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Wolfgang Platter, am Ostermontag, 5. April 2010

Nationalpark Stilfserjoch:

Gefährdet Die Raufußhühner

Hahn des Haselhuhnes Foto:Vincenzo Martegani

Auerhahn Foto: Renato Moggi

Birkhahn Foto: Marco Andreola

Schneehuhn: Henne und Hahn Foto: Renato Grassi

Die Raufußhühner (Tetraonidae) sind eine Vogelfamilie, welche zur Ordnung der Hühnervögel (Galliformes) gehört. Neben den Raufußhühnern gehören aus der heimischen Vogelfauna noch einige Vertreter der sogenannten „Echten Hühner“ (Phasianidae) zu dieser Ordnung. Die Raufußhühner haben ihren Namen von den bis zu den Zehen befiederten Läufen. Dadurch unterscheiden sie sich unter anderem von den Echten Hühnern, welche nackte, d.h. unbefiederte Füße haben.

erstgenannten Arten werden auch als Waldhühner bezeichnet. Sie bewohnen unterschiedliche Höhenstufen des Bergwaldes. Das Schneehuhn hingegen bewohnt Hochgebirgsbereiche oberhalb der Waldgrenze. Zu den Echten Hühnern gehören neben allen Haushuhnrassen von den einheimischen Wildvögeln das Rebhuhn (Perdix perdix) die Wachtel (Coturnix coturnix), das Steinhuhn (Alectoris graeca), der Jagdfasan (Phasianus colchicus).

Die einheimischen Vertreter der Raufußhühner umfassen vier Arten: • Das Haselhuhn (Bonasa bonasia) • das Auerhuhn (Tetrao urogallus) • das Birkhuhn (Tetrao tetrix) • das Alpen-Schneehuhn (Lagopus muta) Alle vier einheimischen Raufußhühnerarten sind Standvögel. Die drei

Die Raufußhühner gehören zu jenen Vogelarten, deren Bestand rückläufig ist. Die „Rote Liste gefährdeter Tierarten Süd- tirols von 1994 weist das Haselhuhn als gefährdet, das Auerhuhn, das Birkhuhn und das Alpen-Schneehuhn als stark gefährdet aus. Als stark gefährdet wird auch das Steinhuhn als Vertreter der Echten Hühner klassifiziert.

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Bestandserhebung

Wegen des Bestandsrückganges hat die Verwaltung des Nationalparks Stilfserjoch in den vergangenen drei Jahren von 20072009 mit internem und externem Personal eine Feldforschung zur Erhebung der vier Arten der einheimischen Raufußhühner und des Steinhuhns durchgeführt. Die quantitative Erhebung der Bestände hat großflächige Probeflächen von insgesamt 9.250 Hektar im lombardischen, trentiner und südtiroler Anteil des Nationalparks betroffen. Es wurden Erhebungen im Frühjahr und im Spätsommer durchgeführt, letztere, um möglichst auch den Brut- und Aufzuchterfolg zu dokumentieren. Je nach Vogelart wurden direkte und indirekte Methoden zur Erfassung der jeweiligen Art verwendet. So wurden Zählungen an den Balzplätzen, solche mit Vorstehhunden oder mit der „Playback-Methode“ (Anlocken mit Nachahmung der Stimmen) durchgeführt, aber auch Losungen aufgesammelt (indirekte Nachweismethode).


Die Probeflächen im Nationalpark Stilfserjoch für die Erhebung der fünf Hühnervogelarten in den Jahren 2007 - 2009

Die Erhebungen aus der Feldforschung liegen jetzt im Ergebnis vor. Ich stelle die Ergebnisse in einer ersten Zusammenfassung vor.

Das Haselhuhn

Bestand und Dichte des Haselhuhnes sind niedrig. Auf einer Probefläche von 630 ha konnten insgesamt 18 Hähne gezählt werden. Eine interessante Beobachtung konnten unsere Förster im südtiroler Parkanteil machen: Vom Haselhuhn war bekannt, dass es eher niedere Bereiche in gut strukturierten Landschaften am unteren, äußeren Waldrand bewohnt. Neu ist hingegen die Erkenntnis, dass das Haselhuhn auch bis in größere Höhenlagen vordringt: Dort wo sich im Tschenglser Tal nach einem vor Jahren erfolgten Waldbrand als Folge von Blitzeinschlag im Zirbenwald nach dem Brand ein neuer Wald mit hohem Anteil von Grünerlen eingestellt hat, konnte das Haselhuhn beobachtet werden. Unsere Ornithologen führen dieses Vorkommen an der oberen Waldgrenze auf den hohen Laubwaldanteil, die reiche Strukturierung des Lebensraumes im Unterholz und die gute Deckung zurück.

Das Auerhuhn

Die Situation des Auerhahnes ist äußerst kritisch. Im lombardischen Anteil unseres Nationalparks fehlt der Auerhahn schon seit längerem völlig. In den anderen Länderanteilen ist der Bestand des Auerhuhns auf wenige Exemplare beschränkt. Auf den 5 Probeflächen in Südtirol und im Trentino mit insgesamt 166 Hektar Ausdehnung konnten 6 Hähne erfasst werden. Historische Zählreihen fehlen, um die Bestandsentwicklung von früheren Jahren auf heute zu vergleichen. Es sind nur Aussagen für eng umgrenzte Teilflächen und Ver-

gleiche aus mündlichen Überlieferungen von Wissensträgern unter dem vormaligen forstlichen Aufsichtspersonal möglich. Eine Hypothese festigt sich: Wo das Rotwild auf große Dichten zugenommen hat, fehlt die Strauchschicht mit Schwarzbeeren im Bergwald. Und wo die Beerennahrung fehlt, fällt auch das Auerwild aus. Noch ein Faktor kommt hinzu: Die Auerhenne braucht für die erfolgreiche Aufzucht der Küken auch die tierische Eiweißversorgung aus den Waldameisen. Für den großen Hühnervogel ist die Ruhestörung im Lebensraum aber ebenso fatal. Der Bestandrückgang ist wohl auf eine Faktorenkombination aus Veränderungen im Lebensraum und im Nahrungsangebot und auf das immer häufigere Vordringen des Menschen in das Habitat mit nachfolgender Ruhestörung zurückzuführen.

Höhenlagen vor. In den alpinen Rasen und Geröllhalden weit oberhalb der Waldgrenze ist der Überlebenskampf auch wegen des eingegrenzten Nahrungsangebotes am schärfsten. Verschärfend wirken auch die niedrigen Wintertemperaturen, die hohen Schneefälle und die Sturmwinde. Schneehühner haben im Laufe der Evolution viele Anpassungen an diese arktischen Bedingungen im Lebensraum Hochgebirge entwickelt. So graben sie sich beispielsweise während extremer Schlechtwetterperioden im Winter in einem Schneeiglu ein, um sich vor polarer Kälte zu schützen. Häufiges Auffliegen und Flüchten zehrt besonders stark an den im Sommer angefressenen Energiereserven. Und diese hohen Energieverluste können von den Schneehühnern in der nahrungsknappen Winterzeit nicht mehr wettgemacht werden. Wer als Skitourengeher einen wertvollen Beitrag zum Überleben dieser Vogelart leisten will, soll bei seiner Tourenwahl Wintereinstände und Ruhezonen dieser Wildhühner meiden. Danke dafür. Bei unserer Erhebung im Feld konnten auf den 11 Probeflächen von 5.400 Hektar Gesamtausdehnung 34 Exemplare von Schneehühnern festgestellt werden.

Das Birkhuhn

Auch die Anzahl der balzenden Birkhähne in den Gesangsarenen nimmt ab. Auf 11 Probeflächen von knapp 2000 Hektar Gesamtausdehnung konnten in allen drei Länderanteilen 60 Hähne gezählt werden. Dies entspricht einer errechneten Dichte von 3,3 Vögeln je 100 ha. Wo die Walderschließung im Bereich der oberen Waldgrenze weiter fortschreitet und die Erschließung durch Aufstiegsanlagen für den Skisport zunimmt, aber auch Skitourengeher in immer größerer Anzahl aufsteigen, geht die Ruhe verloren. Das Birkhuhn gerät unter immer größeren Stress und der Bruterfolg nimmt ab.

Das Schneehuhn

Das Schneehuhn bewohnt, wie bereits gesagt, die Lebensräume über der Waldgrenze und dringt von den vier Arten der einheimischen Raufußhühner in die größten

Schneehuhn im Wechselkleid Foto: Elisabetta Grassi

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