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EVANGELISCHE ZEITUNG FÜR ÖSTERREICH

Gerti Rohrmoser, neue Direktorin der Frauenarbeit, im Portrait Seite 13

DEZEMBER 2016 ✲ NR. 12 ✲ 63. JAHRGANG

Weihnachten

und andere Wunder Seite 9−11

Seite 3

Foto: M. Uschmann

Offizielle Eröffnung des Gedenkjahres 2017

Seite 4

Wien-Liesing feiert Kirchenrenovierung

Seite 7

„Reformationstruck" in Österreich

2017 und Kunst Seite 16


EDITORIAL

MEINUNG

Foto: privat

„Was hat uns bloß so ruiniert?“

Liebe Leserin, lieber Leser, Menschen lieben Wunder, und es scheint, dass Menschen auch Wunder brauchen. Die Geschichte Jesu mit den Menschen beginnt jedenfalls mit einem Wunder: der Jungfrauengeburt. Auch andere Wunder Jesu sind vielen bekannt, sei es die Sturmstillung, sei es das so genannte Weinwunder. Wundererzählungen waren in der Antike verbreitet, und dennoch sind die Wunder Jesu etwas ganz Besonderes. Auch heute noch sind sie sehr wichtig für viele Menschen – warum das so sein könnte und warum Menschen nach wie vor Wunder suchen, lesen Sie in diesem Heft. Jetzt ist es soweit: Die Feierlichkeiten zum Gedenkjahr anlässlich 500 Jahre Reformation beginnen. Das wurde deutlich beim Reformationsempfang, bei der Präsentation der neuen Luther-Bibel und einem 28-TonnenTruck. Das „Geschichtenmobil“ zum Thema Reformation tourt durch Europa und machte auch in Österreich Halt. Lesen Sie diese und viele andere Geschichten in Ihrer SAAT. Eine gesegnete Advent- und Weihnachtszeit, auch im Namen der Redaktion, wünscht Ihnen Ihr Marco Uschmann - Chefredakteur -

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Die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer hat das Lied der Hamburger Band „Die Sterne“ als Titelsong und Titelgeber gewählt für ihren neuen Film: „Was hat uns bloß so ruiniert?“ Vor kurzem war ich im Kino, um mir den Film anzusehen. Ich hab gelacht und mich manchmal ertappt gefühlt, in dieser Komödie über drei großstädtische Bobo-Pärchen, die Eltern werden, die alle auf ihre Weise versuchen, es richtig zu machen. Den Kindern die beste Ausgangsbasis mitzugeben, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Liebevolle Mutter, liebevoller Vater zu sein und trotzdem elegant all die Fallen der drohenden Spießigkeit zu umschiffen, um dann festzustellen, dass eigentlich genau das auch schon wieder ungeheuer spießig ist.

wichtigere Probleme“ hätten, weil es immer und überall „wohl wichtigere Probleme“ gibt. Leicht wäre es, den Stab zu brechen über jene, die – manchmal durchaus hochmütig – versuchen, ihr Leben nach den ethischen Kriterien, die sie für sich als wichtig erachten, zu führen, und dann trotzdem hinter den gesteckten Zielen zurückbleiben, daran scheitern. Leicht wäre es, auf jene mit dem Finger zu zeigen und zu sagen: „Schau, die sind auch nicht besser. Pfeifen wir doch drauf. Hauptsache laut und polternd und provokant.“ Leicht wäre es vielleicht, das zu sagen. Aber dumm wäre es auch. Und bequem. Und feige.

Ich verfasse diese Kolumne am Morgen nach der US-Wahl, als deren Sieger Donald Trump hervorgegangen Am stärksten in Erinnerung ist mir ist. Und ich frage mich, in welche die Szene, in der Filmemacherin Richtung sich diese Welt, in der Stella in der Altbauwohnung, um die meine Kinder gerade groß werden, ich sie beneide, steht, die Babybodys entwickelt, was noch zählt, was noch vom Wäscheständer nimmt und sich wichtig ist, wo unsere politischen dabei mit ihrem Freund Markus und ethischen Standards liegen. Und darüber unterhält, warum sie so was wir mit unserer Welt gerade unruhig, so unglücklich ist, obwohl anstellen. Oder wie „Die Sterne“ sindoch oberflächlich betrachtet eigent- gen: „Warst du nicht fett und rosig? lich alles ganz gut läuft. „Ist dir fad Warst du nicht glücklich? Bis auf die mit mir?“, fragt er sie. Und sie ant- Beschwerlichkeiten; mit den andern wortet: „Hast du mir nicht zugehört? Kindern streiten, mit Papa und Mir ist fad mit MIR.“ Mama? Wo fing es an und wann? Was hat dich irritiert? Was hat dich bloß Leicht wäre es, sich darüber lustig so ruiniert?“ zu machen – über diese innere UnzuALEX ANDR A MANTLER friedenheit, die First-World-Proist Redakteurin in der Abteilung blems mit dem berühmten TotschlagReligion im ORF-Radio. Argument, dass wir doch „wohl

Zu „Kinderpädagogik“ in SAAT 9 Sehr erschrocken bin ich über den kleinen Engel-Reflektor für die Schultasche. Was hat so ein kleines, oft kitschiges Ding mit einem ernsthaften Boten Gottes zu tun? Besteht da überhaupt ein Zusammenhang? Soll schon in der Kindheit so ein fragwürdiges, kleines Glitzerding als Vorstellung für einen starken Beschützer dienen? Haben wir nicht

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schon längst eine so einfache Gottesvorstellung aus Bequemlichkeit weiterlaufen lassen? Wen wundert es, wenn Erwachsene keine Antwort geben können? Viele sind in ihrem „Kinderglauben“ geblieben und der ist oft voll von nicht tragfähigen Allgemeinplätzen. Die nächste und übernächste Generation sollte nicht mit so einfältigen Krücken ins Leben geschickt werden. Gertrud Knittel, Villach


REFORMATIONSEMPFANG

Nun ist es also endlich soweit: Das Reformationsgedenken anlässlich 500 Jahre Reformation hat offiziell begonnen. Der Reformationsempfang am 3. November im Odeon-Theater in Wien markierte den Start der vielen Feierlichkeiten im kommenden Jahr. Im Mittelpunkt des Empfangs stand die Neuübersetzung der Luther-Bibel. Jutta Henner, Direktorin der Österreichischen Bibelgesellschaft, stellte das Werk vor, das unter der Überschrift „Mehr Luther“ gesehen werden kann: „Weil es bereits genug moderne Übersetzungen gibt, hat man sich bemüht, wieder mehr in Richtung Luthers Originalübersetzung zu gehen“ (mehr dazu in der nächsten SAAT). Die Festgäste genossen ein umfangreiches Programm, so stellte Staatssekretärin Muna Duzdar die Kampagne „#GegenHassimNetz“ vor: Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft machen sich dabei stark gegen den zunehmenden Hass im Internet. Dies ist für Landessuperintendent Thomas Hennefeld sehr wichtig: „Es geht beim Reformationsempfang und beim Reformationsjubiläum natürlich darum, das Evangelium in die Öffentlichkeit zu bringen. Aber die Ideen, die dahinterstecken, wollen wir ebenso in die Gesellschaft hineinbringen, nämlich Freiheit und

Fotos: M. Uschmann

Reformationsempfang eröffnete Gedenkjahr

In Österreich wird die neue Luther-Bibel schrittweise eingeführt: in den Gemeinden, im Gottesdienst und als Schulbuch. Jutta Henner, Direktorin der Bibelgesellschaft, bei der Präsentation

de La Tour“ in Kärnten. Einen Sonderpreis des Oberkirchenrates A.B. über ebenfalls 10.000 Euro erhielt die Pfarrgemeinde Leibnitz für ihre Flüchtlingsarbeit. Seit Beginn der Aus Sicht der Reformierten Kirche Flüchtlingskrise im Sommer 2015 ist mit dem symbolischen Datum setzt sich die Gemeinde auf vielfäl2017 „sehr vieles ins Rollen gekom- tige Weise dafür ein, dass Menschen men, unter anderem die vielen Schat- aus verschiedenen Ländern miteintierungen der Reformation, wie etwa ander in Kontakt kommen. die von Zwingli oder Calvin.“ Dass zu Beginn des Reformationsjubiläums Ausgezeichnet wurde beim Reformadie neue Luther- tionsempfang auch die beste vorwisBibel im Zent- senschaftliche Arbeit in Religion. rum steht, ist für Den Preis in Höhe von 500 Euro den reformierten überreichte Oberkirchenrat Karl Schiefermair an Magdalena AmLandessuperintendenten kein brosch, die sich mit „Musik als BrüProblem: „Das cke zwischen israelischen und paläsKindern“ befasste. ist schon der tinensischen richtige Platz für Betreuerin war Religionspädagogin diese Neuaus- und Oberkirchenrätin Gerhild Herrgabe.“ Er selbst gesell. verwendet in seiner Wiener Pfarr- Das Ensemble Unicorn spielte in gemeinde auch Kooperation mit der Johann Sebaseine Luther- tian Bach Musikschule Musik aus der Zeit Martin Luthers. Bischof Bibel. Michael Bünker, LandessuperintenTraditionell wur- dent Thomas Hennefeld und der Der Diakoniepreis ging an die „Hospizbegleitung für Menschen mit Behinderungen“ von der „Diakonie de La Tour“ in Kärnten de der Diakonie- evangelisch-methodistische Superinpreis in Höhe tendent Stefan Schröckenfuchs hatVerantwortung“, sagt er im Gespräch von 10.000 Euro, gestiftet von der ten namens der drei Evangelischen mit der SAAT. Der Reformationsemp- Raiffeisen Landesbank Oberöster- Kirchen zu dem Empfang eingeladen. fang diene nicht dazu, „nur sich reich, verliehen. Dieses Jahr an die Fotos auf foto.evang.at selbst zu feiern, sondern ganz klar „Hospizbegleitung für Menschen mit MAN auch um die gesellschaftspolitische Behinderungen“ von der „Diakonie Sicht der Kirchen wahrzunehmen. Dabei steht immer die Verantwortung für die Schwachen und Ausgegrenzten im Vordergrund.“

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LOKALES

Lichtraum Johanneskirche: Kirche eingeweiht

Foto: M. Schomaker

Über zwölf Jahre hat die Pfarrge- len, freundlichen, aufrichtenden Kir- ‚Führer‘ ausgerichtet und bewusst meine Wien-Liesing auf diesen Tag chenraum“, so die Pfarrerin, zu weg von Israel und Jerusalem im gewartet: Am 30. Oktober konnte die bekommen. Das ist augenscheinlich Osten. Mit großer Freude haben wir nun unsere Kirche neu orientiert nach Osten.“

Weil die Liesinger Johanneskirche zur Einweihungsfeier am 30. Oktober mit mehr als 300 Feiernden überbesetzt war, wurde auch im anschließenden Gemeindesaal gefeiert. Heller, freundlicher und aufrichtender Kirchenraum

neu gestaltete Kirche im Süden Wiens eröffnet werden. Damit ist das Großprojekt „Lichtraum Johanneskirche“ abgeschlossen. „Es war einfach vieles, das renoviert werden musste. Die elektrischen Leitungen entsprachen nicht mehr den Vorschriften, die Heizung, die Tonanlage und die Orgel haben nicht mehr richtig funktioniert“, beschreibt Pfarrerin Gabriele Lang-Czedik den Zustand der Kirche vor der Renovierung. Auch sei die Kirche einfach „abgewohnt und hässlich“ gewesen.

Das Ganze war nicht billig: Die Pfarrgemeinde hat 1,12 Millionen Euro aufgebracht, davon kam rund ein Zehntel vom Gustav-Adolf-Verein. Zusätzlich finanzierte die Bezirksleitung 2012 den neuen Kirchenplatz mit und investierte damit – inklusive Kirchen-Nacht-Bestrahlung, neuen Straßenlampen am Platz und Fahrradständern – rund 300.000 Euro in das Projekt. Jetzt sind noch rund 300.000 Euro über Kredit zu finanzieren. Aber es hat sich gelohnt, denn neben dem attraktiven Ensemble gibt es nun auch einen barrierefreien und freundlichen Eingangsbereich, „in dem unsere BesucherInnen vor und nach dem Gottesdienst miteinander plaudern können“. MAN

gelungen: „Ich staune über die Atmosphäre, über meine eigene Gestimmtheit, die dieser Kirchenraum auslöst“, sagte Oberkirchenrat Karl Schiefermair, der die neu renovierte Kirche in den Dienst stellte und Regelmäßig die SAAT lesen – das möchten auch Menschen, für die 27 widmete. Euro eine (zu) hohe Belastung sind. Im Laufe der Planungen ist man So viel kosten nämlich die 12 Ausgadaraufgekommen, dass die ursprüng- ben der SAAT im Jahr. Daher bitten liche West-Ausrichtung der Kirche wir Sie wieder um Ihre Mithilfe. Ihre ein typisches Merkmal der Erbau- Spende ermöglicht es, dass die SAAT ungszeit in den 1930er-Jahren ist. beispielsweise auch in der KrankenLang-Czedik: „Damals hat man sich hausseelsorge, in Justizvollzugsanpolitisch nach Deutschland zum stalten oder in Alters- und Pflegeheimen Verwendung findet. Für viele Rund 300 Besucherinnen und Besubildet die SAAT so die einzige Vercher kamen zum Festgottesdienst in bindung zur evangelischen Welt, zur die Johanneskirche, um das ErgebKleiner Anzeiger Ökumene und manchmal zur Gesellnis zu feiern. Ziel war es, „einen helschaft überhaupt. Verwenden Sie Partnerschaftlich in evandazu bitte den im Heft eingeklebten gelischer GlaubensgemeinZahlschein oder überweisen Sie den schaft leben: Ich, m, Anfang Betrag auf das Konto der SAAT 70/170, suche eine nette, kulti(IBAN: AT15 3200 0000 0747 6088; vierte, naturverbundene PartBIC: RLNWATWW, VerwendungsIn ihr Amt eingeführt wurden: nerin aus Österreich im Alter zweck „Sonderspende“). Pfarrerin Petra Grünfelder als von 65 bis 70 Jahren für gemeinJugendpfarrerin von Österreich samen Haushalt in der OberIch bedanke mich herzlich im Namen Pfarrer Martin Madrutter, steiermark, NR, NT. Bitte um der Leserinnen und Leser, die durch Pörtschach (Ktn) Zuschrift mit Angabe Ihrer Ihre Hilfe weiterhin zur SAAT-FamiPfarrerin Maria Katharina Telefonnummer/E-Mail-Adresse lie gehören können. Moser, Wien-Simmering, unter Chiffre „Gemeinsam-44“ THOMAS DASEK Glaubenskirche oder new.stmk.2016@gmx.at

Eine Bitte

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Neu im Amt

für die SAAT-Geschäftsführung

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ANGEBOTE

Weihnachtsgeschenke gefunden Geschichte in Bildern Erstmals präsentieren die drei Evangelischen Kirchen in Österreich ihre Geschichte in Bildern. Kurze erklärende Texte des Historikers Karl-Reinhart Trauner begleiten die eindrucksvollen Fotos und Farbabbildungen. Zweisprachig: Deutsch – Englisch Hardcover, gebunden, Farbdruck, Format A4, 152 Seiten ISBN 978-3-85073-687-9

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SAAT-Geschenkabo Lesen von Gott und der Welt

€ 27,– pro Jahr (Ö) Die SAAT erscheint jeden Monat. Der Preis enthält bereits die Versandkosten innerhalb Österreichs. Das Abo verlängert sich automatisch zum jeweils gültigen Preis, wenn es nicht mindestens 4 Wochen vor Ablauf des aktuellen Kalenderjahres schriftlich gekündigt wird. Druckfehler vorbehalten.

Erhältlich im Evangelischen Presseverband: T. 01 712 54 61 oder shop.evang.at

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REISETIPP REFORMATION

Thüringen im Lutherjahr 2017 erleben Der Freistaat im Herzen Deutschlands, der tief mit Martin Luther verbunden ist, feiert 500 Jahre Reformation. Das Programm reicht von innovativen Dauerausstellungen bis zur „Luther to go“-App für Wanderer.

Foto: Toma Babovic

erhebt, für seine Überzeugungen steht und sich für den Fortschritt in der Gesellschaft einsetzt. In seinen berühmten 95 Thesen kritisierte er die damaligen Missstände in der katholischen Kirche. Die Thesen gelten heute als Startschuss für die Hätte es vor 500 Jahren schon Sozi- Reformation, die nachhaltige Ausale Medien wie Twitter oder Insta- wirkungen hatte und der Moderne gram gegeben, dann wäre Martin den Weg ebnete.

Entgeltliche Einschaltung

Das Luther-Denkmal vor der Kaufmannskirche in Erfurt

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Luther (1483–1546) eine große Fangemeinde sicher gewesen. Denn: Der Mann hatte was zu sagen. Seine Flugblätter erreichten Abertausende Menschen im ganzen Land. Heute würde man sagen: Luther war ein Kommunikations-Experte. Bei der Frankfurter Buchmesse im Jahr 1520 verkaufte er innerhalb von drei Tagen 1400 Exemplare seiner Schriften. Luther war ein Star-Autor seiner Zeit. Und bereits zu seinen Lebzeiten existierten mehr als 500 Bilder von Luther, allesamt gemalt von seinem berühmten Künstlerfreund Lucas Cranach. Ein guter Selbstvermarkter war Martin Luther also auch noch. Was Martin Luther neben all diesen Funktionen aber vor allem war: ein Reformator. Einer, der seine Stimme

Martin Luthers Verbindung zu Thüringen Im Freistaat Thüringen verbrachte der Reformator einen Großteil seines Lebens. Eisenach, wo Luther zur Schule ging, nannte er stets „meine liebe Stadt“. Sein ehemaliges Wohnhaus präsentiert sich seit 2015 als Lutherhaus im neuen Glanz und zeigt die innovative Dauerausstellung „Luther und die Bibel“.

ter lebte er zeitweise als Mönch. Und im imposanten Erfurter Mariendom wurde er zum Priester geweiht.

Lutherstätten, Ausstellungen und Veranstaltungen Im Jahr 2017 steht Thüringen ganz im Zeichen von Luther. Unter dem Motto „Wo Worte Weltgeschichte wurden. 500 Jahre Reformation in Thüringen“ bieten alle 21 Lutherstätten spezielle Veranstaltungen. Beispielsweise die Stadt Schmalkalden, wo Luther einst in der Georgenkirche predigte und ab 1. April 2017 die Dauerausstellung „Der Schmalkaldische Bund als politischer Arm der Reformation“ im Schloss Wilhelmsburg zu besichtigen ist. In Bad Frankenhausen fand die entscheidende Auseinandersetzung des Bauernkrieges statt. Das von Werner Tübke (1929–2004) geschaffene spektakuläre Monumentalgemälde „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“ zeigt mit seinen über 3000 einzelnen Figuren die Geschichte eindrücklich.

Weitwandern auf dem Lutherweg Nicht nur Pilger, auch sportlich Ambitionierte wandern im Jubiläumsjahr auf dem Lutherweg auf den Spuren des Reformators. Der Weitwanderweg führt auf 1010 Kilometern durch ganz Thüringen. Auf dem Pfad passiert man historische Orte aus Luthers Leben, zum Beispiel Glasbachgrund bei Steinbach, wo Luther einst gefangen genommen wurde. Luther selbst marschierte oft und gerne zu Fuß – bis zu 40 Kilometer am Tag. Man könnte also sagen: Luther war ein Weitwanderer. Und weil sich in den vergangenen 500 Jahren auch technisch einiges getan hat, laden sich Wanderer heute einfach die kostenfreie App namens „Luther to go“ herunter.

Hoch oben auf der Eisenacher Wartburg, die heute zum UNESCOWelterbe gehört, übersetzte Luther das Neue Testament erstmals verständlich in die deutsche Sprache. In Thüringens Hauptstadt Erfurt stu- Weitere Informationen: dierte Luther an der Fakultät der www.lutherland-thueringen.de Künste, im dortigen Augustinerklos- www.thueringen-entdecken.de

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INLAND

Ehrenzeichen für Ulrich Körtner Foto: M. Uschmann

Eine große Auszeichnung erfuhr der Theologe und Medizinethiker Ulrich Körtner: Am 15. November wurde ihm das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse in Wien durch Staatssekretär Harald Mahrer verliehen.

Es sei eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen die evangelische Fachwissenschaft auf größerer Ebene wahrgenommen werde, sagte Körtner gegenüber der SAAT. „Das freut mich, neben dem persönlichen Aspekt, vor allem.“ Persönlich freue es ihn besonders, „dass ich, der ich seit 24 Jahren in Österreich lebe, hier als Zugereister diese Anerkennung gefunden habe“. Dies verdanke er auch und vor allem seiner Frau Martina. „Hätte meine Frau nicht ebenso wie ich in Österreich leben Ulrich Körtner (Mitte) mit seiner Frau Martina und Staatssekretär Harald Mahrer nach der Verleihung des Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse im Audienzsaal des Bundesministewollen, dann wären wir beide nicht riums für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft in Wien hier geblieben. Daher gebührt ihr mein ganz besonderer Dank.“ Evangelisch-Theologischen Fakultät Wien und ist Direktor des Instituts der Universität Wien. 2001 wurde er für öffentliche Theologie und Ethik Der evangelische Theologe Ulrich „Wissenschaftler des Jahres“. Körtner der Diakonie. H.J. Körtner ist seit 1992 Ordinarius leitet das Institut für Ethik und Recht MAN für Systematische Theologie an der in der Medizin an der Universität

„Reformationstruck“ in Österreich

Foto: M. Uschmann

Inzwischen ist er längst weitergefahren auf seiner Tour durch Europa: der 28 Tonnen schwere „Reformationstruck“, der zwischen 15. und 19. November in Villach, Graz und Wien Halt gemacht hat. Eine kleine Bilanz konnte Tour-Manager Johannes Göring im Gespräch mit der SAAT bereits ziehen, war Wien doch am 18. und 19. November bereits die achte

Station: „Die Menschen sind sehr interessiert und besuchen uns gerne in unserem Informationszentrum.“ Geschätzt kämen täglich 500 Menschen zum Reformationstruck, „aber das hängt natürlich auch von der örtlichen Öffentlichkeitsarbeit ab“. Die sei in Österreich „sehr gut“ gewesen. Überhaupt ist die Tour in Österreich „sehr gelungen, die Menschen haben uns mit offenen Armen empfangen“. Auch das Programm rund um die Besuchstage sei jeweils sehr attraktiv, so der ausgebildete Musiker.

Der Reformationstruck wird zum Geschichtenmobil. Hier in Wien

BesucherInnen spezielle Stadtführungen, Kinderprogramm und in Wien Wienerlieder. In Graz wurde mit „Gegeneinander. Nebeneinander. Miteinander“ das steirische Reformationsjubiläum eröffnet. Villach stellte am 15. November unter anderem die Arbeit der Diakonie De La Tour vor und bot den offiziellen Anstich des „Lutherbiers“, das aus Kärntner Brauereien kommt.

Insgesamt umfasst der „Europäische Stationenweg“ 68 Orte in 19 Ländern. Von jeder Station nimmt der Reformationstruck Reformationsgeschichten aus fünf Jahrhunderten mit, die das „Geschichtenmobil“ zur Weltausstellung in Wittenberg am 20. Mai präsentiert. Mit dabei sind 16 freiwillige HelferInnen, die in Hotels oder, wenn möglich, auch bei Die drei Stati- Gastfamilien übernachten. So wie in onen in Öster- Österreich. Informationen unter reich, Villach, r.2017.org Graz und Wien, MAN boten den SAAT NR. 12 ✲ DEZEMBER 2016 ✲ 63. JAHRGANG

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TV-GOTTESDIENST / INLAND

Der Klassiker: Ausgabe 2017

Neue Jugendpfarrerin

„Glaube und Heimat“ 2017 ist deckeln, ebenso wie den liturgischen erschienen: Im Jahr des Reformati- Kalender, der durch dieses denkwüronsjubiläums widmet sich der Best- dige Jahr führt. Wir wünschen viel seller selbstverständlich der Reformation: „500 Jahre Reformation – und nun?“ Unter dieser Überschrift schreiben die Vertreter der drei Evangelischen Kirchen, Bischof Michael Bünker, Landessuperintendent Thomas Hennefeld und Superintendent Stefan Schröckenfuchs, ihre Beiträge.

Die Evangelische Kirche hat eine neue Jugendpfarrerin: Petra Grünfelder ist am 13. November in WienNeubau in ihr Amt eingeführt worden. Ihren Dienstbeginn hatte die 33-Jährige am 1. September. Zunächst einmal will sie die Arbeit der Evangelischen Jugend in Österreich (EJÖ) kennenlernen: „Mir geht es auch darum, zu erfahren, wer wir sind und wofür wir stehen“, sagt die aus Bad Goisern stammende Theologin im Gespräch mit der SAAT. Besonders freut sie sich auf die Arbeit in und mit den Diözesen und „auf viele schöne und lebendige Jugendgottesdienste“.

Auch Martin Junge, Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, geht in seinem Text auf die Reformation und ihre Wirkung heute ein, ebenso haben wir die neue Direktorin der Evangelischen Frauenarbeit, Gerti Rohrmoser, um eine Standortbestimmung zum Thema gebeten. 2017 ist auch das „Jahr des Glaubens“ – zuständig für dieses Themenjahr ist Oberkirchenrätin Gerhild Herrgesell. In ihrem Beitrag schreibt sie Vergnügen mit „Glaube und Heimat“ über den Hintergrund dieses Jahres. 2017! Zu bestellen um € 14,20 (exkl. Versandkosten) im Evangelischen Dazu gibt es wie immer alle Adres- Presseverband unter T. 01 712 54 61 sen aus den Evangelischen Kirchen oder shop.evang.at Österreichs und der Ökumene – einMAN fach zu finden zwischen zwei Buch-

Die Amtseinführung hatten Bischof Michael Bünker und Landessuperintendent Thomas Hennefeld in der Auferstehungskirche in Wien-Neubau in einem Festgottesdienst vorgenommen. Assistentin war die für die Jugendarbeit zuständige Oberkirchenrätin Gerhild Herrgesell. Als Jugendpfarrerin ist Grünfelder Seelsorgerin für die MitarbeiterInnen der EJÖ, Ansprechpartnerin für den Bereich Kinder- und Jugendarbeit und arbeitet bei Schulungen und Jugendveranstaltungen mit. MAN

„Freude kommt in jedes Haus“ ORF

nenduft und Engelshaar“ auf den Punkt. Seit Jahren schon lädt die Grazer Kreuzkirchengemeinde zu einem Adventmarkt in die Kirche ein – der Erlös geht an alleinstehende PensionistInnen, die von Altersarmut betroffen sind.

Heuer kommt die Christvesper aus der Kirche, in der der Adventmarkt bereits aufgebaut ist. „Freude kommt TV-ÜBERTRAGUNG in jedes Haus“ heißt die Vesper: „Wir EVANGELISCHE CHRISTVESPER zeigen damit, dass wir zu den MenAM HEILIGEN ABEND schen hingehen und unsere Hilfe 24. Dezember 2016, 19.00 Uhr „Freude kommt in jedes Haus“ anbieten, sei es finanziell, mit rechtaus der Grazer Kreuzkirche am Volksgarten im Rahmen des Adventmarktes „Tannenduft & Engelshaar“ licher Hilfe oder durchs Miteinandersprechen“, sagt Pfarrer Nitsche. Denn den Erlös des Adventmarkts bringen die MitarbeiterInnen in die Häuser der verarmten Männer und Frauen. Zu sehen ist die Christvesper am 24. „Weihnachten bedeutet, Gutes tun“ – Dezember um 19 Uhr auf ORF 2. mit diesen einfachen Worten bringt MAN Pfarrer Paul Nitsche die Aktion „TanMit der Gemeinde feiert Pfarrer Paul G. Nitsche Musikalische Gestaltung: Grazer Keplerspatzen Leitung: Ulrich Höhs

Krippenspiel | Konzeption: Pfarrerin im Ehrenamt Barbara Lazar

Evangelische Kirche A.u.H.B. in Österreich

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Kirchenleitungen tagten gemeinsam Erstmals ist es auf Einladung der römisch-katholischen Bischofskonferenz zu einer ökumenischen Begegnung gekommen: Anlässlich des Reformationsjubiläums nahmen die Kirchenleitungen der Evangelischlutherischen, der Reformierten und der Methodistischen Kirche teil an einer gemeinsamen Klausurtagung. „Diese Begegnung zeigt das wachsende ökumenische Miteinander in unserem Land“, sagte Bischof Michael Bünker am 8. November zu Beginn des Treffens in Eisenstadt. Kardinal Christoph Schönborn betonte die Gemeinsamkeiten beider Kirchen. Die Ökumene sei „so alt wie die Reformation. Das Gemeinsame ist stärker als das Trennende.“ RED


Foto: M. Uschmann

Weihnachten und andere

Wunder A

lle Jahre wieder holen die Menschen im Dezember ihren Weihnachtsschmuck hervor. Bei den allermeisten finden sich dann unter dem Christbaum die Krippe mit dem Jesuskind, Maria, Josef, die Tiere im Stall und auch die drei Weisen aus dem Morgenland. Die Geschichte Jesu mit den Menschen beginnt mit einem Wunder, nämlich der Jungfrauengeburt. Aufgeschrieben vom Evangelisten Lukas und heute verknüpft mit der Geschichte vom Evangelisten Matthäus. Er erzählt von der Reise der drei Weisen nach Bethlehem, um das Jesuskind anzubeten. Ein weiteres Wunder: Der Stern, der die Drei leitet, zeigt das Eingreifen NR. 12 ✲ DEZEMBER 2016 ✲ 63. JAHRGANG

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T H E M A: W E I H NACH T E N U N D AN D E R E W U N D E R

Gottes in die Natur. Es handelt sich um ein „kosmisches Wunder“, das hinführt zu dem auf wundersame Weise gezeugten Kind Jesus.

Menschen

suchen

Wunder

Foto: P. Sjogren/wikimedia

„Wundererzählungen waren gar nichts Besonderes zur Zeit Jesu, sondern weit verbreitet“, sagt Markus Lang, Pfarrer von Vöcklabruck und davor einige Jahre Assistent am Institut für Neutestamentliche Wissenschaft der Universität Wien. Das liege an der übernatürlichen Weltsicht der Antike, „heute ist das nicht mehr denkbar, was an der modernen naturwissenschaftlichen Weltsicht liegt“. Auch die Akzeptanz der Geburt eines Menschen durch eine Jungfrau sei in der Antike weit verbreitet gewesen, „besonders die Zeugung durch einen Gott war ein häufiges Erzählmotiv“. Das gelte etwa für Alexander den Großen oder Cäsar. Damit werde gezeigt, dass Gott etwas Besonderes vorhat mit diesem Menschen. Letztendlich gehe es allgemein bei Wundern immer darum, „dass Gott die Macht hat, in die natürlichen Abläufe einzugreifen“. Dennoch gebe es einen großen Unterschied zwischen „normalen“ Wundererzählungen und den biblischen Wundergeschichten: „In der Bibel haben die Wunder keinen Wert an sich. Sie dienen immer dazu, die Botschaft vom Reich Gottes oder die Verkündigung Jesu vorzubereiten.“

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Foto: MasterFinally/wikimedia

1792) die in den Wundern berichteten Vorgänge aus natürlichen, aber fehlgedeuteten Ursachen: So sei Jesus beim Seewandel im Nebel am Seeufer oder auf dort im Wasser liegenden Bauhölzern Menschen lieben Wunder, vielleicht könnte man auch sagen: Men- entlanggegangen und daher von den Jüngern für ein Gespenst schen brauchen Wunder. So ist es kein Wunder, dass aus der Bibel gehalten worden, das auf dem Wasser gehen könne. Bei der besonders die Wundergeschichten Jesu so weit verbreitet sind. Sturmstillung habe Jesus die verängstigten Jünger angeherrscht: Am häufigsten genannt werden da das Weinwunder von Kanaan aus dem Johannesevangelium, die Sturmstillung oder dass Jesus über den See Genezareth gewandelt ist. Auch dass Jesus Lazarus vom Tod erweckt, gehört zum kollektiven Gedächtnis der Menschen. Andere Wundergattungen sind etwa Geschenkwunder (Brotvermehrung) oder die Austreibung von Dämonen.

Ein Neugeborenes hat immer auch etwas von einem Wunder an sich „Schweigt still!“, was diese auf Wind und Wellen bezogen, die sich zufällig im selben Moment legten. Dies hätten die Jünger dann auf seinen „Befehl“ zurückgeführt. Auch bei der Brotvermehrung hätten einfach genügend Zuhörer Lebensmittel bei sich gehabt. Jesus habe seine Nahrung mit den Jüngern geteilt und die übrigen Zeugen damit angeregt, ebenfalls ihre Vorräte zu teilen, so dass alle satt wurden. Diese Erklärungsversuche setzen tatsächliche Ereignisse voraus, deuten aber das Wunderbare aus ihnen heraus.

Diese moderne Sicht der Wunder gibt es noch nicht lange. Noch Aber Menschen suchen nach Wundern, damals wie heute. Bei eizu Zeiten der Aufklärung wurde lediglich anerkannt, dass nur his- ner Straßenumfrage, die wir durchgeführt haben, antwortete Metorisch sein könne, was naturwissenschaftlich möglich sei. Dem- lanie (29) auf die Frage „Gibt es heute noch Wunder?“: „Naja, immer gemäß erklärte etwa der Theologe Karl Friedrich Bahrdt (1741– wieder wird von Wundern gesprochen, wenn etwas geschieht, womit keiner mehr gerechnet hätte. Also etwa wenn zwei Menschen lange im Streit gelegen sind und dann doch wieder Frieden schließen, dann spricht man umgangssprachlich von einem Wunder.“ „Haben Sie selber schon einmal ein Wunder erlebt?“ „Am ehesten noch bei der Schwangerschaft mit meiner Tochter und dann auch bei der Geburt. Ja, eigentlich ist das alles für mich ein großes Wunder gewesen, auch wenn man alles biologisch erklären kann. Aber dass da ein Mensch in mir herangewachsen ist und dann auf die Welt kommt … Wenn das kein Wunder ist!“ Auch Anja (49) antwortet auf die Frage, ob es heute noch Wunder gibt, positiv: „Das ist natürlich eine Naturwunder Sturmstillung (Olof Larsson Wikström, Schweden 1838). In der Antike gab Definitionsfrage. Ich persönes häufig Erzählungen von Naturwundern. Sie galten als Zeichen göttlicher Macht lich glaube schon an Wunder.

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Foto: Petrusbarbygere/wikimedia

Ich denke, wenn man offen ist und ohne Vorurteile durchs Leben geht, kann man Wunder erleben, ganz viele sogar. Es hängt einfach davon ab, ob man seine Augen offenhält für Wunder oder ob man seine Augen dafür verschließt. Ich versuche jedenfalls, offen für Wunder zu sein.“ Rotraud Perner, seit kurzem Pfarrerin und bekannt unter anderem als Tiefenpsychologin und Sozialtherapeutin, antwortet auf das Phänomen Wunder so: „Wenn man erlebt hat, wie es sich anfühlt, wenn plötzlich Angst und Zweifel des anerzogenen, normgerechten Denkens ohne erkennbaren Anlass fühlbar ins Herz hinabsinken und dabei verschwinden und sich stattdessen ein Gefühl von Vertrauen und Sicherheit breitmacht, dann weiß man, wie sich der ‚lebendige Gott‘ anfühlt. Diese ‚Wandlung‘ auf Grund der Gotteserfahrung lese ich auch aus den Worten heraus, wenn Jesus spricht: ‚Dein Glaube hat dich geheilt‘.“ Hier ist es wieder, was Markus Lang eingangs beschrieben hat: „Das Eingreifen Gottes in die Welt, bei den Menschen“. Und das gilt bei Heilungswundern genauso wie beim Weihnachtswunder. Lang: „Die ganze Geschichte muss ja einen Anfang haben. Je später die Erzählungen in der Bibel von Jesus entstehen, umso wichtiger wird dieser Anfang.“ Bei Paulus spielte der irdische Jesus noch überhaupt keine Rolle, der Mensch Jesus ist praktisch nicht da. Auch beim frühesten Evangelium, dem Markusevangelium, ist die Kindheit Jesu „absolut unwichtig“. Dann aber kommen die Kindheitsgeschichten Jesu auf, und schließlich gibt es auch einen Ursprung Jesu in der Welt, und das ist eben die Jungfrauengeburt in einem Stall. „Dieser Anfang will gefeiert werden, und so kommen wir der Idee des emotionalen Weihnachtsfestes schon näher.“ Auch die Reformatoren Martin Luther, Johannes Calvin und Ulrich Zwingli übernahmen die Lehre von der Jungfrauengeburt. Luther begründete mit der Bibel sowohl Jesu übernatürliche Empfängnis als auch seine Abstammung von Abraham, also sein Judentum. Die Verehrung Marias als immerwährende Jungfrau dagegen sei Götzendienst. Es sei unwichtig für den Glauben an die Menschwerdung des Sohns Gottes, da die Bibel kein Interesse an der Frage zeige, ob Maria nach Jesu Geburt Jungfrau geblieben sei. Die Reformatoren wissen sich hier nicht nur im Einklang mit der Bibel, sondern auch mit der Alten Kirche, die 325 im Nicänischen Glaubensbekenntnis formuliert: „Wir glauben … an den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, der als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt ist, … wahrer Gott aus wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen …“ Und auch im Glaubensbekenntnis, wie wir es sonntäglich sprechen, bekennen wir sowohl die Jungfrauengeburt als auch die Auferstehung als einzige Wunder. Dennoch überwiegt in der Wissenschaft und auch bei vielen Menschen der Zweifel an der Jungfrauengeburt Jesu. Es handle sich dabei um eine Metapher, also ein Gleichnis, als Antwort auf die Frage nach dem göttlichen Ursprung Jesu. Auch das Ausbleiben eines Wunders kann dazu führen, dass die Hoffnung darauf schwindet und man das alles kurzerhand ablehnt, wie etwa Helmut (78): „Also ich glaube ehrlich gesagt nicht an Wunder. Dafür habe ich auch schon zu viel erlebt. Was soll das sein? Alles, was einem als Wunder verkauft wird, lässt sich früher oder später irgendwie erklären.“ „Haben Sie selbst schon einmal ein Wunder erlebt?“ „Nein, dabei hätte ich schon öfters ein oder zwei Wunder brauchen können …“ Aber nur weil jemand vergeblich ein Wunder erwartet hat, muss das ja nicht bedeuten, dass es keine Wunder geben kann. So jedenfalls argumentiert Rotraud Perner: „Bei all diesen Phänomenen

Heilungswunder: Dämonenaustreibung in Kapernaum in „Les Très Riches Heures du duc de Berry“ (Stundenbuch des Herzogs von Berry), 15. Jh.

kann man auch von einem Eingreifen Gottes sprechen, wenn man Gott als Wirkkraft versteht und nicht in ein personales Bild presst. Und wenn man den Mut und den Respekt hat, sich zu bemühen, solche Erfahrungen als Mitteilungen von subjektiver Wahrnehmung zu verstehen, für die oft die Worte fehlen.“ Bei der Weihnachtsgeschichte und dem Weihnachtswunder nun ortet Markus Lang eine „menschlich zutiefst ergreifende Geschichte, bei der dem Geschehen Gottes Pläne zugrunde liegen. Und damals wie heute gilt ja, dass ein Neugeborenes immer auch etwas von einem Wunder an sich hat.“ Perner lenkt beim Weihnachtswunder den Blick auf Maria: „Ich denke, zu dem Wundersamen zählt vor allem auch der Glaube und das Vertrauen auf die Verheißungen – oder anders formuliert: auf die Engelsbotschaften und den Willen Gottes.“ Auf diese Weise eröffne sich eine vorher undenkbare Zukunftsperspektive und verändere. „So verstehe ich auch Glaube: tief im Herzen zu spüren, was richtig – was Gottes Wille – ist, und dann zu dieser Gewissenserfahrung zu stehen.“ MARCO USCHMANN S T E FA N FL E I S CH N E R -JA N I T S G E S TA LT U N G : I S A B E L L A S TA S T N Y/ M A R C O U S C H M A N N

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KINDERPÄDAGOGIK

Sterne begleiten im Advent Sie gehören unbedingt zur Adventund Weihnachtszeit dazu, in verschiedenen Größen und Formen, zum Anschauen, aber auch zum Essen: Sterne. Die Tage werden kürzer und es wird früher dunkel, dadurch können wir die Sterne jetzt viel deutlicher sehen. Viele Kinder beobachten gerne die Natur, so sicher auch den Sternenhimmel. Auch in der Weihnachtsgeschichte gibt es einen sehr prominenten Stern – den Stern über Bethlehem, der den Weisen den Weg gezeigt hat. Dieser Stern lädt ein, sich gemeinsam auf den Weg nach Weihnachten zu machen, den Stern als Begleiter durch die Adventzeit zu sehen.

Foto: S. Hofschläger/pixelio

Ich erzähle zu Beginn der Adventzeit gerne die Geschichte von Elisabeth und Zacharias. Zacharias ist auf dem Weg zu seinem Tempeldienst, und da

Wünsche, von denen wir nicht wis- sterne, Sterne aus Mürbteig, Lebkuchensterne, Marzipansterne … sen, ob sie je erfüllt werden? Und falls es keine Möglichkeit gibt, Ich bitte die Kinder, sich je einen Kekse mit den Kindern zu backen: Wunsch für sich selbst und einen einfach fertige Lebkuchensterne Wunsch für die Zukunft der Welt zu mitnehmen und diese mit den Kinüberlegen. Dann bekommen sie zwei dern verzieren (mit verschiedenen Dreiecke, die zu Sternen gefaltet Nüssen, Zuckerguss, Süßigkeiten, werden. In die Mitte jedes Dreiecks Lebensmittelstiften). Sie schmecken kommt je ein Wunsch der Kinder. Sie nicht nur besonders gut, sondern dürfen die Sterne natürlich auch ver- können auch – hübsch verpackt – zieren. Anschließend kommen die ein wunderbares, einzigartiges Gezwei Sterne jedes Kindes in ein schenk sein. Kuvert, das an das jeweilige Kind adressiert wird. Ich nehme die Abgesehen von der WeihnachtsgeKuverts dann mit, und im darauffol- schichte mit dem Stern über dem genden Sommer schicke ich den Kin- Stall in Bethlehem passt auch die dern ihre Wünsche zu (natürlich Geschichte vom Herrnhuter Stern, ohne den Inhalt anzuschauen – was der den Kindern von Herrnhut den die Kinder geschrieben haben, geht Advent erhellt und verschönert hat, sehr gut in diese Zeit. So ein großer nur sie selbst etwas an). Herrnhuter Stern hängt zum BeiAus den Erfahrungen der letzten spiel in unserer Kirche, kann aber Jahre weiß ich, dass sich die Kinder bestimmt auch mit Kindern gebastelt werden. Basteln kann man Sterne auf verschiedene Arten. Mehrere gefilzte Sterne oder Sterne aus Filz ausgeschnitten, zusammengenäht und mit Watte gefüllt können zu einem wunderbaren, bunten SternMobile zusammengehängt werden.

Vor ein paar Jahren habe ich mit Schülerinnen und Schülern Stern-Christbaumanhänger gebastelt und sie zum WeihnachtsFamiliengottesdienst an die GottesdienstbesucherInnen als Weihnachtsgeschenk verteilt. Die Anhänger haben wir aus Bienenwachs-Platten (die riechen auch besonders der Weg lang ist, hat er viel Zeit zum meist sehr freuen. Sie haben oft gut!) mit Keksausstechern ausgestoNachdenken. Er denkt über sein schon vergessen, was sie geschrie- chen und dann mit Perlen verziert. Leben nach, darüber, dass er und ben hatten, und sind manchmal auch seine Frau Elisabeth sich schon seit überrascht, dass sich ein Wunsch Sicher gibt es noch unzählige andere langer Zeit ein Kind wünschen. Doch schon erfüllt hat. Möglichkeiten, Sterne zu basteln mittlerweile sind sie alt geworden und zu gestalten. Vielleicht lassen und glauben nicht mehr daran, So wie Sterne gehören auch Kekse auch Sie sich/lässt auch du dich in jemals noch ein Kind zu bekommen. zur Adventzeit – und das lässt sich diesem Jahr von den vielen Sternen Zacharias lädt uns ein, auch über wunderbar verbinden! Sternkekse durch die Adventzeit begleiten. unsere Wünsche nachzudenken. Was können in vielen verschiedenen VariJENNIFER JAKOB sind unsere tiefsten Sehnsüchte und anten hergestellt werden: Zimt-

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PORTRAIT / PRAXIS

Frauenarbeit: Mehr Spiritualität wagen Danach will die neue Direktorin in die Pfarrgemeinden gehen: „Frauen machen einen erheblichen Teil der Kirche aus. Wir sorgen oft als ‚gute Geister‘ für die Atmosphäre in den Gemeinden. Das ist den Frauen oft nicht bewusst.“ Ohne sie funktioniere Kirche nicht, „und ich meine nicht die viele Arbeit, die Frauen in den Pfarrgemeinden leisten, Nach der Wahl am 15. Oktober bei der Herbstkonferenz in Feld am sondern allgemein See: Gerti Rohrmoser (1. Reihe, 5. v.l.) im Kreis der Teilnehmerinnen das Gemeindeleben“. Dies bezieht sie auch auf die Gottes- wegung: „Wir haben durchaus gedienstgestaltung: „In der Frauenar- meinsame Ziele, warum nicht Synerbeit kommt die Spiritualität zu kurz.“ gien nutzen?“ Privat ist Rohrmoser Feministische Spiritualität bedeute, viel in ihrem Garten, der überwieKraft zu tanken, Rückzugsmöglich- gend aus Blumen – „am liebsten bunt keiten in der Gemeinschaft zu bieten und durcheinander“ – besteht. Hier und eine ganzheitliche Herange- beweist sie Geschmack: „Am liebsten hensweise an den Glauben. Gesell- sind mir Rosen – die englischen.“ schaftspolitisch sucht Rohrmoser den MARCO USCHMANN Kontakt zur Katholischen FrauenbeFoto: H. Andorka

Gerti Rohrmoser hat gewusst, worauf sie sich einlässt, als sie Anfang November Direktorin der Evangelischen Frauenarbeit (EFA) wurde: „Frauenarbeit habe ich in meiner Gemeinde eigentlich schon immer gemacht“, sagt die Wienerin, die in der Pfarrgemeinde H.B. WienSüd zu Hause ist. Mit Unterbrechungen ist Rohrmoser seit 2008 in der übergemeindlichen Frauenarbeit engagiert, 2014 wurde sie Vorsitzende der EFA. Jetzt habe sie Gestaltungsspielraum, den sie nutzen möchte: „Ich sehe das in zwei Phasen, zunächst einmal nach innen. Ich habe das Gefühl, die Gesamtleitung der EFA und die Arbeit in den Diözesen sind auseinandergedriftet. Das möchte ich neu koordinieren.“ Dabei sieht sich die Theologin „nicht als Alleinunterhalterin. Ich möchte die Frauen mit ihren Wünschen und Bedürfnissen viel mehr einbinden.“ Dazu ist sie auf eine Tour durch die Diözesen gegangen: „Ich habe mich in die diözesanen Frauentage gesetzt und erst einmal zugehört.“ Das sei sehr spannend gewesen. Rohrmoser ist überzeugt: „Die Frauenarbeit lebt.“

Aufs Publikum zugehen Das Fernsehen macht es vor: Wenn bei Shows der Moderator zu sprechen beginnt, fängt er oft zu gehen an. Meist geht er auf die Kamera zu, also hin zum Publikum. Daraus lassen sich zwei Dinge lernen: Verändern Sie beim Vortragen Ihren Ort. Gehen Sie von der einen Ecke des Raums zur anderen, von vorne nach hinten. Und sprechen Sie dabei. Das klingt schwieriger, als es ist; mit ein wenig Übung gelingt das recht rasch. Sie erhalten damit die Aufmerksamkeit Ihrer ZuhörerInnen und nehmen selbst auch Andere und Anderes wahr.

Wenn Sie Ihre Rede planen, ist ein roter Faden unumgänglich. Sie können Ihre Worte chronologisch aufbauen und mit dem Anfang beginnen (meist langweilig, weil erwartet) oder (spannender) mit dem Ende, also dem Ergebnis. Sie können auch mit einer Aufzählung (nicht mehr als drei Punkte) beginnen und diese dann „abarbeiten“. Auch ein konsekutiver Aufbau ist möglich: Wenn A und B, dann folgt logischerweise C. Auch eine Art Wegbeschreibung ist denkbar, bei der Sie verdeutlichen, wohin die Reise gehen soll und bei welchen Wegmarkierungen Sie verZweitens: Seien Sie bei Ihrem Publi- weilen. Wichtig ist ein klarer Weg, kum, und zwar buchstäblich, indem den das Auditorium erkennt. Sie zu den ZuhörerInnen hingehen. Mal zu den Einen, mal zu den Ande- Sie können Ihre ZuhörerInnen auch ren. Achten Sie darauf, dass Sie gerne an Ihren Überlegungen teilharuhig gehen und Ihrer Rede ange- ben lassen und – große Kunst – mitmessen – also durchaus auch Stellen einbeziehen, indem Sie Fragen stelhaben, an denen Sie stehenbleiben. len und auf die Antworten eingehen.

Signalisieren Sie, dass Sie Ihren ZuhörerInnen etwas mitgebracht haben, das Sie ihnen jetzt widmen. Wenn Sie keine Möglichkeit haben, den Raum zu durchschreiten, ist es umso wichtiger, dass Sie Menschen einzelne Sätze „schenken“. Suchen Sie sich bewusst ZuhörerInnen aus, die in den hinteren Reihen sitzen, und sprechen Sie Ihre Sätze dorthin. Passen Sie Ihre Sprachmelodie diesen Sätzen an – lassen Sie also die Gedanken (oder bei geistlichen Texten die Seelen und Herzen) Ihrer ZuhörerInnen dem Inhalt nachkommen. Versuchen Sie dabei, sich selber zuzuhören, denn so behalten Sie eine interessante Sprachdynamik bei. MARCO USCHMANN

Im nächsten Heft: Wie „schmecken“ Reden und Texte?

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THEOLOGIE

Das Alte Testament und das Christentum machen, warum das Alte Testament Teil der Bibel und der Identität christlichen Glaubens ist. In diesen Diskussionen spielt eine Reihe von Pauschalurteilen über das Alte Testament eine Rolle: So sei darin nur der gewalttätige Gott zu

Foto: M. Uschmann

Vor etwa eineinhalb Jahren durchzog eine heftige Kontroverse innerhalb der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin die deutsche Presselandschaft und hatte auch in Österreich ein gewisses Echo. Der Dogmatikprofessor Notger Slenczka hatte in einem Aufsatz

eine eingeschränkte Weltperspektive. So war Jesus etwa nur zu Israel gesandt (Mt 15,24) und hatte nur ausnahmsweise Kontakt zu einzelnen Nicht-Juden. Und umgekehrt findet sich eine universale Heilsperspektive auch im Alten Testament: Nach der Sintflut schließt Gott einen Bund mit der gesamten Schöpfung, keine Flut mehr zu schicken, wofür der Regenbogen als Zeichen gilt. Der umfassende Friede, den Jesaja ankündigt, gilt allen Völkern (Jes 2,4).

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Bedeutsamer ist aber, dass sich das frühe Christentum selbst ohne jeden Vorbehalt auf das Alte Testament bezog, das die Heilige Schrift Jesu, der Apostel und aller neutestamentlichen Autoren war. Wer ein Christentum ohne Altes Testament will, trennt sich nicht nur von den Wurzeln im Judentum, sondern auch von den Wurzeln im frühen Christentum. Das Neue Testament ist stets als zweites Zeugnis des Handelns Gottes gelesen worden, dem das erste Zeugnis in nichts nachstand. Gewiss lesen wir das Alte Testament heute nicht mehr durch eine christologische Brille, Die Sprachen der Bibel: Hebräisch und Griechisch, rechts eine lateinische Übersetzung sondern als eigenständiges Zeugnis jenes Glaubens an den einen Gott, an „Die Kirche und das Alte Testament“ finden, der sich noch dazu aus- den auch Christus und die Christusim Jahr 2013 gefordert, dass die Kir- schließlich um sein erwähltes Volk gläubigen der Anfänge glaubten. chen das Alte Testament aus der Hei- Israel kümmere. Der alttestamentligen Schrift nehmen und auf den liche Gott sei mit dem liebenden Gott Theologische Überlegungen der Rang von Apokryphen herabstufen des Neuen Testaments, den Christus Gegenwart, kritische Worte über sollten. Da das Alte Testament kein verkündige, nicht vereinbar. Und in einzelne Abschnitte der Schrift oder Christuszeugnis sei, wie die alttesta- der Tat: Das Alte Testament enthält auch mangelndes Interesse an mentliche Wissenschaft erwiesen eine Reihe blutrünstiger Erzäh- bestimmten Texten können, dürfen habe, sei es auch für das gegenwär- lungen, die Teil der Geschichte Isra- und werden diese Verbindungslinie tige Christentum nicht mehr von els sind. Aber auch das Neue Testa- zu den Anfängen nicht abschneiden. religiöser Bedeutung. Zudem sei es ment ist keineswegs frei von solchen Denn nicht unser frommes Bewusstim christlich-jüdischen Dialog nur Schauergeschichten: Nicht erst die sein entscheidet über die Schrift, konsequent, das Alte Testament, die Johannesoffenbarung, schon Johan- vielmehr ist die Schrift in ihrer Bibel der Juden, diesen wieder nes der Täufer sah die Ungerechten Gesamtheit Norm unseres Glaubens. zurückzugeben. im ewigen Feuer brennen (Lk 3,17), MARKUS ÖHLER eine Erwartung, die auch Jesus teilte Die Vorwürfe, die Slenczka gemacht (Mt 25,46). Die grausamen Schickwurden, waren heftig und nicht alle sale des Judas Iskarioth oder von BLUMENSCHMUCK fair. So war es sicherlich nicht recht, Ananias und Saphira (Apg 5) sind finden Sie in reicher Auswahl in ihn des Antijudaismus zu bezichti- selbstverständlich Teil der frühden Gärtnereien der evangelischen gen oder überhaupt die Berechti- christlichen Überlieferung. Wer also Gemeinden A.B. und H.B., Wien X, gung einer solchen These in Frage das Alte Testament wegen seiner Triester Straße 1, Tel. 604 33 42; zu stellen. Aber es setzte von vielen Grausamkeit streichen will, wird um XI, Simmeringer Hauptstraße 242, Tel. 767 62 54, Fax DW 4, evangeSeiten eine Diskussion über die das Neue Testament dann auch nicht lische Friedhöfe. Bedeutung des Alten Testaments für herumkommen. Es werden auch Kranzbestellungen das Christentum ein, die dazu beifür sämtliche Wiener Friedhöfe trägt, dass sich Christen und Chris- Genauso wie das Alte hat auch das entgegengenommen. tinnen neu darüber Gedanken Neue Testament über weite Strecken

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LITERATURSALON / BIBLISCHE FIGUREN

Starke Geschichte – starke Bilder Zum ersten Mal wird die Geschichte der Evangelischen Kirchen in Bildern erzählt. Treffenderweise heißt das Buch, das dies unternimmt, „Das Album“: Über 150 großformatige und überwiegend farbige Bilder erzählen eindrucksvoll auf 140 Seiten die Geschichte der Evangelischen Kirche A.B., der Evangelischen Kirche H.B. und der Evangelisch-methodistischen Kirche. Der Fokus beim „Album“ liegt eindeutig bei den Fotografien – die kurzen Bildtexte dazu finden sich gegenüber auf den linken Seiten des Buches – sie können für sich fortlaufend gelesen werden oder jeweils die Bilder erläutern. So begleiten die Texte als Bildunterschriften die starken Fotos, von denen viele extra für „Das Album“ aufgenommen wurden. Auch wurden etliche Bilder aus dem reichen Fotoarchiv des Presseverbandes verwendet, einige davon sind hier zum ersten Mal publiziert. Verfasst ist „Das Album“ in Deutsch und Englisch – abgesehen von der universalen Bildsprache.

Acht Kapitel, beginnend mit „Vorausgesetzt“ über „Reformbewegt“, „Unterdrückt“, „Verboten“, „Toleriert“, „Gleichberechtigt“, „Katastrophen“ führen „Ins Heute und Morgen“. Autor ist der Kirchenhistoriker, Privatdozent und Militärsuperintendent Karl-Reinhart Trauner. Für ihn bestand die Schwierigkeit darin, bei „der Fülle des Materials eine Auswahl zu treffen“. Das ist zweifellos hervorragend gelungen. So geht es dem „Album“ nicht um eine reine Auflistung historischer Tatsachen. Vielmehr wirft es einen durchaus subjektiven Blick auf die gegenwärtige eigene Identität. Eine der notwendigen Einschränkungen des Buches ist folgerichtig der Bezug zum heutigen österreichischen Staatsgebiet. Vorworte finden sich unter anderen vom ehemaligen Bundespräsidenten Heinz Fischer und gemeinsam von den Repräsentanten der drei Evangelischen Kirchen, Bischof Michael Bünker, Landessuperintendent Tho-

mas Hennefeld und dem ehemaligen methodistischen Superintendenten Lothar Pöll. Ein ausführliches Register, ein Literaturverzeichnis und eine Karte mit allen Pfarr- und Tochtergemeinden der Evangelischen Kirchen Österreichs runden „Das Album“ ab. Erschienen im Evangelischen Presseverband, erhältlich unter T. 01 712 54 61 oder shop.evang.at MARCO USCHMANN

Karl-Reinhart Trauner

Das Album

EPV 2016 152 Seiten € 23,80

Der Name ist Programm: Zacharias Davon, dass selbst für Hauptamtliche im religiösen Bereich alle fromme Routine von ihrem Gott heilsam durchbrochen werden kann, erzählt das Lukasevangelium an seinem Beginn, wo es den Priester Zacharias in den Blick nimmt (Lk 1,5-25). Sein Name ist dabei Programm: „Erinnert hat sich Gott“. Zacharias, so ist zu erfahren, stammt aus einer alten Priesterfamilie; die Nachkommen Aarons sind für den turnusmäßigen priesterlichen Dienst am Jerusalemer Tempel in entsprechende Gruppen eingeteilt (1 Chr 24,1-18). Auch seine Frau Elisabeth kann ihre Abstammung auf Aaron zurückführen. Miteinander sind die beiden alt geworden, doch kinderlos geblieben – eine große Belastung für zwei fromme Menschen. Zacharias und Elisabeth stehen damit in der Tradition von alten, frommen, kinderlos gebliebenen Paaren, die erst durch Gottes Eingreifen spät Eltern berühmter Söhne werden sollten.

Man denke an Abraham und Sara und ihren Sohn Isaak (1. Mos 17,1521; 21,1-3), an Manoach und seine Frau und deren Sohn Simson (Ri 13), oder an Hanna und Elkana und ihren Sohn Samuel (1. Sam 1). Als Zacharias wieder einmal seinen Dienst am Räucheraltar des Tempels versieht, erhält er überraschenden Besuch: Der Engel Gabriel kündigt ihm die Geburt eines Sohnes an; er solle Johannes heißen. Unvorstellbar für Zacharias – und so wird er infolge dieser Begegnung verstummen. Die Verheißung des Engels jedoch wird sich bewahrheiten: Elisabeth wird schwanger, ein Sohn wird geboren. Beim Fest anlässlich der Beschneidung und Namensgebung des Kindes (Lk 1,57-66) entflammt eine Diskussion über den Namen. Zacharias, noch immer stumm, schreibt auf ein Täfelchen den ihm vom Engel zugesagten Namen: „Johannes“. Auf einmal, so wird erzählt, kann Zacharias

nicht nur wieder sprechen. Nein, von ganzem Herzen lobt er seinen Gott, dessen Treue und Barmherzigkeit mit seinem Volk und mit ihm, Zacharias. Er erkennt, dass sein Sohn eine besondere Aufgabe haben wird – er wird dem „aufgehenden Licht aus der Höhe“ (Lk 1,78) als Prophet vorangehen. In der Tat steht das Wirken Johannes des Täufers am Anfang des öffentlichen Auftretens Jesu. Das Loblied des Zacharias, eigentlich ein Psalm, hat wahrscheinlich größere Bedeutung in der Christenheit erfahren als der, aus dessen Mund es dem Lukasevangelium zufolge erstmals erklungen ist: Nach seinem lateinischen Anfangswort „Benedictus“ ist es seit vielen Jahrhunderten Teil des traditionellen christlichen Morgenlobs (EG 783,6). J U T TA H E N N E R

www.bibelgesellschaft.at

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VERANSTALTUNGEN

REFORMATIONSJUBILÄUM

2017 und die Kunst

18 Uhr, „Erwägungen zur ‚Theologie des Neuen Testaments‘. Ein Gespräch mit Kurt Niederwimmer“, Vortrag von Andreas Lindemann 1010 Wien, Evangelisch-Theologische Fakultät, Hörsaal 1, Schenkenstraße 8–10

7.–10.12.

ab 17 Uhr, Synode/Generalsynode 6020 Innsbruck, Haus der Begegnung, Rennweg 12

10.12.

9 Uhr, „Wozu Religion, wenn es (scheinbar) auch ohne geht?“, Brunch mit Rotraud Perner 2514 Traiskirchen, Evangelische Kirche, Gemeindesaal, Otto-Glöckel-Straße 16

12.12.

17.15 Uhr, Aktionstag für verfolgte Christen, Fackelzug vor der Staatsoper, anschl. ökumenischer Wortgottesdienst im Stephansdom 1010 Wien, Staatsoper

Es sind sieben Bilder geworden, die miteinander oder einzeln verwendet werden können. Sie zeigen immer zwei Personen (auch die Frau am Computer hat ein Gegenüber) in auf den ersten Blick vertrauten Situationen. Manche betonen eher die Freiheit, andere wieder die Verantwor-

Menschen zu tun? Dem Betrachter und der Betrachterin werden keine fertigen Antworten vorgesetzt. Jeder und jede findet den eigenen Zugang und die eigenen Worte dafür. Mein Lieblingsbild ist das der Kanufahrt. Da sehe ich Großvater und Enkeltochter, die gemeinsam unterwegs sind. Wer trägt Verantwortung für wen? Wohin geht die gemeinsame Fahrt? Was ist hinter dem Horizont? Das Bild strahlt für mich ein Gottvertrauen aus, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die ersten Reaktionen auf die Bilder zeigen: Es ergeben sich rasch intensive, oft auch hitzige und kontroverse Diskussionen. Wenn das nicht evangelisch ist! Probieren Sie es doch aus in den Gesprächsrunden in der Gemeinde, in Gottesdiensten (Predigtreihen) oder im Religionsunterricht.

Grafiken: Olaf Osten

7.12.

Es war allen, die das Jahr 2017 vorbereiten, ein Anliegen, dass es nicht nur ein relativ nüchternes Logo mit Jahreszahlen und Worten gibt, sondern auch einen künstlerischen Zugang. Daher wurde Olaf Osten gebeten, eine Serie von Bildern zum Gesamtmotto „Freiheit und Verantwortung“ zu entwerfen. Olaf Osten ist 1972 in Lübeck geboren und lebt heute in Wien. Er ist seit drei Jahren zuständig für das Gesamterscheinungsbild der Wiener Festwochen und hat für dieses große Festival auch die Plakate entworfen.

14.12.

18 Uhr, Finnischer Weihnachtsliederabend mit Gottesdienst 6850 Dornbirn, Heilandskirche, Rosenstraße 8

17.+18.12.

16.30 Uhr, Weihnachtsmusical der „Ohrwürmer“ 2340 Mödling, Arbeiterkammersaal, Franz-Skribany-Gasse 6

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Kleiner Anzeiger

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KIRCHENBÄNKE TISCHE + STÜHLE Fa. Wittmann GesmbH www.wittmann-gmbh.at Tel. 07615/22 91

tung. Auf den ersten Blick hat keines der Bilder religiöse oder im engeren Sinn evangelische Inhalte, die an das Reformationsjubiläum denken lassen. Fragen entstehen: Was haben diese Szenen mit dem Glauben zu tun? In welchem Zusammenhang stehen sie mit der Kirche? Wie bringen sie die Inhalte des reformatorischen Aufbruchs zur Sprache? Was hat die Reformation mit dem Leben heutiger

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Die Bilder werden auf verschiedenen Medien zu sehen sein: in Druckwerken und auf Taschen, auf Roll-Ups und Flaggen und vielem mehr. Eine eigene Sonderbriefmarkenserie wird dazu entstehen. Die Bilder können – auch einzeln – von der Website evang.at/2017 heruntergeladen werden. BISCHOF MICHAEL BÜNKER


FILMTIPP / DAMALS

Flüchtlinge und ein Hotel Eine abgelegene, trostlose Gegend irgendwo im Norden Norwegens. Der ehemalige Hotelbesitzer Primus ist mit seinem Hotel Pleite gegangen. Da hat er die Idee, sein heruntergekommenes Hotel in eine Flüchtlingsunterkunft umzuwandeln. Er hat zwar für die Neuankömmlinge aus dem Nahen Osten und Afrika nichts übrig, aber die Regierung zahlt für die Unterbringung eine Menge Geld. Einziger Haken: Das Hotel muss von den Behörden offiziell als Flüchtlingsunterkunft anerkannt werden. Das sieht nicht gut aus, denn vieles im Haus ist desolat. Die Flüchtlinge selber sollen ihm dabei helfen, das Haus wieder in Schuss zu bringen.

W E L C O M E T O N O R WAY

screen-anarchy.com

Für den Protagonisten Primus ist das anfangs so vielversprechende Unterfangen, schnelles Geld zu machen, ein gewaltiger Lernprozess. Gleich zu Beginn diktiert Primus den Flüchtlingen seine Regeln und merkt, dass diese ihn gar nicht verstehen. Ausgerechnet der einzige illegale Flüchtling, der Afrikaner Abedi, spricht und versteht Norwegisch und wird so zum Dolmetscher. Und Dieser Film ist keine Dokumentation er wird auch zum Vorsitzenden des über das Leben von Flüchtlingen in Bewohnerrates gewählt. Beim WahlEuropa, sondern ein Spielfilm, in procedere erteilt der Afrikaner dem dem auch ehemalige Flüchtlinge Europäer eine Lektion in Sachen engagiert wurden, die die Gräuel- Demokratie. taten des Krieges und den langen Weg der Flucht schon hinter sich Nach einem Ehekonflikt wird Primus von seiner Frau aus dem Haus geworgebracht haben. fen und muss in der Flüchtlingsunterkunft Zuflucht suchen. Und wenn Primus gegen Ende des Films Abedi bis zur schwedischen Grenze begleitet, dann entsteht so etwas wie Nähe zwischen den beiden so gegensätzlichen Menschen, und als Zuschauer bin ich berührt.

Regie: Rune Denstad Langlo NOR 2016

Die SAAT vor 56 Jahren „Das neue Gesangbuch ist da!“, verkündete die Seite 1 der Dezemberund Weihnachtsnummer 1960 der „SAAT – Kirchenbote für das evangelisch-lutherische Österreich“. Es handelte sich um das „Evangelische Kirchengesangbuch“, den Vorgänger des heutigen Evangelischen Gesangbuchs. Schriftleiter Georg Traar schilderte dessen Vorzüge: „Es hat Noten, es greift in der Auswahl der Lieder auf die Zeit der Reformation zurück, es bietet uns Lieder aus dem 20. Jahrhundert an“, und es halte bei aller weltweiten Ausrichtung grundsätzlich „unsere eigene Art“ fest.

Trotz witziger, manchmal leicht plump daherkommender Dialoge ist der Film dennoch mehr eine Tragödie als eine Komödie. Denn für keinen der Gestrandeten ist eine Zukunft in Sicht. Und die Stimmung unter den Einheimischen ist offen oder latent fremdenfeindlich. Es ist ein stiller Film, den der Regisseur Rune Langlo gedreht hat, aber ein Film mit einer starken Botschaft: Migration, Aufnahme, Begegnung, Hilfe für Flüchtlinge und Asylwerber ist mühsam, anstrengend und voller Hürden, aber sie kann gelingen, wenn alle bereit sind zu lernen, ihren Horizont zu erweitern und nicht in ihren alten Vorurteilen zu verharren. THOMAS HENNEFELD

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PROGRAMM HF + TV

KURZ AUSGELEGT

Was sollen wir tun?

ZWISCHENRUF

jeden So., 6.55‒7.00 Uhr (Ö1) 4.12.: Susanne Heine 11.12.: Johannes Wittich 18.12.: Olivier Dantine 25.12.: Thomas Hennefeld E VA NGELISCHE MORGENGEDA NK EN

So., 6.05‒6.07 Uhr, Mo.‒Sa., 5.40‒5.42 Uhr (Regionalradios) 4.–10.12.: Jutta Henner E R F Ü L LT E Z E I T

jeden 1. So im Monat: evangelische Predigttext­auslegung, 7.04‒8.00 Uhr (Ö1) 4.12.: Michael Chalupka MOTIVE ‒ GL AUBEN & ZWEIFELN

jeden So., 19.04‒19.30 Uhr (Ö1) G E DA N K E N FÜ R D E N TAG

Mo.‒Sa., 6.55‒7.00 Uhr (Ö1) 19.–24.12.: „Über Einfälle, Vorfälle und Zwischenfälle auf dem Weg nach Weihnachten“, von Luise Müller WEIHNACHTSGOT TESDIENSTE UND NEUJAHRSANSPR ACHE

24.12., 19 Uhr (ORF2), Christvesper aus Graz-Kreuzkirche, mit Pfarrer Paul Nitsche 26.12., 10 Uhr (Regionalradios), aus Markt Allhau (Bgld), mit Pfarrer Heribert Hribernig 1.1.2017, 18.47 Uhr (ORF2), „Wort zum Neuen Jahr“, mit Bischof Michael Bünker

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Johannes kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, wie geschrieben steht im Buch der Worte des Propheten Jesaja (Jes 40,35): „Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige eben!“ Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden, und alles Fleisch wird das Heil Gottes sehen.“ Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Otterngezücht, wer hat euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch:

Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir nun tun? Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso. Es kamen aber auch Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! Da fragten ihn auch Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt noch Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold! (Lk 3,1-14 i.A.; 3. Sonntag im Advent; 11. Dezember 2016)

Was sollen wir nun tun? Meister, was sollen denn wir tun? Was sollen denn wir tun? – Johannes der Täufer zeichnet ein düsteres Bild und baut eine bedrohliche Kulisse auf: Viel Zeit ist nicht mehr, jetzt ist der Zeitpunkt da, sein Leben neu zu ordnen und die Dinge auf die Reihe zu kriegen. Seine Bußpredigt kommt an. Die Menschen lassen sich zur Umkehr aufrufen und fragen Johannes: Was sollen wir tun?

Was sollen wir tun? Auf diese Frage gibt es nicht für alle Menschen dieselbe Antwort. So unterschiedlich unsere Begabungen, Talente, beruflichen Erfahrungen und Kenntnisse sind, so unterschiedlich sind auch unsere Berufungen. Die Antwort auf die Frage: „Was soll ich tun?“ setzt sich zusammen aus den Erfordernissen der Zeit sowie den Talenten und Möglichkeiten, die jeder und jede von uns hat. Das zeigte sich etwa bei der „Train of Hope“-Bewegung, die 2015 Flüchtlinge am Wiener Hauptbahnhof betreute. Informatik-Studierende setzten eine Homepage auf, mit deren Hilfe die Lebensmittelspenden organisiert werden konnten. Menschen, die ein Talent fürs Kochen haben, brachten selbstgemachte Speisen zu den Bahngleisen. JuristInnen kamen in ihrer Freizeit zum Bahnhof, um den in Wien gestrandeten Menschen Rechtsberatung zu erteilen – drei Beispiele von vielen.

Was sollen wir tun? Diese Frage beschäftigt Menschen auch heute. Vor dem Fernseher, kurz vor dem Morgengrauen, das Ergebnis steht fest, ein neuer US-Präsident ist gewählt: Was sollen wir tun? Die UNO schlägt Alarm: Die seit Monaten knappen und überteuerten Nahrungsmittel der Eingeschlossenen in Aleppo gehen endgültig zu Ende. Was sollen wir tun? Vor der U-BahnStation, ein Obdachloser, Tag für Tag bettelt er. Was sollen wir tun? Was sollen wir tun?, fragen die Menschen Johannes den Täufer. Und er gibt allen Antwort: der Menge, den Zöllnern, den Soldaten. Alle haben ihren Auftrag, eine je eigene Aufgabe, ausgehend von ihren Talenten und Möglichkeiten. Jeder bekommt eine spezielle Aufgabe: Die Zöllner sollen ehrlich sein, die Soldaten sollen Gerechtigkeit üben.

SAAT NR. 12 ✲ DEZEMBER 2016 ✲ 63. JAHRGANG

Was sollen wir tun? Johannes der Täufer machte seinen Zeitgenossen unmissverständlich klar, dass jetzt die Zeit zum Handeln gekommen ist – jeder nach seinen Möglichkeiten. Seine Mahnung gilt auch uns heute noch. Wir haben keine Zeit zu verlieren! S T EFA N FL EI S C H N ER- J A N I T S


RÄTSEL

GUT ZU WISSEN

Heldengedicht Nachbar des Letten

Vorratskammer

die griech. Aurora eine warme Farbe

10

4

ital. Tenor (Luciano) † latein. für "Seele"

Gewandtheit im Benehmen

Abk. für "ex officio" Schweizer Theologe †

Vorsilbe für "gut"

Weihnachtsoratorium

"...ruck!" erstaunt, verblüfft

Lenkrad

8

schweizerischer Urkanton

Evangelist mit Geburtsgeschichte röm. für "6"

Heimatinsel des Hippokrates

Abk. für "Sainte"

15

3 21. Buchstabe im griech. Alphabet

Abk. für "Tiefpunkt" entfernt, weg, perdu

altes, abgearbeitetes Pferd

„Jauchzet, frohlocket!“ zur Geburt Jesu

modern, modisch

9

13

die Geburt Jesu verkündender Erzengel

1

flüssiges Fett

V WE I R D L A M M I N I A S

Lösung des letzten Rätsels

A E L GD E S B R E N L A N K G E T A G B B E I T ME N D I E N R H A P I R I N K L E N A ZW I NG L

2. Ton der Tonleiter

2 6

Rätsel-Brunner

12

Vorsilbe für "drei"

stehendes Gewässer

Anhäufung von Schnee engl. für "Herr, Gott"

11

medizin. für weihnacht"Knochen" licher Gotbestelltes tesdienst Feld

7

künstlerisches Werk

5

14 beliebtes Highlight der Christvesper

eine Entscheidungshilfe reformierte Gläubige Lehrbefugnis

nahe bei

Foto: M. Uschmann

erleichtert, beruhigt

E UC K B E E N I S C E I L

H E S U F E N T B D A L U H E N N I G

U I

Lösungswort: SUPERINTENDENT

LÖSUNGSWORT 1

2

3

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6

7

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9

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epv

Doppelt gewinnen mit der SAAT!

Schicken Sie das Lösungswort und/oder die Lösung des Personenrätsels an saat@evang.at bzw. an den Evangelischen Presseverband, Redaktion „SAAT“, Ungargasse 9/10, 1030 Wien. Unter allen richtigen Einsendungen verlosen wir je einen Bildkalender „Evangelisch 2017“. Einsendeschluss ist der 15. Dezember 2016, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. GewinnerInnen des Rätsels in Heft 11 sind Veronika H. aus Wels und Johann H. aus St. Marienkirchen an der Polsenz. Wir gratulieren herzlich!

Alle Jahre wieder freuen sich auch die Anhänger klassischer Musik auf ihre liebsten Weihnachtslieder. Ganz oben auf der Liste steht dabei das Weihnachtsoratorium Johann Sebastian Bachs mit dem von Pauken und Trompeten begleiteten „Jauchzet, frohlocket!“, das die Geburt Christi verkündigt. Gerade diese markante Anfangspassage hat der Leipziger Thomaskantor aber ursprünglich gar nicht für das Weihnachtsoratorium komponiert. Der Anlass war dennoch festlich: Maria Josepha, Kurfürstin von Sachsen und Polen, sollte 1733 zu ihrem Geburtstag damit beschenkt werden. Bereits zu Weihnachten 1734 kam der Eingangschor auch im Oratorium zum Einsatz. Dessen sechs Teile wurden voneinander getrennt an jeweils dafür bestimmten Tagen zwischen Heiligabend und Epiphanias aufgeführt. Heute wird das Oratorium entgegen seiner Bestimmung meist schon im Advent gespielt. MICHAEL WINDISCH

Gewusst wer Begonnen hat alles mit einer Busfahrt: Am 1. Dezember 1955 weigerte sich Rosa Parks, ihren Sitzplatz in einem Bus freizumachen. Als sie festgenommen wurde, kam es zu einem Boykott der öffentlichen Verkehrsmittel durch Afroamerikaner. Unser Gesuchter war mittendrin und verbuchte hier seine ersten Erfolge. Das aber war nur der Anfang des massenhaften zivilen Ungehorsams in den USA: Landesweit nun kämpfte unser Held sehr erfolgreich gegen Rassentrennung. Zumindest offiziell ist die-

se ja längst überwunden, und das ist nicht zuletzt auch sein Verdienst. Das hat nicht allen geschmeckt – so ermittelte das FBI jahrelang gegen den Pastor, und beide verband eine herzliche Feindschaft: Das Bureau verdächtigte ihn, Kommunist zu sein, schließlich drohte das FBI sogar damit, seine vielen außerehelichen Affären zu publizieren. Konsequent pazifistisch bekämpfte er auch öffentlich das Engagement der USA im Vietnamkrieg und verlor damit zumindest anfangs manchen Wegge-

fährten. Außerdem wurde er dadurch zur Persona non grata im Weißen Haus. All das aber konnte nicht verhindern, dass der Bürgerrechtler schließlich den Friedensnobelpreis bekam. Am Ende kam es, wie es kommen musste: Der Geistliche fiel einem Attentat zum Opfer. Zuvor aber hatte sich sein Traum verwirklicht. MARCO USCHMANN

Auflösung SAAT 11: Hildegard von Bingen

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SAAT Ausgabe Dezember 2016