Issuu on Google+

Bild: Oscar Alessio / SF

Magazin des Publikumsrates und der Mitgliedgesellschaften der SRG idée suisse DEUTSCHSCHWEIZ Ausgabe 9/2006

Leitbilder für die Leitmedien 4 SF

8 SRG.D

12 Ombudsstelle

Neues Leitbild und Mitgliedergala 2006 – Informationen – «Start up» fürs die Bilder. Holschuld für MedienSchweizer Fernsehen. schaffende, Bringschuld 10 Publikumsrat für Informanten.

7 SRG.D

Als SRG-SSR-Mitglied an die Solothurner Filmtage.

«Tapetenwechsel» auf SF zwei.

13 Carte blanche

Literatur auf DRS 1 und DRS 2.

Darko Cetojevic.

14 Region Basel Porträtserie «50 Jahre DRS 2»: Roman Fillinger. Programmkommission der SRG idée suisse Region Basel zu Besuch beim Schweizer Fernsehen.


EDITORIAL RUBRIK

Bild: Oscar Alessio / SF

Gebührenkontrast

Christoph Vogel

Diese letzte Ausgabe im Jahrgang 2006 war abgeschlossen, Hauptthema: «Gebühren – worum es wirklich geht», die Link-Seiten bereits in der Druckvorstufe. Und so war es auch dem Redaktor nach getaner Arbeit gegönnt, zusammen mit den Gewinnerinnen und Gewinnern der Link-Bilderrätsel an der Jubiläums-Gala «75 Jahre SRG» im Berner Kursaal zugegen zu sein. Dort, der Höhepunkt, eine gewohnt pointierte Rede von Bundespräsident Moritz Leuenberger. SRG heisse heute «Sofort Rauf mit den Gebühren». Doch wie wörtlich der Medienminister «sofort» gemeint hatte, wurde erst am nachfolgenden Morgen deutlich, an dem bekanntlich der Bundesrat beschloss, dass die Gebühren nicht in dem Ausmass «rauf» gehen, wie sich dies die SRG SSR idée suisse gewünscht hatte. Was hiess dies nun für Link? Alles nochmals von vorne, ein neues Schwerpunktthema, ein neues Titelbild musste her. Mit einem Leitbild, worüber nun auch das Schweizer Fernsehen verfügt, bot sich eine valable Alternative an. Vor dem Hintergrund der harten Gebühren-Fakten erlauben da Aussagen über Unternehmenskultur und Werte willkommenen Kontrast.

IN KÜRZE

Mehrbedarf der SRG SSR an Gebühren anerkannt Der Bundesrat hat entschieden – die Empfangsgebühren für Radio und Fernsehen werden ab 1. April 2007 um 2,5 Prozent erhöht. Die SRG SSR idée suisse erhält davon 2 Prozent, das heisst jährlich 25 Millionen Franken mehr an Gebührengeldern. Geltend gemacht hatte die SRG SSR einen Finanzbedarf von zusätzlich 72 Millionen Franken. Die grössten Positionen des vom Bundesrat nicht anerkannten Mehrbedarfs betreffen Leistungen an die Pensionskasse (rund 23 Millionen Franken), Schuldzinsen (rund 11 Millionen Franken) und die vor-

gesehene Aufstockung des Eigenkapitals der SRG SSR (7 Millionen Franken). Bei seinem Entscheid geht der Bundesrat von einer stärkeren Zunahme der Gebühren zahlenden Haushalte aus als die SRG SSR. Entgegen der Entwicklung der letzten drei bis vier Jahre und den Berechnungen der SRG SSR budgetiert der Bundesrat sowie der Preisüberwacher 31 Millionen Franken zusätzliche Gebühreneinnahmen pro Jahr. Die SRG SSR nimmt mit Befriedigung zur Kenntnis, dass der zusätzliche

Finanzbedarf der privaten Radio- und Fernsehveranstalter (Gebühren-Splitting) nicht zu Lasten des Service public geht, falls die Anzahl der Haushalte nicht im prognostizierten Rahmen zunehmen sollte. Wäre dies der Fall, werde man auf den Entscheid zurückkommen, versicherte Bundespräsident Moritz Leuenberger an der Medienkonferenz vom 8. Dezember 2006. Die SRG SSR wird die neue Ausgangslage sorgfältig analysieren und zu gegebener Zeit über das weitere Vorgehen informieren.

DRS 3 ist ab nächstem Jahr das Sport-Leitprogramm. Das heisst, Live-Übertragungen und Sport-Berichte werden schwerpunktmässig auf DRS 3 stattfinden. Auf DRS 1 soll die Sportberichterstattung jedoch nicht geschmälert werden.Weitere Projekte bei DRS 3 sind der Ausbau der IT-Berichterstattung, der CH-Musik am Samstagabend und des Informationsangebots am Vormittag. Auf DRS 2 ist im nächsten Jahr ein neues Wissenschaftsmagazin geplant. In der Abteilung Information wird zudem das Auslandkorrespondentennetz ausgebaut. Hinzu kommen

der Aufbau des DRS-Newsprogramms von World Radio Switzerland (WRS) und von Radio Suisse Romande (RSR). Für diese beiden Projekte hat die SRG SSR idée suisse unlängst das Gesuch zur Konzessionsänderung eingereicht. Die Programm-Neuerungen will Schweizer Radio DRS über die eigenen Reserven finanzieren. Ein zusätzlicher Mittelbedarf der SRG-SSR-Radios besteht hingegen für die Finanzierung der Strukturkosten, wie die Weiterentwicklung der DAB-Technologie, das heisst der Umstieg von UKW zur DAB-Technologie.

2

Ausgabe 9/2006

Wenn Didier Cuche zu Tale braust, findet dies künftig vor allem auf DRS 3 statt.

Bild: Georg Frey / Photopress/EPA/Keystone

Erweitertes Angebot von Schweizer Radio DRS


FORUM

WETTBEWERB

«Zum neuen Tag» wird vermisst

Fernsehen im Bild Exklusiv zur Milionen-Gala

Bild: Olivier Maire / Keystone

So einfach war es noch nie, an der Verleihung des Swiss Award am 14. Januar 2007 im Zürcher Hallenstadion dabei zu sein. Finden Sie heraus, welche Sendung vom Schweizer Fernsehen in der Illustration dargestellt wird.

Ein «aufstellendes, aufmunterndes und christliches Wort in den Tag» wird vermisst.

Paul Haslimann, Beromünster

Leider steigt Pfarrer Ulrich Knellwolf aus, seine Worte werde ich sehr vermissen. Er gab mir mit seinen Gedanken wirklich Kraft für den neuen Tag. Derzeit gibt es vor allem Sprecherinnen, denen ich nicht zuhören kann, denn mit dem besten Willen weiss ich nicht, was sie mir zum neuen Tag sagen möchten. Ich würde mir wünschen, dass Religion wieder mehr Platz in den Programmen von Schweizer Radio DRS bekommt.

wie sie jetzt stattdessen erzählt werden, brauche ich nicht. «Zum neuen Tag» war für mich weder Moralin, Andacht noch sinntriefende Belehrung. Die Senderubrik hatte wenigstens Niveau. Eduard Lötscher, Hergiswil

Der Publikumsrat hat in seiner Sitzung vom 7. Dezember 2006 die Ablösung der Rubrik «Zum neuen Tag» durch «Morgengeschichten» thematisiert. Als eine Hörpause im informationslastigen Morgenprogramm von DRS 1 wird die erneuerte Rubrik allgemein empfunden. Ob die «Morgengeschichten» auch einen religiösen Inhalt haben sollten, darüber gingen im Publikumsrat die Meinungen auseinander. Die Publikumsvertreterinnen und -vertreter wünschen sich auf jeden Fall eine Geschichte mit Profil und einen Anstoss zum Nachdenken. Sprachlich sind die Ratsmitglieder von den «Morgengeschichten» überzeugt, und sie schätzen besonders die Dialektvielfalt der Moderatorinnen und Moderatoren.

Auflösung und Gewinnerpaar aus Link 8/06 Die Staubwölkchen mögen etwas verwirrt haben, sollten doch die Schuhe beim Polieren nicht mehr schmutzig sein. Dennoch haben unter vielen auch Dora und Alfred Dreier aus Grünen das gesuchte People-Magazin «glanz & gloria», jeweils am Vorabend um 18.40 Uhr auf SF 1, herausgefunden und die letzten zwei Jubiläums Galakarten gewonnen.

Redaktion

Trudi Tobler, Winterthur

Ich bin nicht fromm, aber die Absetzung der Rubrik «Zum neuen Tag» im Morgenprogramm von DRS 1 stösst bei mir auf Unverständnis. Ich hörte nicht jeden Morgen «Zum neuen Tag». Aber Geschichten,

Illustration: Badoux

Herzlichen Dank für die Sendungen von Schweizer Radio DRS. Nur etwas stört mich am Programm von DRS 1 erheblich: Die Umwandlung von «Zum neuen Tag» in so genannte aussageschwache «Morgengeschichten». Ich vermisse ein aufstellendes, aufmunterndes und christliches Wort in den Tag. Unser Land ist immerhin noch mehrheitlich christlich. Um den Glauben eines uns nahen, lebendigen und lieben Gottes nicht einfach absterben zu lassen, benötigen wir dieses Wort dringender denn je.

Ihre Meinung interessiert uns! Schreiben Sie uns! Zuschriften bitte an: Redaktion Link, Leserbriefe, Postfach, 8052 Zürich, Fax: 044 305 67 10 oder E-Mail: info@srgdeutschschweiz.ch Ausgabe 9/2006

Talon bis 31. Dezember 2006 einsenden an: Redaktion Link, Postfach, 8052 Zürich Die gesuchte Fernsehsendung heisst:

Name/Vorname: Strasse: PLZ/Ort:


SCHWEIZER FERNSEHEN Auch das Schweizer Fernsehen hat jetzt ein Leitbild

Leitbild auf hohem Niveau Das Angebot des Schweizer Fernsehens steht beim Deutschschweizer Publikum hoch im Kurs, wie die Imagestudie 2006 belegt. Mit einem entsprechenden Leitbild soll dieses Primat nun zusätzlich untermauert bzw. überdacht werden. Das Publikum steht beim Schweizer Fernsehen an erster Stelle. Umgekehrt steht das Schweizer Fernsehen bei seinen Deutschschweizer Zuschauerinnen und Zuschauern hoch im Kurs und ist praktisch in allen Sparten und erstmals auch bei den Spielfilmen erste Wahl. Dies belegt eine Imagestudie, die nach 2005 zum zweiten Mal in Auftrag gegeben wurde. In der gleichen Untersuchung konnten repräsentativ ausgewählte Personen in Face-to-Face-Interviews anhand verschiedener Qualitätsmerkmale das SF-Programmangebot zusätzlich benoten. Hier ergaben sich beinahe durchwegs bessere Werte als im Vorjahr, worin sich Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre in der schrittweisen Profilierung des Programms bestätigt sieht. «Dass wir auch in Beurteilungspunkten wie Innovation und Unverwechselbarkeit durchgehend zulegen, zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.»

Neue SF-Image-Clips, in denen Starfotograf Michel Comte Persönlichkeiten wie Melanie Winiger …

Was neben der erfolgreichen Umsetzung der Strategien noch fehlte, war ein übergeordnetes Leitbild, das im Kern den Auftrag, die Werte und das dementsprechende Handeln umschreibt. Adressatinnen und Adressaten eines Leitbilds sollen in erster Linie die Mitarbeitenden eines Unternehmens sein. Demzufolge informierte die Fernsehdirektorin zuerst die SF-Belegschaft, bevor sie mit dem Leitbild gleichentags an die Öffentlichkeit gelangte. «Für was steht dieses Haus, in welche Richtung gehen wir?» Diese Fragen sollten sich laut Ingrid Deltenre ihre Mitarbeitenden öfter und nicht nur im stillen Kämmerlein stellen. Bilder: SF

… DJ Bobo…

… Lauriane Gilliéron, Tanja Frieden und Roger Federer (beide Seite 5) gebührend in Szene gesetzt hat.

4

Ausgabe 9/2006

Das SF-Leitbild ist öffentlich und steht zum Download bereit unter: www.sf.tv


Bilder: SF

SRG-SSR-Leitbild geht in Vernehmlassung

«Ein Leitbild ist auf Langzeitwirkung angelegt.» Othmar Kempf, als Präsident des Publikumsrats waren Sie unter den 40 auserwählten Persönlichkeiten, die in einem dreitägigen Workshop mit dem Schweizer Fernsehen über dessen Selbstverständnis diskutiert haben. Welche Eindrücke haben Sie vom Feusisberg mitgenommen? In den verschiedenen Workshops habe ich die unternehmerischen, technischen und publizistischen Herausforderungen an das Unternehmen Fernsehen aus nächster Nähe und aus verschiedenen Blickwinkeln kennen gelernt. Und einmal mehr wurden mir die hohen Anforderungen an die TV-Macherinnen und -Macher bewusst. Es gab während den drei Tagen offene, nicht immer einvernehmliche, aber immer faire und konstruktive Auseinandersetzungen und Diskussionen. Und ich hatte den Eindruck, dass man einander zugehört hat.

und die Bedürfnisse anderer Menschen zu verstehen. Bei vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf dem Feusisberg konnte ich den Willen und die Fähigkeit dazu feststellen.

Der Publikumsrat hat den Anspruch, das Radio- und Fernsehpublikum zu vertreten. Inwieweit, denken Sie, waren die anwesenden Persönlichkeiten repräsentativ? Wie repräsentativ für die Bevölkerung ist das Eidgenössische Parlament? Wie repräsentativ für die TV-Konsumentinnen und -Konsumenten ist der Publikumsrat? Diese Fragen sind müssig. Solche oder ähnliche Institutionen und Gremien können nicht beanspruchen, das perfekte 1:1-Spiegelbild einer Gesellschaft zu sein. Aber sie müssen den Anspruch haben, auch die Denkmuster, die Erwartungshaltungen

Erhält das SF-Leitbild auch Relevanz für die Arbeit im Publikumsrat? Ein Leitbild ist auf Langzeitwirkung angelegt. Ich glaube nicht, dass sich unsere Arbeit in nächster Zeit wesentlich verändern wird. Ingrid Deltenre hat das Leitbild einmal als «Verfassung» bezeichnet. Für den Publikumsrat ist entscheidend, was diese «Verfassung» bei den Programm-Verantwortlichen auslöst und wie sie auf der Ebene der Programm-Macherinnen und -Macher umgesetzt wird. Wir beurteilen dann die Inhalte und die Qualität dieser Programme.

Konnten Sie als Vertreter des Publikumsrates Impulse einbringen, die nun im kommunizierten Leitbild Niederschlag gefunden haben? Ich habe nicht erwartet, dass meine Voten und Meinungen im Leitbild des Schweizer Fernsehens direkt Niederschlag finden würden, aber ich konnte mich während drei Tagen intensiv an einem Diskussionsund Denkprozess beteiligen. Dabei habe ich natürlich in erster Linie versucht, die Sichtweise des Publikums darzustellen. Mir ging es vor allem um das Qualitätsmanagement, um Publikumsnähe, um die Glaubwürdigkeit und die Reputation von SF.

Das Leitbild der SRG SSR idée suisse stammt aus dem Jahr 1995. Das gute Dutzend Jahre bedeutet selbst in der bewegten 75-jährigen SRG-SSR-Geschichte einen Quantensprung. Laufende und noch anstehende technologische Entwicklungen, sich ändernde Nutzungsverhalten und Rahmenbedingungen sind Grund genug, dass auch das Gesamtunternehmen auf Gruppenebene seine verhaltensrelevanten Grundsätze anpasst. Damit schliesst man an die Programmcharta an, die ebenfalls in diesem Jubiläumsjahr erneuert wurde. Ein Leitbild-Entwurf, wie er an einem Workshop der SRG-SSR-Geschäftsleitung ausgearbeitet wurde, liegt nun den vier Regionalgesellschaften sowie dem Ausschuss Swissinfo/SRI zur Vernehmlassung vor. Die SRG idée suisse Deutschschweiz ihrerseits bezieht in ihre Vernehmlassung zusätzlich die Gremien ihrer sechs Mitgliedgesellschaften mit ein. Der Entwurf des neuen Leitbilds geht aus von der Vision, als Service public Bestandteil und Spiegel der Schweizerischen Wirklichkeit zu sein. Diese Vision wird verankert in der Mission, wie sie der SRG SSR im Wesentlichen vom Gesetzgeber im neuen Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) auferlegt wird und wie sie durch die entsprechende Verordnung (RTVV) und den Konzessionen vom Bundesrat bzw. vom betreffenden Departement Umwelt Verkehr und Kommunikation (UVEK) umgesetzt wird. Vision und Mission der SRG SSR stützen ab auf Werte wie Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit, Vielfalt, Kreativität und Fairness. Als oberstes Credo soll diesen innerhalb des Unternehmens nachgelebt werden. Zudem fliessen sie in die Leitbilder der jeweiligen Unternehmenseinheiten ein. cv

Christoph Vogel Ausgabe 9/2006

5


SCHWEIZER FERNSEHEN – Der Weg zur eigenen Firma

«1:1 die Realität» Das Schweizer Fernsehen sucht für eine neue Eigenproduktion junge Unternehmerinnen und Unternehmer und solche, die es werden möchten. Ein Beispiel, wie das neue Leitbild umgesetzt wird. Innovation und Engagement sind gefragt. Ganz getreu seinem neuen Leitbild zeigt das Schweizer Fernsehen mit der eigenproduzierten Sendereihe «Start up – Der Weg zur eigenen Firma» ab April 2007, wie initiative Menschen aus ihren Ideen ein Geschäft machen können und welche Chancen ihnen dabei offen stehen. Gesucht werden die innovativsten Businessideen aus der ganzen Schweiz! Link befragte dazu den Produzenten und Projektleiter Alexander Mazzara: Alexander Mazzara, das SF-Publikum kennt zum einen verschiedene DokuSoaps, zum anderen lernte es im vergangenen Herbst das Format «Traumjob» kennen. Wo lässt sich auf dieser Bandbreite «Start up» positionieren? «Start up» ist eine Eigenentwicklung des Schweizer Fernsehens und hat mit anderen Formaten wenig zu tun. Darum lassen wir uns auch nicht gerne mit «Traumjob» ver-

gleichen. «Traumjob» war eine Show. Wir bilden 1:1 die Realität ab. Die Teilnehmenden bei «Traumjob» wurden alle gecastet. Die Leute, die sich bei «Start up» anmelden, tun dies, weil es ihr grosser Traum ist, selbstständig zu werden. Wir haben keinen Einfluss darauf, wer an der Sendung teilnimmt und wer nicht. Dies entscheiden allein die beigezogenen Expertinnen und Experten. In den elf Sendungen wird es weder Siegerinnen noch Verlierer geben. Wer die Investoren von seiner Idee überzeugen kann, tut dies, weil das Geschäftsmodell gut ist. Wir dokumentieren einfach, was passiert – und die Realität ist unser Storyboard. Kurz vor Ablauf der Anmeldefrist, in welchem Bereich bewegen sich die eingegangenen Geschäftsideen? Wir haben ja innovative Unternehmen gesucht – und so haben sich auch Jungunternehmen aus allen Bereichen gemeldet: Start-ups aus dem High-Tech-Bereich wie

Die Sendereihe «Start up» ist wie gesagt eine Eigenentwicklung vom Schweizer Fernsehen und wird dadurch gewissermassen ihrem Namen gerecht. Ist «Start up» demnach auch ein Start-up für SF selbst mit entsprechenden Chancen und Risiken? Jede neue Sendung ist eine Innovation, ein Start-up. Wir versuchen, mit «Start up» neue Wege zu gehen, und dann sind die Risiken, aber auch die Chancen besonders gross. Unser grösstes Risiko besteht darin, dass kein Unternehmen finanziert wird. Aber wir sind Journalistinnen und Journalisten und dokumentieren einfach, was passiert – und darum sehe ich auch darin eine Chance. Als SF-Mitarbeiter können Sie sich nun neu an einem Leitbild orientieren. Wie weit sehen Sie dieses in Ihrem Projekt umgesetzt? Durch und durch. Unser Sendekonzept deckt sich genau mit den Werten, die im neuen Leitbild stehen: Innovation ist eine Verpflichtung – das gilt für die Sendung, aber auch für unsere Start-ups. Ein Indikator für Publikumsnähe – ein weiterer zentraler Wert – ist aus unserer Sicht die überraschend hohe Zahl der Anmeldungen. Fairness, Unabhängigkeit und Verlässlichkeit verstehen sich bei einem Format, dass ohne Storyboard auskommt, von selbst: Sowohl die Start-ups wie auch die Investoren müssen uns vertrauen. Eine solche Sendung ist zudem nicht ohne Partnerschaften möglich, ohne diese wäre sie undenkbar. Interview: Christoph Vogel

Bild: Miriam Künzli / SF

Bild: SF

Biotechunternehmen oder Softwarehersteller, aber auch innovative Dienstleister und viele Erfinderinnen und Entwickler. Aber alle haben einen Traum oder eine Vision: Sich mit ihrer Firma selbstständig machen – ob mit oder ohne Hilfe des Schweizer Fernsehens spielt gar keine Rolle.

Alexander Mazzara.

6

Ausgabe 9/2006


SRG idée suisse DEUTSCHSCHWEIZ Die nächste exklusive Mitgliederaktion wartet

Premiere an den Solothurner Filmtagen Einmal mehr können Sie als Mitglied der SRG SSR idée suisse in den Genuss einer ganz besonderen Veranstaltung kommen.

Mit etwas Glück sind Sie im Rahmen der 42. Solothurner Filmtage am Freitag, 26. Januar 2007, live dabei an der Premiere des Dokumentarfilms «Elisabeth Kopp – eine Winterreise».

… auf eine «Winterreise» zu den wichtigsten Stationen in ihrem Leben …

… wie der Vereidigung als erste Bundesrätin im Jahr 1984 …

… und somit dem ersten Bundesrat-Gruppenbild mit Dame.

Bilder: Topic Film

Vor dem exklusiven Filmvergnügen im Landhaus laden wir Sie ab 18.00 Uhr zu einem köstlichen Apero ins historische Hotel Krone im Herzen der barocken Solothurner Altstadt ein. Neben kulinarischen Spezialitäten aus der Region ist auch für eine entsprechende musikalische Umrahmung des Anlasses gesorgt. Die Veranstaltung dauert bis 22.30 Uhr, sodass Sie rechtzeitig wieder Ihre Heimreise antreten können.

Regisseur Andres Brütsch begab sich mit Elisabeth Kopp …

Mitgliederveranstaltung Plakat 42. Solothurner Filmtage 2007

Wie lebt die einst beliebteste Persönlichkeit der Schweiz heute, mehr als zwanzig Jahre nach ihrer Wahl zur ersten Bundesrätin und sechzehn Jahre nach ihrem jähen Fall? Andres Brütsch wirft in seinem Dokumentarfilm einen vielfältigen Blick auf eine kontroverse Persönlichkeit. In «Winterreise» begibt er sich mit Elisabeth Kopp zu den wichtigsten Stationen ihres privaten und politischen Lebens. Die Co-Produktion mit dem Schweizer Fernsehen wird anlässlich der Solothurner Filmtage erstmals gezeigt und ist danach im Kino zu sehen.

Nehmen Sie Ihre Chance wahr und senden Sie die beigelegte Postantwortkarte ausgefüllt bis am 31. Dezember 2006 zurück. Claudia Meyer

Ausgabe 9/2006

7


SRG idée suisse DEUTSCHSCHWEIZ

Mitgliedergala 2006

Mit(einander)reden

Friedlich an einem Tisch, Ex-«Ventil»-Moderator Frank Baumann mit dem heutigen Präsidenten des Publikumsrats, Othmar Kempf.

Nicht nur «mitreden», sondern mit den Protagonistinnen und Protagonisten vom Bildschirm selbst reden. Diese einmalige Gelegenheit bot sich den auserwählten SRG-SSR-Mitgliedern an der diesjährigen Gala.

Gelegenheit für ein Autogramm: Nadeschkin mit Bruno Hotz, SRG idée suisse Zürich Schaffhausen.

Mike Müller neben Emma Fanger und Anita Gisler, beides Gäste der SRG idée suisse Zentralschweiz.

Patrick Frei umrahmt von Renate Fässler, SRG idée suisse Zürich Schaffhausen, und Liliane Schwanninger, SRG idée suisse Region Basel.

8

Ausgabe 9/2006


Genial oder daneben Das Motto des Abends, «Genial daneben», liess einiges zu. So war man sich unter den gut gelaunten Gala-Gästen nicht einig, ob Frank Baumanns Ankündigung von «Herr Schilling» Absicht war oder nicht. Auf jeden Fall nahm auch Hans Fünfschilling, Präsident der SRG idée suisse Deutschschweiz, das Motto auf: «Sie, als Mitglieder, halten die SRG-SSRProgramme wohl weit gehend für genial, während die Konkurrenz, allen voran die Verleger, das breite Service-public-Angebot eher daneben findet.» Für das Geniale gelte es auch weiterhin zu kämpfen, war er sich mit der zweiten Gastgeberin der Gala, Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre, einig. … und schmeckte mit einem auserlesenen Wein umso besser: Wisu Süess und Claudio Zuccholini mit Servierfrau.

Auch das Essen war «genial …»

Für Mitglieder-Nachwuchs ist gesorgt: Denise Aegerter, SRG Region Basel, mit Sohn Emanuel.

Ausgabe 9/2006

Bilder: Marion Nisch

Die halbe «Idée suisse» am runden Tischchen: (v. l. n. r.) Miriam und Peter Licskai, SRG Ostschweiz, Claudia und Ueli Spitz, SRG Zürich Schaffhausen, Erika Smolarz und Silvia Lautenschlager, beide SRG Ostschweiz.

Den Moderator von «Genial daneben» verbindet mit der SRG-SSR-Trägerschaft eine besondere Beziehung. Frank Baumann war es dazumal, der mit seiner Sendung «Ventil» u. a. die Rolle des Publikumsrats karikierte, was dieser mehr für daneben als genial taxierte und die Absetzung forderte. Nicht nur die Comedians vorne im Original-Dekor unterhielten sich zur Belustigung des Publikums bestens. Auch mit und unter den gleichmässig nach Mitgliedgesellschaften ausgelosten Gästen entwickelte sich vor und nach dem «Genial daneben»-Ratespiel im festlich gestalteten Studio 5 das eine oder andere heitere Gespräch. Für all die SRG-SSR-Mitglieder, für welche die Glücksfee für einmal nicht genial gewesen ist und daneben gegriffen hat, bietet sich am Freitag, 13. April, und am Samstag, 14. April 2007, jeweils von 16.00 – 21.00 Uhr, die Gelegenheit, an Aufzeichnungen von «Genial daneben» dabei zu sein. Zwar ohne Gala-Diner, aber dafür wird dann das Aufgezeichnete auf SF 1 auch wirklich ausgestrahlt. Interessierte Mitglieder schreiben bitte eine Postkarte an: SRG idée suisse Deutschschweiz, Mitglieder Services, Postfach, 4052 Zürich, oder eine E-Mail an: claudia.meyer@sf.tv Christoph Vogel

9


PUBLIKUMSRAT «Tapetenwechsel – Das grosse Zügeln»

Publikumsrat bleibt sesshaft Einerseits unterhaltend, anderseits uninformativ, urteilt der Publikumsrat. Die neuen Tapeten können die Kritik nicht abdecken. Wem gefällts schon nicht, wenn er seine eigenen vier Wände neu ausschmücken darf! Das Schweizer Fernsehen ist mit «Tapetenwechsel – Das grosse Zügeln» unterstützend dabei, wenns ums Umziehen und Einrichten geht. Doch wie so oft bei Unterhaltungssendungen: Auch diese Sendung polarisiert den Publikumsrat. Unterhaltend, professionell, nicht langatmig, dafür süffig, und sicherlich emotional sei die Sendung, urteilen einige der Mitglieder. Wobei die Emotionalisierung, auf der die ganze Zügelaktion aufbaut, gelegentlich des Guten zu viel sei. Insbesondere, so lautet die

Kritik, ziehen die mitunter prekären Ausgangsbedingungen der beglückten Familien einerseits den Blick vom eigentlichen Thema weg und haben anderseits etwas Voyeuristisches, wie Frank Worbs bemerkt. Trotzdem werde Spannung aufgebaut: Die Zuschauerinnen und Zuschauer können mitverfolgen, wie sich die Wohnsituation für die betreffenden Familien im Laufe der Sendung ändert, wie ihr neues Heim und ihre neue Einrichtung aussehen. Wenngleich, fügt Simon Zogg hinzu, mit der Zeit etwas Überdruss aufkomme: Wiederholtes Schauen der Sendereihe scheint Langeweile zu provozieren.

Mangelnder Informationswert ... Doch ohne – recht harsche – Kritik gehts nicht. Manfred Pfiffner beispielsweise fühlt sich bezüglich Infowert völlig im Stich gelassen und weiss einen einleuchtenden Vergleich anzubringen: Wenn er eine Kochsendung schaut, möchte er ja auch nicht nur zuschauen, wie jemand ein Menü zubereitet und dieses nachher genüsslich verspeist, nein, er möchte das Rezept gerne nachkochen. In «Tapetenwechsel» seien die Einrichtungstipps bei einem eigenen Umzug hingegen kaum hilfreich. Sein Fazit ist eindeutig: Er verzichtet lieber auf die Sendung und liest dafür die Zeitschrift Schöner Wohnen.

Auch neue Tapeten können bröckeln – der Publikumsrat gibt sich gespalten.

10

Bild: Oscar Alessio / SF

... überbordendes Wegwerfen ... Der mangelnde Informationsgehalt ist nicht der einzige Kritikpunkt: Rita Leuenberger hinterfragt die ethischen Standpunkte, die mit der Wegwerfgesellschaft vertreten sind. Damit steht sie im Rat nicht allein da: Ist es wirklich notwendig, offenAusgabe 9/2006

sichtlich vorbehaltslos (und nicht sehr vorbildlich!) noch brauchbare Gegenstände einfach wegzuschmeissen? Nein, notwendig sei dies nicht, gibt Yves Schifferle, Redaktionsleiter Events, offen zu und ergänzt, dass zukünftig nur noch Dinge weggeschmissen würden, von denen sich die Familien auch wirklich trennen möchten.

... und engagierte Gegenargumente Er hat es nicht ganz leicht, doch macht er seine Sache gut:Yves Schifferle argumentiert energisch und beherzt. «Tapetenwechsel» sei doch nicht uninformativ, widerspricht er, im Gegenteil, die Sendung würde viele Anreize bieten und Input liefern! Unterhaltung und Information würden sich aber per se beissen, und ausserdem sei «Tapetenwechsel» eine klassische DokuSoap und keine Do-it-yourself-Sendung. Walter Weibel setzt dem entgegen, dass das Schweizer Fernsehen aber ganz andere Erwartungen setzen würde und dies auch ganz anders kommuniziert habe. Die Emotionalisierung wiederum sei Geschmackssache, so Schifferle, dies könne man mögen oder eben nicht. Sichtlich erstaunt zeigte er sich ob des Vorwurfs, weshalb das Fernsehen Trends aufgreifen würde und ob es eine solche Sendung wegen vergleichbarer Alternativen auf deutschen Privatsendern überhaupt noch benötigen würde. Ideen seien doch international, und es sei doch eine Frage der Aufbearbeitung! Und schliesslich würde auch niemand die Schweizer «Tagesschau» für überflüssig halten, nur weil es weitere vergleichbare Infosendungen im deutschsprachigen Raum gebe. Ob er den Rat damit überzeugt hat, bleibt vorerst offen. Andrea Haase


Frank Rumpenhorst / AP/Keystone

längere Format besser eignen. Allgemein geschätzt hingegen werden die Gespräche mit den Autorinnen und Autoren. Dank Gespräch und Lesung würde ein guter Eindruck von der Person und ihrem Werk entstehen. Obwohl durchaus sehr elitär, seien die Sendungen insgesamt sehr gut, stellt Franz-Xaver Risi abschliessend fest.

Literatur auf DRS 1 und DRS 2

Schmackhaft gemacht Das Literaturangebot auf Schweizer Radio DRS sei umfangreich, vielfältig in der Thematik und abwechslungsreich im Zugang, lautet das Urteil des Publikumsrats. Einzelne Wünsche für Veränderungen werden aber angebracht. Das unterschiedliche Literaturangebot von DRS 1 und DRS 2 mit seinen verschiedenen Zielgruppen war Beobachtungs- und Diskussionspunkt des Publikumsrats, und – um es vorwegzunehmen – die Auswahl der besprochenen Bücher überzeugt, die Moderation wird geschätzt und – da ist der Rat sich einig – die Lust am Lesen gefördert.

«52 Beste Bücher»: mehr Kontroverse gewünscht Nichtsdestotrotz bleiben einige Wünsche und Anregungen offen, was durchaus als Kompliment von lesefreudigen Ratsmitgliedern verstanden werden darf. Das Literaturangebot auf DRS 1 und DRS 2 würde sich gut ergänzen und sei zielgruppengerecht, findet Rita Leuenberger. Ihr, die sich intensiv mit «52 Beste Bücher» auf DRS 2 auseinander gesetzt hat, fehlt dort aber mitunter das breite Spektrum. Auch hätte sie nichts dagegen, wenn Bücher kontro-

vers diskutiert würden. Mit diesem Anliegen steht sie nicht allein da: Zwar wird festgehalten, dass die Redaktorinnen und Redaktoren kompetent und belesen seien und sich den Autorinnen und Autoren behutsam annähern würden, aber eben: Manchmal sei der Respekt den Schreibenden gegenüber zu gross und würde gerade dadurch verhindern, den Text kritisch zu hinterfragen und kontrovers zu diskutieren. Es wäre spannend, wenn einmal gestritten würde, ergänzt Arthur Oehler. Hans-Ulrich Probst, Literaturredaktor bei DRS 2, bestätigt, dass «52 Beste Bücher» klar positiv selektioniert sei, da man bewusst die Leute zum Lesen animieren möchte; einen Verriss hingegen liesse sich in wenigen Minuten realisieren. Auch das von einigen Ratsmitgliedern vermehrt geäusserte Anliegen nach Kurztipps und Leseempfehlungen zu aktuellen Erscheinungen sieht er bevorzugt in der Zeitung verwirklicht. Fürs Radio würde sich das Ausgabe 9/2006

Die Bücher-«Siesta»: aktuell, sehr persönlich, doch gerne kritischer Ähnlich sehen die Anmerkungen zur «Siesta» auf DRS 1 aus. Die «Siesta»-Büchersendungen seien attraktiv und aktuell, würden ein breites Publikum ansprechen, doch auch hier: Mehr kritische Distanz zu einzelnen Texten oder auch Kommentare zur sprachlichen und literarischen Qualität wären wünschbar, ebenfalls kurze Hinweise auf Neuerscheinungen. Irritiert hat vor allem, dass Bücher in unregelmässigen Abständen auch an anderen Tagen als an der traditionell für Bücher reservierten Freitags-»Siesta» thematisiert würden. So kann es vorkommen, dass jemand ungewollt eine Buchbesprechung verpasst. Susanne Sturzenegger, Leiterin Freizeit, Reisen und Kultur, bedauert dies natürlich: Der Freitag, der zwar für die Bücher heilig sei, würde mitunter einfach nicht für alle Besprechungen ausreichen.

«Schnabelweid»: dem Dialekt auf der Spur Bei «Schnabelweid» auf DRS 1 ist es nicht die Literatur, sondern der Dialekt in all seinen Varianten, der im Zentrum steht. Hier werden Informationen über die Schweizer Dialekte, über die Bedeutung und Herkunft der Wörter, über Dialektliteratur und Brauchtum an interessierte Hörerinnen und Hörer vermittelt – und auch solche, denen das Thema gar nicht sonderlich am Herzen liegt, bleiben bei «Schnabelweid» hängen! Diese Vielfalt wird durchaus geschätzt. Obgleich, einen Einwand gibt es auch hier: Die Sendung sei zu sehr rückwärts gerichtet, findet Frank Worbs, ihm würde die Entwicklung des Dialekts bei der jungen Generation fehlen. Andrea Haase

11


OMBUDSSTELLE Über den Cisalpino hinaus

Bringschuld und Holschuld

Bild: René Ritler / Keystone

Akteure der Gesellschaft können den Medien nicht Informationen verweigern, nur weil sie vermuten, diese würden alles verdrehen. Die Akteure haben eine Bringschuld. Aber auch die Medien haben eine Holschuld, gerade bei happigen Fällen.

Der Fall war eigentlich einfach: Die Sendung «10vor10» des Schweizer Fernsehens hatte über einen Zwischenfall im Cisalpino berichtet: Ein Zug musste im Tessin in einem Kehrtunnel anhalten, weil sich in einem Wagen ein verdächtiger Rauch entwickelt hatte. In Biasca mussten die Passagiere in einen Eurocity umsteigen. Weil «10vor10» den Vorfall mit früheren Zwischenfällen verglich, fühlte sich die Cisalpino AG angegriffen und erhob bei der Ombudsstelle Beschwerde. Die Beschwerde musste aber abgewiesen werden: «10vor10» hatte korrekt berichtet. Darum geht es hier aber nicht. Aufhorchen liess ein Satz in der Beschwerde, der zu einigen Überlegungen Anlass gibt. In ihrem Beitrag hatte nämlich «10vor10» darauf hingewiesen, dass weder die Cisalpino AG noch die SBB vor der Kamera zum Vorfall Stellung nehmen wollten. Und auch die Bahnunfall-Untersuchungsstelle des Bundes hätte vom Vorfall nichts gewusst. Dies konterte die Beschwerdeführerin mit der Feststellung: «Mit etwas journalistischer

12

Sorgfalt hätte entdeckt werden müssen, dass wenn drei Stellen (SBB, Cisalpino und sogar das BAV) zum Vorfall nicht Stellung beziehen wollen, dies wohl kaum aus dem Grund geschah, dass etwas vertuscht werden wollte, sondern eher aus dem Grund, dass man es als zwecklos ansah, gegen vorgefasste Meinungen von Reportern anzugehen.»

Viel Willkür Die Grundhaltung, die hinter dieser Aussage steckt, hat sehr viel mit Willkür zu tun: Ich informiere über die Fusion zweier Firmen, aber nur, wenn mir die Journalisten passen! Ich teile den Beschluss des Bundesrats mit, aber nur, wenn mir die Journalistinnen gefallen! Was ist denn das für eine Informationspolitik? Behörden, Ämter, Firmen, öffentliche Betriebe, politische Parteien, Interessengruppen, kulturelle Institutionen und sportliche Organisationen haben eine Bringschuld: Sie sollen von sich aus informieren, wenn es sich um ein Thema handelt, das von öffentlicher Relevanz ist. Sie können es nicht davon abhängig machen, ob sie vermuten, die Medien würden für sie ungünstig berichten. Die Pressefreiheit besteht ja gerade darin, dass die Medien auch ungünstig über jemanden berichten können. Wenn die Medien immer nur günstig berichten, dann befinden wir uns definitiv in einem autoritären politischen System mit Zensur.

Schweizer Presserat verwiesen. Im Zusammenhang mit der tödlich verlaufenen Zürcher Herzoperation hat er unterstrichen, dass die Medien grosse Sorgfalt auf die Anhörung betroffener Personen verwenden müssen: «Journalistinnen und Journalisten dürfen nicht leichthin annehmen, ein vorerst unwilliger Gesprächspartner verzichte auf die Anhörung zu detaillierten schweren Vorwürfen. Je direkter die zur Publikation vorgesehenen Vorwürfe jemanden persönlich angreifen, desto nachdrücklicher muss der Journalist sich um eine Äusserung des Betroffenen bemühen. Dabei sind die Betroffenen ausdrücklich mit den konkreten, zentralen Vorwürfen zu konfrontieren. Bei Verweigerung einer Stellungnahme empfiehlt es sich, die Vorwürfe ergänzend schriftlich (z. B. per E-Mail und/ oder Telefax) zu unterbreiten.» Daraus können beide Seiten etwas lernen, die gesellschaftlichen Akteure und die Medienschaffenden: Die Ersten, dass es sich nicht lohnt zu mauern, die Auskunft zu verweigern, weil das immer auf die Urheber zurückfällt und dem Image schadet. Die Zweiten, weil die Devise nicht lauten kann: «Gott sei Dank haben wir niemanden erreicht, jetzt können wir aus vollen Rohren schiessen.» Sondern heissen muss: Je gravierender der Fall, umso hartnäckiger müssen sich die Medien aktiv um eine Stellungnahme der Angeschuldigten bemühen. Roger Blum stv. Ombudsmann

Auch Medienschaffende nicht frei

«10vor10», 5. September 2006, 21.50 h SF 1

Allerdings haben die Medien auch eine Holschuld. Darauf hat gerade jüngst der

Ombudsstelle DRS, Kramgasse 16, 3011 Bern

Ausgabe 9/2006


CARTE BLANCHE

Gelebte Alltagsrealitäten

«

Warum die SRG SSR idée suisse mit ihren Programmen einen

länder aufgegriffen wird – integriert in allgemeinen Program-

Beitrag zur Integration der ausländischen Bevölkerung leisten

men für alle Zuschauergruppen. Ein ausgezeichnetes Beispiel

soll, kann einerseits ganz profan begründet werden: Die 1,6 Milli-

dafür: Am 14. Februar 2006 strahlte «Schweiz Aktuell» einen Bei-

onen in der Schweiz lebenden Ausländerinnen und Ausländer

trag aus über den früheren Fernseh-Starkoch Stevo Karapandza

zahlen auch Fernseh- und Radiogebühren. Die ideelle Ergän-

aus dem ehemaligen Jugoslawien. Der Mann flüchtete vor dem

zung dazu lautet anderseits, dass zur allgemeinen sozialen und

Krieg aus Kroatien, besitzt heute in Ennetbaden ein kleines Res-

kulturellen Integration auch die Integration in die Medienkultur

taurant und kocht dort nun im kleinen Rahmen, aber nicht weni-

der Schweiz gehören müsste.

ger erfolgreich (zu sehen unter: www2.sfdrs.ch/sf1/schweizaktuell/index.php?docid=20060213). Diese Geschichte ist Schweiz

Folgende Fragen stellen sich: Was können aber die Programme

aktuell. Sie baut auf eine unaufdringliche Art Vorurteile bei den

der SRG SSR zum Thema Integration beitragen? Und: Wie kön-

Einheimischen ab und sorgt zugleich für ein gesünderes Selbst-

nen sie dies tun?

wertgefühl der Zuwandererinnen und Zuwanderer. Zudem deckt sie das Informations- und Unterhaltungsbedürfnis, sprich sie

Muttersprachliche Nischenprogramme für Ausländerinnen und

erfüllt den Service-public-Auftrag.

Ausländer in der Schweiz wären sicher fehl am Platz. Solche Inhalte würden – wenn sie überhaupt beachtet werden – nur noch

Solche und ähnlich gemachte Beiträge sind das Einzige, was

zu mehr Isolation und Ausgrenzung (bei den Ausländerinnen

man den stereotypen Bildern über Ausländerinnen und Auslän-

und Ausländern) sowie Unverständnis (bei den Schweizerinnen

der in den Nachrichten- und Unterhaltungssendungen entgegen-

und Schweizern) führen. Überdies sind die mangelnden

setzen kann. Damit kann die bereits bestehende Kluft zwischen

Deutschkenntnisse eine der grössten Integrationshürden

der gelebten Realität und medialer Wahrnehmung

überhaupt.

verringert werden. Das heisst nicht, dass die mit der Einwanderung in die Schweiz verbun-

Gefragt sind deshalb eher Sendungen, in denen

denen Probleme verschwiegen werden

die Alltagsrealität der Ausländerinnen und Aus-

sollten. Sie sind aber nur ein Teil des

»

Puzzles, das es braucht, um das komplette Bild zu sehen.

Bild: zVg,

Darko Cetojevic, Vertreter der ausländischen Bevölkerung im Publikumsrat, derzeit im Vaterschaftsurlaub.

13


Link906