KOMPASS Stadtmagazin Ausgabe 11 | 21

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FRAGIL & MA JESTÄTISCH Welche Verbindung lässt sich von jener Historie bis in die Gegenwart ziehen? Es ist eine lange Tradition der Kunstgeschichte, auf der die Arbeit von Edith Friebel-Legler aufbaut. Die Künstlerin studierte von 1972 bis 1976 an der Fachschule für Angewandte Kunst Schneeberg und bis 1985 an der Kunsthochschule Berlin Weißensee. Anschließend war sie Fachlehrerin an ihrer Alma Mater im Erzgebirge, wo sie im Jahr 1992 eine Professur erhielt und die Leitung des Studiengangs Modedesign übernahm. Seit dem Ende jener Tätigkeit arbeitet sie freiberuflich in ihrem Atelier in Chemnitz. Sie hat dabei vor allem mit Plastiken aus Ton auf sich aufmerksam gemacht. Edith FriebelLegler fertigt keramische Büsten an. Es sind Inszenierungen außergewöhnlicher Frauen. Die Gesichter sind von schmalen Konturen bestimmt. Sie werden von imposanten Frisuren und reichhaltigem Schmuck umgeben. Sie tragen fragile Flügel oder majestätische Kleider. Feine Stoffe und klare Linien legen sich wie ein leichter Mantel um die Körper. Die Augen sind beinahe geschlossen, auf eine innere Ferne gerichtet. Sie erwidern den Blick des Betrachters, ohne ihn direkt anzusehen. Die Plastiken von Edith Friebel-Legler bleiben stets ein Rätsel, und gerade darin liegt ihre künstlerische Tiefe. Sie bewahren sich ein Mysterium.

VORSTELLUNG ZU REALITÄT Die Künstlerin wählt vorsichtig die Farben und Glasuren aus. Sie muss sich entscheiden: Gehört zu ihren Figuren eher ein heller Teint oder dunkle Töne? Bevorzugt sie vielleicht ein feines Krakelee auf der weißen Oberfläche? Und wird dann tatsächlich alles so wie in der Vorstellung? Dies zeigt sich in jeder ihrer kreativen Arbeiten. Beispielsweise spiegelt es sich in der typischen roten und blauen Engobe, welche die Plastiken kennzeichnet. Die matte Farbigkeit der Tonmineralien verleiht den Kunstwerken eine zurückhaltende Eleganz. Zudem sind viele der Werke von Edith Friebel-Legler im sogenannten »Raku« gefertigt. Jene spezielle keramische Brenntechnik ermöglicht ein besonderes Spiel mit dem Zufall. Denn wie sich Erde, Wasser, Feuer und Luft schlussendlich zu einem einzigartigen Werk formen, das wird auch von den Elementen selbst bestimmt. Es ist entscheidend, an welcher Stelle im Keramikofen das Objekt platziert ist. Wesentlich wirkt sich aus, wie viel Sauerstoff die Oberfläche des Tons berührt. Auch wie das Material zusammengesetzt ist, spielt eine Rolle, und wie eng die einzelnen Farbstriche der Glasur nebeneinander liegen.

Wie aus einer anderen Zeit Die keramischen Werke von Edith Friebel-Legler wirken ebenso königlich wie die Büste der Nofretete.

Vor- und Nacharbeit Vor dem Raku-Keramikbrand entwirft Edith Friebel-Legler zunächst ihre Figuren in Ton. Nach dem Raku-Keramikbrand und ganz zum Schluss entfaltet sich die gesamte Schönheit des Kunstwerks, es ist auch ein Spiel mit dem Zufall.

Und so ist die Kunst von Edith Friebel-Legler ein fortwährendes Zusammenspiel. Es ist eine Kombination von Entwurf, Konzept und Variation. Es gibt viele Gründe dafür, dass sich die Gegenwartskunst derzeit mit einem solchen Interesse der Keramik zuwendet. Eventuell liegt es an der Verbindung zur Geschichte. Möglicherweise gründet es auf der Magie, wenn am Ende des Arbeitstages Erfolg und Misserfolg, Überraschung, Verblüffung, so nah beieinander liegen.

Auf der anderen Seite hat die Keramik einen recht simplen Ausgangspunkt. Ton ist ein natürlich vorkommendes Material, hauptsächlich aus feinkörnigen Mineralen bestehend. Bei einem ausreichenden Wassergehalt ist er plastisch verformbar. Er kann verfestigt werden, indem er getrocknet und gebrannt wird. Schon ewig wird er in dieser Form bearbeitet, von Menschen in der ganzen Welt. Bereits in der Frühzeit wurden Plastiken gestaltet. Eines der ersten uns bekannten keramischen Werke ist eine kleine Venusfigur, über 25.000 Jahre alt. Die spezielle Brenntechnik des »Raku« entwickelte sich im 16. Jahrhundert in Japan. Zunächst waren Rakugefäße für ihre Einfachheit und Schlichtheit bekannt. Im Laufe der Zeit wurde das Verfahren jedoch immer facettenreicher. Vor allem amerikanische Keramiker haben es abgewandelt und ergänzt. Der grundlegende Ansatz blieb jedoch ähnlich. Die Gefäße werden im Freien gebrannt. Die glühenden Objekte müssen bei rund 1.000 Grad dem Ofen entnommen werden. Anschließend sind sie in einem Behälter mit organischem Brennstoff einzubetten, zumeist handelt es sich dabei um Sägespäne. Das Gefäß muss luftdicht verschlossen werden. Durch den Verbrauch des Sauerstoffs findet ein Reduktionsprozess statt, der sich auf die Glasur und den Ton auswirkt. Grünes Kupferoxid wandelt sich zu rotem Kupfer. Der weiße Ton färbt sich schwarz. Durch den Temperaturschock entstehen feine Risse in der Glasur – das typische Krakelee.

AUSSERGEWÖHNLICHES HANDWERK Die Technik passt sehr gut zu den kreativen Werken von Edith Friebel-Legler. Sie zeigt eine außergewöhnliche handwerkliche Raffinesse. In ihren Arbeiten spiegelt sich der Dialog mit der Geschichte und mit dem Material. Es ist eine fließende Bewegung, ein Spiel mit Raum und Zeit.

Als der deutsche Ägyptologe Ludwig Borchardt am 6. Dezember 1912 in Amarna die berühmte Büste der Nofretete entdeckte, konnte er in seinem zugehörigen Bericht nur schwer am sachlich dokumentarischen Stil festhalten. Was er empfand, das gilt auch für die keramischen Werke der zeitgenössischen Kunst. Natürlich gilt es auch für die Plastiken von Edith FriebelLegler. Er notierte: »Arbeit ganz hervorragend. Beschreiben nützt nichts, ansehen.« Text Dorothea List Fotos Edith Friebel-Legler/ Dorothea List Info blog.ckbev.de/team-manager/friebel-legler-prof-edith

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