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as Jahr 1987: Man war gerade vier Jahre alt und die kleine Schwester wurde vor Kurzem geboren. Das erste Mal Weihnachten zu viert, man kann sich noch ganz genau daran erinnern, bis ins kleinste Detail. Der riesengroße Weihnachtsbaum war bunt geschmückt mit vielen Kugeln und einer grellen Lichterkette, er stand mittig im Wohnzimmer. Zu essen gab es einen Braten, den man nicht mochte, stattdessen durfte man Kartoffelpüree löffeln. Am besten waren eh die vielen Geschenke: Die Legosteine, aus denen man ein Auto bauen konnte. Noch ganz genau kann man sich daran erinnern, wie viel Spaß das doch machte, wie der Vater geholfen hat und wie die Mutter daneben saß, Kommentare abgegeben und sich gefreut hat. Und die kleine Schwester? Die hat wahrscheinlich den ganzen Abend nur geschlafen. Was so plausibel klingt, so eindrücklich und intensiv abgespeichert wurde im eigenen Gedächtnis, hat höchstwahrscheinlich in dieser Form so niemals stattgefunden. Erinnerungen sind trügerisch und verzerrt, auch, wenn wir dies oftmals nicht wahrhaben wollen. So grandios unser Gehirn auch ist und so genau es auch arbeitet: Bei der Abspeicherung von Ereignissen als Erinnerungen unterlaufen durchgängig Fehler, denn es werden Anteile aus früheren Erfahrungen und dem eigenen Erleben bei der temporären Situation hinzugefügt. Dadurch verschwimmt das Objektive und die Erinnerungen werden subjektiv verzerrt durch das individuelle Erleben und Fühlen.

Die Zeit schreibt ihre eigenen Erinnerungen li.: Über unsere Lebenszeit hinweg sammeln wir unendlich viele Erinnerungen, doch nicht immer stimmen diese mit der Realität überein. Foto Florian Klauer / freepik.com

Erinnerungen lagern in uns wie in einer Schatztruhe re.: Am Ende unserer Lebenszeit blicken wir auf zahlreiche Erinnerungen zurück, die uns unser Leben verschafft hat. Gerade an Emotionales wird sich stark erinnert und es bleibt für immer präsent. Foto v.ivash / freepik.com

Verzerrte Kindheitserinnerungen Gerade Erinnerungen aus den ersten Lebensjahren bestehen oftmals aus Erzählungen der Eltern oder kommen durch das Betrachten alter Bilder zustande. Foto pixabay.de

Kann man seinen Erinnerungen trauen? Die Forschung hat hierzu in zahlreichen Experimenten bewiesen, dass wir unseren Erinnerungen nicht immer trauen können. So konnte gezeigt werden, dass Menschen gerade dann, wenn es um Erinnerungen der Kindheit geht, eigentlich gar keine wirklichen Erinnerungen besitzen. Jedoch glauben diese, dass sie sich ganz genau an das Vergangene erinnern können. Und noch mehr: Sie können teilweise ganze Dialoge wiedergeben oder sich genau an die eigenen Gefühle zu diesem Zeitpunkt erinnern. Die Forscher konnten aber zeigen, dass die Erinnerungen durch Erzählungen der Eltern oder durch das Betrachten alter Kinderfotos zustande kommen und gar nichts mit dem tatsächlichen Ablauf zu tun haben.

Hingegen gibt es aber auch Menschen, die überhaupt gar keine Erinnerungen an die eigene Kindheit haben. Auch mit der Kindheitsamnesie haben sich die Forscher beschäftigt. Dies hat die Frage aufgeworfen, ab wann wir uns eigentlich an die eigene Kindheit erinnern können. Es konnte gezeigt werden, dass die ersten Gedächtnisspuren in einem Alter von drei Jahren zu finden sind, bei einigen Menschen jedoch auch erst viel später. Wenn Menschen nun meinen, dass sie sich aber schon an das erste oder zweite Lebensjahr erinnern können, sollte dies hinterfragt werden. Denn wie es scheint, kann das Gehirn zu diesem Zeitpunkt noch gar keine individuellen Erinnerungen abspeichern, zumindest nicht, wenn man sich als Erwachsener daran erinnern soll. Fragt man Kinder nach Erlebnissen zu diesen Zeitpunkten, können diese jedoch wiedergeben, was sie erlebt haben und das sogar sehr detailliert. Je älter man allerdings wird, umso mehr scheint man zu vergessen, was bedeutet, dass unsere Erinnerungen verblassen. Studien zufolge liegt diese natürliche Grenze bei einem Alter von sieben Jahren. Ab diesem Alter können frühere Erinnerungen oftmals nicht mehr abgerufen werden.

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