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A.Z. 6203 SEMPACH STATION, DONNERSTAG, 4. JULI 2013

VERKAUFSPREIS: FR. 2.50

GEDENKFEIER SEMPACH 2013 O F F I Z I E L L E

F E S T Z E I T U N G

Theater im Städtli – das gehört, wie hier vor einem Jahr, seit der Jubiläums-Gedenkfeier 2011 zum bewegten und bewegenden Festgeschehen aus Anlass der Sempacher Schlachtjahrzeit. Neu ist an der diesjährigen Auflage, dass die verschiedenen Theaterszenen thematisch verknüpft sind. Das Stichwort Energie bildet zudem die thematische Klammer für die ganze Feier. Eine Premiere der besonderen Art gibt es auch bei der Festrede: Mit Oberst Daniel Anrig hält erstmals ein amtierender Kommandant der Schweizergarde die Ansprache beim Festakt in der Pfarrkirche. FOTO RETO BERNER/ARCHIV


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FORUM GESCHICHTE 2013

SEMPACHER WOCHE • 4. JULI 2013

Vom Holzflössen bis zum Pionierkraftwerk FORUM GESCHICHTE WIE DIE ENERGIENUTZUNG IM KANTON LUZERN SICH ENTWICKELTE Jedes Leben braucht Energie, allein schon zur blossen körperlichen Existenz. Rechnet man Bedürfnisse wie Heizung, Mobilität, Kommunikation und die Verarbeitung von Materialien dazu, wird rasch klar, dass eine zuverlässige und dauernde Versorgung mit Energie für eine Gesellschaft elementar wichtig ist. Im Folgenden soll anhand einiger Beispiele aus der Geschichte des Kantons Luzern gezeigt werden, wie Obrigkeit und Unternehmer zu verschiedenen Zeiten den Energiebedarf des Kantons zu decken versuchten.

Holz Holz als wichtigster nachwachsender einheimischer Rohstoff war nicht nur als Baumaterial seit Jahrtausenden von grösster Bedeutung, sondern auch als Brennmaterial. Holz wurde massenweise gebraucht und demzufolge in der Nähe der Siedlungen bald rar, so dass man es aus den Hügeln des Entlebuchs und des Napfgebietes heranführen musste. Im Kanton Luzern bezog man das Holz insbesondere aus dem Entlebuch und aus dem Napfgebiet. Das Stammholz wurde dabei mit der sogenannten Trift über die Wildbäche zu den Talflüssen, zum Beispiel zur Kleinen Emme geleitet und über diese direkt zu den Verbrauchern geführt oder zu Flössern für den Fernhandel über die Reuss und Aare zusammengebunden. Holzflössen brauchte Bewilligung Trift und Flösserei waren vom Mittelalter bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts die wichtigste und billigs te Transportart für Stammholz und gesägtes Kantholz. Wir erkennen das nicht zuletzt an Flurnamen wie Holzbach oder Holzbachwald südlich von Hergiswil. Wenn das Holz einmal auf den grossen Flüssen schwamm, bestand die Gefahr, dass es am Heimmarkt vorbei in den Export gelangte, was man unbedingt verhindern wollte. Die Schiffleute mussten daher einen Eid schwören, kein Holz ohne Bewilligung von Schultheiss und Rat aus dem Luzerner Herrschaftsgebiet hinauszuführen. Viel Holzschlag für Glaserzeugung Holzknappheit wurde aber nicht nur durch den Export verursacht, sondern auch durch Wirtschaftszweige, die extrem grosse Mengen Feuerholz benötigten wie die Glasherstellung in Flühli im 18. und 19. Jahrhundert. Der Widerstand der Bevölkerung gegen den hohen Holzverbrauch führte dazu, dass die Glaser ab 1815 nach Hergiswil zogen, wo sie Holz aus dem ganzen Vierwaldstätterseeraum beziehen konnten.

Torf Torf ist nichts anderes als eine Ansammlung von halbvermoderten Pflanzen, eine Vorstufe der Kohle. Torf ist kein sehr wertvolles Brennmaterial und wird in der Regel nur verwendet, wenn Holz oder andere Energieträger nicht oder nicht in genügendem Mass

Torfgewinnung im Wauwilermoos, Juni 1941.

zur Verfügung stehen. Seit dem späten Mittelalter wird in Europa Torf gestochen, getrocknet und verbrannt. Im Kanton Luzern wurde vor allem im Wauwilermoos, im Ostergau bei Willisau und im Mettlimoos bei Entlebuch während und nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg Torf abgebaut. Allein im Mettlimoos betrug die Ausbeute in den Jahren 1918 und 1919 rund 7000 Tonnen, in den grösseren Mooren im Wauwilermoos und im Ostergau wohl ein Vielfaches davon. Torf stechen und zum Trocknen aufschichten war Handarbeit, für die auch Frauen und Kinder und im Krieg nicht wenige internierte Soldaten eingesetzt wurden. Der Torf aus dem Mettlimoos wurde an die Firma Geistlich in Wolhusen und bis zu den Gaswerken der Stadt Zürich geliefert.

Kohle Vom Sonnenberg oberhalb Kriens zieht sich ein unterirdisches Kohlevorkommen unter dem Reussbett hindurch bis in die Gegend des Stifts im Hof. Ab 1839 wurde das Vorkommen durch die Betreiber der Krienser Hammerschmitte abgebaut und soll bereits im ersten Jahr 12‘000 Zentner, also etwa 600 Tonnen Steinkohle ergeben haben. In dieser Zeit reichte es aus, die Einwilligung des Grundeigentümers zu haben, der Kanton beanspruchte noch kein Bergbauregal. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte man die Schächte bis 90 Meter horizontal und 37 Meter vertikal in den Berg geschlagen und dabei eine Kohlenader abgebaut, die maximal 120 Zentimeter dick und teilweise mit Mergel versetzt war, so dass kaum 30 Zentimeter abgebaut werden konnten. Die Sonnenberg-Kohle war zudem von sehr schlechter Qualität, brüchig und mit Sand vermischt und bei den Kunden nicht sehr beliebt. Dank der Eisenbahn war es ja möglich geworden, bessere Kohle günstig aus dem Ausland zu importieren. Gesetz über das Bergregal Als im Ersten Weltkrieg die Versorgung mit Kohle aus dem Ausland zeitweise stockte, reagierte die Luzerner Regierung und erliess am 6. März 1918 ein neues Gesetz über das Bergregal, das für den Abbau von Metallen, Erzen, Salzen und fossilen Brenn- und

Das Elektrizitätswerk Rathausen an der Reuss bei Emmen mit dem 1900 erbauten Hochkamin. QUELLEN STAATSARCHIV

FOTO MAX A. WYSS / STAATSARCHIV LUZERN

Leuchtstoffen wie Schwefel, Brand, Braun- und Schieferkohle sowie Erdöl eine regierungsrätliche Konzession erforderlich machte. Während der Anbauschlacht des Zweiten Weltkriegs griff man erneut auf die Sonnenberg-Kohle zu, um ab September 1942 insbesondere die von Moos-Eisenwerke beliefern zu können. Bis zur Einstellung des Betriebs im Oktober 1946 förderte man am Sonnenberg rund 21‘800 Tonnen Kohle, was immerhin etwa 5 Prozent der gesamten Schweizer Förderung in dieser Zeit war. Gegenüber dem Ersten Weltkrieg hatte die Sonnenberg-Kohle aber erheblich an Bedeutung verloren. Fledermäuse statt Mineure Seit der Schliessung der Mine werden die Stollen nicht mehr unterhalten und beginnen langsam zu zerfallen. Es besteht heute noch die Gefahr, dass durch Einbrüche und Stürze Menschen oder Tiere zu Schaden kommen könnten. Bereits 1926 war ein Schacht dicht an der Oberfläche eingestürzt und hatte ein Loch von 60 bis 80 Metern Tiefe verursacht und 1935 war sogar ein Jugendlicher aus Reussbühl in einem der verlassenen Schächte zu Tode gestürzt. In den letzten Jahren sind einsturzgefährdete Stellen eingezäunt und Türen vor den noch offenen Stolleneingängen angebracht worden. Einzelne Stollen haben heute eine neue Bestimmung gefunden als Winterquartier für das Grosse Mausohr, eine der einheimischen Fledermausarten.

Erdöl und Erdgas Erdöl wurde seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunächst als Leucht- und Schmiermittel benutzt, bis Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Verbrennungsmotor sein Wert als Treibstoff erkannt wurde. In der Schweiz suchte unter anderem Joseph Kopp aus Ebikon (1897-1977), der wohl bekannteste Schweizer Geologe und Experte für fossile Brennstoffe, der auch schon als Berater für den Kohleabbau am Sonnenberg fungiert hatte, nach Ölquellen. Die erste Bohrung im Kanton Luzern fand 1952 -1954 in Altishofen statt und 1960 wurde die LEAG, die Luzerner Erdöl AG gegründet, die ihrerseits der Swisspetrol AG angehörte, der nationalen Dachgesellschaft, die alle Boh-

Bohrplattform Finsterwald bei Nachtbetrieb.

rungen in der Schweiz koordinierte. Eine Bohrung in Pfaffnau erbrachte 1964 einige hunderttausend Kubikmeter Erdgas, für das man aber damals noch keine Verwendung hatte und es einfach abfackelte. Die Episode Finsterwald Auch in der Region Finsterwald liessen geologische Untersuchungen auf Erdöl- oder Erdgasvorkommen schliessen. Am 28. September 1979 begann die LEAG ihre Bohrung im Nesslebrunnebode östlich des Dorfs. Die Bohrung dauerte eineinhalb Jahre, kostete rund 30 Millionen und erreichte eine Tiefe von 5289 Metern, nicht ganz so tief wie gewünscht. Bis zu einem allfälligen Ölvorkommen gelangte man zwar nicht, aber man stiess immerhin auf Erdgas, dessen Vorrat man auf 70 bis 150 Millionen Kubikmeter schätzte. Das ist im internationalen Vergleich nicht viel, aber da die Transitgasleitung zwischen Holland und Italien bei Wilzige nördlich von Entlebuch nur sechs Kilometer von der Fundstätte entfernt verläuft, konnte man das Gas günstig einspeisen und die Produktion lohnte sich trotzdem. Industriedenkmal Rastplatz Insgesamt wurden in Finsterwald während über 42‘000 Betriebsstunden gut 74 Millionen Kubikmeter Erdgas gefördert. Der 8. Juli 1994 war der letzte Fördertag. Im Anschluss daran wurden das Bohrloch verfüllt und die Anlagen abgebaut. Gemäss den Konzessionsbestimmungen hätte die LEAG den Bohrplatz wiederherstellen müssen, man einigte sich aber darauf, dort stattdessen einen Picknick- und Spielplatz einzurichten und einen letzten Rest der Förderanlagen als Industriedenkmal zu erhalten.

Wasserkraft Als Energieträger spielt heute neben den Erdölprodukten die Elektrizität eine herausragende Rolle. Für den Kanton Luzern sind dabei drei Aspekte besonders hervorzuheben: Erstens: im Kanton Luzern nahm 1886 mit dem Wasserkraftwerk Torenberg das erste schweizerische Wechselstromwasserkraftwerk den Betrieb auf; zweitens: Im Kanton Luzern liegt der Stammsitz und Ursprung der Centralschweizerischen Kraftwerke CKW und

Die Maschinenfabrik Theodor Bell & Cie. AG Kriens war an der Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 mit ihren Turbinen unübersehbar vertreten.

QUELLE ERDGAS SCHWEIZ

drittens hat einer der grossen Schweizer Kraftwerk- und Turbinenbauer seinen Sitz im Kanton Luzern: Die ehemalige Theodor Bell AG in Kriens, die sich heute, nach diversen Handänderungen, im Besitz der österreichischen Andritz Hydro AG befindet. Aus Mühlen werden Kraftwerke 1884 hatten die Gebrüder Troller aus Luzern die Neumühle Torenberg mit deren Wassernutzungsrechten aus der Kleinen Emme erworben und liessen anstelle der Mühlen eine Turbine und einen 250-PS-Generator zur Stromerzeugung einbauen. 1886 nahm das Kraftwerk Torenberg als erstes schweizerisches Wechselstromwerk und weltweit erstes Kraftwerk mit angeschlossenem Primär- und Sekundärnetz den Betrieb auf. Den Strom zur Beleuchtung lieferte das Kraftwerk in die Stadt Luzern und den Kraftstrom an die eigenen Mühle- und Sägewerke in der Fluhmühle. Im Konzessions-Akt bewilligte der Luzerner Stadtrat den Gebrüdern Troller, Leitungsdrähte über das Stadtgebiet zu führen und auf städtischen Gebäuden, darunter die Museggmauer und der Wasserturm, abzustützen. Strombedarf wächst rasant Überall brauchte man nun Strom. Auch Eduard von Moos wollte für seine Eisenwerke eine sichere Stromversorgung errichten. 1894 gründete er zusammen mit Theodor Bell und dem Luzerner Regierungsrat und Ingenieur Josef Fellmann die «Aktiengesellschaft Elektrizitätswerk Rathausen», um die Wasserkraft der Reuss nutzen zu können. Das Kraftwerk Rathausen nahm zwei Jahre später den Betrieb auf – und musste bereits vier Jahre später eine Dampfmaschine installieren, um die rasant steigende Nachfrage nach Strom befriedigen zu können, 1907 folgte bereits die zweite Dampfmaschine. Manche Projekte verliefen im Sand Der Hunger nach immer mehr Strom brachte die Elektrizitätswerke und Planer dazu, überall, wo Wasser und ein Gefälle vorhanden waren, Kraftwerkprojekte zu prüfen. Zahlreiche dieser Projekte sind aus unterschiedlichen Gründen nicht realisiert worden. Zu nennen wären etwa ein Stauseeprojekt im Eigental, ein Flusskraftwerk ähnlich Rathausen unterhalb der GisikonerBrücke sowie zwei Projekte, die den Höhenunterschied von rund 15 Metern zwischen dem Vierwaldstättersee und dem Rotsee nutzen wollten, indem sie durch einen Stollen Wasser aus dem See bzw. der Reuss gegen den Rotsee leiten und am westlichen Ende des Sees ein Turbinenhaus erstellen wollten. Die «Aktiengesellschaft Elektrizitätswerk Rathausen» kaufte in den folgenden Jahren kleinere Werke auf, beteiligte sich an weiteren und schloss sich 1913 mit dem Elektrizitätswerk Schwyz zusammen. Seither firmiert das Unternehmen unter dem Namen Centralschweizerische Kraftwerke JÜRG SCHMUTZ CKW. Dr. phil. Jürg Schmutz, Rain, ist Staatsarchivar des Kantons Luzern und zeichnet verantwortlich für das Forum Geschichte im Rahmen der 627. Gedenkfeier Sempach 2013.


FORUM GESCHICHTE 2013

4. JULI 2013 • SEMPACHER WOCHE/SURSEER WOCHE/TRIENGER WOCHE

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Wasserkraft dank Sempachersee blieb Utopie FORUM GESCHICHTE EIN NACHHALTIGES UND EIN GESCHEITERTES WASSERKRAFT-PROJEKT IN DER REGION SEMPACHERSEE Die anlässlich der schweizerischen Landesausstellung 1914 erhobene Wasserkraftstatistik bescheinigte dem Kanton Luzern schlechte Zahlen; ein unhaltbarer Zustand, wie Kantonsingenieur Enzmann befand, und er forderte den Staat zum Handeln auf. Namentlich sollte dieser Projekte zur Wassernutzung unterstützen oder selbst an die Hand nehmen, so auch in der Region Sempach.

Am 15. Dezember 1919 reichte das Konsortium «Waldemme-Sempachersee» dem Luzerner Regierungsrat ihr Konzessionsgesuch ein. Die Konsortiumsmitglieder, neben anderen Fischer-Reinau, die Escher-Wyss-Gruppe und Nationalrat Ferdinand Steiner, waren überzeugt, mit ihrem Projekt dem öffentlichen Interesse zu entsprechen. Entsprechend optimistisch äusserten sie die Erwartung, «dass die hohe Kantonsregierung unserm Gesuch ihr geneigtes Wohlwollen zuwenden wird», ein Wunsch, dem nicht ohne Weiteres entsprochen wurde.

Enzmanns Plädoyer zur verbesserten Nutzung der Wasserkraft hing zusammen mit dem gestiegenen Energiebedarf der Industriegesellschaft seit ca. der Mitte des 19. Jahrhunderts. Gegenüber 1850 hatte sich der Primärenergieverbrauch 1910 verfünffacht, der Stromverbrauch sich während seiner grössten Wachstumsphase im ausgehenden 19. Jahrhundert jährlich um 35 Prozent erhöht. Energie lieferte zunächst vor allem Importkohle, doch förderten die Kohlekrisen vor und während des Ersten Weltkriegs verstärkt die Nutzbarmachung der einheimischen Wasserkräfte. Gleichzeitig schritt der Elektrifizierungsprozess in der Schweiz rasch voran, deutlich sichtbar am nun immer häufiger genutzten elektrischen Licht. Das EW Sempach Neuenkirch Bereits im 19. Jahrhundert, genauer: 1898, kam es zur Gründung des Elektrizitätswerks Sempach Neuenkirch. Treibende Kraft hinter dem Werk war der Sempacher Gemeindeammann Johann Schmid, der zusammen mit vier weiteren Gründungsmitgliedern das Wasserwerk am Unterröllbach bei Büezwil ins Leben rief. Ein ähnliches Projekt Schmids in Sempach war rund ein Jahr früher wegen Widerständen der Korporation bezüglich der Durchleitungsrechte gescheitert. Als Abnehmer des Stroms dürften Schmid und seine Gesellschafter zunächst die Ortschaften Neuenkirch und Sempach – oder wenigstens Teile davon – anvisiert haben. Noch 1898 gelangte Schmid mit der Bitte an den Sempacher Kirchenrat, «an der Kirche von Sempach in dem Felde zwischen den beiden Schwanenhälsen 4 Drähte, an Isolatorenträgern & Isolatoren be festigt, für die Lichtleitung der Beleuchtungsanlage von Sempach befestigen zu dürfen. Es wäre dies der einzig richtige Weg, um den Kirchenplatz nicht zu kreuzen mit der Leitung & ihn nicht zu verunstalten.» Guter Rat aus Einsiedeln Pfarrer Häfliger liess sich mit der Antwort indessen Zeit und bat zunächst verschiedene geistliche Kollegen um Rat. Aus Einsiedeln beschied man ihm, er, Häfliger, könne «ganz ohne Sorge sein, umso mehr, wenn ein Blitzableiter auf der Kirche sich befindet». Gleichzeitig rieten die Einsiedler dem Sempacher Pfarrer, er «solle diese Concession nicht gerade so ohne Bedingung machen, sondern jetzt schon vorsorgen für den Fall, dass einmal die Kirche elektrisch beleuchtet werden soll u. die Abgabe von Lichtkraft für die Kirche gratis auszubedingen». Elektrifiziert wurde die Kirche dann um 1901. Gratis war die Installation mit Kosten von mehr als 1800 Franken freilich nicht. Immerhin sicherte das Elektrizitätswerk dem Sempacher Pfarrer zu, beim «Strombezug für die Beleuchtung der Kirche einen sehr geringen Preis hierfür zu verlangen». Ungefähr zur gleichen Zeit wie die Kirche wurde der Pfarrhof elektrifiziert; weitere Teile Sempachs dürften nur unwesentlich später ebenso mit Strom versorgt worden sein. Das Werk ist bis heute produktiv Dem Unternehmen Schmids war jedoch kein langer Erfolg beschieden. 1906 musste das Elektrizitätswerk Sempach Neuenkirch Konkurs anmelden, 1920 wurde es endgültig aus dem Handelsregister gelöscht. Einige Jahre

Beim Kanton hat man’s nicht eilig Zwar drängte Nationalrat Steiner beim Baudepartement, die Konzessionserteilung nicht zu verschleppen, denn dies könnte «die Ausführung dieses Projektes u.U. sehr erschweren, ja verunmöglichen […], wodurch dem Kanton Luzern ein grosser Schaden entstehen, d.h. ganz bedeutende Einnahmen entgehen würden». Vor seiner abschliessenden Stellungnahme wollte der Kanton jedoch die Vorprüfung bei Bund und eine geologische Expertise zum geplanten Projekt abwarten. In der Öffentlichkeit wusste man zwar um die Waldemme-Sempachersee-Planung. Diese wurde aber lange Zeit eher gerüchteweise kolportiert und als realitätsfern eingeschätzt. Konkretisiert wurde sie erst durch eine von Nationalrat Steiner abgehaltene Informationsveranstaltung vom September 1921. Mit diesem Schritt hoffte Steiner, «gewisse Kreise in Sempach u. Umgebung für das Project gewinnen zu können», mobilisierte damit aber im Gegenteil die Opposition. «Habt Acht, ihr Krämer und Spiesser, hier ist geheiligter Boden!» Ein imposanter Winkelried warnt vor den Folgen des Wasserkraftprojekts Waldemme-Sempachersee. Zeitgenössische Karikatur im «Nebelspalter». FOTO ZVG

zuvor hatten die Centralschweizerischen Kraftwerke (CKW) die Liegenschaft in Büezwil mitsamt Kraftwerk und wenig später auch die dazugehörige Wasserrechtskonzession erworben, um diese 1923 an die Familie Widmer zu verkaufen. Dort nutzte man die Anlage zunächst zur Produktion von mechanischer Energie für das Sägewerk, seit Ende der 1960er-Jahre dann verstärkt auch, um Strom zu produzieren. Das Hochdruckwerk Büezwil gibt es heute noch. Seine Leistung beträgt rund 100 kW, rund das Zweieinhalbfache jener, die es zu Zeiten von Gemeindeammann Schmid um 1900 brachte. Das Fischer-Reinau-Projekt Von grösseren Dimensionen – sowohl in geographischer Hinsicht als auch in Sachen Energieproduktion – war das Projekt «Waldemme – Sempachersee». Dieses setzte dort an, wo Kantonsingenieur Enzmann das grösste Wassernutzungspotenzial im Kanton Luzern auszumachen glaubte: im Gebiet der Kleinen Emme und ihrer Zuflüsse. Dabei sollten mittels verschiedener Stauwerke unter anderem in der Lammschlucht oder im Eigental und der dazugehörigen Kraftwerke jährlich an die 320 Millionen kW/h Energie produziert werden. Schon in früheren Jahren hatte der Verfasser des Projekts, der Zürcher Ingenieur Ludwig FischerReinau, Vorschläge zur Nutzbarmachung der Emmewasser gemacht. Jetzt, im Spätjahr 1919, plante er ein neues Element hinzu: das Ausgleichsbecken Sempachersee. Der Sempachersee sollte in erster Linie dazu dienen, der mittlerweile in die Planung integrierten Reuss das fehlende Winterwasser zu liefern. Zu diesem Zweck eignete sich nach Ansicht Reinaus der Sempachersee optimal: «Während an allen übrigen schweizerischen Seebecken sich den Bestrebungen der Auswertung des Beckenraumes zur Verbesserung der Wasserwirtschaft der Flussläufe grosse, oft unüberwindlich scheinende Hindernisse entgegenstellen, liegen am Sempachersee die Siedlungsverhältnisse so,

dass der wasserwirtschaftlichen Verwendung desselben ernstliche Schwierigkeiten nicht bereitet werden können.» Kanal von Schachen nach Sempach Gespiesen werden sollte der See mit dem Wasser der Kleinen Emme, das bei Schachen über ein Kanalsystem abgeleitet werden und den See während der Sommermonate jeweils rund drei Meter über dessen eigentliches Niveau aufstauen sollte. Demgegenüber berechnete Reinau für die Winterszeit eine durchschnittliche Seeabsenkung von ca. 15 Metern. Für den Ort Sempach hätte dies gewisse bauliche Anpassungen erfordert. Unter anderem plante Reinau einen Schutzdamm gegen das Städtchen hin, dessen Krone, so Reinau, auch als Strasse hätte genutzt werden können.

Widerstand auf breiter Front Tatsächlich machte sich gegen das Projekt alsbald breiter Protest bemerkbar: Verschiedene Aktionskomitees sowie praktisch sämtliche Gemeindebehörden der Region oder der Heimatschutz verwandten sich mit Verve gegen die Fischer-Reinau-Planung. An einer am 2. Oktober 1921 in der Festhalle abgehaltenen Protestversammlung nahmen nach einer Schätzung des Anzeigers für Sempach, Neuenkirch und Umgebung «600 Männer aus allen Gauen unseres Kantons» teil. Als Argumente verwendeten die Projektgegner unter anderem den Natur- oder den Heimatschutz, aber auch handfeste wirtschaftliche Interessen wie jene des Surseer Stadtpräsidenten Hochstrasser, der für die geplanten Herrschaftssitze und Privatpensionen bei Mariazell nach einem intakten See verlangte. Eher ungünstige Geologie Der Fortgang des Projekts verlief für das Konsortium nicht nach Plan: Die Proteste hielten an, während die poli-

tisch engagierten Luzerner Konsortiumsmitglieder in der Öffentlichkeit zunehmend unter Druck gerieten. Dazu kam, dass das geologische Gutachten dem geplanten SempacherseeAusgleichsbecken eher ungünstige Voraussetzungen attestierte. Da half es auch nicht, wenn der Kanton Aargau, der sich Vorteile namentlich für die Grossschifffahrt auf dem Rhein erhoffte, das Projekt grundsätzlich befürwortete. Die Luzerner Kantonsregierung ihrerseits lehnte das Projekt im Sommer 1923 nämlich ab, unter anderem darauf hinweisend, dass die Opposition nach wie vor ungebrochen sei und «die schöne Gegend um den Sempachersee […] verunstaltet» würde. Endgültig begraben wurde das geplante Werk aber erst, als die Escher-WyssGruppe das Konzessionsgesuch, «soweit es sich auf die Ausnützung des Sempachersees als Staubecken bezieht», im September 1926 zurückzog. Eine Art ökologisches Bewusstsein Das Scheitern des Projekts fiel in eine Zeit, in der sich zum Fortschrittsglauben der Kulturpessimismus gesellt hatte. Dieser wandte sich unter anderem gegen die Auswüchse der Industrialisierung, gegen deren Massenkultur, gegen die zunehmende Verstädterung, gegen die industriell bedingten Seuchen etc. In diesem Umfeld entwickelte sich auch eine Art ökologisches Bewusstsein, das im beginnenden 20. Jahrhundert in Heimat- und Naturschutzbewegungen aufging. Man spricht im selben Zusammenhang auch von der konservativen Revolution, die sich neoromantisch und patriotisch für die typisch schöne vaterländische Landschaft und Kultur einsetzte. In der Zwischenkriegszeit verbreitete sich solches Gedankengut in weiteren Kreisen der Bevölkerung: Von Projektgegnern vorgebrachte Schlagworte vom «seelenlosen Grosskapitalismus» oder von der «Heimatliebe» fügten sich insofern ins Vokabular der Zeit. Geschichtlich berühmte Landschaft Dass es im Falle des Sempachersees um den Schutz einer «ebenso naturschönen wie geschichtlich berühmten Landschaft» vor der Grossindustrie ging, mochte den Protest die notwendige Konsequenz verliehen und ihn insbesondere auch überregional verankert haben. Die Beispiele der nur wenig später realisierten Stauwerke im Wäggital und im Sihltal zeigen, dass in Gegenden, die natur- und kulturlandschaftlich vielleicht als weniger bedeutend wahrgenommen wurden, durchaus auch der Fortschrittsglaube ANDRÉ HEINZER obsiegen konnte. Der Historiker André Heinzer ist wissenschaftlicher Mitarbeier beim Staatsarchiv Luzern und Stadtarchivar von Sempach.

Kleinkraftwerk Büezwil auf Gemeindegebiet von Neuenkirch: Eine Turbine der Krienser Firma Bell erzeugt Strom für die Region. Die Anlage entstand kurz vor 1900. QUELLE STADTARCHIV LUZERN


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FORUM GESCHICHTE 2013

SEMPACHER WOCHE • 4. JULI 2013

Luzerner AKW-Pläne wirbelten viel Staub auf FORUM GESCHICHTE DAS NICHT REALISIERTE PROJEKT EINES ATOMKRAFTWERKS IN INWIL Vor genau 40 Jahren, im Juli 1973, erregte eine kommunale Abstimmung die Gemüter in der Gemeinde Inwil. Die Bürgerinnen und Bürger befanden über die Industriezone Schweissmatt und indirekt über die Pläne der CKW, dort ein Atomkraftwerk zu errichten. Trotz positivem Entscheid wurde das Projekt bald auf Eis gelegt. Dennoch spielte das angedachte AKW an der Reuss in den Luzerner Auseinandersetzungen zur Energiepolitik bis 1990 eine wichtige Rolle. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine beispiellose Phase des Wirtschaftswachstums, die mit einem stark wachsenden Energiekonsum einherging. Um die Auslandabhängigkeit durch Ölimporte in Grenzen zu halten, forcierten die Schweizer Elektrizitätsgesellschaften den Bau von Wasserkraftwerken in den Alpen. Der Zukunftshoffnung Atomenergie begegneten sie anfänglich skeptisch. In den 1960er-Jahren bestellten öffentliche Versorger schlüsselfertige Kraftwerke aus den USA und bauten in Beznau und Mühleberg die ersten Anlagen. Gemischt-wirtschaftliche Gesellschaften planten grössere Kraftwerke in Gösgen, Kaiseraugst, Leibstadt und Graben. In den frühen 1970er-Jahren lancierten Elektrizitätsgesellschaften weitere Standorte: Verbois bei Genf, Rüthi im St. Galler Rheintal sowie Inwil auf halbem Weg zwischen Luzern und Zug. Erste Kritik und Debatten In der Nordwestschweiz löste das Pro-

Forum Geschichte THEMA ENERGIE Das Forum Geschichte gehört seit 2011 zum festen Bestand der Veranstaltungen im Rahmen der Sempacher Gedenkfeier. Dabei sollen neue Erkenntnisse zur Geschichte des Kantons Luzern vermittelt und zur Diskussion gestellt werden. Beim diesjährigen Forum, das am 1. Juli 2013 in der Festhalle stattfand, bildete das Stichwort Energie die thematische Klammer. Jürg Schmutz gab in seinem Referat einen historischen Überblick über die Energienutzung im Kanton Luzern, André Heinzer präsentierte frühe Kraftwerkprojekte in der Region Sempachersee und Raffael Fischer erinnerte an die Auseinandersetzungen um das nicht realisierte Atomkraftwerk projekt in Inwil. Kurzfassungen der drei Referate sind in dieser FestzeiHM tung publiziert.

jekt Kaiseraugst ab 1970 eine zunehmend kritische Auseinandersetzung mit der Atomenergie aus. Anderswo war die Technologie noch kaum bekannt. Im November 1971 gaben die Centralschweizerischen Kraftwerke (CKW) bekannt, dass sie ein Landstück im Osten der Gemeinde Inwil auf seine Eignung für den Bau eines Atomkraftwerks abklärten. Darauf reagierte die Luzerner Presse zurückhaltend positiv. Kritik kam von jenseits der Kantonsgrenze: Die Freiämter Nachbargemeinde Dietwil äusserte sich besorgt über den drohenden Bau eines 140 Meter hohen Kühlturms in der Reussebene. Eine entsprechende Fotomontage wurde in einer Sendung des Schweizer Fernsehens verbreitet. Daraufhin präzisierten die CKW, dass sie erst über Kaufverträge verhandelten und Studien durchführten. Noch gänzlich unklar seien der Reaktortyp und das Kühlsystem. Im Übrigen verwiesen sie auf die Meinung von Experten, wonach Atomenergie die «umweltfreund lichste» und «sauberste Energie» sei. An der Orientierungsversammlung im März 1972 erklärten CKW-Vertreter ihren Standpunkt, Gemeindepolitiker von Inwil strichen überdies die materiellen Vorteile hervor. Wenige Tage später fand in Dietwil unter dem Titel «Atomkraftwerke, des Menschen Freund oder Feind?» eine kontradiktorische Veranstaltung statt, an der Befürworter auf die Notwendigkeit und Gegner auf die Gefahren der Atomenergie hinwiesen. Im Juni gab der Luzerner Regierungsrat bekannt, dass er dem Projekt positiv gegenüberstehe. Ein finanzschwacher und wenig industrialisierter Kanton dürfe nicht damit vorangehen, «die Energieproduktion und die wirtschaftliche Entwicklung zu hemmen und damit den Lebensstandard zu blockieren.» In der Region blieb es ruhig, wozu nicht zuletzt der lange Zeithorizont beitrug, vor 1980 sei nicht mit dem Bau zu rechnen. Umstrittene Abstimmung Früher als die Kommentatoren dachten, stand jedoch ein Grundsatzentscheid an. Als erster Schritt hin zur Realisierung sollte das von den CKW mittlerweile erworbene Gelände umgezont werden. Am 16. April 1973 gab der Gemeinderat von Inwil das Projekt einer Industriezone Schweissmatt bekannt und am 20. Juni kündigte er eine Urnenabstimmung am 8. Juli an. Eine Handvoll Gegner organisierte in aller Eile eine Informationsveranstaltung, an der am 6. Juli sowohl Befürworter als auch bekannte AKWGegner zu Wort kamen. Im Vorfeld der Abstimmung kursierten in Inwil eine Vielzahl von Flugblättern der beiden

Inwil. Dem Aufruf folgten knapp 200 Personen. Verglichen mit der Stärke der Anti-AKW-Bewegung in der Nordwestschweiz und um Genf blieb sie in Luzern schwach. Projekt im Tiefschlaf Das lag nicht zuletzt daran, dass das Projekt eines AKW in Inwil keinen Schritt weiterkam und sich damit nicht zur Mobilisierung breiter Schichten eignete. Angesichts der Opposition und der komplexen Abklärungen hatten der Bund und die Elektrizitätsgesellschaften 1974 eine Reihenfolge der zu bearbeitenden Gesuche festgelegt, in der Inwil und Rüthi hinter Gösgen, Leibstadt, Kaiseraugst, Graben und Verbois rangierten. Anders als jene Werke erhielt Inwil nie eine eidgenössische Standortbewilligung – die erste Stufe im vierteiligen Bewilligungsverfahren. Im Vorfeld der Abstimmung über die Atomschutzinitiative und das revidierte Atomgesetz war 1979 kaum noch die Rede von Inwil. Die Gemeinde stimmte der Initiative der AKWGegner zu, was auf einen Meinungswandel gegenüber 1973 hindeutet. Allerdings war das Resultat sehr knapp, die beiden Initiativen zum Ausstieg lehnten die Stimmenden 1984 und 1990 ab.

Rührige Atomkraftwerkgegner mobilisierten in den 1970er-Jahren wissenschaftliche Schützenhilfe gegen das Projekt eines AKW in Inwil. QUELLE AUTOR

Lager. Widersprüchlich waren die Aussagen zur Bedeutung der Vorlage. Der Gemeinderat betonte, dass es nur um die Umzonung des Geländes ginge, die ein AKW nicht präjudiziere. Gegner warnten, dass bei einem positiven Entscheid die Gemeinde dazu nichts mehr zu sagen hätte. Schliesslich nahmen 574 der 738 Stimmberechtigten an der Abstimmung teil. Von ihnen stimmten 292 für die Zonenplanänderung, 280 dagegen. Umgehend reichte eine Gruppe von Unterlegenen eine staatsrechtliche Beschwerde ein. Sie brachte insgesamt 16 Vorwürfe gegen die Anordnung der Abstimmung, die einseitige Orientierung der Bürger und die fragwürdigen Beeinflussungsversuche vor. Unter anderem hatte der Gemeinderat mit der Abstimmungsinformation eine mehrseitige Broschüre des Energieversorgers verschickt, und im Dorf war bekannt, dass die CKW der

Die Reussebene bei Pfaffwil, Gemeinde Inwil, wo auf der Schweissmatt nach ersten Plänen in den frühen Siebzigerjahren ein Atomkraftwerk entstehen sollte. Das Projekt wurde schliesslich sang- und klanglos begraben. Aus anderen Gründen scheiterte in jüngster Zeit das Vorhaben einer grossen Solaranlage, die auf diesem Gelände geplant war. FOTO RAFFAEL FISCHER

Musikgesellschaft Inwil soeben einen grossen Beitrag zur Beschaffung neuer Uniformen gespendet hatten. Wegen verstrichener Fristen wies der Regierungsrat im Oktober 1973 die Klage rundweg ab. Daraufhin gelangten die Gegner an das Bundesgericht. Dieses ging auf die einzelnen Punkte ein, stützte im März 1974 aber den Gemeindeentscheid. Zur umstrittenen Spende meinten die Richter: Da die Musikgesellschaft selbst die CKW um einen Beitrag ersucht hätte und dieser nicht angeboten worden sei, handle es sich um keine Beeinflussung. Gewaltfreie Aktion Gegner um den Handelslehrer Emil Winkelmann gründeten im Oktober 1973 die «Überparteiliche Bewegung gegen Atomkraftwerke« (UeBA). Ursprünglich gedacht als Dachverband aller Schweizer AKW-Gegner, blieb ihre Rolle bescheiden. Namentlich mangelte es der ersten atomkritischen Organisation Luzerns an Unterstützung aus den Regierungsparteien. Nach und nach eskalierte in der Region Basel der Streit um die Atomenergie. Nach dem Vorbild der «Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst», die dort ab dem 1. April 1975 das Baugelände besetzte, gründeten junge Luzerner am 6. Juni die «Gewaltfreie Aktion Inwil» (GAI). In ihr wirkten Exponenten der Neuen Linken sowie parteilose Studenten, Lehrpersonen und Berufsleute mit. Erster Präsident wurde der Theologiestudent Jakob Christen aus Inwil, die Sitzungen fanden abwechselnd in Restaurants und im Priesterseminar St. Beat statt. Prophylaktisch erliess die Gemeinde Inwil ein Campingverbot und die CKW erwirkten 1976 ein allgemeines Verbot, ihr Gelände zu betreten. Die Luzerner AKW-Gegner beschränkten ihre Agitation auf Informationsanlässe und auf das Verteilen von Flugblättern. Dank ihrer guten Kontakte vermochte die UeBA in den folgenden Jahren profilierte Gegner wie Holger Strohm oder Robert Jungk zu Vorträgen einzuladen. Ihrerseits organisierte die GAI im Juni 1978 ein «AKW-Fäscht» in

Kein Kernkraftwerk in Inwil ... Der nationale Konflikt um die Atomenergie fokussierte sich weiterhin auf Kaiseraugst und den möglichen Ersatzstandort Graben. Nach dem schweren Unfall von Tschernobyl erschien der Bau weiterer AKW nicht durchsetzbar. Im Unterschied zu früheren Debatten schwenkte der Luzerner Grosse Rat auf die Linie der AKW-Gegner ein: Am 1. Juli 1986 stimmte er einer POCHMotion zu, die vom Regierungsrat verlangte, sich «mit allen zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln gegen den Bau von Atomkraftwerken im Allgemeinen und gegen den Bau von Inwil im Besonderen» einzusetzen. Fast zeitgleich, als in Bern eine Entschädigung für die Kernkraftwerk Kaiseraugst AG ausgehandelt wurde, stand 1988 auch das Ende des Projekts in Inwil bevor. Um dem Raumplanungsgesetz zu genügen, wurde die Schweissmatt als «übriges Gemeindegebiet» ausgezont. Eine Standesinitiative der SP lehnte der Grosse Rat 1989 jedoch ab. Der zuständige Regierungsrat erklärte, das Projekt sei gestorben, «der Hase Inwil ist tot, er muss in Bern nicht noch mit einer Standesinitiative zum zweiten Mal erschossen werden». ... und auch kein Solarkraftwerk Als nach 2003 eine Diskussion über den künftigen Ersatz der AKW anlief, brachten Exponenten der Stromwirtschaft vereinzelt auch Inwil wieder in die Debatte ein. Rasch konzentrierten sich die Pläne aber auf die bisherigen Standorte Beznau, Mühleberg und Gösgen. Für die «Energiewende», die auf den Tsunami und das Reaktor unglück von Fukushima im März 2011 folgte, planten die CKW das «grösste Solarkraftwerk der Schweiz» zu bauen. Sie schlugen dazu 2012 das Gelände in der Schweissmatt vor, das bis heute als «Standort für die allfällige Realisierung eines Kernkraftwerkes» reserviert ist. Anders als beim früheren Projekt fielen die Würfel diesmal noch viel schneller: Es wird kein Solarkraftwerk auf der grünen Wiese realisiert, wo einmal ein Atomkraftwerk entsteRAFFAEL FISCHER hen sollte.

Lic. phil. Raffael Fischer ist Historiker, Lehrbeauftragter und angehender Mittelschullehrer. Er arbeitet an einer Dissertation zur Geschichte der Schweizer Naturschutz- und Umweltbewegung. Zum Projekt eines AKW in Inwil liegt bislang keine Studie vor. Für die Schweizer Atomenergiepolitik und ihre Gegner wird u. a. auf Patrick Kupper, Atomenergie und gespaltene Gesellschaft, Zürich (2003), sowie Hanspeter Kriesi, AKW-Gegner in der Schweiz, Diessenhofen (1982), verwiesen.


GEDENKFEIER

4. JULI 2013 • SEMPACHER WOCHE

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«Die Schweiz muss ihre Stärken pflegen» FESTREDNER 2013 DANIEL ANRIG, KOMMANDANT DER SCHWEIZERGARDE IN ROM, SETZT AUF DEN MUT ZUR VISION Die Beziehungen zwischen dem Kanton Luzern und der Schweizergarde in Rom haben eine fast so lange Geschichte wie die Sempacher Gedenkfeiern. Doch zum ersten Mal wird ein amtierender Gardekommandant die Festrede in Sempach halten. Oberst Daniel Anrig versteht seine Aufgabe im Vatikan als Berufung und Privileg. Der Schweiz wünscht er entschiedenes Festhalten am Föderalismus und am Milizsystem. Diese Erfolgsfaktoren dürfen nicht kurzsichtigem Eigennutz geopfert werden, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

der historischen Gruppen und Fahnen gesorgt. Doch bei aller Freude am Brauchtum ist für Daniel Anrig die Botschaft wichtiger, die er in seiner Festrede den Feiernden mitgeben möchte. Dabei wird er aus der Erfahrung und Aussensicht des Auslandschweizers die besonderen Stärken unseres Landes und deren Pflege in den Mittelpunkt rücken. Drei davon nennt er im Gespräch ganz spontan: das Milizsystem in Politik, Armee und weiteren Bereichen des öffentlichen Engagements; den Föderalismus auf Bundes- und kantonaler Ebene und als dritten Faktor die Vereine, die er als das «beste Integrationsmittel» für Menschen jeden Alters und jeder Herkunft schätzt.

Eigentlich wollten wir uns im Städtli Sempach oder auf dem Schlachtfeld zu einem Augenschein vor Ort treffen. Aus Termingründen müssen wir uns jedoch mit Zürich begnügen. Im Zürcher Hauptbahnhof finden wir, wenige Stunden vor seinem Rückflug nach Rom, eine ruhige Ecke für unser Gespräch. Auch im tadellosen zivilen Anzug mit Krawatte verleugnet Daniel Anrig den Offizier nicht: Sein Auftreten wirkt bestimmt und zielstrebig. «Wunderbar intensive Zeit» Von Hektik hingegen ist nichts zu spüren. Trotz gedrängtem Fahrplan widmet er sich in aller Ruhe unserem lo ckeren Informations- und Gedankenaustausch bei einem Glas Bier. Der Gardekommandant widerspricht auch dezidiert meiner etwas mitleidsvollen Vermutung, er habe, nach den Aufregungen des Papstrücktritts und der Papstwahl, gewiss turbulente und stressige Wochen hinter sich. Die verschiedenen Phasen vom Amtsverzicht Benedikts XVI. bis zu den ersten Auftritten des neuen Papstes hat Daniel Anrig vielmehr «als einmalig interessante und wunderbar intensive Zeit» erlebt. Diese Erfahrung sei ein Privileg, nicht nur für ihn, sondern auch für alle Gardisten. Kirche als Weltkirche erleben Zuerst war es die überraschende Demission, die den Gardekommandanten tief bewegte. Er hatte Papst Benedikt als «überaus sympathischen und liebenswürdigen Menschen» kennengelernt, von dem es nun Abschied zu nehmen galt. Es folgten die umtriebigen Tage eines erstaunlich kurzen Konklaves mit einem Aufsehen erregenden Ergebnis: Erstmals wurde das Petrusamt einem Lateinamerikaner anvertraut. «So eindrücklich wie kaum je zuvor konnten wir die Kirche

Feierliche Vereidigung der neuen Gardisten am 6. Mai 2013 im Vatikan: Vizekommandant Christoph Graf meldet dem Gardekommandanten Daniel Anrig die Truppe. FOTO SCHWEIZERGARDE

als Weltkirche erleben», sagt Daniel Anrig. Er bezeichnet Papst Franziskus als «authentische Persönlichkeit»: Wort und Auftritt stimmten überein. Der neue Papst pflege einen anderen Stil, bewege sich anders und gehe sehr offen auf die Menschen zu. Was rasch zur Folge hatte, dass der Besucherstrom im Vatikan kräftig anschwoll. Zu den Generalaudienzen fanden sich hunderttausend und mehr Gläubige ein. Standen da angesichts solcher Rekordzahlen nicht auch die Sicherheitsorgane im Vatikan ganz plötzlich vor fast unlösbaren Aufgaben? Lebensfreundschaften Da fühlt sich der Kommandant der Schweizergarde direkt angesprochen. Seine Truppe versieht wichtige Sicherheits- und Ordnungsdienste im Kleinstaat Vatikan. Trotz Besucherstrom und neuen Umgangsformen sei die Sicherheit nicht in Frage gestellt, hält er mit Nachdruck fest. Es gebe zwar Anpassungen im Sicherheitsdispositiv, nicht aber eine grundsätzliche Neuorientierung. Als ehemaliger Polizeikommandant ist Daniel Anrig mit Sicherheitsfragen vertraut. Und er kann auf eine voll motivierte Garde

bauen, die zurzeit kaum Nachwuchssorgen kennt. So legten jüngst, am 6. Mai, wiederum 35 neue Gardisten, darunter sieben aus der Zentralschweiz, ihren Eid ab. Ihr Kommandant hatte vor rund 20 Jahren selber als Gardist Dienst geleistet. Und wenn er auf der Webseite der Garde jungen Leuten den Dienst im Vatikan mit vielen Pluspunkten schmackhaft zu machen sucht, so beruhen seine Aussagen auf eigener Erfahrung: Der Dienst in der Garde ermögliche jungen Menschen, neues Wissen und Können zu erwerben, eine andere Kultur kennenzulernen und den Glauben zu vertiefen. «Das Schönste am Dienst aber sind die Lebensfreundschaften, die daraus entstehen», bilanziert Daniel Anrig. Gelebte kulturelle Vielfalt Ja, der Gardedienst in jungen Jahren prägte zweifellos sein Leben. Ohne diese Erfahrung hätte sich der Glarner Polizeichef, der aus dem Sarganserland stammt, vor bald fünf Jahren kaum entschlossen, die Aufgabe des Gardekommandanten zu übernehmen und, diesmal mit Familie, erneut nach Rom zu ziehen. Für seine Frau und die vier Kinder im Alter zwischen 9

Luzern war schon immer stark präsent SCHWEIZERGARDE Seit 1506 steht die Schweizergarde im Dienste der Päpste – als Schutztruppe, Residenzgarde und Grenzwache. Der Kompanie gehören 110 diensttuende Schweizer an. Der Kommandant wird jeweils vom Papst selbst ernannt. Die minimale Dienstdauer der Gardisten beträgt 25 Monate, die maximale 25 Jahre. Bis weit ins 19. Jahrhundert stellte vorwiegend der katholische Vorort Luzern die Kommandanten, meistens Angehörige des Geschlechts der Pfyffer von Altishofen, die mit Franz Pfyffer (1972–82) auch in jüngerer Zeit noch präsent waren. Aus Luzern kamen sodann die Kommandanten Robert Nünlist (1957–72), der tragisch ums Leben gekommene Alois Estermann (1998) und Pius Segmüller (1998–2002). Oberstleutnant Christoph Graf aus Pfaffnau ist zurzeit Vizekommandant. Die ehemaligen Gardisten sind in einer Vereinigung mit regionalen Sektionen organisiert. Weitere Informationen: www.schweizergarde.va; HM www.zentrumgarde.ch.

Persönliche Begegnung im Vatikan: Gardekommandant Daniel Anrig präsentiert Papst Franziskus die Fahne der Schweizergarde. FOTO URS STEINMANN

und 15 Jahren sei der Umzug «eine echte Herausforderung gewesen, die sie gemeistert haben», erklärt Daniel Anrig und räumt auch ein, dass die Familie oft auf ihn verzichten müsse. Seine Frau, studierte Theologin, ist im deutschen Pilgerzentrum in einer leitenden Aufgabe tätig. Die Kinder besuchen die international ausgerichtete Schweizer Schule – «ein Glücksfall, dass es die gibt» – und pendeln zwischen schulischem Umfeld mit Italienisch als Umgangssprache und der schweizerisch und vatikanisch geprägten «Gardewelt». Sie erleben diese kulturelle Vielfalt nach der Wahrnehmung ihres Vaters nicht als Problem, sondern schon eher als Bereicherung. Alte und enge Beziehungen Eine mentale Brücke vom geschichtlich aufgeladenen Mikrokosmos Vatikan nach Sempach zu schlagen, fällt Daniel Anrig nicht schwer. Die historische Stätte kennt er zwar nur flüchtig und an der Sempacher Jahrzeit hat er noch nie teilgenommen. Aber Geschichte und historisches Brauchtum bedeuten ihm viel, nicht nur von Berufes wegen. Und erste Erfahrungen mit kantonalen Gedenkfeiern sammelte er während seiner Glarner Jahre an der Näfelserfahrt, an die er sich gerne erinnert. Für den Gardekommandanten stehen aber vor allem die alten und engen Beziehungen zwischen dem Stand Luzern und der Schweizergarde im Vordergrund: «Luzern war in der Garde immer sehr präsent und stellte im Laufe der Geschichte die meisten Kommandanten.» Auch Daniel Anrigs Stellvertreter, Vizekommandant Christoph Graf, stammt aus dem Kanton Luzern. Im vergangenen Jahr war Luzern Gastkanton bei der feierlichen Vereidigung der neuen Gardisten, eine willkommene Gelegenheit, die freundschaftlichen Bande zu stärken. Die Luzerner Regierung war in corpore angereist, auch die Spitze das Kantonsparlaments war präsent. «Luzern hatte einen hervorragenden Auftritt», rühmt Daniel Anrig mit glaubhaftem Nachdruck und freut sich entsprechend auf seinen «Gegenbesuch» in Sempach. Von Ex-Gardisten begleitet Und wie wird der Gardekommandant in Sempach auftreten? In der historischen Gala-Uniform? «Auf gar keinen Fall, das würde den Gepflogenheiten komplett widersprechen», winkt Daniel Anrig ab. Eine Uniform trägt er nur im Dienst. In Sempach wird ihn aber eine kleine uniformierte Eskorte von ehemaligen Gardisten begleiten. Damit ist auf jeden Fall für einen ungewöhnlichen Farbtupfer im Aufmarsch

Von der Wurzel zur Vision Diesen Stärken gemeinsam ist, so Daniel Anrig, die Teilnahme des einzelnen Menschen an der Verwirklichung gemeinsamer übergeordneter Ziele: «Das Individuum glaubt an etwas, das grösser ist als es selber.» An dieser Grundhaltung nagen Individualismus, Partikularinteressen und Entfremdung der Institutionen. Daniel Anrig setzt der Erosion gemeinsamer Werte ein waches Geschichtsbewusstsein und den Mut zu Visionen entgegen: Wer zu seinen Wurzeln steht und sich nicht auf den schnelllebigen und oberflächlichen Alltag fixieren lässt, ist auch eher bereit, seine Energie in Projekte zu investieren, die allen nützen und auf die Zukunft ausgerichtet sind. HANS MOOS

Zur Person DANIEL ANRIG Der aus dem Kanton St. Gallen stammende Daniel Anrig (40) ist seit Dezember 2008 Kommandant der päpstlichen Schweizergarde – der 34. seit Bestehen der Garde. Aufgewachsen in Sargans, diente er nach der Matura von 1992 bis 1994 als Gardist im Vatikan. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz studierte er in Freiburg Rechtswissenschaften und schloss das Studium mit dem Lizentiat ab. 2002 wurde er Chef der Kriminalpolizei Glarus, 2006 Kommandant der Glarner Kantonspolizei. Daniel Anrig ist verheiratet und hat vier Kinder. Die Familie wohnt in der Kaserne der Schweizergarde im VaHM tikan.

Markus Ries hat Sempach-Erfahrung JAHRZEITFEIER Die Predigt im Rahmen der ökumenischen Jahrzeitfeier 2013 hält Professor Markus Ries. Der Theologe und Kirchenhistoriker ist seit Herbst 2010 Prorektor für Lehre und Internationale Beziehungen der Universität Luzern. Er stammt aus Weinfelden TG, studierte in Luzern, Freiburg und München katholische Theologie und promovierte 1990. 1994 erfolgte die Berufung auf die Professur für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät Luzern; von 2001 bis 2006 war er Rektor der Universität Luzern. Er wohnt mit seiner Familie in Rain. Die Sempacher Gedenkfeier kennt Markus Ries aus eigenem Erleben. Schon einmal hielt er die Predigt im JahrzeitGottesdienst. Zudem besuchte er als Uni-Rektor regelmässig die Schlachtjahrzeit, «und jedes Mal war ich angetan von der besonderen Atmosphäre, den vielen Kontaktmöglichkeiten und den guten Gesprächen», sagt er gegenüber unserer Zeitung. Aus Sicht der Kirchengeschichte ist, so Markus Ries, das 14. Jahrhundert als Zeit der «pastoralen Wende» interessant: Es bildeten sich damals flächendeckend Pfarreien, die für die Seelsorge zuständig wurden. HM


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GEDENKFEIER

SEMPACHER WOCHE • 4. JULI 2013

Zwischen grünen Hügeln und Wäldern: Das Dorf Pfaffnau ist einer der beiden Siedlungsschwerpunkte der Gemeinde Pfaffnau; weiter westlich liegt das Klosterdorf St. Urban.

FOTOS GEMEINDE PFAFFNAU

Zwei Dörfer, eine selbstbewusste Gemeinde GASTGEMEINDE PFAFFNAU MIT ST. URBAN IST «MULTIKANTONAL» AUSGERICHTET Das in der Nordwestecke des Kantons Luzern liegende Pfaffnau ist in diesem Jahr Gastgemeinde an der Gedenkfeier der Schlacht bei Sempach. Das lokale Organisationskomitee hofft, dass viele Pfaffnauerinnen und Pfaffnauer am Fest teilnehmen. Eingeladen zur Gedenkfeier haben die Luzerner Regierung und die Stadt Sempach. Die Gemeinde Pfaffnau freut sich nicht nur über diese Ehre, sondern wird auch einiges zum guten Gelingen des Festes beitragen (siehe Kasten), das nun zum dritten Mal im neuen Rahmen durchgeführt wird. Ein Flyer mit dem detaillierten Programm, den jede Haushaltung der Gastgemeinde erhalten hat, lädt alle Pfaffnauerinnen und Pfaffnauer ein, die Gedenkfeier zu besuchen. 1100 Jahre im Zeitraffer Pfaffnau wurde erstmals 893 in einer Zinsrolle der Abtei Zürich als Fafanhaa erwähnt. Umbenennungen im Verlaufe der Jahre führten schliesslich zu Pfaffnau. 1349, nachdem die Herren von Pfaffnau ihre Besitztümer dem

In Sempach dabei PFAFFNAU beteiligt sich aktiv an der Gedenkfeier in Sempach: Der Gemeinderat, angeführt von Gemeindepräsident Thomas Grüter, wird in corpore die Gemeinde vertreten und hofft auf rege Teilnahme der Bevölkerung. Die Theatergruppe wird, mittelalterlich gewandet, im Verein mit Sempacher Theaterleuten mitten unter der Festgemeinde auf verschiedenen Plätzen Szenen spielen. Dem Klosterziegler Richard Bucher können die Festbesucher bei der Arbeit zusehen. Er wird Ziegel modellieren und eine Auswahl seiner gebrannten Werke ausstellen. 21 Schulkinder, die sich freiwillig zur Teilnahme gemeldet haben, erleben Geschichtsunterricht vor Ort. Sie werden am Einzug die Gemeindefahnen aus dem Amt Willisau tragen und nach einem Picknick das grosse Mittelalterfest geEK niessen.

Kloster St. Urban verschenkt hatten, übte das Kloster die Vogteirechte aus und zog den Zehnten ein. 1665 wurde die erste Kirche gebaut. In den folgenden Jahrzehnten entstanden weitere Bauten. 1781 entstand das erste Schulhaus auf der Luzerner Landschaft, errichtet durch das Kloster. Nach einem Blitzschlag wurde 1809-22 die heutige Kirche gebaut. 1902 entstand das Primarschulhaus, 1965 das Sekundarschulhaus.1956 wurde die Güterzusammenlegung beschlossen, 1963-65 nach Erdöl gebohrt. Bewegte Klostergeschichte St. Urban, ebenfalls zur politischen Gemeinde Pfaffnau gehörend, war ursprünglich eine Hofsiedlung. 1194 gründeten die Herren von Langenstein und Kapferberg das Zisterzienserkloster. 1349 verschenkten die Herren von Pfaffnau ihre Besitztümer dem Kloster. Zweimal fielen die Gebäulichkeiten einem Brand zum Opfer. In den Jahren 1711-15 wurde eine neue Klosterkirche erbaut – sie zählt heute zu den bedeutendsten Sakralbauten im Kanton Luzern. Nach dem politischen Umschwung von 1847/48 beschloss der Grosse Rat (heute Kantonsrat) des Kantons Luzern die Aufhebung des Klos ters. In den folgenden Jahren wurden Gebäude an verschiedene Privatpersonen veräussert. 1870 kaufte der Kanton Luzern den verbliebenen Besitz zurück, St. Urban wurde der Gemeinde Pfaffnau einverleibt. Psychiatrisches Netzwerk Ohne grosse Feierlichkeiten wurde am 1. Oktober 1873 die «Anstalt für Geisteskranke» eröffnet, konzipiert für 200 Patientinnen und Patienten. Aufgrund der stetig steigenden Patientenzahl entstanden in den folgenden Jahren mehrere zusätzliche Gebäude. Ab Ende der Sechzigerjahre wurde mit Zustimmung der Luzerner Stimmberechtigten die Erneuerung an die Hand genommen, nicht nur in baulicher, sondern auch in fachlicher Hinsicht. War die Klinik in ihren Anfängen für die Betreuung der psychisch und geistig Kranken des Kantons Luzern zuständig, ist sie inzwischen zu einem allumfassenden Netz psychiatrischer Versorgung geworden, die Luzerner Psychiatrie. Früher waren Schizophrene die gewichtigste Patientengruppe, gefolgt von Depressiven;

heute stehen Drogen- und Alkoholabhängige an erster Stelle. Das Buch «St. Urban 1194-1994», herausgegeben von der Luzerner Regierung, beschreibt die Geschichte des ehemaligen Zisterzienserklosters eindrücklich und umfassend. Prächtige Barockkirche Stets einen Besuch wert ist die wunderschöne Barockkirche, die vor rund 20 Jahren umfassend renoviert wurde. Nach Abschluss dieser Arbeiten erfuhr auch die Orgel eine vollständige Erneuerung. Wer St. Urban besucht, sollte auch einen Blick in die Gartenanlagen werfen, die immer wieder Kulissen für gelungene Kunstausstellungen sind. Und ein besonderes Highlight im Herbst ist die grosse Kilbi, die grösste im Kanton Luzern, die jeweils Besucher von weither anlockt. Trennungsgelüste ohne Folgen Die beiden eigenständigen Dörfer haben sich im Verlaufe der Jahre zur gut funktionierenden Gemeinde gemausert. Klar kam es in früheren Jahren zuweilen zu Unstimmigkeiten, etwa bei der politischen Zusammensetzung des Gemeinderates und der Mandatsverteilung. Viele Jahre galt die Aufteilung 3:2 als ungeschriebenes Gesetz. Diese sei aber heute kein Thema mehr, sagt Gemeindeschreiber Markus Stirnimann. Zurzeit stammt ein Gemeinderatsmitglied aus St. Urban, die übrigen vier wohnen im Dorf Pfaffnau. Auch die Gründung einer eigenen Gemeinde St. Urban bewegte in den Dreissigerund Vierzigerjahren einige Gemüter, ist aber inzwischen ebenfalls vom Tisch. Sensibler Umgang Es wird mit grosser Sensibilität darauf geachtet, dass beide Dörfer betreffend Infrastruktur gleich behandelt werden. Die Gemeindeversammlungen werden abwechselnd in den beiden Dörfern abgehalten. St. Urban führt eine eigene Primarschule, die Oberstufenschüler inklusive diejenigen von Roggliswil werden in Pfaffnau unterrichtet. Von der Möglichkeit, die Mittelschulen in Langenthal oder Zofingen zu besuchen, wird kaum Gebrauch gemacht. Die Kantonsschulen Sursee und Willisau werden bevorzugt. Autonomie besteht auch im kirchlichen Bereich: Jedes Dorf bildet eine

Eindrücklicher Blick auf St. Urban mit seiner barocken Klosteranlage, die heute Sitz der Luzerner Psychiatrie ist.

eigene Kirchgemeinde, zur Kirchgemeinde Pfaffnau gehört zudem Roggliswil. Entwicklungspotenzial vorhanden Beide Dörfer haben mit einem regen Vereinsleben kulturell viel zu bieten. In den letzten zehn Jahren ist die Bevölkerung kontinuierlich gewachsen auf heute 2230 Einwohner, Pfaffnau hat sich allerdings etwas mehr entwickelt als St. Urban. Die Gemeinde verfügt über eine breite und gut ausgebaute Infrastruktur, auch hinsichtlich Schulraum, weshalb noch ein stattliches Entwicklungspotenzial vorhanden ist. Ausserkantonale Nachbarschaft Allerdings sind die Pfaffnauerinnen und Pfaffnauer weniger nach dem Kanton Luzern als nach ihren Nachbarkantonen ausgerichtet, St. Urban eher Richtung Langenthal, Pfaffnau eher Richtung Zofingen. Dies entspricht im Grossen und Ganzen auch den Wasserläufen. Die Roth fliesst über Murgenthal in die Aare, die Pfaffneren Richtung Vordemwald. Beide Dörfer sind durch Buslinien an den öffentlichen Verkehr angebunden – Richtung Zofingen, Reiden und Zell. Von St. Urban nach Langenthal verkehrt eine Bahn. Viele Arbeitsplätze in Psychiatrie Die Gemeinde verfügt über rund 1300 Arbeitsplätze, hauptsächlich in der Klinik St. Urban. Die Luzerner Psy chiatrie ist die grösste Arbeitsgeberin in der Region. Seit 1975 hat sich in der Gemeinde kontinuierlich Gewerbe angesiedelt, kleinere und mittlere Unternehmen, breit abgestützt in den verschiedensten Branchen. Dies ist auch der Grund, weshalb die Gemeinde von der jüngsten Halbierung der Unternehmenssteuer nicht so stark betroffen ist. Noch ist Platz für weitere Betriebe. Die Gemeinde verfügt im Industrie- und Gewerbegebiet über ein grösseres Grundstück, das sie verkaufen würde. Und auch ein privater Anbieter von Industrieland ist vorhanden. Finanzen im Lot Finanziell steht die Gemeinde Pfaffnau heute gut da. Die Nettoverschuldung ist in den letzten rund zehn Jahren von 10’000 Franken pro Einwohner auf 450 Franken zurückgegangen, die Infrastruktur ist intakt, grössere Investitio-

nen diesbezüglich müssen in absehbarer Zeit nicht getätigt werden. Dies zu erreichen sei nicht leicht gewesen. «Wir haben harte Jahre hinter uns», stellt der Gemeindeschreiber fest. Kantonsbeiträge in schlechten Zeiten, striktes Einhalten der Voranschläge, grösste Sparbemühungen, Verkauf des MurhofLandwirtschaftslandes und von Bauland haben massgeblich zum Schuldenabbau beigetragen. Rege Bautätigkeit Die Gemeinde Pfaffnau verfüge über eine sehr hohe Lebensqualität, betonen die Gemeindebehörden. Sie setzen dabei auf die ländliche Umgebung mit sehr schönen Naherholungsgebieten und hoher Lebensqualität, aber auch auf die günstigen Verbindungen mit den Zentren. Zürich, Basel und Bern können in rund 45 Minuten erreicht werden. Dass diese Vorteile Pfaffnaus von vielen geschätzt werden, zeigt sich auch in der regen Bautätigkeit, sind doch derzeit über 100 Wohneinheiten im Bau oder bereits bewilligt. Leerwohnungen sind in Pfaffnau derzeit ein Fremdwort. EDITH KNITTEL

Bern und Luzern ST. URBAN Gegen Ende des 14. Jahrhunderts, zur Zeit des Sempacher-Kriegs, geriet das Kloster St. Urban vermehrt in die Gefahrenzone kriegerischer Ereignisse. Die Historikerin Waltraud Hörsch erwähnt in ihrer Klostergeschichte zunächst die Gugler, die dem Zisterzienserkloster beträchtlichen Schaden zufügten. 1415 nahm der Stand Bern das Kloster St. Urban ins Burgrecht auf. Dieser Burgrechtsvertrag wurde von jedem neuen Abt aufs Neue beschworen – auch nach der Reformation! Aber auch mit Luzern schloss die Abtei 1416 ein Burgrecht. Dennoch blieben die Beziehungen zu Luzern HM noch lange zweitrangig. Quelle: Waltraud Hörsch: Zur Geschichte des Zisterzienserklosters St. Urban von 1194 bis 1768. In: St. Urban 1194-1994, herausgegeben im Auftrag des Regierungsrates des Kantons Luzern. Benteli Verlag Bern 1994.


GEDENKFEIER

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«Es kann nicht immer alles geplant werden» MITTELALTERFEST WIRD DURCH THEATERSZENEN ZU ETWAS BESONDEREM Mittelalterfeste gibt es viele. Doch vor allem durch etwas hebt sich das Mittelalterfest in Sempach von anderen ab: Mitten im Geschehen wird professionell konzipiertes Theater gespielt.

Theater inmitten der Menge Dem Motto «Energie», das die ganzen Feierlichkeiten umrahmt, ist auch die Theatergeschichte gewidmet. Ein Sempacher Baumeister will zu Ehren der gewonnenen Schlacht ein Monument aufs Schlachtfeld stellen, das grösser und imposanter ist als die Kapelle. Er möchte ein richtig grosses Zeichen setzen und überrascht sein Umfeld mit einer sehr innovativen und gewagten Idee. «Die ganze Geschichte wird dann aus verschiedenen Blickwinkeln und in einzelnen Szenen erzählt. So hört man beispielsweise die ‘Wöschwiiber‘ über die Pläne herziehen oder die Frau des Baumeisters wirbt für seine Idee», fasst Sieber das Geplante zusammen. Viele der Theaterszenen werden nicht angekündigt, sondern finden «versteckt» und – so scheint es zumindest für den Besucher – spontan irgendwo statt. Intern existiert zwar ein genauer Zeitplan, dieser lasse aber auch Fenster offen für Improvisationen und spontane Änderungen. «Obwohl wir proben und gut vorbereitet sind, kann man nicht alles planen», ist sich Marco Sieber bewusst. Für viele der Laienschauspieler ist denn auch genau das die Herausforderung, die sie suchen. An den Texten ändert sich nichts, es ist aber durchaus möglich, dass sich Spielort oder Spielsituation verändern werden. Nebst dem Ungewissen ist den Schauspielern ein grosses Erlebnis mit sehr viel Unterhaltung gewiss.

Bald ist es wieder so weit, und Sempach wird sich in eine Hochstätte des Mittelalters verwandeln. Ein verwegener Gaukler hier, ein hübsches Burgfräulein da, Marktstände und Attraktionen erwarten die Besucher. Von Mittelalterfesten kennt man vor allem, dass das damalige Leben – oder das, was wir uns heute darunter vorstellen – nachgestellt wird. Schwertkämpfe oder Ritter mit ihren Rössern zeigen einen Ausschnitt, jedoch keine lokal verankerten Geschichten. Dies wollte man in Sempach anders machen. Zusätzlich zum Mittelalterfest werden deshalb theatralische Elemente geplant, die dem Mittelalter entstammen könnten. Fast alles wie anno dazumal Dass am Sempacher Mittelalterfest Theater gespielt wird, ist nicht neu. Anders als in den Jahren zuvor liegt dem Theater aber in diesem Jahr ein zentrales Thema zu Grunde. Wieder wird es eine Hauptszene beim Brunnen geben, es wird verstecktes szenisches Theater geboten, Massenszenen und Performatives werden zu sehen sein. Bei den Geschichten handelt es sich um eine Konzeption aus der Feder des Sempachers Marco Sieber. Zusammen mit der Theaterschaffenden Ursula Hildebrand hat Sieber Szenen geschrieben, die einerseits isoliert funktionieren, aber auch interessant bleiben, wenn man alle Szenen zu sehen bekommt. «Dies war eine grosse Herausforderung. Wir mussten da rauf achten, dass die Leute, die das ganze Theater verfolgen, genug Abwechslung und Handlungsverlauf bekommen. Anderseits müssen die Theaterszenen auch für die Zuschauer interessant und nachvollziehbar sein, die vielleicht nur eine oder zwei Szenen sehen», erklärt Marco Sieber. Die Szenen hätten vor allem zwei Nachteile: «Erstens sind sie recht kurz gehalten, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht zu verlieren. Zweitens läuft neben dem Theater eine Menge, was wir nicht vorhersehen können. Das bedeutet für die Schauspieler, dass sie auf Improvisationen gefasst sein müssen», so der Sempacher. «Die Szenen müssen eine hohe Aufmerksamkeit generieren, sie müssen also laut und bunt sein. Kom-

Laut und auffällig müssen sie sein, die Theaterszenen am Mittelalterfest.

plexe Dialoge sind nicht möglich, da die Szenen ja für alle nachvollziehbar sein müssen. Wir versuchen, Szenen aus dem mittelalterlichen Leben darzustellen und diese vor allem anhand

von ‘Klatsch und Tratsch‘ zu vertonen.» Sieber ist allerdings durchaus bewusst, dass viele Faktoren nicht so sein werden, wie es damals war:

FOTO RETO BERNER/ARCHIV

«Trägt beispielsweise jemand eine Brille, ist ja eigentlich schon was verkehrt … Und Kurzhaarfrisuren bei Frauen gab es damals auch so gut wie gar nicht.»

«Eine lohnenswerte Sache» Für die beiden Theaterschaffenden Ursula Hildebrand und Marco Sieber liegt der Reiz am Sempacher Mittelaltertheater vor allem darin, dass erfahrene und unerfahrene Spieler zusammentreffen, proben und ein gemeinsames Ziel erreichen möchten. Die rund 40 Personen, die sich auf die Ausschreibungen gemeldet haben, kommen aus der ganzen Zentralschweiz – unter anderem auch aus der Gastgemeinde Pfaffnau. Einige der Mitwirkenden spielen in einem Verein Theater, andere haben überhaupt keine Theatererfahrung. «Das macht das Projekt für uns sehr spannend. Wir betrieben in den letzten Monaten sehr viel Aufwand für das Theater – Konzeptionieren, Organisieren, Proben – hatten aber auch sehr viel Spass. Ich denke, es ist eine lohnenswerte Sache», resümiert Marco Sieber seinen Einsatz und fügt hinzu: «Ich bin gespannt, wie es in den nächsten Jahren weitergehen wird.» STEFANIE A. ZÜGER

IMPRESSUM Beilage der Sempacher Woche vom 4. Juli 2013 Verkaufspreis: Fr. 2.50 Redaktion Hans Moos, Kommission Gedenkfeier Sempach Stefanie A. Züger, Redaktionsleiterin Sempacher Woche Autoren dieser Ausgabe Raffael Fischer, Willisau André Heinzer, Sempach Station Edith Knittel, Nebikon Kurt Messmer, Emmenbrücke Hans Moos, Ballwil Jürg Schmutz, Rain Hans R. Wüst, Sempach Stefanie A. Züger, Nottwil Verlag WM Druck Sempacher Zeitung AG 6203 Sempach Station Verlagsleitung: Otto Schmid Telefon 041 467 19 19 redaktion@sempacherwoche.ch Druck Neue Luzerner Zeitung AG Der Mix aus erfahrenen und unerfahrenen Spielern macht das Projekt Theaterszenen – hier in der Zehntenscheune – spannend.

FOTO MARCO SIEBER


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DAS HISTORISCHE BUCH

SEMPACHER WOCHE • 4. JULI 2013

Vielschichtiges Bildgedächtnis der Schweiz DAS HISTORISCHE BUCH ZUR NEUAUSGABE DER HELVETISCHEN ALTERTÜMER VON JOHANNES MÜLLER UND DAVID VON MOOS Was gehörte am Ende der alten Schweiz zum geschichtlichen Erinnerungsbestand? Das zwölfteilige Sammelwerk «Merckwürdiger Überbleibsel von Alterthümmeren an verschiedenen Orthen der Eydtgenosschafft» gibt Antworten anhand historischer Objekte – mit zahlreichen Beispielen aus der Geschichte von Sempach und Luzern. Der Titel «Bildgedächtnis» steht für gemeinsame historische Erinnerung und legt vorerst eine Sicht nahe, die vom Hier und Jetzt ausgeht. Geschichtsinteressierte denken vielleicht spontan an die «Schweizer Geschichte im Bild» von Thomas Maissen. Der 2012 erschienene Band stellt Bildquellen ins Zentrum und festigt und erweitert unser kollektives Bildgedächtnis. Auch die «Geschichte in Jahrhundertschritten» von Hans Peter Treichler klingt an, überschrieben mit «Abenteuer Schweiz», ein bildgewaltiges, kaum beachtetes Werk zu 1991. Nicht zu vergessen Peter Dürrenmatts «Schweizer Geschichte» von 1963, jene populäre Darstellung, die erstmals auf Bildillustrationen setzte und in mehreren Auflagen weite Verbreitung fand. In diesen Zusammenhang gehört die «Luzerner Wirtschaftsgeschichte im Bild» von Anne-Marie Dubler, veröffentlicht 1975. «Bilder als Quelle zur Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung des Kantons bis 1900» lautete die Devise für das damals beispielhafte Werk. In der Zentral- und Hochschulbibliothek befindet sich schliesslich ein umfangreiches, wissenschaftlich betreutes Bildarchiv. Dabei handelt es sich um den eigentlichen Luzerner Bildertresor. Allerdings bleibt zu beachten, dass archivierte, ja sogar pub lizierte Bilder nicht automatisch zum kollektiven Gedächtnis gehören. Dass sie Teil eines gemeinsamen Erinnerungsbestands werden, ist viel mehr von komplexen Faktoren abhängig. Bilder müssen den Nerv einer Zeit treffen, breite Beachtung finden und erst noch so eindrücklich sein, dass die Eindrücke bei vielen haften bleiben. Sempachs Bilderhimmel In Erinnerung an die legendäre Schlacht wurde Sempach 1886 zum «Gnadenort» erklärt und zum Ziel einer «nationalen Wallfahrt» erhoben. Schon hundert Jahre zuvor war indes «1386» im kollektiven Gedächtnis fest verankert, wie die Neuausgabe der «helvetischen Altertümer» dokumentiert. Das Stadtarchiv Sempach verfügt über eine ebenso reichhaltige wie vielfältige Sammlung von Darstellungen zur jahrhundertelangen bewegten Erinnerungskultur der Schlacht. Weil das geschichtliche Ereignis mythisch überlagert ist wie kaum ein anderes in der Schweizer Geschichte, wurden die Vorstellungen der Zeichner stets aufs Neue beflügelt. Wie in einem Bilderhimmel wurde Blatt an Blatt gereiht, ähnlich einer Litanei, einmal originell, einmal stereotyp. Das führte zu einem eindrücklichen Bilderschatz – und wird den Nachgeborenen zum Auftrag. Im neuen Rathausmuseum von Sempach sind die Schlüsselbilder dieses Bestandes zu erklären, zu deuten und in den historischen Kontext zu stellen. Sempacher Fotopioniere Wollte man den Wert von Bildquellen allein von ihrem Alter abhängig machen, wäre das höchst problematisch. Alte Darstellungen verdienen auf Grund ihrer Seltenheit zwar besondere Sorgfalt und Wertschätzung. Aber sie deswegen unbesehen und über Gebühr von zeitgenössischen Darstellungen abzuheben, wäre nicht sachgemäss. Sempach ist in der glücklichen Lage, nicht nur über einen alten, sondern auch über einen neuen Bilderschatz zu verfügen. Das ist weitgehend das Verdienst von drei Sempacher Fotopionieren. Uhrmacher Albert Kupper (1871–1931), Anton Bättig (1877–1950),

ziskanerkirche aufgemalt waren, so eindrücklich? Erinnerten sie noch immer daran, dass sich die Eidgenossen in vielen Schlachten als Gottes «usserweltes» Volk erwiesen hatten? Eine schillernde Persönlichkeit Die treibende Kraft der zwölfteiligen Sammlung helvetischer Altertümer war Ingenieur und Kartograf Johannes Müller. Wie David von Moos, der die Kommentare zu den Radierungen verfasste, stand er im Dienst der Zürcher Obrigkeit. Müller war eine schillernde Persönlichkeit, gab sich gern professoral, war geschäftstüchtig und auf Geltung bedacht. Das trug ihm zwar Spott und Kritik ein, doch scheint ihm Selbstironie nicht fremd gewesen zu sein, wie eine Radierung belegt, die nach seinen Anweisungen angefertigt wurde. Dieses Konterfei zeigt Müller, in Uniform und mit Degen bewehrt, einen Dreispitz mit Kokarde auf dem Kopf, wie er zu Pferd vorwärtsprescht. Er ist unterwegs nach Frankreich, als «Musketier des Königs», wie die Bildlegende besagt. In Paris will er seine Handelswaren, Landkarten und Pläne verkaufen, die sein Lastenträger mitführt. Der ruht sich am Wegrand eben von den Strapazen aus, doch Müller mahnt mit einem zusammengerollten Dokument zum Aufbruch und zeigt die einzuschlagende Richtung an. Sein Tempo ist derart forsch, dass sich der zweite Helfer, der ihm mit Messtisch und Visierstange folgt, am Schwanz des Pferdes festhalten muss, um den Anschluss nicht zu verlieren.

Eine Darstellung der Schlacht von Sempach eröffnet den sechsten Teil der helvetischen Altertümer. Das Titelbild ist in der Art eines alten Denkmals gehalten, wie die Schäden am doppelten Giebel zum Ausdruck bringen – doch «neues Leben blüht aus den Ruinen». FOTOS ZVG

«Blumenfabrikant und Landwirt», wie auf einem Leidhelgeli vermerkt ist, sowie Drogist Caspar Faden (1909–1966) haben mit ihren zahlreichen Aufnahmen sozusagen Sempach an der Schwelle vom alten zum neuen Sempach dokumentiert. Auch ihre Bilder sind in naher Zukunft in den Scheinwerfer der Geschichte zu stellen, ins kollektive Gedächtnis zu rufen – im neuen Rathausmuseum.

Sachquellen sind Bausteine Von ganz anderem Zuschnitt ist das Bildgedächtnis, das die Sammlung «Merckwürdiger Überbleibsel von Alterthümmeren an verschiedenen Orthen der Eydtgenosschafft» verkörpert, veröffentlicht von Johannes Müller und David von Moos am Ende des 18. Jahrhunderts. Zwischen 1773 und 1783 erschienen zwölf Bände mit durchschnittlich 24 Radierungen. Insgesamt enthält der Fundus 276 Radierungen mit 430 historischen Objekten. Die Themenliste umfasst neben zahlreichen Antikenfunden etwa 70 Malereien, Tafel-, Wand- und Glasgemälde, je rund 50 Siegel, Fahnen, Münzen und Medaillen, je knapp 40 Porträts und Grabmäler, ferner Statuen und Reliefs, Ansichten und Grundrisse sowie historische Szenen. Die eindrückliche Liste weist auf die zentrale Bedeutung hin, die Müller und von Moos den Sachquellen beimassen. Ehrgeizige Ziele Die Herausgeber nahmen die ganze damalige Eidgenossenschaft ins Blickfeld. Die topografische Verteilung erhielt aber deutlich Schlagseite: Zürich erscheint 165-mal, Luzern 74-mal, der Aargau 38-, Basel 27-, Bern 13- und St. Gallen 10-mal. Deutlich dahinter liegen Solothurn, Nidwalden, Uri, Obwalden, Zug, Waadt, Thurgau, Fribourg, Schaffhausen und Schwyz, die meist nur ein- oder zweimal berücksichtigt sind. Offensichtlich überstiegen wiederholte aufwändige Reisen quer durch das ganze Land die finanziellen Möglichkeiten der Herausge-

ber. Der Produktionsprozess, verteilt über zehn Jahre, erklärt auch das Fehlen eines inhaltlichen Konzepts. Die Radierungen entstanden nicht entlang einer inhaltlichen oder lokalen Systematik, sondern additiv, aus der jeweils aktuellen Beurteilung der Lage heraus. Was Müller für verkäuflich hielt oder sogar mit Probedrucken ausgetestet hatte, wurde produziert, teils in mehreren Versionen über die Jahre verteilt. Hinzu kam als zweites grosses Ziel das Bestreben, die Sachquellen jeweils gemäss Originalobjekt abzubilden – persönlich vor Ort. Auch hier blieb es beim Vorsatz, zweifellos wiederum aus wirtschaftlichen Gründen. Der Aufwand war nicht zu leisten. Deshalb mussten als Vorlagen für relativ viele Radierungen eben Publikationen und Vorlagen dienen, die in Bibliotheken und Privatsammlungen leichter greifbar waren, auch wenn ihre Qualität kaum stets ausreichend war. Im Blickfeld: Sempach und Luzern Kein anderes militärisches Ereignis wird in der Sammlung helvetischer Altertümer so oft zum Thema gemacht wie die Schlacht von Sempach, nämlich ein halbes Dutzend Mal. Hinzu kommen die beteiligten Personen, je zweimal Winkelried und Herzog Leopold, dazu Heini von Uri, der Hofnarr des österreichischen Herzogs. Zählt man die zahlreichen Radierungen mit den eroberten Fahnen dazu, die als Kriegstrophäen im Besitz der Luzerner waren, nämlich weit mehr als zehn, zeigt sich, dass der katholische Vorort einen eigentlichen Schwerpunkt bildete. War das eine Referenz des protestantischen Zürich an die altgläubige Innerschweiz? Sollte die vaterländische Geschichte die Funktion einer his torischen Klammer übernehmen? Wurden die Beutefahnen bloss deshalb so oft zum Gegenstand von Radierungen, weil Luzern nicht allzu weit entfernt lag und sich der Aufwand für Reisen in Grenzen hielt? Oder waren die aufgemalten Trophäen, die an den Wänden des Hauptschiffes der Fran-

Geschäft, Vaterland, Wissenschaft Nach Ansicht Müllers sollte die Geschichte mit heroischem Vorzeichen erzählt werden. Religiöse Objekte standen für Frömmigkeit und Glaubensstärke, Fahnen für militärisches Potenzial, zivile Einrichtungen für Prosperität des Landes. Archäologische Funde bezeugten ehrwürdige Tradition. Dieser Ansatz spiegelt Müllers Vaterlandsliebe. Sein Patriotismus verband sich aber mühelos mit geschäftlichem Interesse und schloss auch den Dienst an der Wissenschaft keineswegs aus. Dem heutigen Betrachter fallen der Nachvollzug von Müllers Antrieb und der Zugang zu seinem Werk nicht leicht. Die in Kupfer gestochenen Objekte wirken recht spröde und ausgesprochen glanzlos. Die konsequente Zurückhaltung scheint der Wissen-

schaft geschuldet, da sie dem Verkauf an ein breites Publikum kaum förderlich sein konnte. Die Radierungen, von Müller angepriesen als «angenehme Curiositäten», wurden als einzelne Bände oder gar als einzelne Blätter angeboten. Das hätte ihren Absatz steigern sollen. Dennoch kam der Verkauf nicht in Schwung. Nicht Johannes Müller, der Ingenieur, fand die Gunst des Publikums mit seinen Radierungen, sondern – Ironie des Schicksals – Johannes von Müller, der Historiker, der zeitlich leicht verzögert ab 1780 seine «Geschichten schweizerischer Eidgenossenschaft» veröffentlichte und mit dem Band über die «ewigen Bünde» Begeisterung auslöste. Zweifacher Respekt Von den «Alterthümmeren» des Kartographen Müller nahm die Fachwelt kaum Notiz. Kritiker und Konkurrenten monierten, ähnliche Werke gebe es bereits zur Genüge. Diese seien teils unvollständig, mangelhaft, kompliziert oder richteten sich nur an einen kleinen Kreis von Gelehrten. Dennoch empfindet man diesem zweihundert Jahre alten Werk gegenüber mit zunehmender Beschäftigung zunehmenden Respekt. Hohe Anerkennung verdienen die Herausgeber der Neuedition, ein Team, das von unzähligen Fach- und Dienststellen unterstützt wurde. Überzeugende Wissenschaftlichkeit prägt das akribische Werk, das vor allem der spezialisierten kulturgeschichtlichen Forschung dient. Allein die konsequente Rückführung der Radierungen Müllers auf deren Vorlagen lässt auf historische Kärrnerarbeit schliessen. Aber gerade diese Gegenüberstellungen sind für die Kulturgeschichte ergiebig und rechtfertigen den enormen Aufwand für die Neuausgabe. Im Übrigen lohnt allein die 30-seitige Einleitung des Hauptherausgebers, Norberto Gramaccini, eine Beschäftigung mit diesem Buch. Zusätzlich zur mustergültigen Edition verdient sein glänzender Kommentar eine historische EhrenmelKURT MESSMER dung. Der Historiker Dr. phil. Kurt Messmer war bis 2011 Fachleiter Geschichte und Professor für Geschichtsdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Luzern sowie Lehrbeauftragter an der Universität Freiburg, Schweiz. Zum Buch: Norberto Gramaccini (Hrsg.): Das Bildgedächtnis der Schweiz. Die helvetischen Altertümer (1773-1783) von Johannes Müller und David von Moos. Basel 2012 (Schwabe Verlag), 128 Franken.

J. M. [Johannes Müller], Musketier des Königs – eine Art Werbeprospekt, der in eigener Regie entstanden war und den Absatz von Müllers Publikationen fördern sollte. FOTO ZVG


SEMPACHER GESCHICHTE

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Der schöne Traum von Leopolds Kettenpanzer MUSEUM SEMPACH IM RATHAUS ENTSTEHT EIN KULTURELLES UND GESELLSCHAFTLICHES ZENTRUM Das Rathaus von Sempach soll wieder zu dem werden, was es einmal war: ein lebendiges Zentrum im historischen Städtchen. Derzeit wird es umfassend erneuert und zu einem modernen Museum mit Treffpunkt für gesellschaftliche und kulturelle Anlässe umgebaut. Das Konzept überzeugt mit pfiffigen Ideen, die Geschichte erlebbar machen. Das Rathaus von Sempach hat eine lebendige Vergangenheit. 1474 gebaut, diente es einst als Metzgerei, Schule, Markthalle, Sitz der Vogelwarte und zuletzt als Ortsmuseum. Es lebte von ein paar speziellen Ausstellungsobjekten, die den Städtliführern Stoff für Geschichten und Geschichte lieferten. Darüber hinaus dominierten alte Objekte aus Landwirtschaft und Handwerk, wie man sie in allen typischen Ortsmuseen antrifft. «Ich muss zugeben, ich war selber Jahrzehnte nicht mehr in diesem Museum», sagt Hubert Lieb, gebürtiger Sempacher und Präsident der Museumskommission, die für die Neukonzeption zuständig ist. Das neue Konzept hingegen hat ihn gepackt. Es wurde von den beiden Historikern Kurt Messmer und Martin Steger (Sempachs ehemaligem Stadtarchivar) gemeinsam mit der auf zeitgenössische Museen spezialisierten Berner Beraterfirma Wapico erarbeitet. Hubert Lieb: «Das neue Museum wird das zeigen, was uns zu Sempachern macht. Das, was wir ganz spezifisch zu bieten haben und andere eben nicht.» Damit das auf attraktive Art und Weise geschieht, werden pfiffige Ideen mit Hilfe modernster Technik, interaktiven Stationen und digitalen Medien umgesetzt. Erzählende Krieger Herzstück des neuen Museums ist das Dachgeschoss. Hier dreht sich alles um das, wofür Sempach schweizweit und darüber hinaus bekannt ist: die Schlacht von 1386! Die Ausstellung orientiert sich an der aktuellen For-

Die Kommission mit neuen Gesichtern

Winkelriede können auch weiblich sein: Sempachs Stadträtin Mary Sidler (mit symbolischem Speer) und Hubert Lieb, Präsident der Museumskommission, auf der Baustelle «Rathaus Sempach». FOTOS STEFANIE A. ZÜGER UND HANS WÜST

schung und geht Fragen nach wie: Welche Bedeutung hat die Schlacht bei Sempach für die Eidgenossenschaft und den Kanton Luzern? Wie entstand der Heroenkult um Winkelried? Wie hat sich die jährlich stattfindende Gedenkfeier gewandelt? Attraktive Bestandteile der Ausstellung sind eine Kopie des Winkelriedsteins und eine szenische Inszenierung: Ein Eidgenosse und ein Habsburger in voller Kriegsmontur erzählen, wie sie die Schlacht von Sempach erlebt haben. Diese technische Installation erlaubt eine lebendige, verständliche Darstellung der Schlachtgeschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die unteren Geschosse zeigen weitere Sempacher Themen – Städtli, Rathaus, See, Kirchliches. Nicht alle Räume dienen ausschliess-

lich musealen Zwecken. «Das Haus soll mehr sein als ein Museum. Es soll wieder zum Zentrum von Sempach werden», erklärt Hubert Lieb. Deshalb steht das Rathaus künftig auch für gesellschaftliche und kulturelle Anlässe offen. Symbiose von Alt und Neu Für die aufwändige bauliche Erneuerung, konzipiert von Architekt Gerold Kunz und realisiert von den A6 Architekten aus Buttisholz, ist Stadträtin Mary Sidler zuständig. «Wir legen Wert darauf, dass das altehrwürdige Rathaus, wo möglich und sinnvoll, so erneuert wird, wie es im Originalzustand war.» Insbesondere die Tuchlaube im ersten Geschoss soll wieder in ihrer vollen Grösse erlebbar werden. Überhaupt: Veränderungen werden

vor allem im Innern des Hauses und an der seeseitigen Fassade sichtbar. Letztere wird künftig von modernen Elementen geprägt, die Licht ins Haus bringen und einen freien Blick Richtung See ermöglichen. Grössere bauliche Probleme gibt es laut Mary Sidler nicht: «Die grösste Herausforderung ist, alle Nutzungsansprüche unter einen Hut zu bringen, ohne dass die Authentizität des Hauses verloren geht.» Die Stadträtin lobt in diesem Zusammenhang die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit der kantonalen Denkmalpflege. Ein (noch) unerfüllter Traum Ebenfalls eine Herausforderung ist die Finanzierung: Gut 4,4 Millionen Franken kostet das gesamte Projekt. Zuständig für Sanierung, bauliche In-

standhaltung und Betrieb des Rat hauses ist die im Sommer 2011 gegründete Stiftung Rathaus Sempach. Ein grosser Teil des Geldes ist dank Beiträgen von Stadt und Korporation Sempach, Denkmalpflege sowie grösseren und kleineren Beiträgen von Stiftungen, Firmen und Privaten beisammen. Damit steht der geplanten Eröffnung an Ostern 2014 nichts mehr im Weg. Vielleicht wird bis dann ja auch noch ein Traum von Hubert Lieb wahr. Im Historischen Museum Luzern ist der Kettenpanzer von Herzog Leopold ausgestellt. «Diese Rüstung aus kleinen Metallringen gehört eigentlich nach Sempach und würde hervorragend in unser neues Museum passen», sagt der designierte Präsident des MuHANS WÜST seumsvereins.

«Sempach» gehört zum Kulturvorrat HISTORISCHER VEREIN ZENTRALSCHWEIZ DIE GEDENKFEIER IM LAUF DER ZEIT

Staatsschreiber Lukas Gresch-Brunner präsidiert seit 2012 die GedenkfeierKommission. FOTO FRANCO MANTOVANI

GEDENKFEIER Eine vom Regierungsrat eingesetzte Kommission ist für die Vorbereitung und Durchführung der Sempacher Gedenkfeier verantwortlich. Sie wird jeweils vom amtierenden Staatsschreiber geleitet. Seit gut einem Jahr ist dies Lukas GreschBrunner. Aber auch unter den Mitgliedern gibt es einige neue Gesichter. Zurzeit setzt sich die Kommission wie folgt zusammen: Hanspeter Amrein (Stadt Sempach), Stephan Dräyer (Mittelalterfest), Benedikt Felder (Stadt Sempach), Staatsschreiber Lukas Gresch-Brunner (Präsident), Beat Hensler (Kommandant Luzerner Polizei), Franco Mantovani, Projektleiter (Staatskanzlei), Hans Moos (Festzeitung), Martin Schmidli (Zunft zu Saf ran), Staatsarchivar Jürg Schmutz (Forum Geschichte), Stadtpräsident Franz Schwegler (Stadt Sempach), Marco Sieber (Regie Theaterszenen) und der Sempacher Pfarreileiter Bernhard HM Stadler (Jahrzeitfeier).

Der «Geschichtsfreund» widmet in seinem 165. Band ein umfangreiches Kapitel der «Sempacher Schlachtjahrzeit in Geschichte und Gegenwart». Dass Sempach als «gemeinsamer Erinnerungsort und als Meistererzählung erhalten bleibt», wertet der Historiker Georg Kreis in seinem Beitrag positiv. Das Thema «Sempach» steht im Zentrum des im Spätsommer 2012 erschienenen Jahrbuchs des Historischen Vereins Zentralschweiz, das unter dem traditionsreichen Titel «Der Geschichtsfreund» hohes Ansehen geniesst. Dabei geht es auf den rund hundert Seiten aber nur am Rande um die Schlacht von 1386. Diese ist im nationalen Bewusstsein der Bevölkerung nach wie vor fest verankert. So nimmt sie innerhalb der schweizerischen Gedächtniskultur eine prominente Rolle ein, wie Oliver Landolt in seinen einleitenden Bemerkungen festhält. Mehr als nur die Schlacht Unter «Sempach» sind deshalb heute nicht nur die kriegerischen Ereignisse von 1386 und deren unmittelbaren Folgen, sondern auch die vielfältigen Formen der Erinnerung, Verarbeitung und auch Instrumentalisierung zu verstehen. In seinem anregenden Leitartikel unter dem Titel «Was mit 'Sempach' anfangen?» setzt sich der Basler Historiker Georg Kreis mit dem «histo-

wieder gewandelt, nicht nur im Fall von Sempach, wie Georg Kreis im Vergleich mit Dornach belegt. Mit Blick auf diese Geschichte des Gedenkens wertet er als «kulturelle Leistung, dass, an 1386 anknüpfend, ein Brauchtum geschaffen und über Jahrhunderte durchgetragen wurde». Heute stehe anstelle der Erinnerung an die Schlacht die gemeinsame Erinnerungspflege als solche im Vordergrund. Es gehe darum, diese so zu gestalten, dass die Bereitschaft, die Tradition weiterzutragen und damit das kulturelle Gedächtnis zu stützen, erhalten bleibt, schreibt Georg Kreis.

Der erstmals im 16. Jahrhundert erwähnte legendenhafte Winkelried wurde vor allem im Laufe des 19. Jahrhunderts zum eigentlichen Helden der Schlacht bei Sempach «aufgebaut» und ist als solcher bis heute im öffentlichen Gedächtnis präsent. Gemälde von Ludwig Vogel aus dem Jahre 1841. QUELLE GESCHICHTSFREUND/STAATSARCHIV SCHWYZ

rischen Gedenken als Gestaltungs- und Erinnerungsaufgabe» auseinander. Sempach stehe im «traditionellen Selbstverständnis für kollektiven Unabhängigkeitswillen und, in der Zuspitzung auf Winkelried, für individuelle Aufopferungsbereitschaft». Inso-

fern gehöre es bis zu einem gewissen Grad zum «gemeinsamen Kulturvorrat der Schweiz». Kulturelle Leistung Das öffentliche Gedenken hat sich jedoch im Lauf der Jahrhunderte immer

Vom Mittelalter bis zur Gegenwart Den Hauptteil des Sempacher Kapitels im «Geschichtsfreund» bilden die Beiträge von Rainer Hugener, André Heinzer und Jürg Schmutz zum Sempacher Schlachtgedenken vom Mittelalter bis in die jüngste Zeit. Sie sind aus den Referaten entstanden, welche die drei Historiker im Rahmen des Sempacher Forums Geschichte 2011 gehalten haben. Das «Gesamtpaket» bietet eine einmalig reichhaltige und geschichtlich fundierte Dokumentation zum Thema Sempach und die Nachwelt. Kurzfassungen der drei Referate sind bereits in der Sempacher Festzeitung 2011 erschienen. HANS MOOS Der Geschichtsfreund. Mitteilungen des Historischen Vereins Zentralschweiz. 165. Band 2012. Bezugsquelle: Staatsarchiv Luzern, Schützenstrasse 9, Postfach 7853, 6000 Luzern 7.


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SEMPACHER WOCHE • 4. JULI 2013

Aufmerksame Festgemeinde während der ökumenischen Jahrzeitfeier in der Sempacher Pfarrkirche St. Stefan.

FOTO RETO BERNER

«Gottes Geist kommt in der Niederlage zum Zug» JAHRZEITFEIER 2012 DER ZÜRCHER THEOLOGE RALPH KUNZ HIELT DIE PREDIGT Wer einen Zürcher Professor – einen protestantischen Theologen noch dazu – zur Festpredigt in Gedenken an die Schlacht bei Sempach einlädt, muss damit rechnen, dass der sich an eine andere Schlacht erinnert. Ihre Niederlage bei Kappel am Albis ist den Zürchern so tief ins Gedächtnis eingegraben, wie den Luzernern ihren Sieg bei Sempach. Rund 150 Jahre nachdem Leopold geschlagen wurde, zogen nämlich im Oktober 1531 die Luzerner zusammen mit Zug, Uri, Schwyz und Unterwalden von Baar her Richtung Zürich. Nur gingen jetzt die alten Eidgenossen, die sich so wacker gegen die Habsburger geschlagen hatten, aufeinander los. Der Grund – die einen haben sich von Rom losgesagt und die andern blieben altgläubig. Reformiert gegen katholisch. Christen gegen Christen. Natürlich war es viel komplizierter. Aber wichtig ist hier: der Ausgang der Schlacht ist für Zürcher kein Anlass für eine Jahreszeitfeier. Es war ein Fiasko. Innerhalb kürzester Zeit wurden 400 Mannen verwundet oder waren gefallen: darunter 26 Mitglieder des Rates und 25 Geistliche und – besonders schmerzlich – Ulrich Zwingli. Ausgerechnet er – ein glühender Gegner der Reisläuferei – starb auf dem Schlachtfeld. Er, der als Seelsorger auf dem Feld bei Marignano das ganze Elend der Söldnerei gesehen hat. Ausgerechnet er griff zum Schwert. Wahrlich kein Held, kein Winkelried und bei einem Bruderkrieg ums Leben gekommen. So kam es, dass niemand seinen Tod auf dem Schlachtfeld besingt. Aber was hat Kappel mit Sempach zu tun? Nach der Niederlage der Zürcher ha-

ben sich im zweiten Kappeler Landfrieden die Eidgenossen geeinigt, dass die einen katholisch und die anderen reformiert bleiben konnten. Der Frieden hielt lange – bis Villmergen. Auch die nachfolgenden Auseinandersetzungen – der Sonderbundskrieg – konnte daran nichts ändern: Die Schweiz war von dieser Zeit an ein eigenartiges konfessionell gemischtes Gebilde. Ein religiöses Patchwork. Ein Zweckbund. Zwar nicht versöhnt, aber doch befriedet. Aus der historischen Distanz betrachtet, muss man beinahe sagen: Es war ein Segen, dass die Zürcher verloren haben. Sie mussten ihre Schwäche akzeptieren. Und sie blieben zusammen. Auch wenn die Zürcher hin und wieder eine grosse Schnorre führen und den Rest der Schweiz zur greater area der Limmatstadt erklären. Wir sind Eidgenossen geblieben bis zum heutigen Tag. Befriedet. Manchmal muss man Schlachten verlieren, um zur Einsicht zu kommen. Noch besser wäre es, gar nicht erst in den Krieg zu ziehen. Auch das ist eine Einsicht, auf die man nach geschlagener Schlacht kommen könnte. Unser politisches System hat sich dieser Einsicht zu verdanken. Natürlich streitet man auch in Demokratien. Es gibt Abstimmungskämpfe und Wahlschlachten. Aber die werden mit Worten und nicht mit Hellebarden geschlagen. Freiheit und Solidarität – die beiden Grundlagen unseres Zusammenlebens, gewinnt man nicht in Schlägereien. Keiner hat das träfer ausgedrückt als der Berner Troubadour Mani Matter in seiner Ballade von der Wilhelm-Tell-Aufführung im Löie z Nottiswil. Ein falsches Wort, ein Glas zu viel und das Dorftheater um den Frei-

heitshelden artet in einen wüsten Händel aus: jetz chöme gleser z'flüge, jede schtillt sy gheimi wuet, es chrose disch u bänk und s’bier vermischt'sech mit em bluet. der wirt rouft sech sys haar, d'frou schinet broch'ni glider y, zwo schtund lang het das duuret, do isch öschtrich gschlage gsy.

genheit, den Mythos abzubauen, dass wir Freiheit gewinnen, wenn sy däwäg z'gwinne wär. Und hier kommt das Christliche dazu. So haben die Alten damals auf dem Schlachtfeld gebetet: «Ach richer Christ vom Himmel, durch dinen harten Tod hilf uns armen Sündern us dieser Schmach Angst und Not, hilf und thu uns bistohn! Hilf uns land und lüt in Schirm und Schützung erhalten.»

Am Schluss bringt es Mani Matter so auf den Punkt: si hei der willhelm täll ufgfüehrt im löie z'nottiswil und gwüss no niene i naturalistischerem styl, d'versicherig het zahlt – hingäge eis weiss ig sithär, sy würde d'freiheit gwinne, wenn sy däwäg z'gwinne wär, sy würde d'freiheit gwinne, wenn sy däwäg z'gwinne wär. Vielleicht ist es Zufall, vielleicht ein Wink mit dem Pfahl: Nottiswil erinnert an Nottwil. So nah bei Sempach. Die Botschaft ist auf jeden Fall einleuchtend: sy würde d'freiheit gwinne, wenn sy däwäg z'gwinne wär. Wir sind uns einig, dass man politische und persönliche Konflikte gewaltfrei austrägt. In unseren Parlamenten herrschen Gott sei Dank keine ukrainische oder griechischen Verhältnisse. Notorische Schlachtenbummler haben den Fussball als Kompensationsfeld. Die alten Schlachten der Eidgenossen mit ihren Lieblingsgegnern und auch die Händel in der Dorfbeiz – so könnte man folgern – können wir getrost vergessen. Aber das sollten wir nicht. Sie enthalten zu viele Lektionen. Das kulturelle Gedächtnis ist keine Gelegenheit, um alte Mythen zu nähren, sondern Gele-

«Manchmal muss man Schlachten verlieren, um zur Einsicht zu kommen.» Das hatte seine eigene Würde und hatte auch sein Recht. Aber spätestens dann, wenn man sich vorstellt, dass in einem Bruderkrieg wohl beide Seiten so gebetet haben, hat die Bitte um den Sieg einen Mundgeruch. «Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen», heisst es in Matthäus 26. Es ist eine Szene in der Passionsgeschichte. Die Jünger wollen die Verhaftung ihres Herrn verhindern. Sie können es nicht und sollen es nicht. Was hätten sie angerichtet, wenn sie die Tragödie verhindert hätten? Ich wage zu sagen: Das Christliche – der Geist des lebendigen Gottes – kommt in

der Niederlage zum Zug. Darum habe ich an Kappel erinnert. Darum erinnern wir uns heute an eine Schlacht, die 1386 geschlagen wurde. Nicht, um uns am Sieg zu freuen, sondern um das Elend danach nicht zu vergessen. Wir leben in befriedeten Zeiten – Gott sei Dank! Aber machen wir uns nichts vor: ein falsches Wort, ein Glas zu viel. Und wir haben Nottiswil. Vielleicht kommen schwierige Jahre auf uns zu. Vielleicht wird die freundeidgenössische Zweckgemeinschaft bald etwas härter getestet. Was wir dann – nein heute schon – nicht brauchen können, sind Menschen, die zwar nicht mit der Hand, aber mit dem Mundwerk zur Hellebarde – dem vigor helvetii – greifen. Worauf wir nicht verzichten können, sind harte Auseinandersetzungen. Was uns nicht weiterhilft, sind Opfergänge und Scheinharmonie. Was unserer politischen Kultur aber schadet, sind verbale Schläger, die jeden Anstand vermissen lassen und den Gegner verachten. Die Jahrzeitfeiern lehren uns nicht nur Dankbarkeit. Sie lehren auch, die «Gasse für die Freiheit» zu pflegen. Eine Pflege, die mit Respekt, der nötigen Bescheidenheit und Demut auch einmal beten kann: «Ach reicher Christ vom Himmel, durch deinen harten Tod hilf uns armen Sündern den Frieden zu wahren und Versöhnung zu leben! Hilf uns so, land und lüt in Schirm und Schützung erhalRALPH KUNZ ten. Amen!» Professor Ralph Kunz ist reformierter Theologe und lehrt Praktische Theologie an der Universität Zürich.


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«Geschichte und Geschichten veralten nicht» FESTAKT 2012 REGULA ZWEIFEL AUS ZÜRICH, HOHE FRAUMÜNSTER-FRAU, HIELT DIE FESTANSPRACHE - dass Gemeinschaften in der Lage sind, neue Situationen zu adaptieren und Lösungen für die Zukunft zu finden.

Sehr geehrte Frau Regierungspräsidentin, sehr geehrte Herren Regierungsräte, sehr geehrter Herr Stadtpräsident, verehrte Vertreterinnen und Vertreter von Regierungen und Parlamenten, liebe Gäste und Festgemeinde

Rund 500 Jahre nach der Schlacht von Sempach lehrt uns dann die Geschichte, dass es friedliche Revolutionen gibt, deren neues, wesentliches Merkmal die Beschleunigung in Zeit und Raum ist: Am 31. Mai 1882 fährt der letzte von täglich mindestens 20 Fünfspänner-Postkursen über den Gotthard-Pass. Einen Tag später, am 1. Juni 1882, wird die Bahnlinie durch den Gotthard eröffnet. Schweizerinnen und Schweizer verstanden sich nie als Murmeltiere, die sich in den Bergen vergraben; immer schon waren sie continental players. Die Dynamik, welche Bahnlinie und Tunnel auslösten, konnten sie zwar nicht voraussehen, haben sie aber laufend adaptiert und sind auch heute wieder dabei, sie abermals zu adaptieren.

Als Erstes danke ich Ihnen für die ehrenvolle Einladung, als Präsidentin der Gesellschaft zu Fraumünster von Zürich und damit gleichsam als Botschafterin der Fraumünster-Klosterfrauen des späten Mittelalters die Festrede an der diesjährigen Gedenkfeier Sempach zu halten. Als Kulturhistorikerin nehme ich den kleinen und feinen Unterschied in der Bezeichnung Gedenkfeier gegenüber der früheren Benennung Schlachtfeier besonders wahr und verstehe ihn auch als direkte Aufforderung, über die Ereignisse vor und nach 1386 nachzudenken und zu überlegen, was aus diesem bedeutsamen Abschnitt der Geschichte für unsere Zeit heute gelernt werden kann. Ein weiteres Stichwort liefert das Sempacher Forum Geschichte, in dem es am 25. Juni das Thema Verkehr aufgegriffen hat. Hierzu stellen sich vor unserem geistigen Auge sofort verschiedene Bilder ein, auch historische, und es ist sicher kein Zufall, dass just ein Innerschweizer Denker, der Germanist Peter von Matt, über seine jüngste Sammlung von Aufsätzen das Bild der Gotthard-Post von Rudolf Koller gesetzt hat. Besonders angetan hat es ihm dabei das Kalb, das in panischer Angst vor dem galoppierenden Pferdegespann her rennt – für von Matt ein Symbol für den Wechsel der Geschwindigkeit von einer Epoche zur andern. Und wem würde dabei nicht auch die vehemente Beschleunigung in den Sinn kommen, die wir in der heutigen Zeit an allen Fronten erleben. Lassen Sie mich aber zunächst zurückblenden und auch die Verbindung zu den Fraumünster Klosterfrauen herstellen. Die Fraumünster-Frauen wirkten im Frauenkloster an der Limmat in Zürich von 853 bis zur Reformation 1524. Die meisten von diesen Frauen stammten aus süddeutschen adeligen Familien, waren vermögend und gut ausgebildet in Theologie, Philosophie, Sprachen und Betriebswirtschaft. Sie lebten in einer Gemeinschaft von ungefähr 20 Frauen nach den Regeln des heiligen Benedikt, allerdings mit mehr Pflichten für die Öffentlichkeit und dadurch mit gewissen Abweichungen von den klösterlichen Regeln. Die Äbtissinnen des Fraumünsters übten das Wasserrecht, das Münzrecht und die niedere Gerichtsbarkeit aus. Sie waren, in heutiger Sprache ausgedrückt, nicht nur erfolgreiche Betriebswirtschafterinnen, sondern schlicht und einfach die regierenden Stadtpräsidentinnen von Zürich, zudem eidgenössisch und international bestens vernetzt. Diese Klosterfrauen gehörten zu den bedeutendsten Landeigentümern nicht nur in der Region Zürich, sondern auch in der Innerschweiz, mit Weidland und Alpen in den Regionen Schwyz, Obund Nidwalden. Im luzernischen Seetal besassen sie, urkundlich nachgewiesen, einzelne Dörfer. In Uri, entlang der Gotthard-Route – schon damals eine eminent wichtige Handelsachse – bewirtschafteten sie aktiv ihre Besitztümer und profitierten, wie viele Landwirte und Händler, vom Geschäft mit der Reisläuferei. Hier erfuhren sie auch den grossen gesellschaftlichen Umbruch, der durch den regionalen Machtwechsel vom vorwiegend österreichischen Adel zu unternehmerischen Landwirten erfolgte. Die regionalen, territorialen und politischen Verdrängungskämpfe in der Zeit vor 1386 spielten sich indessen noch nicht ab zwischen Eidgenossen und Habsburgern, sondern zwischen habsburgischen Adelsleuten und dem ansässigen Bauernvolk. Der neue Pro-

Regula Zweifel, Präsidentin der Gesellschaft zu Fraumünster Zürich, beim Festakt in der Pfarrkirche: «Die Sempacher Gedenkfeier behält die Funktion eines Kompasses, weil sie eine Form für die heutige gesellschaftliche Realität gefunden hat.» FOTO RETO BERNER

totyp des Aufsteigers im 14. Jahrhundert war der erfolgreiche Viehzüchter, der seinen Betrieb umstellte, von Grasund Getreideanbau zur Grosstierhaltung und zur Pferdezucht für die Reisläuferei, und der mit steigenden Preisen für den norditalienischen Markt Fleisch- und Milchprodukte produzierte. An einem gut belegten Einzelfall lässt sich die damalige grundlegende Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft aufzeigen: Ulrich Rüedli aus Obwalden, Pächter auf Ländereien des Fraumünsters, war ein solcher erfolgreicher Unternehmer, Viehzüchter und Händler. Mit dem neuen Geld investierte Rüedli in Rinderherden, und für die immer stärker anwachsenden Herden brauchte er auch immer mehr Land, welches er nicht nur in Obwalden kaufte, sondern auch im luzernischen Seetal, in Uri und im Glarnerland. Mehr Kühe, mehr Land, mehr Milch, mehr Milchprodukte, mehr Arbeitsplätze. So wuchs Rüedlis Reichtum rasant, seine Wirtschafts- und Rechtsverhältnisse wurden immer komplexer, und der Neureiche verlor jede Bodenhaftung. Der Skandal: Er bezahlte dem Kloster in Zürich keinen Rappen Steuern. Das musste die Äbtissin in Zürich nachhaltig irritieren. Sie schritt ein und zitierte ihren Pächter, den Viehhändler Ulrich Rüedli aus Obwalden, nach Zürich ins Frauenkloster. Sie lud ihn ein zu Speis und Trank und bedrängte ihn mit harten Verhandlungen. Zuerst einmal forderte sie ihn auf, im Täfer oben an der Decke des Konventsaales die Inschrift zu lesen. Dazu war Rüedli aber nicht fähig. Zählen konnte er zwar, nicht jedoch lesen! Nun also las ihm die Äbtissin vor: «gewalt und gunst / du kanst die kunst / das jetz das edell recht muos sin din knecht». Zu Deutsch: «Gewalt und Begünstigung, ihr versteht euer Handwerk, sodass jetzt das edle Recht euch dienen muss.» Rüedli hat wohl verstanden, dass das Recht nicht ihm, sondern er dem Recht dienen muss. Ob es sich damals um einen Steuerbetrug oder lediglich um eine Steuerhinterziehung gehandelt hatte, lässt sich wohl aus heutiger Sicht kaum entscheiden. Wie dem auch war: Unter

dem Druck der Äbtissin wurde Ulrich Rüedli einsichtig und gab seine Vergehen zu. Als Busse musste er dem Frauenkloster viele teure Ablasspapiere abkaufen, um damit sein Seelenheil wieder zu erlangen. Um einen zünftigen Säckel Münzen erleichtert und dafür mit Ablasspapieren des Mittelalters ausgestattet – heute würde man sie wohl als Lehman-Brother’s papers bezeichnen – kehrte er nach Obwalden zurück und ging, entsprechend geläutert, seinen alten Geschäften nach. Innert ungefähr 60 Jahren, während zweier Generationen, entstand vor 1386 auf diese Art eine neue Gesellschaftsklasse von wohlhabenden Landleuten. In der Region der Innerschweiz, in Luzern und im Seetal kam es zu einem Wechsel in der politischen und wirtschaftlichen Führungsschicht: Adelsfamilien verschwanden aus der Politik und aus der Geschichte,

«Heute sind Frauen wohl gleichberechtigt, aber nicht gleichbedeutend.» und wurden abgelöst von unternehmerischen Landwirten. Es entwickelte sich eine neue Oligarchie von wirtschaftlichen Clans, und andrerseits gab es die Basisversammlung der Landleute in Form von Landsgemeinden. Dieser Prozess war verbunden mit Rivalitäten im Gerangel um Ehre, Macht und Einkünfte, zunehmend auch begleitet von Gewalt. Diese eigentlich revolutionäre Entwicklung brachte eine grundlegende Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft und hatte damals fundamentale Konsequenzen auf das Verhalten und Verhältnis der Landleute zu Obrigkeiten, insbesondere zu den Habsburgern. Bis 1370 waren die Auseinandersetzungen zwischen Österreich und den Eidgenossen von einer Strategie der wechselseitigen Nadelstiche geprägt. Nun aber eskalierte sie zur direkten Konfrontation. Der Ausbau der habsburgischen Einflusszone und Landesherrschaft von Kärnten bis zum Elsass, inklusive dem Einschluss des Schweizer Mittellandes, rief nach einer grundsätzlichen Klärung der

Machtverhältnisse. Die Luzerner gingen gewaltsam gegen den habsburgischen Vogt in Rothenburg vor. Die Zürcher überfielen das österreichische Rapperswil und die Zuger das österreichische Städtchen St. Andreas. Als die Luzerner das Entlebuch und Sempach in ihr Burgrecht aufnahmen und damit die Rechte der habsburgischen Herrschaft verletzten, war das Mass voll. Es kam zur Schlacht bei Sempach. Luzern und die drei Waldstätten trugen den vollständigen Sieg davon. Das Kräfteverhältnis in der Innerschweiz und im Mittelland war entscheidend verändert. Was indessen die Landleute nicht vorausgesehen hatten, war, dass das Machtvakuum nun allmählich von den Städten gefüllt wurde, welche prompt die Chance nutzten, ihren Machtradius zu erweitern. Noch ein kurzer Blick auf Zürich: Zürich betrieb nach wie vor eine Schaukelpolitik zwischen Reichstätten in Oberschwaben, den Habsburgern und der Eidgenossenschaft. Erst 1450 öffnete sich Zürich dem festen eidgenössischen Bund von Städten und Länderorten, dem damals neuen Metropolitan-Raum der Eidgenossenschaft, der dann wirtschaftlich erstaunlich rasch wuchs. Liebe Festgemeinde, der Landsleute, der Habsburger und der Schlacht bei Sempach zu gedenken, berührt uns auch nach 626 Jahren immer noch – auch im Sinne eines Lehrstücks für die heutige Zeit. Es soll uns klar werden, - dass Geschichte und Geschichten nicht veralten. Auch in neuen Situationen machen sie immer wieder alte und bewährte Grundsätze des politischen Handelns sichtbar - dass im Mittelalter Frauen zwar nicht gleichberechtigt, aber gesellschaftlich gleichbedeutend waren. Heute sind Frauen wohl gleichberechtigt, aber nicht gleichbedeutend - dass die Sempacher Schlacht der Höhepunkt eines gesellschaftlichen Wandels, einer gesellschaftlichen Revolution war - dass die sich daraus ergebenden Konsequenzen sowohl für das Kollektiv der Eidgenossen als auch für den Einzelnen nicht vorausgesehen werden konnten, und

Heute erleben wir die Revolution der Informations- und Kommunikationstechnologie. Die Systeme, die wir in den letzten zwanzig Jahren entwickelt haben, sind die komplexesten Systeme, die Menschen je geschaffen haben. Ereignisse und Krisen in immer stärker gekoppelten Systemen können eine nicht begrenzbare Dimension annehmen. Die Finanzkrise ist ein typisches Beispiel dafür. Oder nehmen Sie den Flash-Crash: Finanztransaktionen werden von Computern in Mikrosekunden abgewickelt. Diese Computer machen sich selber ein Bild von der aktuellen Lage, sie projizieren diese in die Zukunft, sie kommunizieren miteinander, sie treffen Entscheidungen – kurz: Die Computer machen immer mehr das, was Menschen früher selbst gemacht haben. Es sind so künstliche soziale Systeme entstanden, ohne dass wir das so richtig bemerkt haben. Riesige Datenmengen haben sich angesammelt, und viele Unternehmer glauben, dass Big Data (riesige Datenmengen) das Öl der Zukunft sei. Es ist uns allen klar geworden, dass die Welt einen Grad von Komplexität erreicht hat, die der Mensch nicht mehr durchschauen kann. Ein alter Traum der Menschheit bleibt umso mehr bestehen: Herausfinden und wissen, was die Zukunft bringt. In diesem komplexen und beschleunigten Umfeld ist jedoch festzuhalten: Werte wie Mut, Vertrauen, Gerechtigkeit, Zusammengehörigkeitsgefühl, Solidarität, Glaube, Erinnerung sind ein verlässlicher Kompass. Solange wir diese Werte pflegen, geben sie uns Halt im Umgang mit Komplexität und Beschleunigung. Diese Werte sind und bleiben unser soziales Kapital. Sie entfalten indes ihre Wirkung nur dann, wenn sie eingebunden bleiben in Geschichtsverlauf und Erinnerungskultur. Und weil der Geschichtsverlauf kein Zerfallsprozess ist, sind auch die Änderungen in der Form der Sempacher Gedenkfeier Beispiel für eine zukunftsorientierte Assimilation – sicher ganz im Sinne der eidgenössischen Sempacher Vorfahren von 1386. Die Sempacher Gedenkfeier erinnert also jedes Jahr erneut an Werte, die wir als gut eidgenössisch in unserer DNA abgespeichert haben. Sie behält die Funktion eines Kompasses, weil sie eine Form für die heutige gesellschaftliche Realität gefunden hat. Als Zürcherin und Präsidentin der Gesellschaft zu Fraumünster gratuliere ich den Luzernerinnen und Luzernern, Sempacherinnen und Sempachern – wie wir als Gesellschafterinnen sagen «hochwohllöblich» – für das Weitertragen der Sempacher Gedenkfeier im Sinne von «Zukunft hat Herkunft». REGULA ZWEIFEL Die Kulturhistorikerin Regula Zweifel aus Kilchberg leitet eine eigene Firma, die Kulturprojekte und Forschungsarbeiten realisiert. Zudem präsidiert sie die Gesellschaft zu Frau münster Zürich.




   

 Erinnerung an die Gedenkfeier 2012: Schon am Vorabend brachten Gaukler Feststimmung ins Städtchen Sempach.







FOTO RETO BERNER/ARCHIV



       

begegnen gedenken feiern









Thema 2013: «Energie»



  





627. Gedenkfeier der Schlacht bei Sempach Mittelalterfest mit Theater am Samstag Das ganze Städtli Sempach und die Seevogtey werden zur Kulisse des grossen Mittelalterfestes mit versteckten und offenen Theaterszenen. Auf den Strassen und am See tummeln sich Gauklerinnen und Gauner, Krieger und Künstlerinnen, Pilger und Priester, Händlerinnen und Handwerker.

Morgenbrot & Jahrzeitfeier Die Feierlichkeiten beginnen mit dem Morgenbrot: Die Stadt Sempach und der Kanton Luzern laden die Bevölkerung zu einer kleinen Stärkung ein. Im Anschluss findet die Jahrzeitfeier in der Kirche St. Stefan statt. Festredner ist der Kommandant der Päpstlichen Schweizergarde Oberst Daniel Anrig. Er wird von einer Delegation Schweizergardisten begleitet.

Mittelalterfest mit Theater am Sonntag

18.00 Samstag, 6. Juli 2013 Auftakt zum Mittelalterfest und Theater Städtli Sempach und Seevogtey 22.00 Feuerspektakel im Städtli

   08.30





Sonntag, 7. Juli 2013 Morgenbrot im Städtli Sempach

   

09.45 Jahrzeitfeier Ökumenischer Gottesdienst und Festakt Pfarrkirche St. Stefan, Sempach

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Nach der Gedenkfeier beginnt das grosse Mittelalterfest im Städtli und am See – darin eingewoben: die Theaterszenen, die die Zeit um 1386 erlebbar machen. Das Städtli Sempach öffnet seine Tore zu einem aussergewöhnlichen Mittelalterfest. Erleben Sie das Mittelalter im grossen Heerlager mit Ritterzelt, Schwertkämpfen und Bogenschiessen oder im Kinderparadies an der Seeallee. Tanzen und feiern Sie zur Musik von Koenix, Christoffel und anderen Musikanten, gemeinsam mit Gauklern und Zauberern. Schlendern Sie uber den grossen Mittelaltermarkt und bestaunen Sie altes Handwerk. Die Beizen und Tavernen locken mit mittelalterlichen Spezialitäten und Getränken. www.gedenkfeier-sempach.lu.ch

 der Kirche & Beginn 11.00 Auszug aus mit Theater  des Mittelalterfestes  



13.30 Grosse Hauptszene im Städtli

  










Festzeitung Gedenkfeier Sempach 2013 web