Paracontact Herbst 2019_d

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Das Magazin der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung I Herbst 2019

Junioren­WM Schweizer Nachwuchs in Hochform


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EDITORIAL

Geschätzte Leserinnen und Leser Es dauert nur noch ein Jahr, bis unsere Spitzensportler in Japan erneut im ­Schaufenster der Paralympics stehen. Die Arbeiten dafür haben schon längst begonnen mit täglichen Trainings, zusätzlichen Wettkämpfen und bei den administrativen Vorbereitungen. Damit am Schluss eine Goldmedaille gefeiert werden kann, braucht es nicht nur viel Arbeit, sondern auch viele Emotionen.

«Der lange Schatten von Tokyo 2020» Nehmen wir das Beispiel von Marcel Hug, der 2016 in Rio seine langersehnten paralympischen Goldmedaillen feiern durfte. Dies nach jahrelangen Entbeh­ rungen, viel Fleiss, zahlreichen schö­nen Erfolgen, aber auch ein paar schmerz­ haften Enttäuschungen. Natürlich hat Marcel dabei den deutlich grössten An­­teil geleistet, wurde auf seinem Weg aber auch von vielen Menschen unterstützt. Ohne sein erstes Schnuppertraining, ohne all seine Rennrollstühle, ohne Sportarzt oder Leistungstests, ohne ­Reiseorganisation und ohne finanzielle Unterstützung wäre dieser Weg nicht möglich gewesen. Paracontact I Herbst 2019

Ich will seine immense Arbeit nicht schmälern, sondern uns alle im Umfeld der SPV an unseren Auftrag erinnern, wie er auf der Website der SPS steht: «Wir begleiten Querschnittgelähmte. Ein Leben lang –  um Betroffenen ein selbstbestimmtes und autonomes Leben zu ermöglichen.» Dies gilt nicht nur für alle unsere Athleten, sondern auch für alle anderen Rollstuhlfahrer, die irgend­ eine unserer Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Tokyo 2020 wird dem Thema Querschnitt­ lähmung wieder viel wichtige Öffent­lich­ keitswahrnehmung bringen. Solche emotionalen und verdienten Leistungen sollen als Leuchtturm wahrgenommen werden für uns alle, die wir im diesem fantastischen Netzwerk der Schweizer Paraplegiker-Gruppe jeden Tag unser Bestes geben für eine breitere Integration und optimale Bedingungen auch im Alltag aller Rollstuhlfahrer. Herzlichst

Roger Getzmann

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IMPRESSUM

INHALT

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Herausgeberin Schweizer Paraplegiker-Vereinigung Kantonsstrasse 40, 6207 Nottwil Telefon 041 939 54 00 E-Mail spv@spv.ch www.spv.ch Chefredaktor MLaw Charly Freitag Redaktion Urs Styger, Felix Schärer, Roger Getzmann, Evelyn Schmid, Gabi Bucher Koordination, Grafik, Inserate Tina Achermann Fotos SPV, fotolia.com, Team Urs Sigg Fotografie, IRB Biel, Fahny Baudin, Universitätsklinik Balgrist, Andreas Pröve, Ruth Freimüller, Judith Bachmann, Mike Pavel, Alice Barmet, Claude Alain Hofer, realfly.ch, Michael Fund/Daniel Streit/ Swiss Paralympic, Thomas Lackner, SPS Druck Brunner Medien AG, www.bag.ch Redaktionsschluss Ausgabe Winter 2019: abgeschlossen Ausgabe Frühling 2020: 22.11.2019 Auflage 8 600 Exemplare deutsch 4 450 Exemplare französisch In dieser Publikation wird zur Vereinfachung die männliche Form stellvertretend für die weibliche und männliche Formulierung verwendet. Die in der Zeitschrift veröffentlichten Beiträge sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck nur mit Genehmigung der Redaktion. Namentlich gekennzeichnete Fremdbeiträge geben nicht in jedem Fall die Meinung der Redaktion wieder. Ein Abdruck von unverlangt eingesendeten Manuskripten ist nicht gewährleistet.

Paracontact I Herbst 2019

WIR BEWEGEN AKTUELL BESUCHERZENTRUM In eine fremde Haut schlüpfen NACHGEFRAGT Win­Win­Situation IM ANDENKEN Erwin Zemp

LEBENSBERATUNG BERUFLICHE INTEGRATION Eine ganz «normale» Lehre PILOTPROJEKT «Reha­WG» IM BALGRIST SPV­Höck

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RECHTSBERATUNG INVALIDENVERSICHERUNG Beteiligung der IV an Umbaukosten MICHAEL WEISSBERG Verabschiedung

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MEDIZIN UND WISSENSCHAFT REHABILITATIONSROBOTIK Roboter in der Rehabilitation

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HINDERNISFREIES BAUEN SCHWEIZER REHAKLINIKEN Zusammenarbeit mit Ergotherapie

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KULTUR UND FREIZEIT UNTERWEGS Eine grosse Familie auf hoher See IN KÜRZE PARAREISEN Auf gehts! BUCHEN, REISEN, TRÄUMEN Kreuzfahrten/Rundreise Thailand SOMMERPLAUSCH Ferienbegleitung DER PERFEKTE TAG Hoch hinaus

ROLLSTUHLSPORT BREITENSPORT Heute schon bewegt? IN KÜRZE WORLD PARA ATHLETICS JUNIOR CHAMPIONSHIPS Fest der Jugend JEUX INTERCENTRES Ein 11. September voller Aktivitäten AUSBILDUNG Learning by skiing

FOKUS VERMISCHTES IM GESPRÄCH Charly Freitag UNSERE HELFER Philipp Zeugin JUBILÄUM 25 Jahre Orthotec FÜR SIE DA Jill Hofstetter

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AKTUELL

NEUE MITARBEITERIN

FÜR SIE DA

Mitglieder-Umfrage

Barbara Zihlmann

Sportartenmanagerin Seit dem 1. Mai 2019 arbeitet Barbara Zihlmann bei der SPV als Sportartenmanagerin. Sie ist zuständig für die Sportarten Rollstuhlbasketball, Rollstuhltennis und Rollstuhltischtennis. Zurzeit pendelt sie noch zwischen Basel und Nottwil hin und her, da sie ­mitten im Schlussspurt für ihre Masterarbeit am Depar­ tement für Sport, Bewegung und Gesundheit in Basel ist. Schwimmen im Sempachersee Über Mittag überzeugt Barbara jeweils bei ihrem Wettschwimmen gegen Marco Bruni im Sempachersee. Ihre Freizeit verbringt sie in den Bündner Bergen beim Mountainbiken oder in den Turnhallen von Luzern am Volleyball spielen.

DER EVENT

Parlamotion Nach dem Lauf durch Bern bot Rollstuhlsport Schweiz den Parlamentariern die Möglichkeit, im Rollstuhl einen kurzen Parcours zu absolvieren, um sie für Hindernisse im Alltag zu sensibilisieren. Beim Basketball stellten die Parlamentarier ihre Treffsicherheit unter Beweis. 6

Das Herz der SPV sind die Menschen. Wir wollen genau die Dienstleistungen anbie­ten und uns in den Bereichen engagieren, welche die Querschnittgelähmten in der Schweiz benötigen. Daher brauchen wir Ihre ehrliche Meinung. Ihre Anregungen, Ideen, Visionen und auch Ihre Kritik helfen uns, un­sere An­ gebote, die Kommunikationsmittel, den Aus­ tausch in unseren Clubs wie auch im Verband und unseren Service zu optimie­ren und den Bedürfnissen noch besser anzupassen. Online-Umfrage Wir führen die Umfrage regelmässig durch und beobachten, wo wir uns weiterentwi­ ckeln und verbessern konnten. Sie finden die Fragen online unter www.spv.ch/de/um­ frage. Sofern Sie uns Ihre E-Mail-Adresse mitgeteilt haben, werden wir Ihnen den di­ rekten Link zusenden. Gerne informieren wir Sie im Paracontact über die Resultate und eventuelle Verbesserungsmassnahmen. Das Ausfüllen unserer Umfrage benötigt etwa sieben bis zehn Minuten Zeit. Wir set­

zen ein Onlinetool ein, um die Auswertung zu vereinfachen, Ressourcen zu sparen und dem Wunsch nach unkompliziertem Erfas­ sen der Antworten entgegenzukommen. Als Dank für Ihre Teilnahme verlosen wir attraktive Preise. Füllen Sie nach Abschluss der Umfrage noch den Adresstalon aus. Die beiden Bereiche sind klar getrennt, damit Sie die Umfrage auf Wunsch anonym aus­ füllen können. Wir werden die Gewinner im November schriftlich benachrichtigen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Einsendeschluss ist der 20. Oktober 2019. Preise 1. Preis: CHF 300.– Einkaufsgutschein 2. Preis: CHF 200.– Einkaufsgutschein 3. Preis: CHF 100.– Einkaufsgutschein

Herzlichen Dank für Ihren Beitrag zur Wei­ terentwicklung der SPV und viel Glück bei der Verlosung!

ZENTRALVORSTAND

PARA KNOW-HOW

Veränderungen

Einmalkatheterismus

Aus gesundheitlichen Gründen demissioniert SPV-Präsident Philippe Moerch auf die DV 2020 und Thomas Schneider tritt aufgrund der Amtszeitbeschränkung zurück. Seit  dem 9. Juli 2019 wird der Präsident von einer Vize­ prä­sidentin und einem Vizepräsidenten unter­ stützt.

Das kostenlose Seminar des SPZ am 1. Dezember 2019 (von 13 bis 17 Uhr) vermittelt und diskutiert aktuelle Informa­ tionen zum Einmalkatheterismus aus pflegerischer Sicht. Zudem präsentieren Hersteller die neusten Produkte und Hilfsmittel.

Der im April gewählte Zentralvorstand hat an der konstituierenden Sitzung im Juli entschieden, das Vizepräsidium künftig mit zwei Personen zu besetzen. Er wählte neben Thomas Schneider, der das Amt schon länger innehat, neu Olga Manfredi. Beide verfügen über Vorstandserfah­ rung, sind mehrsprachig und gut vernetzt.

Informationen/Anmeldung Therese Kämpfer Tel. 041 939 53 62 (Di/Do) therese.kaempfer@paraplegie.ch, www.paraplegie.ch (Para Know-how) Paracontact I Herbst 2019


TREND WCMX

Neue ActionSportart WCMX, vereinfacht als Rollstuhl-Skaten bezeichnet, stammt aus den USA. In Europa machte der deutsche David Lebuser das WCMX 2012 so richtig bekannt. Die Schweiz hat mit der Walliserin Lorraine Truong eine talentierte Athletin, der dieses Jahr als erster Frau ein Backflip auf einer Rampe im Skills Park Winterthur gelang. Die beiden Sportler stellten ihre Sportart an der Junioren-WM im August in Nottwil mit Shows und Work­ ­shops vor. Im Oktober werden anlässlich des «move on» weitere Workshops für Interes­ sier­te angeboten. Und Ende August vertrat Lorraine Truong die Schweiz zum ersten Mal an den Weltmeisterschaften.

INSTITUT FÜR RECHTSBERATUNG

Michael Bütikofer wird Bereichsleiter Michael Bütikofer, der seit 2011 beim In­ ner Familie in Bern. In seiner Freizeit fährt stitut für Rechtsberatung (IRB) tätig ist, er gerne Ski, Rennvelo oder Mountainbike tritt im Oktober 2019 die Nachfolge von und liebt das Reisen in ferne Länder. Michael Weissberg an, der in Pension geht. Die Nachfolge wurde bereits 2017 vom Zen­ Michael Bütikofer hat sein Rechtsstudium an tralvorstand beschlossen und kommuniziert, der Universität Bern und der Université de so dass die Amtsübergabe reibungslos von­ Poitiers (Frankreich) absolviert und arbeitet stat­ten ging. Das IRB berät in Biel mit ak­ zweisprachig. Er war in den letzten acht Jah­ tuell sechs Rechtsanwälten die SPV-Mitglie­ren als Rechtsanwalt und Notar beim IRB der in allen sozialversicherungsrechtlichen tätig und kennt die komplexen Rechtsfra­ Fragen in Zusammenhang mit einer Quer­ gen der Querschnittgelähmten bestens. Da­ schnitt­lähmung. Alle Anwälte führen Pro­ neben arbeitet er weiterhin im Advokatur- zesse und verfassen Rechtsschriften sowohl und No­tariatsbüro Weissberg. Michael hat in Deutsch als auch in Französisch. zwei Söhne (5 und 3 Jahre) und lebt mit sei­

ESCIF WCMX fährt man auf Infra­ struk­turen, die für BMX und Skateboard gebaut wurden. Die immer mehr an Attrak­ti­­vität gewinnenden Indoor An­lagen wie z. B. der Skills Park in Winterthur sind oft für Rollstuhlfahrer eingerichtet. Der WCMX Rollstuhl ist ein für den Sport speziell entwickelter Sportstuhl. Mehr dazu www.david-lebuser.de www.lorrainetruong.ch Paracontact I Herbst 2019

Kongress in Nottwil Jährlich organisiert die Europäische Para­ plegiker-Vereinigung (ESCIF) einen Kongress zu einem aktuellen Thema rund um Para- und Tetraplegie.

Ziel des Kongresses ist die Evaluation, ob und wie gut die Ratifizierung der Konven­ tion in den verschiedenen Ländern und Or­ ganisationen vollzogen worden ist. Als Se­ kretär der ESCIF ist Urs Styger massgeblich Die Thematik des nächsten ESCIF-Kongres­ in die Vorbereitung des Anlasses einbezogen. ses, der in Nottwil vom 6. bis 8. Mai 2020 stattfinden wird, ist die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behin­ Informationen derungen. www.escif.org 7


WIR BEWEGEN

BESUCHERZENTRUM

In eine fremde Haut schlüpfen Vier Querschnittgelähmte nehmen uns mit in ihren Alltag, zeigen uns, was sie bedrückt und was sie glücklich macht. Willkommen in der WG, willkommen im ParaForum. Von Evelyn Schmid

Matteo (17), Sarah (32), Stefan (41) und Chris­tine (68) berichten von ihrem Alltag als Para- oder Tetraplegiker, von Hobbies, Beruf, von ihren Wünschen an Partner und Familie und von dem, was sie tagtäglich beschäftigt. Es sind fiktive Geschichten, die im ParaForum von selbst Betroffenen erzählt werden. Der Besucher taucht in frem­de Leben ein, ist zu Gast in der WG der vier Protagonisten, deren Leben in rea­ litätsnaher Form erzählt wird. Er setzt sich an den Küchentisch, schaut in den Kleider­ schrank oder die Tischschublade. Via Ta­ blets, Screens, Games und Audioguides können Informationen abgeholt werden. Und zwar so viel, wie der Besucher mag. Der eine lässt sich eine Stunde lang treiben, der andere nimmt sich viel Zeit, schaut, was die WG-Bewohner auf ihren Laptops ge­ 8

speichert haben, wirft einen Blick in den Toilettenschrank oder den für die Ferien ge­packten Koffer. Die Ausstellung macht auch vor den heik­ len The­­men nicht halt. Sexualität, Kinder­ wunsch, Identitätskrisen, berufliche Rück­ schläge, schwieriges Blasen- und Darmma­­nage­ment oder die Grenzen der Medizin werden ebenso beleuchtet wie die Emotio­ nen, die sie bei den Betroffenen auslösen. So beispielsweise bei Christine, die mit 68 Jahren aufgrund einer Gefässmissbildung in der Halswirbelsäule zur Tetraplegikerin wird und von einem Moment auf den an­ deren rund um die Uhr auf fremde Hilfe angewiesen ist. Oder der 17-jährige Matteo, der gerade frisch verliebt und von zu Hau se ausgezogen ist, als er beim Biken verun­

fallt. Beide gehen mit der Diagnose, der Verzweiflung und dem Leben anders um. Genau diese Mischung aus persönlichen Schicksalen und Informationsvermittlung ist eine der Stärken des ParaForums. Weshalb braucht es ein solches Besucherzentrum? Die Schweizer Paraplegiker-Gruppe ist seit jeher ein Ort der Begegnung. Das ist eine wichtige Voraussetzung für die angestrebte Integration. Heute nehmen jährlich 11 000 Personen an Führungen in Nottwil teil. Darunter 3000 Jugendliche. Gerade diese werden mit der multimedialen und inter­ aktiven Ausstellung gezielter angesprochen. Auch wir von der SPV werden das Para­ Forum z. B. für unsere Sensibilisierungs­ kurse und die Schulung von Lehrpersonen nutzen können.

INFORMATIONEN Kommen auch Sie vorbei, der Eintritt ins ParaForum ist kostenlos. Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag: 10.00  –18.30 Uhr Samstag, Sonn- und Feiertage: 10.00  –1   7.00 Uhr www.paraplegie.ch/paraforum Infos zur Eröffnung des Besucherzentrums vom 5. bis 8.9.2019 auf www.dynamosempachersee.ch

Paracontact I Herbst 2019


WIR BEWEGEN

NACHGEFRAGT

Win-Win-Situation Ab nächstem Jahr werden Mitgliedermutationen wieder zentral von Mitarbeitenden der SPV in Nottwil durchgeführt, dies unter anderem zur Entlastung der Rollstuhlclubs und zur Optimierung der Datenqualität. Von Gabi Bucher

ten ehrenamtlich und somit nur sporadisch mit dem System, welches durch die vielen Vorgaben für die Datenqualität nicht ganz einfach ist. Man muss vieles beachten und nicht jeder hat Zeit, jedes Mal genau nach Anleitung zu arbeiten. So passieren Fehler und es fehlt am Ende an Professionalität. Und wie sieht die Lösung aus? Wir übernehmen die Mutationen, Neuauf­ nahmen und Austritte und entlasten da mit die Clubs. So können diese sich ihren Kernaufgaben widmen. Man kann uns die Änderungen mit allen nötigen Angaben wie früher per E-Mail melden und wir füh­ ren diese speditiv und zeitnah aus. Zusätz­ lich können wir auf Wunsch des jeweiligen Clubs auch die Fakturierungen überneh­ men, selbstverständlich mit Club-Logo und auf das Clubkonto. Wir sind Koordina­ tions- und Administrationsstelle und bie­ ten den Clubs Supportleistungen. So entsteht aber Mehraufwand für die SPV? Nein, durch das Wegfallen der Kontroll­auf­ gaben wird die Mehrarbeit kompensiert. Zudem haben wir die nötige Infrastruktur wie Einpackstrasse und Kuvertierer für die Versandaufträge der Clubs, welche wir op­ timal einsetzen.

Gute Versände dank kontrollierter Daten

Korrekte und stets aktuelle Mitgliederdaten sind nicht nur für die SPV, sondern auch für die Arbeit der Rollstuhlclubs eine wich­ tige Grundlage. Die Pflege dieser Daten ist aufwändig. Fatis Cantürk, Verantwortliche für das Projekt, gibt Auskunft, wie die Zu­ kunft der Datenerfassung ausschauen wird. Wer ist aktuell für die Datenpflege verantwortlich? Im Jahr 2010 gaben wir unseren Rollstuhl­ clubs mit dem Ria-Portal die Möglichkeit, selber Mutationen, Neuaufnahmen und Aus­­tritte der Mitglieder vorzunehmen. Nun ist unser Mitglieder-Verwaltungssystem in die Jahre gekommen und muss überarbei­ Paracontact I Herbst 2019

tet werden. Dabei wollen wir berücksich­ tigen, wie heute gearbeitet wird in Hinblick auf die Digitalisierung. Und so ist auch die Frage nach einer Zentralisierung der Da­ tenerfassung wieder aufgekommen. Hat sich das mit den Mutationen über die Rollstuhlclubs nicht bewährt? Die letzten Jahre haben gezeigt, dass diese Lösung für unsere Clubs keine Erleichte­ rung darstellt. Und wir als SPV mussten re­ lativ viele Kontrollaufgaben für die Sicher­ stellung der Datenqualität übernehmen, dies vor allem in Sachen Dubletten (dop­ pelte Erfassungen von Adressen). Die meis­ ten Verantwortlichen in den Clubs arbei­

Wie wird das System für die Clubs aussehen? Wir haben im Frühjahr zwei Veranstaltun­ gen für die Clubs durchgeführt, um sie über dieses Projekt zu informieren und ihre Wünsche und Ideen diesbezüglich ab­ zuholen. Die Clubs werden weiterhin einen Web-Zugang zu ihren Mitgliederdaten ha ben. Damit haben sie vollen Einblick, kön­ nen Selektionen ausführen, Serienbriefe und E-Mails erstellen sowie allenfalls eige­ ­ne «Merkmale» für ihre Mitglieder setzen. Wie sieht der Zeitplan aus? Wir haben zwei Projekte, die gleichzeitig verwirklicht werden sollen: Einerseits die Optimierungen unseres Systems, anderer­ seits das System für die Clubs. Das Ganze soll Anfang nächsten Jahres bereit sein. Bei der Umstellung werden die Verantwortli­ chen der Clubs informiert und begleitet.

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WIR BEWEGEN

IM ANDENKEN

Erwin Zemp

Er wirkte nicht nur bei der SPV, in den Reha-Kliniken, sondern auch und vor allem direkt bei den Querschnittgelähmten. Unermüdlich, herzlich und kompetent war er immer da für alle Para- und Tetraplegiker. Wir alle werden ihn vermissen.

Von Harald Suter, Manuela Schär, Urs Styger, Gabi Bucher

Erwin Zemp hat sich über 20 Jahre uner­ müdlich und mit viel Menschlichkeit bei der SPV für die Anliegen der Para- und Te­­traplegiker eingesetzt, zuerst als Aussen­ dienstmitarbeiter und später als Bereichs­ leiter der Lebensberatung. Erwin hat die SPV massgeblich geprägt und weiterent­ wi­ckelt. Ganz unerwartet verstarb er am 29. Mai 2019. Das Vorbild Selbst durch einen Motorradunfall quer­ schnittgelähmt, hat Erwin Menschen in schwierigen Lebenssituationen begleitet, beraten und betreut. Er hatte für alle ein offenes Ohr und stand ihnen mit Rat und

Tat zur Seite. Ich selber durfte Erwin vor 21 Jahren in meiner Erstrehabilitation im SPZ kennenlernen. Zu dieser Zeit arbeite­te er noch nicht bei der SPV. Trotzdem war er damals schon ein Vorbild, ein Freund, ja fast schon ein Mentor für die Betroffe­ nen. Ich bin überaus dankbar für das, was er mir in dieser Zeit mitgegeben hat. Seit rund neun Jahren durfte ich mit Erwin in der Lebensberatung der SPV zusammenar­ beiten und den Aufbau der Abteilung mit­ er­le­ben. Mit seiner inneren Ruhe, seiner warmherzigen und lebensfrohen Art – ich erlebte ihn nie aufgeregt oder wütend – führte und unterstützte er die Mitarbeiten­ den. Sein oberstes Ziel war immer, die Le­

bensqua­li­tät der Betroffenen zu verbessern und de­ren Integration zu fördern. Auch in sei­ner Tätigkeit als ESCIF-Delegierter, als Stif­tungs­rat der Schweizer ParaplegikerStiftung und der Daniela Jutzeler Stiftung sowie anderen Fach-Gremien verlor er die­ ses Ziel nie aus den Augen. Danke Erwin im Na­men aller Querschnittgelähmten. Harald Suter, Sozialarbeiter Lebensberatung Der Förderer Ich lernte Erwin kurz nach meinem Unfall 1993 kennen. Er engagierte sich damals sehr für die Rollstuhl-Leichtathletik. Er war in der TK und leitete die Rennrollstuhl­ trainings des Rollstuhlclubs Kriens. Das er­ste Treffen, welches mir noch sehr prä­ sent ist, fand in der Tiefgarage des SPZ statt. Das war auch das erste Mal, dass ich in einem Rennrollstuhl gesessen bin. Ich war erst zirka 10 Jahre alt und eher ein «gringes» Persönchen. Das Modell, in wel­ ches mich Erwin setzte, war viel zu gross und er holte Polster um Polster aus dem Kofferraum seines blauen Saab, welcher ei ner mobilen Werkstatt glich. Irgendwann musste auch er einsehen, dass man da mit jedem Polster der Welt nicht zu einem zu­ friedenstellenden Ergebnis kommen würde. So baute er mir später kurzerhand aus Ein­ zelteilen einen ferrariroten Mini-Renn­ rollstuhl mit gelben Vollgummi-Pneus.

Oft fuhr er mit Hugo Müller auf den Trai­ ningsfahrten bei mir in Altishofen vorbei und sie nahmen mich mit auf eine kleine Runde. Erwin war es dabei immer sehr wich­tig, dass ich mich auf meine Technik konzentrierte. Das Tempo war ihm egal, er 10

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wollte aber, dass ich von Anfang an eine schöne und gute Technik lerne. «Läng dri­ schlah», hat er immer gesagt. Schon früh durfte ich mit ins Trainingsla­ ger nach Bellinzona. Da ich noch so jung war, passte seine Frau Helen auf mich auf. Statt der zweiten Trainingseinheit mit den anderen gab es dann oft für Helen und mich ein lockeres «Spazierfährtchen» zum nahegelegenen Camping um Glace zu es sen. Wir bastelten viel und tauschten uns beim gemeinsamen Mittag- und Nachtes­ sen aus. Erwin erzählte gerne über Erlebtes aus frü­heren Zeiten. In diesen Lagern ha­be ich un­glaublich viel gelernt. Es hält sich ein Gerücht, dass Erwin an einem Abend heimlich bei allen Rennrollstühlen den Bahnregulator verstellt hatte, damit wir am nächsten Tag den Radius der Bahn wieder neu einstellen mussten. Es wurde nie be­ wiesen, aber Erwins Grinsen auf den Stock­ zähnen verriet einiges. Danach hatte ich nie Probleme, meinen Rennrollstuhl selbst­ ­stän­dig einzustellen.

2004 wurde ich das erste Mal für die Para­ lympischen Spiele selektioniert. Erwin und meine Eltern reisten nach Athen, um mich zu unterstützen. Ich schaffte es in den 200 m-Final und war unglaublich nervös. Im Bus auf dem Weg zum Aufwärmstadion stellte ich voller Schrecken fest, dass ich meine Handschuhe vergessen hatte. Mir wurde übel, da ich wusste, wie zeitaufwän­ dig die Hin- und Rückfahrt vom Village ins Stadion war. Im Aufwärmstadion an­ ge­kom­men, beichtete ich Erwin panisch mein Missgeschick und erwartete mindes­ tens die gleiche Reaktion von ihm. Doch weit gefehlt. Erwin blieb total ruhig. Er Paracontact I Herbst 2019

schaute auf die Uhr, sagte: «Jaja, das länget scho no», und schickte mich wieder auf den Bus. Erwin konnte so schnell nichts aus der Ru­he bringen und ich schaffte es tatsächlich pünktlich an die Startlinie. Ich bin sehr dankbar für die wertvolle Be­ treuung in meinen ersten Jahren. Erwin war geduldig und hat mich nie unter Druck gesetzt. Er unterstützte die Entscheidung, dass meine Ausbildung erste Priorität ha ben sollte und verstand, dass in meiner Tee­ nagerzeit auch Platz für andere Interessen sein musste. Manuela Schär, Rollstuhlsportlerin, Mitarbeiterin Kultur und Freizeit Der Freund Erwin und ich hatten geplant, Ende Jahr gemeinsam in Pension zu gehen und woll­ ten ein kleines Fest organisieren. Nun kam es leider ganz anders, es sollte nicht sein.

Wir haben die letzten rund 20 Jahre eng zusammengearbeitet und er ist für mich ein guter Freund geworden. Es gibt unzäh­ lige Erinnerungen an diese Zeit. Viele gute Mo­mente verbrachten wir jeweils an den ESCIF-Meetings, an denen er als Delegier­ ter teilnahm. Gemeinsam fuhren wir ein­ mal zum Kongress nach Italien, in die Tos­ kana. Der Tagungsort lag etwas ausserhalb. Das Navi führte uns über eine Strasse mit Fahrverbot. Wir beschlossen, das Verbot zu ignorieren und fuhren los. Dann erschien vorne ein Polizeiauto. Was tun? Wenden ging nicht, also fuhren wir weiter. Auf der Höhe des Autos kurbelte Erwin die Fens­ terscheibe runter und präsentierte den bei­ den Polizistinnen seine Parkkarte für geh­ behinderte Menschen. Als diese dann noch den Rollstuhl auf dem Rücksitz sahen, es­ kortierten sie uns kurzerhand zum Ort des Kongresses. Erwin wird mir immer in Erinnerung blei­ ben, wie er mit seinem MiAmigo und ei nem Strahlen auf dem Gesicht in der SPV herumkurvte. Und wenn vom Parkplatz vor unseren Bürofenstern jeweils laute Ländler-­ Musik erklang, wussten wir, Erwin ist da! Erwin, du fehlst, ich denke an unsere ge­ meinsame Zeit und danke dir für alles! Urs Styger, Bereichsleiter Kultur und Freizeit

Der Teamplayer Erwin war irgendwie immer da für mich, im wahrsten und im übertragenen Sinn des Wortes. Gemeinsam haben wir die Einfüh­ rungskurse für Lehrpersonen ins Thema Be­hinderung, «Paradidact», betreut. Da­ nach folgten die Sensibilisierungskurse. Er war beim Auf- und Ausbau dieser Kurse an vorderster Front dabei, half mir beim Vor­ bereiten des Materials und bei der Suche nach Referenten. Wenn mal keiner zur Ver­ fügung stand und ich beinahe verzweifel­te, war Erwin da und übernahm. Ich konn­te mich immer auf ihn verlassen. Und wie oft haben wir gemeinsam im Archiv unser Ma­ terial geprüft, die Rollstühle gepumpt, sie kontrolliert und er hat geflickt, was er vor Ort selber flicken konnte! Wir haben gut zusammengearbeitet, sehr gut sogar.

Durch meine pensionierungsbedingte Re­ duktion des Arbeitspensums traf ich ihn dann nicht mehr so oft. Vor meinen Ferien kam er zur Türe des Pausenraums reinge­ rollt, fuhr sich mit seiner ganz speziellen Art durch die Wuschelhaare, erzählte ir­ gendet­was, lachte. Dann verschwand er wieder in seinem Bü­ro und ich wusste nicht, dass ich ihn zum letzten Mal ge­ sehen hatte. Ich realisiere es auch jetzt noch nicht und erwarte immer wieder, dass er um die Ecke kommt, wenn sich die Türe zu unseren Büros öffnet. Denn eben, Erwin war irgendwie im­mer da für mich. Ich werde noch eine Weile brauchen, bis ich begreifen kann und will, dass er das nicht mehr ist. Gabi Bucher, Mitarbeiterin Kultur und Freizeit Lieber Erwin, das ganze SPV-Team dankt dir für alles, was wir mit dir erleben durf­ ten und für alles, was wir von dir lernen durften. Deine Warmherzigkeit, dein La­ chen und deine inneren Werte werden uns stets begleiten. Dein SPV-Team 11


LEBENSBERATUNG

BERUFLICHE INTEGRATION

Eine ganz «normale» Lehre Silvano Buob hat mit der Unterstützung seines Coaches der ParaWork, Peter Senn, erfolgreich auf dem ersten Arbeitsmarkt eine handwerkliche Lehre abgeschlossen.

Von Gabi Bucher

Silvano Buob ist ein aufgestellter junger Mann, 21-jährig. Mit zwei Jahren kam er durch einen tragischen Unfall in den Roll­ stuhl. Der Rollstuhl gehört zu seinem Le ben und sei «nüt anders», erklärt er. «So, wie die Schuhe zu unserem Leben gehö­ ren», fügt Peter Senn, Job Coach der Para­ Work, lachend an. Aufgewachsen und zu­ hause ist Silvano in Ruswil im Kanton Luzern, «im Holz», präzisiert er, mit zwei Geschwistern, zwei Katzen und zwei Alpa­ kas. Er mag alles, was mit Maschinen und Motoren zu tun hat, wie das bei jungen Männern oft der Fall ist. Und so richtig Spass hat er jeweils mit seinen Freunden in den Ferien auf Mallorca. Seine Welt ist die Welt der Fussgänger. Wie weiter? Das war auch so bei seiner Einschulung. Nicht ins bereits umgebaute Schulhaus in Ruswil wollte er, nein, zusammen mit sei­ 12

nen Geschwistern und Freunden ins Aus­ senschulhaus Ziswil. Also wurde dort ein Treppenlift eingebaut. Alles lief soweit pro­ blemlos, bis sich die Frage der Berufswahl stellte. Das KV war keine Option, Silvano wollte einen handwerklichen Beruf erler­ nen wie sein Bruder und seine Kollegen. Für die IV ist klar, dass ein junger Mensch Anspruch auf eine Ausbildung hat. Ist dies auf dem ersten Arbeitsmarkt nicht mög­ lich, muss es im geschützten Rahmen pas­ sieren. Für Silvano ergab sich ein Angebot für eine PrA nach INSOS (praktische Aus­ bildung mit niederschwelligem Berufsbil­ dungsangebot im geschützten Rahmen). Peter Senn erinnert sich an das Gespräch zwischen der Vertreterin der IV, dem Be­ rufsberater, den Eltern von Silvano und Silvano selber. «Für Silvano und seine El­ tern war es immer ein grosses Anliegen, dass er ein ‹normales› Leben führen und eine normale Lehre absolvieren kann, wenn

möglich mit EFZ-Abschluss (eidg. Fähig­ keitszeugnis)», erzählt er. Silvano hatte in einer geschützten Werkstatt geschnuppert. «Diese war aber nicht für Rollstuhlfahrer eingerichtet», erinnert er sich, «und ich dachte damals, das möchte ich nicht». Ein Angebot wird neu kreiert «Jugendliche im Rollstuhl haben durch ih ren Unfall, ihre körperlichen Einschrän­ kungen und die Rehabilitation vermehrt Abwesenheiten vom Unterricht und da­ durch oft einen verzögerten Einstieg ins Schul- und Bildungswesen», erklärt Peter Senn. Zudem hätten Rollstuhlfahrer eine andere Tagesstruktur und auch eine ande­re Belastbarkeit, dem müsse Rechnung ge­ tragen werden. Aber auch Peter sah Silvano nicht in einer geschützten Werkstatt. Mit einem EBA (eidg. Berufsattest) oder EFZ einzusteigen und allenfalls zu scheitern, sei aber auch nicht die Lösung. «Es ging da Paracontact I Herbst 2019


Silvanos Traum einer ganz «normalen» Lehre hat sich erfüllt

rum, Silvano maximal zu fördern, ihn kör­ perlich und psychisch aufzubauen und sei ne Leistungsfähigkeit zu steigern.» Nach langem Hin und Her zwischen allen Par­ teien hat Peter vorgeschlagen, Silvano ein Werkjahr bei der ParaWork anzubieten. «Der Berufsberater hat mich fragend ange­ schaut, denn sowas gab es noch gar nicht und die IV hat gefragt, ob wir denn dazu fähig seien.» Peter hatte aber bereits ein Konzept im Kopf und war überzeugt, dass der Leiter der ParaWork, Stefan Staubli, mitziehen würde. Und so ist das sogenann­te «Werkjahr» erschaffen worden, welches heute «Perspektivenjahr» heisst. Vier Jahre später hat die ParaWork dieses Angebot für 15 ambulante Klienten parallel aufgebaut, die bei der beruflichen Eingliederung un­ terstützt werden. Eine ganz «normale» Lehre In intensiver Zusammenarbeit mit der IV konnte durch dieses Projekt für die Be­ rufsintegration von Rollstuhlfahrern etwas bewegt werden, und Auslöser dafür war Silvanos Wunsch, eine «ganz normale Lehre» machen zu können. Der Erfolg gibt Peter recht: Das Perspektivenjahr ist eine absolute Notwendigkeit. «Und wir haben mit der IV eine konstruktive, sehr wohlwol­ lende Zusammenarbeit erreicht.»

Es folgte eine Erfolgsgeschichte mit top­ motivierten Akteuren. Jeweils am Morgen führte Silvano praktische Arbeiten aus, Pro­jekte, welche intern gebraucht werden konnten, erklärt Peter Senn. «Es gibt zwar Paracontact I Herbst 2019

standardisierte Sets mit Schrauben und Muttern, an welchen man üben kann. Aber Projektarbeiten haben einen sehr viel hö­ he­ren Motivationsanteil.» Am Nachmittag folgte der schulische Teil. «Ja, das war schon ziemlich streng», sagt Silvano lachend. Durch seinen Bruder liess er bei Kurmann Technik AG in Ruswil LU anfragen, ob er dort schnuppern dürfe. Drei Tage ar­beitete er in der Schlosserei und der Mechanik und stellte sich so gut an, dass der Chef des Unternehmens, Urs Kurmann, erklärte, er könnte sich vorstellen, Silvano als Lehr­ ling einzustellen. Dies aber nur un­ter der Bedingung, dass die ganze Belegschaft da­ hinterstehe und er genau wisse, was da auf ihn zukomme. Integration auf der ganzen Linie Nach den nötigen Abklärungen wurde ein verstellbarer Schweisstisch angeschafft, spe­­zielle Spannmittel helfen Silvano, trotz eingeschränkter Rumpfstabilität frei zu arbeiten. Damit nicht sämtliche Maschi­ nen auf Sil­vanos Höhe heruntergebaut werden muss­ten, bewilligte die IV einen «Pro active Lift», einen Rollstuhl mit stu­ fenlos ver­stellbarer Sitzhöhe. Zum Znüni­ raum liess Urs Kurmann einen Treppenlift einbauen. «Silvano soll nicht nur beruflich, sondern auch sozial integriert werden, und das Soziale spielt sich bei uns in der Kan­ tine ab», erklärte er. Und seit Silvano im Betrieb arbeitet, liegt in der Werkstatt auch nichts mehr auf dem Boden herum, so­ dass er freie Fahrt hat.

Mit diesen sehr vorbildlichen Bedingun­ gen konn­­te Silvano seine 2-jährige Lehre als Mechanikpraktiker beginnen. Daneben besuchte er die Berufsschule und ein Mal pro Woche den Förderunterricht der Para­ Work im SPZ. Job Coach Peter Senn über­ nahm alle administrativen Zusatzaufga­ ben, die Abklärungen der Lokalitäten bei den ÜKs (überbetriebliche Kurse) und küm­­merte sich um die Aushandlung der Nachteilsausgleiche. «Ich bin der Vermitt­ ler zwischen allen Parteien, der Trouble­ shooter. So entsteht für den Arbeitgeber kein zusätzlicher Arbeitsaufwand.» Un­ glaublich gefreut habe ihn, wie viel Of­ fenheit ihm und Silvano von allen Seiten entgegengebracht worden sei. Ein gros­ses Dan­keschön gehört dabei dem Arbeitgeber und der Belegschaft, welche dies mit viel Goodwill, Rücksichtsnahme und Hilfs­be­ reitschaft überhaupt ermöglicht haben. Und Silvano? Er hat, wie man so schön sagt, den Knopf aufgetan: «Nicht nur schu­ lisch, sondern auch persönlich», erzählt Peter. «Als ich ihn kennenlernte, war er ein schüchterner junger Mann, der jede Frage mit einer Gegenfrage beantwortete. Beim kürzlich geführten Standortgespräch er­ klärte er klar und deutlich, wo er steht, was gelaufen ist.» Silvano ist glücklich und zu­ frieden. Die gewonnene Ausbildungssi­ tuation hat einen selbstbewussten jungen Mann aus ihm gemacht. Sein Arbeiterge­ ber hat ihm angeboten, zwei Jahre anzu­ hängen und das EFZ-Diplom als Produk­ tionsmechaniker zu erlangen. Klar, dass Silvano diese einmalige Gelegenheit am Schopf gepackt hat. «Mit diesem Abschluss in der Tasche stehen mir viele Möglich­ keiten offen.» Dass er nicht ewig körperlich so hart arbeiten kann, ist ihm bewusst. «Manch­mal muss ich schon improvisieren und etwas chnorzen», erzählt er. Auch da rum ist ihm der EFZ-Abschluss wichtig. Autoverkäufer wäre ein Wunsch, erklärt er. Mit seinem gewonnenen Selbstvertrauen und seiner offenen, spontanen Art sollte ihm da nichts im Wege stehen.

Weitere Informationen www.spv.ch (Lebensberatung) www.paraplegie.ch (ParaWork) 13



LEBENSBERATUNG

PILOTPROJEKT

IM BALGRIST

SPV-Höck

«Reha-WG» Selbstständig und selbstverantwortlich leben lernen – das ist das Ziel der «Reha-WG», die ihre Türen im Juli 2020 im luzernischen Schenkon öffnet. Von Myriam Zäch, ParaHelp

Die SPV bietet in der Uni­ klinik Balgrist regel­mässig Infover­anstaltungen an. Patientenverfügung und Vorsorgeauftrag Institut für Rechtsberatung (IRB) SPV, Donnerstag, 26. Sept. 2019, 18.00 –20.00 Uhr Wer entscheidet bei einem medizinischen Notfall? Was passiert, wenn ich urteilsunfähig werde? Ein Mitarbeiter des IRB informiert Sie ausführlich zu diesen beiden Themen und beantwortet gerne Ihre Fragen. Für diesen Anlass ist eine Anmeldung erforderlich: Tel. 041 939 54 41, lb@spv.ch Mobilität – Fahrzeugumbau Lebensberatung SPV, Montag, 28. Oktober 2019, 18.00–20.00 Uhr

Ein zeitlich begrenztes Wohntraining für junge Erwachsene mit einer Querschnitt­ lähmung soll die gezielte Förderung der Selbstkompetenz und des Selbstmanage­ ments realisieren. Mit diesem Angebot weitet die Schweizer Paraplegiker-Gruppe ihr Leistungsangebot weiter aus. Die «Reha-WG» dient dabei als ressourcen­ orientiertes Lernfeld, mit dem Ziel, die Betroffenen dazu zu befähigen, die Eigen­ verantwortung und Autonomie in den Be­ reichen Gesundheitsversorgung, Bildung, Erwerbstätigkeit, Mobilität, Freizeitgestal­ tung, soziale Beziehungen und in weiteren wertvollen Fähigkeiten weiterzuentwickeln, um ein unabhängiges und selbstbestimm­ tes Leben in den eigenen vier Wänden rea­ lisieren zu können. Die Betreuungsintensität und das Unter­ stützungsangebot werden anhand indivi­ dueller Zielsetzungen eruiert und durch Paracontact I Herbst 2019

ein multidisziplinäres und interprofessio­ nelles Team in interdisziplinärer Zusam­ menarbeit gewährleistet. Der Einbezug und die Unterstützung von Eltern und nahen Bezugspersonen der Betroffenen sind dabei für einen erfolgreichen Reha­ bilitationsprozess unabdingbar.

INTERESSIERT? Haben wir Ihr Interesse geweckt und können Sie sich vorstellen, in die «Reha-WG» einzuziehen? Dann melden Sie sich unverbindlich für weitere Informationen bei Andrea Violka, ParaHelp Projektleitung «Reha-WG» andrea.violka@parahelp.ch

Von welchen Vergünstigungen kann ich im öffentlichen Verkehr profitieren? Mit dem Flugzeug verreisen, ist das möglich mit dem Rollstuhl? Was muss ich bei einem Fahrzeugkauf beachten? Welcher Autoumbau passt für mich? Offene Runde: Stammtisch Lebensberatung SPV, Donnerstag, 28. Nov. 2019, 16.00 –18.00 Uhr Die Gesprächsgruppe «Mit Querschnittlähmung leben» trifft sich monatlich und diskutiert und informiert jeweils zu verschiedenen Themen. Interessierte treffen sich im Restaurant der Uniklinik Balgrist. 15


RECHTSBERATUNG

INVALIDENVERSICHERUNG

Wann sich die IV an Umbaukosten beteiligt

Wer seine Wohnung oder sein Haus rollstuhlgängig umbaut, kann bei der IV finanzielle Unterstützung beantragen. Ob diese eine Kostengutsprache leistet, hängt allerdings stark vom Einzelfall ab. Von Thomas Wehrlin, Rechtsanwalt Für viele SPV-Mitglieder ist es ein finan­ zieller Kraftakt, wenn die eigene Wohnung oder das eigene Haus rollstuhlgängig um­ gebaut werden muss. Es ist daher wichtig, auf die finanzielle Unterstützung der In­va­ lidenver­sicherung (IV) zählen zu können. Doch sind sich manche nicht bewusst, dass sich die IV je nach Situation nur teilweise oder gar nicht an den Kosten beteiligt. Vor al­lem, wenn zuvor die Schweizerische Ar­ beitsgemeinschaft Hilfsmittelberatung für Behinderte und Betagte (SAHB), die re­gel­ mässig für die IV fachtechnische Be­­ur­ teilungen der Umbauten vornimmt, ei­­ne positive Empfehlung abgegeben hat, kann eine Ablehnung eine böse Überraschung darstellen. Es ist daher gut zu wissen, wel­ che invaliditätsbedingten baulichen Mass­ nahmen die IV übernimmt und von wel­ chen Kriterien sie sich dabei leiten lässt.

Nur einfache, zweckmässige und wirtschaftliche Umbauten Nach der Terminologie der IV gehören in­ validitätsbedingte Umbauten in der Woh­ nung zu den «Hilfsmitteln». Im Katalog der Hilfsmittel sind daher auch die baulichen Massnahmen aufgeführt, welche von der IV bezahlt werden (siehe Kasten). Dabei sind grundsätzlich zwei Kategorien von baulichen Anpassungen zu unterscheiden: Solche, die die IV bei sämtlichen Versicher­ ten übernimmt. Und solche, welche die IV nur bezahlt, sofern die versicherte Person einer Erwerbstätigkeit nachgeht oder im Aufgabenbereich tätig ist. Eine Erwerbs­ tätigkeit wird ab einem jährlichen Einkom­ men von CHF 4702.– angenommen. An­ spruch auf Hilfsmittel für die Tätigkeit im Aufgabenbereich (Haushalt) besteht nur, wenn dadurch die Arbeitsfähigkeit in der

Re­gel um mindestens 10 % gemäss Haushalt­ abklärung gesteigert werden kann. Dieses Kriterium ist gerade bei baulichen Anpas­ sungen oftmals schwer zu erfüllen. Grundsätzlich gilt bei baulichen Anpas­ sun­gen wie bei allen anderen Hilfsmitteln auch: Die IV übernimmt nur eine einfache, zweckmässige und wirtschaftliche Ausfüh­ rung. Dies bedeutet nach Bundesgericht, dass eine versicherte Person grundsätzlich nur Anspruch auf die dem jeweiligen Eingliederungszweck (z. B. Fortbewe­gung, Aus­übung einer Erwerbstätigkeit) ange­ messenen und notwendigen Massnahmen, nicht aber auf die nach den gegebenen Um­ständen bestmöglichen Vorkehren hat. Denn das Gesetz wolle, so das Bundes­ gericht, die Eingliederung lediglich so weit sicherstellen, als diese im Einzelfall not­ wendig, aber auch genügend sei. Der vor­ ­aussichtliche Erfolg einer Eingliederungs­ massnahme müsse daher auch in einem vernünftigen Verhältnis zu ihren Kosten stehen. Die IV bringt das Argument der fehlenden Einfachheit, Zweckmässigkeit und Wirt­ schaftlichkeit bei baulichen Massnahmen gerne vor. Wäre im Einzelfall eine günsti­ gere oder einfachere bauliche Lösung mög­ lich gewesen, übernimmt sie in der Regel nur deren Kosten. Wie weit dies unter Um­ ständen gehen kann, zeigt ein aktuelles Beispiel eines SPV-Mitglieds. Dort vertrat die IV die Auffassung, dass ein Schwellen­ keil, den eine Hilfsperson jedes Mal bei der

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Paracontact I Herbst 2019


Terrassentüre hätte hinlegen müssen, eine einfache und zweckmässige Lösung dar­ stelle. Das kantonale Versicherungsgericht sah dies zum Glück anders und verpflich­ tete die IV, die Kosten für eine Schwellen­ rampe und die Automatisierung der Türe zu übernehmen. Vorsicht bei Umzug und Neubau Kritisch ist die IV nach unserer Erfahrung auch, wenn eine Person von einer rollstuhl­ gängigen in eine nicht rollstuhlgängige Wohnung umzieht und bauliche Anpas­ sungen erforderlich sind. Die IV lehnt in solchen Konstellationen eine Kostenüber­ nahme gerne mit dem Hinweis auf die Schadenminderungspflicht der versicher­ ten Person vollständig ab. In solchen Fäl­ len empfehlen wir, sich zu wehren. Das Bundesgericht hat nämlich klargestellt, dass bei der Berufung auf die Schadenminde­ rungspflicht Zurückhaltung geboten ist, wenn es – wie bei baulichen Änderungen – um die Zusprechung einzelner Eingliede­ rungsleistungen geht. Die IV dürfe sich nicht einseitig vom öffentlichen Interesse an einer sparsamen und wirtschaftlichen Ver­ ­sicherungspraxis leiten lassen, sondern sie habe auch die grundrechtlich geschützte Lebensgestaltung der versicherten Person zu berücksichtigen. Gemäss dem Bundes­ gericht ist daher eine vollständige Ableh­ nung für Fälle vorbehalten, in denen die Dispositionen der versicherten Person als geradezu unvernünftig oder rechtsmiss­ bräuchlich betrachtet werden müssen.

DIESE BAULICHEN ANPASSUNGEN ÜBERNIMMT DIE IV Welche Umbauten die IV übernimmt, ist im Anhang der Verordnung des EDI über die Abgabe von Hilfsmitteln durch die Invalidenversicherung (HVI) geregelt. Anspruch auf die mit (*) bezeichneten Hilfsmittel besteht nur, soweit diese für die Ausübung einer Erwerbstätigkeit oder die Tätigkeit im Aufgabenbereich, für die Schulung, die Ausbildung, die funktionelle Angewöhnung oder für die in der zutreffenden Ziffer des Anhangs ausdrücklich genannte Tätigkeit notwendig sind. 13.04* Invaliditätsbedingte bauliche Änderungen am Arbeitsplatz und im Aufgabenbereich 13.05* Hebebühnen, Treppenlifte sowie Beseitigung oder Änderung von baulichen Hindernissen im und um den Wohn-, Arbeits-, Aus­bildungs- und Schulungsbereich, sofern damit die Überwindung des Weges zur Arbeits-, Ausbildungs- oder Schulungsstätte oder die Tätigkeit im Aufgabenbereich ermöglicht wird. Die Abgabe erfolgt leihweise. 14.04 Invaliditätsbedingte bauliche Änderungen in der Wohnung: Anpassen von Bade-, Dusch- und WC-Räumen an die Invalidität, Versetzen oder Entfernen von Trennwänden, Verbreitern oder Auswechseln von Türen, Anbringen von Haltestangen, Handläufen und Zusatzgriffen, Entfernen von Türschwellen oder Erstellen von Schwellenrampen. Es handelt sich hierbei um eine abschliessende Aufzählung. 14.05 Treppensteighilfen und Rampen, für Versicherte, die ohne einen solchen Behelf ihre Wohnstätte nicht verlassen können. Wird anstelle einer Treppensteighilfe ein Treppenlift eingebaut, so beträgt der Höchstbeitrag 8000 Franken. In diesem Fall besteht kein Anspruch auf Vergütung von Reparaturkosten. Die Abgabe erfolgt leihweise. 15.05 Umweltkontrollgeräte, sofern eine schwerstgelähmte ver­sicherte Person, die nicht in einem Spital oder einer spezialisierten Institution für Chronischkranke untergebracht ist, nur durch diese Vorrichtung mit der Umwelt in Kontakt treten kann oder sofern ihr dadurch die selbstständige Fortbewegung mit dem Elektrofahrstuhl innerhalb ihres Wohnbereichs ermöglicht wird. Die Abgabe erfolgt leihweise.

Um bei einem Umzug für eine Auseinan­ dersetzung mit der IV gewappnet zu sein, empfehlen wir, die Haus- bzw. Wohnungs­ suche sorgfältig zu dokumentieren, indem man die geprüften Inserate sowie sämtliche Bewerbungen und Absagen aufbewahrt. Da­­mit kann man später einem allfälligen Ein­wand der IV entgegentreten, auf dem Markt gebe es deutlich günstigere Objekte, die vollständig rollstuhlgängig seien und bei denen somit keine oder deutlich we­ niger Anpassungen erforderlich gewesen wären.

kos­ten entstanden sind, so sind diese grund­ sätzlich von der IV zu übernehmen (soweit es sich um einfache, zweckmässige und wirtschaftliche Vorkehren handelt). Es ist daher sinnvoll, sich invaliditätsbedingte Mehrkosten in den Bauabrechnungen se­ parat ausweisen zu lassen.

Vorsicht ist auch bei Neubauten geboten. Dort beteiligt sich die IV grundsätzlich nicht an den Kosten. Kann man jedoch klar belegen, dass invaliditätsbedingte Mehr­

Zurückhaltend ist die IV auch bei Über­ nahme der Kosten für Planung und Bau­ leitung, obwohl ohne diese viele Baupro­ jekte gar nicht in Gang kommen würden.

Paracontact I Herbst 2019

Planungs- und Bauleitungshonorare wer­ den in der Regel von der IV nur übernom­ men, sofern erhebliche Eingriffe in die Bau­substanz nötig sind, bei Anpassungen in bereits fertig geplanten Neubauten, bei An­passungen mit Baueingabepflicht (z. B. Aus­sen-Treppenlifte) oder bei komplexen Bauverhältnissen.

Institut für Rechtsberatung www.spv.ch 17


RECHTSBERATUNG

MICHAEL WEISSBERG

33 Jahre im Dienste der Querschnittgelähmten

Seit mehr als drei Jahrzehnten setzt sich Dr. iur. Michael Weissberg tagtäglich für die Interessen der Querschnittgelähmten ein. Ende September 2019 endet seine Mission als Bereichsleiter des Instituts für Rechtsberatung der Schweizer Paraplegiker-Vereinigung.

Von Michael Bütikofer, Institut für Rechtsberatung, Biel

Als das Schweizer Paraplegiker-Zentrum am 6. September 1990 eröffnet wurde, setz­ ­te er sich bereits seit fast vier Jahren für die (rechtlichen) Anliegen der Querschnitt­ge­ lähmten ein: Michael Weissberg darf da­her wahrlich als Anwalt der Rollstuhlfahrer­in­ nen und Rollstuhlfahrer bezeichnet werden. Seit 1986 vertritt er Querschnittgelähmte durch alle Gerichtsinstanzen. Und dies mit durchschlagendem Erfolg. Unlängst erkor eine renommierte Zeitung Michael Weiss­ berg anhand einer Auswertung von Bundes­ gerichtsentscheiden zum erfolgreichsten So­zialversicherungsrechtler der Schweiz. Un­zählige Verfahren hat Michael Weissberg seit seinem Stellenantritt bei der Schwei­ 18

zer Paraplegiker-Vereinigung für deren Mit­glieder (erfolgreich) geführt. Unzähli­ ­ge Schicksale hat Michael Weissberg aus nächster Nähe kennengelernt. In unzähli­ gen Fällen hat er dafür gesorgt, dass Roll­ stuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern je­ne (sozialversicherungsrechtlichen) Leistun­ gen zugesprochen werden, welche ihnen zu­ stehen. Das mögen zusammengefasst die wich­tig­ sten Fakten zum dienstältesten SPV-Mit­ arbeiter sein. Doch wer ist Michael Weiss­ berg eigentlich? Wer ist dieser Mann, wel­cher seit mehr als 33 Jahren schlagkräftig für die Bedürfnisse von Para- und Tetra­ plegikern einsteht?

Erfolg dank Empathie Ich treffe Michael Weissberg dort, wo er meistens anzutreffen ist, nämlich in seinem Büro in Biel. Dabei ist es gut möglich, dass Michael gerade diese Zeile mit einigem Argwohn liest, denn eigentlich möchte er seit seinem 65. Geburtstag nicht jeden Tag im Büro anzutreffen sein. Nach mehr als 33 Jahre langem Engagement für die Roll­ stuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer wäre es ihm jedenfalls gegönnt, et­was kürzer treten zu können. Aber dazu später mehr.

Michael Weissberg lehnt sich zurück und überlegt. Die Frage nach dem vielleicht wichtigsten Entscheid, den er in all den Jahren als Anwalt für die Querschnittge­ Paracontact I Herbst 2019


lähmten der Schweiz erstritten hat, ist si­ cherlich nicht leicht zu beantworten. Es gä­be viele erwähnenswerte Urteile, die dank Michael Weissberg zugunsten Querschnitt­ gelähmter entschieden worden sind. «Mit einiger Genugtuung erfüllt hat mich sicher­ lich, dass das Bundesgericht im Jahr 2006 meine Auffassung geteilt hat, wonach alt Art. 37 UVV verfassungs- und gesetzeswid­ rig war». Bis zum Leitentscheid des Bun­ desgerichts in BGE 133 V 42 vom 16. Ok­ tober 2006 richteten die Unfallversicherungen den Querschnittgelähmten frühes­ tens ab Beginn eines allfälligen Renten­ anspruchs eine Hilflosenentschädigung aus. Dies konnte bedeuten, dass den Ver­ sicherten erst Jahre später nach dem inva­ lidisierenden Unfallereignis eine Hilflosen­ entschädigung ausbezahlt worden ist, wenn überhaupt. Diese Praxis der Unfallversiche­ rungen entsprach zwar der damals gülti­ gen Verordnung über die Unfallversiche­ rung und damit der gesetzlichen Ordnung. Michael Weissberg liess sich von dieser «Ordnung» aber nicht beirren und versetz­ ­te sich stattdessen in die Lage der Quer­ schnittgelähmten: Aufgrund seiner ein­ schlägigen Berufserfahrung war ihm bewusst, dass zwischen dem Abschluss der Erstrehabilitation und einer allfälligen Berentung durch die Unfallversicherung so einiges an Zeit verstreichen kann. Mit Fug und Recht wendete er vor Bundesge­ richt deshalb ein, dass der Renten- und der Hilf­losenentschädigungsanspruch an un­ terschiedliche Voraussetzungen gebunden seien. So könnten Versicherte, die beruf­ lich gut eingegliedert seien und deshalb gegenüber der Unfallversicherung keinen Rentenanspruch hätten, gar keine Hilflo­ senentschädigung beziehen, auch wenn sie im Sinne des Gesetzes hilflos seien. In Fün­ ferbesetzung schloss sich das Bundesgericht der Auffassung von Michael Weissberg an und entschied, dass der damalige Art. 37 UVV gesetzes- und verfassungswidrig und der Anspruch auf eine Hilflosenentschä­ digung ungeachtet einer allfälligen Beren­ tung auszurichten sei.

Lebenslagen der Querschnittgelähmten sen­sibilisieren musste. Sozialversicherungs­ gerichte sind oftmals weit weg vom Ge­ schehen und entscheiden einzig anhand von Akten. Umso wichtiger ist es, den dor­ tigen Entscheidungsträgern nachvollzieh­ bar darzulegen, um was bzw. wen es eigent­ lich geht. Genau dies ist Michael Weissberg dank seinem ausgeprägten Einfühlungsver­ mögen und seiner Beharrlichkeit jeweils gelungen. Dabei verstand er es, den Men­ schen hinter dem Aktenberg in den Vor­ dergrund zu rücken und so gewissermas­ sen eine Brücke zwischen diesem und dem urteilenden Gericht zu schlagen. Stets habe er sich mit den hehren Ziel­ setzungen der SPV identifizieren können, begründet Michael Weissberg sein jahr­ zehntelanges Engagement für die Quer­ schnittgelähmten der Schweiz. Es freue ihn, dass die SPV ihr Ziel, Rollstuhlfahre­ rinnen und Rollstuhlfahrer zurück ins Le

ben zu begleiten, heute besser denn je er­ fülle. Dabei sei er überzeugt, dass gerade das Institut für Rechtsberatung auch in Zukunft kompetent und schlagkräftig sein werde, um die Rechte der Querschnittge­ lähmten erfolgreich verteidigen bzw. er­ kämpfen zu können. Beruf als Passion Michael Weissberg wird die SPV per Ende 2019 zwar offiziell verlassen. Dem Institut für Rechtsberatung (IRB) wird er jedoch auch über das Jahr 2019 hinaus beratend zur Seite stehen und ausserdem seine An­ walts- und Notariatskanzlei in Biel/Bienne weiterführen. Und wie war das noch gleich mit Kürzertreten? Ein schwieriges Unter­ fangen, wenn Anwalt weniger Beruf denn vielmehr Passion ist. Wir vom IRB freuen uns jedenfalls, dass wir auch weiterhin auf Michaels wertvolle Unterstützung und grosse Erfahrung im Sozialversicherungs­ recht zählen dürfen.

Mit Vollgas und einem Lachen im Gesicht unterwegs; so kennt und schätzt die SPV Michael Weissberg

Dieses eine Urteil des Bundesgerichts steht exemplarisch für das erfolgreiche Wirken von Michael Weissberg. Stets war ihm be­ wusst, dass er die Richterinnen und Rich­ ter für die Bedürfnisse und spezifischen Paracontact I Herbst 2019

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MEDIZIN UND WISSENSCHAFT

REHABILITATIONSROBOTIK

Roboter in der Rehabilitation

Robotergestützte Therapie bringt viele Vorteile: Roboter können an individuelle Bedürfnisse vor allem von inkomplett gelähmten Patienten angepasst und die Intensität der Therapie kontrolliert werden.

Von Romina Willi und Marc Bolliger, Universitätsklinik Balgrist

Nach einer Verletzung des Rückenmarks wird versucht, die bestmögliche Funktion von Sensorik und Motorik wiederzuerlan­ gen. Dabei gilt intensive Physio- und Er­ gotherapie bis heute als Standardbehand­ lung mit den besten Therapieerfolgen für die Motorik. Mit Robotik wird nun ver­ sucht, die klassische Therapie weiter zu verbessern und das Behandlungsergebnis zu optimieren. Entwicklungsgeschichte der Roboter Rehabilitationsrobotik ist ein relativ neues Forschungsfeld. Zu Beginn der 1990er-Jah­ ­re wurden die ersten erfolgsversprechen­ den Roboter entwickelt, die als Grundlage für eine rasant zunehmende Anzahl von

neuen Geräten dienten. Die Wirksamkeit konnte für verschiedene Geräte nachgewie­ sen werden. In der Folge hat sich die Ro­ botik in der klinischen Anwendung etab­ liert und erfährt im Moment eine rasante Weiterentwicklung. Die Idee, dass man Ma­schinen für die Rehabilitation verwen­ det, geht jedoch noch viel weiter zurück. So wurde z. B. bereits 1910 eine «Bewegungs­ heilmaschine» entwickelt, die mit einem elektrischen Motor Gehbewegungen von Patienten mit Herzerkrankungen führen und unterstützen sollte. Die ersten Robo­ ter-Rehabilitations-Systeme basierten alle auf dem Konzept von kontinuierlich passi­ ver Bewegung. Das heisst, die Roboter be­ wegten ein Gelenk des Patienten in einem

Vom geführten zum möglichst selbständigen freien Gehen Gewichtsunterstütztes Laufbandtraining

Gewichtsunterstütztes über Boden Laufen

motorische Funktion

Exoskelett

starke Unterstüzung

mittlere Unterstützung

Rehabilitationsverlauf (Zeit)

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freies Gehen

vorbestimmten Bewegungsradius, unab­ hän­gig von der Mitwirkung des Patienten. Heute weiss man aber, dass eine aktive Be­ teiligung der Patienten für den Therapie­ erfolg wichtig ist. Prinzipien der Rehabilitationsrobotik Im Tiermodell wurde gezeigt, dass inten­ sive Bewegungstherapie die Neuroplastizi­ tät im Rückenmark fördert und so zu einer verbesserten Funktion führt. Dabei spielt die Spezifität des Trainings (aufgabenorien­ tiertes Training) eine zentrale Rolle. Der Effekt scheint davon abzuhängen, ob durch das Training das richtige afferente Feed­ back erzeugt wird, und so eine Reorga­ni­ sation der neuronalen Netzwerke im Rü­ ckenmark möglich wird. Rehabilita­tions­robotik setzt an genau diesem Punkt an. Robotik ermöglicht ein intensives, funk­ tionelles Training, das an die Fähigkeiten der trainierenden Person angepasst wer­ den kann. Je nach Einschränkung der mo­ torischen Funktion können Patienten stark oder schwach unterstützt werden. Somit wird das Training individuell auf die Fähig­ keiten der Patienten angepasst. Wie funktioniert die Erholung der Funktion des Nervensystems? Die Erholung der sensorischen und moto­ rischen Funktion nach einer Schädigung des zentralen Nervensystems basiert auf der Nutzung der sogenannten Plastizität. Plastizität ist die Fähigkeit von Zellen, sich an neue Bedingungen anzupassen. So kön­ Paracontact I Herbst 2019


­ en sich Nervenzellen durch gezieltes Trai­ n ning verändern und neue Funktionen über­ nehmen. Dies geschieht vor allem durch gezielte physiologische Aktivierung der Mus­kula­tur während des Trainierens von funktionellen Bewegungen und durch die Wahr­neh­mung der Bewegung durch die Sinneszellen. Rehabilitationsroboter soll­ ten deshalb solche Trainings ermöglichen und wenn nötig unterstützen. Vom geführten zum (möglichst) selbständigen freien Gehen Während der Rehabilitationszeit muss die Unterstützung durch den Roboter ständig an die Bedürfnisse des Patienten angepasst werden, damit der Patient so aktiv wie mög­lich beim Training mitmachen kann. Zu Beginn ist er meist sehr schwach und benötigt starke Unterstützung, und mit je­der Verbesserung muss diese reduziert wer­den. Trotz grosser Anstrengungen, mit einem Robotersystem möglichst alle Reha­ bilitationsphasen abzudecken, gibt es im Moment noch kein System, mit welchem dies gelingt. Somit muss das Robotersys­ tem entsprechend der Erholung des Patien­ ten gewechselt werden. Für die Gangfunk­ tion starten schwer betroffene Patienten mit ihrem Training in einem Exoskelett wie

dem «Lokomat», wo, wenn nötig, der gan ze Bewegungsablauf passiv vom Roboter durch­geführt werden kann. Wenn der Pa­ tient etwas mehr Kontrolle über seine Beine hat, beginnt das Laufbandtraining. Hier muss der Patient die gesamte Lauf­ bewegung selbständig durchführen und bekommt lediglich eine Körpergewichts­ entlastung. Ist der Patient noch weiter fort­ geschritten, eignet sich ein Roboter, der unterstütztes Laufen über Boden zulässt. Der Patient bekommt, wenn nötig, immer noch eine Körpergewichtsentlastung, je­ doch kann er sich frei im Raum bewegen. So können alltagsrelevante Situationen wie beispielsweise Treppensteigen, Hindernis­se bewältigen oder Aufstehen/Absitzen geübt werden. Bei den Robotern, die freies Gehen ermög­ lichen, ist der Patient ausschliesslich über eine Art Fallschirmgurt mit dem Roboter verbunden. Dank der Körpergewichtsent­ lastung kann der Patient seine Arme und Beine frei bewegen und wird nicht durch einen Rollator, Gehbarren oder durch Geh­ stöcke beim Laufen eingeschränkt. Jedoch wäre sogar das Erlernen von Gehen mit Rollator, das Laufen auf einem Laufband oder sonstige Interaktion mit dem Umfeld möglich. Der Roboter stellt jederzeit sicher, dass der Patient nicht stürzen und sich ver­ letzen kann. Somit ist ein Training am Li mit der Fertigkeiten des Patienten möglich. Man geht davon aus, dass dies den Thera­ pieeffekt weiter verbessern wird. Durch den Fallschirmgurt ist auch das Blickfeld des Therapeuten nicht eingeschränkt. So mit kann er das Gangbild des Patienten aus ein paar Metern Entfernung beobach­ ten und es ist eine natürliche, intuitive In­ teraktion zwischen Therapeut und Patient möglich. Die körperliche Belastung der Therapeuten wird zudem minimiert, da er den Patienten nicht halten oder diese vor Stürzen sichern muss. Therapiesitzungen können so mit einem minimalen personel­ len Aufwand durchgeführt werden, und der Therapeut kann sich voll und ganz auf den Patienten konzentrieren. Alltagsrelevante Bewegungen Transparente Körpergewichtssysteme erlauben volle Bewegungsfreiheit

Paracontact I Herbst 2019

FLOAT-ROBOTER Im Jahr 2011/2012 wurde der FLOAT als Rehabilitationsroboter für gesi­ chertes Gangtraining über Boden am Zentrum für Paraplegie Balgrist entwickelt. Er erlaubt eine Körpergewichtsentlastung je nach Bedarf von bis zu 60 %. Das Gerät erkennt Stürze und fängt Patienten sicher auf. Mit dem Roboter ist ein Gangtraining im drei­­di­mensionalen Raum möglich und Pa­­ tienten können so auch herausfordernde Aktivitäten des täglichen Lebens, wie beispielsweise Treppen­steigen, in einer sicheren Umgebung trainieren. Diese Eigenschaften des Seilroboters ermöglichen ein individuelles, aufgabenbezogenes Gehtraining, das nicht durch das Körpergewicht des Patienten limitiert wird. Ob das Gerät den The­ rapieerfolg positiv beeinflussen kann, wird zurzeit in einer klinischen Studie untersucht. Weitere Informationen www.sci-research.uzh.ch/ en/News/Float

Systeme, die freies Gehen über Boden er­ lauben, wie zum Beispiel der Float von Reha Stim, sind mittlerweile kommerziell erhältlich. Die Wirksamkeit konnte aber noch nicht eindeutig belegt werden. Des­ halb wird nun in klinischen Studien der Effekt von körpergewichtsentlastendem, über den Boden gehenden Trainings un­ tersucht (siehe Box). Zukunft der Rehabilitationsrobotik In vielen klinischen Studien konnte ge­ zeigt werden, dass Roboter den Therapieer­ folg bei Patienten mit einer neurologischen Bewegungsstörung positiv beeinflussen kön­nen. Die kritischen Punkte wie zu star­ ­ke Unterstützung von Bewegungen oder zu repetitive Bewegungsmuster wurden er­ kannt. Es werden neue Systeme entwickelt, die den Patienten nur noch dann unterstüt­ zen, wenn es nötig ist, die alltagsrelevante Bewegungen erlauben und die Patien­ten optimal fordern. Robotik wird in Zukunft weiterhelfen, den Erfolg der Rehabilitation zu steigern. 21


HINDERNISFREIES BAUEN

SCHWEIZER REHAKLINIKEN

Enge Zusammenarbeit mit der Ergotherapie

Es war Dr. Guido A. Zäch ein wichtiges Anliegen, das Zentrum für hindernisfreies Bauen im Jahre 1985 ins Leben zu rufen. Mit der zusätzlichen Beratungsstelle wurde eine Lücke innerhalb der ganzheitlichen Rehabilitationskette der Schweizer Paraplegiker-Gruppe geschlossen.

Von Dominik Widmer

Zu oft war beim Austritt aus dem Schwei­ zer Paraplegiker-Zentrum in den 80erJahren die zukünftige Wohnsituation von Patienten nicht abschliessend geklärt. Nach Ende der Rehabilitation musste dann noch schnell eine Übergangslösung gefunden werden, denn viele Patienten konnten nach dem Klinikaufenthalt nicht direkt in ihr gewohntes Wohnumfeld zurück.

treuung der notwendigen baulichen Mass­ nahmen vor Ort wurden klar erkannt. Mit der Eröffnung des Zentrums für hindernis­ freies Bauen wurde diese Leistungslücke geschlossen. Heute ist die Wohnungsabklä­ rung Bestandteil der Aufgaben der Ergo­ therapie innerhalb des Rehabilitationspro­ zesses, beziehungsweise des Leistungsnetzes der Schweizer Paraplegiker-Gruppe.

Eine Abklärung der Wohnsituation vor Ort zusammen mit dem Patienten war bereits damals Teil der Therapie und der Wieder­ eingliederung. Die verständlicherweise feh­ ­lende fachliche Kompetenz der Ergothera­ ­peuten in baulichen Fragen und die man­gelnde Zeit für eine Begleitung und Be­

In den ersten Jahren wurden die Leistungen des ZHB fast ausschliesslich dem Schwei­ zer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil an­ geboten. In der Zwischenzeit hat das ZHB eine enge Zusammenarbeit mit den meis­ ten auf Rückenmarkverletzungen spezia­ lisierten Rehakliniken der Schweiz (SPZ

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in Nottwil, REHAB in Basel, Uniklinik Bal­ grist in Zürich und Suva-Klinik CRR in Sion). Zudem betreut das ZHB heute zirka 45% seiner Kunden aufgrund von Direkt­ anfragen. Die Anzahl Kunden von Reha­ kliniken entspricht daher etwa 55% aller jährlichen Bauberatungsfälle. Die Ergotherapie lädt den beratenden Architekten des ZHB zur Wohnungs­ abklärung ein Die Ergotherapie bespricht mit dem Pa­ tienten die Wohnsituation im Rahmen von dessen Therapien bereits in einer sehr frühen Phase der Rehabilitation (rund ein bis zwei Monate nach Spitaleintritt). Es wird anschliessend entschieden, ob eine Paracontact I Herbst 2019


Abklärung der Wohnsituation vor Ort ein­ geplant werden soll. Ist dies der Fall, wird mit allen beteiligten Personen – Familien­ mitgliedern, Verwaltung und einem bera­ tenden Architekten des ZHB – ein Termin vereinbart. Die Fachperson der Ergotherapie fährt da bei in der Regel zusammen mit dem Pati­ enten an die Wohnungsabklärung vor Ort. Für den Patienten ist es ein spezieller und bedeutender Tag, da es für ihn die erste Rückkehr in sein Wohnumfeld ist. Von der Hauszufahrt und dem Eingangsbereich her geht man zusammen die verschiedenen Räumlichkeiten durch, um Hindernisse zu erkennen und mögliche Anpassungen zu besprechen. Oft einigt man sich relativ rasch und klar auf die einzelnen Massnah­ men, manchmal lässt man aber mehrere Varianten offen. Der Bauberater (Architekt des ZHB) fasst die besprochenen baulichen Massnahmen in einem Protokoll (inkl. Fo tos und Plänen) zusammen und erstellt eine erste Kostenschätzung für deren Um­ setzung. Dank dieser Bauberatungsleis­ tung steht dem Patienten ein Dossier zur Verfügung, um die Finanzierung der Bau­ kosten möglichst rasch mit Hilfe der So­ zialberatung der jeweiligen Klinik abzu­ klären. In einem ersten Planungsschritt erstellt dann der Architekt alle notwendigen Un­ terlagen (Pläne und Baubeschriebe) und holt alle entsprechenden Unternehmerof­ ferten ein, um einen detaillierten Kosten­ voranschlag zu erstellen. Damit steht die Basis für die spätere, termingerechte Aus­ führung. Eindrücke einer Patientin und ihrer Ergotherapeutin unmittelbar nach der Wohnungsabklärung Anlässlich einer Wohnungsabklärung bei Florence Masson in Genf, zurzeit in der Erst-­Rehabilitation im SPZ Nottwil, und ih ­rer Ergotherapeutin, Kathrin Pagnamenta, haben uns die beiden nebenstehend ihre Rückmeldungen über die Zusammenar­ beit mit dem ZHB gegeben. Zentrum für hindernisfreies Bauen zhb@spv.ch, Tel. 062 737 40 00 Suhrgasse 20, 5037 Muhen

Florence Masson, Patientin

Kathrin Pagnamenta, Ergotherapeutin

Waren Ihnen die Probleme und Hindernisse Ihrer Wohnsituation bereits vor der Abklärung vor Ort bewusst? Ja, ich habe mich bereits intensiv mit dem Thema befasst, um möglichst bald ein Wochenende hier zu Hause bei meinen Kindern verbringen zu können.

Hat dir die Anwesenheit eines beratenden Architekten die Wohnungsabklärung erleichtert? Ja, dank seiner technischen und bedürfnisorientierten Kompetenzen hat er mir konkrete Ideen zu Umbau- und Anpassungsmöglichkeiten gegeben. Zudem schlug er zusätzliche einfache und hilfreiche Alternativen und Lösungen vor.

Hatten Sie vor der Abklärung vor Ort auch schon über mögliche Anpassungen nachgedacht, und wenn ja, decken sich diese mit den heute besprochenen Massnahmen? Ich hatte vorab keine konkreten Ideen und machte mir keine Überlegungen über mögliche Anpassungen. Im Gegenteil sogar. Ich dachte darüber nach, wie ich mich selber und meine Gewohnheiten an die bestehende Wohnsituation anpassen könnte. Und nicht, wie man das bestehende Umfeld für mich ver­ ändern kann. Dank dieser Wohnungsabklärung zu-­ sammen mit der Ergotherapeutin und dem Architekten wurde mir erst richtig bewusst, dass man mit wenigen und einfachen Anpassungen meinen Alltag massiv erleichtern kann. Inwiefern war es für Sie wichtig, dass heute ein beratender Architekt anwesend war? Das war für mich sehr wichtig. Der Architekt zeigte mir eine neue Sichtweise auf. Ich wusste vorher nicht, welche Anpassungsmöglichkeiten vorhanden sind. Nun sah ich direkt in meiner Wohnung, was machbar ist. Konnten die offenen Fragen betreffend Ihrer Wohnsituation beantwortet und eventuelle Ängste abgebaut werden? Mit Bestimmtheit! Der Termin war für mich sehr beruhigend und stimmt mich positiv für den weiteren Verlauf meiner Rehabilitation. Gut zu wissen, dass es um mich herum diese professionelle Betreuung gibt. Fachpersonen bemühen sich, die Wiedereingliederung und Integration in meinen Beruf und mein Wohnumfeld zu erleichtern.

Hat die heutige Abklärung einen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Therapie oder das Austrittsdatum? Die Abklärung gab mir die Möglichkeit, alle Alltagsaktivitäten, die meine Patien­ tin wieder selber im eigenen Umfeld durchführen soll, zusammen mit ihr konkret anzuschauen. Wir werden jetzt gemeinsam prüfen, welche Ziele noch im Therapie-Setting zu erarbeiten sind, um eine möglichst vollständige Selbständigkeit zu Hause zu erlangen. Welches ist für dich der Mehrwert der Zusammenarbeit zwischen der Ergotherapie und dem beratenden Architekten des ZHB? Die Zusammenarbeit zwischen der Er­gotherapie und der Bauberatung bzw. dem Architekten fördert eine RundumVision. Wir sehen die aktuellen physischen Barrieren am Arbeitsplatz oder in der Wohnung und erkennen so, welche Fähigkeiten der Patient für deren Überwindung mitbringen muss. Der Termin führt uns die konkreten Bedürfnisse der Patienten vor Augen. Dank des Austausches und der Mischung von technischer und therapeutischer Sichtweise können wir optimale Lösungen für die Patienten finden.

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KULTUR UND FREIZEIT

UNTERWEGS

Eine grosse Familie auf hoher See

Angela Addo, Reisefachfrau der SPV, hat auf der Kreuzfahrt im Mittelmeer die Gruppenleitung übernommen und dabei viel Neues gelernt. Von Gabi Bucher

Angela Addo, kurz Angie ge­ nannt, kann man in Sachen Reisen nicht viel vorma­ chen. Seit dreieinhalb Jahren beschäftigt sie sich täglich da­mit, neue Feriendestinationen zu suchen, Hotelzimmer anzufragen, Trans­fers vor Ort zu buchen, Ausflüge abzuklären. Sie war auch bereits drei Mal Grup­penleiterin beim Sommer­ plausch, der Ferienwoche für jüngere Roll­ stuhlfahrer. Was sie jetzt jedoch erwartete, war etwas Neu­­es und sie hatte grossen Re­ spekt da­vor: Zum ersten Mal war sie nun Gruppenleiterin auf einer Reise für Mit­ glieder mit Tetraplegie. Und es war eine Reise, die nicht sie, sondern ihre Kollegin Rita Häfliger von A bis Z zusammenge­ stellt hatte, ebenfalls eine neue Situation. «Nicht dass ich Rita nicht vertraue, im Ge­ genteil», betont Angie. «Aber es ist halt et was anderes, wenn du selber jedes Detail einer Reise ausgearbeitet hast und kennst. Das gibt viel Sicherheit. Da kannst du den Ordner mit all den Infos, welchen jede Gruppenleitung bekommt, zu Hause lassen. Hier war das nicht möglich!» Und, last but not least, es war eine Kreuzfahrt, auch das war ein «erstes Mal» für Angie. Und so ver­ abschie­dete sie sich am Freitagabend im Büro mit gemischten Gefühlen und vielen aufmunternden Wor­ten ihres Teams.

einer halben Stunde im Bus, es gab keinen Stau unter­ wegs, in Coldrerio holten wir den letzten Teilnehmer ab und wa­ren fast anderthalb Stunden zu früh beim Schiff.» Auch da sei alles reibungslos ge­ laufen. «Wir wurden in Empfang ge­ nommen, aufs Schiff geführt, die Koffer mussten wir nicht selber schleppen. Es lief alles wie am Schnürchen.» So einfach hatte Angie es sich nicht vorgestellt und war schon mal ziemlich erleichtert. Auf dem Schiff wurde es dann doch etwas komplexer. «Es gab im Vorfeld keinen Plan, den ich hätte studieren können, um zu

wissen, was sich wo befindet. Ich war also genauso ‹verloren› wie die Reiseteilneh­ menden. Das ist für eine Gruppenleitung nicht sehr vorteilhaft.» Im Hotel sei das einfach: «Dort gibts normalerweise eine Rezeption, eine Bar und ein Restaurant, da findet man sich schnell zurecht. Aber auf dem Schiff hat es diverse Decks, Bars, Res­ taurants, ein Theater, den Spa-Bereich …». Anfänglich habe sie noch versucht vorzu­ geben, den Überblick zu haben. Aber auf die Frage, mit welchem Lift die Rollstuhl­ fahrer am besten ins Restaurant kommen, habe sie keine Antwort gehabt und zuge­ ben müssen, dass sie es nicht wis­se. «Es war learning by doing», erzählt sie lachend, aber alle hätten Verständnis gezeigt.

Lebensfreude pur im Pool

Staufrei ans Ziel Treffpunkt für die Abreise war das SPZ Nottwil. Alles habe reibungslos geklappt, erinnert sie sich. «Wir waren in we­niger als 24

Paracontact I Herbst 2019


Leicht harziger Start Auch das erste Essen war eine Herausfor­ derung. Gerne hätte sich Angie kurz vor­ her davon überzeugt, dass die Tische rich­ tig positioniert sind, dass es genug Platz hat für die Elektro-Rollstühle und dass die sechs Stühle für die Rollstuhlfahrer wirk­ lich auch weggenommen worden waren. Aber sie durfte nicht vor dem Essen in den Saal. Und so kam es, wie es kommen musste: Ihre Gruppe war auf drei Tische verteilt, die Stühle standen alle noch da, zwei andere Passagiere sassen bereits an ihren Tischen und für die Elektro-Rollis war der Platz sehr eng. «Die Crew war zwar unglaublich zuvorkommend, hat angepackt und mitgeholfen, wo sie konnte. Sie sind sich aber der Wichtigkeit der Dinge nicht wirklich bewusst, für sie sind das Details», meint Angie. Ab dem zweiten Abend hat­ ten sie zwei Tische für sich und genügend Platz für alle.

«Unsere Gruppe ist von Tag zu Tag enger zusammengewachsen» Multitool und Männerkraft Auch bei den Ausflügen lief nicht immer alles so wie geplant und bestellt. «Es sind halt jeden Tag andere Busse, zwar rollstuhl­ gängig, aber die Chauffeure haben mehr­ heitlich keine Ahnung, was zu tun ist.» Am ersten Tag in Civitavecchia kam der ver­ sprochene Bus mit Rampe so lange nicht, dass einer der Rollifahrer zum Schiff zu­ rückkehrte. «Aber es war eh sehr kalt und der Wind blies, er blies sogar so stark, dass einer der Teilnehmenden die Arme aus­ breitete und durch die Böen vorwärts ge­ schoben wurde.» In Valencia war der Bus zwar da, aber es hatte nicht genügend Platz für alle. Der Busfahrer war überfordert. Er wusste weder, wie man Rollstühle fixiert noch, wie man Sitze abmontieren kann. «Ist halt nicht wie in der Schweiz», habe einer der Rollstuhlfahrer gemeint. Da war nun Serkan gefragt, ein Pfleger, jung, stark und mit Multitool. Er schraubte gekonnt Sitz und Feuerlöscher ab. «Der Chauffeur hat nicht schlecht gestaunt», erzählt Angie lachend. Jetzt konnte die Stadtrundfahrt be­ginnen. «Valencia enttäuscht nie», meint sie. «Zudem waren wir wieder mit Stefanie Paracontact I Herbst 2019

Auf Erkundungstour mit kompetenter Begleitung

unterwegs, derselben Stadtführerin, wel­ che wir schon bei unseren letzten drei Rei­ sen hatten in Valencia. Sie ist unglaublich toll, man merkt, wie sehr sie ihre Stadt liebt.» Bei allen anderen Stadtrundfahren hätten immer einige der Gruppe geschla­ fen, nicht aber bei Stefanie. Später hätten sie noch eine Tour zu Fuss unternommen. «Wir waren in den Markthallen und ha ben alles Mögliche zusammengekauft und danach geteilt, Oliven, Käse, Wurst, Oran­ gensaft, es war alles so harmonisch.» Kopieren erlaubt Die Kurzbesuche in den Städten seien wie kleine Zückerchen, ein Vorgeschmack auf einen eventuellen späteren Besuch, meint Angie, und es habe eigentlich generell alles wirklich supergut geklappt. Aber was ihr am meisten Eindruck gemacht habe, sei die Stimmung in der Gruppe gewesen. «Es war eine gute Durchmischung von jüngeren und älteren Teilnehmenden, von «alten Ha­sen» und solchen, die zum allerersten Mal mit auf Reisen waren.» Dabei habe sich wieder einmal gezeigt, wie wertvoll es sein kann für «Neue», andere Tetraplegiker zu treffen. «Sie sehen, was alles möglich ist, wie man gewisse Dinge anders anpacken oder dass man sie überhaupt anpacken kann.» Einer der Teilnehmenden sei anfänglich nicht so begeistert gewesen, aber sei von Tag zu Tag fröhlicher geworden. «Das war für mich ein unglaublich schönes Erlebnis.» Auch seine Begleiterin war begeistert, sie sei glücklich, wenn er glücklich sei, erklär­te sie Angie.

«Alle haben sich gegenseitig angenommen, wie sie sind, und die Gruppe ist von Tag zu Tag mehr zusammengewachsen». In Palma habe sich ein Teilnehmer eine Badehose gekauft und sei am nächsten Tag im Pool des Schiffs baden gegangen. «Ihr müsst ein

Foto machen, das glaubt mir keiner», habe er lachend gerufen. Angie hat eine Runde Getränke bestellt, alle haben sich im Pool versammelt und zusammen angestossen. «Das war soo schön», erzählt sie begeistert und ihre Augen glänzen. «Pflegeleitung, Pfle­­gende, Rollstuhlfahrer, alle haben so gut mitgemacht, mich unterstützt und mit­ geholfen, das war eine wunderbare Erfah­ rung.» Mit der Zeit habe es manchmal am Abend fast Streit gegeben, wer jetzt neben wem sitzen dürfe, wer wem einen Drink offerieren könne. Wichtige Wertschätzung Am Ende der Reise wurde zum ersten Mal die Feedback-Runde zwischen Pflegelei­ tung und Pflegenden durchgeführt. «Das hat der Stimmung noch zusätzlich gut ge tan», meint Angie. «Es ist unheimlich wich­ tig für die Pflegenden, eine Rückmeldung zu bekommen, zu wissen, dass sie auf dem richtigen Weg sind und auch mal zu hö­ren, was sie gut machen. Das ist eine wichtige Wertschätzung.» Auch gegenseitige kons­ truktive Kritik oder Anregungen seien sehr wertvoll in diesem Zusammenhang. «Das hat uns nochmal zusätzlich zusam­ mengeschweisst, wir waren am Ende wie eine grosse Familie.»

Reisen organisieren, das macht Angie ger ne und gut, Reisen begleiten, das sei noch­ mal was ganz anderes, aber sie habe unglaub­lich viel gelernt dabei, «und es war so, so schön!», schwärmt sie.

Mittelmeerkreuzfahrten 2020 Mehr dazu auf Seite 29 25


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KULTUR UND FREIZEIT

REISEVORTRAG

Myanmar Andreas Proeve nimmt Sie mit auf seine 3000 Kilometer lange Rollstuhlreise – am 3.11.2019, auf der Leinwand. REISEN

Feriensouvenirs zu 20 % Rabatt Wecken Ihre Erinnerungen an Valencia oder die Ostsee noch immer Glücksgefühle? Dann halten Sie die Souvenirs fest! Lassen Sie den rotweis­sen Leuchtturm auf eine Smartphonehülle und die köstliche Paella auf ein Poster für die Küche drucken. Mit dem Spezialrabatt von fotocharly.ch erhalten Sie als SPV-Mitglied 20 % Rabatt auf alle Produkte, sogar auf die bestehenden Aktionspreise! Einfach auf fo­tocharly.ch Ihr Produkt wählen und beim Bestellen den Rabatt-Code FCCHSPV19 eingeben.

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Weihnachtsmarkt Sie freuen sich schon heute auf festliche Stimmung, können es kaum erwarten, Christkind zu spielen und Geschenke zu planen?

Bereits zum zweiten Mal ist Andreas Proeve nach Burma gereist. In seinem Reisevortrag be­richtet er über ein Land, in dem Männer wie Frauen Röcke tragen und der Optimismus vor­ herrscht. Es erwarten Sie spektakuläre Luftauf­ nahmen, landschaftliche Schönheiten und mys­­tische Geister. Datum Sonntag, 3.11.2019 Zeit 10.00 – 11.30 Uhr Ort Auditorium 1, Guido Zäch Institut, SPZ Nottwil Kosten CHF 15.– Anmelden spv.ch/Veranstaltungen

Dann schreiben Sie sich das Wochenende vom 16./17. November 2019 fett in Ihre Agenda ein. Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer präsentieren ihre Werke und verkaufen Kunst- und Handwerksarbeiten im SPZ. Stand buchen Online auf www.spv.ch/ Veranstaltung

REISEN

ZAHL

In der ersten Jahreshälfte wurden die 18 SPV-Rollstühle an 130 Ausleihtagen an Lehrpersonen und Schulen verliehen. Sensibilisierung und Öffentlichkeitsarbeit liegen uns am Herzen. Für Projektwochen und Un­terricht rund ums Thema Mo­bilität und Pa­raplegie stellen wir geschulten Lehrper­sonen Rollstühle kostenlos zur Verfügung.

VERANSTALTUNG

ÖFFENTLICHKEITSARBEIT

Sensibilisiert Als Tetraplegikerin Kinder begleiten, för­dern und erziehen, das geht! Delphine Kalbermatten ist selbst Mutter und lehrt in Je­genstorf. Im Juni hat sie für die 70 Lehrpersonen ihrer Schule einen Sensibilisierungskurs bei der SPV orga­ni­siert. Dank Frau Kalbermatten nahm das Kolle­gium Tipps zur Überwindung von Hemm­schwellen gegenüber Querschnittgelähmten mit und geht noch sensibilisierter durch den Alltag.

Neuer Partner am Flughafen Zürich Rollstühle müssen am Flug­ hafen angemeldet, abgegeben und transportiert werden. Flog eine Gruppe Rollstuhl­ fahrer der SPV via Flughafen Zürich ins Ausland, war bislang die Firma Careport Ansprechpartnerin. Ab 1.1.2020 hat der Flug­hafen einen neuen Anbieter: die Firma Goldwings AG. Wir setzen weiterhin auf gute Zusammenarbeit. Bereits angedacht ist eine spezifische Personal-Schulung im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit.

Paracontact I Herbst 2019 27


KULTUR UND FREIZEIT

DESTINATIONEN 2020 Aktivferien für alle Mitglieder Skiwoche Arosa 15.–20.3.2020 Skiwoche Zinal 6.–10.4.2020 Interlaken Sommerplausch 11.–18.7.2020 Städtereisen für alle Mitglieder Sevilla Florenz Bordeaux München Dubai

Städtereisen für Mitglieder mit Tetraplegie

PARAREISEN

Auf gehts! Auch im 2020 wieder mit uns. Denn Sie liegen uns am Herzen. Ob zum ersten oder zum zweiunddreissigsten Mal – reisen lohnt sich immer. Von Tanja Müller

Für uns war das Reisejahr 2019 voller Highlights: Kreuzfahrten auf dem Mittelmeer, Skifahren in Arosa und das kreative Island. Was haben Sie uns zu erzählen? Melden Sie sich für den Fototreff vom 3. November 2019 an. Wir freuen uns auf ein herzliches Wiedersehen. Zieht es auch Sie bereits wieder in die Ferne? Dann kommt die Ausgabe 2020 von ParaReisen genau zum richtigen Zeitpunkt.

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18.–25.4.2020 27.6.– 4.7.2020 12.–19.9.2020 19.–26.9.2020 7.–14.11.2020

Reisen Sie mit uns nach Thailand in die Grossstadt Bangkok, gelangen Sie bei einer Kreuzfahrt nach St. Petersburg oder fläzen Sie einfach gemütlich am Strand von Grado. Sämtliche Reisen, mit Ausnahme der Kreuzfahrten, sind ab dem 4. November 2019 online buchbar.

Anmeldung Fototreff spv.ch/veranstaltungen

Madrid Mailand Stuttgart

2.–9.5.2020 13.–20.6.2020 15.–22.8.2020

Rundreise für alle Mitglieder Thailand

15.–28.11.2020

Kreuzfahrt für alle Mitglieder Nordeuropa

23.–30.8.2020

Kreuzfahrt für Mitglieder mit Tetraplegie Mittelmeer

16.–23.5.2020

Badeferien für Mitglieder mit Tetraplegie Grado Lanzarote Malaga

29.8.–5.9.2020 10.–17.10.2020 24.–31.10.2020

Regionenreise für alle Mitglieder Schottland

8.–15.8.2020

Regionenreise für Mitglieder mit Tetraplegie Bad Peterstal Spezialwoche Südtirol

27.6.–4.7.2020 26.9.–3.10.2020

Paracontact I Herbst 2019


KULTUR UND FREIZEIT

BUCHEN, REISEN, TRÄUMEN KREUZFAHRT MITTELMEER

KREUZFAHRT NORDEUROPA

RUNDREISE THAILAND

Für Mitglieder mit Tetraplegie

Für alle Mitglieder

Für alle Mitglieder

Ein strahlendes Lächeln zeichnet sich auf den Gesichtern von Kreuzfahrt­Passagie­ ren ab. Es sind die klare Meeresbrise, die mediterranen Hafenstädte und die speziel­ le Atmosphäre an Bord, die begeistern.

Das Glück wohnt im Norden. Sind es die unendlichen Wälder, die hellen Sommer­ nächte oder das Designgespür, die für die hohe Zufriedenheit sorgen? Finden Sie es auf der Kreuzfahrt durch Nordeuropa raus.

Den ersten Halt macht die MSC Divina in Marseille. Hier lockt der alte Hafen mit fangfrischem Fisch. Ihre Sinne werden in Barcelona von Gaudís modernistischen Bauten betört. Beim Ablegen von Ibiza dürfen Sie Ihre Kamera nicht vergessen: der Sonnenuntergang ist ein wahres Post­ kartenmotiv.

Freuen Sie sich bereits auf dem Flug von Zürich nach Kopenhagen auf ein frisches Smørrebrød. Tüchtig gestärkt begeben Sie sich an Bord und die Rundreise startet. Nach einem Tag auf See erwartet Sie das finnische Helsinki. An jeder Ecke treffen Sie auf Designobjekte, zum Beispiel vom berühmten Alvar Aalto. Durch die Kreuz­ fahrt haben Sie die super Gelegenheit, be­ quem in die nördlichste Millionenstadt, St. Petersburg, einzureisen. Geniessen Sie in Tallinn einen feinen Beerenkuchen und einen Wurstsalat in Kiel, bevor Sie ab Ko­ penhagen nach Hause fliegen.

Verschlägt es Ihnen die Sprache? Bangkok ist feuchtwarm, voller Leute und Trans­ portmittel. Doch Bangkok ist auch reich. Reich an Schätzen und Überraschungen und Schönem. Majestätisch glänzt der Grosse Palast mit seinen goldenen Spitz­ dächern. Und spätestens wenn sich die Gelassenheit des liegenden Buddha auf Sie auswirkt, sind Sie angekommen.

Nach einem Tag auf See sind Sie bereit für Neapel. Hier ist die Geburtsstätte der Piz za, hier sprudelt Italianità, hier fallen Sie abends hundemüde aber überglücklich ins Bett. In Livorno stossen Sie mit einem Täss­ chen «Ponce» zum Abschluss einer wun­ dervollen Woche an, bevor es via Genua ab nach Hause geht. Datum Kosten Inklusive

16.–23.5.2020 ab CHF 2290.– An- und Rückreise mit SPV-Bus, 7 Übernachtungen im DZ (Balkonkabine) mit Vollpension, Landausflüge Anmelden spv.ch/kreuzfahrten2020 Paracontact I Herbst 2019

Datum Kosten

23.–30.8.2020 ab CHF 2490.– für Mitglieder ab CHF 2590.– für Übrige Einzelkabinen-Zuschlag ab CHF 1600.– Inklusive Direktflug ab Zürich nach Kopenhagen, 7 Übernachtungen im DZ (Balkonkabine) mit Vollpension, Landausflüge Anmelden spv.ch/kreuzfahrten2020

Von Bangkok geht es per Inlandflug ins charmante Chiang Mai. Im November be­ ginnt im Norden Thailands die Winter­ und damit die Blütezeit. Sehen Sie die ers­ ten zarten Knospen spriessen? Diesen far­ benfrohen Naturwundern verdankt Chiang Mai die würdevolle Bezeichnung «Rose des Nordens». Lust auf Neues müssen Sie zum Night Market mitbringen. Und einen leeren Magen. Denn um ihn mit allerlei Unbekanntem zu füllen, sind Sie hier ge nau richtig. Datum Kosten Inklusive

15.–28.11.2020 ab Fototreff 2019 bekannt Direktflug ab Zürich, 12 Übernachtungen im Doppelzimmer mit Frühstück und 12 Mahlzeiten Ausflüge und Transfers Anmelden ab Fototreff 2019 buchbar 29


KULTUR UND FREIZEIT

SOMMERPLAUSCH

Ferienbegleitung mit den Augen der Jugend

Olivia Hodel, FaGe, 20-jährig, absolviert momentan ein Teilzeitstudium mit BachelorAbschluss an der Fachhochschule Bern und arbeitet gleichzeitig im Inselspital. Von Gabi Bucher

Für Olivia war früh klar, dass sie in der Pflege tätig sein wollte. Als sich damals in der Oberstufe die Frage nach der Berufs­ wahl stellte, schnupperte sie an verschiede­ nen Orten und entschied sich dann fürs SPZ. «Dort hat es mir am besten gefallen. Da ist alles familiär, man kennt sich. Und es ist auch ein anderes Setting als in norma­ len Spitälern. Hier begleitet man die Patien­ ten nicht nur zwei bis drei Tage, sondern teilweise ein halbes Jahr. Das ist spannend, man sieht ihre Fortschritte, das hat mich fasziniert.»

Die vereinte Sommerplauschtruppe

Verschnaufpause auf dem Schiff

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Erfahrungen in der «Aussenwelt» Dass sie dabei aber in einer absolut geschützten Welt un­ terwegs war, ist ihr erst auf­ gefallen, als sie im Rahmen ih rer Ausbildung eine Woche als Be­gleitperson mit jungen Rollstuhlfahrern auf dem Sommer­plausch der SPV unter­ wegs war. «Wir hatten die Wahl zwischen Tetraferien und Spi­tex, die meisten haben sich für die Tetra­ferien entschieden. Ich wur­de als Begleitperson für den Sommer­

plausch eingeteilt.» Nein, sie habe nicht genau gewusst, worauf sie sich da einlasse, erzählt sie lachend, «da je­ doch eine Pflegeleitung der ParaHelp AG mit dabei war, machte ich mir keine allzu gros­ sen Sorgen.» Sie sei gut an ihre Aufgabe herangeführt worden, habe die nötige Un­ terstützung erhalten, sei sich aber nie kon­ trolliert vorgekommen. «Alle haben ei­ nan­der so akzeptiert wie sie sind und sich ge­genseitig geholfen, das war ganz toll», erinnert sie sich. Obwohl beim Sommerplausch anders als bei Ferienwochen für Tetraplegiker keine Eins-zu-Eins-Betreuung vorgesehen ist, sondern alle allen helfen, war Olivia mehr­ heitlich zuständig für einen Tetraplegiker und teilte mit ihm auch das Zimmer. «Die erste Nacht war etwas gewöhnungsbedürf­ tig, man teilt ja nicht jeden Tag ein Zim­ mer mit einem Fremden. Aber er war total unkompliziert. Zudem musste er ja auch mit mir ein Zimmer teilen und überhaupt sich ständig auf neue Personen einstellen, dann kann ich das auch.» Am meisten ha­­­be sie erstaunt, wie anstrengend es sein kön­ne, 24 Stunden um jemanden rum zu sein. «Ich hatte nachher ein ganz anderes Verständnis für die Angehörigen von Te­ traple­gikern. Ich konnte mich nach einer Woche zurückziehen und ausruhen, das können sie nicht.» Aber auch für den Te­ traplegiker sei das sicher nicht einfach. «Er ist ja auch für so vieles auf Hilfe ange­ Paracontact I Herbst 2019


wiesen! Eine ziemlich schwie­rige Vorstel­ lung für mich, ich bin gerne ab und zu al­ lein unterwegs.» Eile mit Weile Gelernt hat sie in dieser Woche vor allem eines: Im Alltag läuft alles ganz anders als im SPZ. «Es war eine sehr wertvolle Erfah­ rung für mich. Ich war mir nicht bewusst, wie umständlich es sein kann mit dem Roll­ stuhl im Alltag.» Wenn sich eine Einrich­ tung als rollstuhlgängig ausgebe, heisse das noch lange nicht, dass da keine Hin­ der­nisse seien. «Wir wohnten in einer Ju­ gendherberge, die war rollstuhlgängig, aber da gabs halt kein Spitalbett, das man rauf und runter lassen konnte.» Die Dusche sei schmal gewesen, der Platz über­all ziemlich limitiert. «Es war eine Herausforderung, aber spannend». Lösungen könn­ten immer gefunden werden, meint sie. «Ich bin über­ haupt erstaunt, wie Rollstuhlfahrer immer für alles Lösungen finden. Es ist praktisch nichts unmöglich für sie, unglaublich, wie sie das machen.» Man müsse improvisie­ ren, wenn man so unterwegs sei. «Aber vor allem bin ich geduldiger geworden», meint sie lachend. Bereits am ersten Tag habe sie merken müssen, dass alles langsamer lau fe, wenn man mit einer Gruppe Rollstuhl­ fahrer unterwegs sei. «Bis alle im Bus wa ren und die Rollstühle zusammengeklappt und verstaut! Das braucht Zeit, das lässt sich nicht ändern.» Auch die Morgentoi­ lette des Rollifahrers sei nicht ganz ohne gewesen. «Ich machte das sehr gerne für ihn, nur hatte ich danach keine Lust mehr, mich selber bereit zu machen. Ich hatte ja bereits jemanden bereit gemacht, zwei, das war mir irgendwie zu viel», lacht sie. So vieles sei ihr nicht bewusst gewesen da­ mals im SPZ. «Das Verständnis für die Roll­ stuhlfahrer wird sehr viel grösser nach einer solchen Woche», sagt sie. Action pur auch im Rollstuhl Klar gabs erschwerte Umstände, erzählt sie. Zum Schlafen war das Bett zu wenig hoch, also mussten zusätzliche Matratzen her, für den Transfer wars zu hoch, also Matratzen wieder weg. Fürs Darmmanagement war die Dusche eigentlich zu eng, da musste ebenfalls improvisiert werden. Eine steile Strasse wurde plötzlich viel steiler. Trotz­ dem sei diese Woche «richtig cool» gewe­ Paracontact I Herbst 2019

sen. Sie hätten permanent Dinge unternom­ men, seien immer unterwegs gewesen. «Ich war mir nicht bewusst, was alles möglich ist im Rollstuhl. Wir sind mit diesen super Geräten (Jimgo) die Berge runtergefahren wie die Wilden, über Stock und Stein. Die Rollstuhlfahrer mit genügend Handfunk­ tion waren beim Go-Cartfahren. Das hat ihnen ungemein Spass gemacht, das hat man gesehen». Und im See gebadet hätten sie. «Ich wusste gar nicht, dass Tetraplegi­

end­lich dankbar für meine Unabhängig­ keit. Ich empfehle einen solchen Einsatz wirk­lich jedem und jeder, es ist eine total bereichern­de Erfahrung.» Und dank dieser Erfahrung wird Olivia ein 13-jähriges Mädchen ins Klassenlager be­ gleiten. «Ich bin gespannt, wie das abläuft. Aber ich weiss ja jetzt, was auf mich zu­ kommt. Das wird schon werden, und Lö­ sungen gibts immer, das habe ich gelernt!»

Hoher Spassfaktor ist angesagt im Sommerplausch

SIE SIND GEFRAGT

ker schwimmen können, hatte mir das nie überlegt. Ich meine, im Hallenbad gibts all diese Einrichtungen, das war schon klar, aber im See? Wir hatten dieses Tuch, damit haben wir ihn ins Wasser gebracht.» Da­ nach hätte er gefroren und sie hätten ver­ sucht, in der schmalen Kabine die nassen Kleider gegen trockene umzutauschen. Ein richtiges Abenteuer, meint sie, einfach toll und beeindruckend zu sehen, wie die Jun­ gen damit umgehen, im Rollstuhl zu sein. «Die sind so motiviert, machen so viel, da mit sie mit dabei sein können, das finde ich total schön.» Olivia denkt auch heute, mehr als zwei Jahre später, noch oft an diese Woche zu­ rück. «Es gab mir eine andere Sichtweise aufs Leben. Ich habe danach viel mit mei­ nen Eltern geredet darüber und bin un­

Wir suchen immer wieder auch junge Menschen als Begleitung, vor allem für den Sommerplausch. Pflegerische Fähigkeiten sind nicht unbedingt Voraussetzung. In einem eintägigen Ein­füh­ rungskurs in die Tetrabegleitung, wel­cher sich auch für Teilnehmende des Sommerplausches eignet, zeigen wir auf, worum es dabei geht. Nächstes Jahr findet der Sommerplausch in Inter­laken statt. (Angebote für Tetraplegiker finden Sie auf Seite 28.) Inhalt des Einführungskurses – Sinn und Zweck der Ferien für Mitglieder mit einer Tetraplegie – Theorie Para-/Tetraplegie (Ursachen, Folgen, Komplikationen) – Einblick in die Rollstuhlhandhabung und Transfers – Verhalten, Tipps, Fragen, Diskussion (Kurse: www.spv.ch/veranstaltungen)

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KULTUR UND FREIZEIT

DER PERFEKTE TAG

Hoch hinaus Yann Avanthey, Aussendienstmitarbeiter in der französischen Schweiz, hat eine ganz spezielle Freizeitbeschäftigung für sich entdeckt, das «Bodyflying». Von Gabi Bucher

Yann parkt seinen Wagen etwas ausserhalb von Sion neben einem hohen grauen Turm. «Hier ist es», sagt er. Damit meint er das Zentrum «Realfly», ein Indoor-Freifallsimu­ ­lator. Wir betreten das Gebäude, es surrt, braust und rumpelt. Am Empfang werden wir herzlich begrüsst. Yann registriert sich und beantwortet die nötigen Sicherheits­ fragen auf dem iPad. «Nein», murmelt er, «schwanger bin ich nicht.»

Yann bereit zum Abflug

Im Windkanal hinter uns hängt eine rote Puppe und dreht und wendet sich elegant. Bei näherem Hin­­sehen zeigt sich, dass es keine Puppe ist, son­dern ein Mann. Auf Sesseln rund um den Turm sitzen ein paar Besucher und schauen gebannt zu. Das ist Paracontact I Herbst 2019

nun also Bodyflying? Scheint gar nicht so kompliziert. Dass hier gerade ein Profi am Werk ist, merke ich erst später. Atmen nicht vergessen Das Zentrum ist gut organisiert. Yann und fünf weite­re Besucher werden von Olivier zu einer kurzen Instruktion ins Unterge­ schoss geführt. Dort erhalten sie einen An­zug, Helm und Brille. Olivier hilft Yann, die Beine zusammenzubinden, er scheint sich auszukennen. Dann erklärt er, wie man sich im Windkanal zu verhalten hat: Arme nach vorne, Beine leicht angewinkelt. Für Yann wird ein zusätzlicher Instruktor mit dabei sein, der mit der Stabilität hilft. Dann noch eine Erklärung zu den Handzeichen. «Sprechen geht nicht», sagt Olivier, «atmen schon, bitte nicht vergessen, auf die Dauer ist das ungesund.» Die sechs lachen, mehr oder weniger locker. Für Yann kein Prob­ lem, er ist nicht das erste Mal da. Er hatte davon gehört, ist mit seiner Familie hin­ gefahren, hats ausprobiert und war restlos begeistert. Ab durch die Mitte Die sechs begeben sich wieder nach oben, jetzt sind sie dran. Letzte Instruktionen,

dann Brille umbinden, Helm aufsetzen und rein in den Vorraum des Windkanals. Ge­ bucht sind vier Mal je eine Minute Flug­ zeit. Die Fussgänger lassen sich durch eine Tür in den Windkanal fallen, Yann fährt bis zur Türe und legt sich mit Hilfe von zwei Instruktoren rein. Ganz so einfach ist es aber nicht. Die Balance muss gehalten wer­ den. Einige sinken schon mal zu Boden wie Steine. Der Instruktor bringt sie wie­ der hoch. Auch Yann hat Anfangsschwie­ rigkeiten. Beim zweiten Durchgang läufts besser. Beim dritten hat auch er den Kniff wieder gefunden und liegt relativ ruhig und mit nur noch wenig Hilfe im Luftstrom. Der vierte Durchgang ist die Königsdiszi­ plin: Die Windstärke wird erhöht, zwei In­ struktoren stehen bereit. Und dann gehts ab durch die Mitte, rauf in den 14 m hohen Turm. Hochgesaugt im Windkanal sind sie ein paar Sekunden weg, tauchen wieder ab, um gleich wieder in die Höhe zu fahren. Da gehts Hoch hinaus und alle scheinen richtig viel Spass zu ha­ben. Ansehen tut man es ihnen allerdings nicht direkt, denn was Helm, Brille und vor allem die 150 km/h Wind aus einem Gesicht machen, ist zu­ gegebenermassen nicht sehr vorteilhaft. Das Abenteuer ist nicht ganz billig, aber sei­nen Preis durchaus wert, meint Yann, ein Riesenspass! Er empfiehlt es allen, die mal etwas anderes erleben möchten. Das Zen­ trum ist rollstuhlgängig, mit Park­platz und Toilette, und die Instruktoren sind ger­ne bereit zu helfen, wo es Hilfe braucht. Ein grosses Dankeschön an alle für den sehr zuvorkommenden Empfang.

Rollstuhlgängige Windkanäle Sion: www.realfly.ch Winterthur: www.windwerk.ch 33


ROLLSTUHLSPORT

BREITENSPORT

Heute schon bewegt?

Ob Mountainbike oder Wasserski – bei Rollstuhlsport Schweiz (RSS) ist vieles möglich. Unsere Camps und Active Motion Days bieten ein abwechslungsreiches Bewegungs- und Sportangebot.

Von Martina Meyer

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Paracontact I Herbst 2019


Mit unserem Programm versuchen wir je­ weils, verschiedene Sportarten für Roll­ stuhlfahrer mit unterschiedlichen Voraus­ setzungen anzubieten. Für unsere Jüngsten werden altersspezifische Angebote orga­ nisiert. Weiter sind wir bemüht, sämtliche Sprachregionen der Schweiz abzudecken.

Nebst Action, Sport und viel Spass studier­ ten die Kids dieses Jahr einen für sie eigens kreierten Song ein – unsere neue KidsCamp-Hymne. Für Kinder aus der West­ schweiz und dem Tessin wird zusätzlich ein Kids Day in der entsprechenden Region durchgeführt.

Das Kids Camp in Nottwil ist eines der Highlights für die Kleinen. Jeweils im Juni verbringen Kids im Alter von 6 bis 12 Jah­ ren zusammen mit ihren Eltern und Ge­ schwistern ein abenteuerliches Wochen­ ende im Schweizer Paraplegiker-Zentrum.

Beim fun for wheelies sind Teenager im Alter von 13 bis 20 Jahren unter sich. Neu können die Jugendlichen je eine Begleit­ person (Kollege/-in, Geschwister) im ähn­ lichen Alter mitnehmen, welche das Wo­ chenende ebenfalls im Rollstuhl verbringt. Dieses Jahr jagten wir den Fuchs durch die Leuchtenstadt Luzern, absolvierten einen Biathlon, lernten die Schweizer Vogelwar­te kennen und legten uns taktische Strategien beim Boccia-Turnier zurecht. Wenn der Wind fehlt Der Mai sah vielversprechend aus. Der win­ dige Monat liess auf einen optimalen Ein­ steiger-Kitekurs hoffen. Just an unserem Kurstag hat der Wind jedoch abgestellt, und wir konnten den Tag leider nicht durch­ führen. Anders im Juni in Lugano: Für den Segelkurs beim Segelclub «Circolo Velico di Lugano» waren die Bedingungen per­ fekt. Die Teilnehmer lernten viel Wissens­ wertes rund ums Segeln und bestritten ih­re erste Regatta in den Hansa-303-Booten.

Weitere Angebote von RSS in Nottwil Jeweils montags und mittwochs (April bis Ok­tober) findet ein Tennisunterricht für Anfänger und Fortgeschrittene statt. Don­ nerstags wird im SPZ unter fachkundiger Leitung Tischtennis gespielt. Jeden letzten Samstag im Monat können Kinder und Ju­ gendliche im Alter von 6 bis 20 Jahren ei nen Schwimmkurs besuchen. Mitte Okto­ ber organisiert RSS das Sportcamp «move on». Während einer Woche werden 15 ver­ schieden Sportarten zum Kennenlernen angeboten.

Beim Seeclub Sempach konnten wasserbe­ geisterte gleich zwei Sportarten ausprobie­ ren. Dabei lernten sie zwei unterschiedliche Techniken kennen: «vorwärts» paddeln und «rückwärts» rudern. Ob einem das Kajaken oder das Rudern besser gefallen hat, konnte jeder Teilnehmer für sich sel­ ber entscheiden.

Alle unsere Angebote sind nur dank der guten und treuen Zusammenarbeit mit un­ seren Partnern, Kursleitern, aber auch un­ seren freiwilligen Helfern möglich. Ihnen allen gehört an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön!

Adrenalin pur In Conthey eroberte man die Bergwelt mit dem Mountainbike. Die aus allen Ecken der Schweiz angereisten Teilnehmenden wag­ ten die rasante, 11 Kilometer lange Abfahrt in unterschiedlichen Bikes (Cimgo, Explo­ rer oder Quadrix) – geführt oder selbstän­ dig. Die Abfahrt wurde zweimal absolviert. So konnte man verschiedene Geräte testen. Auch in Mols war Action angesagt. Beim Wasserskifahren am Walensee sausten un­ sere Rollstuhlsportler in flottem Tempo übers Wasser und hatten dabei viel Spass.

Sie haben Ihre bevorzugte Sportart noch nicht gefunden? Unsere 27 Rollstuhlclubs bieten weitere Sportarten an.

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SPORT IN DEN CLUBS

Besuchen Sie dazu unsere Webseite www.spv.ch (Unsere Rollstuhlclubs) oder kontaktieren Sie uns via rss@spv.ch. Rollstuhlsport bewegt! Treiben auch Sie regelmässig Sport und tun damit etwas Gutes für Ihre Gesundheit und Ihr allgemeines Wohlbefinden.

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ROLLSTUHLSPORT

LEICHTATHLETIK

TISCHTENNIS

Dubai – oder wenn die WM im November stattfindet

Heja Sverige! Vom 16. bis 21. September 2019 findet die Para-Tischtennis-EM in Schweden statt.

Erwartungen und Überraschungen Manuela Schär und Marcel Hug haben sich bereits einen Quotenplatz für die Pa­ ralympics 2020 in Tokio gesichert. Ob sie daher in Dubai ihre Medaillen aus 2017 ver­ ­teidigen werden, ist noch unsicher. Nach Formstand der Schweizer Athleten dem Abschluss ihres Lehrerstudiums ist Erfreulicherweise haben viele Schweizer auch Catherine Debrunner wieder dabei Athleten unter anderem an der Rennserie und hegt grosse Ambitionen. Die finale in Nottwil und Arbon äusserst positive Ak­ Selektion fin­det Anfang September statt. zente gesetzt. Sie werden alles daransetzen, ihre Form für die WM vom 7. bis 15.11.2019 WPA Championships Dubai 2019 im selben Masse aufzubauen. www.paralympic.org/dubai-2019

Der erstklassige Austragungsort – die Helsingborg Arena – hat sich mit der Austragung der Senioren-Europameisterschaft 2017 bereits einen Namen gemacht. Für die EM 2019 werden rund 300 Athleten erwartet, welche in elf verschiedenen Klassen antreten. Die Resultate der ITTF ParaTischtennis-EM tragen direkt zur Qualifikation der Paralympischen Spiele 2020 in Tokio bei.

Der internationale Verband schenkt Dubai (UAE) das Vertrauen für die Austragung der Leichtathletik-WM 2019, auch wenn die Durchführung so spät im Jahr vereinzelt für Stirnrunzeln gesorgt hat.

Für die Schweiz starten Silvio Keller in der Klasse M1 sowie der stehende Valentin Kneuss, Klasse M6. Betreut wird das Para-Tischtennis-Duo durch den Basler Nationaltrainer Philipp Zeugin.

Weitere Informationen zur Tischtennis-EM www.ittf.com

WINTERPROGRAMM

Fit im Winter Die nächste Wintersaison steht bald vor der Tür. Ob Bob, Curling, Langlauf oder Ski Alpin – das Winterprogramm von Rollstuhlsport Schweiz ist wie jedes Jahr vielseitig. Die detaillierte Ausschreibung finden Sie ab Oktober auf www.spv.ch/breitensport. 36

TOKYO 2020

Paralympics und Olympia Paralympics. Para bedeutet in diesem Falle nicht Paraplegie, sondern «parallel». Dies, weil die Paralympischen Spiele gleich nach den Olympischen Spielen an den gleichen Orten stattfinden. Intensiv ist die Zusam­ menarbeit der beiden Schweizer Delega­ tio­nen: Swiss Olym­pic unterstützt die Pa­ ralympische Mission organisatorisch und finanziell. Das gemeinsame Team-Treffen

wird für Tokyo 2020 am 31.10./1.11.2019 im SPZ Nottwil durchgeführt. An beiden Ta gen werden neben paralympischen auch olympische Athleten im SPZ sein. Die Som­ mer­spiele finden vom 25.8. bis 6.9.2020 in Tokio, Japan statt. Mehr Infos zu den Paralympics https://tokyo2020.org Paracontact I Herbst 2019


LEICHTATHLETIK

Volle Tribünen

PARA -CYCLING

Bekannter Austragungsort – neue Streckenführung Neun Handbiker vertreten die Schweiz vom 11.–15.9.2019 an der WM im holländi­ schen Emmen. Unsere Athleten kennen den Austragungsort von zahlreichen Welt­ cups bestens. Für die WM hat das OK drei neue Strecken präsentiert. Bei allen Ren­ nen ähnelt sich die Charakteristik – flache und kurze Rundkurse prägen die Wett­ kämpfe. Sandra Graf und Benjamin Früh wollen ihre Medaillen aus dem Vorjahr verteidigen, aber auch Heinz Frei oder der wieder genesene Tobias Fankhauser sind in Lauerstellung.

Programmanpassung Bisher wurde jeweils an vier Renntagen um Medaillen gekämpft. Neu macht der attraktive Team Relay Event (Staffel) den Auftakt und das Programm wird auf fünf Wettkampftage ausgedehnt.

Giro Suisse 2020

Paracontact I Herbst 2019

Was macht die Rennen so besonders? Inklusion pur! An den grossen Meetings in der Schweiz zeigen wir mit internationalen Startfeldern spektakuläre Rennen. Es gibt uns auch die Möglichkeit, auf den Rollstuhlsport auf­ merksam zu machen und ver­mehrt in den Medien präsent zu sein.

Interessiert? Para-cycling Road World Championships www.uci.org/para-cycling

QUER DURCH DIE SCHWEIZ

Zum 40-jährigen Jubiläum der SPV lan­ ciert Rollstuhlsport Schweiz das Projekt «Giro Suisse». Mit der Idee, die Schweiz während den Paralympics in 13 Etappen zu umrunden und dabei die verschiedenen Rollstuhlclubs «anzufahren». Um einen Event dieser Grösse durchführen zu kön­ nen, braucht es die Unterstützung unserer Rollstuhlclubs. Sie helfen uns bei der Aus­ wahl und der Rekognoszierung der Stre­ cken und legen diese schlussendlich fest. Mit diesem Projekt wird die Vernetzung unter den Clubs gefördert und sie können regional auf ihre Aktivitäten aufmerksam machen.

Andreas Heiniger, Leiter Leistungssport Rollstuhlsport Schweiz, über die RollstuhlLeichtathletikrennen am «Spitzen Leichtathletik Luzern», «Athletissima Lausanne» und «Weltklasse Zürich».

Seien Sie mit dabei! Der Event findet vom Dienstag, 25. August bis Sonntag, 6. September 2020 mit Ziel­ ort SPZ Nottwil statt. Das Datum fällt be­ wusst auf die Zeitdauer der Paralympics in Tokio, um die erhöhte Sensibilität für den Rollstuhlsport positiv zu nutzen. Alle Club­ mitglieder sind herzlich eingeladen, an einzelnen oder mehreren Etappen mitzu­ radeln. Aus logistischen Gründen ist die Anzahl Startplätze beschränkt. Lust, mitzumachen? Infos bei spv.ch, rss@spv.ch, Thomas Hurni, Tel. 041 939 54 34

In vollen Stadien vor bis zu 25 000 frenetischen Fans Bestleistungen zeigen zu können, das ist das Ziel eines jeden Athleten und stellt ein grosses Highlight dar. Diese Anerkennung ist auch ein Lohn für die tägliche harte Arbeit. Wie sieht die Zukunft aus? Die Rückmeldungen von Zuschauern sind durchwegs positiv. Sie erfreuen sich an unseren interessanten Wettkämpfen und suchen den direkten Kontakt mit unseren Rollstuhlathleten. Gemeinsam mit den Veranstaltern sind wir sehr interessiert, den Athleten auch in Zukunft diese Plattform ermöglichen zu können. 37


ROLLSTUHLSPORT

NOTT WIL 2019 WORLD PARA ATHLETICS JUNIOR CHAMPIONSHIPS

Fest der Jugend

An der Junioren-WM in Nottwil massen sich rund 300 Jugendliche. Mit dabei vier Schweizer Talente. Eine davon – Licia Mussinelli – bringt fünf Medaillen nach Hause. Von Evelyn Schmid

Sie sind jung, talentiert und ehrgeizig. Die vier Schweizer Nachwuchsathleten, die sich dank guten Leistungen für die JuniorenWM qualifiziert hatten, haben ihr Bestes gegeben. Bei Licia Mussinelli reichte das für fünf Medaillen, bei den anderen für gute Zeiten und einen Rucksack voll wich­ tiger Erfahrungen. Die Medaillensammlerin Licia Mussinelli ist die erfahrenste der vier Schweizer. Sie wurde mit Spina bifida ge­ boren und wuchs in Derendingen auf. Seit acht Jahren fährt sie Rennrollstuhl. Derzeit be­sucht sie das Sportler-KV der Frei’s Schu­ len Luzern. An der Junioren-WM von 2017 hatte sie eine Gold- und eine Silbermedail­le geholt. Die Erwartungen vor dem Anlass waren also gross. Dem hat sie standgehal­ ten. Die Bilanz lässt sich sehen: einmal Gold und je zweimal Silber und Bronze.

Fünf Starts in vier Tagen zehren an den Kräften, teilte mir Licia Mussinelli schon am Ende des dritten Tages mit. Dass den­

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noch fünf Podestplätze resultierten, freute die Athletin, die schon an die weiteren Kar­ ­riereschritte denkt: «Ich bin glücklich über die fünf Medaillen, und es war eine gute Erfahrung, mich mit Nachwuchstalenten aus aller Welt zu messen. In Zukunft aller­ dings muss ich mich an der Elite orientie­ ren.» Das wird nicht einfach. Doch die So­ lothurnerin wird bei diesem Schritt im Rahmen der Sport Akademie in Nottwil professionell begleitet. Sie selbst weiss ge nau, wo und wann die nächste Hürde an­ steht: «Ich möchte mich für die EM 2020 in Polen qualifizieren.» Die drei U17 Ein Tumor am Rücken führte dazu, dass der Basler Matiwos Russom zum Paraple­ giker wurde. Er trainiert seit drei Jahren in Nottwil und kam als 7-Jähriger aus Eritrea in die Schweiz. Es war seine erste Teilnah­me an einer Junioren-WM. Nach den Sommer­ ferien beginnt er mit der Sportklas­se der Wirtschaftsmittelschule in Reinach. Er star­ tete in den gleichen Rennen der Klasse T54

wie sein Trainingskamerad Dario ­Studer. Dieser war schon vor zwei Jahren dabei, steht aber auch noch am Anfang sei­ner Sportkarriere. Er lebt im solothurni­schen Hauenstein und ist aufgrund von Spi­na bi­ fida auf einen Rollstuhl angewiesen. Er be­ ginnt nach den Sommerferien ei­­­ne kauf­ männische Ausbildung. Beide Athle­ten beendeten ihre Rennen in der zweiten Hälfe der Rangliste, jedoch hatte das Sam­ meln von Erfahrungen bei ihnen Priorität. Die 14-jährige Linda Flury aus dem berni­ schen Rohrbachgraben ist die Jüngste im Schweizer Team. Auch sie ist mit Spina bifida auf die Welt gekommen und hat schon früh den Rennrollstuhl für sich ent­ deckt. Sie startete in einem kleinen Feld und muss­te sich von der noch übermäch­ tigen Konkurrenz geschlagen geben. Zukunft? Es braucht Jahre, bis aus einem jungen Sportler ein international erfolgreicher Ath­ ­let wird. Der Weg ist steinig, geprägt von

Paracontact I Herbst 2019


wenigen kleinen Triumphen und Glücks­ momenten, aber vor allem von vielen an­ strengenden Trainings und der einen oder anderen schmerzhaften Niederlage. Damit sich junge Menschen am Anfang ihrer Karriere nicht gleich mit der Elite messen müssen, hat World Para Athletics diese Ju­ nioren-WM vor zwei Jahren geschaffen. Ge­­gen Gleichaltrige besteht man einfacher, kann beobachten, wie sich andere entwi­ ckeln und wie sie gefördert werden. Ein Lehrplatz also für Athleten, Trainer und Verbände. Auch Trainer Paul Odermatt, der seit Jahr­ zenten junge Leichtathleten an den Spitzen­ sport heranführt, sieht das so: «Das Niveau der internationalen Konkurrenz war be­ achtlich und die Messlatte für alle vier Schweizer sehr hoch. Licia Mussinelli hat sehr reife und taktisch geschickte Leistun­ gen gezeigt. Sie versteht es jetzt schon viel besser, Rennen korrekt zu lesen und Ent­ scheide im richtigen Moment zu fällen als vor zwei Jahren. Matiwos Russom und Dario Studer können noch nicht ganz vor ne mithalten. Aber ich habe den Eindruck, dass sie Lunte gerochen haben. Nun braucht es in den kommenden Jahren viel Arbeit, Fleiss und Motivation. Einiges kann man steuern und fördern, anderes aber ist nicht vorhersehbar, zum Beispiel die körperli­ che Entwicklung. Da muss man hoffen und manchmal auch etwas Geduld haben.» Auch mit Linda Flury ist Paul Odermatt zufrieden: «Sie war zum ersten Mal bei ei ner Junioren-WM dabei und hat ihre Ren­ nen sehr gut gemacht. Sie darf sich noch nicht vergleichen mit der Konkurrenz, die schon erfahrener ist. Aber sie ist flink und koordinativ stark. Das sind wichtige Vor­ aussetzungen für die Zukunft.» Rahmenprogramm für Mutige … Auf einem Rad um die Kurve, über die Schanze und hoch auf das Podest. Mit Tempo runter und waghalsig über die Rails. Das ist zwar eine Kleinigkeit für die beiden WCMX-Profis David Lebuser und Lorraine Truong, aber nicht für alle Teil­ nehmer ihrer Workshops. Die WM bot die gute Gelegenheit, um die neue Sport­ art Rollstuhl-Skaten – offiziell Wheelchair Mo­­tocross, kurz WCMX genannt – vorzu­ Paracontact I Herbst 2019

Linda Flury und Licia Mussinelli – ein hoffnungsvolles Gespann

Dario Studer und Matiwos Russom sammelten Erfahrung

WCMX in Style über Rails

VI-Weitsprung einfach spektakulär

stellen. Fast immer waren die Workshops ausgebucht, denn nicht nur Rollstuhlfah­ rer, sondern auch viele mutige Fussgänger wollten den Trendsport ausprobieren.

«Wasser für Wasser» 6000 Plastikflaschen wurden nach dem An­lass vor zwei Jahren entsorgt. Eindeu­ tig zu viel! Deshalb hat das OK beschlos­ sen, ein Zeichen zu setzen und mit «Was­ ser für Wasser», Brack.ch und BWT Aqua drei starke Partner gefunden, die das Pi­ lot-Projekt un­terstützten. 1500 Mehrweg­ flaschen, die an Auffüllstationen mit Lei­ tungswasser auf­gefüllt werden konn­ten, wurden an Ath­le­ten, Betreuer und Volun­ teers gratis abgegeben. Damit wurde 80% des Flaschen­was­sers vermieden. Gleich­ zeitig unterstützte das OK damit Wasser­ projekte in Afrika.

… und für Bewegliche Es wurde getanzt und gehüpft, geklatscht und gesungen. Die Junioren-WM war ein Event für die ganze Familie. Der Kids- und Family-Park mit Karussell und verschiede­ nen Hüpfburgen war beliebt. Auch die Konzerte der Kinderbands Tischbombe und Martin Imlig zogen viele Familien mit kleinen Kindern an, die sich mitreissen liessen.

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RUBRIK ROLLSTUHLSPORT

JEUX INTERCENTRES

Ein 11. September voller Aktivitäten Die diesjährigen «Jeux Intercentres» finden in der Rehab-Klinik Basel statt. Auch die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung wird an dieser wichtigen Veranstaltung anwesend sein. Von Davide Bogiani

Kaum sagt man 11. September, da werden Erinnerungen wach. Genau 10 Jahre nach den Terroranschlägen in den USA wur­de das «National September 11 Memorial & Museum» eingeweiht. Auch im Gedenken an die Verletzten bei Rettungsarbeiten er­ innert es am internationalen Gedenktag an die Verunfallten am Arbeitsplatz. Un­ fälle, die manchmal schwerwiegende Fol­ gen haben können. Den Reha-Patienten geben die verschiedenen Therapien täglich

bringen und neue Sportarten zu entdecken. Es ist auch eine Gelegenheit, andere Men­ schen in ähnlichen Lebenssituationen ken­ nenzulernen. Solche, die genauso in anderen Kliniken verweilen. So entsteht ein Aus­ tausch, eine Auseinandersetzung, ein Grup­ pengeist. Ein wichtiger Schritt – der letzte vor der Entlassung – um sich auszutauschen, quasi als Beitrag zur Vorbereitung für diesen wichtigen Übergang: die Rückkehr nach Hause nach der langen Rehabilitationszeit.

Jeux Intercentres 2018: reger Austausch im Balgrist Zürich

den Takt an, bis zum lang ersehnten Tag der Entlassung. Dieser ist ein wichtiger Mei­ lenstein, auf den sich die Patienten sorgfäl­ tig vorbereiten müssen. Wichtiger Austausch Der 11. September ist auch der Tag, an dem dieses Jahr die Jeux Intercentres stattfin­ den werden. Eine Veranstaltung, bei der die Patienten der Reha-Kliniken SPZ Nottwil, CRR Sion, Balgrist Zürich und Rehab Basel sich treffen, um zusammen einen Tag zu ver­ 40

Dieser Anlass wird abwechselnd in einer der vier genannten Kliniken organisiert, wobei die Schweizer Paraplegiker-Verei­ nigung seit Jahren als Co-Sponsor teil­ nimmt. Dieses Jahr werden die Jeux Inter­ centres in der Rehab-Klinik in Basel abgehalten. Vielseitiges Programm Eingeläutet wird der Morgen durch zwei Aktivitäten. Die erste ist eine Spielrunde mit dem Namen «Play4you». Dabei wer­

den die Teilnehmer zu verschiedenen He­ rausforderungen und GeschicklichkeitsWettkämpfen eingeladen. Bei der zweiten Aktivität geht es ums Tauchen. Dies in Zu­ sammenarbeit mit dem Club RollstuhlTaucher Zürich. Am Nachmittag sieht das Programm einen Aktivitäten-Parcours in Gruppen vor. Unter dem Motto «Rund ums REHAB» werden an drei Posten drei verschiedene Sport­ aktivitäten vorgestellt: Tischtennis, Hand­ bike und Boccia. Beim Tischtennis sei die Anwesenheit des Instruktorenteams des Rollstuhlclubs Basel im Speziellen genannt. Schon seit Jahren bieten sie diese Sportdis­ ziplin innerhalb der Reha-Klinik Basel an. Am zweiten Posten können die Teilnehmer sich mit Handbike beschäftigen. Je nach Witterung findet es draussen oder in der Klinikhalle statt. Als dritte Aktivität steht das Boccia-Spiel auf dem Programm und wird von Rollstuhlsport Schweiz vorge­ stellt. Diese Sportart, die in Italien eine lange Tradition hat, erlebt aktuell einen starken Aufschwung in der Welt des Para­ lympischen Sportes. Die «Bocce» (Kugel) aus Leder, die Dimensionen des Spielfel­ des sowie die Wurf-Rampen machen die­ ses Spiel auch für Menschen mit einer Te­ traplegie zugänglich und attraktiv. Alles in allem ein Tag, den man nicht ver­ passen sollte. Eine Möglichkeit, sich zu einem neuen Sport anspornen zu lassen, neue Menschen kennenzulernen, bevor man wieder nach Hause geht. Dies ist der «Spirit» der Jeux Intercentres «Rund ums REHAB». Paracontact I Herbst 2019


ROLLSTUHLSPORT

Freudig und sicher unterwegs

AUSBILDUNG

Learning by skiing Alles fährt Ski – das soll auch für Menschen im Rollstuhl möglich sein. Doch wie? Und durch wen? Von Thomas Hurni

Ski zu fahren ist für Menschen mit einer Beeinträchtigung nichts Aussergewöhnli­ ches. Viele Monoskibob-Fahrer «gingen» durch die Sörenberger Schule. Wie man Roll­stuhlfahrern das Skifahren beibringt, erklärt am besten Richard Studer, unser ver­­sierter und kompetenter Skilehrer und Skilehrerexperte im Disabled Sports-Be­ reich (DS).

Wichtig: gut eingepasst Paracontact I Herbst 2019

Die Erfahrung macht es aus «Frägt» (fragen im Entlebucher Dialekt) man Richard Studer, Co-Leiter der Mono­ skibob-Skilehrer in Sörenberg, wie es denn so sei, einem Rollstuhlfahrer das Skifahren beizubringen, beginnen seine Augen zu glänzen und die Erklärungen kennen we der Punkt noch Komma. Die wichtigste Voraussetzung, um ein kompetenter Ski­ lehrer zu sein, beginnt bei der eigenen Ski­ technik, die ausserordentlich gut sein muss. Wichtig ist auch das Know-how rund um die Geräte und deren Einstellungen. Dabei geht es um die korrekte Schalenbreite und Höhe der Rückenlehne sowie um die not­ wendige Dämpfereinstellung. «Oft wird die Bedeutung der Skiwahl unterschätzt, was den Lernfortschritt hemmen kann», sagt der Landwirt mit über 20-jähriger Erfah­ rung als Skilehrer.

Sind alle Bedürfnisse berücksichtigt und sitzt der Gast gut eingepasst in der Sitz­ scha­le, geht es an die erste Abfahrt, die vom Skilehrer an der Schale haltend geführt wird. Dabei schaut Richard darauf, dass je der Handgriff sitzt und kommentiert wird, sodass der Gast jederzeit nachvollziehen

kann, was gerade passiert. Dies vermittelt Sicherheit, was sich positiv auf das Selbst­ vertrauen auswirkt. Ist die erste Abfahrt bewältigt, steht beim Skilift die nächste Herausforderung an – das Liftfahren. Auch hier erklärt er dem Gast genau, wie dies vor sich geht. Anfänglich ist der Skilehrer am Skilift über einen Gurt mit ei­nem Karabi­ ner am Gestell verbunden und kann so die Liftfahrt ganz eng begleiten. Die Auslö­ sung der Zugvorrichtung betätigt Richard am Ende des Skilifts so lange, bis der Gast dies selbstständig tun kann. Später werden die Liftfahrten neben dem Gast be­gleitet. Als nächste Lernschritte stehen Fahrten in der Falllinie, die Schrägfahrt sowie die ers­ ten selber ausgelösten, gerutschten Schwün­ge im leicht abfallendem Gelände an. Im mer wieder schaut Richard darauf, dass Stürze talwärts vermieden werden, dass die technische Ausführung korrekt und das Tempo dem Lernniveau angepasst ist. Mit dem Virus angesteckt Viele Gäste erlernen das selbstständige Ski­ fahren in einigen Tagen. Richard präzisiert aber: «Die körperlichen Voraussetzungen und Schneeerfahrungen als ehemaliger Fuss­gänger haben beim Lerntempo eine zen­trale Bedeutung.» Ist der Bann gebro­ chen und die erste selbstständige Fahrt ab­ solviert, wird mit Spass gefahren. Später kommt die Technik des Sesselliftfahrens dazu. Damit ist es aber nicht getan. Viele Skifahrer kommen regelmässig zurück, um bei Richard und seinem Team die Technik oder das Material zu verfeinern oder ein­ fach einen tollen Skitag zu erleben.

Nach unserem Gespräch begleitet Richard Studer zufrieden und verschmitzt lächelnd einen Monoskibob-Novizen zur Gondel­ bahn, im Wissen darum, jemandem trotz Rollstuhl eine neue Perspektive in der Natur und im Sport vermittelt zu haben. INFORMATIONEN Interesse an der Ausbildung zum Monoskibob-Lehrer? Weitere Informationen gibts unter www.rollstuhlsport.ch (Ausbildung)

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VERMISCHTES

REISETIPP

Lateinamerika «for all» Sie haben Lust, Südamerika zu entdecken? Dann kennen wir den Partner für Sie: «Latinamerica for all» bringt als Reiseveranstalter über zehn Jahre Erfahrung mit. Im Angebot hat das Spezial­reisebüro Touren für mobili­täts­eingeschränkte Reiselus­tige. Profitieren Sie dank Ihrer Mitgliedschaft bei der SPV: Bu­chen Sie online Ihre Tour nach Argentinien, Ecuador oder Peru. Bei der Buchung geben Sie den Code LAT4ALL-SPV ein und erhalten so einen Preisnachlass von USD 50.– pro Person und Buchung. Südamerika entdecken latinamericaforall.com

FERIENTIPP

Campingferien in Sempach Sonnenuntergänge, zirpende Grillen, war me Sommerluft und Natur pur: Das ist Campieren! Seit dem Frühjahr 2019 besitzt die Schweizer Paraplegiker-Stiftung einen speziellen Wohnwagen, der extra für die Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern konstru­ iert worden ist. Der hindernisfreie Wohn­ wagen ist fix auf dem TCS Camping Sem­ pach direkt am Sempachersee stationiert. Er bietet Platz für maximal drei Personen und ist ausgestattet mit Geschirr, Grill, Kaf­ feemaschine, Gartentisch, Stühlen und vie­ lem mehr. Der Campingplatz ist zudem mit

barrierefreien Infrastrukturen ausgestattet. Reservieren können Sie den Wohnwagen für nur CHF 40.– pro Tag beim TCS Cam­ ping Sempach (camping.sempach@tcs.ch, Tel. 041 460 14 66). Hinzu kommen die Ge­ bühren für den Campingplatz (CHF 11.– pro Erwachsener in der Nebensaison oder CHF 14.– in der Hochsaison).

Mehr Informationen www.hotelsempachersee.ch (unter Wohnwagen)

DIE ZAHL

2032 Die Sanierung der IV ist auf Kurs: Die Schulden dürften bis ins Jahr 2032 abgebaut sein. Dies geht aus den jährlich pu­blizierten Finanzperspek­ tiven des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) hervor. Der Grund? Immer weniger IV-Beziehende und ein Leistungsabbau bei gleichzeitig steigender Anzahl Versicherter. Dadurch konnten seit 2010 die Schulden um rund einen Drittel abgebaut werden. Leistungskürzungen sind im Rahmen der laufenden IV-Weiterentwicklung daher nicht angezeigt. 42

TRENDSPORTART

Street Racket Anyone, anytime, anywhere. Jeder, jederzeit und überall, so lautet der Slogan für die neue Sportart, die auch bei Rollstuhlsport Schweiz seit Kurzem auf dem Programm steht. Sie hat eine wah re Breitensport-Welle bei Fussgängern und Rollstuhlfahrern ausgelöst. Dies sowohl in der Schweiz als auch im Ausland. Was braucht es dazu? Ein Spielfeld aus drei gleich grossen Quadraten, einen Ball und Schläger (zur Not geht auch ein kleines

Brett oder ein Buch) sowie zwei oder mehr Spieler. Da es sehr einfach ist, können Rollstuhlfahrer und Fuss­ gän­ger gemeinsam spielen. Rollstuhlsport Schweiz hat das Spiel als Empfehlung in die Schulung von Kursleitern aufgenom­ men und einige Rollstuhlclubs spielen es bereits in ihren Trainings. Interessiert? Mehr Informationen und Material können bei Street Racket bestellt werden: www.street­racket.net Paracontact I Herbst 2019


IM TESSIN

Mountainbike oder Wakeboard? Dank des Vereins Ti-Rex Sport gibt es laufend mehr Sport­ angebote im Tessin. Die Idee des Vereins ist es, die höchste Anzahl an motorisch behinderten Menschen für «unvorstellbare Sportarten» zu begeis­tern. Am Luganersee wurde diesen Sommer zum ersten Mal ein Wakeboard-Tag angeboten. Diese Sportart ist für mutige Querschnittgelähmte mit guten Handfunktionen möglich. Man sitzt dabei auf einem Swaik, einem leichten Sit-Wakeboard. Auch Montainbiken ist im An­gebot. Mit drei Explorern, ei­nem Jeetrike und einem Cimgo wurde am Wochenende vom 13. und 14. Juli die steile Abfahrt in Livigno getestet. Zusammen mit der SPV führt Ti-Rex Sport auch einen Mountainbike-Schnuppertag in Airolo durch.

INCLUSION HANDICAP

Kein Urteil über Diskriminierung Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) ist nicht auf die Beschwerde eines Rollstuhlfahrers eingetreten, der in Genf nicht in ein Kino gelassen wurde. Marc Glaisen ist Paraplegiker und durfte 2008 aus Sicherheitsgründen einen Film nicht ansehen. Er war mit der Zutrittsver­ weigerung nicht einverstanden. Mit Unter­ stützung von Inclusion Handicap bestritt er den Rechtsweg bis vor Bundesgericht, ge­stützt auf Art. 6 Behindertengleichstel­

lungsgesetz (BehiG). Dort heisst es: «Priva­te, die Dienstleistungen öffentlich anbieten, dürfen Behinderte nicht aufgrund ihrer Be­ hinderung diskriminieren.» Das Bundes­ge­ ­richt wies die Klage von Glaisen ab. Er zog den Fall 2013 an den EGMR weiter. Dieser hält mit seinem Beschluss vom 18.7.2019 an seiner bisherigen Praxis fest. Damit bleibt die zu enge De­finition des Bundesge­ richts zur Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen bestehen. Inclusion Handicap ist enttäuscht über den Entscheid (www.inclusion-­handicap.ch).

VERRÜCKTE IDEE

26 Seen in 15 Tagen

Mehr zu den Angeboten, den eingesetzten Geräten und dem Verein unter www.tirex.ch.

MODE

Neues Trendlabel Seit Juli 2019 bietet das Wiener Label Mob Industries Kleider mit praktischer Funk­ tionalität und modischem Anspruch für Menschen mit und ohne Behinderungen. MOB steht für «Mode ohne Barrieren». Shoppen mob-industries.com Paracontact I Herbst 2019

Die querschnittgelähmte Sportlerin Silke Pan startete eine verrückte Herausforde­ rung: Sie überquerte 26 Schweizer Seen mit der blossen Kraft der Arme oder per Bel­ lyak und fuhr die Strecken dazwischen per Handbike oder Rennrollstuhl. Von Genf bis ins Tessin meistert sie damit mehr als

70 km im Wasser und rund 1000 km auf der Strasse und überquerte mehrere Pässe. Und dies für einen guten Zweck. Mit der Tour sammelt sie für die Vereinigung Han­ di-Capable. Mehr dazu auf www.silkepandefis.ch 43


FOKUS

IM GESPRÄCH

Visionen des neuen Direktors

Anfang Mai 2019 hat Charly Freitag die Stelle als Direktor der SPV angetreten. Ein paar Gedanken zu seinen Visionen nach 100 Tagen. Von Gabi Bucher

Der Zentralvorstand der SPV war für die Stellenausschreibung und die Neubeset­ zung des Direktors zuständig. Er hat im vergangenen Jahr den Delegierten Charly Freitag vorgeschlagen. Er wurde mit ei nem grossen Mehr gewählt. Nun hat er die Stelle angetreten und verrät uns im Inter­ view, wie er den Verband weiterentwickeln will. Was macht den Reiz dieser anspruchsvollen Aufgabe aus? Meine Leidenschaft ist es, mich für Men­ schen einzusetzen, gemeinsame Haltungen zu definieren und vorwärts zu gehen. Da rum war ich in den letzten zehn Jahren auch als Gemeindepräsident und in weite­ ren po­litischen Funktionen unterwegs, das ma­che ich sehr gerne und ich glaube auch gut. Aus diesem Grund hat mich die Stel­ lenausschreibung angesprochen, denn bei der Tätigkeit als Direktor der SPV geht es darum, gemeinsam mit und in der Gruppe weiterzukommen, mit den Querschnittge­ lähmten aufzutreten und für berechtigte An­liegen einzutreten. Und was hat dich an der SPV fasziniert? Es ist eine ausserordentliche Organisation, die die Anliegen der Querschnittgelähm­ ten zusammenfasst und vertritt. Sie ist über Jahrzehnte gewachsen, hat viel be­ wirkt und sich laufend weiterentwickelt. Nächstes Jahr feiern wir das 40-jährige Ju­ biläum. 44

Was sind deine Prioritäten als Direktor der SPV? Wichtig ist mir vor allem eine gute Kultur. Dies ermöglicht das Funktionieren der Clubs wie auch das Erbringen von aus­ serordentlichen Leistungen für die Quer­ schnittgelähmten. Es ist eine grosse Auf­ gabe, diese zu stärken. Die gegenseitige Wertschätzung und das gemeinsame Ein­ stehen für Themen ist zentral. Ich wünsche mir, dass wir zusammen mit den Quer­ schnittgelähmten, den Clubs und den Mit­ arbeitenden mit Verständnis miteinander umgehen. Du hattest sicher gewisse Erwartungen und Vorstellungen, haben die sich bewahrheitet? Ich habe mich im Vorfeld gut informiert über die Aufgaben, die auf mich zukom­ men und konnte mit einer guten Aus­ gangslage meine Tätigkeit aufnehmen. Sehr positiv überrascht hat mich die Of­ fenheit der Menschen, mit welchen ich in Kontakt gekommen bin. Ich habe in den letzten Wochen verschiedenste Anlässe be­ sucht und zu spüren bekommen, wie sehr man es schätzt, wenn der Direktor vor Ort ist. Das hat mich überwältigt. Ich hatte zu dem nicht erwartet, dass wir so nahe mit der SPG zusammenwirken, das ist ganz toll. Und wie soll es weitergehen, was wirst du beibehalten, was verändern? Die SPV ist nie stehen geblieben. Sie hat sich laufend verändert und die nötigen An­

passungen vorgenommen, das soll auch so bleiben. Es gibt keinen Status Quo, vor allem nicht in einem Verband, der sich für Anliegen einsetzt und sich in einem Um­ feld befindet, das sich verändert. Wir ver­ kaufen kein Produkt, wir nehmen uns den Anliegen der Querschnittgelähmten an. Einen radikalen Wandel braucht es nicht, wir sind gut aufgestellt. Aber laufend ver­ ändern werden wir uns weiterhin müssen, weil sich die Gesellschaft verändert, weil es neue Angebote gibt und auch neue An­ gebote gefragt sind. Was sicher ein Thema ist, und meiner Meinung immer wichtiger wird, ist das Netzwerken und der Dialog mit unseren Partnern und darüber hinaus. Wir müssen uns mehr austauschen, The­ men diskutieren, Kräfte fokussieren. Dies in allen Bereichen, sei es in der Politik, der Wirtschaft oder in der Zivilgesellschaft. Stich­wort Behindertengleichstellungsge­ setz 2024: Da gilt es nun aktiv zu werden und positiv mit Fussgängern zusammen­ zuarbeiten. Es bringt nichts, Fronten zu Paracontact I Herbst 2019


schaffen, wir müssen uns mehr zeigen, Gespräche führen und für unsere Anliegen sensibilisieren. Wo soll die SPV in zwei Jahren stehen? Unser Verband hat mit der Arbeitsgruppe «Statuten 2019» die Strategie- und Ausrich­ tungsprüfung aktiv angegangen. In unse­ ren Statuten steht, in welchen Bereichen wir tätig sind. Diese Statuten wurden durch die Arbeitsgruppe überarbeitet und durch die Delegierten Ende April genehmigt. Nun geht es um die konkrete Ausgestal­ tung des Angebots. Dieses werden wir ge­ meinsam mit den Clubs weiterentwickeln. Dazu kommt, dass wir uns personell in einem grossen Wandel befinden aufgrund der Pensionierungen in der Geschäftslei­ tung. Es gilt auch hier, sich wieder zu fin­ den und gemeinsam weiterzugehen. Auf­ grund dieser Ausgangslage wird sich die SPV stärker und schneller verändern als bis­her. Dieser Prozess soll in zwei Jahren abgeschlossen sein.

Wo siehst du die Stärken der SPV, wo die Schwächen? Unsere grosse Stärke ist, dass wir uns lau­ fend wandeln und anpassen und dass wir ein breites Angebot abdecken, vom ZHB über den Sport, von Kursen bis zu Reisen. Und ein grosses Plus ist auch unser Be­ kanntheitsgrad in der ganzen Schweiz. Schwäche? Vielleicht, dass Diskussionen in letzter Zeit etwas sehr schnell öffentlich geführt wurden. Mein Wunsch wäre, dass man sich zuerst intern austauscht und dann mit geeinter Stimme auftritt, sonst vergeben wir uns zu viel. Welches sind die Herausforderungen der nächsten Jahre? Ein ganz zentrales Thema ist die Solidari­ tät, da können wir als Organisation für Be­ troffene sehr viel dazu beitragen, die Fuss­ gänger zu sensibilisieren. Ich freue mich auf all die kommenden Treffen. Aber die SPV ist nicht nur der Direktor, da sind auch die Mitarbeitenden, die Rollstuhl­

fahrer, die Vorstände der Clubs und un­ sere Partner. Gemeinsam können wir unser breites Angebot aufrechterhalten und pfle­ gen, zusammen auftreten und als Gruppe mehr erreichen. Dies in unterschiedlichen Rollen und mit unterschiedlichen Aufga­ ben, aber wichtig ist das gemeinsame Ziel. Wenn es um Strategien und Entwicklun­ gen geht, ist es falsch, wenn der Direktor einfach entscheidet. Es soll eine gemein­ same Aufgabe sein. Dabei werden wir si­ cher Grenzen erkennen, aber am Ende braucht es ein Konzept, welches wir ge­ meinsam entwickeln und umsetzen. Dar­ auf freue ich mich.

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FOKUS

UNSERE HELFER

Trainer mit Herz und Seele Philipp Zeugin ist seit 13 Jahren Nationaltrainer des Schweizerischen Behindertensports im Bereich Tischtennis. Sein Credo: Seriöses, konsequentes Training und gleichzeitig ein gutes kameradschaftliches Verhältnis im Team. Von Gabi Bucher

Am Empfang des SPZ steht ein Mann in elegantem An zug mit Hemd und Kra­wat­te. Der Geschäftsführer einer Zu­lieferfirma? Ein Sponsor? Der Gedanke, dass er mein Ge­ sprächspartner sein könnte, streift mich überhaupt nicht. Manchmal vergisst man, dass all die Trainer, TK-Chefs, Hel­ fer und Freiwilligen, welche die SPV in ir­ gendeiner Funktion unterstützen, auch ein «anderes» Leben haben. So auch Philipp Zeugin, Nationaltrainer der Tischtennis­ spieler, im «anderen» Leben Banker. Gesellige Runde Wenn er zu erzählen beginnt, sind Anzug und Krawatte schnell vergessen und man spürt seine Begeisterung für das, was er tut. Als Student übernahm er für zwei Stun­ den pro Woche das Training der Tisch­ten­ nisspieler des damaligen Rollstuhlclubs Basel und besserte so sein Taschengeld auf. Er, der doch rein gar nichts wusste über Rollstuhlfahrer. Einen Heidenrespekt habe er gehabt vor der Aufgabe. Aber «e chaibe gselligi Rundi» habe er angetroffen, «die machten dieselben dummen Sprüche wie ich und gingen nach dem Training genau so gerne noch was trinken.» Schnell habe er auch gemerkt, dass er sich keine Gedan­ ken machen müsse, «sie sagten mir, sie wür­den sich schon melden wenn sie Hilfe brauchen.» Das half ihm, seine Hemmun­ gen abzulegen. Ein paar Jahre war er als Co-Trainer tätig und hat sich sehr gefreut, als Roger Getzmann ihn 2006 fragte, ob er das Amt des Nationaltrainers über­ nehmen möchte. Er hat es sich überlegt, wohlwissend, dass er damit viel mehr Ver­ Paracontact I Herbst 2019

antwortung übernehmen würde. Aber der Reiz, eine Vision zu kreieren, gemein­ sam mit den Spielern einen Traum zu leben und mit ih nen etwas zu erreichen, der sei riesig gewesen und er hat zuge­ sagt. Und seither unglaublich viel Tolles erlebt. «Die Paralympics in London zum Beispiel, das war so emotional, so unbe­ zahlbar, etwas vom Schönsten, was es im Leben eines Sportlers gibt», erzählt er mit leuchtenden Augen. Persönlicher Begleiter Seine Hände unterstreichen seine Worte und wenn er sagt, er wolle etwas zurück­ geben, nimmt man ihm das ab, ist das au­ thentisch und nicht eine Floskel. Denn Philipp ist nicht nur Nati-Trainer, er ist auch persönlicher Begleiter. «An einem Turnier stand ein Spieler mal da ohne Be­ gleitung, da hab ich übernommen.» Er ha­be zwar absolut keine medizinischen

Kenntnisse gehabt, aber Silvio, der Tetra­ plegiker, habe ihm erklärt, was zu tun sei. «Da muss ich ihm ein Kränzchen winden. Er ist das ganz unbefangen angegangen.» Natürlich sei nicht immer alles perfekt ge­ laufen. «Dann haben wir jeweils zueinan­ der gesagt: da haben wir wieder was gebo­ ten heute, und darüber gelacht». Aber es habe so gut geklappt das erste Mal, dass Silvio danach sehr oft ohne Begleitung an die Turniere gekommen sei! Er denke schon ab und zu darüber nach, sein Amt mal abzugeben, meint Philipp. Aber erst, wenn jemand Passendes gefun­ den sei, er wolle niemandem im Stich las­ sen. «Trotzdem, man sollte gehen, wenn es am schönsten ist», meint er. Bleibt zu hoffen, dass es noch eine ganze Weile nicht «am schönsten» ist und Philipp den Sportlern und dem Rollstuhlsport er­ halten bleibt mit seinem Enthu­siasmus und seiner ansteckenden Begeisterung.

Philipp und sein Team: eine verschworene Truppe 47


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73379-CHDE-2019-06-13 © 2018 WELLSPECT. All rights reserved.

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1. Hakansson et al. Urol Nurs 2015;35:239-47. 2. Koeter et al. Abstract 806, ICS 2016. WELLSPECT verzichtet nicht auf jegliche Rechte an seinen Marken, indem es die Symbole ® oder ™ nicht verwendet.

Wir feiern 25 Jahre – Wir danken Ihnen herzlich für Ihre Treue.

Orthotec AG | Guido A. Zäch Strasse 1 | CH-6207 Nottwil | T +41 41 939 56 10 | F +41 41 939 56 40 | info@orthotec.ch | www.orthotec.ch Ein Unternehmen der Schweizer Paraplegiker-Stiftung

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Paracontact I Herbst 2019


FOKUS

ORTHOTEC FEIERT JUBILÄUM

25 Jahre Orthotec

Werkstatt im Jahr 2000

Im Auftrag der Schweizer Paraplegiker-Stiftung entwickelt Orthotec individuell zugeschnittene Hilfsmittel für Menschen mit Querschnittlähmung – dies seit 25 Jahren. Von Martin Steiner

Seit 25 Jahren gibt es Orthotec, eine Toch­ tergesellschaft der Schweizer Paraplegi­ ker-­Stiftung. Rund siebzig Mitarbeitende engagieren sich für die Versorgung von Menschen mit Querschnittlähmung und ähnlichen körperlichen Einschränkungen. Als Ausrüster von Swiss Paralympic setzt sich Orthotec zudem für den Rollstuhlsport in der Schweiz ein. Der Mensch im Zentrum Zum Zeitpunkt der Gründung 1994 zählte die Unternehmung gerade mal eine Hand­ voll Mitarbeitende. Die Werkstatt damals war bei Weitem nicht so modern ausgestat­ tet wie die jetzige. Und trotz Einsatz zeit­ ge­mässer Arbeitsmittel steckt auch heute noch viel Handarbeit in der stetig wachsen­ den Produktpalette der Orthotec.

Im Verlauf der Zeit hat sich in der Roll­ stuhl-Technologie einiges getan. Vor 25 Jah­ ren wog zum Beispiel ein normaler Roll­ stuhl locker 20 Kilo. Mit den gegenwärtig zur Verfügung stehenden Materialien ist es noch rund die Hälfte des damaligen ­Gewichts. Auch das Einsatzgebiet der Roll­ ­stüh­le ist dank der fortgeschrittenen Tech­ nik vielfältiger geworden. Keine Ein­schränkung ist gleich wie die andere, und jeder Betroffene hat andere Erwartungen an seine persönlichen Hilfsmittel. Dank ste­ tiger Tüftelei und Weiterentwicklung fin­ det Orthotec immer wieder individuelle Lösungen. Die Technologie hat sich verändert, der Kern des Geschäfts jedoch nicht: «Im Zen­ trum unseres Engagements stehen Men­ schen, denen wir dabei helfen, dass sie die Paracontact I Herbst 2019

Herausforderungen ihres Lebens selber meis­­tern können», sagt Orthotec-Geschäfts­ führer Stefan Dürger. Im Jahr 1999 organisierte Orthotec die erste Ausgabe der «Rollivision» im Schweizer Pa­raplegiker-Zentrum in Nottwil – die heute grösste Hilfsmittelmesse für Roll­ stuhlfahrer in der Schweiz. Der Anlass för­ dert den direkten Austausch zwischen Be­ troffenen und Ausstellern. Weiter veranstaltet Orthotec alle zwei Jahre den Swiss Handbike Day. Vor knapp zehn Jahren begann der mass­ geschneiderte Umbau von Serienfahrzeu­ gen aller Marken. Spezialisten in Nottwil bauen die Fahrzeuge nach den individuel­ len Bedürfnissen der Querschnittgelähm­ ten um. Die Betroffenen gewinnen da­ durch ein grosses Stück Mobilität in ihr Le­ben zurück. Auch dieser Bereich hat sich während der letzten Jahre stark entwickelt, zum Beispiel mit der Erfindung des elektro­ nischen Lenksystems Joysteer. Weitere Innovationen im Anflug Als gemeinnützige Aktiengesellschaft sorgt sich Orthotec nun schon seit 25 Jahren um Querschnittgelähmte. Das Unternehmen ist den Werten, der Kultur und dem Leis­ tungsauftrag der Paraplegiker-Stiftung ver­ pflichtet und versteht Innovation auch als treibenden Faktor der eigenen Entwick­ lung. Neue digitale Technologien öffnen Räume für neue Anwendungen.

«Derzeit läuft ein Projekt im Rollstuhl­ sport, das den gesamten Versorgungspro­ zess auch im Alltag verändern wird», ver­

Die moderne Orthotec-Werkstatt

Beratung seit 25 Jahren

rät Stefan Dürger. «Künftig können wir Patienten bereits in der Erstrehabilitation vollständig ausmessen, um ihre optimale Sitzposition zu bestimmen. Wenn nämlich ein Rennfahrer optimal sitzt, ist die Kraft­ ­­übertragung besser und er ist schneller. Im All­tag benötigt ein Rollstuhlfahrer weni­ ger Kraft. Er schont seine belasteten Schul­ tern und reduziert das Dekubitus­risiko.» Weiter erneuert Orthotec zurzeit ihren Webshop, um den Bestellprozess zu ver­ einfachen. Die Kunden müssen dann bei­ spielsweise ihre regelmässige Bestellung für Inkontinenzartikel nicht immer wie­ der neu erfassen. Der neue Webshop geht im Herbst 2019 online. Mit diesen und vielen weiteren Entwick­ lungen bleibt Orthotec auch in Zukunft eine wichtige Anlaufstelle für Menschen mit Querschnittlähmung. Mehr Informationen www.orthotec.ch 49


FOKUS

FÜR SIE DA

Zwischen Telefon, Znüni und VIP­Apéro Jill Hofstetter hat Ende Juli 2019 die 3­jährige KV­Lehre bei der SPV abgeschlossen. Stellvertretend für die vielen Lernenden der letzten Jahre erzählt sie von ihren verschiedenen Aufgaben. Von Gabi Bucher

Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie aus eher zurückhaltenden jungen Ler­ nenden nach und nach aufgestellte Mitar­ beitende werden. So auch Jill Hofstetter. Sie steht zum Zeitpunkt dieses Gespräches am Ende ihres 3. Lehrjahres und ist sehr zufrieden mit ihrer Lehrstelle. «Ich habe viele kleine Ämtli», erzählt sie. «Ich mache die Post, fülle den Schrank mit Mineral­ wasserflaschen auf, bin zuständig fürs Bü­ romaterial. Ich verschicke Auto­Rollikleber, bearbeite Anfragen für Flottenrabatt.» Sie ist auch zuständig für die Ausleihe der Rollstühle und Hilfsmittel an Lehrperso­ nen für Projektwochen. Gerne erledige sie auch den Versand der Geburtstagskärtli. «Da kann man früh selbständig arbeiten. Meist brauchen wir sonst noch das «okay» von Fatis, der Berufsbildnerin.» Anfänglich 50

hätte sie für diese Arbeit fast zwei Tage ge­ braucht. «Jetzt reicht ein Tag, es gibt Rou­ tine und man wird schneller, das ist cool.» Cool bis mega-cool Überhaupt ist vieles «cool» für Jill. Cool, dass sie einen Tag im Zentrum für hinder­ nisfreies Bauen verbringen durfte. Mit dem Architekten Philipp besuchte sie einen Kunden, bei welchem ein Terrassenumbau gemacht worden war. Cool auch der Tag im Institut für Rechtsberatung in Biel, da habe sie mit Sarah­Maria diverse Fälle an­ geschaut. Sogar mega cool, dass sie für Linda vom Rollstuhlsport die Anmeldun­ gen für den VIP­Apéro der ParAthletics übernehmen konnte. «Da darf ich dann auch mit dabei sein», strahlt sie. Ein biss­ chen weniger cool die vielen Anrufe auf

Französisch: «Das ist schon ein wenig ein ‹Chrampf›, aber wir geben alles und die Kunden sind sehr geduldig mit uns.» Jill entlastet auch andere Mitarbeitende. Sie stellt Rechnungen aus, verschickt Ban­ derolen für Sportanlässe, macht Versände, intern aber auch für Rollstuhlclubs. Und eines ihrer Projekte ist die Organisation des Personalausfluges. Welcher Käse darfs denn sein? Einkaufen gehört auch zu ihren Aufgaben. Wenn es nur ums Nachfüllen des Kühl­ schranks gehe, sei das in Ordnung. «Aber wenn ich für jemanden eine Znünirunde holen soll und man mir sagt ‹Bring Käse und Wurst› – ich meine, was für Käse, es gibt so viele Sorten!?» Oft erledigt Jill klei­ ne Arbeiten für die diversen Abteilungen und lernt dabei, wer wofür zuständig ist. «Da wir am Empfang sitzen, bekommen wir auch sonst relativ viel mit und können dadurch recht gut Auskunft geben.»

Es gibt auch repetitive Arbeiten, die je nach Tagesform nicht ganz so cool seien, z.B. Materiallisten erstellen. Bis man endlich fertig ist damit, stimmen sie nicht mehr, weil die Mitarbeitenden sich bereits wieder bedient haben am einen oder anderen.» Aber alles in allem findet sie es bei der SPV, ja genau, mega cool! Inzwischen hat Jill die Prüfungen erfolg­ reich bestanden und bleibt der SPV noch bis Ende Januar 2020 erhalten. Paracontact I Herbst 2019


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