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Wolfgang Platter, am Tag des Hlg. Florian, 4. Mai 2010

Nationalpark Stilfserjoch:

Murment Das Murmeltier - ein Sympathieträger

Katze und Affe heißen Weibchen und Junges des Murmeltieres in der Jägersprache (Foto: Renato Grassi, Bozen)

In den nächsten Wochen werden auch gibt es für das Murmeltier in den Alpen- sengesellschaften oberhalb der Waldgrenze die oberen Kehren der Passstraße tälern und –regionen. Die Vielzahl der ist auch relativ leicht zu beobachten. zum Stilfserjoch wieder vom Schnee Namen belegt, dass wir Menschen diese Neben dem Alpen-Murmeltier gibt es weltgeräumt werden und ausapern. Der Tierart mögen. Dieser Bewohner der Ra- weit noch weitere 13 Murmeltier-Arten. schwarze Asphalt wird sich Alle Arten kommen auf der nörddurch die erhöhte Absorp- Steckbrief lichen Halbkugel vor. tion der Sonnenstrahlen stär- Alpen-Murmeltier (Marmota marmota) ker aufwärmen als der umlieDer wissenschaftliche Name gende Schnee. Und die aus Körperlänge: 40 – 50 cm (ohne Schwanz), Schwanz 15 – 20 cm Marmota marmota leitet sich ofGewicht: Frühjahr ca. 3 kg, Herbst bis 6 kg (erwachsene Tiere) ihrem Winterschlaf erwachfenbar vom lateinischen Namen Farbe des Fells: Schiefergrau bis hellbraun oder rötlich, je nach ten Murmeltiere werden, Gebiet variabel. Jungtiere mit flauschigem, deutlich dunklerem Fell „mus montis“ („Bergmaus“) her, abgemagert und ohne ihre Geschlechter: Äußerlich kaum unterscheidbar der vom römischen Schriftsteller Fettreserven, das Sonnenbad Verbreitung: Alpen, Tatra Plinius überliefert wurde. Im Altauf dem dunklen Asphaltband Lebensraum: Graslandschaften über der Waldgrenze und in der hochdeutschen wurde daraus „mugleichsam wie auf einer Bett- Almregion remento“ und im Rätoromanischen flasche genießen. Der heutige Nahrung: Krautige Pflanzen und Gräser „murmont“. Das Murmeltier ist Beitrag ist dem Alpen-Mur- Lebensweise: Zusammenleben in Familiengruppen, jede Familie populär, es kommt in Sagen und meltier gewidmet. volkskundlichen Beschreibungen besitzt ein eigenes Revier Winterschlaf: 6 – 7 Monate (Ende September, Anfang Oktober vor, sein Fett enthält heilkräftige, Viele lokale Dialekt- bis 2. Aprilhälfte) entzündungs- und schmerzhemPaarungszeit: April/Mai namen mende Corticosteroide. Heute hat „Murment“, „Murmele“ und Tragzeit: 33 – 34 Tage die Tourismuswerbung das Murviele weitere Dialektnamen Wurfgröße: 2 – 9 Junge, meist 3 – 4 meltier als sympathischen Werbe48 Der Vinschger Wind 9-10

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träger entdeckt. Murmeltiere entsprechen dem Klischee eines Kuscheltieres fast perfekt.

Nachkommen der Eiszeit

Murmeltiere sind Bewohner kalter, baumloser Grasländer. Solche Grasländer finden sich auf der Weltkarte in den Hochgebirgen, in den zentralasiatischen Hochländern oder im sibirischen und amerikanischen Norden. Sowohl die Murmeltiere als auch die Kältesteppen entstammen der Eiszeit. Wie gesagt, weltweit gibt es innerhalb der Gattung Murmeltier (Marmota) 14 Arten. Während der kalten Perioden der Eiszeit waren die Alpen von dicken Eispanzern bedeckt. Das Alpen-Murmeltier lebte damals in einem weiten Gebiet rund um die Alpen. In diesem Randgebiet außerhalb des Eisschildes gab es baumfreie Kältesteppen. Als nach dem Abschmelzen der Gletscher wieder die Waldformationen aufkamen, verkleinerte sich das Verbreitungsgebiet der Murmeltiere zusehends: Die Murmeltiere der Alpen zogen sich, den kühlen Grasländern folgend, ins Hochgebirge zurück. Dort leben sie seither in den alpinen Rasen oberhalb der Waldgrenze, wo noch heute eiszeitliche Klimabedingungen herrschen. Nur selten besiedeln Murmeltiere Graslandschaften unter 1.500 m MH. Für die Besiedlung tieferer Lagen gibt es für Murmeltiere offenbar eine Barriere. Forscher vermuten, dass dies mit dem Wärmehaushalt der Tiere zusammenhängt: Murmeltiere hecheln nicht wie etwa Hunde. Und sie haben kaum Schweißdrüsen. Ihre Fähigkeiten zur Wärmeabgabe sind schlecht entwickelt. Wenn es in den sommerlichen Mittagsstunden auch im Hochgebirge heiß wird, ziehen sie sich in den kühlen Erdbau zurück, um sich vor Hitzestress zu schützen. In warmen Tallagen müssten Murmeltiere zu viele Stunden in den kühlenden Erdbauten verbringen. Es bliebe ihnen zu wenig Zeit zum Fressen. Und bis zum Ende des Sommers könnten sie zu wenig Fett ansammeln für den Winterschlaf.

Das Leben in Familien

Der geduldige Beobachter kann im Sommer vor einem Murmeltierbau eine beträchtliche Anzahl von Tieren beobachten. Murmeltiere leben in Familiengruppen. Die Familie aus dem Elternpaar und den ein-, zwei- und manchmal mehrjährigen Nachkommen kann bis zu 20 Tiere umfassen. In dieser Gruppe pflanzt sich nur das dominante Elternpaar fort. Das Weibchen wirft nicht jedes Jahr Junge. Daher können auch Jahrgänge fehlen. Die meist 3-4 Jungen des Wurfes kommen im Alter von ca. 40 Tagen Ende Juni oder im Juli erstmals an das Tageslicht. Nach einer Tragzeit von

33 - 34 Tagen waren sie im Bau nackt und blind geboren und bis zum ersten Ausgang gesäugt worden. Die Familien verteidigen und markieren ihr Territorium. Neben den akustischen Pfeifsignalen wird ein intensiv riechendes Sekret aus den Wangendrüsen auf Steinen und anderen Geländemarken abgesetzt.

Fressen, wachsen, speichern

Die Murmeltiere suchen daraufhin fluchtartig den schützenden Erdbau auf. Ein Steinadler-Paar mit Jungenaufzucht braucht bis zu 70 Murmeltiere pro Saison. Dennoch werden im Revier die Murmeltiere nicht merklich weniger, weil das Steinadler-Paar ein sehr großes Territorium von 30 – 100 km² besetzt. In solchen Territorien leben in guten Murmeltiergebieten ein paar Tausend dieser alpinen Nager.

Murmeltiere sind Pflanzenfresser. Sie bevorzugen frische Triebe und Blüten von Gräsern und Kräutern. Ihr Appetit ist sprichwörtlich: Sie nehmen pro Tag 1 – 1,5 kg Pflanzenmasse auf. Der Grund für diese enorme Fresslust liegt in der Notwendigkeit, dass Murmeltiere im Sommerhalbjahr bereits für den Winter vorfressen müssen. Vor Beginn des Winterschlafes bringen erwachsene Tiere 5 - 6 kg Körpergewicht auf die Waage, davon entfallen bis über 2 kg auf das Fett. Junge Murmeltiere sind bei der Geburt Winzlinge von 30 Gramm. Bis zum Winterschlaf erreichen sie ein Gewicht von 1,5 kg und damit das 50fache ihres Geburtsgewichtes.

Passive Überwinterer

Murmeltiere sind Winterschläfer. Der Winterschlaf der Alpen-Murmeltiere dauert 6 – 7 Monate von Anfang Oktober bis Mitte April. Den Winterbau polstert die Familie mit bis zu 15 kg Gras aus. Die Familienmitglieder kuscheln im Winternest eng aneinander, verfallen in Kältestarre und reduzieren alle Lebensfunktionen auf absolute Sparflamme. Dabei fällt die Körpertemperatur von sommers 37,7°C bis auf 2,6°C, der Herzschlag von 130 auf höchstens 15 Schläge pro Minute und die Atemfrequenz von 30 auf 4-5 Züge pro Minute. Insgesamt reduziert sich die Stoffwechselaktivität auf nur 3-5 % des sommerlichen Stoffwechsels. In dieser Kältestarre verharren die Murmeltiere aber nicht den ganzen Winter. Aus bisher nicht geklärten Gründen unterbrechen sie den Winterschlaf ziemlich regelmäßig alle 12 Tage. Für die Dauer eines Tages erwärmen sie sich im Bau unter verstärkter Fettverbrennung auf eine Körpertemperatur von 34°C, um danach wieder in die energiesparende Kältestarre zu verfallen.

Pfeifsignale gegen Feinde

Beutegreifer Nr. 1 für das Murmeltier ist der Steinadler. In den Zentralalpen bilden die Murmeltiere 70 – 90 % der Nahrung für den Steinadler. Gegen die Überraschungsangriffe durch den Stoßjäger aus der Luft stellen die Murmeltiere beim Grasen einen Wachposten aus ihrer Familiensippe auf. Auch der Fuchs stellt den Murmeltieren nach. Bei Gefahr verständigt der Wächter die Sippenmitglieder durch schrille Pfiffe.

Bär heißt das Männchen in der Jägersprache (Foto: Alessandro Ravizza, 2009)

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Das Murmeltier  

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