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Kulturhistorisches

Beim Forschen zum Künstlerort Teil XVII Harald Kretzschmar über Carlotto oder Malerich – wer war Karl-Erich Koch?

Kleinmachnow. Ältere Kleinmachnower und frühere Beschäftigte im Teltower Großbetrieb GRW erinnern sich gern an den kleinen, umtriebigen Mann, der unermüdlich für ihre kulturellen Belange wirkte, konkrete Werbestrategien entwickelte und sich der künstlerischen Darstellung von Arbeitsprozessen widmete. Kulturorganisator, Werbeleiter, Kunstmaler, so konnte dieser sich nennen. 1910 bis 2000 – ein langes Leben lag am Ende hinter ihm. Schon 1935 hatte der Zehlendorfer hier gebaut. Ein Glück, dass unser Heimatverein sein Archiv so geordnet hat, dass ich einiges, was von oder über Karl-Erich Koch überliefert ist, einsehen und nunmehr das für Sie aufbereiten kann, was er selbst in Stichworten hinterlassen hat. Archivar Günter Käbelmann erzählt bei der Herausgabe der Unterlagen gleich eine Schnurre. Der allseits bekannte Fahrlehrer benutzte 1965 noch ein Motorrad mit Beiwagen. Eines Tages stieg Koch bei ihm ein. „Fahr mich mal zu den wichtigsten Punkten in Kleinmachnow!“ Mit dem Hinweis „... geht doch schnell“ machte er jeweils eine Bleistiftskizze. Vor seiner Haustür Krumme Gehren 10 stieg er aus. „...wird ne Postkartenserie zum Ortsjubiläum – kriegste was ab“. Das Ergebnis war dann fotografisch akkurat durchgezeichnet.

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Eine Nachbarin von ihm war Helga Schulze. Auf dem Weg als Autodidaktin zur Kunst wollte sie unbedingt Akt zeichnen. „Karl-Erich, wo kann ich das?“ Mitten im tiefsten Winter heizte dieser in seinem kleinen Dachbudenatelier heftig ein, brachte eine Klavierschülerin seiner Frau Anneliese dazu, sich auszuziehen, und schon war der freiwillige Aktzirkel gegründet. So entschlossen war er immer vorgegangen. Er hatte es nie leicht. Der Sohn eines glücklosen Geigers und die ausgebildete Pianistin hatten sich frisch verheiratet ihr hiesiges Häuschen vom Mund abgespart. Der künstlerisch nur im Abendstudium gebildete Malermeister machte sich selbständig. Zeitweise wurde mit zehn Gesellen ordentlich rangeklotzt. Am 15. Mai 1939 holten sie ihn zur Nachrichtentruppe. Selbst im Rücken der Front hat er aquarelliert, fast meisterlicher als sonst. Am 15.Mai 1949 hatte er Krieg und Gefangenschaft endlich hinter sich. Was tun? Der Direktor von „Askania“ Teltow lud die Kochs zum Kaffee. Sie lehrte sein Töchterlein Klavier spielen, und er wurde vom Fleck weg engagiert zum Ankurbeln der Betriebskultur. Theo Shall, Walter Mehler und Alois Kowol holte er sich als Verbündete für Theater, Musik und Bildende Kunst, und die legendäre Kunstfreudigkeit

der bald GRW heißenden Firma war für Jahrzehnte etabliert. Bald wurde seine Anstellung in die eines Werbeleiters verändert. Da galt es, diffizile Prozesse der Produktion zu durchschauen, und die Produkte auf den Messen zu propagieren. Rastlos stürzte sich der gründliche Zeichner am Feierabend darauf, die Arbeit „unserer“ Werktätigen in einem gewaltigen grafischen Zyklus zu verewigen. Der Gewerkschaftsbund war begeistert, und verlieh ihm seinen Kunstpreis. Zuhause zog er stolz die Urkunde aus der saffianledernen Mappe. Sein Musterschüler in Schriftschreiben und angehende Werbegrafiker Kurt Zieger und er analysierten deren Schriftgestaltung als so saumäßig, dass Zieger frech meinte – „so ein Preis ist eigentlich nicht annehmbar!“ Immerhin, der Preis sicherte dem Meister einen geachteten Platz als „Volkskunstschaffender“. Als er die Altersgrenze erreicht hatte, legte er noch einmal ordentlich los. Nun kam er richtig zum Malen. Ganz konkrete Bildtitel wie „Hier stand ein Haus“, „Ruinen im Mondschein“ oder „Auf dem Küchentisch“ und „Musizierende Kinder“ fanden ihre Fortsetzung in nachdenklicheren wie „Der Tanz um das goldene Kalb“ und „Es gibt nur einen Gott“. Eines Tages saß ihm mal wieder der Schalk besonders heftig im Nacken: Scherzhaft hatte er sich einst „Malerich“ genannt – nun erfand er unter dem Künstlernamen „Carlotto“ die neue Kunstrichtung des „Ovalismus“. Er sagte „Oval hat keine Ecken und Kanten. Oval ist fast das Ei. Ovale Menschen ecken nicht an...“ Was am Anfang nur seine ganz private sarkastische Antwort auf die Inflation verrücktester Kunstbezeichnungen sein sollte, brachte ihm selbst eine Art Befreiung von auferlegten Zwängen. Er gibt von einem Tag zum andern die naturalistische Wiedergabe realer Vorgänge auf, und lässt seine üppige Phantasie schweifen. Nach einem noch einmal detailüberfüllten gewaltigen Panorama zur brandenburgischen Geschichte wählt er die Beschränkung. Geradezu befreit ironiegesättigt variiert er abstrakt oder gegenständlich eine immer auf das Oval reduzierte Darstellung. Diesen zauberhaften Ausklang eines Künstler-Erlebens zeigte kurz vor seinem Tod eine schöne Ausstellung im Teltower Bürgerhaus. Text/Zeichnung: Harald Kretzschmar

lokal.report | Juli 2012

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