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MAGAZIN FÜR HOFÜBERNEHMER IM BÄUERLICHEN FAMILIENBETRIEB

Berufsbild: Wie sehen sich Jungbäuerinnen?

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Big Data im Stall Seite 46


INHALT | Februar 2015

40 | Sieben auf ­einen Streich

26 | „Besser eines g’scheit machen“

Impressum und Offenlegung

34 | Junge Bäuerinnen beleben Japans Landwirtschaft

04 | Bäu.e.rin. Substantiv [die]. Agronomin. Bauersfrau. Landfrau. Landwirtin.

Familie und Betrieb 04 Bäu.e.rin. Substantiv [die].

HERAUSGEBER Klaus Orthaber EIGENTÜMER UND VERLEGER SPV Printmedien GmbH., F­ lorianigasse 7/14, 1080 Wien CHEFREDAKTEUR Stefan Nimmervoll (nimmer­voll@blickinsland.at) REDAKTION Ing. Bernhard Weber (weber@blickinsland.at) ANZEIGENLEITUNG Prok. Doris Orthaber-Dättel (daettel@blickinsland.at) REDAKTION UND HERSTELLUNG (ANZEIGENANNAHME) Florianigasse 7/14, 1080 Wien. Telefon 01/5812890, Fax 01/5812890-23 LAYOUT Eva-Christine Mühlberger ­(grafik@blickinsland.at), Logoleiste Titelseite: Grafic Design Pucher FIRMENBUCHNUMMER: FN 121 271 S. DVR 286 73 DRUCK Leykam Druck GmbH & Co. KG, 7201 Neudörfl, Bickfordstr. 21 VERLAGSORT Florianigasse 7/14, 1080 Wien P.b.b., ZUL.-NR. 14Z040154 M. Alle ­Zuschriften und Chiffre-Briefe an BLICK INS LAND; Florianigasse 7/14, 1080 Wien. Für unverlangt eingesandte Manunskripte und Unterlagen besteht keine Gewähr auf Veröffentlichung oder Rücksendung. OFFENLEGUNG gemäß Mediengesetz § 25: Verleger: SPV Printmedien GmbH., Firmensitz: Florianigasse 7/14, 1080 Wien. Geschäftsführung: Klaus Orthaber, Gesellschafter: Klaus Orthaber. Erklärung über die grundlegende Richtung gem. § 25 (4) MedienG: Österreichisches Magazin für Hofübernehmer im bäuerlichen Familienbetrieb. Einzelpreis: € 5,– Jahresabo Inland: € 12,– Jahresabo Ausland: € 18,–

­ gronomin. Bauersfrau. A ­Landfrau. Landwirtin.

08 „Die Schwieger­tochter ist

­manchmal der Sündenbock“

10 Absage an a­ ltbekannte Klischees 12 Auf Augenhöhe 14 Jungfunktionäre: Man muss sie nur lassen

18 Jammern war gestern 20 „In Brüssel erklären, wie es ­tatsächlich ist“

22 Was will ich überhaupt im Leben? Betriebsführung 26 „Besser eines g’scheit machen“ 29 Quereinstieg gelungen 30 Weinbau-­Sprösslinge 32 Zusatzernte CO2-Bindung

34 Junge Bäuerinnen beleben ­Japans Landwirtschaft

38 „Innovativ müsst ihr selber sein“ 40 Sieben auf e­ inen Streich 44 Rechte und Pflichten 46 Big Data im Stall 50 Serviceorientierte Online-Shops Landtechnik 53 New Holland auf der EXPO 54 Ackerbau mit iPad 56 Bausteine für ­Parallel­fahren am Feld

58 Daten-­Sprech mit ISOBUS Agrarkultur 60 Heinz, der (beinahe) Letzte 62 Bauer Franz und die Liebe


Februar 2015 | INHALT

Die nächste Generation

32 | Zusatzernte CO2-Bindung

60 | Heinz, der (beinahe) Letzte

unserhof Service-Beilage 01 Vom Handschlag bis zum Vertrag 03 Grundbuchauszug richtig lesen 04 Kredite und Bonität. Wie viel Sicherheit muss sein?

07 Unbefugtes Eindringen. Fremde Personen im Stallgebäude

20 | „In Brüssel erklären, wie es tatsächlich ist“

10 Meldefristen genau b­ eachten. Sozialversicherung

14 Sicher im Netz. 10 Tipps, um sich

Wirtschaftliches Geschick ist für den Erfolg eines Bauernhofes unabdingbar. Wer mit seinem Betrieb kein Geld verdient, der wird in einem schwieriger werdenden Umfeld nicht bestehen k­ önnen. Für viele Höfe wird die Möglich­keit, ein ausreichendes Einkommen aus der Produktion zu erwirtschaften, aber auch aus den diversen Fördertöpfen von Land, Bund und Europäischer Union zu erhalten, der entscheidende Faktor sein, ob auch die nächste Generation den Betrieb noch führen kann. Mindestens genauso wichtig sind daneben aber auch die Freude an der Arbeit mit der Natur und die Begeisterung für die Landwirtschaft. Zuweilen werden Höfe, bei denen die wirtschaftlichen Voraussetzungen glänzend wären, nicht übernommen, weil den Erben dieses Interesse einfach fehlt. Gleichzeitig entstehen die besten Ideen und Konzepte oft auf Betrieben, wo die Voraussetzungen für eine Übernahme weit nicht so überzeugend sind. Genau diese jungen Bauern wollen wir mit unserhof ansprechen und i­ hnen Mut machen. Denn Landwirtschaft ist, allen Unkenrufen zum Trotz, ein Sektor mit Potential. Allerdings braucht es für den Erfolg Engagement und den Willen, abseits des Althergebrachten zu denken. Beispiele dafür finden sich auch wieder in diesem Heft.

vor Gefahren zu schützen

16 Wichtige Adressen für Fragen der Hofübernahme

-Partner

Stefan Nimmervoll

Eine Medienkooperation von:


FAMILIE UND BETRIEB

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FAMILIE UND BETRIEB

Rund 37 Prozent der bäuerlichen Betriebe in Österreich ­werden heute von Frauen geführt. 1998 waren es 25 Prozent. Wie aber sieht es um das Berufsbild der Bäuerin aus? Wie wird frau eigentlich ­Bäuerin, wie sehen sich die Bäuerinnen selber und mit welchen ­Problemen haben sie zu kämpfen? ANNETTE WEBER hat sich für unserhof umgehört.

Ohne Frauen wäre die Landwirtschaft in Österreich kaum denkbar. Von den rund 230.700 in der Land- und Forstwirtschaft tätigen Arbeitskräften sind rund 46 Prozent Frauen. Die Bäuerinnen leisten vor allem durch die Aufrechterhaltung des Neben­erwerbs, die Erwerbskombination mit dem Tourismus oder durch Direktvermarktung e ­ inen besonderen Beitrag. Bäuerin sein heißt aber längst nicht mehr, an der Seite des Mannes einfach mitzuarbeiten und eine untergeordnete Rolle zu spielen. Im Gegenteil: Es sind heute die Frauen am Hof, die den Ton angeben. Frauen stehen wie in so vielen anderen Branchen auch in der Landwirtschaft für Innovation und Kommunikation. Margit Wetschka ist zwar selbst auf einem Weinbaubetrieb aufgewachsen, ihr „Brotberuf“ ist allerdings ein anderer. Nach der Schule hat sie

als Sekretärin in Wien gearbeitet. Ein Job, der ihr immer sehr viel Spaß gemacht hat, wie sie betont. Über ein vermeintlich schlechtes Image ihres jetzigen Berufes kann sich die mittlerweile routinierte Biobäuerin nicht beklagen. „Was das Image des Berufs betrifft, so sehe ich keinen Unterschied zwischen meinem Mann Martin und mir. Bio ist in, besonders bei jüngeren Familien. Deshalb finde ich, dass wir doch ein hohes Ansehen genießen dürfen.“ Aus einer aktuellen Umfrage der Universität Innsbruck unter aktiven Bäuerinnen geht hervor, dass sich knapp 70 Prozent auch als Bäuerin sehen. Über 55 Prozent der befragten Frauen sehen sich darüber hinaus auch als Hausfrau, lediglich rund 16 Prozent als Unternehmerin. Die Identifikation mit dem Beruf ist jedenfalls groß. Fast zwei Drittel der Befragten geben eine sehr starke bzw. starke Identifikation an. Nur 2,2 Prozent identifizieren sich überhaupt nicht mit dem Beruf. Wie wird man eigentlich Bäuerin? Bäuerin ist kein Beruf, der einem mit 14 Jahren – Stichwort Berufs­ orientierungskurs „14 – was nun?“ – schmackhaft gemacht wird. Es ist kein Beruf, für den frau sich schon in jungen Jahren bewusst entscheidet. Bei einer aktuellen Umfrage der Universität Innsbruck geben knapp 85 Prozent der Befragten an, durch ihren Partner an den Hof gekommen zu sein. 13,8 Prozent haben den Beruf gewählt, weil sie auf dem Hof aufgewachsen sind. Knapp über ein Prozent der Frauen haben den Hof gekauft.

Gut gerüstet für den Beruf Auch die zunehmende Bildungsbeteiligung von Frauen ist bei den Bäuerinnen erkennbar. Waren es 1996 noch 18 Prozent, gibt es heute kaum noch

Bäuerinnen ohne Bildungsabschluss. Auch der Anteil der Bäuerinnen mit Fachschulabschluss ist gestiegen. Bäuerinnen mit Matura oder Universitätsabschluss sind hingegen weniger häufig. In den höheren landund forstwirtschaftlichen Lehranstalten sind Frauen nach wie vor in der Minderheit. Der Frauenanteil ist allerdings innerhalb der letzten zehn Jahre von 36 auf 42 Prozent gestiegen. An der Universität für Bodenkultur – der einzigen land- und forstwirtschaftlichen Universität Österreichs – liegt der Frauenanteil bei 46 Prozent. Dass Frauen zum Teil keine landwirtschaftsspezifische Ausbildung haben, liegt vor allem auch daran, dass sie oftmals bereits eine andere Ausbildung abgeschlossen haben, bevor sie in einen Betrieb einheiraten.

Margit Wetschka

Ein abgeschlossenes Landwirtschafts-Bachelorstudium kann Claudia Zinner vorweisen. Schon heute arbeitet sie engagiert am Hof der Eltern – einem Nebenerwerbsbetrieb mit Mutterkühen im Waldviertel – mit. „Wer bei uns den Hof übernimmt, steht noch in den Sternen“, sagt die Niederösterreicherin. Abgeneigt ist sie jedenfalls nicht, denn Bäuerin ist für sie der Traumjob schlechthin. „Ich bin davon überzeugt, dass Landwirtschaft Zukunft hat. Lebensmittel werden wohl auch weiterhin benötigt. Innovation, Flexibilität, Mut zu unkonventionellen Ideen und unternehmerisches Denken sind mehr denn je Voraussetzungen für die bäuerliche Existenz. Das Leben auf einem Bauernhof bietet einfach ein ideales Umfeld für Lebensqualität und individuelle Entfaltungsmöglichkeiten“, so die 23-jährige Waldviertlerin. Was das Image des Berufes der Bäuerin betrifft, so findet Claudia Zinner, die nach dem Bachelor auch den Master anstrebt, klare Worte:

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Fotos: © Landpixel.de

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it Emanzipation wird das Berufsbild der Bäuerin hierzulande nach wie vor nicht unmittelbar in Verbindung gebracht. Dass dieser B ­ eruf alles andere als ein unattraktives und altmodisches Betätigungsfeld ist, zeigt das Beispiel von Margit Wetschka. Sie war einst „Oktober“-­Modell im Jungbauern­ kalender. Noch heute hängt die Ausgabe des 2003er Kalenders in ihrem K ­ eller. Das ist aber so ziemlich das Einzige, das die Jahre hindurch gleich geblieben ist. Heute sieht der Weinbaubetrieb im burgenländischen Jois um einiges anders aus als noch vor zwölf Jahren. Seit Margit Wetschka hier lebt, hat sich vor allem der Auftritt geändert. Neuer Verkostungsraum, neues Logo auf den Etiketten, Dekoelemente dezent und stilvoll eingesetzt. Die Handschrift der 35-jährigen ist klar zu erkennen.


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„Das Image einer Berufsgruppe ist für mich etwas sehr Relatives. Die persönliche Zufriedenheit und das Bewusstsein für den Wert der eigenen Arbeit sollten im Vordergrund stehen. Meiner Meinung nach werden aber die Leistungen der Bäuerinnen und allgemein der Frauen für die gesamte Gesellschaft noch immer enorm unterschätzt, – zu vieles ist selbstverständlich und Gendern führt nicht zu gleichen Gehältern. Ein sehr gutes Image ist dann erreicht, wenn die Gesellschaft aufhört, sich über Frauen in Führungsrollen zu wundern. Auch in der Landwirtschaft.“

Betriebsführer: Frau

Die klassische Rollenteilung auf einem bäuerlichen Familienbetrieb bricht auf. Waren früher die Bauern für den produktiven Bereich, finanzielle Entscheidungen und für die Repräsentation des Betriebes verantwortlich und die Frauen für die Versorgungsarbeit und die Familie, gelten diese Rollenbilder in ihrer Reinform heute schon längst nicht mehr. Heute kann eher eine De-Traditionalisierung auf bäuerlichen Familienbetrieben festgestellt werden. Auch am Betrieb der Zinners gibt es keine klassische

Foto: © vladteodor

Frauen in Führungspositionen gibt es aber im landwirtschaftlichen Bereich mittlerweile genug. Denn immer mehr Frauen arbeiten nicht nur am Betrieb, sie führen ihn auch. In vielen Ländern Europas stellen Betriebsleiterinnen auf landwirtschaftlichen Betrieben eine Minderheit dar. In Österreich zeichnet sich seit den 1980er Jahren hingegen ein leichter Zuwachs von landwirtschaftlichen Betriebsleiterinnen ab, bei einem gleichzeitigen Rückgang der Betriebe. Derzeit weist Österreich mit über 35 Prozent an Betriebsleiterinnen einen der höchsten Werte in der Europäischen Union auf.


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Die Bäuerinnen sind jedenfalls zufrieden mit ihrem Beruf. Bei einer Bäuerinnenumfrage gaben mehr als zwei Drittel an, dass sie wieder Bäuerin werden würden. Als positiver Aspekt des Berufs hat seit der letzten Befragung die Naturverbundenheit an Bedeutung gewonnen, für jede zweite Bäuerin ist das der wichtigste Aspekt. Die Kinder ganztägig zu betreuen, wird als ebenso wichtig beurteilt. Weitere Vorteile ihres Berufs sind für die befragten Bäuerinnen die Selbstständigkeit, zeitliche Ungebundenheit und der Aspekt der Selbstversorgung. Das bestätigt auch Margit Wetschka. Fragt man sie nach Begriffen, die sie mit ihrem Beruf assoziiert, fallen ihr sofort „Natur, Familie, Kinder, Arbeit und Freiheit“ ein: „Ich bringe mich, soweit es meine drei Mädchen mir erlauben, gerne im Betrieb ein. Ich helfe im Büro, Keller, aber auch gerne im Weingarten aus. Es macht mir Spaß und ich genieße auch die Flexibilität und Selbstständigkeit in diesem Beruf.“

Konfliktfeld Familie Klar ist, dass frau am Hof – der fast immer Arbeitsplatz und Wohnbereich in einem ist – auch mit ihren Problemen zu kämpfen hat und ein Bauernhof auch viele Konfliktfelder birgt. Unterschiedliche Bedürfnisse treffen aufeinander. Insbesondere wenn mehrere Generationen unter einem Dach leben, kann es schon ein-

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Rollenverteilung. „Der Haushalt ist für mich genauso selbstverständlich wie der Umgang mit den Tieren und den Maschinen. Dass Frauen Dinge nicht können oder tun sollten, stand bei uns nie zur Debatte. Egal ob Motorsäge, Traktor, Mähdrescher, Schweißen oder Autoreifen wechseln – wie ich im Nachhinein sehr oft festgestellt habe, scheitert es selten am Können oder an der ‚schweren‘ Arbeit, sondern oft braucht man einfach jemanden, der sagt, probiere es, du kannst das genauso“, sagt die Studentin.

mal heiß hergehen (siehe dazu auch das Interview mit Sylvia Reitbauer auf Seite 8, Anm.). Um sich den Problemen am Hof zu widmen, wurde 2007 das Bäuerliche Sorgentelefon ins Leben gerufen. Ein Telefonanruf genügt und schon bekommt man eine qualitativ hochwertige psychosoziale Beratung. Die Anrufe werden anonym behandelt. Die Hemmschwelle, anzurufen, wird dadurch gering gehalten. Bei vielen Bäuerinnen, die sich am Bäuerlichen Sorgentelefon beraten lassen, liegt der Hauptkonflikt im Bereich Familie. Bei beinahe zwei Drittel aller Anrufe geht es um Partnerschaftskonflikte und Generationskonflikte. „In Problemfällen tun sich viele Familien schwer, offen miteinander zu reden. Man spricht nicht gern über finanzielle Sorgen oder wenn es im Betrieb nicht wie gewünscht läuft. Noch weniger wird über zwischenmenschliche Konflikte gesprochen oder darüber, dass man sich überfordert fühlt. Beim bäuerlichen Sorgentelefon ist jemand da, der zuhört und kompetente Hilfe zur Selbsthilfe anbieten kann. Manchmal geht es darum, konkrete Impulse

zu geben, ein anderes Mal muss man den Frauen erst einmal helfen, ihre Fassung wiederzugewinnen“, erzählt die Sorgentelefonberaterin Anna Engelhart, die selbst als Bäuerin aktiv ist.

Rahmenbedingungen sichern Herausforderungen gibt es auch in Zukunft genug. „Frauen sind das Rückgrat des bäuerlichen Familienbetriebes – und das weltweit. Sie sind Dreh- und Angelpunkt zwischen Betrieb und Familie. Diese Realität ist nach wie vor zu wenig anerkannt. Neben dem unternehmerischen Denken haben sie starke kommunikative und soziale Kompetenzen, ohne die ein landwirtschaftliches Unternehmen und besonders die familiengeführten Betriebe heute kaum noch auskommen. Ein lebendiger, ländlicher Raum mit zeitgemäßen Infrastrukturen, wie z. B. Breitband, Kinderbetreuung, Pflege, ist unerlässlich. Deshalb bedürfen Frauen – vor allem im ländlichen Raum – einer gezielten Förderung“, fasst Bundesbäuerin Andrea Schwarzmann die politischen Forderungen zusammen.

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Claudia Zinner

Mag. Annette Weber ist Mitarbeiterin des Ökosozialen Forum Österreich und freie Mitarbeiterin von unserhof.


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Die diplomierte Lebensund Sozialberaterin ­SYLVIA ­REITBAUER hat mit vielen ­Bäuerinnen über die ­besondere Beziehung ­zwischen Schwieger­tochter und Schieger­mutter gesprochen. unserhof hat sie erzählt, ­warum das Ver­ hältnis zwischen „SchwieMu und SchwieTo“ nicht immer ­einfach ist. Interview: Annette Weber

R Sylvia ­Reitbauer

eitbauer hat selbst vor ­vielen Jahren in einen Landwirtschafts­betrieb einge­heiratet und kennt das Konfliktfeld daher aus ihrem eigenen Umfeld. Nach ihrer Ausbildung hat sie Be­ ratungen und Seminare dazu ange­ boten. unserhof: Warum entsteht der ­Konflikt zwischen Schiegermutter und ­Schwiegertochter? Reitbauer: Der Konflikt zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter tritt viel häufiger auf, als etwa der Konflikt mit dem Schwiegersohn oder -vater. Schon allein deshalb, weil traditionell viel mehr Frauen zu ihren Männern ziehen und in bestehende Familien einheiraten. Frauen sind in der Regel auch viel öfter zu Hause, zum Beispiel wenn sie Kinder bekommen. Auch die Schwiegermutter ist immer da. Das Problem ist, dass auf den Höfen mehrere Generationen unter einem Dach leben. Früher gab es einen gemeinsamen Wohnbereich, sprich eine gemeinsame Küche, ein gemeinsames Bad. Das lockert sich jetzt zwar auf, aber die Nähe bleibt. Wenn eine Frau auf den Hof kommt, bedeutet diese Situation sowohl für die Schwiegermutter als auch für die Schwieger­tochter eine Umbruchphase. Die junge Frau kommt auf einen Hof und gibt ihr eigenes soziales Umfeld auf, vielleicht sogar ihren Beruf. Sie steigt in die Landwirtschaft ein, ist oft aber nicht dafür ausgebildet. Sie fühlt sich unsicher, will es aber nicht zugeben.

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„Die Schwieg ist manchma Sündenbock“ Kehrt sie andere Kompetenzen hervor, gilt sie vielleicht als überheblich. Die Schwiegermutter fühlt sich zurückgedrängt, die Abnabelung von ihren Kindern fällt ihr schwer. Sie muss sich von ihrer Fruchtbarkeit verabschieden. Und sie fürchtet um ihre Bedeutung und Wichtigkeit. Das ist natürlich ein hoch­sensibles Thema. Dazu kommt, dass zwei unterschiedliche Lebensmodelle und Gewohnheiten aufeinander treffen – auch wenn es zum Beispiel nur um Essenszeitpunkte geht. Wenn jemand etwas anders macht als ich, dann verstehe ich es als Kritik an mir bzw. an der Art, wie ich es mache.

In vielen Familien herrscht einfach keine offene Gesprächskultur. Und so schaukelt sich eine anfangs kleine Ungereimtheit mitunter hoch. Liegt es immer nur an den ­Schwiegermüttern? Nein. Zum Teil gibt es auch Pro­ bleme mit dem Schwiegervater oder mit den Geschwistern. Es ist oft so, der Sohn übernimmt den Betrieb und für alle, die am Hof leben, ändert sich nichts. Es geht so weiter wie vorher. Die Mutter kocht für alle, kümmert sich weiterhin um die Wäsche des Sohnes etc. Erst wenn der Sohn heiratet und eine Frau – also eine unserhof 1/2015


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zen. Wir dürfen nicht vergessen, dass eine derartige Situation auch für den Mann eine massive Überforderung bedeutet und er eine hochanspruchsvolle Rolle einnimmt. Trotzdem ist den Kopf einzuziehen, sicher der falsche Weg.

ger­tochter al der “ außenstehende Person – auf den Hof kommt, werden die Veränderungen spürbar. Man realisiert plötzlich, dass sich etwas verändert hat. Plötzlich brechen alte „Verwundungen“ auf, die weichenden Erben – also diejenigen, die nicht am Hof bleiben – fühlen sich ungerecht behandelt oder sind mit der Übergabe nicht zufrieden. Die Schwiegertöchter sind dann oftmals der Sündenbock, obwohl schon in der Ursprungsfamilie vieles nicht geregelt wurde. Wenn jemand von außen kommt, wird das System aufgewirbelt. Und es ist leichter zu sagen: „Seit du da bist, ist dieses und jenes nicht in Ordnung.“

Welche Rolle spielt der Ehemann oder der Partner? Es kommt vor, dass der Sohn, der zu Hause lebt, noch nicht „erwachsen“ ist, das heißt, er ist noch nicht von seiner Ursprungsfamilie abgenabelt. Er tut noch immer das, was der Vater sagt und ist mit seiner Mutter auf „Kuschelkurs“. Das ist ein Phänomen, das nicht nur in Bauersfamilien auftritt. Das macht die Sache nicht unbedingt einfacher. Wenn ein Konflikt auftritt, versuchen viele Männer, sich rauszuhalten und denken, die „Weiberleut“ sollen sich das untereinander ausmachen. Der Mann will es sich weder mit der Mutter noch mit der eigenen Ehefrau verscher-

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Gibt es auch Zoff mit den Schwiegereltern, wenn Männer auf einen Betrieb einheiraten? Wenn der Schwiegersohn Vollzeit am Hof mitarbeitet, entstehen oft ganz ähnliche Probleme. Wenn der Schwiegersohn auswärts arbeitet und nur am Abend nach Hause kommt, ist das etwas anderes. Wie können Paare der Gefahr rechtzeitig entgegensteuern? Frauen bzw. Paaren, die zu mir in die Beratung gekommen sind, habe ich Folgendes geraten: Guter Rat ist RAR. Das erste R steht für Reden. Wenn eine Familie gut miteinander kommunizieren kann, ist das schon viel wert. Wenn die Schwiegertochter zum Beispiel zur ihrer Schwiegermutter sagt, dass sie sich gekränkt hat über diese und jene Aussage, und die Schwiegermutter sich vielleicht noch entschuldigt und ihre Beweggründe offenlegt, hilft das ungemein. Das A steht für Abstand. Das gemeinsame Zusammenleben läuft heute – Gott sei Dank – aus. Jede Familie hat ihr eigenes Bad, ihre eigene Küche. Jeder soll tun können, was er will und jede Familie soll so leben, wie sie möchte. Wenn die Eltern zum Beispiel um Punkt zwölf zu Mittag essen, weil sie das immer so getan haben, dann sollen sie dies auch weiterhin tun. Gleichzeitig müssen sie aber auch akzeptieren, dass zum Beispiel die jüngere Familie am Wochenende länger schlafen will. Das letzte R steht für Respekt. Von Vornherein sagen, alles was der andere sagt oder tut ist schlecht, ist sicher der falsche Zugang. Wichtig ist auch, sich gegebenenfalls rechtzeitig Hilfe von außen zu holen und nicht erst dann, wenn der Konflikt schon eskaliert und es bereits fünf vor zwölf ist. Hilfe bekommt man heute schon relativ rasch, unbürokratisch und auch kostengünstig. Auch die Hemmschwelle, Hilfe von professionellen Diensten in Anspruch zu nehmen, sinkt. Aber leider nicht schnell genug. Es gibt noch viel Leid, das geschluckt wird.

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Absage an ­altbekannte Klischees Traditionelle Vorstellungen und moderne Lebenseinstellungen prallen gerade auf Bauernhöfen oft aufeinander. Wie sehen junge Mädchen und Burschen die Rolle der Frau heute, am Betrieb, in der Familie? Landwirtschaftliche Fachschüler geben Antworten.

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iesmal hat unserhof Schülerinnen und Schüler der Landwirtschaftlichen Berufs- und Fachschule Schlierbach in Oberösterreich um ihre Meinung zum Thema „Bauer sucht Frau“ gebeten. Die Klasse 3 A hat die Fragen gemeinsam beantwortet.

Die Aussagen der Schülerin und der Schüler wurden in Teamarbeit in Kleingruppen erarbeitet und vom unter­ stützenden Lehrer Josef Preundler zusammen­ gefasst.

unserhof: Früher hat man geheiratet, um versorgt zu sein, ein Zuhause und eine Lebensgrundlage zu haben. Der Mann war für den Betrieb verantwortlich, die Frau für die Kinder, den Haushalt und die fleißige Mitarbeit im Stall und am Feld. Ist das für euch nach wie vor ein zeitgemäßes, erstrebenswertes bäuerliches Familienbild? Schüler: Nein, dieses Familienbild ist veraltet, denn die Frau im Haus will sich nicht alleine um die Kinder und den Haushalt kümmern. Auch die Männer möchten oftmals mehr mit den Kindern machen. Eine Arbeitsteilung spielt eine sehr wichtige Rolle. Die Aufgaben sollten nicht nach den altbekannten Klischees erfolgen. Viele

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Frauen haben eine gute Ausbildung und wollen daher nach der Heirat weiterhin der Berufsausübung nachgehen. Viele junge Frauen haben eine gute Schul- und Berufsausbildung erfahren, sind bereits angestellt oder gar selbständig und wollen auch nach der Heirat mit einem Landwirt weiterhin ihrer Arbeit im nichtbäuerlichen Bereich nachgehen. Geht das überhaupt? Wenn ja, warum, wenn nein – warum nicht? Wer einen guten Arbeitsplatz hat, möchte ihn nicht aufgeben. Außerdem kann bei den Betrieben unserer Region vielfach eine Person die Hauptaufgaben leisten. Der Nebenerwerb ist für viele Familien eine wichtige Einnahmequelle. In Spitzenzeiten arbeiten vielfach auch noch die Eltern mit. Welche Wünsche und Vorstellungen habt ihr einmal für eure Höfe? Wie ist die Situation auf euren Betrieben zu Hause? Bei einer Betriebsgröße von rund 30 Hektar wie bei den meisten von

uns daheim ist es nötig, dass eine Person im Nebenerwerb arbeitet. Eine intakte Betriebsstruktur und ein gutes Familien­klima sind uns wichtig. Wenn es möglich ist, möchten wir aber schon mit unserem künftigen Partner den Betrieb gemeinsam führen. Auf Bauernhöfen leben noch meist drei, gar vier Generationen unter einem Dach. Wie lassen sich allfällige ­Konflikte zwischen (Schwieger-)Eltern und (Schwieger-)Kinder am besten hintanhalten oder lösen? Konflikte kann man am besten durch Gespräche und Diskussionen lösen. Man sollte möglichst viel miteinander reden und gemeinsame Aktivitäten unternehmen. Jeder soll auch Zeit für sich selbst haben. Außerdem sollte jede Generation über einen eigenen Wohnbereich als Rückzugsmöglichkeit verfügen. Außerdem schafft gutes Arbeitsmanagement Klarheit. Man(n) kann voneinander lernen und Lösungen finden. Es ist auch wichtig, dass die ältere Generation loslassen kann und sich an Neues anpasst. unserhof 1/2015


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Die Schüler der 3 A der LFS Schlierbach (v.l.n.r.) sitzend: Wolfgang Schmidberger, Jakob Kopf, Moritz Gebesmair, Michaela Huemer, Daniel Auer, Florian Forster, Stefan Prillinger; stehend: Manuel Gruber, Patrick Kastner, Thomas Haas, Benedikt Haslinger, Thomas Rührlinger, Thomas Arthofer, Andreas Kalchmair, Michael Laglstorfer, Florian Hackl, Johannes Brandstätter.

Ratschläge können manchmal auch als Schläge empfunden werden. Wie sollen sich gerade junge Frauen behaupten? Soll man die Älteren auch mal in die Schranken weisen? Jede Frau muss sich behaupten können und die Möglichkeit h ­ aben, die eigene Meinung zu sagen. Es muss ihr zugehört werden. Die „Alten“ müssen öfter nachgeben, da sie auch von den „Jüngeren“ lernen können. Ein neuer Lebensstil schafft oft Probleme. Eine junge Frau muss

Müssen Ehefrauen auf einem ­Bauern­hof zwangsläufig als Arbeitskräfte herhalten? Was haltet ihr von der Idee, einen Hof so aufzustellen, dass die Tätigkeiten von einer ­Arbeitskraft erledigt werden

können und in Spitzenzeiten Arbeiten ­aus­gelagert oder Helfer eingestellt ­werden? Wie wichtig ist für euch 50:50 bei Haushalt und Fam­ilie – und wie erlebt ihr das in eurem ­Um­feld? Die Ehefrau ist nicht nur Arbeits­ kraft, sondern Partnerin mit gleichwertiger Arbeitsaufteilung und Wertschätzung. Es sollte sich jeder am betrieblichen und familiären Leben entsprechend der Situation und den Möglichkeiten beteiligen.

Die LFS Schlierbach wurde 1920 gegründet. Bis Anfang der 1980er Jahre im Kloster u ­ ntergebracht, wurde 1982 ein Schulneubau mit 138 Internatsplätzen bezogen. Aktuell besuchen 166 Schülerinnen und Schüler das Lernzentrum nahe Kirchdorf/ Krems. Schwerpunkte der v­ ielfältigen Agrarausbildung sind neben einer gediegenen allgemeinen Bildung die praktischen Ausbildung in mehreren

Praxisbetrieben, dem Stiftsforst, Verarbeitungsräumen für Obst, Milch und Fleisch, einem Boden- und einem Mostlabor, modernen Werkstätten für Holz- und Metallbearbeitung sowie Landmaschinenpflege. Zudem lernen die Schlierbacher auf Bauernhöfen der Umgebung. 2014 wurde der Schule der „OÖ. Landespreis für U ­ mwelt und Nach­ haltigkeit“ verliehen.

vor allem von den Schwiegereltern angenommen werden. Gemeinsam reden und Lösungen finden, die für alle passen. Wenn der Hof von den Jungen übernommen wurde, haben sie das Sagen.

www.landwirtschaftsschule.at unserhof 1/2015 11


Ein optimales Vater-Sohn-Gespann: Diesen Eindruck hatte unserhof, als es den Biobetrieb Weinmannhof von Jungbauer Mario und Senior Rudolf in St. Peter bei Spittal in Kärnten besuchte. Und doch sind Mario Ebner und Rudolf Sommeregger nicht miteinander verwandt. Von Stefan Nimmervoll

M

it einem begeisterten Leuchten in den Augen berichteten die Biobauern von ihren seltenen Nutzpflanzen, dem erfolgreichen Ab-Hof-Verkauf und der Weiterentwicklung des 500 Jahre alten Gutes. In zwei Jahren soll der junge Mann aus dem Nachbardorf den Hof der Sommereggers zur Gänze übernehmen. Ein optimales Verhältnis: harmonisch-dynamisch, so der Augenschein. Dabei hat alles mit einer Tragödie begonnen.

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1995 verunglückte der einzige Sohn von Johanna und Rudolf Sommer­ egger im Rahmen seiner Ausbildung in der Landwirtschaftlichen Fachschule bei einem Forstunfall tödlich. Neben allem Leid um den unersetzlichen Verlust stand der Betrieb plötzlich ohne Hoferben da. Das Schicksal des gerade erst in Umstellung auf die Bioproduktion befindlichen „Weinmannhofes“ schien besiegelt. Trotzdem setzte das Ehepaar unbeirrt auf die Weiterentwicklung des H ­ ofes. „Wir haben bereits 1979 mit dem Anbau von Blau- und Weißkraut für ADEG begonnen und uns

dann v­ öllig auf viehlose Bewirtschaftung und die Direktvermarktung von ­seltenen Getreidesorten eingelassen“, erzählt der Altbauer. Das Schicksal und wohl auch die Offenheit für unkonventionelle Ansätze haben schlussendlich aber den Fortbestand des Bauernhofes ermöglicht, als auf diesem mit Mario Ebner wieder junges Leben Einzug hielt. Der Bub aus dem Nachbarort war in den dramatischen Stunden 1995 gerade erst zehn Jahre alt, aber schon damals Stammgast am Hof der Familie Sommeregger. „Meine Mutter hat beim Kraut schneiden geholfen und unserhof 1/2015

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Auf Augenhöhe


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mich immer mitgehabt“, erinnert sich dieser an glückliche Kindheitstage. Obwohl seine Eltern daheim keine Landwirtschaft hatten, wurde in dieser Zeit auch die Begeisterung in Mario Ebner für den Ackerbau geweckt. Wo immer es möglich war, wollte er mithelfen. „Dass er nach dem Tod u ­ nseres Sohnes noch mehr am Hof war, hat uns bei der Bewältigung unserer Trauer sehr geholfen“, betont Rudolf Sommeregger. Nach und nach sei so die Idee entstanden, den Heranwachsenden mit dem großen Herz für die Landwirtschaft auch längerfristig am Hof einzubinden. Bestärkt wurde dies noch, als sich Ebner für den Besuch der landwirtschaftlichen Fachschule Litzlhof entschied. Sommeregger: „Wir haben Mario angeboten, dass er einsteigen kann.“ Zunächst schloss der junge Mann aber auf Wunsch seiner Eltern noch eine Ausbildung zum Automechaniker ab, „damit ich einen Beruf habe, falls sich meine Hoffnungen doch zerschlagen.“ Dabei sei ihm von Anfang an klar gewesen, was sein Traumberuf sei. Auch für Rudolf Sommeregger gab es keinen Zweifel an Mario als künftigem Hofübernehmer: „Wir wollten keinen Knecht, sondern einen Menschen, mit dem wir auf Augenhöhe zusammen­ arbeiten können.“ 2006 folgte schließlich der erste Schritt zur außerfamiliären Hofübergabe: Mario pachtete einen Teil der Flächen, um so von Anfang an einen eigenen Betrieb und eine eigene Versicherung zu haben. Mittlerweile ist Rudolf Sommeregger in Pension, seine Frau Johanna wird den Betrieb noch zwei Jahre lang führen, bevor er zur Gänze an Mario verpachtet wird. „Er soll den Hof einmal ganz bekommen“, sagt Sommeregger. Auch Sommereggers Geschwister als potentielle Erben seien mit diesem Vorgehen einverstanden: „Erben ist das eine, einen Betrieb weiterführen aber eine andere Sache.“ Längst ­haben die Bauersleute Mario Ebner auch in ihrem Testament angeführt. Der Jungbauer ist stolz darauf, nun zwei Familien zu haben. „Ich wohne im Haus von Rudolf und Johanna. Der Kon-

takt zu meinen Eltern und meinen Geschwistern ist aber ebenfalls sehr eng.“ Noch offen ist, ob es am Weinmannhof auch wieder eine Jungbäuerin geben wird. Marios Freundin stammt zwar aus der Umgebung, arbeitet derzeit aber in Wien. Immerhin hat sie den Jungbauern kennengelernt, als sie ihre Masterarbeit über den Hofladen des Biohofes geschrieben hat.

Der Betrieb Am Weinmannhof mit 26,5 Hektar Ackerfläche werden seltene Nutzpflanzen wie Oberkärntner Roggen, Waldstaude, Nackthafer, Purpurweizen oder Einkorn in Bio-Qualität

angebaut. Die Genetik der Pflanzen wird dabei zum Teil bereits seit hundert Jahren am Hof bewahrt. Auch die Verarbeitung erfolgt zur Gänze am Betrieb. In der eigenen Mühle werden Mehle, Flocken, Grieße und Dinkelreis erzeugt und daraus auch preisgekrönte Brote gebacken. Verkauft werden die Produkte im Hofladen, auf Bauernmärkten und in Bauernecken bei regionalen Lagerhäusern. Mit dem Talggen, einem traditionellen Getreidesterz, ist der Biohof Sommeregger auch Teil der „Arche des Geschmacks“ von Slow Food. Daneben bauen Sommeregger und Ebner auch noch Kraut und verschiedene seltene Erdapfelsorten an.

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FAMILIE UND BETRIEB

Jungfunktionäre: Man muss sie nur lassen Werden junge Landwirte in Österreich ausreichend unterstützt? Welchen Einfluss haben junge Bauern in agrarischen Organisationen? Und wurden Sie schon einmal „zurechtgestutzt? unserhof hat einige Jungfunktionäre über dieses und anderes befragt.

J Josef Kowald

osef Kowald aus Allerheiligen bei Wildon ist Obmann der Jungen Styriabrid.

unserhof: Seit wann sind Sie in Ihrer Funktion und wie kam es dazu? Josef Kowald: Ich bin seit August 2012 in meiner Funktion als Sprecher der Jungen Styriabrid tätig. Es war das Anliegen einiger Vorstandsmitglieder der Styriabrid, dass junge Schweinebauern selbständig Themen erarbeiten und sich einbringen. Daraufhin hat sich ein junges Team gefunden und wir haben die Junge Styriabrid gegründet. Was schätzen Sie an Ihrer Organisation? Die Hauptaufgabe der Styriabrid liegt eigentlich in der Vermarktung der Ferkel und Mastschweine der Mitgliedsbetriebe. Was ich aber besonders schätze, sind die vielen wichtigen zusätzlichen Tätigkeiten, die sich die Styriabrid zur Aufgabe gemacht hat. Vor allem die Vertretung der bäuerlichen Interessen, aber auch die Unterstützung der Mitgliedsbetriebe, z.B. bei Stallbauten, wird immer wichtiger. Welchen Einfluss haben junge Bauern in Ihrer Organisation? Wir erarbeiten unsere Projekte und Ideen und bringen diese auch ein. Weil es der Wunsch des Vorstandes

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war, dass wir uns einbringen, werden unsere Ideen sehr ernst genommen. Es wird auch sehr vieles mit uns abgesprochen. Wurden Sie schon einmal „zurechtgestutzt“? Nein, wurde ich nicht. Was müsste man rasch ändern, um mehr junge Menschen als Funktionäre zu gewinnen? Es sind sehr viele junge Menschen bereit, Funktionen und Verantwortung zu übernehmen. Man muss auf sie zugehen, sie auch ran lassen und ihre Meinungen wertschätzen. Das ist in allen Bereichen und Ebenen so. Werden junge Landwirte in Österreich ausreichend unterstützt? In Österreich gibt es einige gute Instrumente, die junge Landwirte unterstützen. Auch von der neuen GAP-Reform profitieren vor allem junge Landwirte. Diese Unterstützung ist auch dringend notwendig, denn die finanzielle Situation ist nicht wirklich einfacher geworden. Hinzu kommt noch, dass es immer schwieriger wird, einen Betrieb zu vergrößern bzw. umzubauen. Auch die Darstellung der Bauern in der Öffentlichkeit fällt oftmals nicht positiv aus, Stichwort Bienensterben oder Grundwasserproblematik. Da stellt sich schon so mancher

zukünftiger Hofübernehmer die Frage, ob er sich das alles antun soll. Glauben Sie, haben es junge Bauern heute leichter oder schwerer als früher – und warum? Die Situation und Aufgaben der Bauern haben sich in der vergangenen Zeit verändert. Früher war die Hauptaufgabe, die Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. Später musste man die Arbeitsschritte, Leistungen und auch die Qualität optimieren, um vor allem mit dem internationalen Markt mithalten zu können. Heute wird die Aufklärungsarbeit gegenüber den Konsumenten und Anrainern immer wichtiger, damit diese unsere Situation und unsere Arbeit verstehen. Wenn Sie den Landwirtschaftsminister eine Frage zu jungen Landwirten stellen könnten, welche wäre das? Welchen Weg diese seiner Meinung nach einschlagen sollten, um nicht nur wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen, sondern auch wieder verstärkt von der Bevölkerung akzeptiert und wertgeschätzt zu werden? Wir Bauern haben immer gemacht, was Konsumenten und der Handel von uns verlangt haben: leistbare Nahrungsmittel produziert, Qualitätsprogramme eingeführt und somit „Premiumprodukte“ hergestellt. Heute haben viele unserhof 1/2015


Foto : © Jürg

en Fälchle

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Konsumenten durch verschiedene Werbungen ein Bild von der Landwirtschaft, das sowohl in der konventionellen wie auch in der biologischen Wirtschaftsweise nicht realisierbar ist. Da wünsche ich mir von der gesamten Politik mehr Rückhalt.

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ebastian Herzog aus L­ eogang ist Obmann von Bio Austria Salzburg.

unserhof: Seit wann sind Sie in Ihrer Funktion und wie kam es dazu? Sebastian Herzog: Seit März 2012. Ich wurde gefragt, ob ich Bezirksvorstand werden möchte, dadurch wurde ich als Gast bei einer Vorstandssitzung eingeladen. Diese Sitzung sollte auch einen Obmann-Nachfolger finden. Da sich niemand finden konnte und mich dieser Job interessierte, wurde ich schließlich Obmann von Bio Austria Salzburg Was schätzen Sie an Ihrer ­Organisation? Die Arbeit mit der Basis. Wir arbeiten für den biologischen Landbau, leisten Beratungsarbeit, aber auch Interessensvertretung. Auch die Arbeit in und mit der Öffentlichkeit gefällt mir sehr gut, die Akzeptanz der Biobauern in der Bevölkerung ist sehr hoch. Welchen Einfluss haben junge B ­ auern in Ihrer Organisation? Sehr viel, wir sind drei von acht ­Vorständen unter 30 Jahre. Wurden Sie schon einmal „zurechtgestutzt?“ Ja, mit Maß und Ziel und vor allem konstruktiv. Ich könnte bisher daraus sehr viel lernen. Unkonstruktive Kritik gibt es auch immer wieder, darf man sich aber nicht allzu sehr zu Herzen nehmen.

Was müsste man rasch ändern, um mehr junge Menschen als Funktionäre zu gewinnen? Das Funktionärswesen sollte attraktiver kommuniziert werden. Jungen Leuten eine Chance geben, damit sie sich einarbeiten können und Erfahrungen sammeln. Werden junge Landwirte in Österreich ausreichend unterstützt? Schwer zu sagen, es liegt sehr viel Hoffnung auf der nächsten Programmperiode, wo eine aktive Junglandwirte-­ Förderung versprochen wird. Glauben Sie, haben es junge Bauern heute leichter oder schwerer als früher – und warum? Ich kann zwar nur für die Biobauern sprechen, aber ich denke, man hat es leichter. Landwirtschaft hat wieder halbwegs ein Ansehen in der Bevölkerung. Man kann stolz sein, Bauer zu sein. Wirtschaftlich gibt es auch viele Möglichkeiten seinen Betrieb auszurichten, man muss nur offen für Veränderungen sein. Wenn Sie den Landwirtschaftsminister eine Frage stellen könnten, welche wäre das? Es wäre wohl eine Frage zu einem sozialen Thema. Viele junge Familien in der Landwirtschaft sehen gewisse Nachteile im Sozialsystem gegenüber anderen Berufsgruppen.

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anfred Penninger aus Eitzing ist Jungbauernvertreter bei den Grünen Bäuerinnen und Bauern Österreichs. unserhof: Seit wann sind Sie in Ihrer Funktion und wie kam es dazu? Manfred Penninger: Seit Jänner diesen Jahres. Wenn man sich intensiv mit

Agrarpolitik beschäftigt, kommt man an Wolfgang Pirklhuber und den Grünen Bäuerinnen und Bauern nicht vorbei. Da es viele gemeinsame Standpunkte und Ziele gab, beschloss ich, hier mitzuarbeiten und mich einzubringen. Was schätzen Sie an Ihrer Organisation? Wir machen Politik für die Menschen und unsere Umwelt aus tiefster Überzeugung und lassen uns nicht von irgendwelchen Lobbyisten und Inserenten diktieren. Welchen Einfluss haben junge Bauern in Ihrer Organisation? Das Alter spielt bei uns keine Rolle. Jeder kann seine Ideen einbringen. Wurden Sie schon einmal „zurechtgestutzt“? Nein. Bei uns darf sich jeder frei entfalten und seine Meinung kundtun. Was müsste man rasch ändern, um mehr junge Menschen als Funktionäre zu gewinnen? Junge Frauen und Männer in verantwortungsvolle Posten lassen – ein Großteil der Spitzenfunktionen im Agrarbereich wird derzeit von Männern im Pensionsalter bekleidet. Werden junge Landwirte in Österreich ausreichend unterstützt? Das österreichische Agrarfördersystem ist in hohem Maße ungerecht. Es gibt zu wenig Anreize und Perspektiven für die Jungen, einen Hof zu übernehmen oder zu gründen. Die geplante Jungunternehmerförderung ist nur ein Alibi-Beitrag. Bio-Neueinsteiger werden (lt. jüngstem EU-Fragenkatalog zur Ländlichen Entwicklung) überhaupt nicht gefördert. Glauben Sie haben es junge Bauern heute leichter oder schwerer als früher – und warum? Beides! Durch höheres Bildungsniveau, Produktinnovationen, neue

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Sebastian Herzog

Manfred ­Penninger


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Märkte etc. ergeben sich viele Chancen. Andererseits steigt der Druck nach Wachstum oder Diversifizierung. Nur Fleiß und 20 Hektar Eigengrund ist heute zu wenig, um im Vollerwerb zu reüssieren. Aber das Berufsbild des Landwirts scheint mir in der Gesellschaft wieder an Ansehen zu gewinnen. Der Trend zu Produkten aus dem eigenen Stall und Garten ist erfreulich. Auch dass der Konsument die Art und Weise der landwirtschaftlichen Produktion hinterfragt, finde ich positiv. Wenn Sie Landwirtschaftsminister Andrä Rupprecher eine Frage stellen könnten, welche wäre das? Ob er es als politisch korrekt empfindet, dass er bei einer Rede vor großem Publikum damit prahlte, dass er seinen Studentenheimplatz nur dank politischer Intervention erhielt, also ein Fall von „Freunderlwirtschaft“. Und das auch noch auf seiner Ministeriums-Homepage veröffentlicht.

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tefan Schuster aus Oberneuberg bei Pöllau ist neuer Sprecher des Jugendbeirates in Österreichs größter Molkerei Berglandmilch.

Stefan ­Schuster

Hans Deix

unserhof: Seit wann sind Sie in Ihrer Funktion und wie kam es dazu? Seit November, nach einer Wahl. Was schätzen Sie an Ihrer Organisation? Freundschaft, Veränderungswille und Kreativität der Jungfunktionäre, Professionalität, Geduld und Weitsicht der Mitarbeiter und Funktionäre der Genossenschaft. Welchen Einfluss haben junge Bauern in Ihrer Organisation? Ich denke, einen großen, auch wenn es uns nicht immer so vorkommt. Die Bereitschaft, sich für junge Bauern einzusetzen, ist da, Vorschläge werden besprochen und wenn möglich umgesetzt. Eigentlich geht es uns sehr gut. Wurden Sie schon einmal „zurechtgestutzt“? Nein, man bekommt eher sehr viel positives Feedback, wenn man aufsteht und sich bereiterklärt, andere zu vertreten. Was müsste man rasch ändern, um mehr junge Menschen als Funktionäre zu gewinnen? Die Denkweise, dass das Amt geliehen ist, wie auf dem Betrieb zuhause. Wenn man sich bereit erklärt ein Amt

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zu bekleiden, dann muss man alles geben und gleichzeitig auch schon den Nachfolger aufbauen. Wenn man amtsmüde ist, wird man schwer den Nachfolger begeistern können. Es muss mehr Genugtuung sein, wenn man sieht, dass sich der Nachfolger leicht tut, als wenn einem andere auf die Schultern klopfen und sagen, um wie viel besser man gewesen ist! Auch muss man Jugendlichen eine Chance geben, sich zu verwirklichen – um ihnen zeigen, dass es Sinn macht, sich zu engagieren. Werden junge Landwirte in Österreich ausreichend unterstützt? Ich denke, es geht uns sehr gut. Geschenkt wird niemandem etwas und ein bisschen dürfen wir uns auch anstrengen! Glauben Sie, haben es junge Bauern heute leichter oder schwerer als früher – und warum? Persönlich denke ich, dass wir es leichter haben. Immerhin durften früher geplante Hofübernehmer erst spät bestimmen, was auf dem Betrieb passiert, zusätzlich zur einst wohl noch schwierigen Umgangsweise in der Familie. Heute hat sich das weiterentwickelt. Viele Hofübergeber haben eingesehen, dass es nur zusammen geht oder dass auch andere Betriebszweige erfolgreich sein können. Unsere Aufgabe muss es sein, einen modernen und überlebensfähigen Betrieb aufzubauen, uns an die Gesellschaft anzupassen und uns in der Politik und in Organisationen für die Zukunft zu engagieren, einfach unser Möglichstes für unsere Übernehmer zu tun. Wenn Sie dem Landwirtschaftsminister eine Frage stellen könnten, welche wäre das? Was ist besser: Bauer sein oder Landwirtschaftsminister?

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ans Deix aus Pyhra ist Obmann der Niederösterreichischen Jungbauern.

Seit wann sind Sie in Ihrer Funktion und wie kam es dazu? Ich war ab 2005 bis 2007 Leiter der damals mit 150 Mitgliedern größten Landjugend-Ortsgruppe in Pyhra. 2009 bin ich gefragt worden, ob ich bei der Jungbauernschaft mitarbeiten möchte

und bin 2012 zum Obmann der NÖ Jungbauern gewählt worden. Was schätzen Sie an Ihrer Organisation? Wir setzen uns für die Themen junger Landwirte ein und versuchen, dass diese auch politisch umgesetzt werden. Ich schätze es, dass wir damit bis jetzt immer Gehör gefunden haben und unsere Themen auch mehr oder weniger gut umgesetzt worden sind. Welchen Einfluss haben junge Bauern in Ihrer Organisation? Ich denke schon, dass wir Einfluss haben, wobei man sagen muss, dass in dieser Organisation jeder erwünscht ist, der sich positiv im Sinne der österreichischen Landwirtschaft einsetzt Wurden Sie schon einmal „zurechtgestutzt“? Bis jetzt noch nicht. Vielleicht ecken wir zu wenig an …  Was müsste man rasch ändern, um mehr junge Menschen als Funktionäre zu gewinnen? Eine schwierige Frage. Der Arbeitsdruck und dadurch die Zeitbelastung wird einfach immer mehr. Und wirklich gute Leute zu finden, ist nicht immer einfach. Funktionieren kann das nur im Gespräch mit den einzelnen Personen, wo man weiß, dass ihr Denken nicht nur einem Selbstzweck dient. Werden junge Landwirte in Österreich ausreichend unterstützt? Nehmen wir einfach die GAP her: Ich denke, dass wir hier ein ordentliches Ergebnis herausgeholt haben …! Glauben Sie, haben es junge Bauern heute leichter oder schwerer als ­früher – und warum? Ich weiß nicht, wie es vor 20 Jahren ausgeschaut hat, aber ich glaube, jede Zeit hat ihre Herausforderungen … Ich denke aber schon, dass der mentale Stress gestiegen ist … Wenn Sie Landwirtschaftsminister Andrä Rupprecher eine Frage zu jungen Landwirten stellen könnten, welche wäre das? Wieso kann es nicht möglich sein, dass wir europäische Rahmenbedingungen für einen Europäischen Markt finden? Ich spreche hier vom Tierschutzgesetz, Pflanzenschutz etc., weil die Preise für unsere Produkte auch nicht in Österreich gemacht werden. So wird es immer zu Wettbewerbsnachteilen kommen, die Österreichs Landwirte tragen müssen. unserhof 1/2015


ASTRID, SEMINARBÄUERIN VERTREIBT WISSEN AB HOF.

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Entgeltliche Einschaltung

Astrid Burgstaller ist seit 2003 Seminarbäuerin und bringt so Österreichs Schülerinnen und Schülern die Landwirtschaft näher. Und ihre Liebe zu Kärntner Kasnudeln, die sie direkt ab Hof verkauft. Informieren auch Sie sich über die Möglichkeiten, die Ihnen unsere Fort- und Weiterbildungsprogramme bieten, unter LE2020.bmlfuw.gv.at


Foto: © Land Niederösterreich

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Jammern war gestern Seit 2012 macht sich der Agrar Think Tank Gedanken darüber, wie die Zukunft im Ländlichen Raum aussehen kann und welche Rahmenbedingungen zukünftige Hofübernehmer brauchen. Mehr Innovation und mehr Eigenmarketing sind zwei von vielen Forderungen der Denkfabrik. Von Annette Weber

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ermann Weiß ist Gemüse- und Ackerbauer in Niederösterreich. Auf seinen Feldern wachsen unter anderem Babykarotten, Grünerbsen, Saatmais, Zuckerrüben und Getreide. Rund 1.000 Tonnen Karotten produziert er jedes Jahr. Seit sieben Jahren ist er Betriebsführer, in spätestens fünf

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Jahren wird der heute 28-Jährige den Hof ganz übernehmen. Nicht immer ist es leicht, erzählt er. Die Euphorie und die Leidenschaft für den Beruf bleiben trotzdem. Weiß ist einer von vielen Agrar Think Tankern, die sich derzeit den Kopf zerbrechen, wie die Zukunft am Land aussehen kann. „Ich habe mich beim Agrar Think Tank engagiert, weil Österreich bei Gemüse nur einen

Eigenversorgungsgrad von beschämenden 60 Prozent hat und ich denke, dass das bei der richtigen Weichenstellung und der steigenden Nachfrage nach regionalen Produkten ausbaufähig ist“, erklärt er seine Motivation, bei dem Denkprozess dabei zu sein. „Dass es Jungbäuerinnen und Jungbauern beziehungsweise künftige Hofübernehmer nicht immer leicht haben, unserhof 1/2015


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ist uns bewusst“, sagt der Präsident des Ökosozialen Forum Österreich, Stephan Pernkopf. Das war unter anderem auch der Grund, warum er 2012 den Agrar Think Tank ins Leben gerufen hat. Gemeinsam mit der Landjugend Österreich und der Österreichischen Jungbauernschaft macht sich das Ökosoziale Forum dabei auf die Suche nach neuen Perspektiven für angehende Bäuerinnen und Bauern. Die drei Organisationen sind jedoch nur die Plattform, „arbeiten“ müssen die Jungbäuerinnen und Jungbauern selber. „Es war uns wichtig, dass wir denen das Wort geben, die es betrifft. Gemeinsam mit den Hofübernehmern und jungen Landwirten wollen wir Rahmenbedingungen diskutieren, die notwendig sind, damit der Beruf des Bauern interessant bleibt. Nur so können wir garantieren, dass wir auch in Zukunft eine Landwirtschaft in Österreich haben, die auf hohem Niveau produziert“, sagt Pernkopf. Im ersten Durchgang des Agar Think Tanks wurden allgemeine Themen diskutiert, welche die Teilnehmer für wichtig erachteten. „Es ist nicht verwunderlich, dass auch Forderungen nach lokalen Bildungseinrichtungen, einer lokalen medizinischen Grundversorgung und einem ausreichenden öffentlichen Verkehrsnetz kamen. Genau das stellt sicher, dass die Lebensqualität am Land hoch bleibt und die jungen Menschen nicht weggehen“, fasst Pernkopf die bisherigen Ergebnisse der Denkfabrik zusammen. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Bildung. Aktuell haben 48 Prozent aller Betriebsleiter eine spezifische landwirtschaftliche Ausbildung. Österreich liegt damit zwar deutlich über dem EU-Durchschnitt, trotzdem bestehe „eindeutig Potenzial nach oben“, so Pernkopf. Deutschland etwa hat hier einen Anteil von knapp 69 Prozent, in den Niederlanden haben sogar über 71 Prozent eine fachspezifische Ausbildung. Mit dem Anstieg des Anteils der unter 35-Jährigen bei den Betriebsleitern steigt zwar auch der Bildungsgrad, aber zu tun gibt es trotzdem genug. Die Agar Think Tanker fordern etwa mehr Praktiker als Lehrende. Auch Quereinsteiger als Teilzeitkräfte wären etwa denkbar und würden begrüßt. Auch was das Thema

Beratung betrifft, haben die jungen Landwirte einige konstruktive Vorschläge: Neben einer bundesweiten Bündelung der Beratung, sollten mehr Spezialisten statt Generalisten in der Beratung tätig sein. „Das würde einen enormen Mehrwert schaffen.“ Während es anfangs darum ging, allgemeine Rahmenbedingungen zu diskutierten, ging man schon bald in die Tiefe. Diskutiert wird seither auch branchenspezifisch. Pernkopf: „Schweinebauern stehen vor anderen Herausforderungen wie Milchbauern, Gemüsebauern brauchen andere Rahmenbedingungen wie Ackerbauern. Darum haben wir die Diskussion fokussiert und Vertreter der einzelnen Branchen eingeladen. Nicht, um die Landwirtschaft auseinander zu dividieren, sondern weil wir uns gezielt mit den Chancen und Problemen der einzelnen Branchen beschäftigen wollen.“

Jammern war gestern. Im Gegenteil. Junge Bäuerinnen und Bauern wollen produzieren. Allen dabei ist klar, dass es ohne Strategie und Innovation nicht gehen wird. So war Innovation schnell das zentrale Thema bei allen Branchen-Modulen. Innovationsmanagement gehöre etwa auf den Lehrplan der höheren landwirtschaftlichen Schulen oder der Agrar-Uni. Auch Diplomarbeiten, die sich genau diesem Thema widmen, wären wünschenswert. Die Forderung nach einer seriösen und fundierten Trendforschung wurde ebenso laut wie die nach einer Innovationsdatenbank, welche die besten und innovativsten Projekte auflistet. Weiters fordern die Agrar Think

Tanker ein eigenes Kapitel zum Thema Innovation im Grünen Bericht. Auch die Wichtigkeit der Innovationsförderung wurde hervorgehoben. Einigkeit herrscht auch darüber, dass jeder Betrieb Öffentlichkeitarbeit braucht. Pernkopf: „Die Bedeutung von Öffentlichkeitsarbeit und Marketingaktivitäten ist den jungen Landwirten längst klar. Gibt man dem Produkt ein Gesicht, schafft das auch einen Mehrwert.“ Projekte, die genau das beweisen, gibt es viele – nicht nur im Weinbau. Von der AMA Marketing erwartet man sich nun neben klassischer Produktwerbung auch ein branchenübergreifendes Marketing, das sich generell dem Image der Landwirtschaft widmet. Ein Dauerbrenner ist auch der Pflanzenschutz und dessen schwieriges Image, das vor allem den jungen Acker- und Gemüsebauern zu schaffen macht. Hier braucht es eine Kurs­korrektur, sind sich die Agrar Think Tank-Teilnehmer einig. Deren einheitlicher Tenor: „Wir müssen viel mehr agieren statt reagieren.“ Selbst Meinung zu machen und diese auch zu publizieren, sei ein Gebot der Stunde. Und noch eine Forderung: „Zulassungsverfahren gehören darüber hinaus entpolitisiert.“ Dazu Hermann Weiß: „Für mich ein zentraler Punkt ist, dass die überbordenden Auflagen nicht noch weiter zunehmen dürfen. Die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Gemüsebauern darf nicht durch überdurchschnittlich hohe Restriktionen weiter begrenzt werden. Das führt nur dazu, dass der sehr niedrige Eigenversorgungsgrad weiter sinkt und anstatt regionaler Qualitätslebensmittel mehr Billignahrung importiert wird – mit negativen Auswirkungen auf die Umwelt und die Wirtschaft.“ Daher appelliert Weiß an die Regierung: „Neben den Top-Ups, die es für Junglandwirte gibt, ist dafür Sorge zu tragen, dass Agrarbetriebe in Österreich vergleichsweise kostengünstig übernommen werden können. Gerade in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit wäre es doch fatal, potenzielle Betriebsübernehmer mit Erbschafts- und Schenkungssteuern abzuschrecken, den elterlichen Hof zu übernehmen, und damit den Druck am Arbeitsmarkt zu erhöhen.“

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Internet: www.oeko sozial.at


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Praktische Meinungsmache im EU-Parlament: Die junge Biobäuerin Isabella Übertsberger aus Salzburg sprach vor kurzem gemeinsam mit ranghohen Beamten und ausgewiesenen Wissenschaftlern im Rahmen einer Expertenanhörung zur Vorbereitung der neuen EU-Bio-Verordnung im Europäischen Parlament. unserhof hat sie gefragt, wie es dazu gekommen ist. Von Stefan Nimmervoll

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eftig gerangelt wird in der Europäischen Union derzeit um geplante Änderungen in der EU-Bioverordnung. Die geplante EU-Bioverordnung soll einheitlichere Kriterien und strengere Kontrollen für Bioprodukte bringen. Der Gesetzesvorschlag wird nun von EU-Parlament und Mitgliedstaaten verhandelt. Während die Kommission wesentliche Verschärfungen vorschlägt, um Schlupflöcher und Betrugsmöglichkeiten weitgehend auszuschließen, fürchten Vertreter der Biobranche, dass die neue Verordnung damit fern der Praxis ausfallen könnte. Die Fronten sind verhärtet, was den neuen Agrarkommissar Phil Hogan, seit November im Amt, dazu veranlasst hat, der Angelegenheit eine halbjährige Abkühlphase zu verordnen.

Mit wachsender Dauer der Diskussion gewinnt deshalb die Meinung der Experten an Bedeutung; so auch zuletzt bei einem Hearing im Agrarausschuss des Europäischen Parlaments. Vor diesem durften honorige Persönlichkeiten ihre Ansichten zum Thema ausbreiten. Mitten unter ihnen: Die gerade mal 23-jährige Biomilchbäuerin Isabella Übertsberger aus Straßwalchen. Die Salzburgerin berichtete auf Einladung von Österreichs EU-Abgeordneter Elisabeth Köstinger über die täglichen Herausforderungen am elterlichen Bioheumilchbauernhof im Flachgau. „Die Vorträge der Experten aus Deutschland, Frankreich und Spanien waren allesamt sehr theoretisch“, erinnert sich Übertsberger, „ich wollte hingegen die Herausforderungen der Praxis beleuchten.“ Immerhin müssten letztendlich die Bauern auf

Foto: © Bio Austria

Die ­nächste Generation BANG, die „Bio Austria Next Generation“, das sind junge, engagierte Nach­wuchs-­ Bio­bauern aus ganz Österreich. „Mitreden und Mitgestalten in der Organisation, eine Plattform schaffen für den Austausch unter Gleichaltrigen und Gleichgesinnten“, so lauten ihre Ziele. KONTAKT: Kärnten Ruth Piroutz, Müllnern; T 0660/5040886; E r.piroutz@gmx.at Niederösterreich Franz Hlavka, Edlitz; T 0699/103 40 147, E familie@hlavka.at

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Oberösterreich Michael Falkinger, Putzleinsdorf; T 0664/5356277; E michael.falkinger@gmx.net Burgenland Josef Freismuth, St. Margarethen; T 0699/108 421 42; E j.freismuth@gmx.at Steiermark Bernhard Peinhopf, Gaal; T 0664/238 50 50; E boerni.peinhopf@gmx.at Salzburg Isabella Übertsberger, Straßwalchen; T 0664/396 55 82; E isabella.neuhofer@gmx.at Tirol Clemens Lutz, Fritzens; T 0676/782 72 22; E clemens.lutz@gmx.at Vorarlberg Sebastian Vetter, Lustenau; T 0650/652 92 98; E sebastian.vetter@4-mail.net

ihren Betrieben mit den Vorgaben der Brüsseler Politiker und Beamten zurechtkommen. „Beispielsweise sind die Vorstellungen der Kommission zur Umstellung auf Bio nicht immer praktikabel“, meint die Flachgauerin. Dass etwa im ersten Jahr nur 15 Prozent des Futters des eigenen Betriebes genutzt werden dürfe, sei „praxisfern, unökonomisch und gegen das biologische Kreislaufprinzip gerichtet“. „Auch Rückstandsgrenzen für Bioprodukte sind abzulehnen, weil wir nicht in einem Vakuum produzieren und jederzeit Verunreinigungen von Nachbargrundstücken möglich sind“, kritisiert die junge Hofübernehmerin. Praxisferne Vorgaben, wie das Ende der Ausnahmen im Zukauf von Jungvieh, Saatgut und Futtermitteln, wenn diese nicht in Bio-Qualität verfügbar sind, würden zu einem Rückgang der biologischen Produktion führen, ist Übertsberger überzeugt. Eingefädelt wurde der Auftritt von Isabella Übertsberger wie erwähnt von Elisabeth Köstinger, die als Ausschussmitglied das Recht hatte, im Falle der Salzburgerin eine – praktisch versierte – Referentin zu nominieren. „Köstinger wollte einfach, dass ich in Brüssel einmal erkläre, wie es draußen auf den Höfen tatsächlich ist“, erzählt Übertsberger. Ihren Weg in die bäuerliche Interessensvertretung hat die engagierte Junglandwirtin nach ihrer Matura in der HBLA Ursprung im Jahr 2010 über einen Bodenpraktiker-Kurs gefunden. Dabei ist sie mit der Bio Austria in Kontakt gekommen. 2011 hat Übertsberger schließlich gemeinsam mit anderen Nachwuchs-Biobauern die Bio Austria Next Generation, kurz BANG, aus der Taufe gehoben. Deren Ziel unter anderem: In jeden Landesvorstand des Verbandes soll auch ein Jugendvertreter entsandt werden. Im „Bionier“-Bundesland Salzburg fiel Isabella diese Aufgabe zu. Sie ist unserhof 1/2015


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Foto: © EU-Parlament

„In Brüssel erklären, wie es tatsächlich ist“

überzeugt: „Landwirte sollten sich einbringen, statt nur über die Rahmenbedingungen zu jammern“. Als junge Biobauern-Vertreterin sei sie bald auch mit Elisabeth Köstinger in Kontakt gekommen, erinnert sich die Salzburgerin, die für ihren Einsatz bereits von Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter als „L-Trägerin“ in dessen Lebenswert-Kampagne und somit als Werbebotschafterin für die Landwirtschaft ausgezeichnet wurde. „Mir macht es Spaß, für junge Landwirte einzutreten“, betont Übertsberger, vor allem wenn es darum gehe, „komplizierte Sachverhalte wie die EU-Politik zu erklären.“

Eine politische Karriere strebe sie „trotz familiärer Vorbelastung“ – Mutter Theresia Neuhofer ist Landtagsabgeordnete, Vater Karl Obmann der ARGE Heumilch – aber nicht an: „Nachdem ich gerade erst geheiratet habe, möchte ich mich jetzt einmal um meine Familie und unseren Hof kümmern.“ Langweilig wird der engagierten Jungbäuerin auf dem 105 Hektar großen Grünlandbetrieb mit 80 Milchkühen bestimmt nicht: „Ich will mit passendem Arbeitsaufwand wirtschaften können. Daher muss unser Betrieb noch effizienter werden.“ Der Schlüssel dazu liegt für Isabella Übertsber-

ger im Kennenlernen der Konzepte anderer Höfe im In- und Ausland. Genau dieses Ziel verfolge auch BANG. „Wir wollen ganz viele unterschiedliche Wirtschaftsweisen – egal ob bio oder konventionell – kennenlernen und verstehen.“ Dieses Verständnis füreinander werde in der nächsten Generation wieder wichtiger werden. „Eines ist in jedem Fall klar: Wer in den eigenen vier Wänden sitzt, kann nicht offen für Neues sein.“ Ein Beschluss der geplanten EU-Bioverordnung ist übrigens im Laufe des Jahres 2015 geplant. Der neue Rechtsrahmen soll voraussichtlich 2017 in Kraft treten.

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Foto: © Lightspring

Was will ich überhaupt im Leben Sie wollen / müssen / sollen / können einen Bauernhof übernehmen oder bewirtschaften schon ein landwirtschaftliches Unternehmen? Wie trifft man dabei immer die „richtigen“ Entscheidungen? Was aber ist „richtig“? Und was ist Erfolg? BENNO STEINER beleuchtet Erfolgsfaktoren und Erfolgsbereiche näher.

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scheidungen? Und was ist „richtig“? Genau das ist der Haken an der Geschichte. Wenn Sie nicht wissen, wohin Sie wollen, was Ihre Ziele und Wünsche sind, dann können Sie auch nicht sagen, welche Entscheidung richtig ist und sie auf ihrem Lebensweg fördert – welche Entscheidungen Sie erfolgreich machen. Und schließlich will doch jeder von uns erfolgreich sein. So erfolgreich, wie uns das Freunde, Bekannte oder die Medien und die Werbung oft aufzeigen: ein dickes Bankkonto, ein tolles Auto, einen großen Traktor, einen neuen Stall und überhaupt das Leben genießen können. Anerkennung bekommen. Diesen Erfolg haben anscheinend immer nur die anderen? Nun, jeder von uns versteht etwas anderes unter Erfolg

und Vergleiche mit anderen sind immer gefährlich, weil Erfolg subjektiv ist.

Was ist Erfolg?

Als erfolgreicher Unternehmer trage ich die Verantwortung für den Betrieb, die Familie und für meine persönliche Ent-

Illustrationen: © Eva Mühlberger

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ielleicht ist es Ihnen noch gar nicht bewusst. Wohin Sie schauen, überall bieten sich Chancen, Möglichkeiten und Herausforderungen. Das Problem dabei ist nur: Erkennen Sie die Gelegenheit? Oder sind Sie von den damit verbundenen Entscheidungen eher gestresst? Das wäre schlecht, denn Sie treffen am Tag rund 20.000 Entscheidungen. Die meisten davon sind kaum von Bedeutung. Andere wiederum sind wichtig, werden aber oft nicht als solche erkannt. Und wiederum andere werden als besonders wichtig betrachtet – dabei wären sie es, rückblickend gesehen, gar nicht gewesen. Treffen wir also immer die „richtigen“ Ent-

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Foto: © Gina Sanders

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wicklung. Es gibt also drei Erfolgsbereiche, die ich individuell betrachten und auch separat entwickeln muss: mich, meinen Betrieb und meine Familie. Wir machen oft den Fehler, uns mit anderen zu vergleichen und dabei dann auch nur einen Bereich herauszupicken: Der Nachbar hat sich einen neuen Traktor gekauft, wieso kann ich das nicht? Der Onkel hat einen neuen Stall gebaut, sein Hof ist in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen, während mein Vater alles verschlafen hat und ich nun schlechte Ausgangsvoraussetzungen habe? Wir dürfen nicht den Fehler machen, diese Bereiche isoliert zu betrachten, weil nämlich nur die gemeinsame Entwicklung langfristig erfolgreich macht. Was haben Sie davon, wenn Sie betrieblich wachsen, gutes Geld verdienen, Sie aber so wenig Zeit für sich und Ihre Familie haben, dass die Ehe auseinanderbricht oder Sie gesundheitliche Schäden davontragen? Eine parallele Betrachtung und Entwicklung dieser

drei Faktoren ist also wichtig. Aber wie macht man das?

Der Betrieb Beginnen wir mit dem einfachsten: dem Betrieb. Schauen wir uns an, was man hier für den Erfolg braucht und was Sie zur Verfügung haben. Bei jedem Unternehmer beschränken sich die Möglichkeiten auf folgende vier Produktionsfaktoren: Boden, Arbeit, Kapital und Wissen. Der Vorteil ist, dass man den Mangel in einer Position meistens durch einen größeren Einsatz eines anderen Faktors ausgleichen kann. Wenn Sie mit Ihrem Betrieb etwa eine geringe Flächenausstattung haben, können Sie durch Zupacht (höherer Kapitalaufwand) diesen beschränkten Faktor ausgleichen. Sie könnten jedoch auch durch ein „besseres Wissen“, eine bessere Ausbildung, durch Zusatzqualifikationen, den vorhandenen Produktionsfaktor Boden besser und

wirtschaftlicher nutzen. Oder Sie bleiben bei den vorhandenen Flächen und suchen sich ein zweites Standbein, das nennt man dann diversifizieren. Sie können also durch unternehmerische Kreativität, für die Sie allerdings mehr Wissen brauchen oder mehr arbeiten müssen, aus dem Flächenkarussell aussteigen. Genauso verhält es sich mit dem Mangel bei den anderen Faktoren. Sie

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können ausgleichen. Das Problem ist nur, dass Sie dann unter Umständen einen anderen Weg als bisher gehen müssen. Was vielen Unternehmern ständig Kopfzerbrechen bereitet, sind Sorgen, Unsicherheit und unvermeidliche Stresssituationen, sowohl im Beruf als auch im Privatleben. Die Erwartungen von Partner, Partnerin, Kindern, Eltern, Schwiegereltern und anderen Verwandten, Freunden und Bekannten usw. führen allzu oft zu einem unheimlichen Druck und zu großen seelischen Belastungen. Geht es Ihnen auch so? Dieses Gefühl, den vielen Erwartungen nicht gerecht zu werden? Arbeit, Familie, Freunde und die eigenen Wünsche unter einen Hut zu bekommen, ist unmöglich, meinen viele. Denken Sie daher nochmal in Ruhe nach. Kann es nicht vielleicht auch so sein, dass Sie nur glauben, dass es die anderen erwarten? Dass Sie sich selbst die Messlatte, die eigenen Ansprüche so hoch ansetzen, dass Sie Probleme haben, diese Maßstäbe zu erfüllen? Was würde eigentlich passieren, wenn Sie einfach weniger oder es anders machen würden? Die tatsächlichen Ansprüche anderer an uns sind nämlich oft deutlich geringer als wir glauben. Das nimmt viel Druck von uns. Jeder von uns trifft wie bereits erwähnt bis zu 20.000 Entscheidungen pro Tag. Viele betreffen ihre Familie. Betrachten Sie einfach mal ganz bewusst Ihre Entscheidungen, welche die Familie und Ihre Beziehung betreffen. Gehören Sie auch zu den Menschen, die Entscheidungen, wie etwa das längst überfällige Gespräch mit dem Partner, der Partnerin oder den Eltern, immer wieder hinausschieben und dabei ständig das Gefühl haben, „schlucken“ zu müssen? Genau das ist auch im familiären Bereich häufig das Problem. Wissen Sie, was Ihnen, in der und für Ihre Familie wichtig ist? Welche Beziehung, welche Ehe wollen Sie mit Ihrem Mann, mit Ihrer Frau, haben? Welches Verhältnis wollen Sie zu Ihren Schwiegereltern, zu den Hofübergebern führen? Sie sollten sich darüber Gedanken machen und Entscheidungen treffen, denn das Leben mit dem Ehepartner, mit den

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Foto: © tunedin

Die Familie

Eltern, mit den Kindern dauernt noch ziemlich lange. Und seien Sie sicher – es ändert niemand was, außer Sie selbst packen es an. Jetzt wird sich der eine oder andere Leser fest vornehmen, diesen Lebensbereich neu oder anders zu organisieren und die Prioritäten neu zu gewichten. Doch wie wollen Sie neu gewichten, wenn Sie nicht einmal wissen, wo Ihre Lebensprioritäten überhaupt liegen? Oder wissen Sie es?

Das Ich Heute ist erkennbar, dass sich viele Menschen von der bisher geltenden Erfolgsmentalität abkoppeln. Bisher gültige Karrieremodelle und Statussymbole verlieren immer mehr an Bedeutung. Geld, Titel und Macht treten in den Hintergrund. Die Freiheit über das eigene Leben weitestgehend selbst bestimmen zu können, die Autonomie über das eigene Leben wieder zurückzugewinnen, wird zunehmend

als Erfolg gewertet. Damit kann Erfolg als das beurteilt werden, was man tatsächlich erreicht hat, verglichen mit dem, was man eigentlich erreichen möchte. Oder anders formuliert: Erfolg hat auch damit zu tun, was ich für meinen Erfolg mache, verglichen mit dem, was mir möglich wäre. Und Erfolg hat damit zu tun, ob das, was ich heute für meinen Erfolg tue, mich wirklich meinen Zielen näherbringt. Wenn Erfolg subjektiv ist, dann sind auch die Prioritäten nur von mir zu beurteilen. Prioritäten zu setzen bedeutet zu gewichten, in eine Reihenfolge zu bringen. Das bedeutet für jeden von uns: Wir müssen bestimmen, was uns wichtiger ist. Ist es der Betrieb oder die Familie? Ist es die Mutter oder die Ehefrau? Der eine oder andere wird nun vielleicht meinen, man könne durchaus mehrere Prioritäten nebeneinander haben, schließlich ist doch alles gleich wichtig. Ihre Aufmerksamkeit für diese unserhof 1/2015


FAMILIE UND BETRIEB

Familie, Partner und Freunde; berufliche, wirtschaftliche Ziele; soziale Ziele für die Natur, Umwelt und Gesellschaft.

Ziele und Werte Ziele und Werte sind wichtig, weil sie Gefühle und Denkweisen fördern, die für ein erfülltes Leben entscheidend sind. Werte geben uns Kraft. Sie müssen nur darauf achten, dass Ihre Werte und Ihre Ziele auch übereinstimmen. Wenn für Sie der Wert „Familienleben“ wichtig ist, dann haben Sie ein Problem, wenn Sie andererseits ein Ziel auswählen, für das Sie Tag und Nacht arbeiten müssen. Manche werden jetzt sagen: so ein Unsinn, das sind nur abstrakte Begriffe oder das ist doch nichts Neues. Einige werden aber verstehen, dass es Ihre Vorstellungen deutlich macht. Entscheidend ist, dass Sie über sich nachdenken und sich ändern. Die anderen Menschen um Sie herum werden es erst tun, wenn Sie sich bewegen. Sie müssen runter von der „Bequemlichkeitscouch“. Sie dürfen nicht mehr unentschlossen sein, keine Ausreden mehr verwenden, nicht mehr ängstlich sein und sie dürfen nicht mehr so perfektionistisch sein.

Fazit einzelnen Bereiche wird dann aber so stark gefordert sein, dass das zu einer enormen Anspannung, Rastlosigkeit und großem Druck führen wird. Jeder von uns hat das schon erlebt: Wenn man mehrere Dinge gleichzeitig macht, macht man nichts richtig, ist überfordert und brennt langsam aber sicher aus. Die meisten denken erst über die Wichtigkeit der einzelnen Bereiche nach, wenn es Wendepunkte im Leben gibt, die da sind: Schulabschluss, Start ins Arbeitsleben, Krankheit, Scheidung oder die Übernahme eines landwirtschaftlichen Unternehmens. Das sind Meilensteine, die dazu führen, zu überdenken: „Was will ich überhaupt im Leben?“ Nehmen Sie sich jetzt doch die Zeit über folgende vier Bereiche nachzudenken: Werden Sie sich über Ihre Werte, Ihre Bedürfnisse, Ihre

Verpflichtungen und Ihre Ziele klar! Welche Werte und Vorstellungen sind Ihnen wichtig? Hier ein paar Stichwörter und Denkanstöße: Beziehung; Zugehörigkeit; Achtsamkeit; Liebe; Barmherzigkeit; Gerechtigkeit; Sicherheit. Wichtige Zielbereiche in diesem Zusammenhang sind etwa: Persönliche Ziele; zwischenmenschliche Ziele für

Überlegen Sie sich: Welche Qualität soll Ihr Leben in fünf Jahren haben? Welche Qualität, nicht Quantität, soll Ihr Leben ausfüllen? Und wenn man es noch effizienter machen will: Schreiben Sie sich diese Punkte auf. Unser Unterbewusstsein unterstützt die Umsetzung besser, wenn wir uns Notizen gemacht haben und uns diese gelegentlich wieder durch Durchlesen in Erinnerung rufen. Dann wird Ihr Lebensziel klarer, es taucht wie aus dem Nebel auf und der Weg dorthin ergibt sich dann fast wie von selbst. Erfolg – Ihr persönlicher Erfolg – lässt sich planen. Der Weg zum Erfolg strategisch vorbereiten. Und wenn es zwischendurch auf Ihrem Weg zum Erfolg einmal nicht so läuft, wie sie sich vorstellen, trösten Sie sich mit dem Spruch von Henry Ford, wonach „unsere Fehlschläge oft erfolgreicher sind als unsere Erfolge“. In diesem Sinne „Viel Erfolg“!

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Benno ­Steiner ist Geschäftsführer der „Agrar­ experten“ aus Flintsbach in Bayern. Er ist seit 30 ­Jahren Berater von Agrarunternehmen in den Bereichen Finanzen, Flächen und Agrar­ immobilien, Arbeit sowie erneuerbare Energien.


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FAMILIE UND BETRIEB

„Besser eines g’scheit machen“ Gerhard Eigner hat sich in 4. Generation als Späteinsteiger-Vollerwerbsbauer „mit Hingabe und Vollgas“ auf die Produktion von Zwiebeln gestürzt. Dabei hatte er vor der Hofübernahe bereits einen guten Job und ein dementsprechendes Gehalt. Das Einkommen stimmt auch heute wieder: In seiner eigenen Manufaktur veredelt er die Zwiebeln zu Marmelade, Essig, Nudeln mit Zwiebelgeschmack und zu Küchengewürz.

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as Lied ist oft dasselbe: Die Eltern sind zu jung, um das Zepter am Hof bereits aus der Hand zu legen, für zwei Generationen ist am Betrieb zu wenig Arbeit und Einkommen da. Also beschließt der Nachwuchs, der eine gute Ausbildung genossen hat, zunächst einmal ein paar Jahre arbeiten zu gehen. D ­ abei stellt sich dieser nicht ungeschickt an und beginnt Karriere zu m ­ achen. Bis es dann so weit ist, dass die Betriebsübergabe vollzogen w ­ erden könnte, sind 15 Jahre vergangen und Position und Gehalt sind außer Haus so gut, dass der eigene Hof an Attraktivität verliert. So mancher eingeplante Hoferbe stößt in dieser Zwickmühle seinen ursprünglichen Plan um und übernimmt nicht oder fährt die landwirtschaftlichen Aktivitäten auf das Maß zurück, das die Eltern noch bewältigen können.

Durchaus ähnlich war die Situation bei Gerhard Eigner aus Hanfthal bei Laa an der Thaya im nördlichen Weinviertel. Als er 1991 die landwirtschaftliche Fachschule abschloss, waren seine Eltern weit davon entfernt, an eine Übergabe denken zu können. Nach einem kurzen Intermezzo am e ­ igenen Hof entschloss sich Eigner daher nebenbei beim Maschinenring anzuheuern. „Bald bin ich dann zur AMA gegangen und habe dort Daten e ­ rfasst. Ein klassischer Nebenjob eben“, erzählt der mittlerweile 42-Jährige von seinem Einstieg ins unselbständige Berufsleben. 1998 ist Eigner dann ins ÖPUL-Referat gewechselt und bekam dort als Informations­manager mit dem Aufbau des Webauftrittes, etwa des eama-Portals, einiges an Verantwortung übertragen. Nebenbei war er zwar stets am Familienbetrieb tätig, der aber arbeits­technisch vom Vater getra-

Fotos: © Pistracher

Von Stefan Nimmervoll

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Foto: © Pistracher

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gen wurde. Als dieser an der Schwelle zu seinem 70. Geburtstag nun kürzer treten wollte, stand Gerhard Eigner – seit 2009 offiziell Betriebsführer – vor der schwierigen Entscheidung, entweder stark zu extensivieren oder mit Vollgas in den Hof einzusteigen. „Mir war klar, dass beides miteinander zu viel Belastung darstellen würde“, so der frisch gebackene Vollerwerbsbauer, „letztlich ist es besser eine Sache g‘scheit als zwei halbert zu machen.“ Klar schien aber auch zu sein, dass das bisherige Einkommen mit e ­ inem herkömmlich bewirtschafteten 63-Hektar-Ackerbaubetrieb nicht zu erreichen sein würde. „Das war keine leichte Entscheidung und ist mir eine Zeitlang im Magen gelegen. Da ich natürlich ein dementsprechendes Gehalt hatte, war das Ganze auch eine finanzielle Frage.“ Letztlich entschloss sich Eigner aber, sich vermehrt auf die Veredelung von Zwiebeln, dem Leitprodukt des Landes um Laa, zu stürzen, um die Differenz im Einkommen abzufedern. Mit der Gründung seiner „Zwiebelmanufaktur“ stellte er den Betrieb im vergangenen Sommer auf komplett neue Beine. Deren Ziel: Aus einem banalen Produkt viel mehr machen. „Es hat mir zuletzt keinen Spaß mehr gemacht, jeden Abend und jedes Wochen­ende zu laufen, wenn dabei dann nicht er ge allzu viel herausschaut.“ r Auch bei einem Idealisten a  Ev n: ©

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würde ein solcher Einsatz an gewisse Grenzen stoßen und an der Lebensqualität nagen. Eigner: „Für klassische Marktfruchtbetriebe stellt der Nebenerwerb keine Zukunftsvision dar.“ Zu groß seien die Investitionen in Technik und Maschinen für die vergleichsweise kleinen Betriebsflächen, als dass der Verdienst vom Verkauf von Getreide und Co. das Risiko abdecken würde. „Dass das im Ackerbau nicht länger funktioniert, sieht man am rasanten Strukturwandel in unseren Dörfern.“ Seit seiner Kündigung bei der AMA ist Gerhard Eigner dabei, sich von den Schwankungen der Märkte etwas unabhängiger zu machen. „Wir sind mit den großen Zwiebelbetrieben im March­feld nicht vergleichbar und ­müssen daher in der Vermarktung eigene Wege suchen.“ Hilfreich sei dabei die einzigartige Qualität der Ware in der „Genussregion Laaer Zwiebel“. „Wir bewässern nicht und haben daher nur 25 Tonnen Ertrag, wo andere 60 Tonnen einfahren.“ Dadurch würden die Laaer Zwiebeln fester, intensiver und haltbarer w ­ erden. „Unser schwarzer, humus­armer Schwemmsand sorgt für ein e ­ inzigartiges Aroma“, so Eigner. Dieses verwandelt der innovative Hofübernehmer in eine Zwiebelmarmelade aus roten Z ­ wiebeln, die perfekt zu Käse und Fleisch harmoniert, und einen Gärungsessig aus gelben Zwiebeln, den er gemeinsam mit einem auf die Essigerzeugung spezialisierten Partnerbetrieb herstellt. Im Rahmen einer anderen Kooperation werden Nudeln mit Zwiebelgeschmack erzeugt. Daneben laufen einige

Experimente, um die Wertschöpfung am Hof zu erhöhen: „So trockne ich den Zwiebelpresskuchen – eigentlich ein Abfallprodukt –, um daraus einen Rohstoff für die Küche zu machen.“ Zwiebeln seien ein Gewürz und kein Gemüse, ist Gerhard Eigner überzeugt. Seine Aufgabe sieht er auch darin, ­deren Image zu heben. Daher hat er auch ins Marketing investiert: „Ich habe von einer Agentur ein Logo entwerfen lassen. Für gewisse Dinge muss man Profis hereinholen, statt selber herumzudoktern.“ Ein solcher Profi ist auch ein Bruder von Eigner, der einen Imagefilm über den Hof gedreht hat und zum Team der im Weinviertel angesiedelten Polt-­Krimis gehört hat. Mit diesem will die Manufaktur Kunden mit der Welt der Zwiebel vertraut machen und ­Schritte im Anbau und der Verarbeitung erklären. Ähnliches geschehe auch im Rahmen des Laaer Zwiebelfestes, das mittlerweile überregionale Bekanntheit genießt, und bei dem 12 Produzenten der Genuss­region der Zwiebel und ihren Erzeugnissen huldigen. In der Stadt Laa an der Thaya ­betreibt Eigner auch einen Selbstbedienungsladen, in dem sich seine Kunden die Produkte abholen und das Geld in eine Kassa werfen können. Auch die Gastronomie und die bekannte Therme Laa beziehen Produkte der Zwiebelmanufaktur. „Für die Entwicklung all dieser Ideen hätte ich im Nebenerwerb zu wenig Zeit gehabt“, erzählt Eigner. Auch ackerbaulich wäre er mit seinen sieben Hektar Zwiebeln an Grenzen gestoßen: „Zwiebeln sind eine spezielle Art der Landwirtschaft. Das beginnt schon bei Vorbereitung das Saatbeetes und endet bei der Kontrolle der Krankheiten. Ich bin in der Vegetationszeit zumindest jeden zweiten Tag bei meinen Kulturen.“ Auch die Trocknung und Einlagerung der Ware sei eine Wissenschaft für sich. „Dass man den Zwiebelanbau nicht aus dem Handbuch lernen kann, haben einige Neueinsteiger schon schmerzlich erfahren müssen. Wir h ­ aben bei uns am Hof die Erfahrung von vier Generation, die uns hilft, r­ ichtig zu entscheiden.“ unserhof 1/2015


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Quereinstieg gelungen Ihre früh erworbenen praktischen Kenntnisse im elterlichen Gasthof im Waldviertel sowie ihre Erfahrung aus mehrjähriger ­Tätigkeit in renommierten Hotels und Restaurants in ganz ­Österreich kommen Karin Reischer-Özelt als Quereinsteigerin in einen Wachauer Weinbau­ betrieb mit ­Buschenschank sehr zugute.

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„Ja, die Entscheidung, hier voll einzusteigen, ist mir doch leicht gefallen. 2010 musste ich meinem Traumjob in Wien in einem renommierten ­Gastronomiebetrieb aufgeben, da die Besitzer diesen nach Pensions­antritt an ausländische Investoren verkauft haben. Jetzt ist die Situation im Betrieb natürlich viel besser. Durch mein volles Engagement daheim ist mein Mann entlastet“, betont die junge Frau. Im Herbst 2013 hat die Heurigen­ wirtin in der LK Niederösterreich den Zertifikatslehrgang Buschenschank gestartet und im darauffolgenden

ZAM-Seminar „Von der Einsteigerin zur Insiderin – Vom Einsteiger zum Insider“. Dieses Seminar richtet sich speziell an Einsteigerinnen und Einsteiger in die Landwirtschaft. In rund 30 Unterrichtseinheiten erhalten Teilnehmer eine erste Orientierung in agrarischen Themen mit einem besonderen Schwerpunkt auf Landwirtschaft, Betriebswirtschaft und Fragen des Zusammenlebens auf dem Hof wie Rollenverständnis oder Generationenkonflikte. Das ZAM-Seminar wird aktuell in Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark angeboten. Infos unter www.lfi.at/zam.

Frühjahr erfolgreich abgeschlossen. Reischer-Özelt erinnert sich: „Wir hatten sehr gute Referenten, die uns Theorie und Praxis recht gut vermitteln konnten. Ich bin auch nach wie vor mit mehreren Kolleginnen und K ­ ollegen aus dem Lehrgang in Kontakt. Wir treffen uns auch zum Erfahrungsaustausch“. Zudem hat sie

noch ein ZAM-Seminar in St. Pölten besucht: „Von der Einsteigerin zur Insiderin“, lautete der Titel dieses fünftägigen Seminars für Frauen und Männer in der Landwirtschaft, die eine andere Berufsaus­bildung gemacht haben und nun als Querein­ steiger im Betrieb t­ ätig sind. „Am besten hat mir der Kurstag mit dem Partner gefallen. Wertschätzende Kommunikation stand da auf dem Programm. Es wurde dabei recht gut vermittelt, was Partnerschaft leben im Alltag bedeutet und worauf es ankommt, um g ­ emeinsame Ziele für Betrieb und Familie optimal und zur Zufriedenheit von Jung und Alt um­ setzen zu können. Foto: © Özelt

enn man im Weingut Özelt auf der Panoramaterrasse über den Dächern von Spitz/Donau verweilt und eine ­typische Wachauer Jause aus der boden­ständigen Heurigenküche genießt, so ist das Genuss pur für Leib und Seele. Gibt es Schöneres, als hier zu leben und zu arbeiten? Das sieht auch die 34 Jahre alte Winzerin so. Die Absolventin der Höheren Bundeslehranstalt für wirtschaftliche Berufe in Krems ist sich sicher, dass sie es als Quereinsteigerin in den Weinbaubetrieb recht gut getroffen hat. Vor vier Jahren hat Karin nach der Hochzeit mit Winzersohn Thomas Özelt in dieser traditionsreichen Spitzer Buschenschank mit 5 ­Hektar Weinfläche und Mitglied bei der Winzer­vereinigung „Vinea Wachau“ die Rolle der Junior­chefin übernommen.

Seit 2012 und 2014 komplettieren zwei Kinder das Familienglück. Trotzdem hegt die junge Frau einmal mehr Pläne bezüglich Weiterbildung. „Das war bei mir im Berufsleben immer eine Notwendigkeit. Aus diesem Grund werde ich mir auch weiterhin die Zeit nehmen, um interessante Kurse und Seminare zu besuchen, vor allem im Winter“, ist Karin über­zeugt.

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Aktuelle Angebote und Termine der LFIZertifikats­ lehrgänge finden Sie auf der homepage www.lfi.at


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Weinbau-­ Sprösslinge

In kaum einer landwirtschaftlichen Branche ist der Anteil an Neo-Landwirten so hoch wie im Weinbau. Nicht selten findet aber auch der Weinbauern-Nachwuchs erst über den Umweg anderer Berufe und ferner Wohnorte zurück auf den Familienbetrieb, hat STEFAN NIMMERVOLL ­recherchiert.

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Foto: © Robert Herbst

ngezogen vom „noblen“ Image der Weinkultur und der Möglichkeit, hochwertigen Produkten seinen persönlichen Stempel aufzudrücken, ist es nicht nur unter erfolgreichen Unternehmern Mode geworden, sich als Krönung der Laufbahn ein schickes Weingut zuzulegen – oder zumindest eine Marke zu kreieren, unter der eigene Gewächse verkauft werden. So mancher Neo-Winzer vergibt dabei die meisten Produktionsschritte – und die physische Arbeit – an Vollprofis aus der Weinbranche, die sich um die Weinwerdung kümmern. Der Quereinsteiger stellt einen guten Namen, beste Verkaufskanäle und genügend Geld zum Erwerb von Weingärten bei. Aber nicht alle frischgebackenen Winzer sehen ihren Einstieg in den Weinbau als bloßes Investment oder als Liebhaberei, sondern ordnen ihr Leben tatsächlich dem neuen Beruf unter. Nicht selten finden auch Weinbauern-Sprösslinge erst über den Umweg anderer Berufe und ferner Wohnorte zurück auf den Familienbetrieb. Dort setzen sie, mit der Distanz von Erfahrungen außerhalb des alltäglichen Trottes, quasi als „Quereinsteiger aus dem eigenen Haus“, völlig neue Akzente. Oft sind es dann genau jene Betriebe, die mit ihren ausgefallenen Ideen der Gesamtbranche Anstöße zur Weiterentwicklung geben. „Neugierde ist der Treibstoff für Innovationen und der Geist in unseren

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Fotos: © Weingut Öhlzelt

Weinflaschen“, erklärte jüngst der Direktor der Weinbauschule Krems, Dieter Faltl, bei der Veranstaltung „Fokus Bildung“ im Weinkompetenzzentrum der Schule. Das Berufsbild des Winzers erfordere Offenheit für permanente Veränderung. „Unsere Herausforderung als Lehrer ist es daher, neben der klassischen Ausbildung das Interesse für Inspiration zu wecken.“ Für Alwin Jurtschitsch lag der Gedanken zwar nahe, das renommierte Unternehmen der Familie in Langen­ lois zu übernehmen, aber: „Ich musste erst meinen persönlichen Weg finden.“ Und das ging nicht in der Schule. Daher habe er sich nach der Matura die Freiheit genommen, zwei Jahre als Praktikant durch die Welt zu tingeln

und möglichst viele andere Betriebe und deren Produktionsweisen kennenzulernen. Eine Grundbedingung an seine Eltern sei gewesen, „dass ich erst nach Hause komme, wenn sie sich Gedanken über den biologischen Weinbau machen.“ Heute drückt der Junior mit Ehefrau Stephanie, eine Winzer-Tochter aus Deutschland, mit neuen Ideen, die oftmals auf althergebrachten, aber oft schon vergessenen Traditionen fußen, dem Weingut seinen Stempel auf. Vor allem für Spitzenbetriebe ist es wichtig, stets neue Innovationen auf den Weg zu schicken, etwa um für den mächtigen Weinjournalismus interessant zu bleiben. Und damit für jene Konsumenten, die bereit sind, viel

Geld für ausgefallene Weine auszugeben. Groß herausgekommen sind dabei zuletzt etwa „Orange Wines“. Dabei werden die Trauben so behandelt, wie es bei der Entstehung des Weinbaus vor tausenden Jahren im heutigen Georgien üblich war. Diese „älteste Art der Weinproduktion“ bringt eigenwillige, für manchen Gaumen aber interessante Gewächse hervor. Wurde der Trend vor ein paar Jahren von den Innovationsführern des heimischen Weinbaus nach Österreich gebracht, versucht heute, am Höhepunkt der Welle, eine erkleckliche Zahl an Winzern, damit aufzufallen. Unter den Vorreitern wird indes bereits über den nächsten Clou nachgedacht. Unternehmensberater Jürgen Kreitner aus Krems: „Wer versucht, alles wie die anderen zu machen, wird nur Durchschnitt bleiben.“ Firmen und Bauernhöfe müssten den Weg aus der Mittelmäßigkeit finden. „In Zukunft wird es nur noch Diskont- und Premium-Produkte geben. Die Mitte wird wegbrechen.“ Ein solches Spitzenprodukt hat auch Barbara Öhlzelt, die den Hof ihrer ­Eltern in Langenlois im Alter von 32 Jahren als Spätberufene übernahm, wiederentdeckt. Sie macht aus un­reifen Trauben, die sonst bei der Ertragsreduktion am Boden landen würden, „Verjus“. Dieses früher weit verbreitete Säuerungsmittel hatte Öhlzelts Partner, der Haubenkoch Karl Schwillinsky, im Müchner Gourmettempel Tantris kennengelernt. „Wir haben eine Renaissance eingeleitet. Mittlerweile beginnen sich auch viele andere Winzer mit Verjus zu s­ pielen“, erzählt die Winzerin. Die Erfahrungen von außerhalb des Weinbaus waren dabei auch für Öhlzelt Gold wert: „Manche brauchen lange, um herauszufinden, was sie wollen.“ Dafür machen sie das dann ziel­strebiger und überzeugter als jene, die nur durch den Zufall der Geburt ­Winzer geworden sind.

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Foto: © Fotolia

Zusatzernte CO2-Bindung Ein visionärer Landwirt und ein umweltbewusstes Unternehmen wollen gemeinsam die ­Bodenqualität im Waldviertel verbessern. Als Zusatznutzen will die Druckerei Janetschek ihre Position als Öko-Leitbetrieb für die Branche ausbauen. Auf den Höfen soll ein nettes ­ Körberlgeld ankommen. Von Stefan Nimmervoll

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n kaum einer Stadt hat der ­Slogan „Wo wir sind, ist oben“ der ­Tourismuswerbung so viel Gültigkeit wie in Heidenreichstein. Hier, im pittoresken Norden Niederösterreichs, stieß man bis vor 25 Jahren in zwei Himmelsrichtungen an das Ende der westlichen Welt. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs sind Arbeitsplätze hier zwar nach wie vor rar und die Bevölkerungszahl in der

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Region nimmt laufend ab. Dennoch gibt es einige Leuchtturmprojekte, die der Zukunft der Landwirtschaft in benachteiligten Gebieten den Weg weisen könnten. So wirbt die Firma Janetschek damit, die „nördlichste Druckerei Österreichs“ zu sein. Und nicht nur das: Sie will auch die umweltfreundlichste sein. Dass man als eines der wenigen Unternehmen der Branche einen Nachhaltig-

keitsbericht herausgibt, ist ein Beleg dafür. Auch dass bereits 2008 im Haus ein Öko-Kompetenz-Team aufgebaut wurde, das laufend Verbesserungspotentiale sucht, zeigt den Ehrgeiz der Firma, die an vier Standorten rund sechs Millionen Euro Umsatz macht. „2009 haben wir damit begonnen, auch CO2-Bilanzen für Druckproduktionen zu erstellen“, erzählt Marketingleiter Manfred Ergott. Die Druckerei bot unserhof 1/2015


damit ihren Kunden die Möglichkeit, eine Ausgleichszahlung über „Climate Austria“ zu leisten, mit der der verursachte Ausstoß wieder kompensiert werden konnte. Unterstützt werden damit Projekte wie etwa Heizungsumstellungen in Betrieben. „Viele Kunden wollten aber lieber regionalere Ansätze verfolgen“, so Ergott. An diesem Punkt kommt Hubert Stark ins Spiel. Der umtriebige Bauer führt ein paar Kilometer weiter nahe an der tschechischen Grenze bei Litschau den Biohof „Weite Wies’ “ und ist – laut Manfred Ergott – die Leitfigur für junge Landwirte in der Region. Stark habe sich schon immer mehr auf seinen eigenen Kopf als auf aktuelle Trends verlassen, heißt es. Er arbeitet viel mit Mischkulturen und Untersaaten und denkt viel über die Zukunft der Landwirtschaft nach. „Wir arbeiten eigentlich gegen die Natur und stoßen daher schnell an Grenzen“, ist der Bio-Philosoph überzeugt. Besonders dramatisch sei der Abbau von Humus bei der aktuell vorherrschenden Bewirtschaftungsform. Und Stark daher ein Dorn im Auge. Auf seinem Hof hat sich der Öko-Pionier deshalb schon lange um eine Verbesserung der Bodengüte bemüht – und ist dabei auf ein Humusprojekt in der Steiermark gestoßen. „Ich will mich nicht mit fremden Federn schmücken“, erzählt Hubert Stark beim Besuch von unserhof, „entwickelt wurde das Projekt zur Humusanreicherung schon vor Jahren von der Ökoregion Kaindorf. Ich mache seit vier Jahren mit, weil mich interessiert hat, wie sich die Werte bei meinem Wirtschaften entwickeln.“ Die Grundidee dabei: Landwirte lassen sich für die Anreicherung von Humus und das damit auf ihren Äckern gebundene CO2 bezahlen. Stark: „Zu Beginn des Programmes wird der Humusgehalt im Boden von einem Ziviltechniker gemessen. Nach drei bis fünf Jahren wird wieder gemessen. Pro Tonne gebundenes CO2 bekommt der Bauer dann 30 Euro.“ Mindestens müssen aber 11 Tonnen pro Hektar CO2 gebunden werden, damit es zur Auszahlung kommt. Nach etlichen Jahren folgt eine Abschlusskontrolle. Dann

darf der Wert nicht wieder zurückgefallen sein. War Hubert Stark zunächst der einzige Teilnehmer in seiner Region, so hat sich

dank des Engagements der Druckerei Janetschek mittlerweile ein eigener Waldviertel-Ableger der Idee entwickelt. Manfred Ergott: „Wir nützen die Infrastruktur aus Kaindorf, kaufen aber die entsprechende Menge an CO2-Zertifikaten von der Ökoregion. So soll ein eigener Kreislauf anlaufen.“

Bei den ersten Informationsveranstaltungen hätten sich sehr viele Bauern für die Idee interessiert. „Wirklich eingestiegen sind momentan aber nur neun Kollegen, wohl weil viele Angst davor haben, sich zehn Jahre binden und zurückzahlen zu müssen, wenn sie den Humuswert nicht halten können“, berichtet Hubert Stark. Daher sei es notwendig, noch mehr Fachwissen zu transportieren. „Auch wir haben zu Beginn Lehrgeld bezahlt. Wir wollen die Bauern aber dazu bringen, sich damit zu befassen, was sich im Boden abspielt.“ Wenn damit auch noch ein Mehr­ erlös verbunden ist, könnte das System durchaus Schule machen, ist Stark überzeugt. „Ich habe für die ersten drei Jahre 270 Euro pro Hektar bekommen. Dabei waren unsere Böden schon zuvor auf einem sehr guten Status.“ Finanziell noch interessanter sei es sogar, wenn Flächen besonders degradiert seien, weil dann mit einer Bewirtschaftungsänderung viel mehr Humus aufgebaut werden kann. Daher sei das Programm auch und vor allem für konventionell wirtschaftende Betriebe interessant. „Im vergangenen Sommer konnten manche Bauern in unserer Gegend gar nicht dreschen, weil der Boden so wenig Struktur hat, dass sie bei dem ständigen Regen nie hineinfahren konnten“, so Hubert Stark, der nun darauf hofft, „dass manchem Landwirt die Augen aufgehen mögen“. Für Stark ist die direkt aus der CO2-Bindung lukrierbare Summe aber nicht das Hauptargument, am Programm teilzunehmen: „Unser Boden ist das größte Kapital, das wir haben. Es muss das ureigene Interesse jedes Bauern sein, diesen gesund zu erhalten.“ Mit dem Regionalprojekt will Stark, der auch mit Biogetreide handelt, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: „Mir schwebt die ­Vision vor, das gebundene CO2 auch bei der V ­ ermarktung unserer Pro­ dukte zu kommunizieren und einen ­zusätzlichen Werbeeffekt zu schaffen. Vielleicht können wir ja auch andere Firmen wie die Druckerei Janetschek dazu bringen, sich für die Region zu engagieren.“

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Fotos: © Janetschek

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Japans Landwirtschaft befindet sich in einer der größten Krisen ihrer Geschichte. Die Bauern des Inselstaates werden immer älter und haben keine Nachfolger. Nun sollen junge Bäuerinnen der Agrarsparte wieder auf die Beine helfen. Ein Bericht für unserhof von HANA SAITO.

Takahashi erklärt am Bauernmarkt, wie ihre ­Produkte zubereitet werden sollen.

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Fotos: © Hana Saito

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m Durchschnitt sind japanische Betriebsführer derzeit 65,8 Jahre alt und damit wesentlich älter als in der EU. Zudem nimmt die Zahl der Höfe in Nippon Tag für Tag ab. Aktuell arbeiten nur noch rund 1,2 Millionen Japaner in der Land­ wirtschaft, das ist bei einer Gesamtbevölkerung von mehr als 127 Millionen Einwohner weniger als ein Prozent. Einzig das Ausmaß des Landes, das nicht mehr kultiviert wird, nimmt zu und macht mittlerweile rund 400.000 Hektar aus. Als Gründe werden Überalterung und Landflucht angegeben. Üblicherweise sind alte Landwirte in Japan der Überzeugung „so lange Bauer zu sein, wie ich körperlich kann.“ Dementsprechend intensiv ist die Beziehung zu ihrer Arbeit, ihren Höfen. Landwirtschaft ist für die ältere Generation im fernöstlichen Kaiserreich also mehr als nur ein Beruf, s­ ondern eine Lebenseinstellung. Andererseits können sie sich nicht vorstellen, dass ihre Söhne und Töchter weiterhin „nur“ Bauern sein sollten, weil das Einkommen schlecht ist und auch der Staat nicht für ausreichende Ausgleichszahlungen sorgen kann. Bauer sein ist somit in Japan von einem einst sehr angesehen Beruf zu einem eher schlecht bewerteten Job geworden. Neuerdings scheinen aber dennoch wieder einige Lichtstrahlen durch den ansonsten eher trüben Himmel der Zukunft der japanischen Bauernhöfe. Das Land hat begonnen, auf die Innovationskraft und die Intelligenz

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Junge Bäuerinnen beleben Japans Landwirtschaft

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junger Frauen zu setzen. „Kochen Sie die Süßkartoffeln und essen Sie diese mit frisch geriebenem Ingwer. Das ist meine Empfehlung für den ganz besonderen Geschmack.“ Kana Takahashi, eine 35-jährige junge Landwirtin, verkauft die Produkte ihres Hofes auf einem speziellen Bauernmarkt in der Hauptstadt Tokyo. Eifrig erklärt sie ihren Kunden, wie sie die Knollen am besten essen sollen. Ihr freundliches Lächeln spricht viele Kunden an und es gelingt ihr, diese in Gespräche zu verwickeln. Ihr Stand prosperiert, sodass die vielen verschiedenen Gemüse- und Obstsorten binnen kurzer Zeit aus­ verkauft sind. Der Markt, der von einem Großkaufhaus im westlichen Stadtteil

Hana Saito ist Redakteurin von „The Japan ­Agricultural News“. Für ihre Agrarzeitung hat sie einen Artikel über Österreichs Jungbauern geschrieben.

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Shinjuku, dem größten Einkaufsviertel der ­Metropole, veranstaltet wird, hat bei den Tokyotern großen Erfolg. Er findet im Dachgeschoss des schicken Kauftempels statt. Fünf junge Bäuerinnen aus allen Teilen Japans präsentieren hier ihre landwirtschaftlichen E ­ rzeugnisse. Zusätzlich gibt es eine „Talk Show“ mit den Bäuerinnen und das angeschlossene Restaurant verkocht deren frische Ware. Für viele ­Bewohner der Weltstadt mit 9 Millionen Einwohnern ist der direkte Kontakt zur Landwirtschaft ein Ereignis, das sie so noch nie erlebt haben. Auch die 43-jährige Hausfrau Takkio Mikuriya setzte sich intensiv mit den Marktständen auseinander. „Es ist unglaublich, wie viele verschiedene Gemüse- und Obstarten hier ausgestellt sind. All das ist in einem gewöhnlichen Supermarkt in Tokyo nicht zu bekommen. Und alles ist so frisch.“ Einzigartig sei auch, dass man die Hersteller persönlich fragen könne, wie die Waren hergestellt werden und wie man diese in der Küche einsetzen könne. „Mich freut auch, dass die Aussteller Frauen sind. Diese haben immer ein paar gute Rezepte parat“, schmunzelt Mikuriya. Kana Takahashi wurde in der Präfektur Shiga-ken im Westen der Honshu-Insel geboren. Nach ihrem Universitätsabschluss arbeitete sie als Bankerin in der Hauptstadt. Die Landwirtschaft blieb für sie aber stets eine Inspirationsquelle. Daher hat sie sich nach einigen Jahren Bürotätigkeit

dazu entschlossen, ihren Job zu kündigen. „Ich liebe die Landwirtschaft, und Bäuerin ist ein enorm kreativer Beruf“, meint sie. Pflanzen in ihrem Wachstum zu begleiten, Früchte zu ernten und zu verkaufen sei eine großartige Heraus­ forderung. „Mir wird als Bäuerin niemals langweilig“, sagt Takahashi, „jede Entscheidung hat maßgeblichen Einfluss auf das Produkt. Außerdem habe ich keinen Chef, der mir befiehlt, was wie getan werden muss.“ Derzeit bearbeiten die junge Bäuerin und ihr Ehemann gerade mal 5.000 Quadratmeter landwirtschaft­ liche Fläche bei Takashima im Nordwesten der Präfektur Shiga. Obwohl der Hof nicht groß ist, werden ­Dutzende Arten an Gemüsen und Obst kultiviert. Weißer Mais, Süßkartoffeln, Karotten, Spinat, Kräuter, Zwiebeln und Kürbisse sind nur einige davon. Chemischer Dünger ist dabei ein tabu. Stattdessen wird mit Geflügelmist und Rinderdung natürlichen Ursprungs hantiert. „Sichere Lebensmittel zu erzeugen, die man auch Kindern essen lassen kann“, ist das Ziel der beiden Eheleute. Neben der Zusammenarbeit mit verschiedenen Restaurants sei es wichtig, neue Kunden zu finden. In der Gastronomie sorgt die Chemiefreiheit für eine hohe Reputation der Erzeugnisse. Trotzdem ist es in Japans Küchen immer noch üblich, nach Preis einzukaufen. Takahashi: „Es ist schwierig Abnehmer zu finden, die dann auch regelmäßig bei uns einkaufen.“ Immerhin: Der Bauernmarkt im MegaStore hilft, das Wissen über gesunde Agrarprodukte auch in der Metropole zu verbessern, ist die ­Bäuerin überzeugt. Der Markt ist auch Teil des Projektes „Nogyo-Jyoshi“ des Ministeriums für Landwirtschaft, Forst und F­ ischerei, das 2013 aus der Taufe gehoben ­wurde. Es führt speziell Projekte ­junger Bäuerinnen und Unternehmen, die mit diesen kooperieren wollen, zusammen. Mit an Bord ist auch einer der Leitbetriebe Japans, die Mitsukoshi Isetan Holding. Für den Konzern, der zahlreiche Großkauf­h äuser betreibt, war es die erste direkte Zusammen­arbeit mit der Landwirtschaft. Der Präsident des Unternehmens, Hiroshi Onishi, erklärte bei der Bauernmarkt-Premiere: „Wir wollen unserhof 1/2015


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vermehrt regional produzierte bäuerliche Produkte verkaufen. Die Gewohnheiten der Gesellschaft sind zwar nicht so einfach zu ändern, aber wir sind überzeugt, dass wir als Händler Verantwortung übernehmen müssen.“ Mehr als 200 Bäuerinnen und 13 Unter­nehmen aus unterschiedlichen Bereichen sind bereits Mitglieder des Nogyo-Jyoshi-Projektes. So bereitet etwa der Chefkoch des noblen Rihga Royal Tokyo Hotels spezielle Menüs mit den Produkten der Bäuerinnen zu und veranstaltet Workshops, bei denen seine Restaurantgäste die Ware besser kennenlernen sollen. Der Maschinenhersteller Daihatsu Diesel hat einen eigenen Pickup-PKW entwickelt, der speziell auf die Bedienung durch Frauen abgestimmt wurde. Das Reisebüro HIS verkauft Ausflüge zu den Höfen der Bäuerinnen, die von Agrarexperten begleitet werden. Dazu Vize-Agrarminister Yoshitsugu Minagawa: „Das Projekt wird den Markt erweitern und die japanische Landwirtschaft beleben.“ Gerade die Fähigkeiten der Bäuerinnen seien für den Sektor sehr wertvoll. „Frauen gelingt es eher als Männern, die Gefühlsebene der Konsumenten zu erreichen. Daher sind sie die besseren Werbeträger.“ Auch die Anzahl der Mädchen an den Agrarschulen nimmt zu. 2014 hat „The Japan Agricultural News“ das Geschlechterverhältnis in 42 Schulen im ganzen Land erhoben. Dabei ist herausgekommen, dass bereits 30 Prozent der Schüler und Studenten weiblich sind. „Mädchen sind besonders an der Glashausproduktion interessiert“, heißt es dort. Mit dem Projekt des Landwirtschaftsministeriums gelange es auch schon, das Image der Landwirtschaft unter den jungen Leuten zu verbessern.

Auch die Marktforscherin Ayumi Arakawa von Hakuhodo, der ältesten Werbeagentur Japans, begrüßt, dass wieder mehr Frauen in die Land­wirtschaft einsteigen. Sie ortet darin eine Chance, den Wert der Land­wirtschaft auf eine neue Art und Weise zu b ­ ewerben. „Bei Bauernmärkten sind die Produkte, die von Bäuerinnen hergestellt werden, immer beliebter. Frauen sollten

daher eine viel aktivere Rolle in der Landwirtschaft übernehmen.“ Diese seien aber nicht an großflächiger Produktion mit Ma­schinen interessiert. „Lieber stellen sie auf k­ leinen Flächen hochqualitative Produkte mit zusätzlichem Wert her. Genau eine solche Landwirtschaft verlangt der Konsument, der sich über Sicherheit und Qualität seiner N ­ ahrungsmittel Gedanken macht.“

Stichwort Japan Gerade mal 20 Prozent des Inselstaates sind für die landwirtschaftliche Nutzung geeignet. 2014 steuerte die Landwirtschaft gerade mal 1,13 % des Gesamtwirtschaftsaufkommens bei. Die durchschnittliche Größe eines japanischen Bauernhofes beträgt 2,17 Hektar. unserhof 1/2015 37

Überblick über ­Bauernmarkt


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„Innovativ müsst ihr selber sein“

Beim „Tag der jungen Landwirtschaft“ im Landwirtschaftsministerium, organisiert von den Österreichischen Jungbauern, sollten 160 junge Funktionäre mit Gedanken und Visionen abseits des alltäglichen „Politsprech“ gefüttert werden. Dafür sorgten unter anderem Ex-EU-Agrarkommissar Franz Fischler und der Ehrenpräsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner. Von Stefan Nimmervoll

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Internet: www.jung­ bauern.at

er Obmann der Jungbauern, Stefan Kast, bezeichnete die Jugendorganisation des Bauernbundes als „geistig bewegliche und zuweilen auch freche Organisation“. Mit 45.000 Mitgliedern sei man „der Anwalt der Junglandwirte schlechthin“ und bringe erfolgreich Positionen ein, so Kast, zuletzt etwa im Zuge der jüngsten GAP-Reform mit der Durchsetzung von Maßnahmen wie dem 25-prozentigen Top Up zu den Direktzahlungen. „Das war nicht unumstritten“, verwies Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter an harte Verhandlungsrunden. Gerade die junge Bauerngeneration möchte produzieren und investieren. „Daher ist unser künftiger Fokus auf die Investitionen wichtig“, erklärte der Minister. Immerhin würden 38 % der heimischen Betriebe von Unter-38-Jährigen geführt. Wichtig sei auch, dass junge Hofübernehmer die Institutionen in Brüssel kennen lernen. Rupprechter: „Daher wollen wir, dass jeder Absolvent einer höheren landwirtschaftlichen Schule zumindest einmal in Brüssel gewesen ist.“ Franz Fischler – von 1995 bis 2004 EU-Landwirtschaftskommissar in Brüssel – hielt sich nicht lange mit der Illusion auf, dass alles so bleiben könne, wie es bisher gewesen ist: „Das Modell, mit dem wir 50 Jahre lang gearbeitet haben, ist passé. Die Landwirte der Zukunft brauchen Wettbewerbs-

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stärke.“ Junge Landwirte müssten daher besonders innovativ sein. Ohne unternehmerisches Denken s­ tehe der Bauer auf verlorenem Boden. „Landwirte dürfen sich nicht mehr als Quasi-Unselbständige betrachten, sondern jeder muss selbst seine individuelle Marktnische finden“, meinte Fischler. „Das kann niemand für euch tun, das müsst ihr selber machen“, so der streitbare Agrarexperte. Die Kraft der bäuerlichen Familien­ betriebe beschwor der ehemalige deutsche Bauernpräsident Gerd Sonnleitner, für ebendiese auch Botschafter der Vereinten Nationen. „Kapitalgesellschaften und Staatsbetriebe können nie so effektiv sein wie ein Familienunternehmen“, so der Bayer. Und: „Das Zukunftspotential eines Hofes ist nicht an Hektar und Tierzahl, sondern an der Zuversicht des Übernehmers festzumachen.“ Anders als so manche Bauernvertreter sieht Sonnleitner im transatlantischen Handels­abkommen TTIP eher eine Chance als eine Gefahr für die europäischen Produzenten. Ähnlich die Einschätzung des Vorsitzenden der Raiffeisen Ware Austria, Reinhard Wolf. Der Lagerhaus-Manager sieht keine Alternative zu einer global vernetzten Landwirtschaft. Weltweit müsse man jedes Jahr um zwei Prozent mehr an Getreide und Mais produzieren, um den Lebens­mittelbedarf von immer mehr Menschen und Nutztieren zu

decken – „und das trotz limitierem Flächenzuwachs“, so Wolf. Vor dem Verlust fruchtbarer Ackerflächen warnte der Generaldirektor der Hagelversicherung, Kurt Weinberger: „Täglich gehen mit der Verbauung 22 Hektar Fläche und damit ein durchschnittlicher Bauernhof verloren.“ Damit habe Österreich den höchsten Pro-Kopf-Wert der EU. Weinberger fordert daher die Einführung einer „Umweltschonabgabe“ von jenen, die Ressourcen beanspruchen. Beim „Tag der jungen Landwirtschaft“ vergaben die Jungbauern auch den „Innovationspreis 2014“ für die besten Betriebskonzepte junger Hofübernehmer. Platz 1 ging an Michael Mandl und Antonia Krenn aus der Buckligen Welt in Niederösterreich. „Bock auf Ziege?“ – so der freche Name ihrer neuen Ziegenmilch-Marke, mit der die beiden Hofübernehmer erste Markterfolge erzielen. Der Zweitplazierte Hans-Peter Huber vom auf 1.600 Metern Seehöhe höchstgelegenen Milchbetrieb Kärntens produziert 160 Sorten „Nockberge Eis“ – darunter einige recht gewagte Kreationen für die Gastronomie der Fremdenverkehrsregion. Tiergestützte Intervention wiederum betreibt die Salzburgerin Cornelia Rohrmoser auf ihrem Hof. Dabei werden Kinder und Jugendliche mit erhöhtem Förderbedarf mit zwei Eseln, einem Schwein und mehreren Hühnern unterstützt, um sprachliche und soziale Defizite zu beheben. unserhof 1/2015


Sieben auf ­einen Streich

Foto: © Berghorn

BETRIEBSFÜHRUNG

Intensiv mit „Neuen Wegen in der Agrarkommunikation“ hat sich CLAUDIA BERGHORN ­beschäftigt und in England, Irland und den USA nach „Best practice“-Beispielen gesucht. Interview: Bernhard Weber

Mag. Claudia Berghorn, selbständige Kommunikations-Fachfrau. 2014 erhielt die begeisterte Bloggerin den „Deutschen Lesepreis“ der Kategorie „Ideen für morgen“.

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ür unser­hof erläutert Claudia Berghorn ihre Erkenntnisse samt sieben Strategien für eine bessere Verständigung zwischen Bauern und Konsumenten. unserhof: Warum braucht es überhaupt „neue Wege“ in der Agrarkommunikation? Berghorn: In Deutschland und wohl ähnlich auch in Österreich zerfällt die Gesellschaft zunehmend in diejenigen, die Lebensmittel produzieren, verarbei-

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ten und verkaufen, und diejenigen, die sie konsumieren. Die Kommunikation zwischen beiden Gruppen wird immer problematischer, und um das Image der Landwirtschaft steht es nicht zum Besten. In Westfalen-Lippe mit seiner stark konzentrierten Nutztierhaltung vor allem von Schweinen und Geflügel hat sich der Konflikt inzwischen so zugespitzt, dass die Entwicklungsmöglichkeiten der Agrarbetriebe gefährdet sind und der Bau neuer Ställe oft am Widerstand in den Gemeinden schei-

tert. Auf der Suche nach Strategien für die Zukunft hat der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband daher – mit offizieller Unterstützung des Deutschen Bauernverbandes und des EU-Bauernverbandes COPA – auch über die Landesgrenzen geblickt und sich gefragt, wie eigentlich die Landwirte in anderen westlichen Industrieländern mit diesen Herausforderungen umgehen und was wir daraus lernen können. Der Auftrag selbst war schon der erste Schritt auf dem „neuen Weg“. unserhof 1/2015


Foto: © Berghorn

Werbe­steele von Monsanto in Illinois. In den USA wird das Image der Landwirtschaft von Unternehmen genutzt und geprägt.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Zielländer für Ihre Studien ausgewählt? Unser Ziel war es, möglichst verschiedene Problemstellungen und Lösungsansätze der Agrarkommunikation zu untersuchen. Großbritannien, Irland und die USA wurden ausgewählt, weil sie ganz unterschiedliche Herausforderungen zu bewältigen haben. In Großbritannien war das Ansehen der Bauern nach den Verheerungen durch das Auftreten von Rinderwahnsinn BSE und der Maul- und Klauenseuche vollkommen am Boden, hat sich aber durch intensive Öffentlichkeitsarbeit wieder deutlich verbessert. In Irland genießen die Bauern traditionell große Sympathien in der breiten Gesellschaft, ihre Wertschätzung ist nach dem Ausbruch der Staatsschuldenkrise im Jahr 2009 noch gestiegen. Uns interessierte etwa die Frage: Warum kann dieses Land ein Vielfaches dessen exportieren, was es selbst an Rindfleisch, Milch und Milchprodukten konsumiert, während die Exportorientierung bei uns in Deutschland teils unter heftiger Kritik steht? Und in den USA werden immer wieder Trends gesetzt – in der Kommunikation sowie in Forschung und Lehre genauso wie in Bezug auf Landwirtschaft und Ernährungsfragen. Sie haben dazu alle drei Länder ­bereist? Natürlich. Das war zwar aufwändig, aber hat sich auf jeden Fall gelohnt. Die interessantesten Informationen haben wir nicht über unsere Online-Recherchen oder Telefonate erhalten, sondern im persönlichen Kontakt. Insgesamt haben wir mit über 60 Vertretern von Bauernverbänden,

Ministerien und Nichtregierungsorganisationen gesprochen, mit Journalisten, Professoren, Studenten – und natürlich auch mit Landwirten. Sie haben nach „Best practice“-Beispielen gesucht. Was haben Sie gefunden? Aus den vielen positiven Beispielen, die wir zusammen getragen haben, stellen wir 14 in unserer Studie ausführlich vor. In Großbritannien etwa hat eine mehrstufige Image-Kampagne des dortigen Bauernverbandes seit 2007 aufgezeigt, was die Landwirtschaft der Gesellschaft über die Produktion von Nahrungsmitteln hinaus zu bieten hat: für die Wirtschaft, für die Umwelt, für die Energieversorgung, für das Tierwohl und als Arbeitgeber. In Irland wiederum ist das bekannt positive Image der „Grünen Insel“ nicht rein naturgegeben, sondern das Ergebnis sehr konsequenter, strategischer Vermarktung. Federführend ist dort die zur Hälfte staatlich finanzierte Marketingorganisation der irischen Landwirtschaft, Bord Bià. Besonders beeindruckt hat uns die Nachhaltigkeitskampagne „Origin Green“, die sich vor allem an die Einkäufer der internationalen Lebensmittelindustrie richtet. Darin positionieren sich die Iren ganz aktiv als Europas nachhaltigste Zulieferer, statt darauf zu warten, dass die Einkäufer Nachhaltigkeitskriterien vorgeben. In den USA ist traditionell das universitäre Umfeld besonders spannend … Stimmt. „Agrarkommunikation“ wird dort schon seit den 1950er Jahren als eigener Studiengang angeboten, mittlerweile an 18 Fakultäten. Dabei handelt es sich um eine Kombi aus Journa-

lismus und Agrarwissenschaft. Deshalb findet man in Amerika mehr Farmer, die sich auch als Kommunikatoren verstehen, und mehr Journalisten, die sich in der Landwirtschaft auskennen. Außerdem bringt dieser Studiengang begeisterte Bekenner für die Landwirtschaft hervor: Immer mehr junge Leute sehen dort ihre Zukunft auf dem Land und nutzen ganz selbstverständlich alle modernen Kommunikationskanäle für den Kontakt mit landwirtschaftsferneren Zielgruppen. So sind die „Peterson Brothers“ aus Kansas längst YouTube-Stars und bewirken gemeinsam mit studentischen Initiativen wie „I love farmers“ viel mehr für das Image der Landwirtschaft als manch eine teure Werbekampagne. Welche Schlussfolgerungen haben Sie aus alldem gezogen? Wir haben alle Kommunikationsbeispiele und unsere Gespräche ausgewertet und daraufhin untersucht, welche Erfolgsfaktoren sich für Agrarkommunikation aus den Erfahrungen der ausländischen Kollegen ableiten lassen. Dann haben wir geprüft, ob und wie sich diese Erfolgsfaktoren auf unsere heimischen Bedingungen anwenden lassen. Als zentrales Ergebnis konnten wir daraus sieben Strategien für die künftige Gestaltung der Kommunikation in der Landwirtschaft ableiten. Wie sehen diese Strategien im Einzelnen aus? Klares Ziel ist es, in der Öffentlichkeit mehr Verständnis, Vertrauen und Akzeptanz für die Anliegen der Landwirtschaft zu erreichen. Unsere Strategien liefern praktisch einen

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Die Studie steht auf der Web­seite www.wlv.de unter den Rubriken „Downloads“ und „Pinnwand“ als Pdf-Download zur Verfügung.


Foto: © Bord Bià

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Plakat der Imagekampagne des Britischen Bauern­ verbands; Nachhaltigkeitskampagne der irischen Marketing­ organisation.

Rundum-Ansatz zur Neuausrichtung der Agrarkommunikation in der Landwirtschaft. Es beginnt schon bei ganz grundsätzlichen Fragen und einer Positionsbestimmung: „Wo steht die Landwirtschaft eigentlich heute? Und wohin wollen wir in Zukunft?“ Klare Antworten auf diese Fragen sind notwendig, um Kommunikationsziele und Botschaften zu definieren. Die erste Strategie heißt deshalb „Verorten“. Ein klares Selbstbild ist die zentrale Grundlage für strategische Kommunikation, um Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdbild – sprich: Image – zu verringern. Als zweite Strategie empfehlen wir Bauern, ihr Bild in der Öffentlichkeit intensiver selbst zu gestalten, um nicht mehr vorrangig als Projektionsfläche für andere zu dienen. Wie das aussehen kann, zeigen Beispiele, die wir mitgebracht haben. Strategie Nummer drei betrifft die „Information“ an sich, um das Faktenwissen über die Landwirtschaft in der breiten

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Bevölkerung zu steigern. Dazu kommt als vierte Strategie die Ausbildung. Wir empfehlen die Einrichtung eines Studiengangs „Agrarkommunikation“ nach US- Vorbild und die Kommunikation als Lehrgegenstand in allen Ausbildungsformen der Landwirtschaft. Begeisterung ist die Strategie Nummer fünf: Wenn auch unsere Landwirte mehr Begeisterung für ihre Sache ausstrahlen, wird das ihr Image positiv beeinflussen. Klagen und Proteste dagegen wirken in dieser Hinsicht kontraproduktiv. Außerdem müssen wir in der Kommunikation Brücken schlagen und bestehende Missverständnisse oder gar Verletzungen ausräumen und überwinden. Heilen lautet daher die sechste Strategie. Letztlich gilt es, alle bestehenden und neuen Initiativen der Öffentlichkeitsarbeit zu bündeln, um so deren Sichtbarkeit und Wirksamkeit zu erhöhen. Denn es gibt zwar in Westfalen und in ganz Deutschland – und sicherlich auch bei Ihnen in Österreich –

ja immer wieder sehr gute Ansätze in der Kommunikation. Leider zahlen sie aber nicht auf dasselbe Konto ein, da es an einer übergeordneten Strategie und an Koordination mangelt. Wie wurden die Ergebnisse der Studie aufgenommen? Das Feedback war sehr positiv, weil unsere Studie die komplexe Problematik der Kommunikation sehr systematisch aufarbeitet. Allerdings haben wir auch deutlich gemacht, dass die benannten Strategien erst in der Umsetzung ihre Wirkung entfalten können. Erste Erfolge gibt es auch? Um nur zwei Beispiele zu nennen: Zum einen hat unser Landwirtschaftsverband im Sommer 2014 in einer Erklärung bereits die angeregte Positionsbestimmung geleistet. Auf der Basis einer guten Tradition wollen die Landwirte in einer Zeit starken gesellschaftlichen Wandels ihr bäuerliches Selbstverständnis neu schärfen und haben alle Kräfte in unserer Gesellschaft dazu eingelaunserhof 1/2015


BETRIEBSFÜHRUNG

den, mit den Bauernfamilien in eine Debatte einzutreten, die von Offenheit und gegenseitigem Respekt getragen zu mehr Gemeinsamkeit führen soll. Ziel ist es, gemeinsam eine Landwirtschaft zu gestalten, die zugleich wirtschaftlich leistungsfähig, ökologisch verträglich und sozial gerecht ist. Zum anderen ist man daran, an der Fachhochschule Osnabrück den ersten deutschen Studiengang Agrarkommunikation aufzubauen. Die Chancen stehen gut, dass die ersten Studenten im Wintersemester 2015/16 starten können. Lassen sich mit strategisch ausgerichteter, gut umgesetzter Agrarkommunikation wirklich alle Probleme beseitigen? Ganz so einfach ist es nicht. Die massive Kritik aus Teilen der Bevölkerung an manchen Entwicklungen in der Landwirtschaft – Stichwort „Massentierhaltung“ – wird man nicht auf rein kommunikativer Ebene lösen können. Dazu braucht es andere Signale. Welche Signale könnten das sein? Hinter der Kritik an der modernen, arbeitsteiligen Landwirtschaft verbergen sich oft Zukunftsängste und die große, sehr tief gehende Sorge der Menschen um die Zukunft unseres

Planeten. Die Ernährungsindustrie hat das längst verstanden: In unserer satten Gesellschaft geht es weniger um den „Nähr-Wert“ von Lebensmitteln als um ihren „Mehr-Wert“. Deshalb gibt es so viele Werbesprüche und Zertifikate, die dem Verbraucher signalisieren: „Wenn Du mich kaufst, tust Du Dir selbst etwas Gutes und trägst gleichzeitig zur Rettung der Welt bei.“ Auch Bioprodukte verkaufen sich über diese Botschaft. Dagegen wird die konventionelle Landwirtschaft sehr stark als Verursacher von Problemen und Skandalen wahrgenommen. Um dieses Image positiv zu verändern, müsste auch die konventionelle Landwirtschaft aufzeigen, welchen „Mehr-Wert“ sie für die Gesellschaft hat und welche Lösungen für aktuelle und zukünftige Problemstellungen sie anbieten kann. Dafür braucht es allerdings genau die grundsätzliche Positionsbestimmung, die wir in unserer Studie anregen, und einen inhaltlichen und strategischen Konsens. Kommunikation kann immer nur abbilden, was da ist. Voraussetzung für ein anderes Image ist also eine wahrnehmbare Veränderung im Denken und im Verhalten.

Sie haben Sprachen und Geschichte studiert, sind seit Jahren selbständig als PR- und Kommunikations-Fachfrau tätig. Woher kommt der fachliche Hintergrund der Studie für die Landwirtschaft? Ich habe die Studie gemeinsam mit meinem Mann verfasst. Der ist auf einem Bauernhof in Niedersachsen aufgewachsen und arbeitet seit 1995 für den Bauernverband in Bonn, später in Brüssel und seit 2005 als Pressesprecher des WLV in Münster. Er hat sein umfassendes Fachwissen zur Landwirtschaft und viele Kontakte in das Projekt eingebracht. Mein Hintergrund ist dagegen ein völlig anderer – und genau deshalb ergänzt sich unsere Sicht der Dinge zu einem Komplettbild: Meine Perspektive auf die Landwirtschaft ist die einer städtisch geprägten Verbraucherin mit 20 Jahren Berufserfahrung in der Kommunikation, speziell in der Konzeptentwicklung. Sehr wichtig für den Erfolg des Projektes war auch, dass wir beide während des Studiums und im Beruf viel Auslands­ erfahrung gesammelt haben und sehr gut Englisch sprechen. Wohl deshalb waren unsere Interviewpartner auch so entspannt und offen.

Die Studenten der Agrarkommunikation der California Polytechnic State University haben die Initiative „I love farmers – They feed my soul“ ins Leben gerufen.

Foto: © Creative Passions Photography

„Farmer Style“-Parodie auf YouTube Begeisterung, Kreativität, Originalität und soziale Netze: Diese Kombination erweist sich als Erfolgskonzept, wenn es darum geht, junge, auch landwirtschaftsferne Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Dies belegt der Erfolg der „Peterson Farm Brothers“ mit ihrem Video „Farmer Style“, das bereits viele Millionen Klicks auf YouTube erzielte. Die singenden Bauernburschen aus Kansas bringen auf originelle Art ihre tiefe Begeisterung für die Landwirtschaft zum Ausdruck – völlig authentisch und ohne jeden offiziellen Auftrag. Das Faszinierende: Indem sie Ausschnitte aus ihrem Leben zeigen, statt belehrende Botschaften zu formulieren, erhält ihre implizierte Botschaft umso mehr Glaubwürdigkeit und Gewicht: Landwirtschaft ist eine Lebensart, ein lebenswichtiger Wirtschaftszweig – und die Lebensgrundlage für viele rechtschaffene Menschen. Der Erfolg der Peterson Farm Brothers spricht für die Förderung origineller, kreativer Herangehensweisen im Umgang mit landwirtschaftlichen Themen und Belangen: Hier entsteht eine Leichtigkeit, die auch der Agrarkommunikation in Mitteleuropa guttun würde. Außerdem zeigt sich an diesem Beispiel, wie wertvoll authentische Beiträge aus der „Agrarcommunity“ sind: Die Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit dieses Amateurvideos stellt alles in den Schatten, was eine professionelle Agentur im Auftrag von Bauernvertretern hätte produzieren können. www.youtube.com/watch?v=LX153eYcVrY

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BETRIEBSFÜHRUNG

Rechte und Pflichten Franz Valentin Löffler ist Notariatskandidat in Leibnitz sowie Land- und Forstwirt in St. Stefan im Rosental. Als solchen ist es ihm ein persönliches Anliegen, gerade junge Hofübernehmer zu unterstützen und fachlich bestmöglich zu beraten.

Franz ­Valentin Löffler

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ranz ­Valentin Löffler vertritt, berät und begleitet im Zuge seiner be­ruflichen Tätigkeit eine Vielzahl von Bäuerinnen und Bauern in zivil-, steuer-, unternehmens- und familienrechtlichen Angelegenheiten. Die nicht immer nur positiven Auswirkungen des Rationalisierungsdruckes auf die bäuerlichen Familien kennt Löffler auch aus seinem praktischen Umfeld als Bauer. Neben der Produktion von Marktfrüchten und Rundholz beliefert er Heizwerke mit Hackgut und vermarktet Kürbiskernöl unter der Marke „kernölgenuss.at“. Der Steirer meint daher: „Ein persönliches Anliegen ist es mir, Jungübernehmer zu fördern und fachlich bestmöglich zu unterstützen.“ Während sich etwa die notarielle Tätigkeit bei der Übergabe von landund forstwirtschaftlichen Betrieben früher auf die Errichtung des Übergabevertrages samt grundbücherlicher Durchführung beschränkt habe, seien nunmehr „nicht nur die vielfältigen Interessen der Übergeber- und Übernehmerseite im Vertragswerk zu berücksichtigen, sondern eine große Bandbreite an Beratungstätigkeiten vorzunehmen“, so der gelernte Jurist. Denn oft stelle die Hofübergabe einen guten Zeitpunkt dar, den Betrieb – sofern dies notwendig ist – neu auszurichten.“

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Die Übergabe mittels „Generationenvertrag“ sei Grundlage des gemeinsamen Miteinanders und enthalte Rechte und Pflichten. Zielsetzungen wie Sicherung des Unternehmensbestandes, vermögensrechtliche Absicherung der Übergeber- und der Übernehmergeneration oder die vorweggenomme Erbfolge mit weichenden Geschwistern müssten klar definiert werden. Löffler: „Schlüsselfaktor einer erfolgreichen Übergabe ist der Wille zur Einigkeit in der Familie. Hierfür ist es notwendig, dass der Vertragserrichter das Vertrauen aller an der Übergabe beteiligten Personen innehat.“ Die Verpflichtung zur Unparteilichkeit des Notars gemäß der Notariatsordnung sei dabei ein großer Vorteil für sämtliche Vertragsteile. Als ersten Schritt einer Übergabe schlägt Löffler die Möglichkeit einer kostenlosen Rechtsauskunft „beim Vertragserrichter des Vertrauens“ vor. „Gemeinsam mit dem Betriebsberater der Landeskammer oder dem Steuerberater ist dann ein Zeitplan festzulegen und der Übergabestichtag zu be-

stimmen. Anschließend folgen Gespräche mit sämtlichen beteiligten Personen, mit Vertretern der Bezirkskammer, der Sozialversicherungsanstalt, der Hausbank, der Gemeinde und der Versicherung.“ Erst dann werde ein Übergabevertrag entworfen und den Parteien zur Kenntnis gebracht. Die Verlesung des Vertrages samt anschließender Unterfertigung sei der Abschluss. Die Einholung sämtlicher Genehmigungen, die Abfuhr der Steuern und Gebühren sowie die grundbücherliche Durchführung erfolgt durch den Vertragserrichter. In aller Regel basieren Agrarbetriebe auf gewachsenen Strukturen. Im Zuge der Übergabe rät der Notariatskanditat, die steuerrechtlichen, verwaltungsrechtlichen und zivilrechtlichen Rahmenbedingungen zu durchleuchten. „Vor allem im Hinblick auf die neuen Einheitswerte sollten die Betriebe so aufgestellt werden, dass ein gesundes Wachstum möglich ist“, so Löffler. Dabei warnt Löffler davor, überstürzt zu handeln, zumal jede Liegenschaftsübertragung Kosten und Gebühren verursache. Ein Rücktrittsrecht sei gesetzlich nicht vorgesehen, könne jedoch vertraglich vereinbart werden. Bei seiner Beratungstätigkeit falle ihm vermehrt auf, dass „die junge Generation sehr gut vorbreitet zu den Terminen erscheint.“ unserhof 1/2015

Foto: ©  fotomek

Von Stefan Nimmervoll


Manche bleiben bei der Vorstellung einer besseren Zukunft.

Wir stellen sie vor.

New HollaNd – tHe CleaN eNergy leader nachhaltigkeit ist für uns keine frage eines saubermann-images, sondern unverzichtbare grundlage zukunftsweisender technologie. schon 2006 wurde new holland wegen seiner aktiven förderung und entwicklung von regenerativen kraftstoffen, emissionsminderungssystemen und nachhaltiger landwirtschaft als Marktführer in sachen saubere energie anerkannt und damit zum clean energy leader®. unsere vier säulen: energieerzeugung, effiziente Produktivität, nachhaltige landwirtschaft und unternehmerisches engagement. so entwickeln wir lösungen, von denen die profitieren, die uns am meisten am herzen liegen: die landwirte und das land – rund um die Welt.

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Big Data im Stall


BETRIEBSFÜHRUNG

Datenvernetzung, Sicherheit und „Big Data“: Elektronische Anwendungen am Bauernhof setzen sich immer mehr durch. Welche Vernetzungen und Schnittstellen sind aber gerade in der ­Tierhaltung möglich? Wie sind interne und externe Daten aus dem Stall zu behandeln? Welche Daten kann man automatisch herausgeben? Und wo endet die Transparenz-Pflicht? Von Rolf Feldmann

Foto: © xiaoliangge

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ie elektronisch unterstützte Landwirtschaft, besonders in der Tierhaltung, führt zwangsläufig zu mehr Lebensmittelsicherheit und besserem Management in den Betrieben. Zertifizierte Produktionsmittel werden dokumentiert eingesetzt und die oftmals individuellen Ziele jedes Betriebsführers werden durch optimierte und angepasste Haltungsverfahren und Faktoreinsätze (Qualitätsmanagement) verbessert. Schließlich kann so auch mehr den Konsumentenwünschen, hinsichtlich der Dokumentation von Prozessabläufen und der Rückverfolgbarkeit von Produkten, Rechnung getragen werden. Die Landwirtschaft wird mit elektronischen Werkzeugen künftig den Forderungen des Marktes und der Gesellschaft Rechnung tragen können. Alles was in diesem Bereich, in Bezug auf die Datensicherheit, beachtet werden muss, setzt gründliche Überlegungen voraus, ist aber in Zukunft wohl nicht mehr wegzudenken. Innovative Entwicklungen bei der Vernetzung in den Ställen werden aber noch nicht umfangreich genutzt. Dabei sind die gerade für die Tierhaltung oft auch praktischen Lösungen kaum mehr wegzudenken. Scanner und Reader an Handterminals haben neben fest installierten elek­ tronischen Steuerungen und Managementprogrammen Einzug gehalten und erleichtern so dem Anwender die sichere und schnellere Übernahme von Daten als von Hand. Und prinzipiell gilt: Jedes Smartphone, das heute verkauft wird, lässt sich oft auch für Anwendungen in der Landwirtschaft nutzten. Viele Entwickler setzen dabei längst auf Produkte, die im stationären wie im mobilen Bereich Standardbetriebssysteme wie Windows, IOS oder Android nutzen. Sei es nun der Sauenplaner, die Lüftungssteuerung, der Melk­

stand oder die Fütterungsanlage – das Angebot von Anwendungen wächst. Das lässt darüber nachdenken, welche dieser Daten, die schon elektronisch vorhanden sind, brauche ich, gebe ich elektronisch weiter und wohin kann oder muss ich sie transferieren können. Eine Anbindung an ein „öffentliches“ Netz über Modem, Telefon und Internet sollte auf jeden Fall eingeplant werden. Hat sich der Betriebsleiter einmal daran gewöhnt, seinen Stall auch von fernab zu bedienen, kann er schnell nachvollziehen, wie leicht es für den Hersteller von Soft- und Hardware sein muss, hier Hilfe anzubieten, Fehler zu suchen oder das nächste Programm-Update zu übertragen. Dabei sollte man auf bekannte Fernbedienungsprogramme setzen, die in einem VPN-Modus (Virtual Privat Network) arbeiten und eine gesicherte Datenübertragung gewährleisten können. Benutzernamen, Kennwörter etc. sollten darüber hinaus mit dem gleichen Sicherheitsverständnis verwaltet werden, wie andere Zugangsdaten von PC oder Konten. Nur so kann man sich einigermaßen sicher sein, dass Unbefugte keinen Zugriff auf die Steuerungen und Daten erhalten.

ISO-Schnittstellen Der immer größer werdende Umfang an Daten, an Entscheidungen, die mittels gezielter Analyse getroffen werden müssen, lassen die Bedeutung der „elektronischen“ Hilfsmittel wachsen. Deshalb sollte hier in Zukunft mit Bedacht auch an Vernetzungen und Schnittstellen, möglichst in Standardoder ISO-Format, gedacht werden. Schaut man sich die Schritte der Entwicklungen etwas genauer an, sieht man, dass in der Regel für eine spezielle Aufgabe eine elektronische Lösung entwickelt wurde. Die Kombination von

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Rolf Feldmann ist Technik-­ Berater der LK Nordrhein-­ Westfalen in Münster, Deutschland.


BETRIEBSFÜHRUNG

Anwendungen unterschiedlicher Hersteller, welche einem auch die Arbeit erleichtern, indem man Daten nicht mehr zweimal eingeben muss, sind in der Regel vernachlässigt worden. Dieses sollte mit dem Bestreben zu genormten Protokollen und einheitlichen Daten in Zukunft vereinfacht werden. Im Hintergrund der elektronischen Anwendungen sollte also immer an die Möglichkeit gedacht werden, über standardisierte Schnittstellen mit anderen Programmen und Anwendungen zu kommunizieren. Da das Bestreben der Software-Hersteller, möglichst nur ihre eigenen Produkte auf dem Markt zu verbreiten, in der Regel im Vordergrund steht, werden standardisierte Schnittstellen dabei häufig vernachlässigt. Auch wenn ISO-Schnittstellen zur Verfügung stehen, geht man häufig eigene Wege, damit man nicht so leicht austauschbar wird. Umgesetzt werden also bereits Vernetzungen zwischen Produkten, die aus einer Hand kommen, aber oft unterschiedliche Schnittstellenformate haben. Andere Verknüpfungen bzw. Möglichkeiten zum Datenaustausch werden häufig noch händisch bedient oder müssen speziell angepasst oder programmiert werden.

Interne & externe Daten Was aber braucht man auf einem Schweine- oder Geflügelbetrieb wirklich, wie weit kann man ohne diese „elektronische Hochrüstung“ einen Rinderbetrieb führen? Und fährt der Zug irgendwann ohne mich weiter? Hier sei angemerkt: bis heute kann vieles noch mit Papier erledigt werden. Nur lassen die Erleichterungen, die den Landwirten mit den neuen Hilfsmitteln ins Haus stehen, ein umfangreicheres Management zu. Hat man bisher seinen Sauenbestand, vielleicht auch mit 150 Tieren, auf dem Papier im Griff gehabt, so ist das für größere Bestände häufig ohne elektronische Hilfsmittel nicht mehr so einfach möglich. Dazu kommt, dass der Betriebsleiter, der doppelt so viele Tiere elektronisch führt, in der Regel wesentlich besser über seinen Bestand informiert ist als sein Nachbar auf Papier. Ein gewisser Umfang an

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elektronischer Ausstattung ist längst ratsam und wird in Zukunft auf jeden Fall wachsen. Alle relevanten Stalldaten werden in der Regel auf dem Betrieb, in einem Programm oder der entsprechenden Steuerung gehalten. Daten, die nach extern geführt werden, sind dagegen meist speziell ausgesucht. Nur wenn man nach neuen Anforderungen, Gesetzen oder für die Produktionsanalyse von außen angesprochen wird, denkt man auch über den elektronischen Austausch von Parametern oder Datensätzen an die Beteiligten nach. Hier sollte man auch darauf achten, was alles abgegeben wird. Nicht alle Datensätze brauchen, können oder sollten nach außen getragen werden. Komplette Datenbestände sollten eigentlich immer ausgeschlossen werden. Ohrmarken und Geburtsdaten werden zwar bei AMA-Meldungen immer nötig sein, genauso wie die Registriernummern der Betriebe beim Verkauf von Tieren. Wenn Pflichten, wie bei Veterinärdaten oder der wirtschaftliche Vergleich in Erzeugergemeinschaften, hinzukommen, wird es hier in der Regel nicht mehr ohne eine elektronischen Datenaustauch gehen. Einige Hersteller bieten neben der Installation von Steuerungen und Managementprogrammen auf dem Hof-PC auch Onlinemöglichkeiten an. Das Vertrauen in diese Angebote, vor allem was die Datensicherheit angeht, sollte dabei vorhanden sein. Eine Kontrolle der allgemeinen Geschäftsbedingungen, die sich keiner gerne durchliest, oft nur schwer zu verstehen sind und von den Unternehmen auch immer wieder neu angepasst werden, ist dabei unerlässlich. Die Weitergabe der Daten an Dritte, sei es auch nur für Werbezwecke, sollte darin stets ausgeschlossen sein. Viele landwirtschaftliche Betriebe fernab der Breitband-Datenhighways kämpfen heute noch mit geringen Übertragungsgeschwindigkeiten bei der Kommunikation und über das Internet. AMA-Meldungen oder das Versenden normaler E-Mails mit kleinem Anhang sind meistens möglich. Solange man aber keine Datentransferraten im MB-Bereich zur Verfügung

hat, wird die Auslagerung kompletter Datensätze auf Fremdserver immer ein Problem bleiben. Deshalb sollte man, bis zur sicheren Verfügbarkeit von einem Breitbandnetz, Onlinelösungen besser vermeiden.

Daten-Automatik Soll man seine Betriebsdaten automatisch etwa an Tierärzte oder Berater herausgeben? Nun, bei vielen Unternehmen gehört das Abfragen etwa von AMA-Meldungen oder Daten von Schlachttieren bereits zum alltäglichen Geschäft. Ein Indiz für sichere Verbindungen zu diesen Servern sind in der Regel die Kennzeichnungen am Beginn der Adressleiste im Webbrowser. Hier wird das: „http//…“ durch ein: ­„https//…“ ersetzt. Außerdem sind diese „sicheren Internetverbindungen“ bei den Browsern in der Regel auch unter den Sicherheitseinstellungen vorzugeben. Alternativ kann man auch darauf achten, dass erst nach einer persönlichen Einwahl und Kontrolle Daten versandt oder abgerufen werden. Einige Hersteller von Hard- und Software bieten auch schon umfangreiche Lösungen an, die in der Regel aber immer noch Insellösungen sind und auch nur nach Aufforderung Daten an oder aus den genannten Datenbanken liefern. Ein übergreifender Datenaustausch oder ein Datentransfer zwischen verschiedenen Anwendungen oder Nutzern ist in der Regel nur bei manuell angepassten Schnittstellen oder durch zusätzliche „Handarbeit“ möglich. Die Einrichtung von ISO-Schnittstellen hilft aber, den Arbeitsaufwand gering zu halten. Wird etwa mit einem Tierarzt oder Berater vereinbart, dass dieser sich zur Analyse der Daten bzw. des Tierbestands in die Daten des Betriebs einlesen darf, dann kann das auch über Fernbedienungsprogramme direkt auf den Betriebs-PC unter Kontrolle des Besitzers oder Betreibers geschehen. Auch eine begrenzte Auswahl von Daten, die ein Landwirt aus seinem Managementprogramm ausliest, kann so eingesehen, übermittelt bzw. zur Verfügung gestellt werden. Alle Daten mit Vollzugriff herauszugeben, birgt immer die Gefahr des Datenmissbrauchs. unserhof 1/2015


Foto: © EuroTier

Transparenz Und wie weit geht die Pflicht der Transparenz? Fest steht: Der Landwirt wird sich in Zukunft mehr und mehr in einer immer weiter verflochtenen Produktion und Dokumentation auf seinem Betrieb und zu seiner Umwelt wiederfinden. Das sollte man auch berücksichtigen, wenn man an Neuanschaffungen denkt. Nichts ist unangenehmer, als ein veraltetes oder nicht mehr anpassungsfähiges EDV-Produkt zu erwerben. Auch auf dem landwirtschaftlichen Betrieb bleibt die Entwicklung moderner Kommunikationsstrukturen nicht stehen. Egal ob es sich dabei in Zukunft um eine reine Arbeitserleichterung oder um eine komplexere Interaktivität handelt. Ein gutes Management mit anpassungsfähiger Hard- und Software wird in Zukunft ein entscheidender Produktionsfaktor sein und hilft auch, die geforderte Transparenz der Produktionsparameter zu bewältigen. Viele Programme bieten deshalb gerade für diese Bereiche angepasste Menüs an. Dabei werden die Daten so aufbereitet, dass sie für bestimmte Meldungen zusammengefasst und in einer entsprechenden Exportdatei geschrieben werden. Diese sind dann leicht über einen Auftrag zu versenden. Das kann automatisch oder manuell geschehen. Automatiken bergen aber immer die Gefahr, dass man

sich darauf verlässt. Beim manuellen Versenden besteht immer noch eine gewisse Kontrolle. Meldungen über eine missglückte Datenübertragung können so wahrgenommen werden.

Big Data Egal ob freiwillige Selbstkontrolle zu Qualitätssiegeln, die hierfür gewonnenen Auflistungen hinsichtlich Tiergerechtheit, ob Rohstoffströme, Prozess­ abläufe und Umweltwirkungen: Es steht bereits heute viel beim Landwirt an, was gebucht werden muss und was irgendjemand auch wieder sehen möchte. Hinzu kommen staatliche Kontrollen oder auch Auswertungen mit Zuchtverbänden, Erzeugergemeinschaften oder anderen Organisationen, die einem zum Teil auch bei der Produktion an der Seite stehen können. Daten über Daten, die in der Regel immer häufiger elektronisch verwaltet werden, so dass notwendige Verbesserungen in ihrer Verwaltung – auch über Recht­setzungen hinaus – den Entscheidungsprozess eines Landwirtes hinsichtlich des Managementsystems hier schon sensibel reagieren lassen sollten. All diese Daten werden heute meistens noch auf dem Betriebs-PC abgespeichert. Gehen diese verloren, kann das auch zu erheblichen Einbußen im Management oder sogar bei Zahlungsansprüchen führen. Die Datensicherheit muss der Landwirt auch oder gerade bei seinem eigenen Computer also sehr genau

unter die Lupe nehmen. Regelmäßige Abspeicherungsintervalle auf unterschiedlichen Datenträgern sind Pflicht. Diesen Prozess kann auch eine externe Datenbank übernehmen, die dafür in der Regel profimäßig ausgestattet ist. Hier ist aber wieder das Vertrauen des Landwirts zum entsprechenden Anbieter nötig, der alles, was mit der Datenverwaltung zusammenhängt, vertraglich absichern muss. Ein Blick über den Tellerrand in die Industrie zeigt aber auch: Kaum ein Unternehmer ist bereit, auf reine Onlinelösungen zu setzen. Die meisten sichern ihre Daten zusätzlich auf externen Servern und legen nur ausgewählte Dateien, etwa für die leichtere Verwendung von Außendienstmitarbeitern, in einer Wolke/Cloud ab, um beim Ausfall des Internets immer noch den Vollzugriff auf ihren Datenbestand zu haben. Durch solche Systeme besteht auch für die Landwirtschaft die Chance, dass Analysen umfangreicher und genauer werden. Die frühzeitige Erkennung und Ausmerzung von Fehlern, in der Produktion oder der Tierhaltung, wird damit möglich. Durch den Einblick auf mehrere Daten können Berater, Tierärzte und andere Fachleute bessere Arbeit leisten und den Service für Landwirte verbessern. Die Gefahr, dass man von einem Anbieter dieser Serviceleistungen „quasi abhängig“ wird, ist aber nicht ganz außer Acht zu lassen.

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BETRIEBSFÜHRUNG

Service­orientierte Online-Shops Ab Hof via Internet: Seit Jahren wächst die Anzahl an Online-Shops stetig. Doch hinter einem gut funktionierenden und erfolgreichen Shop steckt viel Arbeit. Eine logische Struktur und eine kundenfreundliche Bedienung sind Grundvoraussetzungen.

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Fotos: © Fotolia

Von Kolja Bitzenhofer

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BETRIEBSFÜHRUNG

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ie steigende Vielfalt von virtuellen Einkaufsstätten weitete sich in den letzten Jahren auch auf die Weinbranche aus. Dadurch stieg die Weinauswahl im Internet stark an. Nicht nur große Weinhandelshäuser vertreiben ihre Weine im Netz, auch private Weingüter und Winzergenossenschaften wollen ihren Kunden die Möglichkeit geben, rund um die Uhr ihren Weineinkauf zu tätigen. Weil es immer wichtiger wird, auch außerhalb der Öffnungszeiten und über regionale Grenzen hinaus für Kunden erreichbar zu sein, gehört der eigene Online-Shop für Weingüter fast schon zur Grundausstattung des Internetauftritts. Doch hinter einem gut funktionierenden und erfolgreichen Shop steckt viel Arbeit. Eine logische Struktur und eine kundenfreundliche Bedienung sind Grundvoraussetzungen. Hier passieren oft schon einige Fehler. Um diese zu vermeiden, ist es wichtig, sich im Voraus über die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden zu informieren. Außerdem muss man auch die eigenen Vorstellungen über den Einsatz des Shops klar definieren. Folgende Fragen gilt es frühzeitig zu klären: Was will man dem Kunden anbieten? Reicht vielleicht ein Bestellformular aus, um dem Kunden zu ermöglichen, eine Flaschenanzahl einzutragen, um eine Bestellung auslösen zu können? Darf der Kunde seine Meinung zu einem Wein schreiben und diesen damit bewerten? Welche Informationen will man generell via Internet zur Verfügung stellen? Was interessiert den Kunden überhaupt? Und wie viel Text ist er bereit zu lesen? Klar ist, dass der Kunde nebst allen nötigen Informationen eine Bestellung leicht und sicher tätigen kann. Shopbetreiber müssen somit den Wünschen und Anforderungen eines unbekannten Kunden gerecht werden. Doch gerade bei Nahrungs- und Genussmitteln ist der Verkauf im Internet eher schwierig. Die sensorischen Eigenschaften der Produkte werden komplett vernachlässigt: Weil man die Produkte selbst nicht mit den eigenen Sinnesorganen wahrnehmen

kann, ist der Kunde abhängig von der Produktbeschreibung und muss sich auf die Darstellung von Bildern und auf andere Kundenmeinungen verlassen.

Grundfunktionen Um einen gut funktionierenden Online-Shop anbieten zu können, sollte man auf Folgendes nicht verzichten: Zur ersten Orientierung innerhalb des Shops dient der Online-Produktkatalog. Eine übersichtliche Darstellung des Angebotes ist dabei sehr wichtig. Die aufgeführten Begriffe und Rubriken sollten dabei selbsterklärend sein. Vorteilhaft ist es außerdem, die gleichen Teilbereiche im Shop zu bilden, wie sie auch in der gedruckten Preisliste des Erzeugers zu finden sind. Diese Hauptnavigation sollte sich immer am gleichen Platz befinden. Meistens sind diese horizontal oben oder vertikal an der linken Seite der Seitenmaske zu finden.

Wenn sich der Kunde auf der Startseite des Shops zurechtgefunden hat und sich dafür entscheiden konnte, nun mehr Produktinformationen zu suchen, kommt der Online-Warenpräsentation eine bedeutende Rolle zu. Bei der Produktpräsentation, genau wie beim kompletten Online-Shop, sollte ein einheitliches Corporate Design eingehalten werden. Das heißt, eine Gestaltung einführen, welche auf den ersten Blick zeigt, dass es zu den anderen Werbemitteln des Erzeugers gehört. Hier wird dem Kunden die Ware verkauft. An dieser Stelle entscheidet sich, ob die Ware in den Warenkorb kommt oder nicht.

In vielen gut sortierten und bekannten Online-Shops spielt auch die Suchfunktion eine bedeutende Rolle. Dies sorgt bei einem größeren Angebot für eine höhere Kundenzufriedenheit. Dem Nutzer wird dadurch die Möglichkeit geboten, sich auf schnellstem Wege eine Information anzeigen zu lassen. Von der Trefferquote und der Qualität des angezeigten Ergebnisses ist abhängig, ob sich der Kunde noch länger im Shop aufhält oder ob er wegen eines nicht zufriedenstellenden Ergebnisses den Shop verlässt. Die Suchfunktion und dabei hauptsächlich die Qualität der Ergebnisse können das Shoppingverhalten von Kunden stark beeinflussen. Aus diesem Grund sollte sich jeder Shopbetreiber genau über die Vor- und Nachteile einer Suchfunktion informieren und für sich selbst abschätzen, ob dies nötig ist oder nicht. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass diese Funktion abhängig von der Anzahl der Produkte ist und sich erst bei einem großen Sortiment lohnt.

Dabei muss man auch auf einige Besonderheiten achten: Eine gute Produktbeschreibung ist bei Gütern, bei welchen die sensorische Wahrnehmung während des Kaufs eine große Rolle spielt, besonders wichtig. Denn man kann den Kunden nicht wie in der Vinothek individuell beraten. Der Wein muss über die visuelle und textliche Darstellung attraktiv erscheinen. Aus diesem Grund muss die Beschreibung in Schriftform sehr präzise sein. Dem Kunden sollte kein zu langer zusammenhängender Text zugemutet werden. Er will sich nicht durch lange, unstrukturierte Texte durcharbeiten. Er will kurz und knapp alle wichtigen Informationen. Besser ist es deshalb, die Texte in kleinere sinnvolle Abschnitte zu gliedern und die wichtigsten Stichwörter hervorzuheben. Um dabei keinen Verlust der Informationsqualität zu erleiden, sollten hervorgehobene Textabschnitte nicht unterstrichen, sondern fett gedruckt werden. Aus der Gewohnheit heraus geht der Kunde bei unterstrichenen Worten von Links aus. Eine weitere Grundvoraussetzung ist, dass die Beschreibungen inhaltlich und grammatikalisch fehlerfrei sind. Das erleichtert das Lesen von Texten und macht einen sehr guten Eindruck.

Die wichtigsten Punkte, die man beim Produktkatalog beachten sollte, sind eine übersichtliche und selbsterklärende Darstellung des Sortiments, eine gut sichtbare Hauptnavigation auf jeder Seite und die Möglichkeit einer Produktsuche bei einem großen Sortiment.

Bilder und Fotos unterstützen die geschriebenen Produktbeschreibungen grafisch. Es ist darauf zu achten, dass die einzelnen Produktseiten nicht zu überladen sind. Dies gelingt beispielsweise, indem man Fotos durch Anklicken oder Mausberührung vergrößert. Seiten mit weniger Text

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Kolja ­Bitzenhofer ist Leiter für Marketing/ Vertrieb des Staatsweingutes Freiburg in Deutschland.


Checkliste Online-Shop Die wichtigsten Bestandteile eines Online-Shops sind Produktkatalog, Produktpräsentation, Produktwarenkorb, Produktbestellung, Bezahlung und die finale Lieferung der Bestellung. Es gibt bei allen diesen Bestandteilen eine Vielzahl an Anforderungen, die ein Online-Shop erfüllen muss. Die Zeit, welche die Pflege eines solchen Verkaufsinstruments in Anspruch nimmt, darf nicht unterschätzt werden. Ein O ­ nline-Shop sollte also wohl überlegt sein und nicht vorschnell angeboten werden. Eine Kundenanalyse zu den Bedürfnissen und Wünschen der Kunden kann dabei helfen. und Fotos von guter Qualität nimmt der Kunde besser wahr. Er kann sich an diese auch besser erinnern. Folgende Anforderungen entstehen also bei der Warenpräsentation online: Eingängige Produktbeschreibung mit allen wichtigen Informationen; visuelle Unterstützung der Texte durch Grafiken, Fotos oder Videos und sinnvoll aufgeteilte Produkt-Seiten, welche nicht zu überladen sind. Nach dem Lesen einer guten Produktbeschreibung legt der Kunde hoffentlich einige Produkte in den Online-Warenkorb. Dies ist ein Speicher für die ausgewählten Produkte, die der Kunde für einen Kauf in Betracht zieht. Der Warenkorb sollte deshalb auch flexibel auf Veränderungen reagieren können: Innerhalb des Warenkorbes muss man weitere Produkte auswählen können. Es muss möglich sein, schon ausgewählte Produkte wieder zu ändern oder zu löschen. Auch die angegebene Menge zu verändern sowie weitere Produktinformationen abzurufen, ist notwendig. Somit entstehen folgende Anforderungen an den Produktwarenkorb: Gleichzeitiges Aufnehmen mehrerer

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Artikel des gleichen Typs; Löschen bzw. Zurücklegen eines bereits aufgenommenen Artikels; Ansicht der Artikelliste auch vom Warenkorb aus; nachträgliches Ändern der gewünschten Bestellmenge des Artikels; nachträgliche Konfiguration von Artikeln; Brutto- und Nettopreiskalkulation; Anzeige der Versandkosten und Anzeige möglicher Zahlungsarten. Bei der Erfüllung dieser Anforderungen wird dem Kunden gewährleistet, dass die Aufnahme in den Produkt-Warenkorb noch keine Verpflichtung zum Kauf darstellt. Ihm wird ein Gefühl von Sicherheit gegeben. Die endgültige Entscheidung zum Kauf ist ihm immer noch freigestellt. Nach der endgültigen Entscheidung zum Kaufwunsch gelangt der Kunde zur Online-Bestellung. Diese sollte so simpel wie möglich gestaltet werden. Denn nach Produktauswahl, Ablage im Warenkorb und schließlich dem virtuellen Gang zur Kasse sollte das Abschicken der Bestellung mit möglichst wenigen Klicks machbar sein. Es sollte während des Bestellvorgangs immer ersichtlich sein, auf welcher Stufe sich der Kunde im

virtuellen Kaufprozess befindet. Das entscheidende Kriterium zum finalen Kauf ist das Online-Formular zum Ausfüllen der persönlichen Daten. Hierbei sollten nur die nötigsten Informationen abgefragt werden. Es ist darauf zu achten, nicht zu viele Daten abzufragen. Die Wahrscheinlichkeit des Abbruchs eines Kaufprozesses steigt mit der Anzahl der Eingabefelder. Ein Benutzerkonto kann diesen Vorgang erleichtern. Man muss dann nur einmal alle Daten eingeben, welche gespeichert werden und bei jeder Bestellung automatisch abgerufen werden können. Dies ist eine völlig ausreichende Abfrage der Daten. Diese Abfrage kann auch auf mehrere Schritte aufgeteilt werden. Den Abschluss des Bestellvorgangs stellt die Online-Bezahlung dar. Um den Kunden nicht an dieser Stelle zu verlieren, sollte man besonders vertraulich mit den persönlichen Daten umgehen. Dies ist mit einem schlüssigen Aufbau und einer bequemen Bedienung dieses Prozesses zu unterstützen. Hier besteht das größte Risiko aus Sicht des Kunden, denn es geht um die Bezahlung und die mögliche Angabe von Bankdaten. Transparenz und Benutzerfreundlichkeit sind wichtige Faktoren. Auch das Angebot der meist verbreiteten Zahlungsmöglichkeiten wie Paypal, Vorabüberweisung, Lastschrift und auf Rechnung sowie die Annahme von Kreditkarten erhöhen den Service. Nach erfolgreicher Beendigung des Bestellvorgangs sollte der Kunde die Möglichkeit haben, die Bestellung bei sich abzuspeichern. Diese Datei dient als Zusammenfassung und Kontrolle der Rechnung. Um die Lieferung der Ware transparent zu gestalten, gibt es bei ­großen Online-Shops die Möglichkeit der ­Online-Produktlieferung. Beim ­„Product Tracking“ wird der tatsächliche Status der Lieferung ersichtlich, also wie weit die Bestellung voran­ gekommen ist und wann sie voraussichtlich beim Kunden eintrifft. Das schafft Sicherheit beim Kunden und Vertrauen zum Händler. Für kleinere Unternehmen ist dies allerdings sehr aufwendig und kann durch Angabe der nächsten Ausfuhr ganz einfach ersetzt werden. unserhof 1/2015


Fotos: © New Holland

New Holland auf der EXPO

New Holland Agriculture präsentiert sich als einziger Landmaschinenhersteller mit einem ­eigenen Pavillon auf der diesjährigen Weltausstellung in Mailand. Das Motto der EXPO 2015: „Die Weltbevölkerung ernähren. Energie ist Leben“

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ine ständig steigende Zahl an Menschen, die mit Nahrungsmitteln versorgt werden müssen, stellt die Landwirtschaft vor große Herausforderungen. Um die Produktivitätsraten weiter auf einem hohen Niveau zu halten, bedarf es auch einer intakten Umwelt. Der Traktoren- und Erntemaschinen­ erzeuger New Holland hat deshalb bereits 2006 die „Clean Energy Leader®“-Strategie ins Leben gerufen und entwickelt seither aus den Erfordernissen der Landwirte, ihrem Maschinen­ einsatz und deren Auswirkungen auf die Konsumenten der Produkte zukunftsträchtige Initiativen. Schon heute bietet New Holland führende produktive und effiziente Technologien im Bereich Landmaschinen: So ermöglicht es die „ ECOBlue“-Motorentechnologie, bei gesenktem Kraftstoffverbrauch den CO2 -Ausstoß zu reduzieren. Man setzt auch auf konservierende Bodenbearbeitung. Durch „Precision Land Mining“ – ein präzises Spurführungssystem mit einer Arbeitsgenauigkeit bis zu 2,5 cm – können Betriebskosten gesenkt und die Produktivität erhöht werden. Das „ECOBRAUD“-System“ wiederum ermöglicht einen nachhaltigen Weinbau mit geringem Schadstoffausstoß. Auch in die Verlängerung der Lebens-

weiteren Schritt nähergekommen.

dauer von Qualitätsteilen oder in die Optimierung der Produktionsabläufe wurde bei New Holland viel investiert, um den Landwirten optimale Landmaschinen für ihre Betriebe anzubieten. Mittlerweile wurde CNH Industrial (New Holland ist eine Marke der CNH Industrial Gruppe) damit zum vierten Mal in Folge Spitzenreiter des Dow Jones-Nachhaltigkeitsindizes Global und Europa. Auf der Weltausstellung in Mailand haben Landwirte und Besucher heuer die Möglichkeit, in der imposanten Kons­ truktion des Pavillons von New Holland diese ausgewählten Technologien für Agrarmechanisierung und Nachhaltigkeit zu erleben. New Holland ist der einzige Landmaschinenhersteller mit eigenem Pavillon auf der Expo. Gezeigt wird dort der funktionierende Prototyp des methangasbetriebenen Traktors „Methan Power“. Mit diesem ist New Holland dem Ziel einer energie­ unabhängigen Landwirtschaft dank am Betrieb erzeugtem Treibstoff einen

Das Methangas wird in der hofeigenen Biogasanlage aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugt. Beim Biogas-Traktor mit allen Funktionen eines Standardmodells wird das verflüssigte Methangas in Druckbehältern gespeichert. Bei normalem Arbeitseinsatz beträgt die Betriebsautonomie etwa einen halben Tag. Die Druckbehälter sind perfekt in die Gesamtkonstruktion integriert, wie bei Serienmodellen ohne Einschränkungen der Rundumsicht und Bodenfreiheit. Die Antriebstechnik mit Methan überzeugt durch zahlreiche Umweltvorteile, einschließlich wesentlich niedrigerer Abgaswerte verglichen mit einem Dieselmotor. Die CO2-Bilanz der Maschine ist praktisch null, gegenüber Diesel sind Kosteneinsparungen von 25 bis 40 Prozent möglich, so der Hersteller. Bei New Holland ist man überzeugt, dass nachhaltige Praktiken die Zukunft der Landwirtschaft darstellen und Agrarbetriebe in der ganzen Welt damit hochwertige Nahrungsmittel und saubere Energie für sich und ihre Dörfer erzeugen werden können. Besucher des New Holland-Pavillions erwartet eine interaktive Reise durch die Evolution der Landbewirtschaftung.

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Die Expo 2015 findet vom 1. Mai bis 31. Oktober in Mailand statt. Erwartet werden 20 Millionen Besucher. Österreichs Expo-Kommissär ist der frühere Agrarminister Josef Pröll. Internet: www. expo2015. org www.newholland.com


LANDTECHNIK

Seine Traktor-Leidenschaft von Kindesbeinen an zum ­Beruf gemacht hat Klaus Steinmayr aus Wolfern nahe Steyr. Er ist Produkt-Trainer bei Case IH & Steyr-Traktoren und schult Traktoren-Ver­ käufer aus ganz Europa.

Internet: www.steyr-­ traktoren. com

Basierend auf Satellitentechnologie offeriert der Landtechnikkonzern von der einfachen Parallelfahrhilfe über ein assistierendes Lenksystem mit elektrischem Lenkmotor bis hin zur vollinte­ grierten Lösung ab Werk, welche direkt in die Lenkhydraulik des Traktors eingreift. Dafür wird auch in Österreichs Ackerbaugebieten flächendeckend ein RTK-Signal (steht für Real Time Kinematic) angeboten. Diese ermöglicht eine faszinierende Arbeitsgenauigkeit:

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Ackerbau mi Die Abweichung des Traktors beträgt maximal 2,5 cm von der vom Fahrer vorgegebenen Spurlinie. Speziell in Reihenkulturen wie Körner­ mais und Zuckerrübe, aber auch für Getreidefelder ist dies besonders effizient. Auch am Betrieb Steinmayr ist dieses System nicht mehr wegzudenken. Der Hof zählt zu den treuen Steyr-Kunden. „Vergangenes Jahr haben wir den 21. Steyr Traktor gekauft“, erzählt Klaus. Neu am Hof ist ein Steyr Profi CVT mit vollintegriertem S-Guide-Lenksystem und RTK-Genauigkeit. Mit diesem erledigen Vater und Sohn so ziemlich alle Arbeiten von der Aussaat über die Düngung bis zum Pflanzenschutz: „Während der gesamten Vegetationszeit verwenden wir dieselben Fahrgassen, die vollautomatisch abgefahren werden. Somit sparen wir Sprit, Dünger, Pflanzenschutzmittel und Saatgut. Zusätzlich arbeiten wir bei der Pflege mit automatischer Teilbreitenschaltung. Dies ermöglicht, dass exakt dieselbe Menge an Dünger und Pflanzenschutzmitteln an jeder Stelle ausgebracht und so höchsteffizient gearbeitet wird“, erläutert der Profi. „Obendrein plane ich unseren Betrieb mit Hilfe unserer Büro-Software. So kann ich sehen, wo und wie ich im Feld gearbeitet habe. Sogar den momentanen Spritverbrauch und die Bodenbeschaffenheit kann ich vom Büro aus

ablesen.“ Mit „S-Fleet“, der Telematik für Steyr-Traktoren, ist es möglich, alle wichtigen Faktoren am iPad direkt während der Arbeit abzulesen. „Dies bietet eine gute Übersicht, etwa wenn mit zwei Traktoren gleichzeitig gearbeitet wird. Es signalisiert auch, wann Nachschub von Saatgut während des Anbaus benötigt wird.“ Seit 2012 erläutert Klaus Steinmayr dieses System auch bei Schulungen im Werk St. Valentin sowie auf Feldtagen und Produktpräsentationen in ganz Europa. Nach der Matura und dem Präsenzdienst hatte er vom damaligen Leiter des Trainings- und Verkaufsförderungsteams bei Case IH & Steyr ein Angebot erhalten. Dem war der junge Landtechnik-Freak bei einem Praktikum in Tschechien aufgefallen. Dort hatte Klaus Steinmayr im Herbst 2010 bei einem großen Training-Event für Case IH & Steyr gejobbt. „Anfangs war ich direkt mit Kunden am Feld unterwegs oder bei Produktdemonstrationen und Landwirtschaftsmessen.“ Seine Begeisterung nicht nur für die roten kraftstrotzenden Traktoren, sondern auch für Präzisionslandtechnik, prädestinierte ihn schon bald, als Produkt-Trainer für diesen Bereich zu arbeiten. Auf Deutsch oder Englisch beschreibt er seither die Funktionen vom Traktordisplay, der „Accu­guide“-Spurführung, inklusive Korrektur­signale, die über die GPS-Anunserhof 1/2015

Fotos: © Case/Steyr

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och wird der elterliche Ackerbaubetrieb in Wolfern mit Winterweizen, Körnermais, Sojabohne und Zuckerrüben hauptsächlich von seinem Vater geführt. Denn der 25-Jährige Hofübernehmer ist von Frühjahr bis Spätherbst viel unterwegs. Wenn er nicht in der stressigen Anbau- und Erntezeit auf dem eigenen Betrieb grubbert, pflügt, sät oder drischt, ist Klaus Steinmayr für Case IH & Steyr als Produkttrainer für Präzisionslandtechnik in Europa unterwegs. Der Absolvent der HLBLA St. Florian schult vor allem Verkäufer, aber auch Kunden auf Spurführungssysteme oder „AFS-Advanced Farming Systems“ von Case IH & Steyr.


LANDTECHNIK

Zentimetergenau

it iPad tenne empfangen werden. Für Klaus Steinmayr steht fest: „Präzisionslandwirtschaft wird für immer mehr Betriebe interessant.“ Dass sich in der GPS-gestützten Landtechnik enormes Kosten­einsparpotential verbirgt, steht für den AFS-Fan – abgesehen vom erhöhten Fahrkomfort – außer Streit: „Mit keinem anderen System kann man durch Spurführung, absolute Genauigkeit und Überwachung der Maschinen auch durch den Händler effizienter arbeiten. Man erkennt rasch, dass es sich lohnt, in eines dieser Systeme zu investieren.“

Präzise automatische Spurführung braucht ein flächendeckendes RTK-Korrektursignal. Steyr-Traktoren bietet den Landwirten diese Netzabdeckung in Echtzeit für zentimetergenaues Wirtschaften. Über lokale Real Time Kinematic-­ Basisstationen, die bei Steyr-Händlern in ganz Österreich positioniert sind, wird die erforderliche Genauigkeit von 2,5 cm errechnet. Diese wird anschließend über das Mobilfunknetz der Maschine übermittelt und von deren Lenksystem umgesetzt. Durch die hohe Dichte an Basisstationen ist der flächendeckende Einsatz von Spurführungssystemen gewährleistet. Dank der standardmäßig in allen Steyr RTK-Lösungen enthaltenen xFill-Technologie können Signalverluste bereits direkt nach dem Start der Maschine für bis zu 20 Minuten überbrückt werden. Und Österreichs Marktführer bei Traktoren bietet durch die zusätzliche Verwendung der GLONASS-Satelliten eine bessere Ausfallsicherheit vor umgebungsbedingter Signalabschattung als Systeme, die nur die GPS-Satelliten nutzen. Die präzise Technik hilft Kosten einzusparen und Ressourcen zu schonen. Ziel von Lenksystemen ist es, Überlappungen und damit die Verschwendung von Arbeitszeit, Diesel, Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmitteln zu vermeiden. Das RTK-Signal sorgt dafür, dass das verhältnismäßig ungenaue Signal der GPS-Satelliten anhand einer definierten Absolutposition angepasst wird. Damit wird der Einsatz von Spurführungssystemen bereits ab einer Betriebsgröße von rund 30 ha interessant. Auch bei schlechter Sicht oder Dunkelheit können die Maschinen besser ausgelastet werden. Jeder zweite Traktor ist bereits mit dieser Technologie ausge­ stattet. LINZ

WIEN

EISENSTADT

SALZBURG

INNSBRUCK

GRAZ

KLAGENFURT

Allein in die Spurgenauigkeit durch das RTK-Signal: „Bei üblicher Fahrweise gibt es Überlappungen von zehn Zentimetern. Bei Fahrgassenabständen von 15 Metern ist das ein halber Meter, für den zusätzlich Betriebsmittel benötigt werden“, so Steinmayr.“ Bei mehrmaligen Überfahrten summiert das die Kosten. „Durch die erhöhte Arbeitsgenauigkeit des Lenksystems ersparen wir uns jährlich etwa 3.500 Euro auf unserem Betrieb.“ Von den höheren Anschaffungskosten sollte man sich nicht abschrecken lassen: „Bei Betrieben ab 30 Hektar amortisiert sich eine Parallelfahrhilfe bereits nach zwei bis drei Jahren“, meint Steinmayr, der seine Aussage mit einer einfachen Kalkulation auf seinem iPad untermauert. „Und ist man den Komfort erst einmal gewöhnt, werden Genauigkeit und Komfort für einen Landwirt essentiell.“

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LANDTECHNIK

Bausteine für ­Parallel­fahren am Feld Ein Parallelfahrsystem setzt sich aus verschiedenen Bauteilen zusammen. Während die ­Bauteile für eine einfache Lenkhilfe noch überschaubar sind, ist ein Lenkautomat bereits ein komplexes System. Von Ruedi Hunger

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ird ein Parallelfahrsystem auf der Grundlage eines Satellitensignals zur Bestimmung von Position und Fahrrichtung verwendet, ist mindestens eine Antenne notwendig.

GPS-Empfänger Damit Ortungsfehler minimiert und die Positionsgenauigkeit erhöht wird, werden Antennen auf dem Fahrzeugdach, über der gelenkten Achse oder auch auf einem Anbaugerät platziert. Die Größe der Antenne ist davon abhängig, ob noch weitere Instrumente, wie beispielsweise ein Gyroskop (Ins­ trument für den Neigungsausgleich), im gleichen Gehäuse eingebaut sind.

GPS-Signal

Ruedi Hunger ist Agrarjournalist in der Schweiz

Beim satellitengestützten GPS, dem Globalen Positionierungssystem, wird üblicherweise das US-amerikanische NAVSTAR gemeint. Dazu werden die Signale von 24 Satelliten genutzt. Das russische Satellitenortungssystem GLONASS wurde bis 1995 aufgebaut und später erneuert, so dass heute ebenfalls Signale von 24 Satelliten empfangen werden können. Eine kombinierte Nutzung von GPS und GLONASS führt zu einer deutlich besseren Signalverfügbarkeit. Diese Kombination reduziert auch GPS-Lücken, die auftreten, weil die Amerikaner mit der Erneuerung ihres Systems in zeitlichem

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Verzug sind. Obwohl einmal geplant war, dass das europäische Satellitenortungssystem GALILEO bis 2013 mit 30 Satelliten betriebsbereit sein soll, ist es noch erheblichen im Verzug.

GPS-Genauigkeit Die Genauigkeit der Satellitensignale wird in erster Linie durch die Bedingungen in der äußeren Atmosphäre (Ionosphäre) bestimmt. Dort wird elektronische Strahlung, die uns aus dem Weltraum erreicht, „gebrochen“. Ein ähnliches Phänomen ist beim Licht zu beobachten, wenn es aus der Luft in Wasser eintritt. Wie stark die Signale gebrochen werden, ist von der Stärke der elektromagnetischen Strahlung, die aus dem Weltraum auf die Ionosphäre einwirkt, abhängig. Weil durch die Brechung die Signale eine geringfügig andere Laufzeit erhalten wird, führt dies zu fehlerhaften Positionsberechnungen. Ebenfalls kann eine ungünstige Satellitenkonstellation, wenn beispielsweise zwei Satelliten (aus Sicht des Empfängers) dicht beieinander liegen, die Positionsbestimmung verfälschen. Grundsätzlich wird die Genauigkeit mit wachsender Satellitenanzahl im Empfangsbereich verbessert. Satellitensignale können auf der Erde durch Bäume und Gebäude abgeschattet oder reflektiert werden.

GPS-Maß der Genauigkeit Absolute Genauigkeit bedeutet, dass die Ergebnisse der Positionsbe-

stimmung, unabhängig von der Zeit (nächster Tag, nächstes Jahr), auf den Punkt genau wieder gefunden werden. Die absolute Genauigkeit beinhaltet weiter, einen Bereich in Zentimeter um eine bestimmte Position, der bei 95% der Messungen erreicht wird. Die relative Genauigkeit, auch Spur-zu-Spur-Genauigkeit benannt, gibt die Spurabweichungen während der Feldarbeit in Minutenabständen an. Dies erfolgt meistens in einem Zeitraum von 15 Minuten. Eine hohe Spur-zu-Spur-Genauigkeit bedeutet nicht unbedingt eine hohe absolute Genauigkeit, da es aufgrund der Eigenrotation der Erde nach einer Arbeitspause vorkommen kann, dass die vom Lenksystem ermittelte Fahrspur von der zuletzt gefahrenen abweicht (Verbesserung mit RTK).

GPS-Signalfehler und ­Korrekturdienste Abweichungen zwischen der tatsächlichen Laufzeit zur theoretischen Laufzeit eines Signals für den direkten Weg zwischen Satellit und Empfänger werden als Signalfehler bezeichnet. Ohne Korrektur beträgt die absolute Genauigkeit der Positionsbestimmung zirka fünf bis acht Meter. Dies reicht für eine Felderkennung oder für die Fahrzeuglogistik aus, an ein exaktes Parallelfahren, beispielsweise zur Saat, ist nicht zu denken. Um die Genauigkeit zu verbessern, sind Korrektursignale erforderlich. Sog. Korrekturdienste arbeiten mit Referenzstationen, unserhof 1/2015


deren Standort bekannt ist. Die Korrekturwerte werden aus dem Vergleich des von der Referenzstation empfangenen GPS-Signals und der bekannten Position der Station errechnet. Das korrigierte Signal wird in „Echtzeit“ vom Navigationsrechner auf dem Fahrzeug empfangen und bei der eigenen GPS-Auswertung berücksichtigt (DGPS). Das heißt, Ortungsfehler werden auf dem Fahrzeug korrigiert. Folgende Korrekturdienste können zur Eliminierung von Signalfehlern benutzt werden, wobei sie zum Teil auf Länder oder Kontinente begrenzt sind:

Signale von Funkmasten BEACON Küstenfunk Küstenfunkkorrektursignal im Mittelwellenbereich, kostenlos für die Schifffahrt. Seit 2005 Referenzstationen in ganz Deutschland. Sehr zuverlässig, wird nicht durch Bäume und Gebäude abgeschattet. Erreichbare Genauigkeit 0 bis 30 Zentimeter. SAPOS (Deutsche Landes­ vermessung) Signal, das aus einem Netzwerk von 250 Referenzstationen stammt und in unterschiedlichen Genauigkeitsstufen angeboten wird. Relevant sind für Parallelfahrsysteme EPS (0.5–3 m) und HEPS (1–2 cm).

Signale von Satelliten EGNOS Kostenloser europäischer Service zur Flugsicherung. Das Signal wird durch Auswertung der Daten von über 30 Bodenstationen generiert und im selben Frequenzbereich wie GPS-Signale von geostationären Satelliten verbreitet. OMNISTAR Kostenpflichtiges Korrektursignal, das durch ein weltumspannendes Netz an Basisstationen über geostationäre Satelliten ausgestrahlt wird. Die Nutzung ist nur mit einem geeigneten Empfänger möglich, dabei wird eine Positionsgenauigkeit von ein bis fünf Zentimeter erreicht. STARFIRE Starfire ist ein Dienst der Firma Navcom, einer 100%igen John Deere-Tochter. Es werden zwei Genauigkeitsstufen angeboten.

Real-Time-Kinematic RTK RTK-GPS ist ein hoch genaues Verfahren, mit dem über Jahre eine

Foto: © Austro Diesel

LANDTECHNIK

wiederholbare Genauigkeit bis zu 2.5 cm erzielt wird. Ein RTK-System besteht aus mindestens zwei hochgenauen GPS-Empfängern. Einer wird als „Referenzstation“ und der mobile Empfänger als „Rover“ bezeichnet. Nach dem Prinzip von DGPS werden von der Referenzstation Korrektursignale an den Rover übertragen. Die erzielbaren Genauigkeiten liegen im Bereich von ein bis zwei Zentimeter. Der Referenzsender kann als Mobilgerät am Feldrand oder stationär auf einem Gebäude montiert sein. Bei fester Installationsweise wird eine Reichweite um die Antenne von maximal 20 Kilometer erreicht. Die Anschaffung eines hochgenauen automatischen Lenksystems ist für einen Einzelbetrieb in den meisten Fällen nicht wirtschaftlich zu begründen. Ausschlaggebend ist die hohe Investition in eine eigene RTK-Station. Kommt dazu, dass für Lohnunternehmer die Reichweite einer RTK-Station oft zu gering ist. Durch die Vernetzung der einzelnen RTK-Basisstationen zu einem „Clust“ (Wolke) können Gleichgesinnte (Landwirte, Lohnunternehmer, Händler, Maschinenringe) ihr eigenes RTK-Netz aufbauen.

Navigationsrechner und Bedienterminal Um Satellitensignale, Korrektursignale oder Signale anderer Sensoren in Fahrrichtungsanweisungen oder einfacher gesagt, in Lenkimpulse umzuwandeln, ist ein „Navigationsrechner“ nötig.

Bei Lenkhilfen kann der Rechner in der Anzeigeeinheit eingebaut sein. Einstellungen wie Arbeitsbreite, Start- und Stopppositionen erfolgen an einem „Terminal“. Bei Lenkautomaten geschieht dies heute über das traktoreigene ISOBUS-Terminal. Mit eingebauter automatischer Geräteerkennung werden die Daten des Anbaugerätes übernommen.

Stellmotoren, Sensoren und Ventile Bei Lenkhilfen werden dem Fahrer die Abweichungen mit einem Lichtbalken aus Leuchtdioden oder einem Flüssigkristalldisplay angezeigt. Lenkassistenzsysteme greifen nicht in die Lenkhydraulik ein, sondern führen mittels Stellmotoren und Reibrädern oder Austauschlenkrädern die notwendigen Lenkbewegungen aus. Für Lenkautomaten wird ein zusätzlicher Ventilblock in den Ölkreislauf der Lenkhydraulik eingebaut. Zudem wird ein Lenkwinkelsensor eingebaut, der die tatsächliche Auslenkung des Lenkzylinders misst. Neigungssensoren (z.B. Gyroskop) erfassen die Kippund Nickbewegungen des Fahrzeuges, auch diese Daten werden vom Navigationsrechner in die Berechnungen miteinbezogen. Für Lenkautomaten sind technische Sicherungen notwendig. So werden Sitzschalter und Türkontakte notwendig und ein Geschwindigkeitsbegrenzer schaltet den Lenkautomaten bei schneller Fahrt ab.

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Wie sie sich gleichen und doch unterscheiden: Wenn ein Satelliten­ signal zur Positionsbestimmung verwendet wird, sind eine oder zwei Antennen unabdingbar.


LANDTECHNIK

Daten-­Sprech mit ISOBUS

Von Ruedi Hunger

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andtechnik-Hersteller haben sich auf ISOBUS als „Sprache“ für die Kommunikation zwischen Geräten und Traktoren sowie PCs geeinigt. Damit dieser w ­ eltweite Standard das nötige G ­ ewicht bekommt und sich durch­setzen kann, wurde 2008 die Agri­cultural Industry Electronics Foundation AEF gegründet. Neben dem amerikanischen V ­ erband, Association of Equipment Manufacturers AEM, und dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau VDMA, zählen die Kverneland Group, Krone, AGCO, John Deere, Pöttinger, Claas und CNH zu den Gründungsmitgliedern. Heute sind mehr als 140 Mitglieder in der AEF.

Ziele der AEF Die AEF steht für Entwicklung und Verbreitung elektronischer und elektrischer Technologie, sowie für die Koordination der internationalen Zusammenarbeit der Agrarelektronik. Dabei werden auch technische Zertifizierungsmaßnahmen verbessert und überwacht. Weiters wurde

Ruedi Hunger ist Agrar­ journalist in der Schweiz

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eine Organisation aufgebaut, die die Zertifizierung, Schulung, Seminare und Beratung in Zusammenhang mit agrarelektronischen Standards unterstützt. In „Projektgruppen“ wird in sieben Teilbereichen nach Lösungen gesucht, die sowohl der Industrie als auch deren Kunden von Nutzen sind.

AEF nicht mit ISO verwechseln Die AEF als Organisation hat sich die Koordination der internationalen Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Agrarelektronik zum Ziel gesetzt. Damit soll die Konfusion bei der Frage der Übereinstimmung von Traktoren und Geräten beendet werden. Neben ISOBUS sollen auch andere Technologien die nötige Unterstützung und damit den nötigen Schwung zur vereinheitlichten Markteinführung erhalten. AEF betont, dass sie keine internationalen Standards entwickelt. Es obliegt folglich weiterhin der Internationalen Organisation für Normung ISO, die notwendigen ISO-Normen zu entwickeln und zu pflegen. unserhof 1/2015

Fotos: © ISOBUS

ISOBUS-Datentechnologie standardisiert die Kommunikation zwischen Traktoren und Anbaugeräten ­sowie ­zwischen den mobilen Systemen und der landwirtschaftlichen Bürosoftware. Als Organisation wacht die AEF über die weltweite Standardisierung.


LANDTECHNIK

Projektgruppen  Konformitätstest Hauptanliegen ist ein zukunftsgerichtetes Prüf- und Zertifizierungsverfahren, um die Kompatibilität von ISOBUS-Komponenten sicherzustellen.  Funktionssicherheit Erstellen von technischen Anwendungsrichtlinien für sämtliche Landtechnikhersteller, wenn es um die Einführung sicherheitsrelevanter Themen beim Einsatz von ISOBUS geht.  Technische Umsetzung Diese Projektgruppe wacht über die Koordination der branchenweiten Markteinführung von neuen ISOBUS-Merkmalen.  Service und Fehldiagnose Weitere Ziele bestehen in der Vereinheitlichung der Wartung von ISOBUS-Systemen und im Erreichen von schneller und leistungsfähiger Fehlerdiagnose und deren Behebung.

 Automatische Ablaufsteuerung Mit der nahtlosen „Zusammen­ arbeit“ von Traktor und Arbeits­gerät, wie dies bei den Folgeschaltungen eines Vorgewendemanagements der Fall ist, befasst sich ein weiteres Projekt.  Kommunikation und Marketing Das Marketing wird sowohl in der landtechnischen Industrie als auch in der Landwirtschaft koordiniert. Ein Hauptaugenmerk liegt auf der Förderung von ISOBUS im Markt, und eines auf dem ISOBUS-Certified-Logo als unverwechselbarem Markenzeichen.  Hochvolt-Bordnetze Im neusten Projekt werden Normenvorschläge für eine Traktorschnittstelle für die Stromversorgung von Anbaugeräten und externen Komponenten erarbeitet. Unter Traktorschnittstelle wird ein genormter Stecker/Steckdose verstanden.

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Weltweit ­haben sich die Land­ technik-­ Hersteller auf ISOBUS als „Sprache und Übertragungstechnik“ für die Kommunikation zwischen Geräten & Traktoren sowie PCs geeinigt.


AGRARKULTUR

Heinz, der (beinahe) Letzte Er ist 82 und Bergbauer in Tirol. Nach 40 Jahren allein auf seinem Erbhof drängt die Zeit, einen Nachfolger für das 400 Jahre alte Anwesen zu finden. Seine Wahl fällt auf Johannes, der eben die Landwirtschaftsschule absolviert hat. Von Bernhard Weber

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ach „Sauacker“ von Tobias Müller befasst sich erneut ein Kinofilm mit dem Thema Hofübergabe: Auch in „Der Bauer bleibst Du“ von Benedikt Kuby treffen zwei völlig unterschiedliche Welten aufeinander, was den Film besonders reizvoll und – bereits mehrfach – ausgezeichnet macht. Heinz Wanner ist der letzte Spross einer alteingesessenen Bergbauernfamilie aus dem Tiroler Inntal. Der Erbhof am Inzingerberg geht auf das 17. Jahrhundert zurück. 40 Hektar, inklusive Wald. 14 Kühe. Ein alter Traktor. Der alleinstehende Landwirt hat stets hart ­gearbeitet, der Lohn dafür fiel eher karg aus. Einfühlsam entführt Regisseur Kuby taktvoll in die Welt eines alten Mannes, der gelernt hat, die Natur zu respektieren und der noch mit Techniken arbeitet, die heute kaum noch jemand kennt, geschweige denn anwendet, egal ob beim Melken, Heuen, Bäume fällen und Brennholz machen, Erdäpfel setzen oder das Werkzeug pflegen. Heinz Wanner lebt von seiner Arbeit und für seine Arbeit, im Winter, im Frühling, im Sommer, im Herbst. Ein Einzelgänger, der langsam realisiert, dass seine Kräfte nach­lassen. Um den Fortbestand seines Hofes zu sichern, hält der kauzige Mann A ­ usschau nach einem Nachfolger. Hannes, 22 Jahre alt und aus dem nahen Dorf im Tal, scheint ihm der richtige dafür.

Hofüber­ nahme vor der Kamera

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könner ist, fungierte er bei „Der Bauer bleibst Du“ doch nicht nur als sensibler Autor, Regisseur und scharfsichtiger Kameramann, sondern auch als Tontechniker und Cutter. Kuby selbst sagt, er hat den Film nur deshalb so realisiert, weil ihm die Gelassenheit des alten Bauern aus den Tiroler Bergen seit 16 Jahren bewegt. Gleichzeitig habe diesen auch der Kummer umgetrieben. Kuby habe auch lange nach­denken müssen, bis er den Bauern überhaupt gefragt hat, ob der vor der Kamera reden wolle. Auch der markante Sprecher des Films kennt das Umfeld der G ­ eschichte aus eigenem Erleben. Schauspieler und Neo-Ökonomierat Tobias M ­ oretti bewirtschaftet selbst mit seiner Frau Julia einen alten Bergbauernhof unweit des Drehortes. „Enjott Schneiders Filmmusik macht neugierig auf das, was kommt, trägt durch die Handlung und verleiht dem

Film ein berührendes musikalisches Gesicht“, schrieb ein Cineast auf Face­ book. Heinz lernt dem gelehrigen Johannes die alten Methoden, Vergangenheit trifft Zukunft, zwei an sich völlig konträre Männer suchen und finden ­einen Weg zueinander. Generell ­erzählt der Dokumentarfilm von den einfachen Dingen: vom Älterwerden, vom Abschied nehmen, vom Bewahren der Tradition, vom Weitergeben der Erfahrung, von Gottesfurcht und harter Arbeit und vom Leben in Bescheidenheit und Glück. Dieser großartige Film handelt vom Geben. Neben Preisen in Deutschland heimste „Der Bauer bleibt Du“ im vergangenen November auch den mit 5.000 Euro dotierten „Grand Prix Graz“ für den besten „Mountainfilm 2014“ ein. Wenige Wochen nach den letzten Filmaufnahmen ist Heinz Wanner nach kurzer Krankheit gestorben.

Fotos: © Kuby

Dabei fällt es dem Alten nicht leicht, Arbeit aus der Hand zu geben oder gar, sie anders zu machen. Aber mit Hannes hat er jemanden an seiner Seite, der begierig ist, das alte Handwerk zu lernen, das auf keiner Schule mehr vermittelt wird. Und Heinz will sein Wissen und Können weitergeben, es nicht mit ins Grab nehmen. Alte Handwerksberufe, das ist seit fast zwei Jahrzehnten auch das Metier von Benedikt Kuby. Unter dem Titel „Der letzte seines Standes?“ produzierte der gebürtige Bayer mit dem Bayerischen Rundfunk eine Filmreihe über vom vergessen bedrohtes Wissen über alte Handwerkstechniken, Alltagskultur und Lebensphilosophie. Er hat mittlerweile einen gezielten Blick für Handgriffe, Regeln und Kniffe, Rezepturen, Formen und Ornamente, die echten Meistern ihres Handwerkes geläufig sind. Und beweist damit, dass auch er ein Alles-

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„Der Bauer bleibst Du“, von Benedikt Kuby, BRD, 104 min, BK Film­­pro­ duktion. Den Film gibt es auch auf DVD: 42 Euro zzgl. 5,50 Euro Porto. Bestellungen: bkubyfilm@ aol.com; ­www.handwerksfilme. de


Foto: © Landpixel.de

Bauer Franz und die Liebe

Der neue Bauer Franz ist allein in seinem Hofladen. Den Erbhof am Berg hat er verkauft und sich hier unten im Dorf angesiedelt. Mittlerweile kennt ihn jeder in der Gegend. Weil er ins Fernsehen kommen sollte. Von Bernhard Aichner

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ieser Bauernladen am Stadtrand von Innsbruck, dieser Ort, an dem ich jahrelang frisches Gemüse und Eier von glücklichen Hühnern gekauft habe, ich habe ihn lange vermisst. Die wunderbare Möglichkeit, natürliche Produkte vom Land zu kaufen, direkt dort, wo sie herkommen. Nicht nur ich war traurig, als der Laden schloss und der Bauer Franz, dem der Hof gehörte, ins Altersheim ging. Eine Institution im Dorf war es gewesen, Stamm­kunden hatten den kleinen Laden gefüllt. Ein Ausflug in eine bäuerliche Welt war es jedes Mal für mich gewesen. Der wöchentliche Weg zum Bauern Franz, die Geschichten, die er mir gelassen auf der Bank vor dem Laden erzählt hatte. Schön war die Erinnerung daran, wenn ich an dem verwaisten Laden vorbeiging und das alte Schild anstarrte. Bauer Franz stand da mit blauer Schrift auf weißem Grund, handgemalt. Ein Schild, das da hing, seit ich ­denken kann.

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Es blieb dort hängen. Auch als vor einigen Monaten wieder Schwung in die ganze Sache kam. Der junge Bauer, der den Hof gekauft hatte, begann mit der Revitalisierung, er investierte, baute um, vergrößerte, er kaufte neue Maschinen, arbeitete rund um die Uhr und brachte eine abgestorbene Pflanze wieder zum Blühen. Der Hof mitten im Dorf begann wieder zu atmen und zur Freude aller eröffnete auch der Laden wieder. Unter demselben Namen wie vorher, praktisch nichts hatte sich geändert. Der Bauer Franz steht wieder hinter dem Verkaufspult und bedient. Nur dass er nicht Franz heißt, sondern Hermann. Aber das ist den Dorfbewohnern egal, Hauptsache das Gemüse ist frisch und schmeckt. Hermann hin oder her, beim Bauer Franz wird wieder eingekauft. So wie es immer war. So wird es bleiben. Er hat gelacht darüber und es mit einem Schmunzeln hingenommen. Bin ich eben der Franz, hat er gesagt und mir bei meinem fünften Einkauf einen selbstgebrannten Schnaps unserhof 1/2015


AGRARKULTUR

angeboten. Mittlerweile ist es fast so wie früher. Wenn ich über ihn rede, sage ich schmunzelnd Franz zu ihm, ich kaufe bei ihm ein und wir plaudern, wenn er die Zeit dazu findet. Ich bin wie immer neugierig und er erzählt mir, was sich alles verändert hat am Hof, was er noch vorhat. Ein innovativer Geist ist er, schlau, äußerst geschäftstüchtig, aber – wie so oft auf dieser Welt – der neue Bauer Franz ist allein. Keine Frau, keine Eltern mehr, ein Einzelkind. Den Erbhof am Berg hat er verkauft und sich hier unten im Dorf angesiedelt. Keine Liebe also. Du findest einfach keine mehr, die arbeiten will, hat er gesagt. Jeden Tag aufstehen um fünf und zu den Kühen gehen, wer mag das schon. Im Dreck wühlen, harte Arbeit ist das, dazu meldet sich niemand mehr freiwillig. Das hat er noch vor zwei Monaten gedacht, doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Mittlerweile kennt jeder den Bauern Franz in der Gegend. Weil er ins Fernsehen kommen sollte, weil er kurzfristig so verzweifelt war und sich aus einer Laune heraus bereit erklärt hatte, die Meute auf seinen Hof zu lassen. Ich dachte, das wäre eine gute Idee, hat er gesagt. Eine bequeme und unkomplizierte Art, die Frau fürs Leben kennenzulernen. Doch es kam anders. Vor ein paar Tagen hat er mir alles erzählt, nach dem dritten Schnaps ist der Bauer Franz so richtig in Fahrt gekommen. Er hat alles vor mir ausgebreitet, jedes Detail, die Chronik eines Dramas. Der größte Albtraum meines Lebens, hat er gesagt und noch einmal nachgeschenkt. Diese Kuppelshow war es, die das kleine Dorf am Stadtrand eine Woche lang aufrüttelte. Dreharbeiten am Hof vom Bauern Franz, Schaulustige, die hofften, einen Platz am Bildrand zu bekommen. Man war gespannt, wie die Welt des Fernsehens funktioniert, wie die wunderschön operierte Moderatorin in Wirklichkeit aussah, wie es zuging am Set neben Kühen und gackernden Hühnern. Am Anfang war es aufregend, hat der Bauer Franz gesagt, er war genauso neugierig und fasziniert wie alle anderen, er nahm einfach alles hin, duldete es, lehnte sich zurück und schaute zu, wie eine Horde wilder Raubritter auf seinem Hof einfiel und die Kontrolle übernahm. Kameramänner, Lichttechniker, Redakteure und Visagistinnen, und zur anfänglichen Freude des Bauern Franz auch drei Damen, von denen er sich eine hätte aussuchen sollen. Drei Frauen, von denen er dachte, dass sie zu ihm passen könnten, dass sie das Leben am Hof schön finden könnten. Glücklich werden mit einer der drei Heldinnen dieser Fernsehshow davon träumte er kurz. Von der Prinzessin in dreckigen Gummistiefeln. Von der melkenden und schuftenden Frau, die ihn nach einem Zwölf-Stunden-Tag immer noch anlächelte. Von der vollbusigen Schönen, mit der er Pferde stehlen konnte, mit der er im Obstgarten am Boden liegen und Sterne anschauen konnte. Doch nur ein Traum war es, die Wirklichkeit war anders. Ernüchternd, laut, unromantisch. Alles, was passierte, hatte nichts mit Liebe zu tun. Gar nichts. Ein Trottel war ich, hat er gesagt. Dass ich das fast eine ganze Woche lang mitgemacht habe.

Wie am Viehmarkt alles. Sie führten die schönsten Kühe im Kreis, sie putzten sie heraus, er musste nur noch entscheiden, wem er die Zunge in den Hals stecken würde, mit wem er am Heuboden für das Fernsehpublikum den liebestollen Pfau geben sollte. Der einsame, geile Bauer Franz. So wollten die Redakteure ihn haben, er sollte eine Rolle spielen, die Sätze sagen, die sie ihm in den Mund legten. Und die Frauen, sie tanzten, sie balzten, kratzten sich gegenseitig fast die Augen aus. Wie ein Stück Fleisch fühlte er sich, um das sie kämpften. Gierig waren sie, sie wollten einfach nur gewinnen, ihn, den Hof, und am Ende die Show. Theater war es, das er spielen musste, Lüge alles, eine Demütigung für alle Beteiligten. Für jeden weiteren Tag hätte er sich selbst gehasst. Der Bauer Franz beendete die Sache also. Weil es falsch war, dass er sich zum Affen machte. Dass die Frauen so hingestellt wurden. Würdelos war es, das Bild, das von ihnen gezeichnet wurde. Er wünschte sich zwar eine Partnerin, aber nicht so. Nicht um jeden Preis. So wie die mich haben wollten, bin ich nicht. Ich bin zwar Bauer, aber kein Idiot. Und deshalb habe ich sie rausgeworfen. Mit Pauken und Trompeten. Am Abend des fünften Tages beendete er das Drama. Mit seinem Jagdgewehr marschierte er auf und sagte, dass sie verschwinden sollen, die Kameraleute, die Redakteure und die Lichtmacher. Er schoss in die Luft, zerriss den Vertrag, den er unterschrieben hatte, und zielte so lange auf sie, bis sie den letzten Scheinwerfer abmontiert und im Lkw verladen hatten. Den Protest der Fernsehleute ignorierte der Bauer Franz. Eiskalt war er. Du kennst doch bestimmt Charles Bronson, hat er mich gefragt und gegrinst. Der Bauer Franz wollte einfach nur seine Ruhe. Die Einsamkeit tut zwar manchmal weh, hat er gesagt, aber sie ist wenigstens ehrlich. Wie ein Apfel, der am Baum hängt, oder eine Kartoffel unter der Erde, die darauf wartet, dass du sie ans Licht bringst. Schön war es, was er gesagt hat. Geduldig klang es, und irgendwie war er stolz, als er mir das alles erzählte. Er glaubte daran, dass bestimmt alles seinen Sinn hatte, dass es für etwas gut sein würde. Seine Wut, der Vertragsbruch mit dem Fernsehsender, die Entscheidung gegen eine dieser Frauen. Auf der Bank vor seinem Hof sprach er mit mir über die Liebe, darüber, dass man das Glück nicht einfach erzwingen kann, dass es bestimmt auf einen zukommt, wenn es so weit ist. Das Heu werde ich wohl erst morgen einholen, sagte er und schenkte einen weiteren Schnaps aus. Es gibt da einen Lichtblick, sagte er noch. Welchen?, fragte ich. Die Tierärztin, die jetzt schon einige Male hier war, sie hat auch niemanden. Woher er das wisse, fragte ich ihn. Der Bauer Franz grinste über beide Ohren. Sie hat es mir erzählt, als wir vor kurzem drüben im Stall ein Kalb auf die Welt gebracht haben. Eine schöne, gescheite Frau ist das, sagte er. Dann lehnte er sich zurück und schwieg. Es brauchte kein Wort mehr an diesem Tag. Wir saßen einfach nur da und schauten den Hühnern zu, wie sie frei und glücklich im Hof herumrannten.

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Bernhard Aichner lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck. Er schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke, und wurde mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Sein Thriller „Totenfrau“ stand in Öster­reich und Deutschland wochenlang auf den Bestseller­ listen.


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01/15 unserhof  

Magazin für Hofübernehmer im bäuerlichen Familienbetrieb

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