KOMPASS Stadtmagazin Ausgabe 11 | 21

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Doc Schröter KO LU M N E

»Hey Süßer, geiler Arsch!«, tönt es von rechts oben. Vier Ladys mittleren Alters glotzen sabbernd und pfeifend vom Balkon schräg über mir. Dazu machen sie eindeutige Bewegungen und fordern mich auf, doch näher zu kommen. Was stimmt an dieser zugegeben fiktiven Szenerie nicht? Richtig, die Seiten sind vertauscht. Nicht dass sich noch nie ein Mann mit dieser Art des weiblichen Balzens konfrontiert gesehen hätte, aber fest steht: In über 90 Prozent der Fälle sind es Frauen, die ihren »geilen Arsch« scheinbar zur Schau stellen – zumindest aus Sicht der Männer. Ist doch nicht so schlimm, ist doch nur eine blöde Anmache, ein lustiges sexuelles Rülpserle? Mitnichten, meine Herren! Personen, die andere im öffentlichen Raum verbal, durch Kussgeräusche, Pfeifen oder mittels obszöner Gesten sexuell belästigen und zum Objekt stilisieren, nennt man schlicht Catcaller. Und dieses sogenannte Catcalling kommt im Alltag leider sehr viel häufiger vor, als den meisten bewusst ist. Dieses Ergebnis bestätigt auch eine Studie1 der George Washington University aus dem Jahr 2008. Von über 800 befragten Frauen bestätigten nur drei (!), noch nie auf der Straße sexueller Belästigung ausgesetzt gewesen zu sein. Ganze zwei Drittel der Befragten sahen sich sogar schon mindestens einmal tätlich konfrontiert. Die Frage ist doch, woher kommt dieses Verhalten und was soll es bezwecken? Mir persönlich ist übrigens noch keine Frau begegnet, die sich ob solcher plump verbaler Übergriffe ganz plötzlich sexuell stimuliert fühlte. Ebenfalls schwer vorstellbar, dass jemand aufgrund eines Kommentars wie »Geiler Arsch/geile Titten« plötzlich aus dem Nichts seine/ ihre Telefonnummer zückt und sich verabreden möchte.

DIE KATZENFLÜSTERER

Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe

Was also ist dann das Begehr des/der Caller? Das Argument, das viele der redseligen, pfeifenden Gaffer allzu gern nutzen: Ist doch nur als Kompliment gemeint. Darf man einer Frau jetzt nicht mal mehr sagen, dass sie gut aussieht? Kleiner Einwurf: Klar darf man das, aber eben nicht so. Oder ist es vielleicht doch eher das, was die meisten Betroffenen dabei empfinden? Nämlich ein Reduzieren, ein Herabwürdigen der Person auf sexuelle Attribute? Auffällig dabei, dass die Chance auf derart verbale Übergriffe steigt, je größer die Gruppe der Männer ist, welche die Frau passieren muss. Scheinbar gilt »Catcalling« (engl. street harassment) als besonders maskulin und Ansehen fördernd in Testosteron dominierten Runden. Also doch ein kleiner Abstecher in prähistorisches Balzverhalten?! Und kommt mir jetzt bitte nicht mit der Wahl des Outfits. Erstens stimmt das nicht, auch Frauen in hochgeschlossener Winterkleidung werden angequatscht und zweitens sollte doch jedem klar sein, dass Saumlängen und Ausschnitttiefen keine Rechtfertigung für sexuelle Übergriffe sind. Das Witzige oder vielleicht besser das Ironische dabei: Wahrscheinlich jeder dieser »Frauenflüsterer« bekäme spontane Schnappatmung, würde ein anderer Typ so mit seiner Mutter, Schwester, Freundin oder – Gott bewahre – seiner Tochter sprechen. Und genau aus diesem Grund: Weil jede Frau, jedes Mädchen irgendjemandes Mutter, Frau, Schwester oder Tochter ist, sollten wir unser Verhalten einfach hinterfragen. Mehr Respekt und ein bisschen weniger Sexismus wären ein Lösungsansatz. Und manchmal reicht sogar: Vor Benutzung des Mundwerkes, Kopf einschalten nicht vergessen!

röter

Euer Uwe W. Sch

[1] http://stopstreetharassment.org/resources/statistics/sshstudies/

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GLOSSE

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