DIE ERNÄHRUNG VOLUME 39 | 05. 2015

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NEUE PRODUKTE: LUST UND FRUST? WIE KANN ETWAS LUST UND FRUST ZUGLEICH SEIN? MÜSSTE ES NICHT ­RICHTIGERWEISE LUST ODER FRUST HEISSEN? ARTUR HARTLIEB

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ch sehe zwei Seiten bei der Innovationstätigkeit und sie sind eigentlich immer latent vorhanden. Die Seite der Lust, weil es einfach Spaß macht, kreative Ideen zu entwickeln, vielleicht manchmal auch zu träumen und sich Spinnereien hinzugeben. Viele wünschen sich solche Möglichkeiten zu bekommen oder sogar dafür zuständig zu sein. Die andere Seite, die Innovation auch mit sich bringt, ist einerseits die große Flopgefahr und andererseits ein relativ strenger Prozess, dem sich auch der kreative Teil unterordnen muss. Innovation gilt heutzutage in der Lebens­mittelindustrie und im -gewerbe, neben dem Export, als wichtigster strategischer Erfolgsfaktor, um das Überleben und Wachstum eines Unternehmens zu sichern. Trotz aller professioneller und moderner Methoden ist es uns in den letzten Jahren nicht gelungen, die Flop-Rate deutlich zu senken. Nach wie vor verabschieden sich 70–80% der Neueinführungen am Sektor Lebensmittel bereits im ersten Jahr wieder aus den Regalen.

Der Hauptgrund ist meistens die nicht vorhandene Abstimmung mit den Kundenbedürfnissen. Überlegt man die großen personellen, zeitlichen und finanziellen Aufwendungen, die für Innovationsprojekte eingesetzt werden, zeigt sich ein erhebliches Verbesserungspotential. Vielleicht finden Sie in den folgenden Erkenntnissen und Erfahrungen aus der Praxis einige Anregungen, um gerade Ihre Ressourcen zu optimieren. Wegbereiter aller Maßnahmen: Der ungeliebte Innovationsprozess Wie sieht ein typischer Prozess in ­einem österreichischen Lebensmittelbetrieb aus? Der Mitbewerber hat eine interessante Innovation auf den Markt gebracht und der Chef fragt wieder einmal seine Mitarbeiter: „Warum können wir das nicht?“ Danach erfolgen Schuldzuweisungen, hektische Betriebsamkeit und eine schnell einberufene „Kreativrunde“. Die Teilnehmer versuchen, Ideen, die sie schon seit längerer Zeit nicht durchgebracht haben, ein weiteres Mal

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ins Rennen zu bringen. Umgesetzt wird dann die Produktidee, die die Frau des Chefs kürzlich eingebracht hatte. Alle „müssen“ natürlich davon begeistert sein. Es wird ein Megaflop. Wie könnte man den Prozess also deutlich verbessern? Gerade im Innovationsprozess liegt der Schlüssel für erfolgreiche Innovationsarbeit. Klar, auch der Prozess garantiert keine zündende Idee, aber er ermöglicht das Entstehen. Für den positiven Innovationsprozess gibt es kein Patentrezept. Die Gestaltung des Prozesses hängt entscheidend von der Größe des Unternehmens ab. Aber wie auch immer, entscheidend ist, dass überhaupt ein definierter Prozess vorhanden ist. Auf jeden Fall noch besser, als einfach „ins Blaue zu schießen“. Bevor Sie starten, beachten Sie bitte, dass Innovation einen permanenten Prozess darstellt, der im besten Fall niemals endet. Ich kann Ihnen dafür versprechen, dass das Thema Begeisterung, Feuereifer und Engagement hervorruft, wenn man Innovation als „Lust zur Chance“ und nicht als „Frust wegen ­Gefahren“ sieht.


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