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Wolfgang Platter, am Tag des Hlg. Christophorus, 24. Juli 2011

Nationalpark Stilfserjoch:

Königinnen der Anmut Heimische Wildorchideen

Frauenschuh im Gesamthabitus – Cypripedium calceolus – Pianella della Madonna o Scarpetta di Venere. Foto: Valentino Martinelli

Bei Orchideen denken viele von uns zuallererst an auffällige Blüten von Topfpflanzen, die der Blumenfachhandel in verschiedenen Form- und Farbvarietäten anbietet und die häufig zu verschiedenen Anlässen als Zimmerpflanzen verschenkt werden. Auch in der heimischen Wildflora gibt es Orchideen von spektakulärer Schönheit. Einigen Arten dieser heimischen Wildorchideen ist der heutige Beitrag gewidmet.

Streng geschützt

Zuallererst und vorweg: Die heimischen Orchideen-Arten gehören zu den ganzjährig und streng geschützten Pflanzenarten. Bitte respektieren Sie dies. Halten Sie sich an das Verbot, Orchideen zu pflücken, auszugraben oder zu sammeln! Sie würden außer gegen das Gesetz zu verstoßen, nach dem Sammeln enttäuscht sein: Orchideen eignen sich nicht zum Herbarisieren im getrockneten Zustand. Auch das Verpflanzen in den Blumengarten nach dem Ausgraben der Knollen misslingt, weil die Wurzeln vieler Arten von heimischen Erdorchideen mit speziellen Pilzen vergesellschaftet sind und ohne den Pilzpartner und die Erde und den Boden des natürlichen Standortes eingehen.

Eigene Pflanzenfamilie

Heute sind weltweit über 25.000 Arten von Wildorchideen beschrieben. Die Or38 Der Vinschger Wind 15-11

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chideen haben ihren Verbreitungsschwerpunkt in den tropischen Regenwäldern, wo sie hauptsächlich als sogenannte Epiphyten auf Bäumen und deren Ästen vorkommen, um das Licht in der Höhe besser nutzen zu können. Unter dem dichten Blätterdach der Baumriesen wäre es am Waldboden zu schattig für die Photosynthese der Orchideen. Die einheimischen Wildorchideen sind sogenannte Erdorchideen. Sie gedeihen in verschiedenen Lebensräumen von den Sumpfwiesen bis zu den Trockenrasen und auf verschiedenen Bodensubstraten von kalkhaltigen bis sauren Böden.

Charakterisierende Merkmale

Die Vertreter der einheimischen Orchideen sind unverzweigte Stauden, meist mit knollig oder fingerartig verzweigten Wurzeln. Die Blätter sind einfach, ganzrandig und ungezähnt, mit paralleler Blattnervatur und meist etwas fleischig. Die Blüten stehen selten einzeln, sondern meistens in Ähren oder Köpfchen. Sie sind monosymmetrisch, von verschiedener Form und tragen hinten meist einen Sporn. Beim Aufblühen drehen sich die Blütenstängel der Einzelblüten in der Ähre um 180°, so dass die Oberseite der Blüte im aufgeblühten Zustand unten steht. Das untere Kronblatt ist meist größer als die seitlichen und oberen Kronblätter und wird als Lippe bezeichnet. Die

zwei seitlichen Blütenblätter sind flügelartig ausgeformt oder zusammen mit den zwei oberen Kronblättern zu einem Helm zusammengeschlossen. Orchideen werden von Insekten bestäubt. Der Pollenstaub wird bei vielen Arten als klebriges Pollenpaket („Pollinium“) von oben auf die Rückenhaare der Bestäubungsinsekten gesenkt und geklebt und so als Ganzes gezielt auf die weibliche Narbe der nächsten Orchideenblüte verfrachtet. Für diesen Bestäubungsmechanismus ist die Unterlippe der Orchideenblüte gleichsam als verlockender Landeplatz ausgebildet. Die Blüte der Hummel-Ragwurz (Ophrys holosericea) ahmt in Form und Farbe sogar so täuschend ähnlich ein Hummel-Weibchen nach, dass sie von Hummel-Männchen zur vermeintlichen Begattung angeflogen und dabei bestäubt wird. Die HummelRagwurz ist eine mediterrane bis submediterrane Orchidee auf Trockenrasen mit kalkigem Bodensubstrat. Übrigens: Wussten Sie, dass Orchideen die kleinsten und leichtesten Samen aller Blütenpflanzen erzeugen? Die Samen werden vom Wind verbreitet. Windverfrachtung ist eine relativ ungezielte Art der Samenverbreitung. Deshalb bringen Orchideen Millionen von Samen hervor. Nur durch diese „Überproduktion“ von Samen kann die Erhaltung der Art gesichert werden.


Frauenschuh – Cypripedium calceolus – Pianella della Madonna o Scarpetta di Venere

Der Frauenschuh ist eine der auffälligsten, wenn auch seltenen einheimischen Orchideen. In seiner Blüte sind die seitlichen und oberen Kronblätter rotbraun gefärbt und in sich gedreht. Die unteren Blütenblätter sind zu einer pantoffelförmigen, namengebenden Lippe geformt. Dieser Schuh bildet eine Insektenfalle zur Bestäubung der Blüten. Die Pflanze wird 30 – 50 cm hoch und gedeiht im Waldbereich, meist auf lockeren Kalkböden in Latschenbeständen.

Braunrote Sumpfwurz – Epipactis atrorubens – Elleborina violacea

Die Braunrote Sumpfwurz ist eine rot überlaufene Staude. Der Stängel ist flaumhaarig, die Blätter sind breit und zweireihig am Stängel angeordnet. Die Einzelblüten sind in einer vielblütigen Ähre angeordnet und dunkel weinrot gefärbt. Sie duften schwach nach Baldrian. Im Trafoital gedeiht die Orchidee in den Trockenrasen etwa am Dreiferner-Weg zwischen der Franzenshöhe und der Bergl-Hütte.

Geflecktes Knabenkraut – Dactylorhiza maculata – Orchidea macchiata, Concordia

Helm-Knabenkraut – Orchis militaris – Orchidea militare

Beim Gefleckten Knabenkraut ist die Lippe in der Blüte mit purpurnen Punkten und Linien gemustert und deutlich dreilappig. Der Mittellappen ist dabei größer als die seitlichen. Das Gefleckte Knabenkraut gedeiht in Wäldern und trockenen Wiesen, meist auf Kalk bis 2.200 m MH. Zur botanischen Kostbarkeit kommt auf dem Foto noch das zoologische Kleinod des Apollofalters.

Beim Helm-Knabenkraut sind die Blätter breit, glänzend und ungefleckt. Die Blüten sind in langen Ähren angeordnet und grau und lilarosa gefärbt. Die seitlichen und oberen Kronblätter formen einen Helm, der namensgebend für die Pflanze ist. Die Lippe hat 2 schmale Seitenarme und 2 breite Mittellappen und in deren Mitte noch ein kleines Spitzchen. Das Helm-Knabenkraut gedeiht auf kalkigen Böden im Gebüsch und in Magerrrasen bis auf 1.800 m MH.

Wohlriechende Handwurz – Gymnadenia odorattissima – Gimnadenia profumatissima

Männliches Knabenkraut – Orchis mascula – Orchidea maschio

Die Wohlriechende Handwurz ist eine zartere Pflanze mit grau grünen Blättern und kleinen, blassrosa oder weißen Blüten. Die Blüten riechen stark nach Vanille und geben dieser Orchideen-Art den Namen. Die Pflanze gedeiht in Magerrasen auf kalkigem Substrat bis 2.700 m MH

Das Männliche Knabenkraut gedeiht in Wiesen und in der Zwergstrauchheide bis 2.600 m MH. Die Blätter sind schmal, länglich, spitz, meist dunkelpurpurn gefleckt. Die Blüten stehen in lockeren Ähren und sind purpurn, manchmal rosa gefärbt. Die Lippe ist dreilappig, dunkel gepunktet. Der Sporn ist lang und nach oben gerichtet.

Kohlröschen – Nigritella nigra – Nigritella comune

Kohlröschen – Nigritella nigra subspec. rubra – Nigritella rossa

Das Kohlröschen, in unserem Dialekt Braunelle genannt, kennt als Bergorchidee wohl jede und jeder. Die schwarzpurpurnen Blüten in dichten, runden Köpfchen fallen in den Bergwiesen und Bürstlingsrasen bis auf 2.800 m MH besonders auf. Die Braunelle riecht ebenfalls besonders stark nach Vanille.

Vom Kohlröschen gibt es einige Farbvarietäten, bei denen die Blütenfarbe rosa, weiß, selten gelb gefleckt sein kann. Manche Autoren stufen diese Farbvarietäten als Unterarten ein. Im Bild das rot gefärbte Kohlröschen.

Bildernachweis: Archiv Nationalpark Stilfserjoch (Walter Anselmi, 5), Valentino Martinelli (1), Wolfgang Platter (3)

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