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Vèvè o.: Jeder lwa verfügt über ein eignes vèvè, ein Symbol, das ihn oder sie in Voodoo-Zeremonien repräsentiert. Foto: chris / Wikimedia Commons Puppen und schwarze magie? Voodoopuppen sind der wohl bekannteste Brauch der afroamerikanischen Religion. Dieser wird jedoch meist übertrieben dargestellt und falsch verstanden. Hierzulande fristen sie meist ein Dasein als nettes Urlaubsmitbringsel. Foto: pixabay.com Voodootanz re.: Foto: pixabay.com

allTaGSRelIGIoSITÄT UnD lebenShIlFe So sehr die eindrucksvollen und für europäische Beobachtende befremdlich wirkenden Rituale auch im Vordergrund vieler Berichte über den Voodoo stehen, im religiösen Leben der ounsi nehmen sie nur einen kleinen Teil ein. Für Voodoo-Gläubige ist der gesamte Alltag von der Macht der lwa durchdrungen: Liebes- oder Geldsorgen, Probleme im Beruf oder der Familie können der manbo oder dem oungan vorgetragen werden, damit diese die lwa um Unterstützung bitten. Im Voodoo ist die Vorstellung verbreitet, dass Notlagen die Folge gestörter Beziehungen im spirituellen Bereich sind, die auf vernachlässigte Geister, Vorfahren oder zornige Menschen zurückgehen. Meist lassen sich die spirituellen Kräfte mit kleinen Ritualen, wie etwa einem Mahl für hungrige Geister oder der Herstellung eines Zauberobjekts – pwen zugunsten der Betroffenen beeinflussen. Die Rolle der Kultleiterin oder des Kultleiters ist nicht mit der christlicher Geistlicher zu vergleichen, sondern konzentriert sich vorrangig auf praktische Lebenshilfe und Heilung.

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Ein pwen konzentriert Probleme auf einen Punkt und hilft somit bei dessen Bewältigung. Leidet beispielsweise eine Frau unter der Gewalt ihres Mannes, werden Eis zur Abkühlung seines Gemüts und Sirup zu seiner Besänftigung in ein Glas gefüllt, das in ein Kleidungsstück des Mannes gewickelt und auf den Kopf gestellt wird, um die Notwendigkeit einer grundlegenden Veränderung zu symbolisieren. Auch die berühmten VoodooPuppen kommen hier zum Einsatz: So soll eine Liebesbeziehung durch das Zusammenbinden zweier einander zugewandter Stoffpuppen entstehen können. TiTel

zombIeS UnD SchwaRze maGIe

FaSzInaTIon VooDoo

Bekannt ist Voodoo nicht zuletzt für seine »schwarze Magie«, doch wie weit verbreitet derartige Praktiken sind, lässt sich natürlich kaum nachvollziehen. So wird der Vorwurf der Schwarzmagie meist eingesetzt, um konkurrierende Heiler und Heilerinnen zu verleumden. Dennoch ist die »schwarze Magie« des Voodoo nicht nur in der Popkultur ein beliebtes Motiv, sondern auch in Haiti ein Diskussionsthema: Besonders die Angst vor Zombies lässt sich gewinnbringend vermarkten: Die bòkò haben sich dieser Schwarzmagie verschrieben und lassen sich ihre Dienste meist gut bezahlen. Geschichten um die Versklavung »seelenloser« Körper durch Voodoo-Magie garantieren aber auch Film- und Fernsehproduktionen ein begeistertes Publikum.

Insbesondere die Faszination, die von den schaurigen Zombies und den dunklen, magischen Ritualen der bòkò ausgeht, hat den Voodoo außerhalb Haitis zu einer lukrativen Sensation gemacht und das Bild des religiösen Alltags ins Groteske verzerrt. Um auf den vermeintlichen Spuren afroamerikanischer Religionen zu wandeln, bedarf es längst keiner weiten Reisen mehr: Knochenmagie und Tieropferrituale lassen sich heute problemlos online in Auftrag geben, TV-Serien versetzen uns in Angst vor unheimlichen Flüchen alter Geister. Mit dem religiösen Leben weltweit etwa sechzig Millionen Voodoo-Gläubiger hat dies nichts gemeinsam. Der Umgang mit ihren Geistern, Ahnen und Göttern ist meist vielmehr pragmatisch als spektakulär: Die lwa werden nicht in einem europäischen Verständnis angebetet: Man dient ihnen und erhält dafür konkrete Lebenshilfe. Die Frage »Was ist Voodoo?« ist nicht eindeutig zu beantworten, da es sich um keine feste Glaubensgemeinschaft mit einer einheitlichen Lehre handelt. Ohne Zweifel ist Voodoo jedoch mehr als Knochenmagie und Nadelpuppen – Eine Religion, die in Tänzen und Gesängen, nicht in theologischen Schriften und stillen Gebeten Ausdruck findet und uns daher oftmals fremd erscheint.

In Haiti werden auch heute noch verschiedene Geschichten von Menschen, die Jahre nach ihrem Tod im Zustand geistiger Abwesenheit gesichtet wurden, erzählt. Dabei soll es sich um Tote handeln, die von einem bòkò durch geheimnisvolle Rituale ins Leben zurückgerufen wurden und ihm nun zu Diensten sein müssen. Wiederbelebt wurde allerdings nur ihr Körper, nicht ihr gwo bònanj, der sich im Moment des Todes bereits befreit hatte. Ihrer eigenen Persönlichkeit beraubt, werden Zombies somit zu uneingeschränkt unterwürfigen Arbeitskräften. Beim Tod eines Familienmitglieds werden daher komplizierte Vorkehrungen getroffen, damit dieses nicht zum Opfer eines bòkò wird.

Text: Vivien Schramm

Im Soul of Africa Museum in Essen wird den Besuchern und Besucherinnen durch afrikanische Kunst- und Kulturgegenstände, fotografische, filmische und dokumentarische Zeugnisse und eine umfassende Fachbibliothek die historische Entwicklung des afrikanischen Kontinents südlich der Sahara bis zur Gegenwart näher gebracht. Die Sammlung gibt einen umfassenden Einblick in die Voodoo-Kultur Westafrikas. Informationen unter www.soul-of-africa.com.

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KOMPASS Stadtmagazin Ausgabe 6 | 17  

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