KOMPASS Stadtmagazin Ausgabe 11 | 21

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DAS KLEINGEDRUCKTE

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ä? Haben Sie eben auch Hä? gedacht, als Sie die Überschrift gelesen hatten. Völliger Quatsch, werden Sie jetzt denken, was dieser Schreiberling des »Kleingedruckten« da von sich gibt, denn es ist ja gerade das Ziel einer beruflichen Entwicklung nach Möglichkeit »nach oben« zu gelangen. Wozu bitte schön drückt man denn sonst die Schulbank, »befreundet« sich mit Steigbügelhaltern, klinkt sich in Netzwerke ein, die einem ansonsten so gut wie gar nichts nützen oder wird gar Mitglied der einen oder anderen Partei? Doch wohl auch, weil man mal was werden will. Alles richtig. Hä? Jetzt wissen Sie gar nicht mehr, was los ist. Soll man nun versuchen, auf der Karriereleiter nach oben zu gelangen oder nicht? Ich glaube, wir haben jetzt an dieser Stelle schon so viel Wirrwarr gestiftet, dass wir die ganze Geschichte mal etwas strukturieren müssen. Es ist natürlich erwünscht (und auch menschlich verständlich), sich in seinem Beruf oder auch seiner ehrenamtlichen Tätigkeit weiterzuentwickeln. Schließlich und endlich ist unsere gesamte Gesellschaft hierarchisch aufgebaut, was wiederum heißt, dass es einen Stufenaufbau gibt. Und eine weiter unten liegende Stufe wird eben von einer weiter oben liegenden Stufe kontrolliert und angeleitet. Und da wir von menschlichem Wirken sprechen, können wir auch die Worte Vorgesetzte und Unterstellte gebrauchen. Soweit alles klar? Alles klar. Jetzt kommt die nächste spannende Frage: Wer wird wie Vorgesetzter? Nun, man sollte meinen, dass dazu fachliche und charakterliche Eignung als Voraussetzung gelten. Im Regelfall wird – innerbetrieblich oder öffentlich – eine neu zu besetzende Stelle ausgeschrieben. Dann gibt es eine Frist, bis zu der Bewerbungen einzureichen sind und aus allen Bewerbungen wird der am besten geeignete neue Stelleninhaber ausgesucht. Spätestens an der Stelle fragen Sie sich ernsthaft, was das jetzt soll, mit dem »nicht zu weit nach oben auf der Karriereleiter zu gelangen«? Nun gut, ich weihe Sie ein; auf Ihren ausdrücklichen Wunsch hin und natürlich auch auf Ihre eigene Gefahr. Irgendwann vor schon recht langer Zeit empfahl mir ein Bekannter ein schmales Büchlein, nur gerade mal 120 Seiten stark. Geschrieben haben es Laurence J. Peter und Raymond Hull und es trägt den Titel »Das Peter-Prinzip«.

Versuchen Sie besser nie, auf der Karriereleiter nach oben zu gelangen

Das Buch erschien erstmals 1969 in den USA und in einer ErstThema auflage 1970 in Deutschland. Der Kernsatz des Buches Lorem Ipsum lautet: In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen. Zu Anfang recht lustlos, später aber mit wachsendem Interesse, las ich das Büchlein, das von Beispielen nur so wimmelte: Ehemalige fähige Abteilungsleiter, die als Geschäftsführer ganze Unternehmen ruinierten, taffe Offiziere, die als Generale ganze Armeen ins Verderben führten, beliebte Kommunalpolitiker, die als Minister desaströs untergingen … Und seitdem ich dieses Buch gelesen habe, sehe ich auch in meinem Umfeld stets Beispiele, die auf prägnante Art und Weise das PeterPrinzip zu bestätigen scheinen, was mich von dem Glauben abfallen ließ, dass es sich lediglich um eine erdachte Glosse handelte. Jetzt allerdings kommt die tatsächlich spannendste Frage in diesem Zusammenhang: Wann eigentlich merkt man, dass die nächste Stufe auf der Karriereleiter vielleicht eine ist, die man lieber nicht mehr ersteigen sollte? Nun, eine konkrete Maßzahl gibt es dafür wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht kann man es so zusammenfassen: Wenn das Gefühl überhandnimmt, dass man nur noch der Karriere und der Selbstgeltung wegen eine Entwicklung nach oben anstrebt, sollte man vielleicht doch noch einmal einen kritischen Blick in das kleine Büchlein werfen. Mir jedenfalls hat das geholfen. Insofern möchte ich an dieser Stelle die Überschrift vielleicht doch etwas eingrenzen. Wie wäre es wenn sie lautete: Versuchen Sie besser nie, auf der Karriereleiter zu weit nach oben zu gelangen. In diesem Sinne bis zum nächsten »Kleingedruckten« verbleibt

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UNTERHALTUNG

GLOSSE

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Ihr Stefan Tschö


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