DIE ERNÄHRUNG VOLUME 39 | 03/04 2015

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DIE GANZE WELT SCHÄTZT LEBENSMITTEL AUS ÖSTERREICH GEORG MARKUS

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us aller Welt strömen Touristen nach Österreich, um den Stephansdom, Schönbrunn, die Hofburg, den Prater und viele andere Attraktionen zu bewundern. Für ganz andere Attraktionen aus unserem Land muss man nicht einmal herkommen – die kommen zu den Feinschmeckern in aller Welt. Ich spreche, wie unschwer zu erraten, über österreichische Nahrungsund Genussmittel. Spontan fallen mir das Wiener Schnitzel ein und die Sachertorte, Meinl Kaffee, Frankfurter Würstel, Wiener Zucker, Energy Drinks, das österreichische Bier, der Wein und der Schaumwein, die Almdudler Limonade oder die Manner Schnitten – um nur einige wenige Produkte zu nennen, die beinahe den Status österreichischer Wahrzeichen besitzen. Mit vielen der weltweit geschätzten Lebens­mittel aus unserem Land ist die eine oder andere Geschichte oder Anekdote verbunden, die ich Ihnen erzählen möchte. Etwas sehr Österreichisches ist es auch, Jubiläen zu feiern. Diesbezüglich werden wir heuer ganz besonders verwöhnt, wir haben schon gehört, was in diesem Jahr alles gefeiert wird. Ich schiebe alle anderen Jubiläen beiseite und komme vorerst auf die Spanische Hofreitschule zu sprechen. Nicht zuletzt deshalb, weil Kommerzialrat Johann Marihart heuer gleich zwei Jubiläen feiert. Als Präsident des Fachverbands der Lebensmittelindustrie und als Vorstandsmitglied der Spanischen Hofreitschule. Beide Institu-

tionen zählen zu Österreichs Aushängeschildern. Die Spanische Hofreitschule ist 450 Jahre alt und nicht, wie bis vor kurzem angenommen, erst 443 Jahre. Im Österreichischen Staatsarchiv hat man ein Dokument entdeckt – ich habe vor kurzem erst darüber in meiner „Kurier“-Kolumne geschrieben –, demzufolge Kaiser Maximilian II. am 20. September 1565 für einen Betrag von 100 Gulden auf dem Areal des heutigen Josefsplatzes eine Reitbahn errichten ließ. Dieses Datum gilt als erste Erwähnung der späteren Hofreitschule, sie ist also um sieben Jahre älter als bisher vermutet. Dass es die Lipizzaner heute noch als österreichische Institution gibt, grenzt an ein Wunder, wenn man einen Blick auf ihre dramatische Geschichte wirft. Sie wurden drei Mal von Napoleons Truppen von Lipizza nach Ungarn und wieder zurück transferiert. Die edlen Pferde haben einen Großbrand ihres Gestüts im 18. Jahrhundert ebenso überlebt wie die im Ersten Weltkrieg durchgeführte Übersiedlung von Lipizza nach Laxenburg bei Wien und die Neugründung des Gestüts in Piber. Sie wurden 1945 vom legendären Reitschulchef Oberst Podhajsky gemeinsam mit dem amerikanischen General Patton vor dem Bombenhagel, der auf die Wiener Innenstadt niederging, gerettet und nach Oberösterreich gebracht. 1983 wurden 32 Lipizzaner durch eine Seuche hinweggerafft. Auch damals bestand die reale Gefahr, dass alle Tiere verenden würden, was

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das sichere Aus für die Hofreitschule ­bedeutet hätte. Schließlich konnte in der Nacht zum 27. November 1992 beim Brand der Redoutensäle 69 Pferde aus der angrenzenden Stallburg gerettet werden. Man hat sie um drei Uhr früh – zum Teil mit Hilfe von Passanten – in den Volksgarten gebracht. Eine kleine Geschichte zum Ende der Monarchie. Kaiser Franz Joseph hatte die Lipizzaner bereits 1915 von Lipizza nach Laxenburg bringen lassen – damals schon aus Angst vor den Folgen eines möglicherweise verlorenen Krieges. Danach wurde im Friedensvertrag von Saint-Germain festgelegt, dass Italien – wo sich das Gestüt von Lipizza zu dieser Zeit befand – 70 Lipizzaner als Reparationszahlung erhalten sollte. Auch das hätte zum Ende der Spanischen Hofreitschule für Österreich geführt. Österreich übergab die geforderten weißen Hengste an Italien, es waren allerdings zum Teil keine Lipizzaner, sondern einfache Warmblutpferde, die man in Laxenburg weiß angestrichen hatte. Das Fell der Tiere war mit einer Spezialfarbe behandelt worden – auf ähnliche Weise wie Menschen ihre Haare färben. Die Italiener merkten nichts und transportierten ihre Pferde nach Lipizza. Als sie die „Rosstäuschung“ – das Wort ist hier im wahrsten Sinn angebracht – später bemerkten, war ihnen die Angelegenheit so peinlich, dass sie auf einen Tausch gegen echte Lipizzaner verzichteten. Die Aktion war sicher nicht sehr nobel, hat


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