Page 1


Neuheiten, Events und Aktionen

New Holland Österreich fokussiert sich 2016 unter dem Motto „Wir sind für Sie da!“ noch intensiver auf die Bedürfnisse der österreichischen Landwirte: mit neuen Traktoren, ­Erntemaschinen und gezielten Verkaufsaktionen.

www.face book.com/ NewHolland Oesterreich

New Holland Händlernetz vertrieben wird. Aber auch die bekannten Traktoren- und Erntemaschinen-Baureihen von New Holland werden weiterhin ständig optimiert, um den Land­wirten effizient mit noch mehr Leistung zur Seite zu stehen. K ­ onkret wurde die Baureihe T4 durch einen zweiten Zusatzhubzylinder verstärkt – und ab

Werk ist nun auch eine ScharmüllerAnhängerkupplung erhältlich. L­ etztere ist auch beim T4 „PowerStar“ ab Werk verfügbar – und optional die „Lift-OMatic“-­Hubwerksfunktion. Auch das Rundballenpressensegment ­wurde für die diesjährige Saison weiter­ entwickelt, um ein noch b ­ esseres Pressergebnis zu erzielen.

Die Produkt-Highlights T7. HD • Neue Modelle T7.290, T7.315 • Hubkraft bis 11.060kg • Breiteres Reifenangebot inkl. 900er Bereifung • Bis zu 20 LED-Arbeitsschein­ werfer • Neues Komfort-Kabinendesign • ECOBlue™ HI-eSCR-Motoren­ technologie

Boomer Serie • 20 bis 50 PS • Synchrogetrieben, hydrostatisches Getriebe oder EasyDrive™ • Anbaumöglichkeiten unter www.newholland-boomer.at

CX7./8. • Neues Modell CX8.85. • 5 oder 6 Schüttler • ECOBlue™ HI-eSCRSystem ­Motortechnologie • Bis zu 12.500L Korntankvolumen • Harvest Suite™ Ultra-Kabine • Opti-Clean™-, Opti-Speed™-, ­Opti-Spread™-, Opti-Fan™-System

Firmenbericht

www.new holland.com

Foto: © New Holland

D

afür hat der Hersteller bereits das Traktoren-­ ProduktpalettenAngebot sowohl im unteren PS-Segment durch die neue Boomer-Serie als auch durch die komplett neu konstruierte T7. HD Baureihe im oberen PS-Segment erweitert. Zusätzlich werden Mitte Februar auf der Messe Fima in Zaragoza, Spanien, die neuen T5. und T6. Baureihen vorgestellt, die neben der verbesserten Abgasnorm Motorisierung Tier 4b und dem neuen Design auch zahlreiche Innovationen und Updates beinhalten. Starke Akzente setzt New Holland ebenso im Erntemaschinenbereich. Die komplette Mähdrescher-Baureihe CX7./8. wurde überarbeitet und durch ein neues Modell CX 8.85 e ­ rweitert. Bei den Feldhäckslern wurde die neue Serie „Forage-­Cruiser“ konstruiert, um den ständig steigenden Anforderungen im Häckseleinsatz einen Schritt voraus zu sein. Ein absolutes Novum ist das renommierte Braud New Holland Trauben­vollerntersegment, das 2016 exklusiv nur über das österreichische


BEEINDRUCKENDE NEUHEITEN, BREITERE PRODUKTPALETTE UND ECHTE BLUE POWER-ANGEBOTE, NEW HOLLAND HAT IM NEUEN JAHR EINIGES ZU BIETEN:

HIGHLIGHTS 2016: INFORMIEREN. ENTSCHEIDEN. VORTEILE SICHERN.

Um 2016 richtig viel Erfolg einzufahren, sollten Sie den Start bei New Holland auf keinen Fall verpassen. Es ist für jeden das Richtige dabei: mehr Produkte, viele Neuheiten und extra vorteilhafte Blue Power-Angebote. Also gehen Sie direkt auf der Überholspur zu Ihrem New Holland-Händler und sichern Sie sich alle Aktions-Vorteile 2016. NEW HOLLAND TOP SERVICE 00800 64 111 111 www.newholland.com/at Service und Informationen rund um die Uhr. Der Anruf ist aus dem Festnetz und den meisten deutschen und österreichischen Mobilfunknetzen gebührenfrei. Besuchen Sie unsere Facebook-Seite! www.facebook.com/NewHollandOesterreich


INHALT | Februar 2016

44 | Pannonische Reis-Träume

68 | Ohne Netz im Eck

52 | Bauernhof 4.0

16 | Waldprofi & Baumexperte

Impressum und Offenlegung HERAUSGEBER Klaus Orthaber EIGENTÜMER UND VERLEGER SPV Printmedien GmbH., F­ lorianig. 7/14, 1080 Wien CHEFREDAKTEUR Stefan Nimmervoll (nimmer­ voll@blickinsland.at) REDAKTION Ing. Bernhard ­Weber (weber@blickinsland.at) ANZEIGEN­LEITUNG ­Prok. Doris Orthaber-Dättel (daettel@blickinsland.at) BÜROLEITUNG Alexander Smejkal (smejkal@blickinsland.at) ­REDAKTION & ANZEIGENANNAHME Florianig. 7/14, 1080 Wien. Telefon 01/5812890, Fax 01/5812890-23, E-Mail redaktion@­unserhof.at LAYOUT Eva-Christine Mühlberger (muehlberger@blickinsland.at), Logoleiste Titel­ seite: Grafic Design ­Pucher FIRMEN­BUCHNUMMER: FN 121 271 S. DVR 286 73 H ­ ERSTELLUNG proprint.at GmbH., 8042 Graz, Tel.: +43 316 890791, E-Mail: office@proprint. at, www.proprint.at VERLAGSORT Florianig. 7/14, 1080 Wien P.b.b., ZUL.-NR. 14Z040154 M. Alle Z ­ uschriften und Chiffre-Briefe an BLICK INS LAND; Florianigasse 7/14, 1080 Wien. Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Unterlagen besteht keine Gewähr auf Veröffentlichung oder Rücksendung. OFFENLEGUNG gemäß Mediengesetz § 25: Verleger: SPV Printmedien GmbH., Firmensitz: Florianigasse 7/14, 1080 Wien. Geschäftsführung: Klaus Orthaber, Gesellschafter: Klaus Orthaber. Erklärung über die grundlegende Richtung gem. § 25 (4) MedienG: Österreichisches Magazin für Hofübernehmer im bäuerlichen Familienbetrieb. Einzelpreis: € 5,– Jahresabo Inland: € 12,– · Jahresabo Ausland: € 18,–

Familie und Betrieb 06 Daheim gepflegt 09 Wege aus der Überforderung 10 Ausgebrannt 17 Junge machen sich an die

(Öffentlichkeits-)Arbeit

Betriebsführung 44 Pannonische Reis-Träume 48 Der Kunde, dein Financier Forschung 18 Wissensdrehscheibe am

Puls der Zeit

56 Ein Prüfmarathon für die Sicherheit

Landtechnik 52 Bauernhof 4.0 68 Ohne Netz im Eck

Im Gespräch 12 „Nur wer global denkt, kann

regional handeln“

richtigen Weg“

16 Waldprofi & Baumexperte 28 „Es gibt nicht den e­ inen 64 Gefühlte und tatsächliche R­ isiken Landwirtschaft International 30 Mit Schweizer Werten punkten 34 Austro-Winzer im Weinwunderland

Partner der Landwirtschaft 40 Global und r­ egional Pflanzenschutz 60 Pflanzenschutz wird individuell


Februar 2016 | INHALT

Jammern hilft nicht!

Fotos: © Pistracher (2), Fotolia (2), Bosch (1), Bayer CropScience (1), A ­ ries-Images (1)

56 | Ein Prüfmarathon für die Sicherheit

48 | Der Kunde, dein Financier

72 | Wer ist die Schönste im Land?

Agrarkultur 24 „Miss Wels“ mit den

schönen Augen

72 Wer ist die Schönste im Land? 74 Bauer Franz und das Kopftuch

04 Liquiditätsplan: Investieren und dabei zahlungsfähig bleiben

06 Betriebskooperationen:

Effizienz steigt mit ­Spezialisierung

09 Master-Studien: Agrartechnologie

10 Streit bei Hofübergabe: Mediation

02 Vollkostenauswertung:

12 Wer gilt als Landwirt? 14 Vermietung von Wohngebäuden:

Was bringt’s?

Stefan Nimmervoll

& Energiezukunft

unserhof Service-Beilage 01 Online-Service: Betriebseigene ­Erlös-Kennzahlen

Scharf ist die Kritik, die sich Agrarpolitiker vom Ortsfunktionär bis hinauf zum Minister derzeit von ihrer eigenen Klientel anhören müssen. Und auf den ersten Blick ist das auch verständlich. Viel ist zusammen gekommen. Die schlechten Preise, neue Einheitswerte und ÖPUL-Vorgaben, noch mehr Bürokratie und ein generell angekratztes Image des Bauernstandes. So manche Suada aus vollem Frust mag da für die Seele reinigend wirken. Meist ist das, was an Kritik geäußert wird, den eingangs Erwähnten wohl bekannt – und sie würden es selber gerne ändern. Alleine, gegen Marktentwicklungen und gesellschaftspolitische Strömungen ist kein Kraut gewachsen. Wenn man Politikern einen Vorwurf machen kann, dann jenen, dass sie manchmal mehr versprechen, als sie halten können. Natürlich ist beileibe nicht alles Gold, was als glänzend verkauft wird. Ein „Totalversagen der Agrarpolitik“, wie es auch manche Jungbauern erkennen wollen, sieht aber anders aus. Nicht umsonst beurteilen Vertreter anderer Berufsgruppen – einmal mit Bewunderung, einmal im Zorn – die Landwirtschaft als „bestens geschützte Werkstätte“. So muss jeder Bauer für sich begreifen, dass er seines eigenen Glückes Schmied ist. Über fragwürdige Rahmenbedingungen kann man sich ärgern – aber nicht zu lange. Denn was man (selbst) ändern kann, damit muss man leben. Und seine Kraft besser so investieren, um möglichst gut damit leben zu können.

als a­ lternativer Lösungsweg

Fehler vermeiden

-Partner

Eine Medienkooperation von:


Daheim gepflegt 6

unserhof 1/2016


FAMILIE UND BETRIEB

Die gute Nachricht gleich ­vorweg: Wir werden immer älter. Die schlechte: Mit steigender ­Lebenserwartung steigt auch der Pflegebedarf. Dieser Trend wird sich auch in ­Zukunft ­fortsetzen. Viele ­wollen ihr Zuhause im Alter nicht ­verlassen und sind so auf ihre ­Angehörigen angewiesen. Von Annette Weber

S Foto: © Printemps

ie war 96 Jahre alt, als sie starb. Die letzten vier Jahre war sie auf Hilfe angewiesen. Nicht fremdes Pflegepersonal betreute die frühere Bäuerin, ihre Tochter und ihre Enkelin übernahmen die Pflege – zusätzlich zur ihren Aufgaben am Hof bzw. im Job. „Es war für uns nie ein Thema, unsere Oma in ein Heim zu geben“, erzählt die Enkelin Monika L., „natürlich wussten wir, dass das eine große Herausforderung sein würde.“ Erst jetzt im Nachhinein stellen die beiden fest, wie groß ihr Engagement tatsächlich war und wie anderes, etwa die eigene Familie, zurückstecken musste. Der Pflegegeldbezug ist zwischen 1996 und 2009 um 40 Prozent gestiegen. Rund ein Viertel der österreichischen Bevölkerung über 65 Jahre wird zu Hause gepflegt, Schätzungen zufolge 80 Prozent davon durch Angehörige. Gerade im bäuerlichen Umfeld ist das Bedürfnis, zu Hause zu bleiben, groß. Hat man doch oft sein ganzes Leben am eigenen Hof verbracht. Man wurde zum Teil hier geboren, man hat hier gearbeitet, seine Kinder bekommen. Spricht man mit alten Bäuerinnen und Bauern, kommen diese Aussagen häufig. Genau so oft wie „Einen alten Baum verpflanzt man nicht“. Ein Altersheim ist in vielen Fällen undenkbar.

unserhof 1/2016 7

Mag. Annette Weber ist neben ihrer Tätigkeit beim Ökosozialen Forum Österreich freie Mitarbeiterin von unserhof


FAMILIE UND BETRIEB

„Wichtig ist“, so Monika L., „dass die ganze Familie hinter der Entscheidung steht. Die Pflege eines Angehörigen daheim ist ein 24-Stunden-Job, sieben Tage die Woche. Und diese wird kaum funktionieren, wenn die Aufgabe nur von einer Person übernommen wird. Außerdem ist gute Planung wichtig. Man muss sich schon im Vorfeld gut überlegen, wer macht wann was und was passiert, wenn man zum Beispiel selbst krank wird.“ In den vergangenen Jahren wurde eine Reihe gesetzlicher Regelungen geschaffen, um pflegenden Angehörigen eine umfassende soziale Absicherung zu gewährleisten. Muss etwa die Erwerbstätigkeit aufgrund der Pflege eines nahen Angehörigen aufgegeben oder eingeschränkt werden, gibt es die Möglichkeit einer Selbstversicherung, für die der Versicherte selbst keine Beträge zu zahlen hat. Diese werden aus Bundesmitteln aufgebracht. So können während der Zeit der Pflegetätigkeit Pensionsversicherungszeiten erworben werden. Pflegepersonen können auch beim zu pflegenden Angehörigen mitversichert werden. Sollte dieser Angehörige nicht versichert sein, übernimmt diese Versicherung die öffentliche Hand. Für Pflegepersonen, die einer

unselbständigen Beschäftigung nachgehen, gibt es zudem die Möglichkeit, Pflegekarenz oder Pflegeteilzeit mit dem Dienstgeber zu vereinbaren. Die Sozialversicherungsanstalt der Bauern, SVB, bietet für die pflegenden Angehörigen darüber hinaus ganz spezielle Gesundheitsaktionen, um diesen eine Auszeit von der belastenden Pflegearbeit zu ermöglichen. Weiters gibt es Qualitätssicherungsprogramme in Fällen von häuslicher Pflege. Dabei kommen qualifizierte Pflegepersonen nach Hause.

Buchtipp „Daheim gepflegt“: Die SVB-Broschüre zum kostenlosen Download informiert ausführlich über die Bestimmungen und Voraussetzungen für die Gewährung von Pflegegeld und beantwortet oft gestellte Fragen zu diesem Thema.

Internet: www.svb.at

8

„Sehr viele pflegebedürftige Menschen werden noch zu Hause gepflegt, ein Großteil von Frauen. Ohne pflegende und betreuende Frauen würde unser Sozialsystem zusammen­brechen“, meint Bundesbäuerin Andrea Schwarzmann. Daher sei es an der Zeit, die Wertschätzung dieser Arbeit zu erhöhen und diese nicht als eine Selbstverständlichkeit anzusehen. „Es gilt, die Anliegen und Sorgen der Betroffenen ernst zu nehmen und ihnen rechtzeitig Hilfe und Unterstützung anzubieten. Gerade pflegende Angehörige, die im Alltag ihre eigenen Bedürfnisse immer zurückstellen, müssen darauf achten, dass die Balance in ihrem Lebensalltag nicht völlig aus dem Gleichgewicht gerät. Aus diesem Grund ist es überaus wichtig, dass sie sich Zeit für eine kurze Auszeit nehmen, um Kraft zu tanken und Erfahrungen mit anderen Betroffenen auszutauschen“, sagt Schwarzmann mit Verweis auf die speziellen Erholungsangebote der SVB. unserhof 1/2016

Fotos: © LK Österreich (1), SVB (1), Wissmann Design (1)

Bundesbäuerin Andrea Schwarzmann

Für die Angehörigen, welche die Pflege übernehmen, ist das oft kein leichtes Angehen. Die Pflege der Eltern oder Großeltern kommt als zusätzliche Aufgabe und Herausforderung hinzu. Darüber hinaus ist ohnehin schon mit einer Mehrbelastung zu kämpfen. Die vielen Arbeiten am Betrieb, zusätzliche Erwerbstätigkeit, Kinderbetreuung …


FAMILIE UND BETRIEB

Ausgebrannt Nach außen hin war sie stets die perfekte Bäuerin. Mit beiden Beinen voll im Leben, schupft Maria die tägliche Arbeit in Haus und Hof. Doch irgendwann war ein Punkt erreicht, an dem sie „einfach nicht mehr konnte“: Überforderung, Erschöpfung, Burnout. Von Elisabeth Neureiter

Elisabeth Neureiter leitet die Bildungs- und Beratungsinitiative „Lebens­ qualität Bauernhof“ in der LK Salzburg.

10

niert“ nur mehr. Marias Welt bricht ein und sie selbst in Folge zusammen. Aus Antrieb und Energie wird Erschöpfung.

Überforderung Stressbelastung über Wochen, Monate, Jahre zieht den Körper und die Seele schwer in Mitleidenschaft. Die Folgen sind sowohl psychischer als auch physischer Natur. Konzentrationsschwäche, Gereiztheit, Antriebslosigkeit, Schlaflosigkeit, Verdauungsprobleme, Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Störungen des Immunsystems und vermehrte Krankheitsanfälligkeit, um nur einige der Warnsignale zu nennen. Das Verhalten von Frauen und Männern bei Überforderung über einen längeren Zeitraum ist unterschiedlich, doch das Ergebnis ist dasselbe: eine unerträgliche Verminderung der Lebensqualität. Frauen werden bei Überlastung oft ruhiger, in sich gekehrt und machen sich Vorwürfe, versagt zu haben, kämpfen mit massiven Selbstzweifeln. Auch wenn es Frauen oft leichter fällt, mit Freunden, Verwandten oder einem Arzt über ihre Probleme zu sprechen, geraten auch sie immer öfter in die Abwärtsspirale der chronischen Überarbeitung.

Erschöpfung Zu Beginn steht immer der zwanghafte Wunsch, erfolgreich zu sein. Körperliche und seelische Symptome der Überlastung werden verdrängt, geleugnet und verheimlicht. Dies kann bis hin zu einem Zustand völliger kör-

perlicher und seelischer Erschöpfung führen. Sie ist das Ergebnis langer oder wiederholter Mehrfachbelastung. Kein Lohn, keine Selbstbestimmung, kein Ausweg, zu hohe Erwartungen (sowohl eigener „Perfektionismus“ als auch die Erwartungen anderer), wenig Mitbestimmungsrecht und mangelnde Wertschätzung spielen dabei eine große Rolle.

Burnout Eine Erschöpfungsdepression, neudeutsch besser bekannt als „Burn­ out“, ist eine ernstzunehmende Erkrankung. Sie bedarf lang­fristiger ärztlicher und therapeutischer ­Behandlung sowie Unterstützung und Verständnis in der Familie. Es dauert, bis sich ein Burnout manifestiert, es braucht aber auch sehr viel Zeit, Ausdauer und eine grundlegende Änderung des Lebensstils, um sich seelisch und körperlich wieder zu erholen.

Auszeit im Alltag Stress und Arbeitsspitzen können gerade im bäuerlichen Bereich nicht vermieden werden. Wichtig jedoch ist, nicht in einem Dauerstress­zustand zu verharren. Wir müssen unserem Körper erlauben, den Stress­pegel auch wieder zu senken. Darum sind Erholungs- und regelmäßige Entspannungsphasen so wichtig. Dabei ist es aber nicht mit fünf Tagen Urlaub getan, denn das Leben findet an den anderen 360 Tagen statt. Auszeiten müssen im Alltag eingeflochten werden. Zumindest ein Tag pro Woche unserhof 1/2016

Fotos: © LLI (1), foto_tech (1)

E

in Bauernhaus wie aus dem Prospekt, ein respektabler Betrieb mit einer ordentlichen Anzahl an Milch- und Zuchtvieh. Die Bäuerin: eine gute Ehefrau und Mutter, zudem bekannt für ihr tolles Organisationstalent für so manche Veranstaltung in der Pfarre und der Bäuerinnen. Maria ist stolz, eine „gestandene Bäuerin“ zu sein, schupft nicht nur die tägliche Stallarbeit im Nebenerwerbsbetrieb. Da ihr Mann durch seinen Job nicht viel zuhause ist, bleibt neben dem Melken und der Versorgung der Tiere auch viel Organisatorisches rund um den Hof an ihr hängen. Den Haushalt macht sie mit links: Kochen, Waschen, Putzen, Bügeln. Natürlich macht Maria alles selber, sie kann es ja auch am besten. Dazu fordern die drei Kinder im Schulalter viel Zeit: Hausaufgaben, Lernen, Musikstunden, Fußballtraining, Elternsprechtag, Vorspielabend. Irgendwas ist immer. Und dann noch das Schmuckstück: ein altes Bauernhaus mit üppiger Blumenpracht am Balkon und großem Bauerngarten davor. Alles sehr viel Arbeit. Die keiner sieht, wenn sie getan ist. Doch als die Schwiegermutter erkrankt und zunehmend mehr Pflege und Unterstützung braucht, schnürt Maria das ohnehin sehr enge Zeitkorsett noch mehr ein. Plötzlich ist ein Punkt erreicht, an dem die Bäuerin, Mutter und Schwiegertochter, obwohl gerade mal Anfang 30, „einfach nicht mehr kann“. Sie ist innerlich leer, alles ist ihr egal geworden, sie „funktio-


FAMILIE UND BETRIEB

Internet: www.lebens qualitaetbauernhof.at sollte arbeitsfrei bleiben, regelmäßige Pausen und Zeiten nur für sich selbst füllen die Energietanks wieder auf. Auch außerberufliche Aktivitäten und Hobbys helfen beim Abschalten. Besonders empfehlenswert ist Sport. Die körperliche Bewegung macht den Kopf frei, hilft, aus dem Hamsterrad des Alltages zu entkommen und baut die Stresshormone im Blut effektiv ab.

Nein sagen Maria geht es nach ärztlicher Unterstützung, einem Erholungsaufenthalt und einer begleitenden Therapie mittlerweile wieder besser. Für die Betreuung der Schwiegermutter ist eine Rund-um-die-Uhr-Hilfe im Haus. Ihre überzogenen Erwartungen, dass alles perfekt sein muss und alle Verantwortung auf ihren Schultern ruht, konnte sie ablegen. Haus- und Stallarbeiten übernehmen nun vermehrt ihr Mann und ihr ältester Sohn. Auch hat sie gelernt, „Nein“ zu sagen und schlägt schon einmal Bitten und Anfragen ab. Nach wie vor fällt es ihr aber schwer, zuhause abzuschalten. Sie sieht immer Arbeit und gerät dann in Versuchung, alles sofort und selber zu erledigen. Aber auch hierfür hat sie eine Lösung gefunden – sie verbringt ihre Auszeiten außer Haus: bei ein bis zwei Stunden Walking mindestens jeden zweiten Tag, Ausflügen und Treffen mit Freundinnen. Einmal im Monat geht sie mit ihrem Mann sogar am Abend aus, zum Essen oder zu einer Veranstaltung. Und der Sonntag ist – bis auf die Stallzeiten – arbeitsfrei.

Burnout-Phasen Die einzelnen Phasen beim Burnout sind nicht immer klar abgrenzbar. Und sie können sich sowohl vermischen als auch gegenseitig überlagern: 1. Der Zwang, sich zu beweisen: Der verbissene Wunsch, erfolgreich zu sein, und übertriebene Erwartungen an sich selbst. 2. Verstärkter Einsatz: Perfektionismus und Engagement werden zwanghaft – Unfähigkeit zu delegieren. 3. Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse: Pausen werden als überflüssig erachtet, Ernährung ist nebensächlich und der Körper wird vernachlässigt. 4. Verdrängung von Konflikten und Bedürfnissen: Heimlichkeit und Zurückziehen beginnt, niemand darf wissen, wie es einem wirklich geht. 5. Umdeutung von Werten: Druck und Belastung sind so hoch, dass Wichtiges nicht mehr von Unwichtigem unterschieden werden kann. 6. Verstärkte Verleugnung auftretender Probleme: Eigene Vernachlässigung und Zynismus verstärken sich, Probleme werden verleugnet. 7. Rückzug: Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit nimmt überhand – man zieht sich aus dem sozialen Umfeld zurück. 8. Beobachtbare Verhaltensänderung: Jede Zuwendung, Unterstützung und Aufmerksamkeit wird als Angriff gewertet. 9. Depersonalisation: Das Gefühl für die eigene Persönlichkeit geht verloren, es entsteht eine tiefe Selbstverneinung. 10. Innere Leere: Der Betroffene fühlt sich nutzlos, ausgezehrt, leer. Letzte Reserven werden evt. durch Drogen-, Medikamenten- und Aufputschmittelmissbrauch mobilisiert. 11. Depression: Verzweiflung und Erschöpfung sind die einzig wahrnehmbaren Gefühle. Es entsteht der Wunsch nach Dauerschlaf – erste Suizidgedanken tauchen auf. 12. Völlige Burnout-Erschöpfung: Es gibt kein „Ich“ mehr. Ohne die Wahrnehmung des „Ichs“ haben sich alle ursprünglichen Zwänge aufgelöst und es hat keinen Sinn mehr weiterzuleben. Suzid ist für die Betroffenen die einzig logische Konsequenz. Dieses Stadium ist ein absoluter und akuter Notfall und lebensbedrohlich! Quelle: Freudenberger & North, „Burn-out bei Frauen. Über das Gefühl des ­Ausgebranntseins“, Verlag Krüger

unserhof 1/2016 11


IM GESPRÄCH

„Nur wer global denkt, kann regional handeln“ Der Steirer MARTIN STIEGLBAUER ist seit Ende November neuer Bundesleiter der Land­jugend. unserhof hat den jungen Funktionär gefragt, wie es um die laut eigenen Angaben größte ­Jugendorganisation im ländlichen Raum steht. Interview: Bernhard Weber

Martin ­Stieglbauer, 25, aus St. Martin im Sulmtal ist oberster Vertreter von 90.000 Land­jugendMitgliedern in Österreich.

Wo muss man bei der Landjugend-­ Arbeit eventuell nachschärfen? Wir sind eine attraktive Organisation, was die Förderung von Jugendlichen und Weiterbildung im außerschulischen Bereich betrifft.

12

Da ist in den vergangenen Jahren viel geschehen, im agrarischen Bereich wie auch in der Persönlichkeitsbildung. Für künftige Hofübernehmer werden wir s­ icher verstärkt Angebote organisieren, wie den bäuerlichen Jung­unternehmertag. Was sind die größten Herausforderungen für junge Menschen am Land? Die öffentliche Infrastruktur ist oftmals nicht zufriedenstellend. Viele haben eine gute Ausbildung, finden aber am Land keinen Job und müssen pendeln. Auch wird es immer schwieriger, am Land Bauplätze zu finden oder eine Widmung dafür zu bekommen. Viele haben so nicht die Chance, sich in ihrem Heimatort eine Zukunft aufzubauen, obwohl sie eigentlich gern dort bleiben würden. Dabei steht gerade die Verbauung im Konflikt mit der Raumordnung, weshalb den Jung­bauern zunehmend die Flächen ausgehen. Wie kann man dem begegnen? Die Probleme der Landflucht und Raumordnung wurden unserhof 1/2016

Fotos: © LJ Österreich (1), NÖ Landjugend (1)

unserhof: Was sind Deine Ziele für die Amtsperiode? Stieglbauer: Die Landjugend in ganz Österreich sollte näher zusammenrücken und voneinander lernen, um ihr Potential noch besser nutzen können. Landwirtschaftlich wollen wir uns nun speziell dem „Bäuerlichen Unternehmertum“, gesellschaftlich dem Thema „Familien“ widmen. Bundesleiter zu werden, war in meiner Lebensplanung eigentlich nicht vorgesehen. Bei der ersten Anfrage habe ich noch abgesagt. Beim zweiten Mal habe ich mir Bedenkzeit erbeten, mich letztlich sehr gerne dafür entschieden.


IM GESPRÄCH

bereits erkannt. Viele Gemeinden arbeiten bereits an Konzepten. Wenn es gute Bahn- und Straßenanbindungen gibt, ist es für Unternehmen attraktiv, sich anzusiedeln. In den Gremien der Landjugend ist der Frauenanteil hoch. Sonst sind Frauen in der Agrarpolitik eher selten vertreten. Warum ist das so? Da hat sich einiges geändert. Viele junge Damen möchten sich heute einbringen, während früher Frauen oft nicht zur Übernahme eines Amtes ermutigt wurden. Frauen sollten sich in der Agrarpolitik in jedem Fall mehr einbringen, weil sie oft eine andere Sichtweise haben. Ich bin aber gegen eine verpflichtende Quote. Die Landjugend hat schon seit Jahrzehnten auch eine Bundesleiterin für die Anliegen der Mädels. Diese Ausgewogenheit ist bis heute ein Erfolgsrezept. Wo ordnet sich die Landjugend gesellschaftspolitisch ein? Wir sind in jedem Fall überparteilich und können mit jeder Partei, sofern eine gute Politik für die Jugend und den ländlichen Raum gemacht wird. Wir wollen Bewährtes weiterführen, aber sehen auch Chancen in Veränderungen und ergreifen diese. Medial wird die Landjugend nicht so stark wahrgenommen wie andere Jugendorganisationen …

Wir werden in der Öffentlichkeit durch unsere starke überparteiliche Struktur mit 90.000 Mitgliedern sehr wohl wahrgenommen. Auch unsere Projekte auf Orts-, Bezirks- und Landesebene können sich sehen lassen. Welche andere Jugendorganisation kann eine solche Vielfalt vorweisen? Natürlich ist aber Potential da, noch stärker aufzutreten. Wie ist Dein Bezug zur Landwirtschaft? Ich bin als jüngster von drei Söhnen auf einem Milchviehbetrieb in der Weststeiermark groß geworden, habe an der HAK maturiert, war dann in der Raiffeisenbank tätig und habe mich erst vergangenes Jahr im Sommer zu einem Kurswechsel entschieden. Derzeit studiere ich im zweiten Bildungsweg an der Boku Agrarwissenschaften. Ist der Bezug zur Landwirtschaft überhaupt noch nötig, um in der Landjugend Funktionen zu übernehmen? Das kommt darauf an. Zwar hat heute nur noch etwas mehr als die Hälfte unserer Mitglieder eine bäuerliche Herkunft. Unser Agrarreferent sollte natürlich die Anliegen der Bauern kennen. Bei anderen Ämtern sehe ich diese Notwendigkeit nicht unbedingt. Wichtig ist es, sich mit bäuerlichen und ländlichen Werten identifizieren zu können. Wo will die LJ im Bereich der Beratung für junge Bauern Profil gewinnen?

Wir haben 2015 eine Studie über Hof­übergabe im außerfamiliären Bereich erhoben. Aktuell legen wir unsere Hof­übergabe-Broschüre zum achten Mal neu auf, bieten dazu Seminare an. Was zeichnet einen erfolgreichen Jungbauern aus? Betriebswirtschaftliches Denken mit Bewusstsein für Zahlen, ökologisches und nachhaltiges Handeln. Und innovatives Denken. Damit man nicht nur so weitermacht wie die Eltern. Ein Service der Landjugend ist die Vermittlung von Praktika. Wie wichtig ist es für einen jungen Bauern, auch im Ausland zu arbeiten? Sehr wichtig. Bevor man daheim einen Betrieb übernimmt, sollte man über den Tellerrand hinausblicken und andere Kulturen und Wirtschaftsweisen in der Landwirtschaft kennenlernen. Nur wer global denkt, kann regional handeln. Die Landjugend-Führung ist auch ein Sprungbrett in die Politik. Hast Du dementsprechende Pläne? Derzeit keine. Die Landjugend ist aber in jedem Fall die Kaderschmiede für Verantwortungsträger im ländlichen Raum. Mitgestalten kann man mit den erworbenen Kompetenzen aus der Landjugend auch in der Kommunal­ politik oder in Unternehmen.

Internet: www.land jugend.at

eine i­ntensive Diskussion rund um eine Erneuerung von ‚Landwirtschaft begreifen‘ geführt und haben, wieder gemeinsam mit Pädagogen, sechs neue Stationen entworfen“, so Polsterer. Das nötige Material soll dabei bequem in einer Kiste Platz haben und auf einem Heurigentisch aufzubauen sein. Bei der Konzeption der neuen Stationen war auch die Agrarmarkt Austria beteiligt. Polsterer: „Das Material ist in St. Pölten gelagert und kann von dort gegen rechtzeitige Voranmeldung abgeholt werden.“ Dabei würden nicht nur Veranstalter aus Niederösterreich anfragen. Rund 25 Kisten wurden auf Bestellung produziert und an Landjugend-­Gruppen im gesamten Bundesgebiet verschickt.

Internet: www.noe landjugend. at/programm/ landwirt schaftumwelt/landwirt schaftbegreifen

Pädagogisch wertvoll Dieses Prädikat gilt für die Aktion „Landwirtschaft begreifen“, mit der die Landjugend Kindern zwischen fünf und acht Jahren das Leben am Bauernhof näherbringen will. In zwei Kisten sind dabei zwölf verschiedene Stationen verpackt, die sich spielerisch mit Themen rund um die Landwirtschaft befassen. „Wir wollen die Brückenfunktion unserer Mitglieder aus dem bäuerlichen Umfeld nutzen, um das Wissen rund um die Herstellung von Lebensmitteln zu vertiefen“, sagt der Geschäftsführer der LJ Niederösterreich, Reinhard Polsterer. Bereits vor zehn Jahren habe man sich Programme wie die Schule am Bauernhof oder die Waldpädagogik

zum Vorbild genommen und daran gearbeitet, ein Kinderprogramm für Veranstaltungen im ländlichen Raum zusammenzustellen. Gemeinsam mit Volksschullehrern und Kindergartenpädagoginnen aus dem Kreis der Landjugend wurden sechs Spielekisten entworfen, die nun ein Jahrzehnt lang durch das Land getourt sind. „In den letzten zwei Jahren haben wir

unserhof 1/2016 13


Volle Power zur Ernte

www.austro­ diesel.at/ produkte/ maehdre scher.html

14

einspritzung und gewährleistet dank wartungsfreier SCR Technologie mit niedrigem Kraftstoffverbrauch die Einhaltung der aktuellen Emissionsvorschriften. Mit dem neuen Motor hält zudem ein neues, über CAN-Bus angeschlossenes Terminal Einzug in die Kabine. Das Farbdisplay zeigt eine Reihe von Leistungsdaten des Motors und Mähdreschers. Die Erntequalität einer Vielzahl von Früchten verbessert ein neuer Sektional-Dreschkorb. Dieser kann durch die Steinfangmulde umgerüstet werden. „Der Fahrer kann im Handumdrehen die Vorderseite des Dreschkorbs, etwa gegen ein für Mais geeignetes Element, austauschen, ohne dafür erst den Schrägförderer abbauen zu müssen“, be-

tont Austro Diesel-­Geschäftsführer Ing. Johann Gram. Der neue MF Activa 7344, ein Fünf-Schüttlermähdrescher mit Sechszylinder-Motor – er ersetzt den Activa 7244 – ist nun auch optional mit 5,5 m breitem „Power­Flow“Schneidwerk erhältlich. So kommen nun auch Nutzer kleinerer Mähdrescher in den Genuss dieses durchsatzsteigernden Schneidwerks, das vor allem bei Raps extrem leistungsstark ist. Aber auch bei einer Vielzahl weiterer Feldfrüchte sorgt es für eine bessere Schnittqualität und höheren Durchsatz: bei Raps um 73 Prozent, bei Weizen um 15 Prozent und bei Gerste um 12 Prozent. „Damit kann der Landwirt innerhalb kürzerer Zeit einen größeren Teil der Ernte einfahren“, erklärt Sherriff. Das bewährte Sortiment an FreeFlow-Schneidwerken mit TerraControl-Schnitthöhenautomatik ist auch weiterhin in Breiten von 4,2 m bis 6,6 m erhältlich. Bestechend: der neue 218 PS AGCO-Power-­ Motor mit 7,4 Liter Hubraum und sechs Zylindern. Robust, kraftstoffsparend und gleichzeitig leistungsstark verfügt der Motor genau über das Drehmoment und Ansprechverhalten, das für den effizienten Einsatz eines Mähdreschers benötigt wird. Beide Neuen haben die gleiche Dreschtrommel und den gleichen, unabhängig verstellbaren Dreschkorb. Hinzu kommt die ABC-Einheit (Active Beater Concave) für eine optimale Druschqualität für jede Frucht auf jedem Feld. Keinen Unterschied gibt es auch beim neuen Multifunktionshebel und beim Design. Mit einem neuen Kabinendach, grau lackierter Oberseite und einer neuen Strohhaubenabdeckung fügen sich beide nahtlos in das MF-Mähdrescher-Sortiment ein. Und optional ist nun auch eine Rockinger Anhängerkupplung mit breiterem Maul erhältlich. unserhof 1/2016

Firmenbericht

D

er MF Activa 7340 arbeitet mit dem modernsten, 176 PS starken Motor von AGCO Power mit 4,9 ­Liter Hubraum und vier Zylindern. Dieser steht für wegweisende Motorentechnik und eine in dieser Klasse unvergleichliche Leistung, Effizienz und Wirtschaftlichkeit. „Es ist lange her, dass ein ­Mähdrescher mit einem Vierzylinder-­ Motor ausgerüstet wurde“, sagt Adam Sherriff, Marketing-Manager von MF. Der Neue bietet im Einsatz die Vorteile eines Sechszylinders, aber in einem kleineren, leichteren Format. Der hubraumstarke 4,9-Liter-­Motor mit vier Zylindern und Vier-Ventil-­ Technik verfügt über die vierte Generation Common-Rail-Direkt­

Foto: © Massey Ferguson

Mit zwei neuen, schlagkräftigen Mähdrescher-Modellen der Baureihe „Activa“ will ­Massey-Ferguson-Generalimporteur Austro Diesel heuer bei der Getreideernte überzeugen.


VON PROFIS FÜR PROFIS ERNTEQUALITÄT AUF HÖCHSTEM NIVEAU Von 176 bis 500 PS Höchste Durchsatzleistung und Wirtschaftlichkeit Höchste Servicekompetenz Prompte Ersatzteilverfügbarkeit

www.austrodiesel.at

TEL01/70 120


IM GESPRÄCH

Waldprofi & Baumexperte

Der Kärntner Gerd Fleischhacker hat vor einigen Wochen wieder einen Kurs an der Forstlichen Ausbildungsstätte Ossiach, kurz FAST, absolviert. Ein Gespräch über das Image von Forstwirten und waldbauliche Herausforderungen. Interview: Bernhard Weber

Was soll ein guter Waldbauer Ihrer Meinung nach können? Rechnen. Welche Bedeutung hat die Forstwirtschaft für Sie? Damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Mein elterlicher Betrieb um-

fasst insgesamt 118 Hektar mit knapp 100 Hektar Wald. Was sind für Sie die größten Herausforderungen – aber auch Anreize – rund um den Arbeitsplatz Wald? Die richtige Baumartenwahl für meine Nachkommen zu finden. Arbeiten im Forst zählt zu den „Green Jobs“ betreffend Natur-, Umwelt- und Klimaschutz. Ist das Berufsimage auch so gut, wie es klingt? Leider nein. Wo sehen Sie die größten ökonomischen Chancen für die Forstwirtschaft? In der Schaffung möglichst naturnaher Wirtschaftswaldbestände. Welche möglichen Fehler aus der Vergangenheit sind dabei unbedingt zu vermeiden? Der Verlust von Zuwachsleistung.

FAST OSSIACH An der Forstlichen Ausbildungsstätte in Ossiach werden jedes Jahr rund 7.000 Personen in mehr als 200 Kursen, Seminaren und Veranstaltungen nach den neuesten forsttechnischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen praxisgerecht geschult. www.fastossiach.at

16

Arbeiten im Wald erfordert ein hohes Maß an Kraft und Freude an der Arbeit im Freien. Wie halten Sie sich körperlich fit? Durch ständiges Arbeiten. Was ist das wichtigste Arbeitsgerät im Forst? Der Mensch. Wie wichtig sind die immer größeren Forstmaschinen in der Waldwirtschaft? Bei richtigem Einsatz je nach Geländeform oder Witterung sehr wichtig. Bei der Waldarbeit passieren oft Unfälle. Wie gehen Sie damit um? Mit größter Vorsicht. Ihre Lieblingsbaumart ist? Die Eiche. Weil sie ein schöner Baum ist, uralt wird, knorrig und sehr vieles unbeschadet überstehen kann.

Zur Person Gerd Fleischhacker, 37, aus Finsterdorf bei Gurk, ist „Arborist“ und damit ISA-zertifizierter Fachmann rund um die Baumpflege. Er besucht laufend Schulungen und ist so stets am aktuellen Stand der Technik. So prüft, untersucht und begutachtet Fleischhacker auch für den Maschinenring Kärnten Bäume „auf Herz und Nieren“. Ein Job mit viel Verantwortung. unserhof 1/2016

Foto: © BERLINSTOCK (1), FAST Ossiach(1), Maschinenring (1)

unserhof: Warum haben Sie sich immer wieder für eine Ausbildung an der FAST Ossiach entschieden? Fleischhacker: Aus persönlichem Interesse und weil der Schulungsort nahe an meinem Heimatort liegt.


Foto: © ÖSFO

FAMILIE UND BETRIEB

Junge machen sich an die (Öffentlichkeits-)Arbeit Im März hat der „AgrarThinkTank“, ATT, des Ökosozialen Forum Österreich mit Vertretern ­agrarischer Jugendorganisationen nach intensiven Diskussionen ein umfangreiches Forderungsund Maßnahmenpapier präsentiert. Jetzt geht es an die Umsetzung. Von Annette Weber

B

ei folgenden Themenfeldern gebe es laut den jungen Funktionären der Österreichischen Jungbauernschaft, der Landjugend, der Jungzüchtervereinigung, der Junggärtner, der Styriabrid, der Akademikergruppe BOKU, der Bio Austria Next Generation und des Verbandes Junger Agrarjournalisten Handlungsbedarf: Junge Bäuerinnen und Bauern wollen die Öffentlichkeitsarbeit über ihr berufliches Umfeld selbst in die Hand nehmen. Sie sind der Meinung, dass junge Hofübernehmer ihre Geschichten am besten selbst erzählen können, etwa im Rahmen eines „Farmer’s Day“, der sich speziell an Jugendliche richtet.

Auch spezielle Förderungen von baulichen Maßnahmen am Hof, etwa von Glaswänden in Stallgebäuden, wurden angedacht. Frei nach dem Motto: „Wir haben nichts zu verstecken“. Zudem wünschen sich die Jung-­ Agrarier eine sachliche Auseinandersetzung mit NGOs, was die objektive und realistische Darstellung der landwirtschaftlichen Produktion betrifft,

allen voran beim Thema Pflanzenschutz. „Wir brauchen Mutmacher und keine Schwarzmaler. Genau diese Aufbruchsstimmung sehe ich in der jungen agrarischen Generation. Es ist besonders erfreulich, dass sich nun agrarische Jugendorganisationen vernetzen und an einem Strang ziehen“, erklärte dazu die Präsidentin des Ökosozialen Forums Europa Elisabeth Köstinger. Sie hat den „AgrarThinkTankern“ ihre volle Unterstützung zusagt. Das Forderungspapier ist online abrufbar. In Wien fand dazu nun die Kick-off-Veranstaltung statt. In den nächsten Monaten werden die Jugend­organisationen konkrete ­Aktionen planen und umsetzen.

unserhof 1/2016 17

Internet: www.oeko sozial.at


FORSCHUNG

Wissensdrehscheibe am Puls der Zeit Die Höhere Bundeslehr- und Forschungsanstalt, kurz HBLFA, in Raumberg-Gumpenstein ist die größte Dienststelle des Landwirtschaftsministeriums und hat sich als eine treibende Kraft für nachhaltiges Wirtschaften im Agrar-, Ernährungs- und Umweltbereich einen Namen gemacht.

W

issenschaft, Politik, Beratung, Lehrerschaft, viele Firmen, vor allem aber Landwirte aus dem gesamten Alpenraum vertrauen auf die Expertise der Raumberger Fachleute, die Theorie und Praxis in einer vorbildlichen Kombination aus Forschung und Lehre verbinden.

HBLFA Raumberg-Gumpenstein ist ein idealer Nährboden für innovative Ideen, die erfolgreich in der Praxis umgesetzt werden.

„Für mein Ministerium hat erstklassige Agrarbildung besondere Priorität. Professionelle Bildungseinrichtungen legen den Grundstein für eine moderne, wettbewerbsfähige Landwirtschaft und einen lebendigen, attraktiven ländlichen Raum“, betont Landwirtschaftminister Andrä Rupprechter. Das agrarische Lehr- und Forschungszentrum im steirischen Ennstal böte

geradezu „einen idealen Nährboden für innovative Ideen, die erfolgreich in der Praxis umgesetzt werden“, so der Ressortchef.

Vielseitige Lehre Aktuell werden in RaumbergGumpen­stein 430 Schülerinnen und Schüler mit den Ausbildungsschwerpunkten „Agrarmarketing und Agrarmanagement“ sowie in einem dreijährigen Aufbaulehrgang auf die Zentralmatura und ihr künftiges Berufsleben vorbereitet. Ab dem Schuljahr 2016/17 soll zusätzlich die neue Fachrichtung „Umwelt- und Ressourcenmanagement“ starten. Der erfolgreiche Abschluss an der HBLFA berechtigt die „Raumberger“ – prominentester Absolvent ist der frühere Landwirtschaftsminister, Vizekanzler und Begründer der „Ökosozialen Marktwirtschaft“, Josef Riegler – zum Besuch aller Universitäten, Hochschulen, Akademien, Fachhochschulen und postsekundärer Kollegs. Absolventen benötigen keine zusätzliche Unternehmerprüfung und dürfen nach dreijähriger Berufspraxis den Titel „Ingenieur“ führen. Ein umfangreiches Bauprojekt soll den Standort nun zusätzlich aufwerten: Ab dem kommenden Schuljahr stehen ein neuer Doppelturnsaal und ein neues Internat zur Verfügung. Eine weitere Bauetappe ist bereits in Arbeit: Die Klassen werden saniert und umgebaut, um die Schule auch optisch optimal an den Zeitgeist der Jugend und des ländlichen Raumes anzupassen.

18

unserhof 1/2016


LANDTECHNIK

Moderner Versuchsstall; eine „Clim­­Grass“-­ Anlage ­untersucht Auswirkungen des Klimawandels auf Grünland.

Stark vernetzte Forschung

Fotos: © BMLFUW/HBLFA Raumberg

Zukunftsweisende, innovative und für die Praxis relevante Forschungsprojekte werden vorwiegend in Kooperation mit nationalen und internationalen Organisationen bearbeitet. Besonderer Wert wird darauf gelegt, dass das gewonnene Wissen rasch und effizient weitergegeben wird, damit das Feedback wieder in neue Forschungsprojekte einfließen kann. Schwerpunktsetzung und Forschungsausrichtung werden laufend an neue landwirtschaftliche Rahmenbedingungen angepasst. Seit Oktober 2015 werden in der neuen „ClimGrass“-Forschungsanlage die Auswirkungen des Klimawandels auf Grünland untersucht. Extreme Wetterverhältnisse und veränderte Produktionsbedingungen stellen nicht nur Österreichs Landwirte im Berg- und Grünland vor neue Herausforderungen. Die ClimGrass-Anlage simuliert die Klimaextreme und liefert wertvolle Erkenntnisse über den Einfluss der steigenden Temperaturen und zunehmender atmosphärischer CO2-Konzentration auf Ertrag, Futterqualität, Pflanzenbestand sowie auf Bodennährstoffgehalt und Bodenwasserhaushalt auf Wiesen und Almen. Daraus werden praxisnahe Anpassungsstrategien für deren künftige Bewirtschaftung abgeleitet, die bei der Bewältigung des Klimawandels helfen sollen. Auch das „Institut für Biologische Landwirtschaft und Biodiversität der

Nutztiere“ trägt seit mehr als zehn Jahren maßgeblich dazu bei, Österreichs Position als „Europas Bioland Nr. 1“ zu halten. Das Bio-Institut bearbeitet an drei Standorten Fragen zur biologischen Grünland- und Viehwirtschaft, zur Tiergesundheit, aber auch zum Ackerbau sowie zu rechtlichen Belangen im Biolandbau. Ein weiterer Schwerpunkt gilt der Erhaltung seltener Nutztierrassen in Österreich.

Lehre und Forschung unter einem Dach Ein biologischer und konventioneller Lehr- bzw. Forschungsbetrieb mit rund 300 qualifizierten Mitarbeitern bearbeitet aktuell rund 100 Forschungsprojekte mit mehr als 1.200 öffentlichkeitswirksamen Tätigkeiten bzw. Veröffentlichungen jährlich. Die

Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten werden auch den Schülern direkt vermittelt – in rund 100 Modulen. Spezielle „Science Days“ und die abschließende Diplom-Maturaarbeit stehen ebenfalls ganz im Zeichen der Verschränkung von Lehre und Forschung. Im Rahmen ihrer Reifeprüfung sind die Schüler aktiv in ein Forschungsprojekt eingebunden. Von der Projektplanung über die Datenerhebung bis hin zur Auswertung und abschließenden Präsentation können die Jugendlichen so auch erste Forschungserfahrungen sammeln. Landwirtschaftsminister Rupprechter: „Die HBLFA Raumberg-Gumpenstein ist eine Wissensdrehscheibe am Puls der Zeit, nicht nur für Schüler, Studierende, Lehrende und Forschende, sondern für den gesamten Agrarsektor.“

unserhof 1/2016 19


FORSCHUNG

Aktuelle Projekte aus Raumberg Einfluss der Nutzung von Milchkühen auf die Nährstoff­effizienz, ­Umweltwirkung und ­Wirtschaftlichkeit der Milchproduktion Fotos: © HBLFA Raumberg, Thomas Söllner

Hohe Milchleistungen gehen mit einer Reihe von Problemen einher, die einer kritischen und umfassenderen Betrachtung bedürfen – exakt diese Untersuchungen werden aktuell im Projekt durchgeführt.

Einzelbetriebliche Ökobilanzierung ­landwirtschaftlicher Betriebe in Österreich Landwirte sind zunehmend mit ­Fragen des Ressourcenverbrauches und den Umweltwirkungen ihrer ­Produktionssysteme konfrontiert. Beide Aspekte stehen eng im Zusammen­hang mit ökonomischen Überlegungen. Das Werkzeug der Ökobilanzierung bündelt diese Bereiche und stellt die Wirkungen u ­ mfassend und neutral dar.

CCM-Futterautomaten für die Ferkelaufzucht

Beim Projekt „CCM-Auto“ handelt es sich um einen Praxistest, in dem erstmals ein direkter Vergleich von 12 Corn-Cob-Mix-Futterautomaten für die Ferkelaufzucht unter gleichen Bedingungen (auf einem Betrieb) vorgenommen wird.

Fingerabdruck der Milch

Milch ist nicht gleich Milch! Ergebnisse aus neuen Analysemethoden der Milch werden zukünftig im Herdenmanagement, der Zucht aber auch in der Qualitätssicherung und Vermarktung von Qualitätsprodukten Einzug halten.

Kernkompetenzen

Die HBLFA Raumberg-Gumpenstein ist führend bei folgenden Themen:

Pflanzenbauliche Produktionssysteme • Erhaltung, Züchtung und Vermehrung von Grünlandpflanzen • Grünlandverbesserung und ­Rekultivierung • Boden, Wasser und Nährstoffversorgung • Futterproduktion, Futterqualität und Futterbewertung Internet: www.raum berg-gumpen stein.at

Tierische Produktionssysteme • Artgerechte Tierhaltung, ­Tiergesundheit und Tierschutz

20

• Tierernährung, Verdauungsphysiologie und Fütterungsmanagement • Futterbewertung in vivo • Elektronik in der T ­ ierhaltung • Züchtung und Genetik • Qualität und Wertigkeit tierischer Lebensmittel

Umweltwirkung landwirtschaftlicher Produktionssysteme • Boden, Wasser, Pflanze und Tier • Nährstoff- und Energieflüsse • Biodiversität, Vegetationsdynamik und Naturschutz • Agrarmeteorologie und Klima­ folgen • Emissionen und Immissionen aus der Nutztierhaltung • Biodiversität Tiere • Ökobilanzierung und ­Ressourceneffizienz

Biologische Landwirtschaft

• Sortenwahl, Anbautechnik und Pflanzenschutz im Bio-Ackerbau • Standortangepasste Bio-Grünlandnutzung • Bio-Nutztiere – Haltung, Fütterung, Tiergesundheit und Zucht • Bio-Richtlinien und Recht

Ländliche Entwicklung • Bestandssicherung bäuerlicher Betriebe • Landnutzung und Kulturlandschaft • Wettbewerbsfähigkeit • Lebensmittel: Versorgungs­ sicherung, regionale Verfügbarkeit und Vielfalt • Kooperationen für effizienten Wissenstransfer unserhof 1/2016


BEST OF AUSTRIA:

CHRISTIAN MACHT ÖSTERREICHS WIRTSCHAFT GROSS UND STARK.

Christian Leeb ist als Geschäftsführer der Salzburg Milch GmbH für die Erzeugung und den erfolgreichen Vertrieb von Milch- und Käseprodukten bis nach China verantwortlich. Die österreichische Milchwirtschaft hat es geschafft, dass sich seit 2002 das Exportvolumen bei Milchprodukten mehr als verdoppelt und seit dem EU-Beitritt fast verzehnfacht hat. So wurden von Jänner bis September 2015 um rund 350 Mio. Euro mehr Milchprodukte exportiert als importiert, die Exportquote von Käse, Joghurt & Co auf über 50 % gesteigert und damit ein bedeutender Beitrag zur Wertschöpfung und zur Absicherung der Milcherzeugerpreise für die heimischen Milchbauern geleistet.

novationen Wie grüne In Weltmarkt h den aus Österreic so für mehr erobern und Land sorgen, e im Arbeitsplätz n Sie auf h fa er re ria.at bestofaust


Fotos: © Claas

Neue Wege gehen Internet: www.claas. com

Jochen ­Henke, ­Willem Müller: „Die Kühe danken es.“

F

amilie Müller melkt 480 Kühe, zieht auf ihrem Betrieb in Ottersberg in Nieder­sachsen, Deutschland, die eigene Nachzucht auf und betreibt eine hof­eigene Biogasanlage. Von seiner letzten Exkursion in die USA hat der 34-jährige Milchviehhalter ein neues Konzept mitgebracht: die Langschnitt-Mais­silage. Die Amerikaner sehen die verbesserte Tiergesundheit und die Steige-

22

rung der Milchleistung ihrer Herden als Vorteil der Fütterung mit Langschnitt-Mais. Argumente, die Müller aufhorchen ließen. Er überzeugte 2012 seinen Lohnunternehmer Jochen Henke, mit umgebauter CLAAS Häckseltechnik den Mais für seine komplette Herde im Langschnitt zu ernten. Das Ziel war eine Silage mit gut aufgeschlossenen Fasern und zerkleinerten Körnern. Durch die Umstellung der Silage verfüttert der Betrieb heute mehr betriebseigenes Grundfutter und weniger Kraftfutter an seine Tiere. Der Strohanteil ist durch die Umstellung auf null zurückgefahren worden. Gleichzeitig spart Müller den Zukauf von Konzentrat ein, welches er sonst benötigten würde, um den geringen Eiweiß- und Energiegehalt der Ration auszugleichen. Die Kühe danken es. Tiergesundheit und Milchleistung – alles spricht für Langschnitt. Im Schnitt hat der Betrieb seine Milchleistung pro Kuh jährlich um 100 bis 200 l gesteigert und liegt derzeit bei einem Her-

denschnitt von 10.500 kg. „Diese Leistungssteigerung schreibe ich hauptsächlich der Fütterung zu. Unsere Kühe sehen seit der Umstellung gesünder aus, käuen besser wieder und mit Pansenübersäuerung haben wir gar keine Probleme mehr“, betont Müller. Die Futteraufnahme seiner Hochleistungskühe konnte in den vergangenen drei Jahren von 23 kg Trockenmasse am Tag auf 25 kg gesteigert werden. „Wir waren zu Beginn vorsichtig mit neuen Investitionen und haben versucht, vorhandene Technik für den Langschnitt zu optimieren. Jetzt ist die Pilotphase abgeschlossen und die Zeit für Profi-Technik gekommen“, sagt Lohnunternehmer Jochen Henke. Bei CLAAS hat er bereits einen neuen JAGUAR mit dem MULTICROP CRACKER bestellt und wartet jetzt nur noch auf die Auslieferung. Auch Anfragen von mehreren Großbetrieben liegen ihm schon vor. Einer guten Langschnitt-Maissilage für die kommende Ernte steht aus technischer Sicht nichts mehr im Wege. unserhof 1/2016

Firmenbericht

Wenn einer eine Reise tut und etwas Interessantes entdeckt, dann fehlt oft der Mut, es im ­eigenen Betrieb umzusetzen. Milchviehhalter Willem Müller hingegen zögert nicht, neue ­Ideen umzusetzen und ist mit seinem neuesten Projekt „Langschnitt-Mais“ erfolgreich.


Schauen Sie sich das Video zur guten Arbeit an.

traktor.claas.com

Richtig gute Arbeit. Traktoren von CLAAS.

Name

Tomasz Różański

Geodaten 54°29.550 017°30.100 Land

Polen

Betrieb

800 ha Landwirtschaft, Lohnunternehmen, Spedition

Dzień dobry aus Polen. Mein Bruder und ich bewirtschaften 3.000 ha in Lohnarbeit, 800 eigene Hektar und führen zusammen eine internationale Spedition. Da muss man sich schon sehr gut verstehen. Besuchen Sie uns: traktor.claas.com


AGRARKULTUR

„Miss Wels“ mit den ­ schönen Augen 24

unserhof 1/2016


AGRARKULTUR

Die Lady ist etwas angespannt. Immerhin ist es ihr erster Auftritt. Nervös trippelt sie von einem Fuß auf den anderen und fühlt sich sichtlich nicht hundertprozentig wohl. Alles ist so anders, als sie es von zu Hause gewohnt ist, und das hektische Gewusel rundherum trägt nicht gerade zur Beruhigung bei.

W

enn da nicht die Pauline als fester Anker in der Brandung wäre, würde „Red Sunshine“ am liebsten die Beine fest in den Boden stampfen und sich keinen Schritt mehr bewegen. Aber Pauline flüstert ihr ein paar beruhigende Worte ins Ohr und tätschelt ihren Kopf. Schon

setzt sich der Zug in Bewegung und das Gespann muss hinterher. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Im Ring weiß sich „Sunny“ zu benehmen. Hin und wieder dreht sie sich scheu zur Seite und muss von der Pauline etwas ermahnt werden. Fürs erste Mal passt es trotzdem ganz gut. Auch wenn der Gruppensieg letztlich an „Royal Rocket“ geht. Das macht vor allem deswegen nichts, weil diese

auch der Pauline gehört. Und von ihrem Freund Matthias Schöch geführt wird. Dafür ist „Red Sunshine“ die Schönste der Schönen und trägt in ihrer Gruppe den Typensieg davon. Das hat sie vor allem der Pauline zu verdanken – mit vollem Namen Pauline Schrattenecker, Jungzüchterin aus Lohnsburg am Kobernaußerwald. Diese ist trotz ihrer jungen 20 Jahre bereits ein alter Hase auf den Schau-

unserhof 1/2016 25

Fotos: © Pistracher

Von Stefan Nimmervoll

Pauline Schrattenecker, Matthias Schöch


en in Oberösterreich und Umgebung. „Bereits mit sechs Jahren bin ich zum ersten Mal im Ring gewesen“, erinnert sich die aufgeweckte Innviertlerin an die ersten Schritte ihrer Karriere. Seit damals hat sie eine erstaunliche Sammlung an Preisen eingeheimst, darunter einen Genetiksieg bei der Braunvieh-Bundesschau und den Styling-Cup in Niederösterreich. Die „1. Nacht der Jungzüchter“ in Wels ist da eher eine kleinere Veranstaltung, dafür direkt vor der Haustür. Sie wird vom „Heimatclub“ von Schrattenecker, dem RZO-Jungzüchterclub Braunvieh und Holstein ausgerichtet. Daher ist die Freude bei Pauline Schrattenecker genauso groß wie bei einem Sieg bei einer bundesweiten Schau. Zwei Tage vorher, am elterlichen Hof in Neulendt, war „Red Sunshine“ noch die Ruhe in Person. „Schon ihre Mutter ist auf großen Schauen gewesen, es müsste ihr also im Blut liegen“, hat Pauline Schrattenecker da gemeint. Schon als Kälbchen sei das mittlerweile zur Jungkalbin herangewachsene Tier am Jungzüchtercamp in Freistadt unter Kindern gewesen und müsste daher Trubel gewohnt sein. Die ersten Vorbereitungen hatte die vertrauensvolle Jungkalbin jedenfalls mehr als geduldig über sich ergehen lassen. „Wenn ich in der Früh zum Waschen komme, wartet sie schon auf mich. Wir haben großes Vertrauen zueinander.“ Entstehen könne das nur, wenn man sich von Anfang an intensiv mit den Tieren befasse. „Wir haben Namen und Persönlichkeiten, keine Nummern“, so die junge Bäuerin mit Blick auf die 60 Rinder starke Braunviehherde im Stall. Welche Kühe auf die großen Schauen, wie zuletzt in Bozen, fahren dürfen, entscheidet Pauline Schrattenecker aus dem Bauch heraus. „Das sind nicht immer nur die Bravsten. Mir geht es um die Freude am Vorführen und nicht allein ums Gewinnen.“ Die hohe Qualität vieler Rinder im Stall ist tatsächlich auf das Wissen der 20-Jährigen zurückzuführen, auch wenn das Vieh am Papier noch ihrer Mutter (auch eine Pauline) gehört. „Seit drei Jahren, also seit ich 17 bin, treffe ich

Styling für die 1. Nacht der Jungzüchter.

26

unserhof 1/2016


IM GESPRÄCH

„Es gibt nicht den ­einen richtigen Weg“ Beim „Young Farmers Day 2015“ im Rahmen der Agritechnica trafen sich junge Landwirte und Nachwuchskräfte der Agrarbranche, um miteinander zu diskutieren. Am Podium mit dabei war auch HERMANN WEISS, Jungbauer im Marchfeld. Sein Thema: „Mein Acker, mein Betrieb, meine Region“. Interview: Bernhard Weber

Österreich ist gemeinhin auch innerhalb Europas nicht wirklich als Agrarland bekannt. Was haben Sie in

Hannover besonders hervorgehoben? Österreichs Landwirtschaft steht meiner Meinung nach für Qualität, Nischenproduktion und Vielseitigkeit. Diese Stärken habe ich versucht, den Zuhörern näherzubringen. Wie groß war das Interesse an Ihren Ausführungen? Und womit haben Sie die Zuhörer möglicherweise auch verblüfft? Überraschend groß! Nachdem mein Vorsprecher ein brasilianischer Ackerbauer mit über 20.000 Hektar Ackerland gewesen war, wusste ich, dass ich mit unserer Betriebsgröße und unserem Maschinenpark das Publikum schwer begeistern werde könne. Dem

Publikum hat gefallen, dass man auch mit weit kleineren Strukturen erfolgreich sein kann, wenn man konsequent auf Qualität setzt und die Augen für Neues immer offen lässt. Beschreiben Sie doch kurz Ihren Betrieb … Ich bewirtschafte einen Acker- und Feldgemüsebaubetrieb mit Maisvermehrung, Kürbisvermehrung, Babykarotten, Grünerbsen, Spinat, Zuckerrüben und Winterweizen. Wichtig ist mir, durch Maschinengemeinschaften die Schlagkraft zu erhöhen und gleichzeitig die Kosten zu senken. Sowie durch eine Vielzahl an Abnehmern meine Abhängigkeit und das Risiko von großen

Fotos: © DLG (2), BMLFUW, Weiss

Hermann Weiss, 29, aus Großhofen im Marchfeld, hat am FJ Wieselburg maturiert und Agrarwissenschaften an der Boku studiert.

unserhof: Wie kam es zu dieser Einladung, vor anderen Jungbauern aus aller Welt Ihren Betrieb vorzustellen? Weiss: Die Landjugend bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten, nationale und internationale Erfahrungen zu sammeln. Eine davon ist, an Arbeitsgruppen des Rates der europäischen Junglandwirte, CEJA, teilzunehmen. Beim „Fachsimpeln“ zwischendurch meinte der Obmann der deutschen Landjugend, dass unser Betrieb doch interessant für die Podiumsveranstaltung sei.

Weiss (2.v.li.) mit jungen Kollegen aus aller Welt.

28

unserhof 1/2016


FAMILIE UND BETRIEB

Zahlungsausfällen möglichst gering zu halten. Was haben Sie selbst vom Auftritt bzw. der Veranstaltung in Hannover mitgenommen? Die Bestätigung, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt. Vielmehr muss jeder ständig den für sich und seinen Betrieb aktuell richtigen Weg suchen. Welche Aussage(n) anderer „young farmers“ haben Sie besonders beeindruckt – oder vielleicht auch schockiert? Beeindruckt hat mich die unglaubliche Professionalität, mit der Landwirtschaft heutzutage auf den verschiedensten Kontinenten betrieben wird. Natürlich imponiert es immer wieder zu hören, wie Landwirtschaft im großen Stil funktioniert. Allerdings sind die meist sehr geringen Eigenkapitalquoten sowie die langen und gefährlichen Transportwege aufgrund der teilweise sehr schlechten Infrastruktur, etwa in Brasilien, die Kehrseite der Medaille. Darüber wird bei uns viel zu wenig gesprochen. Warum ist der Kontakt zu jungen Berufskollegen in anderen Ländern besonders wichtig? Mir macht es einfach Spaß, regelmäßig über den Tellerrand hinaus zu blicken, um zu erkennen, wo man wirklich steht. Außerdem kann man auch durch Benchmarking nette Leute kennenlernen … Wie und wo informieren Sie sich – fachlich und auch agrarpolitisch? Neben den Agrarkreisen der Landjugend sowie CEJA-Seminaren durch regelmäßig erscheinende landwirtschaftliche Magazine und Zeitungen – je nachdem, wieviel Zeit mir dafür über bleibt. Für unserhof hat die Zeit bisher noch immer gereicht (lacht). Österreichs Bauern sind „Weltklasse“. Damit werben Sie als Testimonial einer Kampagne des Landwirtschaftsministers. Welche Reaktionen gab es darauf? Zu mir sind nur gute Reaktionen durchgedrungen. Viele junge Bäuerinnen und Bauern sehen das so wie ich, dass wir unseren Konsumenten die reale Landwirtschaft und dessen

L­ eistungen für die Gesellschaft unbedingt wieder näherbringen müssen. Ich denke, diese Kampagne ist ein Schritt in die richtige Richtung. Worauf müssen sich junge Bauern als künftige Unternehmer noch mehr einstellen? Dass wir Unternehmer sind und die Konsequenzen unserer Entscheidungen selbst zu tragen haben. Wir werden in Zukunft bestimmt noch genauer überlegen und kalkulieren müssen, um den Spagat zwischen Weiterentwicklung und finanzieller Absicherung zu schaffen. Gerade in Krisenjahren ist die hohe Eigenkapitalquote unserer verhältnismäßig kleinen Betriebe sicher etwas, worum uns Landwirte aus vielen anderen Ländern beneiden. Engagieren Sie sich auch ehrenamtlich für die Landwirtschaft? Neben der Landjugend bin ich auch im Vorstand des Niederösterreichischen Gemüsebauverbandes. Was ist Ihnen als junger Hofübernehmer besonders wichtig? Planungssicherheit und faire Wettbewerbsregeln! Ständig wechselnde Auflagen und Importe von Produk-

ten, die wir selbst so nicht herstellen d ­ ürften, wirken gewiss nicht ­motivierend auf uns. Was macht Ihnen als Jungbauer Mut, was bereitet aber auch Sorgen? Mut und Motivation gibt mir, dass unsere Produkte auch in Zukunft gebraucht werden und dass wir als Landwirte trotz aller Auflagen noch immer relativ frei sind. Sorgen bereitet mir hingegen, dass wir Landwirte immer öfter die Leidtragenden einer von NGOs getriebenen, medial gelenkten Politik, sind obwohl unsere Umweltund Sozialstandards im internationalen Vergleich zu den besten gehören. Hier wünsche ich mir von Politik und Medien, auch etwas weiter über den Tellerrand zu blicken und sich für ein Fair Play einzusetzen.

Treffpunkt für den Nachwuchs Der Young Farmers Day ist eine Veranstaltung der Jungen DLG in Kooperation mit Jungen Lohnunternehmern, der Deutschen Landjugend und dem Europäischen Rat der Junglandwirte. Die Junge DLG wurde 1998 als Zusammenschluss aller DLG-Mitglieder bis zum Alter von 36 Jahren gegründet. Heute umfasst sie mehrere tausend junge Unternehmer in ganz Deutschland und Europa. Damit hat sich die Junge DLG zu dem Treffpunkt des Nachwuchses in der Agrarwirtschaft entwickelt. Sie wird von vielen Aktiven nicht nur als Ideenschmiede angesehen, sondern auch als Impulsgeber für die persönliche und betriebliche Entwicklung sowie als Kommunikationsplattform für den Austausch mit Gleichgesinnten. Diskutiert wird immer wieder über Hofnachfolge und Betriebsübernahme; Strategien in der Unternehmensführung sowie generell über Zukunft und Perspektiven der Agrarbranche. „Die Treffen der Jungen DLG bieten neben fachlichem Input vor allem auch die Möglichkeit zum gegenseitigen Kennenlernen und Erfahrungsaustausch“, betont Stefan Teepker, der aktuelle Vorsitzende der Gruppierung.

unserhof 1/2016 29

Internet: www.dlg.org/ jungedlg.html www.face book.com/ Young Farmers Party


LANDWIRTSCHAFT INTERNATIONAL

In der Schweiz produzieren rund 21.000 Milchbauern ungefähr 3,5 Mio. Tonnen Milch. Der Preis, den sie dafür kriegen, ist so tief wie seit den 1970er Jahren nicht mehr. Der steigende Druck, dass durch die Freihandelsabkommen der Grenzschutz ganz abgebaut wird, fordert die Schweizer Milchbranche stark. Von Ruth Bossert

Zemp, Präsident der BOM. Der effektiv ausbezahlte Milchpreis ab Hof werde wesentlich von diesem Richtpreis beeinflusst, hänge aber auch noch von anderen Faktoren ab, sagt er weiter. Dazu gehören Abzüge für Marktmaßnahmen, saisonale Abzüge oder Zuschläge und Verbands- und Marketingbeiträge. Milchproduzenten, welche die Milch einer Käserei zur Verfügung stellen, erhalten meist einen leicht höheren Milchpreis, das bestätigt auch Peter Steiner aus Hosenruck, der seine Milch in der Appenzeller-Käserei Gabris abliefert (siehe Bericht Seite 33).

Sorgenkind Industriemilch Für Markus Hausammann, Präsident des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft und Nationalrat, ist der Industrie­milchmarkt das Sorgenkind. Seines Erachtens gibt es keinen anderen Weg als die konsequente Umsetzung der Segmentierung und Freiwilligkeit der C-Menge, ansonsten drohe der beschwerlichere Weg über den teils unfreiwilligen Strukturwan-

Milchmarkt Schweiz 1 Dachverband: Der Verband Schweizer Milchproduzenten SMP vertritt die Interessen der Milchproduzenten. 39 Organisationen: Milchverbände, Produzenten und Produzenten-­ Milchverarbeitungsorganisationen vertreten die Interessen ihrer Mitglieder auf regionaler Ebene. 21.000 Betriebe: Sie produzieren und vermarkten jährlich 3,5 Mio. Tonnen Milch. 530 Käsereien: Die meisten sind genossenschaftlich organisiert. Zu den vier größten marktführenden Milchverarbeitern und Händlern gehören Emmi, Cremo, Hochdorf und Elsa. Diese vier halten in der Milch­ verarbeitung einen Marktanteil von 80 Prozent. Der Vorstand der Branchenorganisation Milch besteht aus zehn Ver­ tretern der Milchproduzenten und zehn Vertretern von Molkereien, Detailhandel und Käseproduzenten. Er legt den Milch-Richtpreis fest, welcher als Leitschnur für Verhandlungen zwischen Milchkäufern und -verkäufern dient.

30

Foto: © Konstiantyn

M

it der Agrarreform 2014/17 ging man davon aus, dass weniger Milch produziert wird. „Doch genau das ist nicht passiert“, sagte Martin Haab, Präsident der bäuerlichen Interessengemeinschaft für Milchmarktkampf BIG-M vor einem knappen Jahr gegenüber dem Landwirtschaftlichen Informationsdienst. Die Milchmenge habe sich nur marginal verringert und der Preis sei auf einem Rekordtief. Auch wenn der Vorstand der Branchenorganisation Milch, BOM, Ende November beschloss, einen Milch-Richtpreis fürs A-Segment bei 68 Rappen pro Kilogramm zu belassen, heiße das noch lange nicht, dass alle Produzenten diesen Preis auch erhalten, sagt Haab heute. Der Richtpreis gelte für die industriell verarbeitete Molkereimilch des A-Segmentes und sei die Entscheidungsgrundlage für die Preisverhandlungen für Vertragsmilch zwischen den Marktpartnern, erklärt Markus

del, sagt er im Interview. Kurt Nüesch, Direktor der Schweizer Milchproduzenten SMP, appellierte im Sommer an die Molkereien und an die Händler, die Preise für die Produzenten zu erhöhen. Er ist überzeugt, dass die Konsumenten bereit seien, mehr für die Milch zu bezahlen, wenn der Aufschlag den Bauern zugutekommt. Die Angesprochenen sind aber skeptisch. Der Währungsschock sei noch nicht verdaut und angesichts des starken Frankens sei der Export von Schweizer Milchprodukten weiterhin schwierig und als Folge davon steige der Importdruck, hört man in der Branche. „Die Tatsache, dass der europäische Markt selber auch Schwierigkeiten hat, verstärkt diesen Effekt“, sagt auch Reto Burkhardt, Kommunikations­chef der SMP. Er erklärt, dass heute der Milchmarkt schon teilliberalisiert sei. Seit 2007 sei der Käsefreihandel zwischen der Schweiz und der EU in Kraft. Produkte, wie Trinkmilch oder Butter der „Weißen Linie“, seien hingegen vor unserhof 1/2016


Mit Schweizer Werten punkten

der ausländischen Konkurrenz durch Zölle geschützt. Und wie steht es mit dem Einkaufstourismus? Viele Schweizer kaufen heute über der Grenze ein. Hanspeter Kern, Präsident der SMP, meinte im „Schweizer Bauer“ dazu: „Die zusätzlichen Franken, die nach dem Frankenfall im Januar 2015 ins Ausland getragen wurden, sind nicht für Lebensmittel ausgegeben worden, sondern im Bereich Non-Food. Keiner fährt über die Grenze, weil Milch und Milchprodukte günstiger sind.“

Illustationen: © lantapix

Offene Märkte Eine weitere Marktöffnung bezeichnet Matteo Aepli, Agrarökonom an der ETH Zürich gegenüber dem Landwirtschaftlichen Informationsdienst, LID, als größte Herausforderung für die Schweizer Milchbranche. Der Abbau des Grenzschutzes intensiviere den Wettbewerb, führe zu sinkenden Preisen und lasse die Milchproduktion sinken. Vor allem austauschbare Produkte, wie Butter und Milchpulver, bei denen eine Differenzierung zum

Ausland schwierig sei, werden es laut Aeppli schwer haben. Der Druck, den Markt zu öffnen, gehe von den Freihandelsabkommen aus, die derzeit überall auf der Welt ausgehandelt werden. Auch wenn die WTO-Verhandlungen momentan ins Stocken geraten seien, würden einzelne Staaten selbst die Initiative ergreifen. Immerhin, Agrarökonom Aeppli rechnet mit einer Liberalisierung nicht vor zehn Jahren.

Fit für die Zukunft Bis dahin müsse die Schweizer Milchbranche über einen Plan verfügen, wie sie in einem offenen Markt bestehen könne, sagte auch Markus Zemp, Präsident der BOM gegenüber dem LID. Er erwähnt die Mehrwert- und Qualitätsstrategie, die das Ziel hat, Differenzierungsattribute herauszuarbeiten, diese gezielt zu fördern und als Verkaufsargument einzusetzen. „Dadurch wollen wir uns vom Ausland abheben.� Die Schweiz verfüge über Trümpfe wie strengen Tierschutz, hohe Milchqualität, schö-

ne Landschaften, Familienbetriebe sowie Kühe, die auf die Weide dürfen. „Wir müssen diese Schweizer Werte in unsere Produkte hineinpacken�, sagte Zemp weiter. Zudem brauche es starke Marken, wie dies beispielsweise die Österreicher mit der erfolgreichen Heumilch vormachen. Zur Frage, ob es bei einem größer werdenden Strukturwandel plötzlich zu wenig Milch von Schweizer Kühen auf dem Markt gäbe, sagt Reto Burkhardt, SMP: „Sollte die Milchmenge ein wenig sinken, würde dies kurzfristig die Situation mit dem tiefen Milchpreis entschärfen.“ Allerdings erachte er dies als eher unwahrscheinlich und ohne politische Richtlinien nicht durchsetzbar. Wenn hingegen die Milchmenge langfristig sinken würde, drohe die Schließung von nicht ausgelasteten Werken und dadurch eine Abwanderung der Verarbeitung ins Ausland. Damit würde ein Teil der Wertschöpfung ins Ausland verlagert und das sollte unbedingt verhindert werden.

unserhof 1/2016 31

Ruth Bossert aus Wallenwil ist freie Agrarjournalistin in der Schweiz.


LANDWIRTSCHAFT INTERNATIONAL

D

as Jahr 1973 ist für den neuseeländischen Weinbau ein markantes. 15 Jahre bevor mit dem „Cloudy Bay“ ein Kiwi-Kult-Sauvignon in der internationalen Weinwelt wie eine Bombe einschlagen sollte, wurden auf der Südinsel, in der Region Marlborough, erstmals Reben ausgepflanzt. Eine Branche, die von zaghaften Versuchen der ersten Siedler und kuriosen Alkohol-Verkaufsbeschränkungen geprägt war, sollte zu einem ungeahnten Höhenflug ansetzen. Damals war Hermann Seifried bereits zwei Jahre im Land. „Am 1. Jänner 1971 bin ich mit einem Arbeitsangebot des ‚New Zealand Apple & Pear Board‘ in der Tasche hier angekommen“, erinnert sich der gebürtige Oststeirer. Cider für eine Obstgenossenschaft sollte der studierte Önologe keltern. „Ich wollte aber nicht mein ganzes L­ eben mit Apfelwein verbringen.“ Also erwarb Seifried mit seiner neusee­ländischen Frau Agnes, die er inzwischen geheiratet hatte, das erste Grundstück für den Weinanbau. „1976 haben wir den ersten Wein gemacht. Damals hat es noch geheißen, dass die Südinsel für Weinbau ungeeignet ist.“ Auch bei Rudi Bauer war es die Liebe, die aus einem Arbeitsaufenthalt ein Leben als Auswanderer werden ließ. Gebürtig aus Hallein, aufgewachsen in Baden bei Wien, ausgebildet in Gumpoldskirchen und Krems – so seine Kurzbiografie. „Danach habe ich die Weinbauschule in Bad Kreuznach in Deutschland absolviert und wollte mein Englisch verbessern und Erfahrung in Übersee sammeln.“ Ausgestattet mit einem Erntevisum für sechs Monate erreichte Bauer 1985 das andere Ende der Welt. Einmal sollte der junge Winemaker Neuseeland noch verlassen, um in Kalifornien und

34

Oregon zu arbeiten, ehe er zu seiner Partnerin Sue Ellen und einigen aufstrebenden Weingütern zurückkehrte. 1996 folgte schließlich der Schritt in die Selbstständigkeit. Ganz im Süden, in Central Otago, einer trockenen und kühlen Region, begann Rudi Bauer den „Bendigo Estate Vineyard“ anzulegen. „Quartz Reef“ war geboren und zum zweiten Mal nach dem Sauvignon-­ Blanc-Boom in Marlborough setze Neuseeland zu einem bemerkenswerten Weinwunder an. Diesmal waren es Pinot Noirs aus dem südlichsten Weinbaugebiet der Welt, die Weinexperten ins Staunen versetzten. „Wir waren die ersten, die europäische Reben ausgepflanzt haben. Die meisten anderen haben damals noch mit irgendwelchen ­Hybriden gearbeitet“, erzählt Hermann Seifried. Und kann dabei ein kleines bisschen Stolz nicht verhehlen, wenn er von den Anfangsjahren in Nelson spricht. Hier, rund 100 Kilometer westlich von Marlborough, war der Steirer auch der erste, der auf veredelte Reben setzte. „Wir hatten großes Glück. Als der Boom der Europäerreben einsetzte, waren wir die Einzigen, die Schnitthölzer anbieten konnten.“ Rasch stellte sich auch bei den Weinen der Erfolg ein. „Wir waren der Vorreiter auf der Südinsel. Es hat keine Erfahrung gegeben und wir waren bis über beide Ohren verschuldet.“ Aber schon bald stieg der Absatz. In eine Zeit rasanter Entwicklung fiel auch die Gründung des Weingutes Quartz Reef. Erst Mitte der 1990er Jahre entstand in der zuvor gottver­ lassenen Goldgräber- und Schafgegend eine nennenswerte Weinindustrie. Die geeigneten Flächen dafür mussten oft erst durch Versuch und Irrtum aus­ findig gemacht werden. „Wir waren die ersten, die in Bendigo Reben ausgesetzt haben. Um hier durchstarten zu

Fotos: © Nimmervoll, NZ-Wines

Der beste Sauvignon Blanc der Welt? Aus Sancerre? ­Pouilly Fumé? Gar aus der Südsteiermark? Mitnichten! Für viele ­Experten liegt die Messlatte für die edle Rebsorte aus Frankreich in Neuseeland, wo erst seit wenigen Jahrzehnten Wein gekeltert wird. So auch von zwei Österreichern: ­Hermann ­S­eifried und Rudi Bauer haben Pioniertaten vollbracht. ­ STEFAN NIMMERVOLL hat sie „Down Under“ besucht.

unserhof 1/2016


Austro-Winzer im Weinwunderland

NEUSEELAND Weinregionen

unserhof 1/2016 35


LANDWIRTSCHAFT INTERNATIONAL

Foto: © Africa Studio(1), Privat (2)

Weinbau-­ Pioniere aus Österreich in Neuseeland: Rudi Bauer und Hermann ­S­eifried.

können, brauchst du eine Vision und blindes Selbstvertrauen“, meint Rudi Bauer mit einem verschmitzten Zwinkern. Neuseeland müsse bei seinen Weinen vielfach auch heute noch erst seine Identität finden. Das ermögliche aber auch ein innovatives Denken, wie es in Europa oft nicht möglich sei: „Dagegen ist Österreich seit vielen Generationen als Weinland etabliert. Da gibt es Traditionen, die zu beachten sind und eine Kultur, die sich rund um den Wein entwickelt hat.“ Manche Praktikanten aus der „Alten Welt“, die er auf dem „Seifried Estate“ kennenlerne, seien „zu satt und zufrieden“, kritisiert Hermann Seifried: „Die kommen eher aus Abenteuerlust, nicht aber um dazuzulernen. Erfolgreiche Winzer müssen aber hungrig sein wie kleine Kinder. Auf unserem B ­ etrieb wollen wir jeden Tag besser sein als am Tag zuvor. Das treibt uns an.“ Fehlende Tradition und die Unsicherheit bei der Ausrichtung seien so zu einem großen Vorteil geworden, weil man sich nicht um Althergebrachtes kümmern müsse. Seifried: „Wir schleppen keinen Mist vom Großvater mit. Wir machen das, was der Kunde haben will, und nicht bloß das, was dem Winzer gefällt. Das müssen die Europäer noch lernen.“ Auch vertraue man im Kiwi-Land viel eher auf technische Lösungen, „um das zu erhalten, was der Weingarten hergibt.“ So leuchten auch seine Augen, wenn er in seiner Kellerei die jüngste Neuerwerbung, einen Separator, vorführt. Mittlerweile bewirtschaftet die Familie Seifried mehr als 200 Hektar Weinfläche. Und gehört damit in Neuseeland zu den größeren, wenn auch nicht zu den ganz großen Betrieben. „Nelson ist etwas speziell, weil die Böden hier ziemlich fruchtbar sind und wir uns mit anderen Farmern um die besten Flächen matchen“, so Hermann Seifried. Jedenfalls wolle man aber auch in Zukunft schrittweise weiterwachsen. Und obwohl längst im Pensionsalter, ist der „Seniorchef“ heute noch für das Weingartenmanagement verantwortlich. Seine

36

drei Kinder sind im Weingut tätig und knüpfen am weltumspannenden Netz ihres Weinverkaufs. Seit kurzem gehört dazu auch Österreich. Die Handelskette Hofer führt den Sauvignon Blanc der Basislinie „Old Coach Road“ in ihrem Sortiment. Die Preispolitik des Hauses ist dabei generell als fair zu bezeichnen. Darauf ist Hermann Seifried stolz: „Wir wollen sehr gute Weine zu erschwinglichen Preisen anbieten. ‚Boutique Wineries‘ sind schön und gut, aber unsere Weine sollen sich auch Normalsterbliche leisten können.“ Genau ein solches kleines, aber feines Projekt ist dagegen Quartz Reef. Mit 30 Hektar Rebfläche gehört Rudi Bauer zu jenen Winzern, die für Nischen produzieren. Er bearbeitet seine Weingärten bio­dynamisch und setzt auf Hand­ arbeit: „Meine Philosophie ist einfach, den besten Ausdruck des Terroirs im Weingarten ins Glas zu bringen. Dabei will ich so wenig wie möglich eingreifen.“ Sein manchmal durchaus etwas radikaler Zugang zum Weinmachen schlägt

sich in elitäreren, wenn auch nicht unerschwinglichen Preisen nieder. Immerhin zählt Quartz Reef zur Speerspitze des Burgunder-­ Wunders in Central Otago. Trotz vieler Jahre in Neuseeland empfindet sich Rudi Bauer im Herzen nach wie vor als Österreicher. „Ich wollte meine Heimat ja eigentlich nie verlassen. Es ist halt passiert, dass ich ein Kiwi wurde“, meint Bauer und unterstreicht zugleich, dass „die Landschaft hier so überwältigend ist, dass jeder Tag wie Urlaub ist. Und dass hier auch Reben so gut wachsen, ist sozusagen der Bonus.“ Seine Herkunft als Obstbauernbub aus Ilz will auch der Steirer Hermann Seifried nicht verbergen. „Wenn ich die Nachrichten von daheim lese und sehe, wie starr das System drüben ist, bin ich aber froh, dass ich hier mein Unternehmen aufgebaut habe.“ Von der Denkweise her sei es ihm bald gelungen, die lockere Art der Kiwis zu übernehmen. Ein echter Neusee­länder sei er aber nie geworden. „Das sind erst meine Kinder.“ unserhof 1/2016


LANDWIRTSCHAFT INTERNATIONAL

Weinbau im Kiwi-Land Die ersten Weinstöcke Neuseelands wurden bereits 1819 auf der Nord­ insel von christlichen Missionaren ausgepflanzt. Lange Zeit fristete der Weinbau jedoch ein Schattendasein. Bis 1960 durften Restaurants keinen Wein anbieten. Der durfte nur in geringen Mengen von Hotels verkauft werden. 1973 begann man in der Region Marlborough auf der Südinsel Weingärten anzulegen, zunächst unter der Anleitung deutscher Berater vor allem Müller Thurgau-Reben. Erst dank hervorragender Kritiken für seine unverwechselbare Fruchtigkeit setze sich in den 1990er Jahren ­Sauvignon Blanc als die Paraderebsorte durch. Dieser macht heute 85 Prozent des Weinexportes aus. Zur Jahrtausendwende kam Pinot Noir aus Central Otago als weiterer Senkrechtstarter hinzu. Heute sind in Neuseeland 35.500 Hektar bestockt, 75 Prozent davon in Marlborough. Wo es klimatisch möglich ist, wird aber überall mit Wein experimentiert. Laufend kommen neue Kleinregionen und Herkünfte hinzu. Sowohl Anbauflächen als auch Exportziffern stiegen zuletzt exponentiell. Binnen zwei Jahrzehnten ist das Land zum achtgrößten Weinexporteur der Welt aufgestiegen. Immerhin weiden noch Schafe und Rinder auf Grundstücken, die für die Weinproduktion interessant sein könnten.

unserhof 1/2016 37


Bergtraktor-Förderung für den Lintrac

Er ist besonders hangtauglich, wendig und sparsam: Als erster stufenloser Standardtraktor mit 4-Rad-Lenkung wurde der „Lintrac“ nun in die Investitionsförderung für selbstfahrende Bergbauern-Spezialmaschinen aufgenommen.

Die Heckhydraulik kommt mit und ohne 4-Rad-Lenkung auf eine Hubkraft von 3.800 kp. Der Testverbrauch liegt bei nur 6,4 Liter pro Hektar beim Mähen mit dem Drei-Meter-Mähwerk. Aktuell aus acht Modellen besteht die „Geotrac“-Serie 4 von Lindner. Die Bandbreite reicht vom Geotrac 64, der im steilen Gelände punktet, bis zum leistungsstarken Geotrac 134ep, der mit 144 PS der stärkste Traktor in der Geschichte des Tiroler Landmaschinenspezialisten ist. Technische Highlights der Traktoren sind die Panorama-Komfortkabine, die Schwingungstilgung, die Fronthydraulik oder die leistungsstarke Hydraulik mit

getrenntem Ölhaushalt. Alle Traktoren sind mit Motoren von Perkins ausgestattet. Innovation schreibt Lindner auch bei seinen „Unitrac“-Transportern groß: Derzeit arbeiten die Lindner-Techniker in Kundl intensiv am ersten stufenlosen Transporter der Lindner-Historie: dem Unitrac 112 LDrive. Dieser wird im Sommer nächsten Jahres vorgestellt und wird ab Frühjahr 2017 lieferbar sein. Gefahren wird stufenlos von 20 bis 50 km/h. Dank Partikelfilter und SCR erfüllt der Unitrac 112 LDrive die Abgasstufen TIER4 und EURO 6. Besondere Wendigkeit garantiert die 4-Rad-Lenkung.

Lindner bald 70 Ein Hersteller mit Tradition: Lindner fertigt in Kundl rund 1.500 T­ raktoren und Transporter der Marken Geotrac, Lintrac und Unitrac. Das Familien­unternehmen feiert im Jahr 2016 s­ einen 70. Geburtstag und beschäftigt 220 Mitarbeiter. Die Exportquote liegt bei 50 Prozent.

Firmenbericht

Internet: www.lindner-­ traktoren.at

Fotos: © Lindner

S

eit einem Jahr produziert das Tiroler Familienunternehmen Lindner den neuen Lintrac. Highlights sind die 4-Rad-Lenkung, das stufenlose ZF-Getriebe, die Hochleistungs-Arbeitshydraulik von Bosch und die besonders einfache „LDrive“-Bedienung. Für den Berg- und Grünlandbereich vereint der Lintrac die Merkmale von Traktor, Hangmäher und Hoflader in einem Fahrzeug, das senkt den Investitionsbedarf für die Landwirte deutlich. Durch den niedrigen Schwerpunkt verfügt die Zugmaschine über große Hangtauglichkeit bis über 60 Prozent Steigung. Im Sommer vergangenen Jahres hat auch die BLT Wieselburg bestätigt, dass der Lintrac ein besonders wendiges und hangtaugliches Mähgerät ist und die Richtlinien für Zweiachsmäher erfüllt. Ende 2015 wurde der Lintrac daher auch in die Investitionsförderung für selbstfahrende Bergbauern-Spezialmaschinen aufgenommen. Lindner hat den Lintrac in den vergangenen Monaten darüber hinaus konsequent optimiert: So beträgt das höchstzulässige Gesamtgewicht des Lintrac nun bis zu 6.800 Kilogramm.

unserhof 1/2016


FRONTHYDRAULIK KOSTENLOS + 2 JAHRE GARANTIE

Aktion gültig von 8.2. – 15.7.2016 für alle Geotrac und Lintrac Neufahrzeuge in Verbindung mit der Preisliste 02-2016.

TRAKTORENWERK LINDNER GMBH Ing.-Hermann-Lindner-Str. 4 6250 Kundl/Tirol lindner-traktoren.at

Der Beste am Berg


PARTNER DER LANDWIRTSCHAFT

Global und ­regional Für Globalisierungsgegner ist McDonald’s eines der Feindbilder schlechthin: Abholzung des Regenwaldes, Umweltzerstörung oder Fettleibigkeit sind nur einige von vielen Schlagwörtern, mit denen Kritiker die Fast-Food-Kette in Verbindung bringen. In Österreich hat sich McDonald’s jedoch zu einem starken Partner der Bäuerinnen und Bauern etabliert. unserhof hat sich die Gratwanderung zwischen Globalisierung und Nachhaltigkeit näher angeschaut. Von Annette Weber

J 40

heimischen Produktion abzudecken. Zumindest wenn es saisonal passt. „Es ist für uns eigentlich ein Selbstverständnis, hier als internationale Marke so zu agieren“, erzählt Ursula Riegler, Konzernsprecherin von McDonald’s Österreich. „Wir interagieren einerseits mit der Nachfrage auf dem Markt – die österreichischen Konsumenten fordern diese Nachhaltigkeit einfach ein. Andererseits ist es ein Grundverständnis für uns, nachhaltig zu arbeiten.“ Man könnte meinen, dass es für einen US-Konzern und eine globale Marke schwierig sei, dem Kunden Regionalität zu vermitteln. Riegler sieht diesen Fall nicht: „Unsere Konsumenten können das unterscheiden, und es macht durchaus einen ­Unterschied, ob man in den USA oder in Österreich eines unserer Restaurants besucht.“

Pommes mit Qualitätssiegel

Insgesamt kommt rund die Hälfte des Einkaufsvolumens von Lieferanten aus Österreich. 300 Erdäpfelbauern sind derzeit unter Vertrag bei McDonald’s. Die Anbaufläche wird ständig erweitert, da die benötigte Menge jedes Jahr zunimmt. Eines ist klar: Alle Erdäpfel, die schließlich als Pommes in der Tüte landen, sind mit dem AMA Gütesiegel ausgezeichnet. Beim Rindfleisch sind aktuell rund 30.000 Betriebe in einem Pool zusammengefasst, die immer wieder ihr Fleisch an den Konzern liefern. Die hohe Anzahl an Bauern überrascht nicht. Immerhin ist das Fleischlaibchen für die Burger wohl das wichtigste Produkt des Hauses. Täglich gehen in Österreich zehntausende Hamburger über die Theke. „Viele Bäuerinnen und Bauern wollen für uns produzieren“, so Riegler. Den unserhof 1/2016

Fotos: © McDonald’s

Internet: www. mcdonalds.at

eden Tag besuchen 64 Millionen Kunden eines der 32.737 McDonald’s Restaurants, die sich mittlerweile schon in 117 Ländern ausgebreitet haben. McDonald’s ist nicht nur die größte Schnellimbiss-Kette der Welt, sondern auch der größte Fleischabnehmer rund um den Globus. In Österreich öffnete 1977 das erste McDonald’s Restaurant seine Pforten: am Wiener Schwarzenbergplatz. Schon damals kamen 100 Prozent des verwendeten Rindfleisches aus heimischer Produktion. Heute kommt nicht nur das Rindfleisch aus Österreich, sondern auch alle Erdäpfel für die Pommes frites, die Eier für die diversen Frühstück-Menüs, der Großteil des Mehls für die Burgerbrötchen und die Milch von Berglandmilch/Schärdinger. Auch beim Salat und bei den Paradeisern versucht man, den Bedarf aus der


Grund sieht sie darin, dass McDonald’s ein stabiler und vor allem langfristiger Partner ist. Vor allem junge Bauern sehen in der Produktion für McDonald’s eine gute Perspektive. Hat man nach einer Hofübernahme vielleicht einiges in den Betrieb investiert, um auf moderne Produktionsmethoden umzustellen, braucht man eine langfristige Absicherung. Wichtig ist, dass die Gegenleistung stimmt. Unsere Betriebe haben spezielle Vorgaben, was etwa die Tiergesundheit betrifft. Über das Tierschutzgesetz hinaus hat McDonald’s noch eigene Standards definiert, die höher sind als die gesetzlichen Vorgaben. Der Tiertransport etwa liegt mit durchschnittlich drei bis vier Stunden deutlich unter der Vor­ gabe von maximal acht Stunden. Mit dem Qualitätsprogramm „M-Rind“ geht das Unternehmen

noch einen Schritt weiter. Derzeit sind bereits ein Drittel aller unter Vertrag stehenden Rinderbetriebe integriert. Mit der Teilnahme an ­diesem Programm verpflichten sich die B ­ auern zu noch höheren Auflagen – etwa zur Teilnahme am Tiergesundheitsdienst, TGD, oder zu einem ­zertifizierten Fütterungsprogramm. Für besondere Leistungen gibt es aber auch eine zusätzliche Bezahlung. Im Durchschnitt sind das zusätzlich rund 100 Euro pro Tier. Die B ­ etriebe des M-Rind-Programmes kann man auch im Fernsehen ­sehen: „Wir zeigen unsere Betriebe in unserer Quality Kampagne und holen sie vor den Vorhang. Wir wollen mit unserer Werbung zeigen, wie die heimische Landwirtschaft ausschaut“, erzählt Riegler. Wichtiger Ansatz dabei: authentisch bleiben und keine kitschigen Bilder präsentieren.

Rindfleisch und Kartoffeln zählen zwar zu den wichtigsten Produkten des Unternehmens. Aber auch Geflügelund Schweinefleisch findet man im Sortiment. Österreichische

unserhof 1/2016 41


PARTNER DER LANDWIRTSCHAFT

Top-Rindfleisch für Big Mac & Co

Produkte sind hier allerdings nicht zu finden. Das verwendete Hühnerfleisch kommt zu 85 Prozent aus Ungarn, der Rest aus den Niederlanden. Das Schweinefleisch wird aus Deutschland gebracht, der Anteil ist aber verschwindend gering: Der Jahresverbrauch liegt bei 200 Tonnen Speck. Zum Vergleich: der Verbrauch bei Rindfleisch liegt bei 6.500 Tonnen pro Jahr.

Vorreiter Österreich McDonald’s Österreich nimmt mit diesen Bemühungen nach wie vor eine Sonderstellung innerhalb des Konzerns ein. Ursula Riegler: „Natürlich gibt es auch in anderen Ländern Bemühungen – wie zum Beispiel in der Schweiz – , aber bei uns ist dieser Ansatz am deutlichsten ausgeprägt.“

Stefan und Andreas ­Lindner führen einen ­Vorzeigehof für art­ gerechte Rinder­ haltung. Der „Schörgererhof“ von Stefan und Andreas Lindner in Oberndorf bei Kitzbühel ist Österreichs erste „Rinder-Flagship Farm“ in Österreich und gilt damit auch europaweit als Vorzeigebetrieb. Die Brüder Stefan und Andreas Lindner bieten ihren Pinzgauer Rindern ein möglichst natürliches Umfeld: Im lichtdurchfluteten Laufstall können sich die Tiere frei bewegen. Während der Sommermonate haben sie Auslauf auf der Weide. Ein tiefes Strohbett, Rückenbürsten und die Kuhdusche an heißen Tagen sorgen neben der artgerechten Fütterung und Gestaltung der Laufflächen für höchsten Tierkomfort. Auf ihren Weiden fördern die Lindners mit gezielter Bewirtschaftung die Biodiversität und die Bodengesundheit. Die Milchkühe beim „Schörgerer“ fressen ausschließlich zertifiziert gentechnikfreies Futter. Daher nimmt der Hof auch am M-Rind-Programm von McDonald’s teil. Das vom Fast-Food-Konzern gemeinsam mit OSI Food Solutions und der ARGE Rind initiierte Qualitätssicherungsprogramm fordert von den aktuell rund 11.300 teilnehmenden Betrieben in Sachen Tiergesundheit besonders strenge Standards. Das bringt den Bauern im Gegenzug Mehrerlöse von bis zu 100 Euro pro Schlachtkuh. Das Tiroler Qualitätsrindfleisch vom Hof der Lindners geht direkt an den Systemgastronomie-Marktführer. Im Herbst 2015 gab es dafür die Auszeichnung „Rinder-Flagship Farm Österreichs“. Als Flagship Farm werden von McDonald’s europaweit nur Betriebe ausgezeichnet, die durch beste agrarische Praxis und besonders durch verantwortungsvolle Tierhaltung und Landbewirtschaftung auffallen. Ursula Riegler, Unternehmenssprecherin von McDonald’s Österreich: „Der Schörgererhof steht als Aushängeschild für rund 27.000 heimische Rinderbauern, die als unsere Produzenten beste Qualität liefern.“ Insgesamt bezieht McDonald’s Österreich jährlich über 6.000 Tonnen Rindfleisch für die Produktion der Fleisch-Patties für Big Mac & Co. Die Firma OSI Food Solutions in Enns faschiert das Fleisch und formt es. Anschließend wird es tiefgekühlt und kommt in die Restaurants.

42

In Deutschland konnte man im Vorjahr das erste Mal in einen Bio-Burger beißen. Der Fast-Food-Riese reagierte mit seinem McB damit auf den großen Erfolg neuer Burger-Ketten, die sich in den – vor allem deutschen – Städten ausbreiteten. Ein Grund war auch die größer werdende Klientel, die Bioprodukte bevorzugt. Der McB war allerdings kein richtiger Bioburger, sondern ein ganz normaler Burger mit Biofleisch. Der Rest stammte aus normaler Produktion. Nach sieben Wochen war die Testphase vorbei. In Österreich ortet McDonald’s noch keinen Bedarf an einem Bioburger. Den Kunden hierzulande geht es – so wird betont – vielmehr um Regionalität und weniger um bio. Immerhin ein Bioprodukt findet man auch im österreichischen Sortiment: einen Bioapfelsaft. Auf gewisse Ernährungstrends setzt man allerdings auch in Österreich. So etwa auf die steigende Anzahl an Vegetariern. Alle Burger sind nun auch in einer vegetarischen Variante erhältlich. Dieser Ansatz hat den klassischen Veggieburger – der mit einem Gemüselaibchen gefüllt war – abgelöst. Der Grund für diese Vorgehensweise liegt darin, dass sich auch das Essverhalten der Vegetarier geändert hat: Heute besteht der Anspruch, den klassischen Burger auch vegetarisch zu essen. unserhof 1/2016

Fotos: © McDonald’s

Internet: www.flagship farms.eu

Bio im Burger


PARTNER DER LANDWIRTSCHAFT

unserhof 1/2016 43


44

unserhof 1/2016

Fotos: © Ja!Natürlich


BETRIEBSFÜHRUNG

Pannonische Reis-Träume Reis zählt neben Weizen und Mais zu den wichtigsten Kulturarten und bildet die Nahrungsgrundlage eines großen Teils der Weltbevölkerung. Im Anbau sei Reis wie Gemüse, ähnlich wie Paprika. Und weil er mit Letzterem beinahe fünf Jahrzehnte Erfahrung habe, will ein burgenländischer Biogärtner den Reisanbau auch hierzulande etablieren. Von Stefan Nimmervoll

G

renzregion – diese Zuschreibung gilt für den Seewinkel im äußersten Osten Österreichs gleich in mehrerlei Hinsicht: Geografisch im westlichsten Teil der pannonischen Tiefebene, eingerahmt von Neusiedlersee und Staatsgrenze zu Ungarn. Andererseits aber auch landwirtschaftlich, als t­ rockenste Ackerbauregion der Republik. Eine Grenzregion ist das absolut flache Land aber auch für den Anbau einer Kultur, die eine der Hauptnahrungsquellen der Menschheit ist: Reis. Zu wenig Niederschlag, trotz Sommerhitze übers Jahr zu kühl, und auch produktionstechnisch zu teuer. Mit diesen Argumenten lässt sich jeder Gedanke an eine Kultivierung des Grases, das die Welt ernährt, leicht vom Tisch wischen. „170 Wärmetage sind nötig, um Reis anbauen zu können. Und die bringen wir hier bei uns nicht zusammen“, weiß auch Erwin Unger aus Wallern beim Besuch von unserhof. Also den Notizblock gleich wieder zuschlagen, Ende der Recherche? Nicht mit Erwin Unger. „Ab 1864 war der See über mehrere Jahre hinweg ausgetrocknet. Damals wurde laut unserer Dorfchronik am heutigen Seegrund Reis angebaut.“ Über den Erfolg sei nichts verzeichnet. Und dennoch stachelt

diese Tatsche den Burgenländer an. Seine große Vision: Den Seewinkel zum Reis-Mekka Österreichs zu ­machen. Getrieben von diesem Ehrgeiz experimentiert er seit vier Jahren mit der exotischen Kultur. Reis ist nicht die einzige exotische Kultur, mit der sich Unger beschäftigt. Der Gärtner hat sich auf die rein biologische Produktion von Gemüse-Jungpflanzen für Gartenbaubetriebe in der Region spezialisiert. Außerdem werden 160 verschiedene Chillivariationen weitergezüchtet und gehandelt. Daraus stellt Unger auch einen alkoholischen Chilliauszug als Basis für die Bierproduktion her. In einem zweiten, noch recht jungen Betrieb, zieht man Blumen für die Handelskette Billa heran. Daneben werden 22 Hektar Ackerbau, derzeit in Umstellung auf bio, bewirtschaftet Und nun also Reis: „Der ist im Anbau wie Gemüse, ziemlich ähnlich wie Paprika.“ Und damit habe er 48 Jahre Erfahrung, betont Unger. Seine Paprika-Sprösslinge werden im Glashaus vorgetrieben. Also gedeihen auch die pannonischen Reispflänzchen in der Gärtnerei heran, bevor sie Anfang Mai aufs Feld gebracht werden. „Beim roten Bio-Reis haben wir 90 Prozent der Setzlinge durchgebracht. Der schwarze ist sensibler, da sind nur 50 Prozent

angewachsen.“ Diese Ergebnisse waren zwar nicht berauschend, aber für Unger dennoch ein Erfolg. Von 2,3 Hektar Reisfläche hat Unger rund 2,5 Tonnen Körner geerntet. Erstmals steht somit eine nennenswerte Menge an echtem Austro-Bioreis zur ­Verfügung.

unserhof 1/2016 45

Seewinkel demnächst Reiswinkel?


Erwin Unger: Reisernte mit Uralt-­ Technik.

„Manches war noch nicht ideal. Wir sind immer noch dabei, unser eigenes System zu entwickeln“, erzählt der Bauer und Gärtner und denkt bereits an die kommende Saison: Untersaaten mit Klee sollen den Bioanbau einfacher machen. Dazu eine spezielle Bewässerung: „Unser Grundwasser hat ganzjährig 11 Grad Celsius, Reis braucht aber 15 Grad. Also entwickeln wir gerade eine Tröpfchenbewässerung, damit die Kultur kein kaltes Wasser auf den Kopf bekommt.“ Auch bei Pflanzung und Ernte soll sich die Technik verbessern. „Heuer haben wir mit einem uralten Getreidemähdrescher gearbeitet. Da gibt es in China aber viel bessere Lösungen“,

46

meint Unger. Auch für die Schälung von Reis stünden derzeit in Österreich keine guten Maschinen zur Verfügung. „Außerdem wollen wir nächstes Jahr neben dem roten und dem schwarzen auch andere Reissorten ausprobieren.“ Nicht nur aus Kostengründen verzichtet Erwin Unger auf die Überflutung seiner Felder: „Das wäre schwierig umzusetzen und ist auch nicht nachhaltig. Durch den weltweiten Reisanbau wird viel Methan freigesetzt. Außerdem sammelt sich Arsen im Boden an.“ Dabei werden die Reisfelder ohnehin nur geflutet, um das Unkraut in Griff zu bekommen. „Da suchen wir nach ganz

anderen Lösungen.“ Kein Thema sind Krankheiten, weil es (noch) zu keiner Ansteckung durch bestehende Kulturen kommen kann. Ein großer Vorteil des Seewinkels sei die durch den traditionellen Gemüseanbau bestehende Infrastruktur zur Bewässerung der Felder, behauptet Unger. Damit sei man anderen Regionen in Österreich, wo es ebenfalls erste zaghafte Reis-Anbauversuche gebe, einen wichtigen Schritt voraus. „Ein Jahr wollen wir den Anbau noch bei uns am Betrieb weiterentwickeln“, kommt der Unternehmer auf den Kern seines Plans. Wenn das Gesamtsystem ausgereift ist, soll es anderen Bauern im Rahmen von unserhof 1/2016


BETRIEBSFÜHRUNG

Vertragslandwirtschaft angeboten werden. „Ich will mit kleinen Produzenten Flächen von bis zu fünf Hektar abschließen. Die Jungpflanzen kommen von uns und auch die Aufarbeitung und Vermarktung der Ware übernehmen wir.“ Als Partner konnte Unger „Ja! Natürlich“, die Bio-Marke des Handelskonzerns REWE gewinnen. So solle jeder in der Kette das übernehmen, worin er Experte ist. „Wir beliefern auch beim Gemüse die Landwirte mit Setzlingen aus dem Glashaus. Das können wir gut. Die Bauern sind die Spezialisten am Acker. Und Ja! Natürlich weiß, wie man hochwertige Produkte zum Konsumenten bringt“, sagt Unger.

Noch ungeklärt ist bei den Ungers die Betriebsnachfolge am Hof. Ein Sohn führt eine Firma für Gartengestaltung, der zweite ist im Einzelhandel tätig. Qualitätsmanager Andreas Steidl ist bei Ja!Natürlich für das Reis-Projekt zuständig. Ihm war von Anfang an klar, dass ein Erfolg nicht von vorneherein selbstverständlich sein würde. „Auch Scheitern war eine Option“, erwähnt Steidl. Generell werde der Reis in nächster Zeit in Österreich weiter­ hin ein exklusives Nischenprodukt bleiben. Aber das sei selbst bei Mais in einigen Ecken Österreichs ähnlich gewesen. „Ich stamme aus Salzburg.

Dort hat man lange diskutiert, ob der Anbau von Kukuruz, wenn überhaupt und mit welchen Reifezahlen, möglich sei. Heute ist er nicht nur im Flachgau eine ganz normale Kultur.“ Und Erwin Unger sei bei der Entwicklung eines für das Burgenland praktikablen Anbaus ohnehin bereits sehr weit, so Steidl. „Ich kann nicht sagen, ob wir nächstes Jahr schon größer starten können. Vieles ist noch offen, auch die Preisgestaltung.“ Am ehesten vergleiche er die Versuche mit dem Anbau im Tessin in der Schweiz. „Der eidgenössische Reis ist zum Nationalstolz geworden. Dafür gibt man gerne auch mehr Geld aus. Genau das würde ich mir auch für Österreich wünschen.“

unserhof 1/2016 47

Internet: www.ja natuerlich.at


BETRIEBSFÜHRUNG

Die Projektfinanzierung von ­Geschäftsideen durch Kunden gehört zu den Top-Themen nicht nur in den Wirtschaftsredaktionen von Zeitungen und Magazinen. Oft hochgejubelt, aber auch wild umstritten. Mittlerweile gibt es auch in der Landwirtschaft ­einige Projekte, die mit monetärer Hilfe von Privaten umgesetzt wurden. Ein Pionier ist Michael Oberhollenzer aus Steinhaus in Südtirol. Dort sehen die Banken die Idee des ­„Crowdfunding“ entspannter als in Österreich.

Z

Internet: www.moserhof-ahrntal. com

wischen Tradition und totalem Ausbruch aus den Konventionen – so könnte man den Moserhof am Ende des Tauferer Ahrntales, eines Seitentales des Pustertales, charakterisieren. Südtirol pur, von Österreich zwar nur wenige Kilometer Luftlinie über den Zillertaler Hauptkamm entfernt, auf der Straße aber durch mehr als drei Stunden Fahrzeit von den nördlichen Nachbar­gemeinden getrennt. Ein Bauernhaus mit einer alten Hofkapelle, über 1.000 Meter Seehöhe gelegen. Herzliche Gastlichkeit wie aus einem Imagefilm der Regionalwerbung. Und doch ist Michael Oberhollenzer ein Revoluzzer in der beschaulichen Berglandschaft. Der Samen des Aufbegehrens keimte schon früh in dem jungen Hof­ übernehmer. „In den 1990er Jahren hatte der Milchhof in Bruneck Zahlungsschwierigkeiten, die die Mitglieder ausgleichen mussten“, erinnert sich dieser. „Die Versammlung der Milchbauern ist in wilde Diskussionen ausgeartet. Obwohl damals erst 16 Jahre alt, war für mich am Heimweg klar, dass ich etwas anders machen muss als alle anderen.“ Der Weg vom kritischen Jugendlichen zum anerkannten Innovator sollte nicht ganz ohne Rückschritte ablaufen. Zum ersten Mal ins Gerede kam der Moserhof, als Michael Oberhollenzer bei einer Exkursion nach Schlierbach in Oberösterreich auf die extensive, grünlandbasierte Geflügelhaltung gestoßen war. 100 Gänse traten ihre

48

Reise in die alpine Bergwelt an. Auf die sozialen Folgen in der von der Milchwirtschaft dominierten Gegend war der junge Landwirt nicht vorbereitet. Im ganzen Ahrntal habe er in kein Gasthaus mehr gehen können, ohne zumeist mitleidig auf seine Tiere angesprochen zu werden. Der finanzielle Erfolg wischte die Bedenken aber bald weg. Dank der Gänseweide auf einer Wiese neben der Straße habe sich das Marketing „von selbst gemacht. Mit einem derartig exotischen Produkt tut man sich auch mit einem ordentlichen Preis leicht.“ Die Gastronomen der Tourismusgemeinde hätten ihm das Federvieh förmlich aus den Händen gerissen. Das Ende kam dennoch abrupt, als Europa 2006 von der Vogelgrippe-Panik erfasst wurde: „Acht Mitarbeiter der Veterinärbehörde sind in Schutz­ anzügen aufmarschiert und haben den Hof als Risikobetrieb eingestuft“, erzählt Oberhollenzer. Die Bauern an den Stammtischen in den Wirtshäusern hatten wieder etwas über ihn zu tratschen. Mit knapper Not habe er zwar die Schlachtung und Vernichtung seiner Gänseherde verhindern können. Für die Zukunft sei die Gänsehaltung mit Auflagen, wie einer vierzehntägigen Blutuntersuchung, aber gestorben gewesen. Zu dieser Zeit hatte Michael Oberhollenzer aber bereits die nächste Idee im Köcher. Gemeinsam mit einem Koch, einem Kaufmann und einem Hotelier gründete er die Marke „Ahrntal natur“, um die bäuerlichen Produkte der Region besser zu vermarkten.

Fotos: © Pistracher

Von Stefan Nimmervoll

„In dieser Phase habe ich viel über die Bedürfnisse des Handels gelernt und habe mich in die Denkweise einer anderen Branche hineinversetzt.“ Schrittweise wurde aus dem Projekt ein Großhandelsbetrieb, der ganz Südtirol und darüber hinaus Spezialitätenmärkte belieferte. Er sei als Geschäftsführer 100.000 Kilometer im Jahr unterwegs gewesen, so Oberhollenzer. Das sei mit seinem Selbstverständnis als Bauer nicht mehr zu vereinbaren gewesen. „Daher haben wir das Unternehmen an unseren wichtigsten Kunden verkauft.“ Fünf Jahre sind seither vergangen, als sich Michael Oberhollenzer endgültig darauf besann, was er sich einst bei der Heimfahrt von der Molkereiverunserhof 1/2016


Der Kunde, dein Financier sammlung vorgenommen hatte. Das Milchvieh musste weichen. Dass es stattdessen aber ausgerechnet Schafe sein mussten, sorgte wieder für Kopfschütteln im Tal. „Ihr werdet in ganz Südtirol keine drei Betriebe finden, die Schafkäse machen. Wir besetzen eine absolute Marktnische“, begründet der Vordenker, warum es gerade diese Tiere sein mussten. Noch fehlten aber sowohl die Verarbeitungsräume als auch deren Finanzierung und ein Kundenstamm, um das Produkt veredeln und verkaufen zu können. Geradezu genial ist die Idee, mit der der Südtiroler alle drei Probleme auf einen Streich löste. „Ich hatte in Bayern ein interessantes Finanzierungsmodell kennengelernt, das Pri-

vatpersonen in die Entwicklung eines Betriebes einbaut. Dieses haben wir auf unsere Verhältnisse umgemünzt.“ Kurz zusammengefasst: Die Kunden finanzieren mit ihrem Geld die Errichtung der Käserei und erhalten die Zinsen in Form von Naturalien. Das sichert zugleich den Absatz der Produkte. „Mit dieser Idee der Genussrechte bin ich zu meiner Bank gegangen. Dort hat man mir zwar bei der Abwicklung nicht wirklich helfen können, aber moralische Unterstützung versprochen.“ 2012 hat Oberhollenzer gemeinsam mit „Raiffeisen Ethical Banking“ in Bozen eine Pressekonferenz organisiert. Die Befürchtung, dass das niemand interessieren würde, stellte sich als unbegründet heraus, so der Landwirt.

unserhof 1/2016 49

Michael Oberhollenzer finanziert seinen Moserhof mit Genuss­ rechten.


Fotos: © Pistracher

Crowd­funding am Biohof: Investoren erhalten Zinsen in Form von Butter.

Knapp 40 Journalisten drängten sich in dem Raum, sowohl die Abendnachrichten als auch alle wichtigen Zeitungen berichteten darüber. „Am nächsten Tag haben sich in ganz Südtirol bei den Raiffeisen­banken Leute erkundigt, wo sie Anteile zeichnen können. Dabei haben die das ja gar nicht angeboten“, lacht er. In den Wochen darauf kamen Radio- und Fernsehteams, auch von Servus TV oder vom ZDF, auf seinen

50

Hof. Diese hätten einfache Antworten auf die Wirtschaftskrise gesucht, in der gerade Italien damals tief steckte. Oberhollenzer :„Binnen eines halben Jahres kamen die geplanten 100.000 Euro zusammen.“ Und selbst nachdem die Werbung eingestellt wurde, sei nochmals dieselbe Summe dazugekommen. Fünf Prozent Verzinsung verspricht Michael Oberhollenzer seinen Kreditgebern. Ausbezahlt wird mit all jenen

Produkten, die sein Hof erzeugt, also mit verschiedenen Käsen, Lammfleisch, Speck, Kartoffeln, Gemüse und Brennholz. Je nachdem, ob die Kunden aus der Gegend stammen oder nicht – gezeichnet haben Touristen von Süditalien bis Holland – werden die Produkte öfters oder eher selten abgeholt. „In Italien muss ein solches Einkommen mit 23 Prozent versteuert werden. Die Bürokratie und die Hälfte der Steuer übernehmen wir“, berichtet der Südtiroler. Und die meisten Finanziers würde bei der Abholung ihrer Zinsen noch kräftig zusätzlich eingekaufen, sodass das Modell auch eine besondere Art der Kundenbindung mit sich bringe. Der Frage, wie denn das einbezahlte Geld besichert sei, weicht Oberhollenzer nicht aus. „Ich sage den Leuten ganz offen, dass ich ihnen als Sicherheit genug sein muss.“ Er habe die Summe pro Person bewusst bei 2.000 Euro gedeckelt. „Wären die weg, bringt das keinen um. Unsere Kunden sagen aber selber, dass sie auf der Börse schon wesentlich mehr verspielt haben.“ Angelegt sind die Genussrechte auf eine Zeitspanne von 20 Jahren. „Dann will ich das Geld zurückbezahlt haben. In Wahrheit ist das aber auch die Sache meiner Nachfolger.“ Er sei heute 41 Jahre alt und möchte „mit 60 den Sessel geräumt haben.“ Sollte einer der Kunden sein Geld dringend benötigen, zahle er es ihm aber jederzeit zurück. Dass Banken in Österreich derartigen Geschäftsmodellen sehr r­ eserviert gegenüberstehen, kann Michael Oberhollenzer nicht verstehen: „Wenn die Bankmanager solche Systeme abdrehen wollen, haben sie sich schon weit von der ursprünglichen Idee einer Bank entfernt.“ Mit seinem Start-up habe er in einer peripheren Region, in der sonst so gut wie alle Bauern im Nebenerwerb wirtschaften, vier Vollzeit-Arbeitsplätze geschaffen und biete auch Saisonpraktikanten und Studenten die Möglichkeit mitzuarbeiten. „In Wahrheit verfolgen wir nur die Originalidee, die Friedrich Wilhelm Raiffeisen einst hatte.“ Explizit positiv erwähnt der Direktvermarkter das Raiffeisen Ethical Banking, das Projekunserhof 1/2016


BETRIEBSFÜHRUNG

Koch und Neo-­Bauer Daniel Niederkofler lebt seinen Traum. te in Bereichen wie direktem Handel, behindertengerechter Erschließung oder erneuerbarer Energie mit günstigen Krediten versorgt. „Dort können Investoren entscheiden, in welchen Bereich ihr Geld gehen soll. Biobauern bekommen etwa Kredite im Ein-Prozent-Bereich.“ Für die Zukunft seines Hofes ist Michael Oberhollenzer sehr optimistisch. „Wir halten jetzt auch ein paar Schweine und möchten einen neuen, kleinen Stall bauen, um die Molke aus der Käserei besser nutzen zu können.“ Dazu möchte er wieder Genussrechte an Kunden vergeben. Die Direktvermarktung von hochwertigen, möglichst biologisch erzeugten Produkten wäre aus Sicht Oberhollenzers der Schlüssel zum Erfolg für Südtirols Landwirtschaft. „Wir haben 500.000 Einwohner, aber knapp 30 Millionen Touristen. Ein solches Verhältnis gibt es sonst nur auf Mallorca.“ Zudem würden Produkte aus „Alto Adige“ in ganz Italien einen exzellenten Ruf genießen. „Mit diesem Flair des Besonderen kann es uns gelingen, die Kunden an uns zu binden.“ Am Moserhof ist das jedenfalls schon gelungen.

„Schauen wir, was passiert“ Daniel Niederkofler ist der kreative Kopf hinter den Produkten von Michael Oberhollenzer. Der junge Ahrntaler ist am Betrieb für die Qualität der Erzeugnisse, aber auch für die Gastronomie bei Veranstaltungen zuständig. Der gelernte Koch will aber nicht nur den Moserhof voranbringen, sondern verfolgt auch eine Idee, über die andere vielleicht den Kopf schütteln würden. Seit 1. Dezember 2015 hat er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Marion Außerhofer den Maurmairhof, ein jahrhundertealtes Anwesen, gepachtet. „Der Hof war nicht mehr im allerbesten Zustand“, erzählt der junge Idealist. Gemeinsam mit dem Besitzer, der im eine Stunde entfernten Innichen wohnt, hat das Paar in den alten Mauern Appartements eingerichtet, die zu Weihnachten offiziell eröffnet wurden. Dazu hat Niederkofler den alten Stall soweit wieder hergerichtet, dass dort auch zehn Ziegen Platz finden.

„Früher haben zu dem Anwesen zahlreiche Flächen gehört, die aber im Laufe der Zeit verloren gingen. Heute sind es noch 1,6 Hektar hinter dem Haus.“ Da die Futtermenge für Kühe zu gering sei, habe er sich für Ziegen entschieden, so Niederkofler. Auch wenn der Hof selbst für den ­alpinen Raum äußerst klein ist, will der Neo-Bauer aus seinem Traum mehr als ein Hobby machen. „Vielleicht bekommen wir ja Wiesen zu pachten. Den Stall könnte ich jedenfalls auf 25 Stück erweitern.“ Auch der Aufbau eines Gastronomiebetriebes stehe im Raum. Die seit kurzem biologisch zertifizierte Milch nimmt ihm sein Chef Michael Oberhollenzer ab. „Der braucht genau die Qualität, die ich erzeugen will.“ Immerhin dürfe er seinen eigenen Rohstoff dann auch in der Käserei verarbeiten. Der Pachtvertrag läuft vorerst auf 15 Jahre. Niederkofler: „Der Besitzer will unbedingt, dass der Hof erhalten bleibt und hat uns deshalb geholt. Schauen wir, was dann passiert.“

unserhof 1/2016 51

Internet: www.maur mairhof.com


LANDTECHNIK

Bauernhof 4.0 Foto: © Petereit

Nach wie vor ist die Automobilbranche sowie deren Zuliefer­ firmen die größte Kundengruppe für die Roboterhersteller. ­Daneben springen aber auch immer mehr andere Sparten auf den Automatisierungszug auf. Auch die Landwirtschaft. ­Roboter, Drohnen und vernetzte ­Maschinen übernehmen ­Arbeiten auf Feld, Weide und im Stall. Von Britta Biron

L Britta Biron ist Redakteurin der Zeitung Medianet

aut einer neuesten Umfrage sehen 87 Prozent der Landwirte (von 170 Befragten) im Zusammenwachsen der virtuellen und realen Welt eine Chance für ein effizienteres und kostengünstigeres Wirtschaften, so Peter Pickel, Vorsitzender der Max-Eyth-Gesellschaft Agrartechnik des Verbandes Deutsche Industrie. „Den größten Vertrauensvorschuss erhält der Einsatz von Feldrobotern“, erklärte Pickel. „74 Prozent sehen diese Technik in der landwirtschaftlichen Praxis zukünftig im Einsatz. Nur leicht zurückhaltender sind die Antwortenden beim Thema sensorische Einzelpflanzenerkennung, etwa bei Mais, Zuckerrüben. 70 Prozent gehen davon aus, dass eine individuelle Versorgung der Einzelpflanze mit Nährstoffen erfolgen kann.“ Eine wirksame und ökonomisch sinnvolle Bekämpfung von Unkräutern ohne Herbizideinsatz auf Grundlage

52

sensorischer Unkraut­erkennung halten 64 Prozent für eine realistische Option. Bei den Themen Elektromobilität und autonome Fahrzeuge sind die Landwirte derzeit noch deutlich skeptischer. Zwar räumen jeweils 43 Prozent diesen Technologien eine Chance für den Einsatz in einem Jahrzehnt ein. Dagegen denken nur 14 Prozent daran, dass eine effiziente Nutzung von elektrischen Speichern bei Traktoren eine sichere Anwendungsoption sein wird. Mit autonomen Landmaschinen auf den Feldern rechnet sogar nur jeder Zehnte in zehn Jahren.

Sensoren am Feld Die Zurückhaltung resultiert vor allem aus der Unsicherheit hinsichtlich Sinn und Verwendungsmöglichkeit von Big Data. Dazu Hubertus Paetow, Vizepräsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG): „Die Kommunikation zwischen Maschinen

muss standardisiert erfolgen, da diese Maschinen gewöhnlich von unterschiedlichen Herstellern kommen. Diese Voraussetzungen sind allerdings noch nicht überall vollständig gegeben. Ohne Schnittstellen, die einen Austausch von Daten unterschiedlichster Quellen und Anwendungen ermöglichen, wird die weitere Vernetzung nicht funktionieren.“ Und last but not least sei es auch die Datensicherheit, welche in Verbindung mit Future Farming gelöst werden muss. Generell bewertet man die Digitalisierung in der Landwirtschaft als schwieriger als in anderen Sektoren, etwa wegen der Witterungseinflüsse, der wechselnden Bodenbeschaffenheit und dem Umgang mit lebenden Organismen, wie ­Tieren und Pflanzen.

Nachfrage steigt Ein Trendthema ist die D ­ igitalisierung, wie die jüngste Agritechnica im Nounserhof 1/2016


LANDTECHNIK

vember in H ­ annover zeigte, aber trotzdem. Eine Besucherbefragung hat gezeigt, dass für mehr als 40 Prozent der Landwirte digitale Produkt- und Serviceangebote ein kaufentscheidender Faktor seien. „Wer im Agribusiness auf Erfolg setzt, kommt an intelligenter und leistungsfähiger Landtechnik nicht vorbei“, ist Bernd Scherer, Geschäftsführer des VDMA-Fachverbands Landtechnik, überzeugt.

Digitaler Landarbeiter Zu den Neuheiten für den Feldeinsatz gehörte etwa der Bonirob des Bosch-Start-ups „Deepfield­Robotics“. Das autonome Fahrzeug steuert per video- und laserbasierter Positionsbestimmung und Satelliten­navigation zentimetergenau und kann dank Kameraaugen und Bildanalyse Pflanzen erkennen und klassifizieren. Dies hilft etwa Züchtern, die Tausende Gewächse auf Blattgröße und -farbe,

Fruchtgröße und -form oder Insektenbefall analysieren müssen, um zu entscheiden, mit welchen weitergearbeitet wird. Seine Fähigkeiten bei der Pflanzenerkennung machen Bonirob auch zu einem wirksamen Unkrautbekämpfer. Zudem präsentierte das BoschStart-up in Hannover auch „Deepfield Connect – Asparagus Monitoring“, einen Funksensor für bessere Erträge im Spargelanbau. Der Sensor misst die Temperatur in den Erdwällen mit dem Gemüse und überträgt sie auf das Smartphone der Landwirte. Diese können den Temperaturverlauf ihrer Kultur damit im Detail verfolgen und die Wachstumsbedingungen des Spargels optimieren.

Viele Möglichkeiten An autonomen Systemen für das Feld arbeiten aber nicht nur internationale Konzerne, sondern auch das 2014

gegründete österreichische Unternehmen PAS Peschak Autonome Systeme GmbH. Statt auf GPS setzt man auf 3D-Kameras und Sensoren, mit deren Hilfe der smarte Traktor über das Feld navigieren, Hindernissen ausweichen und Pflanzen- und Bodenbeschaffenheit messen kann. Das System soll in spätestens zwei bis drei Jahren marktreif sein und wird auch mittels Crowdfunding finanziert. Unter den Investoren sind auch etliche Landwirte. In Australien arbeiten indes Forscher des Centre for Field Robotics unter anderem an einem Roboter für das Hüten und Zusammentreiben von Rinderherden. Marktreif ist dagegen der Entmistungsroboter „Enro“ von Schauer Agrotronic aus Oberösterreich. Der digitale Stallbursche wurde noch weiter entwickelt und mit einer neuen Steuerung samt einem großen Touch Display ausgestattet. Das Gerät war bereits Roboter des Jahres 2012, bewegt

unserhof 1/2016 53

Bonirob von Bosch-Startup steuert per Video, Laser und Satelliten­ navigation zentimetergenau und erkennt dank Kameraaugen Pflanzen und klassifiziert diese.


Fotos: © Bosch (1), Schauer (1)

LANDTECHNIK

Digitale Land­ arbeiter auf der Weide und im Stall.

sich selbstständig durch die Laufgänge, plant seine Routen automatisch und übermittelt seine Reinigungs-Protokolle per WLAN. Besonderer Wert wurde bei Enro auch auf die leichte Bedienbarkeit mittels einer eigenen PC-Software gelegt. Der Entmistungsroboter ist eine gemeinsame Entwicklung mit der FH Oberösterreich. Zudem bietet Schauer auch Fütterungsroboter und Melkroboter, und mit einer FarmManager-Software einen detaillierten Überblick über Futter- und Wasserverbrauch sowie technische Anlageninformationen in Echtzeit an.

Roboter am „Holzweg“ Auch die Holzindustrie, bisher eher eine Low-Tech-Branche, wird zum

54

Einsatzgebiet für Roboter. Die TU Wien hat gemeinsam mit Unternehmen und Partneruniversitäten einen Roboter entwickelt, der Fehler in Schalungsplatten erkennt und repariert. In einem Sägewerk des Projektpartners im slowenischen Bohinjska Bistrica läuft bereits erfolgreich eine Prototypenanlage und ergänzt die ansonsten manuelle Korrektur von Holzdefekten. Die Anlage übertrifft den Menschen in ihrer Fähigkeit, Schadstellen im Holz zu erkennen und einzuschätzen, ob sie noch akzeptabel sind oder doch bereits ausgebessert werden müssen. Auch was die Geschwindigkeit und die Präzision betrifft, mit der die Maschine die notwendigen Ausbesserungen vornimmt, ist sie menschlichen Fähigkeiten überlegen. Zunächst wird die Schalungsplatte mit einem Kameranetzwerk gescannt. Dieses erkennt Problemstellen, entscheidet, welche von ihnen entfernt werden müssen und berechnet die minimal notwendige Anzahl an Patches. „Ein Mensch würde sich dabei auf sein Bauchgefühl verlassen“, sagt Pro-

jektleiter Andreas Kugi vom Institut für Automatisierungs- und Regelungstechnik. Der Roboter entfernt die Fehler durch kreisrunde Ausschnitte und ersetzt sie durch einen „Patch“, ein gleichgroßes Stück einer astlosen Holzlatte. Kugi: „Früher hieß Automatisierung, dass eine größere Anzahl von Werkstücken von einer Maschine genau gleich behandelt wird. Das wäre hier völlig unmöglich, weil jedes Holzstück einzigartig ist und anders verarbeitet werden muss.“ Das Projekt zeigt, worin die Zukunft der Automatisierungstechnik liegt – am automatischen, aber individualisiert angepassten, hochflexiblen Verarbeiten. Intelligente Automatisierung, die sich auch für kleine Produktionsserien oder sogar für die Herstellung von Einzelstücken effizient einsetzen lässt, könne zudem Wirtschaft und Arbeitswelt nachhaltig positiv beeinflussen. „Damit kann man eine Abwanderung der produzierenden Industrie aus Hochlohnländern wie Österreich verhindern und neue qualitativ hochwertige Arbeitsplätze schaffen“, ist Kugi überzeugt. unserhof 1/2016


Sicherheit am Kulm

Firmenbericht

Fotos: © Gepa-Pictures, Steyr

Als Spezialist für moderne, kundenorientierte Kommunaltechnik stellte Steyr sechs Traktoren für den Winterdienst rund um die Skiflug-Weltmeisterschaft am Kulm im steirischen Salzkammergut bereit. Die heimische Kultmarke engagiert sich traditionell im Sportsponsoring.

B

ei der 24. FIS Skiflug-­ Weltmeisterschaft Mitte Jänner waren auch wieder Steyr Traktoren „als Aktive“ mit dabei: Sie sorgten rund um die größte Naturflugschanze der Welt am Kulm zwischen Bad Mitterndorf und Taublitz im Ausseer Land für eisund schneefreie Zufahrtstraßen und somit optimale Sicherheit auf allen Wegen. Bereits einige Tage vor dem Wettbewerb waren die Traktoren aus einer der modernsten Landtechnikfabriken in St. Valentin im Winterdienst rund um den Veranstaltungsort im Einsatz. Ab dem Eröffnungsdonnerstag wurde der Wettbewerb dann mit sechs Traktoren unterstützt. „Mit zwei 4115 Multi sowie einem Profi 4130 CVT, einem 6145 CVT, einem 6160 CVT und einem 6165 CVT waren wir bestmöglich aufgestellt, um flexibel agieren zu können. Auch in diesem Jahr konnten wir so nicht nur die herausragende Leistungsfähigkeit unserer Traktoren demonstrieren, sondern zugleich auch unser gesellschaftliches Engagement deutlich machen“, erklärte Josef Penzinger, Marketingleiter bei Steyr Österreich. Wie in den Vorjahren haben die Kommunalexperten von Steyr auch in diesem Jahr schon im Vorfeld der Skiflug Weltmeisterschaft gemeinsam mit den Veranstaltern ein Konzept für den kompletten Winterdienst rund um den Kulm erstellt. „Dieses Konzept umfasste nicht nur die Schulung des örtlichen Bedienpersonals, sondern in Zusammenarbeit mit unserem Partner Hydrac, auch die Bereitstellung von Schneepflügen, Streugeräten, Frontlader und Schneefräsen, die nach Bedarf an unseren Traktoren genutzt werden konnten“, so Penzinger.

unserhof 1/2016

Mit 20.5 Prozent Marktanteil auch 2015 wieder und seit Jahren unangefochten Österreichs meistgekaufte Traktorenmarke bietet das Traktorenportfolio von Steyr– weit über den Einsatz am Kulm hinaus – die richtige Maschine für alle anstehenden Aufgaben. Das Leistungsspektrum reicht seit Einführung der völlig neu entwickelten und im vergangenen Herbst erstmals auf der Agritechnica in Hannover und knapp darauf auf der Austro Agrar Tulln vorgestellten „Terrus CVT“-Baureihe nun von 56 bis zu 300 PS. Steyr steht seit mehr als 60 Jahren für Top-Technologie aus Österreich und ist spezialisiert auf Traktoren mit höchster Qualität, ausgezeichnetem Komfort und hoher Wertbeständigkeit. Egal ob in den Kommunen, bei Land- und Forstwirten oder anderen Nutzern: die Traktoren von Steyr punkten im alltäglichen Einsatz mit optimaler Produktivität, Zuverlässigkeit und Bedienfreundlichkeit sowie höchst effizientem Kraftstoffverbrauch und geringen Emissionen. Auch Case Construction Equipment, wie Steyr Mitglied des CNH Industrial-Konzerns, unterstützte die Ski­flugWM auf dem Kulm mit einem Rad­ lader bei den Auf- und Abbauarbeiten vor und nach dem Wettbewerb sowie beim Winterdienst.

Für Case IH und Steyr gehört das gesellschaftliche Engagement etwa mit der Unterstützung von Sportveranstaltungen übrigens seit geraumer Zeit zum Alltag. Rudolf Hinterberger, Vertriebsdirektor von Steyr: „Wenn wir Veranstaltungen wie die Skiflug Weltmeisterschaft mit dem Winterdienst durch unsere Maschinen unterstützen, dann tragen wir nicht nur zu der sicheren Organisation des Wettbewerbs bei, sondern können auch deutlich machen, was unsere Traktoren etwa im Winterdienst leisten.“

Internet: www. steyr-traktoren.com

Kommunal-Profis mit leistungsstarker Hightech: Steyr Multi


LANDTECHNIK

Ein Prüfmarathon

Moderne Pflanzenschutzmittel sichern weltweit landwirtschaftliche Erträge. Hinter ihrer ­Entwicklung steckt ein jahrelanger Prozess. Die Marktreife erhalten sie erst, wenn ihre ­Wirksamkeit geprüft und alle Sicherheitsvorschriften erfüllt sind.

G Adrian Percy, Leiter der Forschung bei Bayer CropScience.

etreide-, Gemüse- und Obstpflanzen haben es schwer: Unkräuter machen ihnen Nährstoffe, Licht und Platz streitig, gefräßige Insekten beißen und saugen an ihren Organen, und Schadpilze zerstören Blätter und Stängel. Um die Kulturpflanzen der Welt zu schützen, entwickeln Forscher deshalb innovative Pflanzenschutzmittel: maßgeschneiderte Lösungen, die weltweit Ernteerträge sichern. Sie sind ein wichtiger Bestandteil, um hochwertige und erschwingliche Nahrungsmittel zu produzieren, und ermöglichen es

56

den Menschen in unserer vernetzten Welt, fast jedes Lebensmittel zu jeder beliebigen Jahreszeit zu genießen. Aber auch in ärmeren Regionen der Welt profitieren die Menschen von den Vorteilen des Pflanzenschutzes: Millionen sichert er dort Ernten und bewahrt sie vor Armut. Doch die Forscher der verschiedensten Pflanzenschutzmittelkonzerne stehen vor einer schwierigen Mission: Einerseits müssen die neuen Produkte gezielt gegen Schadorganismen wirken. Andererseits sollen sie aber für Mensch und Umwelt unbedenklich sein. Chemiker und Biologen

arbeiten deshalb ständig an effektiven Wirkmechanismen, die hohe Sicherheitsstandards für Mensch und Umwelt erfüllen. „Es vergeht viel Zeit, bis ein neues Produkt reif ist für die Vermarktung“, sagt etwa Adrian Percy, Leiter Forschung und Entwicklung bei der Crop Science Division von Bayer. Bis zu zehn Jahre dauere es von den ersten Tests im Labor über Freilandversuche bis hin zur amtlichen Zulassung. „Die anfallenden Kosten für die Entwicklung eines neuen Produkts betragen rund 200 Millionen Euro.“ Denn die Forscher müssen Tausende von Substanzen analysieren. unserhof 1/2016


LANDTECHNIK

Fotos: © Bayer CropScience

für die Sicherheit

Dabei schafft es im Durchschnitt nur eine von mehr als 100.000 getesteten Verbindungen bis zum fertigen Produkt. „Im Chemielabor synthetisieren wir zunächst Tausende neue Moleküle“, erklärt Percy. Bei Bayer in Monheim nahe Köln kombiniert man neue biochemische Prüfsysteme, Hochdurchsatzverfahren und wissenschaftliche Rechensysteme. In vollautomatischen Mikro-Screenings lassen sich so bereits geringste Substanzmengen auf ihre Wirksamkeit testen. Und dank miniaturisierter Gewächshaus-Testverfahren können mehrere hunderttausend Substanzen pro Jahr untersucht werden. Die Forscher müssen anschließend nur die vielversprechendsten Verbindungen genauer unter die Lupe nehmen. Percy: „Das Spannende ist dann zu sehen, ob sich unsere Ideen auch bei der biologischen Prüfung im Gewächshaus bewähren.“ Ist die Wirkung noch nicht gut genug, müssen die Moleküle weiter optimiert und

verändert werden, um die gewünschten Eigenschaften zu erzielen. Bei Bayer können die Forscher auf eine umfangreiche Substanzbibliothek zurückgreifen. Dort lagern rund 2,5 Millionen historische und aktuelle Forschungssubstanzen. Mark Drewes ist Leiter der Forschungslogistik des weltweit agierenden Herstellers. Er und seine Kollegen hüten die riesige Molekülsammlung der Crop Science Division. Auf Knopfdruck werden Probenfläschchen rasend schnell einge-

lagert, abgerufen und bei Bedarf an die biologischen Forschungsinstitute in Monheim, Frankfurt am Main oder Lyon geliefert. Wurde eine vielversprechende Leitsubstanz gefunden, läuft ein echter Testmarathon an: Bei einem potenziellen Insektizid wird etwa die Wirkung der neuen Verbindung auf den Stoffwechsel eines gefräßigen Schädlings geprüft. Auch sollen Pflanzenschutzmittel sicher für Anwender und Konsumenten sein. Dafür analy-

Wissenschaftler bereiten eine ­Substanz für das Screening vor.

Interaktiver Einblick: The bigger picture An der Erforschung und Entwicklung eines neuen Pflanzenschutzmittels ­arbeiten viele Hände und Köpfe. „The bigger Picture“ nimmt Interessenten jetzt mit an den Ort des Geschehens: Das einzigartige interaktive Erlebnis führt in die Labore, in denen Pflanzenschutzmittel entstehen und zeigt die vielen Stationen des Entwicklungsprozesses. App einfach Downloaden auf www.cropscience.bayer.com/Magazine/Farmings-Future-App-de.aspx

unserhof 1/2016 57

Internet: www.crop science. bayer.com


FORSCHUNG

Umweltsicherheit

Jürgen Keppler, Ökotoxikologe

Auch der Einfluss neuer Substanzen auf sogenannte „Nichtzielorganismen“ wird genau erforscht. Dazu der Ökotoxikologe Jürgen Keppler: „Wir untersuchen die Nebenwirkungen neuer Substanzen, ihrer A ­ bbauprodukte und der Verkaufsprodukte auf die Umwelt.“ Mit seinen Kollegen überprüft er also auch Algen, Wasserflöhe, Regenwürmer, Milben und Bestäuber, allen voran Bienen. Sie werden so ausgewählt, dass sie jeweils die Gemeinschaften unterschiedlicher Lebensräume wie Wasser, Sediment und Boden repräsentieren. „Um mögliche Risiken bewerten zu können, testen wir die Wirkung der Produkte in unterschiedlichen Maßstäben: im Labor unter weltweit standardisierten Bedingungen und später am Feld, wo wir bereits den späteren Verwendungszweck der Pflanzenschutzmittel berücksichtigen“, so Keppler. In Wirksamkeitsstudien wird unter realitätsnahen Freilandbedingungen eines natürlichen Ökosystems geforscht. Denn jeder neue Wirkstoff muss auch in der rauen Wirklichkeit zeigen, ob er hält, was er verspricht – in der nördlichen Hemisphäre ­ebenso wie im Süden. Auf verschiedenen Böden und unter diversen klimatischen Verhältnissen. Haben die Forscher ihren neuen Wirkstoff schließlich durch die chemischen und biologischen Tests gebracht, ist noch immer nicht Schluss: Erst mit dem richtigen Mix an Hilfssubstanzen geht die Pflanzenschutz-Formel auf. „Ohne die richtige Formulierung taugt selbst der beste

58

Wirkstoff nichts“, weiß Rolf Pontzen, Spezialist in diesem Bereich. Die Formulierung sorgt dafür, dass eine Substanz optimal von der wässrigen Spritzlösung bis zum Zielort in der Pflanze transportiert wird. Pontzen: „Nur mit der richtigen Formulierung können sich auch kleine Wirkstoffmengen über eine große Ackerfläche gleichmäßig verteilen.“ Neben den regionalen Unterschieden ist dabei auch zu berücksichtigen, ob eine Spritzflüssigkeit per Flugzeug oder vom Boden ausgebracht wird. Und genau wie bei einem Medikament ist auch die optimale Darreichungsform eines Pflanzenschutzmittels wichtig: als Granulat, Flüssigkeit oder als ­Beizmittel von Saatgut.

Bestuntersuchte Substanzen Pflanzenschutzmittel gehören also zu den wohl am besten untersuchten Chemikalien der Welt. Computer­ simulationen, Rückstandsversuche und umfangreiche ökotoxikologische Untersuchungen tragen dazu bei, dass neue Pflanzenschutz­mittel höchste Sicherheitsstandards erfüllen. „Und nur dann werden sie auf den Markt gebracht“, betont man etwa bei Bayer CropScience. Dort ist man auch überzeugt, dass chemischer Pflanzenschutz für die moderne Landwirtschaft unverzichtbar und Voraussetzung dafür ist, dass weltweit weiterhin hochwertige, ­gesunde und erschwingliche Nahrungs­mittel sowohl in Supermarktregalen als auch auf Markt­ständen angeboten werden können.

Fakt ist 200 Millionen Euro fallen für die ­Entwicklung eines neuen Pflanzenschutzmittels an.

Zitat „Im Durchschnitt schafft es nur eine von mehr als 100.000 getesteten Verbindungen bis zum fertigen Produkt.“ Adrian Percy, Leiter F&E bei der ­Bayer Crop Science Quelle: Farming’s Future, das Bayer-­ Magazin für moderne Landwirtschaft

Fotos: © Bayer CropScience

siert man die behandelten Pflanzen mit Hilfe hochempfindlicher Geräte auf mögliche Wirkstoffrückstände. Denn neben effektiven Strategien gegen hungrige Insekten bestimmen die Wissenschaftler auch das Abbauverhalten der Moleküle in den geschützten Pflanzen. Und bis die Nahrungs­mittel auf den Tischen der Konsumenten landen, sollen die Rück­stände verschwunden sein.

unserhof 1/2016


FORSCHUNG

unserhof 1/2016 59


PFLANZENSCHUTZ

Pflanzenschutz wird individuell Landwirtschaft mit chemischem Pflanzenschutz gewissenhaft zu betreiben, gewinnt immer mehr an Bedeutung. Sowohl Bauern als auch ihre Berater müssen mehr Verantwortung beim Resistenzenmanagement übernehmen und sich sachlich immer besser auskennen.

D Thomas Karl

Michael Glösmann

en Spritzplan abarbeiten. So oder zumindest so ähnlich hat sich das Thema Pflanzenschutz noch vor einer Generation dargestellt. Wichtig war Beobachtungsgabe. Allerdings weniger am Acker oder im Weingarten. Sondern beim Zimmerfenster hinaus, auf die Straße. Sobald dort der erste Hofnachbar mit der Feldspritze vorbeigefahren ist, war klar: Es gehört wieder gespritzt. Heute braucht es ein kleines bisschen mehr Hirnschmalz, um erfolgreich Landwirtschaft zu betreiben. Zum einen hat sich die Einstellung der Gesellschaft gerade zu chemischen Spritzmitteln geändert. Wer mit der Spritze über seine Felder fährt, wird von manchem Passanten scheel angeschaut und muss sich vielleicht

60

sogar rechtfertigen, warum er damit die Umwelt „vergiftet“. Auch die fachlichen Anforderungen sind wesentlich gestiegen. Wer am Acker, in der Obstplantage oder im Weingarten höchste Qualität erzeugen will, muss seine Kulturen immer im Griff haben, nicht zuletzt wegen des Klimawandels und neu eingeschleppter Schädlinge, die den Druck erhöhen. „Wir sehen uns als kompetenter Partner für den Pflanzenschutz“, betont Thomas Karl, Abteilungsleiter für Pflanzenschutz in der Raiffeisen Ware Austria. Längst biete man aber nicht mehr nur das bloße Präparat an: „Wir kümmern uns auch um alles rundherum und helfen unseren Kunden bei der Verwaltung von Registrierungen, ADR-Texten und Sicherheitsdatenblättern.“ Die zentrale Wartung aller notwendigen Informationen sei ein

wesentliches Service, das man den Kunden anbieten wolle, damit diese allen bürokratischen Anforderungen entsprechen können. „Das müssen junge Landwirte von ihren Lieferanten auch einfordern, egal wer das ist“, meint Karl. Pflanzenschutz gewissenhaft zu betreiben, sei nicht nur für das wirtschaftliche Fortkommen jedes einzelnen Betriebes entscheidend, ergänzt der RWA-Experte Michael Glösmann: „Wir müssen sowohl als Berater als auch als Landwirte mehr Verantwortung beim Resistenzenmanagement übernehmen und uns fachlich viel besser auskennen.“ Derzeit würden zwar neue Produkte auf den Markt kommen, die aber alle nur auf bekannten älteren Wirkstoffen in neuer Formulierung basieren würden. „Auch in den kommenden fünf bis zehn Jahren unserhof 1/2016

Fotos: © RWA (4), agrarfoto.at (1)

Von Stefan Nimmervoll


PFLANZENSCHUTZ

ist nicht viel in Aussicht“, sagt Glösmann. Daher müsse man besonders vorsichtig sein, um nicht die Wirkung der vorhandenen Mittel aufs Spiel zu setzen. „Daher ist dabei die Eigenverantwortung der Bauern gefragt.“ Gerade bei Insektiziden spüre man den Druck bereits besonders heftig. Thomas Karl: „Der Rückgang des Rapsanbaus hat auch damit zu tun, dass es nach dem Verbot der Neonicotinoide keine gleichwertigen Alternativen dazu gegeben hat.“ Auch ein Ersatz für das ebenfalls umstrittene Beizmittel „Goldor Bait“ gegen den Drahtwurm im Erdapfelanbau sei nicht in Sicht. „Wir fürchten, dass wir aufgrund der milden Winter irgendwann auch stärkeren Schädlingsdruck (Beispiel: Distelfalter) im Sojabau bekommen.“ Im Sinne des integrierten Pflanzenschutzes muss der Einsatz der Produkte noch betriebsspezifischer werden, meint Karl weiter. „Daher haben wir uns entschlossen, Partner des Warndienstes zu werden.“ Prognosemodelle müssten immer genauer werden, Pflanzenschutzstrategien betriebsspezifisch umgesetzt werden. „Die Gegebenheiten vor Ort sind sehr unterschiedlich. Der Gelbrost-Druck im Getreide war voriges Jahr auch innerhalb einzelner Bezirke völlig unterschiedlich“, erinnert sich Michael Glösmann. „Der große Vorteil der Lagerhäuser ist dabei, dass wir flächendeckend vertreten sind und unsere Berater die lokale Situation sehr genau kennen.“ Wurden die Lagerhäuser vor nicht allzu ferner Zeit noch als Gegner der biologischen Landwirtschaft gesehen, so will man heute auch hier erfolgreich auftreten. Thomas Karl: „Wir arbeiten nun offiziell eng mit der Bio Austria zusammen, um noch professioneller beraten zu können.“ Auch die Berater und Verkäufer vor Ort sollen besser auf die Ansprüche vorbereitet werden. Erste Erfolge gebe es bereits zu vermelden. So werden neuerdings Nützlinge gegen den Maiszünsler mit Drohnen ausgebracht. „Dieses Projekt ist uns heuer besonders wichtig. So denken wir etwa darüber nach, wie wir dazu ein Versuchswesen aufbauen könnten.“ Damit werde man dann auch für den Biolandbau zum Komplettanbieter von Pflanzenschutz­ lösungen.

Pflanzenschutzmittel

Was man bei Einkauf und Anwendung berücksichtigen sollte Erwerb

• Beim Einkauf und der Verwendung wird ein gültiger Pflanzenschutzmittel-Sachkundeausweis benötigt • Jeder Verkäufer benötigt einen eigenen Sachkundeausweis der BAES für Verkäufer und Berater • Für sehr giftige (T+) und giftige (T) Mittel benötigt man keine Giftbezugsbewilligung mehr (es genügt der Sachkundeausweis) • Bei Auslagerung (Kauf und Verwendung) der Pflanzenschutz­ arbeit ist eine Vollmacht zu unterzeichnen • Vorschriften zur Aufzeichnungspflicht berücksichtigen • Gültige Registrierung des Produktes im PSM-Register der AGES http://pmg.ages.at • Die genaue Bezeichnung des Produktes mit gültiger Registernummer muss auf allen relevanten Geschäftsunterlagen angebracht sein (Rechnung, Angebote, Lieferscheine usw.)

Logistik/Bezahlung/ Gefahrengut • Berücksichtigung der Aufbrauchsfristen • Bei Gefahr in Verzug Zulassungen gem. Art. 53 ist der Erwerb und die Verwendung nur im zugelassenen Zeitraum erlaubt • Parallelimporte benötigen nicht nur eine gültige Registrierung, sondern die Kennzeichnung, und die Gebrauchsanweisung muss in deutscher Sprache ebenfalls vorhanden sein

• Bei Angeboten auf Kosten für die Anlieferung achten • Berücksichtigung der Zahlungsmodalitäten (z.B. Mehrkosten bei Bankspesen, Anzahlungen etc.) • Bei Selbstabholung sind die Regeln für Gefahrenguttransport einzuhalten • Verfügbarkeit v.a. bei Produkten mit frühem Einsatzzeitpunkt rechtzeitig prüfen • Achten, ob eine schnelle Nach­ lieferung in der Anwendungs­ saison möglich ist • Achten, ob man nach der Bestellung noch Änderungen vornehmen kann (Ersatz- od. Alternativprodukte)

Beratung und Verwendung • Wo erhält man standortbezogene Beratung für seinen Betrieb? • Berücksichtigung der guten Pflanzen­schutzpraxis • Verpflichtung zum integrierten Pflanzenschutz (Schadschwellen, Warndienst, Resistenzmanagement, Gewässerschutz, Bestandeskontrollen usw.) • In Bezug auf Resistenzmanagement sind die HRAC-, FRAC- und IRAC-Codes zu beachten • Einhaltung der sachgerechten Lagerung am Betrieb • Bereitstellung von Sicherheits­ datenblättern; diese müssen zehn Jahre lang aufbewahrt werden

unserhof 1/2016 61

Internet: www.lager haus.at


Pflanzenschutzwissen online Lässt das Wetter in den nächsten Tagen die geplanten Feldarbeiten zu? Die Wetter-App weiß es. Wie entwickeln sich die Getreidepreise? Das Internet gibt Antwort. Welche Krankheit gilt es, in den nächsten Tagen besonders zu beachten? Der Newsletter informiert über das aktuelle Auftreten. Wie heißt dieser Schädling? Die Schädlings-App hat die Antwort und gibt auch eine Produktempfehlung.

Zukunft? Nein – Gegenwart! Dreh- und Angelpunkt all dieser und vieler weiterer Informationen ist das Internet. Dieses ist erst 25 Jahre alt und hat doch unser aller Leben fundamental verändert. Waren 1993 erst 1,5 Millionen Rechner an das Internet angeschlossen, haben die Internetrechner heute die Milliardengrenze schon überschritten. Umfragen bestätigen, dass rund 90% der österreichischen Landwirte das Internet nutzen, die Hälfte sogar täglich.

Internet und Blitzumfragen Wichtigste digitale Informationsquelle in der Landwirtschaft ist nach wie vor die „klassische“ Webseite. Im Bereich des Pflanzenschutzes bietet etwa agrar.bayer.at regelmäßig Informationen zum Pflanzenschutz und anderen agrarischen Themen. Moderne Webseiten wie agrar.bayer.at sind heute im sogenannten Responsive Design aufgebaut. Das heißt, dass die Webseite auf allen Ausgabegeräten, von agrar.bayer.at Smartphone über Tablet bis Desktop-PC, optimal dargestellt wird. Interessant sind auch die wöchentlichen Blitzumfragen: Wie stark ist der Krankheitsbefall im Getreide? Welches Mobiltelefon nutzen Sie? Wie entwickelt sich die Maisfläche auf Ihrem Betrieb? Wer mit einem Klick mitmacht, erfährt gleich, was die anderen Landwirte meinen.

Agrar TV Das AgrarMagazin auf agrar.bayer.at informiert als wöchentliche TV-Sendung über aktuelle Themen der Landwirtschaft. Zukünftige Entwicklungen und gesetzliche Regelungen in der Landwirtschaft, Agrartechnik und aktuelle Pflanzenschutzempfehlungen sind nur einige der Themen des AgrarMagazins. Dazu gibt es jede Woche eine Verlosung. Zu gewinnen gibt es unter anderem Messbecher, Regenmesser, Digitalwaagen, Bücher und vieles mehr. Außerdem gibt es spezielle Videoempfehlungen zu ausgewählten Themen wie Unkrautkontrolle und Pilzbekämpfung in verschiedenen Kulturen. Landwirte kommen vor der Kamera zu Wort und berichten über ihre Erfahrungen. Und im Weinbau gibt es zu mehreren kritischen Stadien Videoempfehlungen zum Pflanzenschutz.

Newsletter Per Newsletter kann sich der Landwirt bequem über aktuelle Themen der Landwirtschaft informieren. Jeden Donnerstag gibt es in Kombination mit dem AgrarMagazin eine Information per Mail, und mit einem Mausklick nimmt man unkompliziert an den wöchentlichen Verlosungen teil. Zusätzlich informieren die speziellen Kulturnewsletter kurzfristig über wichtige Pflanzenschutzmaßnahmen in den gewählten Kulturen. Einfach anmelden unter agrar.bayer.at. Natürlich kann man den Newsletter genauso umkompliziert wieder per Mausklick abbestellen. Klaus und der Newsletter


Apps Smartphones haben klassische Mobiltelefone verdrängt. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die kleinen Alleskönner eröffnen überall das Tor zur digitalen Welt. Apps – kleine Programme auf den Smartphones – geben mittlerweile Antwort auf viele Fragen. Besonders praktisch sind die Bestimmer-Apps: Die BBCH-Stadien App ermöglicht eine schnelle und eindeutige Bestimmung der Entwicklungsstadien der wichtigsten Kulturen. Mit der Krankheiten-Bestimmer App lassen sich einfach, schnell und sicher die wichtigsten Krankheiten bestimmen. Ähnliches gilt für die Bestimmer-Apps für Schädlinge, Unkräuter und Ungräser. Hunderte Schaderreger werden in Wort und Bild dargestellt und sind so leicht bestimmbar – immer und überall. Und die Apps geben für die meisten Probleme auch eine Produktempfehlung. Videos werden im Internet immer beliebter. Noch praktischer als youtube sind eigene „Spartenkanäle“ am Handy. Die Agrar-TV App bietet wöchentlich das AgrarMagazin – die spezielle Videosendung für die Landwirtschaft – optimiert fürs Handy. Für die Landwirtschaft besonders wichtig ist natürlich eine gute Wettervorhersage. Die beliebte Wetter-App ist das perfekte Werkzeug für den Landwirt: Für 6 Tage gibt es nicht nur Zu den Apps Niederschlag und Temperatur, sondern auch so wichtige Parameter wie Wind und Bodenfrost.

Quiz Schaderreger zu erkennen ist die Basis für eine optimale Bekämpfung. Auf quiz.bayer.at lernt man spielerisch hunderte Unkräuter, Schadgräser, Krankheiten und Schädlinge kennen, und das im Feld-, Wein-, Obst- und Gemüsebau. Das Quiz ist bei Schülern von landwirtschaftlichen Fachschulen wie auch bei Landwirten gleichermaßen beliebt.

Beratungsdienst: 01/711 46-2835 austria@bayercropscience.com www.agrar.bayer.at


Gefühlte und tatsächliche ­Risiken 64

unserhof 1/2016


IM GESPRÄCH

GABY-FLEUR BÖL im Gespräch mit unserhof-Chefredakteur STEFAN NIMMERVOLL über die Angst vor vergiftetem Essen, Nulltoleranz gegenüber chemischen Pflanzenschutzmitteln, darüber, dass auch von schädlichen Stoffen in Fencheltee eine Gefahr ausgeht, skandalisierende Medienberichte und warum man diese trotzdem aushalten muss.

Wie kommt es dann in Bezug auf Pflanzenschutzmittel zu Grenzwerten und zur gesellschaftspolitischen Festlegung, was ein solches zumutbares Risiko ist? Wir können naturwissenschaftlich berechnen, wie viel von einem bestimmten Stoff die Verbraucher – bei ihnen in Österreich sagt man ja Konsumenten – täglich ein Leben lang aufnehmen können, ohne dass dadurch ihre Gesundheit gefährdet ist. Aus Studien, zum Beispiel epidemiologischen Studien, Versuchen an Tieren oder „In-Vitro“-Zellkulturversuchen, leiten Wissenschaftler gesundheitliche Richtwerte ab. Diese bezeichnen die Menge pro Körpergewicht, ab der ein schädlicher Effekt zu beobachten ist. Dieser Wert wird je nach Datenlage noch durch einen angemessenen Sicherheitsfaktor geteilt. Bei der Übertragung von Tierstudien auf den Menschen ist dies in der Regel der Faktor 100. Viele Umweltschutzorganisationen und manche Konsumenten fordern aus Angst vor vergiftetem Essen ein Totalverbot von chemischen Spritzmitteln. Wie realistisch ist das überhaupt? Es gibt Verfechter des sogenannten „Vorsorgeprinzips“, die meinen, es wäre besser, eine Substanz ganz zu verbieten, sobald sie überhaupt

gefährlich ist. Diese Definition lässt die Frage der Konzentration völlig außer Acht. Das kann man machen. Dann würden wir aber heute noch mit Pferdekutschen fahren, weil damit jegliche Technik und Innovation im Keim erstickt wird. Wäre es heute noch möglich, ­völlig rückstandsfreie Lebensmittel zu ­erzeugen? Es ist technisch kaum möglich, von einer Substanz, die man in der Landwirtschaft – konventionell oder biologisch – verwendet, keinerlei Rückstände im Lebensmittel zu

Foto: © BFR

Foto: © Oksana Kuzmina

unserhof: Gibt es so etwas wie ein ­„zumutbares Risiko“, und wie ­definieren Sie ein solches? Böl: Es gibt immer ein Restrisiko! Wir werden nie eine Gesellschaft haben, die komplett risikofrei ist. Vielen ist allerdings unklar, was ein Risiko überhaupt ist, sprich: die Kombination aus der grundsätzlichen Gefährlichkeit eines Produktes und der Menge, die ich von dem Produkt tatsächlich aufnehme. Das zumutbare Risiko besteht für den mündigen Bürger also in einer für ihn akzeptablen Menge, je nach Gefährlichkeit des Stoffes.

Zur Person Privatdozentin Dr. Gaby-Fleur Böl leitet am Bundesinstitut für Risiko­ bewertung, BFR, in Berlin die Abteilung Risikokommunikation. Die ausgebildete Biochemikerin hat einige Jahre am Deutschen Institut für Ernährungsforschung gearbeitet. Bei einer Dialog-Veranstaltung der IG Pflanzenschutz in Wien referierte Böl im vergangenen November darüber, wie (chemische) Pflanzenschutzmaßnahmen von der Bevölkerung besser eingeschätzt werden können.

unserhof 1/2016 65

Gaby-Fleur Böl weiß über Risiken und Kommunikation Bescheid.


IM GESPRÄCH

Ist es emotional zu verstehen, dass Eltern sagen „Ich möchte im Essen meiner Kinder gar keine Pestizidreste haben!“? Das ist ganz sicher zu verstehen. Die Menschen unterscheiden sehr zwischen dem, was sie für sich und dem, was sie für ihre Kinder kaufen. Letztlich ist aber kaum jemandem bewusst, wie wenige Pflanzenschutzmittelreste etwa in fertiger Baby- und Kleinkindnahrung enthalten sind. Da sollte man sich mehr Gedanken über die Mengen an „natürlichen“ schädlichen Stoffen in Fencheltee und Gewürzen machen als über Pflanzenschutzmittelrückstände. Viele Leute sind der Meinung, dass Grenzwerte ohnehin nur für die ­Industrie gemacht werden und glauben nicht an solche. Gibt es da ein grundsätzliches Vertrauensproblem in der ­Gesellschaft? Die gesamte Thematik ist in erster Linie ein Kommunikationsproblem. Handelsunternehmen und NGOs definieren Sekundärstandards jenseits gesetzlicher Richtlinien. Wenn Supermärkte ausloben, dass ihre Produkte zehn- oder hundertfach unter den Grenzwerten liegen, ist das ein fatales Zeichen. Sicherer als sicher gibt es nicht, weil die gesetzlichen Grenzwerte bereits sicher sind. Die Menschen fallen aber auf diese Kampagnen herein. Außerdem treiben wir mit diesen Diskussionen Bauern in eine Richtung, in der sie Pflanzenschutzmittel nicht mehr sinnvoll einsetzen können, kein Wirkstoffwechsel mehr vollzogen wird oder zu geringe Konzentrationen ausgebracht werden. Damit schaffen

66

Foto: © agrarfoto.at

haben. Die Nulltoleranzdebatte führt also zu nichts. Sinnvoller ist es, den Menschen klar zu machen, dass diese Reste von Pflanzenschutzmitteln in so geringen Konzentrationen vorkommen, dass man die Lebensmittel bedenkenlos das gesamte Leben lang essen kann. Außerdem sind in jedem Lebensmittel naturinhärent giftige Stoffe enthalten – und das in teilweise beträchtlichen Dosen. Mit zwei ganzen Muskatnüssen können Sie ein kleines Kind umbringen. In Fencheltee sind Stoffe enthalten, die bei zu großer Menge krebserregend sind.

wir uns Resistenzen, die erst recht problematisch sind. Wie sieht es mit der Mischung verschiedener Mittel aus? Wird nicht durch das Aufaddieren verschiedener Stoffe der Grenzwert umgangen? Natürlich ist es ein Unterschied, ob Sie nur einen Pflanzenschutzmittelrest oder unterschiedliche aufnehmen. Daher müssen wir uns darüber Gedanken machen, wie die sogenannten Mehrfachrückstände im Körper wirken. Da gibt es zwei verschiedene Mechanismen: Zum einen die Addition, zum anderen, was fataler wäre, wenn ein Stoff den anderen in seiner Wirkung multipliziert. Zum Glück gibt es dafür viele Ansätze, wie man das berechnen kann. Insgesamt muss man aber auch hier sagen, dass das Risiko, aufgrund von schlech-

ter E ­ rnährung, Fettleibigkeit oder zu w ­ enig Bewegung zu erkranken, ­ungleich höher ist. Wie kann man den Menschen solche komplexen Zusammenhänge klar machen? Und wollen die Menschen überhaupt solche Argumente hören? Es ist vermessen zu glauben, dass man einfach Portale ins Internet stellt, bei denen sich die Leute morgens vor dem Einkauf schlaulesen, was sie heute kaufen dürfen und was eventuell schädlich ist. Viel wichtiger ist die in Europa geltende Gesetzgebung, dass alles das, was auf den Markt kommt, in üblichen Verzehrsmengen gesundheitlich nicht gefährdend sein darf. Welche Verantwortung tragen in diesem Zusammenhang Medien, wenn unserhof 1/2016


IM GESPRÄCH

Auch das funktioniert über Schlag­ zeilen am besten. Ist es nicht problematisch, dass zu gewissen Themen, wie etwa Glyphosat, derartig widersprüchliche wissenschaftliche Studien zur Verfügung ­stehen? Wer soll sich da noch aus­ kennen? In der Wissenschaft gibt es immer eine gewisse Mehrsprachigkeit. Viele betreiben dabei das sogenannte „Cherry Picking“. Das heißt, man holt sich aus den Studien das heraus, was gut zur eigenen Meinung passt, um diese zu untermauern. Das ist am Beispiel Glyphosat ausreichend geschehen. So etwas ist für Konsumenten natürlich ein sehr schwieriger Prozess. Ganz anders ist es in der gesetzlich festgelegten Risikobewertung. Hier darf man sich keine Kirschen pflücken, sondern ist verpflichtet, die gesamte Datenlage komplett zu sichten und die Seriosität von Studien zu gewichten. Bei der Glyphosat-Diskussion wurde, bevor überhaupt wissenschaftliche Erkenntnisse abschließend als Empfehlung an das Risikomanagement vorlagen, viel zu früh eine politische Debatte geführt. Der wissenschaftliche Risikobewertungsprozess muss unabhängig von wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Einflüssen durchgeführt werden. Jetzt muss man überlegen, wie man solche Prozesse zukünftig gestaltet. etwa Rückstände weit unter dem Grenz­ wert als Skandal dargestellt werden? Sie sprechen einen wichtigen Bereich an! Die analytische Messgenauigkeit, die wir heute haben, ist meiner Meinung nach eher Segen als Fluch für die Gesellschaft. Dass man heute kleinste Mengen messen kann, ist naturwissenschaftlich eine hervorragende Sache. Und dass in den Medien so viel darüber berichtet wird, ist ja der Beleg, dass viel kontrolliert wird. Nicht zuletzt zeigt das auch, dass wir eine hohe Meinungs- und Pressefreiheit haben, um die wir weltweit beneidet werden. Wir wären schlecht beraten, diese einzuschränken, nur weil wir eine andere Berichterstattung haben wollen. Aber oft wird doch grundlos Panik erzeugt …

Natürlich wären seriösere Berichte wünschenswert. Dazu muss man die Interessenslage der Medien kennen. Diese sind letztlich auch Wirtschaftsunternehmen, die ihre Zeitungen verkaufen wollen. Dazu braucht es eben interessante, zuweilen auch skandalisierende Schlagzeilen. Das müssen wir aushalten.

Fürchten sich die Menschen vor den falschen Dingen? Und warum fokussieren viele ihre Ängste gerade auf Lebensmittel? Das ist ein sehr menschlicher Prozess. Wir haben es mit einem verschobenen Risikobewusstsein zu tun. Das, was medial transportiert wird, wird als besonders schrecklich wahrgenommen, auch wenn es objektiv gar nicht so ist.

Steckt hinter der Angst vor ­vergiftetem Essen nicht manchmal auch ein Geschäftsmodell der NGOs, wie auch Bauernvertreter zunehmend beklagen? Nichtregierungsorganisationen sind sicher nicht immer nur die Guten, als die sie von den Konsumenten wahrgenommen werden. Sie verfolgen eben – nicht nur, aber auch – ökonomische Interessen. NGOs finanzieren sich zum großen Teil aus Spendenmitteln. Diese muss man erst einmal einwerben.

Ist es also unbegründet, sich vor dem täglichen Essen zu fürchten? Grundsätzlich sollte man sich natürlich überlegen, was und wieviel man isst und trinkt. Die Empfehlung ist eindeutig, sich viel zu bewegen, nicht zu dick zu werden und viel Obst und Gemüse zu sich zu nehmen. Dann braucht man sich nur sekundär darüber Gedanken machen, ab da eventuell kleine Reste von Pflanzenschutzmitteln enthalten sind.

unserhof 1/2016 67

Internet: www.bfr. bund.de


LANDTECHNIK

„Wenn die Stall­lüftung ausfällt, muss es schnell gehen“ – Dietmar Hipp ohne Empfang.

Ohne Netz im Eck 68

unserhof 1/2016


LANDTECHNIK

„Big Data“ gehört die Zukunft. Sei es am Acker, am Melk­ roboter oder im Schweinestall. ­Überall lesen Sensoren Daten aus und helfen Bauern bei ihren ­Ent­scheidungen im Betrieb. Was, wenn aber die Basis für den „kleinen Datenverkehr“ fehlt, wie so oft in ländlichen Regionen, ­beispielsweise wie im ­Waldviertel? STEFAN NIMMERVOLL war vor Ort.

Foto: © Pistracher

J

edes Mal, wenn jemand anruft, muss Dietmar Hipp ins Eck. Und es ruft öfters jemand an. Denn Dietmar Hipp ist Kammerobmann der Bezirksbauernkammer Zwettl und somit ein gefragter Mann. Das erzürnt den jungen Funktionär. „Der Handyempfang bei uns ist schlecht. Daten über das Handy herunterzuladen, ist unmöglich.“ An manchen Plätzen auf seinem Hof in Sallingstadt kann er zumindest abgehackt telefonieren. Anderswo findet das Gerät gar kein Netz. So etwa in den Erd­ äpfelhallen, in denen Hipp seine Ware sortiert und lagert. „Dann lege ich das Telefon draußen auf einen Platz, wo es Empfang hat, und schaue eben alle zwei Stunden nach, wer angerufen hat.“ Unangenehm, ohne Zweifel. Aber nicht wirklich gefährlich. Das wird es erst, wenn es um die Puten geht, von denen Dietmar Hipp 4.300 pro Umtrieb hält. „Die Tiere sind empfindlich. Wenn die Stallbelüftung ausfällt, muss es schnell gehen.“ An sich ist das in einem modernen Tierhaltungsbetrieb einfach gelöst. Unverzüglich kommt normalerweise das Alarm-SMS auf Hipps Handy. Allerdings: Wenn sich der Landwirt auf einem seiner vielen kleinen Äcker befindet, kommt kein SMS. Denn auch dort geht das Handy nicht. „Wir haben ein akustisches Signal. Das muss halt dann jemand hören.“ Zu Arbeitsspitzen sei aber oft nur der 95-jährige Großvater zu Hause. „Und sich bei der Sicherheit meines Bestandes auf einen alten Mann verlassen zu müssen, ist nicht nur vom Senior etwas viel verlangt.“ Zumal wenn jemand die Warnung höre, dieser ja auch erst Dietmar Hipp irgendwo auf einem seiner Felder suchen müsse. „Weil einfach anrufen ja nicht geht“.

Mit ähnlichen Problemen kämpft zwei Ortschaften weiter Christian Koppensteiner aus Schwarzenbach. Sein Biomilchhof ist ein Musterbeispiel für bäuerliches Unternehmertum. Zwei Drittel der Milch seiner 60 Kühe wird direkt vermarktet, in der Region oder über die Gastronomie und den Großhandel. Mit dem angesagten Wiener Kultbäcker Josef Weghaupt („Joseph Brot“) kommt seine Ware bis nach Wien. Erst kürzlich hat der Milchbauer kräftig investiert und einen komfortablen Kuhstall mit Melk- und Fütterungsroboter geschaffen. Am letzten Stand der Technik sind die vielen Sensoren, welche die Vital­daten der Rinder erheben. Die Kühe tun keinen Schritt, ohne dass Christian Koppensteiner das am PC, Tablet oder Handy nachvollziehen kann. Ein Vorzeigeprojekt, ohne Zweifel. Doch auch Koppensteiner leidet unter dem schlechten Netzempfang. „Bei mir geht es zwar nicht um das Überleben der Tiere, aber wenn der Melkroboter zwei Stunden steht, weil ich eine Fehlermeldung nicht erhalte, kommt der gesamte Rhythmus durcheinander.“ Äußerst schwierig sei es auch, Daten aus der Steuerung abzugleichen. „Da sollte ich mit dem Telefon neben dem Display stehen, um etwas abzulesen oder gemeinsam mit dem Techniker Dinge durchzugehen.“ Ausgerechnet beim Melkstand sei der Empfang aber mehr als bescheiden. „Letztlich sollte ich auch als Unternehmer zu Geschäftszeiten erreichbar sein. Ein Kunde will nicht darauf warten, bis ich in drei Stunden wieder Empfang habe.“ Mit der Weiterentwicklung des „Smart Farming“, also der Datenübertragung von der Maschine am Acker aufs Tablet, fürchten Hipp und

unserhof 1/2016 69

Internet: www. lte-anbieter. info/laender/ lte-in-oesterreich.php


Fotos: © Pistracher

LANDTECHNIK

Christian Koppensteiner: Seine Kühe tun keinen Schritt, ohne dass er das am Tablet oder Handy nachvollziehen kann.

Koppensteiner, dass ohnehin benachteiligte Regionen, wie das Waldviertel, weiter ins Hintertreffen geraten werden. „Ich brauche die Internetverbindung, um die Daten in die Schlagkartei zu übertragen“, so Hipp. Letztendlich seien alle Lebensbereiche betroffen, so Hipp weiter. „Das geht bis hin zur Feuerwehr. Wenn die Bauern am Acker sind, hören sie die Sirene nicht. Und die mittlerweile üblichen Alarm-SMS kommen auch nicht an.“ Das nördliche Waldviertel sei eine Abwanderungsregion, fügt Christian Koppensteiner hinzu, „wenn es uns nicht gelingt, wenigstens Handyempfang und Internet

70

sicherzustellen, werden unsere Jungen kaum einen Anreiz darin sehen, hier zu bleiben.“ Die Bürgermeister könnten nicht einmal ein Festnetztelefon versprechen, weil die Plätze im Wählamt oftmals schon belegt seien. Wie der Mangel technisch zu lösen sei, wissen die beiden jungen Bauern nicht. Ein Teil des Problems scheint jedenfalls der Wechsel von Frequenzen zu sein. Seit die Netze im Frühjahr 2015 auf LTE-Geschwindigkeit umgestellt wurden, funktioniere das Telefonieren schlechter als zuvor, meint Dietmar Hipp. Er versuche immerhin als Funktionär in der Landwirtschaftskammer

politischen Druck aufzubauen. „Aber alles, was ich bisher erreicht habe, war, dass sich A1 einmal gemeldet und mir teure Angebote für Alternativen gemacht hat.“ Und auch diese würden – gemäß den Erfahrungen von Freunden – nur begrenzt funktionieren. Für Hipp steht daher der Staat bei der nötigen Infrastruktur in der Pflicht: „Er muss die Anbieter, wenn er Frequenzen vergibt, verpflichten, die Versorgung nicht nur in der Großstadt auszubauen, sondern auch dort, wo es nicht so viel Geld zu verdienen gibt.“ Wie eben mitten im Waldviertel, im Raum Schweiggers und Umgebung.

unserhof 1/2016


In Österreich gehen die Netzprovider genau den entgegengesetzten Weg wie in Deutschland. Politik und Bundesnetzagentur haben dort bereits 2010 im Zuge der Frequenzversteigerung die Provider dazu verpflichtet, die gegenüber UMTS oder HSPA (3G) schnellere und leistungsfähigere LTE-Mobilfunktechnik („Long Term Evolution“) zuerst auf dem Land auszubauen. Dies geschah vor dem Hintergrund der damals sehr weitreichenden Breitbandflecken außerhalb der Städte. Diese konnten in Deutschland, dank LTE-Funk, schon zu einem Großteil geschlossen werden. In Österreich hingegen wurden zuerst die Frequenzen um 2,6 GHz versteigert. Diese eigneten sich hervorragend für den LTE-Ausbau in urbanen Gebieten, aufgrund der kürzeren Wellenlänge jedoch nicht zur Erschließung weitflächiger Areale im ländlichen Raum. Die Versteigerung der LTE-800-Fre-

Vorteil am Land LTE steht für Long Term Evolution, der Mobilfunkstandard für schnelleren Datentransfer. Während neue Mobilfunkverträge mittlerweile standardmäßig LTE inkludieren, können Kunden mit Altverträgen dieses Service gegen Aufpreis als Zusatzpaket aktivieren. Laut Rundfunk- und Telekomregulierungsbehörde RTR kann das so genannte 4G-Netz etwa im ländlichen Raum durchaus von Vorteil sein. Bei einer entsprechenden Netzabdeckung werde damit etwa ein mangelhafter Breitbandausbau ausgeglichen. LTE wird derzeit mit einer maximalen Downloadrate von 150 Megabit angeboten, der Upload liegt bei 50 Mega­bit. Wer diese Bandbreite nutzen möchte, muss allerdings tief in die Tasche greifen, es schlägt je nach Anbieter mit 40 bis 65 Euro monatlich zu Buche, die ­Erweiterung bei bestehenden Ver­ trägen kostet 10 bis 14 Euro. Und es empfiehlt sich, besonders vor der Erweiterung eines bestehenden Vertrages die Datentransferrate zu überprüfen. Die RTR stellt mit

quenzen wurde erst im Herbst 2013 endlich erfolgreich abgeschlossen. Der österreichische Staat erzielte dabei stolze 2 Mrd. Euro an Lizenzeinnahmen. Damit ist der Weg für den LTE-Ausbau im ländlichen Raum seither zwar geebnet, die Umrüstung der Netze gestaltet sich nicht selten aber recht teuer und zeitaufwändig. Österreichs drei große Mobilfunkunternehmen, A1, T-Mobile Austria und Drei, arbeiten mit Hochdruck daran, dass die Verfügbarkeit von LTE auch in den abgelegenen Regionen weiter stetig steigt, wird betont. Tester bescheinigen den Netzverbindungen von allen drei Anbietern eine Verbesserung bei gleichzeitig gesunkenen Tarifkosten. Dennoch gebe es deutliches Verbesserungspotenzial, heißt es. Eigentlich sollte die 4G-Technik Österreichs Dörfer schon weit vor Ende 2013 mit Highspeed-Flatrates versorgen. Insbesondere als DSL-Ersatz im ländlichen Raum spielt LTE heute eine tragende Rolle. Bis 100 MBit/s Downloadrate sind aktuell dort realisierbar. Man bezeichnet daher LTE auch gerne

als „das mobile VDSL“. Letzteres ist eine Nachfolgetechnologie des beliebten „DSL“ und bietet übers Festnetz Datenübertragungsraten von 50–100 MBit/s. In den Städten werden über LTE sogar noch weit höhere Übertragungsraten von bis zu 300 MBit realisiert. Der LTE-Nachfolger 5G soll nochmals um ein Vielfaches schneller werden. Seit 2014 wird an dem neuen Mobilfunkstandard geforscht und bereits 2020 sollen erste 5G-Tarife auch in Österreich erhältlich sein.

ihrem Netztest ein entsprechendes Programm kostenlos zur Verfügung. Dieses kann über den Browser ausgeführt werden und ist auch als Applikation für IOS oder Android-Systeme erhältlich. Darüber hinaus sollte man beachten, dass auch das LTE-Netz keine hohe Datenrate garantiert. Es handelt sich um Maximalgeschwindigkeiten. Die 150 Megabit erreicht man im Bestfall.

Um im 4G-Netz unterwegs zu sein, muss natürlich auch die Hardware, also etwa das Handy oder Tablet, diesen Standard unterstützen. Bei neueren Produkten ist das in der Regel der Fall. Bei älteren Geräten sollte man das vorher mit seinem Anbieter klären. Und die nächste Technologiestufe ist bereits in Sicht: Das 5G-Netz soll in den kommenden Jahren Datenraten liefern, die etwa zehnmal höher sein werden als heute.

unserhof 1/2016 71

Foto: © bluedesign

    3G, 4G, 5G: Zäher Ausbau

Foto: © DragonImages

LANDTECHNIK

Internet: www.netz test.at/de


AGRARKULTUR

Aus dem Leben einer Kuh-­ Diva. Sie ist „Germany’s Top Milk-Model“ und ein Filmstar. An Krista stimmt einfach alles: Euter, Körperbau und Flecken. Zwei Dokumentarfilmer haben das Leben von Deutschlands Super-Kuh erst ins Kino gebracht. Mittlerweile gibt es den Streifen auf DVD. Von Bernhard Weber

Foto: © Landpixel, Illustation: © Eva Mühlberger

D

er Film „Die schöne Krista“ zeigt den Werdegang einer Kuh-Diva, die sich auf diversen Schönheitswettbewerben ihren Titel erkämpft. Die Kür zur „Miss Holstein of Germany“ macht sie zur Kuh-Elite und ihren Besitzer Jörg Seeger zu einem glücklichen Mann. Zwar besitzen der Landwirte und s­ eine Familie in Ostfriesland fast 200 Rinder. Auf die schwarzbunte Krista sind sie aber klarerweise ­besonders stolz. Zudem verspricht der Nachwuchs der Preisträgerin zusätzlichen Profit. „Diese Kuh hat alles, was wir von einer modernen Milchkuh verlangen. Gut im Fundament, scharf gebaut, eine großrahmige Hochleistungskuh“. So lautete die Charakterisierung des Preisrichters in der Weser-Ems-­Halle, als er Krista zum ersten Mal zur „Miss Holstein of Germany“ kürte – zur schönsten von über 1,5 Millionen Milchkühen. Bauer Jörg Seeger weinte prompt vor Glück. Denn Hof und Familie sind für den jungen Landwirt sein Leben, die Rinderzucht seine Passion. Und durch den Triumph bei der Viehschau gehört Krista zur Elite, zur Weltelite. Die Doku folgt den Höhen und Tiefen der zum Teil aberwitzigen Karriere dieser deutschen Hochleistungs-Holsteinkuh. Die beiden Filmemacher Antje Schneider und Carsten Waldbauer begleiten die Kuh bei ärztlichen Untersuchungen und Befruchtungsversuchen, bangen mit ihren Besitzern in Zeiten der Krankheit um das Tier und besuchen die triumphalen Wettbewerbe, welche „die schöne Krista“ auch über die

Grenzen ihres Heimatlandes hinaus bekanntmachen. Jörg und seine Frau Janine hoffen, dass damit auch der wirtschaftliche Erfolg auf den Hof kommt. Nachwuchs von einem derart edlen Tier ist schließlich in aller Welt gesucht. Die Anfragen nach Eizellen und Embryonen lassen auch gar nicht lange auf sich warten. Aber Krista soll auch selbst Kälber austragen. „Bei so einer prächtigen Kuh kann man schnell mal 6000 oder 7000 Euro für ein Kuhkalb realisieren“, rechnet Jörg Seeger vor: Und das könnte sein Hof gut gebrauchen. Doch zunächst macht die Natur dem einen Strich durch die Rechnung. Krista wird nicht trächtig; die „Hänge­partie“ zehrt an Jörgs Nerven und kostet ihn viel Geld. Endlich findet der Tierarzt die Ur­ sache des Problems in Form einer Zyste. Kaum diagnostiziert, wird diese ohne große Operationen entfernt. Kristas Besitzer dürfen wieder hoffen. Und tatsächlich kann der Veterinär einige Zeit später bestätigen, dass Krista endlich trächtig ist. Wettbewerbe sind da erst einmal Tabu. Jörg nutzt die Zeit, Auktionen zu besuchen. Halb bewundernd, halb neidisch verfolgt er, wie besonders schöne Kälber für hohe Beträge ihre Besitzer wechseln, während er noch darauf warten muss, dass auch seine Krista endlich wertvollen Nachwuchs liefert. Für Deutschlands schönste Milchkuh ist indes die Welt in Ordnung. Als ihr Kälbchen da ist, schreit Jörg voller Begeisterung: „Ein Mädchen!“ Ab nun soll sie „durchstarten, nur an sich denken, abspecken, Milch geben, schön aussehen.“ Denn die nächste Heraus-

forderung wartet schon. Krista meistert auch diese und wird in Italien zur zweitschönsten Kuh Europas gekürt, dazu die mit dem schönsten aller E ­ uter. Jörg feiert den größten ­Triumph einer deutschen Kuh „seit dem Weltkrieg“. Und als einige Zeit später Krista als erste Kuh überhaupt auch noch ihren Titel als „Miss Germany“ verteidigt, hängt für den Besitzer des „Reserve Grand Champion“ der Himmel endgültig voller Geigen. Ungeschminkt verfolgt die Kamera Kristas Weg. „Das ist für Nicht-Milchbauern manchmal komisch, manchmal unglaublich, manchmal auch ein wenig verstörend. Reality-TV aus dem Kuhstall: Man zittert bei den ärztlichen Untersuchungen, hilft beim Besamungsversuch, leidet bei der schweren Kalbung, fiebert mit bei den Wettbewerben, jubelt beim triumphalen Sieg und schluckt auch ein wenig bei der Trennung des Kälbchens von seiner protestierend muhenden M ­ utter …“, schrieb ein Filmkritiker. Fazit dieses besonderen Films: Bei aller Bauernhof-Romantik ist moderne Viehzucht einfach auch ein knallhartes Geschäft. Unverblümt legen die Filmemacher dabei Mechanismen offen, die den menschlichen Schönheitswett­ bewerben häufig in nichts nachstehen. Einfach sehenswert.

unserhof 1/2016 73

„Die ­schöne Krista“, Dokumentar­ film, DVD, Laufzeit 91 ­Minuten, ­Aries-Images Internet: www.shop. aries-­ images.de


Der Bauer Franz kommt ins Schwärmen, wenn er von den Schwierigkeiten erzählt, die er am Anfang gehabt hat. Die Idee, seinen Hof als Flüchtlingsheim zu adaptieren, stieß von Anfang an auf Gegenwehr. Dass es nicht einfach werden würde, damit hatte er gerechnet. Von Bernhard Aichner

Bernhard Aichner lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck.

W

eil es nicht anders sein kann, hat sich der Bauer Franz wieder einmal gegen die halbe Welt gestellt, eigentlich gegen das halbe Dorf. Den Unmut der Ängstlichen habe er auf sich gezogen, erzählt er mir. Verstört habe er sie, erschreckt. Er habe einfach nur auf sein Herz gehört, habe helfen wollen, sagt er zu mir. Auf meinem täglichen Spaziergang durch das Dorf gehe ich an seinem Hof vorbei, gerne bleibe ich kurz stehen, wenn ich ihn sehe. Manchmal trinken wir einen

74

Schnaps, einen Selbstgebrannten, auf das Leben. Damit man es besser aushält, sagt er. Damit einem die Gelassenheit bleibt, wenn rundherum alles verrücktspielt. Und das hat es wieder einmal getan. Einige Wochen im Herbst war das Dorf im Ausnahmezustand. Der kleine Vorort von Innsbruck wurde zum ­medialen Hotspot. Was passiert ist, zog sogar das Interesse deutscher Medien auf sich. Der Bauer Franz wurde zum ungeliebten Star, der Spinner im Dorf hat Wellen g ­ eschlagen. unserhof 1/2016

Foto: ©Kara

Bauer Franz und das Kopftuch


AGRARKULTUR

Einige sagten, dass er es dieses Mal übertrieben habe. ­Andere applaudierten. Am Ende aber waren sie sich einig. Bauer Franz hat etwas verändert. Er hat uns ein Stück weit die Angst genommen, hat uns gezeigt, dass es Dinge gibt, für die man kämpfen muss. Reden allein ist zu wenig, sagt der Bauer Franz. Und deshalb habe er sich irgendwann einfach dieses Kopftuch aufgesetzt. Drei Wochen lang sei er damit durchs Dorf gelaufen, habe es nicht mehr abgenommen, habe den Hohn und den Spott ertragen. Bis sie aufgehört haben, sich zu wundern. Bis es normal war irgendwann, dass Flüchtlinge im Dorf waren, dass sie in seinem Haus wohnten. Dass er sich bedingungslos auf ihre Seite stellte. Der Bauer Franz kommt ins Schwärmen, wenn er von den Schwierigkeiten erzählt, die er am Anfang gehabt hat. Die Idee, seinen Hof als Flüchtlingsheim zu adaptieren, stieß von Anfang an auf Gegenwehr. Sein schönes, großes Haus habe er beleben wollen. So viele Zimmer standen leer, weil das mit der Liebe nicht so einfach war, weil er allein lebte, und weil er sich dachte, dass es an der Zeit sein würde, einmal etwas Gutes zu tun. Der Erbhof, den er gekauft hatte, sollte sich wieder mit Leben füllen. Er wollte diesen armen Menschen eine Chance geben, eine neue Heimat, weil er diese Bilder im Internet gesehen hatte. Der Krieg in Syrien, zerbombte Städte, Schutt und Asche, zerfetzte Kinder. Er schaffte Platz für vier Familien, zwanzig gestrandete Seelen wollte er aufnehmen, das war sein Plan. Mitten im Dorf ein Asylantenheim, Hoffnung für die Flüchtlinge. Sein Bauernhof, der zur einsamen Insel wurde. Dass es nicht einfach werden würde, damit hatte er gerechnet. Dass die Ablehnung aber so groß sein würde, entsetzte ihn. In dem Moment, in dem er beschloss, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, zog der Sturm auf. Weil er das Schiff am Bürgermeister vorbeisteuerte. Weil er direkt zur Landesregierung ging, wo er mit offenen Armen empfangen wurde. Die Quote musste erfüllt werden, auf lokale Befindlichkeiten wurde keine Rücksicht genommen, Beschwerdeanrufe wurden freundlich abgewiesen. Der Bauer Franz bekam, was er wollte. Flüchtlinge. Und auch Geld. Das hielt man ihm von Anfang an vor. Dass er es nur wegen der Euros mache, dass er nicht in der Lage sei, seinen Hof ordentlich zu führen, und dass er deshalb das Gesindel ins Dorf hole. Überall erzählten sie herum, dass er sich von der Landesregierung durchfüttern lasse, dass der Karottenschnaps, den er brennt, ihn verrückt gemacht hätte. Der Bauer Franz ignorierte es, so gut es ging. Er hörte weg und gab den Flüchtlingen, die kamen, ein neues Zuhause. Acht Erwachsenen und neun Kindern, vom Baby bis zum Dreizehnjährigen. Syrer, dunkelhäutige Männer und Frauen mit Kopftüchern. Das Dorfbild wurde von einem Tag zum anderen bereichert durch sie. Verunstaltet, hieß es hinter vorgehaltener Hand. Was wollen die bei uns? Wir haben selber genug Probleme und Armut, den Bauer Franz müsste mal einer ordentlich verdreschen. Der versteht nicht ganz, was er sich da eingekauft hat. Was das für Leute sind. Terroristen, Faulenzer. Sie respektieren unsere Kultur nicht. Sie bekommen Geld vom Staat, wir finanzieren diesen Luxus.

Jeder hat ein Telefon und Internet. Und zum Wirt gehen sie auch. Sogar die Frauen. Und im Gasthaus dann ist es passiert. Eine der syrischen Familien aß dort zu Mittag, zwei Kinder, Vater und Mutter. Das Kopftuch der Mutter leuchtete in der Gaststube, bis hin zum Stammtisch, an dem sie saßen. Die guten Katholiken zerrissen sich die Mäuler, schrien es lauthals herum. So laut, dass auch der Bauer Franz es hörte. Wenn die bei uns essen wollen, soll sie das Kopftuch abnehmen. Überhaupt eine Schweinerei, diese Unterdrückung der Frauen. Was das für ein Bild macht. Nichts mehr zum Fressen sollen sie bekommen, wenn sie sich nicht anpassen. Der Bauer Franz stand an der Bar und hörte eine Weile zu. Dann ging er nach Hause, band sich ein Tuch um, ging zurück ins Gasthaus und bestellte erneut ein Bier. Zwanzig Tage lang nahm er das Kopftuch nicht mehr ab. Immer wenn er aus dem Haus ging, trug er es, egal wo. Ich wollte ihnen zeigen, dass sie keine Angst vor mir haben müssen. Er lächelt, als er mit mir darüber spricht. In seiner Hand all die Zeitungsausschnitte, seitenweise haben sie darüber berichtet, begeistert darüber, was in unserer Gemeinde passiert ist. Über den Bauer Franz, der mit seiner Spinnerei irgendwann begonnen hat, auch die anderen anzustecken. „Ein Dorf trägt Kopftuch“, titelte die Süddeutsche. Auf einem Foto zwanzig Männer und Frauen nach der Sonntagsmesse auf dem Dorfplatz. Alle mit Kopftuch. Weil sie es irgendwann gut fanden, was der Bauer Franz tat. Weil sie sahen, dass es keine Monster sind, die da zu uns ins Dorf gekommen sind. Dass es ein Signal ist nach außen, eines, das Schandmäuler stopft und Toleranz predigt. Eine Verrücktheit war es, die ihren Lauf nahm. Die unser Dorf für eine Zeit lang berühmt gemacht hat. Eine alte Frau, die auch sonst oft ein Kopftuch trug, war es, die sich als Erste anschloss. Sie legte das Kopftuch nicht mehr ab und, mehr noch, sie überredete ihren fünfundsiebzig­jährigen Ehemann, einen ordentlichen ­Bauern im Dorf, dazu, es ihr und dem Franz gleichzutun. Auch ihr Mann begann nun, Kopftuch zu tragen. Laut zu ­sagen, dass es in Ordnung ist, wenn jeder selbst entscheidet, was gut ist für ihn und was nicht. Da war keine Scham im Gesicht des alten Mannes, als er sich zum ersten Mal an den Stammtisch s­ etzte. Kein Wort verlor er darüber. Er reagierte nicht auf das Unverständnis der anderen. Mit Selbstverständlichkeit, die den anderen Mut machte, ­trugen sie es. Der Bauer Franz, die alte Frau und ihr Ehemann. Und in den Tagen darauf wurden es immer mehr. Wie ein Wunder war es. Wie plötzlich Türen aufgingen, wie viel Hilfsbereitschaft da war, wie sehr man sich auf einmal bemühte, den Neuankömmlingen das Leben zu erleichtern. Wie man versuchte, sie einzubinden, ihnen Arbeit zu verschaffen. Schön war es. Und wie stolz die Dorfbewohner mittlerweile darauf sind. Dass sie etwas anders machen als die Leute im Nachbardorf. Und dass das ganze Land darüber berichtet hat. Über den Bauer Franz und seine Spinnerei. Über Menschlichkeit und Toleranz. Direkt vor unserer Haustür.

unserhof 1/2016 75

Aichner schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke, und wurde mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Sein ­Thriller „Totenfrau“ stand wochenlang auf den Bestsellerlisten in 16 Ländern und wird derzeit in den USA als Serie verfilmt. ­„Totenhaus“, der 2. Teil der Blum-­ Trilogie, erschien im August 2015.


steyr-traktoren.com facebook.com/SteyrTraktoren

P.b.b. 14Z040154 M SPV Printmedien GmbH, Florianigasse 7/14, 1080 Wien Retouren an „Postfach 555, 1008 Wien“

WEIL DU SCHWERSTARBEIT LEISTEST, BRAUCHST DU EINE MASCHINE, DIE DAS AUCH TUT. DER NEUE TERRUS CVT.

Profile for SPV-Verlag

01/16 unserhof  

Magazin für Hofübernehmer im bäuerlichen Familienbetrieb

01/16 unserhof  

Magazin für Hofübernehmer im bäuerlichen Familienbetrieb

Advertisement