KOMPASS Stadtmagazin Ausgabe 11 | 21

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eudorf im Erzgebirge. Direkt an der Hauptstraße und ungefähr im Ortskern des kleinen Erzgebirgsnestes in Blickweite zur der den Kurort Oberwiesenthal erklimmenden Schmalspurbahn hat die Firma HUSS Räucherkerzenherstellung in einem alten Dreiseitenhof mit weitläufigem Gartenbereich, einer Gaststätte, einem Ladengeschäft und einer Schauwerkstatt einen Besuchermagneten der ganz besonderen Art eingerichtet. Hier dreht sich alles, aber auch wirklich alles, um ein kleines schwarzes Hütchen, bestehend aus feinstgemahlener Buchenholzkohle, Ingredienzien für den Duft und aufgekochter Kartoffelstärke als Bindemittel. Und dieses kleine schwarze Hütchen heißt hier »Weihrichkarzl«. Mit mir gemeinsam sitzen zwanzig Besucher in der Schauwerkstatt, vor sich hat jeder eine kleine Schüssel aus Emaille, in der sich besagte Buchenholzkohle sowie die glibberig gekochte Kartoffelstärke befinden. Die Besucher kommen aus Bayern, Hessen, von der Ostsee, aus Thüringen, Dresden und Augustusburg. Erwartungsfroh mit umgebundener Schürze sitzt man auf Hockern um die Tische, auf denen schon eine Kerze entzündet ist.

Ganzjährig geöffnet Der idyllische Dreiseitenhof mit Laubengang lädt zum Verweilen und Entspannen ein. 2007 eröffnete das einstige Forsthaus in der Neudorfer Ortsmitte neu. Dem vorausgegangen war eine umfassende Sanierung durch Räucherkerzenhersteller Jürgen Huß.

AB JETZT ERFÜLLT MUNDART DEN RAUM Dann kommt der Auftritt von Ingo Baumann, zweiundfünfzig Jahre alt; natürlich in erzgebirgischer Mundart, auf die hier des Verständnisses wegen verzichtet werden soll: »Schön, dass ihr alle da seid, ich bin der Ingo und ich sag zu allen du; ihr könnt auch zu mir du sagen. Jemand was dagegen?« Niemand erhebt Einspruch und das Eis, sollte es welches gegeben haben, ist in Sekundenschnelle gebrochen. Denn Ingo gelingt es, in einem reichlich halbstündigen Einführungsvortrag die geballte Geschichte des Räucherkerzchens zu erzählen, die damit beginnt, dass der Großvater vom heutigen Firmeninhaber Jürgen Huß, Kurt Huß, bereits im Jahr 1929 damit begann, »Weihrichkarzl« für mehr als nur den Eigenbedarf herzustellen. Die Ingredienzien bezog er von einem befreundeten Drogisten aus dem Dorf und die Originalrezeptur, die ein noch heute gut gehütetes Geheimnis ist, ist seither gleichgeblieben. Die Huß-Kinder, deren es eine Vielzahl gab, wurden damals zum Hausieren losgeschickt. Für jedes abgesetzte »Karzl« bekamen sie einen Pfennig. Ingo verdeutlicht: »Ein Pfennig, das war ungefähr der Preis für eine Scheibe Brot. Jedes abgesetzte ›Karzl‹ sorgte also dafür, in der Zeit der Weltwirtschaftskrise ein klein wenig dazu beizutragen, die vielen hungrigen Mäuler zu stopfen.« Uriges Vergnügen Für das Räucherkerzen-Selbstherstellen, welches von Ingo Baumann und weiteren Mitarbeitern angeleitet wird, ist gerade in der Hauptsaison (September bis Februar) eine Voranmeldung per Telefon (037342 149390) oder E-Mail (laden@juergen-huss.de) zwingend erforderlich.

Natürliche Inhaltsstoffe Karzl-Fans können selbst Räucherkerzen, besser bekannt als »Weihrichkarzle«, herstellen. Dafür stehen Schraubgläser mit verschiedenen natürlichen Duftstoffen bereit. Wichtig jedoch: nur eine Nuance verwenden. Der Grundsatz »Viel hilft viel« gilt hier nicht.

WOHER KOMMT DER REIZ DES KERZCHENS? Ingo kommt in Fahrt. Bereits im alten Ägypten und nicht weniger als viereinhalbtausend Jahre her, hat man die angenehme Wirkung von Weihrauch, einem Baumharz, gekannt. Die ersten europäischen Spuren hinterlässt der Weihrauch im 12. Jahrhundert in Grünhain in einem Zisterzienserkloster und im Bergbau des 13. und 14. Jahrhunderts. Und Weihnachten im Erzgebirge ohne Weihrauchduft, da ist Ingo sicher, ist gar nicht vorstellbar. Erwartungsfroh schauen sich die Besucher der Schauwerkstatt, alle in Schürzen und ihre Schüsseln vor sich, an. Nicht mehr lange, dann geht es los. Vorher noch ein paar Hinweise von Ingo, damit die selbst hergestellten »Karzl« sich so gut wie möglich mit dem Original messen können: Die möglichen Aromastoffe (zur Auswahl stehen unter anderem Zimt, Lavendel, Sandelholz, Benzoe – auch ein Baumharz – und natürlich Weihrauch) bitte nicht nach dem Motto »viel hilft viel« sondern sparsam dosieren, alles gut durchmischen (wirklich gut!), zu einem plastischen Teig formen, der nicht mehr klebt und sodann portioniert zu kleinen Kegeln formen, die man eine knappe Woche an der fischen Luft trocknen muss. Die ersten Hände werden schwarz; Zeit für Ingo und mich, noch etwas zur Firma ins Gespräch zu kommen.

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