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Spiel/Feld Urbane Landwirtschaft Praxisorientiertes Entwerfen und Ă–kologische Bildung

Katrin Bohn Kristian Ritzmann Nishat Awan (Hrsg.)


Urbane Landwirtschaft in Berlin

Urbane Landwirtschaft in Berlin: Standorte von Projekten in der Carrot City Kategorie Communi Recherche: Karolina Hasenstab, Kristian Ritzmann, 2011 Planzeichnung: Nishat Awan, Kristian Ritzmann, studiofroh, 2011 und 2012


Bildung 1 Dom채ne Dahlem 2 Kinderbauernhof

Landschaft 3 Landschaftspark Herzberge 4 Potsdamer G체terbahnhof

Netzwerk 5 Wuhlegarten 6 Allmende-Kontor

Unternehmen 7 Bauerngarten Havelmathen 8 Gartenbaubetrieb Vogel

Gemeinschaft 9 B체rgergarten Laskerwiese

10 Prinzessinneng채rten

N

ity & Knowledge 0

1:200.000

1.000 m

2.500 m

5.000 m


Spiel/Feld Urbane Landwirtschaft


Herausgeber / Redaktion

Fachgebiet Stadt & Ernährung am Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung (ILAUP) der Technischen Universität Berlin Prof. Katrin Bohn, Kristian Ritzmann, Dr. Nishat Awan E-Mail: katrin.bohn@tu-berlin.de Online: <www.planen-bauen-umwelt.tu-berlin.de/institut_fuer_ landschaftsarchitektur_und_umweltplanung/stadt_ernaehrung> Redaktionsschluss im Juni 2012

Art Direction und Produktion Susanne Hausstein, studiofroh, Berlin

Übersetzung Englisch – Deutsch Lisa O'Conner, Berlin

Lektorat / Korrektorat

Prof. Katrin Bohn, Susanne Hausstein

Bildnachweis

Sämtliche Bildrechte liegen, sofern nicht anders angegeben, beim Fachgebiet Stadt & Ernährung, Technische Universität Berlin.

Copyright

© 2012 Katrin Bohn für das Fachgebiet Stadt & Ernährung und die AutorInnen. Alle Rechte vorbehalten.

Druck

könitzers druck + medien gmbh, Berlin gedruckt in Deutschland

Sponsoren und Partner


Spiel/Feld Urbane Landwirtschaft Praxisorientiertes Entwerfen und Ă&#x2013;kologische Bildung

Katrin Bohn Kristian Ritzmann Nishat Awan (Hrsg.)


Einführung Produktive Stadtlandschaft in Forschung, Praxis und neueren Bildungskonzepten Katrin Bohn

Fragen der Handlungsfähigkeit beim Nahrungsanbau Nishat Awan

8 14

Die Produktive Stadt Urbane Nahrungssysteme und die Zukunft der Städte: Einflüsse auf Entwurf und Pädagogik

22

Urbane Landwirtschaft, Interkulturelle Gärten, Community Gardening in Berlin

30

Die Produktive Stadt / Carrot City: Entwürfe für Urbane Landwirtschaft

38

Berlin baut an...

42

Mark Gorgolewski

Elisabeth Meyer-Renschhausen

Katrin Bohn

Kristian Ritzmann

Spiel/Feld Marzahn Urbane Landwirtschaft in Marzahn-Hellersdorf

68

Gemeinschaftliche Aneignung des öffentlichen Raumes als Beteiligungsziel

76

Spiel/Feld Marzahn: Urbane Landwirtschaft am Mühlenbecker Weg

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Partizipation – Design – Forschung: Projektdokumentation

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Sylvia Sievert & Klaus Brockmann

Sabine Antony

Katrin Bohn

Alexander Teichmann, Yvonne Griephan, Sarah Götze, Michael Keil, Karolina Hasenstab, Jens-Christian Knoll, Kristian Ritzmann & Any Paz


Inhalt

Ökologische Bildung: Ein Ausblick Bedeutung der Projekte für das Studium der Landschaftsarchitektur und -planung

132

„Ich staune jeden Tag aufs Neue.“

140

„Das macht Appetit.“

144

Norbert Kühn

Akteure des Projektes Spiel/Feld Marzahn BesucherInnen der Ausstellung Die Produktive Stadt / Carrot City

Anhang Mitwirkende Glossar Danksagung

146 152 154

Die Begriffe des Glossars:

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.


Eine Einf체hrung in die Thematik des Buches mit Fokus auf dem Potenzial Urbaner Landwirtschaft f체r die zukunftsorientierte Planung und Gestaltung unserer St채dte.


Einf端hrung


Produktive Stadtlandschaft in Forschung, Praxis und neueren Bildungskonzepten

Katrin Bohn

Mitte der 1990er Jahre prägten Fritjof Capra und David Orr den Begriff 'Ecological Literacy', wörtlich 'Ökologische Alphabetisierung', und beschrieben damit ein pädagogisches Konzept, welches das Verständnis natürlicher Systeme als Ausgangspunkt für die Schaffung einer zukunftsfähigen Gesellschaft ansieht.1 Orr und Capra haben mit ihrem Konzept einen Rahmen für die in diesem Buch abgebildete Arbeit gesetzt, verknüpft es doch unsere Tätigkeit als Lehrende mit der Erfahrung als Lernende, ob im Umgang mit unseren Studierenden am Fachgebiet Stadt & Ernährung, den Schulkindern und Anwohnenden im Spiel/Feld Projekt oder den BesucherInnen der Ausstellung Die Produktive Stadt. 1 Orr, David, Ecological Literacy: Education and the Transition to a Postmodern World, Albany: State University of New York Press, 1992.

Besonders das Wort „Alphabetisierung“ läd dabei zum Nachsinnen ein: man denkt an das Lesen-, Schreiben- und Rechnenlernen von Kindern. Man weiß, dass dieses die Grundlage für ein selbstständiges und sicheres Leben ist


9 Einführung 2 ANU (2012) Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung Bundesverband e.V., Online: <www.umweltbildung. de>.

und dass An-Alphabetisierung das Gegenteil davon besagt. Vielleicht ahnt man dann, was ökologische Alphabetisierung für die Zukunft der Einzelnen und der Gesellschaft bedeuten könnte...

Wir übersetzen 'Ecological Literacy' hier mit 'Ökologische Bildung'. 3 Die UNO-Konferenz über Im deutschsprachigen Raum werden die meisten artverUmwelt und Entwicklung wandten Bildungsprozesse allerdings unter dem Thema (Erdgipfel genannt) gilt nach wie vor als wichtigstes Ereignis Umweltbildung – also 'Environmental Education' – zuin der Geschichte der internasammengefasst, die als pädagogischer Ansatz seit den tionalen Zusammenarbeit für 1970er Jahren im Zuge der damaligen Umweltbewegungen eine gemeinsame zukunftsfähige Entwicklung. An der entstand.2 Konferenz in Rio de Janeiro Ein weltweiter Meilenstein für die inhaltliche Ausrichnahmen rund 10.000 Delegierte tung von Umweltbildungskonzepten war der Erdgipfel aus 178 Staaten teil, Vgl. Online: <www.nachhaltig- der Vereinten Nationen im Jahre 1992 in Rio de Janeiro.3 keit.info/artikel/weltgipfel_rio_ Erstmalig wurde in der dort verabschiedeten Agenda 21 de_janeiro_1992_539.htm>. Bildung als zentrales Element einer nachhaltigen Gesell4 Deutsche UNESCO-Komschaft beschrieben und 2005 die UN-Dekade Bildung für mission e.V. (2012) Bildung nachhaltige Entwicklung ausgerufen.4 für nachhaltige Entwicklung, Agenda 21 – Kapitel 36 zur Förderung der Schulbildung, des öffentlichen Bewusstseins und der beruflichen Aus- und Fortbildung, Online: <www.bne-portal.de>. 5 Ein Beispiel dieser Herangehensweise ist die Einführung von Anlagen zur Nutzung der Sonnenenergie (Photovoltaik, Solarthermie) in die Architektur der 1980er Jahre, die technisch relativ erfolgreich war, aber z.B. Produktionsmethoden oder ästhetische Werte weniger berücksichtigte.

ANU (2012) Bildung für eine nachhaltige Entwicklung, Online: <www.umweltbildung. de/195.html>. 6

Nachhaltige Entwicklung ist damit zum Grundmotiv der Umweltbildung geworden und erweitert diese von einer mehr auf Ökologie und Natur fokussierten Sichtweise mit oft technischen Lösungsansätzen5 hin zu einer, die soziale, ökonomische oder kulturelle Betrachtungen als gleichwertig einbezieht. Oberstes Ziel der UN-Dekade ist es dabei, „Kompetenzen zu fördern, die benötigt werden, um die komplexen Zusammenhänge zwischen der ökologischen, ökonomischen und sozialen Dimension nachhaltiger Entwicklung nachzuvollziehen und an Lösungen für heutige und künftige Probleme mitzuarbeiten.“ 6 Es erscheint uns wichtig, hervorzuheben, dass Nachhaltigkeit also sowohl die gesellschaftliche Balance von Ökologie, Ökonomie und Sozialem betreffen muss, als auch die persönliche Erkenntnis der Tragweite des eigenen Handelns.


Center For Ecoliteracy (2012) The Center for Ecoliteracy, Online: <www.ecoliteracy.org/ about-us/what-we-do>. 7

8 Originalzitat: “as a discipline, planning marks its distinctiveness by being comprehensive in scope and attentive to the temporal dimensions and spatial interconnections among important facets of community life.“ (Anm. Übersetzer), Vgl. American Planning Association (2007) Policy Guide on Community and Regional Food Planning, Online: <www. planning.org/policy/guides/ adopted/food.htm>.

Das Städtische Nahrungssystem Eine der vier miteinander verknüpften Hauptdenkrichtungen des Konzeptes der Ökologischen Bildung ist die des Systemdenkens ('systems thinking').7 Objekte oder Geschehnisse als Teile von Systemen zu verstehen, ist eine Betrachtungsweise, die nicht nur für die meisten Menschen immer wichtiger wird, sie ist auch auf viele, wenn nicht alle, urbanen Prozesse anwendbar. Auch die anderen drei Denkrichtungen des Konzeptes – Holismus, Nachhaltigkeit und Komplexität – erlauben eine Betrachtung der Stadt unter ökologischen Gesichtspunkten. Aber es ist der Aspekt des Systemdenkens, der das weite Feld der Umweltbildung für unser TU-Fachgebiet noch einmal fokussiert.

Das Städtische Nahrungssystem ist eines dieser Prozesse. Allerdings wird erst seit jüngster Zeit international aner9 Als Beispiele der negativen kannt, dass man sich mit dem Nahrungssystem einer Stadt Begleiterscheinungen seien langenauso intensiv beschäftigen muss, wie z.B. mit ihrem ge Transportwege, städtische Wasser- oder Energiesystem. Während in letztere Systeme Nahrungsmittelwüsten und Großmarktdominanz genannt. schon seit vielen Jahren Forschungs- und Entwicklungs10 Urbane Landwirtschaft leistungen fließen, wurde das Nahrungssystem lange Zeit bezeichnet die Erzeugung, vernachlässigt. Verarbeitung und Vermarktung von Nahrungsmitteln und anderen Produkten in urbanen und periurbanen Räumen unter Anwendung intensiver Produktionsmethoden und (Wieder-) Verwendung städtischer Abfallstoffe und natürlicher Ressourcen, Originalzitat: “an activity that produces, processes, and markets food and other products, on land and water in urban and peri-urban areas, applying intensive production methods, and (re)using natural resources and urban wastes, to yield a diversity of crops and livestock .” (Anm. Übersetzer), Vgl. UNDP, Urban Agriculture: Food, Jobs and Sustainable Cities, New York: United Nations Development Program, Publication Series for Habitat II, Volume One, 1996.

Obwohl Nahrung und Ernährung lebenswichtige und immer wiederkehrende Notwendigkeiten sind, waren sie, im Gegensatz zu den anderen Grundbedürfnissen des Menschen – Luft, Wasser und Behausung –, bis vor kurzem in den Planungsdebatten beinahe vollkommen abwesend. Stadtplaner Jerry Kaufman und sein Team, Vordenker der städtischen Nahrungsdebatte, beschreiben diese Tatsache als 'puzzling omission' – mysteriöse Unterlassung –, denn „als Berufsdisziplin zeichnet sich das Planungswesen dadurch gegenüber anderen Berufen aus, dass es allumfassend angelegt ist und die zeitlichen Dimensionen und räumlichen Abhängigkeiten wichtiger Facetten des täglichen Lebens sorgfältig registriert“. 8 Diese Unterlassung zu berichtigen wird umso wichtiger, je mehr die negativen sozialen, ökologischen und ökonomischen Begleiterscheinungen des gegenwärtigen industrialisierten Nahrungssystems die Nahrungsmittelsicherheit der StädterInnen ernsthaft bedrohen.9


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Produktiven Stadtlandschaft Für unser Fachgebiet an der Technischen Universität Berlin fallen bei der Arbeit mit städtischen Nahrungssystemen zwei Dinge zusammen: das eigene Forschungsinteresse an Urbaner Landwirtschaft10 und Produktiver Stadtlandschaft sowie die Möglichkeit, ein Lehrangebot für Studierende der Landschaftsarchitektur zu schaffen, das nicht nur das Planen und Entwerfen der dazu benötigten städtischen Räume oder Prozesse, sondern auch andere gesellschaftliche Werte vermitteln kann.

Zentrum unserer Arbeit ist die Frage, ob und wie Urbane Landwirtschaft geplant in die zeitgenössische europäische oder europäisch geprägte Stadt integriert werden könnte, um Letztere für die Zukunft nachhaltiger gestalten zu können. Verschiedene Forschungen der letzten 20 Jahre haben sich mit den Vorteilen Urbaner Landwirtschaft für die Städte beschäftigt. Stellvertretend sei für weitere Informationen auf folgendes Buch hingewiesen: Viljoen, André und Wiskerke, Johannes (Hrsg.), Sustainable Food Planning: Evolving Theory and Practice, Wageningen: Wageningen Academic Press, 2010.

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Viljoen, André (Hrsg.), Continuous Productive Urban Landscape: Designing Urban Agriculture for Sustainable Cities, London: The Architectural Press, 2005.

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Durch gezielte bauliche und Urban-Design-Maßnahmen im gesamtstädtischen oder privaten Rahmen würde sich das Nahrungssystem der Stadt ändern, da Urbane Landwirtschaft veränderte Produktions- ,Vertriebs-, Verwertungs-, Wahrnehmungs- und Verhaltensprozesse fördern kann.11 In dem 2005 veröffentlichten Buch Continuous Productive Urban Landscapes (CPULs)12, argumentieren Bohn&Viljoen Architects, dass durch die Integration Urbaner Landwirtschaft in vernetzte städtische Freiräume eine kohärente und designte multifunktionale Landschaft entstehen könnte. Die Vorteile solch einer produktiven Stadtlandschaft wären bedeutend genug, um CPUL als essenzielle und nachhaltige städtische Infrastruktur zu betrachten. Seinerzeit wurde dieser Vorschlag als interessant, jedoch utopisch angesehen, aber seither hat sich die

Einführung

Urbane Landwirtschaft als Teil einer


Situation dramatisch verändert, sodass zum Beispiel die Entwicklungspläne der niederländischen Stadt Almere für den neuen Stadtteil Agromere von Fachleuten als CPUL bezeichnet wurden. 13

Jansma, Jan und Visser, Andries, Agromere Integrating urban agriculture in the development of the city of Almere, Leusden: Urban Agriculture Magazine, no. 25, 2011, Seite 28–31.

13

Bohn, Katrin und Viljoen, André, Produktive Stadtlandschaft. Über ungewöhnliche Verbindungen von Stadt und Ernährung, in: Müller, Christa (Hrsg.), Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt, München: oekom Verlag 2011, Seite 150–159.

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'Design research' umfasst die verschiedenen Wege von Forschungsmethode zu Forschungsergebnis zu Entwurfsprinzipien zu Entwurfsergebnissen und demonstriert dadurch die Umsetzung von Theorie in eine hochzufriedenstellende und zuverlässiger erfolgreiche Praxis, Vgl. Laurel, Brenda (Hrsg.), Design Research: Methods and Perspectives, Cambridge: The MIT Press, 2003.

15

UNESCO (2009) Review of Contexts and Structures for Education for Sustainable Development, Online: <www.unesco.org/en/ education-for-sustainabledevelopment/publications>.

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Während sich das Fach- und öffentliche Verständnis von Urbaner Landwirtschaft bereits gefestigt hat, formt sich der Begriff 'Produktive Stadtlandschaft' noch.14 Für einen offenen und öffentlichen Diskurs ist es ein gutes Zeichen, dass 'Produktive Stadtlandschaft' für die einen hochertragreiche Gemüsefelder und für die anderen soziokulturelle Vernetzung der „Stadtbauern“ und für die dritten beides gemeinsam bedeuten kann. Denn aus all diesen Modellen würde sich die zukünftige Produktive Stadtlandschaft zusammensetzen, je nachdem, welche Bestandteile für das Nahrungssystem im betreffenden sozialen, ökonomischen und ökologischen Ortskontext von Wichtigkeit sind.

Zu diesem Buch Die architektonischen Berufsdisziplinen antworten auf die neuen Fragestellungen, die sich aus den oben angesprochenen Themen ergeben, mit den Mitteln ihrer Profession: entsprechende Designkonzepte und Entwurfsansätze bestimmen den Diskurs um den gebauten Raum. Außerdem hat sich in den letzten Jahren eine neue Arbeitsmethode – das Forschende Entwerfen ('design research')15 – herausgebildet, die den heutigen komplexeren Entwurfsbedingungen und der dadurch stärker notwendigen Forschungsarbeit Rechnung trägt. Alle diese angewandten Methoden finden einen entsprechenden Niederschlag in der studentischen Lehre. Die UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung hat die Universitäten weltweit dazu aufgerufen, „als Orte der Forschung und des Lernens für nachhaltige Entwicklung zu fungieren“.16 Universitäre Lehrprogramme sollen kritisches und holistisches Denken fördern und Studierende dazu befähigen, multidisziplinäre Verbindungen zwischen verschiedenen Erkenntnisbereichen herstellen zu können.17


13 Einführung HEA – Higher Education Academy (2005) Sustainable Development in Higher Education: Current Practice and Future Developments, Online: <www.heacademy. ac.uk/resources>.

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Ein Live-Projekt in der Architekturausbildung kann als ein Lehrprojekt definiert werden, welches Architekturstudierende mit einem oder mehreren der folgenden Aspekte der Architekturpraxis in Kontakt bringt: einem realen Bauherren, einem realen Zeitplan und einem realen Resultat, das für die AuftraggeberInnen/BauherrInnen von Nutzen ist. Zeitgenössische Live-Projekte, zum Beispiel in Großbritannien, werden in zunehmendem Maße als Methode zitiert, die den Studierenden – im Vergleich zu traditionellen Studioprojekten – breitere Fähigkeiten vermittelt, Vgl. Live Projects Steering Group at Queen's University Belfast (2011) Live Projects 2011, Online: <http://liveprojects2011.wordpress.com/>.

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Am Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung (ILAUP) der TU Berlin wird ein großer Teil der Lehrangebote in Form von Projektstudien angeboten. Das Fachgebiet Stadt & Ernährung hat für einige seiner Lehrveranstaltungen das Live-Projekt18 als Sonderform des Projektstudiums gewählt. Als Beispiel dafür steht Spiel/Feld Marzahn, Namensgeber dieses Buches und bisher größtes Projekt des Fachgebietes. Spiel/Feld Marzahn ist aber gleichzeitig mehr als Praxisorientiertes Entwerfen für Studierende, es wird als Kooperationsprojekt mit dem Berliner Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf von diesem unterstützt und vom Berliner Senat gefördert. Die Hintergründe, direkten Ziele und Perspektiven des Projektes sind eng verbunden mit der bereits stattfindenden strategischen Beschäftigung mit Urbaner Landwirtschaft im dortigen Stadtbezirk. Als Beispiel einer anderen akademischen Herangehensweise an die Thematik Ökologische Bildung stellen wir in diesem Buch die internationale Ausstellung Die Produktive Stadt / Carrot City: Entwerfen für Urbane Landwirtschaft vor. In diesem Fall wendet sich das Fachgebiet mit seiner Arbeit vor allem an eine breitere Öffentlichkeit, mit der es in einen weiterbildenden Dialog treten möchte. Interessanterweise waren in der Ausstellung sowohl tatsächlich ausgeführte Projekte vertreten, als auch studentische Entwürfe, die wiederum beleuchteten, wie Universitäten Studierende an das Thema der Städtischen Nahrungssysteme heranbringen können. Die Beiträge der AutorInnen dieses Buches, welche die beiden Projektbeispiele begleiten, machen noch einmal überaus deutlich, dass die Beschäftigung mit Urbaner Landwirtschaft für alle Beteiligten – seien es die Planungsund Design-Disziplinen oder die Akteure und GärtnerInnen in den Städten – nicht nur Spaß macht, sondern dass sie für unsere gemeinsame urbane Zukunft ebenfalls dringend notwendig ist.


Fragen der Handlungsfähigkeit beim Nahrungsanbau Nishat Awan

Obwohl Fragen des Nahrungsanbaus vermehrt im architektonischen Diskurs und der Praxis aufgeworfen werden, beschränken sie sich doch oft auf Aspekte des Designs und der Technologie. Um den Lebensmittelanbau aber zu einem generellen Trend werden zu lassen, muss sich unsere allgemeine Einstellung ändern. In diesem Sinne kann ökologisches Denken technische Diskussionen um Nachhaltigkeit in einen breiteren sozialen und politischen Kontext integrieren. Dabei kann es auch um die entscheidende Frage der Handlungsfähigkeit gehen.

1 Guattari, Félix, The Three Ecologies, trans. by Pindar, Ian and Sutton, Paul, London: The Athlone Press, 2000.

Guattaris 'Ökosophie' bietet einen Rahmen für solch ein Denken, indem sie wechselseitige Abhängigkeiten des Geistes, der Gesellschaft und der Umwelt hervorhebt.1 Die Herausforderung besteht darin, ökologisch oder transvers verschiedene Bedeutungen, Ideen und Sachgebiete zu betrachten. In einer Zeit, in der die Beziehungen zwischen dem Ökologischen, Sozialen und Politischen immer deutlicher werden, ist dies besonders wichtig. Ökologisches Denken aus Guattaris Perspektive bedeutet also, Urbane Landwirtschaft und die damit verbundenen Aktivitäten nicht nur als ein bloßes 'Anpflanzen einiger Karotten', sondern als radikale Praktik zu verstehen. Der Anbau unserer


15 Einführung

eigenen Nahrung muss in einen umfassenderen Kontext von Wirtschaft und globalen Abhängigkeiten eingebunden werden – es muss beispielsweise der Diskurs um die Transportwege von Lebensmitteln ausgeweitet werden. Seltener noch wird über das letzte Glied der Nahrungskette diskutiert: Was geschieht mit den Bauern, wenn wir aufhören, ihre Brechbohnen aus Kenia zu beziehen und als verantwortungsvolle BürgerInnen unsere eigenen anpflanzen – wenn jene Bauern plötzlich ihre Einkommensquelle und ihren Unterhalt verlieren? Bis zu welchem Grad muss das Geflecht der wechselseitigen Abhängigkeiten berücksichtigt werden? In solchen Fällen scheint nachhaltiges Denken unserer globalisierten Welt eine Erweiterung der Vorstellungen von Verantwortlichkeit über unterschiedliche Maßstäbe, Geografien, Temporalien und Ontologien hinweg zu bieten.

Rhyzom (2011) RURBAN, Online: <www.rhyzom.net/ projects/rurban/>. Zu übersetzen mit 'Recyclen, Wiederverwenden, Reparieren, Neu-denken' (Anm. Übersetzer).

2

3 Ebenda. Originalzitat: “[R-Urban] aims to increase the social, urban and cultural Resilience. In contrast to ecological resilience, social, urban and cultural resilience could be adaptive and transformative, inducing change that offers huge potential to rethink assumptions and build new systems.” (Anm. Übersetzer).

Der Begriff der Verantwortlichkeit verstrickt sich mit jenem der 'Resilienz', einem Grundkonzept für Überlegungen zu einer nachhaltigen Zukunft und einer Alternative zur vorherrschenden Kultur der Kostenkalkulationen und Haftungen. Die Idee der Resilienz ersetzt den normativen technokratischen Modus, Umweltprobleme zu „lösen“, mit dem Prinzip, Gewohnheiten zu ändern. Das R-Urban Projekt von atelier d'architecture autogerée (aaa) versucht diesen neuen Denkansatz in seine Arbeit zu integrieren. Als Ausweg aus der zunehmenden Umweltkrise, wurde von aaa die Strategie des 'retrofitting', des Nachrüstens, von Städten entwickelt, das auf den sogenannten ökologischen R's: 'Recycle, Reuse, Repair, Re-think' 2 basiert. Das R-Urban Projekt ist in Colombes, einem Vorort von Paris, angesiedelt und versteht sich – wie der Name schon impliziert – als Mediator zwischen dem Ländlichen und dem Urbanen. aaa arbeitet mit einer spezifischen Definition der Resilienz, die den strategischen Ansatz des Projektes verrät: „[R-Urban] setzt sich zum Ziel, die soziale, urbane und kulturelle Resilienz zu stärken. Im Gegensatz zur


ökologischen Resilienz, kann die soziale, urbane und kulturelle Resilienz adaptiv und transformativ wirken und einen Wandel einleiten, der ein riesiges Potenzial beinhaltet, um Annahmen zu überdenken und neue Systeme zu bauen.“ 3 Indem die Rolle der Pädagogik in den Vordergrund rückt, wird dieser Anspruch in die Praxis umgesetzt. R-Urban aktiviert das schlummernde Wissen der jeweiligen Gemeinschaft, mit der es zusammenarbeitet und initiiert zusätzlichen Wissenstransfer durch das Einladen von Experten des Nahrungsanbaus, der Permakultur oder technologischer Aspekte des Anbaus. Teil des Programms ist die Möglichkeit eines Stipendiums oder einer handwerklichen Ausbildung – ein Konzeptelement, das noch aus dem vorhergehenden Projekt Le 56 – Eco-Interstice von aaa stammt und mit einer ansässigen Handwerksschule umgesetzt wurde. Atelier d'architecture autogerée versucht also, Resilienz in einem suburbanen Kontext aufzubauen, indem sozial resiliente Praktiken mit partizipatorischen Begegnungen sowie dem Erlernen langfristiger Fertigkeiten verknüpft werden. So soll Gemeinwesen durch die Integration von ökologischen Praktiken erblühen und wachsen.

4 Awan, N., Schneider, T. und Till, J., Spatial Agency: Other Ways of Doing Architecture, London: Routledge, 2011. Originalzitat: “neither impotent nor all powerful: they are negotiators of existing conditions in order to partially reform them” (Anm. Übersetzer). 5 Originalzitat: ‘the capability of acting otherwise’ (Anm. Übersetzer).

Im Zusammenhang mit Pädagogik steht auch die Handlungsfähigkeit, welche eine Debatte um räumliche Prozesse beschreibt, die zunehmend von den NutzerInnen und BewohnerInnen eines Raumes selbst ausgelöst, anstatt von Außen initiiert werden. In einer kürzlich erschienen Veröffentlichung werden 'spatial agents', also räumliche Akteure, definiert als: „weder ohnmächtig noch allmächtig: sie sind die Unterhändler existierender Bedingungen, um diese teilweise umzugestalten“.4 Während sich diese Aussage vor allem auf ArchitektInnen als räumliche Akteure bezieht, kann sie auch auf die BewohnerInnen eines Raumes übertragen werden, den diese auf bestimmte Art und Weise umgestalten oder in seiner Funktion neu definieren. Anthony Giddens definiert Handlungsfähigkeit


17 Einführung

als 'die Fähigkeit anders zu handeln' 5, eine Definition, die räumliche Handlungsfähigkeit allen innerhalb des Raumes Agierenden zugesteht. Mit Handlungsfähigkeit zu agieren bedeutet, ein gewisses Maß an Macht zu besitzen, wie auch die Möglichkeit der Artikulation und Legitimation unterschiedlichster Nutzungsweisen eines Raumes.

Handlungsfähigkeit schließt weiterhin die Frage ein, ­wer in der Stadt entscheiden darf, Raum anderweitig zu nutzen. Fragen des kulturellen Selbstbewusstseins – wer in einer Gesellschaft das Privileg trägt, gesehen zu werden, während andere unsichtbar bleiben müssen – werden ebenso angeschnitten, wie die ganz praktische Frage, wie man Raum überhaupt für sich beansprucht. Besetzt man ein Haus oder beantragt man eine Baugenehmigung? Wem wird temporäres Nutzen zugesprochen – wem nicht? Während der erste Aspekt subjektive Fragen beinhaltet, bezieht sich der zweite auf eher Technisches. ArchitektInnen beschäftigen sich zumeist mit dem Zweiten und planen Räume, die Gemeinschaften nutzen sollen. Da jedoch der erste Aspekt nicht ausreichend berücksichtigt wird, werden Entwürfe oft unzureichend ausgeschöpft oder gar in komplizierteren Kontexten zerstört.

6 Förderverein To Spiti e.V. (2009) Interkultureller Garten Perivoli, Online: <www.foerdervereintospiti.de/perivoli>.

Ein Beispiel der Beanspruchung eines Raumes auf Nachbarschaftsebene ist der Perivoli Garten in Berlin-Neukölln, der im Jahre 2002 von einigen griechischen Seniorinnen gegründet wurde.6 Der Garten befindet sich inmitten einer großen Fläche von Kleingärten, die durch ihre ganz eigene Geschichte geprägt wurden und doch mittlerweile einen bestimmten Lebensstil der deutschen Mittelschicht repräsentieren. Der Perivoli Garten hingegen verbreitet


eine ganz andere Atmosphäre. Mit der einfachen räumlichen Entscheidung, alle Zäune zwischen den Parzellen der einzelnen Familien zu entfernen, läutet der Perivoli Garten einen neuen Umgang mit Freiraum ein – nämlich auf eine kommunale statt individuelle Art. Während die Kleingärten oft nicht als produktive Räume genutzt, sondern eher mit Entspannung und Rückzug in Verbindung gebracht werden, ist der Perivoli Garten ein Ort des kollektiven Schaffens. Doch kann man Perivoli auf gleiche Art als nachhaltig und resilient verstehen, wie bereits oben erörtert? Während Initiativen, wie jene von aaa, die von ArchitektInnen geleitet werden, bewusst versuchen, pädagogische Elemente und Mechanismen zu integrieren, die im Laufe der Zeit zur Selbstorganisation führen sollen, enthalten Orte wie Perivoli solche Grundzüge bereits auf informeller Ebene. Die Frauen, die Perivoli gründeten, haben noch immer das Sagen über ihren Raum und führen ein Wissen um Anbaupraktiken im kleinen Rahmen, das sie an jüngere Mitglieder weitergeben können, indem gemeinsam Zeit im Garten verbracht wird. Diese Art eines generationenübergreifenden Austausches basiert häufig auf starken Familien- und Freundschaftsbanden – dies gilt auch im Falle des Perivoli Gartens. Vielleicht besteht die Schwierigkeit eines Ortes wie Perivoli darin, ihn für Fremde offen und einladend zu wahren, da Gruppen, die sich auf gemeinsame Ethnizität oder Herkunft berufen, eigentlich von ihrer Definition her ausschließend sind. Doch ist ein Ort wie dieser auch ein wichtiger Schritt zur Handlungsfähigkeit – besonders in einer Gesellschaft, in der Fragen der Multikulturalität und Diversität noch immer problematisch sind. Perivoli befindet sich nun im Wandel – und die Frauen, die den Garten leiten, verfügen über Handlungsfähigkeit, die Gewichtung von gemeinsamer Herkunft zu gemeinsamen Interessen zu verschieben. Tatsächlich deutet sich diese Verschiebung bereits durch eine Imkerei-Initiative an, bei der auf Wissen von außen zugegriffen wird.


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Wie weit wir fähig sind, das Geflecht der wechselseitigen Abhängigkeiten durchdringen zu können, hängt oft von verschiedenen Umständen ab. Doch diese Umstände sind im Wandel begriffen. Die Frauen von Perivoli, die als Mitglieder einer Randgruppe ansetzten, haben nun einen Handlungsspielraum, der andere in den von ihnen beanspruchten Raum miteinbeziehen kann. Indem die marginalisierten Bewohner Colombes' in die Handhabung und die Strategie ihrer Gegend einbezogen werden, hofft aaa wiederum, dass sie den Weg bahnen, Städte durch trans-lokale Forschungszentren nachzurüsten. So versteckt sich also hinter der augenscheinlich technologischen und technokratischen Idee der Resilienz die Frage der Handlungsfähigkeit. Projekte, wie diese hier im Buch beschriebenen, sprechen bereits ähnliche Themen an und bringen Studierende mit einer Welt jenseits der Universität in Kontakt. Sie erweitern auch ihr Verständnis des Räumlichen und konfrontieren sie mit Fragen der Verantwortlichkeit und Motivation. Die partizipatorischen Aspekte eines Projektes wie Spiel/ Feld Marzahn zeigen einen Ansatz, mit der Frage der Handlungsfähigkeit und des Nahrungsanbaus in der Architekturlehre umzugehen.

Einführung

Eine Initiative des urbanen Nahrungsanbaus kann nur dann wirklich nachhaltig und resilient sein, wenn es um mehr als nur den eigentlichen Lebensmittelanbau geht. Obwohl dies natürlich ein wichtiger Bestandteil des Ganzen ist, kann der Nahrungsanbau auch als Hintergrund für Fragen der Handlungsfähigkeit und der Verantwortlichkeit gegenüber unserem Planeten und einander verstanden werden.


Ein Blick in die Zukunft urbaner Nahrungssysteme sowie ein Blick zurück auf die Entstehung der innerstädtischen Gartenbewegung in Deutschland mit anschließender Vorstellung der Ausstellung und ausgewählter Berliner Gartenprojekte.


Die Produktive Stadt


Urbane Nahrungssysteme und die Zukunft der Städte: Einflüsse auf Entwurf und Pädagogik Mark Gorgolewski

Schon immer haben Themen wie Klima, Lebensstil, Demografie und Technologie unsere Städte und Gebäude geprägt. In der Zukunft jedoch, wenn Rohölverknappung und Klimawandel sich als Teil unserer Lebensrealität aufdrängen, werden Faktoren wie Klimaverschiebungen, Verfügbarkeit von Ressourcen, Sicherung des Nahrungsangebotes, Engpässe der Trinkwasserversorgung, Massenmigration und Urbanisierung voraussichtlich über die gesunde Existenz von Menschen, Städten und des gesamten Planeten entscheiden.

1 Glaeser, William, Triumph of the City, Penguin Press, 2011. 2 Owen, David, Green Metropolis, Riverhead Books, 2009.

In letzter Zeit spekulieren Fachpublikationen zur Zukunft des urbanen Raums vermehrt über die Wichtigkeit der dicht besiedelten Stadt bei der Lösung der Frage nach menschlicher Umweltverträglichkeit. Autoren wie William Glaeser1 und David Owen2 präsentieren New York und andere dichte Stadtgebiete als Modelle nachhaltigen Zusammenlebens. Ihrer Ansicht nach würde der Ausbau dicht besiedelter, multi-funktionaler Städte mit gut integrierten Gemeinden in bedeutender Weise Nachhaltigkeitskriterien erfüllen, da BewohnerInnen zusammengebracht und


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Während sich also Städte und Kommunen weltweit damit beschäftigen, wie der Übergang zu einer post-fossilen Wirtschaft zu schaffen, sowie die Umweltbelastung zu reduzieren sei und wie man mit dem Ressourcenbedarf auf eine ganzheitliche Weise umgehen könne, spielt gleichzeitig die Schaffung von Kreislaufsystemen eine immer prägnantere Rolle. Die Integration von Nahrungs-, Energie-, Wasser- und Materialkreisläufen bietet viele Möglichkeiten (und Herausforderungen) für eine alternative städtische Grundversorgung. Wirklich nachhaltige urbane Gemeinschaften benötigen nämlich Kreislaufsysteme, die auf ökologischen Prinzipien basieren, um all die Ressourcen zu garantieren, die eine Stadtbevölkerung zum Gedeihen braucht. Dies bedeutet, effizientere Nahrungs-, Energie- und Wassersysteme zu entwickeln, in denen Abfälle nicht einfach beseitigt, sondern als nützliche Rohstoffe verstanden werden. Es bedeutet auch, professionelle Stadt- und Landschaftsgestalter auszubilden, die diese Prozesse verstehen und ihre Integrierung entwerfen und umsetzen können.

3 Newman, P., Beatley, T. und Boyer, H., Resilient Cities: Responding to Peak Oil and Climate Change, Island Press, 2009.

Zu übersetzen mit 'widerstandsfähige Stadt' (Anm. Übersetzer).

4

In ihrer Publikation spielen Newman et al.3 einige potenzielle Szenarien durch, wie die Zukunft der Städte aussehen und wie diese auf globale Zwänge reagieren könnten. Ihnen zufolge wird die zukünftige städtische Entwicklung vor allem von der Auseinandersetzung mit Fragen der Nahrungsmittelsicherheit charakterisiert sein. Viele der Szenarien zeichnen ein verstörend negatives Bild des Kommenden. Sie spekulieren auf den völligen Kollaps urbaner Gegenden aufgrund menschlichen Versagens, dem Bedürfnis nach Nahrung und anderen natürlichen Rohstoffen nachzukommen. Ein Modell jedoch – das der 'Resilient City' 4 – verspricht eine sichere und prosperierende Zukunft. Das Konzept der Resilienz könnte ein nützlicher Ansatz sein, unsere Vorstellungen des Wesens zukünftiger urbaner Umwelten zu veranschaulichen und Designern die Kompetenzen an die Hand zu geben, die sie zu einer

Die Produktive Stadt

Transportwege für BewohnerInnen und Güter verringert werden würden. So könnte vor allem der Gebrauch von Autos eingedämmt werden.


konkreten Umsetzung benötigen werden. In den Naturwissenschaften wird unter Resilienz die Eigenschaft eines Systems oder Materials verstanden, Schock ohne bleibende Deformation oder Bruch zu überstehen. Auf den urbanen Raum übertragen, bedeutet eine resiliente Stadt jene, die auch in Zeiten der Not weiterhin effektiv funktionieren kann – sollten beispielsweise globale Versorgungsketten aufgrund von Treibstoffengpässen oder anderer globaler Erschwernisse zusammenbrechen. Der Übergang zu belastbareren urbanen Systemen erzwingt einen Wandel der Städte: von stark abhängigen Systemen, die Ressourcen von weit entlegenen und oft unsicheren Quellen beziehen, hin zu lokalen Kreislauf- und Versorgungsmodellen mit einem geringeren CO2-Ausstoß. Dies gilt für Nahrung, Energie, Wasser und Materialien. Die Herausforderung besteht im Erkennen und der Auswahl neuer Paradigmen, die lokale Kontexte und lokale Infrastrukturen stärken und die Resilienz-Kapazitäten einer Stadt ausbauen. Die folgenden Grundsätze bieten einen Anhaltspunkt zur Einschätzung des ResilienzPotenzials verschiedener Stadtentwicklungsvorschläge, wie auch zukünftiger pädagogischer Ansätze in resilientem Urban Design5: e Einschränkung der Abhängigkeit von fossilen Stoffen e Systemdiversität e Systemredundanz e Belastbarkeit von Infrastrukturen e Empfänglichkeit der Systeme für Feedback e lokale Autarkie e Fähigkeit, auf natürliche Ereignisse zu reagieren e Abfall = Essen.

5 Center for Resilient Cities (2012) Center for Resilient Cities, Online: <www.resilientcities. org>.

So entwickelt sich momentan die Rückkopplung der Städte an ihre Nahrungssysteme sowie der Ausbau neuer lokaler, weniger treibstoffabhängiger Nahrungssysteme als eines der Interessen nachhaltiger und belastbarer urbaner Siedlungen. Hierbei wird darauf abgezielt, sich aus einer Abhängigkeit von weit entlegenen Nahrungsquellen zu lösen, da diese zukünftig anfällig für Transportengpässe,


25 Die Produktive Stadt Die Südfassade des Maison Productive House in Montreal, Kanada. Foto: Mark Gorgolewski

bewaffnete Konflikte, Dürren oder Überschwemmungen und weiter steigende globale Energiepreise sein könnten. Lokale Nahrungssysteme können des Weiteren eine tragende Rolle bei der Lösung diverser urbaner Herausforderungen spielen, wie beispielsweise der sozialen Integration, Gesundheitsvorsorge, Luftqualität, des Wassermanagements, Zugangs zu Grünflächen und nachhaltigen Bauens. Um jedoch wirklich umsetzbar zu sein, müssen urbane Nahrungssysteme mit anderen Komponenten einer resilienten Infrastruktur kompatibel sein, um dadurch zur Diversität, Beständigkeit und Redundanz städtischer Systeme beizutragen. So können Nahrungssysteme von der Abwärme aus Gebäuden und industriellen Prozessen, von Regenwassersammelanlagen auf Hausdächern und kompostiertem urbanen Grünabfall profitieren.

6 Mougeot, Luc, Growing Better Cities, International Development Research Centre (IDRC), 2006.

Mougeot6 denkt die Stadt einem Ökosystem gleich und führt vier Hauptaspekte der Resilienz an: Urbane Landwirtschaft, die in das städtische Management integriert wird; Unabhängigkeit durch lokale Nahrungssysteme; zugängliche Grünflächen, die ökologische und soziale Vorteile bieten sowie eine fundierte Ressourcenaufbereitung, bei der Abfall als Bio-Kompost wieder verwendet werden kann. Solche Ansätze müssen zum Herzstück neuer Entwurfslehre und -pädagogik werden: mit der Stadt als Ökosystem im Fokus und auf einem sachkundigen Verständnis für Energie-, Nahrungs- und Wassersysteme basierend, die gemeinsam urbanes Leben ermöglichen.


Doch trotz ihrer Schlüsselfunktion in der Entwicklung von Städten haben sich Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten in der Vergangenheit kaum mit dem Potenzial von Ökosystem-Denken und Urbaner Landwirtschaft beschäftigt und es als Inspiration für neue urbane Systeme, Räume und Gebäude häufig verkannt. Die vielen Möglichkeiten, zu lokalen Nahrungssystemen beizutragen, wurden kaum thematisiert – auch in der Ausbildung fehlt eine Auseinandersetzung hiermit weiterhin. Hinzukommend galt in der entwickelten Welt beinahe das gesamte 20. Jahrhundert hindurch kleinflächige Landwirtschaft im urbanisierten Raum als unangebracht. Dies spiegelt sich noch immer in althergebrachten Planungsrestriktionen oder Gebäudevorschriften wider, die oft Verbote für das Halten von Nutztieren wie Hühner, Ziegen und Bienen oder den Anbau von Nutzpflanzen beinhalten.

7 Ryerson University Toronto (2009) Carrot City: Designing for Urban Agriculture, Online: <www.ryerson.ca/ carrotcity/>,

Gorgolewski, M., Komisar, J. und Nasr, J., Carrot City: Creating Places for Urban Agriculture, New York: Monacelli Press, 2011.

Allerdings haben es sich einige professionelle Gestalter und Designschulen zum Ziel gesetzt, diesen Status quo infrage zu stellen und mit den möglichen Synergien von Nahrungsproduktion und urbanem Design zu experimentieren. Bis vor Kurzem versteifte man sich in der Lehre allerdings vor allem auf technische Lösungen zu Problemen der Umweltbelastung durch Gebäude. Eine andere Herangehensweise, die in vielen Projekten der Carrot City Publikation und der Carrot City / Die Produktive Stadt Ausstellung7 verfolgt wird, ist die enge Zusammenarbeit mit ortsansässigen Kommunen, um im Sinne der Resilienz auf deren Bedürfnisse gezielt eingehen zu können. Bei der Zusammenarbeit von Gestaltern, Studierenden, Anwohnenden und Nahrungs- und anderen Experten, werden Entwurfsvorschläge gemeinsam entwickelt. Diese basieren auf den gegenseitigen Ansprüchen an Nahrungsmittelproduktionsprozesse und ermöglichen ein gemeinsames Verständnis von Produktiver Stadtlandschaft.


27 8

Ebenda.

Zu übersetzen mit 'Landschaftsurbanismus' (Anm. Übersetzer). 9

Originalzitat: “The projection of new possibilities for future urbanisms must derive less from an understanding of form and more from an understanding of process – how things work in space and time.” (Anm. Übersetzer), Corner, James, Terra Fluxus, in: Waldheim, Charles (ed), The Landscape Urbanism Reader, Princeton Architectural Press, 2006.

10

Das Maison Productive House ist ein nachhaltiges gemeinschaftliches Wohn- und Gewerbeprojekt, das für jeden Bewohner im Innen- und Außenbereich Flächen zum eigenen Nahrungsmittelanbau bereithält.

11

Um dies jedoch effektiv durchführen zu können, muss die Entwurfspraxis weniger Gewicht auf Ästhetik legen und sich auf das Verstehen von Prozessen und Funktionsweisen konzentrieren. Zweitens muss das temporäre Wesen der sich ständig wandelnden Ökosysteme verstanden werden. Natürliche Systeme verharren nicht in einer Gleichförmigkeit, sie verändern sich in unterschiedlichen Zeitabläufen. Allzu oft gehen wir davon aus, dass unsere gestalterischen Interventionen in jener Form verbleiben, die sie am Tag ihrer Fertigstellung hatten. Selbst der Alterungsprozess von Gebäuden wird selten weitsichtig genug mit eingeplant. Doch die Gestaltung urbaner Nahrungssysteme fordert eine neue urbane Ästhetik, die mit Prozessen, Änderungen und Entwicklungen umzugehen weiß. Einige jüngere Initiativen und Strömungen zeigen auf, wie die Berufsgruppe der GestalterInnen ihre Denkweise solcherlei Änderungen anpassen kann.8 Die Bewegung des 'Landscape Urbanism' 9, zum Beispiel, bietet ein Denkmodell, das Ökosystem-Denken mit Urban Design verbindet und die Notwendigkeit prozesshaften Arbeitens anerkennt. Wie James Corner schreibt: „Die Projektion der Möglichkeiten zukünftiger Urbanistik muss weniger aus einem Verständnis von Form und mehr aus einem Verständnis der unterliegenden Prozesse entstehen – wie Dinge in Zeit und Raum miteinander interagieren.“ 10 Ein Beispiel hierfür ist das Maison Productive House, eine dicht bewohnte Wohnanlage in Montreal, die auf das Bedürfnis ihrer BewohnerInnen, ganzjährig ihre eigenen Nahrungsmittel anbauen und verarbeiten zu können, eingeht.11

Die Produktive Stadt

Ähnliche Ansätze bei der Wasser- und Energieversorgung führen dann zu einer ganzheitlichen und integrierten Herangehensweise an Stadtplanungs- und Designfragestellungen. Solche Kollaborationen können die urbane Landschaft grundlegend transformieren und Nahrungssysteme mit Wasser-, Energie- und Nährstoffflüssen in der Stadt abstimmen. Die analytischen und synthetisierenden Fähigkeiten der Designer werden wieder auf die Kerngedanken der Resilienz ausgerichtet.


Originalzitat: ... “the shift from conventionally large, centralized industries of mass production to a decentralized pattern of production” ... “signals a new era for urban economic regeneration, land use distributions, and site redevelopment opportunities.” (Anm. Übersetzer), Berlanger, Pierre, Landscape as infrastructure, Landscape Journal, vol. 28 no.1, Seite 79–95, 2009.

12

Zu übersetzen mit 'freies Grundstück' (Anm. Übersetzer). Vgl. Online: <www.what-if. info/VACANT_LOT.html>

13

Zu übersetzen mit 'Taktischer Urbanismus' (Anm. Übersetzer). Vgl. Online: <http://issuu.com/ streetplanscollaborative/docs/ tactical_urbanism_vol_2_final>

14

Ein weiterer wichtiger Trend, wie von Pierre Belanger angesprochen, ist „die Verschiebung von konventionell großer, zentralisierter Industrie der Massenproduktion hin zu einem dezentralisierten Produktionsmuster“, die „eine neue Ära für urbane ökonomische Regenerierung, Landnutzungsverteilungen und Chancen des Standortumbaus einläutet.“ 12 Dieser Trend deutet auf lokalere, den Bedürfnissen des Ortes angepasste Praktiken hin, die es gleichzeitig ermöglichen, dass städtische Planungsprozesse zu dynamischen Werkzeugen bei der Einbeziehung der Kommunen werden. Ein spannendes Beispiel sind die Arbeiten von What If Projects. In ihren Vacant Lot Projekten13 verwenden sie Bausäcke aus Polypropylen und andere einfache Bauelemente, um den Selbstanbau von Nahrungsmitteln in temporären Gärten auf Freiflächen von Wohnsiedlungen in der Londoner Innenstadt zu ermöglichen. Anfangs ein kleines Projekt, fand es großen Anklang und verbreitete sich schon bald in andere Teile der Stadt. 'Tactical Urbanism' 14 ist eine neue Initiative, die auf dem Verständnis einer sich wandelnden Stadt baut. Mit Straßen, Häuserblöcken oder einzelnen Gebäuden als Ausgangspunkt, zeigt sie, dass kleine, konzentrierte Ver- und Ausbesserungen oft am effektivsten sind, um einen Wandel in der Stadt herbeizuführen. So können neue Konzepte erst einmal auf einem lokal begrenzten Maßstab ausprobiert werden, bevor man sie flächendeckend einsetzt oder große finanzielle Unterstützung eingeworben wird. Außerdem können so wirklich ortsgebundene Lösungen entstehen. Teilweise entwickeln sich daraus 'Guerilla-Urbanismus' oder andere inoffizielle Projekte wie Guerilla-Gärten, doch zumeist arbeiten diese Initiativen eng mit den ansässigen Behörden zusammen. Es sind schnelle, oft temporäre und kostengünstige Projekte mit dem Ziel, einen begrenzten Teil einer Stadt lebendiger und lebenswerter zu gestalten. Die Landschaftsarchitektin Topher Delaney beispielsweise, pflanzte ein Sonnenblumenfeld um eine Autobahnkreuzung in San Francisco, um das große Potenzial für


29 Die Produktive Stadt Sonnenblumenfelder zwischen einem Autobahnkreuz in San Francisco, USA. Projekt von Topher Delaney. Foto: Mark Gorgolewski

Nahrungsmittelanbau auf ungenutzten Stadtflächen zu demonstrieren. Solche Aktionen sind zwar an ihre Lokalität gebunden, können aber an anderen urbanen Orten nachgestellt werden. Urbane Resilienz fordert uns, zyklisch zu denken und verschiedene Kreislaufsysteme, die über die letzten Jahrzehnte immer mehr voneinander getrennt und spezialisiert wurden, wieder miteinander zu verknüpfen – seien dies Energie-, Wasser-, Nahrungs- oder Materialkreisläufe. Hinzukommt, dass Anwohnende aufgefordert werden, teilzuhaben, sich selbstbewusst für ihren Raum einzusetzen und die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen zu aktivieren. Manche GestalterInnen haben erkannt, welches Potenzial in solchen Bewegungen für eine neue Art Städtebau und Architektur steckt, und manche Studierende beginnen bereits, diese Ansätze umzusetzen. Sie antworten auf die neuen Herausforderungen mit dem Entwurf raumbildender Modelle, die beispielsweise Lösungsansätze für Nahrungskreisläufe bieten, bei denen die Ressourcen des urbanen Raums an Nährstoffzyklen gekoppelt sind. Mit entsprechend geschulten Professionellen können also Nahrungsproduktion, Nahrungsabfallverwendung, die Verwertung von festem und flüssigem Stadtmüll, Energiegewinnung und -einsparung und andere Merkmale resilienter Kommunen mit urbanen Raumkonzepten für Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Mobilität und „Wachstum“ verbunden werden – und das in hochkreativer Weise.


Urbane Landwirtschaft, Interkulturelle Gärten, Community Gardening in Berlin Elisabeth Meyer-Renschhausen

Urban Agriculture, Urban Gardening, Guerilla Gardening, Interkulturelle Gärten: Ein neuer Hype hat die Welt erfasst, und zwar vorzugsweise in der Form eines gemeinsamen innerstädtischen Gemüseanbaus. Berlin scheint ein – wenn nicht gar das - Zentrum der neuen Gartenbewegung in Deutschland zu sein.

1 Erckenbrecht, Irmela, Die Kräuterspirale, Darmstadt: Pala Verlag, Neuauflage 2011.

Auf Gemüsemärkten und in Supermärkten werden zunehmend mehr Setzlinge für den häuslichen Gemüseanbau angeboten. Saatgut- und Pflanzentauschbörsen bestimmen die Frühlingswochenenden von immer mehr jungen StädterInnen. Vor ein paar Jahren war die Anleitung zum Bau einer Kräuterspirale noch gewissermaßen das Alleinstellungsmerkmal eines kleinen Verlags für Vegetarier.1 Heute fehlt eine Kräuterspirale in keinem interkulturellen Garten oder ziert Schulgärten wie Kleingartenanlagen. Nun bringen auch renommierte Verlagshäuser der Landwirtschaft ungeniert Bücher zum Guerilla Gardening oder zur Selbstversorgung, eventuell gar via Gemüseanbau auf dem Balkon, heraus.2 Das neue städtische Gärtnern wird zum Zeichen eines fröhlichen Einsatzes für eine neue soziale Stadt- und Landschaftsplanung, die gemeinschaftliches Handeln und kollektive Selbsthilfe ermöglicht und


31 Die Produktive Stadt Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Foto: Elisabeth MeyerRenschhausen

fördert, statt sie zu verhindern. Es geht nicht zuletzt um eine neue Form des „urban planning“, die auch MietshausbewohnerInnen ermöglicht, selbst zu bestimmen, was sie essen wollen. Auf jugendlich-piratenartige Weise kehrt die Selbsthilfe-Landwirtschaft, wie schon in früheren Wellen von Gartenbegeisterung vor Krisen- und Notzeiten, in die Städte zurück.3

2 Jeffrey, Josie, Mit Samenbomben die Welt verändern. Für Guerilla Gärtner und alle die es werden wollen, Stuttgart: Ulmer Eugen Verlag, 2012,

Grosléziat, Rodolphe, Unser Garten ist Gold wert: Eine Familie versorgt sich selbst, Stuttgart: Ulmer Eugen Verlag, 2011, Heistinger, Andrea / Arche Noah, Handbuch Bio-Balkongarten, Stuttgart: Ulmer Eugen Verlag, 2012.

In Berlin verblüffen seit dem Sommer 2011 auf dem ehemaligen Tempelhofer Flughafen die vielen selbst gezimmerten Beete des Projektes Allmende-Kontor 4. Nachdem das Land Berlin zwei Jahre lang nicht recht wusste, was es mit dem stillgelegten Flughafengelände tun sollte, hatte es zum Frühjahr 2011 einzelne Parzellen des Geländes für sogenannte Pionierprojekte zur Zwischennutzung ausgeschrieben. Der Gruppe Allmende-Kontor wurde es zusammen mit anderen kleineren Gemeinschaftsgartenprojekten gestattet, auf 5.000 m2 in Hochbeeten temporär zu gärtnern. Das Projekt begann Mitte April 2011, wo an einem Samstag binnen weniger Stunden das erste Dutzend Hochbeete gebaut, mit Erde gefüllt und mit Radieschen, Salat, Mangold und Spinat sowie Wildblumensaat besät wurde. Ende Juni quoll das frische Grün in anarchistischem Durcheinander aus den Kisten. Binnen nur dreier Monate bauten im Wesentlichen Anwohnende aus der unmittelbaren Nachbarschaft über 300 weitere solcher Kastenbeete und besäten und bepflanzten sie mit Gemüse.


Vgl. zur historischen Entwicklung die Schriften von Gert Gröning,

3

Meyer-Renschhausen, Elisabeth, Das „Geschlecht“ des Gartens zwischen „Haus und Hof“– Gärten im sozialen Diskurs um das gute Leben, Selbsthilfe und sozialen Frieden, in: Schneider, Uwe und WolschkeBulmahn, Joachim (Hrsg.), Gegen den Strom – Gert Gröning zum 60. Geburtstag, Beiträge zur räumlichen Planung 76, Hannover: Universität Hannover, 2004, Seiten 187-208. 4 Die Verfasserin gehört zur GründerInnengruppe: Eine wilde Dreizehn (Miren Artola, Elisabeth Biederbick, Dr. Wolfgang Fabricius, Severin Halder, Frauke Hehl, Dr. Christophe Kotanyi, Dr. Dörte Martens, PD Dr. Elisabeth MeyerRenschhausen, Gerda Münnich, Kristin Radix, Niels Rickert, Kerstin Stelmacher, Malte Zacharias). 5 Das Allmende-Kontor (2009) Vernetzung für Gemeinschaftsgärten und Urbane Landwirtschaft in Berlin, Online: <www. allmende-kontor.de>.

Im Sommer 2012 umfasst die Interessenten-Liste des Allmende-Kontors nahezu 1.000 Email-Adressen einschließlich Adressen einiger Garten-Interessierter ohne PC-Zugang.5 Die meisten GärtnerInnen des AllmendeKontors sind junge Leute, darunter erstaunlich viele männliche, die hier friedlich mit häufig älteren NichtMuttersprachlerinnen mit oder ohne Kopftuch werkeln. Die Stadt Berlin, resp. die zuständige senatseigene Firma Grün Berlin GmbH, verlängert den Pachtvertrag zur Weiternutzung des Geländes zwar nur jeweils jahreweise, stellte jedoch in Aussicht, dass die erfolgreichen neuen Gemeinschaftsgartenprojekte auf dem Tempelhofer Feld bis 2016 bleiben dürfen und bei andauerndem Erfolg später eventuell auch einen Dauerstandort zugewiesen bekommen werden. Bereits zwei Jahre zuvor waren die Prinzessinnengärten von zwei jungen Männern auf einem innerstädtischen Trümmergrundstück am Kreuzberger Moritzplatz gegründet worden. Sie avancierten schnell, nicht zuletzt dank eines sich steigernden Presseinteresses, zum absoluten „shooting-star“ unter den Berliner Gemeinschaftsgärten. Am Moritzplatz wird mit viel ehrenamtlicher Hilfe aus der Nachbarschaft in alten Bäckerkisten gegärtnert. Der geerntete Salat wird gleich vor Ort zubereitet und in einem provisorischen Gartenrestaurantbetrieb unter wild gewachsenen jungen Bäumen direkt zum Verzehr angeboten resp. verkauft. Die Prinzessinnengärten, die anfangs eine geradezu unsinnig hohe Miete zahlen mussten, da das Grundstück bereits an den Liegenschaftsfond zum Verkauf gegangen war, haben unterdessen – überaus angemessen – eine Mietreduktion und zudem etwas längere Mietverträge erhalten. Dennoch sind die Prinzessinnengärten gefährdet, ihren Gartenstandort aufgrund dessen heutiger „Gunstlage“ zu verlieren. Ob sie ein ähnlich erfolgreiches Projekt an einem anderen Ort noch einmal mit dermaßen großem Erfolg werden aus der Taufe heben können, darf bezweifelt werden. Freiwilliges Engagement lässt sich nicht so leicht „verschieben“, sondern ist vergleichsweise standortgebunden. Nur ein kleinerer Kern der GartenaktivistInnen-Szene


33 Die Produktive Stadt Prinzessinnengärten am Kreuzberger Moritzplatz in Berlin. Foto: Elisabeth MeyerRenschhausen

Berlins ist bereit, auch an wohnungsfernen Orten der Stadt „zu ackern“ und gegebenenfalls mitsamt dem einmal gegründeten Garten auch mehrfach umzuziehen.

Warum ausgerechnet Gärtnern?

6 Ökologischer Fußabdruck = die Menge der für ein Produkt verbrauchter Öl/Boden/ Wasser-Quadrat(kilo-)meter. Der ökologische Fußabdruck der Stadt Berlin reicht z.B. bis Hamburg; so viel Fläche verbraucht die Stadt, um ihre EinwohnerInnen mit Speisen, Wohnraum und Arbeitsmöglichkeiten zu versorgen, einschließlich Verkehr etc., vgl. beispielhaft Berger, Hartwig, Entgrenzte Städte – Zur politischen Ökologie des Urbanen, Münster: Westfälisches Dampfboot, 2003.

Was fasziniert junge BerlinerInnen am Urban Gardening? Der gemeinsame Gemüseanbau ist offenbar eine neue Form des politischen Protestes gegen eine aus dem Leim geratene Verfassung der Gesellschaft, der der soziale Ausgleich zwischen Arm und Reich, Leistung und Entlohnung oder Konsum und Selbstversorgung nicht mehr gelingt. Die neue Gemeinschaftsgärtnerei ist die tätige Antwort besonders der Ausgegrenzten und Marginalisierten, die sie als Zentrum einer neuen, allen alle Freiheiten lassenden, informellen Weiterbildungskultur nutzen. Egal ob etwa in den interkulturellen Gärten Rosenduft auf dem Gleisdreieck, den Prinzessinnengärten, in den Bauerngärten oder im Allmende-Kontor: Workshops zur Einführung des systematischen Biogärtnerns, Hochbeetebau, Kurse zum Bienenhalten und Kurzlehrgänge zur Saatguterzeugung wechseln in kurzer Folge und sind vergleichsweise gut besucht. Wo die Menschen zwischen Unkräutern und Wühlmauszentren auf windigen Brachen Gemüse anbauen, beginnen sie auch über ihr Ernährungsverhalten nachzudenken, und so wird die Idee, sich klimabewusster zu ernähren, zum immer ernsthafter verfolgten Ziel. Zur regional geprägten Ernährungsweise ohne großen „ökolo-


gischen Fußabdruck“ 6 gehört auch die Wiederentdeckung längst vergessener Gemüsesorten wie Pastinake, Rote Beete, Gartenmelde ( = Guter Heinrich) oder Mangold. Angesichts einer Politik, die kommunalen Besitz aus Spargründen veräußert und nicht merkt, dass sie damit einer neuen Ökonomie der Einhegung auf Kosten der Allgemeinheit dient, folgt der Protest der KünstlerInnen und Überlebenskünstler, zwangsläufig auf dem Fuße. StudentInnen, Marginalisierte und Andersdenkende erobern stückweise kommunale Brachen und fordern schließlich die Allmenden zurück. Die Wiedereinforderung der Gemeinheiten = 'Reclaim the commons' scheint die Losung der Zeit. Guerilla Gardening wird zur Aktionsform gegen eine sogar von rot-roten Regierungen staatlich geförderten Politik des Ausverkaufs städtischen Grund und Bodens. Die ungehemmte Privatisierung generiert eine Art der Bodenspekulation vom Bund gegen die Länder, wenn etwa die Deutsche Reichsbahn und ihre „Verwertungsgesellschaften“ Länder und Kommunen zwingen, potenzielles Parkland oder Koloniegärten zur Bebauung frei zu geben. Kommerzielle Fernsehsender auf der Jagd nach nächtlichen GuerillagärtnerInnen sind die Antwort der Allgemeinheit auf eine Politik, die Aktivisten von Attac ebenso empört wie das mittelständische Unternehmertum7.

7 Vgl. dazu etwa die Beilage der deutschen „Familienunternehmen“ zur FAZ am Montag, den 25.06.2012 mit Artikeln u.a. von Verfassungsrichtern a. D. gegen das Vorhaben eines „Europäischen StabilitätsMechanismus,“.

Die neuen GemeinschaftsgärtnerInnen werden so peu à peu zu Aktiven eines globalen Weltbürgertums, denen es um nichts weniger geht, als den Erhalt der einen Welt. Sie verstehen, dass die ökologische Frage in Wirklichkeit eine soziale Frage ist. Ihre neue Selbstversorgerbegeisterung ist insofern mehr als nur Selbsthilfe, sie hat zugleich die Dimension des politischen Protests. Den Akteuren wird nach und nach klar, dass diese neue Subsistenzbewegung zugleich ein Teil der heutigen Verteidigungsphalanx der durch Ausverkauf gefährdeten Demokratie ist.

Wie es dazu kam: Graswurzelbewegungen Die erste Welle der Gemeinschaftsgärtnerei begann in Nordamerika in den 1970er Jahren, zeitgleich mit der


35 8 Zeitgleich entstand als Reaktion auf die Gründung der WTO – World Trade Organisation – übrigens auch die Internationale Kleinbauernorganisation „La Via Campesina“ (Weg des Landes) mit Sitz in Brüssel und (heute) Indonesien.

ersten Hausbesetzerbewegung, die sich auch weltweit gegen spekulativen Wohnungsleerstand wandte. Zur gleichen Zeit begannen die neu Zugereisten in den großen Städten des Südens der Welt, Brachen an Flussrändern oder entlang von Bahngleisen und Müllplätzen „wild“ zu bestellen. Die neuere Welle des Community Gardening begann weltweit nahezu zeitgleich in den 1990er Jahren.8 In Nordamerika, aber auch in Großbritannien, knüpfte sie an die Guerilla- und Community-Gardening-Bewegung an, die während der erwähnten Hausbesetzerbewegung in den 1970er und frühen 1980er Jahren entstanden war. In der mit Kleingärten vergleichsweise gut ausgestatteten Bundesrepublik Deutschland, in den Niederlanden oder Belgien waren es damals eher Kinderbauernhöfe oder Abenteuerspielplätze, die engagierte Mütter und Pädagogen auf Brachen mit Wildaufwuchs gründeten. Damals war es (wie u.a. Ivan Illich es ausgedrückt hatte) die „so genannte Ölkrise“, die erschrockenen Kommunalpolitikern ein Entgegenkommen gegenüber den Brachenbesetzern ermöglichte.9 So konnte die weltweite jugendliche Protestwelle, das 'squatting movement', in vielen Städten relative Zugeständnisse erreichen und für einige Jahre eine vermehrte soziale Orientierung in der Stadtplanung durchsetzen. In Berlin entstanden erste Kinderbauernhöfe, zuerst der Kreuzberger Kinderbauernhof Mauerplatz, sodann der Kinderbauernhof auf dem Görlitzer Bahnhof, zwei weitere im Wedding und einer der Schreber-Jugend, ebenfalls in Kreuzberg. Nach der Wende entstanden übrigens auf den Mauerstreifenbrachen erneut Kinderbauernhöfe, im Gegensatz zu den Ersteren vergleichsweise gut gefördert.

Die Produktive Stadt

Über das ständige Verteidigen ihres Grundes gegenüber dem maßlosen Landfraß von Bauindustrie und Investoren können Marginalisierte zu StaatsbürgerInnen werden, wenn sie verstehen, dass nur kollektiver Protest gegen Unsinnsplanungen helfen kann.


Die ersten hiesigen Gemeinschaftsgärten entstanden 1996 in Göttingen. Bosnische Flüchtlingsfrauen suchten mithilfe ihrer Sozialarbeiterinnen ein Stück Land und bekamen es schließlich von der Kirche gestellt. Diese Internationalen Gärten Göttingen wurden als gelungenes Beispiel sozialer Integration von zwangsweise erwerbslosen Asylsuchenden schnell republikweit bekannt und bekamen zahlreiche Preise. Wenig später wurden mittels rein ehrenamtlicher Arbeit auch die Bunten Gärten in Leipzig aus der Taufe gehoben. Sie richteten sich an die Asylsuchenden in einem ungemütlichen Containerdorf. Nach einem ersten Jahr böser Erfahrungen auf einer gemeinsamen Parzelle in einer Kleingartenkolonie, bekamen die Bunten Gärten Leipzig eine ehemalige städtische Gärtnerei zur Verfügung gestellt. Durch den Verkauf ihrer Erzeugnisse können sie nun ihre Deutschkurse finanzieren. Vor ein paar Jahren gelang drei jungen Frauen aus dem Projekt die erste Ausgründung eines kleinen Catering-Unternehmens.10

9 Vgl. etwa 1981 das Engagement des Bürgermeisters Koch in New York zum Erhalt des Clinton Community Gardens,

vgl. Meyer-Renschhausen, Elisabeth, Unter dem Müll der Acker, Königstein/Ts: Helmer Verlag, 2004, Seiten 20ff. Nach eigenen Recherchen im Jahr 2012.

10

Dann aber sprang der Funke über nach Berlin und löste hier fast eine Art Flächenbrand aus. Zunächst entstand auf einer wilden Brache Neuköllns im Jahr 1999 der Kid's Garden als grüne Spielfläche im Freien. Im Jahr 2000 entstand am südlichen Rand Neuköllns aus einem griechisch-deutschen Frauenprojekt der Perivoli Garten. Zum Jahreswechsel 2002/2003 kam es auf einem Workshop in Köpenick zur Gründung der Stiftung Interkultur zum Zweck der Förderung von Interkulturellen Gärten. Die Stiftung mit Sitz in München fördert die Gründung neuer Interkultureller Gärten und koordiniert die bereits vorhandenen, von denen es heute republikweit bereits über hundert gibt. Zeitgleich entstand in Berlin als erster „offizieller“ interkultureller Garten der Wuhlegarten in Köpenick. Köpenicker BürgerInnen aus Kirchen- und Agenda 21-Kreisen hatten das Gemeinschaftsgartenprojekt nach Göttinger Vorbild ins Leben gerufen. Ein Jahr später entstand der interkulturelle Garten Bunte Beete auf einem großen Schulhofgelände in Kreuzberg. In Friedrichshain entstand der Nachbarschaftsgarten Rosa Rose neben einem ehedem besetzten Haus in der Kinzig-


37 Foto: Elisabeth MeyerRenschhausen

straße 9 durch In-Kulturnahme eines Stück Brachlandes. Die seit 1998 geforderten Gärten der Kulturen der Welt auf dem Gleisdreieck wurden ab 2005 Realität. In diesem Jahr durften – nach 15 langen Jahren des zermürbenden 'indoor Engagements' – die BürgervertreterInnen der Arbeitsgemeinschaft Gleisdreieck im künftigen Park auf dem Gleisdreieck zwischennutzungshalber das Gärtnern beginnen. Heute hat Berlin je nach Zählung ungefähr 30 interkulturelle Gärten und Projekte der Urbanen Landwirtschaft und immer mehr BewohnerInnen fragen bei den Aktiven der AG Interkulturelle Gärten, der AG Kleinstlandwirtschaft, Workstation, bei den Prinzessinnengärten oder dem Allmende-Kontor an, wo sie wohl in ihrer Nachbarschaft mitgärtnern könnten. Verschiedene Kleingartenkolonien öffnen sich bewusst und gezielt Neuzuwanderern und Künstlerprojekten. Neue Selbsternte-Projekte wie die Bauerngärten am Rande Berlins und die „nomadisch“ gärtnernden Prinzessinnengärten wurden mit ihren wissenschaftlich überlegten Beeten quasi über Nacht zu den Lieblingen der Nation. Die neue urbane Gartenbewegung scheut weder einen Aufwand an Zeit noch Geld für ihre Leidenschaft. Die Hinwendung zum Praktischen, die Begeisterung für die sinnliche Erfahrung des In-der-Erde-Buddelns ist scheinbar grenzenlos. Es wirkt, als träfe die neue Subsistenz- und Gartenbewegung eine Art Lebensnerv der StädterInnen und ihrer Städte. Impliziert die zunehmende Urbanisierung paradoxerweise zugleich die Reruralisierung? Führte der irrsinnig wachsende Reichtum und Arbeitsstress der Einen Andere zurück in die Tätigkeitsfelder von Eigenarbeit und Subsistenzwirtschaft? Wird im Zentrum künftiger städtischer Politik eine soziale Bodenpolitik stehen? Und wird der innerstädtische Frieden künftig womöglich auch neue gärtnerische Freiheiten auf den neugegründeten modernen Formen von „Gemeinheiten“ erfordern?

Die Produktive Stadt

Gartenfest im Wuhlegarten. Es wird gegrillt!


Die Produktive Stadt / Carrot City: Entwürfe für Urbane Landwirtschaft Katrin Bohn

Am 30. September 2011 eröffnete im Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin am Ernst-Reuter-Platz die internationale Architektur- und Urban-Design-Ausstellung Die Produktive Stadt.1

1 TU Berlin Architekturmuseum (2011) Die Produktive Stadt / Carrot City, Online: <http://architekturmuseum.ub.tu-berlin.de/index. php?set=1&p=524>. 2 Die Produktive Stadt CoKuratorinnen: Carolin Mees, Mees Architecture New York/ Berlin, Dr. Christa Müller, Stiftung Interkultur München, Prof. Katrin Bohn, TU Berlin, Prof. Stefanie Hennecke, TU München. 3 Gorgolewski M., Komisar J., Nasr J., Carrot City: Creating Places for Urban Agriculture, New York: Monacelli Press, 2011. 4 Zum Berliner Team gehörten Nishat Awan, Karolina Hasenstab und Kristian Ritzmann, alle Fachgebiet Stadt & Ernährung. Zum Münchener Team gehörte Ella von der Haide, Landschaftsarchitektin und Filmemacherin.

Co-kuratiert von der Autorin2 zeigte die Ausstellung auf ungefähr 50 Schautafeln internationale Projekte und Entwürfe zur Urbanen Landwirtschaft. Die Ausstellung bestand aus zwei Teilen: den zahlenmäßig größeren Teil bildeten Schautafeln der kanadischen Wanderausstellung Carrot City3 (kuratiert im Jahre 2009 von Joe Nasr, June Komisar und Mark Gorgolewski), und den kleineren Teil bildeten Schautafeln von Berliner und Münchener Projekten (für die Ausstellung recherchiert und produziert von Teams in Berlin und München4 im Jahre 2011). Die Produktive Stadt schloss sich dem zentralen Anliegen der Carrot City Ausstellung an: „Carrot City besteht aus Ideen und Inhalten, die uns großzügigerweise von Hunderten kreativer Einzelpersonen zur Verfügung gestellt wurden... um damit das Wissen und die besten Entwurfsbeispiele Urbaner Landwirtschaft weiter verbreiten zu können...“ 5. Ziel ist es, zu untersuchen „wie Design in allen Maßstäben die Nahrungsproduktion der Stadt unterstützen kann. Die Ausstellung erkundet die Wechselwirkungen zwischen Design und städtischen Nahrungssystemen. Sie untersucht den Einfluss von landwirtschaftlichen Themen auf die Gestaltung von Stadträumen und Gebäuden in einer Zeit, in der unsere Gesellschaft sich nachhaltigeren urbanen Lebensstilen zuwendet...“ 6.


39 Die Produktive Stadt 5 Originalzitat: “Carrot City is made up of ideas and content generously provided by hundreds of creative individuals... for the purpose of dissemination of knowledge and promotion of best practices in design for urban agriculture...” (Anm. Übersetzer), Ryerson University Toronto (2009) Carrot City: Designing for Urban Agriculture, Online: <www.ryerson.ca/carrotcity/>. 6 Ebenda. Originalzitat: “...how design at all scales can enable the production of food in the city. It explores the relationship of design and urban food systems as well as the impact that agricultural issues have on the creation of urban spaces and buildings as society addresses the issues of a more sustainable pattern of living...” (Anm. Übersetzer).

Dabei folgte der deutsche Teil in erster Instanz dem kanadischen kuratorischen Prinzip, jedes Projekt einer von fünf 'categories of distinct scale' – City, Community & Knowledge, Housing, Rooftops und Components – zuzuordnen, um internationale Entwicklungen der letzten zehn Jahre vergleichbar machen zu können. In zweiter Instanz reagierte der deutsche Teil allerdings auf die spezifische Situation in Berlin und München, bei der die sozialen Aspekte der städtischen Nahrungsmittelproduktion eindeutig im Vordergrund stehen. Die Co-Kuratorinnen entschieden daher, nur Projekte zu zeigen, die in die Carrot City Kategorie Community & Knowledge fielen. Nach ungefähr einem Ausstellungsmonat in Berlin wanderte Die Produktive Stadt wie geplant weiter an die Technische Universität München.7 Mittlerweile hatte die Ausstellung in Deutschland jedoch so viele Interessenten gefunden, dass sie zusätzlich noch vor dem Sommer 2012 in Hannover, Stuttgart, Amersfoort (NL) und Erfurt gezeigt wurde...8

Die Ausstellung Die Produktive Stadt im Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin: Berlinkarte. Foto: Bohn&Viljoen Architects, 2011


Urbane Landwirtschaft und Architektur

7 Technische Universität München Juniorprofessur für Geschichte und Theorie der Landschaftsarchitektur (2011) Die produktive Stadt / Carrot City – Designing for Urban Agriculture, Online: <www.gtla.ar.tum.de/ index.php?id=1623&L=1>. 8 TransitionTown Hannover (2012) Die Produktive Stadt / Carrot City – Designing for Urban Agriculture – Ausstellung, Online: <www.tthannover.de/archiv/2012/>,

Universität Hohenheim (2012) Wanderausstellung: Produktive Stadt / Carrot City – Designing for Urban Agriculture, Online: <www. uni-hohenheim.de/news/ wanderausstellung-produktivestadt-carrot-city-designingfor-urban-agriculture-1>, Forum voor Architectuur en Stedenbouw (2012) Week Van De Architectuur 2012: voedsel en de stad, Online: <www. fasade.nl/index.php/portfolio/ week-van-de-architectuur-2012/>, Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen e.V. (2012) Ausstellung „Carrot City – Die produktive Stadt“, Online: <http://boellth.boell-net.de/calendar/VAviewevt.aspx?evtid=11298>.

Es zeugte im Angesicht von so verschiedenen gesellschaftlichen Fragestellungen wie Klimawandel, Nahrungsmittelwüsten und öffentlichem Beteiligungswillen von Weitblick, dass die Technischen Universitäten München und Berlin die Ausstellung nicht nur beherbergten, sondern sie – wie aus den Rahmenprogrammen ersichtlich – auch bewusst als Kommunikationswerkzeug und Wissensvermittler verstanden: zwischen Lehrenden und Lernenden, Städtern und Forschern, Aktivisten und Senatsmitgliedern und zwischen Architekten und Stadtbauern. Nachdem das Nederlands ArchitectuurInstituut (NAi Maastricht) im Frühjahr 2007 die Ausstellung De Eedbare Stad 9 organisierte, ist die Frage nach der Verbindung von Architektur und Landwirtschaft in der Ausstellung aber so neu nicht. Seitdem gab es dem Thema gewidmete Ausstellungen u.a. in San Francisco, Den Haag und London10 – und seitdem ist Carrot City von Toronto nach New York, Casablanca, Seixal (P), Montreal und Birmingham gewandert. 5 An der Technischen Universität Berlin kam die Landwirtschaft auch deshalb ins Architekturmuseum, weil dieses ein ganz wunderbares MitarbeiterInnenteam hatte, das vom Thema Produktive Stadt fasziniert war und aktiv an der Umsetzung mitarbeitete.11 Hier muss außerdem hinzugefügt werden, dass bei den „architektonischen Disziplinen“ in verschiedenen Ländern gerade seit den letzten 20 Jahren die Grenzen zwischen den traditionellen Berufsbildern fließender werden. Was jedoch allen am Thema Urbane Landwirtschaft interessierten Disziplinen – ob Architekten, Landschaftsarchitekten, Stadtplaner oder Urban Designer – gemeinsam und für die internationale Debatte um die Entwicklung städtischer Nahrungssyteme unerlässlich ist, ist der ersteren Arbeitsweise: das Visionieren, Entwickeln, Testen, Ausbauen, Umbauen und kritische Reflektieren der gestalterischen und stadträumlichen Konsequenzen


41 Die Produktive Stadt Die Ausstellung Die Produktive Stadt im Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin: Carrot City Schautafeln. Foto: Bohn&Viljoen Architects, 2011

urbaner Prozesse, die durch neue Ideen, Arbeitspraktiken oder gesellschaftliche Fragestellungen in die Berufsstände getragen werden.

Graswurzelbewegung in der Stadt

9 Debra Solomon (2007) The Edible City, Online: <http:// culiblog.org/2007/02/theedible-city/>.

Exit Art (2009) Vertical Gardens, Online: <www.exitart.org/sea/vertical_gardens. html>,

10

Stroom Den Haag (2009) Foodprint. Voedsel voor de stad, Online: <http://stroom. typepad.com/foodprint/symposium-1.html>, The Building Centre (2009) London Yields: Urban Agriculture, Online: <www.buildingcentre.co.uk/events/event_diary_details.asp?id=432>. Zum Team des Architekturmuseums gehörten v. a. Franziska Schilling und Claudia Zachariae unter der Leitung von Hans-Dieter Nägelke.

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Sehr bedeutend ist hierbei, dass GartenaktivistInnen und StadtbauerInnen in der Urbanen Landwirtschaft ganz Ähnliches wie die Entwurfsforschenden tun, manchmal sind es sogar dieselben Leute: Auch sie visionieren, testen, hinterfragen. Sie probieren neue Ideen aus und schaffen Projekte und Praxis, die häufig den Forschenden voraneilen. Dabei arbeiten sie meist partizipativ, nachhaltig und prozesshaft und werden in einer Weise stadträumlich wirksam, die es in der Geschichte der (europäischen) Stadt noch nicht gab. In allen Beispielen der Ausstellung ließ sich deshalb erkennen, dass bauliche, gestalterische, konzeptionelle oder organisatorische Elemente – z.B. gebaute Objekte, Bewirtschaftungs- und Nutzungsformen, Schmuck- oder Informationssysteme – als Teil von pluralistischen Prozessen verstanden wurden, seien es z.B. Beteiligungs- und Aneignungsprozesse oder pragmatische Prozesse der effektiven Ressourcennutzung. Immer ging es dabei um Stadtraum. Stadtraum als Lebensraum. Und Prozess als die Ganzheitlichkeit einer nachhaltigen räumlichen Aneignung durch die BewohnerInnen. Das ist die Produktive Stadt.


Berlin baut an... Kristian Ritzmann

welten zu begreifen – das Unsichtbare sichtbar zu machen oder das Ungeordnete zu ordnen. So sollte eine Karte aller Berliner Projekte der Urbanen Landwirtschaft zunächst einen Eindruck über die räumliche Verteilung der Initiativen in Kombination mit ihrer stadtlandschaftlichen Präsenz und Wirkung vermitteln.

Bildung

Seit dem allgemeinen Aufbruch in das Informationszeitalter finden sich mehr und mehr Karten im täglichen Gebrauch. Ob zu Hause, im Büro oder mittlerweile auch in abgelegenen Gegenden – per Smartphone – fast jeder von uns nutzt Karten. Dabei stellen Karten keine „gesamte Wahrheit“ dar. Vielmehr sind sie Werkzeuge, um unsere komplexen Lebens-

Um für die Ausstellung Die Produktive Stadt / Carrot City zehn repräsentative Projekte auszuwählen, musste eine Möglichkeit gefunden werden, mit der großen Zahl der Projekte und ihren jeweiligen stadtbildenden Aspekten umzugehen. So kann beispielsweise die große Zahl von 929 eigenständigen Kleingartenanlagen (Stand Dezember 2011)1 als Berliner

Die meisten Berliner Projekte der Urbanen Landwirtschaft haben einen Bildungsaspekt. Für eine Vielzahl von Initiativen steht Bildung sogar im Vordergrund: von der 1:1-Begegnung mit Nutzpflanzen und Tieren bis zur Vermittlung von historischem, lokalem und globalem landwirtschaftlichen Wissen, bis zur Beschäftigung mit großen öffentlichen Themen wie gesunde Ernährung, biologischer und ökologischer Anbau oder Nahrungsmittelsicherheit. Die Produktive Stadt hat für Berlin exemplarisch aus einer Vielzahl ausgewählt: Kinderbauernhöfe und landwirtschaftliche Bildungswerke.

Die Übersichtskarte aus der Ausstellung Die Produktive Stadt / Carrot City befindet sich auf der Innenseite des Buchumschlags.


43 Die Produktive Stadt

Landschaft

Besonders die flächenmäßig größeren Berliner Projekte der Urbanen Landwirtschaft haben das Potenzial, als Landschaft im Stadtraum wahrnehmbar und nutzbar zu sein. Während Urbane Landwirtschaft in allen räumlichen Größen und auf den verschiedenartigsten Flächen erfolgreich stattfinden kann, sind die flächenintensiven Projekte als produktive und ökologisch wirksame Bestandteile der Stadt von besonderer stadtplanerischer Relevanz.

Netzwerk

Die Produktive Stadt hat für Berlin exemplarisch aus einer Vielzahl ausgewählt: Kleingartenkolonien und großräumige landwirtschaftliche Flächenbewirtschaftung.

Die gute Vernetzung der StadtbauerInnen und GartenaktivistInnen ist eine der besonderen Qualitäten der Berliner Projekte der Urbanen Landwirtschaft. Die Netzwerke, v.a. über Internet und ehrenamtlich betreut, ermöglichen nicht nur eine schnelle und offene Absprache organisatorischer und inhaltlicher Details, sie ziehen auch ganz bestimmte Nutzergruppen an, z.B. junge Leute, Berufstätige, MigrantInnen und Wohngebietsaktive. Die Produktive Stadt hat für Berlin exemplarisch aus einer Vielzahl ausgewählt: das Allmende-Kontor und die Interkulturellen Gärten.


Maßstäben gliedern: Imagining the Productive City, Building Community & Knowledge, Redesigning the Home, Producing on the Roof und Components for Growing. Die Kuratorinnen kamen zu dem Schluss, dass die Mehrheit der Berliner Statt des Substantivs Karte Projekte in der Kategorie benutze ich in diesem Building Community & Zusammenhang gerne das Knowledge anzusiedeln ist. Verb kartieren. Hier gilt das Denn ein Merkmal der BerInteresse mehr dem Prozess liner Akteureszene ist die der Erstellung einer „offenen“, besondere Fokussierung auf erweiterbaren Karte, als Aspekte des Sozialen. Aus dem fertigen Artefakt. kuratorischer Sicht schien Im Juni 2011 begann die diese Erkenntnis allein noch praktische Kartierungsnicht aussagekräftig genug. arbeit in Berlin. Mit dem Wesentliche Unterschiede Fahrrad wurden über innerhalb dieser Projekte 30 vorausgewählte Garfanden sich zum Beispiel in tenprojekte, verteilt im Bezug auf Wirtschaftlichgesamten Stadtgebiet, keit und Unternehmensbesucht. Danach konnten form. Daher wurden für zehn ProjektinitiatorInnen die Berliner Projekte fünf gezielt eingeladen werden, Schattierungen hinsichtihre Arbeit stellvertretend lich der Arbeitsweisen und für alle Berliner InitiatiZielstellungen innerhalb ven ausführlicher in der der Kategorie Building Ausstellung zu präsentieren. Community & Knowledge Im Fokus der Kuratorinnen unterschieden: Bildung, stand dabei die Vielfältigkeit Landschaft, Netzwerk, der Design-Aspekte der Unternehmen und GeUrbanen Landwirtschaft. meinschaft. Für jede dieser Schattierungen wurden Die Wanderausstellung Carrot City präsentiert sich zwei besonders repräsentaseit jeher in fünf Kategorien, tive Initiativen ausgewählt. Um diese Aspekte für Besuwelche die Projekte nach cherInnen der Ausstellung ihren unterschiedlichen

Besonderheit bezeichnet werden. Zu Beginn der Recherchearbeit Anfang 2011 lag der Fokus des Berliner Teams2 auf einer möglichst lückenlosen Erfassung von Projekten der Urbanen Landwirtschaft.

geordnet und vergleichbar – auch mit den Projekten in München und den Carrot City-Fallstudien – zu präsentieren, wurden unsererseits die ausgewählten Projekte jeweils mit einer ergänzenden Minimap ihres städtischen Kontextes dargestellt. Im Folgenden werden diese zehn ausgewählten Berliner Projekte der Urbanen Landwirtschaft und ihre Minimaps vorgestellt, die Teil der Ausstellung Die Produktive Stadt / Carrot City waren und nun Teil der gleichnamigen Wanderausstellung3 sind.

1 Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (2011) Kleingärten: Daten und Fakten, Online: <www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/ stadtgruen/kleingaerten/de/ daten_fakten/index.shtml>. 2 Siehe Artikel von Katrin Bohn zu Die Produktive Stadt / Carrot City. 3 Die Wanderausstellung Die Produktive Stadt kann bei der Stiftung Interkultur München ausgeliehen werden. Weitere Informationen unter <www.anstiftung-ertomis.de/ opencms/opencms/wanderausstellungen>.


45 Die Produktive Stadt

Unternehmen

Viele Berliner Projekte der Urbanen Landwirtschaft streben wirtschaftliche Unabhängigkeit an oder haben diese bereits erreicht. Da es bei Urbaner Landwirtschaft vorrangig immer auch um Nahrungsmittelerzeugung und längerfristige städtische Flächennutzung geht, sind finanzielle Selbständigkeit, sichere Verteilersysteme und effektive Ressourcennutzung von großer Bedeutung. Eine urbane Landwirtschaft kann ein erfolgreiches Unternehmen sein.

Gemeinschaft

Die Produktive Stadt hat für Berlin exemplarisch aus einer Vielzahl ausgewählt: landwirtschaftliche Betriebe und Selbsternteprojekte.

Vergleicht man die Berliner Projekte der Urbanen Landwirtschaft mit denen vieler anderer Länder, stellt man fest, dass das gemeinschaftliche Arbeiten in der Nachbarschaft den Berliner Initiativen besonders wichtig ist. Neben der Nahrungsmittelerzeugung wird Produktivität hier vor allem als soziale Produktivität verstanden, als der Aufbau und Ausbau von zwischenmenschlichen Kontakten und lokaler Identität. Die Produktive Stadt hat für Berlin exemplarisch aus einer Vielzahl ausgewählt: Gemeinschaftsgärten und partizipatorische Nutzgärten.


Domäne Dahlem Berlin-Dahlem. Bildung

Das Landgut Domäne Dahlem ist ein edukatives Freilandmuseum mit einer einzigartigen Kombination aus lebendigem Museum und ökologisch geführtem Demonstrationsbetrieb. Es bietet zahlreiche Aktivitäten mit dem Leitgedanken einer zusammenhängenden Nahrungskette vom Feld bis auf den Teller an. Von der Produktion über die Verarbeitung und Vermarktung bis hin zum Verbrauch werden hier, quasi mit U-BahnAnschluss, alte Kulturtechniken und das Wissen um alte Kulturpflanzensorten gelehrt und praktiziert.

Inhalt und Fotos: Stiftung Domäne Dahlem – Landgut und Museum, 2011

Die vielfältigen Bildungsimpulse werden jährlich an bis zu 300.000 BesucherInnen und bis zu tausend Schulklassen weiter gegeben. Mit allen Sinnen kann die interessierte Öffentlichkeit sich bei Mitmachangeboten und Workshops beteiligen oder im eigenen Hofladen frische und gesunde Nahrungsmittel und ökologisches Saatgut erwerben. Der seit

1976 bestehende BiolandBauernhof wurde lange Zeit nicht in seiner Funktion als edukativer und produktiver Akteur auf Stadtebene, sondern eher als landschaftliche Besonderheit und Ausflugsort gesehen. Durch die bereits jahrzehntelange Tätigkeit im Bereich Landwirtschaft und ökologische Bildung spielt die Domäne Dahlem heute eine bundesweit wichtige Rolle.


47 Die Produktive Stadt

„365 Tage im Jahr Landwirtschaft und Ernährung erleben – mitten in Berlin!“

Projektart

Landgut in einem landwirtschaftlichen Freilandmuseum mit ökologischem Bildungsschwerpunkt

Gründung

1976

Betreiber

selbstständige Stiftung des Landes Berlin und der „Freunde der Domäne Dahlem e.V.“

städtische Nutzer circa 300.000 Besucher pro Jahr, darunter bis zu tausend Schulklassen essbare Produkte

Bioland-zertifiziertes Obst und Gemüse, Nutztiere und historische Kulturpflanzen

räumliche Präsenz 11 ha Betriebsfläche im 15 ha großen Gelände im Stadtgebiet Berlins Adresse

Domäne Dahlem, Königin-Luise-Straße 49 14195 Berlin

Web www.domaene-dahlem.de


Kinderbauernhof Berlin-Kreuzberg. Bildung

Mitten im Großstadtgetümmel des Görlitzer Parkes in Kreuzberg, findet man eine grüne Oase der Erholung: den Kinderbauernhof, inzwischen ein Highlight für KiezwandlerInnen, BewohnerInnen, internationale Gäste und, nicht zu vergessen, die vielen Kinder, die hier leben. Der Kinderbauernhof bietet ein breites Spektrum lebensweltlicher und ernährungsrelevanter Aktivitäten: von neuen Ställen zur artgerechten Haltung verschiedener Nutztiere bis zu einem Gemeinschaftshaus zum Feiern und Zusammenkommen, von Spielplätzen für die Kleinsten bis zu mehreren produktiven Gärten. Kleine Interessengruppen haben sich ihren Bedürfnis-

sen entsprechend auf dem Gelände des Kinderbauernhofes verteilt und wertvolle Orte geschaffen, ganz so, wie der Kinderbauernhof selbst entstanden ist: In Eigeninitiative von Eltern und UnterstützerInnen wurden die Brachflächen auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände zu einem kreativen, produktiven und doch urbanen Ort umgestaltet. Der Interkulturelle Garten in Kooperation mit dem Türkisch-Deutschen Umweltzentrum zeugt ebenso davon, wie der Nachbarschaftsgarten oder der Gemeinschaftsgarten für Kitas und Schulklassen. Allen gemeinsam ist das große Interesse am eigenen Anpflanzen, Pflegen, Ernten und miteinander Feiern.

Inhalt und Fotos: Kinderbauernhof auf dem Görlitzer e.V, 2011

Gemeinsames Schaffen fördert die Verbindung mit dem eigenen Umfeld und lässt Vertrauen und Verantwortung entstehen. Verantwortungsbewusstsein für sich und andere schaffen ist das wichtigste Prinzip bei allem Tun auf dem Kinderbauernhof.


49 Die Produktive Stadt

„Ob es die Biotomate aus dem eigenen Beet ist oder das Ei von den Hühnern, die den ganzen Tag draußen sein dürfen; stets damit verbunden ist die Leidenschaft für eine gesunde, nachhaltige Lebenseinstellung.“ Projektart

Kinderbauernhof als gemeinnütziges Bildungsprojekt

Gründung

1981

Betreiber

Kinderbauernhof auf dem Görlitzer e.V.

städtische Nutzer KiezwandlerInnen, BewohnerInnen, „Touris“ und die vielen Kinder aus Kreuzberg essbare Produkte

Gemüse, Kräuter, Produkte der Nutztiere

räumliche Präsenz 6.000 m², mehrere größere Freiflächen zwischen Baumbestand, Teil des Stadtparks Görlitzer Park Adresse

Der Kinderbauernhof auf dem Görlitzer e.V. Wiener Straße 59b, 10999 Berlin

Web www.kinderbauernhofberlin.de


Landschaftspark Herzberge Berlin-Lichtenberg. Landschaft

Das Gelände des heutigen Landschaftsparks Herzberge war noch vor wenigen Jahren ein Problemgebiet des Stadtbezirkes Lichtenberg. In einer seit 2003 gemeinsam initiierten Entwicklung haben das Bezirksamt Lichtenberg und die Agrarbörse Deutschland Ost e.V. dort eine landwirtschaftlich genutzte Flächenkulisse geschaffen. Diese Landwirtschaft bedeutet nicht alleinig gewinnbringenden Pflanzenbau und Viehhaltung, sondern auch naturnahe Bildung für Jung und Alt sowie den kostengünstigen Erhalt von öffentlichen Flächen und wertvollen Biotopen. Heute leben rund hundert Rauhwollige Pommersche

Landschafe im Landwirtschaftsbetrieb der Agrarbörse. Zu Veranstaltungen und Kursen können BesucherInnen den Tieren und der umgebenden Natur näher kommen. Dieses Modell wird auch in anderen Teilen der Stadt als multifunktionale Bewirtschaftungsform mit Schafen und Rindern umgesetzt. Am nördlichen Ende des Landschaftsparks lädt der Stadtgarten auf knapp 500 m2 mit Obstbäumen, Gemüsebeeten und Kräutern zum Mitgärtnern ein. Die 20 – 30 StadtgärtnerInnen kultivieren alte Sorten und pflegen einfache Anbaumethoden, es wird gejätet, gesät und geerntet. Langfristig trägt der

Inhalt und Fotos: Agrarbörse Deutschland Ost e.V., 2011

Stadtgarten sich finanziell durch die Kooperation mit einer FoodCoop und lokalen Restaurants, an die ein Teil der Anbauprodukte verkauft wird. Einzelbeete oder Beetpatenschaften gibt es im Stadtgarten nicht.


51 Die Produktive Stadt

„Aus aufgegebenen Flächen wurden über 15 Hektar Weidefläche mit Gewässern und Spaziermöglichkeiten, aus Müllablageplätzen mit gefährdetem Baumbestand wurden attraktive Waldbiotope mit hoher Artenvielfalt und aus Gebäuderuinen wurden landwirtschaftliche Nutzgebäude.“ Projektart

wirtschaftlich selbstständiges landwirtschaftliches Projekt

Gründung

2003

Betreiber

Agrarbörse Deutschland Ost e.V. mit 20 – 30 StadtgärtnerInnen

städtische Nutzer FoodCoop und lokales Restaurant (Vermarktung), BesucherInnen, Anwohnende, MitgärtnerInnen essbare Produkte

Nutztiere, Obst, Gemüse, Kräuter

räumliche Präsenz großflächige landwirtschaftliche Bewirtschaftung von ehemals urbanem Land, 15 ha Weidefläche und Waldbiotope davon 500 m2 Stadtgarten Adresse

Agrarbörse, Herzbergstraße, 10356 Berlin

Web www.agrar-boerse-ev.de


Potsdamer Güterbahnhof Berlin-Kreuzberg. Landschaft

Die Kleingartenkolonie Potsdamer Güterbahnhof liegt an der südwestlichen Spitze des GleisdreieckAreals. Das verwunschene Öko- und Soziotop ist die einzige Kleingartenkolonie von Kreuzberg. Die Kolonie wurde nach dem Krieg von AnwohnerInnen aus Schöneberg und Kreuzberg, vor allem Bahnarbeiterfamilien, auf den Trümmern des Potsdamer Güterbahnhofs aufgebaut. Im Laufe der Jahrzehnte entstand in zentraler Stadtlage ein einzigartiges und unverwechselbares Naturparadies mit zahlreichen schützenswerten seltenen Pflanzen, Bäumen und Tieren. Etwa 75 Familien Inhalt und Fotos: Klaus Trappmann, Kleingartenkolonie Potsdamer Güterbahnhof, 2011

aus mehreren Generationen, darunter Familien mit zahlreichen Kindern und zunehmend auch Migranten- und Flüchtlingsfamilien, verbringen hier aktiv ihre Freizeit. Jahrelang war die Kolonie gefährdet: Auf dem Gelände sollten zwei wettkampfgerechte Vereinssportplätze errichtet werden. Auch die Planer des Parks auf dem

Gleisdreieck hielten die Existenz einer Kleingartenkolonie auf dem Gelände eines öffentlichen Parks anfangs für nicht realisierbar. Durch eifrige Öffentlichkeitsarbeit und aktive Bürgerbeteiligung bei der Parkplanung soll die Kolonie nun zum integralen Bestandteil des Parks werden.


53 Die Produktive Stadt

„Im Pilotprojekt „Gärten im Garten“ gehen öffentlicher Park und Kleingartenkolonie eine kreative und produktive Verbindung ein.“

Projektart Kleingartenkolonie Gründung

1950

Betreiber

Kleingartenkolonie Potsdamer Güterbahnhof e.V. (POG)

städtische Nutzer etwa 75 Familien aus mehreren Generationen, darunter Familien mit zahlreichen Kindern und Migranten- und Flüchtlingsfamilien essbare Produkte

Obst und Gemüse, Kräuter

räumliche Präsenz einzige Kleingartenkolonie von Kreuzberg, im innerstädtischen Entwicklungsgebiet Gleisdreieck, nach Beteiligungsverfahren ist POG nun in den entstehenden öffentlichen Stadtpark integriert Adresse

Kolonie Potsdamer Güterbahnhof, Kurfürstenstraße/Dennewitzstraße, 10965 Berlin

Web www.wir-bleiben.de


Wuhlegarten Berlin-Köpenick. Netzwerk

Der Wuhlegarten wurde 2003 – als erster interkultureller Garten in Berlin – im Rahmen der Lokalen Agenda 21 von TreptowKöpenick entwickelt. Für die Umsetzung dieser Idee wurde eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, in der mehrere Fachbereiche des Bezirksamtes TreptowKöpenick, die Ausländerbeauftragte, VertreterInnen des Netzwerks Integration und des Fördervereins der Lokalen Agenda 21 eng mit den zukünftigen NutzerInnen zusammenarbeiteten. Das Bezirksamt stellte 2003 eine Fläche von 4.700 m2 für den Garten zur Verfügung. Als Trägerverein konnte ISA – Indische Solidaritätsaktion e.V. – gewonnen

werden. Das Arbeitsamt Berlin-Süd unterstützte den Start durch den Einsatz von ABM-Kräften und die ERTOMIS-Stiftung mit einer Anschubfinanzierung.

Kooperationen geschlossen.

Über das Jahr öffnet sich der Garten regelmäßig für NachbarInnen, es werden gemeinsam Feste gefeiert und Tage der offenen Tür Etwa ein Drittel der Gardurchgeführt. Gäste sind jetenfläche ist für individuelle derzeit willkommen. Im inBeete zum Anbau von Geterreligiösen Kräutergarten müse, Kräutern und Blumen treffen sich muslimische, vorgesehen. Zwei Drittel christliche und jüdische für die gemeinschaftliche Frauen zum gemeinsamen Nutzung – Wiese, Gemein- Beten und Arbeiten. Neben schaftshaus, Werkstatt und Obst und Gemüse wachsen Lehmofen – stehen allen Kommunikation, KooperaMitgliedern der Gartengetion und neue Perspektiven. meinschaft zur Verfügung. Der Wuhlegarten ist Die laufenden Kosten einer von mehr als hundert werden durch die Beiträge Gärten im bundesweiten der GärtnerInnen gedeckt. Netzwerk Interkulturelle Für größere Anschaffungen, Gärten. Reparaturen oder Baumaßnahmen werden Fördermittel eingeworben oder

Inhalt und Fotos: Gerda Münnich, AG Interkulturelle Gärten in Berlin & Brandenburg, Stiftung Interkultur, 2011 und 2012


55 Die Produktive Stadt

„Die ersten Nutzer waren SpätaussiedlerInnen aus den ehemaligen GUS-Staaten, Zugewanderte aus Vietnam, Ägypten, Indien und Afghanistan, später auch aus Bosnien, Italien und Schweden gemeinsam mit ihren deutschen NachbarnInnen.“ Projektart

Interkultureller Garten

Gründung

2003 (erster interkultureller Garten in Berlin)

Betreiber

Interkultureller Garten Berlin-Köpenick e. V. (seit 2011)

städtische Nutzer GärtnerInnen aus Ägypten, Bosnien, Deutschland, Ecuador, Finnland, Gabun, Irak, Kasachstan, Lettland, Mexiko, Peru, Polen, Schweden, Slowenien, Ungarn und Vietnam essbare Produkte

Gemüse, Kräuter, Blumen

räumliche Präsenz 4.700 m², davon ein Drittel individuelle Beete und zwei Drittel für die gemeinschaftliche Nutzung Adresse

Wuhlegarten – am Wuhletal-Wanderweg, Cardinalplatz 1c, 12555 Berlin

Web http://wuhlegarten.de


Allmende–Kontor Berlin-Tempelhof. Netzwerk

Das Allmende-Kontor ist eine Anlauf- und Beratungsstelle für Urbane Landwirtschaft in Berlin mit einem großen Gemeinschaftsgarten auf dem Tempelhofer Feld. Seit April 2011 wird auf einer Fläche von 5.000 m2 gemeinschaftlich gegärtnert. Das Allmende-Kontor bringt öffentlichen städtischen Freiraum durch gemeinschaftliche, kooperative Nutzung und Gestaltung als Allmende [Gemein(schafts)gut] ins Bewusstsein – macht es erleb- und gestaltbar. In Kooperation mit Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft wird im Garten des Allmende-Kontors gezeigt, dass und wie eine partizipative

nachhaltige Stadtentwicklung funktionieren kann. Was mit 30 Leuten aus der Nachbarschaft begann, ist inzwischen zu einem Gemeinschaftsgarten mit über 700 aktiven GärtnerInnen und 300 verschiedenen „Hochbeet-Kreationen“ geworden.

Menschen verschiedener Nationalitäten, sozialer Schichten und Lebensstile. Die Partizipation sehr vielfältiger Akteursgruppen ist ein Grundprinzip der Gemeinschaftsgartenszene.

Der Gemeinschaftsgarten des Allmende-Kontors ist in starkem Maße selbstorgaDas Allmende-Kontor nisiert entwickelt. Die feste entstand aus einem seit Organisationsgruppe gibt Jahren aktiven Netzwerk lediglich eine gestalterische von Berliner Gartenaktivis- Grundidee, die nutzbare tInnen. Es ist eine Struktur Fläche und wenige „Regeln“ der Vernetzung und vor. Die GärtnerInnen Unterstützung für Aktive, können sich so weitestgeInteressierte und Koopehend selbstbestimmt und rationspartnerInnen des kooperativ mit ihren BeetUrban Gardening in Berlin, nachbarInnen verständigen, ein Ort der Produktion und gegenseitig aushelfen und des Teilens. Das Netzwerk untereinander austauschen. der AktivistInnen besteht aus alten und jungen

Inhalt und Fotos: Allmende–Kontor, 2011 und 2012


57 Die Produktive Stadt

„Es ist eine Struktur der Vernetzung und Unterstützung für Aktive, Interessierte und KooperationspartnerInnen des Urban Gardening in Berlin, ein Ort der Produktion und des Teilens.“ Projektart

selbstorganisierter Gemeinschaftsgarten sowie Anlauf- und Beratungsstelle für Berliner Projekte der Urbanen Landwirtschaft

Gründung

2011

Betreiber

13 Aktive der AG Kleinstlandwirtschaft, AG Interkulturelle Gärten B/B und Workstation e.V.

städtische Nutzer über 700 aktive GärtnerInnen, BesucherInnen essbare Produkte

Salate, Gemüse, Beeren, Kräuter und Samen

räumliche Präsenz räumlich flexibles Projekt, z.Z. 300 Hochbeete in freier Anordnung auf 5.000 m² ehemaligem Flughafengelände in Tempelhof Adresse

Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld, Eingang Oderstraße, 12051 Berlin

Web www.allmende-kontor.de


Bauerngarten Havelmathen Berlin-Gatow. Unternehmen

Der Bauerngarten Havelmathen in Gatow, im Südwesten von Berlin, bietet seit 2010 StädterInnen, Familien und generell Naturinteressierten die Möglichkeit, zertifiziertes Biogemüse mit Unterstützung von Ökolandwirten anzubauen. Auf insgesamt 1,5 ha, verteilt auf drei „Gartenkreise“, versorgen sich circa 150 Personen über den Sommer mit Gemüse. Der Bauerngarten befindet sich in einem Landschaftsschutzgebiet, deshalb liegt der Fokus nicht nur auf extensiver ökologischer Anbauweise, sondern auch auf dem Erhalt der hiesigen Kulturlandschaft. Das Angebot der Bauerngartenbetreiber beinhaltet

die professionelle Bodenbearbeitung, das Bestellen der Ackerflächen mit Gemüse und die kooperative Pflege der Flächen bis zur Ernte. Die Landwirte übergeben Anfang Mai die vorbereiteten Parzellen an die GärtnerInnen – inklusive Saatgut und Jungpflanzen für die gesamte Saison. Die GärtnerInnen können sich so ohne Vorkenntnisse, aber mit Erfolgsgarantie, mit Biogemüse versorgen. Dafür entrichten sie einen Betrag pro Saison. Landwirte und GärtnerInnen besprechen in regelmäßigen Workshops das gemeinsame Vorgehen, kommentieren Erfolge und Probleme bei der Gartenarbeit und stellen so den partizipativen Cha-

Inhalte und Fotos: Max von Grafenstein – Hof Wendelin, 2011

rakter des Projektes sicher. Innerhalb der Bauerngärten gibt es zwei verschieden große Parzellen zur Auswahl. Eine kleine Parzelle mit circa 25 m2 für Singles und kleine Gemeinschaften sowie eine große Parzelle mit ungefähr 50 m2, die optimal für die Bewirtschaftung durch eine Familie ist. Ein „Gartenkreis“ bietet dabei Platz für 16 beziehungsweise 32 Parzellen.


59 Die Produktive Stadt

„Das spezifische Design der „Gartenkreise“ ermöglicht eine effiziente und extensive Bewirtschaftung der Flächen und steigert die Kommunikation zwischen den GärtnerInnen.“

Projektart

wirtschaftlich selbstständiges, landwirtschaftliches Selbsternteprojekt

Gründung

2010

Betreiber

zwei Ökolandwirte

städtische Nutzer etwa 150 Personen, meist StädterInnen, Familien und generell Naturinteressierte essbare Produkte

zertifiziertes Biogemüse

räumliche Präsenz 1,5 ha Anbaufläche, drei „Gartenkreise“, im Landschaftsschutzgebiet Havelmathen Adresse

Bauerngarten Havelmathen in Gatow, Kladower Damm 57, 14089 Berlin

Web www.bauerngarten.net


Gartenbaubetrieb Vogel Berlin-Wartenberg. Unternehmen

meine ernte wurde 2009 als Verein gegründet, der Familien, Naturbegeisterten und StädterInnen die Möglichkeit bietet, sich einen eigenen Gemüsegarten in Stadtnähe zu mieten. Bevor die Saison beginnt, werden die Gemüsegärten professionell vom Landwirt vor Ort und meine ernte vorbereitet. Jeder Garten wird mit mehr als 20 verschiedenen Gemüsesorten und Blumen bepflanzt und besät. So können die GärtnerInnen ihren kompletten Gemüsebedarf für eine Saison decken. Anfang Mai werden die Gärten übergeben. Ab dann stehen Jäten, Gießen, Ernten und Nachpflanzen für die GemüsegärtnerInnen

auf dem Programm – und natürlich das Kennenlernen von und der Austausch mit anderen. Während der regelmäßigen Gärtnersprechstunde haben die GärtnerInnen die Möglichkeit, sich vom Landwirt und von meine ernte beraten zu lassen. Im Newsletter sowie im Login-Bereich der Internetseite www.meine-ernte.de können die GärtnerInnen auch zu Hause Informationen nachlesen. Es sind ganz unterschiedliche Menschen, die bei meine ernte mitmachen: Zum einen junge Leute und Pärchen, die Lust auf einen eigenen Garten haben und den Gemüsegarten für sich oder gemeinsam mit Freun-

Inhalt und Fotos: meine ernte Ganders und Kirchbaumer GbR, 2011

den bewirtschaften; zum anderen Familien, die ihren Kindern zeigen möchten, woher das Gemüse kommt und wie es angebaut wird. meine ernte bietet je nach Bedarf, zwei unterschiedliche Gartengrößen. Der kleine Gemüsegarten ist 45 m2 groß und für ein bis zwei Personen vorgesehen. Der Familien-Gemüsegarten ist 85 m2 groß und deckt den Gemüsebedarf von drei bis vier Personen.


61 Die Produktive Stadt

„Neben dem Spaß, den die Kinder im Garten haben, schätzen die Eltern den Garten als Freizeitmöglichkeit mit einem hohen Lerneffekt für ihre Kinder.“

Projektart

Agrarwirtschafts- / Gartenbaubetrieb mit Selbsterntefeldern

Gründung

2009 (meine ernte)

Betreiber

Landwirt Vogel in Kooperation mit meine ernte e.V.

städtische Nutzer junge Leute und Pärchen, Familien mit Kindern, Menschen, die es noch von früher kennen, ihr Gemüse selbst anzubauen oder einmal einen Garten hatten essbare Produkte

bis zu 20 verschiedene Gemüsesorten, Kräuter

räumliche Präsenz betriebliche Anbauflächen in Stadtrandlage, 2 ha meine ernte Felder mit Gartengrößen von 45 – 85 m2 Adresse

Gartenbaubetrieb Vogel Grüne Trift, Lindenbergerstr. 85, 13059 Berlin

Web www.meine-ernte.de/gartenbaubetrieb-vogel. html


Bürgergarten Laskerwiese Berlin-Friedrichshain. Gemeinschaft

Der Bürgergarten Laskerwiese liegt in einem verkehrsreichen Mischgebiet nahe dem Ostkreuz. Das Gelände wurde dem Verein 2006 zur Nutzung übergeben. Die Fläche bleibt im Besitz des Bezirksamtes, welches mit dem Gartenverein einen Nutzungsvertrag abgeschlossen hat. In einem mehrjährigen Prozess partizipativer Projektentwicklung unter Einbeziehung der direkten AnliegerInnen wurde die Fläche urbar gemacht und geplant. Das Besondere: Ein Teil der Fläche ist öffentlich und ein Drittel hat halböffentlichen Status. Dieser Teil ist abgetrennt, dort befinden sich ein Teich sowie 35 kleine Parzellen,

die individuell von den Vereinsmitgliedern bepflanzt werden. In vielen Stunden der Freizeitarbeit haben die Vereinsmitglieder den Zaun gebaut, den Teich angelegt und den Ausbau der Container vorgenommen. Die Gelder für Materialkosten kamen aus dem Programm URBAN II und von der Aktion Mensch. Viele Pflanzen und Einrichtungen, wie die Solarpumpe für den Teich, wurden von Vereinsmitgliedern gespendet. Der Verein ist die notwendige juristische Konstruktion, damit so ein Projekt funktionieren kann. Mit Leben füllen es die Mitglieder. Der Bürgergarten Laskerwiese kann sich

Inhalt und Fotos: Bürgergarten Laskerwiese, 2011

auf ein funktionierendes Netzwerk in der Umgebung stützen – den Jugendclub E-Lok, das Familiencafé und andere NachbarInnen. Auch im großen Netzwerk der Interkulturellen Gärten oder beim Langen Tag der Stadtnatur arbeitet der Verein an nachhaltigen Themen mit. Hin und wieder ist der Garten auch Objekt der Medienaufmerksamkeit und Studienobjekt von Masterund Bachelorarbeiten.


63 Die Produktive Stadt

„Bei der Gestaltung und Pflanzenauswahl für die Gemeinschaftsflächen wurde in Workshops geplant und diskutiert. Das Ergebnis ist ein fester Rahmen, der aber immer wieder kleine Veränderungen und Ergänzungen erfährt.“ Projektart Gemeinschaftsgarten Gründung

2006

Betreiber

Bürgergarten Laskerwiese e.V.

städtische Nutzer 38 Vereinsmitglieder, Jugendclub E-Lok, Familiencafé, NachbarInnen essbare Produkte

Gemüse, Beeren, Kräuter, Obst

räumliche Präsenz 3.600 m² in verkehrsreichem innerstädtischen Mischgebiet, davon zwei Drittel öffentlich und ein Drittel halböffentlich mit 35 individuellen Parzellen Adresse

Bürgergarten Laskerwiese e.V., Laskerstraße 6–8, 10245 Berlin

Web http://laskerwiese.blogspot.de


Prinzessinnengärten Berlin-Kreuzberg. Gemeinschaft

Die Prinzessinnengärten sind eine partizipatorische, ökologische und mobile Urbane Landwirtschaft in Berlin-Kreuzberg. Inzwischen wird hier eine Vielfalt von etwa 500 unterschiedlichen Kulturpflanzen angebaut, insbesondere alte und seltene Sorten. Für den transportablen Anbau werden recycelte Behälter aus der Lebensmittelindustrie genutzt. Der zu erwartende Ertrag wird auf 4.000 kg geschätzt. Das mobile und reproduzierbare Beetsystem hat darüber hinaus die Initiierung von ersten Ablegergärten in anderen Städten ermöglicht. Die Prinzessinnengärten stehen allen offen und sind zu einem neuen Ort urba-

nen Lebens und Lernens geworden, an dem sich Menschen aus unterschiedlichsten Zusammenhängen begegnen und austauschen. Die Formen möglicher Beteiligung reichen von regelmäßigen Gartenarbeitstagen über Workshops zu Kartoffelanbau, wesensgemäßer Bienenhaltung, Aquaponics, Lebensmittelkonservierung oder Lastenfahrradselbstbau bis hin zu großen Gartendinnern mit GastköchInnen, künstlerischen Interventionen und zum internationalen Austausch von Akteuren im Bereich Urban Farming. Die BesucherInnen können die Produkte des Gartens selbst ernten: Ein anderer Teil der Ernte wird im Café

Inhalt und Fotos: Nomadisch Grün GmbH, 2011

und im Restaurant des Gartens direkt verarbeitet, was zur Finanzierung des Projekts beiträgt. In den Prinzessinnengärten finden auch Kulturveranstaltungen statt, die zeigen, wie erfindungsreich man mit regionalen und saisonalen Produkten Speisen und Getränke zubereiten kann. Insgesamt wurden die Prinzessinnengärten unabhängig von Fördergeldern aufgebaut.


65 Die Produktive Stadt

„Gefördert wird eine Kultur des „leidenschaftlichen Dilettantismus“ und des Selbermachens, die dazu einlädt, Dinge auszuprobieren, voneinander zu lernen und zu kooperieren.“

Projektart fördermittelunabhängiger, partizipatorischer Nutzgarten Gründung

2009

Betreiber

Nomadisch Grün (g)GmbH

städtische Nutzer NachbarInnen und FreundInnen, „leidenschaftliche Dilettanten“, KünstlerInnen, MitgärtnerInnen essbare Produkte

etwa 500 ökologisch angebaute Kulturpflanzen

räumliche Präsenz 6.000 m² ehemalige innerstädtische Brachfläche, gesamter Nutzpflanzenanbau in mobilen Hochbeeten, Nutzung und Ausbau eines wilden Wäldchens Adresse

Prinzessinnengärten, Prinzenstraße 35–38, 10969 Berlin

Web http://prinzessinnengarten.net


Eine umfassende Vorstellung des partizipativen Nutzgartenprojektes im Herzen von Berlin-Marzahn, dokumentiert aus der Sicht der InitiatorInnen, der Unterst端tzerInnen, der Studierenden und der teilnehmenden Akteure vor Ort.


Spiel/Feld Marzahn


Urbane Landwirtschaft in Marzahn-Hellersdorf Sylvia Sievert & Klaus Brockmann

Urban farming oder Urbane Landwirtschaft – ein neuer Trend wird gesetzt oder eine überlieferte Tradition gepflegt? Beides ist richtig! Landwirtschaft in der Stadt ist ein Thema, das so alt ist wie die Stadt selbst. Die Notwendigkeit der Ernährung der Bevölkerung – auch in Selbstversorgung – und die Entsorgung/Verwendung von Abwässern und Abfällen in der Landwirtschaft stellt eine wichtige Komponente im Stadtgefüge dar. Bis zur Eingemeindung in die Stadt Berlin im Jahre 1920 waren die Gemeinden Kaulsdorf, Biesdorf, Mahlsdorf und Marzahn sowie das Gut Hellersdorf dörflich-landwirtschaftlich geprägt. Stadterweiterungen im 20. Jahrhundert, Gartensiedlungen und Großsiedlungsbau führten zum Rückgang der Landwirtschaft. Dieser Trend gilt für ganz Berlin, nur Pankow, Lichtenberg und Spandau verfügen gegenwärtig noch über nennenswerte landwirtschaftliche Flächen. Der Bezirk Marzahn-Hellersdorf liegt im Nordosten von Berlin und grenzt im Norden und Osten unmittelbar an das Land Brandenburg. Die naturräumliche Gliederung wird bestimmt durch den Barnim (Löß und Lehm) im Norden und die Spreeniederung im Süden. In Nord-SüdRichtung verläuft das Wuhletal mit seinen charakteristischen Bodenformationen. Potenziell weist der Bezirk damit sehr gut geeignete Bodenqualitäten für eine landwirtschaftliche Nutzung auf.


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Das Projekt Spiel/Feld Marzahn der Technischen Universität Berlin befindet sich auf den Flächen des Barnim, was gute Standortbedingungen für die gartenbau- bzw. landwirtschaftliche Produktion erwarten lässt. Bis zur Errichtung der Großsiedlung erfolgten hier Ackerbau und Viehzucht. Heute muss jedoch mit baulich bedingten Störungen des Bodenaufbaus gerechnet werden.

1 Lage: Alfred-Döblin-Straße, Vgl. Online: <http://mehrower-allee.de/Gebiet.16.0.html>. 2 Lage: Golliner Straße, Vgl. Online: <www.stadtumbau-berlin.de/InterkulturellerGarten.1408.0.html>.

Von den ca. 1.000 ha öffentlichen Grünanlagen im Bezirk werden gegenwärtig noch 25 ha als Acker und 35 ha als Wiese bzw. Weide genutzt. Dörfliche Kulissen, die auf die ehemalige agrarische Dominanz hindeuten, finden wir in Kaulsdorf, Alt-Marzahn und im Gut Hellersdorf. 175 ha werden als Gartenland, Grabeland und Kleingartenanlagen mit unterschiedlicher Produktionsintensität geführt. Orte gärtnerischer Kultur finden sich u. a. im Garten der Begegnung am Hochzeitspark Marzahn1, im Interkulturellen Garten in Marzahn-Nord2 und im kiezPARK Fortuna3– sowie im Grünen Haus4.

Das örtliche Bezirksamt unternahm 2008 mit der Erarbeitung eines Konzeptes zur Urbanen Landwirtschaft einen Anlauf, die noch vorhandenen Reste dieser Nutzung systematisch aufzuarbeiten sowie Möglichkeiten 4 Lage: Boizenburger Straße, einer Neuausrichtung zu entwickeln.5 In diesem Konzept Vgl. Online: <http://grueneswurden 64 Flächen erfasst und als geeignet für ökologische haus-hellersdorf.de>. Beweidung oder/und Mahd bewertet. Außerdem wurden 5 Vgl. „Konzept Urbane Landweitere Potenzialflächen für eine ökologische Bewirtschafwirtschaft Marzahn-Hellersdorf 2008“. Das Konzept wurde tung durch extensive Beweidung und/oder Wiesenmahd im Natur- und Umweltamt ausgewiesen. Damit wurde das vorrangige Ziel verfolgt, Marzahn-Hellersdorf, Fachbereich Naturschutz, erarbeitet in öffentlichen Grünanlagen eine naturschutzgerechte und ist dort einsehbar. Landschaftspflege durch den Einsatz von Weidetieren Lage: Oberweißbacher Straße, Vgl. Online: <www.kiezpark. de>.

3

Spiel/Feld Marzahn

Archäologische Grabungen erbrachten den Nachweis erster Besiedelungen im Urstromtal am Rande der Wuhle durch Jäger und Sammler; mit zunehmender Sesshaftigkeit im 14. Jahrhundert setzte der Ackerbau auf dem Barnim ein. Erst mit der Aufgabe der Rieselfeldwirtschaft und der Errichtung der Großsiedlung MarzahnHellersdorf ab 1968 begann der Niedergang der Landwirtschaft im Bezirk.


10 1

Marzahn-Hellersdorf verfügt über großflächige ausbaufähige und zusammenhängende Landschaftsräume (in grau), sowie über einige kleinteilige landwirtschaftliche / gärtnerische Projekte (in grün).

11

Darstellung: Fachgebiet Stadt & Ernährung unter Verwendung von Daten des Natur- und Umweltamtes Marzahn-Hellers­dorf (2008) und der Plangrundlage Grüner Stadtplan Wuhletal – Bezirk Marzahn-Hellersdorf, erstellt von bgmr Landschaftsarchitekten (2000), 2012 1

Seelgraben-Park

2

Eichepark (oberes Wuhletal)

3

Rohrbruchpark (mittleres Wuhletal)

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Wuhlegarten (Wuhlewiesen)

5

Kaulsdorfer Wiesen (südliches Wuhletal)

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Barnimhang

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Flächen an den Kaulsdorfer Seen

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Biesenhorster Sand

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Hönower Weiherkette

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Interkultureller Garten Nord-Marzahn

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kiezPARK Fortuna

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Garten der Begegnung am Hochzeitspark Marzahn

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Tierhof Alt-Marzahn

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Grünes Haus

Vgl. Online: <http://prinzessinnengarten.net >.

6

7 Vgl. Online: <http://www. rosarose-garten.net/de/start>.

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6 7

und Wiesenmahd durchzuführen sowie ein ländliches Naturerlebnis und eine Aufwertung des Landschaftsbildes dauerhaft zu ermöglichen. Die größeren Landschaftsräume sollten kostengünstig zu pflegen sein, da der personelle und finanzielle Rahmen des Bezirksamtes den bislang üblichen Weg der gärtnerischen Pflege nicht mehr zuließ. Frei werdende Flächen des Stadtumbaues nach und zwischen zu nutzen, stand ebenfalls im Fokus der konzeptionellen Überlegungen. Eine landwirtschaftliche Nachnutzung von Gebäudekomplexen wurde dagegen bislang vernachlässigt. Auch gärtnerische Ansätze, wie die Prinzessinnengärten in Kreuzberg6 oder der Nach-


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Rahmenbedingungen für die Urbane Landwirtschaft im Bezirk Das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf hat sich in besonderer Weise dem Erhalt der biologischen Vielfalt verschrieben und sich als Partner des Countdown 2010 8 verpflichtet. Auch im Jahr 2012 betreibt das Amt eine intensive Beteiligung der Öffentlichkeit zu Fragen der biologischen Vielfalt und regt mit dem Logo ErlebnisStadtNATUR 9 zu Unternehmungen in Natur und Landschaft an.

Vgl. Online: <www.biologischevielfalt.de/einfuehrung_biodiv.html>.

Das spezielle Engagement des Bezirksamtes zum Erhalt der biologischen Vielfalt unterstreicht auch die Unterzeichnung der Deklaration Biologische Vielfalt 10, eines Projektes der Deutschen Umwelthilfe zur Förderung des kommunalen Naturschutzes durch gezielte Maßnahmen für die Biodiversität. Sowohl in der Pflege und Unterhaltung der Grünanlagen als auch im Landschaftsbau sowie in der Unteren Naturschutzbehörde nehmen die Aspekte der biologischen Vielfalt einen hohen Stellenwert ein. Der CountdownProzess und die Deklaration wie auch die Berliner Strategie Biologische Vielfalt 11 sehen in der praktizierenden Landwirtschaft mit naturschutzfachlicher Ausrichtung einen wichtigen Partner in der Erhaltung und Förderung des Naturhaushaltes.

Die Broschüre Berlins Biologische Vielfalt (Juni 2012) ist bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erhältlich, Vgl. Online: <www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/ landschaftsplanung/strategie_ stadtlandschaft >.

Angesichts der bereits erwähnten personellen und finanziellen Lage im Bezirk wurde 2010 die Erarbeitung eines Pflege- und Entwicklungsplanes (PEP) für die bezirklichen Grünanlagen beauftragt, um auf der Grundlage der prognostizierten Kosten für private und öffentliche Pflege die Handhabung der Bewirtschaftung besser aussteuern

8 Countdown 2010 ist ein weltweites Bündnis zur Erhaltung der biologischen Vielfalt, gegründet von der Naturschutzorganisation International Union for Conservation of Nature (IUCN). 9 Vgl. Online: <www.berlin. de/ba-marzahn-hellersdorf/ verwaltung/natur/countdown_2012.html>. 10

11

UL in BerlinMarzahn Spiel/Feld

barschaftsgarten Rosa Rose7 spielen im konzeptionellen Ansatz des Bezirksamtes – noch – eine eher untergeordnete Rolle. Die vorgenannten Projekte in der Innenstadt gehen im Wesentlichen auf Initiativen der BetreiberInnen zurück; wogegen eine solche maßgebliche Interessenslage in Marzahn bisher nicht festgestellt werden konnte.


Der Seelgraben-Park mit Robustrindern. Foto: Bezirksamt MarzahnHellersdorf

zu können.12 Ausgehend von einer Multifunktionalität des städtischen Freiraumes und möglichen Nutzungsüberlagerungen, sollte eine differenzierte Aussage darüber formuliert werden, wie mit welchem Aufwand die einzelnen Kategorien der Grünanlagen pflegerisch behandelt werden. Von den 1.000 ha öffentlichen Grünanlagen werden 10 Prozent dem Leitbild der „Produktiven Landschaft“ zugeordnet; weitere 105 ha kommen potenziell hinzu. Die übrigen Flächen werden der „Schönen Stadt“, der „Urbanen Natur“ sowie dem Basisgrün zugeordnet.13 Für urbanes Gärtnern und gärtnerische Aktionsorte werden 7 ha ermittelt. Die Möglichkeit der Selbstwerbung von Brennholz durch interessierte BürgerInnen auf Baumstandflächen bzw. im Niederwald und Gewinnung von Biomasse zeigen neue Wege zur Energieerzeugung in Marzahn-Hellersdorf auf. Die Ergebnisse der Studie sind im Tiefbau- und Landschaftsplanungsamt des Bezirksamtes, Fachbereich Grün, einsehbar.

12

Die Leitbildthemen „Schöne Stadt“, „Urbane Natur“ und „Produktive Landschaft“ wurden als Teil der Strategie Stadtlandschaft des Berliner Senats entwickelt, Vgl. Online: <www.stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/ landschaftsplanung/strategie_ stadtlandschaft/>.

13

Im Rahmen der systematischen Erfassung und Bewertung der Freiflächen im Bezirk stellte sich heraus, dass insbesondere das Wuhletal (Eichepark, Seelgraben-Park, Rohrbruchpark und Kaulsdorfer Wiesen) sowie die Landschaftsschutzgebiete Kaulsdorfer Seen und Hönower Weiherkette geeignet sind, hier eine gezielte naturschutzgerechte Beweidung bzw. Wiesenmahd durchzuführen. Am Barnimhang sollte sich der Ackerbau künftig stärker an einer ökologischen Ausrichtung orientieren. Der Biesenhorster Sand als Bahnbrache spielt aufgrund seiner speziellen Tier- und Pflanzenwelt hinsichtlich einer möglichen landwirtschaftlichen Nutzung eine gesonderte Rolle.


73 Spiel/Feld Marzahn

Die konkrete Umsetzung des „Konzeptes Urbane Landwirtschaft Marzahn-Hellersdorf“ 5 wurde mit der Durchführung eines Interessenbekundungsverfahrens für erste mögliche Weideflächen im Seelgraben- und im Eichepark eingeleitet. Als Ergebnis überlässt das Bezirksamt seit 2010 dem Naturschutz Malchow e.V.14 und der Agrarbörse Deutschland Ost e.V.15 ca. 5 ha zur landwirtschaftlichen Nutzung. Es handelt sich um landwirtschaftliche Betriebe mit einer speziellen Ausrichtung auf Landschaftspflege und Umweltbildung. Mit diesem Profil eignen sich die Betriebe besonders für die vor Ort gegebene Situation.

Beispielhafte Vorstellung des bezirklichen Konzeptes Seelgraben Gesamtgröße

ca. 2,6 ha

Mögliche Nutzungen

Beweidung oder Mahd

Planungsgrundlagen FNP Berlin 2004: Grünflächen Parkanlage LaPro/Artenschutzprogramm Berlin Grünanlage/Parkanlage Gesamtstädtische Ausgleichs konzeption Teilfläche Nr. 17 Grünzug am Seelgraben Verbindung der Parklandschaft Barnim mit dem Wuhlegrünzug, Entwicklung einer Biotop vernetzung L-PlanXXI-L-8

Vgl. Online: <www.naturschutz-malchow.de>.

14

Vgl. Online: <www.adodienste.de>.

15

„Am Dorf Falkenberg“ Entwicklung einer attraktiven Erholungslandschaft mit hoher ökologischer Wertigkeit

Im Eichepark und im Landschaftsraum Seelgraben wurden Weidezäune zur Sicherung der Rinder installiert. Dadurch bot sich auch eine geeignete Grundlage besserer Akzeptanz in der Bevölkerung. Ziel der Beweidung liegt im Zurückdrängen des Gehölzaufwuchses und der Schaffung wertvoller ökologischer Kleinstrukturen. Ein regelmäßiges Monitoring wird durchgeführt. Das Monitoring beinhaltet eine gemeinsame Begehung der Weideflächen zur


Kontrolle der vertragsgemäßen Erfüllung der naturschutzgerechten Ausrichtung der Beweidung bzw. Wiesenmahd. Die Bewertung der Vegetationsentwicklung wird einmal jährlich vorgenommen und die Beweidungsintensität darauf abgestimmt. Nach den bisherigen Erfahrungen können wir sagen, dass nur wenige Landwirte Bereitschaft zeigten, sich auf die bezirkliche Situation einzulassen. Bei den interessierten Betrieben liegt ein hoher ökologischer Sachverstand vor, der eine gute Zusammenarbeit sicherstellt. Schon jetzt ist ein Wandel des Landschaftsbildes erkennbar und eine Zustimmung der SpaziergängerInnen wahrzunehmen. Auch eine versuchsweise Beweidung von kleineren Flächen in einem Naturschutzgebiet gestaltete sich nach fachlicher Abstimmung mit der übergeordneten Senatsverwaltung als Erfolg versprechend. Der Beitrag für die Umweltbildung in der Öffentlichkeit durch die Ausübung landwirtschaftlicher Betriebsweisen soll an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt werden. Das Dorf Marzahn mit Bockwindmühle. Foto: Bezirksamt MarzahnHellersdorf

Mittel- bis langfristige Ziele der urbanen Landwirtschaft in Marzahn-Hellersdorf liegen in der: e Kombination von Weidewirtschaft und Naturerlebnisräumen. Hierzu wird ein Projekt der Stiftung Naturschutz


75 75 UL in BerlinMarzahn Spiel/Feld

Mit der Fortsetzung und Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzung von bezirklichen Grünflächen erwarten wir eine weitere ökologische Aufwertung der Flächen und eine anhaltende Entlastung in der gärtnerischen Pflege durch bezirkseigene GärtnerInnen. Berlin im Seelgraben-Park (praktisch-spielerische Begegnung und Umgang mit Tieren im landwirtschaftlichen Sinne) beim Bundesamt für Naturschutz angeschoben, e Stärkung der lokalen Ökonomie durch gezielte Maßnahmen, e Ermöglichung weiterer Zusatzeinkommen durch Verarbeitung und Vermarktung landwirtschaftlich-gärtnerischer Produkte im Neben- und Zuerwerb bzw. auf Hobbyebene z. B. im Zusammenwirken mit dem Projekt Herzberge, e Beweidung der Feuchtwiesen im Wuhletal nach Abschluss der Renaturierungsmaßnahmen durch Einsatz von Robustrindern oder Moorschnucken, e Erprobung weiterer Tierarten in der Landschaftspflege (Wollschweine, Ziegen, Schafe, Wasserbüffel u. a.). Auch in anderen Berliner Bezirken ist eine landwirtschaftlich ausgerichtete Pflege von Naturräumen eingeleitet. Beispielhaft sei hier verwiesen auf die Pfaueninsel 16, Tiefwerder Wiesen 17 und den Landschaftspark Herzberge 18. Vgl. Online: <www.spsg.de/ index.php?id=1026>.

16

Vgl. Online: <www.berlin. de/ba-spandau/uep-projekttiefwerder-wiesen.html>.

17

Vgl. Online: <www.landschaftspark-herzberge.de/>.

18

Leider können aufgrund fehlender Betreuungsmöglichkeiten durch die bezirkliche Verwaltung derzeit keine weiteren gärtnerischen Vorhaben initiiert werden. In Kooperation mit der Peter-Pan-Grundschule und lokalen Akteuren erprobt das Projekt Spiel/Feld Marzahn der Technischen Universität Berlin, unter welchen Rahmenbedingungen neue Betreuungskonzepte durchführbar sind.


Gemeinschaftliche Aneignung des öffentlichen Raumes als Beteiligungsziel Sabine Antony

Produktive Gemeinschaftsgärten eignen sich besonders gut für die Mitwirkung junger Menschen, denn sie sind Lernfeld und Integrationsmaschine. Sie ermöglichen ein Verwurzeln am Lebensort und in der Nachbarschaft und produzieren neben Gemüse, Obst und Kräutern auch Persönlichkeiten, die sich aktiv in den gesellschaftlichen Gestaltungsprozess einbringen.

Sabine Antony ist gegenwärtig Gruppenleiterin im Fachgebiet Stadtumbau und Quartiersmanagement im Stadtentwicklungsamt Marzahn-Hellersdorf von Berlin.

1

Im Rahmen meiner inzwischen fast 20-jährigen Arbeit im Bereich Stadtplanung des Bezirkes Marzahn-Hellersdorf von Berlin1 konnte ich zwar keine empirische Forschung zum Thema des Artikels durchführen, die vielen Erfahrungen jedoch, die ich durch die Initiierung oder Begleitung von Beteiligungsprozessen generell und Projektentwicklung des urbanen, gemeinschaftlichen Gärtnerns im Besonderen sammeln konnte, lassen sich auf einige Kernaussagen verdichten: e Beteiligung ohne Umsetzung in räumlicher Gestaltung bleibt oft seltsam unbefriedigend und verläuft häufig im Sande. Dabei ist es unerheblich, ob es sich bei den Objekten um öffentliche oder private, große oder kleine Räume,


77 Spiel/Feld Marzahn

um das Innere eines Gebäudes oder um Freiflächen handelt – wichtig ist, dass die Wirkungen von Beteiligung sich räumlich manifestieren, anschaulich und vorzeigbar sind und die im Ergebnis veränderten Orte auch benutzt werden können. e Beteiligung, die die Aneignung öffentlicher Räume zum Ziel hat, erfordert ein hohes Maß an Engagement und Bereitschaft zum aktiven Handeln, zum Mit-Tun. Damit wird eine ganz andere Qualität erreicht, als dies bei Beteiligungsprozessen der Fall ist, die sich im Äußern von Kritik oder im Entwickeln von Forderungen/Ideen erschöpfen. Diese praktisch ausgerichtete Form der Mitwirkung verändert das gesellschaftliche Miteinander und stärkt die Persönlichkeit der Teilnehmenden. e Insbesondere für die Beteiligung junger Menschen ist ein Prozess zielführend, in welchem an die Ideenfindung auch die praktische Umsetzung und die längerfristige Nutzung gekoppelt ist. Die Erfahrung, mit seinen Gestaltungswünschen ernst genommen zu werden, aber auch Verantwortung dafür zu tragen, wie mit dem umgestalteten (öffentlichen) Raum umgegangen wird, ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe, die Jugendlichen sonst häufig verschlossen ist.

Die Ziele von Beteiligungsprozessen sind vielfältig und nicht immer auf echte Teilhabe der Menschen an der Gestaltung ihres Gemeinwesens orientiert. Oft leiten sie sich aus gesetzlichen Vorgaben und formalisierten Verfahrensabläufen ab. Es gibt Beteiligungsprozesse, die der politischen Ebene oder der Verwaltung als formale Legitimation für ihr Handeln dienen sollen. Andere sollen die Bewohnerschaft beruhigen und Konflikte bei unterschiedlichen Interessenlagen besänftigen.


Die hier dargestellten Formen der Beteiligung von Menschen haben eine fundamental andere Ausrichtung: Menschen werden aufgefordert, gemeinsam mit anderen ihren öffentlichen Lebensraum selbst umzugestalten und für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Nicht die Kritik bestehender Planungen oder die Erarbeitung „besserer Pläne als die der professionellen Planer“ stehen im Vordergrund; es geht auch nicht darum, „nur mal eine Idee“ zu äußern, die dann eventuell jemand anderes umsetzt. Ziel ist die gemeinschaftliche Aneignung ungenutzter städtischer Bereiche und die aktive Umsetzung der Ideen und Vorschläge.

Wenn Menschen einen Garten anlegen, schaffen sie Gegenwart und Zukunft. Wenn sie es gemeinsam tun, schaffen sie eine kooperative Nachbarschaft. Wenn sie in diesem Garten zudem gemeinschaftlich Nahrungsmittel für den eigenen Bedarf anbauen, folgen daraus so vielfältige gesellschaftliche und psychologische Implikationen, dass sie kaum alle zu nennen sind. Eine solche „Beteiligung“ produziert neben Obst und Gemüse auch Sinnempfinden, steigert das Selbstwertgefühl und ermöglicht die Überwindung von Fremdheit und Einsamkeit. Auch die ästhetische Wahrnehmung der Natur, das Spüren eigener Gestaltungskraft, die Anregung zur Konsumskepsis sowie die Entwicklung von Nachhaltigkeitsperspektiven... und nicht zu vergessen das Teilen von Freude, die sich auf den Gesichtern der gärtnerisch Tätigen spiegelt, sind als „Nebenwirkungen“ solcher Aktivitäten sichtbar.


79 UL in BerlinMarzahn Spiel/Feld

Bei einem solchen Projekt unmittelbar dabei zu sein, zieht einen ganz anderen Effekt nach sich, als auf einer formalen Anhörung seine Meinung zu äußern oder in einem Gremium über die Verwendung von Mitteln des Stadtteilbudgets abzustimmen. Diese Wirkung tritt insbesondere ein, weil der Prozess öffentlich stattfindet, unter freiem Himmel, nicht hinter verschlossenen Türen oder Mauern versteckt. Die „Mit-Täter“ setzen sich den Fragen und auch der Kritik der Anderen aus, machen ihre Fehler erkennbar, können aber auch die Anerkennung für ihre Erfolge ernten. Bislang Unbeteiligte sind eingeladen, ganz informell dazuzustoßen und in das Vorhaben hineinzuwachsen oder die Idee an einem anderen Ort zu multiplizieren.

Mit „Quartier“ ist hier die lebensweltlich orientierte Abgrenzung eines Stadtraumes gemeint, also der Bereich, in dem Menschen sich rund um ihre Wohnung bevorzugt aufhalten und ihre Alltags-/ Freizeit-Gestaltung vornehmen. Im Bezirk Marzahn-Hellersdorf gibt es einige quartiersbezogen angelegte Gartenprojekte, die mit Mitteln der Städtebauförderung (Teilprogramme Stadtumbau / Soziale Stadt / Aktionsraum plus) gefördert werden, Vgl. Online: <www.quartiersmanagement-berlin.de> und <www.stadtumbau-berlin.de>.

2

Denn es spricht nichts dagegen, dass jedes Quartier2 seinen „Quartiersgarten“ bekommt. Doch das Ermöglichen solcher Projekte kostet Geld. Man braucht verantwortliche „Kümmerer“, die den Anstoß geben und den Prozess am Laufen halten. Die Grundstücke müssen von der öffentlichen Hand vorgehalten und bewirtschaftet werden (müssen sie das?). Wenn ein solches Projekt scheitern sollte, Menschen die Lust verlieren oder keine NachwuchsgärtnerInnen zu finden sind, lasten die Gartenbrachen wieder auf den öffentlichen Haushalten. Allerdings gibt es hierzu bislang keine aussagekräftige Wirtschaftlichkeitsbetrachtung, die erkennbar macht, ob die positiven Effekte solcher Projekte (wie VandalismusVermeidung, Reduzierung der Pflegekosten, ökonomischer Wert der Erzeugnisse, Einflüsse auf das gemeinschaftliche Gefüge der unmittelbaren Umgebung…) auch kostenseitig zu einer Entlastung der öffentlichen Haushalte führen könnten. Die weitergehenden Effekte und gesellschaftlichen Rückkopplungen lassen sich monetär gar nicht messen, daher möchte ich meine LeserInnen im Folgenden auf eine Vorstellungsreise in einen urbanen, produktiven Gemeinschaftsgarten mitnehmen.


Was passiert, wenn Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern ganz unterschiedliches Gemüse anbauen, dann aber gemeinsam kochen und gegenseitig probieren? Und was, wenn ein Mensch, der noch nicht alles verstanden hat, plötzlich von Mehreren darauf angesprochen wird, dass der Haufen seines „Lieblings“ zwar auch organisch ist, aber zwischen den Johannisbeersträuchern doch ziemlich stört? „Was passiert, wenn eine alte Dame im Rollstuhl ein Kräutersoßen-Rezept aus ihrem Gedächtnis kramt, das im Hort benutzt wird, um die selbst gezogenen, selbst geernteten und selbst gekochten Kartoffeln schmackhafter zu machen? Vielleicht ist sie beim Kochen und Essen dabei und erzählt, wie sie früher ihre Kräuter angebaut hat?“ Foto: Sabine Antony, 2011

Möglicherweise lernen Kinder plötzlich ganz einfach mit Kilogramm, Gramm, Vierteln und Achteln zu rechnen, wenn sie herausfinden wollen, wie viele Erdbeeren auf ihrem Beet gewachsen sind und wie man die Birnen auf alle Gärtnernden aufteilt. Möglicherweise finden Jugendliche es plötzlich spannender, die Apfelbäume zu pflegen als sie abzuknicken, weil sie zum Dank für ihren Einsatz beim großen ApfelkuchenEssen den Apfel-Orden bekommen. Vielleicht sprechen auch plötzlich fremde Menschen „über


81 Spiel/Feld Marzahn „Was passiert, wenn Kinder das Wachsen einiger Tomatenpflanzen betreuen und zum Lohn mehrere Wochen lang täglich kleine, aromatische Früchte vernaschen oder verschenken können?“ Foto: Sabine Antony, 2011

den Gartenzaun“ miteinander und Ältere fühlen sich durch die Jüngeren nicht mehr gestört (und umgekehrt), weil sie ein gemeinsames Interesse haben. Es könnte auch sein, dass die LehrerInnen der benachbarten Schule in Naturkunde plötzlich begeisterungsfähige MitarbeiterInnen haben, die alles zusammentragen, was sie selbst nicht wissen. Und wenn zum Schulfest die garteneigene Holunderblütenlimonade getrunken wird, kommen auch NachbarInnen ohne Schulkinder, um mitzufeiern und vielleicht auch, um sich ehrenamtlich als LesepatInnen zu engagieren… Idylle? Träumerei?? Rosarote Brille??? Vielleicht. Alles könnte natürlich auch ganz anders kommen. Aber vielleicht kommt es auch genau so oder ähnlich – und vielleicht sind Menschen, die ein brachliegendes, verwahrlostes Stück ihrer Umwelt in einen Garten verwandelt haben – mit allen Schwierigkeiten und Rückschlägen, die es dabei selbstverständlich zu verkraften gilt wie Schneckenplage, Trockenheit, Vandalismus, Bürokratie und Muskelkater – bereit, auch ein Stück der Gesellschaft in eine lebendige Nachbarschaft zu formen. Das wäre unseren Stadtquartieren jedenfalls sehr zu wünschen!


Das Projekt Spiel/Feld Marzahn ist kein Projekt, das sich AnwohnerInnen ausgedacht haben. Die nach dem Rückbau von zwei Schulen brachliegende Fläche war vielleicht für Viele ein Ärgernis und für Einige eine Chance, aber nicht groß oder einladend genug, um selbst tätig zu werden. Die Mentalität der Menschen hier in der Großsiedlung am östlichen Stadtrand Berlins ist auch nicht vergleichbar mit der in der Innenstadt, wo in solch einem Fall Selbsthilfe und 'Guerilla-Gardening' möglich sind. Normalerweise werden solche Flächen an den Liegenschaftsfonds Berlin zur Vermarktung abgegeben. Doch diese Fläche wurde vom Schulamt vorsorglich als Schulerweiterungsfläche gesichert. Deshalb war sie verfügbar für ein zunächst nur theoretisch gedachtes Planungsprojekt von TU-MasterstudentInnen. Und die Ideen fielen auf fruchtbaren Boden.

Aktionsraum plus ist eine Initiative entworfen für die fünf großräumigen Gebiete Berlins, in denen rund ein Viertel der Bevölkerung lebt, die aber in hohem Maße komplexe Problemlagen aufweisen. In diesen „Aktionsräumen“ konzentrieren Senat und Bezirke ihre Aktivitäten, um die sozialräumliche und städtebauliche Entwicklung zu verbessern. Das Thema Bildung hat dabei Priorität, um insbesondere jungen Menschen neue Perspektiven zu eröffnen. Leitgedanke ist „Berlin als solidarische Stadt“, Vgl. Online: <www.stadtentwicklung.berlin.de/soziale_stadt/aktionsraeume_plus/ index.shtml>.

3

Das Stadtentwicklungsamt arbeitet gerne mit Studierenden zusammen, um nicht nur theoretisch etwas voneinander zu lernen, sondern auch experimentelle Ideen umzusetzen, die Realisierbarkeit von Konzepten zu erproben und durch diese neu geschaffene Realität Impulse für die attraktive Weiterentwicklung der Großsiedlung zu erhalten. Dabei sollen aus der Zielstellung des integrierten Stadtentwicklungsansatzes insbesondere die Bildungslandschaft des Bezirkes qualitätsvoll entwickelt und das gute und gesunde Aufwachsen der Kinder und Jugendlichen im Bezirk unterstützt werden. Die Öffnung von Bildungseinrichtungen in und für den Stadtteil wirkt sich nicht nur nachbarschaftsfördernd, sondern auch raumbildend aus, sie wird anhand von veränderten Gestaltungsformen sichtbar. Der Programmteil Aktionsraum plus 3 der Städtebauförderung bot mit seinem innovativen, experimentellen und aktivierenden Ansatz genau hierfür Möglichkeiten – ein Antrag wurde gestellt, die Bezirkspolitik und die Programmverantwortlichen bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt wurden überzeugt, eine Kerngruppe aus UnterstützerInnen in der Verwaltung (Stadtplanung, Natur- und Umweltamt) gebildet. Dann


83 Spiel/Feld UL in BerlinMarzahn Anwohnende und Studierende der Technischen Universität Berlin arbeiten gemeinsam auf dem Großen Beet. Foto: Susanne Hausstein, 2012

konnten die Studierenden loslegen (ihr Arbeitsaufwand wird entschädigt und Sachkosten werden übernommen). Nun galt es, AnwohnerInnen und Verantwortliche der umliegenden Einrichtungen zu begeistern und für einen nachhaltigen Beteiligungsprozess zu gewinnen.

4 Im Quartier Oberweißbacher Straße am Rande der Ahrensfelder Berge betreut die Wohnungsgenossenschaft FORTUNA eG derzeit circa 1.500 Wohnungen. Nach dem Abriss einer Doppelschule in der Oberweißbacher Straße 12 gestaltet die Genossenschaft die Rückbaufläche mit Stadtumbau-Fördermitteln als kiezPARK um. Die Planung und das Beteiligungsverfahren haben eine Arbeitsgemeinschaft mit der Architektin Susanne Schnorbusch und der Landschaftsplanerin Almuth Krause übernommen, Vgl. Online: <www.kiezpark. de>.

Bislang scheint das Experiment zu glücken: die Peter-PanGrundschule will Gartenbau und gesunde Ernährung in ihr Profil aufnehmen, mehrere Kita- und HortbetreuerInnen arbeiten mit ihren Kindergruppen mit – auch rüstige BewohnerInnen aus dem benachbarten Alpenland Pflegeheim haben Spaß am Bepflanzen der Salat- und Kräutertische. Das ist immerhin so vielversprechend, dass weitere Förderung für zweieinhalb Jahre zugesprochen werden soll. Denn ohne die oben bereits erwähnten „Kümmerer“ geht es nicht. Das Ziel der nächsten Förderphase muss jetzt sein, die Gruppe der aktiven GärtnerInnen zu vergrößern und unter den vielen AnwohnerInnen auch welche zu finden, die mittelfristig in diese „Kümmerer-Rolle“ hineinwachsen. Vielleicht kann man hier auch die Wohnungsunternehmen als Unterstützer gewinnen – so wie im kiezPARK an der Oberweißbacher Straße4. Denn etwas ist bezogen auf die Aneignung des öffentlichen Raumes durch Beteiligungsprozesse in Marzahn-Hellersdorf unabdingbar für den Erfolg: es braucht Verlässlichkeit, Verbindlichkeit, Unterstützung und viel Zeit zu wachsen.


Spiel/Feld Marzahn: Urbane Landwirtschaft am Mühlenbecker Weg Katrin Bohn

Als ich im April 2010 meine Gastprofessur an der Technischen Universität Berlin begann, bestand eine meiner ersten Aufgaben in der Teilnahme an einem Expertentag zum „Grünen Leitbild Berlin“.1 Abgesehen davon, dass dieses Leitbild von großer Bedeutung für das Thema Urbane Landwirtschaft in Berlin sein könnte, gab es dort ein Ereignis, welches große Bedeutung für das Fachgebiet Stadt & Ernährung hatte: Auf meine fachlichen Erläuterungen im Laufe der Veranstaltung hin, meldete sich ein Teilnehmer und fragte: „Ihnen geht's um Urbane Landwirtschaft? Wie viele Hektar wollen Sie denn?“

1 „Das Grüne Leitbild Berlin“ wurde als Strategie Stadtlandschaft Berlin im Mai 2011 vom Berliner Senat verabschiedet, Vgl. Online: <www.stadtentwicklung.berlin.de/aktuell/ pressebox/archiv_volltext. shtml?arch_1108/nachricht4462.html>. 2 Food & The City I / Produktive Stadtlandschaften, Workshop und Exkursion, Lehrveranstaltung für den MSc Landschaftsarchitektur im Sommersemester 2009/10 von Katrin Bohn.

Kurze Zeit später traf ich den Fragenden, Bernd Schütze, Amtsleiter des Umwelt- und Naturschutzamtes MarzahnHellersdorf, zu einem weiterführenden Gespräch, um gemeinsame Interessen zu besprechen, die es zwischen einem Bezirksamt – welches Nutzungen für zu viele kommunale Freiflächen suchte – und einem neuen TU-Fachgebiet – welches Aufgaben zur Urbanen Landwirtschaft suchte – geben könnte. Wir einigten uns auf das Durchführen von Lehrprojekten als eine Methode, das Thema Entwerfen für Urbane Landwirtschaft zu beforschen und vor Ort – hoffentlich – tatsächliches Interesse dafür zu entwickeln. Bernd Schütze stellte den Kontakt zu Sabine Antony, Leiterin des Fachbereiches Stadtplanung, her, und Sabine Antony den Kontakt zu konkreten Freiflächen. Schon ab Juni 2010 arbeiteten Masterstudierende der Landschaftsarchitektur dann in Marzahn. Jede der Lehr-


85 Darstellung: Anne Miersch, Gabriel Viana und Sumika Aizawa, 2010

veranstaltungen, die das Fachgebiet Stadt & Ernährung in den folgenden zwei Jahren unterrichtete, trug zum Marzahn-Projekt bei. Studierende der ersten Lehrveranstaltung – Workshop Food & The City I / Produktive Stadtlandschaften2 – entwarfen räumliche und organisatorische Szenarios für eine landwirtschaftliche Nutzung zweier Marzahner Freiflächen, die durch den Abriss von Kindergärten im Stadtbezirk entstanden waren. Die Studierenden konnten mit ihren Entwürfen so überzeugende Bilder schaffen, dass das Stadtplanungsamt Marzahn-Hellersdorf die TU Berlin als ernsthaften Partner in einem schon lose angedachten Urbane-Landwirtschafts-Projekt in Erwägung zog.

3 Koordinierungsstelle Flächenmanagement (2006) Neuland in der Großsiedlung MarzahnHellersdorf, Online: <www. neuland-berlin.org/downloads/NEULANDfolderDWNLD.pdf>. 4 How the Land Lies :: Wie das Land Liegt / Lügt :: Was ist Produktive Stadtlandschaft?, Entwurfsstudio, Lehrveranstaltung für die MSc Landschaftsarchitektur und Urban Design im Sommersemester 2010/11 von Katrin Bohn und Nishat Awan.

Sabine Antony schlug die Weiterarbeit auf einer Freifläche am Mühlenbecker Weg vor, für die das Bezirksamt schon seit Längerem „kreative Nutzungsvorschläge“ suchte, die umgesetzt werden könnten.3 Die Aufgabenstellung war einfach und schwierig zugleich: Bitte versucht, auf dem 4.000 m2 großen Standort ein Projekt zum gemeinschaftlichen Anbau von Obst, Kräutern und Gemüse anzusiedeln mit dem Ziel, dass es sich in der Zukunft alleine trägt. Vier Masterstudierendengruppen beschäftigten sich daraufhin während des Sommersemesters 2010/11 im Designstudio How the Land Lies :: Was ist Produktive Stadtlandschaft? 4 mit Entwürfen, die im konkreten Kontext dieses Standortes „urbane Produktivität“ testeten und in Vorschlägen mündeten, die von Mehrgenerationengarten

Spiel/Feld Marzahn

Das Entwurfsprojekt Essen ist zum Spielen da verband Nahrungsmittelproduktion auf einer Brachfläche mit einem Vertriebs- und Bildungskonzept für öffentliche Einrichtungen vor Ort, wie z.B. Schulen, Kindergärten oder Altenheimen.


bis Balkonlandschaft bis Feldwirtschaft bis Begegnungsraum reichten. Noch während der Laufzeit des Designstudios vereinbarten das Fachgebiet Stadt & Ernährung und das Stadtplanungsamt ein Kooperationsprojekt, das eine Umsetzung der studentischen Entwurfsansätze unter Beteiligung der Marzahner Anwohnenden zum Inhalt hatte. Spiel/Feld begann mit einer Pilotphase im August 2011.

Lernen UND Lehren für alle Beteiligten Bemerkenswert am Marzahn-Projekt insgesamt, sowohl für die FachgebietsmitarbeiterInnen als auch für die Studierenden, war die Erfahrung, gleichzeitig Lehrende und Lernende zu sein. Die Studierenden wurden vor allem durch die Aufgaben des zweiten Workshops Food & The City II / Das Marzahn-Projekt im Wintersemester 2011/125 und die Mitarbeit in der Spiel/Feld-Kerngruppe (seit August 2011) herausgefordert, da diese mit ihren partizipativen Ansätzen bisher ungewohnte Praxisnähe und 1:1-Denkweisen erforderten. Die Lehrenden hingegen lernten viel über Bodenarten, Pflanzabstände oder Gartenwerkzeuge, anwendungsbereites Wissen der Studierenden, auf dessen Benutzung diese mit Enthusiasmus gewartet zu haben schienen. Die Studierenden wiederum erlernten den Umgang mit „echten Bauherren“, wogegen die Anwohnenden, anfangs v. a. die Kinder, Neues über den Anbau von Gemüsen und Kräutern erfuhren.

5 Food & The City II / Das Marzahn-Projekt, Workshop und Exkursion, Lehrveranstaltung für den MSc Landschaftsarchitektur im Wintersemester 2011/12 von Katrin Bohn mit Kristian Ritzmann.

Die Studierenden des zweiten Workshops fertigten eine kurze Einordnung ihrer eigenen Beteiligung am Gesamtprozess an, um dadurch die verschiedenen Bestandteile eines partizipativen Entwurfsprojektes besser zu reflektieren. Aber nicht nur der laufende Prozess wurde als vielschichtig und multidisziplinär wahrgenommen, auch das persönliche Lernen fand auf ganz verschiedenen Ebenen statt, die so gut beschrieben wurden, dass es keiner weiteren Worte bedarf:


87 Spiel/Feld UL in BerlinMarzahn Im Mehrgenerationengarten bauen Jung und Alt auf maßgeschneiderten Beeten gemeinsam Gemüse und Kräuter an. Darstellung: Ninon Weber und Yvonne Griephan, 2011

„Im Planungsprozess habe ich mich selbst und alle anderen OrganisatorInnen innerhalb kurzer Zeit um einiges besser kennengelernt... Lernen, bestimmte Ideen wieder gehen zu lassen und dafür andere anzunehmen, ist dabei genau so wichtig, wie auf Eventualitäten vorbereitet zu sein...“ „Der Workshop in Marzahn war einer der wenigen 'realitätsnahen' Kurse, die ich an der TU be­sucht habe. Dabei wird immer wieder deutlich, dass die Umsetzung des Geplanten meist anders verläuft und einiges improvisiert werden muss, und seien es Kleinigkeiten wie zu wenige Würstchen für den Grillstand...“ „Es war wirklich beeindruckend, die zuvor geplanten Beete und Flächen in der Realität zu sehen. Der zuvor brachliegende Ort wurde durch den verhältnismäßig kleinen Eingriff stark verändert und eine auf dem Papier recht klein wirkende Fläche war in Realität auf einmal deutlich größer...“ „Das Bauen der Pflanzkisten und Bänke hat mir gezeigt, mit welchen einfachen Mitteln eine trotzdem formschöne serielle Einheit gebaut werden kann und wie die Umsetzung erfolgen muss.“ „An dem Marzahn-Projekt teilzunehmen bedeutete für mich, neue Aspekte der Profession der Landschaftsarchitektur kennenzulernen... Das Medium der Bürgerbeteiligung wird oft außer Acht gelassen, ist jedoch ein wertvolles Entwurfs- und Kommunikationsinstrument...“


Mapping der eigenen Beteiligung an der ICH BIN Pflanzaktion im November 2011 und deren Vorbereitung. Darstellung: Lena Keßenbrock, 2011

„... der Skepsis vieler vorübereilender Personen beim Anblick unserer Vorbereitungen kann man nicht mit hochtrabenden Bemerkungen zu 'universitärem Projekt / produktive Stadtlandschaften / Forschung' begegnen. So versuchen wir den Fokus auf 'Gärtnern / mit Schülern und Anwohnenden zusammenarbeiten' zu legen – und siehe da, viele werden neugierig...“ „Teilweise erschütterte mich jedoch die große Unwissenheit in Sachen Pflanzen/Natur, die in den Köpfen der Kinder vorherrschte... Die verwunderten Blicke bei der Erklärung, dass Tomaten aus Samen entstehen, zeigte mir, wie wichtig unsere Arbeit vor Ort gewesen ist...“

6 Die Zitate entstammen den Arbeiten von Andi Steidl, Carolina Keller, Heyden Freitag, Johanna Kühnelt, Katharina Bentien und Niklas Mayr, Masterstudierende der Landschaftsarchitektur, 2011.

„Der Stadtteil Marzahn versprüht weit über die Grenzen Berlins hinaus den Eindruck, den man als Problemstadtteil bis hin zum Begriff Ghetto bezeichnen könnte... Daher bot das partizipative Projekt einen guten Rahmen, um eine persönliche Bindung zu den BewohnerInnen aufzubauen und den Stadtteil fern der klischeehaften Bilder kennenzulernen.“ „Um ein Projekt ins Leben zu rufen, ist viel Zeit und Organisation notwendig. Jede/r Einzelne muss Verantwortung für seinen Teilbereich übernehmen. GEMEINSAM SCHAFFT MAN NEUES!“ 6


89 Spiel/Feld Marzahn Die Ausmaße eines typischen Marzahner Balkons wurden benutzt, um Kleinstlandwirtschaften anzudenken, die unter fachlicher Anleitung bepflanzt werden können. Foto: Björn Scheffler und JensChristian Knoll, 2011

Übertragbarkeit als Aufgabenstellung Jede neue urbane Landwirtschaft trägt mit ihrer ganz spezifischen Situation zur Fülle an Erfahrungen in diesem Bereich der Stadtgestaltung bei und wird zum Lehrbeispiel für weitere Projekte ähnlicher Art. Betrachten wir Spiel/Feld (nach nicht einmal einem Jahr Projektzeit) im Bezug auf seine Aufgabenstellung, lassen sich erste Aussagen zum bisherigen Verlauf und dem bereits Gelernten machen: e Wer fängt an? Spiel/Feld ist ein von außen initiiertes Beteiligungsprojekt, bei dem eine Gruppe Studierender als Vermittler zwischen den gegenwärtigen Nicht-/Nutzern der Fläche (Anwohnende) und den entscheidungsbefugten Verwaltern der Fläche (Bezirksamt) fungiert. Vorteil dieser Konstellation ist, dass die studentischen InitiatorInnen den Ort mit frischer Energie versorgen, Expertise mitbringen und über ein Budget verfügen. Nachteil ist, dass sich erst während der Kontaktaufnahme zu den Anwohnenden herausstellt, ob die von Verwalter und Vermittler angestrebte Nutzung der Fläche überhaupt erwünscht ist.


11

2 9

8

1 4

6 5 3 7

e Wie fängt man an?

7 Zu übersetzen mit 'Bestandsaufnahme der städtischen Kapazität' (Anm. Übersetzer), Vgl. Bohn, Katrin und Viljoen, André, The CPUL City Toolkit: Planning productive urban landscapes for European cities in: Viljoen, André und Wiskerke, Johannes (Hrsg.), Sustainable Food Planning: Evolving Theory and Practice, Wageningen: Wageningen Academic Press, 2010.

Bohn&Viljoen Architects benennen den ersten Schritt zur Etablierungs eines Urbane-Landwirtschaft-Projektes als 'Inventory of Urban Capacity' 7. Im Falle von Spiel/ Feld bestand diese v. a. darin, sich mit den vorhandenen Qualitäten/Nutzungen des Ortes vertraut zu machen. Die Studierenden führten außerdem von Anfang an ein „offenes Haus“, in dem die Meinungen jedes Interessierten aufgenommen und lokale Experten bewusst einbezogen wurden. Vorteil dieser Arbeitsweise ist es, dass man schnell lernt, die Akteure-Kapazität des Standortes einzuschätzen. Nachteil in einem von außen initiierten Projekt ist, dass die anfallende gärtnerische Kapazität anfangs vom Verursacher (den Studierenden) selbst aufgebracht werden muss, da sich die Akzeptanz des Projektes erst mit der Zeit einstellt.


91 Zu Beginn des Projektes im Spätsommer 2011 entwickelte die Studierendengruppe der TU Berlin gemeinsam mit den unmittelbaren Nachbarn erste Ideen für die Nutzung der Brachfläche. Dabei arbeiteten die Studierenden anfangs mit den öffentlichen Einrichtungen vor Ort.

10

Nach den ersten Veranstaltungen gesellten sich weitere Anwohnende zur Gruppe der Interessierten. 1

Projektgebiet

2

Peter-Pan-Grundschule

3

Hort der Peter-PanGrundschule

4

Alpenland Pflegeheim

5

Schul- und SportJugendClub Marzahn

6

Sportgaststätte Fuchsbau

7

Stadtteilzentrum Marzahn Mitte

8

FAIR Kinder–Jugend– Freizeit Förderverein

9

Familienzentrum Felix

10

Tierhof Alt-Marzahn

11

Garten der Begegnung

Planzeichnung: JensChristian Knoll und Fachgebiet Stadt & Ernährung (2012) unter Benutzung einer Plangrundlage von Fisbroker <http://fbinter.stadt-berlin.de/ fb/index.jsp> vom 20.01.2012.

e Funktioniert Urbane Landwirtschaft an diesem Ort? Spiel/Feld versteht sich als Teil einer produktiven Stadtlandschaft, bei der der eigene Standort in ein großflächigeres räumliches Kontinuum von produktiven Freiflächen eingebettet ist. Diese Herangehensweise ermöglicht den Austausch mit anderen Gartenprojekten (z.B. Agrarbörse Ost e.V.) und der Stadtverwaltung (z.B. Grünflächenamt). Prinzipiell kann jede/r überall gärtnern. Es ist daher wichtig, auch ein soziales und fachliches Netzwerk aufzubauen, welches die neuen StadtgärtnerInnen mit allem Nötigen versorgt, sei es der Zugang zu Gartengeräten, Wasser oder Hilfe beim Aussäen. e Wie wurde gepflanzt? Während der Vorbereitung des Anbaus hat Spiel/Feld die natürlichen und sozialen Produktionsbedingungen des Standortes untersucht. Bei der Anlage der Beete und der Pflanzenauswahl spielten die Belichtungs-, Wind-, Wasser- und Bodenverhältnisse eine große Rolle, sowie die Durchwegung der Fläche und ihre Nutzung durch andere Anwohnende, Mundräuber, Hunde und Hasen. Einer der Studenten, gleichzeitig Gärtner, half bei der Auswahl von Arten und Mengen der Pflanzen und stimmte diese auf die in Vorgesprächen erfragten Möglichkeiten der neuen GärtnerInnen ab. e Wann kann das Projekt auf eigenen Füßen stehen? Noch nicht. Aber es ist bereits deutlich geworden, dass Spiel/Feld in seiner nächsten Phase vor allem vier Dinge braucht: e eine verantwortungsbereite gärtnernde Anwohnergruppe, die lokal gut vernetzt ist, e konkrete Nutzungsrechte und städtisch gewährleistete Hilfsmittel, wie z.B. Wasser, e Zeit zum Erfahrungen sammeln, was auf dieser Fläche wo, wie und wann produziert werden kann, e schönes Wetter, also Sonne und Regen.

Spiel/Feld UL in BerlinMarzahn

Bestandsaufnahme Spiel/Feld Marzahn


Siedlungsgeschichte des Dorfes Marzahn Alexander Teichmann

Einen genauen Zeitpunkt der ersten Besiedlung des heutigen Marzahns zu nennen ist schwierig. Es ist anzunehmen, dass nach dem Ende der letzten Eiszeit, also vor circa 10.000 Jahren, Jäger und Sammler durch die Landschaft der Barnimhochfläche streiften. Diese war zu jener Zeit noch bewaldet. Erste nachweisliche Zeugnisse wurden in den 1950er Jahren zufällig bei Bauarbeiten nahe Biesdorf gefunden. Feuersteinspitzen aus der jüngeren Altsteinzeit (ca. 900 v. Chr.) sowie Tiermasken legen einen Aufenthalt von Menschen im Gebiet um Marzahn nahe.1 Mit dem Erschließen des Baugrundes für die Großsiedlungen im Jahr 1975 wurden weitere Spuren und Relikte menschlicher Siedlungstätigkeit im Gebiet um Marzahn gefunden. Es handelte sich um Spuren slawischer und germanischer Stämme, die in der Zeit von 600 v. Chr. bis in das 4. und 6. Jahrhundert n. Chr. als Ackerbauern und Viehzüchter lebten.2

1 Peters, Günter, Hütten Platten Wohnquartiere, BerlinMarzahn. Ein junger Bezirk mit altem Namen, Berlin: MAZZ-Verlagsgesellschaft mbH, 1998, Seite 15. 2

Ebenda, Seite 15.

Marzahn wurde erstmals gegen Ende des 13. Jahrhunderts als ortsfeste Siedlung Mortzane erwähnt. Die erste Beschreibung des Dorfes Marzahn findet sich im Landbuch des Kaisers Karl IV. von 1375. Die Erwähnung einer ortsfesten Siedlung beschreibt jedoch nicht die Gründung eines Dorfes. So ist anzunehmen, dass das Dorf schon vor 1375 bestand. In der Regel waren die Fürsten Eigentümer der Dörfer. Das Dorf Marzahn weist die Besonderheit aus, dass seine Besitzer im Laufe der Jahrhunderte oft wech-


93 Spiel/Feld Marzahn

selten. Erst ab dem Jahre 1601 gehörte das Dorf Marzahn wieder dauerhaft einem Fürstengeschlecht an, dem der Hohenzollern. Das Dorf Marzahn ist ein Straßenangerdorf, wie es in weiten Teilen Brandenburgs öfter anzutreffen ist. Die spindelförmige Angerfläche in der Mitte des Dorfes gibt diesem Siedlungstyp seinen Namen. Eine weitere Besonderheit im Dorf Marzahn stellt der Zuzug pfälzischer Siedler ab dem Jahre 1764 dar.3 Anzunehmen ist, dass infolge des verlustreichen Siebenjährigen Krieges (1756 –1763) neue Siedler gebraucht wurden, um das Land wieder aufzurichten.4

3

Ebenda, Seite 22.

Schnitter, Daniela, Lesebuch Marzahn-Hellersdorf. Geschichte und Geschichten aus 10.000 Jahren, Berlin: Bezirksmuseum MarzahnHellersdorf, Fachbereich Kultur, 2009, Seite 65.

4

Peters, Günter, Hütten Platten Wohnquartiere, BerlinMarzahn. Ein junger Bezirk mit altem Namen, Berlin: MAZZ-Verlagsgesellschaft mbH, 1998, Seite 82. 5

Mit dem Einsetzen der Industrialisierung in Preußen rückte das Dorf Marzahn näher nach Berlin. Ein stetiger Bedarf an Arbeitern zog viele Menschen aus allen Teilen Preußens nach Berlin. Das starke Wachstum Berlins zu jener Zeit führte zu einer regelrechten Bevölkerungsexplosion verbunden mit katastrophalen Wohnverhältnissen. Um diese zu verbessern, wurde der Aufbau einer funktionsfähigen Kanalisation durch James Hobrecht und Rudolph Virchow beschlossen. Die Abwässer wurden vor den Toren der Stadt versickert. Durch den stetigen Eintrag an Nährstoffen in die Böden entwickelte sich die Gegend um Marzahn zu einem Gemüseanbaugebiet. Mit der Eröffnung des Bahnhofs Marzahn im Jahre 1898 konnte das Gemüse, aber auch Milchvieh, schnell in die prosperierende Metropole Berlin gebracht werden. Obwohl die Verbindungen zum nahe gelegenen Berlin sehr eng waren, wurde Marzahn erst im Jahre 1920 zur Stadtgemeinde Groß-Berlin eingemeindet. Durch die beginnende gleichzeitige Versickerung von Industrieabwässern wurde der Gemüseanbau nach und nach eingestellt. Die Inbetriebnahme des Klärwerks Falkenberg im Jahr 1968 führte zur weitgehenden Einstellung der Verrieselung. Auf den frei werdenden Flächen sollten moderne Großsiedlungen entstehen.5


Das Baugebiet Marzahn in der DDR Yvonne Griephan

Die Gestalt neuer Wohnsiedlungen in der DDR wurde von der technischen und ökonomischen Realität des Landes bestimmt. Im Städtebau und in der Architektur setzten sich klare kubische Formen durch, die ornament- und dekorationslos waren. Die Plattenbau-Serie WBS 70, die in Marzahn-Hellersdorf zum Einsatz kam, wurde in ihrer 18-jährigen Anwendung zwar in mehreren Stufen verändert, aber das Grundprinzip blieb weitestgehend gleich. Trotzdem unterscheiden sich Marzahn und Hellersdorf in ihrem städtebaulichen Charakter: Die geschlossene Blockbebauung in Marzahn nimmt mit der Erweiterung des WBS-Sortiments von Süden nach Norden zu.1 In Marzahn wurde ab 1977 in die Höhe gebaut, fast 60 Prozent der Gebäude sind Zeilen-Gebäude mit elf oder mehr Geschossen sowie Punkthochhäuser mit über 18 Geschossen. In Hellersdorf dagegen dominieren sechsgeschossige Wohnhäuser in Blockstruktur das Siedlungsbild.2

1 Peters, Günter, Hütten Platten Wohnquartiere, BerlinMarzahn. Ein junger Bezirk mit altem Namen, Berlin: MAZZ-Verlagsgesellschaft mbH, 1998. 2 Fritsche, Mariam und Lang, Thilo, Im Wandel beständig: Stadtumbau in Marzahn und Hellersdorf. Projekte Reflexionen Streitgespräche, Berlin: Bezirksamt Marzahn von Berlin, 2007.

Aufgrund topografischer und geografischer Unterschiede, sowie der vorhandenen Verkehrsstruktur und nötiger Bauetappen für eine beabsichtigte Bauzeit von 20 Jahren, wurde das Baugebiet Marzahn ursprünglich in drei Wohngebiete unterteilt: Der Bau der Großsiedlungen in Montagebzw. Plattenbauweise erfolgte von Süd nach Nord. Ab 1977 wurden auf 400 Hektar über 100.000 Wohnungen errichtet, in denen mehr als 200.000 Menschen lebten. Das erste Wohngebiet entstand im Süden Marzahns, das zweite beinhaltete die Umbauung des Dorfes Marzahn und endete am dritten Wohngebiet mit dem Hauptzentrum an der Marzahner Promenade. Unter der Leitung des Chefarchitekten Heinz Graffunder wurden für die Wohn­gebiete unterschiedliche städtebauliche, wirtschaftliche und gestalterische Lösungen mit neun Grundtypen für Wohnbauten


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Die erwünschte städtebauliche Qualität und eine differenzierte, abwechslungsreiche Gestaltung ohne schematische Wiederholung der Gebäudestrukturen, sowie die Einbeziehung landschaftlicher und topografischer Besonderheiten wurden nur zum Teil erlangt.

3 Hübner, C., Rank, M. und Teresiak, M., Historischer Überblick, in: 20 Jahre Marzahn. Geschichte – Bauen – Leben, Berlin: Bezirksamt Marzahn von Berlin, Abt. Jugend, Bildung und Kultur, Kulturamt /Bezirksmuseum, 1999. 4 Peters, Günter, Hütten Platten Wohnquartiere, BerlinMarzahn. Ein junger Bezirk mit altem Namen, Berlin: MAZZ-Verlagsgesellschaft mbH, 1998. 5 Antony, Sabine, Im Wandel beständig: Stadtumbau in Marzahn und Hellersdorf. Projekte Reflexionen Streitgespräche, Berlin: Bezirksamt Marzahn von Berlin, 2007.

Nach der Wende ab 1990 wurden 80 Prozent der Gebäude der Großsiedlungen Marzahn und Hellersdorf von Süden nach Norden mit enormen finanziellen Zuschüssen saniert und das Umfeld durch Gestaltung von Hauseingängen, Höfen, wohnungsnahen Flächen und Spielplätzen verbessert. Städtebauliche Lücken wurden durch Neubauprojekte geschlossen.5 Von 1999 bis 2009 wurden ca. 140 nicht mehr benötigte Infrastruktureinrichtungen aufgegeben und abgerissen. Betroffen davon waren u. a. 64 Kindertagesstätten und 59 Schulen, darunter auch zwei Schulen auf dem Spiel/Feld Projektgelände. Das Spiel/Feld Projektgebiet befindet sich in der Nähe des Hauptzentrums der Großsiedlung, Marzahner Promenade, im Inneren einer geschlossenen Blockrandbebauung aus Hochhäusern, die in ihrer Höhe zur Mitte hin abnehmen. Es ist ein ehemaliger „Schulstandort“, umgeben von sozialen Einrichtungen, wie einer Grundschule, dem dazugehörigen Hort, einem Sport- und Jugendclub und einem Altenheim. Der Blockinnenbereich ist wie überall in der Nachbarschaft ein verkehrsfreier Fußgängerbereich. Der Baumbestand entspricht der Originalbepflanzung der ehemaligen Schulgelände und gilt vor Ort als beinahe einziges Relikt dieser Zeit...

Spiel/Feld Marzahn

und zwölf Grundtypen für gesellschaftliche Bauten ausgearbeitet.3 Die Bebauungsformen waren meistens mäanderförmig, quartierartig und annähernd blockförmig, wobei die Blöcke dreiseitig oder vierseitig geschlossen waren. Die gesellschaftlichen Einrichtungen wurden ebenfalls in Platten- oder (Stahlbeton-) Skelettbauweise serienmäßig errichtet. Mittelpunkt in den Wohngebieten waren die Versorgungszentren, welche meist aus einer Kaufhalle, Dienstleistungseinrichtungen, einer Wohngebietsgaststätte und sozialen Einrichtungen bestanden.4


Die Demografie des Bezirkes Marzahn-Hellersdorf um das Jahr 2011 Sarah Götze

Die Untersuchung der derzeitigen Bevölkerungszusammensetzung im Sozialraum Marzahner Promenade soll klären, welchen Beitrag Urbane Landwirtschaft hinsichtlich der angestrebten Veränderung der Sozialstruktur leisten kann. Nach einem drastischen Anstieg der Bevölkerungszahl Anfang der 1980er Jahre1, kam es seit Mitte der 1990er Jahre in Marzahn-Hellersdorf zu einer negativen Bevölkerungs1 Hübner, C., Rank, M. und entwicklung.2 Erst seit 2009 steigt die Einwohnerzahl wieTeresiak, M., Historischer Überblick, in: 20 Jahre Marzahn. der an. Dies kann vor allem mit der Zunahme an EinwohGeschichte –Bauen – Leben, nenden mit Migrationshintergrund begründet werden.3 Berlin: Bezirksamt Marzahn Während die arbeitende Bevölkerung zwischen 18 und von Berlin, Abt. Jugend, Bildung und Kultur, Kulturamt/ 55 Jahren weiter zurückgeht, steigt der Anteil der jungen Bezirksmuseum, 1999, Seite 18. sowie älteren Bevölkerung. Dies spiegelt sich vor allem in 2 Ebenda, Seite 55. der Geburtenrate wider, die an der Marzahner Promenade 3 Bezirksamt Marzahn-Hellers- dreimal höher ist als der Durchschnitt des Bezirkes.4 Dem dorf (1): Demographische Situ- entgegen steht der große Anteil älterer Personen. Durch sie ation in Marzahn-Hellersdorf ergibt sich heute ein Durchschnittsalter von 42,7 Jahren,5 2010. Beiträge zur integrierten das nur knapp unter dem Berlins (mit 43,3 Jahren6) liegt. Gesundheits- und Sozialberichterstattung. Kurzbericht, Da derzeit relativ wenig junge Menschen in den Bezirk Berlin 2011, Seite 13. ziehen, kann davon ausgegangen werden, dass der Alters4 Ebenda, Tabelle A7. durchschnitt in Marzahn-Hellersdorf in den nächsten 5 Ebenda, Tabelle 10. Jahren den Berlins übersteigen wird.


Bezirksamt MarzahnHellersdorf (1): Tabelle 3.

7

Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund liegt bei 25,7 Prozent. Vgl. Rockmann, Ulrike (2011) Wer sind und wo leben die Zuwanderer in Berlin? Einwohnerinnen und Einwohner mit Migrationshintergrund, Online: <www.berlin.de/imperia/md/content/lb-integrationmigration/statistik/pk_praesentation_afs_bed_bf.pdf>. 8

Bezirksamt MarzahnHellersdorf (1): Tabelle 3.

9

10

Ebenda, Seite 10f.

Bezirksamt MarzahnHellersdorf (2): Zur sozialen Situation in Marzahn-Hellersdorf 2009. Basisbericht, Berlin 2010, Seite 3.

11

12

Ebenda, Seite 23f.,

Platz, Alexander (2011) Der Wahlberliner. Arbeitslosigkeit und Hartz IV in Berlin – September 2011 / Arbeitsmarkt 13, Vgl. Online: <https://derwahlberliner.wordpress. com/2011/10/03/arbeitslosigkeit-und-hartz-ivinberlin-september-2011-arbeitsmarkt-13/>. Bezirksamt MarzahnHellersdorf (2): Seite 2.

13

14

Ebenda, Tabelle A9.

Innerhalb des Großwohnsiedlungsgebietes besteht die Tendenz der Abwanderung sozial stärkerer und des Zuzugs sozial schwächerer Einwohnenden.11 Der größere Anteil aller Erwerbslosen (unter 65 Jahren) bezieht ALG II (Hartz IV), das eine Grundsicherung am Existenzminimum gewährleistet. Vor allem im Bereich der Marzahner Promenade ist der Anteil an Hartz IV-Empfängern anderthalbmal so hoch wie der Berliner Durchschnitt.12 Neben Kindern und Jugendlichen und deren Familien sind vor allem Alleinerziehende und fast die Hälfte der Ausländer (ausgenommen Deutsche mit Migrationshintergrund) auf die Grundsicherung angewiesen.13 So kommen etwa zwei von drei Kindern aus Familien, die ihre Existenz nur mit Hilfe des Arbeitslosengeldes II sichern können.14 Die hier analysierten demografischen und soziologischen Gegebenheiten reichen jedoch nicht für einen vollständigen Überblick über die Bevölkerungszusammensetzung aus. Doch deutlich wird trotz dessen, dass innerhalb des Bezirkes soziokulturelle Veränderungen angestrebt werden sollten. Es braucht mehr Anreize für junge Menschen und sozial stärkere Einwohnende, um einer Überalterung der Bevölkerung entgegen zu wirken und das Sozialniveau innerhalb des Bezirkes anzuheben. Projekte zur Urbanen Landwirtschaft bieten eine Freizeitgestaltung für Jung und Alt, die zur Zusammenführung unterschiedlicher Kulturen beiträgt, Beschäftigungsmöglichkeiten schafft, die gestalterische und partizipative Pflege urbaner Brachen sichert und auch Kinder sozial schwacher Familien mit gesunder Ernährung aufwachsen lässt.

Spiel/Feld Marzahn

97 97 6 Errechnet aus Daten des Amtes für Statistik BerlinBrandenburg 2010, Vgl. Online: <www.statistikberlin-brandenburg.de/>.

Der Bezirk Marzahn-Hellersdorf hat im Vergleich zu Berlin mit 10,9 Prozent7 nur einen verhältnismäßig geringen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund8. Da die Marzahner Promenade mit 16,1 Prozent9 zu den Sozialräumen mit dem höchsten Migrantenanteil innerhalb des gesamten Bezirkes gehört, entsteht jedoch der Anschein eines hohen Ausländeranteils. Dieser setzt sich vor allem aus Menschen vietnamesischer, polnischer und russischer Herkunft zusammen.10


Kontakte & Konzepte

Den Boden bereiten

10/09 Umweltfest Marzahn

02/11 Workshop III mit der PeterPan-Grundschule

21/09 Workshop I mit der PeterPan-Grundschule, Treffen mit dem Schul- und Sportjugendclub Marzahn 23/09 Treffen mit Stadtteilzentrum Marzahn Mitte, Agrarbörse Deutschland Ost e.V. und FAIR Kinder-Jugend-Freizeit Förderverein 28/09 Workshop II mit der PeterPan-Grundschule

Design

25/10 „Gestern – Heute – Morgen“Veranstaltung: Ausstellung, Installationen und Ortsbegehung 08/2011 Beginn der detaillierten Projektplanung, die in den folgenden Monaten den Gegebenheiten vor Ort ständig angepasst wird 01/09 Informationsmaterial über das Projekt für das Umweltfest

Forschung

22/10 Einladung, Flyer und Plakate für die Veranstaltung auf der Fläche

25/08 erstes Treffen mit dem Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf PROJEKTSTART 31/08 Treffen mit dem Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf 07/10 Treffen mit dem Bezirksamt und der Agrarbörse Deutschland Ost e.V.

ab 08/09 wöchentliches Kerngruppentreffen am Fachgebiet Stadt & Ernährung

AUG 2011

09/11 1. Akteuretreffen „Ideen für den Ort“ 17/11 Gartentorbesprechung mit der Peter-Pan-Grundschule 21/11 Treffen mit dem Alpenland Pflegeheim und Besprechung der 2. Veranstaltung

30/11 „ICH BIN...“-Veranstaltung: Ausstellung und Pflanzaktion

ab 07/11 Internetauftritt (Blog) 15/11 Projektblatt Aktionsraum plus 23/11 Einladung, Flyer und Ausstellungstafeln für die Veranstaltung auf der Fläche 25/11 Holzworkshop bei der Agrarbörse Deutschland Ost e.V. 10/2011 Bodenuntersuchungen, Bestandsaufnahme der Vegetation 23/11 Vorbereitung Holzworkshop, Konstruktion der Bänke und Hochbeete 28 und 29/11 Vorbereitung der Fläche für die „ICH BIN...“Veranstaltung

2. öffentliche Veranstaltung „ICH BIN...“

16/09 Treffen mit der Peter-PanGrundschule und der DEGEWO

1. öffentliche Veranstaltung „Gestern – Heute – Morgen“

Partizipation

Zeitplan: Die wichtigsten Aktivitäten der Pilotphase

ab 02/11 Master-Lehrveranstaltung Vertiefung Heritage (K. Bohn mit K. Ritzmann)

OKT 2011

NOV 2011


vorbereiten

Säen & Aufziehen

Ernten

19/12 Pflanzaktion Obstbäume mit der Agrarbörse Deutschland Ost e.V.

09/02 Treffen mit der Peter-Pan-Grundschule

23/05 5. Akteuretreffen „Feedbacktreffen“

21/02 Treffen mit dem Familienzentrum Felix

05/06 1. Übernahme eines frei gewordenen Beetes durch Anwohnende

04/01 Pflanzaktion Frühjahrsblüher

08/03 3. Akteuretreffen „Beetbestellung“

11/01 Treffen mit der Peter-Pan-Grundschule

04/01 Planung der Bepflanzung des Großen Beetes mit Frühjahrsblühern 12/01 Vorbereitung Beetaufteilung

15/01 Vorbereitung Pflanzenauswahl für die Beete

ab 12/2011 zweimal wöchentlicher Arbeitseinsatz der Kerngruppe auf der Fläche

JAN 2012

18/04 Pflanztag mit PeterPan-Grundschule und Hort, Familienzentrum Felix und Anwohnenden ab 03/2012 Vorbereitung Flyer, Einladung und Ausstellungstafeln für den Pflanztag im April ab 03/2012 Vorbereitung Beetbestellung und Erstellung Pflanzplan

17/04 Treffen mit dem Bezirksamt ab 03/12 Berechnungen und Absprachen mit Peter-Pan-Grundschule und Familienzentrum Felix zur Bestellung der Pflanzflächen im April

12/06 Erdbeerfest und Richtfest Geräteschuppen

02/05 Einladung an Akteure für Feedbacktreffen ab 05/2012 Vorbereitung und Einladung für Erdbeerfest und Richtfest Geräteschuppen ab 05/06 Schuppenaufbau im Gelände der Peter-PanGrundschule 01/05 Arbeitseinsatz im Alpenland Pflegeheim 16/05 Pflanzaktion im Alpenland Pflegeheim ab 12/06 stetiges Aufteilen der Pflanzflächen an interessierte Anwohnende

ab 16/04 Master-Lehrveranstaltung Growing up, schooling for sustainability. A new school building and community based agriculture in Marzahn. (C. Loidl-Reisch)

FEB 2012

4. Akteuretreffen „Pflanztag“

01/12 Schuppenplanung

3. Akteuretreffen „Beetbestellung“

09/02 2. Akteuretreffen „Landvergabe“

15/03 Treffen mit dem Alpenland Pflegeheim

3. öffentliche Veranstaltung „Erdbeerfest“

Pflanzen

ab 20/04 dreimal wöchentlicher Arbeitseinsatz der Kerngruppe auf der Fläche

APR 2012

JUN 2012


Installation auf der Fläche im Oktober 2011.

Kontakte & Konzepte August – Oktober 2011

e Gespräche & Workshops e Qualitäten des Ortes e räumliche Installationen e 1. öffentliche Veranstaltung „Gestern – Heute – Morgen“


Partizipation

Dem Thema der ProduktiDer Schwerpunkt der ersten ven Stadtlandschaft auf der Brachfläche am MühlenPhase des Projektes Spiel/ becker Weg hatten sich die Feld bestand darin, mit öffentlichen Infrastrukturen Studierenden der TU Berlin in Kontakt zu treten und die in verschiedenen Seminaren und Projekten genähert. Brachfläche am Mühlenbecker Weg im Kontext der Ideen vom GemeinschaftsProduktiven Stadtlandschaft garten über den Mehrgezu thematisieren. Es wurden nerationengarten bis hin zur Feldwirtschaft stellen vor allem Institutionen die Visionen von Urbaner kontaktiert, die nahe der Brachfläche angesiedelt sind Landwirtschaft dar. oder eine enge Verbindung Zur ersten öffentlichen mit den AnwohnerInnen Veranstaltung wurde auf aufweisen. So fand ein der Fläche eine Ausstellung erstes Treffen mit der Petervorbereitet, welche den Pan-Grundschule, dem BesucherInnen AusarAlpenland Pflegeheim, mit beitungen zu Geschichte, diversen Jugendclubs sowie gegenwärtigem Bestand und dem Stadtteilzentrum Zukunftsperspektiven aufMarzahn Mitte und der zeigte und Möglichkeiten DEGEWO statt. Erste Konder produktiven Nutzung takte zu AnwohnerInnen diskutierte. Die geschichtund möglichen künftigen lichen Hintergründe des GärtnerInnen wurden beim Großsiedlungsbaus von BerUmweltfest in Marzahnlin-Marzahn sind im KonHellersdorf geknüpft. text der sozialen Strukturen Die erste öffentliche Veran- entscheidend. Gemeinsam wurde entschieden, dass auf staltung unter dem Motto den Grundrissen der ehe„Gestern-Heute-Morgen“, maligen Schulen die ersten fand Ende Oktober 2011 produktiven Blumen-, Obst-, auf der Brachfläche statt Gemüse- und Kräuterbeete und wurde positiv von den Anwesenden aufgenommen. entstehen sollen.

Forschung Was bedeutet Produktive Stadtlandschaft? Welche Räume der Stadt bieten Potenziale für landwirtschaftliche Nutzung? Welche positiven Auswirkungen haben beispielsweise Gemeinschaftsgärten auf die umgebenen städtebaulichen und sozialen Strukturen? Ist es wichtiger, dass man Geld mit den angebauten Produkten verdienen kann oder, dass Urbane Landwirtschaft Kommunikation und Zusammenarbeit fördert und ein Ernährungsbewusstsein schaffen kann? Beides? Die Frage, woher Nahrungsmittel kommen und unter welchen Bedingungen sie angebaut werden, soll mit diesem Projekt demonstriert werden. Workshops in der Grundschule, im Hort und im Altenheim untersuchten die Idee des Gemeinschaftsgartens. Die TeilnehmerInnen wurden nach ihren Vorstellungen befragt, und es wurden Felduntersuchungen durchgeführt, die Potenziale für Urbane Landwirtschaft aufzeigen.

Kontakte & Konzepte 101 101

Design


Der 1. Workshop im September 2011 mit Hortkindern der Peter-Pan-Grundschule und Frau Larsson, der stellvertretenden Direktorin, befasst sich mit den vorhandenen Qualitäten der Brache.

7

10 1

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11

Spiel/Feld Marzahn: Akteure vor Ort Die Akteure unterstützen das Projekt seit September 2011 u. a. mit Wasser zum Gießen (3), gemeinsamen Workshops (2), der Bereitstellung von Räumlichkeiten für Akteuretreffen und Ausstellungen (1 und 3), Verpflegung (5) und gemeinsamer Planung, Beratung und Ideenfindung (1-7).

8

1

Peter-Pan-Grundschule

8

Mühlenbecker Weg

2

Hort der Peter-PanGrundschule

9

Franz-Stenzer-Straße

10

Stolzenhagener Straße

11

Zühlsdorfer Straße

3

Alpenland Pflegeheim

4

Schul- und SportJugendClub Marzahn

5

Sportgaststätte Fuchsbau

6

Familienzentrum Felix

7

Anwohnende

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Darstellung: Nishat Awan und Kristian Ritzmann, 2011 und 2012


Kontakte & Konzepte 103 103 Beim 2. Workshop mit SchülerInnen werden Pflanzen für ein Herbarium gesammelt.

Die SchülerInnen der Workshop-Gruppe sammeln und interessieren sich vor allem für die wilden Blumen auf der Brache.

Ein weiterer Workshop beim Spendenlauf der Peter-Pan-Grundschule bietet Gelegenheit, die Kinder nach ihren eigenen Wünschen für den zukünftigen Garten zu befragen. Darstellung: Zeichnungen von SchülerInnen der Peter-Pan-Grundschule, 2011


Um Aufmerksamkeit für das Projekt zu erzeugen, werden die Erfahrungen aus den vorangegangenen Workshops auf der Brache sichtbar gemacht. In Anlehnung an ein früheres Studienprojekte wird der „Marzahner Balkon“ errichtet. Die gesammelten Kinderwünsche werden gezeigt und in einer begleitenden Ausstellung über die Geschichte, die Potenziale und Besonderheiten des Ortes informiert. Außerdem werden ein Teil der Fläche abgesteckt und die ersten Meter Boden symbolisch umgegraben.


Kontakte & Konzepte 105 105 Die erste öffentliche Veranstaltung im Oktober 2011 wird zum Anlass genommen, mit Akteuren und Anwohnenden über die Zukunft der Fläche ins Gespräch zu kommen.


Das Große Beet im November 2011.

Den Boden bereiten Oktober – November 2011

e 1. Akteuretreffen e Ideen für den Ort e Beete bauen (hoch und tief ) e 2. öffentliche Veranstaltung „ICH BIN Pflanzaktion“


107 107

Design

Forschung

In der zweiten Projektphase wurden in verschiedenen Treffen und einem Workshop mit Studierenden, Vertretern vom Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf und AnwohnerInnen die Zukunft des Gartenprojektes auf der Fläche besprochen. Die gemeinsamen Ideen zur Flächengestaltung, den Nutzungsmöglichkeiten und der Pflanzenverwendung werden als Teil der Planung in den weiteren Prozess maßgeblich eingebunden.

Ein Internetblog zeigt die aktuellen Aufgaben und Ergebnisse des Projektes. Werbeflyer und Plakate laden zur nächsten öffentlichen Veranstaltung ein.

Die in der zweiten Projektphase beginnende Lehrveranstaltung setzte sich mit dem urbanen Landwirtschaften vor Ort auseinander. In Workshops wurden Pflanzcontainer mit dauerhaftem oder temporärem Charakter entworfen und konstruiert. Temporäre Pflanzgefäße können bei zukünftiger Umnutzung der Fläche leicht versetzt werden und sich an die Veränderungen der städtischen Nutzung anpassen.

Außerdem führten die Studierenden einen weiteren Workshop mit SchülerInnen der Peter-Pan-Grundschule durch. In dieser Projektphase fand Ende November 2011 unsere bis dahin größte öffentliche Veranstaltung statt. Das frisch entstandene Große Beet wurde eingeweiht und gemeinsam u.a. mit winterharten Beerensträuchern und Kräutern bepflanzt. Mit dieser Phase wurden partizipative Vorgehensweisen konkretisiert, in einer gemeinsam erarbeiteten Form umgesetzt und somit der Boden für die kommenden Saisons bereitet.

Zur Vorbereitung des zweiten Events wurden eine aussagekräftige Ausstellung sowie ein Kurzfilm erstellt, welche die Möglichkeiten der Urbanen Landwirtschaft, das konkrete Projekt und seine Akteure vorstellen. Diese Ausstellung bezog sich auf die umgesetzten Entwürfe und Ideen auf der Brachfläche. Dabei wurde die Idee der Hochbeete vorgestellt, welche sich auf dem ehemaligen Schulgrundriss befinden, Darstellungen der verwendeten Pflanzen sowie die Möglichkeiten von temporären und dauerhaften Konstruktionen. Auf Grundlage gemeinsamer Entwürfe und intensiver Workshoparbeit befinden sich auf der Brachfläche jetzt das Große Beet (ca. 60 m x 10 m), verschiedene mobile Hochbeete/ Pflanztische sowie mehrere Sitzbänke. Die vorhandenen Wege über die Fläche wurden erhalten.

Weitere Treffen mit Akteuren wurden durchgeführt, um gemeinsam das Projekt weiterzuentwickeln. Die begleitende Lehrveranstaltung setzte sich mit dem Thema der Urbanen Landwirtschaft auseinander und dokumentierte unter anderem Interviews mit AnwohnerInnen. Einen wichtigen Bestandteil der Recherchen bildete die Pflanzplanung. Es sollten nur essbare bzw. produktive Arten verwendet und im November gepflanzt werden. Dazu gehörten winterharte Steckzwiebeln, Kräutersträucher, Beerensträucher und Aussaaten.

Den Boden bereiten

Partizipation


Die nun abgerissene Schule prägte zuvor viele Bereiche des gemeinsamen Lebens im Kiez. Das für die Fläche geplante Große Beet lehnt sich in Lage und Größe an den Grundriss dieser Schule an. Im November 2011 bauen die Studierenden nach intensiver Beratung und Planung die Einfassung des Großen Beetes und füllen es mit frischer Erde aus der Region.


109 109 Den Boden bereiten In den Hallen der Agrarbörse Deutschland Ost e.V. in Herzberge setzen die Studierenden ihre Entwürfe der Hochbeete und Bänke für den Gemeinschaftsgarten um. Diese praktische Erfahrung ist wesentlicher Teil der Lehrveranstaltung. Die Gestaltung der Hochbeete unterstreicht den temporären Charakter des Gartens und ermöglicht zugleich barrierefreies Gärtnern für SeniorInnen.


Die Studierenden entwerfen eine grafische Identität für diese Phase des Projektes. Darstellung: Niklas Mayr, Johanna Kühnelt und Katharina Benthin, 2011.

Die „ICH BIN...“ Installation soll während und auch nach der 2. öffentlichen Veranstaltung Neugier und Aufmerksamkeit bei den Anwohnenden wecken.


111 Den Boden bereiten Während der 2. öffentlichen Veranstaltung tummeln sich viele BesucherInnen auf dem Gelände und beraten und diskutieren über den entstehenden Garten und dessen Zukunft.

Das gemeinsame Bepflanzen der neu entstandenen Beete bietet erste Gelegenheit, mithilfe der Anwohnenden und Kinder den Garten mit Leben zu füllen.


Der neue Gemeinschaftsgarten im Dezember 2011. Foto: Any Paz, 2011

Pflanzen vorbereiten Dezember 2011 – Februar 2012

e Plakate & Blog e Schuppenentwurf e Landvergabe e 3. Akteuretreffen „Beetbestellung“


Pflanzen vorbereiten 113 113

Partizipation Die winterliche Ruhephase der Vegetation gab uns Zeit, unsere Kontakte auszubauen sowie Planungen und Bestellungen durchzuführen. In Zusammenarbeit mit der Agrarbörse Deutschland Ost e.V. wurden Obstbäume geliefert und vorläufig im Beet eingeschlagen. In dieser dritten Projektphase richteten wir regelmäßige „Arbeitseinsätze“ auf der Fläche ein: zweimal pro Woche waren wir nun vor Ort! Wir blieben so mit den AnwohnerInnen im Gespräch und könnten schnell auf Fragen und Anregungen reagieren. Des Weiteren wurde die Zusammenarbeit mit der Peter-Pan-Grundschule ausgebaut. Es gab ein Treffen für die Formulierung der Ausschreibung des Schulneubaus mit dem Schwerpunkt „Grundschule in der produktiven Landschaft“, z.B. durch die Einbeziehung eines Schulgartens. Außerdem wurden der Schuppenbau auf dem Schulgelände sowie ein Tor zwischen Schulhof und Garten gemeinsam konkretisiert.

Forschung

Design Die Arbeiten nach dem zweiten Event konzentrierten sich vor allem auf die Projektdokumentation und unsere Vorbereitungen für die kommende Pflanzsaison. Die Dokumentation sollte den gesamten Projektablauf bis Ende 2011 beinhalten. Dazu gehörten alle grafischen Bearbeitungen, Protokolle der Treffen und Veranstaltungen, Entwürfe, Plakate, Fotos, Beschreibungen, Standortanalysen, Lehraufgaben und Forschungsergebnisse. Außerdem wurden die Entwürfe für unseren Geräteschuppen fertiggestellt und mit der Tischlerei Wild Werkstätten alle baulichen Details geklärt. Die Art und Lage eines Durchgangstores zum Schulgelände wurde geplant und ausgeführt.

Unsere regelmäßige Präsenz vor Ort bildete einen wichtigen Bestandteil der Projektarbeit. Durch unsere Gespräche mit den Anwohnenden hatten wir die Gelegenheit, weiteres Interesse am Geschehen zu wecken und gemeinsam Ideen zum Projekt zu entwickeln. Während der Arbeitseinsätze vor Ort wurden aber nicht nur Gespräche, sondern auch Bodenanalysen, Pflanzungen und Bestandsaufnahmen durchgeführt. Alle Ergebnisse wurden in einer Dokumentation festgehalten, ausgewertet und sollen als wissenschaftliche Arbeit publiziert werden. Es zeigte sich zunehmend, dass eine offene, partizipative Planung und Gestaltung der Brachfläche die Akzeptanz und das soziale Engagement sowie ein allgemeines Interesse bei den Anwohnenden und Akteuren weckt und fördert. Forschung und Wissen werden hierbei durch Praxiserfahrung, Partizipation und Design generiert.


Die Gruppe der Studierenden tritt regelmäßig mit Akteuren, Anwohnenden und Interessierten durch Ausstellungen vor Ort und eine Präsenz im Internet in Kontakt und bereitet sich damit gemeinsam auf ein arbeitsreiches Frühjahr vor.


115 Pflanzen vorbereiten 115

Ein Gemeinschaftsgarten braucht natürlich auch einen Schuppen. Der Entwurf sieht eine schlichte, aber multifunktionale Konstruktion aus Holz und Carbonatflächen vor, der sich auf die Form des Großen Beetes bezieht. Foto: Any Paz, 2011 Grafische Darstellung der Konstruktionsschritte als Vorbereitung des Schuppenaufbaus mit Studierenden, Anwohnenden und den Tischlern.


Umrandung

Uni

freie Ernte

Peter-Pan-Grundschule / Hort

Familienzentrum Felix

Pflanze

Pflanzabstand [mm]

Stück/m2

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Blumenkohl

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Setzling

Möhre

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Samen

Radieschen

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Samen

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Samen

Feldsalat (Rapunzel)

10 x 15

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Setzling

Kräuter, Minze

25 x 25

16

Setzling

Kräuter, Thymian

20 x 20

25

Setzling

Kräuter, Rosmarin

20 x 30

17

Setzling

Kräuter, Salbei

25 x 25

16

Setzling

Kräuter, Lavendel

25 x 25

16

Setzling

Sonnenblumen, gelb-rote Mischung

30 x 50

7

Samen

Erdbeere

40 x 25

10

Setzling

Kartoffel

25 x 50

20

Knollen

Brokkoli

40 x 40

6

Setzling

Kohlrabi

25 x 25

16

Setzling

Möhre

5 x 20

100

Samen

Radieschen

5 x 20

100

Samen

Kopfsalat

30 x 30

11

Setzling

Feldsalat (Rapunzel)

10 x 15

67

Setzling

Kräuter, Minze

25 x 25

16

Setzling

Kräuter, Lavendel

25 x 25

16

Setzling

Sonnenblumen, weiß-gelbe Mischung

30 x 50

7

Samen

Blumenkohl

40 x 40

6

Setzling

Kohlrabi

25 x 25

16

Setzling

Zuckererbse

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100

Samen

Kopfsalat

30 x 30

11

Setzling

Kürbis Hokkaido

50 x 100

2

Samen

Erdbeere

40 x 25

10

Setzling

Kartoffel

25 x 50

20

Knollen

Stachelbeere gelb

100 x 100

3

Sträucher

Stachelbeere rot

100 x 100

3

Sträucher

Johannesbeere weiß

100 x 100

3

Sträucher

Johannesbeere rot

100 x 100

3

Sträucher

Cranberry

20 x 20

5

Sträucher

Jostabeere

100 x 100

3

Sträucher

Die gemeinsam abgestimmte Bestellliste für das Große Beet


Protokoll vom 08. März 2012 3. Akteuretreffen mit den Pflanzwütigen in: der Peter-Pan-Grundschule, 14 Uhr mit: Frau Berndt (Familienzentrum Felix), Herr Voigt (Peter-PanGrundschule / Hort) & Frau Bohn (TU Berlin)

Es gab vier Themen und Tee und Kaffee (Danke, Frau Larsson): 1) Aufteilung des Süd-Beetes 2) Auswahl der Pflanzen 3) die nächsten Daten für den Kalender 4) weitere Fragen 1) Aufteilung des Süd-Beetes

2) Auswahl der Pflanzen

der Agrarbörse besprechen.

e Frau Berndt und Herr Voigt bestätigten, dass sie mit ihren Kindergruppen gemeinsam auf dem Süd-Beet arbeiten möchten.

e Als Abschluss der beiden Beete nach außen (Schutz vor Hunden) wollen Felix und Peter-Pan Beerensträucher, Kräutersträucher und vielleicht Sonnenblumen benutzen.

e Woche vom 26. März: Pflanzen bestellen mit der Agrarbörse, möglichst mit einem Lieferdatum, das nur einige Tage vor unserem Pflanztag liegt.

e Das Süd-Beet soll in der Länge in zwei gleiche Teile geteilt werden. e Felix hat sich für den Teil entschieden, der in Richtung Mühlenbecker Weg liegt, PeterPan für den Teil in Richtung Brachfläche. e Als Trennung der beiden Beete soll lediglich der Weg in der Mitte des Süd-Beetes dienen. e Der Weg soll ungefähr 1,50 m breit sein, die Erde etwas festgestampft und mit grobem Rindenmulch belegt. e Als Begrenzung des Weges könnten Bretter in die Erde eingestellt werden. e Ansonsten kümmern sich beide Parteien um die Anlage von Wegen in ihren Beeten.

e Diese sollen in die drei Beetumrandungen und vielleicht an den Rand zum NordBeet gepflanzt werden. e Für ihre Beete haben Frau Berndt und Herr Voigt mithilfe einer Pflanzenliste der TU eine Vorauswahl an Gemüsen, Kräutern und Blumen getroffen.

3) die nächsten Daten für den Kalender e Montag, 12. März, 10 Uhr: Bäume vom Süd-Beet in das Nord-Beet umpflanzen. Termin steht fest. e Woche vom 19. März: Pflanzenliste fertig machen und mit

Pflanztag im April, zwei Vorschläge: e Mittwoch, 18. April, vormittags und nachmittags e Donnerstag, 19. April, vormittags und nachmittags Wahrscheinlich werden wir, TUB, den ganzen Tag auf der Fläche arbeiten.

4) weitere Fragen Wasser? Info TUB: die TUB verhandelt im Moment mit dem Pflegeheim, ob wir deren Wasseranschluss benutzen dürfen. Geräte? [...]

117 Pflanzen vorbereiten 117

Während der Aktivitäten wurden Protokolle erstellt und an die Beteiligten ausgesandt. So auch beim Akteuretreffen zum Thema „Bestellung der Pflanzflächen“ für die kommende Saison auf dem Großen Beet.


Im April 2012 tragen die Obstbäume erste Knospen.

Säen & Aufziehen März – April 2012

e Gespräche & Workshops e Bestellung der Flächen e Baumpflanzen e 4. Akteuretreffen „Pflanztag“


119 119

Mit fortschreitendem Interesse suchten AnwohnerInnen den Kontakt während der regelmäßigen Arbeitseinsätze auf der Fläche und wünschten oft eine Beteiligung im Hinblick auf die kommende Pflanzsaison. Zusammen mit der Agrarbörse wurden die Obstbäume auf den zentralen Platz des Großen Beetes umgepflanzt, mit der Hoffnung auf reiche Ernten und ein zukünftig Schatten spendendes Blätterdach. Für den großen „Pflanztag“ im April wurden die gewählten Pflanzenarten bestellt und geliefert. Gemeinsam mit den Akteuren vor Ort, AnwohnerInnen, StudentInnen, SchülerInnen der Peter-Pan-Grundschule und Kindern des Familienzentrums Felix wurden die Beete wie geplant parzelliert und in der „Pflanzaktion“ mit Gemüse, Obst, Kräutern und Blumen bepflanzt. Vom Altenheim wurde uns ein Wasseranschluss zur Verfügung gestellt, und die Grundschule versorgte uns bis zur Fertigstellung des geplanten Schuppens mit einem Geräteabstellraum.

Design In dieser vierten Phase bereiteten wir die erste volle Pflanzsaison vor. Pflanzpläne und -listen wurden für die Bestellung vorbereitet, und die große „Pflanzaktion“ im April wurde geplant und beworben. Ein Informationsblatt wurde entworfen und gedruckt sowie eine erste temporäre Infotafel, die im Zentrum des Gartens befestigt wurde. Die Entwürfe und Detailplanungen für den Bau des Schuppens wurden abgeschlossen, sodass dieser für Geräte, Pflanz- und Saatgut sowie Veranstaltungen einen festen Standort und neuen Treffpunkt bieten konnte. Ein modulartiges Holzgerüst mit lichtdurchlässiger Polycarbonatverkleidung, Holzlamellen an den Fassaden und einer Holzterrasse mit aufklappbaren Tischen verleihen dem Gerätehaus einen multifunktionalen Charakter. Die Nutzungen als Gewächshaus, Lagerraum, Arbeitsraum und Spielobjekt sind gegeben und eine Erweiterung des Moduls, auch auf andere Projekte, möglich.

Forschung

Säen & Aufziehen

Partizipation

Die jahreszeitlichen Abläufe konnten jetzt praktisch erfahren werden. Die Beete wurden gepflegt, Flächen von den winterlichen Resten befreit und die ersten Blumen bestaunt. Die vierte Phase beschrieb die inhaltliche Vorbereitung der Bepflanzung im April. Der Schwerpunkt bei den Arbeitseinsätzen auf der Fläche lag auf unserer Präsenz, als Ansprechpartner für das Projekt zu fungieren, über die kommenden Veranstaltungen zu informieren und Entwicklungen zu protokollieren. Dabei wurden interessante Gespräche mit AnwohnerInnen geführt, bei denen hilfreiche Gartentipps ausgetauscht und die Zukunft des Projektes besprochen werden konnte. Die regelmäßigen Kerngruppentreffen wurden fortgesetzt und eine interdisziplinäre Arbeitsweise weiter ausgebaut. Architektur, Landschaftsarchitektur, Gartenbau, Agrarwissenschaften, Urban Design, Stadtsoziologie, Biologie und Ökologie fanden sich nun im Spiel/Feld zusammen.


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121 121 April 2012

Gemüse und Kräuter (Auswahl)

Sträucher und Obstbäume (Auswahl)

Erdbeeren, Blumen und anderes (Auswahl)

Säen & Aufziehen

Das Große Beet: Erste Flächenvergabe und Pflanzenauswahl


123 123 Säen & Aufziehen Beim 4. Akteuretreffen „Pflanztag“ im April werden die aufgeteilten Beete mit Samen, Knollen und Setzlingen bepflanzt. Zur Orientierung laufen die Kinder des Familienzentrum Felix die Parzellengrenzen auf dem Großen Beet ab. Auch die BewohnerInnen des Alpenland Pflegeheims haben sich am Pflanztag beteiligt.

Große Kinder, kleine Kinder, SeniorenInnen, Begleitpersonen und andere Anwohnende, alle haben an diesem Tag gepflanzt, gewässert und zusammen Erfahrungen auf dem zuvor gemeinsam abgesteckten Großen Beet gesammelt.


Das Große Beet im Juni 2012.

Ernten

April – Juni 2012

e Gießen e Unkraut e Schuppenbau e 3. öffentliche Veranstaltung „Erdbeerfest“


125 125

Die Präsenz der Kerngruppe als Ansprechpartner der Interessenten vor Ort stellte in der fünften Phase einen wachsenden und bestimmenden Bestandteil der partizipativen Projektarbeit dar. Die Flächenvergaben für Anwohnerbeete haben sich ausgedehnt, und mit viel Liebe zum Detail entstanden neue kleine Gemüse- und Kräutergärten. Im Garten des Altenheims wurde ein „erster Ableger“ des Spiel/ Feldes, eine Staudenrabatte gemeinsam mit dem Personal und den BewohnerInnen des Hauses geplant und gepflanzt. Die Zusammenarbeit mit der Berliner Tischlerei Wild Werkstätten wurde mit dem Aufbau des Schuppens auf dem Schulgelände abgeschlossen. Akteure halfen beim Ernten, Pflanzen, bei Bauarbeiten am Schuppen und feierten abschließend beim Richtfest und beim „Erdbeerfest“. Ein Feedbacktreffen mit den Akteuren vor Ort und VertreterInnen des Bezirksamtes Marzahn zeigte uns Meinungen, Wünsche, Perspektiven und Hinweise.

Forschung Design Das laufende Studienprojekt der TU Berlin „growing up. schooling for sustainability. A new school building and community based agriculture in Marzahn“ bearbeitete unseren Standort mit einer Aufgabenstellung für einen produktiven, gemeinschaftlichen Schulgarten im Zuge einer Schulsanierung oder eines Schulneubaus. Für Spiel/Feld wurden Schilder entworfen, welche auf die jeweiligen GärtnerInnen der Beete hinwiesen oder zeigten, was zurzeit geerntet werden konnte. Das „Erdbeerfest“ wurde geplant und mit den verschiedenen Akteuren an einem Juninachmittag gefeiert. Die Strukturen und Texturen der Beetpflanzen haben sich ausgeprägt und zeigten einen prächtigen urbanen Gemüsegarten – ohne Einzäunung! Die Vorbereitungen für eine Publikation zum Projekt in Form eines Buches liefen. Darin sollte der Projektverlauf mit seiner gemeinschaftlichen, offenen und partizipativen Arbeitsweise erläutert werden.

Wöchentlich gab es einen Hilfe- und Infotag auf der Fläche, an dem Akteure und Interessenten Fragen stellen und Informationen mit den Studierenden austauschen konnten. Dabei standen kommunikative, informierende und bildende Aspekte im Vordergrund. Die aktuelle Lehrveranstaltung der TU Berlin, unterrichtet von Prof. Loidl-Reisch, erforschte den Standort weiter, führte Bestandsanalysen und Vermessungen durch und stellte die Auswertungen und Ideen in einer Entwurfplanung bildlich und modellartig dar. Eine Masterarbeit beschäftigte sich mit der Entstehung des Gemeinschaftsgartens am Mühlenbecker Weg. Dabei wurden Theorie mit Praxis verknüpft, soziale Aspekte untersucht sowie die interdisziplinäre Rolle des Landschaftsarchitekten dargestellt. Nach beinah einem Jahr Laufzeit begann die Kerngruppe außerdem, die zukünftigen Perspektiven, Potenziale und Ziele von Spiel/Feld zu umreißen.

Ernten

Partizipation


127 127 Ernten Das recht heiße und trockene Frühjahr erfordert viele Gießeinsätze, bringt aber auch schon früh im Sommer eine reiche Ernte. Die Akteure, darunter viele Kinder, beteiligen sich aktiv beim Wässern der Beete. Vor allem die Kinder brauchen jedoch bei der Ernte fachkundige Anleitung von Studierenden, während viele AnwohnerInnen gut Bescheid wissen über die verschiedenen Reifegrade der Gemüsepflanzen. Wir können am Ende der ersten Pflanzsaison feststellen, dass von jedem „Fleckchen“ des Großen Beetes etwas Essbares geerntet wurde.


Auf dem Gelände der PeterPan-Grundschule wird der entworfene Geräteschuppen errichtet. Zunächst werden Punktfundamente gegossen. Die Studierendengruppe errichtet danach das Gerüst des Schuppens auf den durchgehenden Lagern der Terrasse und befestigt die CarbonatHülle. Nach einigen Tagen ist auch die Holzlattung (fast) fertigmontiert und der Schuppen einsatzbereit.


129 129 Die tatkräftige Unterstützung der Schul- und Hortkinder beim Ernten der Erdbeeren ist gleichzeitig eine Lektion über gesunde Ernährung. Durch die Hilfe der BewohnerInnen des Altenheimes ist die Ernte schnell eingebracht.

Ernten

Das „Erdbeerfest“ als 3. öffentliche Veranstaltung richtet sich an alle Akteure und Beteiligten des Gartenprojektes und besteht zum einen aus dem gemeinsamen Ernten der reifen Erdbeeren auf dem Großen Beet und zum anderen aus dem genussvollen Verzehr der leckeren Früchte.


Der abschlieĂ&#x;ende Blick in die Natur praxisorientierter Lehrveranstaltungen an der Technischen Universität Berlin und die Potenziale solcher Projekte fĂźr eine nachhaltige Ausbildung von Gestaltern, Planern, Akteuren und Anwohnenden.


Ă&#x2013;kologische Bildung: Ein Ausblick


Bedeutung der Projekte für das Studium der Landschaftsarchitektur und -planung Norbert Kühn

Das sogenannte „Projektstudium“ an der Technischen Universität Berlin ist eine Erfindung der 1970er Jahre1. Damals gab es eine groß angelegte Studienreform. Aus dem Studiengang Garten- und Landschaftsgestaltung wurde der Studiengang Landschaftsplanung. Viele neue Inhalte traten hinzu.

1 Küchler, Johannes, 1970– 1993: Fachbereich Landschaftsentwicklung: Epilog für eine grüne Fakultät an der TUB, in: Perspektive Landschaft. Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung, Berlin: Technische Universität Berlin, 2006.

Das Studium entfernte sich immer mehr von den klassischen Hintergründen – vor allem den gartenbaulichen Grundlagen – und entwickelte sich hin zu einem neuen Planungsverständnis. Wichtige Beiträge lieferten die in Berlin neu entstandene Stadtökologie, die an Bedeutung gewonnene Umweltplanung aber auch die soziologischen Planungsdisziplinen. Zur Integration dieser Fachinhalte diente die neue Lehrund Lernform des Projektes. Deshalb nahm sie im Studium auch einen sehr hohen Stellenwert ein: über 50 Prozent der Lehrkapazitäten flossen in diese Form der Ausbildung. Ziel von Projekten ist die Verknüpfung des im Frontalunterricht Gelernten und die Aneignung heute sogenannter 'soft skills'. „Wie kommt ein Team zu verbindlichen Arbeitszeiten, wie gelingt ihm eine rationale Arbeitsorganisation? Wie verteilt man im Team Verantwortung? Wie entsteht Führungskompetenz? Wie sind unterschiedliche


133 Ein Ausblick

Arten von Beiträgen zur Projektarbeit zu bewerten, z. B. verbale Beiträge im Unterschied zu künstlerischen oder technisch-instrumentellen?“ 2 In den Projekten wird somit etwas aufgenommen, was in der universitären Ausbildung bis dahin keine Rolle gespielt hat: die Projektion eines theoretischen Problems auf einen realen Hintergrund und die Suche nach Lösungen vor dem Hintergrund eigener sozialer Kompetenzen und Leistungen eines Teams.

2

Ebenda, Seite 169.

Oft synonym gesetzt mit der Studentenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland, die ab Mitte der 1960er Jahre die bis dahin bedeutendste außerparlamentarische Opposition in Deutschland war. 3

Küchler, Johannes, 1970– 1993: Fachbereich Landschaftsentwicklung: Epilog für eine grüne Fakultät an der TUB, in: Perspektive Landschaft. Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung, Berlin: Technische Universität Berlin, 2006, Seite 170. 4

Soweit zumindest die Theorie. Dies Versprechen einzulösen war bereits in seiner Anfangszeit in den 1980er Jahren mit vielen organisatorischen aber auch zwischenmenschlichen Problemen verbunden. Ursprünglich waren deshalb die Projekte sehr stark formalisiert. Wöchentlich stattfindende Plena (d. h. Zusammenkünfte aller Studierenden), in denen Fragen der Organisation, aber auch inhaltliche Aspekte diskutiert wurden, bildeten die Grundlage der Projekte. In den Zeiten der APO3 und der Studentenunruhen dienten sie auch als Plattform für politische Agitationen. Besonders Berlin hatte hier keinen guten Ruf: „In der Außenwahrnehmung gelang es dem Fachbereich nur langsam, den Nimbus des Chaotischen zu überwinden“ 4. Auch gab es immer wieder Diskussionen darüber, wie die benotbaren Leistungen in Projekten aussehen müssten und mit wie hohem Anteil sie in die Gesamtnote eingehen sollten.

Kompetenz durch Projekte Doch da all diese Auseinandersetzungen, die sich auf der universitären Ebene in einem Mikrokosmos abspielten, letztlich auch im realen Leben zur Umsetzung von Zukunftsperspektiven eine entscheidende Rolle spielen, hat sich das Projektstudium als Lernform durchgesetzt. Heute bilden alle Hochschulen in Deutschland Landschaftsarchitekten nach diesem Prinzip aus. Sicher gibt es unterschiedliche Schwerpunkte an den Hochschulstandorten. Und es


gibt auch unterschiedliche Traditionen und Methodiken, um zu den gewünschten Ergebnissen zu gelangen. Ökologische Projekte versuchen dabei eher, den Studierenden eine naturwissenschaftliche Vorgehensweise nahe zu bringen. Das Ergebnis könnte dann ein Projektbericht sein, der einem Umweltgutachten nahekommt. Landschafts- und Umweltplaner vermitteln etablierte Planungsinstrumente und arbeiten an der Weiterentwicklung ihrer Methodik, die auf eine Verbesserung der Umweltbedingungen abzielt. Landschaftsarchitekten wiederum gestalten die Umwelt, indem sie sie verändern und so neu konnotieren. Ihre Methodik ist dabei der Entwurf, der Umwelt- und Standortbedingungen einbezieht, ihre Komplexität jedoch mittels einer eher künstlerischen Intervention handhabbar macht, sodass daraus ein neuer Ort entstehen kann. Der landschaftsarchitektonische Entwurf kann ganz verschiedene Schwerpunkte besitzen: konzeptionelle Entwicklung einer Fläche, objektplanerischer Entwurf oder eine Ausführungsplanung und Detailplanung mit toten Materialien oder mit Pflanzen. Es g­ ilt jedoch immer, verschiedene Bewusstseins- und Konkretisierungsschritte nachzuvollziehen: das Bekanntwerden mit der Fläche, den Akteuren und der Planungsaufgabe, die Klärung der Hintergründe, erste Ansätze zur Problemlösung, ein Vorentwurf und der eigentliche Entwurf. Verschiedene Detaillierungen können folgen. Das landschaftsarchitektonische Projekt vollzieht somit die Schritte nach, wie sie auch in der HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) vorgegeben sind – in der Regel jedoch wesentlich freier und selbstbestimmter. Das Ergebnis kann – muss aber nicht – in die Umsetzung einer Maßnahme münden.

5 Abschlussbericht einer Arbeitsgruppe in der Lehreinheit Landschaftsplanung zur Untersuchung der im Studium gelehrten 'soft skills' (2008, unveröffentlicht).

Gleich welche Methodik vermittelt wird, für die Studierenden ist ein solches Projekt immer mit einem hohen Aufwand an Selbstorganisation verbunden. Aber letztlich schafft es auch eine gute Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten einzuschätzen und die eigenen Ideen innerhalb eines Teams zu verwirklichen. Diese wichtigste aller 'soft skills' wird heute gerne als „soziale Kompetenz“ bezeichnet. Studierende, die durch ein Projektstudium gehen, haben


135 Ein Ausblick

die Möglichkeit, hier schon weitreichende Erfahrungen zu machen, die andere erst mit dem Berufsleben erhalten. Aber es wurden in einer studieninternen Arbeitsgruppe 2008 noch weitere 'soft skills' ermittelt, die im Rahmen von Projekten eingeübt werden: Kommunikationsfähigkeit, Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten, Sprachkompetenz, Fremdsprachenkenntnisse, Kreativtechniken, Anwendung von Normen und Gesetzen, Abstraktionsfähigkeit und EDV-Kompetenz.5

Projekte in Zeiten der Bologna-Reform

6 Bologna-Prozess: 1999 sind die Bildungsminister der EUStaaten übereingekommen, die Studienabschlüsse bis 2010 EU-weit zu harmonieren. Kernstück dieser Reform war die europaweite Einführung des Bachelor-Mastersystems, das in Deutschland insbesondere die Diplomabschlüsse ablöste.

Am Projektstudium wurde auch bei der Umstellung der Studiengänge ab 2003 durch den Bologna-Prozess, also die Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse6, festgehalten. Dadurch wurde es schwieriger, den notwendigen Raum für Projekte im Stundenplan einzuräumen: e Eine möglichst exakte Beschreibung und Abbildung der Lerninhalte und ihres Aufwandes führte dazu, dass zwar die Transparenz für Lehrende und Studierende erhöht wurde, dass aber viele „Zwischenformen“ des Lernens nicht abbildbar waren und daher auch nicht mehr stattfanden. e Das stetig steigende Sicherheitsbedürfnis (vor allem aufseiten der Verwaltungsjuristen) führte auch hier zu Überregulierungen, die manchmal sehr an der Idee des freien und eigenverantwortlichen Studierens an den Universitäten zweifeln lassen. e Jede Dozentin, jeder Dozent wollte deshalb mit seinem Fach im Curriculum bestmöglich abgebildet und sichtbar sein – also im Pflichtbereich, vielleicht noch im Wahlpflichtbereich. Letztendlich diente das auch dazu, die personelle Ausstattung der Fachgebiete zu sichern. Dies ließ die interdisziplinäre Zusammenarbeit erst einmal erlahmen. Keiner zweifelte bis dahin an der Sinnhaftigkeit des Lernens in Projektform, da es ja auf geradezu ideale und moderne Weise Fachwissen mit 'soft skills' verbindet. Denn in einer Welt, die dazu neigt, nur noch den Detailbetrach-


tungsstandpunkt einzunehmen, wäre natürlich gerade die integrative, holistische Sichtweise schon während des Studiums dringend notwendig. Ein weiterer notwendiger Reformschritt (also die Reform der Bologna-Reform) soll dazu beitragen, diesen Raum wieder mehr zu gewähren. An der TU Berlin wird deshalb die Bedeutung der Projekte wieder erhöht (d. h., es werden ihnen mehr Leistungspunkte zugewiesen) und auch andere konkrete Lernformen (wie z. B. ein Praktikumssemester) werden wieder eingeführt.

Heutige Ausgestaltung der Projekte Modellfoto der Masterprojektarbeit „Zukunft Lernen“ von Christian Schellhorn, Daniel Reich und Mathias Lax am Spiel/Feld Marzahn Standort. Im linken Bildvordergrund ist die bestehende Grundschule zu sehen (in diesem Entwurf umgebaut). Dieses Projekt wurde von Prof. Cordula Loidl-Reisch im Sommersemester 2012 unterrichtet.

Projekte dienen also dazu, Wissen nicht nur zu vermitteln, sondern durch die konkrete Anwendung neue Erfahrungen zu sammeln und Lernprozesse auf allen Ebenen in Gang zu setzen. Heute unterscheiden wir an der TU Berlin zwischen drei Arten von Projekten: Den Orientierungsprojekten, die dazu dienen einen Einstieg in die jeweiligen Wissensgebiete und deren Anwendungen zu gewährleisten; den Vertiefungsprojekten, die bereits einen ersten professionellen Durchgang eines Planungs- oder Entwurfsprozes-


137

Viele Projekte thematisieren in den letzten Jahren die Idee der Urbanen Landwirtschaft. Sie ist bei den Studierenden beliebt, ist es doch eine Bewegung, die unmittelbar aus dem urbanen Umfeld stammt und deren Protagonisten auch oft im Bereich der jungen Erwachsenen zu finden sind.

Thema Urbanes Gärtnern Der Drang zum Urban Gardening scheint als Gegenbewegung zur Konsumbereitschaft mitten in der Gesellschaft angekommen zu sein. Er hat sehr viele Ausprägungen: der Anbau von eigenem Obst und Gemüse, der Drang, Baumscheiben vor seinem Haus zu bepflanzen, die Vorstellung durch Guerilla Gardening neue Pflanzen an unmöglichen Orten etablieren zu können oder das Engagement in interkulturellen Gärten. So viel Sympathie man gerade von unserem „grünen Berufsstand“ diesen Ideen entgegenbringt, es stellt sich doch die Frage, welchen Beitrag die PlanerInnen und LandschaftsarchitektInnen hier wirklich leisten können. Dies war auch das ganz zentrale Problem bei allen Projekten mit diesem Schwerpunkt.

Ein Ausblick

ses erlauben und Projekten in den Masterstudiengängen, die auf wissenschaftlicher oder entwurflicher Ebene neue Zugänge zu Problemlösungen aufbereiten sollen. Aufgegriffen werden in der Regel aktuelle Themen: Hier spielt die Energielandschaft der Zukunft eine Rolle, Beweidungskonzepte für schutzwürdige Gebiete, Ausformulierungen und Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie, Fauna-Flora-Habitatrichtlinie oder Biodiversitätskonvention, neue Vegetationsbilder für städtisch-urbane Räume, Umgang mit Megacities oder die Entwicklung neuer Materialien für den Außenraum.


Zuerst sind die Studierenden selbst Lernende, da ihre Vorstellungen vom Anbau von Kulturpflanzen meist sehr dicht bei den etwas naiven und oft unprofessionellen Vorgehensweisen vieler urbaner GärtnerInnen sind. Denn dort wird häufig mit viel Einsatz von Blumenerde, Dünger und Pflanzen aus dem Baumarkt wettgemacht, was an Wissen über Kulturbedingungen und Umweltfaktoren fehlt (siehe z. B. die innerstädtische Baumscheibenbepflanzungen oder die Kleinstgärten auf dem Tempelhofer Feld). Aber kann das wirklich die Aufgabe von zukünftigen LandschaftsarchitektInnen sein, Kulturbedingungen kennenzulernen und zu vermitteln (zumal es einem Teil der Akteure offensichtlich gar nicht darum geht, Professionalität zu erlangen)? Hier wird deutlich, dass die Landschaftsarchitektur in Deutschland (ganz im Gegensatz zu England zum Beispiel) seit den 1970er Jahren einen ihrer Ursprünge grob vernachlässigt hat: die gärtnerische und gartenbauliche Tradition, aus der heraus der Studiengang ursprünglich einmal gegründet wurde7. Fächer wie Düngerlehre, Pflanzenbau, Pflanzengesundheit, Gemüsebau, Zierpflanzenbau usw. werden in den stark planerisch und architektonisch geprägten Fakultäten heute nicht mehr gelehrt. Insofern ist hier kein Wissensvorsprung zu erwarten.

Deshalb bespielen Projekte zur Urbanen Landwirtschaft an der TU Berlin in der Regel eher die städtebauliche und planerische Ebene: das Weiterdenken der Stadtlandschaft, in der Urbanes Gärtnern seinen Platz als produktives Element finden sollte. Dies kann sowohl in Bezug auf schrumpfende Städte als auch in Bezug auf die Megastädte der Zukunft von ganz entscheidender Bedeutung sein.


139

Zum Zweiten kann es um die Formulierung der Rahmenbedingungen eines konkreten Ortes gehen, an dem Urbanes Gärtnern stattfindet, also einer typischen objektplanerischen Aufgabe. In diesem Zusammenhang gilt es, klassische landschaftsarchitektonische Fragestellungen, wie die nach Räumen und raumbildenden Elementen, nach Erschließung, Wegebeziehungen und weiterer Infrastruktur, mit denen nach möglichen Anbauweisen (Kulturen, Kulturfolgen, Kulturdauer) und Organisations- bzw. Managementstrukturen neu zu denken und miteinander zu verbinden. Letztlich kann damit ein Ort in den Stadtraum anders als bisher eingebunden werden.

7 Siehe Kühn, Norbert, Zur Rolle der Pflanze in der Landschaftsarchitektur, in: Stadt + Grün 3/2008, Seite 38–46.

Es geht also auf der Metaebene bei diesem Thema eigentlich nicht darum, selbst Akteur zu sein, Pflanzen anzubauen oder Kulturen vorzuschreiben, sondern darum, ein Selbstverständnis als PlanerIn oder LandschaftsarchitektIn aufzubauen. Es geht darum, Potenziale zu erkennen und Lösungen anzubieten. Letztlich bestehen auch bei diesem Thema die Möglichkeiten darin, Rahmenbedingungen zu beeinflussen, zu ändern oder neu zu gestalten und Orten eine neue Funktion und Bedeutung zu verleihen, damit die Umwelt- und damit Lebensqualität für die Menschen in den Städten verbessert wird. In diesem Zusammenhang ist es aber unumgänglich, intensiv mit den Akteuren in Verbindung zu treten und die Lösung in einem partizipativen, iterativen Prozess zu entwickeln. Dafür bietet sich die Lehrform des Projektes oder sogar des Live-Projektes geradezu an. Es ist die optimale Vermittlungsform, um diesem Themenkomplex gerecht zu werden.

Ein Ausblick

Modellfoto der Masterprojektarbeit „urban village school“ von Daniel Hagedorn, Jessica Schulze und Regina Otters. Am linken Rand des Bildes die bestehende Grundschule (in diesem Entwurf zurückgebaut). Dieses Projekt wurde von Prof. Cordula Loidl-Reisch im Sommersemester 2012 unterrichtet.


„Ich finde es wichtig, dass das Gartenprojekt nicht nur ein Schulprojekt ist, sondern etwas, in das andere Institutionen auch einbezogen sind, damit ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt wird und ein Verantwortungsbewusstsein von mehreren Gruppen dafür besteht. Damit es nicht, wie viele hier Angst haben, zu Vandalismus kommen könnte. Ich denke, solche

„Wir haben hier hinter dem Club einen Kirschbaum zu stehen. Nein, den hatten wir. Wir hatten auch an der Schule immer einen Quittenbaum, das ist ja eigentlich eine ganz seltene Geschichte. Daraus kann man Marmelade machen. Wir haben dann mit

„Einen Bienenstock könnte man dahin stellen. In die Ecke, wo nicht so viele

„Ich staune jeden Tag aufs Neue.“ Akteure des Projektes Spiel/Feld Marzahn Befürchtungen werden weniger, je mehr Akzeptanz das Projekt in der Bevölkerung hat und je mehr Gruppen und Personen einbezogen sind.“

den Jugendlichen Marmelade gemacht. Den gab es einfach an der Schule, den Quittenbaum. So einen großen Garten kann ich mir also schon vorstellen.“

Susanne Larsson, stellvertretende Direktorin der Peter-Pan-Grundschule, im November 2011.

Hartmut Block, Leiter des Schul- und SportJugendClubs Marzahn, im November 2011.

[Menschen] sind, und dann stechen die auch nicht und sind da in Ruhe und können Honig produzieren. Und wir haben Honig, und die Bienen haben ein schönes Zuhause.“ Schüler der Peter-PanGrundschule, im November 2011.


141 Ein Ausblick

„Man kann zum Beispiel einen BiologieZirkel aufmachen, so etwas gab es früher auch. […] Das sind Sachen, durch die man die Kinder richtig ans Gärtnern heranführen kann. Das ist bestimmt total spannend, wenn sie das selber, nicht nur aus den Lehrbüchern, erfahren und sich das vor Ort anschauen können. Ich fand so etwas in meiner Schulzeit sehr spannend. Ich denke, wenn man

„Ich staune jeden Tag aufs Neue, wie gut sich alles etabliert hat. Die Kinder lernen sehr viel und das Interesse steigt immer weiter. Das Projekt hat einen Nutzen für alle Beteiligten. Wenn ich hier täglich vorbei komme, ist fast immer

„Ich wohne seit 1988 in der Zühlsdorfer Straße und hatte früher einen Kleingarten mit Nutzgarten nahe Hohenschönhausen. Ich freue mich, dass es möglich ist, hier in unmittelbarer Nähe unserer Wohnungen einen Gemüsegarten

Das Spiel/Feld Projekt wurde und wird von vielen Menschen aufgebaut: Anfangs halfen die Ortskenntnis und Zukunftsvorstellungen der Anwohnenden (Videointerviews im November 2011), später die Beobachtungen und Anregungen

einen großen Garten hierher bringt, dass Eltern dann sagen ‚So eine schöne Sache, wenn ich das in der Nähe habe.‛ […] Das hebt auch das Profil der Schule.“

jemand da und es gibt immer etwas Neues zu sehen. Der gewisse Grad an Selbstbestimmung stellt für mich einen grundlegenden Bestandteil der Projektentwicklung dar.“

Gabriele Franik, Anwohnerin aus der Stolzenhagener Straße, im November 2011.

Otto Pfob, Betreiber der Sportgaststätte Fuchsbau, im Juni 2012.

zu bewirtschaften. Die Beteiligung am Projekt ist immer wieder erstaunlich. Ich bin Hundebetreuer und komme täglich an den Beeten vorbei und achte immer darauf, dass die Menschen achtsam damit umgehen. Es ist für mich vorstellbar, dass eine gewisse Selbstversorgung ohne den bekannten Schrebergartencharakter möglich ist.“ Anwohner (Rentner), im Juni 2012.


„Ich habe Gärtnerin gelernt und muss hier nicht arbeiten, sondern mache es freiwillig und gerne. Das Ganze hat doch etwas schöpferisches, und ich fühle mich dabei an meine Jugend erinnert. Man wird angesprochen, Kinder fragen, was ich hier tue und ob sie auch etwas ernten dürfen. Das von mir gepflanzte Blumenbeet gehört nicht mir, ich betreue es gerne und habe

Freude daran. Hier wird vielleicht noch nicht immer alles respektiert, aber das Projekt hat einen großen bildenden Charakter, es lehrt, und das ist ein Gewinn. Das hier ist kein Schrebergarten, hier wird die Freiheit

„Ich würde mich gerne um einen Teilbereich angesprochen, man kümmern, vielleicht kann, muss aber nicht. eine Reihe Kartoffeln Wir dürfen hier Beete betreuen und dann anlegen und stellen später auch ernten. damit auch eine geGesunde und hochwisse Ordnung her. wertige NahrungsIch habe vom Projekt mittel bekommt man gelernt, dass es in der ja kaum noch in der heutigen Gesellschaft Stadt und wenn, dann doch noch möglich ist, nur zu überteuerten derartige Projekte Preisen. Ich bin ein

aufzubauen, dass es einfach funktioniert und respektiert wird, sogar von den Hunden, die nicht über die Barriere der Beetrahmen laufen.“ Marion Rausch, Anwohnerin (Heilpraktikerin) aus der Stolzenhagener Straße, im Juli 2012.

großer „Kräuter-Fan“ und will zum Beispiel Rosmarin für Geflügelbraten anpflanzen. Am Tag des Erdbeerfestes komme ich vorbei und dann werden wir gemeinsam eine Fläche aussuchen.“ Jörg (und sein Enkel Se-On), im Juni 2012.


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im Grünen mitten in Marzahn. [...] Der Gemeinschaftsgarten ist ein neuer Ort gemeinsamen Erlebens und Lernens geworden. Den Initiatoren dieser kleinen grünen Oase

„Wir haben gelernt, wie Kartoffeln und Radieschen als Pflanzen aussehen und wachsen. Salat und Erdbeeren haben wir schon geerntet und gekostet. Voll süß und lecker!“

Ein Ausblick

„Der Stadtumbau Ost hatte am Mühlenbecker Weg / Zühlsdorfer Straße eine Stadtbrache hinterlassen; das Warten auf eine sinnvolle Nutzung dieses Areals währte schon lange. Dass es keine Platten-Plattitüde werden soll, war Anlass genug, mit vorsichtiger Neugier interessiert auf das Projekt zu schauen. [...]

Schülerin und Schüler der 1. Klasse der Peter-PanGrundschule, im Juni 2012.

derer, die oft vorbeikamen (Gespräche im Juni 2012) und schließlich der Enthusiasmus, das Wissen und die Tatkraft derer, die selber gärtnern (Gespräche im Juni und Juli 2012).

Die vorsichtige Neugier ergriff tatsächlich immer mehr Anwohner, an diesem Garten mitzuarbeiten, also den Boden bestellen, aussäen, pflanzen, gießen und schließlich ernten. Organisiert oder spontan, in Gemeinschaft oder solo, ein Klassenzimmer

gebührt ein herzlicher Dank und die Hoffnung auf weitere erfolgreiche Jahre mitten in Marzahn.“ Dr. Rainer Sermann, Marzahner Anwohner und Bezirksgartenfachberater im BV Berlin-Marzahn der Gartenfreunde e.V., im Juli 2012.

„Ich habe beim Pflanzen mitgeholfen, vor allem Kohlrabis. Ich mag Kohlrabis und möchte mir jetzt gerne einen roten nach Hause mitnehmen. Ich will auch Tomaten pflanzen, nicht nur für mich, sondern für alle.“ Schüler der 3. Klasse der Peter-Pan-Grundschule, im Juni 2012.


„Eine sehr interessante Ausstellung.“ Sylvia Sievert, Berlin, 18. Oktober 2011.

„Wir brauchen mehr von diesen Projekten. Super Ausstellung… Viel Glück.“

„Nous avons été séduit par ce magnifique travail.“

„Herzlichen Glückwunsch zu Eurer erfolgreichen Ausstellung.“

Katja Schäfer, Berlin, 06. Oktober 2011.

Georges Boichot, Lyon, 21. Oktober 2011.

Max von Grafenstein, Berlin, 01. November 2011.

„Das macht Appetit.“ BesucherInnen der Ausstellung Die Produktive Stadt / Carrot City „Ja. Das macht Appetit. Unser Bonner MehrgenerationenWohnprojekt Amaryllis e.G. gehört auch bald dazu! Freue mich auf die deutsche Webseite. Wir <www.zukunftspioniere.com> kümmern uns mit um den Shift im Kopf, der dazugehört. Lecker! Danke!“

„Eine spannende Ausstellung mit vielen regionalen Beispielen! Die Beleuchtung der verschiedenen Aspekte der Berliner Projekte war besonders interessant.“

„Gestern habe ich die Ausstellung anschauen können - sie ist unglaublich spannend und informativ und liest sich wie ein sehr großes Buch oder ein sehr großer Katalog. Ich bin sehr beeindruckt [...].“

Kathleen Battke, Bonn, 08. Oktober 2011.

Anne Holsten, Berlin, 26. Oktober 2011.

Susanne Hauser, Berlin, 08. Oktober 2011.


145 145 Ein Ausblick

„Ich habe die New Yorker Version der Ausstellung letztes Jahr sehen dürfen, und freue mich sehr, dass sie jetzt nach Berlin wandert! Im Rahmen des Seminars „Konzeptionelle Ökologie“ für die Masterstudiengänge Landschaftsarchitektur und Stadt-/Regionalplanung erarbeiten wir gerade die Inhalte für das kommende

„Die Ausstellung umfasst eine sehr

„Ich bin ein Umweltwissenschaftsstudent aus Stockholms Universität, Schweden. [...] Der Grund dieser

In einer Ausstellung verschmelzen Entwurf und Bildung. In Die Produktive Stadt geschah dies mit einem Blick in die Gegenwart unserer Städte und in ihre mögliche Zukunft, wovon die Eintragungen ins Gästebuch und Zuschriften an das Berliner Team zeugten.

Wintersemester. Inhalte der Veranstaltung sind einzelne Projekte, Planungen und Entwürfe in Hinblick darauf, ob und wie verschiedene Ökosystemdienstleistungen beachtet und umgesetzt werden. Eine Ökosystemdienstleistung ist ja auch die Versorgung, und hier passt das Thema der Ausstellung super.“

gute Darstellung zur Entwicklung und dem Charakter urbaner Gärten in Berlin.

Nachricht ist die Austellung Die Produktive Stadt in der TU Berlin, die ich letzte Woche besucht habe. Ich selber koordiniere Ich möchte gerne die und leite ein DBUPerspektive von UrProjekt zum Urban baner Landwirtschaft Gardening in Berlin. und „Co-Management“ Wir veranstalten im in meinem Projekt hinRahmen des Projekzufügen. Ich fand den tes Runde Tische, Austellungsteil über vielleicht haben Sie Berlin (und auch den Interesse daran zum über München) sehr nächsten zu kommen.“ interessant. [...]“

Leonie Fischer, Berlin, 27. September 2011.

Gudrun Laufer, Berlin, 25. Oktober 2011

Toomas Saarne, Stockholm, 08. Oktober 2011.


Mitwirkende


147 Anhang

Alexander

video konzipiert. In der Zeit von 2009 bis 2012 hat sie in Teichmann, B.Sc. Berlin gelebt, für das Büro studiert an der Technischen Anderhalten Architekten gearbeitet, sich am Institut Universität Berlin im Masterstudiengang Landschafts- für Kunst im Kontext (Uniarchitektur. Zuvor hat er an versität der Künste Berlin) in Künstlerische Projekte der Universität Hannover im Niemandsland – Undas Fach Landschaftsartersuchung von Zwischenchitektur und Umweltnutzungsprojekten als planung studiert und mit Elemente der zeitgenössidem Bachelor of Science abgeschlossen. Gegenwärtig schen Stadtentwicklung mit Prof. Katharina Jedermann beschäftigt er sich mit der weitergebildet und mit Prof. Nachnutzung von ehemaKatrin Bohn am Institut für ligen Rieselflächen und Landschaftsarchitektur und der Frage, inwieweit diese Umweltplanung – Fachals produktive und urbane gebiet Stadt & Ernährung Freiräume neu erschlossen (Technische Universität werden können. Der Fokus Berlin) im Projekt Spiel/ liegt hierbei auf der Veränderung von Landschaftsräu- Feld Marzahn gearbeitet. Ihr Forschungsbereich liegt men vor dem Hintergrund seit 2007 in den Bereichen der Energiewende. Erneuerbare Energien und Nachhaltiges Planen und Bauen.

Any Paz, Dipl.-Ing.

ist Architektin und arbeitet freiberuflich in Montevideo, Uruguay. Seit 2005 hat sie kulturelle und temporäre Gärten (Jardines culturales dinámicos) für Baulücken in der Altstadt von Monte-

Elisabeth MeyerRenschhausen, PD Dr. ist freischaffende Publizistin und Privatdozen-

tin für Soziologie an der Freien Universität Berlin. Während ihrer Zeit als Gastdozentin für Rurale Frauenforschung an der Humboldt-Universität Berlin rief sie 1997 die Arbeitsgemeinschaft Kleinstlandwirtschaft ins Leben, die drei internationale Konferenzen zum Thema „Kleinstlandwirtschaft und Gärten in Stadt und Land weltweit“ durchgeführt hat. Ergebnis waren u.a. die Bücher Die Wiederkehr der Gärten, Die Gärten der Frauen, Unter dem Müll der Acker und Welternährung durch Ökolandbau?. Die Autorin ist auch praktisch tätig, begründete das interkulturelle Gärtnern im Park auf dem Gleisdreieck, schuf drei interkulturelle Gärten in Oldenburg und ist eine der 13 MitgründerInnen und BetreiberInnen des Allmende-Kontors, einer Koordinierungsstelle für das gemeinschaftliche Gärtnern in Berlin mit Hochbeete-Garten auf dem Tempelhofer Feld.


Mitwirkende Jens-Christian Knoll, B.Sc. absolvierte 2009 seinen Bachelor in Landschaftsarchitektur und Umweltplanung an der Beuth Hochschule für Technik Berlin und studierte anschließend an der Technischen Universität Berlin Landschaftsarchitektur im Masterstudiengang. Seit 2010 belegt er die angebotenen Lehrveranstaltungen zum Thema „Produktive Stadtlandschaften“, sammelte damit Erfahrungen zur Urbanen Landwirtschaft und beteiligt sich am Fachgebiet Stadt & Ernährung seit Beginn des Spiel/Feld Projektes. Er ist davon überzeugt, dass die regionale, saisonale und ökologische Landwirtschaft einen großen Vorteil gegenüber heute noch üblichen Wirtschaftsmethoden bietet und hoffentlich zukünftig zu einer „besseren Welt“ mit bewussteren Menschen beitragen wird. Seine laufende Masterarbeit beschäftigt sich mit Spiel/ Feld Marzahn hinsichtlich Theorie und Praxis derartiger Projekte sowie deren sozialer Auswirkungen.

Karolina Hasenstab studiert seit 2010 Landschaftsarchitektur und -planung an der Technischen Universität Berlin. Mit einem Praktikum im August 2011 am Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung – Fachgebiet Stadt & Ernährung begann ihre Teilnahme an dem Gemeinschaftsgartenprojekt Spiel/Feld Marzahn.

Katrin Bohn, Prof. ist Architektin und Gastprofessorin am ILAUP Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung der Technischen Universität Berlin. Gemeinsam mit André Viljoen betreibt sie Bohn&Viljoen Architects, ein kleines Architektur-/ Umweltberatungsbüro in London. Bohn&Viljoen Architects haben in den zwölf letzten Jahren umfassend an dem von ihnen entwickelten Designkonzept der CPUL CITY [Continuous Productive Urban Landscape] gearbeitet, welches sie im Jahre 2004 zum internationalen Urban Design Diskurs beitrugen. Dieses Konzept erlaubt

es, die Integrierung von Urbaner Landwirtschaft in die zeitgenössische Stadt ganzheitlich zu durchdenken. Die Projekte des Büros, die sich mit Produktiver Stadtlandschaft beschäftigen, umfassen Veröffentlichungen, Machbarkeits- und Entwurfsstudien zur Urbanen Landwirtschaft, sowie Urban-FoodGrowing-Installationen und öffentliche Events, alle hauptsächlich für britische Auftraggeber.

Klaus Brockmann, Dipl.-Ing. leistete zunächst Zivildienst als Vogelwart an Ost- und Nordsee und absolvierte dann das Studium der Landschaftsplanung an der Technischen Universität Berlin. Danach war er mehrere Jahre in der Behindertenarbeit tätig (speziell in Landwirtschaft, Naturschutz- und Landschaftspflegeprojekten), arbeitete im Architektenbüro Müller/Wehberg/Knippschild in Berlin und ist seit 1990 engagiert im Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf für Landschaftsplanung und Naturschutz.


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absolviert derzeit das Diplom-Studium der Landschaftsarchitektur und Umweltplanung an der Technischen Universität Berlin. Seit Mitte 2011 ist er Tutor im dortigen Fachgebiet Stadt & Ernährung bei Prof. Katrin Bohn und betreut das Projekt Spiel/Feld Marzahn organisatorisch, fachlich und praktisch. Sein Arbeitsfokus liegt auf den Synergien zwischen Landschaftsarchitektur und Industrial Design sowie deren Anwendung auf urbane Nahrungsmittelproduktion. Kristian hat für verschiedene Architekturbüros in Berlin gearbeitet und Erfahrungen in internationalen Forschungsprojekten gesammelt. Seit 2010 ist er ebenfalls Mitbegründer des Designkollektivs studiofroh, eines transdisziplinären Studios, welches Experimente zu Kunst, Design und Raum durchführt.

Mark Gorgolewski, Prof. Dr. arbeitet seit vielen Jahren als Architekt, Wissen-

schaftler und Umweltberater für die Bauindustrie. Er hat viele Monographien, Artikel und Forschungsarbeiten zu nachhaltigem Entwerfen publiziert und ist der Direktor des kanadischen Green Building Council und ehemaliger Vorsitzender des Verbandes Environment Conscious Building in Großbritannien. Mark ist Leiter des Graduiertenprogrammes Building Science (Gebäudelehre) der Ryerson University, Toronto/ Kanada. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf nachhaltigem Wohnungsbau, Wiederverwendung von Ressourcen, Urbaner Landwirtschaft und städtebaulichem Entwerfen. Er war Koordinator eines der Gewinnerteams des CMHC Equilibrium (net zero energy – Null-Energie) Wohnungs-Wettbewerbes und Mitgewinner des 2007/08 ACSA/AIA Preises für ausgezeichnete Lehre im Wohnungsbau. In jüngster Zeit fungierte er als Kurator und Autor der Carrot City Ausstellung und Publikation.

Michael Keil, B.Sc. ist seit dem Jahr 2005 Student der Landschaftsarchitektur, zuerst an der BeuthHochschule für Technik Berlin und – nach einem Jahr Praxiserfahrung – an der Technischen Universität Berlin. Zuvor absolvierte er eine zweijährige Ausbildung als Garten-, Landschaftsund Sportplatzbauer. Diese vorausgegangene praktische Ausbildung bildet für ihn eine wichtige Grundlage für die Auseinandersetzung mit theoretischen Inhalten der Landschaftsarchitektur, sodass er vor allem im ausführenden Bereich der Landschaftsplanung seinen Schwerpunkt setzt. Das zeigt sich gut bei dem Projekt Spiel/Feld Marzahn und stellt dort einen Nutzen für alle Beteiligten dar. Sein gärtnerisches Fachwissen macht ihn zum direkten Ansprechpartner für alle Fragen rund ums Gärtnern auf dem Spiel/Feld.

Nishat Awan, Dr. ist Schriftstellerin und räumliche Praktikerin, deren Forschungsschwerpunkte die Entstehung und

Anhang

Kristian Ritzmann


Mitwirkende Repräsentation von Migrationsräumen beinhaltet. Sie interessiert sich hierbei für das Topologische als Methode und alternative Modi architektonischer Praxis. Sie ist Co-Autorin der Publikation Spatial Agency (Routledge 2011) und Mitherausgeberin von Trans-Local-Act (aaapeprav 2011). Oft arbeitet sie mit einer Reihe anderer Fachleute und einem Generativen Gestalter zusammen. Mit letzterem gründete sie auch das Kunst- und Architekturkollektiv OPENkhana.

1998 ist er Oberingenieur für Freilandpflanzenkunde und –verwendung an der Technischen Universität Berlin und seit 2003 Leiter der Fachgebietes Vegetationstechnik und Pflanzenverwendung. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen die Theorie in der Pflanzenverwendung, Extensiven Staudenverwendung, Spontanvegetation, Grünflächenmanagement sowie Historischen Pflanzenverwendung. Seit 2006 ist er außerdem Studiendekan der Lehreinheit Landschaftsplanung.

Zwischen Dezember 2010 und März 2012 war Nishat wissenschaftliche Mitarbeiterin des Fachgebietes Stadt & Ernährung an der Technischen Universität Berlin.

Norbert ist Mitglied in internationalen Gremien und Beiräten sowie seit 2006 Vorsitzender der KarlFoerster-Stiftung.

Sabine Antony, Norbert Kühn, Prof. Dr. absolvierte das Studium der Landespflege an der Technischen Universität München-Weihenstephan und promovierte anschließend am Lehrstuhl für Vegetationsökologie. Ab

Dipl.-Ing. hat ihren Abschluss im Fach Landschaftsentwicklung mit Erfahrungen in den Bereichen Tourismus-, Landschaftsrahmen- und Bebauungsplanung, Regionalforschung und Partizipation bereichert. Sie ist seit 1994 im Stadtplanungsamt

Marzahn und seit 2001 im Amt für Stadtentwicklung Marzahn-Hellersdorf tätig. Ihr Arbeitsbereich umfasst die Weiterentwicklung der Großsiedlung. Dazu zählen integrierte städtebauliche Konzepte, der Einsatz von Städtebauförderungsmitteln, Stadtumbau, Infrastrukturentwicklung, Quartiersmanagement, Zentrenentwicklung, Beteiligung und Öffentlichkeitsarbeit. Besonderes Interesse liegt bei der interdisziplinären und Ebenen übergreifenden Zusammenarbeit sowie dem Zusammenbringen verschiedener (öffentlicher und privater) Akteursgruppen mit dem Ziel der Entwicklung eines großstädtischen Lebensraumes mit hoher Aufenthaltsqualität, sozialem Zusammenhalt und guten Chancen für die Persönlichkeitsentwicklung seiner BewohnerInnen.

Sarah Götze, B.Sc. absolviert seit Oktober 2010 den Masterstudiengang Landschaftsarchitektur an der Technischen Universität Berlin. Ihr Interesse


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Susanne Hausstein, Dipl.-Des. ist Gestalterin mit einem Selbstverständnis für Design, das als Querschnittsdisziplin für eine Zukunft auf diesem Planeten steht. In ihrer Abschlussarbeit 2011 an der Universität der Künste Berlin im Fach Produktdesign thematisierte sie das problematische Verhältnis von Designer und Müll (ent[SORGEN]). Seitdem forscht sie und engagiert

sich zu diesem Thema im öffentlichen Designdiskurs. Zusammen mit einem Landschaftsarchitekten hat sie im Jahr 2010 das Designkollektiv studiofroh gegründet und internationale Ausstellungen, u. a. in Marokko, und Projekte mit dem Schwerpunkt Future City Gardening konzipiert und produziert. Dabei stehen die Einbeziehung nachhaltiger Technologien (Hydroponics) und kultureller Beschaffenheiten im Fokus der Arbeit.

1991 ist sie für das Bezirksamt Marzahn (seit 2011 Marzahn-Hellersdorf ) von Berlin im Naturschutzund Grünflächenamt tätig.

Anhang

für die Interdisziplinarität zwischen Architektur und Landschaftsarchitektur begründet sich aus ihrem abgeschlossenen Architekturstudium an der Brandenburgisch Technischen Universität Cottbus (2006 – 2010), ihrem sechsmonatigen Auslandssemester an der École Nationale Supérieure d'Architecture de Strasbourg (2008 – 2009), der Teilnahme an internationalen Austauschprogrammen, z. B. zum Atheist Centre Vijayawada in Indien im Jahr 2009, und ihrem sechsmonatigen Praktikum im Atelier Legrand Berlin (2010).

Yvonne Griephan, B.Sc.

erlangte 2010 den Bachelor of Science Landschaftsarchitektur/Landschaftsplanung. Zurzeit studiert sie im Masterstudiengang Landschaftsarchitektur an der Technischen Universität Berlin. Sie absolvierte zwei Workshops Food & the City I und II und das StudienSylvia Sievert, projekt How the Land Lies Dipl.-Ing. (FH) :: Wie das Land Liegt/Lügt zum Thema Produktive absolvierte eine BerufsausStadtlandschaft in Marzahn. bildung als LandschaftsDer Schwerpunkt ihrer gärtnerin und sammelte Arbeiten lag in der Verbinpraktische Erfahrungen in dung von Urbaner Landlandschaftsgärtnerischen wirtschaft mit sozialen AsEinrichtungen in Potsdam pekten, im Besonderen mit und Berlin. Sie absolvierden speziellen Bedürfnissen te das Studium im Fach mehrerer Generationen. Grünanlagenbau an der Fachschule für Gartenbau in Aktuell arbeitet sie für das Erfurt und arbeitete danach Projekt Spiel/Feld Marzahn im Wohnungsbaukombinat und ist dort neben ihrer gärtnerischen Tätigkeit für Berlin und im VEB Kombinat Stadtwirtschaft mit dem die Dokumentation und den Kontakt zum Altenheim Schwerpunkt Freiflächen mitverantwortlich. und Grünanlagen. Seit


Glossar Biodiversität bezeichnet die Vielfalt aller lebenden Organismen und Ökosysteme auf der Erde sowie die genetische Vielfalt.

Gegenständen in Form von Texten, Zeichnungen, Grafiken und Politiken.

Kreislaufsystem

(im Produktdesign) bezeichnet ein in sich geschlossenes, dynamisches Brachland Gefüge, bei dem die Stoffe, ist eine aus wirtschaftlichen die zur Herstellung eines oder regenerativen Gründen Produktes benötigt werden (einschließlich Abfallstoffe), unbestellte Fläche oder ein Grundstück, das sich einmal einer erneuten Produktion wieder zugeführt werden in menschlicher Nutzung können. befand, welche aber wieder aufgegeben wurde.

CPUL [Continuous Productive Urban Landscape] ein Urban-Design-Konzept für die geplante Integrierung von vernetzten produktiven Stadtlandschaften in zeitgenössische Städte, wodurch eine nachhaltige städtische Infrastruktur entsteht, die von Flächen für Urbane Landwirtschaft geprägt ist.

Entwerfen zielgerichtete geistige und schöpferische Leistungen zur Entwicklung von Prozessen, Konzepten und

Mahd ist der Vorgang des Mähens von Gras und Getreide.

Nachhaltigkeit ein aus der Forstwirtschaft kommendes Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als nachwachsen kann. Wird heute zur Beschreibung von Entwicklungsvorgängen benutzt, durch die die gegenwärtige Generation ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Fähigkeit der zukünftigen Generation zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können.

Nahrungsmittelsicherheit besteht, wenn alle Menschen dauerhaften Zugang zu ausreichend ungefährlichen und nahrhaften Lebensmitteln für ein aktives und gesundes Leben haben.

Partizipation bedeutet Beteiligung. In partizipativen Prozessen werden Individuen und Organisationen (sogenannte Akteure) in Entscheidungsund Willensbildungsprozesse eingebunden.

Produktivität definiert das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag bei der Hervorbringung von Leistungen. Im Sinne der Nachhaltigkeit bedeutet hohe Produktivität einen bewussten Ressourceneinsatz.

Redundanz das (überflüssige) Überlagern oder mehrfache Vorhandensein funktional


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Renaturierung die dauerhafte Umwandlung von Bauland zu Grün- und Freiflächen. Im städtischen Kontext entstehen dabei sowohl parkartige, teils extensiv gepflegte Erholungsflächen, aber auch neue produktive Landschaften mit forstund landwirtschaftlichen Nutzungen.

Resilienz bedeutet Widerstandskraft, also die Fähigkeit bedrohliche Situationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen.

Sozialraum steht für die Überlagerung von Sozialstruktur und Raumstruktur.

Stadtökologie die Erforschung urbaner Lebensräume mit den Ansätzen und Methoden der ökologischen Forschung.

Stadtumbau umfassende Maßnahmen zur Neuordnung bestehender Stadtteile oder Stadtquartiere und zum geordneten Rückbau nicht mehr benötigten Wohnraums.

städtisches Nahrungssystem ist die Gesamtheit aller Vorgänge in einer Stadt, die mit Nahrung zu tun haben, also Produktion, Verarbeitung, Vertrieb, Verzehr, Abfallverwertung und alle sonstigen damit verbundenen Prozesse.

trans-lokal bezeichnet ein Phänomen der globalisierten Welt, in der Personen an verschiedenen Orten abwechselnd, aber gleichzeitig leben. Es handelt sich dabei um einen Prozess, einen Austausch oder eine Verbindung, die in beidseitiger Richtung zwischen dem Lokalen und Globalen oder zwischen einer Reihe unterschiedlicher Orte vermitteln.

Umweltbildung ein Bildungsansatz, der einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Umwelt und den natürlichen Ressourcen vermitteln soll und sich nicht nur auf Ökologie bezieht, sondern weitere Dimensionen, z.B. Soziales, Ökonomie, Politik und Kultur integriert.

Urbane Landwirtschaft die Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung von Nahrungsmitteln und anderen Produkten in urbanen und periurbanen Räumen unter Anwendung intensiver Produktionsmethoden und (Wieder-) Verwendung städtischer Abfallstoffe und natürlicher Ressourcen.

Zwischennutzung ist eine zeitlich limitierte Nutzung einer (Brach-) Fläche, wobei die Nutzenden nicht die Besitzenden sind. Letztere werden nicht oder nur geringfügig für die Nutzung entschädigt.

Anhang

gleicher oder vergleichbarer Elemente und Systeme.


Danksagung

Zuerst ein Dank an unsere AutorInnen, die mit ihren Texten, Bildern und Anregungen dieses Buch mitgestaltet haben. Wir bedanken uns auch bei den Masterstudierenden der Landschaftsarchitektur, insbesondere denen der Lehrveranstaltung Vertiefung Heritage im Herbstsemester 2011 für die tatkräftige Unterstützung und inspirierende Zusammenarbeit. Besonderer Dank gilt Frau Prof. Undine Giseke, die unserem Fachgebiet immer zur Seite stand und steht. Ein Dankeschön geht außerdem an die MitarbeiterInnen der ILAUP Fachgebiete Landschaftsarchitektur / Freiraumplanung von Prof. Giseke und Landschaftsbau / Objektbau von Prof. Loidl-Reisch, mit denen wir immer wieder fruchtvoll kooperierten, sowie an Isa Ottmers, Fachgebiet Landschaftsökonomie, für ihre unschätzbare Hilfe beim Meistern allerlei administrativer Hürden. Zusätzlich zu den im Buch an verschiedenen Stellen bereits erwähnten Personen, möchten wir uns für ihre Unterstützung besonders bedanken bei: Elke Bahrs-Discher, Mareen Berndt, Hannes und dem Team vom Familienzentrum Felix, Andrea Blumtritt, Sabine Eckert, Ehepaar Zschiesche, Sabine Fraass, Sven Handzuch, Günter Kleeberg, Ira Leithold, Stefan Lübke, Herrn Marburg, Martina und Matthias von der Agrarbörse Deutschland Ost e.V., Dieter Meckel, Thomas Müller, Astrid Palm, Karl-Heinz Riedel, Christoph Roesrath, Hartmut Schiminski, Jürgen Senz, Kathrin Strumph und ihrem Team vom Alpenland Pflegeheim, Jonas Stürzebecher und Till Hertling von den Wild Werkstätten, Herrn Voigt sowie allen anderen AnwohnerInnen und GärtnerInnen im Sozialraum Marzahner Promenade. Das Fachgebiet Stadt & Ernährung im Juli 2012


Raoul-Wallenberg-StraĂ&#x;e

Marzahn

Spiel/Feld Marzahn: Lage der Projektfläche innerhalb des Stadtquartiers Berlin-Marzahn

Planzeichnung: Kristian Ritzmann unter Benutzung einer Plangrundlage der Senatsverwaltung Stadtentwicklung / Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf von Berlin, bearbeitet von GRUPPE PLAN (Stand 01/2007), 2012


g für NWERK

Projektstandort

Spiel/Feld Marzahn

Mühlenbecker Weg / Franz-Stenzer-Straße, Berlin Marzahn-Hellersdorf

N

0

100 m

1:15.000

500 m


Fachgebiet Stadt & Ern채hrung Technische Universit채t Berlin 2012

Profile for Kristian Ritzmann

Spiel/Feld Urbane Landwirtschaft  

Praxisorientiertes Entwerfen und Ökologische Bildung

Spiel/Feld Urbane Landwirtschaft  

Praxisorientiertes Entwerfen und Ökologische Bildung

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