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Wolfgang Platter, am Dreikönigstag, 6. Jänner 2012

Nationalpark Stilfserjoch:

Überwinterungsstrategien Aktive und passive Überwinterer

Schneehahn im Winterkleid. Das Schneehuhn gehört zu den Raufußhühnern. (Foto: Francesco Renzi)

In unserem kontinentalen Klima der Zentralalpen gibt es einen ausgeprägten Gang der Jahreszeiten mit starken Temperaturunterschieden zwischen Sommer und Winter. Die Pflanzen und Tiere der Alpen mussten sich in ihrer Evolution an diesen Jahreszeitengang anpassen, um im Lebensraum Hochgebirge zu überleben. Im Laufe dieser Evolution sind vor und nach den Eiszeiten verschiedene Anpassungen vor allem an den lebensfeindlichen Winter entstanden, welche das Überleben der jeweiligen Tier- und Pflanzenart ermöglicht und gesichert haben. Diesen Überwinterungsstrategien ist anhand einiger Beispiele aus der Tierwelt der Alpen mein erster Beitrag im neuen Kalenderjahr gewidmet. In einer großen ersten Einteilung unterscheiden wir nach dem Kriterium der Stoffwechselaktivität zwischen aktiven und passiven Überwinterern.

Aktive Überwinterer

Aktive Überwinterer haben in ihrem Körperbau und in ihrem Stoffwechsel Anpassungen entwickelt, um der kalten Jahres40 Der Vinschger Wind 1-12

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zeit mit polaren Kälten und Windstürmen in ihrem jeweiligen Lebensraum wach zu trotzen: Der Haar- und Federwechsel bei einigen Säugetier- bzw. Vogelarten ist eine solche Anpassung. Das Winterhaar von Scheehase, Hermelin oder Steinwild sei als Beispiel genannt.

Beispiel Schneehuhn

Das Federkleid des Schneehuhnes mit Luft als Isolator zwischen den Federn, mit den befiederten Beinen und Zehen zum zusätzlichen Kälteschutz ist ein weiteres Beispiel für die Anpassung eines ganzjährig im Hochgebirge verweilenden Standvogels. Der Farbwechsel vom erdfarbenen Federkleid des Sommers zum schneeweißen Tarnkleid des Winters schützt zudem vor den Überraschungsangriffen des Fraßfeindes Steinadler, der aus der Luft herunterstößt. Zur Vergrößerung der Auftrittsfläche wachsen dem Schneehuhn im Herbst an den Zehen Hornfortsätze, welche im Frühjahr wieder abfallen. Diese Hornschuppen verhindern das Einsinken des Vogels im

lockeren Neuschnee und erleichtern das Fortkommen bei der Futtersuche in der nahrungsknappen Jahreszeit. Insgesamt schränkt das Schneehuhn im Winter seine Fortbewegung und damit auch seinen Energieverbrauch aber auf das Notwendigste ein. Bei stürmischen Winden und großen Kälten gräbt sich das Schneehuhn einen Schneeiglu, in dem es tagelang unter der wärmenden Schneedecke ausharrt. Wenn es etwa durch Skitourengeher gestört wird und mehrfach auffliegen muss, um zu flüchten, verbraucht das Schneehuhn wertvolle Energie und es kann durch wiederholten Fettverbrauch und –abbau auch an seine Überlebensgrenzen kommen. Wer als Skitourengeher die Überwinterungsgebiete der Schneehühner meidet, beweist dadurch Verständnis und Rücksicht und leistet einen wertvollen Beitrag zum Artenschutz einer gefährdeten Vogelart. Nahrung findet das Schneehuhn als Standvogel oberhalb der Waldgrenze im Winter auf windaperen Graten, wo durch Schneeverfrachtung die Triebe der Zwergsträucher aus dem Schnee ragen und das Schneehuhn


die Knospen abpickt. In seinem Stoffwechsel hat das Schneehuhn die Fähigkeit entwickelt, schwer verdauliche Pflanzenfasern und darunter die Gerüstsubstanz Zellulose aufzuschließen und abzubauen.

Gämse und Steinwild

Die Gämse und das Steinwild sind zwei Huftierarten, welche beide ebenfalls Strategien entwickelt haben, um im Lebensraum Hochgebirge zu überleben und in den Alpen aktiv überwintern. Der Bestand von Steinwild im Gebiet des Nationalparks Stilfserjoch beträgt derzeit ca. 1.200 Tiere bei einem Gesamtbestand von 46.000 Stück im gesamten Alpenbogen. Den derzeitigen Gämsenbestand im Nationalpark Stilfserjoch quantifizieren wir bei abnehmender Tendenz mit 2.800 Tieren. Gämse und Steinwild bewohnen im Winter verschiedene Nischen des Lebensraumes Hochgebirge. Im Körperbau sind die beiden Säugetier-Arten an die Schneeauflage unterschiedlich angepasst. Der Körperbau und im besonderen die Ausformung des Paarhufes ermöglichen der Gämse das Fortkommen auf der Schneeunterlage ohne tief einzusinken. Die beiden Klauen sind breit abspreizbar und verhindern dadurch eben das Einsinken im Lockerschnee. Die hochbeinig gebaute Gämse kann sich auch im Winter ohne lebensbedrohlichen Energieverlust zu windaperen Graten fortbewegen, um dort Nahrung zu suchen. Die vom Schnee freigefegten Triebe der Alpenazalee (Loiseleuria procumbens) stellen die Hauptnahrungsquelle für die Gämse im Winter dar. Nicht umsonst wird dieser niederliegende Spalierstrauch mit seinen vielverzweigten Kriechsprossen deswegen auch Gämsheide genannt.

Der Steinbock

Der Steinbock weist im Vergleich zur Gämse einen gedrungeneren Körperbau auf. Er ist kurzeiniger und schwerer und seine Paarhufe sind nicht besonders geeignet für das Fortkommen im Lockerschnee. Die Tiere sinken tief ein und müssen einen hohen Energieverbrauch in Kauf nehmen, um sich unter winterlichen Bedingungen fortzubewegen. Die Lebensraumnische des Steinwildes ist daher die steile Felswand mit ihren spärlichen Grasbändern. Hier ist der Steinbock konkurrenzlos. Als Winterquartier sucht er steile, südexponierte Felswände auf, an denen der Schnee abrutscht oder aufgrund der langen Sonneneinstrahlung schneller ausapert als an nordexponierten Schattenhängen. Schneerutsch und frühes Ausapern geben die kärgliche und vertrocknete Grasnahrung frei und sichern das Überleben in der lebensfeindlichen Jahreszeit.

Der Huf des Steinbockes ist in seinem Bau hervorragend an den felsigen Untergrund angepasst: Sein äußerer Rand ist als harte Hornkante ausgebildet, welche Griffigkeit und damit Trittsicherheit an der geringsten Unebenheit am Felsen verschafft. Der Innenteil des Hufes ist als weiche Haftschale ausgebildet und verschafft zusätzlichen Halt am steinigen Untergrund. Dieser weiche Innenteil des Hufes erneuert sich als „Verschleißschicht“ durch Regeneration. Die Bionik nutzt solche kongenialen Erfindungen der Natur während der Evolution: Für die Sportkletterei im Fels hat der Mensch bei der Produktion von Kletterschuhen dieses zweischichtige Prinzip des Steinwildhufes nachgebaut.

Passive Überwinterer sind unter den eigenwarmen Säugetieren beispielsweise auch der Braunbär oder viele einheimischen Fledermausarten. Die Fische, Lurche und Kriechtiere sind wechselwarme Tiere, d.h. sie besitzen keine eigene Regulierung der Körpertemperatur und ihre Körpertemperatur passt sich der Umgebungstemperatur an. In unseren Breitengraden fallen die vorkommenden Arten dieser drei Klassen von Wirbeltieren als passive Überwinterer in Kältestarre.

Das Murmeltier

Das Murmeltier ist eine weitere Säugetier-Art, welches nach den Eiszeiten in den Alpen als mitteleuropäischem Hochgebirge überlebt hat. Seine Überwinterungsstrategie ist eine passive und heißt Schlafen in der wärmenden Erdhöhle. Dazu muss sich das Murmeltier im Sommer ausreichende Fettvorräte anfressen. Vom Fettabbau zehren die Tiere dann im Winterschlaf. In der mit Heu warm ausgepolsterten Winterhöhle werden zudem die Lebensfunktionen stark reduziert, um den Energieverbrauch weiter zu vermindern: Während der Herzschlag im Sommer 130 Schläge pro Minute beträgt, sinkt er im Winterschlaf auf 15 Schläge pro Minute. Die Körpertemperatur kann von sommers durchschnittlich 37,7 ° C auf bis zu 2,6 ° C im Winter sinken. Dann wacht das Murmeltier kurzzeitig auf und wärmt sich durch Bewegung in der Höhle. Die Atemfrequenz wird während des Winterschlafes ebenfalls reduziert und sinkt von 30 Atemzügen pro Minute im Sommer auf unter 5 im Winter. Wenn die Murmeltiere nach 6-7 Monaten wieder aus ihren Bauen kriechen, haben sie zwischen 30-50 % ihres Körpergewichtes verloren.

Das Mauswiesel ist ein aktiver Überwinterer und wechselt das Haarkleid zur Tarnung (Foto: Piercarlo Ortalli)

Die Gämse ist in ihrem Körperbau und in der Ausformung der Paarhufe an das winterliche Leben auf Schnee gut angepasst (Foto: Bernard Schouwey)

Das Murmeltier ist ein passiver Überwinterer. Im Sommer frisst es sich Fettvorräte an, welche im Winterschlaf abgebaut werden. (Foto: Renato Grassi)

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