Page 1

Wolfgang Platter, am Tag der Diözesanheiligen Albuin und Ingenuin, 5. Februar 2012

Nationalpark Stilfserjoch:

Fliegende Säuger Monitoring der Fledermäuse 2011

Koloniebildung von Fledermäusen in einem Dachboden. Enges Aneinanderrücken gibt es bei mehreren Arten einheimischer Fledermäuse: am Schlafplatz , in den Kinderstuben der Weibchen und in der Winterstarre. Bei Fledermäusen sind keine hierarchischen Rangordnungen bekannt. Foto: Peter Flückinger, Naturmuseum Olten

Noch sind sie in Winterstarre. Erst an den lauen Mai-Abenden werden sie wieder am Abendhimmel kreuzen: die Fledermäuse. Aber auch wenn sie sich derzeit in ihrem biologischen Jahreszyklus in einer passiven Ruhephase befinden, sei ihnen der heutige Beitrag gewidmet. Einer der Gründe: Der Nationalpark Stilfserjoch hat im Sommerhalbjahr 2011 die Arten erhoben und der Bericht zu dieser Feldforschung ist nunmehr abgeschlossen.

Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU

Die Abkürzung FFH-Richtlinie steht für die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der Europäischen Gemeinschaft. Diese europäische Richtlinie EG 92/43 enthält Artenlisten von Pflanzen und Tieren aber auch Listen von prioritären Lebensräumen, die besonders gefährdet sind und daher einen besonderen Schutzstatus in den sogenannten Natura 42 Der Vinschger Wind 3-12

09.02.12

2000-Gebieten genießen. Im Anhang II der FFH-Richtlinie sind auch verschiedene Arten der Fledermäuse aufgelistet.

Artenanzahl weltweit

Es wird Sie etwas verwundern, aber die Fledermäuse sind mit ca. 1.150 Arten nach den Nagetieren weltweit betrachtet die artenreichste Ordnung der Säugetiere. In der derzeit gültigen zoologischen Systematik werden die Fledermäuse in vier Unterordnungen und 17 verschiedene Familien unterteilt. Das Hauptverbreitungsgebiet der Fledermäuse sind die tropischen und subtropischen Gebiete. In Europa kommen derzeit 42 Arten vor, 33 davon sind für Italien beschreiben.

Fledermäuse in Südtirol

Lange Zeit waren die wissenschaftlichen Daten zu den in Südtirol vorkommenden Feldermaus-Arten überaltert und recht

spärlich. Der bekannte Meraner Vogelkundler Oskar Niederfriniger hat im Auftrag des Landes Südtirol eine flächendeckende Erhebung der Fledermäuse in Südtirol gemacht und die Ergebnisse unter anderem in der Fachzeitschrift „Gredleriana“ als dem wissenschaftlichen Mitteilungsorgan des Südtiroler Naturmuseums im Jahre 2002 veröffentlicht.

Die Fledermäuse im Nationalpark Stilfserjoch

Aus der Auswertung der historischen Daten konnten für das Gebiet des Nationalparks Stilfserjoch 18 vorkommende Arten von Fledermäusen prognostiziert werden, davon alle 18 Arten für Südtirol, 4 für den trentiner und 3 für den lombardischen Parkanteil. Die geringere Anzahl von Arten im Trentino und in der Lombardei erklärt sich nicht aus der schlechteren Eignung der Lebensräume, sondern aus der geringeren Menge verfüg-


barer Daten. In Südtirol ist in Vergangenheit ein dichteres Artenmonitoring betrieben und den Fledermäusen als sensiblen Bioindikatoren größere wissenschaftliche Aufmerksamkeit gewidmet worden. Das Monitoring des Nationalparks Stilfserjoch im Sommer 2011 hat eine Artenliste von 20 Fledermaus-Arten erbracht, welche innerhalb des Nationalparks und in den unmittelbar angrenzenden Gebieten vorkommen. Zur Erhebung der Arten wurden von den Feldermaus-Experten Martina Spada und Andrea Martinelli und weiteren Mitarbeitern des Institutes Oikos und der Universität Insubria Varese verschiedene Methoden eingesetzt: So die Erhebung der sommerlichen Kinderstuben, der Schlaf- und Ruheplätze, der Überwinterungsquartiere, die Zählung der Tiere in verschiedenen Kolonien, stichprobenartig Fänge von Tieren mit Spezialnetzen im Jagdgebiet oder an Wasserstellen zur Bestimmung der verschiedenen Arten, Einsatz des Fledermaus-Detektors zur Entschlüsselung der Sonogramme von Ultraschall-Rufen und genetische Analysen von Haarproben im Kot ebenfalls zur Bestimmung der Arten. Für den Einsatz während der Feldarbeit zum Zweck der wissenschaftlichen Forschung gilt der Dank den Förstern im Dienste des Nationalparks aber auch den Pfarrherren für die bereitwillige Öffnung der Kirchtürme und der Dachböden über Kirchenräumen und den privaten Hauseigentümern für ihr Ver-

ständnis für die Wohnraumbedürfnisse der Fledermäuse.

Lebensräume

Unser Monitoring im Sommerhalbjahr 2011 hat gezeigt, dass sich der Großteil der Fledermaus-Arten in den tieferen Lagen der Talsohlen und in den angrenzenden Gebieten konzentriert. Der höchst gelegene Nachweis einer Brutkolonie von 10 Tieren der Fransenfledermaus (Myotis nattereri) in einer aufgelassenen Spechthöhle auf 2.000 Metern Meereshöhe in der Örtlichkeit Sobrettina in der lombardischen Valfurva gilt als Sensation. Die Fledermäuse unserer Breiten brauchen reich strukturierte Landschaften mit Wechseln von offenen Flächen wie Wiesen und Weiden, Heckensäumen, Waldanteilen und Wasserflächen. Die einheimischen Arten ernähren sich von Insekten, die sie mit dem Echolot orten und erbeuten. Nach dem Verzehr von diesen Beutetieren nehmen die Fledermäuse regelmäßig und viel Wasser auf. Durch Evapotranspiration über die Flughäute verdunsten die Fledermäuse relativ viel Körperflüssigkeit, deren Verlust ebenfalls durch Trinken ergänzt werden muss.

Der Nachthimmel als ökologische Nische

Die Fledermäuse sind flugfähige Säugetiere. Als Säuger haben sie eine eigenwarme Körpertemperatur mit entsprechender Re-

gulierung. Im Laufe jahrmillionenlanger Evolution haben die ohrenorientierten Arten von Fledermäusen die Ultraschallrufe und das Echolot entwickelt. Diese evolutionäre Errungenschaft hat ihnen den Nachthimmel als konkurrenzfreie ökologische Nische erschlossen. Die größeren Flughunde, welche als eine Unterordnung der Fledermäuse in den Tropengebieten unserer Erde vorkommen, benutzen zur Orientierung nicht Ultraschall und Echolot, sind Augen und Geruchs orientiert, aber ebenfalls nachtaktiv.

Der Daumen ist der einzige Finger, der frei und nicht in die Flughaut eingebunden ist. Er dient den Fledermäusen zum Klettern und Aufhängen  an der Unterlage mit dem Kopf nach unten. Foto: Florian Gorfer

Zur Biologie der Fledermäuse: Wussten Sie, dass

• nach heutigem Wissenstand zur Evolutionsforschung alle Fledermaus-Arten auf eine einzige Vorgänger-Art am Übergang zwischen Kreidezeit und Tertiär vor ca. 64 Millionen Jahren zurückgeführt werden? • die verschiedenen Fledermaus-Arten weltweit ein sehr großes Verbreitungsgebiet haben, das im Norden Europas am 70. nördlichen Breitengrad und im Süden am 65° südlicher Breite in Chile endet? • Fledermäuse nicht nur in eine jahreszeitlich bedingte Kältestarre, sondern auch in eine Tagesstarre fallen? Die Reduktion der Stoffwechselaktivität in den Ruhe- und Schlafphasen tagsüber dient der Energieeinsparung. Die Körpertemperatur wird während der nächtlichen Flüge auf 40°C gehalten, im Ruhen tagsüber hingegen auf 15°C abgesenkt. • der Energieverbrauch der Fledermäuse im Flug sehr hoch ist? Das Herz der Fledermäuse ist bezogen auf die Köpergröße dreimal größer als jenes anderer Säugetier-Arten. Auf diese Weise kann auch die Bindung von Sauerstoff erhöht und so das Atemgas für das energieintensive Fliegen zur Verfügung gestellt werden. • die Regulierung der Körpertemperatur über die Flügel und die darin verlaufenden, erheblich dehnbaren Blutgefäße mit speziellen Innenklappen erfolgt?

• der Herzschlag im Schlaf tagsüber bei 200-300 Schlägen pro Minute liegt und bei der nächtlichen Flugjagd auf 1.000 Schläge gesteigert wird? • der Stoffwechsel der Fledermäuse in der Winterstarre extrem reduziert wird? Beim Großen Mausohr (Myotis blythii) sinkt der Herzschlag von 400 Schlägen in der Wachphase auf 15-20 Schläge in der Minute in der Winterstarre. Die Atmung wird unregelmäßig und kann in der Winterstarre für einen Zeitraum von bis 90 Minuten ganz aussetzen. Wenn die Körpertemperatur auf 0°C absinkt, setzt Stoffwechselaktivität ein. Dieser Stoffwechsel führt zum Aufwachen und Bewegen der Tiere und schützt sie vor dem Kältetod, der bei ca. -2°C Körpertemperatur eintritt. Die Überwinterung in eng aneinander sitzenden Gruppen schützt vor zusätzlicher Auskühlung. • der Eisprung in den Weibchen einheimischer FledermausArten und die Kopulation mit dem begattenden Männchen im Spätherbst erfolgen? Anschließend tritt eine Eiruhe ein und die männlichen Spermien überleben im weiblichen Genitalapparat bis in das Frühjahr. Erst in der wärmeren Jahreszeit verschmelzen Eizelle und Spermium und der Keim nistet sich in der Gebärmutterwand ein. Auch dies ist eine evolutionäre Anpassung dieser Säuger an die lebensfeindlichen Wintermonate in unseren Klimazonen, welche das Überleben der Art sichert.

09.02.12

Der Vinschger Wind 3-12

43

Fliegende Säuger  

Monitoring der Fledermäuse 2011

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you