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ATLAS | NATIONALPARK STILFSERJOCH


Nationalpark Stilfserjoch

1. Die Schutzgebiete in Italien

Am 3. Dezember 1922 wurde der erste Nationalpark Italiens gegründet, der Nationalpark Gran Paradiso. In dieser für das Land schwierigen Zeit war dies der erste Schritt auf einem langen und mühsamen Weg, um schließlich etwa 10 % des nationalen Gebietes unter Schutz zu stellen. Der unerwartete Erfolg wurde nach langwierigen Verfahren erreicht und der Verdienst dafür gebührt den Regierungen, den Umweltvereinen und den Bürgern, die immer mehr Verständnis für den Umweltschutz und eine nachhaltige Entwicklung hatten. Ein wichtiger Schritt in dieser Entwicklung war die Verabschiedung des Rahmengesetzes Nr. 394, das vom italienischen Parlament im Dezember 1991 erlassen wurde. Es handelt sich immer noch um das grundlegende Gesetz, mit dem die Kategorien der Schutzgebiete definiert und das offizielle Verzeichnis der Schutzgebiete erstellt wurde (2010 wurde die sechste aktualisierte Version veröffentlicht). Gegenwärtig werden im Verzeichnis folgende Schutzkategorien aufgelistet: Nationalparke Nationalparke sind verhältnismäßig große, natürliche Gebiete auf dem Land oder im Wasser, die ausgewiesen werden, um • die ökologische Unversehrtheit eines oder mehrerer Ökosysteme im Interesse der heutigen und kommender Generationen zu schützen; • Nutzungen oder Inanspruchnahme, die den Zielen der Ausweisung abträglich sind, auszuschließen und • eine Basis für geistig-seelische Erfahrungen sowie Forschungs-, Bildungs- und Erholungsangebote für Besucher zu schaffen. Sie müssen alle umwelt- und naturverträglich sein. Regionale und interregionale Naturparke Naturparke sind Gebiete auf dem Land oder auf dem Wasser oder eventuell von Küstenstreifen, mit einer besonderen Umwelt und Naturausstattung, die in einer oder mehreren angrenzenden Regionen ein zusammenhängendes Schutzgebiet bilden, unter besonderer Berücksichtigung der Natur, der Landschaft sowie der Kultur und Tradition der lokalen Bevölkerung. Naturreservate Naturreservate sind kleinere Gebiete auf dem Land oder auf dem Wasser, in denen ein oder mehrere Pflanzen- oder Tierarten oder ein oder mehrere Ökosysteme vorkommen,

die für die biologische Vielfalt und den Naturschutz wichtig sind. Die Naturreservate können, je nach Bedeutung ihrer Naturausstattung, vom Staat oder von der Region verwaltet werden. Feuchtgebiete von internationaler Bedeutung im Sinne der Ramsar-Konvention sind Feuchtwiesen, Moor- und Sumpfgebiete oder Gewässer, die natürlich oder künstlich, dauernd oder zeitweilig, stehend oder fließend, Süß-, Brackoder Salzwasser sind, einschließlich solcher Meeresgebiete, die eine Tiefe von sechs Metern bei Niedrigwasser nicht übersteigen. Andere Schutzgebiete Es handelt sich dabei um Schutzgebiete, die nicht in die oben angeführten Kategorien eingeordnet werden können (Schutzgebiete und/oder Jagdreservate, städtische Parks, usw.). Sie werden eingeteilt in öffentlich verwaltete Gebiete, errichtet auf der Grundlage von Regionalgesetzen oder ähnlichen Verordnungen, oder in privat geführte Gebiete, gegründet mit öffentlich-rechtlichen Verordnungen und die in Konzession oder ähnlichen Vertragsformen geführt werden. Das erste offizielle Verzeichnis wurde 1993 genehmigt. Seither wurde die Liste ständig mit weiteren Schutzgebieten erweitert. Im Laufe der Jahre hatte die Kategorie »Andere Schutzgebiete« eine deutliche Zunahme regionaler und lokaler Schutzgebiete zu verzeichnen. Diese Schutzgebiete sind sehr kapillar gestreut und bilden ein ökologisches Informationsnetz über das gesamte Staatsgebiet. Seit der Genehmigung der Gesetze Nr. 344/1997 und 426/1998 wurden sechs weitere Nationalparks gegründet, und zwar Asinara, Sila, Cinque Terre, Appennino Tosco-Emiliano, Alta Murgia und Appennino Lucano - Val d’Agri - Lagonegrese. Eine wichtige Neuheit für die italienischen Schutzgebiete ist die Einführung territorialer Systeme, nach denen das nationale Gebiet in große Bioregionen eingeteilt wird, und zwar in die Bioregionen Alpen, Apennin, Kleinere Inseln und Meeresschutzgebiete. In dieser neuen Sichtweise werden die Schutzgebiete wichtige Trittsteine im Netzwerk dieser großen Bioregionen, wobei die Parke Beispiel gebend sein können für eine nachhaltige Entwicklung, die dann auch außerhalb der geschützten Gebiete Anwendung finden soll. Diese Aufgabe, die den Parken schon mit dem Rahmengesetz zugedacht

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wurde, ist noch wichtiger, wenn man bedenkt, dass Parke in dünn oder auch dicht besiedelten Gebieten liegen (zum Beispiel der Nationalpark Cinque Terre oder Vesuvio) und daher unterschiedliche Modelle für eine nachhaltige Entwicklung sein können. In diesem Zusammenhang wurden Projekte gestartet, um die Systeme für das Umweltmanagement auch in den Schutzgebieten anzuwenden bzw. wurden Kontrollverfahren eingeführt, um die Auswirkungen auf die Umwelt zu prüfen und den Verbrauch der Rohstoffe zu reduzieren, mit dem Ziel, eine kontinuierliche Verbesserung der Umwelt zu erreichen. Nach fast 20 Jahren seit Inkrafttreten des Rahmengesetzes sind durchaus positive Ergebnisse zu verzeichnen, wie etwa die Ausweisungen neuer Nationalparke. Vor allem aber wurde eine einheitliche gesetzliche und organisatorische Grundlage für die Nationalparke geschaffen. Im letzten offiziellen Verzeichnis von 2010 sind 24 Nationalparke, 27 Meeres-Naturparke, 512 staatliche und regionale Reservate und 134 regionale Naturparke aufgelistet. . Leider wurde das Rahmengesetz zu zögerlich umgesetzt, so dass gegenwärtig noch einige Nationalparke nicht über die entsprechenden Verwaltungsinstrumente verfügen, wie die Parkordnung, den Parkplan und den mehrjährigen Entwicklungsplan der Gebietskörperschaften. Für die Regionalparke sieht das Rahmengesetz die Einbindung der lokalen Verwaltungen im Schutzgebietsmanagement vor, was in einigen Fällen noch nicht zur Gänze erfolgt ist. Trotz der in den letzten Jahren in Italien erzielten Fortschritte im Bereich des Naturschutzes ist der Weg noch lang, bis die Parke ihre Möglichkeiten für einen effizienten Naturschutz, für die Umweltbildung und eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung voll nutzen. Damit die bisherige lange und schwierige Aufbauarbeit nicht umsonst war, die in Italien immerhin zu einem bedeutenden Anteil an geschützten Flächen geführt hat, müssen nun die Schwerpunkte auf die vorrangigen Ziele einer nachhaltigen Entwicklung gelegt werden. Diese sehen auf gesamtstaatlichem Gebiet ein dichtes und ausgedehntes Netz an Schutzgebieten als eine der wichtigsten Maßnahmen vor.


NAME

REGION

WICHTIGE GESETZLICHE GRUNDLAGEN (***)

FLÄCHE LAND (ha)

Nationalpark Maiella

ABRUZZEN

L. 394, 06.12.91 - D.P.R. 05.06.95

62.838

Nationalpark Abruzzo, Lazio und Molise

ABRUZZEN, LATIUM, MOLISE

R.D.L. 257, 11.01.23 - D.P.C.M. 26.11.93 - D.P.R. 24.01.00

49.680

Nationalpark Pollino

BASILICATA, KALABRIEN

L. 67, 11.03.88 - L. 305, 28.08.89 - D.P.R. 15.11.93 - D.P.R. 02.12.97

171.132

Nationalpark Gran Sasso und Monti della Laga

ABRUZZEN, MARKEN, LATIUM

L. 394, 06.12.91 - D.P.R. 05.06.95

141.341

Nationalpark Aspromonte

KALABRIEN

L. 305, 28.08.89 - D.P.R. 14.01.94

64.153

Nationalpark Sila

KALABRIEN

L. 344, 08.10.97 - D.P.R. 14.11.02

73.695

Nationalpark Cilento e Vallo di Diano

KAMPANIEN

L. 394, 06.12.91 - D.P.R. 05.06.95

178.172

Nationalpark Vesuvio

KAMPANIEN

L. 394, 06.12.91 - D.P.R. 05.06.95

7.259

Nationalpark Foreste Casentinesi, Monte Falterona, Campigna

EMILIA ROMAGNA, TOSKANA

L. 305, 28.08.89 - D.P.R. 12.07.93

31.038

Nationalpark Appennino Tosco-Emiliano

EMILIA ROMAGNA, TOSKANA

D.P.R. 19.05.01

22.793

Nationalpark Circeo

LATIUM

R.D.L. 285, 25.01.34 L. 179, 31.07.02

5.816

MEER (ha)

Nationalpark Cinque Terre

LIGURIEN

L. 344, 08.10.97 - D.P.R. 06.10.99

3.860

Nationalpark Monti Sibillini

MARKEN, UMBRIA

L. 67, 11.03.88 - L. 305, 28.08.89 - D.P.R. 06.08.93

69.722

4.591

Nationalpark Val Grande

PIEMONT

L. 394, 06.12.91 - D.P.R. 23.11.93 - D.P.R. 24.06.98

11.340

Nationalpark Gran Paradiso

PIEMONT, AOSTATAL

R.D.L. 1584, 03.12.22 - D.P.R. 05.08.47 D.P.R. 27.05.09

71.044

Nationalpark Gargano

APULIEN

L. 394, 06.12.91 - D.P.R. 05.06.95

118.144

Nationalpark Arcipelago di La Maddalena

SARDINIEN

L. 10, 04.01.94 - D.P.R. 17.05.96

5.100

Nationalpark Golfo di Orosei und Gennargentu

SARDINIEN

D.P.R. 30.03.98 - D.P.R. 10.11.98 - D.P.R. 22.07.99

73.935

Nationalpark Asinara

SARDINIEN

L. 344, 08.10.97 - D.P.R. 03.10.02

5.170

10.840

Nationalpark Arcipelago Toscano

TOSKANA

L. 305, 28.08.89 - D.P.R. 22.07.96 - DM 19.12.97

16.856

56.765

Nationalpark Stilfserjoch

TRENTINO SÜDTIROL, LOMBARDEI

L. 740, 24.04.35 - D.P.C.M 26.11.93 - D.P.R. 07.07.06

130.734

Nationalpark Dolomiti Bellunesi

VENETIEN

L. 67, 11.03.88 - L. 305, 28.08.89 - D.P.R. 12.07.93 - D.P.R. 09.01.08

31.033

Nationalpark Appennino Lucano - Val d’Agri - Lagonegrese

BASILICATA

D.P.R 08.12.07

68.996

Nationalpark Alta Murgia

APULIEN

D.P.R 10.03.04

68.033

15.0046

(***) L = Legge = Gesetz R.D.L. = Regio Decreto Legge = Königliches Dekret D.P.R. = Decreto Presidente della Repubblica = Dekret des Präsidenten der Republik

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Nationalpark Stilfserjoch

3. Der Nationalpark Stilfserjoch

Der Nationalpark Stilfserjoch hat eine Gesamtfläche von 130.734 ha und umfasst das gesamte Gebiet der Ortler-Cevedale-Gruppe. Orographisch handelt es sich um klar definierte Hauptgebirgszüge, einem »Y« ähnlich, die vom Cevedale (3.769 m) ausgehen. Von diesen Hauptkämmen ausgehend zweigen kleinere Gebirgszüge ab, die zusammen eine fächerförmige Gebirgsgruppe mit ausgedehnten Gletschern abgeben. Die Gebirgszüge grenzen eine Reihe von Tälern ab, die sich sternförmig von der Ortler-Cevedale-Gruppe aus verzweigen. Das ausgedehnte Gletschergebiet speist ein dichtes Netz von Fließgewässern der Einzugsgebiete von Adda, Noce, Oglio, Etsch und Inn. Im Parkgebiet liegen mehr oder weniger ausgedehnte Gebiete des oberen Veltlin und der Valle di Livigno, der Alta Valcamonica und des Sulzberges sowie des Vinschgaus. Die Haupttäler, die zur Gänze oder teilweise in das Parkgebiet fallen, sind folgende: • im Veltlin: Valfurva, Valle del Gavia, Valle dei Forni, Val Zebrù, Valle del Braulio, Valle della Forcola, Valle di Fraele, Valle Alpisella, Val Vezzola, Val di Rezzalo, Valdidentro (Einzugsgebiet der Adda), Valle dello Spöl, Val Saliente, Valle del Gallo (Einzugsgebiet Inn-Donau); • im Gebiet der Valcamonica: Val Grande, Val Canè, Valle delle Messi e Valle di Viso (Einzugsgebiet des Oglio); • im Trentiner Teil: Val di Peio, Val de la Mare, Val del Monte, Val di Rabbi, Val di Cercen, Val di Saent (Einzugsgebiet des Noce); • im Südtiroler Teil: Ulten- und Martelltal, Laaser Tal, Trafoi-, Sulden- und Münstertal (Einzugsgebeit der Etsch). Es ist nicht möglich, das Parkgebiet der Ortler-CevedaleGruppe zur Gänze zuzuordnen, da die Grenze einmal über die Bergrücken und dann durch die Täler verläuft oder in einigen Fällen größere Gebiete eines Tales ausschließt. Andererseits sind auch einige Gebiete außerhalb der Ortlergruppe Teil des Nationalparks wie die Täler von Livigno und Cancano. Diese Gebiete wurden erst später dem Nationalpark angegliedert, um so eine Anbindung an den Schweizer Nationalpark zu erreichen und ein zusammenhängendes Schutzgebiet zu schaffen. Die Nationalparkfläche liegt zu einem Gutteil oberhalb von 2000 m Höhe. Es handelt sich also um einen Hochgebirgspark mit etwa 150 Gletschern. Der größte von ihnen ist der Forni-Gletscher im gleichnamigen Tal, mit einer Ausdehnung von 1.200 ha. Außer den großen Wasservorräten, die auch zur Stromproduktion genutzt werden, beherbergt der Park ausgedehnte Wald und Weidegebiete, die sich bis oberhalb von 2000 m Höhe

ausdehnen. Die größeren Ortschaften liegen hauptsächlich in den Talböden, kleinere befinden sich auf den günstigen Hanglagen. Die Kulturlandschaft ist stark von der traditionellen Berglandwirtschaft geprägt, vor allem in jenen Gebieten, wo diese Wirtschaftsform den Haupterwerb darstellt. Andere Gebiete haben schwerwiegende landschaftliche Veränderungen durch einen unkontrollierten Tourismus erfahren, der wenig Rücksicht auf Natur und Landschaft des Gebietes nahm. Der Nationalpark Stilfserjoch im Zentrum eines wichtigen territorialen Systems Der Nationalpark Stilfserjoch, beherrscht von majestätischen Berggipfeln, von der Stille der Gletscher und Wälder, ist seit Jahrhunderten durch bedeutende Verkehrswege mit der Außenwelt verbunden, über die ein Austausch zwischen den alpinen Völkern erfolgte. Heute ist die Autobahn und Eisenbahn über den Brenner die wichtigste Verbindung, aber nicht minder von Bedeutung – auch wenn etwas beschwerlicher – sind die Verkehrswege durch das Veltlin (mit dem Einzugsgebiet von Mailand und der Schweiz), die Verbindungen mit der Schweiz durch das Münstertal (Ofenpass), durch das Puschlav (mit Straße und Eisenbahn des Berninapasses) und das Tal von Livigno. Von großer, wenn auch nur von saisonaler Bedeutung ist die Straße über das Stilfser Joch als Verbindung zwischen dem Veltlin und dem Vinschgau sowie die Straße durch das Schweizer Münstertal über den Umbrail- und den Gaviapass. Letzterer verbindet das Obere Veltlin mit der Valcamonica. Wegen seiner großartigen Naturausstattung und seiner zahlreichen Verbindungswege, die einen reger Austausch zwischen der Bevölkerung ermöglichen, steht der Nationalpark für eine zeitgemäße und zukünftige Vision einer alpinen Umwelt, aber auch als Ort der Begegnung zwischen den Völkern und Kulturen. In diesem Zusammenhang setzt sich immer mehr die Idee alpiner Räume ohne lokale oder nationale Grenzen durch, die in der Alpenkonvention ihre institutionelle Bestätigung findet. Diesbezüglich können und müssen die Parks eine zentrale Rolle in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit spielen, sei es auf nationaler wie internationaler Ebene. Die Parkverwaltungen müssen auf der Grundlage ihrer wissenschaftlichen Kompetenz und der Erfahrungen im Schutzgebietsmanagement ihre Zuständigkeit für eine nachhaltige Verwaltung der Naturgüter wahrnehmen, die gleichzeitig eine weitere Entwicklung und Verbesserung des

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Lebensstandards für die Bevölkerung garantieren. Immer mehr setzt sich die Idee einer vernetzten Kooperation zwischen den Parkverwaltungen, den lokalen Körperschaften und Gemeinden durch, die letztlich zu einem verbesserten Schutz führt und zum Wohle aller gereicht. In den Zentralalpen gibt es eine Vielzahl von Schutzgebieten, die den Aufbau eines lokalen Netzwerkes für eine Zusammenarbeit im alpinen Raum nahe legen. Dieses Gebietssystem zeichnet sich tatsächlich durch den enormen Reichtum an Naturgütern, die wichtigen geschichtlich-kulturellen Beziehungen, den besonderen Standort und die wirtschaftliche Bedeutung der beteiligten Regionen aus. Zu diesem Schutzgebietssystem zählen der Schweizer Nationalpark, der im Nordwesten an den Nationalpark Stilfserjoch grenzt, die Naturparke Adamello Brenta und Adamello, die im Süden bzw. im Südwesten des Nationalparks Stilfserjoch liegen. Der Schweizer Nationalpark liegt im Kanton Graubünden im Osten der Schweiz. Er ist der einzige Nationalpark und mit 170 km2 das größte Schutzgebiet der Schweiz. Nach den Schutzgebietskriterien der IUCN (International Union for the Conservation of Nature and Natural Resources) gehört der Schweizer Nationalpark zur Kategorie II (Nationalparke – Gebiete zum Schutz der Ökosysteme und mit Erholungsfunktion). Die Gründung des Schweizer Nationalparks im Jahre 1914 war ein Meilenstein in der Naturschutzgeschichte. Er war der erste Nationalpark in den Alpen und Mitteleuropas. Es handelt sich um ein alpines Schutzgebiet mit Wald, alpinen Rasen und Felsregionen. Die Natur darf sich völlig frei entwickeln und entfalten, der Mensch bleibt im Hintergrund. Der Besucher darf sich nur auf festgelegten Wanderwegen im Schutzgebiet bewegen und ist Zeuge der dynamischen Prozesse, die diesem Gebiet den unverkennbaren Charakter verleihen. Im Schutzgebiet wird eine intensive Forschungsarbeit in verschiedenen Bereichen betrieben, sei es von der Parkverwaltung selbst als auch von Universitäten und Instituten, immer unter der Leitung einer Forschungskommission, einem Organ der Akademie der Naturwissenschaften der Schweiz. Der Nationalpark ist eine staatliche Einrichtung. Das oberste Entscheidungsgremium der öffentlich-rechtlichen Stiftung ist die Eidgenössische Nationalparkkommission ENPK. Sie setzt sich aus neun Mitgliedern zusammen, die vom Bundesrat ernannt werden und Vertreter folgender Organisationen sind: Schweizerische Eidgenossenschaft, Pro Natura, Akademie der Naturwissenschaften der Schweiz, Kanton Graubünden und

Parkgemeinden. Der Naturpark Adamello Brenta Geopark hat eine Ausdehnung von 620,5 km2 und liegt zwischen der Brentagruppe im Osten und dem Adamello-Massiv im Westen, geteilt durch das Rendena-Tal. Die Höhenstufen der abwechslungsreichen Landschaft reichen von 400 m bis 3.500 m Höhe der Presanella. Die Täler zählen zu den schönsten in den Alpen, sind reich an Gletschern und Wasser und beherbergen eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt. Bereits 1919 fanden erste Gespräche für einen Schutz statt, doch erst im Jahre 1967 wurde das Gebiet von der Autonomen Provinz Trient zugleich mit dem Naturpark Paneveggio Pale di S. Martino als erster Naturpark Italiens ausgewiesen. 1987 wurde die Parkfläche bis zur heutigen Größe erweitert. Die Parkverwaltung versucht das Jahrtausende alte Naturerbe in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung zu erhalten. Mit dem Parkplan werden raumordnerische Maßnahmen im Parkgebiet, der Schutz und die Aufwertung der Natur und Landschaft geregelt. Für Maßnahmen zum Schutze der Tierwelt gibt es einen eigenen Fachplan. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts hat sich die Parkverwaltung in besonderem Maße für die Wiederansiedlung des Braunbären im Parkgebiet und in den Zentralalpen eingesetzt. Inzwischen ist der Bestand angewachsen, und die Population wächst rasch an. Der Regionalpark Adamello umfasst die gesamte Lombardische Seite der Adamello-Gruppe. Er befindet sich in der Valcamonica, im östlichsten Teil der Provinz Brescia, weist eine Fläche von 510 km2 auf und reicht vom Tonalepass bis zum Pass Crocedomini. Erste Ansätze für einen Schutz dieses Teils der Rätischen Alpen gehen ebenfalls auf das Jahr 1919 zurück. Trotz mehrerer Initiativen wurde das Gebiet erst 1973 von einer Parkkommission in ein Verzeichnis schützenswerter Gebiete aufgenommen. 1983 wurde der Park dann ausgewiesen. Er wird von der Berggemeinschaft Valcamonica verwaltet. Die Naturlandschaft des Parks zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Flora aus, mit zahlreichen seltenen und endemischen Arten. Beeindruckend sind auch die ausgedehnten Gletscher und die hydrogeologischen Landschaftselemente. Die Bedeutung dieses Parks liegt nicht zuletzt auch darin, dass er den Nationalpark Stilfserjoch mit dem Naturpark Adamello Brenta Geopark zu einem großen Schutzgebiet verbindet.


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Nationalpark Stilfserjoch

4. Der Nationalpark Stilfserjoch und der Umweltschutz

Schutzkategorien Auf der Grundlage des Rahmengesetzes werden mit dem Parkplan vier Schutzkategorien unterschieden: A-Zone: Kernzone B-Zone: Bewahrungszone C-Zone: Übergangsgebiete D-Zone: Entwicklungszone Die A-Zone oder Kernzone umfasst natürliche oder naturnahe Gebiete oder solche, die nur einen sehr geringen menschlichen Einfluss aufweisen oder schon in der Vergangenheit durch die Nutzung verändert worden waren. In dieser Zone ist eine naturverträgliche Entwicklung möglich (Fläche 48.904 ha, gleich 37% der Gesamtfläche). Die B-Zone oder Bewahrungszone weist Ökosysteme mit großer Naturnähe auf. Auf diesen Flächen wird eine extensive Forst- und Weidewirtschaft betrieben, mit begrenzten Ansiedlungen nur für die saisonale sommerliche Nutzung (Fläche 58.153 ha, gleich 44% der Gesamtfläche). Die C-Zone oder das Übergangsgebiet betrifft die besiedelten Kulturlandschaften, charakterisiert durch eine nachhaltige berglandwirtschaftliche Nutzung und eine schonende touristische Nutzung im ländlichen Raum (Fläche 19.426 ha, gleich 15% der Gesamtfläche). Die D-Zone oder Entwicklungszone wird in zwei Unterzonen unterteilt: Die D1-Zone umfasst den ländlichen Siedlungsraum, jene

Schutzzonen im Nationalpark Stilfserjoch 70

Fläche (in % zur Gesamtfläche)

Ein wesentliches Lenkungsinstrument ist der Nationalparkplan. Die Ziele des Parkplans sind der Schutz und die Förderung des Naturschutzes, die Bewahrung der Ökosysteme, der Schutz der Tiere, der Pflanzen und der Lebensräume sowie der Erhalt der Landschaft in ihrer Gesamtheit als Natur- und vom Menschen gestaltete Kulturlandschaft. Ein weiteres Anliegen ist der Schutz der kulturellen, archäologischen, geschichtlichen und sozioökonomischen Interessen der örtlichen Bevölkerung, die Information und Umwelterziehung, die Forschung und die naturverträgliche Erholung im Einklang mit den Hauptzielen des Nationalparks. Der Parkplan wurde erst kürzlich von der Parkverwaltung erstellt und behängt zur Genehmigung beim Umweltministerium, welche im Einvernehmen mit der Region Lombardei und den beiden Provinzen Bozen und Trient erfolgen muss. Der Plan sieht eine Einteilung des Gebietes in verschiedene Schutzzonen vor. Die Zonierung der Nationalparke ist vom Rahmengesetz Nr. 394/91 vorgesehen, im Lichte einer modernen Sichtweise eines Schutzes, der die Nationalparke und andere Schutzgebiete nicht als »isolierte Inseln« sieht, in denen nur Naturschutzziele verfolgt werden, sondern in denen auch eine nachhaltige und naturschonende Entwicklung für die Wohnbevölkerung möglich ist. Eine Zonierung ist vor allem in einem so großen Gebiet wie dem Nationalpark Stilfserjoch notwendig, wo natürliche und naturnahe Lebensräume neben stark vom Menschen genutzten Landschaften vorkommen, um die Konflikte zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung und den Anforderungen des Naturschutzes zu lösen.

53 %

Zone A Zone B Zone C Zone D1/D2

50 %

50

45 % 40 %

38 % 30

21 %

22 %

10 0

4% Südtirol

10 % 2% Lombardei

10 % 5% Trentino

Gebiete, in welchem die Anthropisierung am höchsten ist und Maßnahmen der sozio-ökonomischen Förderung und Entwicklung für die lokale Bevölkerung möglich sind (Fläche 1.433 ha, gleich 1% der Gesamtfläche). Die D2-Zone betrifft Gebiete unterschiedlicher Sensibilität, die in der Regel von nachhaltiger Wirtschaftsweise geprägt und auf die Nutzung der Naturgüter ausgerichtet sind, wie die Produktion von hydroelektrischer Energie, Aufstiegs- und Beschneiungsanlagen, Skipisten, Freizeitaktivitäten und Abbautätigkeiten in Steinbrüchen und Schottergruben (Fläche 2.812 ha, gleich 2 % der Gesamtfläche). Gebiete im Park, die eine außergewöhnliche Naturausstattung aufweisen, von großem Interesse für die Forschung sind oder sonst besondere Orte oder Erscheinungen sind, können als Sonderschutzgebiete ausgewiesen werden, zum Zwecke der

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Forschung, zur Kontrolle und zum Schutz der spontanen und natürlichen Abläufe oder zur Abgrenzung von Ökosystemen oder Teilen davon, die ausschließlich einer natürlichen Entwicklung überlassen werden sollen. Derzeit sind vier Sonderschutzgebiete zum Schutz der entsprechenden Waldgesellschaft abgegrenzt worden und zwei weitere, die den Schutz von Feuchtgebieten betreffen. Die Abgrenzung der Gebiete erfolgte auf der Grundlage von Erhebungen des Naturzustandes der verschiedenen Lebensräume sowie der Landschaft, wobei die Nutzung der Gebiete oder vorhandene Einrichtungen in der Bewertung berücksichtigt wurden. Die kartografische Unterlage des Parkplanes wurde im Maßstab 1 : 10.000 erstellt.

Die Neuabgrenzung Mit Dekret des Staatspräsidenten vom 7. Juli 2006 »Neuabgrenzung des Nationalparks Stilfserjoch« wurden die Grenzen des Parks neu festgelegt. Das Dekret hat das heftig diskutierte Problem gelöst, dass im Vinschgau bisher die intensiv bewirtschafteten Landwirtschaftsflächen der Talsohlen und Gewerbegebiete im Parkgebiet lagen. In diesen nun ausgeklammerten Gebieten befinden sich durchaus wertvolle Lebensräume, wie der Auwald von Tschengls oder die Prader Sand, die das größte und bestens erhaltene Mündungsgebiet eines Baches in Südtirol aufweist. Der Auwald von Tschengls ist als Besonderes Schutzgebiet (IT3110004) und als Biotop, die Prader Sand teilweise als Biotop im Sinne des Landschaftsschutzgesetzes geschützt.


Flächenanteile im Parkgebiet nach Höhenstufen 25000 Höhenstufen unter 500 m 500 - 1000 1000 - 1500 1500 - 2000 2000 - 2500 2500 - 3000 3000 - 3500 über 3500 m

Fläche (Hektar)

20000

15000

10000

5000

0

Südtirol

Lombardei

Trentino

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Nationalpark Stilfserjoch Steinadler Der Steinadler (Aquila chrysaetos, Ordnung Falconiformes, Familie Accipitridae) ist der einzige große Beutegreifer, der trotz der Verfolgung des Menschen im Alpenraum nie ausgestorben ist. Der Steinadler ist der drittgrößte Greifvogel in Italien, der nur vom Bartgeier (Gypaetus barbatus) und vom Gänsegeier (Gyps fulvus) übertroffen wird. Die gesamte Körperlänge beträgt 7588 cm, die Schwanzlänge 26-33 cm, die Flügelspannweite 204220 cm und das Gewicht 3,7-5 kg. Das Weibchen ist etwa 10% größer als das Männchen, das Gewicht kann bis zu 20% höher sein. Die Einteilung in Altersklassen erfolgt durch den Wechsel und die unterschiedliche Färbung des Gefieders in den ersten Lebensjahren. Im Laufe der Jahre verringern sich die weißen Flecken auf den Flügeln und dem Schwanz, bis das Individuum schließlich das Alterskleid erreicht.

von 2004 – 2009 betrug im Schnitt 0,50 flügge Jungvögel/Paar. Das Verhältnis der Anzahl der Jungvögel zu den erfolgreichen Brutpaaren beträgt 1,12, ein Wert, der durchaus vergleichbar ist mit den europäischen Werten.

Der Steinadler ist eine anpassungsfähige Art, bevorzugt aber die felsigen Hochgebirgsregionen mit weiten und offenen Flächen für die Jagd. In den Alpen brütet er in Höhen zwischen 760 m und maximal 2.350 m. Nur ausnahmsweise brütet er auch an höheren Stellen, bis zu einer Höhe von 2.550 m. Die Horste, eine große Ansammlung von Ästen, werden meistens in Felswänden, seltener auf Bäumen errichtet. Sie erreichen teilweise beachtliche Ausmaße, bis zu einem Meter Höhe und bis zu zwei Meter im Durchmesser.

Schutzstatus: Der Steinadler ist aufgeführt im Anhang III der Berner Konvention und im Anhang I der Vogelschutz-Richtlinie. In Italien wird er nach der Roten Liste der gefährdeten Tierarten Italiens als gefährdet eingestuft und als nicht jagdbar seit 1977, da er nach dem Staatlichen Rahmengesetz zum Schutze der Fauna und zur Jagdnutzung als besonders geschützte Art geführt wird. Im Park ist die Art nicht gefährdet.

Ergebnisse der Steinadler-Erhebungen im Park 30

Adlerreviere im Winter Adlerreviere im Herbst Erfasste Adlerreviere

Anzahl der Adler

Der Steinadler ist eine monogame Art, der über mehrere Jahre sein Brutgebiet verteidigt. Die Population wird in der Regel von adulten Paaren gebildet und von umherschweifenden Individuen (Jungvögel, nicht ausgewachsene Vögel), sogenannte »floaters«, die auch große Distanzen zurücklegen können. In den italienischen Alpen liegt der Anteil von noch nicht territorialen Steinadlern bei etwa 30% des Bestandes. Vom fünften Lebensmonat an entfernen sich die Jungvögel im weiter vom Horst. Die Entfernungen schwanken je nach Geschlecht und Lebensraumbedingungen. In den Alpen erfolgen die Paarungen zwischen Februar und April, die Ablage der Eier zwischen Mitte März und Mitte April. Die Eier werden von beiden Eltern über 42-45 Tage bebrütet. Die Jungen schlüpfen etwa Mitte Mai, nach 65-85 Tagen fliegen sie aus. In den meisten Fällen wird nur ein Junges flügge, selten zwei. Beim Steinadler ist, wie bei mindestens 27 weiteren Adlerarten, das Phänomen des Kainismus zu beobachten: der Erstgeborene drängt sich vor, holt sich das von den Eltern herbeigebrachte Futter, so dass das Jüngere verhungert und stirbt. Der Steinadler ernährt sich vorwiegend von Säugetieren und Vögeln mit einem Gewicht zwischen einem halben und fünf Kilogramm. Lebende Beutetiere überwiegen, die er während des ganzen Jahres schlägt. Im Winter frisst er auch Aas. Meistens machen ein oder zwei Beutetier-Arten den Hauptanteil seiner Nahrung aus, dies ist aber von Gebiet zu Gebiet sehr unterschiedlich. Der Nationalpark Stilfserjoch weist eine der dichtesten Steinadlerpopulationen des Alpenraums auf. Gegenwärtig kommen im Schutzgebiet mindestens 26 Paare vor, von denen 14 im Lombardischen, vier im Trentiner und acht im Südtiroler Teil brüten. Für die 18 im Lombardischen und Trentiner Gebiet vorkommenden Adlerpaare ist das jeweilige Brutgebiet genau erfasst worden. Es wurden 100 Horststandorte festgestellt, davon 72 im Lombardischen Teil (Oberes Veltlin und Valcamonica) und 28 im Trentiner Teil (Peio- und Rabbital). Im Südtiroler Teil sind 32 Horste und fünf im Engadin bekannt. Insgesamt sind 137 Horste gezählt worden, im Schnitt sind das 5,27 Horste/Paar (mind. 4 bis max. 8 pro Paar). Die durchschnittliche Arealgröße beträgt bei den 18 Paaren im Lombardischen und Trentiner Gebiet 67,6 km². Die durchschnittliche Höhenlage von 121 bekannten Horsten betrug 1992 ± 428 m. Darunter befanden sich auch die höchsten Brutstandorte Europas. Der Bruterfolg im Zeitraum

In den letzten sechs Jahren betrug der Prozentsatz der erfolgreichen Brutpaare zu den Brutpaaren im Gebiet 44,7 %. Dieser Wert ist charakteristisch für eine Adlerpopulation nahe dem Sättigungsgrad. Er steht für eine hohe Dichte, wie dies auch in 24 anderen Studien in verschiedenen europäischen Gebirgen festgestellt wurde. Im Nationalpark Stilfserjoch entsprechen die Reviergrößen den geschätzten Größen in anderen Gebieten des Alpenraums mit ähnlich hohen Dichten. Dieser Umstand weist auf eine hohe Verfügbarkeit an Beutetieren und gute Brutmöglichkeiten hin.

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10

0

2004/05

2005/06

2006/07

2007/08

Jahr

2008/09

Bruterfolg des Steinadlers im Park 2004

2005

2006

2007

2008

2009

total

Kontrollierte Paare

10

10

11

11

11

11

64

Paare mit Eiablage

8

8

9

9

6

5

45

Paare mit Bruterfolg

7

5

5

6

3

4

30

Paare mit 1 juv

7

4

5

5

2

4

27

Paare mit 2 juv

0

1

0

1

1

0

3

Ausgeflogene Jungvögel

7

6

5

7

4

4

33

0,7

0,6

0,45

0,64

0,37

0,37

0,52

Jungvögel/PmB

1

1,2

1

1,17

1,33

1

1,1

PmB/SP (%)

70

50

45,5

54,5

27,3

36,4

46,9

87,5

62,5

55,6

66,7

50

80

66,7

Nachwurchsrate

PmB/PmE (%)

PmB = Paar mit Bruterfolg SP = Steinadlerpaare PmE = Paare mit Eiablage

40


Bartgeier

Das Wiederansiedlungsprojekt

Der Bartgeier (Gypaetus barbatus) wurde zu Beginn des vorigen Jahrhunderts durch die Verfolgung des Menschen ausgerottet. Dank eines internationalen Projektes zur Wiedereinbürgerung ist der Bartgeier wieder Brutvogel in den Alpen. Er wurde zur Symbolfigur erfolgreicher Maßnahmen zum Schutze der Wildtiere auf europäischer Ebene. Der Bartgeier ist der größte brütende Greifvogel in Italien, gefolgt vom Gänsegeier (Gyps fulvus) und dem Steinadler (Aquila chrysaetos). Die Körperlänge beträgt 110-150 cm, die Flügelspannweite 250-280 cm und das Gewicht 5-7 kg. Das Weibchen ist in der Regel etwa größer, der Unterschied ist in der freien Natur aber nicht immer leicht auszumachen. Beim Altvogel ist der Kopf zur Gänze weißlich befiedert. Durch das Baden in eisenoxidhaltigem Schlamm wird das ursprünglich weiße Gefieder an Kopf, Brust und Bauch rostrot eingefärbt. Der wirkliche Grund für dieses Färbebaden ist bis heute nicht geklärt. Mögliche Erklärungsversuche reichen von der Funktion eines Statussignals über Thermoregulation und Schutz vor Parasiten. Jungvögel sind dagegen vorwiegend dunkel gefärbt und weisen eine etwas plumpere Körperform auf.

Das Wiederansiedlungsprojekt, koordiniert von der Internationalen Bartgeierstiftung »Foundation for the Conservation of the Bearded Vulture (FCBV)«, sieht die Freilassung von in Aufzuchtstationen aufgezogenen Jungvögeln vor (bis heute sind über 160 Individuen freigesetzt worden), bis schließlich ein Bestand aufgebaut ist, der ausreichend groß ist, um sich selbst fortzupflanzen und zu erhalten. Noch nicht flugfähige Jungvögel werden im Alter von drei Monaten an geeigneten Standorten ausgesetzt, die natürlichen Horstnischen sehr ähnlich sehen. Hier werden sie ohne direkten Kontakt mit dem Menschen solange gefüttert, bis sie ausfliegen. Nach dem Ausfliegen schweifen die Jungen für mehrere Jahre weit umher, bis sie schließlich ein eigenes Revier besetzen und sich verpaaren. Die freigesetzten Jungvögel werden mit Farbringen markiert, an den Schwanzfedern mit einem Satellitensender ausgestattet und einige Federn der Hand- oder Armschwingen werden gebleicht, so dass sie bis zur ersten Mauser auch im Freiland eindeutig zu erkennen sind. Seit dem Jahre 2000 wurde ein Monitoring-Projekt (International Bearded Vulture Monitoring-IBM) gestartet. Die Zählungen haben ergeben, dass derzeit etwa 120 bis 140 Exemplare im Alpenraum leben. Gegenwärtig sind 17 Brutpaare bekannt, von denen zehn sich fortpflanzen. Das Projekt verzeichnet sehr gute Erfolge, dennoch kann die Population noch nicht als stabil eingestuft werden. Die Freilassungen werden erst abgebrochen, wenn die Zahl der erfolgreichen Freilandbruten jene der jährlichen Freilassungen von 8-9 Individuen erreicht. In den Alpen schwankt der Bruterfolg noch stark: im Nationalpark Stilfserjoch gibt es derzeit die einzigen Freilandbruten in Italien, in Österreich gelang der erste Bruterfolg im Jahre 2010.

Der Bartgeier ist ein reiner Aasfresser mit Vorliebe für Knochen und das energiereiche Knochenmark. Für die Suchflüge nach Tierkadavern verbringen Bartgeier bis zu 80 % der Tageszeit. Beobachtungen zeigten, dass Bartgeier bis zu 150 km in etwa drei Stunden und täglich bis zu 700 km zurücklegen können. Der Lebensraum dieses Geiers ist das Hochgebirge oberhalb der Waldgrenze, mit reich strukturiertem felsigem Gelände mit Felswänden und Schluchten zum Bau der Horste. Weitere Voraussetzungen sind offenes Gelände für die Nahrungssuche und ein reiches Angebot wild lebender Huftiere und von Haustieren. Die durchschnittliche Reviergröße für ein Paar beträgt 120-150 km2. Eine Bartgeier-Population setzt sich aus Altvögeln und nicht Revier gebundenen Individuen (Jungvögel, nicht ausgewachsene Vögel), sogenannte »floaters«, zusammen. Letzter können große Distanzen zurücklegen (Arealgrößen von 9.000 – 13.000 km²).

Der Nationalpark bietet für den Bartgeier ideale Lebensraumbedingungen mit den weiten Hochflächen oberhalb der Waldgrenze und dem guten Nahrungsangebot wegen des hohen Bestandes an Huftieren. Die ersten Beobachtungen gehen auf das Jahr 1987 zurück; seit 1991 sind innerhalb des Parkgebietes 24 markierte Bartgeier beobachtet worden und fünf in den angrenzenden Gebieten. Im Parkgebiet und angrenzend haben vier Paare ihr Revier bezogen: das Paar von Bormio (1998), das Paar von Livigno (1999), das Paar in Valfurva (2002) und das Paar am Ofenpass. Seit der ersten erfolgreichen Brut sind im Parkgebiet 27 Jungvögel geschlüpft, das entspricht einem Anteil von 47 % der ausgeflogenen Jungvögel im Alpenraum. Zwischen den Jahren 2000 und 2008 wurden 11 junge Bartgeier im Schludertal, einem Seitental des Martelltales freigelassen.

In der Regel leben Bartgeier monogam; die Brut beginnt mit der Ablage des ersten Eies, nach 3-5 Tagen wird das zweite gelegt. Nur eines der beiden Jungen wird überleben und im Monat Juli ausfliegen. Die Aufzucht fällt in die Zeit des größten Nahrungsangebotes (Mai bis Juni), wenn nach der Schneeschmelze die Kadaver der umgekommenen Huftiere ausapern. Der Bruterfolg des Bartgeiers ist sehr niedrig so wie auch die Lebenserwartung der Jungvögel für die ersten vier Jahre. Erwachsene Bartgeier können dagegen ein hohes Alter von 20 bis 25 Jahren erreichen. Zu den Nesträubern (Eier und Jungvögel) zählen der Kolkrabe, der Uhu und der Fuchs. Bedeutende Gefahrenquellen stellen die Elektroleitungen, Seilbahn- und Aufstiegsanlagen, Windkrafträder und der starke Besucherdruck in den Hochgebirgen dar. Eine weitere Gefährdung besteht durch die Bleivergiftung, die vor allem während der Jagdzeiten und danach festzustellen ist.

Schutzstatus: aufgeführt im Anhang III der Berner Konvention und im Anhang I der Vogelschutz-Richtlinie. In Italien wird der Bartgeier nach der Roten Liste der gefährdeten Tierarten Italiens als gefährdet eingestuft und nach dem Staatlichen Rahmengesetz zum Schutze der Fauna und zur Jagdnutzung als besonders geschützte Art geführt. Im Park ist die Art nicht gefährdet.

Bruterfolg des Bartgeiers im Park 1998

1999

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2007

2008

2009

gesamt

Kontrollierte Paare

1

2

2

2

3

3

3

3

4

4

4

4

35

Paar mit Eiablage

1

2

2

2

3

3

3

3

3

4

4

4

34

Paare mit flüggem Jungvogel

1

0

2

1

3

1

3

3

3

4

3

3

27

Paare mit Bruterfolg (%)

100

0

100

50

100

33,3

100

100

75

100

75

75

75,7

41

Atlas Nationalpark  

Auszug aus der neuen Pubblikation

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