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zweiwÖchiGe folterunGen es beginnt eine zweiwöchige Zeit im Gefängnis, die der Pastor nie vergessen wird, im Gitterkäfig wird er in das Gefängnis gebracht: »ich fühlte mich wie ein Schaf, das zur Schlachtung gebracht wird. im Gefängnis wurde ich aus dem auto gezerrt und sofort verprügelt.« er landet in einem unterirdischen Kellergefängnis, ihm ist eigentlich klar: wer hier drin ist, kommt nicht mehr raus. es bleibt nicht bei Prügel, Batyr wird in den nächsten zwei wochen das komplette Programm an russischen-stalinistischen Foltermethoden zu spüren bekommen. die ihm aufgesetzten Handschellen werden zwei wochen lang nicht mehr geöffnet. er wird von für Folter ausgebildeten Männern als Fußball missbraucht, er bekommt eine Gasmaske aufgesetzt, die zugedreht wird, kurz vor der Ohnmacht wird sie aufgedreht, er schnappt nach luft, die Maske wird wieder zugedreht. an einem anderen Tag wird ihm mit nadeln der arm zerstochen, bis er blutüberströmt da sitzt. Um möglichst wenig Spuren zu hinterlassen, werden die Männer mit gefüllten Plastik-wasserflaschen geschlagen. das Schlimmste für ihn, sagt er, war aber der elektrische Stuhl mit heftigen Stromschlägen... die Organisation »Open doors«, die sich für verfolgte Christen einsetzt, bekommt wind von seiner Verhaftung und setzt sich weltweit für seine Freilassung ein - erfolgreich.

Turkmenistan ist ein relativ großes land in Zentralasien, knapp 500.000 km groß, also rund 100.000 km größer als deutschland. es leben aber dort nur 5,4 Millionen Menschen, von denen 70.000 Christen sind, besagt der aktuelle weltverfolgungsindex von Open doors, Turkmenistan belegt darin Platz 23 von 69, die Plätze eins und zwei belegen nordkorea und afghanistan. auch der ausblick zeigt, dass die Regierungspartei sich einer kaum nennenswerten Opposition gegenüber sieht. nach angaben von Open doors ist es zu befürchten, dass sich auf lange Sicht nicht viel ändern wird. Turkmenistan hat Vorräte an Öl und Gas, ist aber auch von den exporten abhängig. der Verfall des Preises hat das land 2018 hart getroffen, urteilt Open doors, denn von den einnahmen profitieren nur wenige Prozent der Bevölkerung. die Bevölkerung wird weiter überwacht und vor allem Christen sind die leidtragenden. die Organisation Open doors hilft den Christen in Zentralasien durch Schulungen von Gemeindemitarbeitern und Versorgung mit literatur. ein Schwerpunkt der arbeit der Organisation sind Zufluchtshäuser für Konvertiten, die harter Verfolgung ausgesetzt sind. insbesondere Frauen und Mädchen finden hier Sicherheit vor ihren Familien, die den Glaubenswechsel oft als ehrverletzung empfinden.

wie er die Zeit erlebt hat? das weiß er nicht mehr so genau. »Jetzt sitze ich hier und frage mich schon, wie das war. aber nach der Folter fragt man sich nicht mehr, was esse ich, was trinke ich?« norwegen wird nicht das neue Zuhause der Familie nursen, sie fühlen sich einsam. es gibt ein großes Fest, dort sollen die Kinder ihre Großeltern mitbringen, nur seine Kinder können das nicht, die Großeltern leben noch in Turkmenistan. Familienfeste, weihnachten, da spürt er die Zerrissenheit der Familie: »das tut weh, die Seele bleibt irgendwie auf der Strecke, weil der Mensch nicht für einsamkeit gemacht ist.«

heimAtGefÜhle Auf Der flucht unD im exil Turkmenistan ist sein Zuhause, dort wo er aufgewachsen ist, wo seine Familie lebt. »natürlich würde ich alles gerne nochmal sehen, die Menschen mit denen ich aufgewachsen bin, die Straße, die Schule, die Felder und die Schafe.« Batyr kann dort nicht hinreisen, das wäre lebensgefährlich. »aber erinnerungen kann man nicht löschen.« Bis heute lebt er im exil. auf die Frage, was Heimat für ihn bedeutet, sieht er aus dem Fenster, auf die Bäume davor, denkt nach. »Heimat verliert im Zuge des Globalisierungsprozesses an Substanz, aber für mich ist Heimat mit erinnerungen verbunden, und es hat trotzdem etwas Vorübergehendes, weil ich mich da zuhause fühle, wo sich meine Frau und meine Kinder zuhause fühlen.«

Psychische und pchysische Tortur im Jahr 2000 wurde Batyr in Turkmenistan gefoltert. Foto ichigo // pixabay.com

flucht Durch Die wÜSte »Heute ist es, als ob es eine Geschichte gewesen wäre, aber damals konnte ich nach der Freilassung jahrelang nicht schlafen, hatte albträume und Schreianfälle.« es ist für ihn klar, er muss aus Turkmenistan raus. er hat eine Frau und ein viermonatiges Kind, er nimmt beide mit, durch die wüste fliehen sie nach Usbekistan. dort hilft ihnen Open doors - und so kommen sie nach Sankt Petersburg. er beantragt UnO- weites- asyl und wird von norwegen aufgenommen. noch in Sankt Petersburg, im Büro von Open doors fängt er schließlich an, Radio- und Fernsehsendungen für die Menschen in seiner Heimat Turkmenistan zu produzieren.

So wie vor ein paar Tagen, er wohnt momentan bei einem Freund aus Miltenberg, der sich privat Ziegen hält. Seine Tochter sah die Ziegen und fühlte sich sofort angekommen, er dann auch. doch das tröstet alles nicht darüber hinweg, dass Batyr jetzt zwar relativ frei leben kann, die Christen in seinem Heimatland aber nicht. Und so lebt er samt Familie heute nicht mehr in norwegen, sein neues Heimatland verrät er nicht. auf nachfrage antwortet er: »wir haben uns ein land ausgesucht, von dem wir den Christen in Turkmenistan am besten helfen können.«

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