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D 7,90 Eur | A 8,90 Eur | Ch 13,00 SFr

Erste Blicke Neue Ansichten einer

gewohnten Umgebung

»Bäume gehören nicht in die Stadt «

Wer hat Angst vor Detroit City?

Der Kampf ums Grün im Grau

10.000 Jahre vor unserer Zeit Archäologische Einblicke in den Ursprung der Stadt

Zwei Perspektiven auf die gefährlichste Stadt der USA Ausgabe

– 01

Mobiles Mumbai Frauen in Bewegung, Rikschas im Stau


»Es schallt nicht immer so aus der Stadt, wie man hinein ruft ­— meistens kommt etwas ganz anderes heraus.«


Stadtaspekte 01

Editorial

Willkommen Wir merkten erst später, dass es eigentlich ein Experiment ist. Zunächst wollten wir ›nur‹ ein Magazin über die dritte Seite der Stadt machen. Die Seite, die man nicht sofort erkennt und die sich auch in der täglichen Routine nicht offenbart. Die Seite, die unter den Oberflächen der urbanen Landschaften schlummert. Um sie zu sehen, bedurfte und bedarf es vieler erster Blicke: des ersten Blickes auf die eigene Stadt, nachdem er über die Jahre längst verdeckt wurde, vom zweiten, dritten, hundertsten; des ersten Blickes auf unser eigenes Magazin, das anders geworden ist, als wir dachten – und gerade deswegen toll; der ersten Blicke, die viele Autor/innen, Fotograf/innen und engagierte Stadtbewohner/innen für uns auf vertraute und unbekannte städtische Umgebungen in der ganzen Welt geworfen haben; und schließlich der ersten Blicke, die ihr, liebe Leser/innen, in dieses Heft und eure eigene Stadt werfen werdet.

Aber der Reihe nach. Das Experiment offenbarte sich mit einer Feststellung: Es schallt nicht immer so aus der Stadt, wie man hinein ruft – meistens kommt etwas ganz anderes heraus. Auf unseren Aufruf zum Mitmachen kamen viele spannende Einsendungen von Stadtgeschichten über Essays bis zu Fotoserien, die uns auf immer wieder neue Weise überraschten. Wer hätte darüber nachgedacht, wie Städte riechen ? Welchen Einfluss die Anordnungen von Straßen auf die mentalen Karten haben, die wir uns von Städten machen? Oder was es für exotische Pflanzen bedeutet, zu ungefragten Mitbewohnern in unseren modernen Metropolen zu werden ? Solche und weitere Fragen sind Stadtaspekte, die in dieser ersten Ausgabe in den Blick genommen werden. Diese Vielfalt zeigt, wie die Stadt sich durch die Menschen selbst schreibt, wenn jemand ihnen den Spielraum dafür bietet. Stadtaspekte passierte vor unseren Augen und wir wurden zu Kuratoren einer faszinierenden Ausstellung. Sie ist spannend, unerwartet, schön und vielschichtig geworden – genauso wie die Stadt selbst, aus der ihre Inhalte kommen. Unser Experiment ist geglückt.

Viel Spaß in der Stadt! Euer Team von Stadtaspekte

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Inhalt

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Linie 3 —

Tiflis

Immer die Linie 3, immer eine andere Stadt

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Kunststück —

1:0 für den Künstler

Eine schelmische Intervention in Amsterdam

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Stadtmenschen —

Der Florian

Der Blogger Florian Reischauer sammelt Berliner

16 Die Keimzelle der Stadt Interview mit dem Archäologen Klaus Schmidt

24 Ladies First Freiräume für Pendlerinnen in der indischen Millionenmetropole Mumbai

32 Meanwhile in Mumbai Eine Kreuzung wird zum Sinnbild der Stadt

34 Leben hinter Gittern Bilder aus den Gated Communities von Kapstadt, Südafrika

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Erste Blicke Themenschwerpunkt

44 Im Schatten der Wolkenkratzer Erste Blicke eines Deutschen zwischen den Hochhäusern New Yorks, 1924

52 Downtown Detroit Eine fotografische Auseinandersetzung mit der gefährlichsten Stadt Amerikas

60 Wer hat Angst vor Detroit City? Auf der Suche nach Mythos und Realität der US-Metropole

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»Zwischen Sternschanze und Holstenstraße passiert man einen Balkon, nur Armeslänge von den Schienen entfernt. Ließen sich die Zugfenster öffnen wäre es ein Leichtes, beim Vorbeifahren frische Kräuter aus den Pflanzkübeln zu rupfen.«

68 Unterschwellig Ein Blick unter Schwellen

70 Koordinatenaugen Geocaching – moderne Schnitzeljagd in der Stadt

74 Nioi Hito – Wie riecht deine Stadt? Ein Japaner erkundet seine neue Heimat Bremen mit der Nase

76 Begegnungen mit dem Fremden Dritte Orte in der Stadt

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24h —

I have heard that ...

Ein interdisziplinärer 24-Std-Workshop

90 Hometowns Ein Wahrnehmungsvergleich zwischen Hamburg und Toronto

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Stadtaspekte 01

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Inhalt

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»›Stadtleben findet unter Fremden statt‹, schreibt der Soziologe Zygmunt Baumann. Hierin liegt das Glück des städtischen Lebens, aber auch sein Fluch: der Umgang mit Fremden beinhaltet immer Unsicherheiten, da ihr Verhalten nicht vorhersehbar ist.«

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Partizipation —

Der richtige Riecher

Unsere Rubrik für städtische Mitgestaltung

99 Your Plant Is Here Blicke auf den Friedhof der Zimmerpflanzen

106 Die Robinien haben Probleme Überlebenskampf im Grünflächenamt

110 Die zwei Gesichter von Ludwigsfelde Eine Ost-West-Wappenkunde

114 Flagge zeigen »Meine Meinung hängt mir zum Fenster raus«

118 Stadtlandschaften Ruhepause mit Bildern von Camilla Elle

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Stadtorte —

Der Karlsplatz in Wien

Ein Platz, der sich herausstellte

132 Diana Artus Fotografien und Werke der Leipziger Künstlerin

140 Theo, wir ziehn nach Britz Eine Polemik

142 Impressum 32

»Jeder Einzelne begriff in dieser Sekunde, dass sein eigenes Vorankommen außerhalb seiner eigenen Macht lag. Plötzlich war es da, dieses Verantwortungsgefühl für die übergeordnete Instanz des großen Knotens aus Menschen und Blech und Müll und Tieren.«


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Danke für eure Unterstützung,

Juliane Buck / Petra Harms / Swen Hubrich / Dörthe Meier / Friederike Schewe / Katja Ritz / Birgit Stengel / Michael Knüvener / Markus Richter / Thomas Fischer / Pia Bue / Matthias Kirschner / Florence Buschmann / Julia Peters / Inken Schmidt / Daniel Becker / Rosemarie Engel / Gottfried Engel / Corina Lueger / Christel Keßler / Inge Neumann / Norbert Stengel / Anita und Henning Goersch / Hans Waldbach / Moritz Kreppel / Jan Bobe / Petra Beck / Marie Zeisler / Bärbel Haußmann / Alkan Durmus / Jens Krönert / Carolin Neumann / Elena Mirzoyan / Corinna Reiprich / Anne-K. Schirmer / Franziska Baumgärtner / Christina Wegener / Dörte Linke / Balthasar Fischer / Maximilian Bauer / Philipp Störring / Felix Zimmermann / Luise Flade / Tobias Meier / Culinary Misfits / Lisa Vollmer / Martin Madej / Peter Grafe / Malte Kloes / Katharina Mühling / Ute Schock / Christiane Pietsch / meilenstein GmbH / Mirjam Horn / Albrecht Schlotter / Wilken Behrens / Felicitas von Richthofen / Eric Erbacher / Brigitte Schultz / Nadja Riedel / Mauro Mulas / Max Vollmer / Stefan Höffken / Wolfgang Maria Häfele / Sandra Reinert / Anita Hosseini / Dirk Bartel / Andrea Reinbold / Carolin Fickinger / Rita Vallentin / Jasmin Honold / Kirsten Angermann / Mario Hergueta / Sven Lohmeyer / Tim Birkholz / David Lloyd / Christin Noack / Arne Meyhöfer / Sascha Wiswedel / Anke Penski / Julia Raapke / Anna-Lena Ludwig / Max Fischer / Juliane Ritter / Kai Sina / Carlos Sainz / Stefanie Maria Rabe / Hendrik Stey / Tobias Josche / Ula Schneider / Gernot Schaulinski / Ulrike Mackrodt / Adam Strzelczyk / Christin Lorenz / Sina Egerer / Julia Huntenburg / Timo Lochocki / Sebastian Schlecht / Anja Schürmann / Lena Lampe / Christian Schmitt / Neele Reimann-Philipp / Joachim Dietrich / Christian Levers / Johanna Treberspurg / Kathleen Bothe / Johannes Albert / Andreas Eiden / Tim Gutekunst / Janna Siebert / Claudia Dürr / Martin


Stadtaspekte 01

Dankeschön

Neidnicht / Michael Bandl / Olivia Gander / Christoph Kober / Nicole Walter / Eveline Schenkel / Ulrike Langer / Kai Kantorik / Benjamin Otto / Laura Droße / Elisa Haußmann / Japhet Johnstone / Kai Dockhorn / Marie Mohr / Ilka Sophie Wehrend / Bianca Herrling / Stefan Bauch / Carsten Wernervz / René Stenzel / Michael Blatt / Manfred Keßler / Christoph Nissen / Sybille Wenke-Thiem / Manu Schuetze / Francesca Weber-Newth / Eric Sturm / Julian Thaler / Rebecca Cyranek / Christine Wohlrab / Christine Wagner / Marco Bonk / Thomas Kühnel / Ragna Emmi Bothe-Schöbel / Denis Bartelt / Niklaus Lundsgaard-Hansen / Catrin Stibbe / Andreas Blinger / Ben Sisko / Caspar Lundsgaard-Hansen / Rachel Herschman / Katrin Schock / Tim Geilenkeuser / Ben Graepel / Claudio Fischer / Christian Lundsgaard-Hansen / Gerburg Crone / Helga Stattler / Stefan Koppelkamm / Marie-Theres Crone / Gunther Dederichs / Antje Neumann / Dagmar Thorau / Christiane Gross / Dr. Jan Simon Gerdes / Thomas Schönau / Robert B. Fishman / Ute und Waldemar Riesenweber / Claus Crone / Eva Hierzer / Gerd Seemüller / Jürgen Stienen / Annelie Stienen / Claudia Simons / Thomas Crone

Ihr habt dieses Magazin möglich gemacht.

Im Oktober und November 2012 haben wir auf www.startnext.de eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, bei der wir um eure Hilfe baten. Innerhalb von sechs Wochen haben insgesamt 335 Unterstützer/innen in unsere Magazin-Idee investiert, so dass mehr als 5500 Euro zusammenkamen, mit denen wir einen Teil von Druck und Vertrieb dieses Heftes finanzieren konnten. Ihr seid die Größten – vielen Dank!

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Stadtaspekte 01

Tiflis – Höflichkeit im Hupkonzert

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Linie 3

Tif lis Höflichkeit im Hupkonzert Von Irina Muschik

› L ateinische Schrift sucht man in Georgien vergebens – die Landessprache hat eine eigene, dem Aramäischen entstammende Schrift, die für unbedarfte Gäste bisweilen wie kryptische Zeichen

aus

einer

Dimension wirkt.

anderen

Ein Uhr mittags, die Sonne brennt sich mit gnadenlosen 33 Grad Celsius in die Haut, während tausende Schwalben lärmend ihre Kreise ziehen. In Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, bin ich auf der Suche nach der Buslinie Nummer 3. Der Liniennetzplan gibt keine Auskunft, da es ihn schlichtweg nicht gibt. Georgier orientieren sich scheinbar auf magische Weise oder durch über Generationen tradiertes Wissen.

Tiflis hat 1,25 Millionen Einwohner und liegt in einem Talkessel südlich des Kaukasusgebirges am Fluss Mtkvari. Wie viele seiner Einwohner in einen Bus passen, weiß ich nicht, doch die zugelassene Personenzahl wird hier regelmäßig überschritten. Heute zum Glück nicht. Trotzdem überlassen zwei Jugendliche mir und einer älteren Dame ihre Plätze und diese Höflichkeit ist hier durchaus üblich. Unter einigem Gerumpel des betagten Gefährts geht die Fahrt los. Die graubraune Farbpalette der Nach einigem Suchen finde ich heraus, dass die Sowjet-Wohnblocks fügt sich harmonisch in die Linie 3 am Achmeteli-Theater im westlichen Stadt- staubige Landschaft. Die einzigen Farbkleckse in randbereich startet. Ein Zickzack-Manöver durch dieser Gegend bilden rot-weiß gestreifte Plastikdie engen Gassen eines chaotischen Basars, in tüten und die grünen Zweiliter-Plastikbierflaschen denen sich gefälschte Turnschuhe bis unter das im Straßengraben. Wellblechdach stapeln, bringt mich zur gesuchten > Bushaltestelle. Die Reise kann beginnen.


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Wohnblocks aus sowjetischer Zeit im Westteil von Tiflis.

Im Bus hingegen geht es bunter zu. Die Frauen tragen zu ihren Kostümen und Röcken Nagellack in den Farben der Saison: knallrot und pink, oft perlmutt, seltener mauve oder lachsfarben. Ganz Wagemutige entscheiden sich für ein kräftiges Blau. Im Gegensatz zu den immer schicken Damen bevorzugen die stolzen kaukasischen Herren einen eher sportlichen Dress. Turnschuhe, Jeans und T-Shirt sowie Joggingbuchse und Schlappen sieht man hier häufiger als Hemd und Anzughosen. Nachdem wir die Wohnblocks hinter uns gelassen haben, geht es über eine der breiten Einfallstraßen Richtung City. Die Fahrbahnmarkierungen werden ignoriert und regelmäßig wird eine dritte Spur aufgemacht. Dazu hat sich ein ausgefeiltes Hupsystem entwickelt: grob lässt sich zwischen dem kurzen positionsanzeigenden, dem mittellangen Überholungs- und dem langen, aggressiven »Fahr du Sau!«-Hupen unterscheiden. Dass hier so wenig Unfälle passieren, grenzt an ein Wunder. Vor ein paar Jahren wurde außerdem aus wahltaktischen Gründen der TÜV abgeschafft. Rechts neben uns überholt ein Auto ohne Front- und Heckschürze, das nächste hat keinen Seitenspiegel.

Ab der nächsten Haltestelle fahren im Türschwenkbereich zwei große blaue Müllsäcke voller Blumenkohlköpfe mit. Sie und ihr stämmiger Besitzer sind wohl auf dem Weg zu einem der größeren Basare. Als wir den Fluss überqueren, bekreuzigen sich viele Mitfahrer in Richtung einer Kirche am Ufer. Die Grünflächen zwischen den Betonbauten werden nun häufiger und immer mehr Leute steigen aus. Ich nähere mich wohl dem Endziel, das ganz in der Nähe des wichtigen Didube-Verkehrsknotenpunkts liegt. Ganze vierzig Minuten dauerte die Fahrt, die mich nur 30 Tetri (etwa 15 Cent) gekostet hat.

› Der Soundtrack zur Fahrt: - Al Bano & Romina Power: Felicita - Vakhtang Kikabidze: Popuri

Als wir an einem kleinen Park entlang kommen, entscheide ich mich für den Ausstieg. Am Kiosk gönne ich mir erstmal eine giftgrüne EstragonLimo, während die Kohlköpfe, die lackierten Nägel und das gelbe Gefährt geräuschvoll von dannen ziehen. // Irina Muschik ist 32 und bereist derzeit als Backpackerin Asien und den weiten Osten Europas. Dort sucht die Biologin in Naturschutzparks und Städten interessante Begegnungen mit Mensch und Tier. In Tiflis nutzte sie die Chance, auf der Suche nach der Linie 3 die Stadt in ihrer ganzen Vielfalt kennenzulernen.

- PornoPoezia: Dro rogor gavida


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Im Schatten der Wolkenkratzer

Eine Begegnung mit der amerikanischen GroĂ&#x;stadt 1924


Stadtaspekte 01 — E r s t e B l i c k e

Im Schatten der Wolkenkratzer

Am Abend des 11. Oktober 1924 erreicht das Dampfschiff Deutschland den Hafen von New York. An Bord befindet sich Erich Mendelsohn, ein aufstrebender Architekt aus Berlin. Er soll im Auftrag des Berliner Tageblatts Ăźber die Fortschritte der neuen amerikanischen Architektur berichten, die alles in den Schatten stellt, was die alte Welt bisher kannte. Von Christine Schnaithmann

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»Gegen Mittag Land in Sicht«, verkündet Mendelsohn noch am Tag der Ankunft in einem Brief an seine Frau Luise. Als erstes erschien die flache, weiße Küstenlinie am Horizont, bevor sich im Dunst – endlich – auch die schemenhaften Umrisse der Hafenstadt New York abzeichneten. Mendelsohn, an der Reling des Schiffes, suchte mit dem Fernglas nach bekannten Strukturen im abendlichen Dunst. »Plötzlich«, so schrieb er rückblickend und noch immer erregt von seinen ersten Eindrücken, »für einen Augenblick – Woolworth Building. Schemenhaft, hoch oben am Himmel. Keiner dachte so hoch hinauf.« Das Woolworth Building von 1913 war mit seinen rund 240 Metern und 57 Stockwerken auch 1924 noch das höchste Gebäude der Welt. »Turmartige Ungetüme, wild und regellos« Für Erich Mendelsohn und seine Zeitgenossen waren Wolkenkratzer ein amerikanisches Phänomen. Im späten 19. Jahrhundert explodierten die Grundstückspreise in den Innenstädten wichtiger Handelszentren in den USA. Architekten und Ingenieure reagierten darauf, indem sie jede Parzelle so hoch und so vollständig wie möglich bebauten. Mit der Erfindung des Aufzugs und Fortschritten im Bereich der Stahlskelett-Konstruktion waren zu dieser Zeit zwei grundlegende Voraussetzungen für den Hochhausbau erfüllt: das Stahlskelett machte den Bau in die Höhe möglich und rentabel, durch den Aufzug wurden die oberen Etagen mühelos erreichbar. Feuersichere Bürogebäude mit hoher Geschosszahl und großen Fensterflächen waren bald prägend für amerikanische Großstädte wie Chicago und New York. In Berlin, wo Mendelsohn zuhause war, gehörten Häuser mit zwanzig und mehr Stockwerken ebenso wenig zum alltäglichen Erfahrungsschatz wie in anderen europäischen Städten. Der Architekt Bruno Möhring beschrieb Berlin 1920 als »ein flaches Häusermeer, aus welchem hier und da spitze ›E rst 1930 stellte das Bank of Manhattan Company Building Kirchtürmlein herausragen.« (283 m) einen neuen Höhenrekord auf, im selben Jahr auch Die städtische Bauverordnung das Chrysler Building (319 m), 1931 dann das Empire State beschränkte die GebäudehöBuilding (381 m). Der Wettbewerb um das höchste Gebäude he auf fünf Stockwerke; nur der Welt spielte sich noch während des gesamten 20. Jahrdie eine oder andere Bahnhunderts ausschließlich in den USA ab: ab 1972 führte das World Trade Center mit 417 Metern Höhe, von 1974 bis 1998 hofshalle, Rathaustürme, die der Sears Tower in Chicago mit 442 Metern. Die Rekordhoch- Kuppeln von Dom, Schloss häuser des 21. Jahrhunderts stehen in Kuala Lumpur ( Petro- und Reichstag stachen hervor. nas Towers , 452 m), Taipeh ( Taipeh 101 , 508 m) und Dubai ( Burj Kalifa , 828 m). Wolkenkratzer bestimmen heute nicht mehr nur das Stadtbild von New York oder Chicago, sondern auch die Skylines von Frankfurt a. M., Tokyo und São Paulo.

Umso beeindruckender muss für Mendelsohn der erste Anblick des Wolkenkratzer-Panoramas von New York gewesen sein. Unvorbereitet war Mendelsohn jedoch nicht. Architekten aus Deutschland, den Niederlanden und anderen europäischen Ländern berichteten bereits seit den Anfängen des Wolkenkratzerbaus über die Errungenschaften der amerikanischen Bauwirtschaft. Beschreibungen, Zeichnungen und Fotografien von Gebäuden und Straßenzügen erschienen in Büchern, in Fachzeitschriften oder in der Zeitung. Man diskutierte die so genannten »Turmhäuser«, bewunderte sie als technologische Großleistung und plante eigene Hochhausprojekte. Gleichzeitig kritisierte man die gigantischen Bauwerke auch als Auswüchse des Kapitalismus und verlachte ihre historisierende Fassadengestaltung. In der Diskussion um die amerikanischen Wolkenkratzer entlud sich die Ambivalenz, welche die Weimarer Republik den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Errungenschaften der Vereinigten Staaten von Amerika entgegen brachte. 1921 feierte der Soziologe und Journalist Siegfried Kracauer in der Frankfurter Zeitung den »schönen Turmhaus-Gedanken« als Antwort auf die Wohnungsnot in den Städten und als Ansatz zu einer effizienteren Organisation der Wirtschaftswelt; zugleich verurteilte er dessen Umsetzung jenseits des Atlantiks: »Die Häßlichkeit der New Yorker City ist jedermann bekannt. Turmartige Ungetüme, die ihr Dasein dem ungezügelten Machtwillen raubtierhaften Unternehmertums verdanken, stehen dort wild und regellos nebeneinander, außen und innen häufig mit einer prunkvollen Scheinarchitektur verkleidet, die ihren höchst profanen Zwecken in keiner Weise entspricht.«


Stadtaspekte 01 — E r s t e B l i c k e

»Babel und Rom hatten Gesichter neben dieser Grimasse« | Er sei verstört, so schreibt Erich Mendelsohn nach fünf Tagen New York an seine Frau, »durch die unvorhergesehenen Ausmaße dieser Kolonialstadt, dieses ungeordnete wilde Wachstum, in dem, völlig undemokratisch, die einzelnen Geldmachtwillen ihre zwanzig bis fünfzig Stock hohen Individualitäten aufgerichtet haben.« Wie betäubt sei er gewesen, so wird er es später formulieren, »vom Brüllen der U-Bahn und Stadtbahn, vom Tosen des motorisierten Verkehrs, (...) von den Schlachtfeldern und Reklamefronten eines alltäglichen Kommerzes.« Ein verschreckter Fußgänger in den Schluchten Manhattans, »dem Gemeinschaftsgrab im Chaos der Spekulation.« Mendelsohn beschreibt New York als ein »Konglomerat von märchenhaftem Reichtum und Notarmeen«, ein architektonisches Durcheinander: »Häuser von sechs Meter Front, zwei Stock hoch, neben zwanzig Meter hohen mit dreißig Stockwerken.« – »Alle Stile der Geschichte dicht nebeneinander: Schloßromantik, Kirchengotik, Renaissancepalast und Wolkenkratzer. Ungeordnetes wildes Wachstum, in eben 100 Jahren aufgepumpt vom Einwandererhafen zum Geschäftszentrum der Welt.« Das Resumé: »Babel und Rom hatten Gesichter neben dieser Grimasse.« Es ist nicht schwer, sich diesen Mann vorzustellen, ein Fremder in den lärmenden Straßen, der – eben noch vom Menschenstrom getrieben – innehält und den Kopf in den Nacken legt, um mit der Kamera seine Eindrücke festzuhalten. Sein Amerikabuch, das 1926 unter dem Titel Amerika. Bilderbuch eines Architekten mit 77 photographischen Aufnahmen des Verfassers beim MosseVerlag in Berlin erschien, ist das beeindruckende Zeugnis dieses Innehaltens. Mendelsohn fotografierte Straßenszenen und Wolkenkratzer, Reklametafeln und Straßenbahnen; er bediente sich dabei neuer und unkonventioneller Techniken: Nachtbilder, Mehrfachbelichtungen, Hochhausaufnahmen aus radikaler Unter- und Schrägsicht. Immer wieder fotografierte er auch Sequenzen und Serien: ein und derselbe Platz, ein und dieselbe Straßenecke, eingefangen aus wechselnden, oft gegensätzlichen Perspektiven. Seinen fotografischen Impressionen stellte der Architekt kurze Texte gegenüber, geschrieben in einem expressiven Telegrammstil. > vorige Seite | »New York, Hafeneinfahrt. Die schmale Landzunge. Das Schiff macht einen großen Bogen. Im Dunst die ersten Risse der Umgebung. Dann ansteigend, aufgereckt in den Himmel – Woolworth-Spitze. Schnelle Einfahrt, Wendungen, Kurven. Raumkatarakt, Raumschlacht, unendlicher Siegesrausch.« rechts | »New York, Downtown Broadstreet – Parallelstraße zum Broadway und Querstraße der Wallstreet. Im Hintergrund die Citytürme der Banken und Börsen.«

Im Schatten der Wolkenkratzer

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Im Schatten der Wolkenkratzer

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Der russische Avantgardist El Lissitzky lobte den filmisch-rhythmischen Aufbau des Buches und die subjektive Perspektive, die den Leser in den Bann ziehe. »Schon ein erstes Durchblättern fesselt uns wie ein dramatischer Film«, schrieb er 1926 in einer Rezension. »Der Architekt zeigt uns Amerika nicht aus der Ferne, sondern von innen, er führt uns durch seine Straßenschluchten. (…) Wenn wir den Broadway entlanggehen, den dreiundzwanzig Kilometer langen Hauptprospekt New Yorks, und neben einem solchen Gigant stehen, so müssen wir, um ihn ganz zu sehen, den Kopf weit in den Nacken werfen. Und das müssen wir in diesem Amerika noch sehr oft tun. – Darin besteht auch das Hauptverdienst Mendelsohns, daß er mit seinem Fotoapparat diesen Gesichtspunkt festhielt.« Architektur als Sinnbild der sozialen Ordnung | Im Gegensatz zu anderen Architekten seiner Zeit gibt Mendelsohn keine umfassende Bestandsaufnahme der amerikanischen Architektur, keine sachliche Dokumentation von Gebäuden und Plätzen. Stattdessen entwirft er, ausgehend von seinen Erlebnissen in den amerikanischen Großstädten Buffalo, Detroit, Chicago und New York, das vielschichtige Bild eines Landes, das mit seinen sozialen Gegensätzen augenscheinlich kämpft, das keine befriedigende Antwort gefunden hat auf die Integration des Verkehrs und der Wolkenkratzer in Stadt und Landschaft und das an seiner Konsumkultur nicht nur wächst, sondern auch krankt. Das Bilderbuch und die zahlreichen Briefe und Artikel Mendelsohns zeichnen ein ebenso leidenschaftliches wie ambivalentes Amerikabild: auf der einen Seite große Bewunderung für die technischen Leistungen der amerikanischen Ingenieure und reges Interesse an der Kultur und Lebensweise des Landes; auf der anderen Seite entschlossene Kritik am Eklektizismus der amerikanischen Architektur und den Auswüchsen des Kapitalismus.

rechts | »New York, Trinity-Church.«

Da ist zum Beispiel dieses Bild: Im Vordergrund die Trinity Church. Die Kirche, 1846 im Stil der Neugotik errichtet, war damals mit ihren 95 Metern das höchste Gebäude der Stadt New York. Auf der Fotografie wird sie von den umliegenden Wolkenkratzern im wahrsten Sinne des Wortes in den Schatten gestellt. Im Hintergrund erheben sich strahlend hell die Türme des Equitable Buildings von 1915. Die Fotografie, die Wolkenkratzer und Kirche gegenüberstellt, inszeniert Architektur als Sinnbild der sozialen Ordnung, was Mendelsohns kommentierender Text noch unterstreicht: »Trinity Church. Am Kreuzpunkt von Broadway und Wallstreet, New Yorks Hauptadern des Handels und des Geldes, zwischen Hochbahn und Expreßbahnhof der Subway, am Alltag zur Mittags- und Feierzeit umdrängt von den 300.000 Bankangestellten, am Sonntag feierlich in Stille. Einst sicher Andachtsort der Seeabenteurer, heute mit gotischem Turm und Friedhof europäische Reliquie noch höherer Ordnung und Weltherrschaft.« Ehrfürchtig inmitten der gigantischen Vertikalität | El Lissitzky begrüßte in seiner Rezension das »Auge des Architekten, das uns eine Reihe bekannter Dinge so zeigt, daß wir beginnen, tiefer darüber nachzudenken.« Tatsächlich nahmen die Fotografien in Mendelsohns Amerika-Buch, die in Wirklichkeit nur zu einem Teil von ihm selbst stammten, das Verhältnis von Architektur, Mensch und Stadt neu in den Blick. Betrachtet man andere Wolkenkratzer-Fotografien, die in den 1920er Jahren und früher aufgenommen wurden, dann bestimmt die »Optik des Nabels«, wie sie der russische Künstler Alexander Rodtschenko beschreibt, die Perspektive. Dabei nahm der Fotograf ein 68-stöckiges Hochhaus vom 34. Stockwerk eines Nachbarhauses aus auf und erzielte so eine scheinbar objektive Totalaufnahme des Gebäudes. Das wesentliche Merkmal ist hier die Distanz zwischen Betrachter und Wolkenkratzer, die einem das Gefühl verleiht, Herr zu sein über des Tableau des städtischen Lebens mit seinen Hochhäusern, Straßen und Plätzen, den Autos, Straßenbahnen und Passanten.


Stadtaspekte 01 — E r s t e B l i c k e

Im Schatten der Wolkenkratzer

Ganz anders die Fotografien in Mendelsohns Amerika-Buch, welche den radikal subjektiven Standpunkt eines Menschen auf der Straße zeigen. Hier gibt es nicht die Distanz der inszenierten Objektivität. Wer die Bilder betrachtet, der geht gleichsam selbst durch die Straßenschluchten, reckt und wendet den Kopf, steht – ehrfürchtig und erschrocken – inmitten der gigantischen Vertikalität. Wer durch Mendelsohns Bilderbuch blättert, dem ist die amerikanische Großstadt in den Fotografien ganz nah. Erich Mendelsohns Bild-Text-Collage war eines der erfolgreichsten Amerika-Bücher der Weimarer Republik. Die Impressionen aus New York, Buffalo, Detroit und Chicago prägten das Bild, das sich die Menschen in Deutschland von diesen Städten machten. Sie zeigten die amerikanische Großstadt – unzeitgemäß und fortschrittlich, finster und strahlend zugleich. So widersprüchlich wie Mendelsohn sie zeigte, erscheint sie uns bis heute, wenn wir im Schatten der Wolkenkratzer die Wall Street entlang gehen. //

Christine Schnaithmann ist Mitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaft der HU Berlin. Sie stieß bei der Recherche zu ihrer Doktorarbeit über Frank Lloyd Wrights Larkin

Building in Buffalo auf Mendelsohns Amerikabuch. Sie war sofort fasziniert von der poetischen Sprache, den ausdrucksstarken Fotografien, und der nahen wie auch fernen Welt, die sich ihr darin zeigte. — Zum Buch: Erich Mendelsohn: Amerika – Bilderbuch eines Architekten, 1928, 6. veränderte Auflage, Mosse Verlag, Berlin

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Begegnungen mit dem Fremden

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Begegnungen mit dem Fremden Von Malte Bergmann und Hilke Babbe | Fotos: Peggy Wellerdt

»Stadtleben findet unter Fremden statt«, schreibt der Soziologe Zygmunt Baumann. Hierin liegt das Glück des städtischen Lebens, aber auch sein Fluch: der Umgang mit Fremden beinhaltet immer Unsicherheiten, da ihr Verhalten nicht vorhersehbar ist. Der Facettenreichtum der Metropolen und ihrer Bewohner kann so zu Stress, Reibung und Auseinandersetzungen führen – aber auch zu wertvollen sozialen Begegnungen. Die Pole, nach denen wir gemeinhin die Sphären der europäischen Stadt teilen, sind das Öffentliche und das Private. In der Öffentlichkeit treffen wir mit Fremden zusammen, treiben Handel und streiten über eine gute Politik. Das Private ist davon getrennt, es dient als Schutzraum, als Raum der Erholung und der Familie. Mit der Entwicklung zu immer vielfältigeren und komplexeren Städten wächst das Bedürfnis nach solchen sicheren Räumen. Der Großstadtbewohner, so eine pessimistische Lesart, ist mit der städtischen Komplexität schnell überfordert, er stumpft ab und zieht sich zurück.

Um sich von der unberechenbaren Umwelt abzuschotten, werden allerorts Schutzmauern errichtet, lassen sich viele Formen der Privatisierung des Urbanen feststellen. Öffentlicher Raum wird zunehmend von elektronischen Augen überwacht und von Sicherheitspersonal patrouilliert. Das Wohnen in so genannten »Gated Communities«, Wohnanlagen mit beschränkten und gesicherten Zugängen, ist ein weltweit immer häufiger auftretendes Phänomen. Aber bedeutet das auch, dass Begegnungen, in denen Fremde mit unterschiedlichen Bedürfnissen aufeinander treffen, in der europäischen Stadt nicht mehr stattfinden? Oder anders gefragt: Unter welchen Bedingungen kann ein Austausch über Gemeinsamkeiten und Konflikte unter fremden Menschen überhaupt noch entstehen, wenn die öffentlichen Räume der Städte zunehmend fragwürdiger werden? Welche Qualitäten brauchen Orte, um einen Austausch zu begünstigen und welche Orte dieser Art können wir in unseren Städten vor der Haustür entdecken? >


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Begegnungen mit dem Fremden

Die Sonnenalle als Kontaktzone

Bärlauchpesto und arabische Plastikbäume »Lebara Mobile«, »Al-Axa Elektro«, »Um-Kalthum«, »Eintritt ab 18 Jahren«, »Al Andalus«, »Falafel – Schawarma – 1 Euro«, »Libanon Falafel« – so lesen sich die Schriftzüge an der Häuserfront der Sonnenallee in Berlin. Die vierspurige Straße führt von der östlichen Stadtperipherie durch den Bezirk Neukölln bis an die Kreuzberger Innenstadt. Viele der vierstöckigen Altbauten entlang der Straße sind großzügig gebaut, fast alle allerdings auch in sanierungsbedürftigem Zustand. Man trifft auf einfache Läden für gebrauchte Handys und Elektrogeräte, Call-Shops und Internetcafés, Trödler, Ein-Euro-Shops, aber auch Gemüseläden, Friseure, Imbisse und Restaurants. Alle werben mit arabischen und deutschen Zeichen auf ihren Schrifttafeln. Die Straße wird in hoher Frequenz befahren; Fahrradfahrer haben keinen eigenen Fahrstreifen und müssen sich dem Stop-and-Go der Autos vor den Ampeln anpassen. Der größte Lebensmittelladen Azzam öffnet gegen elf Uhr und bleibt, wie viele andere Läden auch, gute zwölf Stunden bis in die Nacht geöffnet – im Sommer auch sonntags. Abends füllt sich der Gehsteig mit Studenten und jungen Menschen zwischen 20 und Mitte 30. Man hört Sprachfetzen in Englisch und Spanisch. Seit kurzem gibt es auch einen Bio-Supermarkt – ein arabisches Einrichtungsgeschäft mit Plastikbäumen und goldenen Stuckimitaten musste für Bärlauchpesto und Körnerbrot den Platz räumen. Das Oh-Tannenbaum liegt gleich gegenüber. Die Bar ist ein Szenetreffpunkt, von der Straße aus versperrt eine aufgeklebte Palme den Blick durch die Glasfront. Die Betreiber sind Niederländer und Fans experimenteller Musik. Am Wochenende spielen DJs und es wird auf engstem Raum getanzt. Der Nahostkonflikt auf Kiezgröße | Im studentischen Milieu kursiert für die Sonnenallee der Spitzname »Gaza-Streifen«. Eine Berliner Tageszeitung schreibt vom »Nahostkonflikt im Kiez« und berichtet von gewalttätigen Konflikten zwischen jungen Türken und Arabern. Die Gegend, so liest es sich seit einigen Jahren, sei Beispiel für einen Brennpunkt, in dem die sozialen Probleme zu einem »Rechtsvakuum« geführt hätten. Einigen ist die »fremde« Aneignung der Straße ungeheuer. Unsicherheiten und Ängste kommen auf und münden reflexhaft in Stigmatisierungen. Es kursieren zum Teil irrwitzige Gerüchte über kriminelle Machenschaften der »Araber«, die von Anwohnern in Umlauf gebracht werden.

Fragt man die UnternehmerInnen vor Ort selbst, so hört man stolze Erzählungen über die arabische Entwicklung der Straße. Im Einrichtungsladen El-Salam-Style etwa erfährt man, dass die Sonnenallee »eine Adresse bei Arabern in Deutschland, Europa und der ganzen Welt« sei. Kunden kämen vor oder nach Konsulatsbesuchen hierher zum Einkaufen. »Die Zeiten haben sich geändert. Noch vor ein paar Jahren stand hier jeder zweite Laden leer«, berichtet der Besitzer. Auch über die zeitliche Abfolge der arabischen Unternehmensgründungen weiß der Händler bescheid: Nach einem arabischen Café und einem Gemüsehändler war es der Grill-Imbiss City Chicken, der mit Hühnchen, Hummus, arabischem Brot und Pommes viele Besucher anzog und für den Durchbruch sorgte. Tatsächlich gab es entlang der Sonnenallee bis in die 1990er Jahre nur Handwerksbetriebe und spezialisierte Einzelhändler. Nach dem Fall der Mauer, dem Wegfall der Subventionen und dem Höhepunkt der Arbeitslosigkeit gab es kaum noch Investitionen in Anstrich und Ausbesserungen; die Läden standen zum großen Teil leer. Stück für Stück waren es hier, wie in vielen anderen deutschen Städten, MigrantInnen, die die Straße wieder belebten und aufwerteten. Viele der UnternehmerInnen nutzen ihre internationalen Kontakte für ökonomische Netzwerke und waren damit vielleicht die Avantgarde einer sich internationalisierenden Metropole. »Arab-Town« – eine Fata Morgana? | Ein Blick auf die nüchterne Statistik zeigt, dass um den westlichen Teil der Sonnenallee herum die Prozentzahl von Menschen mit Migrationshintergrund bei gut 50 Prozent liegt. Allerdings machen MigrantInnen aus arabischsprachigen Ländern unter allen Bewohnern nur etwa zwei Prozent aus – der erste Blick auf die Straße entpuppt sich als eine optische Täuschung. Die Sonnenallee dient hier vielmehr als öffentliche Bühne: Unternehmer werben um Aufmerksamkeit und setzen sich mit Erfolg als authentische arabische Händler und Geschäftsleute in Szene. Mit ihrer Außendarstellung richten sie sich an eine sehr breit gefächerte Kundschaft und deren unterschiedliche Vorstellungen vom typisch »Orientalischen«. Von diesem Effekt profitieren alle weiteren Geschäfte, so dass sich eine gemeinsame Sogwirkung entfalten kann. Für einige Unternehmen bedeutet eine Ballung ethnischer Zeichen vor allem Erkennbarkeit und ebenso auch Selbstbestätigung. >

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80 Der im Alltag der Straße übliche Begriff »Araber« legt nahe, dass es sich um eine homogene Gruppe handelt. Auch hier ist die Realität eine andere. Neben einer geringen Zahl ehemaliger Gastarbeiter aus Nordafrika sind die meisten »Araber« in Berlin über den Status des Flüchtlings längst hinaus. Ein Großteil kam aus dem Libanon und Palästina, Jordanien, Syrien, aber auch aus dem Irak. Unter ihnen sind Sunniten, Schiiten, Säkulare, Kopten, Nationalisten und aramäische Christen. Ein Teil der Flüchtlinge aus dem Libanon gilt als staatenlos, da sie sich als Flüchtlinge aus palästinensischen Gebieten auf keinen anerkannten Staat beziehen können.

Je genauer man hinschaut, desto vielfältiger werden die ethnischen und nationalen Hintergründe der Bewohner der Sonnenallee. Die Art der Erzählungen über die angebliche arabische Entwicklung der Straße verweist vielmehr auf ein strategisches Moment, in dem sich die Gewerbetreibenden selbst der Schublade des »Arabischen« bedienen, um sich in Szene zu setzen. Die Straße bietet offensichtlich ein hohes Maß an Möglichkeiten, mit verschiedenen Rollenmustern zu spielen und diese für die eigenen Geschäftstätigkeiten zu nutzen. Es ist die Hybridität dieses Transitortes als lokaler Bühne und translokalem Begegnungsort, die seine Stärke ausmacht.

Der Zapfhahn als Begegnungsort

Zwischen Lautsprecherdurchsagen und Rolltreppenrauschen Folgt man der Sonnenallee weiter in Richtung Norden, mündet sie schließlich in den Hermannplatz. Hier erhebt sich die Fassade des Karstadt, eines der ältesten Berliner Warenhäuser. Das im nüchternen Nachkriegsstil wiedererrichtete Gebäude nimmt die komplette Westseite des Platzes ein. Das Konzept des klassischen Kaufhauses hält sich hier, mitten im Epizentrum des hippen »Problem«-Viertels Neukölln, erstaunlich gut. Im Untergeschoss des Kaufhauses findet sich neben einem Supermarkt und einer Drogeriekette auch ein gastronomisches Angebot, das vom Imbiss bis zum Wein-Lokal reicht. Die Einrichtungen verzichten auf Trennwände und sind offen gehalten, um das Laufpublikum abzufangen. Zwischen U-Bahn-Eingang und Drogeriemarkt-Kasse findet sich ein im Kontrast zur Umgebung statisch wirkender Raum, der von den meisten vorbeieilenden Menschen trotz seiner exponierten Stellung jedoch lieber ausgeblendet wird. Dabei sieht man schon beim Betreten des Untergeschosses von weitem die Theke des Zapfhahn. Einige, vorwiegend ältere Männer sitzen dort um einen Tresen. Die meisten haben ein Bier vor sich, jeweils eine Barhocker-Breite Sicherheitsabstand trennt sie von ihren Sitznachbarn. Es herrscht Schweigen, die Blicke sind auf Bier oder Kaufhaustreiben gerichtet. Dazwischen tönen Lautsprecherdurchsagen und Rolltreppenrauschen.

Was passiert in dieser Umgebung? Ist der Zapfhahn lediglich ein Aufenthaltsraum, in dem der Alkoholismus seiner Besucher eine geduldete Nische gefunden hat? Was bewegt die Gäste, gerade hierher zu kommen, wenn sie doch auch in jede beliebige Eckkneipe im Viertel gehen könnten? »Man kennt sich schon ewig nicht« | Der Ethnologe Johannes Lauer beschreibt die Eckkneipe als Ort enger und kontinuierlicher Beziehungen, als kleinstädtisch geprägtes Milieu, das sich der »urbanen Traditionszerstörung« entgegenstellt. Die Eckkneipe sei ein Ort, »an dem das Dorf in die Stadt hineinreicht«. Ein Ort der Nähe und Intimität, in der Alle alles über Alle wissen. Hier klingt die Für manche ist der viel zitierte Gegenüberstellung von kleinZapfhahn eine Art städtischen und großstädtischen sozialen Beziehungen an, die der Soziologe Georg Wohnzim m er, e in Simmel bereits Anfang des letzten JahrStammgast behunderts ausformuliert hat. Er ging davon aus, dass die Beziehungen in der Stadt von zeichnet sich gar Reserviertheit und Funktionalität geprägt als »Mitbewohner«. sind, dass die Kontakte oberflächlich und flüchtig sind, wohingegen auf dem Dorf eine größere Nähe und Kontinuität in den Beziehungen bestehe. Was aber ist der Zapfhahn? Ein Ort der Intimität, ein »Dorf in der Stadt«? Oder ein Ort der Reserviertheit, der Indifferenz – ein urbaner Ort? Der Zapfhahn vermittelt schon durch seine räumliche Gestaltung den Eindruck von Intimität. Eine Säule bildet das Zentrum des triangelförmigen Tresens. Alles Geschehen ist um diesen Mittelpunkt herum angeordnet. Alle sitzen einander zugewandt, sehen, was passiert und wer sich mit wem unterhält.


Stadtaspekte 01 — E r s t e B l i c k e

Bereits nach dem ersten Besuch wird man vom Barpersonal wiedererkannt und herzlich begrüßt. Das Personal spielt eine wichtige Rolle im sozialen Geschehen – man scherzt mit den Gästen, bezieht sie in Gespräche ein. Viele Gäste kommen regelmäßig, einige fast jeden Tag. Sie kennen sich untereinander und sind teilweise schon von Anfang an dabei. Für manche ist der Zapfhahn eine Art Wohnzimmer, ein Stammgast bezeichnet sich gar als »Mitbewohner«. Das Barpersonal kennt die Geburtstage der Gäste ebenso wie ihre alltäglichen Probleme. Der Inhaber ruft sie an wenn er sich sorgt, weil sie nicht mehr kommen, manche besucht er zu Hause, um ihnen eine Freude zu machen. All das beschreibt eine Atmosphäre der Intimität, ein Gefüge gewachsener sozialer Beziehungen. Zugleich gibt es aber immer auch Momente der Reserviertheit und Indifferenz. Der Aufenthalt vieler Gäste ist eher eine beiläufige Anwesenheit: Man sitzt allein, trinkt etwas, lässt den Blick schweifen und wechselt nur gelegentlich ein paar Worte. Das Schweigen erscheint dabei aber nicht als unangenehm. Die Intensität der sozialen Interaktion ist oft eher gering, es wird gescherzt und oberflächlich

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Begegnungen mit dem Fremden

über Alltagsthemen geredet. Längere Gespräche sind selten, meist werden flüchtige Unterhaltungen über den Tresen hinweg geführt. »Sich kennen« bedeutet oft »sich vom Sehen kennen«. Man kennt sich, wie es einer der Stammgäste formulierte, »schon ewig nicht« – man kennt sich »aus Versehen«. Die Gegenüberstellung von Eckkneipe als Ort der Intimität und Stadt als Ort der Indifferenz funktioniert also im Zapfhahn nur bedingt. Indifferenz und Intimität existieren gleichzeitig, erscheinen sogar als eine wechselseitige Voraussetzungen füreinander: Gerade die Möglichkeit, sich unverbindlich und beiläufig im Zapfhahn aufzuhalten, schafft einen leicht zugänglichen Raum für die Gäste, in dem sie ihre Probleme und Lebenserinnerungen teilen können und der für sie eine wichtige soziale Funktion erfüllt. Die Ambivalenz von Indifferenz und Intimität ermöglicht ihnen erst die Aneignung dieses sozialen Raumes in der Stadt. >


»Dritte Orte«: Grenzüberschreitung der eingespielten Alltagswahrnehmung

Leben unter Fremden – Leben in der Stadt | Solche »Dritten Orte« sind oft versteckt oder in Randlagen zu finden. Sie zu erkennen, bedarf nicht selten einer Grenzüberschreitung der eingespielten Alltagswahrnehmung. Die Qualität dieser Orte liegt in ihrer Uneindeutigkeit und Offenheit. Sie wirken auch in schwierigen Kontexten als Schlupflöcher durch dicke Mauern der Abgrenzung und Abstumpfung. Sie bergen das Potenzial für Verhandlungen, Verständigung und die gemeinsame Entwicklung

neuer Möglichkeitsräume. Eine Kneipe wie der Zapfhahn und eine Straße wie die Sonnenallee sind Orte, an denen Fremde auf Fremde treffen und wo zeitweise Zusammensein gelebt wird. Sie schaffen die Voraussetzung für ein Leben unter Fremden, für ein Zuhause fern von Zuhause – für ein Leben in der Stadt. //

Malte Bergmann ist Soziologe und lebt in Berlin. Er arbeitet für die Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und Forschung (DGTF) und als freier wissenschaftlicher Autor und Berater für Multiplicities Berlin. Hilke Babbe lebt in Berlin. Sie interessiert sich für die Diversität unserer urbanen Lebenswelten und hält ihre Erfahrungen damit in Textund Bildform fest. Nebenbei versucht sie, die Herausforderungen der Work-Life-Uni Balance zu meistern.


»Auf dem Recycling-Hof in Hamburg St. Pauli kann man Pflanzen übrigens für zwei Euro das Stück entsorgen lassen.«


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