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März 2013  Deutschland EUR 4,50 / Österreich EUR 5,00 / Luxemburg EUR 5,20 / Schweiz sfr 7,90

Motorsport Sebastian Vettel

Der Weltstar mit Boden­haftung • Kron­prinzessin im Kart: Sophia Flörsch

Fußball Offene Worte

Uli Borowka: Die Alkoholbeichte eines Fußballstars • FC Liverpool: Ein Mythos wird entzaubert

ROBERT HARTING

DER SPORTQUERDENKER Der Diskus-Olympiasieger über Motivation, Schmerzen und den Kampf gegen die Windmühlen der Verbände

SLACKLINING Crazy, sexy, cool: Trendsportart auf schmalem Band

Triathlon Tipps vom Profi

LIES DEN SPORT! 03/2013

Vom Rettungsschwimmer zum Olympiasieger: Jan Frodeno über die perfekte Ausrüstung

Tischfußball Mehr als Kneipengaudi Aus den Hinterzimmern ins Rampen­licht: Warum Kickern längst Leistungssport ist


EDITORIAL

IM ERNST? Wushu? Als das Internationale Olympische Komitee (IOC) vor einigen Wochen die Sportarten bekanntgab, die ab 2020 eine Chance auf die Aufnahme in das olympische Programm haben, musste ich zweimal hinschauen. Dreimal gar. Denn Wushu gehört auch dazu. Neben Baseball, Karate, Rollschuhsport, Klettern, Squash und Wakeboarding. Wushu. Was ist das? Bin ich der einzige Sportinteressierte, der davon noch nichts gehört hat? Bei Wikipedia steht dazu: „Wushu (武术 Wushù, dt. „Kriegskunst“), im Westen auch bekannt als modernes Wushu, ist eine Anfang der Fünfzigerjahre von der Regierung der Volksrepublik China anerkannte Zusammenstellung von einigen Formen der traditionellen chinesischen Kampfkünste und neu von einem Komitee erschaffenen Formen.“ Aha. Und für 2024 sind dann sicher noch Fingerhakeln, Fliegenfischen, Zumba und Armdrücken im römisch-bayerischen Stil in der olympischen Tombola. Wushu. Ich komme nicht darüber hinweg. Nach welchen Kriterien setzt das IOC bloß die neuen Sportarten auf die Warteliste – und andere auf die Auswechselbank? Denn während Wushu sich Hoffnungen auf olympische Ehren machen darf, wurde eine der olympischsten aller Sportarten, das Ringen, von der Matte geschubst. Ringen war schon bei den antiken Spielen Teil des Programms und seit 1896 aller Sommerspiele der Neuzeit. Zugegeben, in meinem persönlichen sportlichen Universum hat diese Sportart auch höchstens alle vier Jahre eine Rolle gespielt. Aber sie gehört für mich eben dazu, ebenso wie Curling zu den Winterspielen. Viele Analysten vermuten ja, dass Ringen nun Opfer seiner eigenen Schlichtheit geworden ist, da sich der Sport ohne Hilfsmittel ausüben lässt – und sich kein Sponsor daran eine goldene Nase verdienen kann. Oder niemanden in den Wirtschaftsmächten interessiert. Das ergibt natürlich Sinn und lässt die offizielle Begründung des IOC, man wolle die Relevanz der Olympischen Spiele für Sportfans aller Generationen erhalten, mit Stirnrunzeln zur Kenntnis nehmen. Während also die antike Sportart Ringen komplett aus der öffentlichen Wahrnehmung gestoßen wird, setzt man dann doch lieber auf Trendsportarten. Wie Wushu.

Viel Spaß beim Lesen wünscht

Christian Bärmann Chefredakteur SPORTSFREUND

DAMALS IM MÄRZ ...

2. MÄRZ 1962: Wilt Chamberlain erzielt 100 Punkte in einem NBA-Spiel. +++ 25. MÄRZ 1966: Die Eiger-Nordwand wird erstmal auf einer Direktroute bestiegen. +++ 16. MÄRZ 1970: Der Deutsche Sportbund startet die Trimm-dich-Bewegung. +++ 8. MÄRZ 1972: Joe Frazier gewinnt den WM-Boxkampf im Schwergewicht gegen Muhammad Ali im Madison Square Garden. +++ 24. MÄRZ 1973: In der Fußball-Bundesliga wird Trikotwerbung eingeführt, als Eintracht Braunschweig erstmals in einem Spiel mit Jägermeister-Reklame antritt. Das Firmenlogo wurde wegen Widerstands des DFB in das Vereinswappen integriert. +++ 19. MÄRZ 1976: Eddy Merckx gewinnt zum siebten Mal den Radsportklassiker Mailand–Sanremo. Ein Rekord, der bis heute Bestand hat. +++ 13. MÄRZ 1977: Der Kölner EC wird erstmals deutscher Eishockey-Meister. +++ 17. MÄRZ 1991: In einem Dopingtest wird bei Diego Maradona der Gebrauch von Kokain festgestellt. +++ 31. MÄRZ 2007: Henry Maske gewinnt nach einer Pause von über zehn Jahren in München seinen Revanche-Boxkampf gegen Virgil Hill nach Punkten. Und tritt zurück. +++

Welche Sportart sollte aus Ihrer Sicht oympisch werden? Auf der Facebook-Präsenz von SPORTSFREUND treffen sich täglich Leser und Autoren, um sich über aktuelle Geschehnisse und kuriose Geschichten aus der Sportwelt auszutauschen. Seien Sie dabei! www.facebook.com/SportsfreundMagazin SPORTSFREUND 003


INHALTSVERZEICHNIS

SPORTSFREUND 03/2013

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Robert Harting Der Sportler des Jahres im großen Interview

Novak Djokovic Vom Träumer zum Volkshelden

Titelthema

Fußball

Diskus-Olympiasieger Robert Harting: „Heute profitiere ich von der ganzen Quälerei“.............................................. 018

Anfield Road in Liverpool: Ein trauriger Abklatsch...................................................................................030 Uli Borowka: „Es kann jedem passieren!“............................................................................036

Mixed Zone Sportliche Bewegungsmelder: Nike+ Fuelband und Fitbit One....................................................................... 012 Pausentee: Unverzichtbares Trivialwissen......................................................................... 014 Sport-News: Heiße Ware für Aktive............................................................... 016 Termine: Sportveranstaltungen auf einen Blick............................................ 017 Ski-Highlights: Neues von der ISPO........................................................................................064

Motorsport Formel-1-Champion Sebastian Vettel: Kleine Klappe, viel dahinter.............................................................................048 Karting: Motorsporttalent Sophia Flörsch.....................................................052

Laufsport Tough Guy 2013: Ein Live-Bericht von Finisher Marcel Martens..................024 Die Hahner-Zwillinge: Marathon-Talent im Doppelpack.....................................................................026

004 SPORTSFREUND


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Tischfußball Unterwegs mit der „Nationalmannschaft“

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Uli Borowka „Es kann jedem passieren!“

090

048

Stefan Glowacz Extremklettern

Sebastian Vettel Kleine Klappe, viel dahinter

Tennis

Outdoor

Novak Djokovic: Vom Träumer zum Volkshelden......................................................................070 Know-how: Die neue (Wunder-)Waffe des Djokers....................................... 074 Rollstuhltennis: Sabine Ellerbrock................................................................ 076

Slacklining mit Lukas Irmler: Im Angesicht des Abgrunds............................................................................084 Zubehör: Ein Band für alle Fälle.....................................................................089 Extremkletterer Stefan Glowacz: Aufwärts in die Herausforderung................................................................... 090

Sportwelten Tischfußball: Schach an der Stange.................................................................................... 040 Sportsponsoring: Continental AG.................................................................056 Freeriding: Filmen mit lebenden Legenden.................................................. 060 Triathlon-Olympiasieger Jan Frodeno: Das beste Büro der Welt..................................................................................066 Paralympics-Schwimmerin Kirsten Bruhn: „Das nervt auf Dauer einfach!“...................................................................... 080 Legendäre Sportstätten: Melbourne Cricket Ground..................................096

Standards Editorial: Im Ernst?........................................................................................003 Augenblicke: Ski, Handball, Segeln.............................................................. 006 Abonnement..................................................................................................046 Impressum.....................................................................................................098 Vorschau........................................................................................................098

SPORTSFREUND 005


MIXED ZONE

SPORTLICHE BEWEGUNGSMELDER Nike+ Fuelband und Fitbit One: technischer Schnickschnack oder sinnvolle Helfer, um im Alltag aktiver zu werden?

K

lar, dass sich Nike Stars wie den Basketballer Kevin Durant vor den Fuelband-PR-Karren spannt. Dabei wäre jeder Otto Normalverbraucher eigentlich das geeignetere Zeugnis als durchtrainierte Cracks, die schon von Berufs wegen nicht zu körperlicher Ertüchtigung motiviert werden müssen. Auch der niedliche Fitbit One hat die gleiche Mission: Bewege dich mehr! Bringen die beiden Gadgets tatsächlich ein Mehr an Bewegung in den Alltag?

Nike+ Fuelband Wie es funktioniert: Ein Beschleunigungssensor erfasst im eleganten Armreif jede Bewegung seines Besitzers – und rechnet etwa Schritte in sogenannte NikeFuel-Punkte um. Per Knopfdruck zeigt das Band aber auch die Anzahl der gelaufenen Schritte, die verbrannten Kalorien oder einfach die Uhrzeit an. Diese Anzeige besteht aus einer schicken LED-Leiste sowie einer farbigen LED-Reihe, die den Benutzer auf dem Laufenden hält, wie nah er am zuvor gesetzten Tagesziel ist. Per Bluetooth kann man das Fuelband mit dem iPhone, iPad oder dem Desktoprechner (per App oder im Netz) höchst einfach synchronisieren und dann die jeweiligen Ergebnisse grafisch nett aufbereitet sehen, sich an möglichen Fortschritten erfreuen und Erfolge natürlich in sozialen Netzen verbreiten. Funktioniert‘s? Absolut. Man muss kein Techno-Nerd sein, um daran Spaß zu haben, denn neben der kindlichen Begeisterung für das tolle LED-Laufband erfüllt das Fuelband den erhofften Zweck: Auf einmal kommt jedem Schritt, jeder Treppe im Alltag eine ganz neue Bedeutung beim Erreichen eines Tagesziels zu. Das mattschwarze Nike+ Fuelband gibt es in mehreren Größen im Online-Store von Nike für – allerdings recht stolze – 139 Euro. www.nike.com/de

Ganz stylisch präsentiert die Nike-Oberfläche dem Benutzer die Leistungsdetails und auch hilfreiche Tagesstatistiken. 012 SPORTSFREUND

Fitbit One Wie es funktioniert: Der Fitbit One ist kleiner als ein USB-Stick und auch für diejenigen geeignet, die ihren Fitnesswillen nicht zur Schau stellen und das Gadget in der Hosentasche verschwinden lassen möchten. Es zeichnet Schritte, die zurückgelegte Strecke, bewältigte Stockwerke und die dabei verbrannten Kalorien auf – und zeigt diese Werte auf seinem Display zusammen mit der Uhrzeit nacheinander an. Nachts misst der Winzling zudem den Schlafzyklus, um zu helfen, den Schlaf zu verbessern, leiser Alarm inklusive. Die Synchronisation erfolgt automatisch sowie ebenfalls sehr einfach und drahtlos per PC oder Mac (per mitgeliefertem USB-Dongle) beziehungsweise iPhone 4S(5), iPad 3 oder Samsung Galaxy S und Note (Bluetooth). Die Statistiken sind übersichtlich und grafisch flott aufbereitet. Funktioniert‘s? Ja. Beim ersten Testlauf auf der Sportmesse ISPO wurde auf einmal jede Rolltreppe gemieden – nur um das empfohlene Tagesziel von 10.000 Schritten zu erreichen. Der Effekt ist daheim der gleiche – erstaunlich, wie viel 10.000 Schritte im Alltag auf einmal sind. Wenn man sein Ziel erreicht, wird per E-Mail ein „Schritte“- oder „Stockwerke“-Abzeichen verliehen. Möchte man nun einen Zahn zulegen, um ein weiteres Abzeichen zu verdienen? Einmal pro Woche gibt es automatisch eine Mail mit einem Fortschrittsbericht, der für Schreibtischtäter durchaus mahnenden Charakter haben kann. Der Fitbit One kostet 99,95 Euro und ist ein Zwerg mit großer Wirkung. www.fitbit.com

Die Fitbit-Oberfläche zeigt die wichtigsten Aktivitäten wie Schritte und verbrannte Kalorien an und setzt sie in Verhältnis zu den eigenen Zielen.


MIXED ZONE

PAUSENTEE Unverzichtbares Trivialwissen, um Halbzeit- oder Werbepausen aufzupeppen.

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Millionen US-Dollar nahm David Beckham im Jahr 2011 ein. Laut Guinnessbuch der Rekorde war der Brite damit der bestverdienende Fußballprofi mit einem „Gesamtwert“ von circa 219 Millionen US-Dollar. Ob das kickende Unterwäschemodell in seinen fünf Monaten bei Paris Saint-Germain seine Verdienstmarke von 2011 knacken wird, ist allerdings nicht bekannt – auf jeden Fall spendet er sein PSG-Gehalt jedoch komplett an Kinderhilfswerke.

2,46 5.745

Kilometer lang radelten die Teilnehmer der Tour de France im Jahr 1926; das entspricht der Strecke von Paris bis Moskau und zurück. Das sind rund 2.500 km mehr als die Tour heute umfasst. 126 Fahrer nah­men damals an der Rundfahrt teil. Dopingtests wurden bei der Tour übrigens erst 1966 eingeführt. 014 SPORTSFREUND

Milliarden US-Dollar. Mit dieser Summe wird der aktuelle Wert des englischen Fußballklubs Manchester United bemessen. Laut „Forbes Magazine“ ist ManU damit der wertvollste Sportverein überhaupt, gefolgt von Real Madrid (1,88 Milliarden US-Dollar) sowie dem Baseballteam New York Yankees und den Footballern der Dallas Cowboys mit je 1,85 Mrd. Dollar.

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Grad Celsius Höchst­tem­ peratur müssen die wagemutigen Teil­nehmer des Badwater Ultra­marathons (www.badwater.com) jedes Jahr ertragen. Die 217 Kilometer lange Strecke verläuft vom Death (!) Valley zum Mount Whitney in Kalifornien. Das Ziel liegt 2.530 Meter über dem Meeresspiegel.

174.000 Zuschauer verfolgten am 16. Juli 1960 im MaracanãStadion von Rio de Janeiro die WM-Partie zwischen Gastgeber Brasilien und Gegner Uruguay – ein bisher unerreichter Rekord bei Welttitelkämpfen.

24 Freiwürfe in Folge versenkte Dirk Nowitzki von den Dallas Mavericks am 17. Mai 2011 gegen die Oklahoma City Thunder. Die Mavs verloren zwar das Spiel, doch Nowitzki hält seither den Rekord mit den meisten Freiwürfen ohne Fehlwurf in einem Play-off-Spiel. Für den Deutschen ver­ mutlich aber eher eine Randnotiz, konnte er doch am Ende der Saison erstmals den Titel in der NBA gewinnen.


TENNIS > NOVAK DJOKOVIC

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NOVAK DJOKOVIC

Vom Träumer zum Volkshelden Er ist ein Typ, der polarisiert. Aber er ist zu Recht die Nr. 1: Novak Djokovic ist der beste Tennisspieler der Welt. Mit knallharten Schlägen und einer sagenhaften körperlichen Fitness hat sich der Serbe zum Volkshelden hochgespielt – und bereits mit sieben Jahren gewusst, dass er es bis ganz oben schaffen würde. Text: Oliver Sander

A

ls Novak Djoković 2011 zum ersten Mal in Wimbledon gewann, zahlte sich sein jahrelanges Training endlich aus – beim Hochhalten des Pokals. Schon als Knirps hatte der Serbe vom Turniersieg an der Londoner Church Road geträumt und mit einer selbstgebastelten Plastiktrophäe gewissenhaft deren Präsentation geübt. Denn so viel stand schon für den siebenjährigen Novak fest: Eines Tages würde er Wimbledon gewinnen – und die Nummer eins in der Tenniswelt sein. „Damals wurde ich meistens ausgelacht, wenn ich das erzählte“, erinnert sich der heute 26-Jährige. Als Djoković 19 Jahre später mit dem Objekt der Begierde in seine Heimat nach Belgrad zurückkehrte, bereiteten ihm mehr als 100.000 Landsleute einen begeisterten Empfang. Aus dem belächelten Träumer war der Volksheld einer Nation geworden, die über Jahre vom Krieg gebeutelt wurde und überdies auf keine Tennistradition verweisen konnte. Zu diesem Zeitpunkt überraschte der Sprung auf die Nummer eins allerdings nur noch die wenigsten. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2011 hatte Novak Djoković eine beeindruckende Serie von 43 Siegen in Folge hingelegt, nur Ivan Lendl (44) und Guillermo Vilas (46) können auf eine längere Siegesserie verweisen. Diese sechs Monate, so sagte der „Djoker“ in einem Fernsehinterview, seien „die besten sechs Monate“ seines Lebens gewesen.

Die sportlichen Wurzeln von Novak Djoković – und damit in gewisser Weise auch die Geburt Serbiens als Punkt auf der Tennisweltkarte – liegen in dem Skiressort Kopaonik, südlich von Djokovićs Geburtsort Belgrad, in Richtung der Grenze zum Kosovo, damals noch in Jugoslawien. Hier, auf einem Tennisplatz direkt gegenüber der Pizzeria seiner Eltern, wurde dem Vierjährigen erstmals ein Schläger in die Hand gedrückt. Es bedurfte nur weniger Schläge, um Trainerin Jelena Genčić klarzumachen, dass hier ein echtes Juwel die Bälle über das Netz spielte. „Ich wusste sofort, dass er einmal die Nummer eins werden würde“, erzählt Genčić, und auch Novak Djoković ist sich sicher, dass das Schicksal seine Hand im Spiel hatte. Tennis löste fortan Skifahren und Fußballspielen in der Gunst des jungen Novak ab, und mit sieben Jahren erneuerte er im nationalen Fernsehen mit ernster Miene sein Ziel, die Nummer eins in der Tenniswelt werden zu wollen. Doch Jelena Genčić brachte ihrem begabten Zögling nicht nur Vor- und Rückhand bei. Sie führte ihm

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TENNIS > NOVAK DJOKOVIC

klassische Musik zu Ohren, las ihm Gedichte von Puschkin vor und sorgte dafür, dass er mindestens zwei Sprachen sprechen konnte. Novak sollte nicht nur ein großer Tennisspieler, sondern auch ein besserer Mensch werden, erklärte sie dem US-Sender CBS später einmal. Der junge Djoković hatte damit aber keine Probleme – im Gegenteil: Die klassische Musik habe ihn immer beruhigt – und tue das auch heute noch. Zu einer Zeit, in der Jugoslawien durch Kriege gebeutelt wurde und auseinanderbrach, wurde der Tennisplatz eine Art Zufluchtsort für Novak Djoković. Sein Heimatland wurde in kleine Teile zersplittert, Serbien für das Blutvergießen verantwortlich gemacht und die Region durch den Kosovokrieg geprägt. Während die NATO 1999 Bomben auch auf Belgrad abwarf, suchten Novak und seine Familie Schutz in einem Keller. Gegenüber CBS berichtet Djoković, dass er trotzdem versuche, diese dunklen Tage in einem positiven Licht in Erinnerung zu halten. Immerhin habe er nicht zur Schule gehen müssen und überdies an den Tagen ohne Angriffe mehr Tennis spielen können. Diese Zeit habe ihn hungriger für den Erfolg gemacht, denn „wir Serben müssen eben noch härter arbeiten, um wahrgenommen zu werden.“ Und wahrgenommen zu werden, fiel Novak Djoković eigentlich nie schwer. Allerdings nicht immer zu seinem Vorteil. Als er beispielsweise 2007 nach seinem Viertelfinalsieg bei den US Open vor 20.000 begeisterten Zuschauern Maria Scharapova parodierte, wurde diese durchaus komische Einlage auch als despektierliches Verhalten gegenüber Kollegen angesehen. Die Russin Scharapova zeigte jedoch genug Selbstironie, um über Djokovićs Ulk lachen zu können – im vergangenen Jahr spannte der gemeinsame Schlägersponsor Head die beiden Topstars pfiffig für eine amüsante Werbekampagne ein. Weniger amüsiert war hingegen sein spanischer Rivale Rafael Nadal, der ebenfalls von Djoković auf die Schippe genommen wurde – zumal der „Djoker“ ausgerechnet die Angewohnheit seines Konkurrenten, sich ständig die Tennisshorts aus der Po-Ritze zu ziehen, durch den Kakao zog. In einem Interview bekannte Djoković 2012, dass er sich diese Parodien zuletzt verkniffen habe, weil er niemandem vor den Kopf stoßen wolle, „und vor allem Nadal nicht zum zweiten Mal“, wie er lachend ergänzte. Man mag zu den Parodien von Novak Djoković stehen, wie man will. Aber nachdem jahrelang der Ära um Spieler wie Jimmy Connors, John McEnroe, Henri Leconte und Boris Becker nachgetrauert sowie das Fehlen „echter Typen“ in der neuen Spielergeneration bemängelt wurde, kam einer wie der Serbe gerade recht – Djoković polarisiert fast so stark wie einst Connors und McEnroe. Wenn seine Entourage auf der Tribüne jeden seiner Punktgewinne frenetisch bejubelt, wenn Djoković sich nach seinem Erfolg bei den Australian Open (über Nadal) wie Diskuswerfer Robert Harting das Hemd zerreißt, oder wenn er vor entscheidenden Punkten den Ball vor dem Aufschlag bis zu zwanzig Mal aufprellt – dann provoziert das zwangsläufig kritische Stimmen. Aber der derzeit weltbeste Tennisspieler ist eben ein Typ. „Er will einfach Spaß im Leben haben. Er will kein Pokerface sein, nicht

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als Mann ohne Gefühle erscheinen. Ich respektiere Federers Ergebnisse, aber wenn einer keine Emotionen herauslässt – was soll das? Das Tennis braucht Leute wie Djoković oder wie früher Becker, Connors oder McEnroe. Sport gehört zum Showbusiness“, unterstrich auch der ehemalige deutsche Davis-Cup-Coach Niki Pilić in einem Interview mit der „F.A.Z.“ – und fügte hinzu: „Er ist ein junger Mann, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht, und er respektiert seine Gegner.“ Pilić muss es wissen. Als Novak Djoković 13 Jahre alt war, befand Jelena Genčić, dass es Zeit für ihn sei, den nächsten Schritt zu machen. Dieser Schritt führte ihn 1999 für vier Jahre in die Tennisakademie von Niki Pilić in München. Der renommierte Coach war vom ersten Tag an fasziniert, wie sehr der junge Mann auf den Tennissport fokussiert gewesen sei. „Ich habe nie vorhersagen wollen, ob jemand es schafft oder nicht“, so Pilić, „aber bei Novak war ich mir sicher, dass er der Beste werden würde.“ Während seiner Zeit an der Akademie erspielte sich Djoković seine ersten großen Erfolge im Juniorenbereich, unter anderem den EM-Titel bei den 16-Jährigen. 2002 stand er unter den besten vierzig Junioren der Welt, 2003 sammelte er seine ersten Punkte auf der ATP-Tour der Erwachsenen. 2004 folgte der erste Einsatz im serbischen Davis-Cup-Team sowie in Budapest der erste Turniersieg auf der ATP-Tour. 2005 tauchte Novak Djoković nach dem Erreichen der jeweils dritten Runde in Wimbledon und bei den US Open erstmals unter den Top 100 der Welt auf. Der weitere Weg nach oben war vorgezeichnet und unaufhaltsam. 2007 markierte seinen endgültigen Durchbruch, als er gleich mehrfach gegen Nadal und Federer gewann und das Jahr durch Turniersiege in Miami, Estoril, Toronto, Wien sowie die Halbfinale in Paris und Wimbledon und seinen ersten Grand-Slam-Turniersieg in New York als Nummer drei in der Welt beendete. Der Wimbledon-„Hausherr“ Roger Federer und der Sandplatz-König Rafael Nadal hatten im Serben nun einen ernsten Wettbewerber im Rennen um den Tennisthron gefunden. Aus dem Zwei- war ein Dreikampf geworden. Bevor Novak Djoković auf diesem Thron Platz nahm, verhalf er 2010 seinem Davis-Cup-Team noch zu einem historischen Erfolg: Gemeinsam mit Viktor Troicki, Janko Tipsarević und Nenad Zimonjić konnte er nach Siegen über die USA, Kroatien, Tschechien und Frankreich erstmals den wichtigsten Wettbewerb für Nationalmannschaften im Herrentennis gewinnen – der bisher größte Erfolg in der Geschichte des serbischen Tennisverbandes. Auch wenn die Herzen der meisten Fans nach wie vor Roger Federer zufliegen, so muss jeder neutrale Zuschauer anerkennen, dass Novak Djoković mittlerweile zu Recht die Weltrangliste anführt, auch aufgrund seiner körperlichen Fitness. Er spielt nicht so elegant und spielerisch leicht wie Federer, aber auch nicht so kräftezehrend wie Nadal, der jüngst seinem Spielstil mit einer langen Verletzungspause Tribut zollen musste. Novak Djoković glänzt mit seiner körperlichen und geistigen Fitness – und einem Tennisstil, den man auch als demoralisierend bezeichnen kann. Der Serbe erläuft Bälle, die keiner mehr für möglich gehalten hätte – ein

Defensivspiel, das den Gegner zermürbt und gleichzeitig zu mehr Risiko zwingt. Auf der offensiven Seite hat Djoković einen knallharten Aufschlag sowie einen Vorhand-Gewinnschlag im Köcher, mit dem er einen ungeheuren Druck ausüben und Attacken seines Gegenüber kontern kann. Djoković ist einer jener modernen Spieler, die selbst Matches von offensiven Ex-Stars wie Stefan Edberg oder Pete Sampras wie Zeitlupe aussehen lassen. Derzeit bahnt sich für die kommenden Jahre ein Zweikampf mit dem Schotten Andy Murray an. Federer dürfte bei aller Popularität seinen Zenit überschritten haben, und es ist fraglich, ob Rafael Nadal nach seiner langen Pause noch einmal ganz vorn angreifen kann. Zuletzt kam es immer wieder zu packenden Duellen zwischen Djoković und Murray, der im September mit den US Open erstmals ein Grand-Slam-Turnier gewinnen konnte – im Finale gegen den Novak Djoković. Beim Saisonfinale 2012, dem Masters in Shanghai, standen sich die beiden erneut gegenüber, diesmal gewann der Serbe in fünf Sätzen und beendete auch das Jahr 2012 als Weltranglistenerster. Beim ersten Grand-Slam-Turnier 2013 in Melbourne behielt Djoković im Finale erneut gegen Murray die Oberhand – und konnte damit die Australian Open zum dritten Mal in Folge gewinnen. Seit zwei Jahren ist der 26-Jährige – mit kurzer Unterbrechung – nun genau dort, wo er sich schon vor 19 Jahren gesehen hatte. Er würde Wimbledon gewinnen und die Nummer eins sein. Kurz bevor Novak Djoković 2011 dann tatsächlich den goldenen Pokal des Wimbledonsiegers in die Höhe stemmen konnte, knabberte er freudentrunken an einem Stück des heiligen Rasens. In diesem Moment, erinnert er sich, sei seine gesamte Kindheit vor seinem inneren Auge abgelaufen – der erste Tennisplatz, auf dem er gespielt habe, die Zeit in dem Schutzkeller in Belgrad … und mit Sicherheit auch die selbstgebastelte Plastiktrophäe. Zur Person Novak Djokovic wurde am 22. Mai 1987 in Belgrad geboren. Er spielt seit seinem vierten Lebensjahr Tennis, ist seit 2003 Profi und konnte in seiner bisherigen Profikarriere 35 Titel im Einzel gewinnen, sechs davon bei Grand-Slam-Turnieren (viermal Melbourne, einmal New York, einmal Wimbledon). Rund 50 Millionen US-Dollar Preisgeld stehen bislang zu Buche. Vom 4. Juli 2011 bis zum 8. Juli 2012 war er die Nummer eins der ATP-Weltrangliste, wurde von Roger Federer für vier Monate abgelöst und steht seit dem 5. November 2012 wieder ganz oben. www.novakdjokovic.com SPORTSFREUND 073


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EXTREMKLETTERER STEFAN GLOWACZ

AUFWÄRTS IN DIE HERAUSFORDERUNG Extremkletterer, Expeditionsbergsteiger, Unternehmer, Redner: Stefan Glowacz vereint viele Talente in sich. Erst machte er Sportklettern zum Breitensport, danach eroberte er mit seinen Fingerspitzen die Welt – stets in der Vertikalen. Das Porträt eines Abenteuers. Text: Nico Barbat | Fotos: Klaus Fengler

1.400 Meter hoch ist die Ostwand des Fitz Roy in Patagonien – Extremkletterer Stefan Glowacz eroberte sie im Dezember 2009. 090 SPORTSFREUND


Zur Person Stefan Glowacz wurde am 22. März 1965 im bayerischen Tittmoning geboren. 1985 wurde er Kletterprofi und zu einem der erfolgreichsten deutschen Wettkampfkletterer. Nach dem Ende seiner Wettkampfkarriere sammelte er Abenteuer in der ganzen Welt, gründete das Unternehmen „Red Chili“ und wurde gefragter Vortragsredner. Glowacz ist in zweiter Ehe verheiratet, hat Drillinge und lebt in Oberbayern. www.glowacz.de

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Ende Februar 2010 unternahm Glowacz mit Kurt Albert und Holger Heuber eine Expedition zum sagenumwobenen Mount Roraima.

„Der Papa klettert den Berg hoch, klettert wieder runter, und dann fährt er nach Hause.“ Kindermund kann so entwaffnend sein. So jedenfalls hätten seine Kinder den Arbeitsalltag ihres Vaters einmal beschrieben, berichtet Stefan Glowacz – seines Zeichen einer der erfolgreichsten Extremkletterer weltweit – jüngst in einem Interview. Natürlich steckt schon mehr dahinter, hinter den Abenteuern, mit denen Glowacz seit mehreren Jahrzehnten die Menschen erstaunt. Grenzerfahrungen suchen, persönliche Horizonte erweitern. Aber im Kern haben seine Kinder recht. Nur dass für ihren Papa über die Jahre neben dem Hochklettern auch das heile Herunterkommen immer wichtiger geworden ist. Ganz am Anfang war nur der Himmel die Grenze, kein Berg konnte zu hoch, kein Überhang zu steil sein. Stefan Glowacz nennt das heute, im weisen Alter von 47 Jahren, immer gern „die Überheblichkeit und Arroganz der Jugend.“ Er habe immer gedacht, im wahrsten Sinne des Wortes alles im Griff zu haben, jeden Fehler korrigieren zu können. Wer braucht da schon ein Seil zur Sicherung? Soloklettern war angesagt. Bis eine schwere Verletzung 1993 zum Wink des Schicksals wurde. Denn einmal hatte der Abenteurer eben nicht alles im Griff, er stürzte, schlug auf und musste eine Verletzungsbilanz ziehen, die er der „Süddeutschen Zeitung“ anvertraute: „Ferse zertrümmert, Knie zerstört, Handgelenk 092 SPORTSFREUND

gebrochen. Wenn man das überlebt und es nicht als Warnung nimmt, ist man vielleicht zu doof für den Sport.“ Stefan Glowacz nahm das Zeichen ernst und sicherte sich in der Wand künftig ab. Wer in Bayern geboren wird und in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen aufwächst, folgt fast zwangsläufig dem Ruf der Berge. Als Skifahrer, Wanderer oder eben Bergsteiger. Seine Eltern nahmen ihn schon als Knirps mit ins Gebirge, kein Felsen war bereits damals vor ihm sicher. Früh entwickelte er, heute selbst Vater von Drillingen, die Instinkte, die ihm helfen, nicht in Gefahrensituationen zu geraten. Denn seiner „jugendlichen Überheblichkeit“ zum Trotz: Glowacz betont oft, immer ein vorsichtiger Mensch gewesen sein zu sein. Die Kunst in seinem Job liegt augenscheinlich eher darin, Fehler schon in der Planung einschätzen zu können. Wird eine Situation zu unkalkulierbar, ist der Punkt zur Rückkehr gekommen. Wobei in seinem Metier auch die beste Planung nicht vor Grenzerfahrungen schützt, dafür sorgen schon die natürlichen Gewalten. Wind und Wetter können zum größten Feind eines jeden Kletterers werden, für Extrembergsteiger wie Stefan Glowacz sowieso. Mit seinem Instinkt und einer über die Jahre gereiften Erfahrung ist der berühmte Alpinist in der Lage, eine brenzlige Situation abschätzen zu können – bevor


Spagat am Berg: Glowacz während der Expedition zum Cerro Murallon (Patagonien/Argentinien) im Jahr 2004.

es zu spät zum Umkehren ist. In einem Interview für den InternetBlog des Handelsunternehmen Sportscheck erklärte er, dass er sich nie zum Spielball der Natur machen lassen würde. Bevor es so weit komme, kehre er lieber um – und er fügte hinzu: „In meiner gesamten über dreißigjährigen Kletterkarriere habe ich immer wieder vor Augen geführt bekommen, dass es nicht wert ist, sein Leben beim Bergsteigen aufs Spiel zu setzen. Das Leben hat auch so viele andere schöne Aspekte, dass es fahrlässig wäre, es wegen eines Berges aufs Spiel zu setzen.“ Wie etwa beim seinem Erstbegehungsversuch am Fitz Roy im Januar 2012. „Alles hatte sich gegen uns verschworen“, sagte der Profikletterer nach seiner Rückkehr aus Patagonien, wo er und sein Team eine Route an einer 1.200 Meter hohen, unbezwungenen Granitwand am Fitz Roy (3.406 Meter) eröffnen wollten. Sie mussten kapitulieren, ohne überhaupt in die Wand eingestiegen zu sein. Vier Wochen lang beherrschten Sturm, Schnee und Kälte den Berg. Glowacz: „Ich war topfit, auf den Punkt genau. Es hätte alles so gut gepasst.“ Bei Sturm kämpfte sich das Team bis an den Wandfuß, wo sie die Ausrüstung für die 30-Seillängen-Tour deponierten: Haken, Klemmkeile und Fixseil, etwa 80 Kilogramm schweres Material, gut verstaut in einem

Sack, fixiert am Felsen. Von allen Seiten prüften die Kletterer die Konstruktion. „Wir waren uns sicher: Der Sack ist so schwer und so gut gesichert, dass ihn der Sturm niemals mitreißt.“ Noch am selben Tag stiegen die fünf wieder ab. „Das Wetter war eine Katastrophe.“ Niederlagen wie diese gehören eben auch „zum Geschäft“. 2011 etwa kam Glowacz mit seinen Begleitern David Göttler und Klaus Fengler aus Nepal zurück, ohne die 1.800 Meter hohe Südwand am Gauri Shankar bestiegen zu haben. Wieder war das Wetter schuld. Große Teile der kompakten Felsmauer lagen unter einer Schneeschicht, der Rest war mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Eisklettern war keine Option, Felsklettern erst recht nicht, auch die Absicherung gestaltete sich schwierig. Die Expedition scheiterte. Dass bei aller Planung und bei allem Instinkt das Risiko beim Extrembergsteigen nie komplett kalkulierbar ist, unterstrich der Tod von Stefan Glowaczs Kletterkollegen Kurt Albert am 26. September 2010. Für Glowacz sei Albert „an der Wand der sicherste Mensch überhaupt“ gewesen, ein großes Vorbild. Doch ein Routinefehler kostete den 56-jährigen Franken, der als Pionier des Freeclimbings galt, am Kletter­steig Höhenglücksteig das Leben. Kurt Albert stürzte 18 Meter in die Tiefe und zog sich tödliche Verletzungen zu. Laut den „Nürnberger SPORTSFREUND 093


BERGSTEIGEN > STEFAN GLOWACZ

Alles, was der Extremkletterer so braucht: Glowacz und ein Kletterkollege sortieren 2009 in Argentinien ihr Klettermaterial.

Nachrichten“ sei der Karabiner am Drahtseil des Klettersteigs ein­ gehängt gewesen, offenbar ein versehentlicher Handhabungsfehler Alberts. Vermutlich habe sich der Karabiner beim Einhängen in das Sicherungsstahlseil unbemerkt aus der von Kurt Albert in den Klettergurt zur Selbstsicherung eingebundenen Bandschlinge ge­ löst. Der tragische Tod seines Freundes war für Stefan Glowacz ein Zeichen, „dass man immer wieder die Checklisten durchgehen muss, wie Piloten“, wie er der „Süddeutschen Zeitung“ erzählte. In sei­ nem neuen Kinofilm „Jäger des Augenblicks – Ein Abenteuer am Mount Roraima” (ab 25. April im Kino) setzt sich Glowacz auch mit dem Verlust des Freundes auseinander. Ende Februar 2010 war Glowacz mit Kurt Albert und Holger Heuber zu einer Expedition zum sagenumwobenen Tafelberg Roraima im Dreiländereck von Brasilien, Venezuela und Guyana aufgebrochen. Im ersten Anlauf musste das Abenteuer wegen des Dauerregens abgebrochen werden – im darauf­ folgenden November kehrten Glowacz und Heuber zurück, um die Route zu vollenden. In ihren Gedanken war Kurt Albert mit dabei. Eine Lebensversicherung gewährt aber eben auch die beste Vor­ bereitung nicht. Ein Restrisiko bleibt immer. Ein ganz wichtiges Warnsignal sei im Übrigen auch die Angst. Was insofern erstaunt, als 094 SPORTSFREUND

dass Angst in vielen anderen (sportlichen) Bereichen zu Unsicherheit und damit Fehlern führen kann. Doch für erfahrene Bergsteiger wie Glowacz – und auch Reinhold Messner – ist die Angst eine Art Gradmesser, ausgelöst durch Situationen, die sie nicht einschätzen können. Ein kluger Bergsteiger gehe dem Grund für die Angst nach und suche sich gegebenenfalls einen anderen Zugangsweg. Die eigene schwere Verletzung im Jahr 1993 führte nicht nur zur Einsicht, dass eine Absicherung an der Wand eine kluge Entscheidung ist, sie markierte auch das Ende der Laufbahn als Wettkampfklet­ terer von Stefan Glowacz. Er war zum Vorreiter der Kletterszene geworden, und seine Popularität hatte Sportklettern zum Breiten­ sport gemacht. Zeit für etwas Neues. Acht Jahre zuvor hatte er überraschend den renommierten internationalen Kletterwettkampf im italienischen Bardonecchia gewonnen und eine Profikarriere eingeschlagen. In den Folgejahren gewann er dreimal (1987, 1988 und 1992) den „Rockmaster“ in Arco, die inoffizielle Weltmeister­ schaft, „das Wimbledon des Wettkampfkletterns“. Nach dem zwei­ ten Platz bei der offiziellen Weltmeisterschaft in Innsbruck hängte Glowacz 1993 seine Wettkampfkarriere an den Nagel, um seine kreative Ader in den Felsen dieser Welt auszuleben. 1994 setzte


Spektakuläres Biwak: Im Juli 2009 übernachtete Stefan Glowacz in einem Portaledge im oberen Wandteil des Pedra Riscada (Brasilien).

er mit der Erstbegehung von „Des Kaisers neue Kleider“ im Wil­ den Kaiser (Tirol), eine der weltweit schwierigsten Alpinkletter­ routen, ein spektakuläres Ausrufezeichen. Danach hat ihn die immer wieder neue Erweiterung seines Horizonts in die Antarktis, nach Kanada, Mexiko, Kenia, Venezuela oder Patagonien geführt. Die Motivation, so sagt er auf seiner Webseite, sei im Grunde immer die gleiche: aufwärts in die Herausforderung, „diese Mischung aus Demut und kindlicher Abenteuerlust.“ Wie immer „by fair means“, also ohne künstliche Hilfsmittel wie Lastenträger, Fixseile oder zu­ sätzlichen künstlichen Sauerstoff. Außerdem kreuzte er mit einer Segelyacht in der Antarktis um Eisberge, durchstieg die 900 Meter hohe Felswand des Renard Towers über eine neue Route im neunten Grad und paddelte mit dem Kajak durch wilde Fjorde in Grönland, „um an gottverlassenen Granitpfeilern die Ideallinie zu suchen“. Längst hat sich das Portfolio von Stefan Glowacz um weitere Facetten erweitert: „Kletterer, Abenteurer, Vortragsredner, Unternehmer“, steht da heute. Seit mehr als zehn Jahren ist er Mitinhaber von „Red Chili“, einer Firma, die sich auf Schuhe für Kletterer spezialisiert hat. Die Idee dazu sei ihm gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Uwe Hofstädter gekommen, als er zusammen mit ihm erschöpft

das Gipfelplateau des El Capitans im Yosemite Valley erreicht und angesichts ihrer qualmenden Füße über den perfekten Kletterschuh sinniert hat. Und weil während der weiteren Ideenspiele in Hofstäd­ ters Dachgeschosswohnung eines Abends die Red Hot Chili Peppers aus den Lautsprechern die Gedanken untermalten, war auch gleich der Name für das Unternehmen geboren. Wenn er nicht als Extremkletterer auf Expeditionen unterwegs ist, als Abenteurer die Welt erkundet oder als Unternehmer tätig ist, teilt Stefan Glowacz seine Abenteuer immer wieder mit seinen Fans und solchen, die es werden wollen. Erst Anfang des Jahres war er wieder mit einer neuen Multivisionsshow quer durch Deutschland unterwegs: „Mit Fingerspitzen die Welt erobern“ war der Titel. 80 Minuten lang entführte er das Publikum nach Patagonien, Brasilien und ins Klettermekka der Achtzigerjahre Verdon. Es ist unwahrscheinlich, dass einem Abenteuer wie Ste­ fan Glowacz jemals die Ziele ausgehen werden. Die Wände mögen flacher geworden sein, die Überhänge weniger spektakulär. Aber Expeditionen, so Glowacz jüngst in einem Interview, seien seine große Leidenschaft – und mittlerweile habe er auch Spaß daran, Gebiete einfach nur zu durchqueren. SPORTSFREUND 095


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SPEZIAL: E-BIKES

Herausgeber: Nico Barbat

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Chefredakteur: Christian Bärmann (V.i.S.d.P.) Redaktionelle Mitarbeiter: Thomas Kosinski, Gunnar Leue, Tibor Meingast, Felix Meininghaus, Christian Otto, Thomas Raukamp, Oliver Sander, Martin M. Schwarz, Klaus Vick Schlussredaktion: Thomas Raukamp Art Direction: Gockel Design, Wuppertal Gestaltung: Ralf Gockel, Nico Barbat Leserservice: Abonnement, Einzel- und Nachbestellungen: Tel. 0221 / 43082-934 abo@sportsfreund-magazin.de www.sportsfreund-magazin.de/abo Bezugskonditionen: Zeitschriftenhandel, Abonnement, AppStore. Heftpreise: Einzelpreis 4,50 €, Abonnement (12 Ausgaben inkl. Versand) 49,– € (EU-Ausland: 59,– €, sonstiges Ausland: 79,– €) Anzeigen: Achim Kempinski, Tel. 07635 / 826 80 78, ak@sportsfreund-magazin.de Nico Barbat, Tel. 0221 / 43082-933, nb@sportsfreund-magazin.de Anzeigenpreise nach Mediadaten Nr. 7 vom 9.10.2012 Vertrieb: DPV Network GmbH, www.dpv-network.de Druck: Möller Druck und Verlag GmbH, Zeppelinstr. 6, 16356 Ahrensfelde OT Blumberg

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