KOMPASS Stadtmagazin Ausgabe 11 | 21

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DIE WENDE BRINGT DEN NEUANFANG Nach den bescheidenen Anfängen Ende der zwanziger Jahre erlebt die Firma ihre erste Blütezeit zwischen 1956 und 1970. Doch dann ist das Privatunternehmen dem Staat ein Dorn im Auge. Einer Verstaatlichung widersetzt man sich, was zur Versagung der Gewerbeerlaubnis und damit zur Schließung des Betriebes führt. Aber Jürgen Huß will es noch einmal wissen und gründet den Betrieb kurz nach der Wende neu. Heute arbeiten rund hundert Beschäftigte in dem Unternehmen, das sich nicht nur der Herstellung von Räucherkerzen widmet. Von den hundert Mitarbeiter*innen halten 15 die Schauwerkstatt am Laufen und weitere 25 sind rund ums »Karzl« aktiv. Heute ist das Unternehmen gekoppelt mit einem Spezialmaschinenbau und hat seinen Betriebssitz im nur zweihundert Meter von der Schauwerkstatt entfernten Gewerbegebiet in Neudorf. Immerhin stellt man pro Jahr mehrere Hunderttausend »Karzl« her, die in mehr als 30 Länder weltweit exportiert werden. Neben dem eigentlichen »Karzl« schmücken eine Vielzahl weiterer Produkte die Verkaufspalette. Es gibt natürlich »Karzl-Öfen«, in denen die »Original-Karzl« auch original abbrennen, es gibt »Karzl-Brotbüchsen«, »Karzl-Schuhlöffel«, »Karzl-Socken und -Mützen« und sogar einen auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkenden »Karzl-Löffel«. Den größten Marketing-Coup dürfte die Firma allerdings mit den gezeichneten Youtube-Anekdoten gelandet haben, von denen es inzwischen zwölf Folgen gibt. Thomas Kaufmann, Marketingleiter der Firma ist sichtlich stolz, als ich ihn nach den Nutzungszahlen frage: »Die Episoden sind in Summe wohl so um die sieben Millionen mal aufgerufen worden.« Dann beugt sich Kaufmann an mein Ohr: »Und der Chef spricht das ›Karzl‹ tatsächlich selbst.«

»Is Karzl« Beliebtes Fotomotiv für alle Karzl-Fans ist der Karzl-Laster. Der VW New Beetle Pickup ist in den Sommermonaten vor der Schauwerkstatt geparkt.

Spaß für Groß und Klein Nach eigenen Vorstellungen beziehungsweise aus einem vorgefertigten Teig werden bei der Räucherkerzen-Selbstherstellung die Räucherkerzen geknetet. Im Fall der Fälle stehen Ingo Baumann und seine Kollegen unterstützend zur Seite.

EINE IDEE, WEIT HINAUS GETRAGEN Inzwischen haben die Besucher der Schauwerkstatt (natürlich mit recht unterschiedlichen Resultaten) ihre ganz eigenen »Karzl« geformt. Ingo gibt jedem eine Schachtel und weist darauf hin, immer für gute Belüftung zu sorgen. Stockende »Karzl« sind bald weiß und nicht mehr schwarz, weil sie wegen der Feuchtigkeit der Kartoffelstärke schon nach kurzer Zeit anfangen zu schimmeln. Deutlich erkennt man die Spuren der handwerklichen Tätigkeit: tiefschwarze Hände und teilweise auch Unterarme. »Keine Sorge«, höre ich Ingo, »vor der Tür haben wir Bürsten und Kernseife, dazu klares Brunnenwasser und schon bald sind die Hände wieder sauber. Manch einer geht hier sauberer vom Hof, als er gekommen ist.« Er lacht verschmitzt. Und ich denke an die Besucher, die nach ihrem Urlaub wieder nach Hause fahren und in Kassel, Ingolstadt oder Dresden von einem einmaligen Erlebnis berichten werden, was sie in Neudorf im Erzgebirge hatten.

Text Stefan Tschök Fotos Dirk Rückschloß | BUR Werbung | Archiv HUSS Info www.huss-weihrichkarzl.de

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STADTLEBEN T H E M A

»WEIHRICHKARZL«


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