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Regulation von Emotionen Auch in Zeiten der intensiven Gefühle greifen die Berührungen um sich. Man denke an tragische Momente der Weltgeschichte, an 9/11, Flugzeugabstürze, Kriege. In solchen Momenten stehen Menschen zusammen und geben sich durch den Körperkontakt – zu absolut fremden Menschen – Halt, Schutz und Trost. Oder man denke an freudige Ereignisse: ein gewonnenes Fußballspiel, das Bestehen einer wichtigen Prüfung, die Geburt des eigenen Kindes – dann werden wir von positiven Gefühlen nur so überwältig. Jeder kennt es: Man ist voller Glücksgefühle, Euphorie und die Stimmung kocht über – durch Umarmungen teilen wir diese Freude, stecken andere mit der Intensität des Glücks an und übertragen durch den Körperkontakt unser Inneres auf einen anderen Menschen. Es gibt so viele Gefühle, die wir im sozialen Bereich durch Berührungen ausdrücken und durch die wir uns durch den Körperkontakt, ganz intuitiv und unbewusst, eine positive Wirkung erhoffen. Kleine Kinder, die beispielsweise alleine sind und Angst haben, kuscheln ganz intensiv mit ihrem Lieblingsstofftier oder dem Haustier und fühlen sich dadurch beruhigt.

Sofern wir eine gesunde Entwicklung genießen konnten, besteht das Bedürfnis nach Körpernähe zu anderen ein Leben lang. Foto Pexels // pixabay.com

Stärkung des Vertrauens Dass wir uns nicht von allen Menschen berühren lassen, ist klar. Die intimsten Berührungen finden in unserem engsten Kreis statt, das meint, in unserer Familie – durch unsere Eltern, wenn wir klein sind, unsere Geschwister, Großeltern, Tanten und Onkel, unsere Freunde und später, wenn wir älter sind, durch unseren Partner oder die Partnerin und den eigenen Nachwuchs. Je enger die Bindung, umso intensiver und häufiger findet auch der Austausch von Körperkontakt statt. Dadurch kann man auch die Bindungsqualität erahnen: Wer eine gute, sichere und stabile Bindung zu seinem engen Umfeld hat, wird diese Berührungen zulassen und auch einfordern sowie davon zehren und profitieren. Die mütterliche Umarmung im Kindesalter gibt einem vor einer Prüfung Kraft, Mut und Zuversicht – jegliche Angst und Nervosität verfliegt. Später ist es dann der Partner, der durch Körperkontakt das Bedürfnis nach Nähe stillt und positive Gefühle in uns freisetzt. Werden wir von fremden Menschen berührt, kann das oftmals befremdlich oder suspekt auf uns wirken. Wir halten eine Art Sicherheitsabstand und wollen nicht, dass uns andere zu nah kommen. Machen sie es doch, können wir uns bedroht fühlen. Aber das ist nicht immer so, denn es gibt auch Menschen, deren Berührungen wir als positiv empfinden. Untersuchungen zu diesem Thema liefern interessante Erkenntnisse: Berührt einen beispielsweise die Kassiererin an der Supermarktkasse ganz zufällig beim Geld entgegennehmen, so wird die Person im Anschluss als sympathisch bewertet und auch der Supermarkteinkauf wird als positiv empfunden. Berührt uns der Kellner in einem Restaurant, so geben wir, laut Studien, auch mehr Trinkgeld. Das zeigt, dass Berührungen etwas sehr Intensives in uns auslösen, denn es suggeriert Vertrauen – sogar dann, wenn es dieses gar nicht gibt.

Doch was ist, wenn es keinen Körperkontakt gibt? Es gibt immer wieder Menschen, die im Kindesalter misshandelt werden: Statt liebevolle Berührungen bekommen sie Schläge und Missachtung zu spüren. Oder Menschen, die einsam und alleine sind und niemandem haben, an denen sie sich mal anlehnen können. Was passiert dann mit dem Bedürfnis? Es kann tatsächlich sein, dass dieses verkümmert: Irgendwann wird gar nicht mehr realisiert, wie sehr man Berührungen von anderen eigentlich benötigt und wie groß dieser Wunsch danach ist. Kinder, die Schlägen ausgesetzt waren und keine positiven Erfahrungen gemacht haben, können gar nicht verstehen, dass das Anfassen und Streicheln auch positiv wirken kann. Und da Bindung auch durch Körperkontakt entsteht, kann so vorhergesagt werden, dass die betroffene Person mit Sicherheit auch Bindungsstörungen im Erwachsenenalter entwickeln wird.

Wie oft wir in unserem Leben Berührungen ausgesetzt sind, ist uns letztlich oft gar nicht bewusst. Wir streicheln uns manchmal ganz unbewusst selbst, beruhigen uns dadurch. Auch Selbstbefriedigung zählt zu dieser Form. Wir lassen uns massieren, von Freunden umarmen, von Ärzten untersuchen – Berührungen passieren weitaus häufiger, als uns bewusst ist. Und das ist gut so, denn solange wir diese als angenehm empfinden, passieren auch heilsame Prozesse in unserem Körper, die zu einer guten Gesundheit und tollen Gefühlen beitragen.

Text Jessica Laqua

Auch gesellschaftlich geht von Körperkontakt eine enorme Macht aus. Man sieht es immer wieder: Bei Gipfeltreffen oder dem Meeting von zwei Politikern, die gerade ein wichtiges Abkommen abgeschlossen haben. Treten diese dann vor die Kamera, ist der symbolische Körperkontakt sehr eng; es gibt Umarmungen und Küsse auf die Wange. Für zwei eigentlich wildfremde Menschen eine große Geste, insbesondere deswegen, weil dadurch eine Art von Bündnis zwischen diesen beiden ausgedrückt wird.

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Foto lBessi // pixabay.com

Omnipräsentes Bedürfnis

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KOMPASS Stadtmagazin Ausgabe 6 | 19  

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