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Diskurs- und Performance-Happening

Social Fictions Visionen des Sozialen im Spannungsfeld von Kunst und Wissenschaft

20.11. | 27.11. und 4.12. 11 – 19 Uhr Akademietheater im Prinzregententheater Eintritt zu den Beiträgen nur zur vollen Stunde In deutscher oder englischer Sprache Eintritt Euro 5|Tag Studenten bei Vorlage des Studentenausweises Eintritt frei Nur an der Tageskasse 10 – 18 Uhr Konzeptgruppe Tilmann Broszat Sigrid Gareis Armin Nassehi Michael Thoss Produktion SPIELART Festival München in Zusammenarbeit mit der AllianzKulturstiftung, dem Institut für Soziologie der LMU München (Lehrstuhl Prof. Dr. Armin Nassehi), und der Bayerischen Theaterakademie August Everding in Verbindung mit FestivalLAB. Mit Unterstützung des Kulturreferates des Landeshauptstadt München. FestivalLAB wird realisiert mit Unterstützung der Europäischen Kommission.

»Weltbank« oder »Weltrevolution«? Wutbürger? Freiheitskämpfer? Umweltaktivist? Der Umgang mit den großen alten Gesellschaftsutopien ist heute schwierig geworden, auch wenn im Zusammenhang mit der jüngsten Wirtschaftskrise sogar marxistische Theorieansätze wieder salonfähig geworden sind. Es heißt: Zu vernetzt und komplex ist die Welt, sind ihre Probleme, als dass sie sich mit dem unter Ideologieverdacht stehendem Vokabular des 19. und 20. Jahrhunderts beschreiben und in Angriff nehmen ließen. Betont wird weiterhin, dass die gegenwärtigen Umwelt-, Bevölkerungs-, Armuts- und Gesundheitsprobleme nur von einer global agierenden Politik bewältigt werden können. Und doch erscheinen die politischen Versuche, die immer deutlicher sich abzeichnenden Kollateralschäden des wirtschaftlichen und technischen Fortschritts zu reparieren, als zunehmend hilflos. Gestern Bankenkrise und Bohrloch im Golf von Mexiko, heute drohender Staatsbankrott und kollabierender japanischer Atommeiler Fukushima: sie sind zu Sinnbildern für die Unmöglichkeit geworden, globale Krisen rechtzeitig in den Griff zu bekommen. 40 Jahre nach dem Club-ofRome-Report DIE GRENZEN DES WACHSTUMS mehren sich die Zeichen, dass das Mantra vom technischen und wirtschaftlichen Fortschritt als Lösungsrezept oder Allheilmittel sich heute als bloßer Mythos einer Epoche entpuppt, die zu Ende zu gehen scheint. SOCIAL FICTIONS lädt Künstler und Wissenschaftler ein, an drei Sonntagen über andere Optionen, neue Ideen und »alte« Traditionen nachzudenken. »World Bank« or »world revolution«? Furious citizen? Freedom fighter? Environmental activist? The approaches to the grand, old social utopias have become difficult nowadays. One hears that the world and its problems are too networked and too complex that they cannot be described or approached using the vocabularies of the 19th and 20th centuries – which are laden with ideology. The continuing emphasis is that the current problems involving the environment, population, poverty, and health can only be managed by active global policies. And yet the political attempts to repair the more and more obvious collateral damage of economical and technological progress appear to be increasingly helpless. The bank crisis and the oil well in the Gulf of Mexico were yesterday, the threat of bankrupt countries and the collapsing Japanese nuclear power plant Fukushima are today. They have become allegories for the impossibility of dealing with global crises in a timely manner. SOCIAL FICTIONS invites artists and scientists to contemplate other options, new ideas, and »old« traditions on three Sundays.

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SOCIAL FICTIONS Diskurs- und Performance-Happening

Sonntag, 20. 11.

11 Uhr

Armin Nassehi Expertentum – die Ästhetik der Krise

12 Uhr

Stefan Kaegi mit Sidigullah Fadai Ex Experten

13 Uhr

Janez Janša NAME Readymade

14 Uhr

Monika Gintersdorfer mit Skelly Les illetrés

15 Uhr

Günter Küppers Neues aus der Küche – von der experimentellen Vernunft der Köche

16 Uhr

Toshiki Okada The change that happened to me and Japan’s society

17 Uhr

Kenichi Mishima Tragikomödie der Expertokratie

18 Uhr

Shuddhabrata Sengupta Theatre in the Archive

Sonntag, 27. 11.

Die Krise der Expertise

Die Kunst des Protestes

11 Uhr Wu Wenguang Memory: Hunger – Protest Amnesia through documentary and theatre 12 Uhr

Klaus Zehelein Der Findling von 1811

13 Uhr Hans-Werner Kroesinger Why it’s fun to be an expert for yesterday’s news 14 Uhr Sanja Mitrovic Theatre as the existing – theatre as the possible 15 Uhr Dieter Rucht Expressive und symbolische Aspekte neuer Protestformen 16 Uhr Albert Ostermaier Faust aufs Herz 17 Uhr Paula-Irene Villa Körpereinsatz: Feminismus zwischen Pop und Porno 18 Uhr Rabih Mroué Image till victory? 3


Sonntag, 4. 12.

Aufbrechende Gemeinschaften

11 Uhr Yael Bartana We shall be strong in our weakness 12 Uhr Matteo Pasquinelli The insurrection of the knowledge society 13 Uhr Sophie Wolfrum Hier 14 Uhr Laila Soliman Knock knock knock until you die… no time for art? 15 Uhr Ursula Biemann Extraterritorial Communities 16 Uhr Friedrich Wilhelm Graf Religion als Vergemeinschaftung 17 Uhr Jan Ritsema Can you imagine: if this, then no longer, that? 18 Uhr

Hans-Thies Lehmann und Helene Varopoulou Gemeinschaften des Bruchs – oder was haben Bourriaud, Rancière und Agamben dem Theater zu sagen? Ein Duo-Vortrag

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20.November Expertentum ...

Expertisen funktionieren nicht deshalb, weil die in ihnen gesprochenen oder geschriebenen Sätze wahr sind oder tatsächlich stimmen, sondern weil an sie in der Weise angeschlossen wird, dass sie als wahr und stimmig erscheinen. Um dies zu gewährleisten, brauchen Expertisen eine Form, eine Gestalt, eine Ästhetik. Insofern ist die Krise der Expertise auch eine ästhetische Krise. Armin Nassehi (*1960), seit 1998 Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Arbeitsgebiete: Kultursoziologie, Politische Soziologie, Wissenssoziologie.

Ex Experten

Nach aktivem Widerstand gegen die sowjetische Besatzung Afghanistans floh Sidigullah Fadai nach München, war dort Vertreter der afghanischen Mudschaheddin in Deutschland und spielte auch in Stefan Kaegis SICHERHEITSKONFERENZ in den Münchner Kammerspielen. Dort plädierte er - entgegen der meisten westlichen Experten - dafür, mit den Taliban in Verhandlung zu treten. Heute hat sich der Wind gedreht und selbst Amerika denkt so wie Fadai damals. Wie erkennt man Experten? Wie lang ist die Halbwertszeit ihres Wissens? Und was haben sie im Theater zu suchen? Der Schweizer Regisseur Stefan Kaegi (*1972) inszeniert in verschiedensten Konstellationen dokumentarische Theaterstücke, Hörspiele und Stadtrauminszenierungen. Gemeinsam mit Helgard Haug und Daniel Wetzel arbeitet Kaegi unter dem Label Rimini Protokoll. Seit 2006 arbeitet er auch mit der argentinischen Autorin und Regisseurin Lola Arias zusammen.

NAME Readymade

In NAME READYMADE wird die Aktion der Namensänderung präsentiert, die von drei slowenischen Künstlern 2007 durchgeführt wurde: Offiziell – mit sämtlichen notwendigen Papieren und Stempeln – ließen sie sich den Namen des damaligen slowenischen Ministerpräsidenten Janez Janša (Regierungszeit 2004-08) geben. Seitdem sind sämtliche Werke der drei Künstler alias Janez Janšas sowie ihre privaten wie öffentlichen Angelegenheiten – in einem Wort ihr ganzes Leben – unter diesem Namen (auf-)geführt worden. Der studierte Soziologe und Theaterregisseur Janez Janša (*1964) zählt zu den subversivsten Theatermachern Sloweniens. Janša veröffentlicht theoretische Schriften und Monografien über zeitgenössische Theater- und Tanzformen.

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Les illetrés

Am Beispiel der Elfenbeinküste betrachten der ivorische Sänger Skelly und die Regisseurin Monika Gintersdorfer, wie sich eine Gesellschaft neu formiert, nachdem sie eine Phase der gewaltsamen Auseinandersetzungen um das Präsidentenamt überstanden hat. Der Hergang der Ereignisse soll demnächst vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag untersucht werden. Die studierte Kulturwissenschaftlerin Monika Gintersdorfer arbeitet unter dem Label Gintersdorfer | Klaßen seit 2005 mit dem bildenden Künstler Knut Klaßen, dem Schauspieler und Tänzer Franck Edmond Yao sowie mit dem Coupé Décalé-Sänger Francis Parfait Taregue zusammen.

Neues aus der Küche – von der experimentellen Vernunft der Köche

Der Zusammenbruch des Sowjetimperiums, die Insolvenz von Lehman Brothers, die Atomkatastrophe von Fukushima beschreiben Ereignisse, die alle im Prinzip möglich, aber in hohem Maße unwahrscheinlich waren. Eine solche Entwicklung ist charakteristisch für komplexe Systeme, in denen Chaos und Ordnung untrennbar miteinander verknüpft sind. Der Vortrag beginnt mit Demonstrationen von einfachen Experimenten und Computersimulationen, in denen das Zusammenspiel von Chaos und Ordnung vorgeführt wird. Anschließend sollen Möglichkeiten im Umgang mit dem Komplexen aufgezeigt werden. Dazu gehen wir fiktiv in die Küche… Günter Küppers studierte Mathematik und Physik, lehrte und forschte an den Universitäten Bielefeld und Wien. Er war über drei Jahrzehnte Geschäftsführer und Mitglied des Vorstandes des interdisziplinär arbeitenden Instituts für Wissenschafts- und Technikforschung an der Universität Bielefeld.

The change that Happened to me and Japan’s society

Krisen geben Künstlern die Möglichkeit, Muster, die sich in ihre Werke geschlichen haben, zu ändern. Im März diesen Jahres wurde ich mit der Krise konfrontiert - das Erdbeben und die folgenden Katastrophen. Dadurch hat sich meine Einstellung gegenüber der Theaterarbeit und dessen Hinterfragung durch das Publikum sehr geändert. Der Bedarf an Kunst in der japanischen Gesellschaft tritt scheinbar offensichtlicher als vorher zu Tage. Der japanische Schriftsteller und Regisseur Toshiki Okada gründete 1997 seine Company chelfitsch.

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Tragikomödie der Expertokratie

Experten, die Krisendiskurse beherrschen, können vieles verdecken und schönreden, enthüllen und bloßstellen, aber auch durch Enthüllung verdecken. Sie reden oft im verschwiegenen Auftrag einer schwer benennbaren Struktur. Ihr Berufsethos kann auch ein intimes Verhältnis zu »struktureller und legaler Kriminalität« (Kenichi Mishima) haben. Kenichi Mishima (*1942) studierte an der Universität Tokio Philosophie, Germanistik und Vergleichende Kultur- und Literaturwissenschaft. Von 1990 bis 2004 war er Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft und Sozialphilosophie an der Universität Osaka. Seit 2004 ist er Professor für Sozialphilosophie an der Tokyo Keizai Universität.

Theatre in the Archive

In THEATRE IN THE ARCHIVE diskutiert Shuddhabrata Sengupta vom Raqs Media Collective, wie sich die Theatergruppe in ihren Kunstprojekten mit der Übertragung archivalischer Forschungen auf die Bühne beschäftigt. Was passiert, wenn ein Bild zum Darsteller wird? Wie spielen Tatsachen mit Fiktionen, wenn Theater ein Archiv betritt? Das Raqs Media Collective, bestehend aus Jeebesh Bagchi, Monica Narula und Shuddhabrata Sengupta, ist eine Künstlergruppe aus Neu-Delhi, die im Bereich Installation, Video, Fotografie, Text-Bild-Collagen, On- und Off-line Medienkunst und Performance tätig ist. Ausstellungen bei der Documenta 11 sowie bei den Biennalen von Venedig, Istanbul, São Paulo, Taipeh und Sydney.

27.November Memory: Hunger – Protest Amnesia through Documentary and Theatre

»2008 arbeitete ich als künstlerischer Leiter des Living Dance Studio an der Performance MEMORY, eine Sammlung persönlicher Erinnerungen an die Kulturrevolution während der 1960er Jahre. Zwei Jahre später wurde das zweite Stück der MEMORY-Serie, das diesmal die »Große Hungersnot« von 1959 bis 1960 thematisierte, aufge-

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führt. Der Fortschritt der Moderne rückt in China die historischen Ereignisse derart in den Hintergrund, dass die Amnesie bekämpft werden muss.« (Wu Wenguang) Wu Wenguang (*1956) studierte chinesische Literatur an der Universität in Yunnan. Wu ist ein international bekannter Dokumentarfilmer, freischaffender Schriftsteller, Künstler und Produzent von Tanz- und Theaterproduktionen. 1994 gründete Wu zusammen mit Wen Hui in Beijing die freie Tanzgruppe Living Dance Studio.

Der Findling von 1811

Vor zweihundert Jahren erschien der Findling, der scheinbar als eine Ergänzung weiterer erfundener Geschichten fungierte. Doch dieser Findling war eine lebende Bombe, deren Explosion noch bis ins 21. Jahrhundert nachhallt. Klaus Zehelein (*1940, Frankfurt am Main), Chefdramaturg in Kiel, Oldenburg, Frankfurt. Künstlerischer Direktor des Thalia Theaters. Diverse Gastprofessuren. Von 1991 bis 2006 Opernintendant in Stuttgart, seit Mai 2003 Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Präsident der Bayerischen Theaterakademie August Everding.

Why it’s fun to be an expert for yesterday’s news

Die Welt wird schneller mit jedem Tag. Hier eine Revolution, dort ein Atomunfall verbunden mit einer Flutwelle, irgendwo findet ein Genozid statt und auch die Finanzkrise dürfen wir nicht vergessen. Alles ereignet sich, aber nichts geschieht. Wir erfahren fast alles, aber bewegen nichts. Schauen wir doch wenigstens noch einmal hin, wie die Dinge sich ereignen und wie sie für uns beschrieben werden, denn ein konzentrierter Blick zurück ist vielleicht ein Blick aufs Jetzt. Hans-Werner Kroesinger (*1962), Studium am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften der JustusLiebig-Universität Gießen. Regieassistent und Dramaturg bei Robert Wilson, 1989 künstlerischer Mitarbeiter Heiner Müllers. Seit 1993 eigene Inszenierungen sowohl an renommierten Stadt- und Staatstheatern als auch in der freien Szene. Kroesingers Arbeiten wurden zu zahlreichen renommierten nationalen und internationalen Festivals eingeladen.

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Theatre as the existing – theatre as the possible

In dem Moment, wenn grausame Sparmaßnahmen – die Konsequenz einer durch den Finanzsektor verursachten Wirtschaftskrise – weitreichende und nicht selten gewaltsame öffentliche Unruhen in ganz Europa herbeiführen, kann es aufschlussreich sein, die Arten von Antworten zu überlegen, die wir – sowohl als Künstler als auch als Bürger – in unserer Verfügungsgewalt haben. Als Theatermacherin und Performerin möchte ich jenen eine Stimme geben, die nicht gehört werden – durch repetitive Neukonfigurierung individueller und kollektiver Geschichte, um die Realität und die Imagination, das Existieren und das Mögliche, näher zu bringen. Die serbische Regisseurin und Autorin Sanja Mitrovic (*1978) emigrierte vor zehn Jahren in die Niederlande und studierte in Amsterdam zeitgenössisches Theater. 2009 gründete sie Stand Up Tall Productions, die sich als sozial und politisch engagiertes Theater mit transnationalen Strukturen wie Immigration und politische und kulturelle Integration befassen.

Expressive und symbolische Aspekte neuer Protestformen

Ihre Attraktivität können Protestformen aus zwei gegensätzlichen Momenten beziehen: zum einen der ritualisierten Wiederholung des Vertrauten, die Sinn und Gemeinschaft stiften soll; zum anderen in kreativer Ausgestaltung und Variation von Formen, die auf Spaß, Anerkennung, Überraschung, Subversion, Irritation, Einschüchterung usw. zielen. Dies wird an Beispielen zeitgenössischer Proteste anhand von Beschreibungen, Bildern und Filmsequenzen verdeutlicht. Der gebürtige Allgäuer Dieter Rucht (*1946) war seit 2005 Ko-Leiter der ehemaligen Forschungsgruppe »Zivilgesellschaft, Citizenship und politische Mobilisierung in Europa« am Wissenschaftszentrum Berlin Sozialforschung (WZB), wo er zuvor Leiter der Arbeitsgruppe »Politische Öffentlichkeit und Mobilisierung« war.

Faust aufs Herz

Literatur ist nicht korrekt, darf nicht korrekt sein, Poesie entsteht aus Regelverletzung, Überschreitung, Verrücken des als Unverrückbar geglaubten. Poesie ist Perspektivenwechsel, Drama Blickwechsel. Was ist Schreiben anderes als Spurensuchen, falsche Fährten legen, Fingerabdrücke zu hinterlassen und sie freizulegen. Dort zu suchen, wo niemand sucht, dort zu finden, wo niemand

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findet. Um die Phantasie zu befeuern, muss man ermutigen, das, was einem unter den Nägeln brennt, auszusprechen. Es ist gut, wenn man für etwas brennt, eine Leidenschaft hat, sich angreifbar macht, weil man für etwas steht. Albert Ostermaier (*1967) Lyriker und Dramatiker, lebt und arbeitet in München. Aktuell veröffentlichte er den Roman SCHWARZE SONNE SCHEINE. 2011 sind zwei neue Stücke uraufgeführt worden, AUFSTAND bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen sowie HALALI im Residenztheater.

Körpereinsatz: Feminismus zwischen Pop und Porno

Body politics gehören wesentlich zu den Strategien und Zielen vielfacher feministischer Artikulationen. Dabei steht im Vordergrund die Einsicht, dass (geschlechtliche) Körper nicht einfach von Natur aus da sind, sondern dass sie in gesellschaftlichen Konstellationen »gemacht« werden. So gehörte es zu den zentralen Anliegen der Neuen Frauenbewegungen (»Second Wave«), sich das Recht auf den eigenen Körper nicht nur zu nehmen, sondern darüber hinaus, über die eigene Natur zu verfügen. Daraus haben sich ausgesprochen ambivalente Freiheitsgewinne ergeben. Aus dem »Mein Bauch gehört mir« der 1970er und 1980er Jahre folgt im Jahr 2011 u.U. eben auch, dass »ich mir deshalb auch das Fett daran absaugen lassen kann, wenn ich es will«. Der Vortrag wird den Ambivalenzen feministischer body politics nachgehen. Paula-Irene Villa (*1968), aufgewachsen in Argentinien, USA, Kanada und Deutschland. Soziologin und seit 2008 Lehrstuhlinhaberin für Soziologie | Gender Studies an der LMU München.

Image till victory? Eine lecture-performance über den Gebrauch von Mobiltelefonen während der Syrischen Revolution

Der Vortrag thematisiert die Veröffentlichung von Fotos, die während des syrischen Aufstandes entstanden sind und mittels Facebook sowie anderer virtueller Kommunikationsmittel publiziert wurden. Was für eine Vernetzung hat dieser Akt der fotografischen Dokumentation, wenn sie durch das Prisma von Dogma 95, dem kinematographischen Manifest der dänischen Filmemacher Lars von Trier und Thomas Vinterberg, gesehen werden?

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Rabih Mroué (*1967, Beirut), Schauspieler, Regisseur und Autor, u.a. für die libanesische Vierteljahrsschrift KALAMON und TDR (New York). Er ist Mitbegründer und im Board der Beirut Art Center Association (BAC). Seit 1990 entwickelt er eigene Stücke, Performances und Videos, u.a. PHOTO-ROMANCE (2009), THE INHABITANTS OF IMAGES (2008).

4. Dezember We shall be strong in our weakness

Das Jewish Renaissance Movement in Polen ist eine politische Kunstorganisation, die den Schwerpunkt auf die Erschaffung von Solidarität der Diaspora-Communities legt. Der Vortrag wird den Film MARY KOSZMARY vorführen und über den Prozess der Transformation von »social fictions« in »social facts« sowie über aktuelle JRMIP-Aktivitäten berichten. Yael Bartana (*1970) ist Künstlerische Direktorin des JRMIP. In ihrem Werk beschäftigt sie sich mit nationalen Zeremonien, öffentlichen Ritualen und der Konstruktion kollektiver Identität.

The insurrection of the knowledge society: Marx’s notion of »organic composition of capital« and the role of cognitive capitalism behind the current financial crisis

Heutzutage ist Deutschland führend im geistigen Kapitalismus: Marx selbst nannte einst den »allgemeinen Intellekt« das »fixe Kapital«, verkörpert durch die industrielle Maschinerie. Heute ist das geistige Kapital leicht aus digitalen Netzwerken und durch die neue Art von Wissensarbeitern zu beziehen. Marx´ Idee einer organischen Komposition des Kapital ist immer noch nützlich, um zu beschreiben, wie diese Wissensakkumulation hinter der Bühne des Finanzkapitalismus agiert.

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Matteo Pasquinelli arbeitet als Schriftsteller, Kurator und Forscher. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit neuen Konfliktformen durch Wissensökonomie und kognitiven Kapitalismus.

Hier

Der konkrete Ort birgt eine Opposition zu den im Programm genannten globalen sozialen Verwerfungen. Sie sind einerseits in sehr unterschiedlichem Maße in ihn eingeschrieben, andererseits bietet er Widerstand. Global | Lokal ist vor diesem Hintergrund ein fast schon überstrapaziertes Begriffspaar. Dennoch sind nicht zuletzt vor diesem Hintergrund Stadtspaziergänge, Walkscapes, Promenadologie und verwandte Praktiken das Mittel der Recherche, um über den Ort nicht nur zu reden, sondern ihn konkret zu erfahren. Was entdecken wir rund um den Prinzregentenplatz in einer knappen Stunde an einem Sonntag im Dezember? Sophie Wolfrum, Studium der Raumplanung, Große Staatsprüfung Städtebau, Verwaltungspraxis in Tansania und Deutschland, seit 1989 Büro für Architektur und Stadtplanung in Partnerschaft mit Prof. Alban Janson, seit 2003 Professur für Städtebau und Regionalplanung an der TU München.

Knock knock knock until you die… no time for art? come back, leave? hear news, make news? die, living?‫‬ ‫‬

diaries, testimonies, sounds, movements, bullets, resistance 
and whatever makes a revolution or is it all useless? Laila Soliman (*1981) ist eine ägyptische Regisseurin, Dramaturgin und Autorin. Sie lebt und arbeitet in Kairo.

Extraterritorial Communities

In ihrem Vortrag EXTRATERRITORIAL COMMUNITIES wird Ursula Biemann über die Bildung von Kunst- und Aktivistengruppen, die in den letzten Jahren in der der arabischen Welt entstanden sind, sprechen. Die Künstlerin diskutiert zwei unterschiedliche ästhetische Ansichten zum aktuellen sozialen Wandel sowie zu den aufblühenden bürgerlichen Bewegungen in der Region. Die Schweizer Videoessayistin und Wissenschaftlerin am Institut für Theorie an der Zürcher Universität der Künste Ursula Biemann betreut diverse zeitgenössische Kunst- und Forschungsprojekte, die sich im Umfeld von Geografie und Mobilität lokalisieren lassen.

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Religion als Vergemeinschaftung

Religion ist nie eine rein individuelle Haltung oder Praxis, sondern stets auch ein Gemeinschaftsereignis. Wo jedoch in der plural verfassten, vielfach diversifizierten Welt die religiösen Auffassungen der Individuen und Gruppen aufeinander stoßen, ist Streit programmiert. Ausgetragen werden die selten auch gewalttätigen positionellen Kämpfe um Deutungshoheit innerhalb der ganz unterschiedlichen Gesellschaften. Friedrich Wilhelm Graf (*1948), Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-MaximiliansUniversität München. Forschungsschwerpunkte: Theologische Ideengeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts, Ethik, religiöse Wandlungsprozesse der Moderne.

Can you imagine: if this, then no longer, that?

Can you imagine: if this, then no longer, that? And all this implies. The absence of the logic of causality. The absence of probability. The absence of appropriation and fixation. The absence of quantification. The absence of laws of nature and society. The absence of the ›I understand‹. Less language. The absence of desire. The absence of future. The absence of imagination. The absence of the ›I‹ and its institutions. The absence of the private. Can you imagine that in the absence of all this, that primitively holds us together, we will be able to deal, ourselves, us, with the other and the things, favorably? Can you imagine this and still think the technological standards sustain and develop? I can. Das Theater des niederländischen Regisseurs, Tänzers und Dramatikers Jan Ritsema (*1945) oszilliert zwischen Denken und Spielen. Zusammenarbeit u.a. mit Meg Stuart, Boris Charmatz und Jonathan Burrows. Ritsemas Werke wie WEAK DANCE STRONG QUESTIONS, PIPELINES. A CONSTRUCTION und BLINDSPOT sorgten für Furore.

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Hans-Thies Lehmann und Helene Varopoulou Duo-Vortrag

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Gemeinschaften des Bruchs – oder was haben Bourriaud, Rancière und Agamben dem Theater zu sagen?

Agamben lässt uns das Theater von der Geste her sehen. Bourriaud belehrt uns über eine neuere Entwicklung in den bildenden Künsten, bei denen sich das Verständnis von dem, was Kunst sei, radikal und radial verwandelt: die Kunst arbeitet nicht mehr in erster Linie daran, ein Bild, ein Objekt im Sinne eines durch Formung modifizierten Materials herzustellen. Stattdessen geht es um die passagere Aktualisierung und | oder Reflexion von etwas, das den Namen Beziehung trägt: relationale Ästhetik. Rancière zeiht diese These der Naivität und des Utopismus. Wir fragen, was die realen, eingebildeten, erhofften Gemeinschaften des Theaters, der Performance von all dem schon wissen: Sind neue aufbrechende Gemeinschaften eher zusammenbrechende alte? Hans-Thies Lehmann, bis 2010 Professor für Theaterwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt a. Main. Zahlreiche Publikationen u.a.: POSTDRAMATISCHES THEATER (1999), THEATER IN JAPAN (Hg., zus. mit Eiichiro Hirata). Helene Varopoulou, Kritikerin, Übersetzerin, Theaterwissenschaftlerin, Beraterin Athener Concert Hall Megaron, Konsultantin Nationaltheater Athen, Direktorin Internationales Theaterfestival Argos. Zahlreiche Lehraufträge und Publikationen.

Bildnachweise Nobutaka Sato (Toshiki Okada), david baltzer | bildbuehne.de (Hans-Werner Kroesinger), Albert Ostermaier (Albert Ostermaier), Talal Al-Muhaha (Jan Ritsema), beteiligte Gäste Impressum Folder SOCIAL FICTIONS Herausgeber (V.i.S.d.P.) Spielmotor München e.V. – Eine Initiative der Stadt München und der BMW Group Grafik: www.gestaltungsbuero-hersberger.de

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