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Anträge BUNDESFRAUENKONFERENZ 2010 10. Juni Eventhotel Pyramide Vösendorf



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Inhaltsverzeichnis Antrag 1. GLEICHER LOHN FÜR GLEICHE UND GLEICHWERTIGE ARBEIT | Leitantrag 1. | Thema [A] .......................................4 Antrag 2. QUOTENREGELUNG | Leitantrag 2. | Thema [C] ................................................................................................................10 Thema [A]: Einkommen.............................................................................................................................................................12 Antrag 3. Einkommensgerechtigkeit jetzt! ............................................................................................................................................12 Antrag 4. Zeitpolitik: Gerechte Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit .................................................................................13 Thema [B]: Arbeit .........................................................................................................................................................................15 Antrag 5. Beschäftigung .......................................................................................................................................................................15 Antrag 6. Frauenförderung ...................................................................................................................................................................16 Antrag 7. Budget- und Steuerpolitik......................................................................................................................................................19 Thema [C]: Quoten ......................................................................................................................................................................20 Antrag 8. Für ein europaweites Volksbegehren zur Verankerung von Frauenquoten im Wahlrecht ....................................................20 Thema [D]: Gesundheit .............................................................................................................................................................21 Antrag 9. Gesundheit............................................................................................................................................................................21 Antrag 10. Aidsprävention ....................................................................................................................................................................23 Antrag 11. Geschlechtersensible Medizin ............................................................................................................................................25 Antrag 12. Pflege und Pflegefinanzierung ............................................................................................................................................26 Antrag 13: Frauen und Pflegepolitik .....................................................................................................................................................27 Antrag 14. Frauen mit speziellen Bedürfnissen ....................................................................................................................................29 Thema [E]: Globale Verantwortung......................................................................................................................................33 Antrag 15. Außenpolitik | Internationales Antrag | Resolution Internationales ......................................................................................33 Antrag 16. Entwicklungspolitik ..............................................................................................................................................................34 Antrag 17. Umwelt und Klimaschutz.....................................................................................................................................................36 Thema [F]: Bildung und Kultur ..............................................................................................................................................41 Antrag 18. Bildung und ländlicher Raum ..............................................................................................................................................41 Antrag 19. Antrag zu Schule/Bildung ....................................................................................................................................................42 Antrag 20. Gleichstellung durch (Aus-)Bildung.....................................................................................................................................45 Antrag 21. Kunst und Kultur .................................................................................................................................................................47 Thema [G]: Familie und Vereinbarkeit ................................................................................................................................49 Antrag 22. Familienrecht ......................................................................................................................................................................49 Antrag 23. Rechtliche Gleichstellung von LebenspartnerInnenschaften ..............................................................................................52 Antrag 24. Karenz/Väterbeteiligung/Vereinbarkeit................................................................................................................................52 Antrag 25. Kinderbetreuung .................................................................................................................................................................53 Antrag 26. Das „Recht auf eine Kinderbetreuung“ ab 0 Jahren ...........................................................................................................55 Thema [H]: Lebensqualität und Selbstbestimmung .....................................................................................................56 Antrag 27. Sexualität - Ficken? - Endlich Klartext reden! .....................................................................................................................56 Antrag 28. Gegen Gewalt an Frauen!...................................................................................................................................................57 Antrag 29. Wohnen...............................................................................................................................................................................68 Antrag 30. Hände weg vom „Freien Sonntag“ – Sonntagsarbeit nicht noch ausdehnen......................................................................70 Thema [I]: Integration – Frauen gegen Rechts ...............................................................................................................71 Antrag 31. Integration ...........................................................................................................................................................................71 Antrag 32. Keine Frau ist illegal!...........................................................................................................................................................74 Antrag 33. Antrag Arbeitsgruppe "Frauen gegen Rechts" ....................................................................................................................76 Antrag 34. Resolution zur Kopftuchfrage..............................................................................................................................................78


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Antrag 1. GLEICHER LOHN FÜR GLEICHE UND GLEICHWERTIGE ARBEIT Thema [A] Leitantrag zur Bundesfrauenkonferenz 2010 „Eine Frau muss ein Mann sein um Karriere zu machen“ diese These des Wirtschaftswissenschafters Guido Strunk trifft die Situation, die Frauen in ihrem Berufsleben vorfinden, auf den Punkt. Die Gleichstellung von Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt ist neben der Frage der Gerechtigkeit auch eine Wachstumschance für die Wirtschaft. Nach einer von der schwedischen EU-Ratspräsidentschaft in Auftrag gegebenen Studie würde die völlige Gleichstellung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt die Wirtschaftsleistung der EU-Mitgliedsländer zwischen 15 Prozent und 45 Prozent erhöhen. In Österreich wären es immerhin 32 Prozent. Gleichstellung kann das Wirtschaftswachstum beflügeln: Durch die höhere Beschäftigungsrate wird das Bruttoinlandsprodukt gesteigert. Außerdem bedeutet eine größere ökonomische Unabhängigkeit von Frauen auch, dass diese mehr konsumieren. Der ehemalige EU-Kommissar Viktor Spidla betonte daher bei der Präsentation der Studie: „Jene Länder mit der höchsten Frauenbeschäftigungsrate und mehr Frauen in Toppositionen sind oft wirtschaftlich am stärksten.“ Bis zur Gleichstellung ist es in Österreich aber noch ein weiter Weg. Die Zahlen des Rechnungshofberichts zur Einkommenssituation, die den Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern dokumentieren, sprechen Bände: 

Frauen verdienen im Schnitt 40,7 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Die Benachteiligung der Frauen zieht sich durch alle Bereiche. In der Privatwirtschaft kommen weibliche Angestellte auf 49 % und Arbeiterinnen gar nur auf 44 Prozent des mittleren Männereinkommens, Beamtinnen verdienen 91 Prozent ihrer männlichen Kollegen und Vertragsbedienstete 78 Prozent.

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Ein Teil dieser Differenz lässt sich zwar auf Teilzeitarbeit zurückführen. Aber auch wenn man nur ganzjährig Vollzeitbeschäftigte vergleicht, beträgt das mittlere Fraueneinkommen nur 78 Prozent von jenem der Männer, das heißt Frauen verdienen 22% weniger als ihre Kollegen.



Ein großer Teil der Einkommensunterschiede erklärt sich einfach nur aufgrund des Geschlechts. Rechnet man nachvollziehbare Faktoren wie Arbeitszeit, Ausbildung, Branchen mit unterschiedlicher Bezahlung weg, bleiben immer noch 15 Prozent Gehaltsunterschied ohne Erklärung.

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Obwohl Frauen gut ausgebildet sind, schützt sie das nicht vor ungleicher Bezahlung. Die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen wird bei steigender Bildung sogar noch größer.

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Europaweit hat Österreich den zweitgrößten Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern. Nur Estland liegt im europaweiten Vergleich hinter uns.

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GleichbehandlungsanwältInnen berichten immer wieder von haarsträubenden Erfahrungen, die Frauen machen. So bekommen sie bei ihren Gehaltsforderungen zu hören, dass der oder die

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ArbeitgeberIn so eine Summe nur einem Mann zahlen würde. PersonalchefInnen werden eigens angewiesen, bei männlichen Bewerbern ein höheres Gehalt in Aussicht zu stellen. Derartige geschlechtsbedingte Diskriminierungen erstrecken sich über alle Branchen und Bereiche. 

Im Gleichbehandlungsbericht 2006 für die Privatwirtschaft findet sich z.B.: das konkrete Beispiel einer Architektin, die als Projektleiterin in einem großen Unternehmen angestellt wird. Bereits beim Bewerbungsgespräch erkundigt sie sich nach Aufstiegsmöglichkeiten, wird aber auf die flachen Hierarchien und die dadurch begrenzten Möglichkeiten verwiesen. Zeitgleich mit ihr beginnt auch ein jüngerer Kollege mit sehr viel weniger Berufserfahrung. Dieser erzählt der Frau, dass er bereits im Bewerbungsgespräche gefragt worden sei, ob er Interesse daran habe, als zukünftige Führungskraft aufgebaut zu werden.

Ursachen Teilzeit dominiert bei Frauen Teilzeitbeschäftigung, insbesondere jene der Frauen, steigt laufend und ist zu einem wesentlichen Strukturmerkmal des österreichischen Arbeitsmarktes geworden. Zwar stehen mit 68,6 Prozent vergleichsweise viele Frauen im Beruf, allerdings können 41,1 Prozent nur Teilzeit arbeiten. Das bedeutet, dass Teilzeitbeschäftigung in Österreich weiblich ist. Von den rund 700.000 Frauen, die Teilzeit arbeiten, entscheidet sich fast die Hälfte bewusst dafür, meist aufgrund von Betreuungspflichten. Im Gegensatz dazu nutzen Männer Teilzeitbeschäftigung in erster Linie für Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, nur drei Prozent nutzen sie für Kinderbetreuung. Viele Frauen wünschen sich ihre Stunden aufzustocken. Mehr als die Hälfte der Frauen arbeitet derzeit weniger als 24 Wochenstunden. Jede vierte teilzeitbeschäftigte Frau würde gerne ihre Arbeitszeit erhöhen. Diesem Wunsch wird seitens der ArbeitgeberInnen jedoch nicht entsprochen. Drastisch sind die Lohnunterschiede zwischen Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung: Bei einem Vergleich der Bruttostundenlöhne stellt sich heraus, dass Teilzeitkräfte bis zu 30 Prozent weniger verdienen als Vollzeitangestellte. Berufsunterbrechung durch fehlende Kinderbetreuungs- und Kinderbildungsplätze Um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu garantieren ist ein flächendeckender Ausbau der Kinderbetreuungsplätze notwendig und daher weiter zu forcieren. Speziell bei den Unter-Dreijährigen fehlen aber immer noch sehr viele Betreuungsplätze. Die BarcelonaZiele der EU sehen bei den Unter-Dreijährigen eine Betreuungsquote von 33 Prozent vor. Diese Quote hätte bis 2010 erreicht werden sollen. Derzeit besuchen in Österreich aber nur 14 Prozent der unter Dreijährigen Kinderkrippen. Seit 2008 gibt es vom Bund eine Förderung für den Ausbau der Kinderbetreuung von jährlich 15 Millionen Euro. Für einen neuen Platz werden bis zu 4.000 Euro zur Verfügung gestellt, wenn das Bundesland mitfinanziert. So wurden 2008 mit dem Geld rund 9.000 neue Betreuungsplätze (4.777 für Unter-Dreijährige und 4.398 für Drei- bis Sechsjährige) geschaffen. Für den weiteren notwendigen Ausbau müssen daher sowohl der Bund, als auch die Länder weitere Mittel zur Verfügung stellen. Jede fünfte Frau findet nach ihrem Wiedereinstieg keine Beschäftigung, die ihrer Ausbildung entspricht und nimmt damit Einkommenseinbußen in Kauf.

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Branchen, in denen Frauen beschäftigt sind, werden niedriger bewertet Leistungen, die primär von Frauen erbracht werden, werden tendenziell geringer bewertet. Frauen arbeiten vielfach in Berufen mit und am Menschen – vom Handel über Gesundheit, Pädagogik bis zur Pflege. Männer arbeiten traditionell an oder mit Maschinen in der Industrie und im Gewerbe – KfzMechaniker ebenso wie im IT-Bereich. Generell zeigt sich folgende Tendenz: ein Beruf, in dem in erster Linie Frauen arbeiten, bringt oft niedrigere Bezahlung. Rollenbilder, Stereotype Tradierte Rollenklischees wie „Mann sichert den Familienunterhalt, Frau arbeitet „just for fun“ halten sich hartnäckig. Auch hat das Wort „Karrierefrau“ in vielen Köpfen immer noch einen „bitteren Beigeschmack“. Gerne sieht Mann gesellschaftlich die Rolle der Frau so: Sie hält die Karriereleiter und er steht ganz oben. Rollenbilder führen auch zur traditionellen Ausbildungs- und Berufswahl. So wählen immer noch die Hälfte aller Mädchen aus nur 3 Lehrberufen Handelskauffrau, Bürokauffrau und Frisörin. Stereotype bedingen aber auch Einkommensbenachteiligungen beim Berufseinstieg – sie will ja nur was dazu verdienen, sie muss ja keine Familie erhalten. Und das immer noch vorhandene Familienbild führt dazu, dass Frauen nach der Geburt eines Kindes oder bei pflegebedürftigen Angehörigen aus dem Beruf zurück in die unbezahlte Arbeit gedrängt werden. Fehlende Transparenz Die Tradition in Österreich, über Gehälter möglichst wenig zu sprechen und über den Verdienst vorsichtshalber einen Mantel des Schweigens zu hüllen, bringt es mit sich, dass viele Frauen über ihre tatsächliche Gehaltsdiskriminierung an ihrem Arbeitsplatz überhaupt nicht bescheid wissen. Oft erleben sie dann im Laufe ihres Berufslebens eine herbe Überraschung. Frauen verlangen aber schon beim Einstieg in einen Job oft weniger, weil sie nicht wissen, was ihre Arbeit wert ist. Diesen Startnachteil beim Einstieg können sie oft nicht mehr aufholen. Die Erfahrungen zeigen auch, dass Frauen seltener Gehalt verhandeln und daher auch im Laufe der Berufslaufbahn der Abstand zu den Gehältern ihrer Kollegen immer größer wird. Zu wenige Frauen in Führungspositionen Frauen in Spitzenpositionen stellen immer noch die Ausnahme dar. In den Top-200 Unternehmen in Österreich sind nur 30 der 621 GeschäftsführerInnen (4,8 Prozent) weiblich. Nur 9 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder sind Frauen. Auffallend ist auch die unterdurchschnittliche Frauenpräsenz in den Führungsetagen der börsennotierten Unternehmen. Mit 97 Prozent sitzen fast nur Männer in den Vorstandsetagen der ATX - Konzerne, auch die Aufsichtsräte dort sind mit 94 Prozent fast ausschließlich in Männerhand. Darüber hinaus stoßen Frauen oft an die viel zitierte „Gläserne Decke“. Sie dringen nicht in die oberen Führungsebenen vor. Damit wären aber auch höhere Einkommen und bessere Karrierechancen verbunden.

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Maßnahmen Einkommenstransparenz in Betrieben Eine Chance, dem Ziel „Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit“ näher zu kommen ist die Einkommenstransparenz, die sich in Schweden bereits seit Jahrzehnten bewährt. Frauen sollen über Gehaltsmöglichkeiten in ihrem Betrieb Bescheid wissen und sie sollen dazu ermutigt werden ein Gehalt zu fordern, das ihrer Qualifikation und ihrer Leistung entspricht. Damit Frauen ein gerechtes Gehalt fordern können, gehört die Gehaltsstruktur in einem Betrieb auf den Tisch gelegt. Daher sollen Betriebe die durchschnittlichen Löhne und Gehälter von Frauen und Männern nach Verwendungsgruppen anonym und betriebsintern offen legen. So werden die Unterschiede zwischen Frauen und Männergehältern in einem Betrieb in den einzelnen Gehaltsgruppen aufgezeigt. Dies könnte mit einem einfachen Fragebogen ermittelt werden. Diese Informationen können wesentlich zu mehr Gleichstellung in den Betrieben beitragen. Information durch Transparenz Gehaltsrechner: damit soll branchenspezifisch das durchschnittliche Gehalt ersichtlich sein. Dies ist sowohl bei Vorstellungsgesprächen am Beginn des Jobs als auch bei Gehaltsverhandlungen im aufrechten Dienstverhältnis ein wichtiger Orientierungspunkt. – Vorbild Schweizer Lohnrechner Stellenausschreibungen In Stellenangeboten und Stelleninseraten sollte das kollektivvertragliche Einkommen ersichtlich sein und die Information verfügbar sein, ob es im Betrieb über den Kollektivvertrag hinausgehende Zahlungen gibt und in welcher Bandbreite sich diese bewegen. Damit können Einkommensnachteile durch zu zögerliche Gehaltsforderungen beim Einstieg verringert und Frauen beim Vorstellungsgespräch mit mehr Selbstbewusstsein ausgestattet werden. Auswege aus der „Teilzeitfalle“ Viele Teilzeitbeschäftigte sehen die Teilzeit nur als Übergangslösung und wollen früher oder später ihre Stundenanzahl erhöhen. Dies ist in der Praxis aber meist nur schwer möglich. Daher wird die Teilzeit oft zu einer Sackgasse mit Einkommensnachteilen bis zur Pension. Daher sollten Unternehmen, bevor sie eine Vollzeitstelle extern nach besetzen aktiv auf ihre teilzeitbeschäftigten MitarbeiterInnen zugehen und sie ermuntern sich dafür zu bewerben und ihre Stunden zu erhöhen. Kinderbetreuung und Ganztagsschule Ganztägige Kinderbetreuung ist die Voraussetzung für berufliches Weiterkommen. Notwendig ist ein flächendeckendes Angebot qualitativer und bedarfsgerechter (vor allem in Bezug auf die Öffnungszeiten) Kinderbetreuung für alle Altersgruppen. Sowohl der Bund, als auch die Länder müssen in Zukunft weiter in den Ausbau der Kinderbetreuungsplätze investieren. Die jährliche Anstoßfinanzierung des Bundes von 15 Millionen Euro sollen weiterhin zur Verfügung gestellt werden. Es ist Aufgabe der Länder, diese Mittel auch tatsächlich einzusetzen um den Ausbau zügig voranzutreiben. Weiters ist der flächendeckende Ausbau der Ganztagsschulplätze in Österreich voranzutreiben.

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Mehr Frauen in Führungspositionen Um die Situation von Frauen in Führungspositionen grundlegend zu ändern, sind verpflichtende Quoten und ergänzende Frauen fördernde Maßnahmen notwendig. Österreich braucht eine 40 Prozent Quote für Frauen in Toppositionen nach norwegischem Vorbild. Nur so kann es gelingen, das vorhandene Potential von Frauen voll auszuschöpfen. Andere europäische Länder wie Frankreich und die Niederlande haben das schon erkannt und werden Quoten für Frauen in Führungspositionen einführen. Seit vielen Jahren gibt es mehr weibliche Absolventinnen der wirtschaftlichen und juristischen Studien als männliche Absolventen. Es gibt also ausreichend gut qualifizierte Frauen für Führungspositionen. Um den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen, soll begleitend eine Internetseite eingerichtet werden, die bestehenden Datenbanken und Netzwerke zu diesem Thema bündeln soll. Diese Website soll einen Überblick bieten. Dadurch wird die Ausrede entkräftet, dass Unternehmen keine qualifizierten Frauen finden können. Aufbruch von Rollenklischees Rollenbilder werden bereits früh geprägt. Es ist daher wichtig, schon im Kleinkindalter anzusetzen. In der Ausbildung von KindergartenpädagogInnen ist „Genderpädagogik“ bereits ein fixer Bestandteil. Begleitende Maßnahmen wie Vernetzungsgespräche mit ExpertInnen, Workshops für Eltern, Supervision und Berichte sind daher notwendig. Im Schulbereich ist die Genderpädagogik Teil der regulären Fortbildung, eine reguläre Verankerung in der Ausbildung ist Ziel. Um Mädchen zu ermutigen, neue Chancen zur ergreifen und in untypische Berufsfelder vorzudringen, ist eine geschlechtssensible verpflichtende Berufsund Bildungswegorientierung an allen Schulen notwendig. Auch die Betriebe müssen durch Bewusstseins bildende Maßnahmen sensibilisiert werden, damit sich den Frauen in Zukunftsbranchen auch reale Berufsmöglichkeiten bieten. Fazit Ein erster Schritt um die Einkommensschere in Österreich zu verringern ist mehr Transparenz bei den Einkommen. Nur wenn Frauen über die reale Ungleichbehandlung in ihrem Betrieb Bescheid wissen, kann die Lohnschere geschlossen werden. Frauen sind so gut ausgebildet wie noch nie, sie sind hoch motiviert, brauchen aber für ihren beruflichen Erfolg gesellschaftliche Veränderungen und Infrastrukturmaßnahmen, wie den flächendeckenden Ausbau der Kinderbetreuung. Quoten als Frauen fördernde Maßnahmen sind notwendig, damit der Frauenanteil in Führungspositionen endlich deutlich steigt. Weiters sind Bewusstseins bildende Maßnahmen notwendig, damit sich tradierte und eingefahrene Rollenbilder von Frauen und Männern wandeln. Es werden viele Begründungen für die Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern herangezogen. Einige Prozent lassen sich erklären, es bleibt aber ein Rest bestehen, der nur auf bewusste und unbewusste Diskriminierung von Frauen zurückzuführen ist. Es muss daher an vielen Rädern gedreht werden – von der Berufswahl bis zur Quote. Nur wenn alle Maßnahmen in einander greifen wird die Einkommensschere merkbar zusammengehen und Gleichstellung von Frauen und Männern, zumindest bei den Einkommen, nicht mehr länger nur ein Wunsch sein. Es ist höchste Zeit, dass Frauen für die gleichwertige Arbeit gleich viel verdienen wie Männer.

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Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher  Verpflichtung der Betriebe, die durchschnittlichen Löhne und Gehälter von Frauen und Männern nach Verwendungsgruppen anonym offenzulegen.  Ein Gehaltsrechner, der branchenspezifische Informationen zur Verfügung stellt und so, durch mehr Information, die Einkommenssituation von Frauen verbessert wird.  Bei Stellenausschreibungen sollen verpflichtend Informationen enthalten sein, wie hoch das kollektivvertragliche Einkommen für den ausgeschriebenen Job ist und ob es im Betrieb üblich ist, darüber hinaus zu entlohnen.  Forcierung des flächendeckenden Ausbaus bedarfsorientierter Kinderbetreuung und der Ganztagsschulplätze ist notwendig. Die jährliche Anstoßfinanzierung des Bundes von 15 Millionen Euro muss weiterhin zur Verfügung gestellt werden.  Nach norwegischem Vorbild ist eine 40-prozentige Frauenquote im Aufsichtsrat von Unternehmen festzulegen. Die Erfahrung zeigt, dass dadurch auch der Anteil von Frauen in Managementfunktionen deutlich gesteigert wird.  Erstellung einer Website, die einen Überblick über bestehende Datenbanken und Netzwerke zum Thema Frauen in Führungspositionen bietet.  Geschlechtssensible verpflichtende Berufs- und Bildungswegorientierung an allen Schulen um Alternativen in der Berufswahl aufzuzeigen  Zur Umsetzung der Genderpädagogik sind bereits im Kindergartenalter begleitende Maßnahmen, wie regelmäßige Vernetzungsgespräche mit PädagogInnen und ExpertInnen, sowie Workshops für Eltern und Supervision zu organisieren.  Die Betriebe müssen durch Bewusstseins bildende Maßnahmen sensibilisiert werden, sodass sich den Frauen in Zukunftsbranchen auch reale Berufsmöglichkeiten bieten.  So müssen Unternehmen z.B.: Teilzeitbeschäftigte explizit zur Bewerbung auf offene Vollzeitstellen auffordern, bevor die Stelle extern besetzt wird. Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den Bundesparteitag Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Antrag 2. QUOTENREGELUNG Thema [C] 2. Leitantrag zur Bundesfrauenkonferenz 2010 Dieser Antrag wird auch als Antrag des Bundesparteivorstandes an den 41. ordentlichen Bundesparteitag gestellt: Zeitgemäße Anpassung des § 16 Quotenregelung § 16 (1) Die SPÖ tritt für die volle Gleichberechtigung von Frauen und Männer ein und setzt sich zum Ziel, diesen Grundsatz auch in ihrer eigenen politischen Arbeit, bei der Zusammensetzung aller Gremien und bei der Erstellung ihrer KandidatInnenlisten zu verwirklichen. (2) Sowohl bei der Wahl von FunktionärInnen der SPÖ, wie bei der Erstellung von KandidatInnenlisten der SPÖ ist sicher zu stellen, dass nicht weniger als 40% Frauen und nicht weniger als 40% Männer vertreten sind. (3) Jene Organe der SPÖ, die für die Erstellung von Wahlvorschlägen bzw. von Vorschlägen für KandidatInnenlisten verantwortlich sind, haben die in diesem Statut (§16 Abs- 2) festgelegte Quote einzuhalten. Die Erstellung ist verpflichtend mit der jeweiligen Frauenorganisation abzustimmen. (4) Sowohl bei der Durchführung von Abstimmungen über Wahlvorschläge, wie bei der Durchführung von Vorwahlen und bei der Abstimmung über KandidatInnenlisten sind geeignete Vorsorgen zu treffen, durch die – bei voller Wahrung der demokratischen Entscheidungsfreiheit von Delegierten bzw. Mitgliedern – die Einhaltung dieser Quote sichergestellt wird. (5) Über die vorstehenden Bestimmungen hinausgehend, sind KandidatInnenlisten für öffentliche Mandate so zu erstellen, dass auf Bundes- und Landeslisten das Reißverschlussprinzip durchgehend Anwendung findet. Auf Gemeinde-, Bezirks- und/oder Regionalwahlkreislisten ist innerhalb der ersten Hälfte der Gesamtliste das Reißverschlussprinzip anzuwenden. (6) Scheidet einE MandatarIn, unabhängig aus welchem Grund aus, ist durch die Nachrückung sicherzustellen, dass die Einhaltung der Quote erhalten bleibt bzw. erzielt wird. (7) Bei Verstößen gegen Abs. 2 bis 4 ist betreffend der Erstellung von KandidatInnenlisten wie folgt vorzugehen: (a) Bei Wahlen zu einem Landtag ist die Landesliste so zu erstellen, dass der entsprechende Ausgleich auf den wählbaren Plätzen geschaffen wird. (b) Bei Wahlen zum Nationalrat ist ein entsprechender Ausgleich auf den wählbaren Plätzen zuerst auf den Landeslisten sicherzustellen. Sollte dies nicht möglich sein, ist der entsprechende Ausgleich über die Bundesliste zu gewährleisten. (c) Hat der Ausgleich über die Bundesliste zu erfolgen, so können aus dem betroffenen Bundesland

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bis zur Erfüllung der betroffenen Bestimmungen nur GenossInnen jenes Geschlechtes auf den wählbaren Plätzen Aufnahme finden, für die der Ausgleich geschaffen werden muss. (d) Nichtbetroffen von den Bestimmungen der lit. (a) bis (c) sind sozialdemokratische Mitglieder der Landes- und Bundesregierung. (8) Die Einhaltung der vorstehenden Bestimmungen ist durch die jeweils zuständige Kontrollkommission zu überprüfen, welche darüber analog § 54 Abs. 3 letzter Satz schriftlich und mündlich berichtet. Falls der Bericht ergibt, dass die Quote nicht erfüllt ist, ist im Bedarfsfalle vom betroffenen Vorstand auch ein jährlicher Fortschrittsbericht zur Frauenförderung vorzulegen. Dem Vorstand der nächst höheren Organisationsebene ist darüber umgehend schriftlich und mündlich zu berichten. Weiters ist eine Übersicht (Frauen/Männer mit Prozentabgaben in den einzelnen Gemeinderäten bzw. Wahlkreisen auf gewählten Plätzen) als schriftlicher Quotenbericht für die jeweilige Parteikonferenz oder -tag zu erstellen und aufzulegen. Entsprechend der Änderung des § 16 sind auch alle davon betroffenen Bestimmungen in anderen Teilen des Statuts entsprechend anzupassen. BEGRÜNDUNG Die 40 Prozent Quote ist im Statut der SPÖ seit 1993 verankert. In der Praxis ergab sich jedoch in der Vergangenheit immer wieder das Problem, dass Frauen zum Teil auf nicht-wählbaren Plätzen gereiht wurden und damit die Quote bei der Verteilung der Mandate nicht umgesetzt werden konnte. Seit vielen Jahren findet in der SPÖ eine aktive Diskussion zum Thema der Durchsetzbarkeit von Quoten statt. Dennoch wird nach wie vor die statutarisch verankerte 40 Prozent Geschlechterquote nicht auf allen Ebenen eingehalten. Wir wollen nun aufzeigen, dass dies nicht allein das Problem der Frauenorganisation ist, sondern ein Problem der Gesamtpartei. Die SPÖ hat in ihren Reihen eine Vielzahl von qualifizierten, politisch engagierten Frauen. Frauen stellen 52 Prozent der Bevölkerung und eine entsprechende Vertretung ist daher gerecht. Als Zielgruppe sind Frauen für die SPÖ wahlentscheidend. Damit eine gerechte Vertretung von Frauen auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene sowie in alle Gremien sichergestellt wird, müssen Schlupflöcher aus der Vergangenheit im Statut geschlossen werden. Wir wollen, dass die Quote in der SPÖ endlich vom Freigegenstand zum Pflichtfach wird! Die Quotenregelung „neu“ soll den Paragraf 16 „Frauenquote“ im Statut ersetzen und muss folgende Punkte beinhalten: 

Bekenntnis der SPÖ zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern.

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Geschlechterquote von 40% in Gremien und auf Listen.

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Bei Erstellung von KandidatInnenlisten bestimmt die Frauenorganisation der jeweiligen Ebene mit.

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Es ist Vorsorge zu treffen, dass die Entscheidungsfreiheit der Delegierten gewahrt bleibt, aber die Quote eingehalten wird.

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Bekenntnis zum Reißverschlussprinzip auf allen Ebenen. Bei Bund- und Landeslisten soll dies durchgehend gelten. Bei Bezirks- und Regionalwahlkreislisten bis zur Hälfte der Gesamtliste.



Bei Ausscheiden einer Mandatarin/eines Mandatars sollen solange Frauen nachrücken, bis die Quote sichergestellt ist.



Ist die Quote auf wählbaren Plätzen bei der Listenerstellung auf Bezirks- oder Regionalkreiswahllisten nicht gegeben, dann muss über die Landesliste ausgeglichen werden. Das Gleiche gilt für die Landes- und Bundesebene. Weiters wird festgeschrieben, dass dann auf der Bundesliste aus dem betreffenden Land – das die Quote auf wählbaren Plätzen nicht einhält – nur GenossInnen jenes Geschlechts zum Zug kommen, welches benachteiligt ist. Nichtbetroffen von den Bestimmungen sind sozialdemokratische Mitglieder der Landes- und Bundesregierung.



Es hat ein schriftlicher und mündlicher Kontrollbericht zu erfolgen. Wird die Quote nicht eingehalten, ist im Bedarfsfalle ein Fortschrittsbericht zur Frauenförderung zu erstellen, über den der nächst höheren Vorstandsebene schriftlich und mündlich zu berichten ist. Weiters wird ein Quotenbericht für Parteikonferenzen festgeschrieben.

Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den SPÖ Bundesparteitag Beschluss der Konferenz:

 Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

Thema [A]: Einkommen Antrag 3. Einkommensgerechtigkeit jetzt! Eingebracht von den FSG-Frauen Alljährlich zum Internationalen Frauentag erschüttert die Meldung über die dramatisch hohen Einkommensunterschiede im Land österreichs Politik, Wirtschaft und Medienlandschaft – um bereits am 9.3. wieder vergessen zu sein. Doch derzeit ist die Stimmung anders – dank der gemeinsamen, starken Positionierung von SPÖ- und FSG-Frauen, die gerade in den letzten Monaten aktiv an einer Verbesserung dieser Situation arbeiten.

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Darum ist es gerade jetzt wichtig, nochmals unsere Forderungen zu artikulieren und beim Bundesparteitag dafür Sorge zu tragen, dass die Forderungen der Frauen auch in der SPÖ insgesamt Priorität haben: Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:  Die Einführung eines Mindestlohnes/-gehaltes von 1.300 Euro brutto bei Vollzeitbeschäftigung im Kollektivvertrag,  den Wegfall der Anrechnung des PartnerInneneinkommens bei der Berechnung der Notstandshilfe  sowie die volle Pflichtversicherung für alle Beschäftigungsverhältnisse (also Pensions-, Kranken-, Arbeitslosen- und Unfallversicherung). Darüber hinaus muss es gerade jetzt gelingen, dass  die Reform des Gleichbehandlungsgesetzes Betrieben Einkommensberichte verpflichtend vorschreibt (Stichwort: Einkommenstransparenz)  auch in den nächsten Jahren gewährleistet wird, dass ausreichend Bundesmittel für den weiteren Ausbau von qualitativ hochwertigen und finanziell leistbaren Kinderbildungseinrichtungen sowie Ganztagsschulen zur Verfügung gestellt werden. Gerade die verpflichtende Teilnahme am letzten Kindergartenjahr ist eine ganz wichtige bildungs – und integrationspolitische Maßnahme für die Jüngsten, deren Beteiligung durch etwaige Streichung der Gratisteilnahmemöglichkeit aus Budgeteinsparungsgründen keinesfalls in Frage gestellt werden darf. Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an die Fraktion Sozialdemokratischer GewerkschafterInnen und an den Bundesminister für Arbeit, Soziales und KonsumentInnenschutz Beschluss der Konferenz:

 Annahme  Zuweisung  Ablehnung

Weiterleitung an: _____________________________________________________

Antrag 4. Zeitpolitik: Gerechte Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit Eingebracht von den SPÖ Frauen Steiermark Männer haben bei der bezahlten Arbeit die Nase vorn, während die Frauen ein Monopol auf die unbezahlte Arbeit in der Familie zu haben scheinen – die Haushaltsführung, Kindererziehung und Pflege von Angehörigen. Dies wird von ArbeitgeberInnen vielfach zum Anlass genommen, Frauen auch karrieremäßig zu benachteiligen, zumal sie ja ihre Energie mehr in die Familie investieren würden und weniger in den Beruf. Die Bereitschaft, Überstunden zu leisten, sei dafür ein Indiz.

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Männer hingegen haben genügend Zeitressourcen für wichtige, zeitaufwändige und prestigeträchtige Ehrenämter wie etwa Feuerwehr, Rettungsdienste und Sportvereine - oder auch die Politik, so dass bei der Besetzung kommunalpolitischer Funktionen auch heute noch vorrangig an Männer gedacht wird. Wie schon bei der Neudefinition des Wirtschaftsbegriffs, wird auch bei dem Begriff “Arbeitszeit“ mittlerweile die unbezahlte Haus-, Betreuungs- und Versorgungsarbeit im gängigen Verständnis inkludiert. Wir haben eine Vision: Im Jahr 2020 teilen sich Frauen und Männer beide Formen der Arbeit in partnerschaftlicher Art und Weise. Viele Frauen haben im Zuge dieser Umverteilung ihre Erwerbsarbeitsstunden ausgeweitet, während Männer diese reduziert haben und in einem viel höheren Ausmaß unbezahlte Arbeit übernehmen. Eine Beschäftigung in Teilzeit ist für beide Geschlechter kein beruflicher und finanzieller Nachteil, betriebliche Weiterbildungsmöglichen und beruflicher Aufstieg sind kein Widerspruch zu einer reduzierten Arbeitszeit. Statt der individuellen Arbeitszeitverkürzung in Form von Teilzeit, die viele Jahre zu Lasten der Frauen stattgefunden hat, soll eine deutliche Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit auf Wochenbasis, aber auch über den Lebenszyklus, den Rahmen für diese neue Aufteilung bilden. Der Umbau des Steuer-, Arbeits- und Sozialrechts muss für starke Anreize für eine partnerschaftlichen Teilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit sorgen. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher, dass die VerantwortungsträgerInnen in Bund und Ländern  wirksame Kampagnen zur Bewusstseinsbildung starten bzw. fortsetzen, um zu einer gerechten Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern im privaten Bereich zu motivieren,  den sogenannten Papamonat rasch realisieren, damit sich Väter schon ab der Geburt eines Kindes aktiv in den Betreuungsalltag integrieren können, was auch zum Aufbau einer positiven Vater-Kind-Beziehung beiträgt,  Maßnahmen zur weitgehenden Vermeidung von Überstunden zu setzen, um so eine gerechte Verteilung bezahlter Arbeit zu fördern;  Einsatzorganisationen und Sportvereine mit hohem Männeranteil veranlassen, gezielt Frauen als aktive Mitglieder, vor allem auch in höheren Funktionsebenen, zu gewinnen. Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den Bundesminister für Arbeit, Soziales und KonsumentInnenschutz, den Bundesminister für Landesverteidigung und Sport, die Bundesministerin für Frauen und öffentlichen Dienst und die Fraktion Sozialdemokratischer GewerkschafterInnen Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung

Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Thema [B]: Arbeit Antrag 5. Beschäftigung Eingebracht von den SPÖ Frauen Steiermark Sichere Arbeitsverhältnisse für Frauen Atypische und prekäre Arbeitsverhältnisse sind zu einem großen Teil weiblich besetzt. Ob Regalbetreuerinnen in Supermärkten auf Werkvertragsbasis, Tagesmütter, die nach einem Stunden- und Stücklohnprinzip bezahlt werden, freie Dienstnehmerinnen in der Erwachsenenbildung oder kaufmännische Angestellte die in Teilzeitbeschäftigung arbeiten; all diese haben einiges gemeinsam: Sie erhalten ein oft sehr geringes bzw. oft nicht einmal ein fixes Einkommen. Die Absicherung ist sowohl arbeitsrechtlich als auch sozialrechtlich nur zum Teil oder auch gar nicht gegeben. Von den Frauen wird große Flexibilität gefordert, welche aber mit dem Alltagsleben kaum akkordierbar ist. Eine (Lebens-)Planungssicherheit ist aus mehreren Gründen kaum gegeben. Vor allem für Frauen mit Kindern und insbesondere für Alleinerzieherinnen entstehen dadurch ganz gravierende Probleme. Ein Krankenstand zB bedeutet für eine Frau, die auf Werkvertragsbasis oder als neue Selbstständige beschäftigt ist, einen Verdienstentgang. Außerdem ziehen viele dieser Arbeitsverhältnisse verheerende Folgen in der Pension mit sich, was zu verstärkter weiblicher Armut im Alter führt. 83,6% der Teilzeitbeschäftigten in der Steiermark sind Frauen. Bundesweit sind 85% der Teilzeitbeschäftigten Frauen. Von den neuen Selbstständigen, die auf Basis freier Dienstverträge oder von Werkverträgen beschäftigt sind, und bei geringfügig Beschäftigten sind ein Großteil Frauen. Freie Dienstnehmerinnen sind 2008 in Österreich zu 51,9% Frauen. Für Unternehmen sind diese Beschäftigungsformen zweifelsfrei die „billigeren“, da Lohn- und Lohnnebenkosten geringer sind bzw. wie bei neuen Selbstständigen und Werkverträgen nur tatsächliche Leistung entlohnt wird. Darüber hinaus müssen bei einigen Formen prekärer Beschäftigung die benötigten Materialien, Arbeitskleidung usw. von der Dienstnehmerin selbst gestellt werden, was dem Unternehmen wiederum Ersparnis bringt. Neue Selbstständige und geringfügig Beschäftigte zum Beispiel sind nicht arbeitslosenversichert, krankenversichert nur, wenn erstere über der Versicherungsgrenze verdienen und zweitere eine freiwillige Selbstversicherung zahlen. Neue Selbstständige, also auf Werksvertragsbasis Beschäftigte, sind von dem/der DienstgeberIn nicht unfallversichert sondern müssen selbst Beiträge zahlen. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher: Die VerantwortungsträgerInnen in Bund und Ländern sollen aufgefordert werden,  Vollzeitarbeitsplätze als einzige Form tatsächlicher Absicherung von Arbeitnehmerinnen ohne gravierende Spätfolgen für Frauen zu schaffen,  qualifizierte Teilzeitarbeitsplätze und gerechter Entlohnung (dh. Vollzeitäquivalent) zu schaffen,  atypische Beschäftigungsverhältnisse sowohl arbeits- als auch sozialrechtlich abzusichern,  Tageseltern fair zu entlohnen sowie arbeitsrechtlich besser abzusichern. Schaffung von einheitlichen Weiterbildungsrichtlinien in ganz Österreich.  Aktives Zugehen auf Teilzeitbeschäftigte, die Arbeitszeit auszudehnen, wenn zusätzlicher Arbeitsbedarf entsteht.

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Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den Bundesminister für Arbeit, Soziales und KonsumentInnenschutz Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

Antrag 6. Frauenförderung Eingebracht von den SPÖ Frauen Oberösterreich Bei der Gleichstellung von Frauen sinkt Österreich immer tiefer Der Global Gender Gap des World Economic Forum gibt Auskunft darüber, wie groß die Geschlechterdifferenz in Bezug auf wirtschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit, Bildung, Gesundheit und politische Partizipation in einem Land ist. Er vergleicht seit 2006 um die 130 Länder. Die Nachricht für Österreich könnte katastrophaler nicht sein: Bei der Gleichstellung von Frauen sinkt Österreich immer tiefer. Lag unser Land im Jahr 2006 noch an 26. Stelle, 2007 an 27., 2008 an 29. Stelle so belegen wir 2009 nur noch den 42. Platz. Dramatisch ist der Rückschritt in der Kategorie „Wirtschaftliche Teilhabe und Chancengleichheit“. Österreich rutscht im Vergleich zum Vorjahr vom 84. auf den 103. Platz ab. 2009 wurden 134 Länder verglichen. In der Unterkategorie Einkommensgleichheit belegen wir den erschütternden 122. Platz. Gleichstellung ist möglich – auch in Österreich Öffentliche Auftragsvergabe an Gleichstellungsziele in den Betrieben koppeln Gleichstellung ist möglich – auch in Österreich, zum Beispiel durch  Auftragsvergabe an innerbetriebliche Gleichstellungsmaßnahmen koppeln  “EQUAL PAY TASK-Force” für Unternehmen  Kompetenzzentrum für innerbetriebliche Gleichstellung Der Bund vergibt öffentliche Aufträge und lässt dabei viel Geld fließen. Geschätzte 38 Milliarden Euro (16 Prozent des BIP) werden durch öffentliche Aufträge der öffentlichen Hand vergeben. Zuschläge sollen im Prinzip nur noch jene Firmen erhalten, die sich zu innerbetrieblicher Gleichstellung verpflichten. Unternehmungen müssen dann je nach Betriebsgröße unterschiedlich viele Maßnahmen (im Bereich der Stellenbesetzung, der Personalentwicklung, der Vereinbarkeit, der Entgeltgleichheit, etc.) aus einem Katalog wählen und nachweisbar umsetzen. Wenn sich herausstellt, dass Betriebe die Vorgaben nicht erfüllen, werden sie für eine gewisse Zeit bei der Auftragsvergabe nicht mehr berücksichtigt. Wesentlich wird dabei die Beratung der Unternehmen aber auch die Kontrolle sein. Damit könnte ein noch zu schaffendes Institut für innerbetriebliche Gleichstellung beauftragt werden.

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Rechtliche Grundlagen Diskriminierung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt ist verboten: Rechtsnormen:  Konvention für die Beseitigung der Diskriminierung von Frauen  Die Europäische Union fordert die Gleichstellung  Verpflichtung zur Gleichstellung: Diskriminierungsverbot in Verfassungsrang  Gleichbehandlungsgesetz für die Privatwirtschaft und den öffentlichen Dienst EU-Vergaberecht:  Bewerbung muss für Unternehmen aus allen Mitgliedstaaten möglich sein  objektives und transparentes Vergabeverfahren  Auswahlkriterien müssen in direktem Zusammenhang mit dem Auftrag stehen Vergabeverfahren gegliedert in 1. Leistungsbeschreibung 2. Eignungskriterien der Bieter/-innen 3. Zuschlagskriterien und 4. Ausführungsbedingungen Ansatzpunkt Ausführungsbestimmungen Über Ausnahmeklauseln können hier auch vergabefremde Kriterien für die Ausführung des Auftrages vorgeschrieben werden. Sie müssen mit dem Gemeinschaftsrecht vereinbar sein und in der Bekanntmachung angegeben werden (Art. 26 der EU-Vergaberichtlinie (2004) besagt, dass im Leistungsvertrag zusätzliche Bedingungen vorgeschrieben werden können, darunter auch betriebliche Gleichstellungsförderung. Immer wieder sind Rechnungen angestellt worden, in denen untersucht wurde, wie lange es ohne den Einsatz aktiver Frauenförderung wohl dauern würde, bis wir die Gleichstellung zwischen den Geschlechtern erreicht haben. Ein Ergebnis sagt: von heute gerechnet wären das 236 Jahre, also im Jahre 2245. So lange können und wollen wir wohl nicht warten. Wenn also verfassungsrechtlich diskutiert wird, ob aktive Frauenförderung durch den Staat gegen die Verfassung verstößt, sollten wir dem die Frage entgegen stellen, ob es nicht viel mehr verfassungswidrig wäre, die faktische Durchsetzung gleicher Chancen auf das übernächste Jahrhundert zu verschieben. In diesem Sinne ist Bevorzugung nicht nur nicht verfassungswidrig, sondern sogar durchaus angebracht. Es ließe sich wohl aus dem Gleichstellungsgrundsatz der Verfassung ableiten, Gleichstellung in einer vertretbaren Zeitspanne zu erreichen. Das Jahr 2245 ist mit Sicherheit keine vertretbare Zeitspanne. Das Modell für Österreich Unternehmen verpflichten sich bereits bei der Anbotslegung, im Fall des Zuschlags oder der Förderung Maßnahmen in vier vorgegebenen Gleichstellungsfeldern durchzuführen oder weiterzuführen. Die geplanten Gleichstellungsmaßnahmen müssen bereits zum Zeitpunkt der Anbotslegung beschrieben werden.

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Die vier vorgegebenen Maßnahmenfelder sind:  Personalbeschaffung, Stellenbesetzung, Nachwuchswerbung und –besetzung  Karriere- und Personalentwicklung  Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familienverantwortung für beide Geschlechter  Kontrolle und Institutionalisierung der Aktivitäten zur Gleichstellung Als Unterstützungsangebot wird den Unternehmen eine Liste von möglichen Maßnahmen zur Verfügung gestellt und wird von MitarbeiterInnen des Kompetenzzentrums dabei auch im Sinne der Qualitätssicherung unterstützt. Die Anzahl der Maßnahmen ist nach Unternehmensgröße gestaffelt. Anwendung finden soll diese Bestimmung:  bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen (alle Auftragsarten) und bei der Vergabe von Wirtschaftsförderungen  wenn das Auftragsvolumen über 10.000 Euro liegt;  für alle Wirtschaftsförderungen an Unternehmen/Organisationen, wenn der Förderbetrag mehr als 4.000,- Euro beträgt;  wenn das sich bewerbende Unternehmen mehr als 10 Beschäftigte hat. Bisherige internationale Erfahrungen mit der Koppelung von öffentlicher Auftragsvergabe und Wirtschaftsförderung an betrieblichen Gleichstellungsmaßnahmen zeigen, dass Kontrolle für den Erfolg dieses Instruments unabdingbar ist. Bei Nichteinhaltung könnten diese Unternehmen für eine gewisse Zeit von der Vergabe ausgeschlossen werden. Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an die Fraktion sozialdemokratischer GewerkschafterInnen, SPÖ Nationalratsklub Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Antrag 7. Budget- und Steuerpolitik Eingebracht von den SPÖ Frauen Steiermark

Frauen für die Krise nicht mehrfach zahlen lassen Frauen sind die größten Verliererinnen der Krise, sie haben sie aber am wenigsten verursacht. An den Schalthebeln der Macht in Wirtschaft und Politik sitzen zum überwiegenden Teil Männer (allerdings wenige sozialdemokratische). Zwar trafen die Nachfrageeinbrüche zuerst den Arbeitsmarkt der männerdominierten Branchen wie die Auto- und Maschinenproduktion. In der Folge schlägt der Kaufkraftrückgang aber direkt auf die frauendominierte Dienstleistungsbranche durch. Für die vorwiegend in Großbetrieben arbeitenden Menschen (zum Großteil Männer) wurden - bei weitgehendem Ausgleich der Lohnverluste - wichtige Abfederungsmaßnahmen gesetzt wie Kurzarbeit, Bildungskarenz und Arbeitsstiftungen. Für die sekundär betroffenen Menschen (vorwiegend Frauen) in der Dienstleistungsbranche, die vorwiegend in kleineren Betrieben arbeiten, gibt es diese Maßnahmen bis dato nicht. Die betroffenen ArbeitnehmerInnen werden entweder ohne viel Aufsehen gekündigt oder es wird einfach die Arbeitszeit reduziert und die Betroffenen müssen selbst sehen, wie sie mit dem plötzlichen Einkommensausfall zurechtkommen. Die durchaus notwendigen und wichtigen Konjunkturpakete werden von den SteuerzahlerInnen bezahlt, wobei der Großteil des Steueraufkommens von der Lohnsteuer und der Umsatzsteuer gespeist wird, also weitgehend vom Faktor Arbeit herrührt und nicht vom Faktor Vermögen, welches zum Großteil in Männerhand liegt. Die kurzfristig in Kauf genommenen Budgetdefizite müssen irgendwann auch wieder abgedeckt werden. Dies geschieht üblicherweise in der Rücknahme staatlicher Leistungen, hauptsächlich im Sozialwesen. Davon sind wiederum vorrangig Frauen durch ihre hohe Armutsgefährdung betroffen. Also bezahlen Frauen (und betroffene Männer) im schlimmsten Fall dreifach: Erstens durch Verlust des Arbeitsplatzes, zweitens durch die Finanzierung der Konjunkturpakete, drittens durch die Rücknahme von Sozialleistungen. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher: Die Verantwortlichen in Bund, Ländern und in den Institutionen der Europäischen Union mögen sich je nach Zuständigkeit dafür einsetzen, dass  die richtigen Lehren aus den Ursachen der Krise gezogen werden und die schrankenlosen Spekulationsgeschäfte durch wirksame Regulierung, Kontrollen und Sanktionen eingedämmt werden.  eine europaweite Transaktionssteuer eingeführt wird, deren Einnahmen für soziale und ökologische Zwecke verwendet werden.  ein Steuersystem Realität wird, das einen fairen Ausgleich zwischen Einkommen aus Arbeit und Einkommen aus Vermögen herbeiführt.  ein weiteres Konjunkturpaket speziell für jene Bereiche geschnürt wird, in denen vornehmlich Frauen beschäftigt sind (Dienstleistungen).  die zu erwartenden Budgetkonsolidierungsmaßnahmen nicht zu Lasten der sozial Schwachen, BezieherInnen von Niedrigeinkommen und Frauen gehen.  Auffangmaßnahmen, arbeitsmarktpolitische Maßnahmen, Konjunkturmaßnahmen generell entsprechend der Gender-Mainstreaming-Strategie Frauen aliquot zugute kommen.

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mehr Frauen an die Schaltstellen von Wirtschaft und Politik kommen. Quoten sind hierzu ein taugliches Mittel; die Nichteinhaltung muss mit Sanktionen bedroht sein. Die Politik und die staatsnahe Wirtschaft sowie auch die sozialpartnerschaftlich besetzten Gremien müssen mit gutem Beispiel voran gehen!

Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den Delegationsleiter der Abgeordneten zum europäischen Parlament, an den Staatssekretär im Finanzministerium und an den Bundesminister für Arbeit, Soziales und KonsumentInnenschutz Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

Thema [C]: Quoten Antrag 8. Für ein europaweites Volksbegehren zur Verankerung von Frauenquoten im Wahlrecht Eingebracht von AKS, SJ, VSSTÖ Vor hundert Jahren 1910 in Kopenhagen wurde der Internationale Frauentag zur Erkämpfung des Frauenwahlrechts ausgerufen. 1911 fanden in Österreich die ersten großen Wahlrechtsdemonstrationen statt. Das aktive Wahlrecht und theoretisch das Recht der Frauen gewählt zu werden, wurde erkämpft. Heute hundert Jahre später, wäre es an der Zeit dieses Recht in die Praxis umzusetzen. Die Quote ist ein Instrument dazu. Der Vertrag von Lissabon eröffnet die Möglichkeit europaweit ein Volksbegehren zu starten. In mehreren Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gibt und gab es bereits Initiativen Frauenquoten im Wahlrecht zu verankern. Daher wäre es an der Zeit das erste europaweite Volksbegehren zur Verankerung von Frauenquoten zu starten. Die SPÖ Frauen Josefstadt fordern daher ein europaweites Volksbegehren zur Verankerung von Frauenquoten im Wahlrecht zu starten. Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Zuweisung an den Bundesfrauenvorstand, PES Women Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Thema [D]: Gesundheit Antrag 9. Gesundheit Eingebracht von den SPÖ Frauen Burgenland Frauen sind häufig durch geschlechtsspezifische Gesundheitsrisiken beeinträchtigt. Frauen und Männer haben unterschiedliche Gesundheitskonzepte. Für Männer bedeutet Gesundheit die „Abwesenheit von Krankheit“. Frauen sehen das differenzierter, sie beschreiben Gesundheit mit „Wohlbefinden“ Frauen haben andere Krankheitsrisiken:  Überdurchschnittlich hoch ist Armutsgefährdung unter Menschen mit niedrigem Bildungsniveau, Menschen in Ausbildung, Menschen ohne Arbeit oder mit Teilzeit-Erwerbstätigkeit, weiters bei Alleinerzieherinnen, Familien mit drei und mehr Kindern, bei alleinstehenden Pensionistinnen. Hier ist vor allem die Politik gefordert: Denn Einkommensgerechtigkeit und Armutsprävention schafft auch Gesundheit.  Die Mehrfachbelastung von Frauen ist ein Gesundheitsrisiko – dazu gehört auch das vielschichtige Thema Betreuung und Pflege von Angehörigen.  Vermehrt widerfährt Frauen Gewalt in den eigenen vier Wänden. Die Gesundheit muss weiblich werden! Lange Wartelisten für Operationen oder Rehabaufenthalte. Privatkliniken, die sich nur Reiche leisten können. Immer mehr Menschen, die das Gefühl haben, nur dann gut abgesichert zu sein, wenn sie zusätzlich private Kranken- und Unfallversicherungen abschließen. Dieser Entwicklung hin zu einer „Zwei-KlassenMedizin“ muss stärker als bisher entgegen gewirkt werden. Damit die beste gesundheitliche Versorgung für alle Menschen sichergestellt werden kann – und zwar unabhängig von Einkommen, Alter, Herkunft, Bildung oder Geschlecht. Gesundheit hat ein Geschlecht Gesundheit ist nach wie vor „männlich“. Oft wird ausgeblendet, dass Frauen andere gesundheitliche Bedürfnisse haben bzw. anderen Belastungsfaktoren ausgesetzt sind. Stichwort: Pflege. In Österreich werden 70-80 Prozent der zu Pflegenden zuhause von Angehörigen betreut, wobei die Hauptlast nach wie vor bei den Frauen liegt. Häusliche Pflege bedeutet eine psychisch hohe Belastung für die pflegenden Angehörigen. Kein Wunder also, dass Pflege die Pflegenden oft krank macht. Besonders wenn zur Dreifachbelastung Arbeit, Haushalt und Kindererziehung dann auch noch die Pflegeverantwortung hinzukommt. Generell sind die Ursachen für das Erkranken an einer Depression multifaktoriell zu verstehen. Psychische Erkrankungen, die ihre Ursache in Erziehungs-, Familien-, Partnerschafts-, Sozial- und Sexualproblemen haben, gelten nicht als „Krankenbehandlung“ und sind daher kostenpflichtig. Es sind dies Bereiche, wo überwiegend Frauen von psychischen Erkrankungen betroffen sind, gerade dann, wenn sie Gewalt in Beziehungen erfahren haben. Aber: Seelische Krankheiten können genauso wie körperliche Krankheiten geheilt werden. Man muss sie nicht nur behandeln lassen, sondern eine Behandlung muss auch leistbar sein!

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Soziale Ungleichheit und Gender Medicine Da Frauen noch immer signifikant weniger verdienen als Männer, muss auch auf den Teufelskreis zwischen Armut und psychischer Gesundheit hingewiesen werden. Ein geringes Einkommen, eine niedrigere Ausbildung und Arbeitslosigkeit erhöhen das Risiko an einer Depression zu erkranken. Eine psychische Erkrankung kann wiederum dazu führen, dass die betroffene Person ihren Arbeitsplatz verliert und der Weg in die Armut führt, was die Entstehung bzw. Aufrechterhaltung einer Depression wiederum begünstigt. Es bedarf daher einer weiteren Auseinandersetzung der Zusammenhänge zwischen sozialer Ungleichheit, Gender und Gesundheit in allen Gesellschaftsschichten! Ganzheitlichkeit Ebenfalls gilt es in der Gender Medicine darauf hinzuweisen, dass Frauengesundheit nicht auf die Reproduktion beschränkt wird. Während es wichtig ist, dass Depressionen als solche auch behandelt werden, müssen körperliche Beschwerden von Frauen ernst genommen werden. Um körperliche Beschwerden jedoch behandeln zu können, muss die Medizin endlich den weiblichen Körper/die Patientin ins Zentrum ihrer Forschung stellen. Als wichtiger Schritt kann hier die Einrichtung eines eigenen Lehrstuhls für Gender Medicine an der Universität Wien gesehen werden. Wobei Gender Medicine nicht nur als postgradueller Lehrgang an österreichischen Universitäten angeboten werden sollte, sondern auch im Lehrplan des Grundstudiums besser verankert werden muss. Auch bei der Entwicklung von Medikamenten muss geschlechtergerecht gearbeitet werden. Es kann nicht sein, dass 75% aller Medikamente und Therapien nur an bzw. für Männer erforscht werden. Nicht zuletzt muss das Medizinstudium Frauen und Männern zu gleichen Teilen offen stehen, damit frauensensible Gesundheitsforschung und Gesundheitspolitik möglich wird: Der EMS-Test (Eignungstest für die Medizinische Universität), der Frauen diskriminiert, muss daher adaptiert werden. Die Bundeskonferenz der SPÖ Frauen fordert daher:  Gratisbehandlungen auch bei psychischen Erkrankungen infolge von Erziehungs-, Familien-, Partnerschafts- und Sozialproblemen sowie von Sexualproblemen, insbesondere solche die durch Gewalt hervorgerufen wurden  weitere Sensibilisierung für Gewalt gegen Frauen durch die Ausdehnung von Anti-Gewalttrainings an Schulen und Kindergärten  Etablierung von Frauengesundheitszentren in allen Bundesländern  Aufbau und Förderung regionaler Initiativen zur Frauengesundheit im ländlichen Raum  sozialrechtliche Absicherung von pflegenden Angehörigen – Verwirklichung einer Pflegeteilzeit  Adaptierung des Frauen diskriminierenden EMS-Test  stärkere Verankerung von Gender Medicine in den Lehrplänen medizinischer Universitäten, bei Therapien und Medikationen  mehr finanzielle Mitteln aus den Ministerin für Gesundheit, Frauen und Finanzen für Gender Medicine-Projekte  Gender Mainstreaming muss endlich Einzug in die Gesundheitspolitik halten!  Angebote zur Gesundheits- und Sozialberatung vor Ort  Schaffung eines Platzes für eine Expertin für Gender Medicine in den Landessanitätsräten

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Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den Bundesminister für Gesundheit Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung

Weiterleitung an: _____________________________________________________

Antrag 10. Aidsprävention Eingebracht von AKS, SJ, VSSTÖ Statistiken von UNAIDS (dem UN Programm zu HIV/AIDS) zeigen, dass geschätzte 33,4 Millionen Menschen weltweit mit HIV leben und etwa die Hälfte von ihnen sind Frauen. Es wird angenommen, dass jedes Jahr rund 3 Millionen Menschen neu angesteckt werden und fast ebenso viele an AIDS sterben. Frauen und Mädchen sind besonders anfällig für HIV-Infektionen – aus sozialen, wirtschaftlichen und biologischen Gründen. Frauen zwischen 15 und 24 Jahren werden drei- bis viermal häufiger angesteckt als junge Männer und die Infektionsraten bei Frauen steigen in allen Weltregionen und in den meisten Ländern. Die Infektionsrate bei jungen Menschen ist doppelt so hoch, vor allem bei jungen und verheirateten Frauen, die die Grundschule nicht abgeschlossen haben. Kinder-Ehen, sexuelle Gewalt und Nötigung, die Machtlosigkeit der Frauen, auf sicheren Sex (safe sex) zu bestehen, andere Macht-Ungleichgewichte und Ungleichheiten, ebenso wie Armut sind die Ursache dafür, dass Frauen keine Kontrolle über ihr Sexualleben haben. Weltweit haben wenige Mädchen und Frauen Zugang zu Information, Sexual-Erziehung und Angeboten, die auf sexuelle und reproduktive Gesundheit abgestellt sind. Frauen tragen auch die Hauptlast der Pflege von erkrankten Angehörigen und der Unterstützung für HIVinfizierte Personen.

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Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher: Die SPÖ-Frauen rufen daher Regierungen, Gesundheitsministerien und -Verantwortliche auf, bei der XVIII. Internationalen AIDS-Konferenz in Wien vom 18. – 23. Juli 2010, folgenden Forderungen absoluten Vorrange zu geben:    

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Geschlechter-Gleichstellung in Erziehung, Ausbildung, Beschäftigung, in finanziellen und rechtlichen Angelegenheiten (inkl. Besitz- und Erbrechte); Zugang zu Angeboten zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit für Mädchen und Frauen, sowie Zugang zu Tests, Behandlung, Beratung, Pflege und Unterstützung; Zugang zu und Verkauf von Verhütungsmitteln für Mädchen und Frauen, wie Femidomen und Kondomen; Zugang für mit HIV infizierte Mädchen und Frauen zu leistbaren, sicheren und wirksamen Medikamenten sowie eine Datenerhebung zur Behandlung, nach Geschlecht , Alter, Zivilstatus und Behandlungsdauer; HIV-Prävention, freiwillige Beratung und Tests in Gesundheitsdienste einzubauen, inkl. sexueller und reproduktiver Gesundheit, Familienplanung, Schwangeren- und Tuberkulose-Beratung; Geber-Länder haben bei der Entwicklungszusammenarbeit darauf zu achten, dass mit HIVinfizierten Personen, besonders Mädchen und Frauen, Empowerment, Unterstützung und Hilfe angeboten wird; Einführung bzw. Intensivierung von Sexual-Erziehung und Information über HIV/AIDS in den Schulen; strafrechtliche Verfolgung von Gewalt gegen Frauen, insbesondere im Fall sexueller Nötigung und Vergewaltigung, auch in der Ehe, FGM (weibliche Genitalverstümmelung), Kinderheirat sowie Frauenhandel; die Einbindung auch von Buben und Männern in HIV-Präventionsmaßnahmen; Respektierung und Durchsetzung der Menschenrechte von Frauen.

Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den SPÖ-Nationalratsklub, an den Bundesminister für Gesundheit und den Delegationsleiter der Abgeordneten zum europäischen Parlament Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Antrag 11. Geschlechtersensible Medizin Eingebracht von den SPÖ Frauen Kärnten Unser öffentliches Gesundheitssystem muss auch in Zukunft solidarisch über die bewährte Pflichtversicherung finanziert werden. Das solidarische Prinzip wurde aber immer mehr in Richtung Zwei-KlassenMedizin ausgehöhlt. Von höheren Selbstbehalten, Erhöhung von Rezeptgebühren, des Spitalkostenbeitrages, der Kosten von Heilbehelfe und vieles mehr, sind vor allem Frauen mit niedrigem Einkommen ganz besonders betroffen. Durch ein neues Konzept von „gender medicine“ sollen die biologischen und sozialen Unterschiede zwischen Frauen und Männern berücksichtigt werden. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:  

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Auf Doppelbelastung, „burn-out“-Thematik, Mobbing und andere Belastungen muss in Forschung, Lehre und Anwendung eingegangen werden. Öffentliche Fördervorhaben im Gesundheitswesen, in der Aus- und Weiterbildung sowie bei Präventions- und Behandlungsprogrammen sollen nur unter Einbeziehung geschlechterbezogener Aspekte vergeben werden. Die Geschlechterfrage soll in Vorsorgeprogrammen mit einbezogen werden. Frauengesundheitsberichte sind auf Länder- und Bundesebene regelmäßig zu erstatten. Errichtung eines Forschungszentrums „Frauen- und Geschlechterforschung“ im Gesundheitswesen. Verbindliche Implementierung genderspezifischer Lehre und Forschung an den Universitäten. Verhütungsmittel müssen allen gratis zur Verfügung gestellt werden. Der Zugang zu Verhütungsmitteln muss, vor allem für Jugendliche, vereinfacht werden.

Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den Bundesminister für Gesundheit, die Bundesministerin für Frauen und öffentlichen Dienst und den SPÖ-Nationalratsklub

Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Antrag 12. Pflege und Pflegefinanzierung Eingebracht von den SPÖ Frauen Steiermark

Qualitätsvolle Pflege und Altern in Würde Die demografische Entwicklung bringt es mit sich, dass die Pflege und Betreuung alter Menschen zu einer immer größeren gesellschaftlichen Herausforderung wird. Für die anspruchsvolle, vorwiegend von Frauen geleistete Pflegetätigkeit, wird größtmögliche Unterstützung gebraucht, insbesondere wenn diese Arbeit nicht im beruflichen Rahmen geleistet wird. Die Finanzierung der Pflege ist in Zukunft keinesfalls gesichert. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher, die VerantwortungsträgerInnen in Bund und Ländern aufzufordern,    

den flächendeckenden Ausbau von mobilen Diensten, Tageszentren, Kurzzeitpflege-, Nacht- und Wochenendplätzen und betreuten Wohnformen zu forcieren. das Beratungs-, Schulungs- und Informationsangebot für pflegende Angehörige zu erweitern. für eine Ausbildungsoffensive im Pflegebereich zu sorgen und auch Männer für diesen Beruf verstärkt zu gewinnen. die Finanzierung der Pflege nachhaltig sicherzustellen, etwa durch einen Pflegefonds, der aus den Einnahmen einer Vermögenszuwachssteuer gespeist werden könnte.

Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den Bundesminister für Arbeit, Soziales und KonsumentInnenschutz, die SPÖ-Landtagsklubs Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Antrag 13: Frauen und Pflegepolitik Eingebracht von den SPÖ Frauen Salzburg

Ausgangslage: In Österreich und auch in Deutschland werden 70- 80% der zu Pflegenden zu Hause von den Angehörigen betreut. Die Hauptverantwortung für die Pflege hat bei uns historisch die Familie - genauso wie bei der Kinderbetreuung von Vorschul- und Schulkindern. Gerade die Debatte um die 24- Stunden-Betreuung hat gezeigt, dass die Hauptlast weiterhin bei den Frauen liegt (entweder sozial schlecht abgesicherte Migrantinnen, oder Ehefrauen, Schwiegertöchter erledigen diese schwere Arbeit). Häusliche Pflege bedeutet oft auch eine psychisch hohe Belastung für die pflegenden Angehörigen, zumeist Frauen. Kein Wunder also, dass Pflege die Pflegenden oft krank macht: So klagen über die Hälfte der pflegenden Angehörigen über ein schlechteres psychisches Befinden, nachdem sie die Pflege übernahmen. Auf die hohen Anforderungen an pflegende Angehörige gilt es immer wieder hinzuweisen und die geleistete Arbeit auch anzuerkennen. Wir brauchen aber auch ein Pflegeangebot, dass keiner Frau ihre finanzielle Unabhängigkeit gefährdet wenn ein Angehöriger pflegebedürftig ist. Frauen, denen der Wiedereinstieg nach der Kinderbetreuung gelungen ist, dürfen nicht gesellschaftlich gezwungen werden, durch Pflege wieder ins berufliche Abseits gedrängt zu werden. Vereinbarkeit von Pflege und Beruf muss ermöglicht werden! Grundlage für das österreichische (Pflege/Betreuungs-)System ist das „Familienernährer – bzw. Zuverdienermodell“. Mann geht arbeiten, Frau übernimmt die unbezahlte Versorgungsarbeit und geht (wenn überhaupt) noch in Teilzeit dazuverdienen. In Skandinavien besteht schon seit den 1970er Jahren das sogenannte „2-Verdiener Modell“ als gesellschaftlich anerkannte Grundlage. Um Frauen wie Männern die Erwerbsarbeit zu ermöglichen, wurde Betreuung und Pflege an den Staat delegiert. Pflege ist eine soziale Dienstleistung – die meisten Beschäftigen in diesem Bereich sind öffentlich Bedienstete. Dieses Modell ermöglicht Frauen erwerbstätig zu sein und es schafft viele Arbeitsplätze, die wieder zum Großteil von Frauen eingenommen werden. Sorgearbeit wird also weitgehend beruflich und bezahlt verrichtet. Es gibt kein Pflegegeld wie in Österreich, sondern nur Sachleistungen – dh in Dänemark und auch in Schweden sind die Kommunen für diese Leistungen und auch für die Finanzierung zuständig. Das Angebot konzentriert sich auf häusliche Hilfe und Pflege zu Hause. In Dänemark genügt ein Bedarfsnachweis und die Hilfe und Pflege ist für die Betroffenen kostenlos. In Schweden muss je nach Einkommenshöhe ein Selbstbehalt bezahlt werden. Zwei Modelle mit deutlichen gesellschaftspolitischen Absichten. Familiäre Verantwortung heißt in Österreich weibliche Versorgungsarbeit oft einhergehend mit dem Verzicht der Frauen auf ein unabhängiges finanzielles Einkommen.

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Wenn es Extreme gibt, dann gibt es auch eine Zwischenlösung. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:  die Finanzierung der Pflege muss aus dem Bereich der Sozialhilfe herausgenommen werden; die Finanzierung soll über einen eigens dafür eingerichteten Pflegefonds abgewickelt werden; Pflegebedürftigkeit darf wie Krankheit kein soziales Risiko darstellen  Ein flächendeckendes Angebot an sozialen Diensten muss überall verwirklicht werden (Haushaltshilfe, Hauskrankenpflege, Kurzzeitpflege, Tagesbetreuung, stationäre Pflege, etc); Sorgearbeit soll weitgehend beruflich und bezahlt verrichtet werden, denn dies  führt zu einer optimalen Pflege der Betroffenen  bietet sozial gut abgesicherte Jobs für BetreuerInnen  verbindliche Qualitätsstandards für soziale DienstleisterInnen um eine adäquate höhere Bezahlung von in der Pflege und Betreuung tätigen Berufsgruppen zu gewährleisten.  sozialrechtliche Absicherung der pflegenden Angehörigen (80 % Frauenanteil) - ähnlich wie bei der Elternteilzeit soll auch eine Pflegeteilzeit ermöglicht werden  Anspruch auf soziale Dienste statt Pflegegeld (siehe Beispiel Dänemark) – Pflegegeld ist nicht für den Sparstrumpf gedacht! Ehrenamtlichkeit als Lösung in der Pflege – weil wir uns sonst, wie oft medial vor allem durch konservative Kreise gepredigt wird, Pflege nicht mehr leisten können ist kein sozialdemokratischer Weg! Österreich als viertreichstes Land in der EU muss sich ein gut ausgebautes Pflegeangebot leisten können, das sowohl für die zu betreuenden Menschen als auch für pflegende Angehörige sozial verträglich ist! Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den Bundesminister für Arbeit, Soziales und KonsumentInnenschutz, an die SPÖ-Landtagklubs Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Antrag 14. Frauen mit speziellen Bedürfnissen Eingebracht von den SPÖ Frauen Niederösterreich

Die Anliegen von Menschen mit Behinderungen sind „geschlechtsneutral“. Dennoch ergeben sich für Frauen mit Behinderungen besondere Herausforderungen. Frauen werden einerseits aufgrund ihres Frauseins und andererseits aufgrund ihrer Behinderung benachteiligt. Dies spiegelt sich auch in den statistischen Zahlen des Behindertenberichtes wider: Nach einer Statistik-Austria-Erhebung von 2007 sind Frauen mit Behinderungen deutlich höher von Problemen in den verschiedenen Lebensbereichen betroffen, als dies auf Männer mit Behinderungen zutrifft. So geben etwa 20,6 Prozent der betroffenen Frauen an, sie hätten im öffentlichen Verkehr aufgrund ihrer Behinderung Probleme – während dies bei den Männern nur auf 10,6 Prozent zutrifft. Ähnlich bei der "Baulichen Zugänglichkeit", die für 13,8 Prozent der Frauen mit Behinderungen problematisch ist, während dies nur 7,4 Prozent der Männer mit Behinderungen angeben. Im Arbeitsfeld sind es gar 14,3 Prozent gegenüber 8,7 Prozent, die einander in diesem Ungleichgewicht gegenüberstehen, im Bereich des Wohnens geben 15,1 Prozent der Frauen Probleme aufgrund ihrer Behinderung an, während es nur 9,7 Prozent der Männer tun. Lediglich bei Aus- und Fortbildung empfinden Frauen mit Behinderungen weniger Probleme als die Männer. Auch bei der Einbindung in den Arbeitsmarkt sind Frauen mit Behinderungen schlechter gestellt als Männer mit Behinderungen: Während 37 Prozent der Männer mit Behinderungen in engeren Sinn erwerbstätig sind, sind es nur 31 Prozent der Frauen – bei Behinderungen im weiteren Sinn steht es gar 62 Prozent gegenüber nur 49 Prozent an Beschäftigungen. Beim monatlichen Bruttoerwerbseinkommen setzt sich die generelle geschlechtsspezifische Ungleichverteilung bei Menschen mit Behinderungen fort: Die Anzahl der unter 1.000 Euro verdienenden Frauen ist um ein Vielfaches höher als jene der Männer (32 Prozent gegenüber 6 Prozent der im weiteren Sinn behinderten Personen!), wohingegen es im Bereich der über 2.000 Euro brutto Verdienenden leider genau umgekehrt aussieht: 52 Prozent der erwerbstätigen Männer mit einer Behinderung im weiteren Sinn verdienen immerhin über 2.000 Euro brutto pro Monat – über ein solches Einkommen dürfen sich hingegen nur 22 Prozent der Frauen mit Behinderung im weiteren Sinn freuen. Das Thema Gesundheit und Frauen mit Behinderung ist mit einer in Österreich nur dünn gesiedelten Datenlage erörterbar. 31,3% der weiblichen und 28,4% der männlichen Bevölkerung sind in irgendeiner Weise körperlich beeinträchtigt. Zu lernbehinderten Frauen und Männer gibt es leider keine derartigen Zahlen. Mit steigendem Alter nehmen die körperlichen Beeinträchtigungen zu; bei den unter 5-jährigen sind es 5,5%, bei den über 80-jährigen Personen schon 84,9%. 27,2% der körperbehinderten Frauen leben alleine, bei den Männern sind dies nur 11,6%.

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Viele behinderte Frauen benötigen Unterstützung in den verschiedensten Lebensbereichen, wie bei der Körperpflege, beim An- und Ausziehen, Hilfe im Haushalt, bei Mobilität und bei der aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Unter Assistenz werden alle Handlungen verstanden, für die eine Frau mit Behinderung in ihrem Alltag persönliche Hilfe benötigt, um selbstbestimmt leben zu können. Frauen mit Behinderungen, die persönliche Assistenz benötigen, fordern seit längerem, dass ihnen das Recht zugestanden wird, sich von einer weiblichen Kraft pflegen zu lassen. Weibliche Assistenz wird von behinderten Frauen vor allem dann gewünscht, wenn sie Körper- und Intimpflege benötigen. Die ausdrückliche gesetzliche Verankerung des Rechtes auf Assistenz durch eine Frau würde ihre Position gegenüber Pflegediensten und SozialhilfeträgerInnen enorm stärken. Behinderten Frauen und Mädchen wird häufig jegliche Sexualität abgesprochen. Sie machen auch ständig die Erfahrung, dass nichtbehinderte Fachpersonen angeblich besser wissen, was für sie richtig ist. Sie können nicht entscheiden, wann sie in der Früh aufstehen wollen, was und wann sie essen wollen und wer ihnen bei der Körper- und Intimpflege hilft. Sie müssen sich immer den Gegebenheiten anderer anpassen und unter anderem ist eine selbstbestimmte Sexualität nicht möglich. Diese Bedingungen machen es oft schwierig, sexuelle Gewalt als solche zu erkennen und zurückzuweisen. Mitte der 90er Jahre wurden in österreichischen Einrichtungen der Behindertenhilfe Frauen zwischen 17 und 69 Jahren zum Thema sexuelle Gewalt befragt und 64% der größtenteils lernbehinderten Frauen berichteten über sexuelle Gewalt, die sie erlebt haben. Nach Zemp und Pircher (1996) liegt die Wahrscheinlichkeit von Frauen und Mädchen von sexueller Gewalt betroffen zu sein, bei mindestens 50%. Frauen, die in Einrichtungen aufwachsen, haben deutlich mehr Gewalterfahrungen als Frauen, die nicht in Einrichtungen leben. Die meisten Gewaltakte, so eine europäische Studie aus dem Jahr 1999, kamen nicht zur Anzeige, da die Opfer davon ausgingen, dass eine Anklage keinen Sinn ergebe. (European Disability Forum 1999). Die strukturelle Verschlossenheit der Gesellschaft und ihren Institutionen gegen lernbehinderte Menschen, sowie der Mangel an psychosexueller Aufklärung und sexueller Begleitung von Frauen mit Lernbehinderung sind Bedingungen für die hohe Gewaltrate. Zur Reduzierung der Gefahr von sexueller Gewalt gegen Frauen und Mädchen mit Behinderung werden folgende Punkte genannt:   

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Selbstwertfördernde Lebensbedingungen Möglichkeiten der Mitsprache und des Eingreifens Hierfür braucht es zum einen die Förderung von Partizipationsmöglichkeiten von Frauen und Mädchen mit Behinderung, zum anderen einen Stärkung des Selbstvertrauens der betroffenen Frauen um „Nein“ sagen zu können. Möglichkeiten, Grenzen setzen zu können Wissen über den eigenen Körper

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Sexuelle Aufklärung Sexualitätsbegleitung Kompetenz des Personals der Behindertenhilfe zum Thema Gewaltprävention und selbstbestimmtes Leben Öffentlichkeit für die Thematik unmissverständliche Positionierung gegen sexualisierte Gewalt

Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher: Die SPÖ Frauen nehmen die veränderten Anforderungen in der Behindertenpolitik und die Anliegen von Menschen mit Behinderungen – explizit auch die besonderen Anliegen von Frauen mit Behinderungen – sehr ernst und stellen daher folgende Forderungen: 1.) Aufgrund der mangelnden Datenlage ist eine genauere Differenzierung zwischen Männern mit Behinderungen und Frauen mit Behinderungen schwer möglich. Die SPÖ Frauen regen daher an, bei den statistischen Erhebungen vermehrt auf eine geschlechterspezifische Auswertung in allen Lebensbereichen Rücksicht zu nehmen, um darauf aufbauend gestaltend für die Anliegen von Frauen mit Behinderungen zu arbeiten. 2.) Bildung ist der Garant für ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben und bietet den Grundstein für ein erfolgreiches Berufsleben. Dies gilt im Besonderen auch für Frauen mit Behinderungen. Die SPÖ Frauen regen daher an, bei den schulischen Angeboten darauf zu achten, dass Mädchen mit Behinderungen nach ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten bestmöglich gefördert werden. Eine Ausweitung der schulischen Integration nach der Sekundarstufe I wird befürwortet. 3.) Die Teilhabe am Arbeitsmarkt ist die beste Maßnahme gegen Armut und stärkt das Selbstbewusstsein der Menschen. Noch immer haben Frauen – dies gilt auch für Frauen mit Behinderungen - unterschiedliche Chancen am Arbeitsmarkt, welche wiederum zu massiven Einkommensunterschieden führen und resultieren sehr oft in Frauen-Altersarmut. Die SPÖ Frauen regen daher an, dass die Maßnahmen zur Integration von Frauen mit Behinderungen in den Erwerbsarbeitsmarkt auch in Zukunft weiter vorangetrieben werden, dafür spezielle Programme zu Verfügung stehen und die Mittel im Verhältnis der betroffenen Frauen zu Verfügung gestellt werden. 4.) Das Recht auf Selbstbestimmung muss alle Lebensbereiche von Frauen mit Behinderungen umfassen, im Besonderen auch das Recht auf Sexualität. Die SPÖ Frauen regen daher an, dass verstärkte Aufklärungskampagnen gestartet werden, in denen Frauen mit Behinderungen in ihrem Selbstbestimmungsrecht gestärkt werden. 5.) Die fehlende Datenlage zu Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen ist ein typisches Zeichen der Tabuisierung. Frauen und Mädchen mit Behinderungen sind besonders gefährdet, Opfer von Gewalt und sexualisierter Gewalt zu werden. Allein durch eine oftmals mit einer Behinderung einhergehende Kommunikationsbeeinträchtigung – etwa durch geistige Behinderung oder auch Gehörlosigkeit – sind sie eine besonders gefährdete Risikogruppe. Die SPÖ Frauen regen daher an, dass Gewalt gegen Frauen mit Behinderungen verstärkt in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Zudem sind Maßnahmen zu ergreifen, die es Frauen mit Behinderungen ermög-

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lichen, Gewalt gegen sich zu erkennen und sich dagegen zu wehren. Denn anerkannte Strategien der Prävention oder Bewältigung sexueller Übergriffe können nicht ohne weiteres auf die Situation behinderter Frauen übertragen werden. Solche Strategien zu entwickeln bedarf daher eines erhöhten öffentlichen Bewusstseins. Frauen mit Behinderungen müssen die Maßnahmen durch die beiden Gewaltschutzpakete in vollem Umfang in Anspruch nehmen können. Um dies zu gewährleisten müssen Frauen mit Behinderungen in geeigneter Form von den Möglichkeiten in Kenntnis gesetzt werden. 6.) Aufgrund der oftmals mangelnden medizinischen Präventionsmöglichkeiten müssen Frauen mit Behinderungen in ihren Persönlichkeitsrechten gestärkt werden, um deren Zugang zu medizinischen Leistungen (insbesondere zu gynäkologischen Untersuchen) zu erhöhen. Aufklärung und Information muss sowohl für die Betroffenen als auch für die Pflegenden erhöht werden, da von deren Wissenstand oftmals die tatsächlich geleisteten ÄrztInnenbesuche abhängen. Ebenso muss es Frauen mit Behinderungen möglich sein, bei ÄrztInnenbesuchen die Privat- und Intimsphäre wahren zu können (4-Augen-Prinzip). 7.) Im Regierungsprogramm wurde die Optimierung der „Persönlichen Assistenz“ festgeschrieben. Da die Persönliche Assistenz derzeit in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich geregelt ist und es dadurch zu großen Ungleichheiten (Ungerechtigkeiten) kommt, sollen die Länder ihre Regelungen besser aufeinander abstimmen. 8.) Die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen weist im Artikel 6 im Besonderen auf die Rechte von Frauen mit Behinderungen hin. Die SPÖ Frauen bekennen sich vollinhaltlich zum Artikel 6 und werden in ihrer Arbeit die Umsetzung der UN-Konvention voran treiben. Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den Bundesminister für Arbeit, Soziales und KonsumentInnenschutz, an den Behindertenanwalt Erwin Buchinger und die SPÖ-Landtagsklubs Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Thema [E]: Globale Verantwortung Antrag 15. Außenpolitik | Internationales Antrag | Resolution Internationales Eingebracht von AKS, SJ, VSSTÖ 1910 haben Clara Zetkin und Genossinnen einen Tag gefordert, an dem die Anliegen der Frauen - damals vor allem das Wahlrecht - öffentlich in den Mittelpunkt gestellt werden. Seit 1911 wird der Internationale Frauentag in der ganzen Welt begangen. 2011, also nächstes Jahr, wird die Sozialistische Frauen-Internationale, gemeinsam mit ihren 157 Mitgliedsorganisationen, diesen Tag zum 100. Mal feiern und darauf verweisen, dass es die sozialistischen, sozialdemokratischen und Labour-Frauen waren, die die Initiative dazu ergriffen haben. Das Thema ihrer jüngsten Sitzung (März 2010) der UN Frauen-Status Kommission war 'Peking plus 15'. Die SPÖ Frauen, ebenso wie die Sozialistische Frauen-Internationale, fordern die Abhaltung einer 5. UN Frauen-Welt-Konferenz, da wir davon überzeugt sind, dass es schon lange nicht mehr ausreicht, Evaluierungen und Würdigungen der Beschlüsse von Peking vorzunehmen. Frauen brauchen weltweit eine Weiterentwicklung von Geschlechtergleichstellung. Frauen dürfen nicht länger nur als Opfer, sondern müssen als Akteurinnen wahrgenommen werden: ob es nun um Armut und Hunger, um HIV/AIDS, die Beseitigung der Genitalverstümmelung an Mädchen und Frauen, Kindersterblichkeit oder die verantwortungsvolle Nutzung von natürlichen Ressourcen geht. Darüber hinaus müssen Frauen weltweit ihre Regierungen dazu auffordern, die Beschlüsse von Peking endlich zur Gänze umzusetzen. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:    

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die Einberufung einer 5. UN Frauen-Welt-Konferenz um u.a. die Umsetzung der Geschlechtergleichstellung in den Millenium Development Goals (MDGs) zu überprüfen; bessere Ausbildung für Mädchen; den Zugang von Frauen zu Land, Wasser, Einkommen, Energie und Kapital; die Ursachen der Massen-Migrationen, Pandemien wie HIV/AIDS, den Klimawandel und seine Auswirkungen auf das Leben von Frauen, sowie die wirtschaftliche und politische Stärkung von Frauen zu erheben; ein europaweites Volksbegehren zur Verankerung von Frauenquoten die SPÖ Frauen appellieren an andere Frauen-Organisationen, diese Forderung zu unterstützen und dafür zu werben.

Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den SPÖ-Nationalratsklub und an die Vertreterin der SPÖ Frauen in SIW und PES Beschluss der Konferenz:

 Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Antrag 16. Entwicklungspolitik Eingebracht von der Jungen Generation in der SPÖ Entwicklungspolitik muss Frauenpolitik sein! Unter den Armen dieser Welt sind die Frauen die materiell Ärmsten. Frauen in Entwicklungsländern haben wesentlich seltener bezahlte Arbeit als Männer, wenn sie bezahlte Jobs finden, dann verdienen sie verglichen mit den Frauen in Industrieländern im Schnitt noch wesentlich weniger als Männer dort und dürfen oft weder Land besitzen noch ein Erbe antreten. Unter den absolut armen Menschen auf der Erde, das sind jene, die von weniger als dem Gegenwert eines US-Dollars pro Tag leben, sind die Frauen weit in der Mehrzahl. Frauen weisen höhere AnalphabetInnenraten auf, sie sind – mit wenigen Ausnahmen beispielsweise in Ruanda – in politischen Gremien deutlich unterrepräsentiert, sind nicht in wirtschaftliche Entscheidungsstrukturen eingebunden, haben schlechteren Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen wie dem Gesundheitssystem, Schulen oder Universitäten und sie kommen in den Medien kaum vor. Sie sind von Liberalisierungen öffentlicher Daseinsvorsorge wie etwa der Wasserversorgung besonders betroffen, und obwohl es die Frauen sind, die weltweit überwiegend die Lebensmittel produzieren, sind auch gleichzeitig sie es, die am meisten Hunger leiden, oft weil sie lieber selbst hungern, als dass ihre Familie nichts zu essen hätte. Frauen kümmern sich in der Regel um die Familienangehörigen, pflegen alte Verwandte und ziehen Kinder groß und sind oft aufgrund dieser Aufgabe aber auch generell aufgrund tradierter Rollenzuschreibungen von bezahlter Arbeit ausgeschlossen. Mittlerweile sind unter den Neuinfektionen mit HIV mehr Frauen als Männer und aufgrund ihrer familiären, sozialen und ökonomischen Situation können Frauen unerwünschten Geschlechtsverkehr oft nicht zurückweisen. Mädchen und Frauen werden genital verstümmelt, gegen ihren Willen mit alten Männern verheiratet, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ins Ausland verschleppt und dort sexuell missbraucht oder versklavt. Frauen haben keinen Zugang zu Methoden der Geburtenkontrolle oder dem Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten und bekommen oft keine grundlegende Sexualaufklärung in der Schule oder in der Familie. 350.000 Frauen sterben jährlich in Entwicklungsländern während der Schwangerschaft oder der Geburt, sie haben bei Komplikationen keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und es sind selten qualifizierte Hebammen verfügbar. Frauen haben kaum Zugang zu materiellen Ressourcen, sie verfügen seltener über Konten oder technische Hilfsmittel als Männer – lediglich bei der Vergabe von Mikrokrediten werden sie bevorzugt, weil sich erwiesen hat, dass Frauen Geld so investieren, dass die gesamte Gemeinschaft etwas von ihrer Tätigkeit hat und sie Kreditraten wesentlich verlässlicher zurückzahlen, als Männer das tun. Und jene Frauen, die im Ausland arbeiten, überweisen einen höheren Prozentsatz ihres Einkommens nach Hause an die zurückgebliebenen Familien, als ihre männlichen Schicksalsgefährten. Frauen stehen oft vor unüberwindlichen Hürden wenn es um den Zugang zu Recht und Justiz geht, sie sind als erste und am schlimmsten von Naturkatastrophen betroffen und oft geht die darauf folgende Hilfe an ihren Bedürfnissen schlichtweg vorbei. Gerade in Situationen nach Katastrophen oder nach und während kriegerischen Auseinandersetzungen sind Frauen massiv von Gewalt betroffen, die oft strategisch eingesetzt wird.Mädchen werden als Kindersoldatinnen verschleppt und als Kanonenfutter und Sexskla-

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vinnen für Heeresführer missbraucht. Gerade Frauen, denen ein solches Schicksal durch Verschleppung widerfahren ist und dieses überleben, bleiben von ihren Familien und ursprünglichen Gemeinschaften auch nach ihrer Rückkehr ein Leben lang ausgeschlossen und vegetieren als Bettlerinnen und Bittstellerinnen am Rande der Gesellschaft dahin. Diese Fakten zeigen, dass bei allen Bemühungen im Bereich der Außen- und Entwicklungspolitik die Nöte und Bedürfnisse von Frauen speziell anzusprechen sind. Ohne dass wir Frauen – als meist die Schwächsten in sich entwickelnden Gesellschaften – mit unserer Politik empowern, fördern und die dementsprechenden politischen Rahmenbedingungen schaffen, wird keine grundlegende und zukunftsfähige Entwicklung dieser Länder möglich sein. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:  Österreich muss in der Entwicklungszusammenarbeit die Gleichstellung der Geschlechter auch in der praktischen Umsetzung zur Grundlage machen.  Die Zusammenarbeit mit erfahrenen aktiven Frauen-NGOs sowohl in Österreich als auch in den Zielländern muss gewährleistet sein und es ist darauf zu achten, dass bei der Beurteilung förderungswürdiger Projekte stets die Gleichstellung der Geschlechter und der Schutz bzw. die Förderung von Frauen und Kindern im Vordergrund stehen.  Umfassende Programme für die Betreuung und den Schutz von Opfern von Gewalt gegen Frauen und Kinder müssen ein spezifisches Kriterium für die Evaluierung von Entwicklungszusammenarbeits-Projekten und Programmen sein, sowohl in Geber- als auch in Empfänger-Ländern.  Spezieller Nachholbedarf herrscht bei Frauen beim Zugang zu Bildung, zu (speziell sexuellen und reproduktiven) Gesundheitsleistungen und bei der Schaffung von Grundlagen für eine ökonomische Selbstbestimmtheit. Hier müssen Programme der Entwicklungszusammenarbeit vermehrt ansetzen.  Friedenssicherung, Konfliktprävention sowie Wiederaufbau in Ländern nach bewaffneten Konflikten müssen per se politische Ansätze werden, die Frauen zugute kommen, da sie die zumeist betroffenen Opfer sind.  Entwicklungszusammenarbeit muss einen messbaren Beitrag zur Korrektur von geschlechtsspezifischer Diskriminierung leisten.  Es muss wieder eine wahrnehmbare österreichische Menschenrechtspolitik geben, denn Menschenrechten zum Durchbruch zu verhelfen heißt in der Regel gleichzeitig, speziell Frauen zu ihren Rechten zu verhelfen.  Eine armutsbekämpfende Politik ermöglicht vordringlich Frauen den Zugang zu Erwerbsarbeit und eine kohärente Entwicklungspolitik muss von Haus aus in all den angesprochenen Bereichen, wo es gilt, aktive Entwicklungszusammenarbeit zu leisten, gendersensitiv sein.  Entwicklungsgelder müssen so eingesetzt werden, dass sie Kriterien des gender budgeting entsprechen und Parlamente, Zivilgesellschaft und vor allem Frauen müssen in die Umsetzung des Geldes in konkrete Maßnahmen vor Ort eingebunden werden  Erfüllung der internationalen Verpflichtungen was die Finanzierung der Entwicklungszusammenarbeit betrifft mit dem Auftrag, bis 2015 mindestens 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungsarbeit aufzubringen. Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den SPÖ-Nationalratsklub, SPÖ-Landtagsklubs, Finanzstaatssekretär

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Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

Antrag 17. Umwelt und Klimaschutz Eingebracht von der Jungen Generation in der SPÖ Frauen, Umwelt, Klimaschutz Eine Gesellschaft, in der es eine ungleiche Bewertung von Versorgungs- und Erwerbsarbeit gibt, in der Einkommens- und Vermögensverhältnisse krass ungleich verteilt sind, in der die Bildungs- und Karrierechancen geschlechtsspezifisch ungleich sind und in der die Verfügbarkeit über Produktionsmittel und die Gestaltung des Umgangs mit natürlichen Ressourcen nicht für alle Menschen gleich ist, ist keine zukunftsfähige Gesellschaft. Eine nachhaltige Entwicklung von Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt setzt neben der Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ein Überdenken der Beziehung des Menschen zu allen seinen Lebensbereichen voraus. Dabei kann nicht ignoriert werden, dass die Natur nicht als beliebig kontrollierbares, kostenloses und unbegrenztes Kapital unter die Räder der herrschenden, wachstumsfixierten Ökonomie gerät. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass sich Frauen ungleich mehr von akuten und potentiellen Umweltkatastrophen bedroht fühlen als Männer. Gleichzeitig hindern patriarchische Machtstrukturen ihre Teilnahmen an einem Prozess, der zu stärkeren Umwelt- und Klimaschutz und somit zu dauerhaft besseren Lebensbedingungen für alle führen soll. Der klassisch männliche Zugang zu Umweltproblemen äußert sich vor allen in seiner technikdominierten Lösungsorientierung. Daher halten wir es für wichtig, umwelt- und frauenpolitische Strategien so miteinander zu verbinden, dass gleichzeitig der Abbau von Herrschaftlichkeit gegenüber der Natur und ein Machtabbau zwischen den Geschlechtern erreicht werden. Konkret fordern wir eine Umverteilung von Aufgaben, Pflichten sowie der weniger werdenden Ressourcen zwischen den Geschlechtern. Die Produktion von Energie, der Verkehr und die Raumplanung sind für einen effektiven Umwelt- und Klimaschutz grundlegende Bereiche und gleichzeitig solche, die nahezu frauenlos sind. Dabei haben realpolitisch umstrittene Maßnahmen wie etwa CCS (Carbon Capture and Storage – also das Speichern von schädlichem, übermäßigem CO2 unter der Erde), der Emissionshandel oder das unreflektierte Einsetzen von nicht nachhaltig hergestellten Agrotreibstoffen noch immer die Überhand im Ideenwettstreit mit jenen Lösungen, denen Frauen eher zugänglich sind, also beispielsweise strukturellen Energiesparmaßnahmen, ein Hinterfragen unseres Mobilitätverständnisses oder der Bereitschaft zur Veränderung von Lebensstilen. Um hier entgegenzusteuern, halten wir entsprechende Maßnahmen auf der Ebene der Aufbau- und Ablauforganisation von Verwaltung und Politik für notwendig. Beispiele dafür umfassen:  Die Quotierung von umweltrelevanten Gremien in Politik, Wirtschaft und Verwaltung

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"Gender-Trainings" für MitarbeiterInnen der relevanten Ministerien Das Controlling umweltpolitischer Maßnahmen unter Berücksichtigung geschlechterpolitischer Perspektiven Das Aufgreifen der bisher vorliegenden Ergebnisse der feministischen Umweltforschung bei der Gestaltung von Umweltpolitik

Als SPÖ nehmen wir die unterschiedlichen Zugänge von Frauen und Männern im Bereich Umweltschutz wahr und auch ernst. Dem von Frauen eher bevorzugten Vorsorgeprinzip, das sich nicht auf rein technische Reparatur- und Konservierungsmaßnahmen beschränkt, widmen wir daher große Aufmerksamkeit und versuchen, oft wenig beachteten aber deshalb nicht minder wirkungsvollen Lösungsansätzen zum Durchbruch zu verhelfen. Zentral mit dem Schutz unserer Umwelt ist der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen verbunden. Dabei spielen Kaufentscheidungen eine bedeutende Rolle: die Entscheidung für energieeffiziente Geräte, für Fahrzeuge, bei denen die Wirtschaftlichkeit und nicht die Schnelligkeit im Vordergrund stehen, für Wohnraum, der energieeffizient gebaut wurde und ökologisch sinnvoll beheizt, belüftet und belichtet werden kann und für Produkte, die repariert werden können und keine Einweg-Erzeugnisse sind, ist dabei von großer Bedeutung. In Familien werden Kaufentscheidungen meist von Frauen getroffen oder zumindest maßgeblich beeinflusst: vom Hygieneartikel über den Urlaub bis hin zu Autos sind es meist die weiblichen Familienmitglieder, die über die Größe des CO2-Rucksacks von Produkten und Dienstleistungen, über den Verzicht auf schädliche Chemikalien und den Kauf von ökologisch und fair hergestellte Lebensmittel entscheiden. Frauen hier eine öko- und klimasensible Entscheidungsgrundlage zu bieten, kann massiven positiven Einfluss auf Umwelt und Atmosphäre haben. Gerade bei der Ernährung wünschen sich viele KonsumentInnen Lebensmittel, die gesund und aus ökologischer Landwirtschaft sind, hergestellt unter sozial gerechten Bedingungen und aus dem regionalen Umfeld - sozusagen im Einklang mit der Natur. Der Umstieg auf mehr ökologische Landwirtschaft, welche leistbare Produkte liefert, lässt sich durch das Streichen von Subventionen für Monokulturen und Massentierhaltung erleichtern. Außerdem sollten keine Gelder mehr für Vernichtungsprämien und Exportsubventionen ausgegeben werden. Dies hat auch einen entwicklungspolitischen Hintergrund: Billigste weil mit Steuergeldern hochsubventionierte europäische Landwirtschaftsprodukte überschwemmen derzeit den afrikanischen Markt und erschweren es den lokalen Bäuerinnen und Bauern von ihren Ernten leben zu können. In vielen Bereichen können KonsumentInnen derzeit aber gar nicht frei wählen, weil Informationen fehlen: Beispielsweise bleibt es den Konsumentinnen meist verborgen, ob ein T-Shirt unter menschenunwürdigen Bedingungen von Näherinnen in Bangladesch hergestellt wurden, oder ob es sich um ein einigermaßen „faires“ Produkt handelt, welche Farbstoffe zum Färben verwendet wurden und ob das Abwasser gereinigt wird oder direkt das Grundwasser verseucht. Eine bessere Kennzeichnungspflicht könnte hier einiges verbessern. Dass dies prinzipiell möglich ist, beweist die erfolgreiche Bezeichnung bei Hühnereiern. So können KonsumentInnen besser wählen, welche Produkte sie gerne konsumieren. Ein weiteres wichtiges Thema ist der Schutz der ökologischen Bewirtschaftung vor der Vermischung mit Gentechnisch Veränderten Organismen (GVO). Dazu sollte es vor allem einfachere Möglichkeiten geben, GVO-freie Regionen zu etablieren. „Gutes Leben“ im Sinne von hoher Lebensqualität UND verantwortungsvollem Umgang mit Umwelt und Ressourcen ist gegenwärtig oft von der finanziellen Möglichkeit der

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Menschen abhängig. Nicht jeder und vor allem nicht jede kann es sich leisten, biologische Produkte zu essen, die Freizeit in gesunder Umwelt zu verbringen und CO2neutral zu reisen und zu wohnen. Schutz von Klima und Umwelt darf aber kein Luxus sein - nicht im Sinne der Umwelt und schon gar nicht im Sinne der einzelnen KonsumentInnen. Es geht nicht an, dass die ärmsten Menschen in schlecht isolierten Wohnungen mit klimazerstörenden Heizungen und den höchsten monatlichen Betriebskosten sitzen und keine Chance haben, etwas an ihrer Situation zu ändern, weil VermieterInnen ihnen jede Änderung verbieten und sie es sich auch gar nicht leisten könnten, Fenster zu tauschen oder die Ölheizung gegen eine umweltfreundliche Alternative zu tauschen. Daher müssen staatliche Zuschüsse für Umweltmaßnahmen wahlweise auch als Kredit in Anspruch genommen werden können, der beispielsweise über Einsparungen durch geringere Heiz- und Betriebskosten oft schon in wenigen Jahren wieder abgezahlt ist. Die umweltfreundliche Investition jedoch bleibt üblicherweise über Jahrzehnte hinweg bestehen und hilft, Klima und Geldbörse zu schonen. Der Wunsch nach räumlicher Nähe zu hochwertigem Grün, der oft speziell Frauen nachgesagt wird, hat unter anderem dazu geführt, dass immer mehr Menschen sich im städtischen Umland ansiedeln. Dies führt zu ökologisch negativen Effekten wie Zersiedelung, schlechte öffentliche Verkehrsanbindung und der Notwendigkeit des Pendelns zu einem Arbeitsplatz in die Stadt hinein. Hierbei gibt es unterschiedlichste Ansätze, die schon dabei beginnen, den Wunsch nach gesundem Grün auch innerhalb der Stadt zu erfüllen und die dementsprechenden hochwertigen Grünanlagen leicht erreichbar anzubieten. Auch urbane „Speckgürtel“ müssen mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut und sicher erreichbar sein, so dass niemand auf ein Auto angewiesen ist, über welches Frauen übrigens wesentlich seltener verfügen als Männer. Das Angebot von Teleworking, wo frau nicht jeden Tag ins Büro fahren muss, soll unter der Prämisse ausgebaut werden, dass solche Arbeitsplätze nicht mit einer kombinierten Kinderbetreuung zu Hause verwechselt werden. Erfüllende und befriedigende Jobs verlangen ebenso die komplette Aufmerksamkeit, wie die Arbeit mit Kindern durch professionelle BetreuerInnen. Interessant ist die Studie des VCÖ, wonach Frauen in Österreich im Schnitt 51 % ihrer Alltagswege zu Fuß, mit dem Fahrrad und mit Öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen, Männer hingegen nur 36 %. Und während rund 70 % der Männer täglich oder mehrmals die Woche ein Auto lenken, tun das nur 49 % der Frauen. Frauen sind also wesentlich unabhängiger vom Auto als Männer und multimodaler unterwegs. Die Forderung nach stärkerer Einbeziehung von Frauen in die Verkehrsplanung und die Einführung von Gender-Budgeting im Verkehrsbereich liegen auf der Hand. Dabei soll bei öffentlichen Verkehrsausgaben auf die geschlechtergerechte Verteilung geachtet werden und die Investitionen zur Hälfte Frauen zugute kommen. Das heißt: Mehr Geld für Radwege und fussgängerInnenfreundliche Lösungen. Darüber hinaus sollte aber auch das Konzept der kurzen Wege gefördert werden. So sollte es möglich sein, ohne Auto zur Arbeit, zur Schule, zu diversen Geschäften und sozialer Infrastruktur oder in Naherholungsgebiete zu kommen. Projekte, die dieses Konzept nicht befolgen, also "Planung in der grünen Wiese", sollen noch strikter von allen Förderungen ausgeschlossen sein. Die Minimalanforderung liegt in der guten Erreichbarkeit mittels günstiger öffentlicher Verkehrsmittel. Von der Verlagerung auf umweltfreundliche Verkehrsträger profitieren vor allem die Menschen: Verkehrsberuhigte Zonen werden möglich und man lebt nicht mehr zwischen parkenden Autos und mit ständigem Verkehrslärm. Das Angebot der öffentlichen Verkehrsmittel sollte zu fairen und sozialen Preisen gestellt werden, damit Mobilität und Flexi-

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bilität keine Frage des Geldes und der sozialen Herkunft mehr sind. Frauen sind nicht nur wesentliche Playerinnen, wenn es darum geht, Umwelt und Klima zu schützen. Sie sind in vielen Teilen der Welt auch die Hauptbetroffenen von Klimaerwärmung und sich ändernden Lebensbedingungen, die dadurch verursacht werden. Weltweit betrachtet sind es vor allem die Frauen, die Lebensmittel anbauen, Vieh hüten und Wasser besorgen. Durch zunehmende Dürren oder andere extreme Wetterphänomene werden ihre Aufgaben unerfüllbarer, die Ernten karger, die Wege weiter und es bleibt dadurch weniger Zeit und Möglichkeit für Mädchen, zu Schulausbildung zu kommen und für Frauen, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, die für ein ökonomisch und sozial selbständiges Leben eine wichtige Voraussetzung wäre. Aufgrund nicht mehr vorhandener Wasser- und Bodengrundlagen gibt es für zunehmend mehr Frauen keine Perspektive mehr, sich und ihre Familien zu ernähren. Die einzige Chance auf ein Überleben liegt darin, die Heimat zu verlassen und anderswo Zukunft für sich und die Familie zu suchen – oft endet dieses Unterfangen nicht mit dem Erfüllen der Hoffnungen. Eine international denkende, solidarische Klimapolitik, die jenen, die die Klimaerwärmung mit Nichten verursacht haben aber am meisten darunter leiden, dabei hilft, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen, die kohlenstoffarme Technologie und das dafür nötige Knowhow zur Verfügung stellt und dabei unterstützt, dass auch Entwicklungsländer in der Lage sind, ihren Beitrag für eine Reduktion des globalen Treibhausgasausstoßes zu leisten ist eine, die sich in besonderem an Frauen zu wenden hat. Auch in den Ländern des Südens spielen Frauen eine zentrale Rolle bei Umweltschutz und dem verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen, dort haben sie aber noch weniger die Mittel und den Zugang zu Entscheidungen, weshalb sich Entwicklungspolitik im Umwelt-, Mobilitäts- und Energiesektor besonders an den Bedürfnissen der Frauen zu orientieren hat. Eine Verbindung von Entwicklungs-, Umwelt- und frauenpolitischen Strategien hilft auch dabei, Auswirkungen von Katastrophen zu mindern und präventiven Katastrophenschutz zu ermöglichen. So verhindern z.B. intakte Mangrovenwälder die schlimmsten Auswirklungen von Flutwellen, eine emissionsarme Produktionsweise belastet Wasser und Boden weniger. Das führt dazu, dass in Fällen von Dürren oder anderen extremen Wetterphänomenen die negativen Auswirkungen auf die Versorgung von Grundnahrungsmittel abgemildert werden. In der Produktion von Kaffee, Kakao und Tee, Südfrüchten, Blumen und Gewürzen sind oft Frauen beschäftigt. Die Zertifizierung mit dem Fair Trade Sigel garantiert nicht nur faire Löhne für die Frauen sondern auch den geringen Einsatz von Pestiziden und Düngemittel und gleichzeitig die Möglichkeit für die Arbeiterinnen, sich vor den Auswirkungen der Gifte ausreichend zu schützen. Darüber hinaus finanziert Fair Trade oft auch Weiterbildung für die Frauen und Einrichtungen, die ihnen die Vereinbarung von Beruf und Familie erleichtert, wie z.B. Kindergärten. Über die schon in dieser Analyse erwähnten Forderungen hinaus bieten sich für die SPÖ Frauen viele weitere Handlungsoptionen in der Umwelt- und Klimapolitik. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher: Erstellen und Verteilen einer Broschüre mit der Abkürzung der E-Nummern für den umweltbewussten Einkauf mit Hinweisen auf mögliche Allergien und Auswirkungen durch Farb- und Zusatzstoffe sowie künstlichen Aromen.

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Das Erstellen einer Homepage mit  einem CO2-Rucksack-Rechner (wie viel CO2-Äquivalente haben Erdbeeren aus Spanien, wie viel aus dem Burgenland)  Info zur Vergleichbarkeit von Produkten nach Verbrauch, grauer Energie, Reparierbarkeit  Adressen von Reparatur- und Servicezentren  Online-Austauschmöglichkeit über die Zufriedenheit, Langlebigkeit, von Produkten  Energieberatung in der Nähe, Service und Beratung über Finanzierungen  Im eigenen Bereich Konsumgüter mit Fair Trade Siegel oder aus biologischer Landwirtschaft (bei Kaffee, Tee, Blumen, Säften, Schokolade,…) bei Konferenzen, Sitzungen und in Sekretariaten verwenden und die dementsprechende Bewerbung, damit MultiplikatorInnen gewonnen werden.  Aktivitäten und Veranstaltungen zur gesamtheitlichen Betrachtung von Entwicklung versus Wachstum organisieren.  Politisches Engagement zum sozial treffsicheren Design von Förderungen (Kreditwürdigkeit schaffen, Contracting Modelle, …).  Offensive, um Frauen als Energieberaterinnen, Kaufentscheidungshelferinnen, etc. auszubilden, müssten alles Zukunftsberufe sein.  Glaubhafte internationale Klimapolitik mit ambitionierten Zielen betreiben.  Thermische Sanierung politisch vorantreiben, schafft (vor allem Männer)Arbeitsplätze und erhöht Lebensqualität bei sinkenden Betriebskosten.  Entwicklungsprojekt mit Klima- oder Umweltschutzbezug auf politischer Entscheidungsebene und via Fundraising unterstützen und dementsprechende Öffentlichkeitsarbeit dazu.  Frauen bei der Gestaltung von hochwertigen innerstädtischen Grünflächen einbeziehen, Partizipationsphase und Umsetzungsphase dürfen nicht zu lange auseinander liegen - Eröffnung der neugestalteten Parkanlage, Innenhof o.ä. mit einem Frauenfest.  Ausbau von qualitativ hochwertigen Telearbeitsplätzen.  Intensiver Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs. Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den SPÖ-Nationalratsklub, an die SPÖ Landtagklubs Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Thema [F]: Bildung und Kultur Antrag 18. Bildung und ländlicher Raum Eingebracht von den SPÖ Frauen Burgenland Bildung & Beruf im ländlichen Raum Noch nie waren Frauen so gut ausgebildet wie heute. Die Bildungsstatistik zeigt, dass Frauen in Österreich in den vergangenen 40 Jahren enorm aufgeholt haben. Seit dem Jahr 1971 ist die Zahl jener Frauen, die lediglich einen Pflichtschulabschluss haben, stark zurückgegangen. Im Gegensatz dazu haben viel mehr Frauen als in den vergangenen Jahren eine höhere Ausbildung. So haben 85 Prozent der Frauen einen, über die Pflichtschule hinausgehenden, Abschluss. Bei den Männern sind es 83 Prozent. Während im Jahr 1971 1,3 Prozent der Frauen eine Universität oder Hochschule abgeschlossen haben, waren es im Jahr 2008 bereits 9,8 Prozent. 1971 hatten 70,4 Prozent der Frauen lediglich einen Pflichtschulabschluss, 2008 waren es nur mehr 22,3 Prozent. Im ländlichen Raum sieht die Sache ein bisschen anders aus. Die Bildung ist am Land generationenabhängig. Viele ältere Frauen haben keine oder eine nur sehr unzureichende Bildung – meist nicht mehr als einen Pflichtschulabschluss. Die jungen Frauen hingegen sind oft sehr gut ausgebildet, haben Matura und Studium. Menschen mit niedrigen Qualifikationen sind besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen. Zusätzlich gelten heute am Arbeitsmarkt bereits Personen ab 45 als „schwierig zu vermitteln“. Diese Faktoren gelten in besonderem Maße für Frauen über 45 Jahre, die oftmals – bedingt durch „klassische“ weibliche Berufsbiographien – geringeren Zugang zu Aus- und Weiterbildung hatten bzw. bedingt durch Betreuungspflichten den Anschluss an den Arbeitsmarkt verloren haben und Aus- und Weiterbildung für sich nicht beanspruchen können. Berufliche Mobilität bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur, geographisch mobil zu sein, sondern auch geistig mobil zu sein. Das heißt, höher qualifizierende Weiterbildungsangebote zu kennen und nutzen zu können. Nur so können Frauen nachhaltig mit der flexibilisierten Arbeitswelt Schritt halten. Besonders Frauen ab 45 kämpfen mit Mobilitäts- und Integrationsbarrieren zum Arbeitsmarkt. Diese Barrieren müssen abgebaut werden um die Frauenerwerbsquote im ländlichen Raum steigern zu können. Ein weiterer Ansatzpunkt um Frauen im ländlichen Raum in Beschäftigung zu bringen, ist sie dazu zu motivieren sich mit kleinen Nahversorgungsbetrieben selbstständig zu machen. Unter Nahversorgung verstehen wir allerdings nicht nur Lebensmittelgeschäfte, sondern auch Geschäfte für z.B. Wohnideen oder innovative Kinderbildungseinrichtungen. Diese selbstgeschaffenen Klein- und Kleinstbetriebe scheitern oft schon bei der Gründung, da sie über ein geringeres Grundkapital verfügen und so oft keinen Anspruch auf geförderte Kredite haben. Daher ist es besonders wichtig, dass Frauen, die sich so ihren Arbeitsplatz selbst schaffen, gut informiert und bis in die Selbstständigkeit begleitet werden.

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Die Bundeskonferenz der SPÖ Frauen fordert daher:  Empowerment der Zielgruppe durch Kompetenzfeststellung, Erhöhung der Mobilität und der Motivation zu Weiterbildungen durch innovatives Coaching – und zwar durch eine mobile Bildungsberatung (Projektbeispiel „Bildungsbus“ Burgenland)  Neudefinition von Förderrichtlinien, die es auch Frauen mit Kleinstbetrieben und geringen Grundkapital erlauben, beruflich selbstständig durchzustarten Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an die Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur und an die Bundesministerin für Verkehr, Innovation und Technologie Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

Antrag 19. Antrag zu Schule/Bildung Eingebracht von den SPÖ Frauen Salzburg

Gleicher Zugang zur Bildung für jedes Kind in Österreich, unabhängig von Herkunft, Einkommen und Bildung der Eltern ist die Voraussetzung um zu einer freien, gebildeten und chancengleichen Gesellschaft zu gelangen. Deshalb wird sich die SPÖ in den kommenden Jahren den wichtigsten Herausforderungen im Bildungssystem noch intensiver widmen müssen. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher: Ausbau ganztägiger Schulformen Der Ausbau von ganztägigen Schulformen hat nicht nur bessere individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen zur Folge, sondern ist auch ein wichtiger Baustein um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Mütter UND Väter zu verbessern. Wir müssen deshalb die ganztägigen Angebote an den Schulen konsequent verbessern und ausbauen: 

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Das umfangreiche Projekt „Tagesbetreuung NEU“ des bmu:kk startete in Kombination mit dem Qualitätsgütesiegel für gelungene Tagesbetreuung im Herbst 2009 österreichweit an 81 Schulstandorten. Die zertifizierten Schulen sind „Kompetenzzentren“ für gut gelungene Tagesbetreuungen. Sie leben Tagesbetreuung als Teil des schulischen Alltags, sie fördern die Kinder im Bereich Freizeit und der Lernzeit und sie bieten kindgerechte, ausgewogene Verpflegung. Es ist das Ziel der SPÖ alle Schulen mit Tagesbetreuungsangebot im Bundesgebiet auf dieses neue, zeitgemäße Angebot mit einer guten Mischung aus Förderangeboten und Freizeitaktivitäten umzustellen. Die notwendigen Weichen hierfür sollen so rasch wie möglich gestellt werden.

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Ein Aufbauplan soll eine Strategie für die kommenden Schuljahre festlegen. Denn: Tagesbetreuung darf nicht als Aufbewahrungsstätte verstanden werden. Die Anzahl an ganztägigen Schulangeboten muss weiter ausgebaut werden. Insbesondere die verschränkten Formen müssen möglichst flächendeckend eingeführt werden. Sie sind pädagogisch am wertvollsten, eine wirksame Chance gegen soziale Barrieren und betreffen das gesamte Sozialsystem „Klasse“. Wahlfreiheit für Eltern setzt ein Angebot voraus, das derzeit nicht vorhanden ist.

Ausbau Neue Mittelschule Im Schuljahr 2009/10 gibt es 244 Neue Mittelschulen in ganz Österreich – ab Herbst 2010 werden es bereits 320 Schulen sein, viele Anträge konnten aber auf Grund der gesetzlichen Einschränkungen nicht berücksichtigt werden. Mit der Neuen Mittelschule wird eine zu frühe Trennung der Kinder in unterschiedliche Bildungskarrieren verhindert. Wir fordern daher:  Anhebung der gesetzlichen Deckelung von Schulversuchen mit 10% damit sich alle interessierten Schulen an der Neuen Mittelschule beteiligen können. Sprachförderung Sprache ist der Schlüssel zu gelungener Bildung – und Bildung ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Berufsausbildung. Wir fordern daher:  Bessere Förderung der SchülerInnen mit Förderbedarf an Pflichtschulen - Ausbau der DeutschKurse  Weiterer Ausbau des Förderprogramms „Muttersprachlicher Unterricht“ in kleinen Fördergruppen oder integrativ (Teamteaching)  Weiterführung und Ausbau der Sprachförderung für außerordentliche SchülerInnen mit mangelnden Deutschkenntnissen an Pflichtschulen in Fördergruppen mit bis zu 11 Wochenstunden entweder integrativ (Teamteaching) oder parallel zum Unterricht Programme zur Gewaltprävention  Gewaltfreies Lösen von Konflikten und rationaler Umgang mit Meinungsverschiedenheiten kann nicht früh genug gelernt werden. Wir fordern:  Entwicklung und weiterer Ausbau von Schwerpunktprogrammen in Kindergärten und Volks- und Hauptschulen  Begleitung der Schulen bei der Erarbeitung von Verhaltensvereinbarungen.  Förderung von Gewaltpräventionsprojekten in allen Schultypen  Zusätzliche freie SchulpsychologInnen auf Werkvertragsbasis mit Kooperations- und Koordinationsverpflichtung mit dem Schulpsychologischen Dienst

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Ausbau der Berufsorientierung und Bildungsberatung Bildungswegentscheidungen sollen unabhängig vom familiären, sozialen und regionalen Hintergrund getroffen werden können. Wir fordern daher:  Einen verbindlichen Katalog von Aktivitäten mit Qualitätskriterien (z.B.: qualitätsvolles Kennenlernen von Betrieben, Besuch von Bildungsmessen usw.) für die 7. und die 8. Schulstufe in allen Schularten.  Ausbau von Pilotprojekten wie z.B.: „Studienchecker“  Programme, die Frauen motivieren nicht traditionelle Berufen zu ergreifen  Durch gezielte Förderungen von Aktivitäten in Schulen und in der außerschulischen Jugendarbeit sollen mehr Mädchen für technische Berufe interessiert werden. Dies gilt sowohl für weiterführende Schulen wie auch für Lehrberufe und Studien.  Unterstützung und Bewerbung aller Aktivitäten (z.B.: Girls´Day, Gender Day) die das Ziel haben, Rollenmuster in der Aus- und Weiterbildung zu durchbrechen  Schulbücher, vorallem im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich sind auf klischehaft Rollenbilder zu durchsuchen und gegebenenfalls zu überarbeiten Männer in atypischen Berufen  Berufsfelder, in denen heute hauptsächlich Frauen arbeiten, sollen auch für Männer attraktiv werden – durch Role Models (Kindergartenpädagoge, Volksschullehrer, Gesundheits- und Krankenpfleger) und gezielte Informationen (Boys’ Day) soll eine Durchmischung gefördert werden. Gender-Beauftragte in allen Schulen  In allen Schulen werden Gender-Beauftragte (Lehrerinnen und Lehrer) eingesetzt, die sich für geschlechtssensiblen Unterricht einsetzen. Unterstützt werden sie durch gezielte Fortbildungsangebote. Zeitgemäße effektive Schulverwaltung und LehrerInnenausbildung  Um bessere, einheitliche Qualität in unserem Bildungssystem zu gewährleisten müssen alle Verantwortlichen – Bund, Länder und Gemeinden – mit großem Einsatz an einer zeitgemäßen, effektiven Schulverwaltung arbeiten – dazu bekennt sich die SPÖ.  Eine moderne, gemeinsame Ausbildung für alle PädagogInnen – auch für KindergartenpädagogInnen und SozialpädagogInnen – ist ein weiteres großes Ziel, das so rasch wie möglich verwirklicht werden soll. Die begabtesten Menschen mit ausgeprägtem Verantwortungsbewusstsein und Leistungsorientierung sollen für den Lehrberuf gewonnen werden. Empfehlung der Antragsprüfungskommission:  Annahme und Weiterleitung an die Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Antrag 20. Gleichstellung durch (Aus-)Bildung Eingebracht von den SPÖ Frauen Niederösterreich

Mehr als 51 Prozent der österreichischen Bevölkerung ist weiblich. Frauen sind von enormer Bedeutung für unser Wirtschaftswachstum und eine nachhaltige Entwicklung sowie für den sozialen Zusammenhalt. Die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, die Frauen am Land zur Verfügung stehen, tragen aber der wichtigen Rolle der Frauen kaum Rechnung. Es ist falsch, auf das derzeit brachliegende Potential der Frauen zu verzichten. Frauen sind im Berufsleben sowie beim Einkommen noch lange nicht den Männern gleichgestellt. Dafür gibt es viele Gründe. Einzelhandelskauffrau, Bürokauffrau, Friseurin: Das sind vor allem im ländlichen Raum noch immer die drei am häufigsten von Mädchen gewählten Lehrberufe – der Markt für diese Berufe ist aber übersättigt und viele Jobs sind schlecht bezahlt. Rund 70 Prozent der Mädchen wählen in Österreich aus nur zehn der rund 250 möglichen Lehrberufe aus. Darunter sind zahlreiche Berufe mit traditionell geringem Einkommen, technische Berufe mit höherer Entlohnung werden von Mädchen kaum in Erwägung gezogen. Auch technische Schulen, wie beispielsweise HTLs, erobern Mädchen nur langsam. Eine daraus resultierende Forderung ist eine verpflichtende Berufsberatung in den Unterstufen, um damit mehr Mädchen für technische Berufe zu interessieren und eine Fokussierung bei beruflicher Neuorientierung von Frauen auf handwerklich technische Berufe. Eine weitere wesentliche Ursache für die Einkommensdifferenz ist das Ansteigen der Teilzeitarbeit bei Frauen. Dieser Trend wird oft bedingt durch das nicht ausreichende und bedarfsgerechte Angebot an Kinderbetreuungsplätzen - diese müssten vor allem am Land flächendeckend und leistbar sein, mit flexiblen Öffnungszeiten, die an die Arbeitszeiten der Eltern angepasst sind. Weiterbildungsmaßnahmen werden von Frauen oft nicht in Anspruch genommen, da diese oft zu Zeiten durchgeführt werden, an denen kaum Kinderbetreuungsmöglichkeiten angeboten werden. Dies gilt auch für Maßnahmen zur Höherqualifizierung in Betrieben. Betriebskindergärten wären hier wünschenswert, aber auch punktuelle Betreuungsmöglichkeiten stellen eine Lösungsmöglichkeit dar. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss rasch umgesetzt werden. Eine verstärkte Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben würde nicht nur zu einem verbesserten Einsatz der Humanressourcen beitragen, sondern auch zur nachhaltigen Finanzierung der Renten- und Gesundheitssysteme. Und: Wenn ein Euro in die Kinderbetreuung investiert wird, fließen über volkswirtschaftliche Effekte zwischen 1,3 und 2 Euro zurück (Quelle: Analyse der WU Wien). Besondere Aufmerksamkeit verdient die Situation unserer Bäuerinnen. Die Aufgaben und die Verantwortung die Bäuerinnen heutzutage tragen, hat sich zwar stark gewandelt, aber das Selbstverständnis hat sich nicht geändert. Der Beruf der Klein- und Biobäuerin ist auch vom Umweltaspekt her besonders förderungswürdig. Spezielle Qualifizierungsmaßnahmen beispielsweise in Bereichen der Betriebsführung oder Kommunikationsund Marketingseminare werden von den Bäuerinnen gewünscht und könnten einen guten Beitrag zur Verbesserung der Situation im ländlichen Raum beitragen.

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Repräsentative Zahlen aus dem Gewaltschutzzentrum belegen es: Jede dritte Frau war oder ist schon einmal von Gewalt betroffen gewesen. Die Dunkelziffer ist noch viel höher. Auch hier ist bessere Bildung und ein daraus resultierendes höheres bzw. überhaupt ein eigenes Einkommen die beste Präventionsmaßnahme. Flächendeckende, gut beworbene Sozial- und Rechtsberatungsstellen sind notwendig, um Frauen den Ausstieg aus der Gewaltspirale zu erleichtern. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher: „Gleichstellung durch Bildung“  Regionale Entwicklungspläne mit konkreten Frauenschwerpunkten  Verstärkte Angebote für berufliche Aus- und Weiterbildung in den Regionen und Gemeinden  Zweite Chance auf Ausbildung durch Schaffung von Mädchen-/Frauen-Arbeitsstiftungen  Forcierung des Ausbaus der Kinderbetreuungs- und Kinderbildungseinrichtungen – diese müssen leistbar sein und sich an den Bedürfnissen der Eltern und Kinder ausrichten;  Ausbau und Förderung von Betriebskindergärten  Einrichtung von Bildungsberatungen in den Regionen unter verstärkter Einbindung der Berufsinformationszentren  Angebote zur Gesundheits- und Sozialberatung vor Ort  Workshops in den Gemeinden für und von Mädchen und Frauen Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annnahme und Weiterleitung an die sozialdemokratischen BäuerInnen, den SPÖ-Nationalratsklub und an den Bundesminister für Arbeit, Soziales und KonsumentInnenschutz Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Antrag 21. Kunst und Kultur Eingebracht von den SPÖ Frauen Oberösterreich Resolution: Frauen in der Kunst – Gegen den verstellten Blick Die Situation von Frauen in der Kunst unterscheidet sich nicht wesentlich zur Situation von Frauen in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Es geht da und dort um Themen wie Anerkennung, Einkommensunterschiede, Ausschluss, Herrschaftsverhältnisse, Behinderung oder Rollenzuteilungen. Aber auch um andere Blickwinkel, unterschiedliche Zugänge und eigene Standpunkte. Der Auschluss von Frauen hat auch in der Kunst eine Geschichte. Die Akademie der Bildenden Künste wurde in Österreich 1692 gegründet. Frauen waren von der Akademie ausgeschlossen. Ab 1872 durften sie individuell Anträge auf Zulassung an das Professorenkollegium stellen. Die Anträge wurden immer wieder abgelehnt. Die vielen Anträge auf generelle Zulassung der Frauen zur Akademie wurden mit Argumenten wie „Frauen seien nur selten mit schöpferischem Geist auf dem Gebiet der großen Kunst ausgestattet, weshalb im Falle der Zulassung von Frauen zum Studium an der Akademie ein "Überhandnehmen des Dilettantismus und ein Zurückdrängen des männlichen Elementes" zu befürchten sei.“ abgelehnt. Erst 1920 öffnete die Akademie der bildenden Künste als eine der letzten Universitäten (nur die theologischen Fakultäten waren noch später dran) den Frauen den Zugang zum Kunststudium. Noch 1989 haben die Guerilla Girls in einer aufsehenerregenden Kampagne die Frage gestellt: „Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen?“ Die Frage steht stellvertretend für die Wahrnehmung, dass eine oft 100%ige Männerquote der Künstler in Museen, bei Bühnenstücken, Konzerten, Festivals, Auftragsvergaben, etc. ein entsprechendes Bild über die Arbeit von Kunstschaffenden in der Öffentlichkeit prägt. Was aufgeführt, gespielt, ausgezeichnet, präsentiert etc. wird, gilt eher als „herausragende“ Kunst. Künstlerinnen kommen in bestimmten Sparten nicht oder kaum bzw. wenig vor und ihre kreativen Leistungen können daher von der Öffentlichkeit überhaupt nicht wahrgenommen werden. Die Unterrepräsentanz von Frauen verengt und verzerrt den Blick auf die Kunst. Unterschiedlichste Ausschließungsmechanismen bewirken, dass die Arbeit von Künstlerinnen viel seltener im Rampenlicht steht, als die ihrer männlichen Kollegen. Auch weil ihre Werke seltener gesehen, gehört bzw. rezipiert werden können, wird ihre Arbeit geringer bewertet und anerkannt. Das widerspiegelt sich auch in der sozialen Lage der Künstlerinnen. Obwohl mehr Frauen als Männer im Durchschnitt an künstlerischen Ausbildungsstätten studieren bzw. diese absolvieren, gelingt es ihnen seltener, dauerhaft im Kunstbereich Fuß zu fassen. Der Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männer spiegelt sich auch bei Künstlerinnen und Künstlern wider – allerdings auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Weil der überwiegende Teil (d. h. 80%) der Kunstschaffenden ausschließlich selbstständig ist, sind weibliche Kunstschaffende vor diesem Hintergrund besonders armutsgefährdet. Der Bericht zur sozialen Lage der KünstlerInnen hat dazu klare Zahlen geliefert.

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Ordentliche Bundesfrauenkonferenz | 10. Juni 2010 Pyramide Vösendorf Die ungleichen Spielregeln wurden und werden von Künstlerinnen und Frauen-Kunst-Netzwerken immer wieder erfolgreich thematisiert. Sozialdemokratische KunstministerInnen haben mit unterschiedlichen Reformen (u.a. in Hinblick auf Altersgrenzen bei Stipendien und Preisen, Zugang zu Individualförderung, Besetzung von Gremien, Förderschwerpunkte, etc.) entsprechende Gender-Maßnahmen gesetzt. Die Herstellung und Thematisierung von Geschlechtergerechtigkeit in der Kunst und Kultur ist Bestandteil sozialdemokratischer Frauenpolitik. Wir wollen im engen Austausch mit Künstlerinnen und Frauen-Kunst-Netzwerken   

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bestehende Förderrichtlinien und Fördermaßnahmen auf ihre geschlechtergerechte Wirksamkeit hin überprüfen (auch in Hinblick auf mittelbare Diskriminierung) und eventuell neu formulieren. mehr Förderungskriterien, die sich ausdrücklich auf die kreativen Leistungen von Frauen beziehen, entwickeln. die Situation auf Kunstuniversitäten o besonders in Hinblick auf Geschlechterverteilung bei Professuren und o in Bezug auf Geschlechterfragen in der Lehre und Forschung verbessern. neue Modelle für Förderschwerpunkte für Künstlerinnen entwickeln. feministische Kunstvermittlungsprogramme nachhaltig verankern. Zielvorgaben für die geschlechter-paritätische Besetzung von Gremien erstellen. Das betrifft o Jurys, Beiräte, Kommissionen, die über Bestellungen in den Kunst-Institutionen entscheiden, Kollektivvertragsteams und die Auswahl von Kuratorinnen und Kuratoren. o Bei der Besetzung dieser Gremien und Funktionen muss neben der Fach- auch die tatsächliche Genderkompetenz als Qualifikation eingefordert werden.

Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an die Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur, an den Bundesminister für Arbeit, Soziales und KonsumentInnenschutz, an den SPÖ-Nationalratsklub Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Thema [G]: Familie und Vereinbarkeit Antrag 22. Familienrecht Eingebracht von den SPÖ Frauen Niederösterreich Familie, mit diesem Wort sind nicht nur "klassische" Familien mit Vater, Mutter und Kindern gemeint, denn neben dem "traditionellen" Familienmodell gibt es in Österreich auch viele "neue" Formen des Zusammenlebens, die eine sozial gerechte Familienpolitik berücksichtigen muss. Bereits die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung lebt nicht mehr in "klassischen", sondern in alternativen Familienverbänden wie in AlleinerzieherInnenfamilien, Patchworkfamilien oder in Lebensgemeinschaften. Im Zentrum muss die Qualität und nicht die Form des Zusammenlebens stehen. Die Ehe als klassische ökonomische Versorgungseinheit mit starker Arbeitsteilung ist vor allem aus weiblicher Sicht riskant. Im "klassischen" Familienmodell herrscht noch immer die Benachteiligung der Frauen vor. Noch immer sind es die Frauen, die in erster Linie für die Kinderbetreuung zuständig sind. Dies zeigt sich u.a. bei der Anzahl der männlichen Kindergeldbezieher, die derzeit noch unter fünf Prozent liegt. Es ist das erklärte Ziel der SPÖ Frauen, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für beide Geschlechter zu verbessern und auch die Väterbeteiligung bei der Kinderbetreuung zu erhöhen. Das einkommensabhängige Kinderbetreuungsgeld stellt nicht nur für Mütter eine gute Möglichkeit dar bald wieder in ihren Beruf zurückzukehren, sondern soll auch Väter zur Inanspruchnahme von Karenzzeiten motivieren. Väterkarenz sollte darüber hinaus auch stärker in den Betrieben beworben werden, um mehr Selbstverständnis zu schaffen. Die Väterkarenz mit gleichzeitiger Übernahme haushaltlicher Pflichten ist ein Weg hin zu einer ausgewogenen familiären Arbeitsteilung, denn "Echte Männer machen Halbe / Halbe" entspricht in Österreich noch in den seltensten Fällen der Realität. Eine Mikrozensusuntersuchung gibt an, wie viele Stunden für die Haushaltsführung in einem Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern täglich von Frauen aufgewendet werden – fünf Stunden täglich. Dass neben dieser Haushaltstätigkeit eine Berufstätigkeit von acht Stunden täglich kaum möglich ist bzw. nur zu Lasten der Lebensqualität gehen kann, liegt auf der Hand. Für die Gleichberechtigung in der Ehe ist die eigenständige Verankerung jedes Menschen, egal ob Mann oder Frau, in der Arbeitswelt, mit eigenständigen Ansprüchen auf Versicherungsleistungen und Pension, und die annähernd gleichberechtigte Verteilung von Kindererziehung, Pflegeleistungen und Haushaltsführung zwischen den PartnerInnen ebenso wichtig wie in allen anderen Formen des Zusammenlebens. Anforderungen an die Politik ergeben sich aber vor allem durch die steigende Zahl an Scheidungen.

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Auch wenn 90 Prozent der Ehen einvernehmlich gelöst werden, gibt es trotzdem noch zahlreiche Problemfelder nach einer Scheidung, denn Trennungen sind immer mit einem großen Risiko- und Konfliktpotenzial verbunden. Meist sind es Frauen, die dabei mit einem finanziellen Risiko konfrontiert sind. Diese laufen damit Gefahr, in die Armutsfalle zu geraten. Hier sind weitere Verbesserungen im Unterhaltsrecht notwendig. Auch darüber, wie Väter mit dem Besuchsrecht motiviert werden können, ihre Rechte auch tatsächlich wahrzunehmen, muss weiter diskutiert werden. 13 Prozent der Familien in Österreich sind mittlerweile Familien mit nur einem Elternteil, und 85 Prozent dieser Alleinerziehenden sind Frauen. Hier sind vor allem finanzielle, ideelle und soziale Unterstützungen wie auch Sachleistungen und eine gute Infrastruktur sehr wichtig. Die bereits umgesetzten Förderungen wie der AlleinerzieherInnenabsetzbetrag, Unterhaltsvorschuss und Zuschuss zum Kinderbetreuungsgeld sind wesentliche Verbesserungen. Neben den monetären Leistungen ist es aber vor allem der Gratis-Kindergarten, der den Alleinerziehenden eine wesentliche Erleichterung schafft. Ausreichende Betreuungseinrichtungen für Kinder aller Altersstufen versprechen die größte Verbesserung für die Situation der Alleinerziehenden, da nur sie die Tür zur Vollzeitbeschäftigung öffnen. 76.000 Patchwork-Familien sind Realität und müssen ebenso in der Politik berücksichtigt werdeDurch das Familienrechtsänderungsgesetz wurden bereits einige Änderungen, wie die Erweiterung § 90 ABGB durch einen neuen Abs. 3, der besagt, dass jeder Ehegatte dem anderen in der Ausübung der Obsorge für dessen Kinder in angemessener Weise beizustehen hat. Weiters hat er ihn auch in den Obsorgeangelegenheiten des täglichen Lebens zu vertreten, sofern es die Umstände erfordern, vorgenommen. Um Patchworkfamilien eine guten Start zu ermöglichen müssen vor allem jene Mittel bereitgestellt werden, die es ermöglichen auch nach einer Trennung gute Bedingungen für eine gleichberechtigte Elternschaft zu schaffen. Beratungsstellen wie die Männerberatung etc. können hier einen wesentlichen Beitrag leisten. Lebensgemeinschaften sollen weiter aufgewertet und gleichgestellt werden. Hier sind Änderungen im Sozial-, Wohn- oder Erbrecht vorzunehmen, denn auch gerade hier benachteiligt die derzeitige Situation vor allem Frauen. Bei der gemeinsamen Obsorge besteht seit 2001 die Möglichkeit, dass Lebensgemeinschaften die gemeinsame Obsorge beantragen. Viele Eltern sind darüber aber nicht informiert. Daher ist es notwendig eine Informationspflicht für die Eltern, bei der Anmeldung des Kindes, einzuführen. Was alle unterschiedlichen Familienformen wie Alleinerziehende, Besuchsväter und Patchworkfamilien etc. vor allem brauchen sind individuelle Lösungsmöglichkeiten, ist eine tolerante Gesellschaft, eine Politik, die Lebensrealitäten zur Kenntnis nimmt , keine ideologischen Lebensformen vorgibt, sondern vielfältige Rahmenbedingungen schafft.

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Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:  eine frauen- und familienfreundliche Arbeitswelt  leistbare, flächendeckende, qualitative Kinderbildungseinrichtungen für Kinder aller Altersstufen  ein Schulsystem, das den Bedürfnissen der Kinder und der Flexibilisierung der Arbeitsrealitäten von Eltern gerecht wird. (Insbesondere die schulautonomen Tage und Ferienzeiten müssen noch mit adäquaten leistbaren Kinderbetreuungsangeboten abgedeckt werden.)  Kampagnen wie "Halbe/Halbe" die dazu beitragen auf das Ungleichgewicht der partnerschaftlichen Arbeitsteilung zu Lasten der Frauen aufmerksam zu machen und mehr Selbstverständnis zu schaffen  Öffentlichkeitsarbeit und Werbung für die Väterkarenz  den Papamonat  die Abschaffung der Verschuldensfrage bei Scheidungen dahingehend, dass die Existenzsicherung der Schwächeren / des Schwächeren in jedem Fall gewährleistet ist  die Abschaffung der "Playboygrenze" (Deckelung der Alimentationszahlungen)  die rechtliche Absicherung von LebensgefährtInnen, wie zb. Eintrittsrecht ins Mietrecht, Ansprüche auf Teilung des gemeinsam erworbenen Vermögens etc.  Informationspflicht zur gemeinsamen Obsorge  Änderungen im Namensrecht dahingehend, dass es die Möglichkeit eines Doppelnamens für Kinder gibt  Für strittige bzw. konfliktreiche Scheidungen Schlichtungsstellen bei Gericht und verpflichtende Mediation Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den SPÖ-Nationalratsklub und den Bundesminister für Arbeit, Soziales und KonsumentInnenschutz Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Antrag 23. Rechtliche Gleichstellung von LebenspartnerInnenschaften Eingebracht von den SPÖ Frauen Kärnten

In einer pluralistischen Welt, die von Männern und Frauen ein hohes Ausmaß von Flexibilität in allen Lebensbereichen abverlangt, lassen sich „klassische Utopien“ wie lebenslange PartnerInnenschaft und Ehe nicht länger aufrechterhalten. Patchwork-Familien, LebensabschnittspartnerInnenschaften, gleichgeschlechtliche PartnerInnenschaften und das Leben als Single gehören immer mehr zur Normalität in unserer Gesellschaft und sollten – fernab von ideologischen Diskussionen – in den gesetzlichen Rahmenbedingungen endlich ihre Entsprechung finden. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:  die völlige rechtliche Gleichstellung von LebenspartnerInnenschaften auf allen Ebenen. Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den SPÖ-Nationalratsklub Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

Antrag 24. Karenz/Väterbeteiligung/Vereinbarkeit Eingebracht von den SPÖ Frauen Vorarlberg Vereinbarkeit beschreibt die gesellschaftliche Aufgabe, Menschen, die Verantwortung für Kinder übernehmen, in einer solchen Weise zu unterstützen, dass sie dennoch in vollem Umfang am gesellschaftlichen und vor allem auch am Erwerbsleben teilnehmen können. Vereinbarkeit wird als eine Zielsetzung für beide Geschlechter gleichermaßen verstanden, da von Männern ebenso erwartet wird, dass sie Betreuungsaufgaben übernehmen wie Frauen. Wir haben eine Vision: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird als eine Aufgabe aller daran Beteiligten gesehen, also von Staat, Unternehmen und allen Männern und Frauen, die Verantwortung für ein Kind oder eine pflegebedürftige Person übernommen haben. Die Kinderbetreuung ist ebenso wie die Ganztagesschule eine wichtige Bildungseinrichtung, die jedem Kind in hoher Qualität kostenlos und gut erreichbar zusteht. Eltern schätzen die Entlastung dadurch ebenso wie die individuelle Förderung ihrer Kinder und üben ihre Mitspracherechte in verantwortungsvoller Weise aus. Pflegeeinrichtungen stehen in unterschiedlichsten Formen flächendeckend zur Verfügung. Diese Rahmenbedingungen ermöglichen allen Frauen und Männern mit Betreuungspflichten, einem Beruf entsprechend ihrer Qualifikation nach zu gehen. Das selbstverständ-

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liche Engagement der Männer innerhalb der Familie erleichtert Frauen die Teilhabe am Erwerbsleben. Dadurch werden Kinderarmut deutlich reduziert, die Chancengleichheit der Kinder insgesamt gestärkt und zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen. Unternehmen haben erkannt, dass Frauen und Männer, die Vereinbarkeit leben, produktiver, effizienter und loyaler zu ihrem/ihrer ArbeitgeberIn sind. Sie akzeptieren daher die Inanspruchnahme von Rechten wie Karenz, Pflegeurlaub und Elternteilzeit unabhängig vom Geschlecht. Zahlreiche Betriebe fördern oder betreiben Kinderbildungseinrichtungen, viele davon im Verbund. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:  Es muss auf Anreize für zu lange Erwerbsunterbrechungen verzichtet werden, dazu sind weitere Änderungen nötig, die auch Väter verpflichten Betreuungs- und Kinderarbeit zu übernehmen.  Von Geldleistungen und steuerlichen Entlastungen muss zur Förderung der Infrastruktur umgeschichtet werden.  Für jene Kinder, die einen Betreuungsplatz benötigen, braucht es ein flächendeckendes qualitätsvolles Angebot.  Eine Mischung aus Anreizsystemen, Unterstützung bei der Arbeitsorganisation (Karenzmanagement, Arbeitszeitmodelle) und gesetzlichen Auflagen soll die Unternehmen in die Verwirklichung der Vereinbarkeit zentral einbinden. Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den SPÖ-Nationalratsklub und die SPÖ-Landtagsklubs Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

Antrag 25. Kinderbetreuung Eingebracht von den SPÖ Frauen Vorarlberg Kinderbetreuung zügig vorantreiben- Defizite beheben Um es Frauen zu ermöglichen ein selbstbestimmtes Leben ganz nach ihren Vorstellungen führen zu können, braucht es Rahmenbedingungen auf mehreren Ebenen. Eine dieser Rahmenbedingungen ist nach wie vor der Dauerbrenner Ausbau der Kinderbetreuung. Österreich weist nach sämtlichen Studien europaweit die zweitgrößten Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern auf, Österreich hat auch massive Mängel in der Kinderbetreuung. Die Kinderbetreuungssituation trägt sehr viel dazu bei, dass es Frauen schwer gemacht wird, auf der einen Seite Familie und Beruf zu vereinbaren und auf der anderen Seite mehr in die eigene Aus- und Weiterbildung investieren zu können. Ziel ist für uns SPÖFrauen, dass Frauen nicht länger auf einen qualifizierten Job verzichten müssen, nur weil es sich mit der Kinderbetreuung nicht ausgeht! Ein großes Thema ist auch die Betreuung der Kinder in den Ferien. Hier

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mangelt es nicht nur am Angebot, auch die Kosten sind je nach Gemeinde viel zu hoch. In Wien haben die Kindergärten zwei Wochen zu, in Vorarlberg 10 Wochen. Was dringend notwendig ist, sind Kinderbildungseinrichtungen mit leistbarem Mittagstisch ohne Mittagsunterbrechung und Kindergärten mit Öffnungszeiten, die den VIF-Kriterien (Vereinbarkeitsindikatoren, Kriterien der Arbeiterkammer für eine ideale Kinderbetreuung) entsprechen, also mehr als 9h offen haben. Österreichweit haben 6 % der Kindergärten eine Mittagsunterbrechung, in Vorarlberg 56 %, österreichweit haben 42 % der Kindergärten mehr als 9h offen, in Vorarlberg 19%. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:  Flächendeckender Ausbau von ganztägigen und qualitativ hochwertigen Kinderbildungseinrichtungen. Besonderer Bedarf besteht bei den unter Dreijährigen.  Standards für die Qualitätssicherung in den Kinderbildungsseinrichtungen.  Anpassung der Öffnungszeiten an die tatsächlichen Bedürfnisse berufstätiger Mütter und Väter. Ein immer anspruchsvoller werdender Arbeitsmarkt braucht auch flexible Betreuungseinrichtungen.  Eine lückenlose und finanziell leistbare Betreuung auch während der Ferien.  Ausbau der betrieblichen Kinderbetreuung und der SchülerInnenbetreuung.  Bereitstellung und Ausschöpfung der Mittel aus der 15a Vereinbarung, zur Anschubfinanzierung von neuen Kinderbetreuungsplätzen, in allen Ländern.  Erleichterung des Wiedereinstiegs durch Recht auf Teilzeit auch für Betriebe mit weniger als 20 MitarbeiterInnen und weniger als 3 Jahre Betriebszugehörigkeit.  Für jene Kinder, die einen Betreuungsplatz benötigen, braucht es ein flächendeckendes qualitätsvolles Angebot. Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den SPÖ-Nationalratsklub, den Kärntner und Vorarlberger Landtagsklub Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Antrag 26. Das „Recht auf eine Kinderbetreuung“ ab 0 Jahren Eingebracht von den SPÖ Frauen Kärnten

Die Kinderbetreuung ist in Österreich lückenhaft, vor allem bei den unter 3-Jährigen herrscht ein großes Manko. Die Betreuungsquote bei den unter 3-Jährigen liegt in Österreich beispielsweise bei 11 Prozent, in Dänemark und Schweden, die hier richtungweisend sind, hingegen bei 68 bzw. 73,7 Prozent (Quelle: EU-Beschäftigungsbericht 2004, Eurostat) Die Betreuungsquote bei 5-jährigen ist durch den Vormittags-Gratiskindergarten leicht gestiegen. Aber Kärnten befindet sich weiter im Schlusslichtbereich: Laut einer Studie der Arbeiterkammer (2007) schneiden Kärnten (72,8 %) und die Steiermark (77,6 %) bei der Betreuungsquote bei den Drei- bis Fünfjährigen am schlechtesten ab. Bei den 2-Jährigen erreicht Kärnten bei weitem nicht den ohnehin niedrigen Österreichdurchschnitt von 10%. In größeren Städten ist das Betreuungsangebot auf einem guten Weg, aber vor allem im nicht urbanen Raum muss das Angebot auf Kinderbetreuung ausgebaut werden. Hier gilt es nicht die Verantwortung auf die „Kleinsten“ abzuschieben, den Gemeinden, sondern auf Bundes- bzw. Landesebene muss dafür genügend Geld für ausreichende und qualitätsvolle Kinderbetreuung zur Verfügung gestellt werden. Ein flächendeckendes qualitätsvolles Angebot ist für jedes Kind, auch für Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf, das dieses benötigt, zu gewährleisten.

Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher: Ein Betreuungsplatz ist für jedes Kind, das diesen benötigt, in einem flächendeckenden qualitätsvollen Angebot anzubieten. Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an die SPÖ-Landtagsklubs und den SPÖ-Nationalratsklub Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Thema [H]: Lebensqualität und Selbstbestimmung Antrag 27. Sexualität - Ficken? - Endlich Klartext reden! Eingebracht von AKS, SJ, VSSTÖ Wir gehen in die Schule, um uns für das Leben vorzubereiten. Also lernen wir Rechnen, Lesen und Schreiben, wir lernen Dinge über fremde Kulturen, über Geschichte, über Flüsse und Berge in Österreich. Dass einiges im Österreichischen Schulsystem zu verbessern wäre, steht wohl außer Frage. Doch das wohl größte Defizit zeigt sich in der Sexualkunde. Obwohl sich die meisten Jugendlichen selbst als aufgeklärt bezeichnen würden, gibt es ein massives Wissensdefizit, das sich bei näherem Nachfragen in vielen Studien zeigt. Dieses Defizit ist auf den Mangel an öffentlicher Aufklärung und Information zurückzuführen und hat in erster Linie mit der Wissensvermittlung an den Schulen zu tun. Eine ”Frontalsexualkunde", wie es sie jetzt gibt, bleibt selten bei SchülerInnen hängen und lässt keinen Raum für persönliche Fragen und Ängste. Deswegen braucht es eine moderne Sexualerziehung als eigenständigen Pflichtgegenstand, der von eigens ausgebildeten PädagogInnen betreut wird. Anstatt wie Kirche und ÖVP dafür zu beten, dass Jugendliche keinen Sex vor der Ehe haben, braucht es eine umfassende Information für junge Menschen, die ihnen Selbstvertrauen und Lust gibt, ihre Sexualität zu entdecken und zu leben, so wie sie es wollen. Viele Teenager beziehen fast ihr gesamtes Wissen über Sexualität von Internetseiten wie youporn und anderen pornografischen Medien, sind oft nur scheinaufgeklärt und haben ein vollkommen verzerrtes Bild von Sexualität. Je stärker die neuen Medien durch die allgemeine Zugänglichkeit eine Aufklärungsfunktion erfüllen, umso notwendiger ist es, wirkliche Aufklärung als festen Bestandteil unseres Bildungssystems zu sehen. Denn wir wollen eine enttabuisierte und ehrliche Beschäftigung mit Sexualität in den Schulen! Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:  Einen verbesserten, offenen und gleichberechtigten Sexualkundeunterricht frei von religiösen Einflüssen an allen Schulen.  Dazu gehört ausreichendes Wissen über die weibliche Anatomie:  Schluss mit der verfälschten Darstellung der Vulva und der Klitoris!  Verhütungsmittel: vom Umgang mit Kondomen bis zu Verhütungsmittel für Männer und Frauen  Körperwahrnehmung von Jugendlichen: auch im Hinblick auf Essstörungen muss präventiv gearbeitet werden.  Missbrauch: Es muss für Jugendliche möglich sein, sich an eine vertrauensvolle Person richten zu können.  Selbstbestimmung: Gerade in der Pubertät ist es wichtig zu wissen, wo die eigenen Grenzen sind, und wie diese zu verteidigen sind.  Sexualität: Bi- und Homosexualität müssen in der Sexualpädagogik genauso Platz finden wie Inter- oder Transsexualität. Schluss mit der Heteronormativität!  Die Einführung eines eigenen Lehrstuhles für Sexualpädagogik.  Sexualkundeunterricht an Schulen durch externe ExpertInnen Die Schaffung eines neuen Sexkoffers für Schulen.

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Kostenlose Abgabe von Kondomen und anderen Verhütungsmittel Auf lange Sicht soll die Streichung des Fristenregelungsparagraphen aus dem Strafgesetzbuch forciert werden Finanzierung des Schwangerschaftsabbruchs durch die öffentliche Hand, dieser muss auch anonym möglich sein Schwangerschaftsabbrüche, finanziert durch die öffentliche Hand, müssen österreichweit in Landesspitälern oder Ambulatorien und ohne den Psychoterror durch Organisationen oder Einzelpersonen durchgeführt werden.

Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den Bundesminister für Gesundheit, die Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur und die Bundesministerin für Frauen und öffentlichen Dienst Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

Antrag 28. Gegen Gewalt an Frauen! Eingebracht von den SPÖ Frauen Wien und Tirol I.) Klares Bekenntnis gegen Gewalt Sexuelle, körperliche oder psychische Gewalt gegen Frauen und Kinder stellt immer einen massiven Verstoß gegen das Recht auf Leben, Freiheit und Würde und auf die körperliche und seelische Unversehrtheit der Opfer dar. Gewalt gegen Frauen und Kinder ist eine Menschenrechtsverletzung und widerspricht der österreichischen Rechtsordnung. Es gibt keinerlei Rechtfertigung für Gewalt gegen Frauen. Die Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden, die Opfer müssen unterstützt und geschützt werden. Wir lehnen jegliche Form der Gewalt gegen Frauen und Kinder auf das Schärfste ab und treten entschieden dagegen auf. Das tatsächliche Ausmaß von Gewalt an Frauen ist kaum in exakte Zahlen zu fassen beziehungsweise in einem Gesamtbild darzustellen. Anhaltspunkte liefern offizielle Statistiken wie die polizeiliche und die gerichtliche Kriminalstatistik oder internationale Studien und Erhebungen. Diese Zahlen dokumentieren aber jeweils nur einen bestimmten Ausschnitt der Realität. Viele Gewalthandlungen werden gar nicht öffentlich. Ob sie öffentlich werden, hängt nicht zuletzt davon ab, ob Betroffene darüber sprechen können und / oder wollen. Gewalt an Frauen, inklusive familiäre Gewalt, ist laut Dokumenten des Europarates und der Vereinten Nationen eine der gravierendsten Formen geschlechtsspezifischer Menschenrechtsverletzungen. Gewalt an Frauen hat laut diesen Dokumenten

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ihre Wurzeln im historisch gewachsenen Machtungleichgewicht zwischen Männern und Frauen; sie verletzt die Grundrechte der Frauen auf Schutz ihres Lebens, ihrer Gesundheit und Freiheit und stellt ein ernsthaftes Hindernis für die Gleichstellung von Frauen und Männern dar. Ein paar Zahlen und Fakten zum Thema "Gewalt gegen Frauen" aus internationalen Studien:  In Österreich wird jede fünfte in einer Beziehung lebende Frau von ihrem Ehemann oder Lebensgefährten misshandelt.  Eine von vier in Europa lebenden Frauen ist von Gewalt durch ihren jetzigen oder ehemaligen Partner betroffen.  10-15 Prozent der Frauen in Industrieländern werden durch ihren aktuellen Lebenspartner zu sexuellen Handlungen gezwungen.  Jede siebente Frau wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer einer Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung.  Bei einer Befragung an 10.000 Frauen in Deutschland gaben 40% der Frauen an, seit dem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt zu haben, rund 25% gaben an, körperliche oder sexuelle Gewalt in ihrer aktuellen Partnerschaft zu erleben oder in einer früheren Partnerschaft erlebt zu haben.  Laut der UN- Studie "Secretary-General's in-depth study on violence against women" aus dem Jahr 2006 wird weltweit jede dritte Frau im Laufe ihres Leben Opfer von körperlicher Gewalt durch ihren Partner.

Vielschichtigkeit von Gewalt gegen Frauen: Definition von Gewalt in der Beijing-Deklaration: Der Begriff „Gewalt gegen Frauen“ bezeichnet jede Handlung geschlechterbezogener Gewalt, die der Frau körperlichen, sexuellen oder psychischen Schaden oder Leid zufügen kann, einschließlich der Androhung derartiger Handlungen, der Nötigung oder der willkürlichen Freiheitsberaubung in der Öffentlichkeit oder im Privatleben. Gewalt gegen Frauen umfasst folgende Formen:  Körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt in der Familie, Misshandlungen von Frauen, sexueller Missbrauch von Mädchen in der Familie, Gewalt im Zusammenhang mit der Mitgift, Vergewaltigung in der Ehe, Verstümmelung der weiblichen Geschlechtsorgane und andere traditionelle, für die Frau schädigende Praktiken, Gewalt außerhalb der Ehe und Gewalt im Zusammenhang mit Ausbeutung.  Körperliche, sexuelle und psychische Gewalt in der Gemeinschaft, so auch Vergewaltigung, Missbrauch, sexuelle Belästigung und Einschüchterung am Arbeitsplatz, in Bildungseinrichtungen etc., Frauenhandel und Zwangsprostitution.  Vom Staat ausgeübte oder geduldete körperliche, sexuelle oder psychische Gewalt, wo immer sie auftritt. Gewalt an Frauen in all ihrer Vielschichtigkeit ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, das – unabhängig von Herkunft, sozialer Schicht, Kultur oder Bildungsstand - Frauen und Mädchen jeden Alters betreffen kannDie Formen der Gewalt gegen Frauen sind sehr unterschiedlich, ebenso die Situationen, in denen

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Frauen Gewalt erleben: sexualisierte, körperliche und/oder psychische Gewalt im sozialen Nahraum, im Arbeits- und Ausbildungsbereich oder durch Fremdtäter, Zwangsverheiratung und weibliche Genitalverstümmelung, Frauenhandel, strukturelle Gewalt, usw. Frauen sind auch oftmals verschiedenen Formen von Gewalt gleichzeitig ausgesetzt. Häusliche Gewalt ist die häufigste Ursache für Verletzungen bei Frauen, häufiger als Verkehrsunfälle, Überfälle und Vergewaltigungen zusammen genommen. Ihr eigenes Zuhause ist der gefährlichste Ort für eine Frau. Kinder sind von dieser Gewalt immer mitbetroffen, entweder direkt durch körperliche Misshandlungen oder indirekt indem sie die Gewalt an der Mutter und deren Folgen miterleben. Abhängigkeiten jeglicher Art verschärfen die Situation von gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen und erschweren oft das Vorgehen gegen und die Lösung aus der Gewaltsituation. Migrantinnen, ältere Frauen, Frauen und Mädchen mit Lernschwierigkeiten und besonderen Bedürfnissen und Frauen, die in der Sexarbeit arbeiten, sind Frauengruppen, für die rechtliche Realitäten und spezielle Lebensumstände oft zusätzliche Hindernisse auf dem ohnehin schwierigen Weg zurück in ein gewaltfreies, selbstbestimmtes Leben darstellen. Fehlende oder geringe Sprachkenntnisse, soziale Isolation und gesellschaftliche Ausgrenzung, aufenthalts- und beschäftigungsrechtliche Bestimmungen, Ausschluss von Sozialleistungen, ökonomische Unabhängigkeit, das Leben in Betreuungsabhängigkeit, Unkenntnis der österreichischen Rechtsordnung und die Angst vor dem Einschreiten der Polizei potenzieren die Benachteiligungen, die Frauen in unserer patriachalen Gesellschaft ohnehin ausgesetzt sind und vermindern die Möglichkeiten, der Diskriminierung und der Gewalt zu entkommen. Frauenhandel, der weltweit organisierte kriminelle Handel von Frauen und Mädchen in die Prostitution, in sämtliche ausbeuterische Arbeitsverhältnisse (Hausarbeit, Gastronomie, Kinder- Alten- und Krankenbetreuung, etc), in den kommerziellen Heiratsmarkt und zum Zwecke des Organhandels gehört neben Drogen und Waffenhandel zu den drei ertragreichsten „Geschäften“ des organisierten Verbrechens. Die kriminelle Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung (FGM- Female Genital Mutilation) verursacht bei den Betroffenen immer massive körperliche, seelische und sexuelle Schäden. Diese können zu drastischen Beeinträchtigungen der Lebensqualität, häufig sogar zum Tod, führen. Zwangsverheiratungen sind Menschenrechtsverletzungen, die unter massivem psychischen Druck und emotionaler Erpressung bis hin zu physischer Gewalt und expliziten Morddrohungen erzwungen werden.

II.) Notwendige Rahmenbedingungen Die Wurzeln männlicher Gewalt gegen Frauen liegen in einer gesellschaftlichen Minderbewertung und damit verbundenen Rechtlosigkeit von Frauen. Gewalt an Frauen und Mädchen wird nicht nur durch historisch gewachsene Strukturen begünstigt, sondern ist auch ein Bestandteil des traditionellen Bildes von Männlichkeit. Gewalt dient dazu, Macht und Kontrolle über Frauen, deren Lebensgestaltung und deren Sexualität auszuüben. Ungleiche Machtverhältnisse und Lebenschancen, traditionelle Rollenbilder, gesellschaftliche

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Stereotype und patriachale Strukturen „legitimieren“ die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen und fördern Gewalt gegen Frauen. Das Ziel jeglicher frauenpolitischer Maßnahmen ist, Frauen eine gesicherte Existenz und ein sicheres, selbstbestimmtes, unabhängiges Leben – frei von Diskriminierung, Angst und Gewalt - zu ermöglichen. Frauen und Mädchen müssen zu Eigeninitiative, eigenständiger Lebensgestaltung und gesellschaftlicher Beteiligung ermutigt und darin gestärkt und unterstützt werden. Gerade auch in Krisenzeiten müssen finanzielle Mittel für frauenpolitische Maßnahmen und für Opferschutz unbedingt sichergestellt werden. Jetzt in diesem Bereich Einsparungen vorzunehmen wäre eindeutig ein frauenpolitischer Rückschritt! Die angespannte wirtschaftliche Situation, (drohende) Arbeitslosigkeit, Existenz- und Zukunftsängste können den Druck in Familien erhöhen und bringen die Gefahr mit sich, dass sich Konflikte in derartigen Ausnahmesituationen vermehrt in Aggression und Gewalt entladen. Für einen qualitativ hochwertigen und nachhaltigen Opferschutz sind folgende Rahmenbedingungen und Maßnahmen notwendig: 

Unterschiedliche Opfergruppen brauchen differenzierte Unterstützungsangebote

Unterstützungsangebote für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, müssen in Bezug auf die Formen der Gewalt, von denen die Frauen betroffen sind, in Bezug auf die Lebensbereiche und Situationen, in denen Frauen von Gewalt betroffen sind, und in Bezug auf die spezifischen Lebenslagen, in denen sich die Frauen befinden, unterteilt und differenziert werden. Besondere Aufmerksamkeit müssen wir gegenüber Gruppen aufweisen, die auf Grund von rechtlichen und Lebensrealitäten oft in sehr großer Abhängigkeit stehen: hier sind vor allem ökonomisch schlecht gestellte Frauen, Frauen mit besonderen Bedürfnissen/ Lernschwierigkeiten, Migrantinnen ohne eigenen Aufenthaltstitel, Asylantinnen und ältere Frauen zu nennen. Beispiele für unterschiedliche Unterstützungsangebote:  Sichere Krisen-Unterkunftsmöglichkeit  Längerfristige Unterbringungsmöglichkeit  Beratungsstellen mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen:  Migrantinnenberatungsstellen, rechtliche Beratung, soziale Beratung, psychologische  Beratung, arbeitsmarktpolitische Beratung, etc  24-Stunden Krisenberatungsstellen mit akuter Hilfestellung und Unterstützung  Längerfristige Beratungs- und Betreuungsangebote  Medizinische und psychiatrische Versorgung  Muttersprachliche Beratungsangebote  Barrierefreie Zugangsmöglichkeiten  Bereitstellung eigener Einrichtungen durch die Städte, Länder und Bund  Bereitstellung von finanziellen Mitteln über Förderungen an Vereine, Projekte

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NGO´s, die im Bereich Opferschutz arbeiten

Das österreichische Gewaltschutzgesetz, das für Europa wegweisend ist, wurde seit seinem Bestehen zweimal evaluiert. Die Evaluierungen zeigen, dass die Maßnahmen geeignet sind, die Gewaltspirale zu unterbrechen. Allerdings benötigen insbesondere Opfer, die schon länger in einer Gewaltbeziehung leben, intensive Hilfe. Der regionale Ausbau und die längerfristige finanzielle Absicherung von Opferschutzeinrichtungen wie Frauenhäuser und Gewaltschutzzentren muss daher weiter auf der Agenda stehen. 

Kooperationen und vernetztes Arbeiten

Die Kooperation zwischen verschiedensten Institutionen (Opferschutzeinrichtungen, Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialbereiches, Frauenberatungsstellen, Migrantinnenberatungsstellen, Exekutive, Justiz, etc) ist für eine umfassende und professionelle Opferbetreuung unumgänglich. Dabei stellen fachlicher Austausch, gemeinsames Entwickeln von Kooperationsabläufen und Kooperationsmodellen, Information über neue Beratungsangebote und fachliche Weiterbildungsveranstaltungen wesentliche Inhalte dar. 

Grundlagenarbeit

Grundlagenarbeit bildet das Fundament fachlicher Auseinandersetzung und die Basis für die Entwicklung von Beratungsangeboten und Unterstützungsmöglichkeiten für Gewaltopfer. Erkenntnisse aus Studien und Untersuchungen können dazu verwendet werden, Richtlinien sowie Kriterien der Umsetzung für die Bereiche Gewaltprävention und Opferschutz zu entwickeln und gemeinsam mit praktischen Erfahrungen aus der Beratungsarbeit dazu beitragen, neue Konzepte zu entwickeln, Versorgungslücken zu schließen und die Angebote für Gewaltopfer zu optimieren. 

Ständiges „Dranbleiben“, Aufgreifen neuer Themen(bereiche)

Die Arbeit gegen Gewalt an Frauen stellt uns ständig vor neue Herausforderungen. Neue Anforderungen und Entwicklungen müssen wir wahrnehmen und ihnen gegenüber offen sein und uns mit neuen Themenbereichen konstruktiv auseinandersetzen. Bestehende Angebote müssen weiterentwickelt und neuen Anforderungen gegenüber angepasst werden. 

Teilnahme an Arbeitskreisen, Gremiale Arbeit

ExpertInnen müssen an Arbeitskreisen und Gremien sowie Fachtagungen teilnehmen und ihr theoretisches und praktisches ExpertInnenwissen aus der Arbeit im Opferschutz einbringen. Durch Entwickeln und Mitwirken an der Erstellung von Richtlinien sowie Umsetzungskriterien für die Bereiche Gewaltprävention und Opferschutz können theoretische und vor allem praktische Erfahrungen aus der Beratungsarbeit sinnvoll zu Veränderungen beitragen. 

Aufbau von internationalen und europäischen Kontakten

Die Entwicklung von Fortbildungen in Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen, Vortragstätigkeit und Workshoparbeit bei Fachtagungen und für Institutionen, die Planung und inhaltliche Betreuung von fach-

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lichen Informationsveranstaltungen, sowie der Aufbau von internationalen und europäischen Kontakten sind wesentliche Bereiche des Wissenstransfers, den der Frauennotruf zu gewährleisten sucht. 

Einhalten internationaler Empfehlungen und Konventionen

Beispiele: Eine Empfehlung des Europäischen Parlaments, Ausschuss für die Rechte der Frau, aus dem Jahr 1987 schreibt pro 10.000 EinwohnerInnen einen Platz für eine, in ihrem familiären Umfeld von Gewalt betroffene Frau, in einem Frauenhaus vor. Mittlerweile gibt es auch eine „Empfehlung Rec(2002)5 des MinisterInnenkomitees an die Mitgliedstaaten über den Schutz der Frauen vor Gewalt“, die auf einen Platz pro 7.500 EinwohnerInnen lautet. Die Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frauen (Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women, CEDAW) hat als Hauptziel die Beseitigung der Diskriminierung von Frauen in sämtlichen Lebensbereichen (Ehe und Familie, Arbeits- und Sozialbereich, Bildung und Ausbildung, im politischen und öffentlichen Leben, Gesundheit und Schutz vor Gewalt). 

Informations- und Sensibilisierungsarbeit

Fortbildungen zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ für andere Einrichtungen; Aktive Informations- und Sensibilisierungsarbeit in Schulen, in Communities, bei Informationsveranstaltungen, Messen, etc 

Begutachtungen von Gesetzesentwürfen

Unumgänglich ist die Begutachtung von Gesetzesentwürfen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf den Opferschutz und die Formulierung von Forderungen an die Gesetzgebung, um Opfern von Gewalt, die sich zu rechtlichen Schritten entschließen, bei gerichtlichen Verfahren adäquate Rechte und Ansprüche zur Verfügung zu stellen.

III.) Prävention

Jede Maßnahme zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen muss – neben der Unterstützung und Hilfe für die Opfer - darauf abzielen, die Gewalt zu beenden und das Entstehen weiterer Gewalttaten zu verhindern. Präventionsarbeit ist somit ein wesentlicher Beitrag zum Opferschutz und zur Verhinderung weiterer Gewalt. Prävention wird hier in einem sehr umfassenden Sinn verstanden: es geht nicht nur um Maßnahmen, welche die Täter zur Verantwortung ziehen, sondern auch um Maßnahmen, welche Frauen und Mädchen als (potentielle) Gewaltopfer stärken. 

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Arbeits- und sozialrechtliche, fremdenrechtliche und ehe- und familienrechtliche Bestimmungen sowie gesellschaftspolitische, frauenpolitische, integrationspolitische und gesundheitspolitische Maßnahmen müssen darauf ausgelegt sein, Abhängigkeiten zu verhindern und eigenständige Existenzen und selbstbestimmte Lebensgestaltung zu sichern.

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Die Sensibilisierung und Information der Bevölkerung zum Thema Gewalt gegen Frauen und die klare Grundhaltung gegen jegliches gewalttätiges und diskriminierendes Verhalten ist ein wichtiger Eckpfeiler der Prävention. Die Arbeit mit Gewalttätern ist ein wesentlicher Beitrag zum Opferschutz und zur Verhinderung weiterer Gewalt.

FORDERUNGSKATALOG FORDERUNG: Das Instrumentarium der juristischen Prozessbegleitung muss auf Zivilverfahren ausgedehnt werden. Durch das 2. Gewaltschutzgesetz wird das Recht auf Prozessbegleitung nicht – wie noch im Gesetzesentwurf zur Gänze, sondern nur teilweise - auf Zivilverfahren zwischen Opfer und Beschuldigten ausgedehnt: lediglich das Opferrecht der psychosozialen Prozessbegleitung wird ab 1.6.09 auf bestimmte zwischen dem Opfer und dem Beschuldigten des Strafverfahrens geführte Zivilprozesse (z.B. wegen Schadenersatzansprüchen) ausgedehnt. Forderung, auch die juristische Prozessbegleitung für Zivilverfahren zu ermöglichen, zumindest in Schadenersatz- u. Schmerzengeldverfahren, wenn das Strafgericht auf den Zivilrechtsweg verwiesen hat. FORDERUNG: Das Recht auf Prozessbegleitung im Strafverfahren soll auch Personen gewährt werden, die zwar nicht Opfer eines Sexual- oder Gewaltdeliktes, aber dennoch durch die Straftat und die damit verbundene Verletzung des privaten Lebensbereiches traumatisiert wurden. Der Entwurf zum 2. Gewaltschutzgesetz enthielt die Möglichkeit, Prozessbegleitung im Strafverfahren auch Personen zu gewähren, die zwar nicht Opfer eines Sexual- oder Gewaltdeliktes aber dennoch durch die Straftat und die damit verbundene Verletzung des privaten Lebensbereichs traumatisiert wurden (zB bei Wohnungseinbrüchen). Diese Möglichkeit wurde zur Gänze gestrichen. FORDERUNG: Die Missachtung der einstweiligen Verfügungen der §§ 382b und e EO (Exekutionsordnung) soll als Straftatbestand normiert werden. Immer wieder gibt es Fälle, in denen das Mittel einer einstweiligen Verfügung nicht ausreicht, um einen Gefährder zu stoppen. In diesen Fällen sind die derzeitigen Möglichkeiten der Durchsetzung der EV (Einstweilige Verfügung) sehr unbefriedigend und die EV kann in diesen Fällen zu einem zahnlosen Instrument werden, das nicht geeignet ist, den Opfern Schutz und Sicherheit zu vermitteln. Die Vollziehung durch die Polizei mit Befehls- und Zwangsgewalt kann nur in den Bereichen erfolgen, in denen eine räumliche Entfernung des Gefährders möglich ist, nicht aber bei einer Übertretung des Kontaktverbotes. Exekution zur Durchsetzung der EV zu führen ist ein langwieriger Prozess für die Opfer und manche Gefährder lassen sich auch durch eine Geldbuße nicht von weiteren Übertretungen der EV abhalten. Gefährder, die sich nicht an einstweilige Verfügungen zum Schutz von Opfern halten, müssen oft als besonders gefährlich eingeschätzt werden. Das Mittel der Untersuchungshaft kommt dennoch in diesen Fällen sehr unzureichend zum Einsatz. Die (mehrmalige) Übertretung einer einstweiligen Verfügung sollte somit als strafbare Handlung geahndet werden können.

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FORDERUNG: Verankerung des Themas „Gewalt gegen Frauen“ verpflichtend in der Ausbildung der Justizberufe Für die Durchsetzung eines umfassenden Opferschutzes nimmt die Strafjustiz eine wichtige Rolle ein. Die Komplexität von Gewaltbeziehungen und die auf Grund von komplexen Traumatisierungen massive Symptomatik von langjährigen Gewaltopfern sind für ungeschulte Personen oft nicht nachvollziehbar. Gerade bei Strafverfahren wegen sexueller, körperlicher und psychischer Gewalt gegen Frauen sind Beweisbarkeit und Beweiswürdigung sehr schwierige Themen. Unsere Erfahrungen zeigen, dass es – gerade bei Verfahren wegen Gewalt gegen Frauen - sehr häufig zu einem Freispruch im Zweifel oder zu einer Verfahrenseinstellung kommt und dass die zur Verfügung stehenden Strafrahmen selten ausgeschöpft werden. Es gibt sehr unterschiedliche Maßstäbe im Umgang mit Gewaltopfern durch RichterInnen und StaatsanwältInnen. Um eine richtige und opfergerechte Anwendung der österreichischen Gesetze zu gewährleisten, werden die Aufnahme des Themas „Gewalt gegen Frauen und Kinder“ in das Studium der Rechtswissenschaften, verpflichtende Seminare zum Thema Gewalt gegen Frauen und Kinder in der Ausbildung der RichteramtsanwärterInnen und laufende Angebote von Fortbildungsveranstaltungen für StaatsanwältInnen und RichterInnen gefordert. FORDERUNG: Verankerung des Themas „Gewalt gegen Frauen“ in Ausbildungen im pädagogischen sowie im medizinisch- gesundheitlichen Bereich in ausreichendem Umfang Gewalt traumatisiert die Opfer und hinterlässt neben den unmittelbar wahrnehmbaren körperlichen und seelischen Folgen, eine Bandbreite an nachgewiesenen mittel- und langfristigen gesundheitlichen, sozialen und gesellschaftlichen Folgen. Gewaltopfer suchen das Gesundheitssystem sowie das psychosoziale System auf, besuchen Schul- und Bildungseinrichtungen, etc. Gewaltopfer leben mitten unter uns. Gerade MitarbeiterInnen in medizinisch- gesundheitlichen, pädagogischen und sozialen Einrichtungen kommt in der Früherkennung von Gewalt eine wichtige Funktion zu. Das Wahrnehmen von Gewalt, der Umgang mit den (potentiellen) Opfern und das Wissen über einschlägige Unterstützungs- und Beratungseinrichtungen kann essentiell für den weiteren Fallverlauf sein. MitarbeiterInnen der Institutionen, an die sich Gewaltopfer typischerweise wenden, sollen professionelle erste Hilfestellung und adäquate Weitervermittlung leisten können. FORDERUNG: Eigenständiger – von Ehemännern unabhängiger - Aufenthaltstitel und Arbeitsmarktzugang für zugewanderte Frauen Ehefrauen mit Familienvisum sind fünf Jahre lang ohne ein eigenständiges Recht auf Aufenthalt – in dieser Zeit sind sie vom Aufenthaltsrecht ihres Ehemannes abhängig. Für Frauen, die in ihrer Ehe misshandelt werden, bedeutet das häufig, der Gewalt ausgeliefert zu sein, der Schritt aus der Gewaltbeziehung ist durch diese zusätzliche Abhängigkeit vom Gewalttäter oft nicht oder nur erschwert (Nachweis eines Mindesteinkommens, einer ortsüblichen Wohnung und einer bestehenden Krankenversicherung) möglich.

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FORDERUNG: Umfassendes Schutzprogramm für Opfer von Gewalt für sicheren In Fällen von massiver innerfamiliärer Gewalt, in denen eine Deeskalation nicht gelingt und die Betroffene gewalttätigen Übergriffen bis zur Lebensbedrohung ausgesetzt ist, wird ein Schutzprogramm für Opfer von Gewalt analog zu bestehenden ZeugInnenschutzprogrammen (Personenschutz, Unterstützung bei Ortswechsel und Aufbau einer neuen Existenz bis hin zu einem Identitätswechsel) benötigt. Nur so hat die betreffende Frau, die Chance auf Anonymität und damit auf Sicherheit und letztlich auf eine begleitende Betreuung in ein komplett „neues Leben“. FORDERUNG: Eine Änderung des Internationalen Privatrechtsgesetzes sollte dahin gehend erfolgen, dass für die Festlegung der formalen Voraussetzungen für eine Eheschließung statt des Personalstatutes der jeweiligen Person das Recht des Wohnsitzes herangezogen wird. Mit der jetzigen Regelung (Personalstatut) können durch das österreichische Recht festgesetzte Altersgrenzen umgangen werden. Österreich gibt bei der Beurteilung der Formalerfordernisse einer Eheschließung dem Heimatrecht der Ehewilligen den Vorzug, solange es nicht den österreichischen Grundwerten (ordre public) widerspricht. Die Bevorzugung des Rechtes des Wohnsitzes vor dem Heimatrecht wäre besser geeignet, um die nach österreichischem Recht geltenden Schutzbestimmungen (gegen Zwangsheirat) für alle Betroffenen zu gewährleisten. Nach der derzeitigen Rechtslage können zum Beispiel Mindestaltergrenzen umgangen werden, wenn die Verheiratung im jeweiligen Herkunftsland erfolgt. FORDERUNG: Verpflichtende Stellungnahme des Jugendwohlfahrtsträgers bei Ehemündigkeitserklärungen Bei der Ausstellung des Ehemündigkeitszeugnisses durch das Pflegschaftsgericht (wenn eine/r der zukünftigen Eheleute minderjährig ist): die Einholung einer Stellungnahme des Jugendwohlfahrtsträgers durch das Gericht sollte verpflichtend vorgeschrieben werden! Schutz vor Zwangsverheiratung bietet das Mindestheiratsalter von 18 Jahren, wie es im österreichischen Zivilrecht festgelegt ist. Es besteht jedoch für 16- und 17-Jährige die Möglichkeit, zu heiraten, wenn die/der Partner(in) mindestens 18 Jahre alt ist, das Pflegschaftsgericht in Form einer Ehemündigkeitserklärung zustimmt und die Eltern mit der Heirat einverstanden sind. Der Jugendwohlfahrtsträger verfügt zum einen über MitarbeiterInnen, die in der Gesprächsführung mit Jugendlichen geschult sind, Gefahrensituationen erkennen können und bei Bedarf auch Schutzmaßnahmen umgehend einleiten können, was auf RichterInnen so des Öfteren nicht zutrifft. Wird die Ehemündigkeitserklärung vom Gericht gegeben, so stellt die Personenstandsbehörde in einem reinen Formalakt das Ehefähigkeitszeugnis aus und es kann ein Trauungstermin fixiert werden. FORDERUNG: Eine Änderung des Staatsbürgerschaftsrechts sollte dahin gehend erfolgen, dass das Ius soli (Geburtsortprinzip) anstelle des aktuellen Ius sanguinis (lat. Recht des Bluts) Gültigkeit besitzt und die Doppelstaatsbürgerschaft bis zum 18. Lebensjahr sicherstellen Damit würden in Österreich geborene Kinder mit der Geburt die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten und ihre Staatszugehörigkeit wäre nicht wie derzeit von jener der Eltern abhängig.

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Der automatische Erwerb der Staatsbürgerschaft für in Österreich geborene Kinder und Enkelkinder von EinwanderInnen soll diese jungen Menschen, die das Herkunftsland der Eltern bestenfalls aus den Ferien kennen und deren Lebensmittelpunkt in Österreich ist, zu gleichberechtigten MitbürgerInnen machen. Problemsituationen, dass in Österreich geborene Kinder von Abschiebung bedroht sind, oder auch zur Zwangsverheiratungen ins Ausland gebracht werden, würden damit gar nicht erst entstehen bzw. könnten besser verhindert werden. Dadurch, dass sie sich erst ab der Volljährigkeit innerhalb einer bestimmten Frist für eine der beiden Staatsangehörigkeiten endgültig entscheiden müssten, bestünde auch nicht die Gefahr einer zu frühen Entwurzelung von der Kultur der Eltern und Großeltern. Werden österreichische StaatsbürgerInnen im Ausland zwangsverheiratet, sind Interventionsmöglichkeiten von staatlicher Seite jedenfalls gegeben – die österreichische Staatsbürgerschaft der Betroffenen ist Voraussetzung für diese Handlungsmöglichkeit der staatlichen Behörden. FORDERUNG nach genaueren und aussagekräftigeren Statistiken über Gerichtsverfahren im Bereich Gewalt gegen Frauen, um das quantitative Ausmaß des Problems zu erkennen und entsprechende Maßnahmen zu setzen Die Gerichtliche Kriminalstatistik enthält derzeit ausschließlich Aussagen über die Verurteilten, somit in Fällen von Gewaltdelikten an Frauen, ausschließlich Informationen über die Täter. Es gibt keine Statistik darüber, wie viele Gewalttaten an Frauen angeklagt, wie viele Verfahren eingestellt, wie viele mit einer Verurteilung bzw. mit einem Freispruch enden, wie oft und in welcher Höhe Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, Schmerzensgeld zugesprochen wurde. Ebenso wenig wird in der Gerichtlichen Kriminalstatistik das Verhältnis zwischen Täter und Opfer erfasst, somit können keine Aussagen über das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen oder über das Verhältnis zwischen Täter und Opfer bei Gewalttaten gegen Frauen getroffen werden. FORDERUNG: Österreichische Prävalenzstudie über das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen Eine Prävalenzstudie gibt wichtige Auskünfte, nicht nur zum Ausmaß von Gewalt, sondern auch zu den entstehenden Kosten der Gewalt. Sie gibt zusätzlich wichtige Hinweise auf das Verhalten von Betroffenen, wie sie konkrete Unterstützung suchen und welche Hilfsangebote tatsächlich in Anspruch genommen werden. Eine Studie gibt auch Aufschluss über die Gründe, warum manche Unterstützungsmaßnahmen von Gewaltopfern wenig oder nicht angenommen werden und ist somit auch ein wichtiger Hinweis für Beratungseinrichtungen, um zu erkennen welche Angebote und Maßnahmen greifen bzw. warum sie nicht greifen und wie Opfer besser erreicht werden können. In vielen europäischen Ländern (Deutschland, Finnland, Frankreich, Niederlanden, Großbritannien etc.) gibt es bereits Studien zum Ausmaß von häuslicher Gewalt. In Österreich fehlt diese Studie bis dato noch. FORDERUNG: Verbesserter Schutz und verbesserte Rahmenbedingungen für Opfer des Frauenhandels Österreich ist sowohl ein Transitland für gehandelte Frauen als auch ein Abnehmer- bzw. Zielland. Unsere Gesellschaft ist mitverantwortlich für diesen Handel. Gefordert ist die Schaffung der optimale Rahmenbedingungen, um den Frauenhandel künftig erfolgreich bekämpfen und den gehandelten Frauen eine Existenz und ein Leben in Freiheit ermöglichen und garantieren zu können. Opfer von Frauenhandel dürfen

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in keiner Weise kriminalisiert werden. Im Fokus aller Maßnahmen gegen Frauenhandel muss an erster Stelle die Ausbeutung und die Verletzung der Frauenrechte stehen Sie brauchen Unterstützung, Schutz und umfassende Betreuung - sichere Unterkünfte und Beratung zur rechtlichen, gesundheitlichen und psychosozialen Notwendigkeiten Unterstützung bei Suche nach Arbeit und Wohnung Im Besonderen müssen die Rechte der betroffenen Frauen und Mädchen gestärkt werden:  Betroffene des Frauenhandels müssen einen Rechtsanspruch auf Aufenthalt in Österreich und einen Zugang zum Arbeitsmarkt haben.  Ab dem Moment der Identifizierung als Betroffene des Frauenhandels sollte ein voller Zugang zur Gesundheitsversorgung möglich sein, der keine stigmatisierenden Einschränkungen enthält.  Frauen, die als Betroffene des Frauenhandels (an)erkannt werden, dürfen nicht kriminalisiert werden; verwaltungsrechtliche und strafrechtliche Anzeigen sind aufzuheben.  Beweislastumkehr im Zivilverfahren: Nicht die Betroffene, sondern z.B. ihr/e ArbeitgeberIn soll seine/ihre "Unschuld" beweisen müssen.  Eine wichtige Präventionsmaßnahme gegen Frauenhandel stellt die Öffnung des Arbeitsmarktes mit mehr legalen Arbeitsmöglichkeiten für Migrantinnen dar.  Arbeitsrechte müssen für alle im Land Tätigen gelten: unterschiedliche Standards für verschiedene Arbeitnehmerinnen dienen den ArbeitgeberInnen; Minimumstandards sind in allen Bereichen zu entwickeln.  Der Zugang zu (Weiter)Bildung und Freizeitgestaltung ist zu erleichtern, indem finanzielle Hindernisse abgebaut werden. Außerdem müssen vermehrt Ausbildungen, die im Herkunftsland abgeschlossen wurden, im Zielland anerkannt werden.  Rückkehr und Reintegration sollen in Kooperation zwischen staatlichen Behörden, Internationalen Organisationen und NGOs durchgeführt werden (sofern die Frauen rückkehren wollen). FORDERUNG: Täterarbeit mit dem primären Ziel der Beendigung der Gewalt und der Verhinderung weiterer Gewalttaten muss gesetzlich verankert und finanziell sicher gestellt werden. Die gesetzliche Verankerung könnte in Anlehnung an die gesetzliche Verankerung der Existenz und Zuständigkeit der Interventionsstellen gegen Gewalt in der Familie/Gewaltschutzzentren stattfinden. Folgende wichtige Standards müssen für Täterarbeit unbedingt eingehalten werden:  Die finanzielle Sicherstellung der Täterarbeit darf nicht zu Lasten der Budgets für Opferarbeit gehen: Täter- und Opferarbeit müssen aus unterschiedlichen Budgettöpfen finanziert werden.  Der Schutz und die Sicherheit der Opfer müssen oberste Priorität bei der Durchführung von Täterprogrammen haben.  Täter- und Opferarbeit muss institutionell getrennt sein und soll nicht von demselben Personal durchgeführt werden.  Paarberatung und Mediation sind für die Opfer von Gewalt potenziell gefährlich und daher – auf jeden Fall als Erstintervention - abzulehnen.

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FORDERUNG: Der Bund muss für den Kampf gegen Gewalt gegen Frauen und Kinder – sowohl in der Prävention, als auch in der Intervention und längerfristigen Versorgung - ausreichend finanzielle Mittel zur Verfügung stellen. Der Staat ist verantwortlich für die Beendigung von Gewalt, für die Verhinderung weiterer Gewalt und für den Schutz der (potentiellen) Opfer. Die ausreichende Finanzierung von Opferschutzeinrichtungen, wie den Interventionsstellen gegen Gewalt in der Familie/Gewaltschutzzentren, den Frauenhäusern, NGO´s, Beratungsstellen, Vereinen und themenspezifischen Projekten. Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an das Bundeskanzleramt, an die SPÖ-MinisterInnen, die SPÖ-Landtagsklubs und SPÖ-Nationalratsklub Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

Antrag 29. Wohnen Eingebracht von AKS, SJ, VSSTÖ

Obdach- und Wohnungslosenhilfe für alle! Wie hoch die Zahl derer, die in Österreich ohne eine Wohnung - also auf der Straße, an öffentlichen Plätzen, in befristeten Notunterkünften leben oder in niederschwelligen Notschlafstellen übernachten - sind, kann nicht belegt werden. Klar ist allerdings, dass der größte Teil dieser von massiver Armut betroffenen Menschen in den Städten lebt. Wenn von Wohnungs- oder Obdachlosigkeit gesprochen wird, müssen drei Typen unterschieden werden: Personen, die auf der Straße leben und Notschlafstellen beanspruchen (akute Wohnungslosigkeit), Personen, die in sozialen Einrichtungen wohnen und denen damit ein Aufbewahrungsort für persönliche Besitztümer zur Verfügung steht und Personen, die vorübergehend bei FreundInnen, Bekannten oder Verwandten unterkommen (versteckte Wohnungslosigkeit). Zu beachten ist allerdings, dass die Grenzen zwischen den Gruppen fließend und durchlässig sind. Eine eigene Wohnung oder einfach ein Ort, an dem Persönliches aufbewahrt werden kann und der selbst von den Menschen, die dort leben, gestaltet wird, ist nicht „nur“ ein Schlafplatz, sondern die Basis für jegliches soziales Leben. Es gibt Personengruppen, die von der Wohnungslosenhilfe oftmals ausgeklammert werden und für die deshalb keine oder zu wenige Einrichtungen geschaffen werden/wurden. Dazu zählen Frauen, Jugendliche, psychisch kranke Menschen und Menschen, die keine österreichische StaatsbürgerInnenschaft haben. Besonders MigrantInnen oder AsylwerberInnen sind oft mit schwierigen Situationen konfrontiert. Aus Angst vor einer drohenden Abschiebung suchen nur wenige sich Hilfe bei Notunterkünften. Außerdem gibt es kein einheitliches Bundeswohnungslosengesetz – in einigen Bundesländern sind geförderte Einrichtungen für Personen, die keine EU-BürgerInnen sind, nicht zugänglich. Es darf nicht dem guten

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Willen von diversen karitativen Organisationen überlassen werden, arme Menschen ohne gültigen Pass zu unterstützen. Jeder Mensch hat das Recht auf soziale Sicherheit. Besonders von den Lücken der Wohnungslosenhilfe betroffen sind auch Frauen. Gängige und gültige Rollenbilder führen unter anderem dazu, dass Frauen oftmals ihre Wohnungslosigkeit verstecken wollen und Übergangslösungen suchen. Solche Unterkünfte sind gleichbedeutend mit Abhängigkeiten. Mit dem Verlust der Wohnung verlieren Frauen oft auch ihren Schutz vor Verletzungen ihrer körperlichen Integrität und vor Männergewalt gegen Frauen. Frauenspezifische Probleme in der Obdachlosigkeit unterscheiden sich von denen der Männer in hohem Ausmaß und treten besonders in gemischtgeschlechtlichen Einrichtungen auf. Hier sind weitere Angebote für Frauen gefragt. Dabei handelt es sich um Hilfseinrichtungen, die ausschließlich Frauen aufnehmen und niederschwellige Angebote (Notquartiere) für wohnungslose Frauen, aber auch betreute Wohnformen für Frauen. Als Basis für ein würdevolles Leben für alle Menschen braucht es ein Bundeswohnungslosengesetz. Es kann nicht sein, dass jedes Bundesland eigene Gesetze verabschiedet und die Situation der wohnungslosen Menschen weiterhin undurchsichtig bleibt. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:  dass sich die SPÖ Frauen für ein Bundeswohnungslosengesetz einsetzen, das besonders auf die Probleme von wohnungslosen MigrantInnen, Frauen und Jugendlichen eingeht  die Schaffung von weiteren niederschwelligen Notschlafstellen und Unterkünften Frauen, sowie eine aktive Auseinandersetzung mit den spezifischen Problemen von obdachlosen Frauen in allen Bundesländern Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an die Fraktion des Städte- und Gemeindebundes und den SPÖ-Nationalratsklub Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Antrag 30. Hände weg vom „Freien Sonntag“ – Sonntagsarbeit nicht noch ausdehnen Eingebracht von den SPÖ Frauen Kärnten

Im Handel wird die Erweiterung der Sonntagsöffnungszeiten wieder zunehmend in der Öffentlichkeit diskutiert. Viele Gebiete in Kärnten sollen nach den Vorstellungen einiger Politiker zu Tourismuszonen erklärt werden. Dadurch käme es zu einer extremen und undifferenzierten Ausdehnung der bestehenden Ausnahmeregelungen für die Sonntagsöffnung. Die „Allianz für den freien Sonntag“, getragen vom ÖGB, den Kirchen und unterstützt von kleinen Handelsunternehmen, warnt schon seit Jahren vor den gravierenden Auswirkungen, wenn Sonn- und Feiertage zu gewöhnlichen Einkaufs- und Arbeitstagen gemacht werden: Verlust von Lebensqualität durch den Entfall gemeinsamer Zeit für Erholung und Familie, weitere Flexibilisierung der Arbeitszeiten in Richtung einer „Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit“ für den Arbeitsmarkt sowie wachsender Wettbewerbs- und sozialer Druck. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:  Eine weitere Ausdehnung der Sonntagsöffnung ist strikt abzulehnen  Die bestehenden Ausnahmeregelungen zur Sonntagsöffnung im Handel sind zu evaluieren Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an die Fraktion sozialdemokratischer GewerkschafterInnen und den Bundesminister für Arbeit, Soziales und KonsumentInnenschutz Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Thema [ I ]: Integration – Frauen gegen Rechts Antrag 31. Integration Eingebracht von den SPÖ Frauen Tirol und Wien Integration gestalten – vor allem auch für die Frauen! Das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft stellt eine Gesellschaft vor große Herausforderungen. Die österreichische Sozialdemokratie stellt dabei das Gemeinsame über das Trennende und die Arbeit an der Lösung von Problemen in den Vordergrund. Die SPÖ sieht in Zuwanderung ein großes Potential für Österreich. Sie stellt einen wichtigen Faktor für die Zukunft Österreichs, insbesondere für den Wirtschaftsstandort dar. Menschen mit Migrationshintergrund haben immer schon zu Wachstum und Wohlstand in Österreich beigetragen. Die Vielfalt in unserem Land muss als Chance und Notwendigkeit für eine prosperierende Gesellschaft und auch der Wirtschaft gesehen werden. Für ein friedliches Zusammenleben wird es aber auch notwendig sein, einerseits die Ängste auf allen Seiten ernst zu nehmen, den Menschen zuzuhören, anderseits aber auch auf Basis der sozialdemokratischen Werte „Freiheit, Gleichheit, Solidarität“ Haltung zu zeigen. Nur so können Fremdenfeindlichkeit und Hetze wirksam bekämpft und Verständnis sowie Respekt auf allen Seiten gefördert werden. Integration ist keine Einbahnstraße, sondern erfordert die gemeinsame Anstrengung aller. Integration ist daher eine Aufgabe für alle die ein Interesse an Integration haben, sowohl für die öffentliche Verwaltung und die Politik, aber auch die ZuwanderInnen selbst, die ihre Beiträge zu gelungener Integration zu leisten haben. Erfolgreiche Integration ist daher nicht als Aufgabe einiger weniger zu sehen sondern muss in allen Bereichen des Landes erfolgen. Denn nur durch ein bestehendes Bewusstsein in den unterschiedlichsten Lebenslagen können konstruktive Lösungen gefunden werden, die im Interesse aller ÖsterreicherInnen sind. Es muss ein respektvolles und tolerantes Klima in ganz Europa geschaffen werden in dem Rassismus und Fremdenfeindlichkeit keinen Platz haben. Alle Menschen, die hier leben, müssen sich unabhängig von ihrer Herkunft als Teil dieses Landes sehen, in dem sie ihre Pflichten erfüllen und die gemeinsamen Spielregeln sowie unsere Rechts- und Gesellschaftsordnung einhalten. Im Gegenzug können sich alle auf klare transparente Richtlinien für die Zuwanderung, den Zugang zum Arbeitsmarkt und die politische Beteiligung verlassen. Die österreichische Sozialdemokratie bekennt sich dazu, dass Zuwanderung klar und transparent geregelt und unabdingbar an Integrationsmaßnahmen gekoppelt werden muss. Die SPÖ sagt „Ja“ zur Zuwanderung, erwartet im Gegenzug aber ein „JA“ zu Österreich. Unsere Werte, das Bekenntnis zu Demokratie, Menschenrechte und Frauenrechte, die Trennung zwischen Kirche und Staat, sind nicht diskutierbar! Wir unterstützen die zugewanderten Menschen damit sie rasch in ihrer neuen Heimat Fuß fassen – das betrifft, die Sprache, die Bildung der Kinder, den Arbeitsmarkt. Wir treten für eigene Schulungen im Zuge der Niederlassungsbegleitung ein, in denen auch wichtige Spielregeln des Zusammenlebens, Rechte und Pflichten vermittelt werden.

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Die SPÖ forciert den Dialog und fördert dass die Menschen miteinander reden. Auch im Alter und abseits des Erwerbslebens. Mit gezielten Kommunikationsangeboten wird sichergestellt, dass auch jene die die gemeinsame Sprache Deutsch bereits erlernt haben, sie auch nicht wieder verlernen. Die deutsche Sprache ist nämlich die gemeinsame Basis für ein gelungenes Zusammenleben. Die österreichische Sozialdemokratie forciert den leistbaren und zugänglichen Spracherwerb in den unterschiedlichsten Lebensabschnitten – vom Kindergarten bis in die Pension – damit alle Menschen Deutsch lernen und in weiterer Folge auch nicht mehr verlernen. Wir erkennen aber auch den Wert der Muttersprache für den Erwerb einer Zweitsprache. Aus der daraus resultierenden Sprachenvielfalt seiner BewohnerInnen profitiert das Land in weiterer Folge auch im internationalen Wettbewerb. Je früher Kinder Deutsch lernen, umso besser, umso schneller geht es. Der Kindergarten ist die erste Bildungseinrichtung und keine Aufbewahrungsstätte! Daher ist das kostenlose, verpflichtende Kindergartenjahr vor Schuleintritt eine Notwendigkeit. Durch muttersprachliche PädagogInnen wird der Erwerb der eigenen Muttersprache forciert und so die Basis für das erfolgreiche Erlernen der deutschen Sprache gelegt. Durch einen schnellen Arbeitsmarktzugang und effiziente Nostrifizierung wird Dequalifizierung vermieden. Jede und jeder in Österreich soll die ökonomische Basis für sein Leben selbst erwirtschaften können. Durch ein modernes und offenes Schulsystem wird der Grundstein für sozialen Aufstieg gelegt und das Potential aller jungen Menschen dieses Landes optimal genutzt. Die österreichische Sozialdemokratie forciert den schnellen Arbeitsmarktzugang und die effiziente Nostrifizierung ausländischer Abschlüsse um so wichtiges Know How für den Wirtschaftsstandort zu sichern. Auf Basis des Grundsatzes „Wer legal in Österreich lebt hat auch Zugang zum Arbeitsmarkt“ ermöglichen wir allen in diesem Land die ökonomische Basis für sein/ihr Leben und die damit verbundene Integration selbst zu erreichen. Die SPÖ sieht Bildung als den entscheidenden Grundstein für den sozialen Aufstieg an. Nur wenn wir es schaffen, gelungene Bildungskarrieren und Zukunftsperspektiven für alle zu ermöglichen, haben wir den Grundstein für gelungene Integrationsbiographien gelegt Um das Potential der österreichischen Jugend bestmöglich auszuschöpfen werden Programme entwickelt, in deren Rahmen die vor allem in Regionen mit besonders hohem Anteil an SchülerInnen aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien gezielt an Allgemeinbildende Höhere Schulen und Berufsbildende Höhere Schulen nach Talenten für Universitäten gescoutet wird. Dadurch wird der Bildungsaufstieg ermöglicht und das Zukunftspotential optimal genutzt. Für die Sozialdemokratie ist es bei allen Maßnahmen, die gesetzt, und bei allen Überlegungen, die angestellt werden, immer ein besonderes Anliegen, vor allem die Migrantinnen zu stärken und aus ihrer Isolation herauszuholen! Wir vermitteln dabei von Beginn an unser Rollenverständnis. Vorrang hat: Mädchen und Frauen für ein unabhängiges, selbstbestimmtes, sicheres Leben zu unterstützen, Frauen und Mädchen bei Zugang zu Bildung, Weiterbildung und Arbeitsmarkt massiv zu fördern.

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Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:  Zuwanderung muss in Zukunft klar und transparent geregelt werden. Eine entsprechende Evaluierung der geltenden Gesetze ist die Basis für eine neue nachvollziehbare Gesetzeslage.  Zuwanderung muss unabdingbar an integrationsbegleitende Maßnahmen gekoppelt sein. Entsprechende budgetäre Mittel und Know How werden den Kommunen zur Verfügung gestellt.  Wir setzen alles daran, dass Zuwanderung als große Chance und Potential gesehen wird, welche für den Wirtschaftsstandort Österreich von existentieller Bedeutung ist.  Sprache ist der Schlüssel für gelungene Integration. Deswegen werden entsprechende leistbare und zugängliche Angebote geschaffen. Die in Wien vorbildlich durchgeführten „Mama lernt Deutsch“-Kurse sollten bundesweit angeboten werden.  Damit alle Kinder „fit für die Schule“ sind und Sprachdefizite so rasch als möglich abgebaut werden, setzt die SPÖ auf gezielte Sprachförderung in Volks- und Hauptschule. Dies erfolgt auch durch den verstärkten Einsatz von muttersprachlichen PädagogInnen. Zusätzlich fordert die SPÖ gezielte Maßnahmen außerhalb der Schule für Kinder von 7 bis 14, die entweder während des Schuljahres nach Österreich kommen, aber auch für alle SchülerInnen mit genügend oder nicht genügend in Deutsch um die Basis für eine gelungene Bildungsbiographie zu legen. Dies bezieht sich auch auf alle Kinder mit Sprachförderbedarf die Deutsch als Muttersprache haben!  Um Menschen eine rasche Integration am Arbeitsmarkt zu ermöglichen, werden entsprechende Maßnamen gesetzt, um bestehende Qualifikation anzuerkennen. Wir fordern den sofortigen Arbeitsmarkt-Zugang für Migrantinnen, die sich legal in Österreich aufhalten  Die Qualifikationen der ZuwanderInnen sollen mehr als bisher festgestellt, anerkannt und für Österreich genutzt werden.  Die österreichische Sozialdemokratie Österreich fordert ein gerechtes, offenes und modernes Schulsystem welches das Potential aller jungen Menschen dieses Landes ausschöpft und ihnen so eine sichere Zukunft bietet. Denn nur eine gemeinsame Schule der 6 bis 15-jährigen mit dem Grundsatz „Stärken stärken, Schwächen schwächen“ bietet die notwendige Basis damit Bildungsdefizite nicht vererbt werden. Darüber hinaus fordert die SPÖ die gezielte Unterstützung von Schulen mit besonders hohem Anteil an SchülerInnen aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien egal welcher Herkunft durch vermehrten Ressourceneinsatz.  Um den Grundstein für einen erfolgreichen Bildungsverlauf zu ermöglichen, fordert die SPÖ außerdem gezielte Elternarbeit an Schulen, damit sie ihr Kind für eine erfolgreiche Schullaufbahn unterstützen können.  Um jungen Menschen Perspektiven zu geben und einen gelungenen Übergang in die Arbeitswelt zu garantieren, fordert die SPÖ Maßnahmen, die den gezielten Übertritt von der Pflichtschule in eine weiterführende Ausbildung bzw. in den Arbeitsmarkt durch frühzeitige Beratung und Potentialerkennung an den Schulen und weiterführende Förderung fördert.  Ein friedvolles, konfliktfreies Zusammenleben aller ÖsterreicherInnen, egal wie lange sie hier leben, muss im Vordergrund stehen. Durch gezielte Aktivitäten wird das aufeinander Zugehen gefördert und der Dialog forciert.  Das gilt insbesondere auch für schon länger in Österreich lebende ZuwanderInnen. Sie müssen in erster Linie über den Diversitätsansatz erreicht werden – das heißt überall dort, wo sie an öffentliche Institutionen andocken, im Gesundheits- und Sozialbereich, beim Wohnen, bei der Benützung von öffentlichen Verkehrsmitteln etc.. Es ist uns wichtig die Zusammenarbeit mit den einzelnen Gemeinschaften (communities) zu stärken und auch eine Vielzahl kleiner Beiträge und

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Initiativen zum konfliktfreien Zusammenleben zu unterstützen. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit haben keinen Platz in Österreich und sind mit den Grundwerten der Sozialdemokratie nicht vereinbar. Die österreichische Sozialdemokratie wird auch in Zukunft konsequent dagegen auftreten. Im Sinne der Grundwerte der österreichischen Sozialdemokratie müssen wir allen Menschen die in diesem Land leben, entsprechende Beteiligungsmöglichkeiten geben. Denn nur wenn wir die Menschen an unserer Gesellschaft teilnehmen lassen, sehen sie sich als Teil dieser und arbeiten gemeinsam an einem gelungenen Integrationsprozess. Aus diesem Grund sind Beteiligungsmöglichkeiten auf kommunaler Ebene für alle BewohnerInnen auszubauen. Um Menschen die hier leben auch am System der repräsentativen Demokratie zu beteiligen fordert die SPÖ Wahlrecht auf kommunaler Ebene für alle die zumindest 5 Jahre an einem Ort in Österreich gemeldet sind. Um die gesellschaftliche Realität zu einer wahrgenommenen Normalität werden zu lassen, müssen Menschen mit Migrationshintergrund in den verschiedensten Bereichen auf den verschiedensten Ebenen ihren Platz finden. Die Zusammensetzung der MitarbeiterInnen der öffentlichen Verwaltung muss jene der Gesamtbevölkerung widerspiegeln. Auch in Politik, Medien und der Wirtschaft müssen Menschen mit Migrationshintergrund Normalität werden. Um das Thema Integration vom Thema Sicherheit zu entkoppeln, bedarf es einer eigenen Stelle auf Bundesebene die Integration aktiv gestaltet. Deswegen treten wir für ein eigenes Staatssekretariat ein. Der Beschluss des Bundesparteivorstandes, in allen Bezirken Integrationsbeauftrage einzusetzen muss unterstützt und umgesetzt werden.

Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den SPÖ-Nationalratsklub und SPÖ-Landtagklubs Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

Antrag 32. Keine Frau ist illegal! Eingebracht von AKS, SJ, VSSTÖ

Das 2009 beschlossene Asylgesetz schockiert viele. Nach dem Fremdenrechtspaket 2005 ist es bereits das zweite von einer Großen Koalition beschlossene Gesetz, das die Menschenrechte massiv in Frage stellt. Innenministerin Maria Fekter schlägt ein Gesetz vor, das die Stigmatisierung von AsylwerberInnen und MigrantInnen noch weiter treiben wird - immerhin sind sie in ihren Augen alle VerbrecherInnen, die keine Gründe für einen legalen Aufenthalt in Österreich haben. Solche Gesetze tragen zum vorherrschenden rechten Diskurs bei und rechtfertigen rechte Politik und deren Parolen. In der Debatte um Migration und Asyl wird nicht "nur" rassistisch argumentiert, auch diverse Sexismen

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werden gerne dazu gemischt. Es steht außer Frage, dass Frauen, deren Herkunftsland nicht Österreich ist, in vielen Bereichen diskriminiert werden. Zu unterscheiden, ob rassistisch oder sexistisch ist mit Sicherheit nicht immer leicht. Bei der Analyse und Kritik des Asylgesetzes darf ein genauer Blick auf geschlechtsspezifische Probleme nicht vergessen werden. Zwischen 20 und 25 Prozent der AsylwerberInnen in Österreich sind Frauen, die gängige Vorstellung des Flüchtlings, der nach Europa kommt, ist dennoch männlich. Flüchtende Männer werden eher mit politischer Aktivität und Verfolgung in Verbindung gebracht, die Sensibilität für frauenspezifische Fluchtursachen bleibt gering. Zu solchen Ursachen gehört: Männergewalt gegen Frauen, Verfolgung und Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, drohender Ehrenmord und Genitalverstümmelung. Die Liste ließe sich wohl noch erweitern, klar muss aber auch sein, dass Frauen auch aus den gleichen Gründen wie Männer flüchten, also aufgrund von Krieg, Verfolgung und Armut. Die Zahl der Frauen, die in Österreich in die Illegalität gedrängt werden, ihren Lebensunterhalt mit Prostitution oder unterbezahlter Hausarbeit und ohne Versicherung bestreiten müssen, ist höher als man denkt. Aus Angst vor der Abschiebung und aus Angst vor den Gläubigern holen sich die betroffenen Frauen kaum Hilfe. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:  Frauenspezifische Fluchtgründe müssen im Asylverfahren bereits in der 1. Instanz verstärkt berücksichtigt werden. Dazu braucht es spezifische Schulungen für die Behörden.  In den Schubhafteinrichtungen muss es geschlossene Frauenräume geben, insbesondere getrennte Wasch- und Schlafräumlichkeiten.  Ausbau von Beratungsstellen für AsylwerberInnen, besonders für Frauen  Asylwerberinnen, die in Österreich von häuslicher Gewalt betroffen sind, muss ein leichterer Zugang zum humanitären Bleiberecht gewährt werden, unabhängig davon, ob sie eigene Fluchtgründe vorbringen können. Dazu braucht es zumindest eine offensive Kommunikation gegenüber den Frauen, welche dieses Recht in Anspruch nehmen wollen bzw. müssen.  Es braucht eine umfassende und verpflichtende Sensibilisierung von BeamtInnen, die mit solchen Verfahren zu tun haben.  Asylwerberinnen sollen bei ihrer Einvernahme automatisch das Recht auf eine Beamtin als Gegenüber haben. Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den SPÖ-Nationalratsklub Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Antrag 33. Antrag Arbeitsgruppe "Frauen gegen Rechts" Eingebracht von der AG „Frauen gegen Rechts“

In Österreich – genauso wie in vielen anderen europäischen Staaten – erleben wir derzeit ein erneutes Erstarken rechtsextremer Parteien und Organisationen. Rechtsextreme Positionen und Teile dieser Ideologie sind nicht mehr nur salonfähig geworden, sie werden von größer werdenden Kreisen unserer Gesellschaft mitgetragen. Immer mehr Menschen sympathisieren mit diesen Ideen oder dulden sie zumindest stillschweigend. Besonders deutlich wird dies bei Übereinstimmungen bei der Suche nach gesellschaftlichen Feindbildern – wie den sogenannten "Ausländern" oder den sogenannten "Islamisten". Nicht zuletzt spiegelt sich diese gedankliche Eintracht in den Wahlerfolgen der Rechtsparteien wider. Auch die demokratiegefährdenden Potentiale rechter Ideologien finden sich bereits bei bedenklich hohen Teilen der Bevölkerung. So meinen beispielsweise 88 % der Österreicher/innen, dass Demokratie zwar die beste aller Regierungsformen sei, dennoch können sich bereits 21 % ziemlich oder sehr gut vorstellen einen starken Führer zu haben, der sich nicht um Parlament oder Wahlen kümmern muss . Damit einher geht eine generelle Abnahme des Politikinteresses, verdeutlicht wird dies durch die schwindende Zahl von Bürger/innen, die bereit sind, sich aktiv in Politik und Gesellschaft einzubringen. Besonders zu denken gibt die steigende Zahl rechtsextrem und neonazistisch motivierter Angriffe und Straftaten. So stiegen die Anzeigen im rechtsextremen Milieu zwischen 2007 und 2008 um 11 %, die Zahl der Tathandlungen mit rechtsextremem, rassistischem, antisemitischem oder islamophobem Hintergrund erhöhte sich um 22 % im Vergleichszeitraum . Generell hält der Verfassungsschutzbericht 2009 fest: "Entgegen der Zurückhaltung der letzten Jahre zeigte die Neonazi-Szene im Berichtsjahr [2008; Anm.] Tendenzen, sich verstärkt in der Öffentlichkeit präsentieren zu wollen." Diese Tendenz hat sich weiter verstärkt: tätliche Angriffe auf Holocaust- Überlebende in Ebensee 2009, die zweimalige Schändung der Gedenkstätte Mauthausen 2009 und 2010, und Kandidaten einer Welser Bürgerliste, die in der KZ-Gedenkstätte den Hitlergruß zeigen, haben uns tief betroffen gemacht. Medial begleitet werden all diese Geschehnisse auf einer Homepage, die nach dem Verbotsgesetz strafbare Inhalte zu aktuellsten Ereignissen in Österreich zur Verfügung stellt und eindeutige Kontakte zu rechtsextremen Parteien offenbart . Forderungen Die SPÖ muss hier deutliche Zeichen setzen. Neben unseren Grundwerten Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität hat die Sozialdemokratie immer offen und klar eine antifaschistische Position bezogen. Unsere Funktionärinnen und Funktionäre waren es, die gegen jede Form der autoritären und faschistischen Gesinnung gekämpft und viele dafür mit ihrem Leben bezahlt haben. So liegen die Wurzeln der Sozialdemokratie im Februar 1934, in Wöllersdorf, im tschechischen Exil während des Austrofaschismus. Sie liegen ebenso im Kampf gegen den sogenannten "Anschluss" an das nationalsozialistische Regime, im Widerstand, in den Volksgerichtshöfen, in den Zellen der NS-Terrorjustiz und in den Konzentrationslagern. Im Wissen um die Geschichte bekennt sich die sozialdemokratische Frauenorganisation einmal mehr zum Eintreten für Demokratie, zum Kampf gegen jede Form des Rechtsextremismus, Rassismus, Antise-

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mitismus, Sexismus und Faschismus. Denn gerade Frauen wissen, dass nur innerhalb einer gefestigten Demokratie Frauenrechte gesichert sind. Faschistische und rechtsextreme Systeme haben immer direkt zur Benachteiligung und Diskriminierung von Frauen geführt. Einerseits braucht es heute den Kampf gegen und die strafrechtliche Verfolgung von aktuellen rechtsextremen und neonazistischen Bestrebungen. Genauso, wie es – gerade in Österreich – nach wie vor und verstärkt die Bekämpfung nationalsozialistischen Unrechts und die Ausforschung und Verurteilung der damaligen Täter/innen braucht . Andererseits müssen wir eine aktive Gedenkkultur leben, die an den Austrofaschismus und das folgende nationalsozialistische Regime erinnert, mahnt und rechtliche Lücken – wie beispielsweise bei der Rehabilitierung der Opfer des austrofaschistischen Regimes – schließt. Und die Bezüge zur Gegenwart und zu heutigen Geschehnissen aufzeigt, herstellt und daraus Lehren für unser Miteinander heute ermöglicht. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:  Klares und öffentliches Auftreten gegen jede Form von Rechtsextremismus, Neonazismus, Antisemitismus, Rassismus, Xenophobie, Islamophobie, Sexismus, sowie Homo- und Transphobie  Förderung einer breit angelegten aktiven Auseinandersetzung mit der Zeit des Austrofaschismus und der Zeit des Nationalsozialismus  Ausbau der politischen Bildung innerhalb der Sozialdemokratie, an Schulen und in Vereinen und Projekten  Verstärkte Kooperation der sozialdemokratischen Frauenorganisation mit Gedenk- und Erinnerungsinitiativen in den Gemeinden und Bezirken sowie Initiieren von solchen Projekten  Lebendige, offene und aktive Erinnerungs- und Bewusstseinskultur innerhalb der sozialdemokratischen Bewegung und ihrer Teilorganisationen  Intensiver Einsatz für die Weiterentwicklung der sozialen Demokratisierung in allen Bereichen der Gesellschaft  Unterstützung der Bemühungen zur Rehabilitierung der Opfer des austrofaschistischen Regimes (insbesondere der sogenannten "Februarkämpfer") unter explizitem Ausschluss der Rehabilitierung von Nationalsozialist/innen  Bemühungen zur Ausforschung und zur Verurteilung nationalsozialistischer Täter/innen aus Österreich sowie Strafverfolgung jeglicher Form der Wiederbetätigung im Rahmen des Verbotsgesetzes Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Annahme und Weiterleitung an den SPÖ-Bundesparteivorstand, SPÖ-Nationalratsklub und die Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Kultur Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Antrag 34. Resolution zur Kopftuchfrage Eingebracht von AKS, SJ, VSSTÖ Diskussionen zum Kopftuch sind in aller Munde: Sollen Frauen muslimischen Glaubens eines tragen dürfen? Brauchen wir ein Verbot? Alle österreichischen Parteien und diverse Organisationen mischen in diesem Diskurs mit, aus Deutschland und Frankreich kommen verschiedene Impulse. In der Auseinandersetzung wird in den seltensten Fällen auch mit Migrantinnen gesprochen. Oftmals werden Positionen für diese Frauen gefunden, nicht mit ihnen gemeinsam. Es ist unabdingbar, Migrantinnen in die Diskussionsprozesse einzubinden – es gibt viele Gründe für Frauen ein Kopftuch zu tragen, es kann sein, dass wir den einen oder anderen noch nicht kennen. Zu oft schon wurde in feministischen Bewegungen für „andere“ Frauen entschieden. Beispiele zeigen uns, dass ein falscher Umgang mit diesem aktuellen Thema zu drastischen Problemen führt und Rassismus fördert. Es dürfen nicht verschiedene Problemstellungen in einen Topf geworfen werden: Ehrenmorde müssen nicht mit Kopftüchern in direkter Verbindung stehen. Fragen rund um das Kopftuch müssen sensibel diskutiert und geklärt werden. Anders als einige Feministinnen in anderen europäischen Ländern diskutieren und damit Diskurse prägen, wollen wir Frauen, die Kopftücher tragen und Frauen, die in linken migrantischen Organisationen aktiv sind, in den Prozess der Meinungsfindung einbinden um bei der nächsten Bundesfrauenkonferenz eine fortschrittliche, für die SPÖ geltende Position zu diesem brennenden Thema zu beschließen. Die Bundesfrauenkonferenz der SPÖ fordert daher:  die Einrichtung einer Arbeitsgruppe, zu der Wissenschaftlerinnen und Vertreterinnen von migrantischen Organisationen eingeladen werden. Die Arbeitsgruppe soll bis zur nächsten Bundesfrauenkonferenz eine adäquate Position zum Thema Kopftuch vorschlagen. Die Arbeitsgruppe beginnt im Herbst 2010 sich in regelmäßigen Abständen zu treffen. Besonderes Augenmerk wird auf die breite Einladungspolitik gelegt  es sollen alle interessierten Frauen mitdiskutieren können, es werden auch Vertreterinnen der Jugendorganisationen eingeladen. Empfehlung der Antragsprüfungskommission: Weiterleitung an den Bundesfrauenvorstand Beschluss der Konferenz:  Annahme  Zuweisung  Ablehnung Weiterleitung an: _____________________________________________________

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Notizen


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Impressum: Medieninhaberin und Herausgeberin SPÖ Bundesfrauen, Löwelstraße 18, 1014 Wien | Grafik und Layout: SPÖ | Druck: Donau-Forum-Druck, Wien


OPEN SPACE Parallele Diskussion bei der Konferenz zu den Themen: A

Einkommen

B

Arbeit

C

Quoten

D

Gesundheit

E

Globale Verantwortung

F

Bildung und Kultur

G

Familie und Vereinbarkeit

H

Lebensqualität und Selbstbestimmung

I

Integration - Frauen gegen Rechts

J

Zukunft der SPĂ–: Unter 30 - zu jung?