DIE ERNÄHRUNG VOLUME 39 | 03/04 2015

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ZERTIFIZIERUNGSWAHN BEI LEBENSMITTELN Monopolstellung des IFS Food? OBERSTE MAXIME JEDES EINZELNEN UNTERNEHMENS IST ES, SICHERE, LEGALE UND QUALITATIV HOCHWERTIGE UND DEN KONSUMENTENERWARTUNGEN ENTSPRECHENDE LEBENSMITTEL ZU ERZEUGEN. KR DR. PETER SCHNEIDER, AIWS

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ies gilt für Großunter­ nehmen ebenso wie für Klein- und Mittelbetriebe. Dazu werden Qualitätsmanagementsysteme installiert, angewandt und im Sinne eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses weiterentwickelt. Solche Systeme müssen dokumentiert sein und auch gewissen messbaren Standards unterliegen. Diese Standards müssen ihrerseits jedoch auch den Anforderungen der Betriebe je nach Betriebsgröße und Produktionserfordernissen entsprechen. Mittels des Benchmarkverfahrens seitens der GFSI (Global Food Safety Initiative) wurden einige Standards als gleichwertig zugelassen und wären daher von den Erzeugern auch so anwendbar. FSSC22000 als internationaler Standard basierend auf ISO 22000, BRC als Privatstandard des British Retailer Consortium und IFS als privater Standard der IFS Management GmbH, im weitesten Sinne eines Tochterunternehmens des Handelsverbandes Deutschland e.V., seien stellvertretend genannt. Derzeit wird vom LEH und auch seitens der Diskonter der IFS-Standard als einziger Zertifizierungsstandard zugelassen,

wodurch eine Monopolstellung für diesen Standard entsteht. Hierbei ist auch zu hinterfragen, wie hoch das Vertrauen des Handels in diesen Standard und die zertifizierenden Stellen ist, wenn seitens des Handels keineswegs auf zusätzliche Kundenaudits verzichtet wird. Hier wird wohl nach dem Motto: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ vorgegangen. Zusätzlich sei noch angemerkt, dass durch die Abhängigkeit des Normgebers vom LEH und durch die Monopolstellung des IFS gegenüber den Produzenten eine auch kartellrechtlich zu hinterfragende Situation besteht. Zertifizierungssysteme Die Produzenten müssen zukünftig wieder in der Lage sein, jenes Zertifizierungssystem auszuwählen, das ihren Betriebsstrukturen, Produktionsgrößen und Mitarbeiteranzahl entspricht. Dabei ist es klar, dass unabhängig von der Größe der Unternehmung alle erforderlichen legalen und auch für die Lebensmittelsicherheit relevanten Prozesse Berücksichtigung finden müssen. Dazu wurden neuerdings auch zertifizierbare Standards für Klein- und Mittelbetriebe definiert (GFSI Global Market), um diesen die Möglichkeit zu

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geben, mittelfristig einen von GFSI zugelassenen Standard zu implementieren. Dieser Standard wurde von IFS ohne Änderung in einem IFS-Standard abgebildet. Sollte dies auch in Absprache mit GFSI erfolgt sein, so ist diese Umwandlung eines öffentlichen Standards in einen Privatstandard jedenfalls abzulehnen, da dies die Monopolstellung erweitert, da das Ziel IFS Food ist. Dieser wurde bereits bei einem Handelsunternehmen im Anforderungskatalog für Kleinunternehmen aufgenommen. Mehrfachzertifizierungen und Miss­ brauch Es ist derzeit üblich, dass trotz der obligatorisch vorgeschriebenen IFS-Zertifizierung vom Handel weitere Zertifikate verlangt werden (z.B. AMA-Gütesiegel). Zusätzlich dazu werden vom Handel noch eigene Lieferantenaudits durchgeführt, deren Kosten ebenfalls vom Lieferanten zu tragen sind. Allein an der Vielzahl an verschiedenen Gütesiegeln, Umweltkennzeichen (z.B. Pro Planet, MSC, Fairtrade etc.) ist abzulesen, welches Überangebot an Zertifizierungen hier vorliegt. Die Eigenkosten durch Personalbindung für Vorbereitung, Auditzeit und Nacharbeit sind hierbei noch nicht eingerechnet. Dazu


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