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Sklavenhandel li.: Ein Großteil der afrikanischen Sklaven und Sklavinnen, die im 18. Jahrhundert nach Haiti verschleppt wurden, stammten aus Westafrika. Nachdem Haiti 1804 die Unabhängigkeit erlangt hatte, konnten alte Bräuche wieder ausgelebt werden. Aufgrund christlicher Einflüsse unterscheidet sich der karibische Voodoo jedoch von seinem afrikanischen Ursprungsglauben der Yoruba-Tradition. Foto: Wikimedia Ursprünge des Voodoo Gelede ist ein Tanzritual und jährliches Festival der Yoruba (Westafrika). Die Yoruba-Religion gehört zu den Ursprüngen des Voodoo. Gelede findet zu Ehren der als Ìyá Nlá personifizierten Weiblichkeit statt, insbesondere der Mutterschaft, der weiblichen Vorfahren und der alten Frauen. Gleichzeitig soll die Zeremonie vor der bösen Seite weiblicher Mächte in Form von Hexerei schützen. Foto: Soul of Africa Museum, Essen

Freiheit in Haiti Voodoo ist im atlantischen Raum heute insbesondere in Haiti beheimatet. Kolumbus nahm die Insel Ende des 15. Jahrhunderts für die spanische Krone in Besitz. Zweihundert Jahre später geriet der Westteil unter französische Verwaltung, die in der Region den Anbau von Zuckerrohr und später Kaffee massiv ausbaute. Der rasch wachsende Bedarf an Arbeitskräften führte dazu, dass Versklavte aus Afrika nach kurzer Zeit den Großteil der Inselbevölkerung ausmachten. Um ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten zu können, durften die afrikanischen Arbeitskräfte kaum kultivierbare, kleine Grundstücke am Rande der Plantagen für ihren Eigenbedarf bestellen. Auf der Insel etablierte sich im Unterschied zu vielen anderen lateinamerikanischen Kolonien eine kleinbäuerliche Subsistenzwirtschaft, die Haiti bis heute ökonomisch und gesellschaftlich prägt. Der Unabhängigkeitskampf gegen das französische Mutterland Ende des 18. Jahrhunderts wurde mit der Hoffnung auf Emanzipation von weiten Bevölkerungsteilen Haitis begrüßt: Der Status der Sklaven und Sklavinnen blieb jedoch zunächst unberührt, was

einen Aufruhr der afroamerikanischen Bevölkerung zur Folge hatte: In der Nacht des 14. August 1791 setzen Versklavte und bereits aus der Sklaverei Geflohene Plantagen in Brand und ermordeten die weißen Farmer und Farmerinnen. Dies war der Beginn einer blutigen Revolution unter der Führung des Sklaven François-Dominique Toussaint L’Ouverture, der ein überzeugter Anhänger des Voodoo war. Der Krieg endete am 1. Januar 1804 mit der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung: Haiti erlangte als erste lateinamerikanische Kolonie ihre Unabhängigkeit und hob zugleich die Sklaverei auf.

Familienverband Im Geschichtsbewusstsein der haitianischen Bevölkerung kommt dem Voodoo in dieser Revolution eine große Bedeutung zu: Die afrikanischen Sklaven und Sklavinnen spielten eine tragende Rolle im Unabhängigkeitskampf und erhielten nach dessen Beendigung eigenen Grund und Boden, auf dem sie die durch die Versklavung zerschlagenen Strukturen afrikanischer Familienverbände wiederherzustellen versuchten: Die Beziehung zur Familie, dem eigenen Land und

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den Göttern sollte auch hier fortan wieder eine Einheit bilden. Die Voodoo-Gemeinden sind als spirituelle Großfamilien zu verstehen: Die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen eine Kultleiterin – manbo oder ein Kultleiter – oungan. Mit den Mitgliedern ihrer Gemeinschaft – den ounsi – unterhalten sie familiäre Beziehung in einem spirituellen, aber auch sozialen Verständnis wechselseitiger Fürsorge. Die meisten im Voodoo verwendeten Begriffe entstammen dem Kreolischen, einer Sprache, die als Mischung aus dem Französischen und verschiedenen afrikanischen Sprachen der Sklaven in Haiti entstand und dort bis heute gesprochen wird.

Die »Voodoo-Tempel« sind meist mit dem Wohnhaus der manbo oder des oungan verbunden, unterscheiden sich in Stadt und Land jedoch stark voneinander. Während ländliche »Tempel« meist nach dem Vorbild eines Gutshofes angelegt sind und über eigene Häuser und Hütten für die lwa, die Götter und Geister des Voodoo, verfügen, beschränken sich die religiösen Zentren in Städten üblicherweise auf ein einziges Haus, in dem die Hütten der lwa durch aufwendige Altäre ersetzt wurden.

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KOMPASS Stadtmagazin Ausgabe 6 | 17  

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