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Wolfgang Platter, am Palmsonntag, 1. April 2012

Nationalpark Stilfserjoch:

Streitthema Braunbär Der Trentiner Bärenbericht 2011 ist erschienen

Die ersten Baunbären aus der Trentiner Population in der Brentagruppe haben sich offenbar im letzten Jahr auch während der Wintermonate in Südtirol aufgehalten und sind unter anderem im Gebiet zwischen Ulten und Nonsberg und Ulten und Untervinschgau herumgewandert. Die Braunbären polarisieren in der öffentlichen Meinung stark. Von den Vertretern von Artenschutzorganisationen wird der Braunbär als Glied der natürlichen Nahrungskette und Bereicherung für die Biodiversität von Arten und Lebensräumen gesehen. Die Viehhalter und Almbewirtschafter fordern den Stopp des Braunbärenprojektes und die Entfernung der Bären, welche Weidetiere während der Almsömmerung, aber auch auf Heimweiden reisen. Der grausame Tod der Weidetiere und die Entwertung der Almen werden als Argumente ins Feld geführt. Manche Viehhalter bringen ihre 38 Der Vinschger Wind 7-12

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Weidetiere auf fremde Almen, auf denen der Bär noch nicht durchgezogen ist. Auch die immer wieder artikulierten Ängste der Wanderer, Berggeher und Touristen müssen ernst genommen werden. Der Antrag des Südtiroler Landeshauptmannes zur Entfernung eines als problematisch erachteten Bären im Ultental wurde im vorigen Jahr 2011 vom Umweltministerium in Rom abgewiesen. Der Braunbär ist durch internationale Artenschutzabkommen, welche auch vom italienischen Staat ratifiziert worden sind, geschützt. Die Kompetenz zum Erlass von Maßnahmen im Zusammenhang mit verhaltensauffälligen Bären liegt beim Umweltminister, nicht bei den Ländern. In diesem Gesprächsklima der Verunsicherung und der sich verschärfenden Töne unter den Disputanten will mein heutiger Beitrag ein Versuch zur Verdichtung der

fachlichen Informationen sein. Informationsquelle ist dabei der letztjährige Bärenreport des Amtes für Wald und Wild der Autonomen Provinz Trient, der anfangs März 2012 publiziert worden ist und sich auf das Jahr 2011 bezieht.

Die Ausgangslage

Zur Erinnerung: Im Trentiner Gebirgsstock der Adamello-Brenta-Gruppe war der Braunbär als dem einzigen Ort im Alpenbogen nie gänzlich ausgestorben. Der Bärenbestand war Ende der Neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auf 3-4 Exemplare geschrumpft. In den Jahren 1999-2002 waren im Rahmen des Projektes „Life Ursus“ 10 slowenische Braunbären (3 Männchen und 7 Weibchen) freigelassen worden. Den Freilassungen war eine Habitatstudie des italienischen wildbiologischen Institutes über die Eignung des Lebensraumes vorausge-


gangen. Ebenso wurde für das Projekt zur Aufstockung der Braunbärenpopulation im Trentino vorab das Einverständnis der angrenzenden Provinzen und Regionen eingeholt.

Die verschiedenen Methoden für das Bärenmonitoring

Das Bärenmonitoring im Trentino hat eine über 30-jährige Tradition. Zu den Sichtungen als traditionelle Beobachtungstechnik sind im Laufe der Jahre neue Techniken wie die Radiotelemetrie von besenderten Tieren, die Videoüberwachung oder Fotofallen mit Infrarotlicht und seit dem Jahre 2002 die genetischen Analysen dazugekommen.

Genetische Analysen

Im Berichtsjahr 2011 konnten im Gebiet der Provinz Trient insgesamt 587 Haarund Kotproben von Bären gesammelt und genetischen Untersuchungen unterzogen werden. 258 Haarproben wurden an sogenannten Kratzbäumen eingesammelt. Bärenmännchen benutzen Kratzbäume viel häufiger als Bärenweibchen. Aus den genetischen Analysen konnten für das Jahr 2011 insgesamt 31 verschiedene Exemplare von Bären innerhalb der Grenzen der Provinz Trient identifiziert werden. Mit den genetischen Analysen kann aber nicht die gesamte Bärenpopulation erfasst werden. Der Trentiner Bärenreport 2011 geht von einer Braunbären-Population von 33-36 Individuen aus. Die angenommene Mindestgröße der Bärenpopulation von 33 Tieren bilden 15 Männchen, 13 Weibchen und 5 Tiere, deren Geschlecht derzeit undefiniert ist. Das Geschlechterverhältnis zwischen Männchen und Weibchen von geschlechtsdefinierten 28 Bären liegt bei 1:0,87. Im Vergleich der letzten Jahre haben die Braunbären seit dem Jahre 2009 von 29 Tieren um 5 Bären auf die genannten mindestens 33 Tiere zugenommen. Im Jahre 2011 waren 4 Würfe mit insgesamt 6 Jungen zu verzeichnen. In den letzten 10 Jahren waren somit insgesamt 27 Würfe mit 53 Jungen zu registrieren (22 Weibchen, 26 und 5 Jungen unbekannten Geschlechts ). Die durchschnittliche Größe eines Wurfes lag für den Zeitraum 2002-2011 bei 1,96 Jungen. Zur Altersstruktur der Mindestpopulation von 33 Tieren kann gesagt werden, dass sie Ende 2011 17 erwachsene Bären, 10 Jungbären und 6 Junge unter einem Jahr umfasste. Der Altersdurchschnitt betrug im Jahre 2011 4,6 Jahre und ist leicht absinkend.

Die Ausbreitung

Im Zeitraum 2005-2011 konnten die Auswanderungen von insgesamt 16 Bären aus dem Trentino dokumentiert werden. Es waren allesamt männliche Jungbären. Bisher ist kein Fall einer Auswanderung eines weiblichen Bären aus dem Kerngebiet im westlichen Trentino bekannt und bestätigt. Von diesen 16 Jungbären sind 2 nach staatlichen Erlässen im Ausland abgeschossen worden, ein Tier wird seit dem Jahre 2005 als verschwunden geführt und ein weiteres Exemplar konnte im Jahre 2011 nicht nachgewiesen werden. Von den 12 im Jahre 2011 erfassten Jungmännchen auf Wanderschaft sind 7 wieder in das Trentino zurückgewandert, 3 halten sich in den Nachbargebieten auf, davon M8 in Südtirol. Ein Bär wird als Auswanderer in die dinarisch balkanische Braunbärenpopulation geführt.

Die Raumnutzung

Das Kerngebiet der Bären liegt nach wie vor im westlichen Trentino in der Brenta- und Paganella-Gruppe und in Judikarien. Die Weibchen bestreichen ein Gebiet von 862 km² (z. Vgl. 2009: 955 km²). Das Streungebiet der Männchen ist mit 16.256 fast 20 Mal so groß wie jenes der Weibchen.

Schadensabgeltung

Im Trentino wurden im Jahre 2011 134 (zum Vergleich 2010 256) Meldungen von Raubtierschäden gemacht, 123 davon wurden auf Braunbären zurückgeführt (2010: 224). Die Schadensabgeltung erfolgt seit dem Jahre 1976 zu 100 %. Für die Abgeltung der Bärenschäden wurden im Trentino im letzten Jahr insgesamt 43.230,75 € aus Mitteln des Landehaushaltes aufgewendet(z. Vgl. 2010: 118.075,87 €). Die Abnahme der Schadenssumme von 2010 auf 2011 wird im Trentiner Bärenreport auf das gute Wachstum von Wildbeerenfrüchten im Sommer 2011 zurückgeführt. In Südtirol mussten für die Abgeltung von Bärenschäden im Vorjahr insgesamt 16.800,00 € aus Mitteln des Landeshaushaltes aufgewendet werden. Für die Abgeltung von Schadensrissen durch den Wolf wurden hingegen 1.500 € ausgegeben. Aus den Angaben des Amtes für Jagd und Fischerei der Autonomen Provinz Bozen Südtirol zu den Schadensfällen durch die Großraubtiere in Südtirol im Jahre 2011 geht hervor, dass der Verlust von insgesamt 20 Haustieren in 10 Angriffen der großen Beutegreifer zu verzeichnen war und 44 Bienenvölker zerstört wurden.

Bildernachweis: Archive der Autonome Provinz Trient, des Naturparks Adamello und des Nationalparks Stilfserjoch

Der Braunbär ist ein Sohlengänger

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