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INHALT | April 2015

37 | ARCHE Jugend: Junge für Alte

50 | Landfluch(t): Ab in den Westen! 56 | „Das Gleich­gewicht halten“

40 | Waldwirtschaft nach Plan

Impressum HERAUSGEBER Klaus Orthaber EIGENTÜMER UND VERLEGER SPV Printmedien GmbH., F­ lorianigasse 7/14, 1080 Wien CHEFREDAKTEUR Stefan Nimmervoll (nimmer­voll@blickinsland.at) REDAKTION Ing. Bernhard Weber (weber@blickinsland.at) ANZEIGENLEITUNG Prok. Doris Orthaber-Dättel (daettel@blickinsland.at) REDAKTION UND HERSTELLUNG (ANZEIGENANNAHME) Florianigasse 7/14, 1080 Wien. Telefon 01/5812890, Fax 01/5812890-23, E-Mail redaktion@unserhof.at LAYOUT Eva-Christine Mühlberger ­(muehlberger@blickinsland. at), Logoleiste Titelseite: Grafic Design Pucher FIRMEN­ BUCHNUMMER: FN 121 271 S. DVR 286 73 DRUCK ­Leykam Druck GmbH & Co. kg, 7201 Neudörfl, Bick­ ford­str. 21 VERLAGSORT Florianigasse 7/14, 1080 Wien P.b.b., ZUL.-NR. 14Z040154 M. Alle Z ­ uschriften und Chiffre-Briefe an BLICK INS LAND; Florianigasse 7/14, 1080 Wien. Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Unterlagen besteht keine Gewähr auf Veröffentlichung oder Rücksendung. Einzelpreis: € 5,– Jahresabo Inland: € 12,– Jahresabo Ausland: € 18,–

Familie und Betrieb 04 Bruderzwist am Bauernhof 08 Kompromiss versus Konsens 12 „Wenn sich zwei streiten …“ 16 „Schade, dass sich vieles nur um Förderungen dreht“

20 Schutz unserer wertvollen Böden

22 Handlungsbedarf 24 Im EU-Agrar-­Trainingscamp 26 Image durchwegs positiv 28 „Blitzableiter? Damit komme ich zurecht“

46 Albanien: „Hier ist fast alles bio“ Betriebsführung 30 k.u.k.-Flair am Hof 34 Bock auf Ziege! 37 Junge für Alte

40 Waldwirtschaft nach Plan 50 Landfluch(t): Ab in den Westen! 53 Small is beautiful 56 „Das Gleich­gewicht halten“ 60 Dem Nachbarn stinkt’s … 62 Mehr Geld für Hofübernahme Kommunikation 66 Mitten im g­ lobalen Dorf 72 Smart und doch hart im Nehmen

76 Wie viele Apps brauche ich? 91 Brillentausch Landtechnik 80 Spezielles Sensorium für den Ackerbau

84 Überflieger


April 2015 | INHALT

Unternehmertum als Chance

84 | Überflieger

34 | Bock auf Ziege!

92 | Wie werden alle satt?

Agrarkultur 88 „Auseinandersetzung mit

06 Mietvertrag: Prüfe,

92 Wie werden alle satt? 94 Bauer Franz brennt

08 Erwerbsschwelle € 11.000: Kauf

Trends lohnt sich“

unserhof Service-Beilage 01 Betriebskosten fest im Griff haben 04 Betriebsplanung mit Augenmaß

wer sich bindet!

und Verkauf innerhalb der EU

Die Zeiten ändern sich. In kaum einem Wirtschaftsbereich haben sich die Voraussetzungen so stark gewandelt wie in der Landwirtschaft. Nicht nur in der Agrartechnik ist in den vergangenen Jahren kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Was vor einigen Jahren noch ein lebensfähiger Hof war, ist heute oft für den Nebenerwerb zu wenig. Wo ­Dörfer noch vor einer Generation bäuerlich geprägt waren, sind Landwirte heute in der Minderheit. Wo früher langfristige Planungssicherheit herrschte, wirbeln heute die Märkte binnen kürzester Zeit alles durcheinander. War es früher in vielen Bereichen ausreichend, fleißig so zu wirtschaften, wie es auch die Nachbarn tun, braucht es heute mehr als das „Standardprogramm“, um überleben zu können. Das kann man gut finden oder beweinen. In jedem Fall bieten die neu gewonnenen Freiheiten Chancen, seinen Erfolg abseits ausgetretener Wege zu finden. Das K ­ orsett an Möglichkeiten zur Weiter­entwicklung eines Bauernhofes sitzt l­ockerer. Zugleich ist aber das Sicherheitsnetz dünner geworden. Die „geschützte Werkstätte Bauernhof“, in der der Landwirt wie ein Angestellter die Vorgaben von Politik, Molkerei oder Lagerhaus umsetzt, wird schrittweise geöffnet. An ihre Stelle tritt – trotz unzähliger Regelungen – das Unternehmertum, in dem Eigenverantwortung zählt. Wie verschiedene Betriebsführer diese Herausforderung angehen, wollen wir auch diesmal in unserhof aufzeigen.

10 Bestimmungen und Pflichten für Ausländerbeschäftigung

13 Zwei Klicks zum Online-­Antrag 16 Wichtige Adressen für Fragen

Stefan Nimmervoll

der Hofübernahme

sichert Zahlungsfähigkeit

-Partner

Eine Medienkooperation von:


FAMILIE UND BETRIEB

Bruderzwist Nicht immer findet sich für jeden Betrieb ein geeigneter Nachfolger. Jungen Leuten ist der Beruf des Bauern immer öfter zu mühsam und sie suchen anderweitig die berufliche Heraus­ forderung. Manchmal ist es aber auch so, dass mehrere Geschwister Interesse an der Fortführung des Hofes haben. Das kann gut gehen. Oder auch nicht. Von Annette Weber

Weiterführende Links: www. hofkonflikt.at

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er Oberösterreicher Josef S. lebt auf einem kleinen Elf-Hektar-Betrieb. Er möchte nicht, dass sein kompletter Name erscheint, zu groß ist die Angst, dass das „Darüberreden“ schlecht aufgenommen wird und alte Wunden wieder aufreißen. Josef S. redet seit drei Jahren nichts mehr mit

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seinem Bruder und mit seinen Eltern. Der Kontakt ist komplett abgebrochen. Der Grund ist die missglückte Hofübergabe. Sowohl der heute 31-­Jäh­rige als auch sein Bruder zeigten schon sehr früh Interesse am Hof der Eltern mit Ackerbau und Schweine­ haltung. Sein Bruder Thomas hat letztendlich das Rennen gemacht und führt den Betrieb. Und das mit Erfolg.

Warum genau Thomas den Betrieb bekommen hat, ist Josef S. nicht klar. Denn Thomas ist der Jüngere der beiden. Zum endgültigen Bruch kam es, als Josef S. Anspruch auf sein Erbe erhob. In Summe wollte er genau das Gleiche bekommen wie sein Bruder, der Hofübernehmer, was jedoch faktisch unmöglich war. Die ihm überschrieunserhof 2/2015


am Bauernhof benen Grundstücke stellten ihn nicht zufrieden. Heute bewirtschaftet er mit seiner Frau selbst einen Betrieb, den sie – ein Einzelkind – von ihren Eltern vererbt bekommen hat. Der Bauernhof des Bruders liegt nur knapp neun Kilometer entfernt. „Natürlich schmerzt es manchmal, vor allem wenn wir uns treffen und uns verhalten, als würden wir uns nicht kennen“, erzählt Josef S. mit zittriger Stimme. Josef S. ist kein Einzelfall. Nicht selten kommt es im Zuge der Hofübergabe zu Problemen und Streitigkeiten mit den Eltern und Geschwistern. Im Internet finden sich unzählige Foren, die sich genau mit diesem Thema beschäftigen. Auch wenn nur ein Kind den Hof übernimmt, kann es zu Reibereien mit den verbleibenden

Geschwistern kommen, die am Hof aufgewachsen sind und noch immer dort wohnen. „Ich komm mir vor, als soll ich für alles zahlen und immer kräftig arbeiten, mich aber abends in mein Zimmer verkriechen. Mein eigener Bruder sagte mir, er hasst mich und dass ich noch an meinem Geld ersticken werde. Nur weil ich mal gesagt habe, ich möchte nicht mehr, dass er ständig bei mir hockt und noch am Hof wohnt“, klagt eine junge Hofübernehmerin aus Bayern ihr Leid in einem Forum und bittet Leidensgenossen um Rat. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten und ist auch nicht gerade zimperlich: „Schmeiß den Kuckuck aus dem Nest. Der soll sich gefälligst eine andere Wohnung suchen. Und aus, basta!“

Im Jahr 2013 gab es laut Statistik Austria mehr als 166.000 land- und forstwirtschaftliche Betriebe in Österreich. Fast alle sind Familienunternehmen und werden traditionell an die nächste Generation weitergegeben. Aber gerade das enge Miteinander von Beruf und Familie birgt dabei immer wieder Zündstoff. Schließlich müssen Fragen geklärt werden, die das Leben aller engen Familienangehörigen beeinflussen. Welches Kind erbt den Hof? Was passiert mit den Eltern? Und was steht eigentlich den anderen Geschwistern zu? „Hofübergaben sind immer ein sehr emotionales Thema“, weiß Margit Ehardt-Schmiederer. Die Mediatorin, die selbst ein Landwirtschaftsstudium absolviert hat, hat schon mehrere Hof-

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Foto: © rangizzz

FAMILIE UND BETRIEB


FAMILIE UND BETRIEB

Nadine, Helga und Kerstin Schüller: „Wir ziehen an einem Strang.“

übergaben betreut. „Die Hofübergabe ist meist deshalb so schwierig, weil zwei Systeme – Familie und B ­ etrieb – aufeinandertreffen“, weiß die Expertin. Mit Kommunikation könne man aber viel erreichen. Wenn man bedenkt, dass viele Bauernfamilien ohne Nachfolger dastehen, wären F­ amilien, die mehrere potentielle Erben haben, eigentlich in einer glücklichen Lage. Wichtig dabei sei aber ein Kompromiss, der alle Beteiligten zufrieden stellt. Erst kürzlich hat sie eine Familie mit drei Kindern betreut. Schon sehr früh hatten die Eltern den Hof in drei Betriebszweige geteilt, so dass am Ende jedes Kind einen eigenen Betrieb übernehmen konnte. Was die Probleme mit weichenden Erben betrifft, so geht es laut Ehardt-Schmiederer oft weniger ums Geld, sondern mehr um Anerkennung und Wertschätzung: „Wenn man auf die weichenden Erben vergisst und versucht, sie einfach abzuspeisen, entsteht natürlich ein Konflikt.“ Wichtig sei daher, auch die Geschwister der Hof­übernehmer in die Abwicklung der Hofübergabe einzubinden und deren Wünsche und Bedürfnisse zu berücksichtigen. „Ich kenne Familien, die einem Kind den Hof übergeben

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haben und etwa der Tochter im Gegenzug ein Studium ermöglichten“, erzählt die Mediatorin aus ihrer Praxis, „wenn sich diese Familien in einer Mediation intensiv mit dem Thema Hofübergabe auseinandersetzen, wird den weichenden Erben bewusst, dass die Übernehmer zwar den Hof und damit den Großteil der materielle Dinge erben, dass mit der Übernahme aber auch Arbeit und Verantwortung verbunden sind.“ Rechtlich gesehen besteht zu Lebzeiten der Eltern für die weichenden Erben kein Rechtsanspruch auf Auszahlung des Pflichtteils. Nach dem Tod des Übergebers können die Pflichtteilsberechtigten aber binnen drei Jahren ihren Pflichtteil vom übergebenden Betrieb fordern. Schon allein aus diesem Grund sollte man die Geschwister des Hofübernehmers bei der Übergabe einbinden, rät auch die Landwirtschaftskammer. Dass es auch anders gehen kann, beweisen die zwei Schwestern Kerstin und Nadine Schüller, 31 und 24 Jahre alt. Kerstin, die ein Wirtschaftsstudium an der WU absolviert hat, ist nach dem unerwarteten Tod des Vaters im Jahr 2010 in den Betrieb eingestiegen. Auch

die jüngere Nadine zeigte kurz darauf Interesse, in den Betrieb einzusteigen. Heute führen beide gemeinsam mit der Mutter Helga den Wein- und Ackerbaubetrieb in Pillersdorf im Weinviertel. Auch Kerstin Schüller sieht in der Kommunikation den wesentlichen Schlüssel zum Erfolg: „Eines der wichtigsten Dinge ist das Miteinander-Reden. Man muss offen auch schwierige Dinge ansprechen können, selbst wenn es unangenehm ist.“ Bei den Schüllers hat jede der drei Frauen ihren eigenen Arbeitsbereich. „Das ist sicher von Vorteil“, ist Kerstin Schüller überzeugt. Während sie sich um die gesamte Produktion kümmert, ist ihre Schwester Nadine vor allem für Büround Marketingagenden verantwortlich. Mama Helga ist in erster Linie mit den Kundenkontakten beschäftigt. Bei der Arbeit im Weingarten helfen alle zusammen. „Natürlich gibt es auch bei uns ab und zu Reibereien, das ist natürlich und menschlich“, sagt Kerstin, „aber sobald man sich seiner eigenen Schwächen und Stärken bewusst wird und sein eigenes Tun reflektiert, landet man schnell wieder auf dem B ­ oden der Tatsachen. Schließlich ziehen wir alle an einem Strang.“ unserhof 2/2015


Richtig gute Arbeit. Traktoren von CLAAS.

Name

Stefan Naef

Geodaten

47°16.202 09°09.663

Land

Schweiz

Betrieb

34 ha Grünland 20 Milchkühe

Grüezi aus der Schweiz. Wir sind mit 20 Milchkühen ein Großbetrieb. Neugierig? Besuchen Sie uns: traktor.claas.com


Konflikte lösen wie Anna am Rabl-Hof: Anna ist Bäuerin auf dem Rabl-Hof, den sie und ihr Mann Hans vor einem Jahr übernommen haben. Neben Anna und Hans und ihren zwei Kindern, 8 und 12 Jahre alt, leben auch ihre Schwiegereltern auf dem Hof. Seit der Hofübernahme sind die Konflikte mit diesen noch größer geworden. Von Eduard Ulreich

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nna glaubt, dass sie es den Schwiegereltern nicht recht machen kann. Seit sie vor 15 Jahren nach der Hochzeit mit Hans auf den Hof gezogen ist, gab es im Zusammenleben mit den Schwiegereltern immer wieder Konflikte. Seit sie selbst die Bäuerin ist, hat sich die Situation verschärft.

Unterschiedliche Ansprüche Anna bemüht sich, ihre Arbeit am Hof und im Haushalt gut zu machen. Sie achtet auch sehr darauf, dass sie und ihre

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Familie Zeit zum Ausspannen finden. Die Schwiegereltern dagegen können nicht so leicht loslassen. Sie wollen nach wie vor „gebraucht werden“ und reden bei betrieblichen Angelegenheiten mit, mischen sich aber auch bei familiären Problemen ein. Sie wollen, dass im Betrieb gut gewirtschaftet wird, und sie wollen stolz sein können auf ihren Sohn und auf ihren Betrieb, den sie ja über Jahrzehnte aufgebaut haben. Die Alten verlangen jetzt noch mehr als früher: Dass Anna immer zur Verfügung steht, dass sie den Haushalt führt, den Garten pflegt, vor allem

im Sommer die Urlaub-am-Bauernhof-Gäste betreut, wenn Arbeitsspitzen anstehen, am Feld oder im Stall mithilft, zudem die eigene Familie nicht vernachlässigt und auch die Hof­ übergeber mitversorgt. Sie meinen, eine Bäuerin habe das alles ohne Murren zu tun. Ihnen sei im Leben auch „nichts geschenkt worden“, auch sie haben stets hart arbeiten müssen. Klar will Anna auch, dass der Rabl-Hof wirtschaftlich gut dasteht. Ihr ist aber auch die Lebensqualität am Hof wichtig. Sie will Eigenständigkeit, Selbstunserhof 2/2015

Foto: © Photocreo Bednarek

Kompromiss versus Konsens


FAMILIE UND BETRIEB

Voraussetzung zur Konfliktlösung: bestimmung und sich auch einmal ausruhen können. Sie will auch für sich sorgen, dann und wann mit ihrer Familie einen kurzen Urlaub machen.

Konflikt der Generationen Unterschiedliche Interessen und auch die subjektive Wahrnehmung der Situation am Bauernhof führen zu ständigen Auseinandersetzungen. War am Anfang noch von beiden Seiten ein guter Wille zu erkennen, so hat sich der Konflikt mittlerweile jedoch soweit entwickelt, dass beide Seiten vom jeweils anderen nur noch das Negative wahrnehmen und über fehlendes Einfühlungsvermögen und generelles Unverständnis klagen. Vorwürfe sind an der Tagesordnung. Auch Annas Mann und die Kinder sind längst in den Konflikt involviert und stehen zwischen Großeltern und Eltern. Anna und ihre Schwiegerleute reden kaum noch ein Wort mitei­ nander. Nach der jüngsten heftigen Aus­einandersetzung hat Anna den Kindern den Aufenthalt im Ausgedinge der Großeltern verboten. Seither ist auch die Beziehung zu ihrem Mann massiv belastet. In Gesprächen mit Freunden beklagt jeder sein Leid und erzählt, „wie unmöglich sich der jeweils andere verhält“. Was ist am Rabl-Hof geschehen? Wie wird sich dieser Konflikt entwickeln, wenn nicht Lösungen gesucht ­werden? Und welche Möglichkeiten einer Konfliktregelungen sind überhaupt denkbar? Am Rabl-Hof haben sowohl Anna wie auch deren Schwiegereltern unterschiedliche Bedürfnisse, Lebensvorstellungen und Ziele. Sie greifen auf andere prägende Erfahrungen zurück. Das Zusammenleben wird besonders dann auf eine harte Probe gestellt, wenn der Ehepartner oder die Ehepartnerin in eine Familie kommt, in der oft völlig andere Werte und Verhaltensweisen gelten, als sie es von der Herkunftsfamilie gewohnt sind.

Rollen und Aufgaben Wie Menschen auf einem Bauernhof zusammenleben, ist stark davon

Sich gegenseitig wertschätzen Trotz oft großer Unterschiede ist es notwendig, auf gegenseitige Wertschätzung und Akzeptanz zu achten. Ich kann nicht jeden lieben, aber ich kann versuchen, den anderen trotz der Unterschiedlichkeit zu achten und wertschätzend mit ihm umzugehen.

Positive Absichten erkennen Jeder Mensch will mit dem, was er tut, für sich etwas Positives erreichen. Das kann für den Konfliktpartner durchaus nicht angenehm oder sogar verletzend und schmerzlich sein. Für jeden aber ist das, was er tut, notwendig. Man hofft, damit seine Ziele zu erreichen. Daher ist es wichtig, sich in den Konfliktpartner einzufühlen und nachzuempfinden, worum es ihm wirklich geht. Wenn sich (Schwieger-)Eltern in betriebliche Abläufe und auch in die Kindererziehung einmischen, dann geht es ihnen nicht unbedingt darum, zu beweisen, dass sie alles besser wissen und erfahrener sind. Es ist zugleich der Hinweis, dass sie auch ihre Erfahrungen einbringen und wertgeschätzt werden wollen, dass sie beachtet werden wollen, dass sie „nicht zum alten Eisen“ gehören wollen. Eine Konfliktlösung kann gelingen, wenn man auf diese Hintergrundabsichten eingeht und darauf Gespräche und Handlungen aufbaut. Nicht das, was vordergründig gesagt wird, ist das Wesentliche, sondern das, was im Hintergrund mitschwingt, gehört beachtet. Bevor Konfliktpartner gegenseitig nicht erkennen, welche positiven Absichten jeder für sich hat, ist keine dauerhafte Konfliktregelung möglich.

Zustimmung sammeln Die meisten Menschen neigen dazu, wenn jemand mit ihnen schimpft, sie mit Vorwürfen konfrontiert werden oder im schlimmsten Fall angesichts von Drohungen oder gar Handgreiflichkeiten, sofort in die Verteidigung oder in den Gegenangriff zu gehen. Hilfreicher dagegen ist, auf die Beziehungsebene einzugehen. Besser ist, nicht sofort alles erklären zu wollen und sachliche Entschuldigungen zu finden, sondern trotz gestörter Beziehung auf den anderen einzugehen und nachzuempfinden, wie es ihm jetzt ergeht. Sprechen Sie seine Gefühle an und wiederholen Sie mit eigenen Worten sein Anliegen. Damit spiegeln Sie den Konfliktpartner. Es gibt hier ein Zauberwort, an dem man erkennen kann, wie sehr man die Situation und das Anliegen des Konfliktpartners erfasst hat: das Wörtchen „Ja“. Sprechen Sie so, dass Ihr Gegenüber so oft wie nur möglich folgenderweise antworten kann: Ja, Ja, so ist es, Ja, das meine ich, Ja, so geht es mir, Ja, das möchte ich … . Je mehr Jas man bekommt, umso stärker ist man beim anderen und umso mehr zeigt man durch sein Verhalten, dass man diesen versteht. Die Beziehung wird sich verbessern, und wenn die heiße Phase des Konfliktes vorbei ist, kann man mit sachlichen Argumenten unterschiedliche Absichten und Meinungen diskutieren und eine gute Lösung finden.

Gewaltfrei reden „Gewaltfreie Kommunikation“ ist eine der hilfreichsten Methoden im Umgang mit Konflikten. Man richtet dabei die Aufmerksamkeit auf vier Bereiche und hilft dem Konfliktpartner, das Gleiche zu tun: Zuerst beobachten, was tatsächlich geschieht, und das ohne Bewertung und Beurteilung mitteilen. Dann Aussprechen von Gefühlen, die man in der Situation erlebt. Im nächsten Schritt geht es darum, die Bedürfnisse zu nennen, die hinter den Gefühlen stehen. Und zum Schluss sagt jeder klar und eindeutig, was er will.

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FAMILIE UND BETRIEB

Eduard Ulreich ist Sozial­ pädagoge, Unternehmensberater, Lebens- und Sozial­ berater. Er lebt in Graz. Internet: www.ulreich. info

bestimmt, welche Positionen, Rollen und Aufgaben sie in ihrem Familienbetrieb erfüllen wollen und müssen. Jedes Familienmitglied möchte entsprechend seiner individuellen Anlagen persönliche Wünsche verwirklichen und die eigenen Ziele erreichen. Eigenständigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung sind mit den Bedürfnissen der anderen Familienmitglieder und mit den wirtschaftlichen Erfordernissen des Betriebes in Einklang zu bringen. Dass dabei Konflikte entstehen, ist verständlich: Unterschiedliche Einstellungen, Meinungen und Handlungen prallen auch anderswo aufeinander, wollen beachtet und im Sinne eines friedlichen Zusammenlebens geregelt werden. Konflikte am Bauernhof sind daher nichts Ungewöhnliches, sondern sie sind üblich und immer zu erwarten, besonders dort, wo starke Persönlichkeiten am Hof leben.

zwar nicht rückhaltlos befriedigt, aber mit dem man doch leben kann. Der Nachteil ist, dass immer ein klein wenig Unzufriedenheit bleibt, quasi das „Samenkorn“ für den nächsten Konflikt.

Wenn Anna und ihre Familie in diesem Konflikt nichts für die Konfliktregelung tun oder ungenügend vorgehen, wird dieser aber immer größer, tiefer und intensiver. Jedes Zuwarten kann fatal enden. Sobald Konflikte erkannt werden, ist es daher ratsam, nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern sich sogleich um eine Konfliktregelung zu bemühen.

Konflikte lassen sich dauerhaft nur durch Verbesserung der Beziehungen lösen. Alles andere ist kurzlebig und eine Scheinlösung. Wenn auch die räumlichen und strukturellen Gegebenheiten das gute Zusammenleben unterstützen – gemeint sind getrennte Wohneinheiten, aber gemeinsam genützte Räume, dazu klare Absprachen und Zuständigkeiten –, so sind es doch immer wieder die Menschen, die das Zusammenleben gestalten.

Im konkreten Fall von Anna und ihrem schwelenden Streit mit den Eltern von Hans geht es längst darum, den anderen mit voller Absicht zu schädigen. Nicht mehr das Wort allein ist das wichtigste Mittel der Auseinandersetzung. Zur Reizbarkeit und spontanen Ausbrüchen kommen Taten, in denen die Schädigungsabsicht im Vordergrund steht: Zimmer werden zugesperrt, der Zugang zu Garten, Küche oder Wohnzimmer wird unterbunden, der Umgang mit den Kindern wird verboten. Spätestens jetzt sollte Hilfe von außen in Anspruch genommen werden.

Kompromiss vs. Konsens Anna und alle Familienmitglieder könnten mit Unterstützung und Beratung die häufigste Form der Konfliktlösung anstreben, den Kompromiss. Konkret heißt das: Ein jeder gibt ein wenig nach. Es gibt ein Ergebnis, das

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Mit den wenigen grundlegenden Einstellungen lernen sie rücksichtsvoll miteinander umzugehen, verbessern ihre Beziehungen und schaffen so die Basis für gutes Zusammenleben.

Oder alle bemühen sich um die reifste Konfliktlösung, den Konsens. Die Lösung wird nach eingehender Auseinandersetzung erreicht, mit der dann alle – Anna, ihr Mann, die Kinder und die Schwiegereltern – zufrieden sind. Oft ist das Ergebnis etwas ganz Neues, etwas, das zuvor noch nicht bedacht worden ist. Hier entsteht die größte Zufriedenheit und es ist die beste Basis für zukünftiges Zusammenleben. Die Familie am Rabl-Hof hat dann ihre Konflikte erfolgreich bewältigt, wenn alle mit sich und ihrer Umwelt so ins Reine gekommen sind, dass sie wissen, woran sie sind und zukunftsgerichtet handeln können

Am Rabl-Hof könnte eine erfolgreiche Konfliktlösung unter Berücksichtigung der wichtigsten Voraussetzungen ­(siehe Infokasten, Seite 9) und mit gewaltfreier Kommunikation gut über die Bühne gehen. : Gewaltfreie Kommunikation beachtet stets, was man beobachtet, wie man sich dabei fühlt, was man braucht und was man will. Zugleich beachtet man auch beim Konfliktpartner diese vier Bereiche: Was er macht, was er fühlt, was er braucht und was er will! Und das ist enorm hilfreich bei sämtlichen alltäglichen Konflikten, nicht nur am Bauernhof, sondern in der Berufs- und Arbeitswelt. Anna, ihr Mann, die Kinder und die Schwiegereltern können diese Prinzipien zu ihrer Grundhaltung machen. unserhof 2/2015


FAMILIE UND BETRIEB

Anna (schildert ihre konkrete Beobachtung – ohne Bewertung, ohne Verurteilung): Ich habe gesehen, dass meine Kinder sofort nach der Schule zu euch in eure Wohnung gegangen sind. Als sie nach einer Stunde zu mir gekommen sind, sagten sie mir, dass sie bei euch schon zu Mittag gegessen haben.

Die Schwiegereltern (schildern Ihre konkreten Beobachtungen): Ja, die beiden Kinder kommen sofort nach der Schule zu uns. Wir haben schon bemerkt, dass dir das nicht gefällt. Aber wir sehen auch, dass du um diese Zeit viel zu tun hast, und im Garten, in den Gästezimmern oder im Haushalt beschäftigt bist.

Illustrationen: © PictureP., Eva Mühlberger

Die Schwiegereltern (nennen ihr Bedürfnis und sagen, warum sie das Gefühl hatten): Wir wollen oft mit den Kindern beisammen sein, sie mögen uns und wir sie. Sie heitern unseren Alltag auf. Wir verstehen aber nicht, warum du sie nicht zu uns lässt.

Anna (spricht eine klare Bitte aus): Wenn sie wieder einmal zuerst zu euch kommen, schickt sie bitte als erstes zu mir.

Anna (sagt, wie sie sich gefühlt hat): Ich bin enttäuscht und ärgere mich.

Die Schwiegereltern (sagen, wie sie sich fühlen): Wir freuen uns, dass die Kinder zu uns kommen und sind zugleich auch verärgert, wenn du das unterbinden willst.

Anna (nennt ihr Bedürfnis und sagt, warum sie das Gefühl hat): Ich will, dass unsere Kinder, wenn sie von der Schule nach Hause kommen, zuerst zu mir ins Haus gehen, weil ich mit ihnen absprechen möchte, ob sie bei euch oder bei mir Mittagessen und was wir am Nachmittag vorhaben.

Die Schwiegereltern (sprechen eine klare Bitte aus): Bitte reden wir darüber. Wir wollen, dass wir, du und die Kinder, gut miteinander zusammenleben.

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„Wenn sich zwei streiten …“ Was tun gegen aufkeimende Hofkonflikte? MARGIT EHARDT-SCHMIEDERER über Mediation im Agrarbereich.

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FAMILIE UND BETRIEB

Foto: © photocrew

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ieder einmal ist dicke Luft am Bauernhof. „Das wird schon wieder! Einige Tage werden sie – der Ehemann und sein Sohn – wohl wieder einmal nicht miteinander reden. Und dann wird eh‘ wieder alles weitergehen wie bisher“, denkt die Altbäuerin und seufzt. Aber stimmt die Einschätzung der Mutter und Ehefrau auch? Vordergründig wird das Tagesgeschäft erledigt werden, der Betrieb wird weiter funktionieren, die notwendigen Arbeiten werden gemacht werden – zumindest vorerst. Aber wie schaut es in einigen Jahren aus? Was wird aus den vielen kleinen Rissen, den vielen zermürbenden Anklagen und dem gegenseitigen „Nichtzutrauen und Nichtvertrauen“ entstehen? Was wird sein, wenn die Alten nicht mehr „können, wie sie wollen“? Und wenn die Jungen nicht mehr so „wollen, wie sie sollen“? Was, wenn sich beide Seiten einmal wirklich streiten? Und wer sind dann die Dritten, die sich vielleicht freuen? Der Bauernhof ist die Einnahmequelle, der Arbeitsplatz und zudem oft der gemeinsame Wohnbereich mehrerer Generationen. Das Arbeiten auf engem Raum, in einem so dicht verwobenen Geflecht, bedeutet gemeinsames Gestalten, gegenseitiges Vertrauen, Respektieren und Wertschätzen, ist aber auch Quelle für Konflikte und Missverständnisse, die sich naturgemäß aus dem engen Zusammenleben und Zusammenarbeiten ergeben. In bäuerlichen Familienunternehmen kann Mediation in unterschiedlichen Varianten als Konfliktlösungsinstrument eingesetzt werden: Bei einer Hofübergabe wird eine Kombination aus Familien- und Wirtschaftsmediation sinnvoll sein; bei Unstimmigkeiten in Gemeinschaftsprojekten, wie Hof- und Betriebskooperationen, bei Nutzungsänderungen durch Umwidmungen, bei Grenzstreitigkeiten und bei Problemen mit Lieferanten oder Mitarbeitern wird Wirtschaftsmediation hilfreich sein, bei reinen Partnerschafts- und Familienkonflikten wird wohl eher Familienmediaton eingesetzt werden. Mediation ist ein unbürokratisches und effizientes Verfahren zur Regelung von Unstimmigkeiten und Konflikten. Mediation beginnt – theoretisch – mit

einem Konflikt und hat zum Ziel, eine rechtlich verbindliche Vereinbarung zu erreichen. Meist geht es bei Konfliktgesprächen um das Durchsetzen von Forderungen, Positionen und Interessen. Manchmal – und dies relativ häufig in bäuerlichen Familienbetrieben – wirkt sich aber das Fehlen von „Ansprüchen“ oder „die Angst, Forderungen auszusprechen“, recht problematisch aus. Auch in solchen Fällen hat sich gezielte Mediation bewährt. Gerade so sensible Themen wie die Hofübergabe bzw. generell die Betriebsnachfolge in Familienunternehmen werden sehr oft von „vom Schweigen geprägten Konflikten“ begleitet. Mediation kann dazu beitragen, diese „stillen Auseinandersetzungen“ eigenverantwortlich zu lösen. Die Übergeber, in der Regel die Eltern oder Schwiegereltern, und die Übernehmer, in den meisten Fällen die Kinder oder Schwiegerkinder, aber auch weichende Erben können mit Unterstützung von Mediation gemeinsam eine für alle Beteiligten befriedigende Lösung finden. Mediatoren und Mediatorinnen leiten und führen durch dieses außergerichtliche Konfliktlösungsverfahren. Sie achten auf einen fairen Umgang miteinander, sind geschulte und neutrale Dritte und helfen bei der Entwicklung von tragfähigen, nachhaltigen und vor allem selbstbestimmten Lösungen. Sie begleiten den Prozess, greifen jedoch inhaltlich nicht als ­Berater in das Geschehen ein und halten eigene Ideen und Überlegungen für eine Lösungsfindung zurück. Eine gute Mediation schafft den Rahmen, damit Konfliktparteien gemeinsam und eigenverantwortlich Lösungen finden, welche von allen Beteiligten als solche angenommen werden können. Dabei ist es wichtig, einzelne Schritte klar festzuhalten, Vereinbarungen zu treffen und darauf zu achten, dass diese auch eingehalten werden. Mehr zum Thema sowie Ansprechpersonen findet man im Internet unter ­hofkonflikt.at, einem Netzwerk von anerkannten, im Justizministerium eingetragenen und im landwirtschaftlichen Bereich spezialisierten Mediatorinnen und Mediatoren. Übrigens: Ein erfreulicher Nebeneffekt einer Mediation kann sein, dass „wenn sich zwei streiten … am Ende beide freuen“!

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DI Margit Ehardt-­ Schmiederer ist Mediatorin und Coach. Internet: www. mediation-­ unternehmen. at


M-Rind für Big Mac & Co Etwa 11.000 Rinderhalter aus ganz Österreich nehmen bereits am „M-Rind-Programm“ teil. Neben dem Mehrerlös von bis zu 100 Euro je Schlachtkuh garantiert es den Landwirten mit McDonald’s Österreich einen gesicherten Abnehmer für ihr Fleisch.

Internet: www.mrind.at

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Auch das Fleisch der Rinder der Familie Kogler wird zu Burgern von McDonald’s Österreich verarbeitet. Der oberösterreichische Familienbetrieb erhält damit deutlich mehr Ertrag für sein Qualitätsfleisch. M-Rinder werden in neun österreichischen, zertifizierten Betrieben geschlachtet, um die Transportwege zwischen Hof und Schlachter möglichst stressfrei und kurz zu halten. Anschließend verarbeitet OSI Food Solutions in Enns in Oberösterreich das Rindfleisch. Die gesamte Wertschöpfungskette ist dabei in die Qualitätssicherung eingebunden. „Wir produzieren in Enns an die 10.000 Tonnen Rindfleisch“, erläutert Andreas Pöchlinger von OSI Food Solution. Etwa 6.000 Tonnen landen in heimischen Restaurants, der Rest wird wie erwähnt an die Filialen in Osteuropa exportiert. „Für Österreichs Landwirtschaft ist es eine Riesenchance“, so Pöchlinger.

Die ARGE Rind koordiniert das M-Rind-Programm. Geschäftsführer Rudolf Rogl über die Vorteile für M-Rind-Bauern: „McDonald’s Öster­ reich bekennt sich zu regionaler Rindfleisch-Qualität für Big Mac & Co. In starker Partnerschaft mit den heimischen Rinderbauern setzt das Programm Qualitätsstandards und sichert die Vermarktung für Qualitätsrindfleisch in Österreich.“ unserhof unserhof 2/2015

Entgeltliche Einschaltung; Fotos: © McDonald’s

McDonald’s Österreich betreibt 195 Restaurants und beschäftigt 9.500 Mitarbeiter. 2014 erwirtschaftete man mit 158 Millionen Gästen einen Umsatz von 562 Millionen Euro.

ür die Erfüllung klarer Qualitätskriterien bekommen Betriebe, die ihr Qualitäts-Rindfleisch für die McDonald’s Burger produzieren, Zuschläge von bis zu 20 Cent pro Kilogramm Rindfleisch. In Summe bedeutet das einen deutlichen Mehrerlös von bis zu 100 Euro je Schlachtkuh. „McDonald’s Österreich setzt auf starke Partner unter den heimischen Landwirten. Für unsere Burger wie den beliebten Big Mac oder den klassischen Cheeseburger gilt ausschließlich: 100 Prozent heimische Rindfleisch-Qualität“, erklärt Andreas Schmidlechner, Managing Director von McDonald’s Österreich. Auch bei Milch, Eiern oder Erdäpfeln bezieht das internationale Systemgastronomie-Unternehmen seine Zutaten von rund 40.000 Betrieben in ganz Österreich. Sie produzieren nicht nur für die beinahe 200 Restaurants zwischen Bodensee und Neusiedlersee. So

wird das Rindfleisch auch in mehrere EU-Länder exportiert und kommt dort in McDonald’s Restaurants aufs Tablett. „Wir sind mit 150 Millionen Euro Absatzvolumen der größte Gas­ tronomie-Partner der österreichischen Landwirtschaft“, so Schmidlechner. Das Qualitätssicherungsprogramm „M-Rind“ läuft seit mittlerweile elf Jahren erfolgreich dank einer Kooperation von McDonald’s Österreich mit der ARGE Rind und OSI Food Solutions. Die Vermarktung der M-Rinder sowie die Ausbezahlung der Zuschläge erfolgt über die Erzeugergemeinschaften. Schmidlechner: „Interessierte können sich jederzeit direkt bei den regionalen Erzeugergemeinschaften der ARGE Rind oder den LKV-Kontrollassistenten melden.“ Wie aber wird man eigentlich M-Rind-Bauer? Voraussetzungen dafür sind die Mitgliedschaft beim Tiergesundheitsdienst und die Vermarktung über die Erzeugergemeinschaft der ARGE Rind. Alle Rinder müssen österreichischer Herkunft sein, also geboren und gehalten in Österreich, das Mindestalter der Tiere beträgt 24 Monate. Auch ein Mindestschlachtgewicht gilt es zu beachten, 235,2 kg kalt, es darf sich um keine Notschlachtungen handeln, auch sonstige Beanstandungen sind nicht erlaubt. Generell gilt die Erfüllung der Cross-­ Compliance-Regeln. Der Zuschlag dafür beträgt 6 Cent/kg. Einen Zuschlag von 15 Cent/kg gibt es für „M-Rind+“ für zertifiziertes Fütterungsmanagement basierend auf diversen GVO-freien Fütterungsprojekten der Molkereien; 20 Cent/kg Zuschlag wird für „M-Rind++“ bezahlt, für Betriebe, die ein auszeichnungsfähiges zertifiziertes Fütterungsmanagement betreiben (auslobungsfähige GVO-freie Fütterung laut Kontrollstelle). Die Anmeldung ist jederzeit möglich.


Mmmh!ehrerlöse als M-Rind-Bauer Franz Heissenberger ist einer von 11.000 österreichischen Landwirten, die Qualitäts-Rindfleisch für die McDonald’s Burger produzieren. Er erzielt damit Mehrerlöse von bis zu 100 Euro für seine Schlachtkühe. Das Qualitätssicherungsprogramm M-Rind gibt klare Qualitätskriterien wie die Teilnahme am Tiergesundheitsdienst und zertifiziertes Fütterungsmanagement vor. Das bringt Franz Heissenberger Zuschläge von bis zu 20 Cent pro Kilogramm Rindfleisch und mit McDonald’s einen gesicherten Abnehmer. Weitere Infos auf www.m-rind.at

Für mehr Infos einfach QR Code scannen.

Franz Heissenberger

Seit 2004 M-Rind-Bauer in der Buckligen Welt.

www.mcdonalds.at


„Schade, dass sich vieles nur um Förderungen dreht“

Florian Kaar

Stefan Ludhammer

Sarah Kogler

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FAMILIE UND BETRIEB

An Österreichs einziger „Agrar-Pädak“ in Wien werden die künftigen Landwirtschaftslehrer, Agrarberater und Umwelt­ pädagogen ausgebildet. unserhof wollte von diesen wissen: Was erwartet ihr von eurem künftigen Job? Was macht einen guten Lehrer oder fachlichen Ratgeber aus? Und wie steht es überhaupt um Ausbildung und Image der Landwirte?

Foto: © drubig-photo

M

it 604 Studenten hat die Hochschule für Agrar-und Umweltpädagogik in Wien-Ober St.Veit heuer zu ihrem 60-jährigen Jubiläum so viele Hörerinnen und Hörer wie nie zuvor. unserhof hat einigen von ihnen folgende Fragen gestellt: Lehrer haben nicht immer den besten Ruf, Berater stehen oft auch in der Kritik. Was reizt dich an dieser Ausbildung? Welche berufliche Laufbahn schwebt dir konkret vor? Und was macht einen guten Lehrer oder fachlichen Ratgeber überhaupt aus? Im In- und Ausland erfährt Österreichs duale Ausbildung – neben einer fundierten Allgemeinbildung auch einschlägige Fachtheorie mit Praxislehre, wie sie gerade an Agrarschulen angeboten wird, viel Lob und Anerkennung. Wie gut gerüstet sind die Absolventen aber am Ende für die Praxis, gar für eine Hofübernahme? Und wie wollen sie selbst vermeiden, später einmal nicht als Fachidiot verunglimpft zu werden? Auch ist „Evaluieren“ heute „das“ Schlagwort für Überprüfen und Neubewertung. Was sollte man am agrarischen Schulwesen und bäuerlichen Beratungsangebot verbessern? Was kommt bei der Ausbildung zum Lehrer und Berater zu kurz? Welche Bildungsinhalte sind gar schon etwas verstaubt? Welches Rüstzeug – technisch, aber auch persönlich – brauchen künftige Hofübernehmer überhaupt? Nicht zuletzt sorgen sich Österreichs Bauern immer wieder um ihr Image. Lehrern und Beratern kommt hier eine nicht unwesentliche Aufgabe zu, wie sich die Landwirtschaft auch selbst darstellen und positionieren soll. Das Spannungsfeld hier liegt zwischen dem verehrten, weil innovativen BioJungwinzer und den weit geringer geschätzten Schweinehaltern

oder gar als einfältig gescholtenen Erdäpfelbauern. unserhof wollte von den Studierenden wissen: Hast du selbst Vorbehalte oder gar Anfeindungen erlebt? Und wie können Jungbauern ihr Ansehen verbessern?

Stefan Ludhammer Der 23-Jährige, aus Weeg bei Esternberg, hat die HLFS St. Florian absolviert. Er will Landwirtschaftslehrer, eventuell auch Berater an einer Bezirksbauernkammer werden. Ob er selbst einmal den elterlichen Milchviehbetrieb mit 15 Kühen samt Nachzucht übernehmen wird, „ist derzeit weder aktuell und wurde auch noch nicht besprochen.“ Er meint: „Schon als Kind habe ich am Betrieb meiner Eltern mitgearbeitet. Deshalb war es für mich auch klar, dass ich einmal einen Beruf ergreifen möchte, der im Bezug zur Landwirtschaft steht. Mich reizt an der Ausbildung hier an der Hochschule vor allem, dass ich in meinem späteren Beruf einmal mein Fachwissen anwenden und weitergeben kann. Im Laufe meiner Ausbildung haben sich meine sozialen und methodischen Kompetenzen weiterentwickelt. Der Umgang mit Schülerinnen und Schülern an den Fachschulen oder mit den Klienten in der landwirtschaftlichen Beratung sind eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle. Für mich macht einen guten Lehrer oder Berater vor allem eine gute Balance zwischen Fachwissen und sozialen Kompetenzen aus. Fachwissen alleine reicht nicht, wenn man keinen Draht zu den Personen findet, mit denen man zu tun hat. Umgekehrt ist es genauso. Hat man nur soziale Kompetenzen, aber kein Fachwissen, so wird man ebenfalls kaum Erfolg haben und schnell als ‚fehl am Platz‘ abgestempelt werden. Ein umfangreiches Fachwissen ist also das Um und Auf einer guten Beratung und von gutem Unterricht.“

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Florian Kaar Gebürtig aus Vorderweißenbach, hat der 22-Jährige die Gartenbaufachschule Ritzlhof besucht und will nun ebenfalls Fachschullehrer werden: „Ich wusste schon als Bub, dass ich den Beruf Gärtner erlernen möchte. Während der Ausbildung in Ritzlhof kamen dann die ersten Gedanken, später einmal als Lehrperson tätig sein zu wollen. Während meiner Praktika konnte ich nicht nur Erfahrungen im Verkauf sammeln, sondern auch im Umgang mit beeinträchtigten Personen. Daher habe ich auch meinen Zivildienst in einer Wohneinrichtung für behinderte Menschen geleistet. Das brachte mir wertvolle Erkenntnisse und Erfahrungen und hat mich dazu bewogen, das Fachliche mit dem Sozialen zu verbinden. Um an der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik studieren zu können, habe ich die Berufsreifeprüfung und einen Teil der Studienberechtigungsprüfung gemacht. Unterrichten möchte ich später Gartenbau in einer landwirtschaftlichen Fachschule, um den Schülern die Natur und die Arbeit damit näher bringen können. Meine persönliche Beobachtung ist, dass die Naturverbundenheit von Kindern und Jugendlichen heute nur mehr gering vorhanden ist. An einen guten Lehrer oder Berater werden sehr viele unterschiedliche Ansprüche geknüpft. Diese sind sowohl im Unterricht als auch im Internatsdienst erforderlich. Für mich ist besonders wichtig, stets eine gute Beziehung zu meinem Gegenüber herstellen zu können. Neben viel Fachwissen braucht es geeignete Methoden, dieses zu vermitteln sowie ständige Weiterbildung und eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Tätigkeit. Mein Vater hat gerade einen kleinen Betrieb mit zwei Hektar Grünland übernommen. Auf diesem möchte auch ich meine Leidenschaft, das ‚Garteln‘, mit der pädagogischen Arbeit verbinden. Bei uns daheim werden Entscheidungen im Familienverband getroffen.“

Sarah Kogler Aus St. Jakob im Walde stammend, hat sie nach der Ausbildung zur

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Pferdewirtin an der LFS Güssing den Aufbaulehrgang bis zur Matura an der HLBLA Raumberg gemacht. Am elterlichen Nebenerwerbsbetrieb mit 5 Hektar Wiesen und 30 Hektar Wald haben auch ihre Brüder Interesse. Lehrerin an einer Forstfachschule oder LK-Beraterin zu werden, ist Ziel der 23-Jährigen. „Angesichts eurer vielen Fragen möchte ich sagen: Jeder ist seines Glückes Schmied. Ob die an einer Landwirtschaftsschule sehr lebensnah und interessant vermittelten theoretischen als auch praktischen Inhalte auch eine Garantie für stets erfolgreiche Absolventen und Hofübernehmer sind, ist fraglich. Schließlich entscheidet jeder für sich selbst, welche und wie viele Inhalte er mitnimmt. Was ich jedoch mit Sicherheit sagen kann ist, dass Schüler, wenn sie nach der dritten Klasse das Schulgebäude verlassen, noch nicht ausgelernt haben. Lernen ist ein ­lebenslanger Prozess. Dies sollte auch beachtet werden. Und fest steht auch, dass man aus Erfahrungen und Fehlern lernt. Man erhält an Schulen zwar das ‚Grundgerüst‘ für einen Betriebsleiter, jedoch muss man später ausprobieren, komplett Neues versuchen und auch Fehler machen dürfen, um auf seine Erfolgsschiene zu gelangen. Auf den meisten Höfen gibt es noch ältere Generationen, die bereits ihr Leben lang Erfahrungen sammeln konnten. Man kann sich bestimmt auch dort einen Rat, Hilfestellung oder eine Lektion holen. Ich kann nur nahelegen, auch nach der Schule das Thema Lernen nicht beiseite zu legen, sich weiterzubilden und dabei trotzdem den Praxisbezug zu wahren. Es käme für mich nicht in Frage, ein Fach zu unterrichten oder ein Fachgebiet zu beraten, in dem ich mich nicht 100%ig sattelfest fühle.

Richard Sauer Der Steirer aus Geistthal-Södingberg hat nach der LFS Alt-Grottenhof an der HBLA Raumberg maturiert. Er ist künftiger Hofübernehmer, mit Mutterkuhhaltung und Forstwirtschaft:

„Grundsätzlich muss man sagen, dass die landwirtschaftlichen Schulen schon sehr gute Arbeit leisten. Die Ausbildung ist praxisorientiert. Wie in jedem System gibt es aber auch Schwächen, wobei sich auch das landwirtschaftliche Schulsystem im Umbruch befindet und sich in den nächsten Jahren wesentlich verändern wird. In der Beratung finde ich es schade, dass sich mittlerweile sehr viel nur um das Thema Förderungen dreht, also welche Förderungen es konkret gibt und worauf zu achten ist, dass man sie nicht wieder verliert. Weil Förderungen leider mittlerweile häufig den Großteil des landwirtschaftlichen Einkommens ausmachen. Viele Betriebe wären ohne Förderungen kaum überlebensfähig. Persönlich kommt mir die landwirtschaftlich-fachliche Ausbildung hier in Ober St. Veit etwas zu kurz. Der Fokus liegt eindeutig auf pädagogischen und sozialen Aspekten. Als Hofübernehmer braucht man eine gute Mischung aus fachlichem Know-how und persönlichen Fähigkeiten. Ersteres muss auch über die Themen des eigenen Betriebes hinausgehen, einfach mehrere Möglichkeiten zu haben und diese vor allem zu erkennen. Zu den persönlichen Fähigkeiten zählen für mich vor allem Selbstbewusstsein, Begeisterungsfähigkeit und Kreativität. Aber auch mal ‚was Neues‘ zu machen und über den Tellerrand zu schauen.“

Sonja Blauensteiner Sie ist Absolventin der HBLA Sitzenberg. Ihr Berufsziel: Lehrerin und Bäuerin. Daheim wartet einmal ein Milchviehbetrieb mit 25 Kühen samt Jungvieh sowie 70 Hektar Ackerbau und Grünland auf die 21-Jährige aus Röhrenbach. „Für mich stellt sich immer wieder die Frage, warum so viele Leute auf den Bauern ‚herumhacken‘. Gäbe es uns nicht, gäbe es kein tägliches Frühstück, kein einladendes Landschaftsbild und es würde keiner dafür Sorge tragen, unsere natürlichen Ressourcen, wie den Boden zu schützen. Die Liste würde sich noch lange erweitern lassen. Bäuerinnen und Bauern unserhof 2/2015


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leisten Tag für Tag großartige Arbeit für die Allgemeinheit. Doch nicht jedem ist das bewusst. Das Image der Landwirtschaft wird vor allem durch Werbefilme und durch provokante Videoclips einiger NGOs verfälscht. Verfügen die Menschen über zu wenig landwirtschaftliches Wissen, besteht die Gefahr, dass sie sich keine Meinung bilden können und diesen Veröffentlichungen glauben. Aus diesem Grund liegt es an uns, den Leuten aufzuzeigen, wie Landwirtschaft wirklich funktioniert. Dazu müssen konventionelle und biologische Landwirte zusammenarbeiten, und der Erdäpfelbauer bis hin zum Winzer gemeinsam an einem Strang ziehen. Nur so kann es gelingen, den Leuten ein authentisches Bild der Landwirtschaft zu vermitteln. Da ich seit meiner Kindheit leidenschaftliche Landwirtin bin, wurde ich sehr wohl auch mit Beschimpfungen und Vorurteilen konfrontiert. Durch entsprechende Diskussionen und stichfeste Argumente konnte ich den Leuten das Gegenteil beweisen. Es braucht also entsprechende Aufklärungsarbeit, um der Bevölkerung die Relevanz der landwirtschaftlichen Arbeit wieder näherzubringen. Es soll ruhig jeder wissen, wie viel Arbeit notwendig ist, um einen Liter Milch oder ein Kilo Mehl zu produzieren. Und wie viel – oder besser wenig – am Ende in der Geldbörse der Landwirte und Landwirtinnen bleibt.“

Sonja Blauensteiner

Die Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik in Wien-Ober St.Veit mit aktuell 604 Studenten ist ein renommiertes Fort- und Weiterbildungszentrum für agrar- und umweltpädagogische Berufsfelder. „Wir bilden die Lehrerinnen und Lehrer für land- und forstwirtschaftliche Schulen sowie für berufsbildende Schulen in Umweltfächern aus. Wir qualifizieren für die agrarische Beratung und für green jobs“, betont Rektor Thomas Haase, selbst Absolvent der HLBLA Wieselburg. Die Lehrinhalte decken ein breites Spektrum an persönlichkeitsbildenden, pädagogischen, ökonomischen und fachwissenschaftlichen Themen ab. Die Palette umfasst kürzere Bildungsangebote genauso wie Hochschul- und Masterlehrgänge. Ebenso wird ein weiter Bogen von Beratung, Bildungsmanagement und Führung in landwirtschaftlichen Schulen bis hin zu Angeboten zu dem Themenkreis „Obst und Gemüse“ sowie Gartentherapie oder neuerdings auch Green Care gespannt. Die Bildungsangebote zeichnen sich durch eine hohe Praxisnähe und Anwendbarkeit im jeweiligen Berufsfeld aus. Einen Überblick über alle Fort- und Weiterbildungsangebote bietet der Fortbildungsplan 2015. www.agrarumweltpaedagogik.ac.at

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Fotos: © Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik Ober-St.Veit

Richard Sauer


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Foto: © agrarfoto.com

Schutz unserer wertvollen Böden

Österreich geht mit seiner wertvollen Ressource Boden viel zu sorglos um. Täglich verlieren wir 22,4 Hektar fruchtbares Agrarland durch Verbauung. Die Folgen sind dramatisch, daher müssen wir jetzt handeln. Von Dr. Kurt Weinberger

E Internet: www.hagel.at

s ist eine Entwicklung, die nicht so unmittelbar wahrgenommen wird: Täglich werden in Österreich 22,4 ha wertvolle Wiesen und Äcker für Straßen, Siedlungen, Shopping-Center oder Industriehallen verbaut. Damit hält Österreich bei der Verbauung und Zerstörung der fruchtbaren Böden einen Negativ­ rekord in Europa. Das beweisen nachfolgende Zahlen: Während in Österreich jährlich 0,5 Prozent der Agrarflächen verbaut werden, sind es im Nachbarland Deutschland – wo es eine strukturiertere Raumordnung gibt – nur 0,25 Prozent. Österreich

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ist Spitzenreiter beim Verkehrsnetz mit über 15 m Straßenlänge pro Kopf, während beispielsweise Deutschland nur auf 7,9 m pro Kopf kommt. Außerdem hat Österreich 1,80 m² Supermarktfläche pro Kopf zur Verfügung, in Italien ist es zum B ­ eispiel nur 1 m². Auf der anderen S ­ eite gibt es in Österreich laut Umwelt­bundesamt 13.000 ha leer­stehende Industriehallen, das entspricht der Fläche der Stadt Graz. Eine Revitalisierung dieser Brachflächen anstelle von Neubauten würde – ebenso wie die Wiederbelebung von Ortskernen oder das vermehrte Bauen in die Höhe bzw. Tiefe – die Verbauung verlangsamen

und damit die weitere Zerstörung unserer Umwelt hintanhalten.

Die fatalen Folgen der Verbauung Die zunehmende Verbauung führt zu weitreichenden negativen Folgen für die Volkswirtschaft.

Heimische Lebensmittelversorgung Durch die Versiegelung landwirtschaftlicher Nutzflächen wird die Versorgung mit heimischen Lebensmitteln nachhaltig gefährdet. Im Jahr 2050 wird Österreich um 15 % mehr unserhof 2/2015


Foto: © Dieter Schütz / pixelio.de

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Einwohner als jetzt haben, nämlich 9,5 Millionen. Gleichzeitig wird aber bei fortschreitender Verbauung das fruchtbare Agrarland in diesem Zeitraum um 20 % weniger. Das bedeutet, dass 2050 nur mehr 1.000 m² Agrarfläche pro Kopf zur Verfügung steht, obwohl jeder Europäer 3.000 m² für Nahrungsmittel etc. bräuchte. Damit wird die Importabhängigkeit Österreichs noch größer.

Unwetterschäden nehmen zu Der Boden als Wasser- und CO2-­ Speicher ist entscheidend für eine funktionierende Umwelt. Fällt der ­Boden durch die fortschreitende Versiegelung als Wasserspeicher weg, kann das Wasser bei Starknieder­ schlägen nicht mehr versickern. ­Schäden durch Hochwasser häufen sich. Der Bodenverbrauch hat auch unmittelbaren Einfluss auf den Klimawandel. Wenn derart große Flächen des CO2-­Speichers „Boden“ versiegelt werden, beschleunigt dies die Erd­

erwärmung und damit die Zunahme von Wetter­extremereignissen, wie beispielsweise Dürreperioden. Ebenso ist die Artenvielfalt gefährdet, da der Boden als Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere verloren geht.

Jährlicher Verlust von Ackerfläche

0,5%

Tourismus Die Versiegelung hat auch unmittel­ bare Auswirkungen auf den Tourismus, denn ein zersiedeltes Land ist für den Fremdenverkehr weniger attraktiv. Die Verschandelung des Landes durch Verbauung bestätigen laut einer Market-Umfrage 2014 immerhin 80 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher.

Arbeitsplätze Wenn täglich ein Bauernhof durch Verbauung zerstört wird, verliert die Landwirtschaft auch täglich Arbeitsplätze. Damit sind langfristig 500.000 Arbeitsplätze entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Agrarsektors gefährdet.

0,17% Tschechien

0,25% Deutschland

Daher wird die Hagelversicherung als Naturkatastrophenversicherer weiterhin Bewusstsein dafür schaffen, dass der Boden die Basis für das Leben ist. Wenn jetzt nicht gehandelt wird, gibt es hochgerechnet in 200 Jahren keine Agrarflächen mehr in Österreich. Es geht bei der Bodenverbauung um die Zukunft der Versorgung Ö ­ sterreichs mit regionalen Lebens­mitteln, um die Zukunft der nach­folgenden G ­ enerationen und damit um die Z ­ ukunft Österreichs.

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Österreich


Foto: © Ökosoziales Forum

Handlungsbedarf Was junge Hofübernehmer fordern: Aktivere Öffentlichkeitsarbeit; mehr Geld für Innovation, ­Kooperation und Forschung; Bürokratieabbau durch elektronischen Förderantrag. Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter signalisiert Unterstützung.

G

edanken darüber, welche Rahmenbedingungen von Politik und Wirtschaft künftige Hofübernehmer brauchen, macht sich seit 2012 der „AgrarThink­ Tank“, eine Initiative des Ökosozialen Forums mit Landjugend Österreich und Österreichischer Jungbauernschaft. Insgesamt haben mehr als 80 junge Agrarier an den Diskussionen der AgrarThinkTanker teilgenommen. Die Ergebnisse des Diskussionsprozesses wurden an Landwirtschafts­ minister Andrä Rupprechter, LK Öster­ reich-Präsident Hermann Schultes und Bauernbund-Präsident Jakob Auer überreicht.

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Bei folgenden Themenfeldern gebe es Handlungsbedarf: Die jungen Bäuerinnen und Bauern wollen die Öffentlichkeitsarbeit über ihr berufliches Umfeld selbst in die Hand nehmen. Sie sind der Meinung, dass sie ihre Geschichten am besten selbst erzählen können. Vorschläge dazu gibt es einige, etwa die Organisation eines „Farmer’s Day“, der sich speziell an Jugendliche richtet. Oder „die Förderungen von baulichen Maßnahmen am Hof“, etwa von Glaswänden in Stallgebäuden, um interessierten Besuchern von Bauernhöfen Einblick in das Produktionsumfeld der Tiere – Rinder, Schweine oder Geflügel – zu geben. Frei nach dem Motto: „Wir

­ aben nichts zu verbergen“. Auch eine h sachliche Auseinandersetzung mit NGOs, allen voran redlichen Umweltund Tierschützern, wird gewünscht. Oberstes Ziel dabei sei die objektive und realistische Darstellung der Produktion in der heimischen Landwirtschaft in Werbung und Medien. Gerade der Pflanzenschutz sei ein sensibles und zugleich wichtiges Thema. Die jungen Landwirte sind sich einig, dass sie hier stärker auch selbst als Meinungsbildner auftreten müssen, um der breiten Bevölkerung zu erklären, dass strengere Auflagen nicht zwingend zu einer besseren Umweltqualität führen – sondern auch dazu, dass die heimische Produktion unserhof 2/2015


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geschwächt wird. „Hier braucht es darüber hinaus mehr unabhängige Forschung und Beratung.“ Militante Tierschützer dagegen müssten in die Schranken gewiesen werden, etwa durch eine Verschärfung des Strafrechts bei unbefugtem Betreten von Stallungen. Für neuartige und kreative Ideen brauche es eine Innovationsplattform, die Beratung und Tipps zur Umsetzung innovativer Projekte anbietet. Eine Forderung betrifft auch die stärkere Zusammenarbeit von Forschung und Praxis etwa rund um den Einsatz von alternativen Eiweißquellen, wie Algen oder Insekten. Und auch was das Thema Kooperation betrifft, sehen

die jungen Bauern einen verstärkten Bedarf: innerhalb der Branche, aber auch mit anderen Sektoren und über nationale Grenzen hinweg. Angedacht wurde auch die verstärkte Nutzung innovativer Vermarktungsmodelle wie „Food Coops“. Gemeint sind Lebensmittelkooperativen von Personen und Haushalten, die selbstorganisiert (biologische) Produkte direkt von lokalen Bauernhöfen, Gärtnereien oder Imkereien beziehen. Vom Lebensmitteleinzelhandel fordern die jungen Agrarier, verstärkt regionale Produkte in ihr Sortiment aufzunehmen. „Gemeinsam mit den Hofübernehmern haben wir Rahmenbedingungen diskutiert, die notwendig sind, damit

der Beruf Bauer auch weiterhin inte­ ressant bleibt. Es war uns wichtig, dass wir denen das Wort geben, die es betrifft. Nur so können wir garantieren, dass wir auch in Zukunft eine Landwirtschaft in Österreich haben, die auf hohem Niveau produziert“, erklärte der Präsident des Ökosozialen Forums Österreichs, Stephan Pernkopf. Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter signalisiert Unterstützung für die genannten Anliegen: „Das Engagement und die Kreativität der Jungen geben Zuversicht. Ich sehe v­ iele gemeinsame Anknüpfungs­ punkte. Jetzt geht es darum, die Ideen breit zu diskutieren, weiter zu ent­ wickeln und umzusetzen.“

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Das Forderungs­ papier ist auf www. oekosozial.at abrufbar.


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Im EU-Agrar­ Trainingscamp Eigentlich ist Christina Heschl Studentin für Agrar- und Nutztierwissenschaften an der ­Universität für Bodenkultur Wien. Im vergangenen Herbst und Winter absolvierte die junge Kärntnerin nach ihrem Bachelor-Abschluss für mehrere Monate in Brüssel eine Trainee-Aus­ bildung in der Landwirtschaftskammer. unserhof hat Heschl einen Tag lang in Brüssel begleitet. Von Bernhard Weber

D

Leiter des LK-Österreich-Büros in der Ständigen Vertretung Österreichs in der EU-Hauptstadt. „Zunächst werden E-Mails gecheckt und die Agenda-Liste des vor uns liegenden Tages durchgegangen. Heute beginnt bereits um 9 Uhr die Ausschusssitzung der Landwirtschaft und ländlichen Entwicklung, kurz COM AGRI, im EU-Parlament.“ Bis zu diesem sind es gut 20 Minuten Fußweg, also heißt es sich sputen.

Foto: © LK Österreich

Christina Heschl

ienstbeginn ist für Christina täglich um 8 Uhr im Büro der LK-Außenstelle in der Avenue de Cortenbergh 30 im Europa-Viertel von Brüssel, unweit der Amtssitze von EU-Kommission und EU-Rat. „Idealerweise wohne ich nur zehn Gehminuten von meiner Dienststelle entfernt und kann diese zu Fuß erreichen“, erzählt die junge Praktikantin bei einer Tasse Fencheltee. Den trinkt auch ihr Chef, Andreas Thurner,

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Nach dem Securitycheck am Eingang ins Parlament geht es direkt in den Sitzungssaal. Christina schnappt sich einen Kopfhörer – das Beamtentreffen mit den EU-Abgeordneten wird in 20 verschiedene Sprachen übersetzt – und beginnt mitzuschreiben. „Berichte über solche Sitzungen zu verfassen, die später nach Wien weitergeleitet werden, gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Brüsseler Außenstelle.“ Heute besteht die Tagesordnung aus 15 Punkten. Ein aktuell besonders hitzig diskutiertes Thema ist der Kommissionsvorschlag zur Verordnung der biologischen Landwirtschaft. „Dieser Vorschlag wird von vielen EU-Mitgliedsländern kritisch bewertet. Binnen 6 Monaten, also etwa bis Ende Juni 2015, muss es darüber zu einer Einigung im Parlament sowie

im Rat kommen, andernfalls wird der Vorschlag zurückgezogen“, betont Heschl. Später stellt Österreichs EU-Abgeordnete Elisabeth Köstinger als zuständige Berichterstatterin die Europäische Forststrategie vor. In der Sitzungspause saust Christina Heschl, die vor ihrem BOKU-Studium die Höhere Bundeslehranstalt für Landwirtschaft in Pitzenstätten absolviert hat, schnell durch die weiten Gänge des Parlaments in das Büro der Politikerin, um dort ein paar Hintergrundinformationen zu erhaschen. Mittags geht es im nahen Gebäude der Vertretung des deutschen Bundeslandes Baden-Württemberg um „Das Ende der Milchquote – Chancen für den europäischen Milchmarkt?“. Die Besetzung des Podiums ist hochrangig, darunter der stellvertretende General­direktor für Landwirtschaft, Joost Korte, zwei EU-Parlamentarier aus Deutschland und Südtirol, ein Vertreter der deutschen Milchindustrie. Gut 180 Gäste lauschen deren Ausführungen, darunter auch einige Kibitze aus Österreich wie Christina. Mittlerweile brummt der Magen. „Zum Glück gibt es hier ein Flying Buffet mit der für Belgien typischen Nachspeiunserhof 2/2015


Foto: © EU-Komission

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se Waffeln.“ Wieder gestärkt geht es wie immer eiligen Schrittes zurück ins Parlament. Erneut zum Expertentreffen aus Verwaltung und Politik in einem der vielen Sitzungssäle. Es geht um die neue Tierarzneimittelverordnung, welche adaptiert werden soll. Christina sucht sich auch dort einen Platz und verfolgt mit Schreibmappe und Kugelschreiber die Diskussion, diesmal mit englischer Übersetzung im Ohr: „Schließlich will ich hier in Brüssel auch mein Englisch weiter verbessern.“ Kein leichtes Unterfangen: Die Reden sind gespickt mit Fachvokabular. Es ist kurz nach 18.30 Uhr. „COM AGRI ist für heute beendet, morgen geht es weiter. Üblicherweise findet die Ausschusssitzung eineinhalb bis zwei Tage statt.“ Aber noch ist für Heschl der Arbeitstag nicht vorbei: In der Rue Belliard, fünf Minuten hinter dem Parlamentsgebäude, wird noch über das Thema „Food supply chain“ diskutiert. Es geht also um mehr Fairness im Handel mit Lebensmitteln, angesichts der zunehmenden Konzentration in der Lebensmittelkette. Auch das nahe Wochenende hält für die 24-Jährige nur wenig Zeit zum Verschnaufen bereit: „Nächste Woche

geht es spannend weiter. Am Montag tagen wie jeden Monat einmal die Agrarminister im Rat. Am Dienstag folgt eine weitere Dialog-Veranstaltung zum derzeit alles beherrschenden Thema TTIP, das umstrittene Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU. Die TTIP-Chefverhandler, Ignacio Garcia Bercero für die Union und Daniel Mullaney für die Vereinigten Staaten, präsentieren den aktuellen Stand der Verhandlungen. „An TTIP kommt derzeit kein Gremium vorbei“, sagt Christina. „Und zur Präsidiumssitzung der Dachverbände der europäischen Bauern und Agrargenossenschaften COPA-COGECA erwarten wir am Donnerstag unseren eigenen Präsidenten der LK Österreich, Hermann Schultes. Für ihn muss noch ein Zimmer reserviert und ein detaillierter Zeitplan erstellt werden.“ Zudem stehen auf Heschls Agenda: Kassabuch führen, Berichte verfassen und versenden, Anmeldungen zu Veranstaltungen vornehmen, den Sitzungskalender der nächsten Wochen vorbereiten, E-Mails beantworten und, und, und … Was bringt so ein Praktikum? Das wurde Hetschl in den vergangenen Monaten öfters gefragt: „Einsicht in die Arbeit der Landwirtschaftskammer in Brüssel sowie viele Einblicke

in diverse politische Abläufe auf EU-Ebene. Für mich persönlich wichtig ist auch die Verbesserung meiner Fremdsprachenkenntnisse und nicht zu unterschätzen: das Networking mit vielen Personen aus den einzelnen Mitgliedsstaaten.“ So knapp vor der Rückkehr nach Österreich, was war das aufregendste Erlebnis des Praktikums in Brüssel? „Hier war jeder Tag spannend, mit Lunchdiskussion mit den österreichischen Abgeordneten im Parlament oder der COPA-Kongress mit einer großen Delegation aus Wien und den Bundesländern. Und natürlich die Hearings der neuen Kommissare oder die TTIP-Veranstaltungen mit den beiden Chefverhandlern der EU und USA.“ Nach mehreren Monaten in Brüssel, hat Christina da bereits an eine „EU-Beamtenkarriere“ gedacht? „Derzeit ist mein vorrangiges Ziel der Abschluss meines Studiums. Danach stehen mir viele Wege offen. Vielleicht ist es ja sogar eine EU-Beamtenkarriere“, schmunzelt sie. Was muss man für so ein Praktikum in Kauf nehmen? „After Work-Veranstaltungen und unregelmäßiges Essen. Brüssel ist ein teures Pflaster. Das gilt auch für das Wohnen.“ Und wie sieht es aus mit der Bezahlung? „Gerechte Entlohnung gilt auch hier.“

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Wo und wie bewirbt man sich für den TraineePlatz? Kontaktaufnahme mit der LK Österreich in Wien (office@ lko.at) mit Bewerbungsschreiben. Die Praktikumsstelle wird zweimal jährlich neu besetzt.


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Image durchwegs positiv

Welches Bild haben Österreichs Jugendliche von der Landwirtschaft? Das hat LUKAS WENINGER in seiner Diplomarbeit an der BOKU Wien erhoben. Die Ergebnisse überraschen.

I DI Lukas Weninger ist Landwirt im Weinviertel und Agrarjournalist. Er schreibt für „top agrar Österreich“.

mmer weniger Menschen sind heute in der Landwirtschaft tätig, daher haben auch immer weniger Menschen Einblick in das Leben und die Arbeit von Landwirten. Das führt zu Irritationen, wenn Bilder der modernen Landwirtschaft auf die teils unrealistischen Vorstellungen der nichtbäuerlichen Bevölkerung treffen. Vor allem Kinder und Jugendliche kennen Landwirtschaft häufig nur noch aus Bilder- und Schulbüchern – oft in Form idyllisch-romantischer Schilderungen, die weit von der Realität entfernt sind. Was in den Köpfen übrig bleibt, sind die oftmals negativen Bilder von Massentierhaltung, Bienensterben, Lebensmittel-Skandalen oder Gentechnik, die von den Medien transportiert werden. Welches Image die österreichische Landwirtschaft bei der Jugend genießt, war daher Thema meiner Diplomarbeit. Die dazu befragten Jugendlichen im Alter von 16 und 17 Jahren besuchten die 10. oder 11. Schulstufe.

Wenig direkten Bezug

Um Vergleiche anstellen zu können, wurde zwischen jenen, die einen direkten Bezug zur Landwirtschaft haben

Befragte, %

80

nein

98

78

LFS (n = 195) AHS (n = 280)

47

35 27

20

22

10 2 LFS (n = 195)

AHS (n = 280) Quelle: DI Lukas Weninger

Kaum ein Stadtkind ist auf einem Bauernhof ­a ufgewachsen.

26

59

50

30

40

0

Befragte, %

40

60

20

Interesse der Jugend an Landwirtschaft 60

ja

Wie zu erwarten ist, haben LFS-Schüler ein großes bis sehr großes Interesse an der Landwirtschaft (zusammen 86 %), die AHS-Schüler dagegen nur ein mittelmäßiges bis geringes (zusammen 82 %). Offen abgefragt liegen bei beiden Befragungsgruppen Tiere und deren Haltung an erster Stelle der interessanten Themen zur Landwirtschaft. Nennungen zu Lebensmitteln und deren Produktion sowie Klima- und Umweltschutz nehmen bei der urbanen Jugend die Plätze zwei und drei ein. Dagegen konzentrieren sich die Angaben der LFS-Schüler auf Pflanzenbau an zweiter und Traktoren/Maschinen an dritter Stelle. Die Einstellung der befragten Schüler zu den österreichischen Landwirten ist durchwegs positiv: Von neutral bis eher positiv bei den AHS-Schülern (zusammen 89 %) und von eher bis sehr positiv bei den LFS-Schülern (zusammen 88 %). Was die Jugendlichen an der österreichischen Landwirtschaft mögen, wurde offen abgefragt. Auf Platz eins bei der bäuerlichen Jugend stehen dabei Landschaft/Natur, auf dem zweiten und dritten Platz

Von den befragten Jugendlichen sind immerhin 98 % der AHS-Schüler in Wien nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen (LFS: 22%). Diese gaben an, ihre Berührungspunkte zur Landwirtschaft mehrheitlich von Urlauben oder Besuchen am Bauernhof (AHS), von Landwirten in der Verwandtschaft, vom eigenen Haupt-/Nebenwohnsitz am Land oder aus der Schule (LFS) zu haben. Als Informationsquellen zur Landwirtschaft stehen Schule und Verwandte an den vordersten Positionen. Bei der nichtlandwirtschaftlich geprägten Jugend steht das Fernsehen an erster Stelle der Informationsquellen. Auffallend sind die abgeschlagenen Plätze von Internet und Social Media.

Am Bauernhof aufgewachsene Schüler 100

Kaum Interesse bei Städtern

und Jugendlichen ohne einen solchen unterschieden. Erstere waren Schüler von landwirtschaftlichen Fachschulen, LFS, in Niederösterreich, also „bäuerliche“ Jugend. Die zweite Gruppe der Untersuchungsteilnehmer stellten Schüler von allgemeinbildenden höheren Schulen, AHS, in Wien dar, also „städtische“ Jugend. Nachfolgend sind die wichtigsten Ergebnisse von insgesamt knapp 500 Schülern zusammengefasst.

0

9

11 4

1 sehr groß

groß

mittel

gering

9 0 kein Interesse

Quelle: DI Lukas Weninger

Landwirt zählt zu den wichtigsten Berufen.

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Vielfalt und hochwertige/regionale Lebensmittel. Die städtische Jugend nennt diese an erster Stelle. Danach folgen Tiere/Tierhaltung und Bio-Nennungen (Produkte, Bauern etc.). Umgekehrt gefragt, was die Jugendlichen an der österreichischen Landwirtschaft stört, zeigt sich folgendes Bild: LFS-Schüler monieren ein zu geringes Einkommen der Landwirte, eine mangelnde Wertschätzung der Gesellschaft sowie den Trend zu immer größeren Betrieben und im Umkehrschluss das „Bauernsterben“. AHS-Schüler bemängeln Massentierhaltung, gar Tierquälerei, den Einsatz von Pestiziden sowie ebenfalls eine zu geringe Wertschätzung der Landwirte.

Berufsbild „Landwirt“ Für LFS-Schüler ist „Landwirt“ der wichtigste Beruf für die Gesellschaft (96 %). Auf Platz zwei wird „Arzt“ genannt (75 %), gefolgt von „Lehrer“ an dritter Stelle (22 %). Laut den befragten AHS-Schülern steht „Arzt“ an erster Stelle der wichtigsten Berufe (93 %). Auf dem zweiten Platz rangiert „Polizist“ (52 %), auf Platz drei ebenfalls „Lehrer“ (41 %). Knapp dahinter wird auf Platz vier bereits der „Landwirt“ genannt (37 %). Welche Aufgaben aber haben die Bauern heute? Auf Platz eins liegt bei beiden Befragungsgruppen die Lebensmittelerzeugung als wichtigste Aufgabe von Landwirten. LFS-Schüler nennen an zweiter Stelle die Landschaftspflege, gefolgt von der Tierhaltung. Diese ist für AHS-Schüler die

zweitwichtigste Aufgabe. Bei ihnen rangieren auf Platz drei Nennungen zum Ackerbau. Auf die Frage, welche Verbesserungsvorschläge den Schülern zur heimischen Landwirtschaft einfallen, stehen bei den LFS-Schülern an erster Stelle die Forderung nach besseren Preisen für landwirtschaftliche Erzeugnisse bzw. nach höheren Förderungen, am zweithäufigsten genannt werden verbesserte Produktionsmethoden. Auf dem dritten Platz folgt die Forderung, das Bauernsterben zu bremsen und Kleinbetriebe stärker zu fördern. Die AHS-Schüler dagegen regen in erster Linie an, die Tierhaltung zu verbessern. Auf Platz zwei steht interessanterweise die Forderung nach einem höheren Einkommen für Landwirte – in Form höherer Produktpreise bzw. Förderungen. Auf dem dritten Rang sollte laut den AHS-Schülern der Klima- bzw. Umweltschutz verbessert werden.

Befragte, %

52 41

40

Auch Stadtkinder haben eine eher positive ­E instellung.

er hr

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21

Le

Quelle: DI Lukas Weninger

0

izi

sehr negativ

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Po l

neutral

0

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eher positiv

0

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sehr positiv

3

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1

37

22

20

Le

10

9

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0

75

60

20 10

LFS (n = 193) AHS (n = 277) Quelle: DI Lukas Weninger

32

80

93

hl er La nd wi rt

43

96

Ti sc

46

100

er

LFS (n = 194) AHS (n = 279)

hr

56

30

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die österreichische Landwirtschaft ein durchwegs positives Image bei der Jugend genießt und diese eine positive Einstellung zur österreichischen Landwirtschaft hat. Gleichzeitig sind bei der städtischen Jugend teilweise Desinteresse sowie große Wissensdefizite gegenüber landwirtschaftlichen Themen und der Arbeit sowie dem Leben der Landwirte feststellbar. Mangelt es also an Nähe/Bezug zur Landwirtschaft sowie Wissen/ Informationen darüber, verschlechtert sich das Image der Landwirtschaft.

Wichtige Berufe aus Sicht Jugendlicher

Befragte, %

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Agrarschüler haben in ihrer bisherigen Schulzeit erwartungsgemäß viel zu landwirtschaftlichen Themen erfahren (87 %, davon 46 % sehr viel). Dagegen haben lediglich 16 % der AHS-Schüler in der Schule viel über Landwirtschaft gehört. Knapp die Hälfte der Befragten gibt eine mittlere Häufigkeit dieser Themen an. Über ein Viertel der AHS-Schüler meinen, in der Schule wenig und 11 % sogar sehr wenig zur Landwirtschaft erfahren zu haben. Die Angaben, welche landwirtschaftlichen Themen in der Schule behandelt

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Die Abfrage, welche landwirtschaftlichen Themen in der Schule vermehrt gelehrt werden sollten, weist bei den LFS-Schülern wieder die erwähnten Unterrichtsfächer, inklusive Landtechnik aus. Die Tatsache, dass sich die städtische Jugend hauptsächlich wünscht, in der Schule mehr über das Leben und die Arbeit von Landwirten zu erfahren, beweist deren Informationsdefizite darüber. Zudem wünschen sich AHS-Schüler, mehr über Tiere und deren Haltung sowie zu Lebensmitteln und deren Produktion zu erfahren.

Landwirtschaft & Schule

Einstellung Jugendlicher zu Bauern 60

wurden, entfallen bei den LFS-Schülern auf deren übliche Unterrichtsfächer, hauptsächlich Nutztierhaltung und Pflanzenbau. Die AHS-Schüler gaben an erster Stelle Nennungen zu Tieren bzw. deren Haltung an. Auf dem zweiten Platz finden sich allgemeine Angaben zur Landwirtschaft, gefolgt von Ackerbzw. Pflanzenbau auf Platz drei.

Landwirt zählt für Land-Jugendliche zu wichtigsten Berufen.

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Die Voll­ version der hier zusammen­ gefassten Diplomarbeit kann im Internet als pdf-Dokument herunter­ geladen ­werden: ­forschung. boku.ac.at


FAMILIE UND BETRIEB

Der klassische Raiffeisenfunktionär ist ein gediegener Mittfünfziger. Dass dem nicht immer so sein muss, beweist Gerhard Schieder. Er saß bereits mit Mitte zwanzig im ­Vorstand des Lagerhauses Wechselgau und sprach mit unserhof über seine Aufgaben als Funktionär. Interview: Stefan Nimmervoll

unserhof: Wie kam es dazu, dass Sie Funktionär im Lagerhaus wurden? Schieder: Ich wurde damals von meinem Vorgänger angesprochen, ob ich ihm als Vertreter für unsere ­Region nachfolgen möchte. Zuvor habe ich mich schon in der Land­ jugend für die Landwirtschaft engagiert und auf Bezirksebene Erfahrung mit Führungsaufgaben gesammelt. Daher haben mich die Leute auch schon gekannt. Die Verbindung zum Lagerhaus war über meinen Vater da. Er hat dort neben unserem Hof in mehreren Bereichen gearbeitet. Als ich vor neun Jahren angefangen habe, war ich mit meinen 26 Jahren aber sicher nicht der typische Lagerhausfunktionär. War es schwierig, als vergleichsweise Junger ernst genommen zu werden? Stimmt, ich war damals mit Abstand der Jüngste, habe mich aber von Anfang an voll akzeptiert gefühlt und mitreden dürfen. Wenn ich das Gefühl hatte, dass ich etwas zu sagen habe, habe ich das getan. Meine V ­ orschläge sind auch voll in die Diskussionen mit eingeflossen. Wie sollte optimaler Weise die Aufgabentrennung zwischen Geschäftsführung und bäuerlichem Vorstand aussehen? In unserer Genossenschaft ist das ganz gut gelöst. Wir Funktionäre ­werden über alle Abläufe bestens informiert. Vor allem größere Investitionen werden breit diskutiert. Für die Lagerhäuser übernimmt die Raiffeisen Ware Austria die Großhandelsfunktion. Sie bewegt sich am Weltmarkt. Globale Zusammenhänge müssen aber auch die Funktionäre den Landwirten erklären. Wie schwer ist es, alles zu durchschauen?

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Auch ich war mir anfangs nicht sicher, ob alle Funktionäre immer verstehen, was da vorgetragen wird. Da hat sich aber viel entwickelt. So haben sich im Genossenschaftswesen verstärkt Seminare und Ausbildungen etabliert. Diese persönliche Weiterbildung und das erweiterte Blickfeld über wirtschaftliche Zusammenhänge ist auch für mich persönlich wichtig, weil ich mir durchaus auch für meinen Betrieb zu Hause etwas abschauen kann. Funktionäre müssen manchmal auch als Blitzableiter herhalten. Wie ­kommen Sie mit dieser Rolle zurecht? Durchaus ganz gut. Ich bin ja nicht der, der die Dinge schlucken muss, sondern der, der kritische Anmerkungen aufnimmt und weiterträgt. Darin sehe ich meine Aufgabe als Funktionär. Was erwarten sich gerade junge Landwirte heute von einer Genossenschaft? Sie muss ein verlässlicher Partner sein und die Abnahme sicherstellen. Umgekehrt müssen Waren wie Saatgut, Pflanzenschutz oder Dünger sicher verfügbar sein. Was das betrifft, ist das Lagerhaus ein wichtiger Partner. Zwar mag es vielleicht das eine oder andere Mal woanders einen e ­ twas besseren Preis geben. Wenn dann aber nicht genügend Ware ­vorhanden ist, hilft einem das nichts. Wie schwierig ist es heute generell, genossenschaftlich zu handeln? Gerade in guten Zeiten werden oft Preise verglichen und dann heißt es schnell: „Da gibt einer einen besseren Preis, da brauchen wir das Lagerhaus nicht.“ Wenn es aber nicht so gut läuft und wenig zu verdienen ist, sind diese Aufkäufer dann plötzlich nicht mehr da. Und dann kommen wieder alle

zum Lagerhaus. Das Sprichwort „Wer schimpft, der kauft“ hat also schon seine Richtigkeit. Kann die verbreitete Lagerhaus-Struktur mit den Filialen direkt vor Ort in Zukunft aufrecht erhalten werden? Wir haben vor einem Monat sogar eine neue Filiale eröffnet. Seit die Greißlereien verschwunden sind, übernimmt das Lagerhaus in den Ortschaften immer mehr den Nah­ versorgerpart und bedient damit eine wichtige Nische. Und wie steht es um die Solidarität innerhalb der Landwirtschaft? In unserer Umgebung findet man noch viele verschiedene Produktionssparten. Das Verständnis füreinander unserhof 2/2015

Firmenbericht; Foto: © RWA

Zur Person: Gerhard Schieder führt in Buch bei ­Hartberg einen Milch­ betrieb mit 35 Kühen. Zudem ­mästet der 35-Jährige Ochsen und vermarktet deren Fleisch direkt. Er ist seit 2006 ­Funktionär im Lagerhaus Wechselgau.


FAMILIE UND BETRIEB

„Blitzableiter? Damit komme ich zurecht“ lässt allerdings immer öfter zu wünschen übrig, weil ein Informationsdefizit besteht. Wer seinen Hof ernsthaft betreibt, ist so mit Arbeit eingedeckt, dass er kaum mehr Zeit hat, sich zu informieren, was die Nachbarn machen. Verschärft wird das durch die Flächenkonkurrenz. Zumindest das Wissen auszugleichen, kann auch Aufgabe einer Genossenschaft sein.

Sogar aus Ungarn kommen Landwirte, weil wir Verlässlichkeit bieten, die es dort nicht gibt. Es wird ja heute nicht mehr unbedingt jeder Kipper voll Getreide direkt ins Lagerhaus gebracht. Dieses übernimmt auch die Vermarktung von Ware, die am Hof eingelagert wird. Hier sind Zwischenstufen entstanden, die wir nützen müssen.

Viele Bauernhöfe nehmen die Vermarktung mittlerweile selber in die Hand nehmen. Macht das Genossenschaften bald überflüssig? Im Gegenteil. Unsere Lagerhaus-­ Genossenschaft liegt im Grenzbereich zum intensiven Ackerbaugebiet und hat gerade von dort, wo es mittlerweile sehr große Betriebe gibt, Zulauf.

Die EU möchte den agrarischen Genossen­schaftsgedanken auch in Osteuropa verankern. Kann Raiffeisen auch dort Vorbild sein? Durchaus. Wir haben erst unlängst eine Delegation aus Serbien zu Gast gehabt. Dort gibt es weder ein Genossenschaftssystem für die Vermarktung, noch ein Beratungs-

system, wie es bei uns die Kammern anbieten. Da merkt man erst, was wir an unserem System haben, auch wenn es nicht immer zu hundert Prozent perfekt ist. Die Bauern dort müssen aber selbst aktiv werden. Nur dann werden sie die Genossenschaft wertschätzen. Was läuft bei uns nicht ganz perfekt? Eine wichtige Aufgabe der Genossen­schaften wäre es, die immer heftigeren Marktschwankungen abzufangen, damit der einzelne B ­ etrieb nicht in eine Schieflage kommt. Indem sie Kunden beim Einkauf mit Zahlungs­ zielen unter die Arme greifen und andererseits bei der Vermarktung noch flexiblere Vermarktungsmodelle anbieten.

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Internet: www.lager haus.at


BETRIEBSFÜHRUNG

k.u.k.-Flair am Hof Regina Engelbrecht ist aus Liebe zu ihrem Mann Bäuerin geworden. Den Landwirtschaftsmeister hat die studierte Betriebswirtin nachgemacht, damit sie daheim mitreden kann. „Urlaub am Bauernhof“ und ein Hofcafé ermöglichen es dem jungen Paar, seinen Betrieb im Vollerwerb zu führen. Von Ulrike Raser

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Studiensprache Englisch. Warum die Mostviertlerin trotz ihres Wunsches, später einmal in einem internationalen Unternehmen zu arbeiten, ausgerechnet hier in Höbersdorf gelandet ist? Aus Liebe zu ihrem Mann Marius. Während sie erzählt, sitzen wir in ihrem 2013 eröffneten „Kaiserlichen Hofcafé“. Einladend und freundlich

eingerichtet, versetzt es einen zurück in vergangene Zeit. Im Arm hält sie ihre Tochter Franziska, gerade mal vier Monate alt. Die beiden Buben Joseph und Leopold, fünf und drei Jahre alt, sind gerade im Kindergarten. Marius arbeitet gerade am Feld. Gemeinsam haben die Engelbrechts die Tore ihres Weinviertler Bauernhofes unter dem Motto „Sommerfrische wie damals“

Foto: © Johannes Ehn

Träumen wie eine Kaiserin im Sisi-Zimmer in den Farben Blau und Weiß. Gewidmet der Kaiserin von Österreich.

inmal Bäuerin zu werden, sei eigentlich nicht ihr Ziel gewesen, erzählt Regina Engelbrecht. Auch ihre Oma, die selber Bäuerin war, hätte ihr schon als kleines Kind davon abgeraten. Studiert hat sie an der FH Krems in Niederösterreich, ihrem Heimatbundesland: „Exportorientiertes Management“,

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Warum die Entscheidung, Zimmer zu vermieten? „Wegen mir“, sagt Regina Engelbrecht. „Wir wollten uns den Betrieb so richten, dass wir beide Vollzeit daheim arbeiten können.“ Marius war als einziger Sohn immer schon als Hofnachfolger vorgesehen. Reginas Schwiegereltern hatten den Hof als reinen Marktfruchtbetrieb ­geführt. Die Jungen bewirtschaften nun 95 Hektar, hauptsächlich Zuckerrübe, Mais, Gerste und Weizen. Der Schwiegervater hilft noch immer tatkräftig mit. Wie im Weinviertel üblich, gibt es schon lange keine Viehhaltung mehr im klassischen Sinn. „Außer die Einstellerpferde“, wirft die Jungbäuerin ein. Der ehemalige Kuhstall bietet Platz für zwölf Pferde. Seit Jahresbeginn haben sie auf Selbstversorgerbasis umgestellt, stellen nur die Boxen zur Verfügung. Die Einsteller haben eine Haltergemeinschaft gegründet, misten selber aus, besorgen das Futter und erledigen auch alles andere. „Das sei wirtschaftlicher und emotional einfacher, als die Rundumversorgung der Pferde und deren Besitzerinnen“, lacht sie. Marius hat ebenfalls studiert. Nach seiner Matura am „Francisco Josephinum“, der ältesten Agrarmittelschule Österreichs in Wieselburg, hat es ihn nach Wien gezogen, wo er seiner Leidenschaft frönte und Geschichte studierte. Das erklärt auch seinen Hang zur Monarchie. „Kammer und Koppel“ nennen sie ihre Frühstücks­ pension. „Das kann man so schön abkürzen, nämlich k.u.k.“, zwinkert die Hausherrin.

Foto: © Maria Geissberger

für ihre Gäste geöffnet. Man schläft in Zimmern mit klingenden Namen wie Franz Joseph oder Sisi. Hier ist der Gast nicht nur König, sondern Kaiser. Vier Blumen, die höchste Qualitätsauszeichnung von „Urlaub am Bauernhof“, versprechen ein gewisses Niveau und Service. Die Engelbrechts halten, was ihre vier Blumen versprechen. Auf Stil wurde wertgelegt. „Wir wollten das so und haben beim Umbau auch nicht gespart.“ Die Sanierung sei sehr kostspielig gewesen, weil sie die alte Grundsubstanz erhalten wollten. Ein ehemaliges Stallgebäude mit Deckengewölbe hat sich zum Hofcafé mit Wintergarten gemausert und dient gleichzeitig als Frühstücksraum.

Während ihrer ersten Schwangerschaft hat Regina Engelbrecht den landwirtschaftlichen Facharbeiter gemacht. Während der zweiten den Landwirtschaftsmeister. Weil es sie interessiert hat und weil sie sich auskennen und mitreden wollte. „Davor habe ich geglaubt, Landwirtschaft ist so kompliziert wie ein Atomkraftwerk, dabei stimmt das gar nicht. Jetzt weiß ich über Landwirtschaft fast genauso viel wie Marius selber.“ Zugute komme ihr auch ihr betriebswirtschaftliches Studium. Überhaupt sei sie hier am Betrieb „die eierlegende Wollmilchsau“. Dabei grinst sie selbstbewusst von einem Ohr zum anderen. „Ich kann halt alles – theoretisch, praktisch und auch Zertifikatsmäßig.“ Durch ihre Ausbildung an einer Tourismusschule hat sie die Gewerbeberechtigung und natürlich auch das nötige Service-Know-how,

um das Hofcafé zu führen. Durch ihr Studium sei sie ein extrem wirtschaftlich denkender Mensch, der stets eine Kosten-Nutzen-Rechnung im Kopf habe. Das erklärt auch, warum das eigentliche Hofcafé gar kein Café mehr ist. Am Morgen frühstücken hier die Gäste, am Abend trinken die Dorfjugendlichen ihr Cola-Bacardi. Die Rechnung mit dem Kaffeehaus, in das die Gäste kommen, um die selbstgemachten Mehlspeisen der Hausherrin zu genießen, sei leider nicht so ganz aufgegangen. Die Gäste seien nicht in dem erwünschten Ausmaß gekommen und der Kuchenkonsum habe sich in Grenzen gehalten. Begonnen habe die Wandlung zur Dorfbar mit einem 6er Karton Bacardi, den die beiden bei einem Einkauf probehalber mitgenommen hatten. Die Flaschen waren in Nullkommanix verkauft. „Na, die Rechnung war schnell ge-

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Regina und Marius ­Engelbrecht laden in ­ihren Urlaubs­ bauernhof. Mit ihren Kindern Leopold, Joseph und Franziska freuen sie sich auf ihre Gäste.


BETRIEBSFÜHRUNG

Foto: © Julia Pfeiffer

„Sommerfrische wie damals“: Der typische Weinviertler Bauernhof der Engel­ brechts liegt mitten am Dorfanger in Höbersdorf.

macht“, lacht sie. „Zwei Stunden in der Küche für 24 Stück Cremeschnitte, die du dann auch noch verkaufen musst. Oder sechs Flaschen Bacardi, die du nur ins Einkaufswagerl laden musst.“ Statt Kuchen und Co stehen seither überbackene Brote auf der Speisekarte und die Öffnungszeiten haben sich geändert. Statt nachmittags wird man nun abends von Donnerstag bis Montag ab 18 Uhr bedient. „Man muss eben manchmal seine Ideen den Gegebenheiten anpassen und das Beste draus machen.“ Die Café-Bar geht gut, mit dem Umsatz sind sie zufrieden. Hier trifft sich die Jugend, aber auch die Älteren kommen gerne vorbei.

DI ­Ulrike ­Raser arbeitet im Presse­ referat der LK Nieder­ österreich. Internet: www.kammer ­undkoppel.at

Die Arbeitsaufteilung am Betrieb ist eigentlich klassisch. Er ist für die Felder und Pferde verantwortlich. Sie für die Urlaubsgäste und die Café-Bar. Momentan beschränkt sich ihre Mithilfe aber auf die Büroarbeit. Mit drei Kleinen ist nicht viel mehr möglich. Marius macht das Frühstück für die Gäste und steht abends hinter der Schank. Außergewöhnlich für einen Mann? „Nein, ganz und gar nicht. Mein Mann zieht die leichtere Arbeit

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vor. Und Frühstück für die Gäste ist einfacher als drei kleine Kinder zu versorgen.“ „Gäste aus über 20 Nationen sind bereits hier gewesen“, erzählt sie nicht ohne Stolz. Von China über Amerika bis zu Russland. Na wenigstens könne sie ihre erlernten Fremdsprachen gut gebrauchen. Urlaubszimmer in dieser eher wenig touristischen, dafür aber agrarisch intensiv genutzten Gegend, erfordert schon etwas Mut. Die beiden haben es gewagt und sind mit der bisherigen Buchungslage auch relativ zufrieden. „Es könnte natürlich besser gehen. Wir haben erst das erste Jahr hinter uns und für so was braucht man halt Geduld, aber Geduld ist nicht gerade meine Stärke.“ Für die kaiserlichen Zimmer nordwestlich von Wien spricht die Nähe. Gerade einmal 30 Kilometer sind es bis zur Kaiserstadt. Für Familien hätten sie nicht das passende Angebot, „da fehlen die Tiere am Bauernhof und die unberührte Natur rundherum.“ Die Gäste sind hauptsächlich Einzelreisende für eine Nacht, die geschäftlich in den umliegenden Kleinstädten zu tun haben. Vereinzelt auch Pärchen, die sich Wien zwar anschauen, aber

lieber am Land nächtigen wollen. Manche würde aber auch das kaiserliche Thema anziehen. „Es ist einfach Teil unserer Geschichte.“ Außerdem bringe ein ganz toller Golfplatz in der Nähe ebenfalls Gäste. Die quirlige Frau engagiert sich auch außerhalb des Betriebes. Gleich nach ihrer Hochzeit, 2009, ist sie Ortsbäuerin geworden, eine der jüngsten Niederösterreichs. Sie war auch Obmann-Stellvertreterin in der Bauernbund Jugend Niederösterreich. Außerdem bringt sie sich aktiv ein, in die Perspektivengruppe „Zukunft Landwirtschaft 2040“, vor fünf Jahren von Agrarlandesrat Stephan Pernkopf gegründet. Von der Politik wünscht sie sich, „dass man es jungen Müttern ermöglicht, sich gesellschaftlich und politisch zu engagieren.“ Sei es durch Netzwerktreffen für Jung-Familien, um sich auszutauschen, oder durch Kinderbetreuung während Sitzungen und Veranstaltungen. Für die Zukunft hat sie schon wieder neue Ideen. „Wie wäre es mit Hochzeiten am Hof und anschließender Feier in der Bar?“ unserhof 2/2015


Österreichs beste Fabrik In St. Valentin liefen im Vorjahr knapp 10.500 Traktoren von 85 bis 230 PS vom Montageband. Zudem wurde Österreichs Traktorenschmiede Nr. 1 im Jahr 2014 mit dem Titel „Fabrik des Jahres 2014“ für die effizienteste Produktion ausgezeichnet.

Firmenbericht; Fotos: © CNH Industrial

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ereits zum fünften Mal wurde dieser Wettbewerb, der als härtester Produktionswettbewerb in Österreich gilt, von Fraunhofer Österreich und dem „Industrie Magazin“ ausgeschrieben. In St. Valentin werden überwiegend Traktoren der Marke „Case IH“ gefertigt. Immerhin jeder fünfte war der rot-weiß-roten „Steyr“-­ Baureihe zuzurechnen, mit zuletzt wieder gut 24 Prozent Marktanteil die meistgefragte Traktorenmarke von Vorarlberg bis ins Burgenland. Der Standort ist zugleich die Case IH-Konzernzentrale für Europa, Afrika und den Mittleren Osten. In St. Valentin gefertigt werden Kabinen, dazu kommt die Endmontage der Traktoren, u.a. mit Motoren aus Italien sowie anderen Komponenten aus Österreich, Deutschland, Belgien und anderen Ländern. Mehr als 7000 Teile braucht es, um einen gängigen Steyr-Traktor zusammenzuschrauben. 98 Modelle aus 24 Baureihen werden im Werk St. Valentin montiert, mit knapp 5000 möglichen Optionen, betont Werksleiter Andreas Kampenhuber stolz: „Bei einer Wiederholbarkeitsrate von 1,6 fertigen wir also keine zwei total baugleichen Traktoren pro Jahr.“

„Mit der im vergangenen Herbst verliehenen Auszeichnung reiht sich unser Werk in die Liste namhafter G ­ ewinner wie BMW Motoren, Bosch AG oder Magna Steyr ein“, freut sich der Fabrikchef. Sowohl die Optimierung als auch die „schlanke Produktion“ wurden von der Fachjury honoriert. „Besonders freut mich, dass die Jury ausdrücklich die Kompe­ tenz und die Leidenschaft unserer Mitarbeiter hervorgehoben hat“, sagt auch Christian Huber, Geschäftsführer CNH Industrial Österreich. Das innovative Case IH/Steyr-­ Traktorenwerk besucht und Einblicke in die Fertigung gewonnen haben auch heuer wieder weit mehr als 1000 Schülerinnen und Schüler im April bei den traditionellen „Schüler­tagen“. Diese sind weitaus mehr als ein

normaler Schulausflug. Sie wecken die Technikbegeisterung, präsentieren verschiedene Berufsfelder und machen darüber hinaus deutlich, dass Hightech-Maschinen nur von gut ausgebildeten und engagierten Mitarbeitern hergestellt werden können. Neben einer Werksführung – ­„World Class Manufacturing zum An­fassen“ – und einer Demonstration der neuesten Steyr-Modelle, wie dem 4130 Profi CVT, dem 4115 er ­Multi sowie den Flaggschiffen 6160 und 6170 CVT, hatten die Jugendlichen die Gelegenheit, ihre Geschicklichkeit mit den Traktoren unter Beweis zu stellen und diese selbst am Testgelände zu fahren, um sich selbst ein Bild von der Bedienerfreundlichkeit, Zuverlässigkeit und Leistung moderner Landtechnik zu machen, so Marketing­manager Josef Penzinger. „Nach dem Besuch wissen unsere Gäste, welch entscheidende Rolle Qualität in unserer Fertigung spielt“, ergänzt Rudi Hinterberger, Business-­ Direktor für Österreich, Schweiz und Slowenien. „Zudem findet der eine oder andere Besucher später den Weg zu uns als Fachkraft oder sogar als Ingenieur. Es wäre nicht das erste Mal, dass hier solche weitreichenden Perspektiven eröffnet werden“, so Werksleiter Kampenhuber.

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Internet: www. steyr-traktoren.com


BETRIEBSFÜHRUNG

Bock  auf Ziege! Alle zwei Jahre kürt die Österreichische Jungbauernschaft die Innovativsten aus ihren Reihen. Ende 2014 ging der Innovationspreis an Michael Mandl und Antonia Krenn aus Lichtenegg in der Buckligen Welt. Auch beim Besuch von unserhof ist dieser Pioniergeist zu spüren. Von Stefan Nimmervoll

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numstritten sei der Finalsieg der beiden 27 und 24 Jahre a­ lten Hofübernehmer gewesen, hieß es aus den Reihen der Jury. Diese war von der Qualität des Herstellungsprozesses ebenso

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überzeugt wie von der gänzlich neuen Vermarktungsstrategie sowie der Einführung umweltfreundlicher Verpackungen. Vieles, das in dem von Mandl und Krenn eingereichten Betriebs­konzept und ihrer Marke „Bock auf Ziege?“ angesprochen ­wurde, ist bereits gelungen, eini-

ges wird gerade umgesetzt. Und bei m ­ anchem wägt das junge Paar ­weitere Pläne gerade ab. Ihre völlig neu errichtete, 140 Quadrat­meter große Käserei, integriert in den bestehenden Hof, kann sowohl was den Baustil des Gebäudes, als auch die Einrichtung mit modernsunserhof 2/2015


ter Technik betrifft, mit großen Molkereien mühelos mithalten. Besucher können sowohl die Produktion durch großzügig eingesetztes Glas als auch die Ziegenhaltung im Stall einsehen. „Wir haben die Käserei bewusst baulich zwischen Stall und Ziegenweide integriert“, erzählt Antonia Krenn. Demnächst sollen diese zudem mit einer Brücke verbunden werden. Obwohl selbst nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen, geht die junge Bäuerin voll in ihrer Rolle als Managerin der Herde auf. „Wir waren gerade erst in Holland, um uns über verschiedene Aspekte der Ziegenhaltung zu informieren“, so Krenn. Vieles,

was dort gang und gäbe sei, wolle sie zwar daheim auf ihrem Betrieb gar nicht umsetzen; einiges konnte man sich aber für den eigenen Hof abschauen, um die Ziegenhaltung weiter zu optimieren. „Unser Ziel ist nicht die höchste Milchmenge, sondern die besten Inhaltsstoffe. Wir haben innerhalb kurzer Zeit schon viel erreicht.“ Rund 700 Kilogramm Milch pro Laktation leisten ihre Ziegen aktuell, 900 Kilogramm seien das Ziel, so Krenn. Dafür legen sie den an sich sehr heiklen Wiederkäuern „ein Gourmetmenü aus Klee, Gras und Luzerne“ vor. Und lassen sogar Pellets nach einem eigenen Geheim-

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Fotos: © Pistracher

BETRIEBSFÜHRUNG


BETRIEBSFÜHRUNG

Internet: www.ziegen hof.at

rezept pressen. Mit der Ziegenhaltung und der Produktion von Käsebällchen haben bereits die Eltern von Michael Mandl begonnen. Damals, im Jahr 1998, gab es auch noch 120 Maststiere am Hof. Im Laufe der Zeit stieg schrittweise der Absatz des Frischkäses und die Geißen mutierten zum Haupteinkommenszweig des Betriebs. Vor drei Jahren, 2012, übernahm Michael als Jüngster von acht Geschwistern den Hof und begann diesen umzugestalten. Auf zwei Standorten bewirtschaftet er heute rund 70 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche, besitzt 120 Ziegen der Rassen Saanen und Anglonubier, davon rund 80 Laktierende. Zuletzt hat das junge Paar in ein Melkkarussel

investiert, womit der tägliche Arbeitsaufwand für die Stallarbeit massiv reduziert werden konnte. Mit der Hofübergabe setzte ein Schub in der Vermarktung ein. So ist Mandls Ziegenkäse heute auch in regionalen Filialen von Spar und Merkur zu haben. „Wir liefern aber auch in die Spitzengastronomie, etwa ins Restaurant ‚Triad‘ in Bad Schönau oder an das Hotel Bristol in Wien“, erwähnt Mandl stolz. Mittlerweile komme man mit der Produktion der Spezialtäten kaum mehr nach. Deswegen wurde der Plan, auch Hartkäse zu produzieren, vorerst zurückgestellt. Momentan noch ungeklärt ist auch, wie es mit dem Bio-Status der Erzeugnisse weitergehen soll.

Innovationspreis Der Innovationspreis der Österreichischen Jungbauernschaft wurde erstmals 2009 ausgelobt. Die Bauernbund Jugend holt damit vorbildhaft engagierte und wirtschaftende junge Betriebsführer vor den Vorhang. Bewertet werden Produktions- und Dienstleistungsideen, die stark auf Markterfordernisse und Kundenwünsche ausgerichtet sind, zugleich aber in der Umsetzung auf ökologisch und sozial relevante Aspekte Bedacht nehmen. Innovatives unternehmerisches Handeln für eine nachhaltige Entwicklung in der Landwirtschaft ist ebenso ein Kriterium. Teilnahmeberechtigt sind Hofübernehmer und Betriebsführer, die das 36. Lebensjahr noch nicht überschritten haben und den Hof seit mindestens einem Jahr führen. Projektpartner des Innovationspreises ist die Raiffeisen Ware Austria. www.jungbauern.at

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„Unsere Produktion ist biologisch. Allerdings sei das Sonnenblumenöl, in dem die Käsebällchen eingelegt werden, nicht immer biologisch. Deshalb haben wir beschlossen, eine exklusive Bio-Linie herauszugeben, die nur in ausgewählten Biomärkten erhältlich sein wird.“ Völlig umgestaltet wird derzeit auch der Marktauftritt des Betriebes. Die alte, eher zu einem Bauernmarkt passende Aufmachung, wird durch moderne Etiketten und ein markanteres Logo ersetzt. Und ins Betriebskonzept werden laufend ökologische und soziale Gesichtspunkte integriert: „Wir wollen etwa bei der Wahl der Verpackungen bewusst ressourcenschonend agieren. Unsere Bällchen werden in Gläser abgefüllt. Und durch eine neue Kartonummantelung unserer Joghurts und Aufstrichbecher sparen wir 40 Prozent der bisher verwendeten Plastikmenge ein“, sagt Antonia Krenn. Auch würden in der Käserei nur biologisch abbaubare Reinigungsmittel verwendet. Forcieren wollen Michael Mandl und Antonia Krenn auch die Zusammenarbeit mit anderen Direktvermarktern in der Region. „Indem wir andere motivieren, den Mut zu haben, in ihre eigene Produktion zu investieren“, so Mandl. Nur wenn alle Direktvermarkter den Konkurrenzgedanken hintanstellen, zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen, werde die Region profitieren, sind die beiden überzeugt. unserhof 2/2015


Fotos: © Pistracher

Junge für Alte Dem Erhalt der Vie(h)lfalt haben sich in besonderem Maß die gut drei Dutzend Mitglieder der ARCHE Jugend mit ihren Aktivitäten verschrieben. Warum sie sich für alte Nutztierrassen ­einsetzen, haben Hannes Moser, Katrin Künig und Sandro Gstrein unserhof erzählt. Von Stefan Nimmervoll

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m elterlichen Hof von Katrin Künig tollen jede Menge junge Rinder und Ziegen herum. Deren Gemeinsamkeit: Sie gehören zu den seltenen Nutztierrassen, um deren Erhaltung sich eine Gruppe junger Landwirte in der „ARCHE Jugend“ besonders annimmt. „Die Tiere sind meine große Leidenschaft“, erzählt die 27-jährige Tirolerin, „darum verbringe ich neben meiner Arbeit als Key Account Managerin beim Walkwaren­hersteller Gießwein

möglichst viel Zeit bei ihnen.“ Die Wochenenden bei der Familie seien ebenso selbstverständlich wie der Almsommer, für den Künig ihren Urlaub verbraucht. Tiroler Grauvieh, Pustertaler Sprintzen, Tux-Zillertaler und Ennstaler Bergschecken bilden das bunte Potpourri im Stall des „Tischlerhofes“ in Achenkirch, der einmal von Katrin Künigs Bruder weitergeführt werden soll. Dazu kommen Blobe und Tauernschecken-Ziegen. Neben den seltenen Nutztierrassen, die mitgemolken werden, steht gängigeres Fleckvieh

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Hannes Moser, Katrin Künig und Sandro ­Gstrein hüten altes Zucht­ erbe.


im Stall, samt Nachzucht, in Summe 30 Stück Vieh. Ihre Begeisterung für die alten Rassen hat Katrin Künig mit anderen jungen Bauern zusammengeführt, die das Ziel mit ihr teilen, diese bekannter zu machen. Einer davon ist der 20-jährige Ötztaler Sandro Gstrein, der von einem Bergbauernhof in extremer Lage im Ski-Eldorado Sölden stammt. Seine Familie betreibt dort eine Skischule, bewirtschaftet zudem 4 Hektar Grünland – die Hälfte davon Bergmähder – und hält insgesamt zehn Stück Original Braunvieh. Gstrein konzen­ triert sich voll auf die Landwirtschaft und studiert nach seiner Matura in der HBLA Ursprung in Weihenstephan in Bayern. Gemeinsam mit der Salzburgerin Sissy Strubreiter (sie ist Tochter von ARCHE Austria-Obmann Thomas Strubreiter), die er bei einem Jungzüchtertreffen kennengelernt hatte, haben Gstrein und Künig im Herbst 2013 die ARCHE Jugend aus der Taufe gehoben. „Es hat für jede Rasse einen Jungzüchterclub gegeben, nur für die seltenen Nutztiere nicht“, erzählt Sandro Gstrein. Allerdings: „Für jede dieser erhaltenswerten Rassen extra etwas zu machen, würde den Rahmen sprengen. Außerdem würden wohl nicht allzu viele Leute zusammenkommen“, erklärt Gstrein. Dennoch zählt die ARCHE Jugend nur eineinhalb Jahre nach deren Gründung bereits 40 Mitglieder und ist in fast allen Bundesländern vertreten. „Das Interesse steigt kontinuierlich. Weil wir nicht alles selber machen können und wollen, haben wir Bundeslandsprecher eingeführt“, sagt Katrin Künig. Für Tirol ist das Hannes Moser aus Alpbach. Der kernige 25-Jährige, der auch schon als Kandidat bei „Bauer sucht Frau“ für Furore gesorgt hat, wird den Familienbetrieb mit insgesamt 30 Stück Vieh übernehmen. Neben Fleckvieh hält er auch Ennstaler Bergschecken sowie einige Pinzgauer Bergziegen. „Es hat einen Grund gegeben, warum die vielen positiven Eigenschaften dieser Tiere gerade bei uns so entstanden sind. Sie sind perfekt an die Anforderungen ihrer jeweiligen Heimat angepasst“, verweist Moser

Die Arche Jugend findet man übrigens auch auf www. facebook. com/ARCHE. Austria. Jugend

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auf die jahrhundertelange gezielte Zuchtarbeit in der Region. Gerade Bergbauern würden Nutztierrassen brauchen, die mit den schwierigen Bedingungen zurechtkommen. Außerdem könne so die Genetik vielleicht in Zukunft wieder vermehrt eingekreuzt werden. „Speziell wo Rinder gealpt werden, haben alte Rassen Vorteile, weil sie kleiner und leichter sind“, pflichtet Sandro Gstrein bei. Dazu kommt: Im neuen Förderprogramm bis 2020 wurde die Unterstützung für die benachteiligten Gebiete verbessert, daher sei gerade in den alpinen Regionen unter den Bauern die Stimmung sehr gut. Da fällt dann auch die geringere Leistung der alten Rassen nicht so sehr ins Gewicht. „Wo die Fläche fehlt, haben seltene Nutztierrassen Zukunft“, meint Hannes Moser. Generell sei die Bereitschaft, neben einer „Brotrasse“ auch traditionelle Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen oder Geflügel zu halten, auch bei immer mehr jungen Betriebsführern gegeben. Für Mitglieder der ARCHE Jugend ist es übrigens nicht zwingend nötig, selbst Tiere zu halten. Katrin Künig: „Wesentlich ist für uns, dass die Mitglieder die Rassen wertschätzen und sich für deren Produkte stark machen.“ Umgekehrt sei es auch schon gelungen, über die ARCHE Jugend die Eltern von jungen Mitgliedern zu einer Mitarbeit im Verein zu bewegen. Um die Vorzüge der seltenen Nutztiere noch breiter bekannt zu machen, hoffen Gstrein, Künig und Moser etwa auf die Erlaubnis und Einladungen an landwirtschaftlichen Fachschulen Vorträge halten zu dürfen. Durchwegs erfolgreich sei die Teilnahme an diversen Tierschauen. Gstrein: „Für eigene Veranstaltungen haben wir noch zu wenige Mitglieder. Immerhin ist es uns beim ‚Jungzüchterchampion‘ der Rinderzuchtverbände aber schon gelungen, einen eigenen Ring zu stellen.“ Die Reaktionen der Berufskollegen darauf seien positiv. „Grauvieh und Pinzgauer sind ja noch einigermaßen bekannt. Bei den anderen Rassen wissen aber auch viele Rinderbauern nicht, dass diese ein altes Kulturgut ihrer Heimat sind,“ schmunzelt das junge ARCHE-Trio.

Allein in Österreich sind knapp 50 Nutztierrassen gefährdet. Einige engagierte Züchter erkannten dies und gründeten 1986 den „Verein zur Erhaltung gefährdeter Haustierrassen“, die heutige „ARCHE Austria“. Der gemeinnützige Verein hat sich zum Ziel gesetzt, diese alte Rassenvielfalt und deren Gene als unwiederbringliches Kulturgut zu erhalten. Aktuell zählt die ARCHE Austria knapp 1.300 Vereinsmitglieder im gesamten Bundesgebiet und in Südtirol. Außerdem ist sie Zuchtverband der seltenen Schweinerassen Mangaliza und Turopolje und betreut österreichweit das Zuchtbuch beider Rassen. Mittlerweile gibt es 30 ARCHE-Höfe, zwei ARCHE-Almen und einen ARCHE-Park. Als „Rasse des Jahres 2015“ wurde heuer übrigens die Tauernschecken Ziege ausgewählt.

Wozu überhaupt alte Nutztierrassen züchten? Nun, sie liefern hochwertiges Fleisch, Milch oder Eier und liefern damit einen wichtigen Beitrag zur gesunden Ernährung der Menschen. Der Erhalt selten gewordener Nutztiere ist eine Bewahrung von Tradition und ist identitätsstiftend. Es dient der Erhaltung von Genressourcen, das unerschöpfliche genetische Potential ist auch Basis für künftige züchterische Fortschritte. Und nicht zuletzt stehen Blondvieh, Mangaliza, Brillenschaf, Altsteirer & Co für beste Umwelteignung, Klimaverträglichkeit und Krankheitsresistenz als mögliche Strategie oder Alternativen für kleinstrukturierte, extensive Landwirtschaft.

In Gefahr Rinder: Ennstaler Bergschecken, Kärntner Blondvieh; Jochberger Hummel, Murbodner Rind, Original Braunvieh, Original Pinzgauer Rind, Pustertaler Sprinzen, Tiroler Grauvieh, Tux-Zillertaler Rind, Waldviertler Blondvieh; Schweine: Mangaliza, Turopolje; Schafe: Alpines Steinschaf, Braunes Bergschaf, Kärntner Brillenschaf, Krainer Steinschaf, Montafoner Steinschaf, Tiroler Steinschaf, Waldschaf, Zackelschaf; Ziegen: Blobe Ziege, Gämsfärbige Gebirgsziege, Pfauenziege, Pinzgauer Ziege, Pinzgauer Strahlenziege, Steirische Scheckenziege, Tauernscheckenziege; Pferde: Huzulenpferd, Lipizzaner, Österreichischer Noriker, Shagya-Araber, Österreich-Ungarischer Weißer Esel; Geflügel: Altsteirer Huhn, Sulmtaler Huhn, Blaue Pute, Cröllwitzer Pute, Haubenente, Pommernente, Landgans; Bienen: Dunkle Biene; Kaninchen: Blaues Wienerkaninchen, Weißes Wienerkaninchen; Tauben: Wiener Weißschild, Wiener Kurze, Waldviertler Kröpfer, Österreichische Klätschertaube, Huhnschecken, Malteser; Hunde: Österreichischer Pinscher

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Internet: www. archeaustria.at


BETRIEBSFÜHRUNG

Waldwirtschaft nach Plan

Mit ihren Waldwirtschaftsplänen wollen die beiden befreundeten Jungbauern Bernd Koschier und Wolfgang Wassermann aus Kärnten Einkommen auf ihre Höfe holen und den Zustand ihrer Wälder verbessern. STEFAN NIMMERVOLL haben sie erzählt wie.

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ie Gemeinde Stockenboi am Weißensee: Von mehr als 100 Quadratkilometern Gemeindefläche sind drei Viertel Forst. Viele kleine Höfe im Nebenerwerb. Mutterkuhhaltung und etwas Milchlieferung. Im Sommer Almwirtschaft auf den Bergen der Umgebung. Die Agrarstruktur in der idyllischen Gemeinde, die sich zwischen Spittal und Villach in einem Seitental des Drautales bis

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ans Ufer des Weißensees erstreckt, ist rasch erklärt. Intensive Produktion ist hier ebenso wenig möglich wie nennenswertes Wachstum. Und dennoch werden viele Höfe auch von der nachrückenden Generation mit viel Idealismus und Begeisterung bewirtschaftet. Weil das Einkommen aus der Rinderhaltung eingeschränkt ist, nimmt die Forstwirtschaft für die Bauern der Region einen entscheidenden Stellenwert ein.

So betrachtet stehen die Betriebe von Bernd Koschier und Wolfgang Wassermann beispielhaft für viele Höfe in der Region. Was das Engagement im Forst betrifft, repräsentieren die beiden aber einen Paradigmenwechsel, bei dem die Waldentwicklung völlig neu betrachtet und das Einkommen daraus „nachhaltiger“ erzielt wird. Statt den Wald als „Sparkasse für Notzeiten“ zu betrachten, planen die Forstwirte ihre Entwickunserhof 2/2015


lungsschritte auf Jahre hinaus und wollen den Gesamtzustand heute bereits für die nächste Generation verbessern. Basis für jede Entscheidung sind die Waldwirtschaftspläne, mit Hilfe derer sie den Zustand ihres Besitzes genau kennen. Bernd Koschier, 32, vulgo „Burgstaller“, nennt 54 Hektar Wald sein eigen. Der Hof auf 850 Meter Seehöhe umfasst zudem 20 Hektar Grünland, von dem 24 Mutterkühe gefüttert werden. Koschier hat Landmaschinenmechaniker gelernt und war Monteur im Außendienst, bis er draufgekommen ist, „dass das kein Beruf bis zur Pension ist.“ Nebenbei hat er später eine Abend-HTL für Maschinenbau versucht und arbeitet seit

der Übernahme des Hofes im Jahr 2009 zwei Tage außer Haus. Seine Wälder liegen schattseitig zwischen 750 und 1.200 Meter Seehöhe und sind mit Fichten, Kiefern, Buchen und vereinzelt mit Lärchen und Tannen bestockt. Noch extremer ist die Lage des Bergbauernhofes von Wolfgang Wassermann, vulgo Müller. Seine Familie hält fünf Mutterkühe, um die 14 Hektar Grünland am Betrieb offen zu halten. Dafür bewirtschaftet der 30-Jährige auch 60 Hektar Wald in einer Seehöhe von 1.200 bis 1.700 Metern. Wassermann hat nach der dreijährigen Fachschule eine Heimlehre mit Abschluss als Forstfacharbeiter gemacht. Nachdem er 2011 seinen

Landwirtschaftsmeister abgeschlossen hat, ist er gerade dabei, auch den Meister für Forstwirtschaft zu machen. Wassermann ist im Vollerwerb am Hof, geht aber, wenn es die Zeit erlaubt, auch auswärts in den Wald. Beide Hofübernehmer sind Mitglied in der Waldwirtschaftsgemeinschaft Stockenboi, die für ihre Mitglieder die Vermarktung des Holzes, aber auch die Organisation von Lohnarbeiten und die Information über aktuelle Entwicklungen übernimmt. So wird etwa ein kleiner Harvester geholt, den alle Mitglieder zum Einheitspreis nutzen können. „Über die Gemeinschaft können auch kleinere Lieferanten einen guten Preis erzielen und Sondersortimente anbieten“,

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Fotos: © Pistracher

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erzählt Wolfgang Wassermann. Als zweite Variante biete sich der Verkauf über den Forstbetrieb Foscari, der auch einen Holzhandel betreibt, an. Damit stünden Alternativen zum lokalen Großabnehmer Hasslacher zur Verfügung, der sonst den Preis in Oberkärnten diktieren könnte. Auch wenn der Baumbestand aufgrund der unterschiedlichen Lage der Wälder von Bernd Koschier und Wolfgang Wassermann verschieden ist, standen die beiden bei der Übernahme vor derselben Herausforderung. „Wir hatten aus der Geschichte heraus Durchforstungsrückstände“, so Koschier, „aus unseren Wäldern wurde nie mehr schlechtes Holz entnommen als wir eigenes Brennholz gebraucht haben.“ Der Begriff „Biomasse“ sei bis vor kurzem noch ein Fremdwort gewesen. „Heute bringen wir sogar Stauden weiter.“ Zusätzlich habe ihm der Sturm „Paula“ einen Hektar hiebreifen und drei Hektar 60-jährigen Wald zerstört, so Koschier. Auch Wolfgang Wassermann hatte in seinem Bestand einiges aufzuholen: „Vor drei Jahren hatten wir viele Rückstände. Nach dem Krieg sind große Flächen aufge-

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forstet worden. Dort wurde 60 Jahre lang wenig gemacht.“ Mittlerweile habe er von 22 Hektar bereits 17 durchgeputzt und hoffe, in den nächsten drei Jahren fertig zu werden. Basis aller forstlichen Entscheidungen ist für die beiden Kärntner der Waldwirtschaftsplan, mit dem die Bestände, die Altersstruktur und die Bonität erfasst werden. „Dieser ist eine Inventur, die zeigt, was man hat und wie man planen kann“, empfiehlt Wassermann. Wichtig sei für ihn gewesen, diesen nicht erstellen zu lassen, sondern die Bewertung selbst vorzunehmen, um seinen Wald besser kennenzulernen. Im Hause Koschier wurde der Waldwirtschaftsplan bereits vor zehn Jahren vom Vater erstellt und wird nun von Junior Bernd abgearbeitet: „Mit der Bestandserfassung weiß ich ganz genau, was ich wo habe und kann bei der Vermarktung schauen, was der Markt gerade braucht.“ Koschier ist bewusst, dass er momentan mehr nutzt, als nachwächst. „Ich will die Rückstände jetzt rasch aufholen und in 15 bis 20 Jahren nochmals durchforsten. Öfters als zwei Mal kann ich den Wald in meiner

Karriere ohnehin nicht nutzen.“ Beide Forstwirte wollen in Richtung Plenterwald gehen, um gut durchmischte und stabile Bestände zu erzielen. Naturverjüngung statt Kahlschlag lautet die Devise. „Die Bäume müssen von Beginn an genügend Platz haben. Daher muss so früh wie möglich durchforstet werden, nicht erst, wenn sie 10 Meter hoch, aber nur 10 Zentimeter stark sind. Wer beim Durchforsten auf Zack ist, kann 20 Jahre früher ernten.“ Dabei sei auch der Waldpflegeverein gefordert, die Forstwirte zu einer zeitigen und genauen Erstdurchforstung anzuhalten. Ein großes Thema ist für Bernd Koschier auch der Klimawandel: „Auf der Alm in 1.500 Meter Höhe wachsen plötzlich wilde Rosen. Diese Veränderung wird auch den Wald betreffen.“ Da ein Wald 100 Jahre brauche, sollte man sich heute schon Gedanken machen, was dann sinnvoll und gefragt sei. „Natürlich gehört Glück dazu, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber wer nichts tut, hat schon etwas falsch gemacht.“ Auch hier helfe der Waldwirtschaftsplan bei den Entscheidungen. Umso bedauerlicher sei es,

dass sich viele Kollegen nicht damit beschäftigen würden. „Selbst in einer derart forstorientierten Gemeinde wie Stockenboi haben nur vielleicht ein Drittel der Betriebe einen Waldwirtschaftsplan.“ Sollte es zu keinen unvorhersehbaren Naturkatastrophen kommen, werde der Holzpreis in den nächsten drei bis fünf Jahren stabil sein, glaubt Wolfgang Wassermann. Mit dem aktuellen Niveau könne man arbeiten, auch wenn Kärnten anders als andere Bundesländer keinen dreistelligen Holzpreis habe. „Andererseits lag der Preis vor zehn Jahren noch bei nur 68 Euro.“ Gerade bei den Durchforstungen sei es aber notwendig, so viel wie möglich selbst zu machen, um Geld zu verdienen. „Wir sind den ganzen Winter im Wald und holen uns nur Unternehmer, wo es unbedingt notwendig ist“, so Bernd Koschier, „bei Erstdurchforstungen kommt sonst nicht mehr als eine Null heraus.“ Dem pflichtet Wolfgang Wassermann bei: „Wenn man es selber macht, bleibt e ­ twas über. Die Waldarbeit ist natürlich intensiv, aber auch etwas, das mir sehr viel Spaß macht.“

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Landwirtschaft in Echtzeit New Holland hat sich das Ziel gesetzt, Landwirte und Lohnunternehmer auf jeden Acker zu bringen, auch wenn sie manchmal Hunderte Kilometer vom Einsatzort entfernt sind. Das ist nun möglich: dank dem Telemetriesystem „PLM Connect“.

Foto: ©New Holland

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vom Büro aus sofort die richtigen Maßnahmen getroffen werden, sogar der Kraftstoffverbrauch der Traktoren oder Erntemaschinen kann optimiert werden. Die Fahrzeuge sind nicht nur mit dem Betrieb verbunden, sondern auch untereinander. So kann etwa der Mähdrescher Ertragskarten an die Feldspritze übermitteln, um Ausbringmengen entsprechend zu optimieren. Das intuitiv bedienbare Terminal in der Kabine ermöglicht es dem Fahrer, wichtige Betriebsparameter im Auge zu behalten und mit dem Büro zu kommunizieren. Das benutzerfreundliche Webportal erlaubt eine genaue Verwaltung aller Daten und erleichtert eine schnelle Entscheidungsfindung anhand von Echtzeitdaten. PLM Connect ist in zwei Ausbau­ stufen verfügbar: „Essential“ nennt sich das Basispaket, das hersteller­ unabhängig nachrüstbar ist. Mit Fahrzeugkartierungs- und Überwachungsfunktionen ermöglicht es eine genaue Kontrolle der Aktivitäten auf dem Feld. So können die Arbeitsergebnisse von verschiedenen Fahrern und Feldern verglichen werden, die besten Arbeitsmethoden ermittelt und die Leistung maximiert werden. „Professional“ dagegen garantiert vollen Funktionsumfang. Es funktioniert exklusiv auf den Traktoren

der New Holland Serien T7, T8 und T9, den CR-Mähdreschern und den Feldhäckslern der FR-Serie. Auch hier werden präzise Betriebsdaten an das Betriebsbüro übermittelt, anhand derer unmittelbar notwendige Fernkorrekturen von Maschinenparametern vorgenommen werden können. Fahrern können zudem Anweisungen zur Verbesserung der Produktivität und Arbeitseffizienz gegeben werden. „PLM Connect Live“ ermöglicht es Flottenmanagern, eine Echtzeitverbindung zu ihren Fahrzeugen herzustellen, auch wenn diese Hunderte von Kilometern entfernt sind. Darüber hinaus bietet das System weitere nützliche Funktionen, wie Geozäune und Sperrzeiten für einzelne Maschinen. Bei Überschreitung der räumlichen oder zeitlichen Grenzen erhält der Betriebsleiter sofort eine Benachrichtigung per E-Mail. Diese Funktionen werden zum Diebstahlschutz und zur effizienteren Flottenplanung eingesetzt. Nachhaltige und effiziente Praktiken stellen die Zukunft der Landwirtschaft dar. Landwirte werden damit weltweit qualitativ hochwertige Nahrungsmittel und saubere Energie erzeugen. Mit PLM Connect kann New Holland einen Teil dazu beitragen, dieses Ziel zu erreichen.

Firmenbericht

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evölkerungswachstum, kürzere Erntefenster und Fachkräftemangel sind nur ein paar der Herausforderungen, denen sich die Landwirtschaft im 21. Jahrhundert stellen muss. Auch in der Landwirtschaft müssen heute in Sekundenschnelle Entscheidungen getroffen werden, die großen Einfluss auf die Rentabilität eines Betriebs Betriebs haben können. Dank der Mobilfunktechnik können Maschinenpark-Manager dynamische Echtzeitdaten zu jeder Maschine am Feld empfangen, diese Daten sofort auswerten und anhand der Ergebnisse die richtigen Entscheidungen für jede Maschine an jedem Ort treffen. Das neue Telemetriesystem PLM Connect von New Holland ist offen für alle Marken, verknüpft sämtliche Maschinen eines Betriebs, ist über ein Webportal einfach und individuell anpassbar und wird bei Bedarf unterstützt durch eine Service-­Hotline. ­Moderne Agrarunternehmen schätzen diese Flexibilität, weil sie der Schlüssel zu einer höheren Produktivität und Rentabilität ist. PLM Connect ist mit allen Maschinen- und Gerätefabrikaten voll kompatibel. Dank der Verfügbarkeit von aktuellen Einsatzdaten können bequem


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Das tägliche Leben der vielen Kleinbauern Albaniens auf ihren bescheidenen Höfen ist auch zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Ende des Kommunismus weit von EU-Standards entfernt. Mittlerweile sehen einige diese Rückständigkeit als Chance für Ökotourismus mit Urlaub am Bauernhof und regionalen Bio-Spezialitäten. Und nennen Österreich als Vorbild. Von Stefan Nimmervoll

Fotos: © Fotolia, Nimmervoll

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ahrzehntelang war Albanien ein Staat, der praktisch aus der Zeit gefallen war. Anders als die anderen kommunistischen Regime Europas orientierte sich die frühere Sozialistische Volksrepublik nicht an der Sowjetunion, sondern lange Zeit an deren Gegenspieler China, und war daher in Europa politisch völlig isoliert. Die Abschottung der Bevölkerung nach außen war ähnlich massiv wie bis heute in Nordkorea. 1990 erreichten die Volksaufstände dennoch die Hauptstadt Tirana und sorgten für den Sturz des Regimes. Es folgten der komplette Zusammenbruch des maroden Staatssystems und ein Exodus breiter Teile der Bevölkerung ins Ausland. Trotz des

eigentlich beeindruckenden Wachstums der Wirtschaft ist Albanien bis heute von Lethargie und postkommunistischer Gleichgültigkeit der an die fürsorgliche Hand des Staates gewöhnten Bevölkerung geprägt. Je weiter entfernt von Tirana, desto mehr fehlt es an grundlegender In­frastruktur, wie zeitgemäßen Straßen, an Müllentsorgung oder überhaupt kommunaler Verwaltung. Mangels ausländischer Investoren und nennenswerter Industriebetriebe gilt die Landwirtschaft als Hoffnungssektor in dem an sich fruchtbaren Land an der Adriaküste, kaum 1000 Kilometer von Österreich entfernt. Allein die Struktur mit einer Betriebsgröße von im Durschnitt gerade einmal 1,3 Hektar ist eine

gewaltige Herausforderung. Unter dem Diktator Enver Hoxha war Albanien eines der am konsequentesten kollektivierenden Länder mit kommunistischer Führung. Privatbesitz war bis auf einen kleinen Gemüsegarten, eine Kuh und ein paar Hühner völlig verboten. Die Staatsbetriebe arbeiteten vergleichsweise erfolgreich, ihre Güter wurden aber für den Export gebraucht. Nach der Wende wurden diese Großbetriebe aber nicht wie anderswo an Investoren verkauft. Viele überalterte Gebäude für die Viehhaltung wurden abgerissen, jedem Landbewohner rund ein Hektar Land zugewiesen. Auf einen Schlag gab es 430.000 Bauern. Ihre Zahl hat sich seither wieder auf 360.000 verrin-

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gert. Den Meisten fehlt aber sowohl jedwedes Wissen über die richtige Kultivierung ihres Bodens als auch die nötige Maschinenausstattung, um die Flächen zu bewirtschaften. „Systeme, die eigentlich funktioniert haben, wurden zerschlagen“, beklagt der Agronom Zef Gjeta. „Früher waren zwei Drittel des Ackerlandes bewässert. Heute sind es mangels Wartung der Kanäle und der kleinen Felder nur mehr ein Fünftel.“ In den 1990er Jahren sei der Großteil des Landes überhaupt nicht bewirtschaftet worden, „weil niemand eine Idee davon gehabt habe, wie man das anstellen solle.“ Mittlerweile ist die Landwirtschaft wieder das Rückgrat der albanischen Wirtschaft – weniger einkommensbedingt, sondern weil sie weite Teile der Landbevölkerung, für die es ohnehin keine Arbeitsplätze gibt, zu Selbstversorgern macht. Ware für den Markt liefern diese aber kaum, weswegen Albanien nur 60 Prozent seines Lebensmittelbedarfes selber decken kann. „Vor allem in den unzugänglichen Bergtälern gibt es nur mehr Alte und Kinder, weil alle Arbeits­fähigen längst nach Tirana oder gleich ins Ausland gegangen sind, um dort ihr Glück zu versuchen“, weiß Zef Gjeta. „Immerhin kehren vereinzelt Leute, die etwa in Italien als Erntehelfer gearbeitet haben, auf ihre Höfe zurück.“ Vor allem entlang der fruchtbaren Küste, wo Gemüse angebaut werden kann, gebe es einige Betriebe, die trotz ihrer Kleinheit sehr erfolgreich seien. Einkommen auf die Höfe bringen wollen nicht wenige auch mit dem Sammeln von Wildkräutern. Im Berggebiet, das zwei Drittel Albaniens einnimmt, sei dies die einzige

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Möglichkeit für die Bauern, etwas zu verkaufen. „Die Höfe haben dort nur sehr kleine Kulturflächen, auf denen sie das anbauen, was sie selber essen oder als Futter für ihre Tiere brauchen“, berichtet Ariel Daci. Mit seiner Firma „Agroherbal“ kauft er bei rund 50 Sammelpunkten 200 verschiedene Wildkräuter auf und handelt die Ware dann an Firmen im Ausland weiter. „Im ganzen Land werden jedes Jahr rund 20.000 Tonnen Kräuter angebaut und gesammelt. Damit sind Kräuter unser drittwichtigstes Exportgut.“ Die hohe Qualität der albanischen Bergkräuter sei bereits zu kommunistischen Zeiten international bekannt gewesen. „Heute sind wir in einer besonderen Situation, weil sich das Sammeln in Ländern mit entsprechender Tradition wie in Frankreich nicht mehr rechnet.“ Derzeit leide die Branche aber an einem Preisver­fall wegen Überproduktion. „Im Prinzip ist unsere gesamte Ware bio. Allerdings ist es schwer, dafür Zertifikate zu bekommen“, sagt Daci. Er arbeitet mittlerweile mit namhaften Handelspartnern, wie etwa dem Waldviertler Kräuterspezialisten „Sonnentor“, zusammen. Was für die Bio-Käuter zutrifft, gilt auch für viele andere Agrarprodukte. Lange Zeit mussten die Neo-Bauern Albaniens mangels Geld für chemi-

sche Spritzmittel ohnehin „bio­logisch“ wirtschaften. Mittlerweile können viele Subsistenzbetriebe auf geschlossene Nährstoffkreisläufe verweisen. Mit einer glaubwürdigen Kontrolle der Gemüseproduktion oder auch bei Käse könnte eine Nische im Export erschlossen werden. Noch fehlt aber oft das Know-how, wie man erfolgreich produziert, so Agim Rameta, dem in der Gemüsebauregion bei Durres die Firma „Arli International“ gehört. Er handelt mit Betriebsmitteln für konventionelle wie biologische Betriebe und bietet seinen Kunden gratis Anwender-Schulungen. Die Kleinheit der Höfe sei ein Problem, um ein größeres Angebot zu schaffen, so Rameta. Allerdings wären die meisten Albaner so stolz auf ihren Grundbesitz, dass sie ihn nicht hergeben wollen. „Daher lassen viele, auch wenn sie auswandern, ihr Land lieber brachliegen, als es zu verpachten oder zu verkaufen.“ Auch die Verwaltung liegt noch im Argen: Es fehlt ein exaktes Buch, um überhaupt erst den Verkauf von Land zu ermöglichen. „Deshalb ist Agrarland in Albanien auch teurer als in den meisten EU- Ländern“, so Zef Gjeta – und daher für ausländische Investoren kaum interessant. Attraktionen Albaniens sind seine abenteuerliche Natur sowie die archaischen Dörfern in den Bergen. Längst hat sich hier ein Trekkingund Abenteuertourismus entwickelt, der (noch) als Geheimtipp gilt. Künftig will man vermehrt Gäste anlocken, die auf den Höfen schlafen und den Kleinbauern ihre Lebensmittel abkaufen. Österreich gilt dafür als Vorbild. Der Weg zu ähnlichen Erfolgen ist weit. Die natürlichen Voraussetzungen dafür sind aber vorhanden. unserhof 2/2015


VIE FA T Z eig uns s Österreicth #Vielfal m ra au f Instagsw ert @istleben

MIT DER KRAFT DER LANDWIRTSCHAFT.

Silvia Fuchs und Bernhard Perwein bringen unser Land zum Aufblühen. Denn Österreichs Bäuerinnen und Bauern tragen maßgeblich zu unserem weltweiten wirtschaftlichen Erfolg bei. Und sie schützen und erhalten die Artenvielfalt auf unseren Wiesen: Das macht Österreich zu einem der artenreichsten Länder Mitteleuropas. Damit die ca. 68.000 heimischen Tierund Pflanzenarten auch in Zukunft erhalten bleiben, fördert das Agrarumweltprogramm ÖPUL die ressourcenschonende Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Flächen. Wie Österreich dadurch zum internationalen Vorreiter bei nachhaltiger Landwirtschaft wurde, erfahren Sie auf bmlfuw.gv.at/zukunftsraumland

Entgeltliche Einschaltung

Bernhard Perwein Milchbauer und Direktvermarkter aus Leogang bmlfuw.gv.at/perwein

Foto Magerwiese: ©Mathilde Stallegger, St. Georgen am Längsee

Silvia Fuchs Jungbäuerin aus Westendorf bmlfuw.gv.at/fuchs


Landfluch(t): Ab in den Westen!

In den vergangenen Jahren haben zehntausende Menschen zeitweise, die meisten aber dauerhaft ihre Heimat in Mittel- und Osteuropa verlassen, darunter auch viele mit Agrarausbildung. Zurück bleiben Alte und Kinder. Mancherorts sind bereits ganze Landstriche verwaist. Personal fehlt nicht nur im Spitals- und Pflegebereich, sondern auch in Ställen und auf den Feldern. Von Bernhard Weber

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ie strömen in Hundertschaften aus Rumänien oder Bulgarien nach Spanien, aus der Slowakei nach Irland und aus Polen nach Deutschland, Italien oder Skandinavien. Zur Obsternte, als Spargelpflücker, auf Gemüsebaubetriebe, in Stallungen. Manche für einige Wochen, viele für mehrere Monate, die

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meisten mittlerweile auf Dauer. Überwiegend kommen sie per Pendler-Bus, manche auch im eigenen PKW, die wenigsten im Billig-Flieger. Wanderarbeiter, Erntehelfer, Saisonarbeiter – am ehesten aber trifft die Bezeichnung Landflüchtige zu. Sie stammen aus Dörfern weitab von Warschau oder Bukarest, aus den entlegenen Gegenden der Ukraine, zunehmend auch aus

Russland – an sich allesamt Regionen mit enormem Potential, gerade für Landwirtschaft – oft echte Gunstlagen dank Schwarzerde-Böden, wenn auch fernab vom Schuss. Ebendort, beklagte jüngst ein Manager aus der Landmaschinenbranche, führe die massive Landflucht bereits zu einer Verödung ganzer Landstriche. Mittlerweile sei es schwierig, agrariunserhof 2/2015


Fotos: © Landpixel

BETRIEBSFÜHRUNG

sche Fachkräfte, aber auch Landarbeiter für Stall und Feld, ja sogar Traktoristen zu finden. Wer konnte, sei längst weggezogen aus dem ärmlichen Umfeld. Umso schwieriger sei je weiter gen Osten die neuerliche Erschließung von Ackerflächen, der (Wieder-) Aufbau moderner Agrarbetriebe. Vor allem seit für viele osteuropäische Arbeitnehmer die letzten Schranken auf den EU-Arbeitsmärkten fielen – 2011 etwa für Polen, 2014 für Rumänen – hat sich in Westeuropa auch die Zahl der Saisonarbeiter schlagartig erhöht: Während Italien oder Spanien bereits davor den Zugang besonders rasch liberalisiert und nahezu sämtliche Restriktionen beseitigt hatten, hielten Länder wie Deutschland, Österreich, aber auch Frankreich oder die Beneluxländer ihre Beschränkungen der Erntehelfer-Kontingente so lange wie möglich aufrecht. Fast 80 Prozent der auf Westeuropas Agrarbetrieben arbeitenden Rumänen sind zwischen 23 und 47 Jahre alt und damit im besten Alter. Ihre Abwanderung sei für das Land selbst ein großer Verlust, Rumänien habe größtes Interesse an ihrer Rückkehr, betonen Politiker in Bukarest. Man könne aber mit den Angeboten der reicheren EU-Länder nicht mithalten. Immerhin ein Wermutstropfen der Migration: Sie entlastet die Zahlungsbilanz. Die von den Migranten in die Heimat überwiesenen oder am Saison­ ende nach Hause gebrachten Gelder sind sogar höher als die ausländischen Direktinvestitionen. Zudem brächten einige Rückkehrer nicht nur neue Fertigkeiten mit, sondern auch eine andere Mentalität und Arbeitseinstellung. Ein gutes Geschäft sind die Erntehelfer auch für den Westen, arbeiten Osteuropäer doch auch „für eine Handvoll Euro“ und das sogar zwölf Stunden pro Tag, mancherorts unter „menschenunwürdigen Bedingungen“, wie das Magazin „Datum“ 2014 in einem Themen-Schwerpunkt kritisierte. Recherchiert wurde dafür im Seewinkel im Burgenland. Fragen an die rumänischen Erntehelfer nach der Gurken­ ernte vor ihren Container-Quartieren wurden dort nicht gerne gesehen.

Die Auskünfte über die Entlohnung gingen weit auseinander: „Drei Euro pro Stunde sagen sie, wenn ihnen niemand einsagt“, schreibt Datum. Einige Tage später am Telefon widersprach der Gemüsebauer seinen Erntehelfern. Alle seien angestellt, bekämen etwa sechs Euro pro Stunde. „Um drei Euro finden Sie niemanden, der für Sie arbeitet.“ Zur Hochsaison beschäftigt er 75 Ungarn und Rumänen. „Die sollen froh sein, dass sie Arbeit haben“, erfuhr der Datum-Redakteur im Dorf. 2012 seien im Burgenland 159 landwirtschaftliche Betriebe kontrolliert und dabei 254 Verstöße gegen das Arbeitsrecht festgestellt worden. Im Südburgenland soll ein Erntehelfer laut „Kurier“ im Herbst 2012 für 336 Arbeitsstunden 430 Euro bekommen haben. Und auch in Tirol streikten d ­ amals 50 Erntehelfer, weil ihnen weder Sonntags- noch Überstundenzuschläge bezahlt wurden. Laut ÖGB passierten ständig Verstöße gegen das Lohnund Sozialdumpinggesetz, schreibt Datum. Je nach Bundesland gibt es für Erntehelfer einen Kollektivvertrag, der ein Einkommen zwischen 1.100 und 1.250 Euro brutto vorsieht. Der Nettostundenlohn würde damit etwa sieben Euro betragen. Für Kost und Logis werde den Meisten aber nach einer 40-Stunden-Woche rund ein Drittel abgezogen, heißt es. Bleiben 600 bis 700 Euro netto oder 3,75 bis 4,40 Euro pro Stunde. Viele Ernte­helfer bekämen „nicht einmal die Hälfte von dem bezahlt, was ihnen zusteht“, zitiert Datum René Schindler, Bundessekretär für Soziales und Recht bei der Produktionsgewerkschaft „Pro-Ge“. Unzumutbar seien auf einigen Höfen auch die Arbeits- und Wohnbedingungen für Ausländer. In ihren Herkunftsländern in Mittelund Osteuropa kommt es als Folge der Abwanderung Tausender Väter und Mütter längst zu sozialen Engpässen: Das Phänomen „Care-Drain“ beschreibt Betreuungsengpässe, die entstehen, wenn etwa Eltern aus Ländern wie der Ukraine oder Moldawien auswandern, um die Versorgungslücke in Pflegeberufen, aber auch im Agrarbereich in EU-Ländern zu schließen – und die Betreuung ihrer eigenen

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Familien – Kinder und Großeltern – anderen überlassen müssen. Schätzungen zufolge gibt es heute allein in den Ostländern der EU etwa 500.000 Kinder, die von einem oder beiden Elternteilen aufgrund einer Erwerbstätigkeit im Ausland zurückgelassen wurden. In einigen Regionen wandern zudem überproportional viele junge Frauen aus den strukturschwachen Räumen ab, daher weisen ländliche Räume eher Männerüberschüsse auf. Ein Problem, das sich zunehmend auch in Westeuropa zeigt. Fest steht aber auch: Inländer machen die harte Arbeit am Feld, in der Plan-

tage oder im Weingarten nicht mehr. Bis zu 12.000 Menschen aus Osteuropa braucht es allein in Österreich, um Gemüse, Obst und Trauben zu ernten. Aber auch in der Waldarbeit kommen immer öfter Gastarbeiter zum Zug. Wie es diesen Helfern dabei geht, habe bisher kaum jemanden interessiert. Einfach zum Nachdenken ist auch folgende Analyse Schindlers: „Unser Verdacht ist, dass es üblich ist, sie nicht ordentlich zu beschäftigen. Unsere Sorge dabei ist auch, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb, der seine Ernte­helfer alle korrekt und gut behandelt, ein bisschen als der Dumme dasteht.“

Die globale Flucht in die Städte hat begonnen Im Zuge der Globalisierung hat offenbar eine massive Landflucht in aller Welt eingesetzt. Große Metropolen saugen Menschen aus allen Teilen der Erde auf. Die Folge: Für die globale Industrie stehen mehr billige Arbeitskräfte zur Verfügung. Die Städte können mit diesem dramatischen Wandel meist nicht mithalten. Wobei: Europa, allen voran Deutschland oder Österreich, sind für Migranten uninteressant. Die Massen zieht es in die Mega-Citys in Asien, Afrika und Lateinamerika. Ein Forscherteam von Facebook hat einen Vergleich der Geburtsorte der Nutzer mit ihren aktuellen Wohnorten erstellt. Das Ergebnis ist ein Ranking jener zehn Städte weltweit, in die es den größten Zuzug von außen gibt. Die Destinationen liegen auf der ganzen Welt verstreut. Zu finden sind sie in Ländern, in denen die Urbanisierung schnell voranschreitet. In diesen Gebieten sind mindestens 20 Prozent der allgemeinen Bevölkerung von einer Stadt in eine andere umgezogen. So ist Lagos in Nigeria von 2000 bis 2012 um 566.000 Bewohner oder ganze 18,6 Prozent gewachsen. Auf Platz zwei findet sich Istanbul (387.000; +11,7 %) vor Bogota (370.000; + 4,8 %). Ein großer Teil der Migranten stammt hier aus anderen Teilen der Türkei. Der Rest komme vor allem aus Osteuropa. In den vergangenen Jahren hat sich die Türkei immer mehr von ihrem Status als Transitland

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verabschiedet. Diese Wanderungen haben vor allem wirtschaftliche Motive. In Istanbul etwa gibt es eine starke Migrations-Bewegung aus Bulgarien. Unter den Zugezogenen sollen sich jedoch nur wenige qualifizierte Fachleute befinden, wird berichtet. Dies dürfte in absehbarer Zeit zu erheblichen sozialen Problemen führen. Schon jetzt ist die Infrastruktur in Istanbul überfordert, das treibt die Immobilienpreise in die Höhe. Die Städte sind überfordert und auf den Massen-Zuzug von ungeschulten Arbeitskräften nicht vorbereitet. Westeuropa ist nur mit London in den Top 10 vertreten. Die britische Metropole an der Themse findet sich mit einem Wachstum von 270.000 Menschen oder 1,4 Prozent auf Platz zehn der Auflistung. Rund 94 Prozent der Migranten stammten aus Großbritannien selbst. Den Daten zufolge werden Länder wie Indien, Nigeria und die Türkei zunehmend urbanisiert. Viele Menschen aus ländlichen Gebieten zieht es mittlerweile in die großen Städte. Für die meisten Destination in den Top 10 (Lagos, Istanbul, Bogota, Bangkok, Accra, Hyderabad, Kampala, Lima, Chennai, London) gilt ein Umstand: Die Menschen, die in die Mega-Citys ziehen, kommen meist aus dem eigenen Land. Ein wichtiges Gebiet schließt die Unter­suchung allerdings aus: In China wird das Netzwerk zensiert. Genau dort findet derzeit die größte Migration der Gegenwart statt. unserhof 2/2015


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Small is beautiful Wachsen oder weichen? Diese Frage stellen sich viele junge Hofübernehmer. Die Antwort ­darauf lautet: Nein! Einfacher und besser als dem Wachstumswahn zu frönen, ist es, den Betrieb langsam und gezielt zu entwickeln, rät BENNO STEINER.

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absolut unbestritten, dass Größe unschlagbare Effizienzvorteile mit sich bringt. Wieso also sollte klein schön sein? Entscheidend – und das ist unabhängig von der Größe – ist doch, dass Werte, Ethik und Moral die Träger der Wirtschaftsweise eines Unter­nehmens sind. Eine ausschließliche Technik- und Größenfixierung, wie man sie häufig, auch in der Landwirtschaft, antrifft, verursacht

Foto: © Mopic

lles wächst und wird größer. Die Wirtschaft wächst, landwirtschaftliche Betriebe wachsen und oft wachsen auch die Schulden. Als Landwirte aber wissen wir, dass nichts ständig wächst. Entweder macht die Vegetation im Winter eine Pause oder eine Pflanze wächst zu schnell, knickt um und stirbt oder eine Kultur wächst, reift und bringt eine reiche Ernte. Bereits der Ökonom Ernst F. Schumacher stand dem „Wachstumswahn“, wie wir ihn zurzeit erleben, kritisch gegenüber. Allerdings: Klein soll schön sein? Kleine Unternehmen sollen eine Zukunftschance haben? Zu den beliebtesten Arbeitgebern gehören Großkonzerne wie BMW, Siemens, Google usw. Bei vielen Landwirten ist es auch so. Sie sind scharf auf Größe. Schließlich wird uns immer gesagt, nur ein großer Betrieb kann in Zukunft überleben. Außerdem ist doch

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z­ unehmend Probleme. Nehmen ­möglich ist); wenn wir arbeitsintenwir die ­öffentliche Diskussion über sivere Schritte akzeptieren und den Neue Technologie Tierwohl und die Angriffe Gigantismus nicht mitmachen, ­gegenüber der Landwirtführt das automatisch zu schaft, wenn es um einer größeren ÜberHöhere Grundwasserschutz schaubarkeit, einer Mehreinsatz Produktivität geht. Sachliche und geringeren Abhängigfachliche Argumente keit, einer größeren helfen in d ­ iesen sehr Glaubwürdigkeit und emotional ­geführten vermutlich auch zu Diskussionen oft einem stressfreieren wenig. Was wir Leben. Kleinere bräuchten, ist eine Einheiten bringen Werte-Charta, die Preis Kostengünstigere mehr Freiheit, wir Bauern gegenmehr Sicherheit, sinkt Produktion über der übrigen ein ­gerechteres Bevölkerung darUmfeld, eine sinn-­ stellen können. Ein stiftendere Arbeit Wertesystem übrigens, und damit vermutlich das über Jahrhunderte hinweg auch mehr Glück. entstanden ist und LandwirtSchauen wir uns doch einfach Produktion Höheres schaft und Bevölkerung oft über mal die Indizes der Erzeugersteigt Einkommen schwierige Zeiten getragen hat. preise und die Indizes für die Will man aber zu denen gehöEinkaufspreise landwirtschaftlicher ren, die einer ewig wachsenden, quente Maßnahmen. KostendegressiBetriebsmittel in Deutschland an. größengeilen Wirtschaft und den on ist eine S ­ pirale, in der sich größere daraus profitierenden Konzernen Betriebe schneller bewegen – ob nach Die immer geringere Spanne d ­ eutet hinterherlaufen, vergisst man oft, oben oder unten, bleibt dahingestellt. auf den ersten Blick darauf hin, dass es was einem wichtig ist. Man verdrängt, Eine immer flächenintensivere wichtig ist, in die Größe zu wachsen. für welche Werte man steht und was ­Nutzung, immer größere und schnelle- Je mehr ich mit sinkenden Stückkosman eigentlich seinen Kindern, seinen re Technik sowie eine immer stärkere ten produziere desto wahrscheinliNachbarn und Kunden vermitteln Spezialisierung machen uns anfällig cher ist es, dass am Jahres­ende noch möchte. Ökonomie und die soziale für Störungen aller Art und führen oft- ein positives Ergebnis übrig bleibt. Verantwortung sollte doch in einem mals zu Entscheidungen, für die wir Landwirte haben einen sehr geringen menschlichen Maß verbunden sein, moralische Zugeständnisse machen Einfluss auf die Preise, die sie für ihre weil wir nur so eine Nachhaltigkeit müssen. Wir lassen einfach „fünf Produkte bekommen und zudem darstellen können, wie sie besonders gerade sein“. keinen Spielraum bei den Betriebsvon uns Bauern erwartet wird. Wenn wir dagegen „kleiner, mittelpreisen. Aber ist das dann nicht Was hat das aber mit Größe zu tun, ­smaller“ bleiben (wobei allein die eine Tretmühle, in die wir freiwillig wird der eine oder andere fragen? ­Definition, was „klein“ ist, nicht einsteigen? Wenn wir erst mal in einen Man kann doch großen Stall, auch mit einem in Maschinen, 140 großen Betrieb in die „Größe“ 120 nachhaltig wirtinvestiert ha100 schaften und ben, müssen wir seine sozialen „funktionieren“. 80 Aufgaben erfüllen. Wir laufen im 60 Sicher kann man Hamsterrad. Und Index Erzeugnisse das. Nur es ist wenn unsere 40 Index Betriebsmittel viel schwieriger. ­Abnehmer, ­unsere 20 Aus EffizienzLieferanten und gründen müssen Geldgeber sagen: 0 Zugeständnisse „Bauer spring“, gemacht werden. bleibt nichts Index Erzeugnisse Die Degression anderes ü ­ brig als Index Betriebsmittel der Stückkosten zu f­ ragen: „Wie erfordert konsehoch?“

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BETRIEBSFÜHRUNG

Der Agrar­zyklus

Der Agrarzyklus zeigt, wie wenig Einfluss wir auf diese Entwicklungen haben. Mit dem technischen Fortschritt, den wir uns oft auf Kredit leisten, erreichen wir zwar eine höhere Produktivität. Die Stückkosten werden reduziert, wir können damit eine Zeit lang günstiger als der Berufskollege produzieren und erreichen damit auch ein höheres Einkommen. Das geht aber nur solange gut, bis andere Landwirte einsteigen und die Produktionsmenge steigt. Die Folge sind sinkende Preise, die nur durch eine noch höhere Produktion und mehr Arbeit aufgefangen werden können. Schließlich hilft nichts anderes, als erneut in neue Techniken oder neue Stallungen zu investieren. Wenn man Glück hat, sind die Kredite aus dem vorherigen Investitionsschritt bis dahin getilgt. Mit dieser Wachstumsstrategie verbunden ist die Notwendigkeit, ständig Flächen zuzupachten. Der Pachtflächenanteil

steigt weiter erheblich an. Mit dem gestiegenen Fremdflächenanteil sinkt natürlich auch der Anteil der Eigenfläche und nimmt auch das Eigenkapital pro Hektar bewirtschafteter Fläche ab. Das heißt, je größer ein Betrieb wird, desto weniger Sicherheiten hat man, um das Wachstum zu finanzieren. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass meine gesamte Finanzierung schwieriger wird und bei einem Rückgang der Sicherheiten, etwa durch sinkende Bodenpreise, die gesamte Finanzstruktur gefährdet ist. Die Stabilität sinkt, das Risiko steigt, die Abhängigkeit von den Geldgebern wird deutlich größer.

Warum also wachsen? Weil man mehr verdient, das Einkommen größer wird? Nicht unbedingt, wie das Beispiel von einem Milchviehbetrieb zeigt: Eine Familie erwartet ein Jahreseinkommen von 60.000 Euro. Die Gewinnrate (Ver-

GEWÜNSCHTER GEWINN: 60.000 EURO Effizienz der Produktion

10 %

15 %

20 %

25 %

30 %

35 %

600.000

400.000

300.000

240.000

200.000

171.429

200

133

100

 80

 67

 57

Gewinnrate erforderl. ­Umsatz €/Jahr Erforderl. ­Kuhzahl bei 3.000 € Umsatz/Kuh u. Jahr Quelle: nach Dr. Pfadler und eigene Berechnungen

PACHTFLÄCHENANTEIL 40 30 20 10 0

hältnis von Umsatz und Ertrag) liegt etwa in Bayern bei Milchviehbetrieben zwischen 35 % bei sehr guten Betrieben und kleiner 0 % bei sehr schlechten Unternehmen. Bei einem Umsatz von etwa 3.000 Euro pro Kuh benötigt der schlechte Betrieb (10 % Gewinnrate) 200 Kühe, damit ihm 60.000 Euro pro Jahr übrig bleiben, der sehr gute Betrieb muss nur 57 Kühe halten. Dieses Beispiel zeigt, dass Größe alleine nicht alles ist. Wobei natürlich der 200-Kuh-Betrieb von allen Geschäftspartnern umgarnt wird. Er bringt Umsatz für Banken, Stallbauer, Tierarzt usw. Dieses Beispiel zeigt aber auch, dass small beautiful sein kann. Vorausgesetzt man hat seinen Betrieb im Griff. Sie müssen zu den oberen 25 % der Vergleichsbetriebe gehören – oder über ein zusätzliches Standbein verfügen. Das erfordert eine selbstkritische Unternehmensführung und die Bereitschaft, ständig besser zu werden. Es ist unbequem, sich immer wieder mit möglichen Verbesserungen auseinanderzusetzen und sich damit auch einzugestehen, dass man noch nicht der Beste ist. Aber es bringt sie weiter und macht unabhängig. Sicher ist es notwendig zu investieren. Die Frage ist nur, wann, in welcher Dimension und vor allem in was. Das will gut überlegt sein. Von großem Vorteil ist, dass wir in der Landwirtschaft so viele Möglichkeiten haben – es muss nicht immer die Größe sein. Schließlich haben auch in der Evolution nicht die Dinosaurier überlebt, obwohl sie größer waren, sondern die kleineren, aber wendigeren Säugetiere.

Fazit EK in T€/ha Pachtfläche ha/Betrieb

Derzeit werden Landwirte in eine Investitions- und Größenhysterie getrieben. Entscheidend ist aber, besser zu werden und nicht größer. Dazu gehört eine gehörige Portion Selbstbewusstsein, Selbstkritik und die Eigenschaft, Nein sagen zu können. Investitionen sind notwendig, aber erst wenn man gut bis sehr gut ist, sollte man die nächste Investition ins Auge fassen.

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Benno Steiner aus Flintsbach in Bayern ist Geschäftsführer der „Agrar­ experten“. Er ist seit 30 Jahren Berater von Agrarunternehmen in den Bereichen Finanzen, Flächen und Agrar­ immobilien, Arbeit und erneuerbare Energien.


Foto: © styf

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BETRIEBSFÜHRUNG

„Das Gleich­gewicht halten“ Strukturwandel, Preisdruck und immer neue politische Vorgaben machen das Tagesgeschäft in der Landwirtschaft oft zu einem wahren Überlebenskampf. Die eigene Gesundheit wird dann oft hinten angestellt. Das gefährdet auf lange Sicht auch den Betrieb. Was es heißt, ein bäuerlicher Unternehmer zu sein. Von Rolf Brauch

D

ie Zukunft gehört denen, die bereit sind, in der Gegenwart zu handeln“, heißt es in einem bekannten Spruch. Er ruft dazu auf, Gehörtes und Gelesenes, die eigenen Erkenntnisse und Erfahrungen sowohl in die persönliche und familiäre als auch in die betriebliche Praxis umzusetzen. Und das immer mit dem Ziel, sich für die Zukunft zu wappnen. Zukunftsfähig sind landwirtschaftliche Unternehmen aber nur dann, wenn sie den schwierigen Spagat von Lebensqualität und ökonomischem Erfolg nachhaltig hinbekommen. Die Schnittstelle zwischen familiären Interessen und Bedürfnissen und dem landwirtschaftlichen Unternehmen muss immer wieder deutlich in den Mittelpunkt rücken – auch in Sachen Optimierung. Geradliniges Handeln von Unternehmern kommt aus der Kenntnis seiner eigenen Ziele, sowohl im Bereich der Lebensqualität als auch im Bereich der Ökonomie und einer offenen und ehrlichen Analyse seiner eigenen Lebens- und Betriebssituation. Dazu ist es dringend erforderlich, seine eigene Buchführung zu kennen und zu verstehen und insbesondere seine Arbeit „sauber“ zu dokumentieren. Nur wer Klarheit über die eigenen Ziele und die eigene Situation hat, kann auch Dinge klären und strategisch handeln. Ein erfolgreiches Management kann in der Landwirtschaft nur funktionieren, wenn Ziele und Situationen bekannt

sind. Allerdings gibt es viele Landwirte, die frei nach dem Motto handeln: „Operative Hektik ersetzt geistige Windstille“. Es wird bis zur Erschöpfung geackert, ohne hinreichend klar zu wissen, welche Ziele damit erreicht werden sollen. Und noch schlimmer: ohne die eigenen Zahlen zu kennen, etwa im Bereich der Vollkostenrechnung und der Betriebszweiganalyse. Wenn dann nach Jahren die „Wahrheit“ über die Wirtschaftlichkeit bestimmter Produktionsverfahren oder Betriebs­ zweige ans Licht kommt, ist man zutiefst enttäuscht und wütend – und das nur zu gern auf andere. Was die Ziele anbelangt, ist es wichtig, dass man lernt für die eigenen Ziele zu arbeiten, zu kämpfen und sich zu engagieren. Man sollte sich die Ziele nicht von anderen vorgeben lassen, was zum Bespiel die Gewinnhöhe oder das Konsumniveau anbelangt. Schließlich ist es das eigene Kapital und damit das eigene Risiko. Mein Rat dazu lautet: Arbeiten Sie wieder mehr daran, dem Anspruch „Unternehmer zu sein“ gerechter zu werden.

Strategische Optionen Das Gesetz der Massengüterproduktion ist eigentlich ganz simpel: Mit steigender Stückzahl sinken in der Regel die Stückkosten. Das zeichnet die Wettbewerbsfähigkeit von größeren Produktionseinheiten aus. Diese Kurve der Kostendegression ist somit keine

Option der Agrarpolitik und richtet sich auch nicht nach Parteifarben, sondern ist ein Gesetz des Marktes und der Ökonomie. Allerdings sind die strategischen Optionen, die aus dieser Gesetzmäßigkeit abgeleitet werden können, nicht einfach nur Parolen wie „Wachsen oder weichen“. Vielmehr gibt es noch weitere Strategien, für die sich Unternehmer entscheiden können:

1. Sei nicht zu groß!

Die ökonomische Effizienz von landwirtschaftlichen Unternehmen kommt auch aus ihrer Überschaubarkeit und sorgt für ökonomische Effizienz. Wo Unternehmen zu groß werden und zu schnell wachsen (und die Unternehmer zunehmend die Übersicht verlieren), krankt auch irgendwann die wirtschaftliche Effizienz. Es kommt zum sogenannten „Kolchosen-Effekt“. Überschaubarkeit in Verbindung mit eigener Effizienz zu steigern und Kosten zu senken, ist oberstes Ziel.

2. Sei besonders! Die Kostendegressionskurve sendet auch die Botschaft, dass der Betrieb auch kleiner sein und damit höhere Kosten haben kann, wenn die Konsumenten und Kunden bereit sind, für die Leistungen und Produkte höhere Preise zu bezahlen. Verantwortung für das Eigentum, Steuerung der eigenen Faktorentlohnung und andere Kriterien machen auch die ökonomische

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DI Rolf Brauch ist Bildungsreferent der Evangelischen Landeskirche in Baden, Deutschland. Der Artikel wurde unter Redaktion von Tina Buthut im Magazin agrarmanager veröffentlicht.


„WORK-LIFE-BALANCE“: LEBEN IM GLEICHGEWICHT Aus der modernen Literatur über Zeitmanagement ist bekannt, dass Lebenszufriedenheit und Leistungsfähigkeit daherkommen, wenn man sein Leben im Gleichgewicht führt. Gemeint ist die sogenannte „Work-­ Life-Balance“. Es geht darum, dass wir auf die vier Lebensbereiche – Körperlichkeit und Gesundheit, Lebenserfolge, Beziehungen und Sinn – gleichwertig achten und uns nicht nur auf einen oder zwei Bereiche konzentrieren. Beim Thema Gesundheit etwa gilt die alte Weisheit: „Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper“. Hier besteht ein Unterschied zwischen Frauen und Männern, die ihre Gesundheit unterschiedlich erleben und pflegen. Männer sind besonders anfällig dafür, ihre Gesundheit im Arbeitsalltag zu vernachlässigen und erst spät zu bemerken, wenn es eben gar nicht mehr geht. Im Bereich „Lebenserfolge“ ist nicht nur der materielle Erfolg gemeint, sondern auch die eigenen Lebensziele wie Freizeit- und Hobbyinteressen zu entfalten. Besonders die Familie und Beziehungen geben eine ungeheure Kraft und Widerstandsfähigkeit, auch in Widrigkeiten, Konflikten und Problemen des Lebens und der Arbeit zurecht zu kommen und diese erfolgreich zu meistern. Die Frage nach dem Sinn bedeutet vor allem: „Woher komme ich und wohin will ich gehen?“ Klare Ziele beruflich und privat vor Augen zu haben, motiviert und schafft Selbstvertrauen.

DI Rolf Brauch ist Bildungs­ referent der Evangelischen Landes­kirche in Baden-­ Württem­berg, BRD.

Das Privatleben und der Betrieb sind zwei verschiedene Systeme, die etwas Verschiedenes brauchen und geben. Eine Beziehung, eine Familie braucht Stabilität, Nachhaltigkeit und vor allem Präsenz. Ein Betrieb wird nach dem ökonomischen Prinzip der relativen Vorzüglichkeit organisiert: es wird gemacht, was sich ökonomisch rechnet. Das Unternehmen braucht Effizienz durch die Betrachtung: „Was kommt dabei raus, wenn ich eine Stunde oder einen Euro in meinen Betrieb investiere?“ Genau hier liegt die Diskrepanz: Wenn Sie

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mit den Qualitäten, die in der Familie gut sind, ein Unternehmen in volatilen Märkten führen, werden Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr bald Insolvenz anmelden müssen. Und mit den Qualitäten, die Sie als Unternehmer stark machen, können Sie sehr wahrscheinlich nicht in der Familie punkten. Sie müssen daher lernen, in beiden Systemen ein Profi zu werden. Das bedeutet, dass Sie gezielt Übergänge und Bremsmanöver so gestalten, dass sie zu einem entsprechenden Verhalten in der Familie und im Unternehmen führen. Ein gutes Vorbild bieten Pendler: Man kann sich morgens auf dem Weg zur Arbeit aus dem Familiensystem ausund in das Betriebssystem einloggen. Das bringt Ruhe in Familien und Beziehungen und Konzentration in die betriebliche und berufliche Arbeit. Keinesfalls sollten Sie die Probleme des einen Systems in das andere tragen. Unternehmer sein, heißt vor allem die Arbeitswirtschaft deutlicher in den Fokus zu rücken und individuelle Lösungen zu finden, die den ökonomischen Zielen und den Zielen der Lebensqualität gerecht werden. Erfolgreiche Unternehmer müssen zuerst Kostenmanagement betreiben, bevor sie über Entwicklung und Wachstum nachdenken. Weiterhin wichtig ist auch das richtige Marketing. Landwirte wollen vor allem produzieren. Auf volatilen Käufermärkten ist es aber zunächst wichtig, zu überlegen, wie man seine Produkte und Leistungen vermarkten kann. Das sollte man vor dem weiteren Betriebswachstum bedenken. Auf Bauernhöfen gilt seit jeher, dass man nur gemeinsam neue Herausforderungen und Probleme lösen kann. Dieses Denken rückt leider immer mehr in den Hintergrund. Dabei liegt in der Gemeinschaft viel Potenzial. Erfolg allein macht zwar nicht glücklich, aber wer glücklich ist, hat Erfolg! Schaffen Sie bei sich selbst die Voraussetzungen für ein Leben in gegenseitiger Achtsamkeit und Wertschätzung und Sie werden erleben, dass ihr Unternehmen auch ökonomisch aufblüht.

Überlegenheit der unternehmerischen Landwirtschaft aus.

3. Sei alleine groß! Auch das bleibt in Zukunft weiterhin richtig und macht ökonomisch Sinn. Zu bedenken ist allerdings, dass in offenen Gesellschaften und Volkswirtschaften, wo man den technischen Fortschritt nicht verbieten kann, die optimale Betriebsgröße gegen unendlich geht. So ist von jedem Unternehmer selbst zu prüfen, ob Gesundheit, Kopf und Geldbeutel das „ewige“ Wachstum auch aushalten. Der Explosion von Betriebsgrößen stehen auf der anderen Seite als Folge etwa Burnout bei Betriebsleitern gegenüber. Aber auch mehr und mehr Insolvenzen sind zu verzeichnen, weil auf volatilen Märkten nicht die Preise erzielt werden konnten, mit denen man kalkuliert hatte.

4. Gemeinsam groß! Diese strategische Option ist eine der sinnvollsten und besten. Damit können einerseits Skaleneffekte genutzt und Freiräume geschaffen werden. Andererseits kann die Spezialkompetenz von Berufskollegen genutzt werden, um die eigene Effizienz zu steigern und Kosten zu senken.

5. Sei speziell! Die Kostendegressionskurve sendet auch die Botschaft, dass der Betrieb auch kleiner sein und damit höhere Kosten haben kann, wenn die Verbraucher und Kunden bereit sind, für die Leistungen und Produkte einen höheren Preis zu bezahlen. Nicht nur Größe allein ist nach der Kostendegressionskurve ökonomisch möglich!

6. Geordneter Rückzug! Wenn man als Unternehmer erkennt, dass man langfristig keine Perspektive hat, ist es klug, sich zurückzuziehen, insbesondere dann, wenn Investitionsentscheidungen anstehen. Wer das nicht strategisch rechtzeitig beginnt, hat am Ende immer noch hohe Restvermögenswerte, die er am Markt nicht mehr entsprechend verwerten und umsetzen kann. Die gegenseitige Wertschätzung auch im Anderssein ist der Nährboden, auf dem landwirtschaftliche Unterunserhof 2/2015


BETRIEBSFÜHRUNG

nehmen ökonomisch gedeihen. Immer noch gibt es zunehmende Generationenkonflikte, vor allem weil die ältere Generation die potenziellen Hofnachfolger gerne so hätte, wie sie selbst sind. Dabei sollten die Hofnachfolger die Möglichkeit haben, ihren Betrieb auf ihre eigene Art und Weise zu organisieren und ihr Leben zu leben, indem sie Arbeit, Freizeit, Ehrenämter und Familienleben selbst gestalten. Respekt bedeutet eben auch, den anderen nicht in eine Schablone „zu pressen“. Wer hier meint, Druck ausüben zu können, erreicht oft genau das Gegenteil, nämlich Desinteresse und Distanz.

Ideale Unternehmer

ohne andere mit Investitionsentscheidungen zu belasten. Phase 3 im Alter ab Ende 50 ist die Zeit des Nachlassens. Dann sollten sich auch Unternehmensleiter mehr und mehr aus der Verantwortung des Betriebes zurückziehen, um der nachfolgenden Generation langsam ihre e ­ igenen Erfahrungen als Unternehmensführer machen zu lassen. Mein Rat hier ist: Mit spätestens Mitte 50 mit diesen konkreten Überlegungen und auch Umsetzungen zu beginnen. Nur Modelle der gleitenden Übergabe werden den Interessen und Bedürfnissen aller Beteiligten gerecht und kommen damit auch dem unternehmerischen Erfolg zu Gute. Wenn allerdings nicht rechtzeitig daran gearbeitet wird, wird viel Potenzial sowohl wirtschaftlich als auch menschlich zerstört.

Internet: www.agrar manager.com

Foto: © drubig-photo

Man kann die Biografie von Unternehmern in drei Phasen mit unterschiedlichen Aufgabenstellungen

und Zielen einteilen: Phase 1 sind die Wander- und Lernjahre. Bis zum Alter von 25 bis 30 Jahren gibt es vor allem zwei Entwicklungsschwerpunkte: die Bildung (neben der reinen Wissensansammlung auch die umfassende Persönlichkeitsbildung mit dem Ziel der Handlungskompetenz) und das Sammeln von Fremderfahrungen. Dazu gehört auch, aus dem eigenen familiären Dunstkreis auszutreten und andere Betriebe kennenzulernen. In Phase 2 im Alter von 30 bis etwa Mitte 50 wird der Turbo gezündet. In dieser Phase wird gezeigt, was man will und kann. Hier ist es durchaus richtig, Vollgas zu geben und an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit zu gehen. Dabei ist es sinnvoll, eher noch in jungen Jahren Schulden zu machen, um später den Betrieb zu übergeben,

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Widerstand gegen neue Stallbauten oder Biogasanlagen entsteht aus verschiedenen Beweggründen. Reden heißt die Lösung, wenn man seinen Betrieb erweitern möchte und Anrainer oder gar das ganze Dorf Vorbehalte dagegen haben.

S

chweine stinken und lärmen. Hühnerställe sind Fabriken. Warum Tiere halten, die fürs Schlachten bestimmt sind? Hat der Bauer nicht schon genug? Dessen renovierter Hof muss viel Geld gekostet haben. Und übrigens hat er vorletzte Woche beim Vorbeifahren mit den Traktor nicht gegrüßt. Im schlimmsten Fall lauten so die Gedanken und teils auch am Wirtshaustisch hinter vorgehaltener Hand geäußerten Vorwürfe negativ eingestellter Nachbarinnen und Nachbarn, wenn im Dorf ein geplanter Stallneubau publik wird. Im Rahmen einer frühzeitigen, transparenten Diskussion des Projekts mit allen betroffenen Parteien können oft tragfähige Lösungen gefunden werden. Bei schwelenden Konflikten

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empfiehlt sich, einen unabhängigen Schlichter beizuziehen. Generell gilt auch hier: Alle Bedenken lassen sich auf unterschiedliche Motive zurückführen und treten selten bei einer Person kumuliert auf. Je nach Motiv ist der Widerstand gegen den neuen Hühnerstall, den Umbau des Schweinestalls, die Vergrößerung der Güllegrube, ja selbst die geplante Maschinenhalle, eine Heutrocknung, das größere Getreidelager oder die Biogasanlage unterschiedlich ausgeprägt und für die Bauwilligen eine andere Vorgehensweise zur Überzeugung der Gegner angesagt. Grundsätzlich geht es darum, mit den Nachbarinnen und Nachbarn sowie allen anderen mehr oder weniger Betroffenen zu reden, sie frühzeitig in das Projekt einzubeziehen, ihnen Planung aber auch tägliche Arbeiten

der Landwirtschaft zu erklären und Maßnahmen zu treffen, mit denen Vorbehalte ausgeräumt werden können. Wie auf die genannten Beispielen:

„Schweine stinken“ Um die Geruchsemissionen von Schweineställen zu mindern, gibt es wirkungsvolle Maßnahmen, wie die Installation eines Biofilters und den Einsatz von Mastfutter mit Benzoesäure, was die Ammoniakemissionen senken hilft. Auch bei der Entmistung und Kanalführung lässt sich einiges erreichen, ebenso beim möglichst geruchsschonenden Ausbringen der Stallgülle auf die umliegenden Felder.

„Tierfabriken“ Die Tierschutzmaßnahmen in Österreichs Schweineställen sind laufend unserhof 2/2015

Fotos: © agrarfoto.at

Dem Nachbarn stinkt’s …


BETRIEBSFÜHRUNG

Widerstandstyp Promoter

Skeptiker

Bremser

Gegner

Charakter

Förderer, Vorwärtsbeweger

Neigt zu Bedenken, wankelmütig

Befürchtet persönliche Risiken

Befürchtet sachliche und persönliche Risiken

Motivation und Einstellung

Befürwortet die Maßnahme

Undurchschaubar

Lehnt die Maßnahme ab

Lehnt die Maßnahme ab

Hat ein ökonomisches ­Interesse und den Willen zur Verwirklichung; geht das Interesse aber verloren oder erscheint der Nutzen nicht realisierbar, ist das Projekt gefährdet.

Wertet sachliche Risiken sehr hoch, meldet Einwände gegen das Projekt an, ist skeptisch gegenüber den Rahmenbedingungen, den Zielen, der Wirksamkeit und befürchtet das Scheitern der Maßnahme.

Befürchtet durch ­Veränderung zu ver­ lieren, nutzt schein-­ rationale Argumente.

Vertritt seinen Standpunkt aggressiv.

Wenn Skeptiker erkennen, dass ihre Bedenken ernstgenommen und bearbeitet werden (realistisch überprüft), ist das für sie beruhigend.

Bremsern müssen die Vorzüge und Vorteile der Veränderung ­deutlich gemacht werden.

Wirklich überzeugt werden können Gegner nur durch eindeutige Erfolge und Verbesserungen der Maßnahmen.

Vorgehen zur Änderung der bisherigen Einstellung verschärft worden. Im internationalen Vergleich befinden sie sich auf Höchstniveau. Gerade in modernen Ställen wird das Tierwohl bei der Klimaregulation und durch das Angebot von Beschäftigungsmöglichkeiten hoch gewichtet. Unter Umständen besteht auch die Möglichkeit, vor dem Stall eine Hecke zu errichten, um den „Blickkontakt“ mit dem Schweinestall zu vermeiden und den Stallgeruch umzuleiten.

„Braucht er das Geld?“ Der Strukturwandel in der Landwirtschaft schreitet voran. Produktionswillige Betriebe müssen sich entwickeln können, wollen sie auch morgen noch bestehen. Dank massiver Effizienzsteigerungen in der Landwirtschaft sind Nahrungsmittel in Österreich heute im Verhältnis zu den Einkommen so günstig wie nie zuvor. Dafür ist der Stundenlohn in vielen Sparten der Landwirtschaft im Vergleich zu den anderen Produktionssektoren weit geringer.

sind ausgesprochene Projektgegner schwieriger umzustimmen. Ihr Widerstand lässt sich nur durch eindeutige Verbesserungen des Bauprojekts reduzieren. Die Herausforderung liegt dann darin, Verbesserungsmöglichkeiten herauszufinden, die zur Akzeptanz des Stallneubaus oder Umbaus führen, ohne die wirtschaftliche Umsetzung zu verhindern. Bei größeren Konflikten ist die Beiziehung eines Mediators zu empfehlen. Dieser vertritt selber keine Meinung, sondern trägt dazu bei, dass

Quelle: DLZ

WIDERSTANDSTYPEN AUF EINEN BLICK

alle Beteiligten zu Wort kommen, die Diskussionen geordnet ablaufen und schlussendlich zu einem Ziel führen.

Fazit Das Risiko für Bauverzögerungen in Folge von Einsprachen kann durch den frühzeitigen Einbezug aller Betroffenen reduziert werden. Je nach Bedenken der Gesprächspartner sind andere Argumente und Verbesserungsmaßnahmen gefragt. In schwierigeren Fällen kann das Beiziehen eines neutralen Mediators zum Ziel führen.

„Nicht gegrüßt“

In hektischen Zeiten können im Umgang mit Menschen jedem einmal Fehler oder Versäumnisse unterlaufen. Hier gilt es, immer wieder offen auf die Leute zuzugehen und daran zu denken, dass eine positive Einstellung und positives Handeln gegenüber den Nachbarn unnötigen Ärger vermeiden und eine wichtige Investition in die Zukunft sein kann. Während Bauskeptiker mit guten Argumenten überzeugt werden können, unserhof 2/2015 61

Dieser ­Beitrag ­erschien in der UFA-­ Revue 02/15, Schweiz.


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Mehr Geld für Hofübernahme Jungbauern profitieren überproportional von der neuen Förderperiode. Von Annette Weber

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Foto: © agrarfoto.at

ür die junge Landwirtschaft bringt die neue EU-Förderperiode viele positive Veränderungen“, fasst der Generalsekretär der Jungbauern David Süß die Neuerungen zusammen. Tatsächlich liegt für Hofübernehmer zukünftig mehr Geld im Topf wie bisher. Die bisher gültige Niederlassungsprämie wird komplett durch die sogenannte Existenzgründungsbeihilfe ersetzt, der Zugang zu dieser wird erleichtert. Maximal stehen für jeden Hofübernehmer 15.000 Euro zur Verfügung.

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Voraussetzung ist, dass er bei Antragstellung das 40. Lebensjahr noch nicht erreicht hat. Für die Antragstellung ist ein Betriebskonzept vorzulegen, das unter anderem die Darstellung der Ausgangssituation des Betriebes sowie Ziele, Strategie und zukünftige Maßnahmen sowie ausführliche Analysen und Berechnungen enthält. Wie setzt sich die Förderung für Hofübernehmer zusammen? Abhängig von Größe und Intensität des Betriebes kann man eine Starthilfe von 2.500 (ab 0,5 bAK – 1000 Arbeitskraftstunden pro Jahr, Anm.) bzw.

8.000 Euro (ab 1 bAK) beantragen. Voraussetzung dafür ist eine positiv absolvierte Facharbeiterprüfung. Dazu kommt ein Betrag von 4.000 Euro, wenn der Hofübernehmer eine Meisterprüfung, einen Abschluss einer höheren landwirtschaftlichen Schule oder ein Studium an einer landwirtschaftlichen Uni vorweisen kann. Bisher bekamen besser ausgebildete Hofübernehmer nur 3.000 Euro. Weitere 3.000 Euro bekommt der zukünftige Betriebsführer, wenn das gesamte Betriebseigentum auch grundbücherlich übergeben wird. Diese Neuerung soll ein Anreiz dafür sein, dass die Betriebe vollständig übergeben und nicht nur an den Hofübernehmer verpachtet werden. Häufig behielt sich die übergebende Generation – in Normalfall die Eltern – einen Teil der Fläche, um sich ein Mitspracherecht bei der Führung des Betriebes zu sichern. In der alten Förderperiode konnten ausschließlich jene Hofübernehmer eine Förderung beantragen, die den Betrieb vollständig oder zum Teil übernommen haben. Nun werden auch jene jungen Landwirtinnen und Landwirte finanziell unterstützt, die den Betrieb lediglich von ihren Eltern pachten. Dabei zählt die „erste Niederlassung“, also die erstmalige Bewirtschaftung eines landwirtschaftlichen Betriebes im eigenen Namen durch Erwerb wie Erbschaft, Kauf, Pacht oder sonstige Übernahme. Die Antragstellung muss innerhalb eines Jahres nach unserhof 2/2015


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der ersten Niederlassung erfolgen. Maßgeblicher Zeitpunkt dafür ist die Aufnahme der Bewirtschaftung des Betriebes laut Invekos bzw. Sozialversicherungsträger. Achtung: Auch Pacht gilt, wie oben erwähnt, nun als erste Niederlassung. Pächter, die vor dem 8. April 2014 den elterlichen oder großelterlichen Betrieb bewirtschaftet haben, müssen bis spätestens ein Jahr nach Erlass der Sonderrichtlinie, das ist der 21. Februar 2016, den Antrag stellen. Neu ist ein fünfprozentiger Zuschlag auf den normalen Fördersatz bei der Investitionsförderung. Baut etwa ein älterer Bauer einen Stall um 500.000 Euro, liegt der Fördersatz im Regelfall bei 20 Prozent. Er würde somit eine Förderung von 100.000 Euro bekommen. Ein Jungbauer unter 40 könnte in diesem Fall eine Förderung von 25 Prozent und somit 125.000 Euro beanspruchen. Voraussetzung ist auch hier zumindest eine positiv abgelegte Facharbeiterprüfung. Der Zuschlag gilt für Projekte innerhalb der ersten fünf Jahre ab Bewirtschaftungsbeginn. Die bisher angeführten Neuerungen

betreffen alle die sogenannte Säule 2. Alle Fördermittel kommen dabei zur Hälfte von der EU und vom jeweiligen Mitgliedsland. Die Bestimmungen sind in allen Mitgliedsländern gleich. Aber auch bei den Direktzahlungen, die zu 100 Prozent aus der EU kommen – in der sogenannten Säule 1 – gibt es eine Veränderung. Zusätzlich zum herkömmlichen Zahlungsanspruch, der bis 2020 für jeden Landwirt 284 Euro pro Hektar betragen soll, bekommt jeder junge Landwirt für die ersten 40 Hektar (oder korrekt für die ersten 40 Zahlungsansprüche) zusätzlich 71 Euro pro Hektar (maximal 5 Jahre lang). Das gilt auch für Junglandwirte, die den Betrieb bereits übernommen haben: Erfolgte beispielsweise die Betriebsübernahme bereits im Jahr 2012, so wird die Förderung – bei Antragstellung 2015 – noch für zwei Jahre gewährt (2015 und 2016), da die Betriebsgründung schon drei Jahre zurückliegt. Übernimmt hingegen ein Junglandwirt im Jahr 2015 erstmalig einen Betrieb und stellt 2015 einen Antrag, so erhält dieser die Prämie fünf Jahre lang (ab dem Jahr 2015 bis

einschließlich 2019). „Wir sind sehr zufrieden mit den Neuerungen“, zeigt sich Süß optimistisch, „es gibt klar einen Anreiz für eine höhere Ausbildung. Dies hilft nicht nur den einzelnen Betrieben, sondern auch dem Image der gesamten Landwirtschaft.“ Wieviel Geld tatsächlich für Österreich zur Verfügung steht, ist noch nicht klar. Aktuell gibt es pro Jahr rund 1.400 Betriebsübergaben. Alle Betriebsübernehmer könnten zukünftig von den Neuerungen profitieren. „Österreich hat eindeutig einen Startvorteil. Während alle anderen europäischen Landwirtschaften an einer Überalterung leiden, sind bei uns rund elf Prozent aller aktiven Landwirte unter 35 Jahre alt, wir haben damit die drittjüngste Landwirtschaft der EU. Dies soll auch so bleiben. Die Verbesserungen im Rahmen der Fördermittel werden sicher dazu beitragen“, so Süß.

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Für das Wichtigste im Leben! Österreich soll bis 2025 das familienfreundlichste Land Europas werden. Dazu wird ein Bündel von Maßnahmen bereits jetzt umgesetzt: die Familienbeihilfe wurde um 830 Millionen Euro erhöht und wird seit 1. September 2014 auf Wunsch vieler Familien monatlich ausbezahlt. Zielgerichtete Informationen z.B. wie hoch die Familienbeihilfe pro Kind genau ist oder detaillierte Leitfäden zur Beantragung sind auf www.bmfj.gv.at zu finden. Da ein Familienleben immer reich an Abwechslung ist, kommen auch immer wieder neue Fragen, neue Themen auf. Auf diese gilt es die richtigen Antworten zu finden.

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Jung­bauernGeneral David Süß


Einfach gute Milch erzeugen

FAMILIE UND BETRIEB

Mit gemischten ­Gefühlen hat für viele Milchbauern im April ein für sie neues Zeitalter ­begonnen. Das seit mehr als 30 Jahren bestehende Quotensystem ist Ende März ausgelaufen. Verdruss darüber ist für die meisten dennoch nicht angesagt. Auf die kommenden Jahre ohne Milchquoten hat man sich frühzeitig vorbereitet. Wie Günther Steinkellner.

Internet: www.berglandmilch.at

Im Stall des „Aigner“ in Saxenegg bei Münzbach im Bezirk Perg stehen aktuell 20 Milchkühe samt Nachzucht, 25 Kalbinnen, auf Spalten und in Liege­boxen. Den Stall mit Auslauf hat der Bauernsohn rund um die Hofübernahme überwiegend selbst geplant – vorausblickend, weil sich der Viehbestand seither mehr als verdoppelt hat und möglichst kostengünstig, weil nicht nur Kühe zugekauft, sondern bis zuletzt auch die Quotenmenge um das Vierfache aufgestockt wurde. „Als wir den Hof übernommen haben, hatten wir zehn Milchkühe, 30.000 kg Kontingent und ein Dutzend Maststiere. Damit war der Betrieb nicht überlebensfähig“, erinnert sich der Vater von zwei Töchtern, Bettina und Lisa. Nach der Stallerweiterung inklusive

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neuer Melktechnik und Güllegrube um erschwingliche 135.000 Euro wurden jedes Jahr 30.000 Kilogramm Quote zugekauft und die Milchleis­ tung sowohl mengenmäßig als auch qualitativ erhöht. Stolze 10.539 kg Stalldurchschnitt kennzeichnen den Fleckvieh-Zuchtbetrieb mit 4,14 % Fett- und 3,47 % Eiweißgehalt, dazu Top-Hygienewerte, wie nur 5.000 Keime pro Milliliter bei einer durchschnittlichen Zellzahl von 42.000. „Das erreicht man nur mit absoluter Sauberkeit und scharfem Blick auf Tierwohl, Eutergesundheit und gutes Stallklima.“ Steinkellner hat als Milchbauer also eine gute Hand. In den vergangenen drei Jahren hat der Betrieb seine Quote stets um 20.000 bis 25.000 Kilogramm überliefert. Das ist nun vorbei. Mit möglichst geringen, weil teurem Maschinenaufwand führen Christine und Günther zu zweit den Betrieb. Das Ende von „Superabgabe“, zuletzt immerhin 37 Cent pro Kilogramm, und Quotenankauf wird von ihnen be-

grüßt, wenngleich vorerst die Furcht vor einer drastischen Erhöhung der EU-weiten Milchproduktion zumindest im Hinterstübchen bleibt. Alternativen zur Milch gibt es für den Betrieb aber ohnehin nicht: „Wenn, dann nur in Verbindung mit einem Nebenerwerb“, sagt Günther Steinkellner, zu dessen liebsten Tätigkeiten das Melken sowie die Geburt eines Kalbes gehören. Die Milch geht jeden zweiten Tag an die Berglandmilch. Darauf weist auch das auffällig blaue Hofplakat hin. „Einfach sehr gute Milchqualität zu erzeugen,“ sieht das Genossenschaftsmitglied als primäre Aufgabe für seine Molkerei. Zudem betreibt er bewusst Aufklärung und Werbung im Freundes- und Bekanntenkreis für deren Erzeugnisse, darunter seinen Lieblingskäse, den „Sirius Camembert“. Aktuelle agrarische Entwicklungen verfolgt der politisch interessierte Milchbauer über Zeitungen und TV-Sendungen. Dabei ärgert er sich dann und wann schon mal über echte, noch mehr aber über vermeintliche Skandale rund um Spritzmittel oder Tierquälerei, aufgebauscht von allzu streitbaren Umwelt- oder Tierschützern, welche die Landwirtschaft meist zu Unrecht pauschal an den Pranger stellen würden, argwöhnt Steinkellner. unserhof 2/2015

Firmenbericht; Foto: © agrarfoto.at

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ür die Milch hat der 33-jährige Mühlviertler seinen eigentlichen Beruf als Auto­ mechaniker an den Nagel gehängt, um mit seiner Frau Christine den Hof ihrer Eltern weiterzuführen. Zur Milcherzeugung sieht Steinkellner vor allem mit Zuchtvieh Chancen für seinen Betrieb mit 20 Hektar Flächen, davon fünf Hektar Pacht, überwiegend Wiesen und Wechselwiesen und vier Hektar Silomais, dazu acht Hektar Wald.


KOMMUNIKATION

Mitten im ­globalen Dorf Social Media für eigene Zwecke – dass empfiehlt ein begeisterter Blogger auch der Landwirtschaft. Eigentlich funktionieren Social Media wie das Kolosseum im alten Rom. Gerade für ­Bauern gilt: auf den Zuschauerrängen nach Verbündeten suchen. Von Hannes Schleeh

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acebook, Twitter oder What’s App? Was genau bedeutet Social Media? Fragen, die sich Leser unter 25 Jahren kaum stellen werden. Für die „Digital Natives“, also die in die digitale Zeit Hineingeborenen, ist das Internet so selbstverständlich wie für ältere Menschen die Luft zum Atmen. Gemäß der Definition auf Wikipedia bezeichnet „Social Media“ oder soziale Medien „digitale Medien und Technologien, die es Nutzern ermöglichen, sich untereinander auszutauschen und mediale Inhalte einzeln oder in Gemeinschaft zu erstellen.“ Social-­ Media-Plattformen gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Für fast alle Bereiche und digitalen Möglichkeiten gibt es mehrere Social-Media-Angebote. Es kommen ständig neue dazu und alte sterben wieder. Die größten sind am interessantesten, denn dort trifft man die meisten Nutzer und damit seine Freunde und Bekannten. Eines haben sie alle gemeinsam: sie existieren nur in der virtuellen Welt, dem Digitalen. Da sind wir wieder beim Digitalen, und beim Austausch. Das wirklich Neue an Social Media ist die Zunahme der Macht der Nutzer. Früher haben die Menschen Nachrichten und Informationen immer schön aufbereitetet und

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vorselektiert über die klassischen Medien serviert bekommen. Zeitung, später Radio und Fernsehen waren Medien, in welchen es nur bestimmten Menschen, den Journalisten, vorbehalten war zu entscheiden, welche Informationen es wert sind, gesendet oder gedruckt zu werden. Das hatte wie alles im Leben Vor- und Nachteile. Ein Vorteil war, dass diese Journalisten eine entsprechende Ausbildung haben mussten oder sollten. Zudem haben sich die meisten einem gewissen Ehrenkodex unterworfen und waren und sind zumindest in den demokratischen Staaten ein wichtiges Regulativ in der Gesellschaft. Doch heute ist das anders. Ich schreibe diese Zeilen im Presse Center der Deutschen Messe Hannover, während draußen die CeBIT noch aufgebaut wird. An meiner Brust prangt ein Ausweis mit der giftorangen Aufschrift „Presse”. Aber ich bin kein Journalist. Ich bin Blogger und Social-Media-­ Nutzer. Das ist die Macht von Social Media. Jeder kann heute zum Sprachrohr werden und entscheiden, welche Nachrichten es wert sind, verbreitet zu werden – und welche nicht. Die frühere Presse hat wie eine Art Filter gewirkt. Heute bekommt man über das Internet zu allem und jedem Informationen. Darunter ist natürlich

auch sehr viel Müll oder Unwahres. Aber jeder kann sich die Informationen aus dem World Wide Web holen, die ihm zusagen. Manipulationen von Meinungen werden dadurch schwieriger. Waren früher die Journalisten die einzigen Vertrauten der Bevölkerung in Sachen Information, so sind es heute zusätzlich die eigenen Freunde und einflussreiche Spezialisten in Social Media. Aber was hat das alles mit Landwirten und Bauernhöfen zu tun? Sehr viel! Denn das Höfesterben geht unvermindert weiter. Es arbeiten immer weniger Menschen in der Landwirtschaft. Die Landwirtschaft und ihr Umfeld ist für die meisten (Stadt-)Menschen eine Black Box, eine schwarze Kiste, in die man nicht hineinschauen kann. Genau das ist das Problem. Die Landwirtschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv gewandelt. Man spricht von einer Industrialisierung der Landwirtschaft. Im Süden Deutschlands und in Österreich und der Schweiz noch dezent, im Norden und Osten Deutschlands dafür umso heftiger. Diese Industrialisierung und Entvölkerung der Branche Landwirtschaft führt zwangsläufig zu einer Entfremdung der Restbevölkerung. Die wenigsten jungen Menschen kennen einen modernen Rinderstall oder unserhof 2/2015


Foto: © delkoo


KOMMUNIKATION

Schweinemastbetrieb von innen. Diese Unwissenheit wird von der Lebensmittelindustrie in der Werbung ausgenutzt. Man zeigt lieber die gemütlich auf der Weide mümmelnde Kuh oder das auf Stroh stehende Schweinchen, als den modernen Milchviehstall mit Melkrobotern und die in Gruppen aufgestallten Mastschweine in hochmodernen, klimatisierten Ställen. Diese Diskrepanzen nutzen Tierschützer und Veganer, um die moderne Landwirtschaft anzugreifen, mit dem Ziel’, diese abzuschaffen. Diese Klientel hat sowohl genügend Zeit und Geld, aber weiß auch die Medien einschließlich der sozialen Medien sehr gut zu nutzen. Das können auch die Landwirte tun. Denn man muss heute kein Journalistenstudium haben, um sich Gehör zu verschaffen. Man muss nur was dafür unternehmen. Für welche Zwecke sollten Landwirte Social Media einsetzen? Das kommt auf den Landwirt und den Betrieb an. Für alle Selbstvermarkter und Betriebe, in welchen Gäste übernachten und bewirtet werden, ist es inzwischen undenkbar, Social Media nicht einzusetzen. Über diese neuen Medien lassen sich gezielt Kunden und Gäste ansprechen, und das ganz ohne die üblichen Streuverluste in klassischen Medien. Von Streuverlusten spricht man, wenn mit einer Werbung Menschen erreicht werden, die sich für das Produkt und die Dienstleistung nicht interessieren und trotzdem damit „belästigt“

werden. Wer schon einmal Werbung auf Facebook geschaltet hat, der weiß die Datensammelwut der Plattform zu schätzen. Dadurch, dass Facebook weiß, was Sie alles gerne mögen und was nicht, kann es Ihnen die passende Werbung einspielen. Aber Social Media wird für Landwirte auch bei der Information der Öffentlichkeit immer wichtiger. PR oder „Public Relations“, wie die Öffentlichkeitsarbeit neudeutsch heißt, müssen inzwischen auch die immer größer werdenden Betriebe der Landwirtschaft lernen. Das hört sich teuer an, lässt sich aber auch über Social Media abbilden. Dort können Sie sogar lokal für Verständnis und Vertrauen in Ihren Betrieb und Ihre Arbeit werben. Hofführungen und Tage der offenen Stalltüre tragen ihr Übriges dazu bei, sich mit Ihrem direkten Umfeld gut zu verstehen. Verständnis für das, was Landwirte tun, ist ein wichtiges Stichwort. Die oben beschriebene Black Box zu öffnen und die Mitmenschen über die eigene und ordentliche Arbeit aufzuklären, ist das Kernziel beim sinnvollen Einsatz von Social Media auf dem Bauernhof. Was muss man als Anfänger in Social Media beachten? Bei Social Media läuft sehr viel über schriftliche Kommunikation. Genau wie bei einem Brief kann es bei geschriebenen Sätzen sehr viel schneller zu Missverständnissen kommen. Uns fehlen wichtige Sinneseindrücke, um das Geschriebene richtig einordnen zu können. Im Gespräch

Zur Person Hannes Schleeh ist Diplom-Betriebswirt (FH) und hat die Maschinenringe Deutschland GmbH mit aufgebaut. In seiner fast 15-jährigen Tätigkeit für diese hat er sich schon frühzeitig mit dem Internet und Social-Media-Themen befasst. Seit 2011 selbständig, arbeitet er eng mit landwirtschaftlichen Organisationen und Firmen im Agrarumfeld zusammen. Bei der DLG ist er regelmäßig als Referent für Social Media im Einsatz. 2014 hat Schleeh zusammen mit Gunnar Sohn, einem Wirtschaftspublizisten aus Bonn, das Buch „Livestreaming mit Hangout on Air“ geschrieben. Es beschäftigt sich mit der Möglichkeit, live im Internet zu senden, was inzwischen jedermann kostenlos tun kann. Auf der Agritechnica 2013 hat er mit dieser Technologie 19 Livesendungen in drei Tagen, und über das gesamte Messegelände verteilt, erstellt.

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können wir sehr schnell an der Mimik und Gestik unseres Gesprächspartners feststellen, ob er den gesagten Satz neutral, ironisch oder aggressiv meint. Deshalb mein erster Tipp an Sie:

Tipp 1: Wer fragt, der führt! Sollte ein Satz nicht eindeutig bei Ihnen ankommen, fragen Sie lieber noch einmal beim Schreiber nach, wie es gemeint war. Sie kommen dann nicht in die Verlegenheit, als Erster einen Streit angefangen zu haben. Bleiben Sie sachlich und lassen Sie sich nicht provozieren. Es gibt im Internet sehr viele Menschen, die dort ihren täglichen Frust ablassen. Man nennt diese streitsüchtigen Typen auch Trolle. Füttern Sie diese Trolle nicht, sonst werden Sie die nicht mehr so schnell wieder los. Die suchen nur nach jemanden, mit dem sie sich verbal duellieren können. Ich vergleiche Social-Media-Plattformen gerne mit dem Kolosseum im alten Rom. Unten im Sand die Gladiatoren, die sich zur Belustigung und Zerstreuung der Massen auf den Rängen duellieren. Gerade als Unternehmer und Landwirt stehen Sie ganz schnell dort unten, im mit Blut durchtränkten Sand der Social-Media-­ Arena. Dann haben Sie vielleicht einen aggressiven Umweltschützer oder Gegner von Massentierhaltung vor sich, der ständig versucht, sie anzugreifen und zu verletzen. Da kommt schon mein zweiter Tipp an Sie:

Tipp 2: Kommunizieren Sie für die lauschende Menge! Denken Sie bei allem, was Sie schreiben und tun, an die Massen, die auf den Rängen sitzen. Die schauen sehr genau zu, wie Sie mit dem Gegner umgehen. Bleiben Sie höflich, sachlich und bestimmt. Lassen Sie sich nicht aus der Reserve locken. Sollten Sie merken, wie Ihnen der Kamm schwillt, nehmen Sie sich lieber eine kurze Auszeit. Sie müssen nicht sofort reagieren. Sollte Ihr Gegenüber beleidigend werden, verbitten Sie sich das. Wenn er nicht damit aufhört, warnen Sie ihn vor und blockieren Sie ihn dann. Das geht auf nahezu allen Social-Media-Plattformen. Sie werden es nie schaffen, einen absolut überzeugten Gegner der modernen Landwirtschaft zu überzeugen, aber Sie können den „normalen“ Menschen zeigen, wer sich in Ihrem unserhof 2/2015


KOMMUNIKATION

Fachgebiet besser auskennt. Und wer gute Umgangsformen besitzt. Wer sich in die Arena begibt, ist doch selbst schuld, wenn er angegriffen wird. So höre ich einige von Ihnen sagen. Aber mit einer Vogel-Strauß-­ Politik oder dem Sankt-Florian-Prinzip kommen Sie als Landwirt langfristig nicht weiter. Wer sich nicht um seinen guten Ruf in der Öffentlichkeit kümmert, muss später mit den Konsequenzen leben. Deshalb mein dritter Tipp:

Mit einer stets freundlichen und wohlwollenden Haltung. Mit hilfreichen Tipps und Informationen aus Ihrem Fachgebiet, der Landwirtschaft. So schaffen Sie es mit Stetigkeit, sich in den sozialen Netzwerken eine solide Fan-Basis aufzubauen. Diese von Ihnen und Ihrer Arbeit überzeugten Social-­Media-Nutzer haben gleich mehrere Vorteile. Sollten Sie angegriffen werden, kann es sein, dass die Fans Sie und Ihre Arbeit verteidigen. Das nennen wir dann Resilienz oder soziale Widerstandskraft. Viele Marken in den sozialen Netzen nutzen diese Schützen­hilfe Ihrer Gefolgschaft. Der zweite wichtige Vorteil einer überzeugten Fangemeinde sind Weiterempfehlungen. Wem würden Sie denn mehr glauben? Einem guten Freund oder einer Unternehmenswerbung? Genau das passiert auch bei Weiterempfehlungen. Hier mein nächster Tipp:

Tipp 4: Seien Sie möglichst witzig und authentisch! Das Publikum in unserer Social-Media-­ Arena möchte unterhalten werden. Lachen ist immer gut. Vermeiden Sie negative Einträge. Ganz schlecht kommt es, wenn man über andere herzieht. Besser ist es, andere Nutzer für Gutes zu loben. Seien Sie witzig und authentisch. Und lachen Sie auch mal über sich selbst. Geben Sie auch gemachte Fehler offen zu und entschuldigen Sie sich dafür. Aus meiner Sicht haben es Landwirte wesentlich leichter, sich in den sozialen Medien zurecht zu finden – weil auf dem Land die soziale Kontrolle des Zusammenlebens noch wesentlich besser funktioniert als in den anonymen Städten. Soziale Netzwerke machen aus der Welt ein globales Dorf.

Fotos: © Tobias Hoops

Tipp 3: Schaffen Sie sich eine treue Schar überzeugter Fans!

Tipp 5: Verbünden Sie sich mit Gleichgesinnten! Schließen Sie sich geschlossenen Gruppen von Landwirten in den sozialen Netzen an. Das kann bei einem Frontalangriff sehr hilfreich sein. Tauschen Sie sich mit Berufskollegen in den Netzen aus. Es muss ja nicht jeder die gleichen Fehler machen. Landwirte wie Marcus Holtkötter alias Bauer Holti, Nadine Henke oder der Netzlandwirt Alois Wohlfahrt haben schon viel in den sozialen Netzen für die Landwirtschaft bewegen können. Nadine Henke ist Tierärztin und bewirtschaftet mit ihrem Mann zusammen einen großen Schweinemastbetrieb. Auf Facebook haben die beiden schon länger eine Fanpage, über die sie die Menschen an ihrem Betrieb teilhaben lassen. Auf die Frage, wie sie denn dazu gekommen ist, sich mit sozialen Medien zu befassen, hat Nadine Henke Folgendes geantwortet: „Ich finde Facebook immer noch einfacher als Twitter. Zunächst habe ich dort geliked, wenn mir etwas gefallen hat. Eventuell habe ich es dann auch geteilt. Später habe ich mich mehr und mehr aufs Mitkommentieren von Beiträgen gestürzt, wo mir der

Inhalt nicht gefiel. Ich dachte immer, vielleicht muss ich selbst die ‚richtigen‘ Beiträge schreiben und so kam unsere Fanpage ‚Brokser Sauen‘ zustande.“ Marcus Holtkötter ist inzwischen einer der bekanntesten und aktivsten Landwirte in Deutschland auf den sozialen Plattformen. Auch er betreibt Schweinezucht und Schweinemast und setzt sich massiv für die sachliche Aufklärung rund um die moderne Tierhaltung ein. Die meiste Zeit in sozialen Netzwerken verbringt er, dank Paralellfahrsystem, mit seinem iPad auf dem Traktor. Seine Erfahrung in vielen Diskussionen macht ihn inzwischen zu einem gefragten Referenten. Alois Wohlfahrt ist auch bekannt unter dem Namen „Netzlandwirt“. Er ist Blogger und informiert Berufskollegen und die Öffentlichkeit über wichtige Themen in der und rund um die Landwirtschaft. Auch er ist in den sozialen Netzen unterwegs und versucht das öffentliche Bild der Landwirte wieder richtigzustellen. Alle diese Landwirte engagieren sich in Social Media. Es werden täglich mehr, denn auch die Bauern haben die Macht von Social Media erkannt und nutzen diese für ihre Zwecke.

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Foto: © Massey Ferguson

Mit Boost 280 PS

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Internet: www.austrodiesel.at

ie neun neuen Modelle werden von Agco Power Motoren mit 6.6 oder 7.4 l Hubraum angetrieben. Erhältlich sind sie in den drei Ausstattungsversionen Essential, Efficient und Exclusive. Beim Getriebe stehen drei Getriebevarianten Dyna-4, Dyna-6 oder das stufenlose Dyna-VT zur Verfügung. Neu ist die wartungsfreie Vorderachse samt Federung. Die Hubkraft der Front- und Heckhydraulik wurde laut Hersteller ebenfalls erhöht. Zudem gibt es jetzt im Heck bis zu fünf Steuerventile, frontseitig bis zu drei. Österreichs Generalimporteur der Marke Massey Ferguson ist Austro Diesel in Schwechat. Geschäftsführer Johann Gram über die neue Baureihe: „Sie ist exakt auf die Anforderungen moderner Profibetriebe abgestimmt und bietet höchste Leistung, Wirtschaftlichkeit und Komfort.“ Gram verweist nicht nur auf das auffällige Design, das im MF-Werk in Beauvais im Norden Frankreichs einmal mehr verfeinert wurde. „Neben dem Engine Power Management sind eine Reihe

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weiterer Funktionen überarbeitet worden, um die Produktivität zu steigern.“ Bei Antrieb setzt MF auf n ­ eueste Technologie aus dem eigenen Agco-Konzern. Das Engine Power Management stellt die zusätzlichen 25 PS Leistung bereit. Weitere Merkmale der Motoren sind das neue Steuergerät „Engine Control Unit“ mit höherem Einspritzdruck sowie ein elektronisch gesteuerter Bypass-­ Turbolader. Der MF 7714 ist ausschließlich mit dem 4-fach-Lastschaltgetriebe Dyna-4 erhältlich, für den MF 7715 stehen zudem das Lastschaltgetriebe Dyna-6 und das stufenlose Dyna-VT-Getriebe zur Auswahl. Alle übrigen Traktoren der Serie gibt es mit Dyna-6- oder Dyna-VT-Getriebe. Ab dem MF 7719 wird das Super-Eco-Dyna-6-Getriebe angeboten, mit dem 40 km/h bereits bei einer Motordrehzahl von 1.500 U/ min erreicht werden. Serienmäßig ist bei beiden Lastschaltgetrieben die AutoDrive-Funktion. Mit der wählt das Getriebe zusätzlich den passenden Gang aus. Serienausstattung bei allen Getrieben ist eine durch die Bremse

aktivierte Neutral-Schaltung. Beim ­Betätigen der Bremse öffnet automatisch auch die Kupplung. Die Modelle mit stufenlosem Getriebe verfügen im Heck über eine Vierfach-Zapfwelle mit den Dreh­ zahlen 540, 540E, 1000 und 1000E, die Vorwahl der Geschwindigkeit erfolgt in Efficient und Exclusive-Ausstattung elektronisch. Alle Dyna-VT-Modelle und jene mit Dyna-6-Getriebe ab dem MF 7719, haben eine neue Load-Sensing-Hydraulikpumpe, die bei den Stufenlosen über eine Förderleistung von 190 l/min bzw. 150 l/min bei den Dyna-6-Modellen verfügt. In der Kabine besticht das neue Armaturenbrett aus der Serie MF 8700. Ebenso das besser ablesbare Farb­ display. Einen Multifunktions-Joystick gibt es für alle Modelle optional. Für mehr Komfort am Vorgewende sorgt die SpeedSteer-Vorderachse: Die Funktion reduziert die Anzahl der Lenkrad-Umdrehungen von Anschlag zu Anschlag. Laut Gram werden die neuen Modelle ab dem MF 7719 voraussichtlich ab Juni, die Modelle bis MF 7718 ab September 2015 verfügbar sein. unserhof 2/2015

Firmenbericht

Massey Ferguson hat neue Traktoren von 140 bis 255 PS im Programm. Die Baureihe MF 7700 löst die beliebte 7600er-Serie ab. Extra-Boost liefert bei allen Modellen noch einmal 25 PS mehr: Das Flaggschiff, der MF 7726, leistet bis zu 280 PS.


ALLES IM GRIFF* MF 5600 | 85–130 PS

Perfekte Allrounder mit ultimativer Frontladerausstattung * mit dem Multifunktions-Joystick. Bedienung von Frontlader, Fronthubwerk, Hydraulik und Getriebe – ohne die Hand vom Lenkrad zu nehmen. Dyna-4 oder Dyna-6 Getriebe – „Kuppeln mit dem Bremspedal“ und „AutoDrive“.

w w w.austrodiesel.at

TEL01/70 120-311


Foto: © underworld

Smart und doch hart im Nehmen

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KOMMUNIKATION

Smartphones haben nicht zuletzt wegen ihrer Kameras ­sowie zahlreicher hilfreicher Apps auch in der Landwirtschaft ­Einzug gehalten. Doch nicht jedes Smartphone hält den rauen ­Bedingungen auf dem Feld und im Stall stand. ANNA STEINDL hat sich für unserhof besonders robuste Handys angesehen.

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er Landwirt steht beinahe täglich vor wichtigen Fragestellungen: Ist das Wetter stabil? Sollte ich heute oder erst nächste Woche heuen? Läuft meine Kartoffelkultur Gefahr, von der Kraut- und Knollenfäule zerstört zu werden? Sollte ich gleich oder erst später spritzen? Gehen die Kühe regelmäßig zum Melkroboter? Genau hier erweisen sich Smartphones und Apps als praktische Helfer, die inzwischen vielen Landwirten das Management erleichtern. Mit einem robusten Gerät und hilfreichen Apps geht die Arbeit oftmals leichter von der Hand. Allerdings ist nicht jedes Smartphone-Modell für die in der Landwirtschaft herrschenden Bedingungen geeignet. Vom Traktor gefallen oder mit Schlamm bespritzt machen viele Modelle schon kurz nach dem Kauf schlapp. Gut, dass es Modelle gibt, die gegen einen etwas gröberen Umgang gewappnet sind.

Robust ein Muss

Je mehr ein Smartphone der Witterung ausgesetzt ist, desto stabiler und robuster sollte es sein. Deshalb sollten Landwirte beim Kauf unbedingt auf die IP-Schutzklasse der jeweiligen Geräte achten. Die IP-Schutzklasse setzt sich aus zwei Ziffern zusammen und gibt an, wie widerstandsfähig ein Smartphone gegen Schmutz und Wasser ist. Die erste Ziffer des Codes informiert, wie hoch der Schutz gegen feste Fremdkörper wie Schmutz und Staub ist. Während die Ziffer 1 einen Schutz gegen feste Fremdkörper mit einem Durchmesser ab 50 mm gewährt, ist ein Smartphone, das mit Ziffer 6 deklariert ist, absolut staubdicht. Die zweite Ziffer gibt Auskunft zur Wasserfestigkeit und reicht von 1 (Schutz gegen senkrecht fallendes Tropfwasser) bis 8 (Schutz gegen dauerndes Untertauchen).

Viele Outdoor-Smartphones weisen den Code IP67 auf und sind so vollständig gegen Staub und kurzzeitiges Untertauchen geschützt.

Display: hell und kratzfest Landwirte arbeiten die meiste Zeit im Freien. Damit das Smartphone zum unersetzlichen Helfer und Begleiter wird, sollte das Display möglichst hell und am besten entspiegelt daherkommen. Bei manchen Geräten besteht sogar die Möglichkeit, den Touchscreen mit angezogenen Handschuhen zu bedienen, wie es beim Samsung „Galaxy Xcover 2“ der Fall ist. Das Motorola „Defy“ ist mit einem kratzfesten Display aus Gorilla-Glas ausgestattet, was zusätzlichen Schutz bietet, wenn doch einmal Sand in die Hosentasche gelangt. Erwähnenswert zum Thema Display ist auch die Android-App „Swiftkey“, eine Eingabehilfe, die bereits nach der Eingabe weniger Zeichen passende Wörter vorschlägt. Während per Isobus mit automatischer Lenkhilfe das Feld bestellt wird, kann ganz einfach nebenbei eine SMS mit weiteren Arbeitsaufträgen für die Hof-Mitarbeiter gesendet werden. Integrierte Kameras gehören zur Standardausstattung. Inzwischen gibt es zahlreiche Apps zur Bestimmung von Pflanzenkrankheiten und Unkräutern, zur Abschätzung der Nährstoffversorgung in einem Pflanzenbestand oder zur Berechnung von Spritzen-Befüllungsplänen. Ebenfalls nützlich ist die Verwendung von „Augmented Reality“. Hier wird ein mit der Kamera erzeugtes Foto mit zusätzlichen Informationen versorgt. Beim Reparieren einer Maschine können so beispielsweise die unterschiedlichen Bauteile angezeigt werden. Eine Kamera mit einer Auflösung über 5 Megapixel ist in der Regel ausreichend.

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Anna Steindl ist Agrar­ journalistin in der Schweiz. Sie schreibt für die UFA-Revue.


KOMMUNIKATION

Auswahl von Smartphones im Überblick Smartphone-­ Modelle Betriebs­system Speicher Akku

Motorola DEFY+

Samsung Galaxy S4 Active

Android

Android

Android

Android

Android

Android

2 GB

16 GB

16 GB

16 GB

4 GB

4 GB

hervorragend, wechselbar

gut, 1–1,5 Tage, nicht wechselbar

sehr ausdauernd, 2–3 Tage, wechselbar 16 MP

ausdauernd, 1–2 Tage, wechselbar

gut, 1–1,5 Tage, wechselbar

8 MP

durchschnittlich, ca. 1 Tag, nicht wechselbar 20,7 MP

5 MP

5 MP

gut

sehr gut

hervorragend

mittelmäßig

gut und hell, Gorilla-Glas 2

gut, spiegelt etwas im Freien

hervorragend, ­Gorilla-Glas 3

gut, natürlich

gut, filtert Nebengeräusche IP 58

sehr gut, filtert Nebengeräusche IP 67

groß und robust

griffiges Cover

Kamera 5 MP Bildqualität mittelmäßig Display hell und scharf, Gorilla-Glas 1

Sprachqualität sehr gut Schutzklasse IP 67 Robustheit sehr robust, ­sturzfest

+ Preis gutes Preis-LeisBemerkungen und Extras tungs-Verhältnis

IP 67 mittel, angerauhte Rückseite +++

Sony Xperia Z3

+++

kein stoßfestes Ge- Stamina-Modus häuse, Touchscreen schont Akku lässt sich mit Handschuhen bedienen

Samsung Galaxy S5

++++

Akkus mit viel Power

Wer viel mit Apps arbeitet und diese eventuell sogar gleichzeitig nutzt oder wer sich in einer Region mit schlechter Netzqualität befindet, wird schnell die Erfahrung machen, dass der Akku spätestens nach einem Tag leer ist. Da es auf dem Feld schwer wird, eine Steckdose ausfindig zu machen, sollte das Smartphone über einen leistungsstarken Akku verfügen. Bei vielen Smartphones sind die Akkus verbaut,

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Samsung Galaxy Xcover 2

gut bei genügend Licht gut, schnelle Reakti- mittelmäßig on, starke Reflexionen im Freien, Gorilla-Glas 2 durchschnittlich befriedigend IP 67

IP 67

sehr robust, dickes Gummi-Gehäuse, sturzfest mit 1.8 m ++

sehr robust, ­sturzfest, ­rutschfest +

Fingerabdruck-­ Scanner

Betrieb bei extreTouchscreen lässt men Temperaturen, sich mit Hand­ Dual-SIM schuhen bedienen

weshalb es nicht möglich ist, auf Ersatzakkus zurückzugreifen. Jedoch können externe Akkupacks über die Micro-­USBSchnittstelle angeschlossen werden.

Ein großer Vorteil vieler Apps ist, dass die ermittelten Daten direkt an einen zentralen PC übermittelt werden können oder dass der Landwirt bei Störungen einer Anlage direkt via Smartphone informiert wird. Eine gute Netzabdeckung und ein leistungsstarker Prozessor im Smartphone sind Voraussetzungen, um Apps effektiv zu nutzen.

Apps intelligent nutzen

Foto: © pinkyone

Cat Phone B15

Erst die Apps machen ein Smartphone wirklich „smart“. Inzwischen gibt es für die Landwirtschaft unzählige Apps für die unterschiedlichsten Bedürfnisse. Im Handumdrehen können Mischungen von Pflanzenschutz- oder Düngemitteln berechnet, Schadbilder bestimmt oder sogar eine ganze Kuhherde gemanagt werden. Mit dem Smartphone können beispielsweise die Informationen eines Melkroboters abgerufen werden, so dass der Bauer jederzeit überprüfen kann, wann und wieviel Milch jede einzelne Kuh gibt.

Fazit

Der Trend zur Digitalisierung setzt sich auch in der Landwirtschaft durch und erleichtert die Arbeit in vielerlei Hinsicht. Die Frage, ob ein Smart­ phone gekauft werden soll oder nicht, erübrigt sich schon fast. Es sollte eher die Frage gestellt werden, zu welchen Zwecken das Smartphone eingesetzt wird, wie viel es kosten darf und wie hoch die Ansprüche an das Gerät sind. Trotz allen Vorteilen, die der Einsatz von Smartphones auf dem Betrieb bietet, sind sie dennoch keine ­Alleskönner. Wichtige Entscheidungen sollten Bauern also nicht nur von ihrem Handy abhängig machen, sondern auch selbst immer die Augen offenhalten oder mit einem Berater sprechen. unserhof 2/2015


Wir suchen die beliebteste App! Gewinne mit unserhof ein neues iPhone 6 plus von Apple!   Apps für die Landwirtschaft gibt es    mittlerweile zuhauf: für Wetterprognosen,    für ­Pflanzenschutz und Düngung, für die Tierzucht    und das Stallmanagement. Dazu kommen Apps für    aktuelle News und Social Media.    Welche App auf deinem Smartphone oder    Tablet benützt du am liebsten oder am  ­  häufigsten? Und warum? Und welche    Agrar-App ist für dich die ­beste?    Sende deinen App-Tipp bis spätestens 30. Juni 2015    mit einer kurzen Begründung sowie    Name und Adresse per E-Mail an:    gewinnspiel@unserhof.at  Dünge-App auf Erfolgsspur Als Amazone 2011 seinen „DüngeService“ erstmals als App für Smart­phones zur Verfügung stellte, zählte das Unternehmen noch zu den Pionieren der Smartphone-­ Anwendungen für die Landtechnik. Mittlerweile zeigt die Downloadstatistik, dass 2014 schon mehr als 25.000 Landwirte und Lohn­unternehmer die DüngeService-App auf ihr Smartphone geladen h ­ aben, um auf diesem Weg die aktuellen Einstellwerte für ihre Düngerstreuer des genannten Herstellers abzufragen. Die Statistik zeigt auch, dass sich der Trend zur Nutzung der App im Laufe der Zeit immer weiter verstärkt hat. So

erfolgten die ersten 10.000 Downloads über 18 Monate, die folgenden 15.000 Downloads im Zeitraum von nur 15 Monaten. Die Zeitersparnis dürfte der entscheidende Faktor sein, mit dem sich der Erfolg der DüngeService-App erklären lässt. Wenn man jederzeit und überall die aktuellen Einstellwerte für Amazone-Düngerstreuer abrufen kann, so ist das schon ein entscheidender Vorteil für die Praxis. Zu beziehen ist die k­ ostenlose DüngeService-App von Amazone für die Nutzung auf einem iPhone, iPad und iPod touch über den App-Store, für alle Android Smartphones über den Google Play Store.


KOMMUNIKATION

Wie viele Apps brauche ich?

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s lohnt sich, regelmäßig im „Google Play Store“ für Android-Smartphones oder im „iTunes-Store“ für iPhones von Apple zu stöbern. Wobei: Manch einer verliert im Überschwang auch schon mal den Durchblick. Vor allem kostenlose Apps verlocken zur schnellen Installation. Wie viele Apps aber benötigt man wirklich? Und welche Apps machen überhaupt Sinn? Die Bewertungen anderer Anbieter geben hier oft eine gute Orientierung. Schlecht bewertete Apps sollte man gar nicht erst laden – oder nach dem Test so rasch wie möglich wieder vom Smartphone löschen. Neben besserer Übersicht hat man so auch mehr freien Platz auf seinem Gerät.

Kostenlos oder kostenpflichtig?

Von sehr vielen kostenpflichtigen Apps bieten die Hersteller kostenlose Testoder Lightversionen an. Diese sollte man zunächst einfach ausprobieren, häufig reicht schon der Funktionsumfang der „Light“-Version für den gelegentlichen Gebrauch aus. Eine andere Möglichkeit ist es, nach kostenlosen Alternativen zu suchen. Meist werden diese neben oder unter der Beschreibung der jeweiligen App angeboten.

Sicherheit und Kontrolle Zudem gilt: Apps sollte man nur aus den offiziellen Shops der Anbieter installieren. Zum Downloaden sollte man auch keine Änderungen des Betriebssystems vor („Jailbreak“ oder „Rooten“) vornehmen oder zulassen. Vor allem für Anfänger ist die Gefahr zu groß, das

Android-Apps

iOS-Apps

Wikitude Mit der Kamera die Umgebung erfassen und Sehenswürdigkeiten identifizieren („Augmented Reality“). Kostenlos. Amazon Kindle E-Reader mit Zugang zum Amazon-Store. Kostenlos. WhatsApp Praktische App zur Kommunikation und zum Datentausch. Kostenlos.

iBooks Regal und Sammelordner nicht nur für Bücher, auch für PDFs. Kostenlos. Instapaper App um Websiten später offline auch am PC lesen zu können. App des Tages Jeden Tag eine kostenlose App als Empfehlung. Kostenlos. Rechner Taschenrechner mit wissenschaftlichen Funktionen. WhatsApp Praktische App zur Kommunikation und zum Datentausch. SprayCalc Rechner zur Bestimmung von ­Pflanzenschutzmittelmischungen.

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Gerät unbenutzbar zu machen oder Schadsoftware zu installieren. Auch werden so meist zukünftige Updates unmöglich gemacht. Achten sollte man auch darauf, dass man nicht unbeabsichtigt sogenannte „in-App-Käufe“ tätigt. Oft lassen sich gerade in kostenlosen Apps noch zusätzliche Inhalte oder Funktionen ergänzen, die dann kostenpflichtig werden. Während oder nach der Installation von Apps sollte man auch die Zugriffsberechtigungen in den jeweiligen Einstellungen kontrollieren. Manche Apps lesen viel mehr persönliche Daten aus, als für die eigentlichen Funktionen nötig sind. Dann gilt: die Freigabe der Daten sperren oder noch besser die App sicherheitshalber gleich wieder vom Smartphone löschen. Hier noch einige Empfehlungen – sowohl für Android, als auch für iOS –, die den Einstieg in die Welt der Apps erleichtern.

unserhof 2/2015

Foto: © Maksym Yemelyanov

Das Angebot von Zusatzprogrammen für Smartphones der ­verschiedenen Anbieter nimmt von Tag zu Tag zu. Die ­Installation solcher „Apps“ geschieht praktisch automatisch nach ­kostenlosem Download oder kostenpflichtigem Kauf. Ein paar Dinge gilt es dennoch zu ­beachten, insbesondere für Einsteiger.


KOMMUNIKATION

Smartphone für Stall & Hof Es gibt ein paar Merkmale, die man beachten sollte, wenn man sich als Landwirt ein neues Smartphone ­anschaffen möchte. Wer sein Smartphone nicht nur zu Hause und im Büro einsetzt, sondern regelmäßig auch draußen auf dem Feld, braucht einen gewissen Schutz, um möglichst lange etwas vom teuren High-Tech-Telefon zu haben. Es gibt ­einen riesigen Markt für Zubehör. Aller­dings sind die meisten Schutzhüllen darauf angelegt, bei einem Sturz das Schlimmste zu verhindern – Schutz gegen Regen oder Staub ­bieten dagegen die wenigsten Hüllen. Es gibt aber einige Modelle, die speziell für den robusten Einsatz konzipiert sind – bis hin zu wasserdichten Hüllen, mit denen man sogar Schwimmen gehen könnte. Auch für Outdoor-Smartphones gibt es mittlerweile eine beträchtliche Anzahl von Anbietern. Achten sollte man bei der Produktbeschreibung auf Schutz gegen Staub und Spritzwasser. Besonders robuste Outdoor-Smartphones sind mit einem IP-Zertifikat (International Protection) versehen, z.B. IP67. Die erste Ziffer bezeichnet den Schutz gegen Staub (6 steht hier für „absolut staubdicht“), die zweite Ziffer den Schutz gegen eindringendes

Wasser (7 ist die zweithöchste Schutzklasse und bietet Schutz bei „zeitweiligem Untertauchen“). Der Trend geht zu Smartphones mit immer größeren Bildschirmen, die aber leider auch teuer und energiehungrig sind. Wer sein Smartphone häufig draußen verwendet, sollte vor allem auf einen hellen und möglichst entspiegelten Bildschirm achten. Besonders bei Sonnenschein sind manche Smartphones kaum zu gebrauchen. Und gerade auf dem Land ist die Netzqualität nicht immer optimal und sorgt für einen höheren Energieverbrauch. Wer zusätzlich im Außeneinsatz regelmäßig die GPS-Funktionen nutzt, hat möglicherweise mit dem Problem zu kämpfen, dass sich sein Smartphone vorzeitig in den Feierabend verabschiedet. Die Akkukapazität ist ein altes Problem, wer aber den ganzen Tag draußen – ohne Steckdose unterm Schreibtisch – unterwegs ist, sollte hier ganz besonders genau hinschauen. Als Notlösung bieten sich Ersatzakkus oder externe, sogenannte Akkupacks an. Eine Kamera gehört inzwischen zur Standardausstattung eines Smartphones – und kann durchaus hilfreich bei der Arbeit sein. So kann man einen Schaden an Pflanzen oder Maschinen einfach abfotografieren und das Bild an Berater schicken. Dies ist oft einfacher,

als eine mündliche oder schriftliche Beschreibung. Es gibt Geräte, die direkt die GPS-Daten der Aufnahme speichern, was für die Dokumentation sehr nützlich sein kann. Falls man Makroaufnahmen von Pflanzen machen möchte, um Schädlings- oder Krankheitsbefall aufzuzeichnen, empfiehlt es sich, nach einem Smartphone Ausschau zu halten, das Zubehör für die Kamera ermöglicht: Drittanbieter haben teils sehr hochwertige Zusatzobjektive für die Smartphone-Kameras im Angebot. Generell gilt: Das Angebot an ­Smartphones und Zusatz-Ausrüstung wächst ständig, die Orientierung zwischen den verschiedenen Betriebssystemen, Geräte­herstellern und Online-Stores fällt schwer. Konkrete Kaufempfehlungen für ein bestimmtes Produkt erweisen sich als schwierig, da die Anforderungen meist sehr individuell sind. Einschlägige Technikmagazine bieten regelmäßig ausführliche Tests und Vergleiche an.

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Pflanzenschutzwissen online Lässt das Wetter in den nächsten Tagen die geplanten Feldarbeiten zu? Die Wetter-App weiß es. Wie entwickeln sich die Getreidepreise? Das Internet gibt Antwort. Welche Krankheit gilt es, in den nächsten Tagen besonders zu beachten? Der Newsletter informiert über das aktuelle Auftreten. Wie heißt dieser Schädling? Die Schädlings-App hat die Antwort und gibt auch eine Produktempfehlung.

Zukunft? Nein – Gegenwart! Dreh- und Angelpunkt all dieser und vieler weiterer Informationen ist das Internet. Dieses ist erst 25 Jahre alt und hat doch unser aller Leben fundamental verändert. Waren 1993 erst 1,5 Millionen Rechner an das Internet angeschlossen, haben die Internetrechner heute die Milliardengrenze schon überschritten. Umfragen bestätigen, dass rund 90% der österreichischen Landwirte das Internet nutzen, die Hälfte sogar täglich.

Internet und Blitzumfragen Wichtigste digitale Informationsquelle in der Landwirtschaft ist nach wie vor die „klassische“ Webseite. Im Bereich des Pflanzenschutzes bietet etwa agrar.bayer.at regelmäßig Informationen zum Pflanzenschutz und anderen agrarischen Themen. Moderne Webseiten wie agrar.bayer.at sind heute im sogenannten Responsive Design aufgebaut. Das heißt, dass die Webseite auf allen Ausgabegeräten, von agrar.bayer.at Smartphone über Tablet bis Desktop-PC, optimal dargestellt wird. Interessant sind auch die wöchentlichen Blitzumfragen: Wie stark ist der Krankheitsbefall im Getreide? Welches Mobiltelefon nutzen Sie? Wie entwickelt sich die Maisfläche auf Ihrem Betrieb? Wer mit einem Klick mitmacht, erfährt gleich, was die anderen Landwirte meinen.

Agrar TV Das AgrarMagazin auf agrar.bayer.at informiert als wöchentliche TV-Sendung über aktuelle Themen der Landwirtschaft. Zukünftige Entwicklungen und gesetzliche Regelungen in der Landwirtschaft, Agrartechnik und aktuelle Pflanzenschutzempfehlungen sind nur einige der Themen des AgrarMagazins. Dazu gibt es jede Woche eine Verlosung. Zu gewinnen gibt es unter anderem Messbecher, Regenmesser, Digitalwaagen, Bücher und vieles mehr. Außerdem gibt es spezielle Videoempfehlungen zu ausgewählten Themen wie Unkrautkontrolle und Pilzbekämpfung in verschiedenen Kulturen. Landwirte kommen vor der Kamera zu Wort und berichten über ihre Erfahrungen. Und im Weinbau gibt es zu mehreren kritischen Stadien Videoempfehlungen zum Pflanzenschutz.

Newsletter Per Newsletter kann sich der Landwirt bequem über aktuelle Themen der Landwirtschaft informieren. Jeden Donnerstag gibt es in Kombination mit dem AgrarMagazin eine Information per Mail, und mit einem Mausklick nimmt man unkompliziert an den wöchentlichen Verlosungen teil. Zusätzlich informieren die speziellen Kulturnewsletter kurzfristig über wichtige Pflanzenschutzmaßnahmen in den gewählten Kulturen. Einfach anmelden unter agrar.bayer.at. Natürlich kann man den Newsletter genauso umkompliziert wieder per Mausklick abmelden. Klaus und der Newsletter


Apps Smartphones haben klassische Mobiltelefone verdrängt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die kleinen Alleskönner eröffnen überall das Tor zur digitalen Welt. Apps – kleine Programme auf den Smartphones – geben mittlerweile Antwort auf viele Fragen. Besonders praktisch sind die Bestimmer-Apps: Die BBCH-Stadien App ermöglicht eine schnelle und eindeutige Bestimmung der Entwicklungsstadien der wichtigsten Kulturen. Mit der Krankheiten-Bestimmer App lassen sich einfach, schnell und sicher die wichtigsten Krankheiten bestimmen. Ähnliches gilt für die Bestimmer-Apps für Schädlinge, Unkräuter und Ungräser. Hunderte Schaderreger werden in Wort und Bild dargestellt und sind so leicht bestimmbar – immer und überall. Und die Apps geben für die meisten Probleme auch eine Produktempfehlung. Videos werden im Internet immer beliebter. Noch praktischer als youtube sind eigene „Spartenkanäle“ am Handy. Die Agrar-TV App bietet wöchentlich das AgrarMagazin – die spezielle Videosendung für die Landwirtschaft – optimiert fürs Handy. Für die Landwirtschaft besonders wichtig ist natürlich eine gute Wettervorhersage. Die beliebte Wetter-App ist das perfekte Werkzeug für den Landwirt: Für 6 Tage gibt es nicht nur Zu den Apps Niederschlag und Temperatur, sondern auch so wichtige Parameter wie Wind und Bodenfrost.

Quiz Schaderreger zu erkennen ist die Basis für eine optimale Bekämpfung. Auf quiz.bayer.at lernt man spielerisch hunderte Unkräuter, Schadgräser, Krankheiten und Schädlinge kennen, und das im Feld-, Wein-, Obst- und Gemüsebau. Das Quiz ist bei Schülern von landwirtschaftlichen Fachschulen wie auch bei Landwirten gleichermaßen beliebt.

Beratungsdienst: 01/711 46-2835 austria@bayercropscience.com www.agrar.bayer.at


LANDTECHNIK

Spezielles Sensorium für den Ackerbau Ackerbau sei im Gegensatz zur Viehhaltung wohl eher langweilig. Den ganzen Tag nur Traktorfahren, Säen oder Spritzpläne abarbeiten … Dass dem nicht so ist und Landwirte mit Getreide, Raps und Rüben „keine ruhige Kugel schieben“, beweist Matthias Laa. Der junge Ackerbauer sucht ständig nach technischen Verbesserungen, um am Puls der Zeit zu bleiben. Von Stefan Nimmervoll

B Matthias Laa

einahe 50 Hektar Ackerfläche, damit hatte man auch in Ostösterreich früher einmal einen stattlichen Hof. Mittlerweile ist mit einem solchen Betrieb, zumindest im Marktfruchtanbau, kein Familieneinkommen mehr zu erwirtschaften. Das weiß auch Matthias Laa aus Trautmannsdorf an der Leitha, dessen Felder unweit des Flughafens Schwechat liegen. „Ich bewirtschafte aktuell 163 Hektar Land und erledige auf rund 30 Hektar die Kulturführung für einen Nebenerwerbsbauern mit. Damit bin ich an der Obergrenze dessen, was ein Ein-Mann-Betrieb momentan mit Lebensqualität leisten kann“, erzählt der 31-Jährige beim Besuch von unserhof. Im Moment seien keine wesentlichen Erweiterungen mehr geplant. Seine Frau versorgt derzeit zu Hause die Kinder. „Würde ich einen Arbeiter aufnehmen, bis meine Frau, wieder voll in den Betrieb einsteigen kann, müsste ich 400 Hektar bewirtschaften, um gleich viel zu verdienen“, hat sich Laa ausgerechnet. Auch die immer höheren Pachtpreise seien ein Hemmschuh. Laa: „Wachs-

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tum mit Gewalt bedeutet immer, dass der Verpächter verdient, nicht aber der Bewirtschafter. Für mich gehen sich die Pachtflächen deshalb aus, weil ich durch meine Größe eine massive Kostendegression erreiche.“ Hilfreich sei auch, dass in seiner Heimatgemeinde sehr großflächig kommassiert wurde und viele Schläge daher „eine vernünftige Größe aufweisen. Auch sind 90 Prozent der Äcker beinahe eben wie ein Fußballfeld.“ Bei manchen Feldern sei es aber gar nicht möglich, quer zur Falllinie zu arbeiten. Dafür variieren die Bodenqualitäten von schwerstem Tonboden bis zu schluffigem Sand. Wichtigster begrenzender Produktionsfaktor sei aber der fehlende Niederschlag: „Im Frühjahr bleibt der Regen oft ganz aus, übers Jahr sind es nicht mehr als 500 bis 700 Millimeter pro Jahr.“ Übernommen hat Matthias Laa den Familienbetrieb im Wiener Becken gleich nach der Fachschule von seinem Großvater, indem eine Generation übersprungen wurde: „Ich konnte sehr bald meine eigenen Entscheidungen treffen.“ Eine davon war, in die Buchführung zu wechseln und die

Pauschalierung hinter sich zu lassen. Für ihn der wichtigste Schritt: „Oft werden die Betriebe innerhalb der Familie aufgeteilt, um mit den Teilbereichen pauschaliert bleiben zu können. Die Pauschalierung ist für viele Bauern aber ein Hindernis in ihrer Betriebsentwicklung, weil sie nicht gezwungen sind, ihre Zahlen zu erfassen“, ist der Niederösterreicher überzeugt. Und widerspricht hier der offiziellen Linie der Berufsvertretung. Laa baut auf seinen Flächen Weizen, Durum, Wintergerste, Rüben und Senf als Alternativkultur an. Vor allem der Hartweizen sei in der Region besonders bedeutend, aber auch eine Herausforderung: „Durum ist besonders anfällig für Fusarien. Da muss man beizeiten dreschen und trocknen, um gute Qualitäten zu bekommen.“ Wichtig ist für ihn auch der Anbau von Vermehrungen, wobei er aufgrund seiner bekannt guten Kulturführung oft auch mit Vorstufen neuer Sorten betraut wird. Seine übrige Ware liefert Matthias Laa an den lokalen Landesproduktenhandel, „weil ich noch keine eigene Lagerstelle habe.“ Um bessere Preise erzielen zu können, unserhof 2/2015


Fotos: © Agricon, Nimmervoll

Stickstoffdosierung in Echtzeit

legt er diese aber auf Lager und verkauft sie selber. Gegen den allgemeinen Trend agiert Matthias Laa auch bei der Maschinenausstattung: Er verabschiedet sich von dem Gedanken, Geräte in Gemeinschaft mit anderen Landwirten anzuschaffen. Zu mühsam und schwierig sei oftmals die Organisation dahinter. „Außer für Rübenanbau und -ernte haben wir die meisten Maschinen wieder selber.“ Zum Teil liegt diese Entwicklung auch in der Umstellung der Arbeitsweise, für die andere Maschinen notwendig wurden, begründet: „Mein erster großer Kauf war eine Sämaschine, um auf Mulchsaat umstellen zu können.“ Aktuell stellt Matthias Laa großflächige Versuche mit der Direktsaat an. Noch sei er unschlüssig, in welche Richtung und Methoden er investieren werde, meint Laa. In jedem Fall spiele bei seiner Entscheidung aber die „So-wenig-wie-möglich-Philosophie“ keine Rolle. „Den Aufwand zu reduzieren ist nur so lange gut, so lange sich nicht auch der Deckungsbeitrag reduziert.“ Zudem beobachte er mit großem Interesse, „wie sich die Pflan-

Immer bedeutender – sowohl aus Umweltschutz- als auch aus Kosteneffizienzgründen – wird die teilflächenspezifische Stickstoffdüngung, wie sie etwa die Firma Agricon mit dem Yara N-Sensor anbietet. Alleine in Deutschland werden damit bereits rund 900.000 Hektar bei der Überfahrt in Echtzeit gescannt. Aus der Analyse dieser Daten errechnet das System jenen optimierten Stickstoffbedarf, der genau in diesem Teilstück benötigt wird und gibt diesen Wert an den Düngerstreuer weiter. Landwirte aus Österreich, die den N-Sensor bereits einsetzen, um den vor allem unter ÖPUL-Bedingungen begrenzt zur Verfügung stehenden Stickstoff optimal auf der Fläche zu verteilen, berichten von höheren Erträgen und dass die Getreidebestände homogener sind, zudem das Lagerrisiko sinkt. Die Kosten pro Jahr belaufen sich bei achtjähriger Amortisation auf rund 4.500 Euro. Der Zusatzaufwand sei gering. Bei der Kulturführung empfiehlt es sich, einmal mit dem N-Tester übers Feld zu gehen, um den Referenzwert zu finden.

zenschutzmittelsituation weiter entwickelt. Denn ohne Glyphosat funktioniert die Direktsaat einfach nicht.“ In jedem Fall wird der Ackerbauer trotz der Lage im Trockengebiet bei den Förderungen über das Umweltprogramm ins „System Immergrün“ einsteigen: „Wir haben zuletzt so gearbeitet, dass wir die Vorgaben dafür erfüllen. Unsere Böden liegen so gut wie nie offen. Auf manchen Feldern streue ich Senf als Begrünung sogar schon vor der Ernte mit dem Düngerstreuer ein.“ Fasziniert ist Laa von den Errungenschaften des „Precision Farming“. Vor drei Jahren hat er auf GPS-gesteuertes Fahren umgestellt und sieht hier enormes Potential: „Alleine die Teilbreitenschaltung beim Spritzen bringt enorme Einsparungen.“ Ein weiterer Schritt wäre „Controlled Traffic“, bei dem die Fahrgassen übers Jahr unverändert bleiben. Laa: „Für gewisse Maschinen verwende ich schon fixe Fahrgassen. Allerdings müsste ich da bei den Arbeitsbreiten meiner Geräte noch einiges tun.“ Wesentlich ist für den Junglandwirt die korrekte Ermittlung des Dünger-

bedarfes. Gemeinsam mit der Firma Agricon hat er daher Bodenproben gezogen und Applikationskarten seiner Felder erstellt. Auf diesen sind die Bodenunterschiede deutlich erkennbar. „Selbst auf relativ einheitlichen Äckern haben wir dabei große Ungleichheiten gefunden.“ Auf besseren Bodenabschnitten sei der Ertrag höher, dadurch sinke im Boden aber der Phosphor und Kaligehalt, so Laa. „Das aber kann man mit einer Mischprobe und einer Handvoll Erde, wie es in Österreich üblich ist, nie herausfinden.“ Um den Pflanzen genau jene Stickstoffmenge zur Verfügung zu stellen, die sie benötigen, hat der Landwirt auch in einen N-Sensor investiert. Dieses Gerät stellt den Bedarf über den Chlorophyllgehalt der Blätter fest. „Es bringt nichts, am ganzen Acker dasselbe hinzustreuen. Und niemand bedient den Plus-Minus-Schalter am Düngerstreuer“, ist Laa überzeugt. Mittlerweile seien die Bestände viel gleichmäßiger. „Ich spare damit weder Zeit noch Stickstoff. Aber es kommt überall das an, was hingehört.“ Sein Betrieb sei in Österreich wohl derzeit der kleinste, der dieses System anwende.

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Näher am Boden geht nicht

Internet: www.bauer-­ at.com

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er „Separator S 655“ von Bauer etwa ermöglicht die vollautomatische, energieeffiziente Trennung von Abfallsubstrat und separiert 10 bis 25 Kubikmeter pro Stunde in eine feste sowie flüssige Phase. Flüssige Gülle eignet sich optimal zur Ausbringung über Rohr- und Schlauchsysteme. Übrig bleiben die Feststoffe oder Kompost, geruchlos, stapelbar und daher einfach zu lagern oder zu verkaufen, etwa an Kleingärtner oder als Kom-

Vorteile der Gülle-Schlitz-Technik – Kein Güllefilm auf den Kulturen – Keine Verätzung der Pflanzen – Saubere, hochwertige Silagen – Angeregtes Wurzelwachstum – Grünlandnarbe verfestigt sich – Hohe P-Konzentration im Gülleband – Schnellere P-Aufnahme der Pflanzen – Höhere Nährstoff-Ausnutzung – 10 Prozent mehr Ertrag – Geringere Geruchsbelästigung – Weniger Ärger mit Anwohnern

postgrundlage für Gartenbaubetriebe. Durch dieses System können Zeit und hohe Investitions- sowie Entsorgungskosten sowohl in der Gülleaufbereitung als auch in der Industrie, der Pharma- und Lebensmittelindustrie, in Schlachtbetrieben und Brennereien eingespart werden. Die Lagerkapazität der Gülle und das damit einhergehende Transport­ aufkommen wird um bis zu 30 Prozent reduziert. Da separierte Gülle keine Schwimm- und Sinkschichten mehr bildet, entfällt das regelmäßige Aufrühren von Lagune und Güllegrube vor der Ausbringung. Der Separator wird von einem 5,5 kW Motor angetrieben. Mit verstellbaren Gewichten kann der gewünschte Trockensubstanzgehalt (bis 30 %) der festen Phase eingestellt werden. Wahlweise frei wählbar ist eine Spaltenbreite von 0,25 bis 1 Millimeter. Auch auf diesem Gebiet hat Bauer seine Produkte und Techniken verfeinert. Im weitgefächerten Profi-Programm finden sich neben den bodennahen Ausbringtechniken Schleppschlauch- und Schleppschuhverteilern auch Schlitztechniken wie das zum Patent angemeldete Bauer Gülle-Schlitzgerät „Cerres-X“ und Injektionstechniken wie die Federzin-

kenegge „Cerres-G“ und die Kurzscheibenegge „Cerres-S“. Mit der Schlitz-Technik wird die Grasnarbe gelüftet, das Futter bleibt sauber und das Risiko der Übertragung von Clostridien und Botulismus sinkt erheblich. Vor den Verteilerköpfen schlitzen gehärtete Schnittscheiben mit einem Durchmesser von 250 und einer Stärke von 20 Millimeter die Narbe auf. Die von Schleppschlauchverteilern hinterlassenen Schmutzstreifen treten hier nicht auf. Auch eine Grünland-Nachsaat kann mit dem Schlitzverfahren kombiniert werden. Die Grassaat wird über ein Dosiergerät mit der Gülle in das Fass eingesaugt. Ebenso geeignet ist diese Technik für die Frühjahrsdüngung im Wintergetreide. Die Konfiguration aller Maschinen ist über das Internet möglich, wie auch die Bestellung aller Ersatzteile. Bauer produziert seit seiner Gründung 1930 Gülletechnik und seit 1947 Bewässerungstechnik. Der Hersteller ist heute weltweiter Technologieführer bei Beregnungssystemen und entwickelt zunehmend auch in Richtung Umwelttechnik, etwa die Aufbereitung von landwirtschaftlichem Abwasser oder Reststoffverwertung von Biogas-Anlagen. Die Anlagen und Geräte der Bauer Group werden in 90 Länder geliefert. unserhof 2/2015

Firmenbericht; Fotos: © Bauer

Gülle ist das wichtigste und wertvollste Düngemittel für Grünlandbetriebe. Für deren ­umweltschonenden Einsatz bietet die Voitsberger Bauer Gruppe Komplettlösungen von ­Separation bis Ausbringung.


Güllesysteme

Polyestertankwagen mit Schleppschlauchverteiler, von 10.500 bis 24.000 Liter

Güllefässer

von 2.200 bis 16.000 Liter. Lange Lebensdauer, hohe Wertbeständigkeit

Tauchmotor-Rührwerke

Separatoren

zur Separierung von festen und flüssigen Nährstoffen, hoher Durchsatz

mit enormer Rührkraft und hohem Wirkungsgrad

Ihr zuständiger Fachberater: Günter Windisch Florian Noggler Robert Terschan Fritz Englmair

0664 - 80 210 330 0664 - 80 210 339 0664 - 80 210 338 0664 - 80 210 332

g.windisch@bauer-at.com f.noggler@bauer-at.com r.terschan@bauer-at.com f.englmair@bauer-at.com

W, NÖ, Bgld. Vlbg., T., Ost/Süd-T. Stmk., Ktn., südl. Bgld. Salzburg, OÖ

www.bauer-at.com


LANDTECHNIK

Überflieger Der Einsatz von „Drohnen“ oder besser „Koptern“, also unbemannten Fluggeräten, könnte auch die Bewirtschaftung von Feldern, Obst- und Gemüseplantagen, ja sogar Ställen revolutionieren. Bis dato das größte Hindernis ist aber die geringe Akkuleistung der fliegenden Agrarhelfer. Von Bernhard Weber

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ür Landwirte waren Drohnen bis vor wenigen Jahren primär die männlichen Bienen. Diese werden bekanntlich zur Befruchtung einer jungen Königin gebraucht – und ohne Bienen keine Bestäubung, eine Ackerfrüchte, kein Obst. Aufklärungsdrohnen oder gar Kampfdrohnen kannte man dagegen nur aus Science-Fiction-Filmen und seit dem Irak-Krieg Anfang der 1990er

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Jahre auch aus der TV-Berichterstattung über Militäraktionen. Mittlerweile haben sich Kopter auch im zivilen Bereich durchgesetzt, überwiegend als Kameradrohnen für Foto- und Videoaufnahmen, zum Freizeitvergnügen. Der Online-Lieferdienst Amazon will sie sogar als Transportmittel einsetzen. Auch im Agrarbereich kommen die Überflieger mit Tragflächen oder Rotoren bereits zum Einsatz. Während

die klassischen Drohnen über das Gelände schweben, können Multikopter mit oft mehreren Rotoren auch in der Luft stehen bleiben. Genutzt werden dafür die immer billigeren Technologien wie bei Smartphones: Prozessoren, Sensoren und Software, eingebaute Höhenmesser, Bewegungsmelder, Gyroskope zur Positionsbestimmung und GPS-Empfänger. Mit einem Gyroskop ist zusätzlich zu Beschleunigung und Neigung noch unserhof 2/2015


Foto: © Paul Fleet

LANDTECHNIK

die Rotation um die eigene Achse messbar. Die Bewegungsbestimmung und eine daraus abgeleitete Steuerung erfolgt über einen leistungsfähigen Prozessor in der Drohne selbst. Dieser berechnet bis zu 600 Mal pro Sekunde die Position und Lage im Raum und steuert damit einen präzisen und stabilen Flug der Drohne. Das macht einen Einsatz von Multikoptern in den Händen von Anfängern überhaupt erst möglich. Einen einfachen „Quadkopter“, der im Elektrohandel kaum noch mehr als 20 Euro kostet, kann heute dank dieser Technik jedes Kind mit der Funkfernbedienung oder dem Smartphone steuern. Die Landwirtschaft gilt mittlerweile sogar als größter Hoffnungsmarkt für zivile Drohnen überhaupt. Schon in wenigen Jahren sollen sie großflächig

die Überwachung von Feldern übernehmen, via Infrarotstrahlen kranke Pflanzenbestände ausmachen, auf Düngermangel hinweisen, t­ rockene Böden scannen und so gezielte Bewässerung ermöglichen, bevor aus genannten Gründen die Blätter welken. Die ferngesteuerten Mini-Hubschrauber fliegen dazu Äcker ab und schießen Wärmebildaufnahmen, anhand derer sich ableiten lässt, wie hoch der Nährstoffbedarf in welchem Teilbereich der Fläche ist. 70.000 neue Arbeitsplätze und mehr verspricht man sich allein in den USA vom agrarischen Drohnenboom. Das amerikanische Beratungsunternehmen Teal Group schätzt in seiner Marktstudie 2013, dass sich der weltweite Umsatz mit unbemannten Drohnen in den nächsten zehn

Jahren von 5,2 Milliarden auf jährlich 11,6 Milliarden Dollar fast verdoppeln wird. Dieses Wachstum wird vor allem von zivilen Auftraggebern getragen, insbesondere aus der Landwirtschaft. Bis 2017 soll das Umsatzpotenzial für in der Landwirtschaft eingesetzte Drohnen in den USA bei 13,6 Milliarden Dollar liegen. In Europa ist man nicht ganz so optimistisch, enormes Wachstumspotenzial wird aber auch hier gesehen. Dafür müssen aber nicht nur in den Vereinigten Staaten verschiedenste Beschränkungen der Luftfahrtbehörden gelockert werden. Denn je größer die Aufgaben, desto schwerer werden wohl auch die Kopter, und kommerzielles Fliegen, wenn auch unbemannt und nur über den Acker, ist mit ferngesteuertem Fluggerät

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Fotos: © eBee Sensefly, Fotolia, ZG Raiffeisen eG

LANDTECHNIK

über Spielzeuggrößen hinaus genehmigungspflichtig. Auch die Abklärung von Versicherungsfragen steckt noch in den Kinderschuhen. Schon bald könnten die intelligenten Agrar-UFOs noch weitere Aufgaben übernehmen: Als Erntehüter von Feldern und Tierbeständen, indem sie unerwünschte Vogelschwärme aus den Kulturen vertreiben; als punktgenau verwendete Flug-Spritzen, die gezielt mit passender Agrarchemie zu behandelnde Pflanzen ansteuern; zur Flugsaat. Japan ist Europa auf diesem Gebiet deutlich einen Schritt voraus. Der Einsatz von Drohnen ist für die Reisbauern dort bereits Alltag, sie versprühen dort Spritzmittel, die den

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Reis vor Schädlingen schützen sollen. Allerdings: Nippons Reisfelder sind oft klein, mit europäischen Feldgrößen nicht zu vergleichen. Mit Multikoptern lassen sich ebenso tierische Schädlinge aufspüren und bekämpfen. Interessante Flug-Felder für die Landwirtschaft sind die Wildschweinjagd mit Luftunterstützung, um Wildschwein-Rudel in Maisbeständen zu lokalisieren oder wie ebenfalls in Deutschland bereits praktiziert der Nützlingseinsatz aus der Luft. In Baden-Württemberg werden mittels Drohne Schlupfwespen gegen den Maiszünsler ausgebracht. Dabei kommt es auf den genauen Zeitpunkt an. Alle

sieben Meter werden aus organischem Material bestehende Kugeln aus zehn Metern Höhe über dem Maisacker abgeworfen. Die gleichmäßige Verteilung der Nützlinge ihm hohen Maisbestand war bisher sehr aufwendig und zeitintensiv. Das größte Problem bei der Entwicklung der Drohne war der Mechanismus für den gezielten Abwurf der Kugeln. Erste Test-Einsätze liefen erfolgreich. Durch den erwähnten, punktgenauen Pflanzenschutz aus der Vogelperspektive, auch in Obstplantagen und Weingärten und hier vor allem in schwer zu bewirtschaftenden Steillagen, würde nicht nur die Umwelt, sondern auch der Geldbeutel des Landunserhof 2/2015


LANDTECHNIK

wirtes geschont, heißt es. Auch das Abfliegen einer vordefinierten Route ist inzwischen möglich. Vorstellbar sind noch zahlreiche weitere Einsatzmöglichkeiten der Flugroboter, etwa für die Vermessung von Bäumen in unwegsamem Gelände. Beim Erntemaschinenhersteller Claas widmet man sich derzeit der Frage, wie mit Hilfe von Flugrobotern Rehkitze, Rebhühner und Junghasen entdeckt werden können, bevor sie wie jedes Jahr zu Hunderttausenden den Mähmaschinen zum Opfer fallen. Über die GPS-Daten könnten die Tiere rechtzeitig geortet und aus den Feldern geholt werden. Alles nur Zukunftsmusik? Jein. Auch die Melkarbeit wurde auf vielen Be-

trieben längst durch Roboter ersetzt. Derzeit fehlt für das große Durchstarten der Agrardrohnen aber primär die benötigte Akku-Technologie. Die Batterieleistung ist noch längst nicht ausdauernd genug, um alle denkbaren, wenn auch visionär klingenden Aufgaben in der Landwirtschaft zu übernehmen. Mehr als 15 Minuten hält sich kaum ein gängiger Kopter in der Luft. Aber auch hier schreitet die Entwicklung mit Riesenschritten voran. Flugzeiten von über einer Stunde seien bereits zu erzielen, wenngleich noch viel zu kostspielig. Besonders wenn große Schläge beflogen werden müssen, haben Drohnen mit Tragflächen die besseren Karten: Start und

Landung sind relativ unproblematisch und die Flügeldrohnen sind robuster als Multikopter. Wer schon mal mit Drohnen üben will, für den gibt es bereits einige Modellbau-Angebote im gut sortierten Elektrohandel. Im Gegensatz zu Profigeräten, die ganz schnell mal über 20.000 Euro kosten, sind reine Kameradrohnen schon unter 100 Euro erhältlich. Gute Kameradrohnen mit einem Bewegungs- und Vibrationsausgleich für die Kamera und HD-Bildern kosten rund 1.000 Euro. Ein Tipp: Tolle Luftaufnahmen vom eigenen Betrieb können auch in der Öffentlichkeitsarbeit und auf der eigenen Internetseite eingesetzt werden.

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Fotos: © Thomas Wunderlich

IM GESPRÄCH

Internet: www.future foodstudio.at

„Auseinandersetzung mit Trends lohnt sich“ 88

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IM GESPRÄCH

Mit ihrem multidisziplinären Zugang zu Fragen des Ess- und Trinkverhaltens hat sich die ­Ernährungswissenschaftlerin HANNI RÜTZLER weit über den deutschsprachigen Raum hinaus einen Namen gemacht. unserhof sprach mit ihr über die Auswirkungen der neuesten Ernährungstrends auf die Landwirtschaft. Interview: Annette Weber

unserhof: Ein Sachbuch-Bestseller zum Thema Ernährung löst den andern ab. Derzeit sehr erfolgreich ist „Die Paradies-Diät“, wo man nur rohes Gemüse und Obst essen darf. Da drängt sich die Frage auf: Haben wir uns jemals so viel mit dem Essen beschäftigt wie derzeit? Rützler: Essen war immer ein zen­ trales Thema. Schon weil Essen für viele Menschen über lange historische Epochen meist Mangelware war. Mit dem industriellen Paradigma „mehr und billiger“ konnten wir den Mangel beseitigen, haben uns aber zugleich neue Ernährungsprobleme eingehandelt. Und die bekommen jetzt verstärkte Aufmerksamkeit. Das zeigt sich am Beispiel Fleisch, der Leitsubstanz unserer Esskultur. Fleisch war jahrhundertelang etwas Edles und Teures. Seit den 1970er Jahren wurde es von einer Festtagsspeise zu einer Alltagsspeise. Fleisch ist heute nichts mehr Besonderes, zumindest für einen großen Teil der Gesellschaft. Auch immer wiederkehrende Skandale haben dazu geführt, dass wir uns verstärkt mit dem Thema Tierfütterung und -haltung auseinandersetzen. Das führt vor dem Hintergrund wachsenden Gesundheitsbewusst-

seins dazu, dass wir wieder mehr Gemüse essen. Ich halte das für eine gute Entwicklung, denn wir essen zu viel Fleisch. Sind die Vegetarier eigentlich im Vormarsch? Der Anteil von Vegetariern und Veganern steigt zwar, viel entscheidender wird in Zukunft aber der Umgang der großen „Allesfresser-Mehrheit“ mit Fleisch und Fleischprodukten sein. Daher halte ich den Trend zum „Flexitarier“ für gravierender. Das sind jene, die nur ab und zu Fleisch essen, dabei bewusst auf die Qualität schauen und sich auch mehr für Tierrassen, Reifung und Herkunft des Fleisches interessieren. Wenn sie Fleisch essen, dann mit gutem Gewissen. Sie genießen aber auch ganz entspannt Tage ohne tierische Produkte. Dieser Esstyp wird zunehmen und schiebt den Wandel an. Welche Trends sind denn derzeit ­besonders en vogue? Sobald wir das „Zeitalter der ­Diäten“, in dem es primär um Kalorien und Abnehmen ging, hinter uns hatten, gab es eine verstärkte Diskussion um E-Nummern und um

„böse“ Zusatz- und Konservierungsstoffe. Das war eine klare Kritik an der industrialisierten Lebensmittelproduktion. Man wollte keine Farbstoffe, keine Aromen, später auch keine potentielle Stoffen, die Unverträglichkeiten oder Allergien auslösen. All das führte und führt zu einer großen Verunsicherung. Plötzlich glauben viele Menschen, dass Gluten, Fruktose und Laktose grundsätzlich ungesund sind, bloß weil einige Prozent der Bevölkerung diese nicht vertragen. Im Kaffeehaus lactosefreie Milch oder glutenfreies Gebäck zu bestellen, ist offenbar gerade richtig „in“… Es ist sicher ein Ausdruck unserer Zeit, sich über Speisevorlieben und Essmarotten seiner Individalität zu versichern. Etwas nicht zu essen oder zu trinken signalisiert: Ich schau auf mich, ich esse nicht irgendetwas, ich bin was Besonderes. Bekommen herkömmliche Produkte wie Milch dadurch nicht ein schlechtes Image? Ja und nein. Es sollte aber weniger ums Image gehen, sondern um den Versuch, Qualität neu zu entdecken.

Zur Person Mag. Hanni Rützler ist Ernährungswissenschaftlerin, Gesundheitspsychologin und renommierte Foodtrend-Expertin. Internationale Aufmerksamkeit erlangte die Autorin zahlreicher Bücher über Esskultur und die Zukunft unserer Ernährung, wie „Food Change – 7 Leitideen für eine neue Esskultur“, 2013 durch die weltweit erste Verkostung eines In-Vitro-Burgers 2013 in London.


IM GESPRÄCH

Also sind solche Trends auch eine Chance für die Landwirtschaft … Natürlich. Die Auseinandersetzung mit Trends ist immer eine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Man muss sicher nicht jedem Trend nachjagen, aber man sollte versuchen, den Wandel zu verstehen. Erst daraus lassen sich Schlüsse für die Ausrichtung des eigenen Betriebs ziehen: Passt das zu mir oder nicht?

Foto: © Brandstätter Verlag

Ist es letztendlich eine Frage der Qualität? Ja, aber jeder versteht darunter etwas anderes. Auch der Qualitätsbegriff wird immer neu diskutiert. Die Wahrnehmung wandelt sich, die Kriterien wandeln sich. Hohe Lebensmittelsicherheit und ein geringer Preis ist auch eine Qualität. Vielen ist das heute aber zu wenig. Wir sollten Qualität umfassender definieren. Und dazu müssen Produzenten und Konsumenten in einen intensiveren Dialog treten.

Leitfaden für den Umgang mit Essen Gibt es „gute“ und „böse“ Nahrungsmittel? Darf man Tiere essen? Ist veganes Essen wirklich besser? Müssen wir uns vor dem Chlorhuhn, dem neuen Wappentier der Globalisierungskritiker und Lebensmittelphobiker, fürchten? Und ist, wer dick ist oder zu viel trinkt, selbst schuld? Hanni Rützler und der Kulturwissenschaftler Wolfgang Reiter ermutigen in ihrem aktuellen Buch „Muss denn Essen Sünde sein? Orientierung im Dschungel der Ernährungsideologien“ zu einem reflektierten und zugleich gelasseneren Umgang mit dem Essen. Gedacht als „Leitfaden für einen entspannten Umgang mit dem Essen“ schreiben die beiden Autoren gegen die herrschende Verbotskultur und die „Mythen der gesunden Ernährung“ an, regen zu einer gelassenen Haltung zum Thema Ernährung an und versuchen den Blick auch dafür zu schärfen, wie man den Genuss wiederentdeckt. „Muss denn Essen Sünde sein?“, Verlag Brandstätter, 192 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-85033-857-8

Kann die Landwirtschaft von solchen Megatrends profitieren? Die Landwirtschaft ist ein Traditionsträger, dennoch muss sie sich mit diesen Trends auseinandersetzen. Hier gibt es sicher noch Aufholbedarf. Viele Bauern können nicht nachvollziehen, was da plötzlich passiert. Ich glaube, dass sich

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gerade die Landwirte konsequent dem Dialog mit Konsumenten stellen müssen, vor allem mit kritischen Kunden. Es braucht die Wahrnehmung, dass sich im Laufe der Zeit mehr verändert als der Preis. Um zukunftsfit zu werden, lohnt es sich, sich mit gesellschaftlichen Trends auseinanderzusetzen.

Glauben Sie, dass wir zukünftig auch mehr Insekten essen werden? Uns ist nicht bewusst, dass Insekten weltweit zur Esskultur gehören, nur nicht in Europa und den USA. Insekten haben nicht nur spannende Nähr­ werte, sondern gerade was den ökologischen Fußabdruck betrifft, viele Trümpfe in der Hand. Ich glaube zwar nicht, dass diese bei uns ein Grundnahrungsmittel werden, aber das Interesse am Thema wächst. Eine wichtigere Rolle werden Insekten künftig auch bei der Tierfütterung spielen. Das ist auch im Sinne des Ressourcenverbrauchs. Wir sind hier erst am Anfang, aber solche Themen dürfen wir nicht aus den Augen verlieren. Haben wir es verlernt, zu genießen? Ich glaube, die Sehnsucht nach Genuss ist sogar gestiegen. Oft machen wir aber im Alltag faule Kompromisse und kaufen nicht das, was uns schmeckt oder gut tut. Oder wir lassen uns den Appetit durch die moralisierende Diskussion über unsere Nahrungsmittel verderben, als hinge das Wohl der Welt von jedem Bissen ab, den wir uns schmecken lassen. unserhof 2/2015


KOMMUNIKATION

Brillentausch In Dänemark wurde ein Computerspiel entwickelt, das – nicht nur für Schüler – die oft unterschiedlichen Ziele, Wunschvorstellungen und Grenzen des Machbaren von Landwirtschaft und Konsumentenwünschen aufzeigen soll. Von Stefan Nimmervoll

Fotos: © Danish Ecological Council

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eim „CAP Communications Awards 2014“ der EU-Kommission wurde „The future of farming“, kurz TFOF, mit dem ersten Preis in der Kategorie „Innovative Kommunikation“ ausgezeichnet. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass das Projekt „junge Menschen für die Agrarpolitik interessiert und zur Diskussion über eine produktive, nachhaltige Landwirtschaft anregt.“ Wer in der heutigen Konsumgesellschaft versteht schon noch, warum Bauern was und wann machen, und warum sich mancher fromme Wunsch nach noch mehr Tiergerechtigkeit oder Umweltschutz im immer härteren Wettbewerb am Agrar- und Lebensmittelmarkt nicht so einfach umsetzen lässt? Bei TFOF sollen Schüler der Oberstufe, also ab 15 Jahren, in Vierergruppen in die Rollen von Personen mit sehr unterschiedlichen Interessen schlüpfen. Da gibt es einen Landwirt, einen Umweltschützer, einen Lokalpolitiker und den Manager aus der Lebensmittelindustrie: „Die Schüler sollen sich mit deren Rollen identifizieren und für ihre Interessen argumentieren“, erläutert Ulla Skovsbol. Unter ihrer Projektleitung hat die Umweltschutzorganisation „Danish Ecological Council das Spiel kreiert. Dass sich die Gruppe der träumerischen Idealisten und jene der geerdeten Praktiker nie verstehen können, daran glaubt Skovsbol nicht: „Man muss aber lernen, verschiedene Standpunkte auch durch die Brille des anderen zu sehen.“ Vor dem Spiel erhalten die Jugendlichen eine kurze Einführung zum

Hintergrund des jeweiligen Charakters, den sie übernehmen sollen und zu dessen Meinungen und Interessen zu Agrarpolitik, Umweltschutz, ländlicher Entwicklung und Wirtschaft. „Unsere vier Persönlichkeiten werden aufgefordert, einen Ratgeber für die (dänische) Regierung und die EU-Kommission zu entwickeln, wie eine Landwirtschaft künftig aussehen soll“, lautet die Vorgabe des Spiels. Oberstes Ziel ist es, Kompromisse zu finden – bei der Anwendung von Dünger und Pflanzenschutzmitteln, der Suche nach dem bestmöglichen Anteil von Flächen für nachwachsende Rohstoffe, für Naturschutzzonen oder was den Weidegang von Nutztieren betrifft. Binnen 30 Minuten soll der Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Interessen hergestellt werden. Danach wertet das Programm die Auswirkungen der Empfehlungen aus. Und analysiert, was die Veränderungen letztendlich für den Landwirt, die Umwelt, den Politiker und die Wirtschaft mittel- bis langfristig bedeuten, auch hinsichtlich Biodiversität, Klima, Meeresverschmutzung, Lebensmittelversorgung und nicht zuletzt die Ökonomie. Skovsbol: „In einer zweiten Spielrunde

sollen die Schüler ihre Entscheidungen reflektieren und korrigieren.“ Der pädagogische Ansatz ist ambitioniert. Jeder Teilnehmer soll automatisch „die Dynamik demokratischer Prozesse kennen lernen und erfahren, dass jede Entscheidung Resultat eines Kompromisses ist. Denn, so die Spieleerfinder: „In der täglichen Praxis gibt es immer mehr als nur eine Wahrheit.“ Skovsbol ist überzeugt: „Stadtkinder nicht nur in Dänemark haben heute nur noch ein sehr begrenztes Wissen über die Landwirtschaft.“ Im Gegenzug könnten Bauernkinder die urbane Lebenswelt der Großstadt schwer einschätzen. Und für beide Seiten gilt, dass Entscheidungen der Landwirtschaftspolitik oft kaum mehr nachvollziehbar seien. Auch um dieser Polarisierung entgegenzuwirken, will man mit dem Spiel an die zwei so unterschiedlichen Gruppen der Stadtund Landschüler herantreten. Aber auch andere will man mittelfristig für das Spiel gewinnen: „Landwirte oder Umweltschützer könnten damit ebenfalls besser in die Gedankenwelt ihres jeweiligen Gegenübers eintauchen.“ Die größte Hürde derzeit: bis dato ist TFOF leider nur in Dänisch verfügbar.

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Internet: www. fremtidenslandbrug.dk


AGRARKULTUR

Wie werden alle satt? Ab Juni läuft auch in Österreichs Kinos der Dokumentarfilm „10 Milliarden – Wie werden alle satt?“. Ob und wie es der Landwirtschaft gelingen kann, alle satt zu machen und wie unser ­Essen produziert wird, diese Fragen beschäftigen – und spalten – nicht nur Bauern. Von Bernhard Weber

Internet: www.10 milliarden-­ derfilm.de

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ie kann zukünftig genug Nahrung für zehn Milliarden Menschen erzeugt werden? Zwei Lager behaupten, die Lösung zu kennen: Einerseits die industrielle Landwirtschaft, die global immer weiter expandiert und hocheffizient auf Massenproduktion setzt. Demgegenüber stehen die biologische und die traditionelle Landwirtschaft, die zwar weniger Masse produzieren, dafür aber schonend mit den begrenzten Ressourcen umge-

hen. Von beiden Seiten will der Kölner Filmemacher Valentin Thurn wissen, wie sie die Welt künftig ernähren wollen. Der Film zeigt die globalen Wechselwirkungen in der Landwirtschaft anhand von Protagonisten aus den zentralen Produktionsbereichen Saatgut, Düngung, Schädlingsbekämpfung, Futtermittelherstellung, Tierproduktion und Handel. Dabei wird kritisch die derzeit gängige Praxis beider Seiten hinterfragt. Bereits mit „Taste the Waste“ und dem Begleitbuch „Die Essensvernichter“ hat Thurn eine Debatte

über die Verschwendung und Vernichtung von Lebensmitteln angestoßen, die bis heute die Gemüter bewegt. Über die weltweiten Recherchen für seinen neuen Kinofilm hat er gemeinsam mit dem Journalisten Stefan Kreutzberger erneut ein Buch geschrieben. In „Harte Kost“ kommt die Agrarindustrie ebenso zu Wort wie die bäuerliche Seite, dazu Spekulanten, Landgrabber, Verfechter von Hybrid-Saatgut oder kompromisslose Pflanzenschützer. Gut sieben Milliarden Menschen leben heute auf der Erde. Bis 2050 steigt die Weltbevölkerung laut Prognosen

Fotos: © Fotolia, Prokino, Ludwig Verlag

„10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“, Doku-Film 2015, 100 Min., Prokino ­Filmverleih

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AGRARKULTUR

auf fast zehn Milliarden Menschen. Immer dringlicher wird die Kernfrage: Wie wird man diese ausreichend ernähren können? Dabei wurde auch das Millenniumsziel der UNO, bis 2015 die Zahl der Hungernden zu halbieren, bei Weitem nicht erreicht. Etwa 805 Millionen Menschen leiden an Hunger, so der aktuelle Welthungerindex. Um zehn Milliarden Menschen satt zu bekommen, müssten 70 Prozent mehr Lebensmittel produziert werden, heißt es. Indes landet weltweit ein Drittel der Lebens­ mittelproduktion auf dem Müll, zeigte Thurn schon in seiner ersten kritischen Nahrungs­mittelDoku auf. „10 Milliarden“ und „Harte Kost“ sind die konsequente Fortsetzung. Wieder liefern die beiden Verfasser zahlreiche Informationen über den vermeintlichen Siegeszug der industrialisierten Landwirtschaft und zunehmend gentechnisch veränderte Lebensmittel, die mehr im Chemielabor denn in freier Natur entstehen. All das in einem interessanten Mix aus persönlichen Eindrücken und Rechercheergebnissen sowie vertiefenden Fakten. Mit kritischem Blick erörtern sie moderne Agrarsysteme, lassen alternative Produzenten zu Wort kommen und stellen teils futuristisch anmutende Konzepte und Ideen vor. Wobei sich der Filmemacher und der Journalist in ihren Erzählperspektiven deutlich voneinander unterscheiden –

und ergänzen. Während Kreutzberger die „harten“ Fakten darlegt und erörtert, sind Thurns Berichte von seinen Recherche-Trips rund um den Globus teils sehr persönlich gehalten und dank exzellentem Kamerateam mit eindrücklichen Filmaufnahmen untermalt. Die Frage, wie künftig – trotz schwindender Ressourcen – genug Nahrungsmittel produziert und verteilt werden können, um die rapide wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, zieht sich wie ein roter Faden durch. „Ernährung ist eine hochpolitische Angelegenheit“, sagt Kreutzberger. Sein Resümee: „Wenn die Zahl der Hungernden auf der Welt steigt, dann liegt das nicht am Mangel, sondern an der ungleichen und unfairen globalen und sozialen Verteilung.“ Während Agrarökonomen auf neue Technologi-

en setzen, fordert er die Stärkung von Kleinbauern nicht nur in den Entwicklungsländern. Am Ende des Films stehen innovative Ansätze für die Ernährungssicherung auf lokaler oder regionaler Ebene. Sie alle offenbaren, welch enormen Einfluss jeder einzelne mit seinem Essverhalten hat. Thurn: „Jeder von uns entscheidet aktiv mit, welcher Weg zukünftig die Landwirtschaft dominieren wird. Wenn mehr als die Hälfte der Ernte im Tank, Trog oder in der Tonne anstatt auf dem Teller landet, dann sind die natürlichen Ressourcen rasch aufgebraucht. Wenn wir hingegen weniger wegwerfen, weniger Fleisch essen und weniger Biosprit in unsere Autos füllen, dann würde die Ernte heute bereits für 14 Milliarden Menschen reichen.“ Dem gegenüber steht die Meinung vieler Experten, zehn Milliarden Menschen seien mit dem Ertrag von biologisch wirtschaftenden Kleinbauern nicht zu ernähren. Egal ob Film oder Buch, es handelt sich um alles anderes als leicht ver­dauliche Kost für Kinobesucher und Leser, die man nicht nur Agrar­ politikern als Pflicht-Filmtipp und Lektüre empfehlen möchte. Auf­ wühlend bebildert der Film, spannend und trotzdem leicht geschrieben das Buch, mit einer Fülle an aktuellen Zahlen und Vergleichen. Für einen Blick auf den Teller – und über dessen Rand hinaus.

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„Harte Kost“, erschienen im Ludwig Verlag, 320 Seiten, Preis 17,50 Euro. ISBN: 978-3453-28063-2


Foto: ©Johann Georg Pfeffer/Erlebnisbrennerei.at

Bauer Franz brennt

Ich trinke gerne Schnaps. Nicht zu oft, aber doch immer wieder. Nach einem guten Essen einen Selbstgebrannten, Vogelbeere, Williams, Apfel. Am besten gekauft in meiner Nähe, am besten den Schnaps vom Bauer Franz. Von Bernhard Aichner

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ebrannt aus heimischem Obst, mit Liebe destilliert, nur vierhundert Meter von meinem Schreibtisch entfernt. Während ich Bücher schreibe, verzettelt sich der Bauer Franz gerne in seinem Brennraum, tüftelt, spinnt herum, probiert Neues. Und das macht ihn aus und unterscheidet ihn von den anderen. Der Bauer Franz ist bereit, über den Tellerrand hinauszusehen, das Kopfschütteln der anderen zu ertragen. Mehr noch, er genießt es, es spornt ihn an. Ich will Freude bei der Arbeit haben, sagt er. Ein kluger Mann, der Bauer Franz.

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Innsbruck also. Ein Stadtteil am Rande, ein kleines Dorf, das eingemeindet wurde. Bauernhöfe im Dorfzentrum, es riecht nach Jauche, in der Gaststube des Dorfwirts schwirren Fliegen herum. Im Bauernladen tummeln sich die Einheimischen, die Alteingesessenen, aber auch die Zugezogenen, so wie ich einer bin. Ein Miteinander ist es, auch wenn man immer ein Fremder bleibt, weil man als Kind nicht in diesen Gassen gespielt hat, weil man den Jauchegeruch erst spät im Leben lieben gelernt hat. Ein Fremder, so wie der Bauer Franz. Weil auch er nicht hier aufgewachsen ist, unserhof 2/2015


AGRARKULTUR

weil auch er erst vor kurzem hierher gezogen ist. Er hat den Hof gekauft, der eine Zeit lang verwaist gewesen war. Der alte Bauer war in Sachen Hofübergabe gescheitert, seine Kinder hatten sich von ihm abgewandt, der Hof verfiel. Die Kinder verkauften, während ihr Vater im Altersheim die Gänge auf und ab lief. Mitten im Dorf also. Kirche, Gasthaus, Bauernhof. Wunderschön renoviert hat der Bauer Franz alles. Aus einem welkenden Blümchen hat er eine schillernde Blume gemacht. Mit Liebe ging er an die Sache heran, mit Argwohn beobachtete man anfänglich im Dorf, was er da vorhatte. Man war sich nicht sicher, ob es ihm tatsächlich gelingen würde, in der alten Erde Wurzeln zu schlagen. Doch es gelang. Der Hofladen wurde wieder aktiviert, die Felder, der Stall. Von Woche zu Woche war zu beobachten, wie wieder Leben ins Dorf kam. Der Traktor, der wieder knatterte, die Bank vor dem Hofladen, die immer besetzt war. Immer wenn der Bauer Franz Zeit hat, lässt er sich dort nieder und wartet auf jemanden, der sich zu ihm setzt. Mit dem er sich unterhalten kann. Weil es wohl kaum etwas Schöneres im Leben gibt, sagt er. Ein gutes Gespräch ist wie ein guter Schnaps. Schnaps also. Auch damit hat er angefangen. Das habe er immer schon gewollt, erzählt er mir. Seinen eigenen Tropfen, nach seinen Vorstellungen gebrannt, sein Obst, seine Note, sein Name auf der Flasche. Einen Schnaps, der jeden glücklich macht, so einen habe er brennen wollen. Und so einen hat er gemacht. Egal welche Frucht, der Bauer Franz hat ein Händchen für das Hochprozentige. Und auch wenn es ihm die anderen Brenner im Dorf nie zugetraut hätten, heute nicken sie anerkennend mit den Köpfen. Manchmal sitzen sie sogar bei ihm auf der Bank und kosten. So wie ich. Sie schwärmen, sind skeptisch, manchmal lachen sie. Weil der Bauer Franz unmögliche Dinge tut, weil er ein verrückter Hund ist. Weil er es immer allen zeigen will. Dass ein unbetretener Weg manchmal der schönere ist. Dass man aus allem Schnaps machen kann, wenn man es nur versucht. Nein, hat der Brenngott im Dorf gesagt. Du wirst schon sehen, hat der Bauer Franz grinsend geantwortet. Es ging es um Karotten. Wunderbar süße Babykarotten, die der Franz angepflanzt hatte. Ursprünglich gedacht für seine Kaninchen, wurden die Karöttchen dann aber aus einer Zankerei heraus zur Basis seines Erfolgs. Er bestand darauf, dass er einen grandiosen Karottenschnaps machen könne, und dass dieser es locker mit dem besten Vogelbeerschnaps im Dorf aufnehmen könne. Ein eigentlich aussichtsloses Unterfangen, doch dem Franz machte es Freude, etwas Neues auszuprobieren, der Ehrgeiz war erwacht, die unzähligen Fehlversuche spornten ihn noch mehr an. Wenn ich ihn in seinem Brennraum besuchte, fluchte er, er ließ mich kosten, er ignorierte es, wenn ich meine Nase rümpfte. Das wird schon, sagte er. Abwarten. Dann lachte er, öffnete eine andere Flasche und trank mit

mir auf sein neuestes Projekt. Oberpullendorf wurde auch nicht an einem Tag erbaut, sagte er. Ich nickte nur, weil auch ich es ihm nicht zutraute. Nicht in meinen kühnsten Phantasien hätte ich mir vorstellen können, dass er eines Tages Preise mit diesem Schnaps gewinnen würde. Dass er nach London fahren und als strahlender Sieger zurückkommen würde. Medaillen hat es geregnet. Auf der IWSC, der internationalen Prämierung in London, auf der nationalen Destillata, der Bauer Franz hat alles abgeräumt. Ein Brand wie ein Kunstwerk, klar, kein Zuckerzusatz, im Holzfass gelagert, ein Traum. Einer, über den es sich vortrefflich mit ihm philosophieren lässt. Gemütlich vor seinem Hof auf der Bank haben wir ihn kürzlich wieder verkostet, mit Literatur hat der Franz ihn verglichen. Bei dir ist es doch auch so, hat er gesagt. Du schreibst, du probierst, du reihst die Wörter aneinander, so lange, bis sie zu klingen beginnen. Du schreibst einen Roman, den man in einem Zug austrinken kann. Und ich brenne einen Schnaps, der wie ein Gedicht ist. Ich baue an, ich ernte, maische ein, ich destilliere, so lange, bis man in dem Brand lesen kann. Bis er einfach schmeckt. Und er schmeckt tatsächlich. Der Brand duftet intensiv in der Nase nach frisch geriebener Karotte, am Gaumen ist er dezent erdig, und dann ist da die saftige Süße der Babykarotten im Abgang. Eine Innovation, sagten die Preisrichter. Nicht ganz schlecht, sagten die anderen Bauern im Dorf. Ein großes Staunen war es. Ungläubig waren sie, doch als sie gekostet hatten, gaben sie ihm Recht. Auch wenn es ihnen schwer fiel, die Brenner aus der Gegend klopften ihm auf die Schulter. Nicht im Vorübergehen, sondern in seinem Verkostungsraum, in den er sie alle geladen hat, nachdem er die Prämierungen gewonnen hatte. Lasst uns zusammenarbeiten, hat er gesagt. Öffnen wir unsere Brennereien, zeigen wir den Leuten da draußen, wie man Schnaps macht. Nur eine Idee war es anfangs gewesen, aus einer Laune heraus, eine Vision nach dem achten Glas. Ein Plan reifte, weil der Bauer Franz fand, dass es an der Zeit sei, neue Wege zu gehen. Laut träumte er von einer Schnapsroute, davon, dass Touristen und Einheimische die Brennereien besuchen würden, Schnapsverkostungen in den unterschiedlichen Regionen, gemeinsame Werbung für ein Produkt, das sie alle lieben. Schnaps. Jeder brennt sein eigenes Süppchen, hat er gesagt. Am Ende servieren wir aber gemeinsam ein ganzes Menü. Ein Menü, das mittlerweile auf jeder Karte steht. Die Tiroler Schnapsroute. Professionell aufgezogen, Internetpräsenz, Fotos, Werbefilme, Broschüren, großzügige Unterstützung von Kammer und Tourismus. Aus einer Idee wurde Wirklichkeit. Unter einem Dach versammeln sich vierzig Brenner, sie alle zeigen, was sie können, sie alle ziehen an einem Strang. Weil der Bauer Franz sie davon überzeugt hat. Neid, bringt niemanden weit, hat er gesagt. Und Recht hat er. Darauf trinke ich jetzt einen. Einen herrlichen Karottenbrand vom Bauer Franz. Prost.

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Bernhard Aichner lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck. Er schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke, und wurde mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Sein ­Thriller „Totenfrau“ stand wochen­ lang auf den Bestsellerlisten und erscheint in 16 Ländern. Eine Ver­ filmung ist in Vorbereitung. „Totenhaus“ ist der zweite Teil der Blum-Trilogie und erscheint im August.


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02/15 unserhof  

Magazin für Hofübernehmer im bäuerlichen Familienbetrieb

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