DIE ERNÄHRUNG VOLUME 44 | 04 2020

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ALTE ÄPFEL STATT FRISCHER ERDBEEREN Kommentar SOLLTE DAS VORHABEN, DIE SELBSTVERSORGUNG MIT LEBENSMITTELN ALS STAATSZIEL IN DER BUNDESVERFASSUNG ZU VERANKERN, REALISIERT WERDEN, DROHT EINE MÄNGELORIENTIERTE PLANWIRTSCHAFT. STEFAN BROCZA

B

ereits Mitte Juni präsentierte der NÖ Bauernbund seine neue Kampagne „Für Dich, für Alle, für Österreich“. Ziel der Kampagne ist es, die Bedeutung der Leistungen der heimischen Landwirtschaft in den Vordergrund zu stellen und die Selbstversorgung mit heimischen Lebensmitteln schlussendlich als Staatsziel in der Verfassung zu verankern. Sie soll nun im Herbst fortgesetzt werden. Das grundsätzliche Problem dieses Selbstversorgungsplans, der auch von der Bundesregierung proaktiv unterstützt wird: Österreichs landwirtschaftliche Produktion ist längst in einen hochgradig grenzüberschreitenden Produktionsverbund integriert. Ein Herauslösen und Umschwenken auf eine Art „Sei-dir-selbst-Genug“-Kantönligeist ist faktisch nicht mehr machbar und wäre sowohl ökonomisch wie auch versorgungstechnisch unsinnig. Laut Statistik Austria produzierte die österreichische Landwirtschaft im abgelaufenen Wirtschaftsjahr 2018/19 rund 4,8 Mio. t Getreide, 728.000 t Obst, 634.500 t Gemüse, 697.900 t Kartoffeln, 386.900 t Ölsaaten, 2,15 Mio. t Zuckerrüben und 2,75 Mio. hl Wein. Der Grad der Eigenversorgung erreichte bei Wein 108%, bei Getreide 87%, bei Kartoffeln 83%, bei Obst 59%, bei Gemüse 54%, bei Ölsaaten 48% und bei pflanzlichen Ölen 28%. Beim Lieblingsgemüse der Österreicher liegt die inländische Produktion übrigens bei gerade einmal 20%. Bei Äpfeln bei 88%,

bei Birnen 72% und bei Erdbeeren bei gerade 39%. Nicht viel anders sieht es im tierischen Sektor aus: Im Kalenderjahr 2019 wurden von der heimischen Landwirtschaft an tierischen Produkten 910.300 t Fleisch, 3,82 Mio. t Milch, 2,09 Mrd. Stück Eier und 4.400 t Fisch produziert. Der Inlandsverbrauch betrug 832.600 t Fleisch (93,8 kg pro Kopf), 729.600 t Trinkmilch (82,2 kg pro Kopf), 2,15 Mrd. Stück Eier (242 Stück pro Kopf) und 69.900 t Fisch (7,9 kg pro Kopf). Der Grad der Selbstversorgung erreichte bei Käse (inkl. Schmelzkäse) 113%, bei Fleisch 109%, bei Eiern 86% und bei Butter 69%. Will die Bundesregierung die Ernährung der Österreicher und Österreicherinnen nicht auf Wein, Käse und Fleisch beschränken, müssen wohl oder übel landwirtschaftliche Betriebe dazu gebracht werden, in Hinkunft andere (weniger lukrative) Dinge zu produzieren. Es hat aber einen Grund, warum sich die Produktion in Österreich so entwickelt hat wie sie sich aktuell darstellt: Die jüngste Einkommensanalyse der land- und forstwirtschaftlichen Betriebe zeigt nämlich, dass nur so genannte Veredlungsbetriebe nennenswerte Einkommenszuwächse erzielen können, nämlich immerhin beträchtliche 33,4 Prozent plus im Vergleich zu 2018. Dauerkulturbetriebe hingegen zählen zu den großen Verlierern: minus 35,8 Prozent (im Vergleich zu 2018). Das Einkommen der landwirtschaftliche Gemischtbetriebe (u.a. mit Direktvermarktung, Heuriger, Urlaub

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am Bauernhof) stieg im selben Jahresvergleich im Schnitt um 6,1 Prozent. Warum sollte also jemand seinen eingeschlagenen Weg ändern? Warum sollte ein bis jetzt erfolgreicher Agrarbetrieb seine Produktion umstellen und stattdessen wieder simple Ausgangsproduktion betreiben? Man kann sich nur schwer vorstellen, dass zur Umsetzung des Staatsziels „Selbstversorgung“ etwa Landwirtschaftsministerin Köstinger als quasi-Kolchosenmeisterin durchs Land zieht und entscheidet, welcher Bauer in Zukunft was zum Wohle des Staates zu produzieren hat. Es wäre aber auch mehr als illusorisch zu glauben, dass man mit solch einem verfassungsrechtlich abgesicherten Staatsziel zusätzliche Flächen für eine agrarische Nutzung


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