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16 wirtschaft economy

TECHNIK: ­SEGEN ODER FLUCH? OSKAR WAWSCHINEK

S

ind Journalisten wirklich so unabhängig, wie sie es selbst immer behaupten, oder hängen sie vielmehr am Tropf gefinkelter PR-Strategen, die ihnen wohldosierte Informationen liefern und damit die Berichterstattung steuern? Diesen brisanten Fragen ging heuer die Traditionsveranstaltung „Winter­ tagung“ des Ökosozialen Forums im Rahmen des Fachtages Kommunikation auf den Grund. Die Vortragenden beleuchteten das Thema von verschiedenen Seiten – von der Wissenschaft bis zur Politik und vom Wissenschafts-Journalisten bis zum bloggenden Landwirt. Eine Podiums- und Publikumsdiskussion rundeten den Tag ab. Die Basis legte Prof. Stephan RussMohl von der Universita della Svizzera italiana, der sich sehr grundlegend mit Wissenschaftskommunikation in der Aufmerksamkeitsökonomie befasste. Er arbeitete das Spannungsfeld zwischen Kommunikation bzw. PR (Public Relations) auf der einen und Wissenschaftlern auf der anderen Seite heraus. Die Zitate von Helmut F. Spinner zeigen gut die Ausgangslage auf: „Der fi ­ ndige Wissenschaftsjournalist ist weder Kumpan noch Konkurrent des Wissenschaftlers, sondern dessen funktionelles Komplement, das die Informationslage um Beiträge ergänzt, welche die Wissen­ schaft nicht erbringen und die Wissens­ gesellschaft nicht entbehren kann.“ Auch „…  der Wissenschaftsjournalist macht eigenständige Erkenntnisarbeit in problemlösender Absicht“ legt den Journalisten die Erwartungs-Latte hoch. Allerdings bewegen sich diese in einem

„Bermuda-Dreieck“. Auf der einen Seite die Herausforderungen für (Print-) Medien, denen zunehmend Inserate und Leser fehlen, weil der Druck kostenloser Inhalte aus dem Web zunimmt. Zusätzlich sind im Web Veröffentlichungen generell schneller, was enormen Zeitdruck verursacht, unter dem oft die journalistische Qualität (Recherche) leidet. Auf der dritten Seite stehen zunehmend professionalisierte PR-Spezialisten, die „geöffnete Schleusen in die Redaktionen nutzen“ und damit immer öfter der klassischen Werbung den Rang ablaufen. Russ-Mohl postulierte, dass Wissenschaftsjournalismus tendenziell abgelöst wird von Wissenschafts-PR, die sich als Wissenschafts-Kommunikation tarnt. Als Beispiel für diesen „medialen Herdentrieb“ führte er BSE an: Obwohl es keinen direkt nachgewiesenen Todesfall gab, waren höchst reale Auswirkung der Medienberichterstattung zu erleben. Der Rindfleischkonsum ging drastisch zurück. Ein Teil der Gründe ist die Fehl­ einschätzung von Wahrscheinlichkeiten („neglect of probability“). Medien, aber auch PR-Leute und ihre Auftraggeber sowie (Wissenschafts-)Journalisten überschätzen drastisch Risiken, z.B. bei Epidemien wie Vogelgrippe, SARS etc. Der Druck, die „beste“ Schlagzeile zu haben, verleitet zu überzogenen Formulierungen. Gleichzeitig überschätzen (Wissenschafts-)Journalisten ihre Möglichkeiten, mit PR-Zulieferungen angemessen umzugehen – und unterschätzen, wieviel Zeit sie dafür bräuchten. Das führt zum generellen Phänomen der Overconfidence und einer Kontroll­illusion: Nur 25 % der Journalisten empfinden

ERNÄHRUNG | NUTRITION  volume 40 | 02. 2016

die Beziehung zu PR-Leuten als „eng“, knapp 40 % als „vertrauenswürdig“. Das sehen fast doppelt so viele PR-Praktiker umgekehrt. Denn knapp 50 % der PR-Experten glauben (wohl realistischerweise), dass sie einen großen Einfluss auf die journalistische Arbeit haben, während das nur knapp 20 % der Journalisten wahrhaben wollen. Und zuletzt glauben nur knapp ein Drittel der Journalisten, dass ihre Arbeit „viel schwieriger“ wäre ohne PR-Zulieferungen, während eine satte 2/3-Mehrheit der PR-Leute das glauben. Befragt nach der Beeinflussung, antworten 90 % der PR-Leute, sie würden das „mit Argumenten“ schaffen. Aber nur knapp 20  % der Journalisten sehen das so. Immerhin ein Drittel der Journalisten geben vielmehr an, die Beeinflussung erfolge, „indem die PR-Leute Anzeigen schalten“. Dagegen geben das weniger als 20 % der PR-Leute an. Das Web führt zu weiteren Phänomenen, weil es häufig „massive digital misinformation“ bietet. Für den durchschnittlich informierten Medienkonsumenten ist die Unterscheidung zwischen seriösem Bericht und reißerischer Geschichte oder gar „fake“ nur mehr sehr schwer möglich. Das World Economic Forum spricht daher von „Digital wildfires in a hyperconnected world“ als „one of the main risks for modern society.“ Sowohl in den anderen Vorträgen als auch in der Diskussion war zu spüren, dass der klassische Journalist nicht mehr in der bisherigen Form des „Gate-Keepers“ existiert, der aufgrund seiner Expertise und Recherchen den Informationsfluss gezielt steuert.

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DIE ERNÄHRUNG VOLUME 40 | 02. 2016  

Österreichische Zeitschrift für Wissenschaft, Recht, Technik und Wirtschaft

DIE ERNÄHRUNG VOLUME 40 | 02. 2016  

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