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Dezember 2012  Deutschland EUR 4,50 / Österreich EUR 5,00 / Luxemburg EUR 5,20 / Schweiz sfr 7,90

Das war 2012 Ein schräger Rückblick Von Lance bis Loddar: Die seltsamsten Meldungen eines aufregenden Sportjahres!

Fußball-Bundesliga Niedersachsen-Derby

Eintracht Braunschweig: Skandalnudel wird solide • Hannover 96: Interview mit Jörg Schmadtke

MAGDALENA NEUNER

LUST AUF NEUES Von Wehmut keine Spur: Ein Jahr nach ihrem Rücktritt spricht die Ex-Biathletin über ihr neues Leben

EXTREM SPORTLER

Wie Gerlinde Kaltenbrunner alle 14 Achttausender besiegt und Sebastian Kienle den Ironman auf Hawaii erlebt hat

Vierschanzentournee Die Überflieger

Die Helden von damals und heute im Interview: Jens Weißflog und Gregor Schlierenzauer

LIES DEN SPORT! 12/2012

Schwul im Sport Das Schweigen der Männer Fußballfans gegen Homophobie • NBA-Star John Amaechi über seinen langen Weg zum Coming-out


INHALTSVERZEICHNIS

SPORTSFREUND 12/2012

BIATHLON 036

016

Gierig auf Neues Biathlon-Star Magdalena Neuner schaut nach vorne

Das Sport-Jahr 2012 Ein etwas anderer Rückblick

Titelthema

Wintersport

Der etwas andere Sport-Jahresrückblick:: Alles klar mit deutschland Go Germany......................................................... 016

Biathlon-Star Magdalena Neuner: Gierig auf Neues!............................................................................................036 Stubaital: Eintauchen in die Schneewolke....................................................034 SPORTSFREUND-Gewinnspiel: Traumreise ins Stubaital...........................035 Abseits der Spur: Nordic Offtrack Cruising..................................................042 Snowboard-Olympiasieger Seth Wescott: Die Kraft der Stille...........................................................................................050

Mixed Zone NFL 2012: Dicke Hose für harte Jungs.............................................................................010 Pausentee: Unverzichtbares Trivialwissen......................................................................... 012 Termine: Sportveranstaltungen auf einen Blick............................................ 014 860 NYC: Der New-York-Schuh...................................................................... 014 SPORTSFREUND-Gewinnspiel: X-Socks Ski Adrenaline.............................. 014

004 SPORTSFREUND

Skispringen Der Mythlos lebt: 61. Vierschanzentournee.................................................022 Der Vielflieger: Jens Weißflog über die Faszination Skispringen..................026 Skisprung-Ass Gregor Schlierenzauer: „Die Welt dreht sich weiter!“...........................................................................030 Legendäre Sportstätten: Holmenkollen Skisprungarena............................096


056

Eintracht Braunschweig 50 Jahre Bundesliga: Der Trikotsponsor-Pionier

022

61. Vierschanzentournee Der Favorit: Gregor Schlierenzauer

050

Snowboarding Olympiasieger Seth Wescott

062

Jörg Schmadtke Der Erfolgs-Baumeister von Hannover 96

084

Andersherum?! Fußballfans gegen Homophobie

Fußball

Sportwelten

Eintracht Braunschweig: Eine Skandalnudel wird erwachsen................................................................056 Hannovers Sportdirektor Jörg Schmadtke: „Für das Diplomatische Corps nicht geeignet“..............................................062

Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner: „Ich will den Berg spüren!“.............................................................................044 Triathlet Sebastian Kienle: Plattfuß auf Hawaii..........................................................................................068 Olympische Spiele: Vermarktung im olympischen Umfeld......................... 072 Phelbs-Manager Peter Carlisle: So macht man einen Weltstar.................. 074 Extremhindernisläufer Knut Höhler: Der Mittelwahnsinnige..................... 078

SPEZIAL: Homosexualität im Sport Andersrum?! Fußballfans gegen Homophobie.....................................................................084 Ex-Basketballprofi John Amaechi: „Vertrauen ist keine Einbahnstraße“.............................................................. 090 Buchautor Dirk Leibfried: „Jogi Löw hat unsere Anfragen abgeblockt!“.................................................092

Standards Editorial: Entscheidungskrise........................................................................003 Augenblicke.................................................................................................. 006 Abonnement..................................................................................................082 Impressum.....................................................................................................098 Vorschau........................................................................................................098

SPORTSFREUND 005


TITELSTORY > DAS SPORT-JAHR 2012

Der etwas andere Sport-Jahresrückblick

ALLES KLAR MIT DEUTSCHLAND

GO GERMANY 016 SPORTSFREUND

Das Sportjahr 2012 steckte voller Überraschungen. Allzu oft hatte das jedoch nichts mit den Wettkämpfen zu tun. Unser Autor Gunnar Leue hat in den seltsamsten Meldungen des vergangenen Jahres gestöbert. Denn der SPORTSFREUND will schließlich mehr bieten als Erinnerungs­ stützen für gedächtnisschwache Sport-TV-Konsumenten.


Nicht in unserem Rückblick, aber für uns das Sportfoto des Jahres: Englands Premier David Cameron jubelt in einer FußballPause des G8-Gipfels in Camp David, als Bayerns Bastian Schweinsteiger den entscheidenden ElfmeterBilduntertitel im Champions League Bilduntertitel Bilduntertitel Finale am 19. Mai gegen Chelsea verschießt. Gastgeber Barack Obama blickt fasziniert, Angela Merkel eher versteinert. Bilduntertitel Bilduntertitel Bilduntertitel

Foto: Stephen Dunn / Allsport / Getty Images

Bilduntertitel Bilduntertitel Bilduntertitel

SPORTSFREUND 017


SNOWBOARDING > SETH WESCOTT

Als Snowboardcross 2006 erstmals olympisch wurde, holte sich Seth Wescott die Goldmedaille. Vier Jahre später verteidigte er in Vancouver seinen Titel – unter ganz besonderen Umständen. Beim SPORTSFREUND-Hausbesuch in Maine lüftet der Amerikaner das Geheimnis seines Erfolgs. Text: Christian Bärmann | Fotos: Peter Lühr

SNOWBOARD-OLYMPIASIEGER SETH WESCOTT

DIE KRAFT DER

STILLE

050 SPORTSFREUND


Entspannter Goldjunge: Vor seinem Haus in Maine posiert US-Snowboarder mit seinen beiden Goldmedaillen aus Turin 2006 und Vancouver 2010.

SPORTSFREUND 051


NEUSTART SNOWBOARDING > ANTJE>BUSCHSCHULTE SETH WESCOTT

Kampf um Gold: Im olympischen SnowboardcrossFinale in Vancouver 2010 setzte sich Seth Wescott (r.) knapp vor dem Kanadier Mike Robertson durch.

A

uf einmal herrschte Stille. Seth Wescott hatte sich im olympischen Snowboardcross-Finale 2010 in Vancouver gerade vom vierten auf den zweiten Platz vorgearbeitet, der Kanadier Mike Robertson spürte den Titelverteidiger schon im Nacken. „Als ich die letzte Chance zum Überholen wahrnehmen wollte, verstummten alle Geräusche um mich herum“, erinnert sich der US-Amerikaner an die entscheidenden zehn Sekunden des Rennens. In diesem Moment habe er sich eins mit der Natur gefühlt – so, als habe er sich soeben seines Boards und seiner Schuhe entledigt. „Ich konnte den Schnee unter meinen Füßen regelrecht spüren“, berichtet Wescott, der sich beim folgenden Sprung in der Luft mit scheinbarer Leichtigkeit den entscheidenden Vorsprung verschaffte und anschließend zu seinem zweiten Olympia-Gold nach Turin 2006 fuhr. Kaum war er an Robertson vorbeigezogen, sei auch die Geräuschkulisse zurückgekehrt. Ein unglaubliches, kraftvolles Gefühl, wie Seth Wescott heute sagt. Am Morgen habe er das Qualifikationsrennen noch ziemlich in den Schnee gesetzt und dann den Start beim Finale verschlafen. Doch da er diese Stille im Jahr zuvor schon einmal erlebt habe, sei er mit großer Zuversicht ins Finale gezogen. Auch im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2005 im kanadischen Whistler-Blackcomb sei nicht alles nach Plan verlaufen – doch Wescott holte den Titel. „Beim Finalrennen habe ich erst hinter der Ziellinie realisiert, dass alles um mich herum still war. Als ich meine Faust in den Himmel streckte, konnte ich die jubelnde

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Zuschauermenge sehen, aber nicht hören. Erst ganz langsam erschien es mir, als würde der Lautstärkeregler wieder hochgefahren“, erzählt der 36-Jährige, der sich dieses Phänomen nicht erklären kann. „Ich weiß nicht, ob es ein Geschenk oder eine Fähigkeit ist; aber wenn ich auf meine bisherige Karriere zurückblicke, habe ich immer auf den größten sportlichen Bühnen meine beste Leistung abgerufen. Unter Druck funktioniere ich am besten, und vielleicht liegt es auch an der Fähigkeit, diesen Druck in etwas Positives umzuwandeln“, versucht sich Wescott dennoch an einer Erklärung. Wir treffen den zweifachen Olympiasieger Ende Oktober in seinem Haus am Fuße des größten Skigebiets östlich der Rocky Mountains, in Sugarloaf im US-Bundesstaat Maine. Der Indian Summer zeigt sich von seiner schönsten Seite, das helle Holz des von Wescott selbst entworfenen Domizils reflektiert die intensive Sonne. Es ist herrlich warm, auf der Veranda liegen mehrere Surfbretter, unser Gastgeber läuft barfuß. Stille auch um das Haus herum. Passt also. Seth Wescott ist entspannt und vermittelt dabei das Bild eines rundum glücklichen Menschen. Einer, der mit dem Naturstaat im Nordosten der USA seinen Heimat-Anker und einen weiteren Energiequell hat. Er ist der festen Überzeugung, einen Weg gefunden zu haben, um die positive Energie umzuwandeln, die ihm die Menschen „hier oben“ zuteil werden lassen, sagt er. Gerade im Vorfeld der Olympischen Spiele – und besonders, wenn man aus einem so kleinen Staat wie Maine mit nur 1,3 Millionen Einwohnern komme. „Wo immer


„EINE DRITTE GOLDMEDAILLE KÖNNTE MEIN SPORTLICHES VERMÄCHTNIS WERDEN.“

ich in der Zeit vor den Spielen hinkomme, spüre ich, wie mir die Mainer ihre Hoffnungen und Träume übertragen, da ich der einzige Teilnehmer aus ihrem Staat bin. Das ist ein sagenhaftes Gefühl, und ich glaube, diese Energie in die richtigen Kanäle fließen lassen zu können.“ Bevor Seth Wescott überhaupt das erste Mal auf Skiern stand, hatte er bereits seine Liebe fürs Skateboarden entdeckt – ungewöhnlich für einen Jungen, der in der Nähe von gleich mehreren Skigebieten aufgewachsen ist. Zwar machte auch er seine ersten Wintersporterfahrungen auf zwei Brettern, doch durch die Verwandtschaft zum Skateboard erschien ihm das Snowboard deutlich verlockender als die Alpinski. „Im Alter von zehn Jahren war es mir überdies ziemlich unwichtig, andere Kids bei Skirennen zu besiegen“, bekennt Wescott, „Snowboarden hingegen hatte zu dem Zeitpunkt noch dieses Spielerische, dieses Gefühl von Freiheit.“ Und ein großes Akzeptanzproblem: Vor etwa 25 Jahren waren Snowboards noch von vielen Pisten und Ski-Ressorts verbannt sowie besonders in den Augen von Erwachsenen mit großen Vorurteilen behaftet. Das Snowboard habe daher eine ähnliche Entwicklung wie vorher das Skateboard durchgemacht, weiß Wescott zu berichten: „Auch beim Skateboarden haben die meisten Leute zunächst nicht begriffen, wieviel Kreativität darin für uns Kinder steckte. Für mich war das ein wichtiger Schritt in meiner Entwicklung, wenn ich jeden Tag stundenlang an meinen Fähigkeiten auf dem Board feilen konnte“, sagt er. „Tony Hawks war zu diesem Zeitpunkt noch kein Star in der

Öffentlichkeit, schon gar nicht bei unseren Eltern. Wir kannten ihn natürlich alle.“ Auch das Snowboard habe seine Zeit zum Reifen im Bewusstsein vieler Menschen gebraucht. Nicht bei ihm, klar. Denn er habe gleich diese Verbindung gespürt, diese Faszination mit nur einem „Werkzeug“ verbunden zu sein, das vom Körper gesteuert auf einer Kante in die Tiefe rauscht. „Das schien mir von Anfang an natürlicher und reduzierter als auf zwei Skiern zu stehen“, betont er. Bereits mit 14 Jahren hatte Seth Wescott mit dem Board-Hersteller Burton seinen ersten Sponsor, weitere sollten bald folgen. Aus der Passion war längst eine klare Berufsvorstellung geworden. Nach dem Highschool-Abschluss verließ Wescott zunächst seinen Heimatstaat, um an einem College in Colorado zu studieren. „Offiziell zumindest“, bekennt er lachend, „denn im Grunde habe ich das vor allem als Chance gesehen, in den Rockies boarden zu können.“ Zwischen Seminaren und Vorlesungen nahm sich Wescott immer wieder Auszeiten, um seinen Sponsoren für Fotoshootings zu Verfügung zu stehen und auf diese Weise seinen Lebensunterhalt durch den Sport zu finanzieren. Eine Vorstellung, mit der seine Eltern so ihre Probleme hatten – zumindest, bis Snowboarden 1998 in Nagano olympisch wurde. Vor diesem Ritterschlag sei es aber generell vielen Menschen schwer gefallen, Snowboarden als professionellen Sport ernstzunehmen, sagt Wescott rückblickend. Auch habe es nicht gerade geholfen, dass dem damaligen kanadischen Olympiasieger Ross Rebagliati bei den Spielen in Nagano wegen

SPORTSFREUND 053


NEUSTART SNOWBOARDING > ANTJE>BUSCHSCHULTE SETH WESCOTT

Zur Person

Snowboardcross

Seth Wescott wurde am 28. Juni 1976 in Durham, North Carolina,

Beim Snowboardcross (SBX) treten

geboren, wuchs aber in Farmington, Maine, auf. Nachdem er zunächst

vier Snowboarder gleichzeitig gegen-

das Skifahren erlernt hatte, begann er im Alter von zehn Jahren mit

einander an. Die beiden Ersten eines

dem Snowboarden und konzentrierte sich ab 1989 auf diese Sportart,

Laufes steigen in die nächste Runde

zunächst in der Halfpipe, dann in den Snowboardcross-Wettbewerben.

auf. Die enge – bei den Olympischen

Wescott ist zweifacher Snowboardcross-Olympiasieger (2006 in Turin

Spielen in Vancouver knapp einen

und 2010 in Vancouver), wurde 2005 Weltmeister und holte mehrfach

Kilometer lange – Strecke beim SBX

Silber bei den X-Games, einer angesehenen Extremsportveranstaltung

ist mit diversen Herausforderungen

des US-amerikanischen Sportsenders ESPN. Wescott lebt am Fuße

(Schanzen, Steilkurven usw.) gespickt,

des Sugarloaf Mountains im Carrabassett Valley, Maine.

Kollisionen zwischen Fahrern sind nicht

www.sethwescott.com

ungewöhnlich.

Marihuana-Spuren in seiner Dopingprobe die Goldmedaille wieder aberkannt und der Halfpipe-Wettbewerb dadurch unter einen dunklen Schatten gestellt wurde, erzählt er. Der Imagewandel, vor allem in den USA, fand erst 2002 in Salt Lake City statt, als die amerikanischen Snowboarder alle Medaillen abräumten, Kelly Clark bei den Frauen gewann – und so ausgerechnet die Snowboarder das ansonsten maue Abschneiden des US-Skiteams kaschierten. „Auf einmal wurde Snowboarden ernst genommen und auch im Fernsehen wie eine ,echte‘ olympische Sportart präsentiert“, freut sich Wescott, der vier Jahre später selbst diese Bühne betreten sollte. Nach drei Semestern in Colorado kehrte Seth Wescott mit einigen seiner Freunde nach Maine an die Carabasset Valley Academy (CVA) zurück, an der er bereits – im selben Jahrgang übrigens wie der spätere Skistar Bode Miller – seinen Schulabschluss gemacht hatte. Die CVA war nicht nur die erste Highschool mit einem Snowboarding-Programm in den USA, sie dient auch als Sprungbrett für eine professionelle Karriere. „Meine Freunde und ich trainierten an der CVA und gingen gemeinsam auf die Pro-Tour – eine hochmotivierte Truppe junger Leute, die mir geholfen hat, meine beruflichen Pläne weiter zu zementieren“, berichtet Wescott. Über die Halfpipe kam Seth Wescott ins US-Nationalteam. Allerdings habe es ihm nicht immer Spaß gemacht, in einem Wettbewerb anzutreten, der von der Willkür der Wertungsrichter abhängig sei. „Es gab Tage, an denen ich super gefahren bin, doch dafür von der Jury

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nicht belohnt wurde. Und an anderen Tagen, an denen ich nicht meine beste Performance abgeliefert hatte, landete ich auf dem Podium.“ Das sei mit der Zeit frustrierend gewesen. Außerdem entwickelte sich die Disziplin physisch in eine andere Richtung: Halfpipe-Stars wie Shaun White ähnelten körperlich immer mehr Turnern. „Als ich Profi wurde, gab es noch einige weitere ,Big Guys‘ wie mich, aber als die Tricks immer spektakulärer wurden, war ich aufgrund meiner Statur und meines um 15 Zentimeter längeren Boards nicht mehr in der Lage, die nötigen Rotationen durchzuführen“, erklärt Wescott. Zum endgültigen Umdenken kam es schließlich bei den Snowboard-Weltmeisterschaften 2003 im österreichischen Kreischberg: Seth Wescott wurde in der Halfpipe nur Neunter, konnte aber tags darauf auf den zweiten Platz im Snowboardcross-Finale fahren. Und als das IOC am gleichen Tag bekanntgab, dass Snowboardcross ab 2006 olympisch sein würde, war für den Amerikaner der neue Kurs klar und die Paradedisziplin gefunden. Eine richtige Entscheidung. Nicht nur, dass Wescott in Turin der erste Snowboardcross-Olympiasieger aller Zeiten wurde. Er kann mit seiner Titelverteidigung in Vancouver auch für sich in Anspruch nehmen, nach wie vor der einzige Goldmedaillen-Gewinner in dieser Disziplin zu sein. Nebenbei ist Seth Wescott noch Mitinhaber einer populären Ski-Bar nahe seines Hauses am Sugarloaf Mountain, er sammelt Geld für Kinder, deren Eltern sich den teuren Wintersport nicht leisten können, und er engagiert sich mit einer von Schwimmer Michael Phelps ins Leben gerufenen Stiftung für begabte


„SNOWBOARDEN SCHIEN MIR VON ANFANG AN NATÜRLICHER UND REDUZIERTER ALS AUF ZWEI SKIERN ZU STEHEN.“

Nachwuchsathleten, denen der mögliche Sprung ins Nationalteam ohne finanzielle Hilfe nicht möglich wäre. Auch die warme Jahreszeit in Maine genießt er mittlerweile. Früher sei er im Sommer immer dem Schnee hinterhergereist. Heute streut er höchstens ein paar Trainingswochen in Neuseeland oder am Mount Hood in Oregon ein. „Ich glaube, dass ich mich ab und zu vom Snowboarden trennen muss, um auf den kommenden Winter wieder richtig heiß zu sein. Auf diese Weise halte ich mir auch jedes Jahr vor Augen, wieviel Glück ich habe, professionell Snowboarden zu dürfen.“ Deswegen zieht sich Wescott auch am Ende einer jeden Saison in die Wildnis von Alaska zurück, um den Alltagstrott des World Cups abzuschütteln, sich im Pulverschnee mental und physisch herauszufordern und „so die Liebe zu meinem Sport aufs Neue zu entfachen.“ So spricht keiner, der über sein baldiges Karriereende nachdenkt. „Warum auch?”, fragt Seth Wescott und lässt sich in die Hängematte auf seiner Veranda fallen, „solange ich jedes Jahr besser werde, glaube ich, dass ich noch zu viel mehr fähig bin.” Sogar die Olympischen Spiele 2018 im südkoreanischen Pyeongchang scheinen da nicht ausgeschlossen. Dann mit 41 Jahren. Zunächst aber möchte er auf jeden Fall bei den Winterspielen in Sotschi 2014 zum dritten Mal hintereinander Gold holen, denn „das ist die einmalige Gelegenheit etwas zu erreichen, was vielleicht keinem anderen in meiner Sportart mehr gelingen wird. Das könnte mein sportliches Vermächtnis werden.” Möge die kraftvolle Stille dann wieder mit ihm sein.

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SPORTSFREUND 12/2012 Leseprobe  

Leseprobe der Ausgabe 12/2012 des SPORTSFREUND Magazins. Themen dieser Ausgabe: Wintersport, Magdalena Neuner, Vierschanzentournee, Jörg Sch...

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