darum vertraut sie dir nicht mehr.“ Er verkniff einen Mundwinkel und sch¨ uttelte den Kopf. “Du verstehst das noch nicht.“ - Gib einfach her.“ Ich zupfte den ” Streifen aus seiner Hand und ging an ihm vorbei. Er folgte meiner Bewegung und hielt mich fest. Hey, ich weiß, dass ist viel dich. Das ist bald alles ” vorbei, versprochen.“ An der Schwelle zum Flur hat er mich umarm und ich verstand nicht warum, was das sollte und u ¨berhaupt. Schon ok, ich komm ” klar“ sagte ich in einer Halbdrehung von ihm weg. Nadines Zimmer war voller handhohen Hochh¨ausern, kleine papierene Wolkenkratzer durch winzige Stabilostiftstreifen untereinander verbunden. Sie war Gr¨ underin des Kartonagemodellbauclubs – eine geheime Vereinigung erdfarben gekleideter Pedanten, ¨ die durch geschickte Platzierung ihrer Pappimitationen die Offentlichkeit verunsichert hatte. Ihnen war nichts heilig gewesen, von Papierkameras in ¨offentlichen Toiletten bis zu ihrem gr¨oßten Clou: einer Kartontelefonzelle, die drei Wochen unbemerkt im Innenstadtraum die Tonspur von “Hiroshima mon amour“ abgespielt hatte. Nachdem sie entlassen worden war und wir sie zwei Jahre lang nur an Wochenenden gesehen hatten, saß sie nun in ihrem Zimmer und klebte an einer Leidenschaft: Tokyo. Tokyo“, hatte sie manch” mal gesagt, da ist immer Herbst – nie zu warm, nie zu kalt, nie wirklich ” hell und niemals wirklich dunkel.“ Dieser wuselige Ort hatte ihr ein Leben fern dem b¨ urgerlichen Schweigen versprochen, fern diesem Flur unserer Erinnerung. Das andere Ende der Welt“, sie hatte “anderen“ mit ihrer rauchi” ¨ gen Stimme betont, denn unsere Welt, das war ihre Uberzeugung geworden, hatte zwei Enden und keinen Anfang. Sie hat sich u ¨ber Shibuya gebeugt. Mit ihrer Pinzette in der pflaster¨ ubers¨aten Hand hat sie konzentriert einen kleinen krummen Pappmensch in ein Meer kleiner krummer Pappmenschen gesetzt. In ihrem Zimmer ist es ganz ruhig gewesen, der Ventilator stand plastikverschweißt in einer Ecke. Was machst du da?“ fragte ich sie, dann ” habe ich mich an ihren Schreibtisch gesetzt und sah ihr zu Ich bringe John ” 7


zu seinen Freunden zur¨ uck.“. Verdutzt fragte ich sie Hast du ihnen allen ” Namen gegeben? “ und sie antwortete Ja klar, das ist Paul, hier ist George ” und da Ringo . . . Hallo Ringo, sag hallo zu meinem Bruder. “ und winkte auf Shibuya hinunter. H¨or auf damit.“ Ihre Figuren waren schief und un” sauber ausgeschnitten. Sie versuchte weiter das Papierst¨ uck anzukleben. Ich ” bin manchmal traurig Br¨ uderchen, ich bin nicht schwachsinnig. Ich dachte nur, wie sinnlos eine unbewohnte stadt ist. Und bei dir Party heute?“ “Ja . . . “ antwortete ich unsicher. Ihre Hand hat gezittert, sie konnte die kleine Papierfigur nicht hinsetzen. Sie knirschte mit den Z¨ahnen und war kurz davor die Pinzette in eine Ecke zu werfen. Seit den Tabletten war sie nicht mehr die selbe. Der Stadtkern, sauber ausgeschnitten und sorgf¨altig zusammen geklebt ist zu viel Kontrast zu den schiefen, teilweise unfertigen Geb¨auden am Rand gewesen. Da ist zu viel Kontrast und zu wenig Verst¨andnis in ihr gewesen, um begreifen zu k¨onnen wie das funktionieren konnte, dass auf Heute ein Morgen folgt und wie das funktionieren kann, dass Menschen einander gegen¨ uber stehen und sich nicht hassen. Wie das ist, ein Talent zu verlieren. . . . magst du ” mitkommen?“ gab ich jovialer hinzu. Nur wenn du dir eine T¨ ute u ¨ber den ” Kopf ziehst. “ antwortete sie nach einem kurzen z¨ogern k¨ uhl. Abgemacht... ” High five.“ Dann nickte sie, als habe sie etwas verschluckt. Ihre Augenr¨ander sind dunkler als sonst gewesen und ihre schwarzen Haare wollten sich nicht in den Dutt zwingen, den sie sich gemacht hat. Ich habe unsicher den Streifen in meiner Hosentasche geknittert. Aus dem Vorratsraum klaute ich einen Champagner, dann waren wir aus dem Fenster vor das Haus geklettert. Auf unseren Fahrr¨adern rollten wir die absch¨ ußige Straße hinunter bis wir zur Bushaltestelle kamen an der B-b-b-b-b schon auf uns wartete. Er hat uns aus der Ferne herannahen gesehen, stand auf und winkte uns zu. Die Passanten haben keine Notiz von ihm genommen. Er stand wie abgesetzt dort, ebenso gut h¨atte er mit seinem L¨acheln an der Rehling eines Schiffes oder auf einem Berg, in einem Urlaubsfoto abgebildet sein k¨onnen. H-h-h-hallo, m” meine Name ist b-b-b-benny.“ Nadine war fast von ihrem Sattel gefallen vor ¨ lachen. Ich ha-ha-ha-hab mal eine Sendungen u ¨ber dich gesehen.Erwiderte ” sie grinsend. Sie kannten sich nocht nicht. B-b-b-b-b war seit ihrer R¨ uckher nicht l¨anger bei uns gewesen. Wir hatten uns, wenn es m¨oglich war, an der 8


Busstation gesehen. M-m-meine E-e-e-erinnerung ist weg.“ Er sah mich un” sicher an w¨ahrend sie angestrengt versuchte nicht zu lachen. Nachdem sie sich gefasst hatte bemerkte sie kalt. Das ist h¨ochstwahrscheinlich das beste ” ¨ was dir je passiert ist.“ Betretene Stille. Ahm, ja – wie w¨ars mit Party ” Freunde?“ versuchte ich die Situation aufzul¨osen. Nadine hat B-b-b-b-b auf ihrem Gep¨acktr¨ager mitgenommen. Ihr schwarzes Damenrad war die Straße hinunter geiert und ich hinterher, sie am u ¨berholen und wieder in ihren Windschatten; ich konnte nicht neben ihnen herfahren, ohne das ihr Gespr¨ach abbrach. B-b-b-b-b hat ihren Bauch umklammert. Auch wenn ich zu Anfang nicht den Eindruck gehabt hatte- sie verstanden sich gut. Nadine hat derart wild geredet und gestikuliert, dass sie manchmal zu vergessen schien, dass sie auf einem Fahrad saßen. Ich habe mir sorgen gemacht, ob es eine gute Idee gewesen war, ihr nicht die Tabletten zu geben. Doch ich habe sie lachen gesehen– nicht so intensiv, nicht so herausfordernd und wild wie im Foto. Manchmal denke ich, wir vers¨aumen, uns zu w¨ unschen, wie es sein k¨onnte und nicht, wie es sein soll. So hatte sich ihr lachendes Gesicht in mein Ged¨achtnis -wie B¨ ugelaufkleber- gedampft. Ich bin voraus gefahren, w¨ahrend sie hinter mir kichernd zur¨ uckblieben. Ich stellte mich auf die Pedalen und bin Kurven gefahren. Ich kam allein auf der Party an. Das Haus war umgeben von einem verwinkelten Garten der sichtbar ¨alter war als das Haus selbst. Laureen hat mir die T¨ ur in einem dunkelgrauen Kleid ge¨offnet. Ahh, Hallo! Komm rein, Willkommen, ich zeig gerade allen das Haus.“ Sie ” hat meinen Namen vergessen, knickte in die Knie, umarmte mich kurz und beendete dann unsere Intimit¨at dezent mit einem Schulterklopfen. Nachdem ich meine Schuhe ausgezogen hatte, ging ich hinter ihr her. “Das ist unser neues Haus. Wisst ihr, meine Eltern kaufen alle paar Jahre ein Neues, diese Fertigh¨auser sind der Wahnsinn – in nicht ein mal einer Wochen steht es fertig da. Dieses heißt “Modern Living.“, im . . . a¨hhhm Bauhausstil. Wir haben ein Erdgeschoß, ein Stockwerk, eine Galerie, einen Kamin, ein Studio auf dem Dachgarten und das alles in 240 qm Wohnraum untergebracht.“ Sie hat ein Glas Sekt in der Hand gehalten, w¨ahrend sie uns z¨ ugig durch das Haus f¨ uhrte. Routiniert wanderte ihr Finger umher und blieb an unbedeutenden Details h¨angen (ein T¨ urknauf hier ein Seifenspender dort), die ihrzufolge ”ganz sch¨on 9


tricky”waren. Ihr junges Gesicht l¨achelte ununterbrochen, w¨ahrend sie sagte, dass ihre Eltern dieses getan, jenes besessen, dort schon waren. Alles schien hier leicht von der Hand zu gehen. Das Haus ist wie aus einem cremefarbenen Guss gewesen, die Decken gingen in die W¨ande, die W¨ande in die Leisten, die Leisten in den Teppich u ¨ber – nichts war unpasssend oder st¨orend, nichs war irgendwie benutzt. Alles ist neu gewesen. Nirgendwo waren Familienbilder aufgehangen oder altes Kinderspielzeug aufgestellt worden. Loreens Elternhaus war die Abwesenheit von Erinnerung. Nachdem die F¨ uhrung vorbei war, stand ich auf der Galerie und sah durch die quadratische Glasfront in den Garten. Durch die Halbspiegelung der Dunkelheit habe ich schemenhaft zwei auf einer kleinen Bank im Garten sitzen gesehen. Zwischen ihnen war eine leere Stelle N¨ahe geklemmt, sie haben zusammen r¨ ucken wollen und schienen dar¨ uber zu lachen, dass es einfach nicht kalt genug war um diese Stelle zu u uhrung ist in diesem Sommer zur absichtlichen Hand¨berwinden. Jede Ber¨ lung geworden, jede Stelle ist warm umarmt gewesen. Dann sah ich sie u ¨ber ihn gebeugt, da habe ich ihren legeren Dutt erkannt und seine Hand in ihrem Haar verschwinden gesehen. Die Party war in vollem Gange . Notiz: er wird sich von den beiden abgestoßen f¨ uhlen. den streifen tableten wird er in der champagnerflasche aufl¨osen und verteilen. w¨ahrend der orgie wird er n¨ uchtern bleiben und einen benzinkanister aus der garage nehmen. mitten in die orgie wird er einen molotowcocktail werfen. er wird als einziger u ¨berleben und von etwas berichten, dass einer leuterung nahe kommt.

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Die Maschinerie der Nacht  

erster Teil einer Kurzgeschichte.

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