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nicht : Die Antworten fielen mehr oder weniger geheimnisvoll aus, und natürlich ohne Unterschrift. Durch das Fehlen einer Unterschrift oder eines Verlags erinnert Coma an die internationale Copyleft-Bewegung (vereinfachend das Gegenteil von Copyright). In unseren Augen handelt es sich um einen politischen Akt. Wie positionieren Sie sich in der breiten Debatte zum Urheberrecht (im Bereich Musik sehr präsent, aber auch in der Literatur) ? – Coma ist kein bewusst politscher Akt. Zumindest entspringt sie keinem politischen Wunsch. Sie ist höchstens, und im Nachhinein, ein Ort der Interpretation des Politischen. Und politisch im vulgärsten Sinne von « zusammen leben », ja sogar « zusammenhalten ». Ohne ihr Wissen. Coma hat keine Meinung und verweigert Entscheidungen. Sie gleitet durch die Polemiken hindurch. Sie verlangen die Auslöschung des Autors, gehen aber nicht bis zur Auslöschung des Ichs : Wie ist Ihre Haltung gegenüber der Individualität beim Schreiben in diesem anonymen Kontext ? Um welches « Ich » geht es in den Texten von Coma ? – Ich frage mich, ob sich das « Ich » notwendigerweise auf eine Person bezieht. Es ist eine Erzählstimme wie eine andere. Übrigens lässt sich die Frage des persönlichen Bezugs nicht regeln, indem man das « Ich » umgeht. Die Welt ist nicht nominalistisch. Wenn Coma ein Individuum wäre, das einen Namen trägt, müsste man sich zu ihrem Wesen Fragen stellen : zersplittert, schizophren, Artefakt, usw. Es sei zudem auf die Unklarheit in Bezug auf das Geschlecht hingewiesen. Coma wechselt zwischen « er » und « sie ». Wagen wir eine konkretere Frage : Der Träger dieser geheimnisvollen Texte ist schön : kleines originelles Format, sorgfältig gewählte Schrift, Sorge zum Detail. Handelt es sich um eine handwerkliche Arbeit (ebenfalls im Kollektiv) ? – Ja, zufälligerweise. Ist Coma eine Performance, eine literarische Phantom- (oder Fantasie-) Zeitschrift ? – Sie hat vielleicht etwas von einer Performance insofern das Schreiben zu einem Spiel wird, das, sobald es sich dem Ende neigt, immer wieder von neuem anfängt. Coma ist sowohl Phantom als auch J.M.

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Prix Culturels de l'Etat du Valais 2011  

Catalogue: Prix Culturels de l'Etat du Valais 2011 / Katalog: Kulturpreise des Staates Wallis 2011 Prix Culturel / Kulturpreis: André Raboud...