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Wolfgang Platter, am Bartlmä-Tag, 24. August 2011

Nationalpark Stilfserjoch:

Capra ibex ibex Der Alpensteinbock im Nationalpark Stilfserjoch

Foto: Patrizia Prandini

Der Alpensteinbock gehört zu den Wildziegen aus der Gattung Capra. Weltweit gibt es von der Gruppe Capra ibex 9 verschiedene Arten. Mit dem Alpensteinbock assoziieren wir den Lebensraum Hochgebirge mit starker Winterkälte und oft hoher und langandauernder Schneedecke. Es gibt aber auch Steinbock-Arten im heißen und trockenen Wüstenklima wie den Nubischen Steinbock Capra ibex nubiana in Saudi Arabien oder auf Sinai. Der Spanische Steinbock Capra ibex pyrenaica ist leider in den 90-er Jahren des letzten Jahrhunderts ausgestorben.

Fast ausgerottet und wiederangesiedelt

Die Vorfahren aller heutigen Alpensteinböcke stammen aus dem Jagdschutzgebiet der italienischen Königsfamilie der Savoyer im Piemont. Dort hatten um 1836 noch 36 Der Vinschger Wind 17-11

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50-60 Tiere die gänzliche Ausrottung dieser Huftierart überlebt. Der König war in der Folge auf Ersuchen nicht bereit, einige Tiere an die Schweizer Werber zu verkaufen. So wurden einige Steinkitze aus dem königlichen Schutzgebiet entwendet und in die Schweiz geschmuggelt. Und die Wiederbesiedlung der Alpen mit dem Steinbock nimmt in der Folge ihren Anfang im Tiergarten von St. Gallen: Am berühmten Peter- und Pauls-Felsen dieses Zoos und im Alpenwildpark InterlakenHarder wurden die ersten Gehegetiere gezüchtet. Und im Jahre 1911 konnten die ersten drei Weibchen und zwei Männchen im Eidgenössischen Jagdbanngebiet Graue Wand im Kanton St. Gallen in die freie Natur entlassen werden. Im Jahre 1920 erfolgten die ersten Freilassungen im Schweizer Nationalpark, 1922 jene am Piz Albris. Die sich ständig vergrößernde

Steinbock-Kolonie am Piz Albris lieferte in den Folgejahren die Gründertiere für alle weiteren Steinwild-Populationen in den Alpen. Die genetische Vielfalt der Alpensteinböcke ist daher sehr schmal. Geringe genetische Variabilität bedeutet auch eine geringe Resistenz gegen Krankheiten oder Seuchen.

Steinwild in den Alpen heute

Vom italienischen wildbiologischen Institut wird der Steinwild-Bestand alpenweit heute mit ca. 48.000 Stück angegeben. Davon entfallen ca. 16.000 Stück auf den italienischen Teil des Alpenbogens und davon wieder ca. 1.300 Stück auf das Gebiet des Nationalparks Stilfserjoch. Im Südtiroler Anteil des Nationalparks Stilfserjoch kommt das Steinwild derzeit nur in zwei kleinen Kolonien in Hinterulten (ca. 25 Tiere) und am Chavalatsch


Kamm zwischen dem Trafoi- und dem Münstertal (ca. 20 Tiere) vor. Die großen Steinwild-Bestände leben in den lombardischen Tälern des Nationalparks. Außerhalb des Nationalparks leben in Südtirol derzeit ca. 1.100 Tiere des Steinwildes, der Großteil davon in den Kolonien Weißkugel, Texel und Tribulaun in den Ötztaler und Stubaier Alpen.

Foto: Giancarlo Giudici

Die Wiederansiedlung im Nationalpark

Zwischen den Jahren 1967 – 1994 wurde im Nationalpark Stilfserjoch ein mehrphasiges Wiederansiedlungsprojekt umgesetzt. Im Rahmen dieses Projektes wurde Steinwild durch Fang und Transport in verschiedene Täler des Schutzgebietes umgesiedelt. In das Gebiet von Livigno war das Steinwild in den Jahren 1915-1920 von allein und spontan aus der Kolonie am Piz Albris eingewandert. Im Martelltal wurden im Jahre 1941 6 Tiere freigelassen. Diese Wiederansiedlung schlug jedoch fehl. Im lombardischen Zebrùtal, einem ororaphisch rechten Seitental der Valfurva zwischen Santa Caterina und Bormio, wurden in den Jahren 1967-68 29 Tiere freigelassen. Am Chavalatsch-Kamm zwischen dem Trafoi- und dem Münstertal sind 1973-74 erste Steinböcke spontan aus der Schweizer Kolonie am Piz Umbrail eingewandert, welche 1970 begründet worden war. Im Hochtal der Stauseen von Cancano zwischen dem Brauliotal und der Valdidentro wurden 1992 15 Tiere als Gründer für eine neue Kolonie freigelassen, am Gavia-Pass ebenfalls 1992 7 Tiere, in der Val di Rezzalo (Prov. Sondrio) 199394 14 Tiere, in der Vale di Canè (Provinz Brescia) im Zeitraum 1983-94 10 Tiere und in der Valle dell´Alpe 1994 7 Tiere. Hinzu kam die Freilassung von 3 Böcken am 18. Juni 2010 im hinteren Pejotal im Trentino. Heute gibt es im Gebiet des Nationalparks Stilfserjoch 7 Steinwild-Kolonien. Die aktuellsten Zählungen haben folgende Ergebnisse erbracht: Kolonie

Es bleibt festzustellen, dass das Steinwild ohne künstliche Nachhilfe eine langsame Ausbreitungstendenz hat und derzeit nicht alle potentiell geeigneten Lebensräume besetzt sind. Das Fangen von Steinwild für Umsetzungen in andere Gebiete erfolgt mittels Betäubungsspritze durch Abschuss aus dem Narkosegewehr aus geringer Distanz oder mittels Kastenfalle. Böcke sind leichter zu fangen als die misstrauischen Geißen. Die Geißen halten sich zum Schutz ihrer Kitze viel öfter und viel länger auch während der Nahrungsaufnahme in steilen Felswänden auf als die zutraulicheren Böcke. Das Narkotisieren von Geißen in Felswänden ist wegen der Absturzgefahr beim Einschlafen nicht indiziert und nicht anwendbar.

Vermehrtes Kitzsterben

In den letzten 10 Jahren zwischen den Jahren 2000 und 2010 mussten wir eine Abnahme der ein- und zweijährigen Kitze an der Gesamtpopulation von Steinwild im Nationalpark Stilfserjoch von 35 auf 15% verzeichnen, ohne dass im Parkgebiet eine Krankheit oder Seuche aufgetreten ist. Im Nationalpark Gran Paradiso ist der Bestand von Steinwild von einem Maximum von 4.500 Stück auf derzeit ca. 2.800 Stück zurückgegangen und auch in diesem Nationalpark war ein vermehrtes Sterben von Steinkitzen zu beobachten. Dieses Kitzsterben ist derzeit nicht schlüssig und

gezählte Exemplare

Datum der letzten Zählung

185

21. Juni 2011

84

17. Juni 2011

Zebrù – Braulio (SO)

718

15. -17. Juni 2011

Canè – Rezzalo- Gavia (BS)

Livigno (SO) Valdidentro – Fraele (SO)

191

23. – 26. Mai 2011

Viso – Redival – Monte (BS/TN)

66

23. -26. Mai 2011

Chavalatsch (BZ)

20

Ulten (BZ) Gesamt

25 1.289

09. Juli 2010

Foto: Alessio Migazzi

lückenlos geklärt. Eine Forschungshypothese für das erhöhte Kitzsterben zieht den Klimawandel in Betracht: Infolge der Erderwärmung erfolge ein verfrühter Austrieb der Hochgebirgsvegetation im Vergleich zur Setzzeit der Steingeißen. Wenn die Geißen ihre Kitze setzen, hätte die verfrüht ausgetriebene und gewachsene Vegetation als Nahrungsgrundlage für den reinen Pflanzenfresser Steinwild ihren Höchstgehalt an Nährstoffen und etwa Eiweißen schon verloren. Der verminderte Nährstoffgehalt der Futterpflanzen würde die Produktion von magerer Milch durch die Muttertiere bewirken und hätte damit das erhöhte Kitzsterben zur Folge. Kanadische Wissenschaftler haben erhöhtes Sterben von Lämmern beim Schneeschaf als nordamerikanische Wildtierart gefunden. Sie schreiben es ebenfalls dem abnehmenden Nährstoffgehalt der Futterpflanzen bei deren verfrühten Austrieb infolge der Erderwärmung zu. Der spannenden Frage der Populationsentwicklung und Altersstruktur beim Steinwild als Folge des Klimawandels wollen wir in nächster Zeit jedenfalls verstärkte Aufmerksamkeit widmen.

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