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Aussenlift wurde angebracht, das Bad angepasst, die Balkontüre in eine Schiebetüre umgewandelt, alles andere war rollstuhlgängig. Anfänglich fuhr er zwei Mal pro Woche in die Physiotherapie nach Nottwil. «Wir haben bei der Spitex Ettiswil nachgefragt, ob es einen Betreuungsdienst gibt», erzählt Daniel. So fand er Helferinnen, die ihn mit dem Bus nach Nottwil und retour begleiteten. Alleine schafft er den Ein- und Ausstieg in den Bus nicht. Auch sogenannte «Bettfrauen», wie Daniel sie nennt, sind Teil seines Lebens. Er ruft sie an, wenn er abends Hilfe braucht, um ins Bett zu ge­hen. Das klappe sehr gut und sei ein Stück weit Freiheit gegenüber den fixen Zeiten der Spitex. Keine Chance in der Privatwirtschaft Was die berufliche Situation betraf, musste Daniel umdenken. Als typischer Handwer­ ker waren Schule und Prüfungen nicht sein Ding. Aber die IV verknurrte ihn – Daniels Ausdruck – in der Rodtegg Luzern, einer privaten Stiftung für Menschen mit körper­ licher oder mehrfacher Beeinträchtigung, eine Ausbildung zu machen. Die IV hatte ihm erklärt, er gehöre in eine geschützte Arbeitsstätte, in der Privatwirtschaft hätte er keine Chance. Zwei Jahre waren vorgesehen, erzählt Daniel. «Ich war zwar gut betreut, aber ich gehörte nicht dorthin.»

Auf direktem Weg per Rampe mit dem Rollstuhl ans Steuerrad

Bus, dann transferierte er ihn in sein Auto. Selber Autofahren konnte Daniel nicht, er hatte zu wenig Kraft zum selber steuern. Er hatte gehofft, vielleicht genügend Fähig­ keiten zurückzuerlangen, um ein Au­to mit Umbau fahren zu können, merkte aber dann, dass dies nicht möglich sein wür­de. «Sel­ber Autofahren war aber einer meiner ganz grossen Wünsche, es bedeutet einfach Freiheit und Flexibilität.» Obwohl er sich manchmal frage, was die Leute wohl denken, wenn er aus seinem Auto aussteige. Für alles auf Hilfe angewiesen, aber selber Autofahren? Daniel lacht.

Im Familienbetrieb weiterarbeiten, z. B. im Büro, war aber nicht möglich. Da alle auswärts arbeiten, wäre er allein, keiner da, der Fragen beantworten kann und keiner, wenn ihm mal was runterfällt. Der Chef der Fir ma Siltex, welche den Betrieb seiner Familie beliefert, hatte seine Hilfe angeboten, also fragte Daniels Vater nach, ob es ei­ne Möglichkeit zu einer Beschäftigung gä­be. Daniel durfte dort eine Woche schnuppern. «Ob­wohl ich keine Ausbildung hatte, lediglich PC-Kenntnisse, bekam ich eine Stelle in dieser Firma.» Jetzt arbeitet er bereits seit sechs Jahren dort, kümmert sich um die Auftragsabwicklung, gibt Aufträge ein, macht Bestellungen.

Langes Warten Blieb die Lösung des Joysteers. Diesen gab es damals zwar schon, er war aber in der Schweiz noch nicht zugelassen. Etwa drei Jahre musste Daniel warten, bis es endlich soweit war. «Bei der Paramobil AG (heute Orthotec AG) hatten sie ein Auto, damit konnte ich dieses System ausprobieren.» Nachdem die nötigen Abklärungen betref­ fend seiner Fahrtüchtigkeit gemacht waren, musste er eine Prüfung ablegen. Fahren, par­ken, schnellbremsen und Kreiselfahren wur­­den getestet, danach konnte er end­lich sein Auto mit Joysteer bestellen. Bis alles angepasst und eingebaut war, dauerte es ein weiteres Jahr. Der Boden des Fahrzeuges musste heruntergesetzt werden, damit Da­ niel mit dem Rollstuhl hinter das Lenkrad fahren kann, ein Bügel montiert, damit er nicht nach vorne fällt. Da er schweizweit einer der ersten war, oder der erste überhaupt, der mit einem Joysteer fuhr, dauerte alles etwas länger. «Heute haben sie mehr Erfahrung, aber jeder Umbau ist halt eine Einzelanfertigung.»

Mobilität als Problem und Chance Sehr früh begann Daniel auch mit dem Rug­byspiel in Nottwil. Glücklicherweise hatte er einen guten Kollegen, der mit ihm zum Training fuhr, anfänglich mit dem

Neugefundene Freiheit Seit sechs Jahren fährt Daniel nun mit dem Joysteer und hat damit unglaublich viel Frei­heit, Flexibilität und mehr Lebensqualität erlangt. Er konnte seinen Wohnort

Paracontact I Sommer 2019 

beibehalten, fährt alleine zur Arbeit, ins Training, zur Physiotherapie. Er kann Freun­de besuchen, ausgehen. «Ich bin in anderen Bereichen genug auf Hilfe angewiesen, darum geniesse ich es umso mehr, selber fahren zu können und nicht jedes Mal jemanden aufbieten zu müssen.» Er ist gesellschaftlich und beruflich integriert, «und sogar im ersten Arbeitsmarkt». Zu dem könne er ab und zu auch Fahrten mit den Kindern seiner Schwester übernehmen, zum Training zum Beispiel. «So kann ich ihr einen Dienst erweisen als Dank für all die Dienste, die sie mir erweist und ich kann sie ein Stück weit entlasten», sagt er zufrieden. Ein solcher Umbau ist eine grosse Investition. Er kostet bis zu CHF 100 000.–, dazu kommt das Auto. Der Anteil, den die IV daran gezahlt habe, sei verschwindend klein, mit der Begründung, er habe ja eine Familie, die ihn fahren könne. Aber für ihn sei diese Investition jeden Rappen wert und er würde sich wieder genau gleich entscheiden, wenn er müsste. Daniel rechnet damit, das Auto etwa 15 Jahre fahren zu können. «Ich würde es nicht mehr hergeben. Jetzt bin ich wieder mit dabei, unabhängig bis zu einem gewissen Grad und diese Freiheit ist unbezahlbar für mich.» JOYSTEER Der Joysteer ist ein elektronisches Lenksystem, das bei minimalen Kräften und Armreichweiten eingesetzt werden kann. Das System bietet eine umfassende Lösung für die Bedienung von Lenkung, Bremse, Gas und allen wichtigen Sekundärelementen. Handbremse, Automatikgetriebe, Licht, Blinker oder Scheibenwischer lassen sich über ein einziges System mit wenigen Eingabeelementen einfach bedienen.

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