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Ausgabe 3 - Januar 2018 Sonderedition zur 4. Berliner Pflegekonferenz

Pflege braucht Innovationen Social Investment in der Pflege

Anerkennung des Pflegeberufs stärken Beispiele aus dem Partnerbundesland Mecklenburg-Vorpommern

Übertherapie am Lebensende Dr. Matthias Thöns

+ Impressionen 4. Berliner Pflegekonferenz + Otto Heinemann Preis 2017 + Marie Simon Pflegepreis 2017 + Viele nationale und internationale Best-Practice-Beispiele


Otto Heinem ann Preis 2018 zur Verein barkeit von Beruf und Pflege Preisträger

2017 Handwerkskammer Karlsruhe — SHG-Kliniken Völklingen — Globus (SB-Warenhäuser und SB-WarenhausHolding)

Wir suchen Vorbilder für eine pflegefreundliche Arbeitswelt – bundesweit! Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird in immer mehr Unternehmen zu einem wichtigen Thema. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und des absehbaren Fachkräftemangels rücken dabei auch Erwerbstätige, die gleichzeitig Familienangehörige pflegen müssen, zunehmend in den Fokus der Arbeitgeber. Gesucht wird daher das innovativste Unternehmen, das in herausragender Weise für seine Beschäftigten optimale Bedingungen zur Vereinbarkeit von Pflege und Arbeit schafft und mit Ideenreichtum und unternehmerischer Weitsicht auf das Wohl seiner Angestellten zielt. Bewerbungsschluss: 2. Juli 2018

Alle Informationen rund um die Ausschreibung auf www.otto-heinemann-preis.de


#3 03


Stefanie Drese + Ministerin für Soziales, Integration und Gleichstellung Mecklenburg-Vorpommern Yves Rawiel + Geschäftsführer spectrumK Initiator der Berliner Pflegekonferenz

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Editorial Die Pflege ist eines der wichtigsten Themen unserer Zeit.

des Plenums und der Fachforen das Thema Würde und

Die Diskussion um Perspektiven und innovative Lösungen

Selbstbestimmung von Pflegebedürftigen zur Sprache. Wie

findet immer häufiger Eingang in die gesamtgesellschaftli-

sieht eine angemessene Versorgung am Lebensende aus?

che Debatte. Deutlich sichtbar wurde das in der Endphase

Wie viel Technisierung verträgt die Pflege? Wie gehen wir

des Bundestagswahlkampfes 2017. Bis zum Jahr 2030 wird

mit dem Bedürfnis nach Sexualität trotz Pflegebedürftig-

die Zahl der Pflegebedürftigen aller Voraussicht nach von

keit um?

derzeit 2,94 Millionen auf 4,07 Millionen steigen. Dazu

Die steigende Zahl der Bewerbungen auf unsere beiden

kommt, dass aufgrund der Alterung der Bevölkerung po-

Pflegepreise – den Marie Simon Preis für innovative Pfle-

tenziell weniger Pflegende zur Verfügung stehen. Die

geprojekte und den Otto Heinemann Preis für die Verein-

Diskussionen und Gespräche auf der Berliner Pflegekon-

barkeit von Pflege und Beruf – zeigen die zunehmende

ferenz haben bestätigt, dass sowohl für alle Akteure im Ge-

Relevanz der beiden Themen. Ganz besonders habe ich

sundheitswesen als auch auf politischer Ebene dringender

mich darüber gefreut, dass es mehr und mehr Unterneh-

Handlungsbedarf besteht.

men gibt, die ihre Mitarbeiter dabei unterstützen, die Dop-

Auf nationaler und internationaler Ebene wurden bereits

pelbelastung Angehörigenpflege und Berufstätigkeit zu

viele interessante Modelle entwickelt, um diese Herausfor-

bewältigen.

derungen zu bewältigen. Nun ist es notwendig, von diesen

In der abschließenden Podiumsdiskussion kam ein Anlie-

Modellen zu lernen und sie auf die gesamte Versorgung zu

gen zur Sprache, das mich sehr berührt hat: Wir dürfen

übertragen. Um diesen Prozess zu unterstützen, möchten

Pflegebedürftige nicht auf ihren Hilfebedarf reduzieren!

wir mit der Berliner Pflegekonferenz eine Dialogplattform

Aus der Pflegepraxis wurde in Beispielen berichtet, wie viel

über alle Interessengruppen hinweg geben.

Kraft es Pflegebedürftigen geben kann, wenn sie spüren,

Als Flächenland mit einer eher ländlich geprägten Struk-

dass sie gebraucht werden und trotz ihrer eigenen Defizite

tur ist Mecklenburg-Vorpommern in besonderem Maße

noch anderen Menschen helfen können. Dies ist eine ganz

von den Folgen einer zunehmend älter werdenden Gesell-

wichtige Ressource sowohl für die Pflegebedürftigen selbst

schaft betroffen. Die Zahl der Pflegebedürftigen im Land

als auch zur Entlastung der Pflegenden, die wir nicht ver-

ist im bundesweiten Vergleich jetzt schon sehr hoch. Daher

nachlässigen sollten.

entstanden bereits vielzählige Projekte und Ansätze, mit

Mit der Berliner Pflegekonferenz möchten wir die un-

denen der Situation begegnet wird. Deswegen hat es mich

terschiedlichsten Ansätze und Sichtweisen einander ge-

sehr gefreut, dass Mecklenburg-Vorpommern den Auftakt

genüberstellen und Raum für Diskussion und Vernetzung

gemacht und als erstes Partnerbundesland der Berliner

schaffen. Auch in diesem Jahr setzen wir diesen Prozess mit

Pflegekonferenz die Perspektive auch auf regionale Frage-

unserem Magazin pflege\welt fort. Ich danke allen Mitwir-

stellungen gelenkt hat. Ganz besonders bedanke ich mich

kenden der 4. Berliner Pflegekonferenz und der aktuellen

bei Sozialministerin Stefanie Drese für ihr umfangreiches

Ausgabe der pflege\welt sehr herzlich dafür, dass sie diesen

Engagement im Rahmen der 4. Berliner Pflegekonferenz.

Diskussionsprozess ermöglicht und unterstützt haben.

Auch der Blick in unsere Nachbarländer hat interessante und nachahmenswerte Beispiele aufgezeigt. Studenten,

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre mit vielen

die als Mitbewohner frischen Wind in das Leben von Seni-

Impulsen!

orenheimbewohnern bringen, oder der Postbote, der sich Herzlichst

auf seiner Tour nach dem Wohlergehen älterer Menschen erkundigt: Manchmal entstehen durch Querdenken Lösungen, die gerade dadurch so gut funktionieren, dass sie im Nachhinein verblüffend einfach sind und auf der Hand zu liegen scheinen. Neben der brennenden Frage nach der Attraktivitätsstei-

Ihr Yves Rawiel

gerung des Pflegeberufs kam in verschiedenen Beiträgen

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Inhalt Ausgabe 3 — Januar 2018 Sonderedition zur 4. Berliner Pflegekonferenz 26

Ausbildung zur Pflegehilfe in Berlin ermöglicht neue Pflegebildungsperspektiven + Anja Lull, Fachkoordinatorin Pflegeberufe, Oberstufenzentrum Gesundheit I

Editorial + 05 Inhaltsverzeichnis + 06 Impressum + 114

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Pflegepolitik 11

+ Im Gespräch mit Sophia Warneke, examinierte Altenpflegerin, und Marcus Rasim, Schulleiter zweier Pflegeschulen in Scheinfeld

+ Ingrid Fischbach, Patientenbeauftragte der Bundesregierung und Bevollmächtigte für Pflege im Bundesministerium für Gesundheit

Hallo Pflegeinnovationen, wo seid ihr?

Für ein positives Bild der Pflege in der Öffentlichkeit

Innovationen & Technik 32

„Unsere gemeinsamen Anstrengungen dürfen nicht nachlassen“

+ Christine Weiß, stv. Leiterin des Bereichs „Demografischer Wandel und Zukunftsforschung“, Institut für Innovation und Technik (iit) in der VDI/VDE-IT

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38

Es ist dramatisch + Dr. Henning Scherf, Bürgermeister der Hansestadt Bremen a. D.

„Pflege braucht Innovationen“ + Im Gespräch mit Antonia Albert, Gründerin und Geschäftsführerin von Careship, und Oliver Koch-Pahl, Managing Partner von manager4rent

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40

Förderung eines selbstbestimmten Lebens in Ostbelgien + Antonios Antoniades, Minister für Familie, Gesundheit und Soziales der Region Ostbelgien

Entlastung für Pflegekräfte und pflegende Angehörige + Cluster Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg – HealthCapital

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Pflege in den Regionen 42

Herausforderungen in der pflegerischen Versorgung im ländlichen Raum + Stefanie Drese, Ministerin für Soziales, Integration und Gleichstellung, Mecklenburg-Vorpommern

Anerkennung des Pflegeberufs stärken + Mecklenburg-Vorpommern

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46

Pflege ist ein Zukunftsthema + Dilek Kolat, Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Berlin

NetzWerk GesundAktiv (NWGA) + Dr. Thomas Nebling, Projektleiter Konsortialprojekt NetzWerk GesundAktiv (NWGA), Techniker Krankenkasse

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Alterung der Bevölkerung als gesamtgesellschaftliche Herausforderung begreifen

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+ Im Gespräch mit Dr. Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes (DStGB), und Yves Rawiel, Geschäftsführer der spectrumK GmbH und Initiator der Berliner Pflegekonferenz

Projekt SaarPHIR – Saarländische Pflegeheimversorgung Regelhaft Integriert + Sonja Laag, Leiterin Versorgungsprogramme, BARMER

Fachkräftesicherung 24

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Altersgerechte Strukturen im ländlichen Raum: Lösungsansätze der Lebensphilosophie „Dorflinde Langenfeld“

Jobmotor oder Knochenmühle?

+ Reinhard Streng, 1. Bürgermeister Gemeinde Langenfeld

+ Franz Knieps, Vorstand, BKK Dachverband e.V.

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Die Veranstaltung 52

Eindrücke vom ersten Veranstaltungstag + Die Zukunft der Pflege

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Eindrücke vom zweiten Veranstaltungstag + Pflege im Wandel – viel Potenzial und drängende Fragen

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Podiumsdiskussion

+ Wie kann gute Pflege und gesellschaftliche Teilhabe im Alter gelingen?

Marie Simon Pflegepreis 75 Die Schirmherrin + Sr. Liliane Juchli

76

Mit neuen Ideen die Lebensqualität älterer Menschen verbessern

+ Jann Jakobs, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Potsdam

78

Wo Menschen mit Demenz Selbstwirksamkeit erfahren und Pflegekräfte aus Osteuropa sich über ihre Sorgen austauschen können + Die Preisträger

Otto Heinemann Preis 82 Drei Vorbilder für eine pflegefreundliche Arbeitswelt stellen sich vor + Die Preisträger

Pflegepraxis 88

Übertherapie am Lebensende + Dr. med. Matthias Thöns, Palliativnetz Witten e.V.

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Verraten und verkauft? + Dr. Markus Mai, Präsident, Landespflegekammer Rheinland-Pfalz

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Auswirkungen der gesetzlichen Änderungen auf die Pflege + Gerhard Schuhmacher, Vorsitzender der Caritas-Sozialstation St. Johannes e.V. Erlenbach, 1. Vorsitzender DiAG Altenhilfe Würzburg

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Ihr erster Ansprechpartner im Pflegefall

Bundesweite Pflegeberatung für gesetzlich Versicherte

 0800 7237267 24h – 7 Tage – kostenfrei www.spectrumK.de 08


94

Die neue Pflegebegutachtung in der Praxis: erste Zwischenbilanz aus Sicht der Medizinischen Dienste der Krankenversicherung + Martin Melcer, Bereichsleiter Koordination/Kommunikation, Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS)

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Beratung von pflege- und hilfebedürftigen Menschen in Deutschland im Spannungsfeld zwischen gesetzlichem Auftrag und praktischer Umsetzung + Ralf Tebest, NRW Fortschrittskolleg GROW der Universität zu Köln, Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Uniklinik Köln

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Sinnlichkeit und Erotik im Alter und bei körperlicher Immobilität + Gabriele Paulsen, Geschäftsführerin Nessita GmbH

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„Aktion Saubere Hände“ – mehr Patientensicherheit durch Händedesinfektion + Dr. Tobias Kramer, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Charité Universitätsmedizin Berlin

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Ein Beispiel für die Akademisierung der Altenpflege

+ Prof. Dr. Claudia Schacke, Professorin für Soziale Gerontologie, Kath. Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB)

Pflegende Angehörige 104 Vereinbarkeit von Familie und Beruf – ohne die geht es nicht + Jürgen Hohnl, Geschäftsführer des IKK e.V.

106

Pflegekurse machen Angehörige für den Umgang mit Pflegebedürftigen fit + Thomas Nöllen, Teamleiter Pflegemanagement, spectrumK GmbH

Internationale Beispiele 108 Das „Dutch National Care for the Elderly Program“

+ Prof. B. Meyboom-de Jong, MD, PhD, Vorsitzende des „Dutch National Care for the Elderly Program“ und Botschafterin von „Ageing Better“

110

Das Modell „Humanitas Deventer“ + Dr. Gea Sijpkes, Geschäftsführerin Humanitas Deventer

112

Call&Check: Ein sozialer Dienst + Joe Dickinson, Erfinder von Call&Check

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Pf legepolitik

„Unsere gemeinsamen Anstrengungen dürfen nicht nachlassen“

Ich freue mich, dass wir in der vergangenen Legislaturperi-

Karriere. Von einer breit aufgestellten Pflegeausbildung

ode viel für die Pflegebedürftigen und die für sie sorgenden

profitieren ganz klar insbesondere die kranken und pflege-

Menschen erreicht haben. Wir haben nun einen Pflegebe-

bedürftigen Menschen.

dürftigkeitsbegriff, der sich nicht länger an den Defiziten

Mir ist wichtig, dass unsere gemeinsamen Anstrengungen

der Menschen orientiert, sondern an ihrer Selbstständig-

nun nicht nachlassen dürfen. Die Krankenhäuser und Pfle-

keit. Das spiegelt sich auch im neuen Begutachtungsverfah-

geeinrichtungen sind in der Pflicht, ihre Ausbildungsbe-

ren wider: Die Minutenzählerei gehört endlich der Vergan-

mühungen noch weiter zu intensivieren. Der Ausbau der

genheit an.

Pflegeinfrastruktur vor Ort ist nach wie vor eine große

Die Pflegestärkungsgesetze haben deutliche Leistungsver-

Aufgabe, die alle Beteiligten fordert. Und natürlich muss

besserungen bewirkt. Durch den Pflegegrad eins haben vie-

auch die Politik weiter ihre Hausaufgaben machen und die

le Menschen erstmals überhaupt einen Anspruch auf Leis-

gesetzlichen Leistungen immer wieder neu ausloten. Dazu

tungen der Pflegeversicherung. Bei der Ausgestaltung der

zählt beispielsweise auch, dass wir die Leistungsansprüche

Leistungen haben wir uns an den tatsächlichen Bedürfnis-

noch transparenter und leichter zugänglich machen sollten.

sen der Betroffenen orientiert. Denn die meisten Menschen

Wenn alle Akteure weiterhin an einem Strang ziehen, dann

möchten so lange wie möglich zu Hause leben und deshalb

können wir die zukünftigen Herausforderungen in der Pfle-

haben wir insbesondere die häusliche Pflege gestärkt. Hier

ge meistern.

möchte ich auf den Ausbau der Tages- und Nachtpflege, die Angebote zur Unterstützung im Alltag sowie die insgesamt höheren Leistungsbeträge hinweisen. Die vielen pflegenden Angehörigen leisten einen ganz wesentlichen Beitrag dafür, dass pflegebedürftige Menschen länger in den eigenen vier Wänden leben können. Daher unterstützen wir sie, beispielsweise mit Pflegekursen, einer besseren sozialen Absicherung und einer flexibleren Nutzung von Kurzzeit- und Verhinderungspflege. Natürlich sind auch die professionellen Pflegekräfte die tragenden Säulen in der Versorgung der pflege- und hilfebedürftigen Menschen – egal ob zu Hause, in einer Pflegeeinrichtung oder im Krankenhaus. Und um den Pflegeberuf noch attraktiver zu machen und auch zukünftig motivierte Auszubildende für diesen Beruf zu gewinnen, haben wir die Ingrid Fischbach + Patientenbeauftragte der Bundesregierung und Bevollmächtigte für Pflege im Bundesministerium für Gesundheit + www.patientenbeauftragte.de

Pflegeausbildung modernisiert und auf völlig neue Füße gestellt. Die zukünftigen Fachkräfte haben dadurch viel mehr Möglichkeiten und Perspektiven in ihrer beruflichen

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Es ist dramatisch

Alle, die mit Pflege zu tun haben, wissen, dass es so nicht

Nicht die stationäre Versorgung ist die Hauptaufgabe, son-

weitergehen kann.

dern die qualifizierte ambulante Dienstleistung. Wir Alten

Der demografische Wandel lässt die Zahl der älteren Men-

wollen da alt werden, wo wir zu Hause sind. Wir wollen so

schen ständig steigen und zugleich kommen schwache Ge-

lange wie möglich selbstbestimmt unseren Alltag gestalten.

burtsjahrgänge nach. Der Facharbeitermangel wird in Zu-

Dafür braucht es eine altersgerechte Stadtplanung, eine

kunft unübersehbar – und die Arbeitsbedingungen in der

Nachbarschaft, die solidarisch lebt. Wir brauchen Netzwer-

Pflege sind nicht konkurrenzfähig mit anderen Berufen.

ke, die Pflege vermeiden helfen.

Was tun?

Das alles lässt sich seit Langem zum Beispiel in Skandina-

Wir brauchen viele gut ausgebildete Pflegekräfte. Also

vien beobachten. Warum können unsere Nachbarn, was

müssen die Ausbildung und die Bezahlung wesentlich ver-

bei uns so schwerfällt? Ein Grund könnte sein, dass bei uns

bessert werden.

Pflege zu einem Marktartikel geworden ist, mit dem einige

Wir brauchen viele Zuwanderer, die mit ihrer Lebenserfah-

wenige viel Geld verdienen.

rung und dem Wunsch, in unserem Land einen gesicherten

Mir geht es nicht um Marktoptimierung, ich will mich für

Arbeitsplatz zu finden, die großen Personallücken jeden-

meine Altersgenossen einsetzen. Wer das Land wiederauf-

falls teilweise schließen können.

gebaut hat, darf jetzt nicht allein dem Markt ausgeliefert

Und wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Pflege.

werden.

Dr. Henning Scherf + Bürgermeister der Hansestadt Bremen a. D.

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Rubrik

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Förderung eines selbstbestimmten Lebens in Ostbelgien

Wir Menschen werden im Durchschnitt immer älter. Das

Bei all unseren Anstrengungen in der Seniorenpolitik ver-

haben wir einerseits dem rasanten medizinischen Fort-

folgen wir den Grundsatz „ambulant vor stationär“. Unsere

schritt zu verdanken, andererseits aber auch einer besse-

Senioren können jedoch nur dann möglichst lange in den

ren und vor allem gesundheitsbewussteren Lebenshaltung.

eigenen vier Wänden verweilen, wenn ihr körperlicher und

Wir ernähren uns gesünder und bewegen uns mehr. Das gilt

geistiger Zustand es zulässt. In einigen Fällen ist der Gang

natürlich auch für die Seniorinnen und Senioren. Der Senior

in ein Alten- oder Pflegewohnheim die beste Lösung. Aus

von heute treibt Sport, bereist die Welt, engagiert sich eh-

diesem Grund werden wir auch in Zukunft stationäre Ein-

renamtlich und bildet sich weiter – eine tolle Entwicklung,

richtungen benötigen und für die entsprechenden Betreu-

die voll und ganz unserer Vorstellung eines selbstbestimm-

ungsplätze sorgen müssen. Gerade im ländlichen Gebiet ist

ten Lebens im Alter entspricht! Damit dies auch in Zukunft

dies eine besondere Herausforderung.

möglich ist, möchte ich als zuständiger Gesundheits- und Sozialminister der Deutschsprachigen Gemeinschaft Bel-

Die Wendung „selbstbestimmtes Leben im Alter“ ist kein

giens durch entsprechende Maßnahmen wichtige Weichen

Schlagwort. Dahinter steckt nicht nur eine Philosophie,

stellen und die passenden Rahmenbedingungen schaffen.

sondern ein gesamtgesellschaftliches Projekt! Dieses werde ich als zuständiger Minister zum Wohle unserer Senio-

In Ostbelgien leben 98 Prozent der 60- bis 79-Jährigen

ren und der Menschen, die sie tagtäglich begleiten, auch in

und 85 Prozent der 80- bis 99-Jährigen in den eigenen vier

Zukunft nach Kräften weiterführen und entwickeln!

Wänden. Die überwiegende Mehrheit von ihnen besitzt eine Wohnung oder gar ein ganzes Wohnhaus. Was den meisten von ihnen gemeinsam ist: der Wunsch, möglichst lange selbstbestimmt und selbstständig im vertrauten Wohnumfeld zu leben. Das Lebensumfeld spielt also zur Verwirklichung eines selbstbestimmten Lebens eine ganz besondere Rolle. Vor diesem Hintergrund hat die ostbelgische Regierung bereits eine Reihe von Maßnahmen ergriffen. Neben der Schaffung einer öffentlichen Anlauf- und Orientierungsstelle (Dienststelle für Selbstbestimmtes Leben), der Entwicklung von alternativen Wohnformen oder der Umsetzung einer Demenzstrategie denke ich hierbei insbesondere an den erheblichen Ausbau der häuslichen Hilfe. Dadurch werden

Antonios Antoniades + Minister für Familie, Gesundheit und Soziales der Region Ostbelgien + www.antoniadis.be

besonders die pflegenden Angehörigen, die ich gerne als den größten Betreuungsdienst unserer Gemeinschaft bezeichne, bei ihrer wertvollen Arbeit unterstützt.

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PfPflegepolitik legeberuf

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Herausforderungen in der pflegerischen Versorgung im ländlichen Raum Im Gespräch mit Stefanie Drese, Ministerin für Soziales, Integration und Gleichstellung Mecklenburg-Vorpommern Frau Drese, als Sozialministerin Mecklenburg-Vorpommerns sind Sie auch für das Thema Pflege zuständig. Welchen Stellenwert hat das Thema und was sind aus Ihrer Sicht aktuell die größten Herausforderungen?

und Entlastung der pflegenden Angehörigen, Aktivitäten zur Fachkräftesicherung bis hin zur Stärkung der Rolle der Kommunen in der Pflege reicht.

Wie sehen Sie die Situation in Mecklenburg-Vorpommern? Inwieweit ist Mecklenburg-Vorpommern exemplarisch für andere Flächenländer, wo unterscheidet es sich deutlich?

Mecklenburg-Vorpommern ist mit seiner ländlich geprägten Struktur im besonderen Maße von den Folgen einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft betroffen. Die Zahl der Pflegebedürftigen im Land ist mit einem Anteil

Anders als Bismarck mal gesagt haben soll, in Mecklenburg

von rund 5 Prozent der Gesamtbevölkerung in MV über-

passiere alles 50 Jahre später, trifft uns der demografische

durchschnittlich hoch. Im bundesweiten Vergleich beträgt

Wandel früher, auch wenn die Pflegebedürftigkeit in Nieder-

die Pflegequote 3,5 Prozent. Daraus ergeben sich für uns

sachsen, Sachsen-Anhalt oder Thüringen ähnlich hoch ist.

als großes Flächenland besondere Herausforderungen,

Wir wollen zeigen, dass dieser demografische Wandel auch

denen wir uns schon seit einiger Zeit stellen. Dazu gehört

positiv gestaltet werden kann und den sozialen Zusammen-

auch, dass das Thema Pflege für mich als Sozialministerin

halt vor Ort auch zwischen Alt und Jung stärkt. Damit mo-

zu den wichtigsten Schwerpunktaufgaben gehört. Ich setze

bilisieren wir die der Gemeinschaft innewohnenden Kräfte.

angesichts der Situation in unserem Land auf die weitere Stärkung der häuslichen, ambulanten und teilstationären

Denn nur gemeinschaftlich, durch Aktivierung und ziel-

Pflege. Wir haben zudem ein ganzes Maßnahmenpaket

gerichtete Unterstützung familiärer, ehrenamtlicher und

zur Weiterentwicklung der pflegerischen Versorgung ge-

kommunaler Strukturen vor Ort, lässt sich Pflege zukünftig

schnürt, das von der Förderung im investiven Bereich über

zufriedenstellend darstellen. Von dieser Maxime sind wir in

die Beratung sowie Unterstützung der Pflegebedürftigen

Mecklenburg-Vorpommern überzeugt.

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Pf legepolitik

Dazu passt auch unser Grundansatz in der Pflegepolitik:

benötigen wir einen intelligenten Mix aus professioneller,

„ambulant vor stationär“, dessen Umsetzung zwingend ne-

familiärer und ehrenamtlicher Pflege für Pflegebedürftige

ben professionellen eben auch maßgeblich familiäre und

und ihre Angehörigen. Deshalb wollen wir, begleitet von in-

ehrenamtliche Struktur- und Hilfeangebote bedingt. Mehr

tegrierten Pflegesozialplanungen in allen Regionen Meck-

als drei Viertel der Pflegebedürftigen in MV wurden Ende

lenburg-Vorpommerns, diese Netzwerke sinnvoll weiter-

2015 zu Hause betreut, davon knapp die Hälfte ausschließ-

entwickeln und etablieren.

lich durch Angehörige und gut 26 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause mithilfe eines ambulanten Dienstes.

Hierzu gehören die Optimierung der Versorgungsstruktur,

Damit liegt MV deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

der Ausbau der Beratung und Unterstützung von Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen, die Stärkung der

Für mich beginnen diese Struktur- und Hilfsangebote üb-

Rolle der Kommunen in der Pflege sowie die Fachkräfte-

rigens nicht bei der Pflege, sondern zunächst bei der ste-

sicherung. Ganz konkret bauen wir beispielsweise unsere

tigen Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie, Beruf

Pflegestützpunkte von 14 auf 18 Standorte aus. Künftig

und Pflege. Ein gutes Kita-Angebot zum Beispiel bietet

wird es hier zusätzliche Angebote für Wohnberatung und

Rahmenbedingungen, die Freiräume für die Eltern schaf-

mehr Hilfe für Pflegebedürftige und Angehörige geben.

fen, die nicht nur Kinder haben, sondern sich zum Beispiel auch um kranke oder pflegebedürftige Familienangehörige

Und ganz wichtig: damit unser Konzept aufgehen kann,

kümmern. Auch Unternehmen müssen flexible Möglichkei-

darf der Nachwuchs im Pflegeberuf nicht ausgehen. Es ist

ten und Modelle schaffen für ihre Beschäftigten, die enge

mir ein besonderes Anliegen, dass die Attraktivität der Be-

Angehörige pflegen.

schäftigung in der Altenpflege gesteigert wird. Dazu gehört auch, dass die Ausbildung künftig für die Auszubildenden

Mecklenburg-Vorpommern vergibt in diesem Jahr wieder den Altenpflegepreis, auf der Berliner Pflegekonferenz haben Sie die Preisverleihung des Marie Simon Pflegepreises eröffnet. Inwiefern tragen solche Preise dazu bei, den Herausforderungen in der Pflege zu begegnen?

kostenlos sein muss. Wir müssen dem Fachkräftebedarf mit besseren und vor allem gleichen Löhnen – im Osten wie im Westen – begegnen. Deshalb darf es im Pflegebereich auch keinen unterschiedlichen Mindestlohn mehr geben. Ich halte die Festschreibung unterschiedlicher Mindestlohnsätze in Ost und West im Pflegebereich bis in das Jahr 2020 hinein für nicht akzeptabel. Es ist ein falsches Zeichen und widerspricht den Regelungen beim allgemeinen gesetzlichen

Das ist von enormer Bedeutung. Ich halte es für ganz wich-

Mindestlohn, der gerade keine Unterscheidung zwischen

tig, innovative, herausragende und beispielgebende Leis-

Ost und West mehr macht. Die Pflegelücke bekämpfen wir

tungen in der Altenpflege zu würdigen. Deshalb gibt es bei

nicht, indem wir die Pflegekräfte im Osten noch schlechter

uns in MV den Altenpflegepreis. Pflege ist oft negativ be-

bezahlen als im Westen. Hier steuere ich politisch gegen

setzt. Das wird den allermeisten Beschäftigten, die in am-

und habe deshalb eine Initiative gestartet und einen Antrag

bulanten, teilstationären oder stationären Einrichtungen

für die Arbeits- und Sozialministerkonferenz Anfang De-

für hilfe- und pflegebedürftige Menschen arbeiten, nicht

zember in Potsdam vorbereitet.

gerecht. Deren tägliche Arbeit ist anspruchsvoll, vielseitig, Wir danken für das Gespräch!

professionell und verantwortungsvoll. Sie sorgen für die Lebensqualität der auf Unterstützung angewiesenen Menschen und für ein Klima von Mitmenschlichkeit. Diese Leistungen, auch von Arbeitgebern, müssen Unterstützung finden. Preise würdigen die vielen Facetten der Pflege, heben die gesellschaftliche Bedeutung hervor und schaffen die nötige mediale Aufmerksamkeit. Aus meiner Sicht können wir nicht genug über das Thema „Älterwerden“ sprechen.

Was sind Ihre Schwerpunkte und Ziele in der Pflegepolitik in Mecklenburg-Vorpommern? Stefanie Drese + Ministerin für Soziales, Integration und Gleichstellung Mecklenburg-Vorpommern + www.regierung-mv.de/Landesregierung/sm/

Wir berücksichtigen im außerordentlichen Maße den Wunsch der meisten älteren Menschen, ihren Lebensabend so lange wie möglich zu Hause zu verbringen. Dafür

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Pflege ist ein Zukunftsthema

Im Gespräch mit Dilek Kolat, Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Berlin

die Zukunft und Digitalisierung der Pflege. Es reicht nicht,

Frau Kolat, Sie sind nicht nur Berliner Senatorin für Gesundheit, sondern auch Senatorin für Pflege. Was hat den Ausschlag gegeben, der Pflege ein eigenes Ressort zu widmen?

über Pflegenotstand zu reden, sondern wir müssen konkret handeln.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen beim Thema Pflege?

Pflege ist angesichts der alternden Gesellschaft ein Zukunftsthema, das immer mehr Menschen betreffen wird.

Pflege gehört in die Mitte der Gesellschaft. Viele Menschen

In Berlin ist schon jetzt jeder zehnte Einwohner mit dem

werden mit dem Thema Pflege so plötzlich konfrontiert,

Thema verbunden. 116.000 Menschen sind in der Stadt

dass sie sich vorher darüber keine Gedanken gemacht ha-

pflegebedürftig. In den Pflegeheimen und bei den Pflege-

ben. Und der Bedarf an Information ist auch deshalb gestie-

diensten arbeiten 46.000 Beschäftigte. Und schließlich gibt

gen, weil sich rechtlich einiges geändert hat. Informationen,

es in Berlin 200.000 pflegende Angehörige. Auch die Pflege

Beratung und Unterstützung gibt es in den Pflegestütz-

in den Krankenhäusern wird zunehmend wichtiger für den

punkten. Wir haben im Juli den 36. Pflegestützpunkt Ber-

medizinischen Erfolg einer Behandlung. Wir bauen gerade

lins eröffnet und damit jetzt eines der dichtesten Bera-

in der Senatsverwaltung eine Abteilung auf, in der es zu den

tungsnetze zur Pflege in ganz Deutschland. Innerhalb von

bereits vorhandenen Referaten zwei neue geben wird: ei-

30 Minuten kann jede Berlinerin und jeder Berliner eine

nes für Pflegeberufe und Fachkräftesicherung und eines für

Beratung erreichen. In den Pflegestützpunkten bekommen

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Pf legepolitik

jedes Jahr über 40.000 Ratsuchende Hilfe. Wir wollen die

Bundesgesetzgeber mehr Pflegekräfte auf den Stationen

Personalausstattung für die zwölf vom Land finanzierten

der Krankenhäuser vorschreiben. In den vergangenen Jah-

Pflegestützpunkte von 2,5 Vollzeitstellen auf 3,5 je Stütz-

ren wurde das Personal dort immer stärker ausgedünnt, so

punkt aufstocken. Ich will, dass jeder, der einen Leistungs-

dass die Arbeitsbelastung enorm gestiegen ist.

anspruch hat, diese Leistung auch bekommt. Eine weitere

Was sind Ihre Ziele in der Pflegepolitik für Berlin?

Herausforderung ist, den Bedarf an Fachkräften zu sichern. Die Pflegedienste beklagen, dass sie keine Fachkräfte finden. Sie brauchen immer länger, um freie Stellen zu besetzen. Ein Grund dafür ist, dass der Pflegeberuf bei uns leider

Ich würde mir wünschen, dass wir für pflegende Angehöri-

gesellschaftlich kaum gewürdigt wird. Die Ausbildungs-

ge, die tagtäglich alte Eltern, kranke Kinder oder Geschwis-

und Arbeitsbedingungen sind sehr hart und die Bezahlung

ter pflegen, dieselbe Akzeptanz bei Arbeitgebern und Ge-

ist eher schlecht. Es gibt derzeit in dieser Berufsgruppe

sellschaft bekommen wie Familien, die Kinder bekommen.

kaum Tarifbindung. Das muss sich ändern, damit sich die

Die Situation derjenigen, die sich kümmern, ist vergleichbar.

Attraktivität des Berufes erhöht. Das ist für die Stadt eine

Vereinbarkeit von Beruf und Familie heißt eben nicht nur

ganz wichtige Zukunftsfrage.

Beruf und Kind, sondern auch Vereinbarkeit von Beruf und Pflege. Wir sind in Berlin bei der Unterstützung pflegender

Wie sehen Sie die Situation hier in Berlin? Mit welchen Potenzialen, aber auch mit welchen besonderen Problemen wartet die Stadt im Vergleich zu anderen Regionen auf?

Angehöriger schon sehr weit und haben viele Beratungsangebote. Es wird die dringende Aufgabe einer neuen Bundesregierung sein, sich um das Pflegezeitgesetz und das Familienpflegezeitgesetz zu kümmern und diese zu erweitern. Es muss doch möglich sein, dass der Staat jene Menschen

Berlin wächst rasant. In jedem Jahr kommen mehr als

finanziell besser unterstützt, die Angehörige pflegen. Wer

40.000 Menschen neu in die Stadt. Das ist natürlich sehr po-

ein Kind bekommt, hat Anspruch auf Elterngeld, Elternzeit,

sitiv, weil es zeigt, wie attraktiv die Stadt ist. Aber das stellt

Lohnfortzahlung bei Krankheit der Kinder. Wir brauchen

uns natürlich auch vor die Herausforderung, dass bei mehr

parallele Strukturen auch für pflegende Angehörige.

Menschen auch die Infrastruktur entsprechend erweitert Wir danken für das Gespräch!

werden muss. Wir werden mehr Kitas, mehr Schulen und Sportanlagen, aber eben auch mehr Pflegeeinrichtungen benötigen. Der Anteil der über 80-Jährigen wird beispielsweise bis 2030 um 62 Prozent steigen. Wir brauchen also in Zukunft viel mehr Fachkräfte. Deshalb auch mein dringender Appell, die Pflegeberufe attraktiver zu machen.

Was sehen Sie als die wichtigsten Maßnahmen an, um die Attraktivität des Pflegeberufs zu steigern? Die Pflegeberufe müssen besser bezahlt werden, vor allem in der Altenpflege. Die beste Lösung wäre hier ein allgemein verbindlicher Tarifvertrag. Da sind die Arbeitgeber in der Pflicht und müssen sich bewegen. Außerdem müssen sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Drittens brauchen wir eine attraktive Ausbildung, die durchlässig ist. Das heißt: einen Zugang auch mit niedrigerem Schulabschluss und die Möglichkeit für Beschäftigte, sich über Weiterbildung und Studium weiterzuentwickeln. Durch das neue Pflegeberufegesetz wird die Ausbildung in der Pflege neu geordnet. Alle Pflegekräfte sollen künftig in Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege gemeinsam ausgebildet werden. Das wird den Wettbewerb um Fachkräfte zwischen Kliniken

Dilek Kolat + Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Berlin + www.berlin.de/sen/gpg/

und Altenpflege anheizen und sich damit positiv auf die Bezahlung in der Altenpflege auswirken. Außerdem muss der

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Alterung der Bevölkerung als gesamtgesellschaftliche Herausforderung begreifen

Im Gespräch mit Dr. Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes (DStGB), und Yves Rawiel, Geschäftsführer der spectrumK GmbH und Initiator der Berliner Pflegekonferenz

bewältigen, die für eine kontinuierliche Sozialplanung und

Herr Dr. Landsberg, unsere Gesellschaft wird älter, die Anzahl der Pflegebedürftigen nimmt zu. Vor welchen Herausforderungen stehen in diesem Zusammenhang aktuell die Kommunen und Landkreise?

Sozialberichterstattung zuständig sind. Unbestreitbar ist es eine Herausforderung, in Kooperation mit den lokalen Trägern passgenaue Angebote zu entwickeln und umzusetzen. Gleichzeitig muss natürlich auch verfolgt werden, den Personen trotz Pflegebedürftigkeit eine Teilhabe am sozi-

Die Hälfte aller Deutschen wünscht sich, bei späterer Hil-

alen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben in der Stadt

fe- und Pflegebedürftigkeit im Alter zu Hause wohnen zu

oder Gemeinde so weit es geht zu ermöglichen. Auch die

können. Derzeit werden noch zwei Drittel der zu Hause

Optimierung des ÖPNV fällt in den Aufgabenbereich der

lebenden Pflegebedürftigen ausschließlich von Angehöri-

Kommunen. Den Städten und Gemeinden muss dazu drin-

gen gepflegt. Aufgrund steigender Mobilität und Erwerbs-

gend mehr Planungsspielraum und Finanzkraft eingeräumt

tätigkeit der Familienmitglieder wird dies künftig selte-

werden. Nur so können sie die zukünftigen Aufgaben der

ner möglich sein. Stattdessen wird die Unterstützung von

sozialen Daseinsvorsorge erfüllen.

häuslichen Versorgungsdiensten und ambulanter Pflege in

Herr Rawiel, das Pflegestärkungsgesetz III ermöglicht es Kommunen und Gemeinden, neue Beratungsstrukturen zu erproben. Welche Potenziale sehen Sie hier?

Anspruch genommen werden. Um der Nachfrage gerecht werden zu können, müssen diese Pflegedienstleistungen stärker kleinräumlicher organisiert werden. Diese Aufgabe gilt es vor allem für die Kommunen und Landkreise zu

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Pf legepolitik

Das PSG III unterstreicht die wichtige Rolle der Beratung

Schritt in die richtige Richtung getan. Die neue Bundesre-

zu Unterstützungsangeboten bei Pflegebedürftigkeit. Eine

gierung muss die ländlichen Regionen verstärkt in den Blick

Pflegebedürftigkeit tritt meistens plötzlich auf, vorher hat

nehmen. 70 Prozent der Menschen in Deutschland leben

sich selten jemand damit auseinandergesetzt. Dann ist es

nicht in großen Städten. Die Politik hat sich viel zu lange

für die Pflegebedürftigen und deren Angehörige wichtig,

sehr stark auf die Ballungsräume konzentriert. Aus unse-

sich schnell und umfassend informieren zu können, welche

rer Sicht ist aber nicht die zukünftige Organisationsform

finanziellen Ansprüche sie haben, welche Betreuungsange-

entscheidend, sondern dass die Herstellung gleichwertiger

bote es gibt und welche unterstützenden Maßnahmen die

Lebensverhältnisse und die Stärkung der ländlichen Regio-

Situation erleichtern können. Nur auf Basis einer guten Be-

nen in allen Politikfeldern, gerade aber auch in der Pflege,

ratung kann eine – im Rahmen des bestehenden Angebots –

mitgedacht werden.

bestmögliche Versorgung gewährleistet werden.

Gerade in ländlichen Regionen müssen Gemeinschaftspra-

Ich wünsche mir, dass im Rahmen der Modellregionen, die

xen, Ärztehäuser oder lokale Gesundheitszentren dahin ge-

das PSG III vorsieht, etablierte und gut funktionierende Be-

hend weiterentwickelt werden, dass Hausärzte und Fach-

ratungsangebote vernetzt und zusammengeführt werden.

ärzte, medizinische Fachangestellte oder Arztassistenten

Ziel muss es sein, dass Hilfesuchende an einem Ort Bera-

und Pflegekräfte gemeinsam Leistungen anbieten. Die Ge-

tung zu allen Themen rund um die Pflege erhalten: zu den

sundheitszentren könnten mit den Kliniken und Pflegeein-

Leistungen der Pflegekassen ebenso wie zu Leistungen der

richtungen für die älter werdende Gesellschaft integrierte

Altenhilfe, zu Wohnraumanpassungen und zu ehrenamt-

Versorgungskonzepte anbieten.

lichen Angeboten. Damit würden wir den Zugang zu den

In der neuen Legislaturperiode muss ein neuer Anlauf un-

bestehenden Beratungs- und Unterstützungsangeboten

ternommen werden, die gesetzlichen Grundlagen für eine

transparent gestalten und deutlich erleichtern.

wirkungsvolle kommunale Pflegeplanung zu schaffen. Und wir brauchen mehr Investitionen in die Infrastruktur, um

Herr Dr. Landsberg, gemeinsam mit spectrumK haben Sie anlässlich der Berliner Pflegekonferenz das Positionspapier „Pflege in der alternden Gesellschaft“ veröffentlicht. Was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Forderungen daraus, welche Aufgaben sollte die neue Bundesregierung dringend angehen?

den Anforderungen des Alterungsprozesses gerecht werden zu können. Außerdem brauchen wir zusätzliche Maßnahmen bei der Entbürokratisierung. Was natürlich ebenfalls nicht vergessen werden darf, ist der Fachkräftemangel. Bis 2030 werden bis zu 520.000 Vollzeitkräfte gesucht. Dabei können bereits aktuell 20.000 Stellen nicht besetzt werden. Bisher gelang es nicht, die Pflegeberufe durch stärkere Anerkennung und höhere Bezahlung aufzuwerten. Dies

Mit dem Pflegeneuausrichtungsgesetz und den Pflegestär-

muss von der neuen Regierung intensiver verfolgt werden.

kungsgesetzen I bis III hat der Gesetzgeber bereits einen

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Herr Rawiel, zum Stichwort Fachkräftemangel in der Pflege: Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Ansatzpunkte, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?

Umbettungsaktivitäten. Natürlich müssen dabei stets ethische Pflegegrundsätze beibehalten werden. Zum anderen kann aber auch die Selbstständigkeit der Pflegebedürftigen gesteigert werden und somit automatisch auch ihre Abhängigkeit reduziert werden. Durch digitale Trainings können

Wir brauchen dringend einen Imagewandel für die Pflege.

Beeinträchtigungen gemindert oder der psychische und

Aber den erreichen wir nur, wenn wir die Leistung der Pfle-

physische Alterungsprozess verlangsamt werden. Digitale

gekräfte viel mehr als bisher wertschätzen. Dazu gehören

Lernformen können auch den Angehörigen helfen, besser

eine faire Bezahlung und die Verbesserung der Arbeitsbe-

pflegen zu können. Zudem erleichtert die Digitalisierung

dingungen, aber vor allem auch mehr Anerkennung für den

auch durch die neuen Kommunikationswege die Tätigkeit.

Berufsstand an sich und die wichtige Rolle, die die Pflege in

Über einen Sturz oder andere dringende Hilfebedarfe kön-

unserer Gesellschaft hat.

nen die pflegenden Personen binnen Sekunden in Kenntnis

Es gibt viele Modellprojekte, die zeigen, wie die professio-

gesetzt werden.

nelle Pflege entlastet werden kann. Beispielsweise durch

Eine große Chance sehen wir auch bei der digitalen Vernet-

eine bessere Eingliederung ausländischer Fachkräfte oder

zung von allen Beteiligten der Pflege, etwa in Form einer

durch die Förderung der Selbstständigkeit der Pflegebe-

digitalen Patientenakte. So kann die Pflege effizienter und

dürftigen. Der nächste Schritt muss sein, diese sehr guten

passender gestaltet werden. Der Gesetzgeber muss dafür

Ansätze vom Modellstatus

die rechtlichen Rahmenbe-

in die Fläche zu bringen. Ver-

dingungen noch ausbauen.

anstaltungen wie die Pflegekonferenz können dazu

Yves Rawiel: Auch aus mei-

beitragen, indem sie solche

ner Sicht sind die Entlastung

Modelle aufzeigen und zur

der Pflegekräfte und die Er-

Diskussion stellen.

leichterung der Zusammen-

Ein Punkt, den Herr Dr. Lands-

arbeit über Sektorengrenzen

berg eingangs auch schon an-

hinweg die wichtigsten An-

gesprochen hat, wird in der

wendungsbereiche. Wichtig

öffentlichen Diskussion noch

ist, das Technik Freiräume

zu wenig wahrgenommen: Ei-

für persönliche Zuwendung

nen erheblichen Anteil an der

schafft und diese nicht er-

Pflege haben die pflegenden

setzt. Hier gibt es bereits

Angehörigen. Aber auch hier

gute

sinkt das Potenzial, denn die

auch hier gilt wieder: Wir

Angehörigen sind viel häu-

müssen die Entwicklungen

figer als früher gleichzeitig

vom Modellstatus in die Flä-

berufstätig. Die Doppelbelas-

Entwicklungen,

aber

che bringen.

tung führt nicht selten zu Arbeitsausfällen oder sogar zum

Die digitale Speicherung der Patientendaten ist zwar ein

Burn-out. Für die Arbeitgeber ist das Risiko und Chance in

kritisches Thema. Wenn wir aber hier sichere und anwen-

einem, denn die Arbeitgeber, die in dieser Situation ihren

derfreundliche Lösungen finden, können wir die Versor-

Mitarbeitern zur Seite stehen, haben einen Vorteil im Wett-

gung enorm verbessern, insbesondere bei multimorbiden

bewerb um qualifizierte Fachkräfte. Die Bewerber unseres

und pflegebedürftigen Patienten.

Otto Heinemann Preises zeigen, dass es dazu auch schon

Herr Dr. Landsberg, der Deutsche Städteund Gemeindebund engagiert sich als Kooperationspartner des Marie Simon Preises, der auf der Berliner Pflegekonferenz vergeben wird. Wie sehen Sie die Rolle des Preises zur Lösung der Herausforderungen der alternden Gesellschaft?

viele nachahmenswerte Ansätze gibt.

Herr Dr. Landsberg, Herr Rawiel, welche Potenziale bietet aus Ihrer Sicht das Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen? In welchen Anwendungsbereichen sehen Sie hier die größten Chancen? Dr. Gerd Landsberg: Zum einen kann die Arbeit der

Das Grundgesetz fordert gleichwertige Lebensbedingun-

Pflegenden erleichtert werden, beispielsweise bei den

gen im ganzen Land. Diesen Auftrag müssen wir erfüllen.

22


Pf legepolitik

Strategien und Perspektiven selbst entwickeln. Gerade mit dem Marie Simon Pflegepreis werden Projekte in den Kommunen ausgezeichnet, die sich bereits auf den Weg gemacht haben und mit neuen Ideen und zielgerichtetem Vorgehen die Versorgung und damit die Lebensqualität von Pflegebedürftigen, älteren Menschen sowie ihren Angehörigen nachhaltig verbessern. Das ist Anerkennung und Ansporn zugleich.

Was geben Sie den Preisträgern auf den Weg? Beim Thema Pflege geht es um mehr als den menschenwürdigen Umgang mit Krankheit oder eine gute Pflegeversicherung. Ebenso wichtig ist es, die Isolation älterer Menschen zu verhindern und ihnen die Teilhabe am sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben zu ermöglichen. Mit ihren Projekten greifen sie in besonderer Weise aktuelle Fragestellungen rund um die Pflege und die Unterstützung

Dazu gehören eine flächendeckende ärztliche Versorgung,

älterer Menschen auf. Das zeigt, dass das Thema Pflege zu

Mobilitätsangebote und Möglichkeiten auch der kulturel-

Recht einen immer höheren Stellenwert bekommt und mit-

len Teilhabe in der Stadt und auf dem Land für alle, also auch

ten in der Gesellschaft angekommen ist.

für alte Menschen. Das wird nur gelingen, wenn wir bereit sind, neue Wege zu gehen und die Alterung als gesamtgesellschaftliche Herausforderung begreifen.

Wir danken Herrn Dr. Landsberg und Herrn Rawiel für das Gespräch!

Die Situation vor Ort gestaltet sich von Gemeinde zu Gemeinde, von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich. Daraus folgt zwangsläufig, dass es keinen Königsweg bei der Konzeption und der Umsetzung von strategischen Konzeptionen sowie deren Umsetzung geben kann. Vielmehr muss jede Stadt und jede Gemeinde Handlungsoptionen,

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Jobmotor oder Knochenmühle? Daten, Fakten, Hintergründe zur Gesundheit in Pflegeberufen

Analysiert man das Arbeitsunfähigkeitsgeschehen im Ge-

mehr können. Die Analyse der Krankenhaustage zeigt:

sundheitswesen, springen die krankheitsbedingten Fehlzei-

Weitaus mehr Männer, nämlich 15 Prozent mehr als weib-

ten bei den Pflegeberufen sofort ins Auge. Vor unserer Tie-

liche Beschäftigte, mussten sich wegen psychischer Stö-

fenanalyse, die wir im diesjährigen GESUNDHEITSATLAS

rungen stationär behandeln lassen. Dabei liegen alle Men-

im Juli auf einer Pressekonferenz vorstellten, ahnten wir

schen, die in der Pflege arbeiten, ohnehin schon jeweils

bereits, dass die Zahlen hoch sein würden. Die Wirklichkeit

mehr als 55 Prozent über dem Schnitt der Krankenhausta-

übertraf allerdings unsere Befürchtungen. Hier die Fakten:

ge aller Berufstätigen, die aufgrund psychischer Diagnosen

Mehr als jeder zehnte Beschäftigte hierzulande hat einen

im Krankenhaus waren.

Gesundheitsberuf. Von diesen 3,2 Millionen sozialversiche-

Untermauern konnten wir die Analysedaten des Krank-

rungspflichtig Beschäftigten arbeitet wiederum nahezu die

heitsgeschehens mit einer Umfrage unter 2.000 Beschäf-

Hälfte in pflegerischen Berufen: als Krankenpfleger/-innen

tigten aller Branchen. Trauriger Spitzenreiter bei der Frage,

rund eine Million; als Altenpfleger/-innen 500.000. Be-

wie lange sie denn noch glauben, im eigenen Beruf arbeiten

sorgniserregend ist, dass viele Pflegekräfte aufgrund ihrer

zu können, waren die Altenpflegerinnen und Altenpfleger.

Arbeitsbedingungen einen kritischen Gesundheitszustand

Mehr als ein Drittel hatten Zweifel oder hielten es gar für

aufweisen. Hinzu kommt, dass jeder Dritte in der Altenpfle-

unwahrscheinlich, dass sie – ausgehend von ihrem jetzigen

ge (32,9 Prozent) lediglich ein befristetes Arbeitsverhältnis

Gesundheitszustand – ihre Arbeit auch in den nächsten

hat. Im Schnitt aller Berufstätigen haben nur 14,6 Prozent

zwei Jahren ausüben können.

ein befristetes Arbeitsverhältnis. Schaut man sich die Ausfalltage der mehrheitlich weiblichen Beschäftigten genauer an, fällt auf, dass es – im VerFrage: „Glauben Sie, dass Sie, ausgehend von Ihrem jetztigen Gesundheitszustand, Ihre derzeitige Arbeit auch in den nächsten zwei Jahren ausüben können ? Anteil Antworten „nicht sicher“/„unwahrscheinlich“

gleich zu allen anderen Beschäftigten, die im Schnitt 16 Tage krank waren – deutlich längere Fehlzeiten gibt: 24 Tage sind es bei denjenigen, die in Pflege- oder Altenheimen

40%

arbeiten. Spitzenreiter bei psychischen Leiden sind weibli-

35%

che Beschäftigte in Pflegeheimen – sie sind doppelt so lan-

30%

ge seelisch krank wie der Durchschnitt aller Arbeitnehmer.

25%

Aber auch körperlicher Verschleiß macht den in Pflegebe-

20%

rufen Arbeitenden zu schaffen: Aufgrund von Muskel- und

15%

Skelettkrankheiten fallen Altenpflegerinnen doppelt so lan-

10%

35,7%

26,2% 21,5%

13%

5%

ge aus wie die weiblichen Beschäftigten insgesamt.

0%

Männer in der Pflege beißen offenbar die Zähne ziemlich

Altenpflege

lange zusammen, wenn sie – auch mental – einfach nicht

24

Gesundheits-/ Krankenpflege

IT- & naturwiss. Dienstleistungsberufe

Beschäftigte Gesamt


Fachkräftesicherung

Arbeitgeber in der Pflicht: mehr Gesundheitsförderung in der Altenpflege! Unstrittig sind Arbeitgeber verantwortlich für den Erhalt der Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Deshalb ist – gerade in der Pflege! – betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) existenziell wichtig. Neun von zehn Befragten sagten, die Förderung von Gesundheit an ihrem Arbeitsplatz sei ihnen wichtig bis sehr wichtig. Allerdings hatten weniger als die Hälfte damit Erfahrungen im eigenen Unternehmen. Es zeigt sich durchaus ein Zusammenhang: Teilnehmer an betrieblicher Gesundheitsförderung leben auch außerhalb ihres Berufs aktiver und haben größere Zuversicht, ihren Beruf auch längerfristig ausüben zu können. Diese Erkenntnisse sollten insbesondere Einrichtungen der Altenpflege beherzigen: Hier gibt es leider mehrheitlich (noch) keine betriebliche Gesundheitsförderung (57 Prozent). Sind jedoch Maßnahmen vorhanden, ist die Inanspruchnahme dort sehr hoch (79 Prozent). Das sich BGF lohnt und auch Fehlzeiten reduziert, konnte in zahlreichen Studien gezeigt werden. Das zahlt sich auch für Arbeitgeber aus: Durchschnittlich werden – konservativ gerechnet – für jeden in BGF investierten Euro allein durch die Reduktion von Fehlzeiten 2,70 Euro eingespart.

Franz Knieps + Vorstand BKK Dachverband e.V. + www.bkk-dachverband.de


Ausbildung zur Pflegehilfe in Berlin ermöglicht neue Pflegebildungsperspektiven

Als eine von mehreren Maßnahmen zur Sicherung des

gerecht zu werden, ist auf ein „duales“ Ausbildungsmodell

Fachkräftebedarfs in der Pflege entstand die Initiative,

zurückgegriffen worden, in dem die Auszubildenden in

eine staatlich geprüfte Ausbildung zur Pflegehilfe in Ber-

Ausbildungsbetrieben angestellt und für den theoreti-

lin zu entwickeln. Dies erfolgte vor dem Hintergrund, dass

schen Unterricht in die Schule entsendet werden. Hiermit

aufgrund der demografischen Entwicklung nicht nur der

erwerben die Lernenden einen Status als Auszubildende

Bedarf an Pflegefachkräften in den nächsten Jahren mas-

mit daraus resultierendem arbeitsrechtlichen Schutz. Der

siv ansteigen wird, sondern in Berlin bis zum Jahr 2030

Ausbildungsträger zahlt eine Ausbildungsvergütung, die

auch über 10.000 neue Pflegehilfskräfte benötigt werden,

mindestens der Ausbildungsvergütung des ersten Jahres

um den Bedarf in den Pflegeeinrichtungen zu decken. Hin-

der Altenpflegefachkraftausbildung entspricht. Der Ausbil-

zu kommt, dass das Land Berlin bislang „unterhalb“ der

dungsbetrieb hat die gleichen Voraussetzungen zu erfüllen,

dreijährigen Altenpflegeausbildung kein Berufsbild in der

wie bei der dreijährigen Fachkraftausbildung, dazu gehört

Pflege etabliert hatte. Ungelernte Kräfte in den Pflegeein-

unter anderem die Begleitung der Auszubildenden durch

richtungen müssen sich bislang in einem „Pflegebasiskurs“

qualifizierte Praxisanleitende.

qualifizieren, der mit einem Mindestumfang von 200 Stun-

Die Dauer von 18 Monaten berücksichtigt Zugangsvoraus-

den in verschiedenen Varianten in der Berliner Weiterbil-

setzungen und Kompetenzstandards auf der einen Seite

dungslandschaft angeboten wird.

sowie Förderstrukturen der Arbeitsagentur (Anschlussför-

In mehreren Fachgesprächen, an denen Vertreterinnen und

derung in der dreijährigen Ausbildung möglich) auf der an-

Vertreter der Arbeitgeber, der Gewerkschaften, großer

deren Seite. Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung

Pflegebildungsträger, der Krankenkassen sowie der Ar-

und Vorliegen der Berufsbildungsreife können die Lernen-

beitsagentur teilnahmen, wurden Grundzüge für eine auf

den in das zweite Ausbildungsjahr der dreijährigen Pflege-

den Berliner Markt ausgerichtete Ausbildung entwickelt.

ausbildung einsteigen. Somit ist dieser Bildungsgang auch

Dies erfolgte im Rahmen des Projekts Fachkräftesicherung

besonders für Menschen geeignet, die mehr Zeit zum Ler-

in der Altenpflege, gefördert aus Mitteln der Berliner Se-

nen und zum Erwerb eines Berufsabschlusses benötigen.

natsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. Im Fokus der Strukturplanung standen neben der Öffnung

Zielgruppe und Zugangsvoraussetzungen

des Zugangs zum Pflegebildungssektor die Durchlässigkeit

Bei der Generierung dieses neuen Bildungsgangs stand der

in die dreijährige Ausbildung sowie die Möglichkeit der In-

Gedanke im Vordergrund, das Potenzial von Menschen zu

anspruchnahme von durch die Arbeitsagentur angebote-

nutzen, die bereits jetzt in Berlin leben, nach Erwerbsar-

nen Fördermaßnahmen. Um dabei sowohl den Bedürfnis-

beitspausen z. B. durch Familienarbeit einen Wiedereinstieg

sen der Zielgruppe als auch den Bedarfen der Arbeitgeber

in den Beruf wünschten und ggf. schon erste Erfahrungen in

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Fachkräftesicherung

der Pflege gesammelt haben, jedoch aufgrund sprachlicher

Rahmenbedingungen Schule

und/oder formaler Hürden keinen Zugang zur stark regu-

Die Ausbildung wird derzeit in einem Schulversuch am

lierten dreijährigen Altenpflegeausbildung erhielten. For-

Oberstufenzentrum (OSZ) Gesundheit I angeboten. Der

mal müssen folgende Zugangsvoraussetzungen erfüllt sein:

berufliche Unterricht findet an zwei Tagen in der Woche jeweils acht Stunden statt. Auszubildenden ohne Schulab-

gesundheitliche Eignung

schluss (s.o.) wird während der ersten zwei Halbjahre an

nachgewiesene Deutschkenntnisse

einem dritten Schultag Unterricht in allgemeinbildenden

auf Sprachniveau B2

Fächern (Mathe, Englisch, Deutsch) angeboten. Außerhalb

mindestens dreiwöchiges Praktikum oder andere

der gesetzlichen Schulferien sind die Auszubildenden an

Erfahrung in der Pflege

drei Tagen pro Woche im Betrieb tätig, während der Ferien

Ausbildungsvertrag mit einer anerkannten

stehen sie dem Arbeitgeber an fünf Tagen zur Verfügung.

Pflegeeinrichtung

Am OSZ unterrichten Berufsschullehrerinnen und -lehrer,

erweitertes polizeiliches Führungszeugnis

in der Regel mit dem beruflichen Schwerpunkt Gesundheit/

• • •

Pflege. Der allgemeinbildende Unterricht wird von den entMenschen, die über keinen (in Deutschland) anerkannten

sprechenden Fachlehrerinnen und -lehrern übernommen.

Schulabschluss auf Niveau der Berufsbildungsreife (BbR)

Die fachliche und räumliche Ausstattung des OSZ ermög-

verfügen, wird der Zugang zur Ausbildung über ein Grund-

licht Unterricht sowohl mit fachtheoretischem als auch mit

bildungsfeststellungsverfahren ermöglicht. Bestehen sie

fachpraktischem Schwerpunkt.

diesen Eingangstest, können sie durch Besuch zusätzlichen allgemeinbildenden Unterrichts die für den Zugang zur

Rahmenplan und Curriculum

dreijährigen Pflegeausbildung notwendige berufliche Bil-

Der vorläufige Rahmenplan „Staatlich geprüfte Pflegehil-

dungsreife erwerben. Der Eingangstest stellt lediglich fest,

fe“ ist in 14 Lernfelder in drei Lernbereichen untergliedert.

dass die Personen in der Lage sind, dem schulischen Teil der

Diese orientieren sich an den Inhalten des ersten Ausbil-

Ausbildung zu folgen. Inwieweit die Betriebe weitere Maß-

dungsjahres der dreijährigen Pflegeausbildung. Kultur- und

nahmen zur Eignungsfeststellung durchführen, steht in ih-

Diversitätssensibilität bilden dabei einen Schwerpunkt, der

rem Ermessen.

als Querschnitt zu allen fachlichen Inhalten mitgedacht

Um insbesondere Menschen mit Migrationshintergrund

wird. Dazu aus dem Rahmenplan:

ohne die notwendige Deutsch-Sprachkompetenz zu errei„Sowohl die Lebenswirklichkeit der Lernenden als auch die der pflegerischen Klientel und Angehörigen ist vom Umgang mit Diversität geprägt, also vom Umgang mit Vielfalt im Sinne von Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Menschen in Bezug auf Geschlecht, Herkunft und Hautfarbe, Alter, Behinderung, Religion und Weltanschauung sowie sexueller Identität. So ist es ausdrückliches Ziel dieses Rahmenplans, dieses Potenzial wertzuschätzen und gezielt zu fördern. Dazu gehört zum einen die bewusste Auswahl vielfältiger Lebenswelten bei der Erstellung von Lernsituationen, die Aufbereitung von Lernaufgaben unter Berücksichtigung von Vielfalt und möglichen Ansätzen im Umgang damit sowie die Problematisierung von möglichen Diskriminierungserfahrungen der Lernenden sowie der von ihnen zu pflegenden Klientel. Neben kurzen theoretischen Ansätzen zur Einführung in die Thematik (…) soll das Thema Diversität als Querschnitt im Verlauf der Ausbildung immer wieder aufgegriffen und bearbeitet und damit die Lernenden für die Bedeutung dieses Konzepts sensibilisiert werden.“

chen, wurde im Vorlauf des jeweiligen Ausbildungsbeginns durch die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales ein sechsmonatiger Sprachkurs angeboten, der durch zwei Praktika in der Pflege ergänzt wurde. Somit konnten sich die Teilnehmenden dieses Kurses sowohl mit dem Berufsfeld Pflege als auch in Grundzügen mit dem „Berufsdeutsch Pflege“ vertraut machen. Auch wenn in der ursprünglichen Projektplanung vor allem lebenserfahrene Menschen über 25 Jahre anvisiert wurden, zeigt sich im Zuge der ersten drei Ausbildungsdurchgänge, dass ein nicht unerheblicher Teil der Lernenden jünger ist. Diese jungen Menschen möchten in den Pflegeberuf einsteigen, verfügen jedoch nicht über die für den Beginn der dreijährigen Ausbildung notwendige erweiterte Berufsbildungsreife (eBbR). Als negativ empfundene Schulbiografien halten sie davon ab, andere vollzeitschulische Maßnahmen der Berufsvorbereitung, wie z.B. den berufsqualifizierenden Lehrgang (BQL), die einjährige Berufsfachschule (OBF) oder den Bildungsgang Sozialassistenz zu besuchen. Für sie

Entsprechend den Eckpunkten der Arbeits- und Sozial-

stellen das „Arbeiten im Betrieb“ sowie die Unabhängigkeit

ministerkonferenz (ASMK) zu den in Länderzuständigkeit

durch eine Ausbildungsvergütung einen erheblichen Vor-

liegenden Ausbildungen zu Assistenz- und Helferberufen

teil dieses Bildungsgangs dar.

in der Pflege (2012) berücksichtigt er ausgewählte Inhalte der Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen der Berufsgesetze Altenpflege (AltPflAPrV) und Krankenpflege

27


(KrPflAPrV). Ziel ist es, Pflegehelferinnen und Pflegehelfer

Die Ausbildung vermittelt mindestens diejenigen Kompe-

zur selbstständigen Wahrnehmung folgender Aufgaben zu

tenzen, die dazu befähigen, unter Anleitung und Überwa-

befähigen:

chung von Pflegefachkräften insbesondere folgende Tätigkeiten durchzuführen:

grundpflegerische Maßnahmen in stabilen Pflegesituationen

therapeutischer und diagnostischer Verrichtungen:

Erstellung von Biografie und Pflegeplanung, Fort-

Kontrolle der Vitalzeichen, Einzelgabe von Medika-

schreibung des Pflegeberichts sowie selbstständige

menten auf Anweisung, s. c. Injektionen von Insulin

Dokumentation der eigenen Tätigkeiten

und Antikoagulanzien, Inhalation, Einreibungen, An-

Kontaktaufnahme und respektvoller Umgang mit

und Ausziehen von Kompressionsstrümpfen, Blutzu-

pflegebedürftigen Menschen sowie Unterstützung bei

ckermessung, Sondenernährung, Blasenkatheter- und

der Grundversorgung unter Beachtung wesentlicher

Sondenpflege, Beutelversorgung bei Enterostoma,

Vorbeugemaßnahmen und Erkennen und aktivieren-

einfache Verbände anlegen/wechseln

der Einbeziehung ihrer Ressourcen •

Mitwirken bei der Durchführung ärztlich veranlasster

unterstützende Mitwirkung im Pflegeprozess bei der

Unterstützung pflegebedürftiger Menschen bei der

unterstützende Begleitung und Pflege von Menschen in der Endphase ihres Lebens

Lebensgestaltung im Alltag unter Beachtung der Le-

bensgeschichte, der Kultur, der Religion und sexuellen

Das schulinterne Curriculum, das den Rahmenplan um-

Identität

setzt, fußt entsprechend dem aktuellen berufspädagogi-

Rechtzeitiges Erkennen von und angemessenes Han-

schen State of the Art auf Lernsituationen. Diese basieren

deln bei Notfallsituationen und Veränderungen der

auf authentischen Praxisfällen und sind somit durch einen

Pflegesituation

hohen Handlungs- und Situationsbezug charakterisiert. So

Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen unter

fördern sie korrespondierendes Wissen, vernetztes Den-

Reflexion der Situation und der eigenen Rolle

ken und Handeln sowie das Lösen komplexer und exemplarischer Aufgabenstellungen. Die zum Lösen der Fälle

28


Fachkräftesicherung

benötigten Kompetenzen ergeben sich aus den zentralen

Vor diesem Hintergrund kommen im Bildungsgang ver-

Phänomenen und werden gemeinsam mit den Lernenden

schiedene Instrumente der Sprachbildung auch im Fach-

erarbeitet (kompetenzorientierter Unterricht).

unterricht zum Einsatz: Fachtexte sind mit Annotationen

Die Lernsituationen enden jeweils mit Lernaufgaben für die

versehen, der Einsatz von Strukturdiagrammen erleichtert

praktische Ausbildung, die in Form eines Praxiscurriculums

das Verständnis von Zusammenhängen, Lernenden mit

den Kooperationspartnern (Praxiseinrichtungen) zur Ver-

Deutsch als Fremdsprache werden Glossare zur Verfü-

fügung gestellt werden. Die durch die Praxiseinrichtungen

gung gestellt. Alle Lernmaterialien sind sprachfördernd ge-

durchgeführten Praxisanleitertage erweitern die in der

staltet, in Layout und Sprache an der Zielgruppe mit ihren

Schule angebahnten Kompetenzen und ergänzen die vor-

besonderen Bedürfnissen orientiert. Ebenso wie bei den

wiegend reflexiv ausgerichteten Lernaufgaben. Nur in Zu-

in einfacher Sprache gehaltenen Fachbüchern muss her-

sammenarbeit mit der Praxis können die Lernenden Hand-

vorgehoben werden, dass es dabei explizit nicht um eine

lungskompetenzen erwerben.

Absenkung des Fachniveaus geht. Fachbegriffe müssen genauso gelernt werden wie in anderen Bildungsgängen, das

Schwerpunkt situationsorientiertes Lernen

Sprachniveau wird über den Ausbildungsverlauf kontinu-

Das Lernen an Situationen (authentischen Fällen) ermög-

ierlich angehoben.

licht auch Lernenden mit geringem schulischen Bildungsgrad den Zugang zu Fachinhalten. In der Arbeit mit den

Evaluation und Perspektiven

Situationen werden die Lernenden angehalten, ihre Pra-

Die Evaluation des ersten Durchgangs der Ausbildung

xiserfahrungen einzubringen und zu reflektieren. Fach-

durch den Projektträger ArbeitGestalten hat ein insgesamt

theoretische Inhalte sowie selbstorganisiert erworbenes

positives Ergebnis bescheinigt; auch die Erfahrungen aus

Fachwissen wird mit den Situationen verknüpft und führt

weiteren Durchgängen ermuntern zu einer Überführung

zu erfolgreichem Lernen. Dabei werden den Lernenden im

in die Regelausbildung. Besonders erfreulich ist, dass fast

Unterricht verschiedene mediale und methodische Zugän-

die Hälfte der Absolventinnen und Absolventen inzwischen

ge ermöglicht. In der Regel stehen kooperative Lernformen

ihre Ausbildung im Rahmen der dreijährigen Fachkraftaus-

im Vordergrund, in denen die Heterogenität der Kompe-

bildung weiterführen, womit das Ziel der Durchlässigkeit

tenzstände und Lernbiografien zur Bereicherung wird: Die

erreicht zu sein scheint.

Lernenden können sich mit ihren unterschiedlichen Stärken

Es bleibt die Diskussion um die zukünftige Verortung und

und Erfahrungen einbringen und gegenseitig unterstützen.

Einordnung der Pflegehilfeausbildung in eine „neue“ Berliner Pflegebildungslandschaft nach dem reformierten

Schwerpunkt Sprachbildung

Pflegeberufegesetz. Soweit möglich, sind Zugangsvoraus-

Nicht nur im Bereich der Allgemein-, sondern auch der Be-

setzungen und Inhalte des neuen Gesetzes bereits berück-

rufsbildung besteht bereits seit Längerem der Konsens,

sichtigt worden, die Frage der Übergänge und Anerkennun-

dass Sprachförderung eine Aufgabe ist, die der Deutsch-

gen sind auf Landesebene noch zu klären.

unterricht allein nicht leisten kann. Nicht nur Lernende mit Migrationshintergrund und Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache benötigen Sprachförderung, sondern auch immer mehr Lernende mit Deutsch als Muttersprache bedürfen der Unterstützung bei Textverständnis und -produktion sowie Aufgabenverständnis. Hinzu kommt die besondere Bedeutung der Kommunikation in Pflegeberufen, beschrieben im Rahmenplan: „Das Beherrschen der deutschen Sprache ist unabdingbare Voraussetzung für einen qualifizierten Bildungsabschluss bzw. einen gelungenen Berufseinstieg mit der Möglichkeit der Weiterqualifizierung. Auch und gerade in den Pflegeberufen ist eine qualitativ hochwertige Arbeit nicht ohne gelungene Kommunikation und Interaktion denkbar. Jedoch verfügen nicht nur ein großer Teil der Lernenden mit Migrationshintergrund, sondern auch Lernende, die einsprachig Deutsch aufgewachsen sind, nur über eine begrenzte Sprachkompetenz des Deutschen und bedürfen der Sprachbildung bzw. -förderung.“

Anja Lull + Fachkoordinatorin Pflegeberufe, Oberstufenzentrum Gesundheit I + www.altenpflege-deine-chance.de/aus-und-weiterbildung/ausbildung-pflegehilfe/

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Für ein positives Bild der Pflege in der Öffentlichkeit Im Gespräch mit Sophia Warneke, examinierte Altenpflegerin, und Marcus Rasim, Schulleiter zweier Pflegeschulen in Scheinfeld Frau Warneke, Sie sind examinierte Altenpflegerin und haben 2016 den 3. Platz beim EuroSkills-Wettbewerb belegt. Wie sind Sie auf den Wettbewerb aufmerksam geworden? Was hat Sie zur Teilnahme am Wettbewerb motiviert?

der Ausbildung motiviert, hervorragende Leistungen – auch vor Publikum – zu zeigen. Darüber hinaus verbindet er Auszubildende aus allen Bundesländern, er gibt positive Rückmeldung für alle Beteiligten. Die Teilnehmer erhalten eine Wertschätzung, die ihnen oft nicht zuteil wird.

Spüren Sie Auswirkungen des zunehmenden Fachkräftemangels auch im Wettbewerb, beispielsweise durch abnehmende Teilnehmerzahlen?

Auf den Wettbewerb aufmerksam geworden bin ich im Rahmen des „Bundeswettbewerbs der besten Schüler der Alten- und Krankenpflege“, bei dem ich 2014 das Bundesland Bremen vertrat. Dort sprach mich mein Trainer, Marcus Rasim, auf die internationalen Wettbewerbe an. So

Eigentlich kann man vom Gegenteil ausgehen. Es scheint so,

geriet dann alles nach und nach, mit Ausscheidungswettbe-

dass der Wunsch nach einer positiven Rückmeldung stär-

werb, ins Rollen.

ker ausgeprägt ist als noch in der Vergangenheit. Jedes Jahr

Motiviert hat mich, dass es mich schon immer gestört hat,

nehmen mehr Auszubildende an diesem Wettbewerb teil.

wie negativ behaftet die Schlagzeilen in den Medien waren.

Frau Warneke, welche Erfahrungen haben Sie im Laufe des Wettbewerbs gemacht?

Es gab die Möglichkeit, dass auch Positives an die Öffentlichkeit gelangt. Außerdem war es eine unglaubliche Herausforderung, sich mit anderen Pflegekräften der ganzen Welt (WorldSkills) und Europa (EuroSkills) zu messen und

Über Erfahrungen könnte ich so viel erzählen, dass es sehr

dort zu zeigen, dass die deutsche Pflege längst nicht so

lange dauern würde, diese Frage zu beantworten. Es gab so

schlecht wie ihr Ruf ist.

viele Erfahrungen in so unterschiedlichen Lebensbereichen,

Herr Rasim, Sie sind Schulleiter zweier Pflegeschulen und seit 2015 Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft für Pflege. Wie können Wettbewerbe wie der EuroSkills-Wettbewerb zu einem positiven Image der Pflege beitragen? Es soll damit positiv über die Pflege berichtet werden. Durch den Wettbewerb werden Pflegekräfte vor allem in

30


Fachkräftesicherung

die durchweg positiv waren. Ich habe mir beruflich unglaub-

anderen Berufsgruppen notwendig, welches sich in der

lich viel Wissen aneignen und auffrischen können. Ich habe

Präsentation auf Berufsmessen, beim Kontakt mit allge-

gelernt, wie die Fachkräfte in anderen Ländern arbeiten,

meinbildenden Schulen usw. zeigt.

wie ihre Ausbildung aussieht und wo die Unterschiede in

Frau Warneke, was hat Sie für den Pflegeberuf begeistert? Wo haben Sie Bedenken mit Blick auf Ihre berufliche Zukunft?

den Schwerpunkten liegen. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, wie es ist, vor Tausenden von Menschen sein Wissen und Können zu zeigen. Die internationalen Wettbewerbe haben meine Persönlichkeit sehr geprägt, durch hohe Anforderungen,

Nach meinem Abitur 2011 habe ich ein freiwilliges soziales

Stress, sehr viel Öffentlichkeit, aber vor allem auch mit je-

Jahr bei der „Diakonischen Behindertenhilfe Lilienthal“ mit

der Menge Spaß. Auch der Blickwinkel auf einige Aspekte

Wachkoma-Patienten absolviert. Dieses hat den Ausschlag

sowohl beruflich als auch privat sind in einen anderen Fo-

dafür gegeben, dass ich mich danach für ein duales Studium

kus gerückt.

in der Pflege entschieden habe. Mir hat der Umgang mit den

Vor allem aber habe ich erfahren, dass es sich lohnt, bis zum

Menschen, die der Hilfe bedürfen, eine große Freude berei-

Ende zu kämpfen, nicht aufzugeben, auch wenn es gerade

tet. Es war viel Dankbarkeit und Wertschätzung vorhanden.

nicht so läuft, wie man es sich wünschen würde. Es lohnt sich, bis zur letzten Sekunde alles zu geben. Denn dieser Moment, wenn man auf die Bühne gerufen wird, weil man eine Medaille gewonnen hat, ist einer der schönsten Momente meines Lebens gewesen. Und den Stress, die gesamten Urlaubstage von 2015/2016 für Training und Wettbewerbe, Investierung von Freizeit – all das würde ich jederzeit wieder auf mich nehmen für genau diesen einen Moment.

Herr Rasim, wie sehen Sie als Schulleiter die Rolle der Berufsfachschulen bei der Bewältigung des Fachkräftemangels? Wie viel Handlungsspielraum haben die Berufsschulen vor dem Hintergrund des beginnenden Mangels an Fachlehrern, über den bereits des Öfteren berichtet wird? Wo wünschen Sie sich hier ggf. mehr Unterstützung?

Ich bin derzeit Studentin des Studiums „Internationaler Studiengang: Pflege- und Gesundheitsmanagement“ an der Hochschule in Bremen. Somit kann ich nicht sagen, welche Bedenken ich im Blick auf meine berufliche Zukunft habe.

Die Schulen selbst werben in unterschiedlichster Weise

Würde ich in der direkten Pflege bleiben und weiterarbei-

schon seit Jahren für die Ausbildung. Mehr Engagement ist

ten, würde ich mir größte Sorgen um meine psychische und

sicherlich oft nicht mehr möglich und sinnvoll. Es sollte eher

physische Gesundheit machen – einerseits durch den Job

den Anstellungsträgern obliegen, entsprechende Werbe-

an sich, für den man aber nach und nach Coping-Strategien

maßnahmen durchzuführen. Der Rückgang an Fachkräf-

erarbeitet und die Arbeitgeber mittlerweile einiges an ge-

ten und entsprechenden Auszubildenden in den nächsten

sundheitsfördernden Maßnahmen einsetzen und anbieten,

Jahren wird neben der problematischen Situation in den

um eben dieser beruflichen physischen und psychischen

Pflegeeinrichtungen auch zu einem Schulsterben führen.

Belastung entgegenzuwirken. Die doppelte psychische und

Tendenziell kann man allerdings nicht von einem Rückgang

physische Belastung hingegen durch immer größer wer-

an Fachlehrern sprechen. Wir erleben an unserer Schule

denden Fachkräftemangel, sprich mehr Arbeit, stressigere

eher den gegenteiligen Effekt. Immer mehr Absolventen

Arbeit, weniger Zeit für den Bewohner/Kunden/Patienten,

der entsprechenden Studiengänge bewerben sich bei uns

führen meiner Meinung nach zu weniger Motivation und

und müssen leider aufgrund des Rückgangs der Schüler ab-

Freude an der Arbeit, was bei den meisten Pflegekräften

gewiesen werden.

der Hauptgrund für die Wahl des Berufes war/ist. Wenn

Unterstützung ist aus diesem Grund wohl eher zielführend

dies, neben schlechten Arbeitsbedingungen, auch verloren

durch die notwendige Intensivierung der Werbemaßnah-

geht, sehe ich die Pflege in großer Gefahr.

men, die den Pflegeberuf als abwechslungsreich und atWir danken für das Gespräch.

traktiv beschreiben. Hier wäre unter den Pflegekräften wie auch Trägern ein größeres Selbstbewusstsein gegenüber

31


Hallo Pflegeinnovationen, wo seid ihr?

Noch vor ein paar Jahren bedurfte es durchaus einer Portion Mut, sich als Ingenieurin vor eine Gruppe Pflegekräfte zu stellen und einen Vortrag zu den Möglichkeiten und Chancen der Technisierung für die Pflege zu halten. Meist schlug einem deutliche Skepsis entgegen. Nur vereinzelt bekundeten Akteure Interesse und zeichneten sich als Technikpioniere und beharrliche Wegbegleiter aus. Aber das hat sich inzwischen deutlich verändert. Auf Pflegekongressen werden die Themen „Technik“ und „Digitalisierung“ verstärkt diskutiert und die Pflegepraxis zeigt sich zunehmend ungeduldig angesichts der wenigen marktverfügbaren Produkte. Es wurde doch so viel gefördert, aber wo sind die Innovationen und warum brauchen sie so lange, um sich am Markt zu etablieren?

Wie definieren sich digitale Pflegeinnovationen?

Technologies“ unterworfen. Das Beratungsunternehmen

Bezogen auf die Pflege werden die Begriffe Digitalisie-

Gartner veröffentlicht jedes Jahr dieses Instrument zur

rung und Technisierung meist gleichgesetzt. So basiert

Illustration technologischer Trends. Dieser Zyklus stellt

die Digitalisierung auf Systemen aus IKT, Elektronik und

dar, welche Phasen der öffentlichen Aufmerksamkeit eine

Mikrosystemtechnik, Softwaretechnik und Daten- bzw.

neue Technologie bei ihrer Einführung durchläuft. Die Kur-

Wissensverarbeitung, Plattformen und Netzen. Die Span-

ve steigt anfangs explosionsartig an (überschießende Er-

ne von technischen Lösungen reicht derzeit von „stand-

wartungen), um dann nach einem Maximum ebenso stark

alone“ bis hin zu vernetzten Systemen, bei denen es sich

zu fallen (Ernüchterung). Nach einem Zwischenminimum

um softwarebasierte (z.B. Apps) und hybride Soft- und

steigt die Kurve erneut an (Erholung) bis zu einem höheren

Hardwarelösungen handelt. Beispiele sind Sturz- und Not-

Niveau der Beharrung (Marktsättigung).

fallerkennungssysteme, Ortungs-, Orientierungs- und Navigationssysteme, intelligente Systeme zur Vermeidung von

Was bedeuten diese Innovationszyklen für die

Dekubitus, Systeme zur Trinkmengenerkennung, interakti-

Pflegetechnologien?

ve Bestimmung des Gesundheits- und Befindlichkeitsstatus

Technische Innovationen bewegen sich in der Pflege – mehr

oder körperliche Entlastung des Personals durch textile

als in den meisten anderen Branchen – im Spannungsfeld

Hebehilfen.

„Mensch – Technik – Organisation“. Allein der Einflussfak-

tor „Mensch“ teilt sich auf in Pflegebedürftige, Angehörige

Welche Zyklen durchlaufen technische Trends?

und Pflegekräfte. Auch der Faktor „Organisation“ ist viel-

In der Regel führt jede technologische Verbesserung dazu,

schichtig und umfasst sowohl die ambulante und stationäre

dass die nächste Verbesserung schneller erreicht wird. So

Pflege (Soziale Pflegeversicherung SGB XI) als auch die am-

verdoppelt sich z.B. laut dem „Mooreschen Gesetz“ alle

bulante häusliche Krankenpflege (Gesetzliche Krankenver-

zwei Jahre die Leistung von Prozessoren bei gleichzeitig

sicherung SGB V). Im Folgenden werden beispielhaft zehn

sinkenden Kosten. Diese Voraussage stammt aus dem Jahr

verfügbare Produkte bzw. Demonstratoren aus (FuE-) Pro-

1964 und stimmt noch heute. Neben dieser unaufhaltsa-

jekten beschrieben und im Anschluss entlang des Gartner

men und oft exponentiellen Entwicklung sind Innovationen

Hype Cycle verortet.

aber auch einem sogenannten „Hype Cycle for Emerging

32


Pf legepolitik

Hausnotruf

Personenortung

Seit 20 Jahren gibt es den „klassischen“ Hausnotruf, der als

Mithilfe eines GPS-fähigen Endgeräts (z.B. Armband oder

eines der wenigen elektronischen Systeme in den Pflege-

Anhänger) können desorientierten Bewohnern oder Pa-

hilfsmittelkatalog Einzug gehalten hat. Unter Hausnotruf

tienten frei definierbare Bereiche zugeordnet werden. So

versteht man ein auf der Telefontechnik basierendes Sys-

werden Spaziergänge auf dem eigenen Gelände und auch

tem, das es alleinstehenden, älteren oder auch gehandicap-

vor der Einrichtung möglich. Das System meldet und do-

ten Personen erleichtert, bei einem Notfall unkompliziert

kumentiert, wenn Personen vorgegebene Bereiche betre-

selbstständig und direkt Hilfe anzufordern. Auslöser des

ten oder verlassen. Eine Laufrichtungserkennung zeigt die

Alarms ist üblicherweise ein tragbarer Notrufsender. Den

Richtung an, in die sich die Personen entfernen, und infor-

Betroffenen wird dadurch ermöglicht, länger in ihrer Woh-

miert die Angehörigen oder Pflegekräfte, ob die Personen

nung zu leben.

wieder zurückgekehrt sind. Der Transponder kann in Form einer Armbanduhr getragen werden.

Gesundheitsapps Mit mobilen Anwendungen, sogenannten Apps, entwickeln

Kommunikationsplattform

sich Smartphones immer mehr zu alltäglichen Begleitern.

Dabei handelt es sich um ein IT-basiertes, modular aufge-

Der Markt hier erscheint riesig, aber auch unübersichtlich.

bautes Assistenzsystem zur zentralen Steuerung und Kom-

Für den Gesundheitsbereich gibt es mittlerweile mehr als

munikation mit Touchscreen-Computer bzw. Tablet. Mit dem

100.000 Applikationen mit unterschiedlichen Zielen: Life-

System lässt sich z.B. die Haustechnik (u.a. Lichtsteuerung,

style, Prävention, Service. Sie sind in der Regel kostenlos

Haustürkamera, Bewegungsmelder) steuern, Radio hören,

und jeder kann sie nutzen. Je nach Thema und Zielgruppe

per Videotelefon Kontakt zu anderen Nutzenden, Angehöri-

ist ihr Zweck ganz unterschiedlich: Apps sollen beispiels-

gen oder Vertrauenspersonen aufnehmen und das Internet

weise gesunde Ernährung fördern (z.B. AOK genießen), Be-

nutzen. Daneben wird Hilflosigkeit mittels Inaktivitätserken-

schwerden von Allergikern lindern (z.B. Husteblume, TK),

nung detektiert und bei Bedarf automatisch ein Notdienst

zur Bewegung motivieren (siehe Wearables). Anerkannte

alarmiert. Des Weiteren beinhaltet ein solches System ein

Qualitätskriterien gibt es allerdings kaum.

Serviceportal, um haushaltsnahe Dienstleistungen und Unterstützungsangebote aus dem Quartier zu bestellen.

33


Zirkadiane Lichtsteuerung Wird der Verlauf des Lichts an die Tageszeiten angepasst (zirkadianes Licht), lässt sich beispielsweise die innere Unruhe von an Demenz erkrankten Menschen dämpfen. Sie sollen damit einen geregelteren Schlaf-wach-Rhythmus finden. Hierzu werden Beleuchtungslösungen bzw. -systeme entwickelt. Durch interaktive Komponenten auf Basis von Sensorik und regelbasierter Steuerung soll das Lichtsystem möglichst unauffällig und im Hintergrund agieren. Neben der Qualität der Beleuchtung können auch Lichtleitsysteme bei der räumlichen Orientierung unterstützen, um die Wahrnehmung von Barrieren zu schärfen, und damit z.B. helfen, Stürze zu vermeiden. Emotionale Robotik Das Thema „emotionale Roboter“ wächst an Bedeutung. Diese Roboter sind allerdings nicht dazu gedacht, Arbeit zu verrichten, sie sollen in erster Linie Gesellschaft leisten. Mittels animierter, sensorbestückter Therapiegegenstände, oft mit tiergleicher Anmutung, werden Patienten zu Emotionen veranlasst, die ihrem allgemeinen Gesundheitszustand zugutekommen. Ein Beispiel ist die interaktive Katze JustoCat. Sie soll an eine echte Katze erinnern und wurde von Gesundheitswissenschaftlern und Robotik-Experten aus Schweden entwickelt. Sie simuliert spürbar das Atmen, schnurrt und miaut in unterschiedlich einstellbaren Intensitäten. JustoCat wurde wie die Roboterrobbe Paro von Pflegefachkräften im Einsatz getestet und evaluiert. Lauf- und Orientierungstraining Im Projekt „ROREAS“ wurde ein robotischer Reha-Assistent für das stationäre Lauf- und Orientierungstraining in der Schlaganfallnachsorge entwickelt. In der Neurorehabilitation leitet er Schlaganfallpatienten bei Laufübungen an, um so die Mobilität der Patienten und gleichzeitig auch ihr räumliches Orientierungsvermögen zu trainieren. Dieses System soll zukünftig auch für eine Mobilitätsunterstützung im Quartier geeignet sein. Eine darüber hinausgehende Vision sind sogenannte Exoskelett-Systeme, die querschnittsgelähmten Menschen in Zukunft eine barrierefreie Mobilität ermöglichen sollen. Intelligenter Spiegel Das Projekt inBath ist auf eine Unterstützung und Verbesserung der hygienerelevanten Pflege ausgerichtet. Mithilfe innovativer Technologien und vernetzter Sensorsysteme werden Erinnerungshilfen zur täglichen Körperpflege, beispielsweise für Senioren oder auch für geistig oder körperlich beeinträchtigte Menschen, bereitgestellt. Auf diese Weise soll ihre Autonomie erhöht und ihnen ein längerer Verbleib in ihrer gewohnten Umgebung ermöglicht werden.


Innovationen & Technik

Intelligente Matratze

Welche Stolpersteine liegen auf dem Weg in den Markt

Neuartige Matratzen sollen die aktuelle Liegeposition von

und wie könnten sie beseitigt werden?

Personen erkennen und darauf basierend eigenständig

Neben den Chancen der Digitalisierung für die Pflege muss

Empfehlungen für eine Umlagerung bereitstellen. Dieser

jedoch eingeräumt werden, dass viele der Digitalisierung

Vorschlag soll dann wiederum von der pflegenden Person

bezüglich ihrer Auswirkungen für ältere Menschen, deren

bewertet und von der Matratze durch die integrierte Senso-

Angehörige und Pflegekräfte, kritisch gegenüberstehen. In

rik (Erfassung von Veränderungen in der Druckverteilung)

folgender Auflistung werden exemplarisch Erkenntnisse

und Aktorik (Stellmotoren) umgesetzt werden. Alle Infor-

beleuchtet, die in der bisherigen Diskussion eine wesentli-

mationen werden direkt am Pflegebett angezeigt und auto-

che Rolle spielen.

matisch in die Pflegedokumentation aufgenommen. Bereits heute können einige Matratzenmodelle bestimmte Körper-

Akzeptanz schaffen, indem Betroffene

stellen stimulieren, hierdurch die Durchblutung fördern

zu Beteiligten werden

und die Entstehung eines Dekubitus zeitlich hinauszögern.

In der Pflegepraxis zeigen sich oft Implementationsdefizite, die insbesondere auf die mangelnde oder zu späte Einbezie-

Ernährungsassistenz

hung von Pflegebedürftigen, Angehörigen und Pflegenden

Im BMBF-Projekt KogniHome werden Technologien ent-

zurückzuführen ist. Oft fließt die Perspektive adressier-

wickelt, die eine Digitalisierung des Lebensbereichs „Küche

ter Nutzer inklusive ihres Anwendungswissens und ihrer

und Kochen“ unterstützen und somit bei der Kochprozess-

Funktionsanforderungen nur unzureichend ein oder wird

planung helfen. Zudem dienen diese Technologien, dank

zugunsten standardisierter Lösungen verworfen. Dies hat

ergonomischer Assistenzsysteme, der „Lifetime Functio-

fatale Auswirkungen, denn partizipatorische und ethisch

nality“ der Küche. Während des Kochprozesses sorgt ein

sensibilisierte Ansätze der Technikentwicklung zeigen, wie

Display für den reibungslosen Ablauf. Es zeigt die Lager-

stark die Nutzerakzeptanz durch die aktive oder nicht er-

orte der benötigten Gegenstände an und bietet somit die

folgte Beteiligung der Pflegenden an der Einführung der

Schnittstelle zu den elektromechanischen Öffnungssyste-

Assistenzsysteme bestimmt wird. Durch Einbeziehung aller

men der Schubkästen. Durch Berühren des Displays öffnet

Nutzergruppen rücken die Pflegebedürftigen selbst in den

sich der jeweilige Schubkasten und bietet guten Zugriff auf

Mittelpunkt. Dementsprechend sollten sie von Anfang an

die benötigten Lebensmittel und Kochutensilien. Berück-

einbezogen werden und an der Entwicklung neuer Funkti-

sichtigt werden Gewohnheiten, Verträglichkeiten und der

onen beteiligt sein.

ERWARTUNGEN

allgemeine Gesundheitszustand.

Hausnotruf

Intelligente Matratze Personenortung Intelligenter Spiegel

Ernährungsassistenz

Zirkadiane Lichtsteuerung

Gesundheitsapps

Kommunikationsplattform

Emotionale Robotik

Lauf- und Orientierungstraining

Hype Cycle nach J. Fenn, Gartner Group

S-Kurve für technologische Entwicklungen

35

DIFFUSION


36


Innovationen & Technik

Wissen zu digitalen Lösungen in der pflegerischen

Pflegeinnovationen in der Praxis erlebbar machen

Aus- und Weiterbildung verankern

Trotz bereits vielversprechender Forschungsprojekte und

Um die Integration von Assistenzsystemen in die Pflege und

Modellvorhaben sind der Nutzen und die Herausforde-

einen kompetenten Umgang mit ihnen zu ermöglichen, ist

rungen technischer Lösungen in der pflegerischen Praxis

ein Zusammenwirken verschiedener Berufsgruppen not-

gegenwärtig kaum wissenschaftlich untersucht. Es fehlen

wendig, deren gemeinsames Verständnis und Kenntnisse

systematische Evaluationsansätze einzelner Pflegetechno-

durch einen integrierten Qualifizierungsansatz ausgebaut

logien ebenso wie eine Betrachtung des Zusammenspiels

werden muss. Hierdurch wird sowohl die Technikakzeptanz

von Pflegeinnovationen in kontextspezifischen Pflegeset-

gefördert als auch die Umsetzung der technischen Koope-

tings. Aus diesem Grund soll der Einsatz neuartiger Pflege-

rationsmöglichkeiten. Die Integration der Arbeitswelten

technologien an mehreren Orten in Deutschland erlebbar

der Berufsgruppen aus dem Pflegebereich sowie aus Hand-

und durch strukturbildende Maßnahmen, wie z.B. Aus-,

werk und Technik und deren interdisziplinäre Zusammen-

Fort- und Weiterbildung, Evaluation und Wissenstransfer,

arbeit müssen strukturell auch im Rahmen der regionalen

flankiert werden. Dazu hat das Bundesministerium für Bil-

Strukturen ausgebaut werden. Weiterbildungsangebote

dung und Forschung (BMBF) den Wettbewerb „Zukunft

und Zusatzqualifikationen sind in die grundständige und

der Pflege: Mensch-Technik-Interaktion für die Praxis“ ins

akademische Ausbildung der Pflegenden zu integrieren.

Leben gerufen und mittlerweile das erste Pflegeinnovationszentrum in Oldenburg gestartet. Anfang 2018 folgen

Neue Wege der hybriden Finanzierung

vier Pflegepraxiszentren in Nürnberg, Freiburg, Hannover

von Pflegeinnovationen gehen

und Berlin.

Die Frage der Bezahlbarkeit einer für alle zugänglichen digitalen Infrastruktur ist eine weitere Herausforderung. In

Hallo Pflegeinnovationen, da kommt ihr ja!

Bezug vor allem auf den häuslichen Einsatz von Pflegetechnologien erscheint es nicht akzeptabel, die Finanzierung komplett den adressierten Nutzerinnen und Nutzern zu überlassen; insbesondere nicht hinsichtlich der zunehmenden Gefahr verbreiteter Altersarmut. Adäquate Finanzierungsmodelle sollten auf „Verantwortungsgemeinschaften“ basieren, in denen sich Akteure wie Pflegedienstleister, Kommunen, Wohnungsgenossenschaften, aber auch Versicherer oder Mobilitätsanbieter etc. zusammenschließen. Innerhalb solch hybrider Finanzierungsmodelle sind Investitionskostenregelungen ein zentraler Baustein. Hier müssen kurzfristig Lösungen gefunden werden, um die Verbreitung von Assistenzsystemen möglich zu machen und damit den Verbleib in der eigenen Häuslichkeit zu fördern. Assistenzsysteme interoperabel vernetzen Vernetzte Assistenztechnologien erfordern ein Zusammenspiel mehrerer Geräte, die in der Lage sein müssen, Daten auszutauschen und diese Daten korrekt zu verarbeiten. Fehlende Normen und Standards, die einen fließenden und gleichzeitig sicheren Datenaustausch ermöglichen, sind wesentliche Innovationsbarrieren für die umfassende Durchdringung dieser Technik in der Breitenanwendung. Das Zusammenspiel einzelner Geräte herzustellen, ist eine Herausforderung, die unter dem Begriff „Interoperabilität“ diskutiert wird. Die Diskussionen, an denen sich sowohl die öffentlichen Regulierungsstellen als auch einzelne HerstelChristine Weiß + Stellvertretende Leiterin des Bereichs „Demografischer Wandel und Zukunftsforschung“, Institut für Innovation und Technik (iit) in der VDI/VDE-IT + www.iit-berlin.de

ler, Branchenverbände und Forschungsinstitute beteiligen, behandeln die Abstimmung von Normen und Standards zu Hardware, Software und Middleware auf unterschiedlichen Integrationsebenen.

37


„Pflege braucht Innovationen“

Im Gespräch mit Antonia Albert, Gründerin und Geschäftsführerin von Careship, und Oliver Koch-Pahl, Managing Partner von manager4rent, zum Thema Social Investment in der Pflege

Frau Albert, Sie haben als Gründerin selbst Erfahrungen mit Social Investment gemacht. Was ist die Vision, welchen Einfluss wird Social Investment auf die zukünftige Entwicklung des Unternehmens haben?

Business Development und unterstützen Investoren und VCs bei Prüfung und Bewertung möglicher Investments. Nach welchen Kriterien empfehlen Sie Social Investment?

Es ist essenziell, dass innovative Geschäftsmodelle auch im

Die Herangehensweise an Social Investment ist eine ganz

Gesundheitsmarkt gefördert werden und dass gerade die

andere als beispielsweise bei VCs. Grundvoraussetzung ist

Zukunft der Pflege durch Zugang zu Kapital gestärkt wird.

eine grundsätzliche Entscheidung sich dort zu engagieren

Pflege braucht Innovation, und wir müssen dies als Chan-

und auch das Bewusstsein, was das bedeutet. Keine klassi-

ce sehen und Türen öffnen anstatt schließen. Wir müssen

sche Gewinnmaximierung, sondern das Unterstützen ande-

zusammenarbeiten, Pflege zukunftsfähig machen und In-

rer Werte und ihrer Bedeutung für die Gesellschaft. Hier ist

novation als Chance sehen. Neue Ideen und disruptive Ge-

sehr wichtig, am Anfang sehr genau zu prüfen, ob sich derje-

schäftsmodelle brauchen aber Finanzierung, und deswegen

nige bewusst ist, was das wirklich bedeutet. Also eine ganz

ist Zugang zu Kapital und in diesem Zusammenhang auch

andere Art der Betrachtung als schiere Zahlen- und Markt-

Social Investment für die zukünftige Entwicklung von Un-

analyse, die natürlich auch wichtig ist.

ternehmen im Gesundheits- und Pflegemarkt ausschlagge-

Frau Albert, welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Welche Erwartungen seitens der Investoren gehen aus Ihrer Sicht mit dem Social Investment einher?

bend, um zeitgemäße Versorgung neu zu denken.

Herr Koch-Pahl, Sie verfügen unter anderem über langjährige Erfahrung im Bereich

38


Innovationen & Technik

Pflege ist ein Zukunftsthema. WIR müssen Pflege zukunfts-

Oliver Koch-Pahl: Ein Social Investment ist in seiner Wirkung

fähig machen, aktuelle Strukturen und Prozesse hinterfra-

nur sinnvoll, wenn es langfristig etwas zum Besseren wendet

gen und Technologie nutzen, um Lösungen zu finden, wie

oder einen Impact hat, den man als bedeutungsvoll ansieht.

wir unsere immer älter werdende Bevölkerung zeitgemäß

Das bedeutet, man braucht einen langen Atem und das Be-

versorgen. Investoren sehen Pflege auch als absolutes Zu-

wusstsein, dass es ein langfristiges Engagement ist. Deshalb

kunftsthema, und Themen wie Pflege 4.0, Software- und

ist Gewinnorientierung ein legitimer Teil davon, weil man nur

Hardwarelösungen, AI und Robotics genießen gerade un-

so die Langfristigkeit und Nachhaltigkeit erreicht und sicher-

fassbar viel Momentum. Auch wir bei Careship haben die

stellen kann. Hier ist Kommunikation der Schlüssel nach dem

Erfahrung gemacht, dass das Thema bei Investoren auf

Motto „Tue Gutes und sprich darüber“.

großes Interesse stößt. Investoren möchten in WachstumsWir danken Frau Albert und Herrn Koch-Pahl für das Gespräch!

märkte investieren und möchten mit einem Investment eine Rendite erwirtschaften. Ich finde es wichtig, dass der Gesundheitsmarkt und speziell der Pflegemarkt immer mehr Aufmerksamkeit genießen und gemeinsam an zukunftsfähigen Ideen gebaut wird.

Herr Koch-Pahl, wie sehen Sie die Entwicklung am Markt? Würden Sie schon von einem Trend sprechen? Erwarten Sie Veränderungen am Markt durch diese Investitionsform? Das Interesse am Markt steigt stetig, aber ich würde ungern von einem Trend sprechen. Einfach weil es um andere Motivation geht, als dass etwas von mehreren gemacht wird und damit irgendwie en vogue ist. Social Investment unterscheidet sich fundamental in Voraussetzungen, den Herausforderungen, den Risiken und dem möglichen Outcome. Man kann nur hoffen, dass sich Märkte langfristig verändern, weil Social Investment ein Signal für Nachhaltigkeit und ein anderes Miteinander setzt. Aber es wird die „klassischen“ Sichtweisen wie Gewinnoptimierung oder Skalierung nicht verdrängen als Motivation für Investments.

Gerade bei Unternehmen aus dem sozialen Sektor steht oft der soziale Aspekt im Vordergrund, weniger die Tatsache, dass viele der Unternehmen gewinnorientiert arbeiten müssen, um bestehen zu bleiben. Sehen Sie einen Widerspruch zwischen der Nutzung von Social Investment und der Gewinnorientierung?

Antonia Albert + Gründerin und Geschäftsführerin, care Companion GmbH, Projekt Careship

Antonia Albert: Nein, ich sehe keinen Widerspruch bei der Nutzung von Social Investment und Gewinnorientierung. Social Investment in die Pflege ist unfassbar wichtig, um neue Lösungsansätze zu finden und um eine der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft zu lösen, nämlich wie wir unsere immer älter werdende Gesellschaft zeitgemäß versorgen. Oliver Koch-Pahl + Managing Partner, manager4rent

39


Entlastung für Pflegekräfte und pflegende Angehörige Ob medizinische Versorgung, Rehabilitation oder Pflege – HealthCapital, das Cluster der Gesundheitswirtschaft in Berlin-Brandenburg, hat vier Start-up-Partner auf der Berliner Pflegekonferenz vom 9. bis zum 10. November 2017 zusammengebracht, um Themen im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel zu präsentieren. Mit digitalen Ansätzen und künstlichen Intelligenzen unterstützen die jungen Berliner Unternehmen Casenio, NursIT, Lindera und Töchter & Söhne die Versorgung an der Schnittstelle von stationärer und ambulanter Behandlung. Ziel des gemeinsamen Messeauftritts war es, etablierte Akteure mit neuen Ansätzen aus der Start-up-Welt zu vernetzen, um eine Wirkungskette von der Prävention bis ans Pflegebett zu bilden. Damit hebt das Gesundheitscluster gezielt dieses Potenzial der Region heraus, um die medizinische und pflegerische Versorgung auf höchstem Niveau weiterzuentwickeln.

Casenio AG – Spezialist für die Erkennung von

Lindera GmbH – Spezialist für Minderung des

Gefahrensituationen im häuslichen Umfeld

Sturzrisikos von älteren Menschen per App

Spezialisiert auf ungewöhnliche und gefährliche Situati-

Täglich stürzen ältere Menschen. Lindera hat einen Mo-

onen schließt Casenio sehr effektiv und einfach die Lücke

bilitätstest entwickelt, um Stürze zu vermeiden und die

zwischen dem einfachen Hausnotruf und den komplexen

Expertenstandards Sturzprophylaxe und Mobilität umzu-

Smart-Home-Systemen. Sensoren erkennen z.B. überlau-

setzen. Das geht ganz einfach mit dem Handy: Video vom

fendes Wasser, einen angelassenen Herd, Inaktivität in der

Gang aufnehmen. Fragen in der App beantworten. Was für

Wohnung oder erinnern an die Medikamenteneinnahme.

den Anwender leicht ist, erfordert im Hintergrund künst-

Gleichzeitig können Angehörige Bilder an die Hauszentra-

liche Intelligenz. Nach 40 Jahren analogen geriatrischen

le senden und so den Betroffenen enger am Familienleben

Assessments ist es Lindera mit Machine-Learning zum ers-

teilhaben lassen. Das Ergebnis ist eine längere und glückli-

ten Mal gelungen, eine Gangbildanalyse über die normale

che Selbstständigkeit in gewohnter Umgebung.

Smartphone-Kamera zu machen und das geballte Wissen der Geriatrie anzuwenden.

NursIT Institute GmbH – Spezialist

Töchter & Söhne Gesellschaft für digitale Helfer mbH –

für Pflegesoftware für Krankenhäuser

Spezialist für digitale Pflegeschulungen

Unsere Software optimiert den Pflege-Workflow und re-

Töchter & Söhne erklärt, wie Pflege funktioniert! Mit unse-

duziert die Dokumentation in Krankenhäusern. Kranken-

ren Online-Pflegekursen auf www.curendo.de  unterstüt-

schwestern und Krankenpfleger sparen 60 Minuten pro

zen wir pflegende Angehörige, die Pflege zu Hause besser

Patient pro Tag und erhalten einen vollständigen Überblick

zu gestalten und die enorme Belastung durch die Pflege zu

über den Patienten. Der Pflegeplan und PKMS werden au-

reduzieren. Interaktiv, benutzerfreundlich und verständ-

tomatisch generiert. IoTs können für die automatisierte

lich können die Kurse zu jeder Zeit abgerufen werden.

Pflege-Dokumentation verwendet werden.

Bleiben Fragen offen, hilft ein Expertenrat, bestehend aus

40


Innovationen & Technik

Pflegeberatern, mit einer persönlichen Antwort per E-Mail weiter. Niederschwellig und leicht zugänglich informieren die Online-Pflegekurse über Leistungsansprüche, Unterstützungsmöglichkeiten, pflegerische Tätigkeiten und zum Thema Selbstpflege.  Da Pflegekurse in Deutschland eine verpflichtende Leistung der Pflegekassen sind (§ 45 SGB XI), werden die Kursgebühren von den Kranken-/Pflegekassen getragen.  Gemeinschaftsstand HealthCapital Im Austausch mit unseren Standbesuchern zum Thema Pflege 4.0 – Digitalisierung in der Pflege – konnten wir feststellen, dass der Wunsch nach einer besseren und schnelleren Umsetzung der technischen Entwicklungen in die Praxis groß ist. Als Gründe für die eher schleppende Implementierung wurden zum einen mangelnde Akzeptanz für die Technik als auch Probleme der Finanzierung häufig genannt. In Bezug auf die mangelnde Akzeptanz wurde diskutiert, dass die technischen Lösungen teilweise zu wenig nutzerfreundlich sind. Daher ist die Zusammenarbeit der Produktentwickler und der Pflege unabdingbar, um Produkte zu entwickeln, die die Pflegekräfte und pflegende Angehörige merkbar entlasten. Die Vernetzung dieser Akteure hat HealthCapital sich auf die Fahne geschrieben und gestaltet diesen Prozess durch Veranstaltungen wie das BarCamp Health-IT und diverse Fachgespräche aktiv mit. Die vier Start-ups leisten einen bedeutenden Beitrag dazu, da sie den offenen Dialog mitgestalten. Cluster Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg – HealthCapital + www.healthcapital.de

41


Anerkennung des Pflegeberufs stärken

Vorreiterprojekt „Altenpflegepreis“ kürt herausragende Projekte in Mecklenburg-Vorpommern Mecklenburg-Vorpommern im Nordosten Deutschlands:

Angehörigen, Gewinnung neuer Mitarbeiterinnen und Mit-

Ländliche geprägte Räume und die Folgen des demogra-

arbeiter, Einbeziehung ehrenamtlicher Kräfte und Verzah-

fischen Wandels sind Faktoren, die das Bundesland stark

nung von Ausbildung und Praxis zuordnen lassen.

beschäftigen. Bereits im Jahr 2015 waren in Mecklenburg-

Zu den diesjährigen Preisträgern zählen Projekte, die fach-

Vorpommern 23 Prozent der über 1,6 Mio. Einwohner 65

lich herausragende Beispiele in den Bereichen ambulante

Jahre und älter. Dieser Anteil wird sich nach vorliegenden

und stationäre Pflegeleistung liefern. Wir stellen die drei

Prognosen auf über 31 Prozent bis zum Jahr 2030 erhöhen.

Preisträger vor.

Die Betreuung von pflegebedürftigen Menschen ist deshalb eine Aufgabe geworden, die gesellschaftlich und poli-

Die Preisträger des Altenpflegepreises 2017

tisch im Fokus steht. Sozialministerin Stefanie Drese setzt

Mecklenburg-Vorpommern

neben der professionellen Pflege auf die weitere Stärkung der häuslichen, ambulanten und teilstationären Pflege.

Platz 1

Mecklenburg-Vorpommern hat ein ganzes Maßnahmenpa-

Projekt: „Azubitage – Selbständigkeit fördern

ket zur Weiterentwicklung der pflegerischen Versorgung

und Anerkennung stärken“

geschnürt, das von der Förderung im investiven Bereich

Träger: SOZIUS Pflege und Betreuungsdienste

über die Beratung sowie Unterstützung der Pflegebedürfti-

Schwerin gGmbH

gen und Entlastung der pflegenden Angehörigen, Aktivitäten zur Fachkräftesicherung bis hin zur Stärkung der Rolle

Die SOZIUS Pflege- und Betreuungsdienste SCHWERIN

der Kommunen in der Pflege reicht.

gGmbH bietet jedes Jahr interessierten Menschen die

Ein wichtiger Punkt ist auch die Würdigung hervorragen-

Möglichkeit, eine Ausbildung zur Pflegefachkraft in der Al-

der Leistungen und Projekte. So wurde u.a. vor einigen

tenpflege zu beginnen.

Jahren auf Initiative des Landespflegeausschusses und

Am Ende ihrer Ausbildung bei SOZIUS sollen die Auszubil-

des Sozialministeriums der Altenpflegepreis MV ins Leben

denden umfassend auf ihre zukünftige Tätigkeit vorbereitet

gerufen. Ziel ist es, die Bedeutung der Altenpflege in der

sein. Dazu gehört, alles notwendige Wissen verinnerlicht

Öffentlichkeit positiv hervorzuheben. Es können Projek-

zu haben, aber ebenso, dieses auch anwenden zu können.

te und Angebote vorgeschlagen werden, die der besseren

Hier setzen die „Azubitage“ an. Die Auszubildenden lernen

Wahrnehmung der Altenpflege in der Gesellschaft dienen

im Rahmen ihrer Ausbildung alles Wichtige zumeist in klei-

und sich z. B. den Themenfeldern neue Versorgungs- oder

nen abgeschlossenen Einheiten im Rahmen der täglichen

Organisationsstrukturen, neue Kooperationsformen, Netz-

Anleitung vor Ort und wenden das Gelernte auch nur in

werke in der Pflege, Förderung der Zufriedenheit der Be-

kleinen begrenzten Einheiten der Praxisanleitung an. Bei-

wohnerinnen und Bewohner, Beratung und Schulung der

spielsweise führen sie nach Anleitung eine Arztvisite durch.

42


Im Rahmen der Azubitage übernehmen sie jedoch für drei

Die Seniorenresidenz und Aktivzentrum Boddenhus ver-

Wochen die kompletten Tätigkeiten einer Fachkraft – von

einen ambulante Pflege und Tagespflege mit einer geriat-

morgens bis abends in voller Verantwortung.

rischen Versorgung, tollen Aktiv- und Freizeitangeboten,

Die eigentliche Fachkraft läuft in dieser Zeit nur zur Be-

Frische-Bistro u. v. m. Damit bietet das Projekt einen zentra-

aufsichtigung mit. Die Auszubildenden erledigen alle an-

len Begegnungsort, an dem im Rahmen einer neuen Versor-

fallenden Tätigkeiten komplett eigenverantwortlich. Dazu

gungsstruktur ein ganzheitliches Angebot zur Betreuung,

gehören die Visiten, Arztgespräche, sonstige Absprachen,

Pflege, Gesunderhaltung, Beschäftigung, Bewegung und

Medikamentengabe, die Organisation des Teams, die Ar-

Unterhaltung von Senioren vorgehalten wird.

beitsorganisation usw. – alles Aufgaben, die sie nach ihrer

Wie wird das Projekt umgesetzt? Die Seniorenresidenz

Ausbildung vom ersten Tag an auch wahrnehmen müssen

„Boddenhus“ in Greifswald bietet 67 moderne Ein- und

und im Rahmen der Azubitage unter realen Bedingungen

Zwei-Zimmer-Appartements mit einer Größe von 19

üben können. Vor allem den Überblick zu behalten, Verant-

bis 59 m2. Hinzu kommen zusätzlich ca. 260 m2 Gemein-

wortung zu tragen und Schichtleitung zu sein, wird im Rah-

schaftsräume und Gemeinschaftsbalkone und eine attrak-

men des Projekts geübt.

tive Außenanlage. Allen Bewohnern stehen auf Wunsch

Das Projekt „Azubitage“ stellt eine besonders intensive

hauswirtschaftliche Dienstleistungen, Fahrdienst, Mahl-

Verknüpfung von Ausbildung und Praxis dar. Damit trägt

zeitenservice und Ernährungsberatung zur Verfügung. Ein

das Projekt in herausragender Weise dem Gedanken Rech-

Ansprechpartner ist vor Ort, bei Bedarf auch 24 Stunden

nung, den Fachkräftenachwuchs im Bereich Altenpflege

täglich.

durch innovative Unterrichtsprojekte zu stärken und zu

Ebenfalls im Boddenhus befindet sich der Stützpunkt des

binden.

ambulanten Pflegedienstes der Volkssolidarität Greifs-

Das beste Ergebnis für das Unternehmen: 80 Prozent der

wald-Ostvorpommern e.V. für den Raum Greifswald. Das

Auszubildenden entscheiden sich nach ihrer Ausbildung für

Leistungsangebot umfasst die Grund- und Behandlungs-

SOZIUS als Arbeitgeber. Von den übrigen 20 Prozent ent-

pflege, die Urlaubs- und Verhinderungspflege, einen 24

scheidet sich die Hälfte für ein weiterführendes Studium.

Stunden-Hausnotrufservice,

Nur 10 Prozent der Absolventen verlassen Schwerin.

§ 37, 3 SGB XI, Hauswirtschaftshilfe, soziale Beratung und

Beratungsleistungen

nach

Familienpflege, zusätzliche Betreuungsleistungen nach http://www.sozius-schwerin.de

§ 45b SGB XI, die Vermittlung von weiterführenden Angeboten und Dienstleistungen, Fahr- und Begleitdienste, Ein-

Platz 2

kaufen und vieles mehr.

Projekt: „Seniorenresidenz und Aktivzentrum Boddenhus“

Die Tagespflege ist als teilstationäre Einrichtung eine not-

Träger: Die Vertreter der Volkssolidarität Greifswald-Ost-

wendige Ergänzung zur ambulanten Pflege, da ambulante

vorpommern e.V.

43


44


Pf lege in den Regionen

Dienste mit aufwendigen häuslichen Betreuungen nicht

Freunden des Hauses bestehen sollte. Sie wollten nach

selten an ihre Grenzen stoßen. Sie ist das Bindeglied zwi-

Kenntnissen und Fähigkeiten die Begleitung von schwer

schen ambulanter und stationärer pflegerischer Versor-

kranken und sterbenden Menschen übernehmen. Im Früh-

gung und vervollständigt das Pflegeangebot des Boddenhu-

jahr 2015 fanden die ersten Treffen der Interessierten am

ses in Greifswald. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass

Verein „Südhus Leben“ statt. Es wurden alle Vorstellungen

sich die Hilfestellungen stärker am individuellen Bedarf der

und Möglichkeiten der Machbarkeit diskutiert und ausge-

älteren Menschen orientieren.

tauscht. Der Verein wurde dann im Sommer 2015 gegrün-

Das Projekt ist ein gutes Beispiel, wie die Versorgung älte-

det, eingetragen, angemeldet und die Fortbildungen zum

rer Menschen vor Ort in allen Lebensbereichen optimiert

Hospizhelfer starteten. Weitere Weiterbildungen wurden

und ihre Lebensqualität und ihr Wohlbefinden gesteigert

umgesetzt: von der Aromapflege bis zur Seelsorge.

werden können.

Wie arbeitet der Verein? Wird ein Bedarf bei den Bewoh-

Dieses gebündelte und an einem Ort zur Verfügung gestell-

nern zur palliativen Betreuung erkannt, setzen sich die

te Paket an Dienstleistungen ermöglicht eine Rundumver-

Vereinsmitglieder zusammen, besprechen und planen die

sorgung der Bewohner und Besucher und macht es in der

weitere zeitnahe, individuelle Begleitung. Somit ist es dann

Region Vorpommern-Greifswald einzigartig.

realistisch möglich, eine intensive und menschenwürdige Begleitung über 24 Stunden durch den Verein Südhus Le-

www.boddenhus.de

ben e.V. zu gewährleisten. Mit dem Betroffenen und den Angehörigen werden alle Wünsche und Bedürfnisse be-

Platz 3

sprochen, auch welche Betreuung gewünscht ist. Während

Projekt: „Begleitung von sterbenden Bewohnern“

dieser Zeit erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit einem

Träger: Verein Südhus Leben e.V.

ansässigen Palliativ- und Hausarzt, aber auch mit Ärzten aus dem SAPV-Team aus Rostock.

Die allermeisten Menschen möchten bis zu ihrem Lebens-

Das Projekt des Vereins Südhus Leben e.V. beinhaltet die

ende in der gewohnten Umgebung verbleiben und ebenso

intensive Begleitung in der letzten Lebensphase und er-

von vertrauten Personen umgeben sein. Eine 24-Stunden

möglicht durch ein umfangreiches Maßnahmenbündel das

Einzelbetreuung ist allerdings nicht durch eine Einrichtung

Sterben in Würde. Damit trägt das Projekt durch ein Klima

alleine umsetzbar. Der Verein Südhus Leben e.V. in Rostock

der Mitmenschlichkeit dazu bei, die Wahrnehmung der Al-

hatte daher sein Netzwerk erweitert und arbeitete eng mit

tenpflege in der Gesellschaft zu verbessern.

stationären und ambulanten Hospizdiensten der Umgebung zusammen. Dennoch wurde diese Begleitung von den

www.suedhus.de/

Pflegebedürftigen nicht gut angenommen. Es wurde die Idee geboren, einen Verein zu gründen, der aus Mitarbeitern, Angehörigen, Heilpraktikern und

45


NetzWerk GesundAktiv Das NetzWerk GesundAktiv (NWGA) ist ein sektorenübergreifendes Hilfs- und Betreuungsnetzwerk im Quartier und startet zunächst im Bezirk Hamburg-Eimsbüttel. Ziel des NWGA ist es, den teilnehmenden Menschen auch im hohen Alter möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung zu ermöglichen.

Im Zentrum des NWGA steht eine eigens dafür eingerich-

damit beispielsweise Nachrichten (E-Mails) senden und

tete „Koordinierende Stelle“, angesiedelt im Hamburger

empfangen, sich mit Angehörigen per Videochat unterhal-

Albertinen-Haus. Jeder der Teilnehmer durchläuft hier um-

ten, eine Online-Videosprechstunde mit den Ärzten der Ko-

fangreiche Untersuchungen und strukturierte Tests, um die

ordinierenden Stelle durchführen oder ausgewählte Dienst-

individuellen Bedürfnisse zu erfassen. Die Ergebnisse sind

leistungen (z.B. Essen auf Rädern, Pflegedienstleistungen

die Basis für die Erstellung eines individuellen Unterstüt-

u.v.m.) bestellen, online Zeitungen lesen, Internet-Radio

zungsplans. Hierfür werden je nach Bedarf Maßnahmen aus

hören, Termine verwalten und auf einem „Schwarzen Brett“

verschiedenen Modulen bereitgehalten: Rehabilitation vor

Veranstaltungshinweise im Quartier abrufen. In weiteren

und während der Pflegebedürftigkeit, Hilfen für Angehöri-

Ausbaustufen sind bei Bedarf Haussteuerungsfunktionen

ge, Beratung und Betreuung bei Demenz, technische Assis-

(z.B. Lichtschalter, Steckdosen, Fenster etc.) und eine intel-

tenzsysteme und Förderung der Gesundheitskompetenz.

ligente Notfallerkennung mithilfe von angeschlossenen Be-

Das Projekt sieht zudem vor, die behandelnden Hausärzte

wegungsmeldern möglich.

der teilnehmenden Versicherten einzubeziehen sowie die zahlreichen Hilfen im Umfeld miteinander zu verknüpfen. So

Das Projekt NWGA wird mit einer Förderung aus dem soge-

sollen bestehende regionale Quartiersangebote, wie Wohn-

nannten Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesaus-

und Betreuungsleistungen, Hauswirtschafts-, Pflege- und

schusses (G-BA) finanziert und startete am 10. Januar 2017.

Sozialleistungen sowie die bestehenden Pflegestützpunkte,

Seit Oktober 2017 können sich die ersten von insgesamt

verbunden und in das NWGA integriert werden, um so eine

1.000 Versicherten in das Versorgungsmodell einschreiben.

Verbesserung der Versorgungsqualität zu erreichen.

Am NWGA können Versicherte der Techniker Krankenkasse (TK), BARMER, DAK-Gesundheit und KNAPPSCHAFT

Jeder NWGA-Teilnehmer wird mit einem Tablet ausgestat-

mit Wohnsitz im Hamburger Bezirk Eimsbüttel teilnehmen.

tet. Vorinstalliert ist eine Software der Firma CIBEK namens

Die wissenschaftliche Evaluation teilen sich das Institut

PAUL (Persönlicher Assistent für unterstütztes Leben), die

„Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement“ der

als technische Unterstützung und Kommunikationsplatt-

Universität Bielefeld (gesundheitsökonomische Evaluati-

form für Senioren konzipiert wurde. Die Teilnehmer können

on) und die Forschungsabteilung für klinische Geriatrie am

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Albertinen-Haus (gesundheitswissenschaftliche Begleitforschung). Die gesamte Projektdauer inkl. Evaluation beträgt vier Jahre. Für die Beantragung der Fördermittel und die Umsetzung des Projekts wurde ein Konsortium gebildet. Konsortialführer ist die TK. Zu den Konsortialpartnern gehören: BARMER, DAK-Gesundheit, KNAPPSCHAFT, AlbertinenKrankenhaus/Albertinen-Haus gGmbH, Johanniter-UnfallHilfe e.V., CIBEK technology + trading GmbH, Universität Bielefeld, AG „Gesundheitsökonomie und Gesundheitsmanagement“, Forschungsabteilung für klinische Geriatrie am Albertinen-Haus. Weiterhin unterstützen folgende Institutionen als Kooperationspartner das Projekt: Hausärzteverband Hamburg e.V., VDI/VDE Innovation + Technik GmbH, BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen, VNW – Verband norddeutscher Wohnungsunternehmen, Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz Hamburg, Pflegestützpunkt Hamburg-Eimsbüttel.

Dr. Thomas Nebling + Projektleiter Konsortialprojekt NetzWerk GesundAktiv (NWGA), Techniker Krankenkasse + www.netzwerk-gesundaktiv.de


Projekt SaarPHIR − Saarländische Pflegeheimversorgung: regelhaft integriert

Regelhaft und integriert soll in SaarPHIR die ärztliche

Bei SaarPHIR liegt das Hauptaugenmerk auf strukturellen

Betreuung in Pflegeheimen stattfinden. Damit wird als

Veränderungen bei Ärzten und in Pflegeheimen hinsichtlich

oberstes Ziel die Vermeidung unnötiger Krankenhausein-

der Organisation der medizinischen Versorgung. Aufseiten

weisungen angestrebt, aber auch die Verfügbarkeit und

der Ärzte existiert bislang die Form des „Schmetterlingsmo-

Erreichbarkeit von Ärzten zur Sicherstellung einer guten

dells“, sprich: Aus der gewachsenen Struktur der Einzelpra-

medizinischen Versorgung in Pflegeheimen. Denn: Patien-

xis heraus kommen die Ärzte in die Pflegeheime, wie es ihre

ten in Pflegeheimen unterscheiden sich bezüglich der Ver-

jeweilige Praxisorganisation zulässt, z. B. in der Mittagszeit

sorgungssituation von anderen Patienten im ambulanten

bzw. vor oder nach der Sprechstunde. Dann jedoch treffen

Behandlungssektor.

die Ärzte oft auf Wasch- und Ankleidezeiten in den Heimen wie auch auf die Mittagszeit. Dabei sind Anwesenheitszei-

1. Besondere Vulnerabilität der Patienten: Im Durch-

ten der Ärzte oft kurz und die Besuche erfolgen unabge-

schnitt sind die Patienten älter und häufiger mul-

stimmt mit dem Heim. Wichtige gemeinsame Visiten und

timorbide als ambulante Patienten außerhalb von

Absprachen werden damit erschwert. Auch ist die generel-

Pflegeheimen.

le Verfügbarkeit der Ärzte vor allem an Tagesrandzeiten für

2. Besonderes Schutzbedürfnis der Patienten: Bei einem

die aufsuchende Pflegeheimversorgung zunehmend weni-

relevanten Anteil der Patienten liegen eine Demenz

ger gegeben. Studien weisen darüber hinaus Defizite in der

oder kognitive Einschränkungen anderer Genese vor,

fachärztlichen Heimversorgung auf.

die die Fähigkeit zum Selbstmanagement der Therapie häufig einschränkt bzw. unmöglich macht.

Die rechtliche Versorgungssituation im Pflegeheim ist

3. Das „Setting Pflegeheim“ ist komplex und die histo-

komplizierter als bei Patienten, die in die Praxis des Arz-

risch gewachsenen Versorgungsroutinen der Ärzte

tes kommen können oder in ihrer eigenen häuslichen Um-

und der Pflegeheime sind hinsichtlich einer abge-

gebung leben. Die Pflegeheime sind für ihre Bewohner

stimmten und kooperativ ausgeübten Versorgung

verantwortlich und unterliegen diesbezüglich eigenen

schwer zu harmonisieren.

rechtlichen Regelwerken, die auch medizinische Versorgungsaspekte berühren und somit auch den Arzt betreffen

48


Pf legeberuf

(z. B. MDK-Vorgaben wie auch Vorgaben der Heimaufsicht, Bewohner mit Betreuer). Auch vor diesem Hintergrund ist eine gute Kooperation und Koordination der Versorgung wichtig, insbesondere wenn es sich um komplizierte Situationen handelt wie etwa am Lebensende und z.B. die Frage nach einer Krankenhauseinweisung aufkommt. Ein Höchstmaß an Abstimmung benötigt aber auch eine qualitätsgesicherte Arzneimitteltherapie, der in SaarPHIR besondere Bedeutung zuteil wird. Damit die zu erarbeitenden Standards bei nachgewiesenem Erfolg einen Transfer in die Regelversorgung erhalten, sind die Kassenärztliche Vereinigung des Saarlands wie auch die Pflegegesellschaft des Saarlands im Sinne eines regionalen Versorgungsmanagements Projektpartner, darüber hinaus sind auch die Krankenkassen von Beginn an eingebunden. SaarPHIR erstreckt sich über das gesamte Saarland.

Sonja Laag + Leiterin Versorgungsprogramme, BARMER + https://innovationsfonds.g-ba.de/projekte/neue-versorgungsformen/ saarphir-saarlaendische-pflegeheimversorgung-integriert-regelhaft.95

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Altersgerechte Strukturen im ländlichen Raum

Lösungsansätze der Lebensphilosophie „Dorflinde Langenfeld“ Der schwach strukturierte ländliche Raum kämpft mit zwei

pflegende Angehörige. Gleichzeitig stellt eine Demenzhel-

Entwicklungstendenzen, die ihn bis an die Grenzen der

fergruppe eine Supervisionsmöglichkeit für betreuende

Leistungsfähigkeit fordern: Die Rede ist vom erforderlichen

Ehrenamtliche.

Aufbau von Pflegeinfrastruktur für die am Land schneller alternde Gesellschaft bei gleichzeitigem Ersatz wegbre-

Die ersten barrierefreien Wohnungen in der Gemeinde

chender Infrastruktur im Bereich Gesundheit und Nahver-

Langenfeld entstanden im Rahmen des „Mehrgeneratio-

sorgung, die für den Verbleib am Ort im Alter existenzielle

nen-Wohnprojektes mit professioneller Tagespflege“, das

Bedeutung besitzt.

2014 als Demonstrationsobjekt die Chancen von Barrierefreiheit im Wohnumfeld aufzeigen konnte. Private Nachah-

Diese „Kommunalisierung“ der Daseinsvorsorge versucht

mer fanden sich bisher bei Neubauten im Siedlungsbereich.

die Gemeinde Langenfeld, eine gerade 1.000 Einwohner zählende selbstständige Gemeinde in Franken, mithilfe von

Mit der Tagespflege entstand gleichzeitig erstmals eine der-

bürgerschaftlichem Engagement, Kreativität und hohem

artige Einrichtung in einer solch kleinen Gemeinde. Die von

kommunalem Kapitaleinsatz zu bewerkstelligen.

einem privaten Familienbetrieb geführte Einrichtung betreute anfänglich Gäste aus der gesamten Region. Die An-

Der grundlegende Baustein für diese (Über-)Lebensphilo-

zahl der Gäste aus dem eigenen Dorf steigt kontinuierlich,

sophie konnte 2007 mit der Errichtung des Mehrgenerati-

Nachahmer befinden sich heute auch in anderen Dörfern

onenhauses „Dorflinde Langenfeld“ mithilfe des gleichna-

und langfristig wird der Bedarf aus Langenfeld und den di-

migen Aktionsprogramms des Bundes geschaffen werden.

rekten Nachbardörfern damit gedeckt werden können.

Dieses niederschwellige Unterstützungsangebot trifft auf den Bedarf einer wachsenden Bevölkerungsgruppe, nach-

Zudem etablierte das Familienunternehmen einen mobilen

dem auch auf dem Land ältere Menschen immer öfter al-

Pflegedienst, der für die Versorgung in den eigenen Räum-

leinstehend sind. Von prophylaktischen Angeboten zur Er-

lichkeiten und auch für den nächsten Schritt im Aufbau ei-

haltung der persönlichen Fitness über Fahrdienste in einer

ner durchgängigen Pflegeinfrastruktur eine wichtige Rolle

Region ohne barrierefreien Nahverkehr bis hin zur Essens-

spielt.

versorgung unter der Woche mit einem Bring- und Holservice reichen die Leistungen der ehrenamtlich arbeitenden

Die ambulant betreute Wohngemeinschaft „Alte Bäckerei“

Mannschaft der Dorflinde.

schafft in unmittelbarer Nachbarschaft von Mehrgenerationenhaus Dorflinde und der Tagespflege eine quasi sta-

Die Ausbildung von Pflege- und Demenzhelfern, de-

tionäre Pflegekompetenz in einer aus nur zwölf Personen

ren Einsatzkoordination und Abrechnung über die Pfle-

bestehenden, sehr familiären Wohngemeinschaft. Pflege-

gekasse

dienstleistungen werden vom Generalmieter, dem mobilen

sowie

die

Angehörigenbetreuung

entlastet

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Pflegedienst, nach Bedarf erbracht und erlauben eine indi-

vor Ort benötigen, um sich trotz Einschränkungen selbstbe-

viduelle Unterstützung der zu einem großen Teil demenzer-

stimmt versorgen zu können. Ein Dorfladen in der Dimensi-

krankten Bewohner.

on eines kleinen Supermarktes mit Bank- und Postdienstleistungen, mit Bäckereifiliale und Reinigungsannahme

Das Gebäude auf einem von der Gemeinde zu Grund-

sowie Lotto/Toto erlaubt es, alle Alltagsbedürfnisse vor

stückspreisen bereitgestellten baureifen Bauland im Orts-

Ort zu erhalten. Für viele ältere Mitbürger stellt dies zu-

kern wurde dank des Bekanntheitsgrades der Gemeinde

dem eine Motivation und Mobilisation dar, die den Kreis

von einem Generalunternehmer errichtet und mithilfe der

zur Dorflinde als präventive Einrichtung gerade für ältere

Gemeinde vermarktet. Die Gemeinde ist mit einem Anteil

Menschen schließt.

gleichberechtigtes Mitglied der Eigentümergemeinschaft. Alle diese Einrichtungen der Gemeinde oder mit gemeindMit der Ansiedlung von Laxo Care besitzt Langenfeld einen

lichem Miteigentum entstanden in leer stehenden Althof-

leistungsfähigen und in der Region anerkannten Anbieter

stellen und Gewerbebrachen mitten im Dorf. Auf diese

von Pflegebetreuung in den eigenen vier Wänden durch in

Weise konnte mit dem kommunalen Kapitaleinsatz auch

Polen ausgebildete Pflegekräfte. Zudem leistet dieses Un-

das Leerstandsproblem in Form neugeschaffener Infra-

ternehmen mit vor Ort untergebrachten Fachkräften die

struktureinrichtungen gelöst werden.

Grundversorgung und die 24-Stunden-Präsenz in der ambulant betreuten Wohngemeinschaft und entlastet damit

Wir sind davon überzeugt, dass diese Kommunalinvestitio-

den ambulanten Pflegedienst in enger Kooperation.

nen in die richtige Richtung steuern. Wir sind davon überzeugt, dass räumliche Nähe eine unverzichtbare Vorausset-

Die örtliche allgemeinmedizinische Hausarztpraxis drohte

zung für einen menschenwürdigen Lebensabend darstellt,

durch Kündigung der in die Jahre gekommenen Praxisräu-

weil nur die räumliche Nähe die Aufrechterhaltung ge-

me wegzubrechen. Durch die Errichtung einer barrierefrei-

wohnter sozialer Kontakte ermöglicht, die ein erfülltes Le-

en modernen Praxis durch die Gemeinde im Rahmen eines

ben im Alter auch bei Pflegebedarf sicherstellen.

neuen Dienstleistungszentrums an der Stelle einer Gewerbebrache im geografischen Mittelpunkt der Gemeinde konnte die Gesundheitsvorsorge bis auf Weiteres gesichert und dank der Ansiedlung einer Physiotherapiepraxis sogar substanziell erweitert werden. Die Tatsache, über vermietbare Praxisräume zu verfügen, eröffnet der Gemeinde eine Chance bei der Wiederbesetzung der Praxis in einigen Jahren, da junge Ärzte so das Landarztleben mit nur variablen Kosten testen können, ohne sich zu binden und ohne eine Lebensentscheidung zu treffen. Reinhard Streng + 1. Bürgermeister Gemeinde Langenfeld + www.langenfeld-mfr.de

Der zweite Bereich des Dienstleistungszentrums der Gemeinde betrifft die Nahversorgung, die ältere Menschen

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Impressionen der 4. Berliner Pflegekonferenz Tag 1, 9. November 2017

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Die Veranstaltung

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Die Zukunft der Pflege

Der erste Tag der 4. Berliner Pflegekonferenz stellte unterschiedliche Sichtweisen zu den zentralen Fragestellungen in der Pflege zur Diskussion und zeigte mit Beispielen aus der nationalen und internationalen Pflegepraxis Lösungsansätze auf. Mit der Erinnerung an das wichtige Datum des 9. Novem-

ist.“ Vielleicht sei das Nachwuchsproblem – so Rawiel – aber

ber eröffnete Amelie Fried, Moderatorin und Buchautorin,

auch wie in Japan zu lösen: „In 200 Einrichtungen der Alten-

die 4. Berliner Pflegekonferenz. „Dies ist ein wichtiger Tag –

pflege sind dort etwa 6.000 Menschen ehrenamtlich tätig“,

nicht nur für die Pflege“, betonte Frau Fried. Yves Rawiel,

so der spectrumK-Geschäftsführer, der kürzlich mit einer

Geschäftsführer von spectrumK und Initiator der Berliner

Delegation nach Japan gereist war, um sich dort mit Pflege-

Pflegekonferenz, hat das Thema Pflege längst zur Chef-

experten auszutauschen. „Wir brauchen neue Ideen für die

sache erklärt. „Wir wissen heute noch nicht, welche Rolle

Pflege“, betonte Rawiel. Die beiden Konferenztage werden

das Thema Pflege in den Koalitionsverhandlungen spielen

Raum geben, interessante Ansätze kennenzulernen und ge-

wird, aber wir wissen, dass viel zu tun ist!“ Dass das Thema

meinsam neue Ideen zu entwickeln.

Pflege im Wahlkampf eine Rolle gespielt habe, sei nicht zuletzt dem jungen Pflegeschüler zu verdanken, der sich in der

Dass das Alter attraktiv und lebenswert sein kann, zeig-

ARD-Arena-Sendung zu Wort gemeldet hatte. „Auch ande-

te beispielsweise Dr. Henning Scherf, langjähriger Bremer

re junge Menschen wurden befragt, ob sie bereit wären, in

Bürgermeister und Mitglied einer alternativen Wohnge-

der Pflege zu arbeiten – und viele lehnen das ab, weil dort

meinschaft. Anmoderiert von Amelie Fried als „perfektes

einfach zu wenig verdient wird und die Anerkennung gering

Vorbild fürs Älterwerden“, scheute er sich nicht, den Finger

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Die Veranstaltung

in die Wunde zu legen und laute Töne anzuschlagen: „Ich

Mehr Einsatz für die Pflege forderte auch Dilek Kolat, Se-

habe mir vorgenommen, keine harmlose Rede zu halten.

natorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung in Berlin.

Wir sind mitten im Pflegenotstand, und der verschärft sich

Ihrem Parteigenossen Scherf pflichtete sie bei: „Wir brau-

von Jahr zu Jahr.“ Die Perspektive sei grausam. „Ich kenne

chen viel mehr solche Fürsprecher für die Pflege von Ihrem

Landesverwaltungen, die Pflegeeinrichtungen runterfah-

Kaliber – denn Sie ordnen Pflege dort ein, wo sie hingehört:

ren, weil sie nicht in der Lage sind, qualifizierte Pflegekräfte

in die Mitte der Gesellschaft.“ Sie habe als Politikerin im

zu gewinnen“, so der ehemalige Bürgermeister. Im ambulan-

Wahlkampf beobachtet: „Da geht man gerne in die Kitas

ten Bereich gebe es „eine hohe Dunkelziffer an Menschen,

und Schulen – aber in die Pflegeheime geht man nicht. Wel-

die allein leben und die Gefahr laufen, zu verwahrlosen“.

chen Stellenwert hat Pflege in der Politik und der Gesell-

Gleichzeitig würden die Stellen der Quartiersmanager aber

schaft? Das muss sich ändern! Pflege geht uns alle an – und

gekürzt. „In einem Land, in dem wir darüber streiten, ob der

Pflege kann auch zum Thema werden, wenn wir heute oder

Wehretat verdoppelt werden soll, macht mich das tieftrau-

morgen krank werden. Pflege ist aber auch dann aktuell,

rig“, so der sichtlich entrüstete SPD-Mann.

wenn ein Kind auf die Welt kommt und eine Behinderung hat. Pflege ist viel gegenwärtiger, als wir uns das vorstellen.“

Drei zentrale Punkte gab Dr. Scherf den Gästen mit auf den Weg:

Kolat betonte, sie bestehe deshalb grundsätzlich darauf, als Pflegesenatorin begrüßt zu werden. „Schließlich bin ich

Pflege vermeiden! „Wir ernähren uns falsch – und

die erste Pflegesenatorin überhaupt und wir meinen das in

keiner traut sich, den Nahrungsmittelkonzernen das

Berlin sehr ernst mit der Pflege.“ So baue man in der Senats-

zu erzählen. Das gilt auch für das Suchtmittelproblem.

verwaltung gerade eine eigene Pflegeabteilung mit zwei

Darüber hinaus müssen wir Pflege endlich als gesamt-

neuen Referaten zum Thema Fachkräftesicherung und zum

gesellschaftliche Herausforderung begreifen!“

Thema Digitalisierung auf. „75 Prozent der pflegebedürftigen Menschen in Berlin werden in ihrer Wohnung gepflegt.

„Wir brauchen eine starke Unterstützung der ambu-

Wir müssen alles daransetzen, dass dies auch in Zukunft

lanten Dienstleistung. Die Menschen sollen da, wo sie

möglich ist.“ Dass die Pflege so schwach sei, sieht Kolat da-

zu Hause sind, auch weiterleben können. Wir brau-

rin, dass die in Deutschland sonst üblichen Strukturen der

chen Nachbarschaften, sodass wir uns nahe bleiben!

Tarifautonomie und der Sozialpartnerschaft in der Pflege

Dass wir uns wahrnehmen und nicht ausgrenzen in

fehlen. Die Frage sei aber auch, wie die Arbeit in der Pflege

einem Moment, wo es uns schlecht geht.“

bewertet würde: „Die Arbeit mit Maschinen wird besser bewertet als die Arbeit mit Menschen“, erklärte die Senatorin

„Ich kann es nicht ertragen, dass unsere Pflegeversi-

und bekräftigte: „Wir sind sehr ehrgeizig in Berlin, um das

cherung es angerichtet hat, große Einrichtungen im

Thema voranzutreiben – wir stehen für einen Neustart in

stationären Bereich zu schaffen. Abgeschoben und

der Pflege und zeigen, wie es gehen muss.“

entsorgt – das ist doch nicht richtig. Wir brauchen dezentralisierte, inklusive Pflege in Nachbarschaften,

Die Niederländerin Prof. Dr. Betty Meyboom-de Jong von

in denen einem noch Kinder begegnen.“

der Medizinischen Hochschule Groningen und Präsidentin von Better Lud stellte einen konkreten Lösungsansatz

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aus ihrem Land vor. Das „Dutch National Care for Elderly

„Das ist Körperverletzung!“ Was solche Situationen vermei-

Program“ wurde 2008 bis 2016 ausgerollt. Das große Ziel

den helfe, seien eine Vorsorgevollmacht und die Patienten-

war es, Wissen über die bedürftigen älteren Menschen zu

verfügung, ebenso solle man in solchen Fällen als Angehöri-

sammeln, um daraus patientenzentrierte Ansätze zu entwi-

ger eine Zweitmeinung einholen. Vor allem aber brauche es

ckeln. In drei Etappen wurde das Programm durchgeführt:

„mutige Bürger, die sich dem System widersetzen!“.

Erst wurde eine Infrastruktur durch geriatrische Netzwerke etabliert. Dann wurden einzelne Projekte aufgesetzt –

Ein außergewöhnliches Projekt stellte am Nachmittag wie-

und nachfolgend weitgehend auf das ganze Land ausge-

der eine Niederländerin, Dr. Gea Sijpkes, Geschäftsführerin

rollt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: acht geriatrische

von Humanitas Deventer, vor: „Ageing and engaging“. Vor

Netzwerke, angedockt an den Universitäten des Landes,

2012 habe jeder Holländer über 80 „ein All-inclusive-Ticket

mehr als 650 Organisationen, 218 innovative Projekte, 45

für die stationäre Altenpflege“ gehabt. Der Paradigmen-

Doktorarbeiten, 400 Veröffentlichungen. Man habe fest-

wechsel von der Wohlfahrts- zur Teilhabegesellschaft habe

gestellt, „dass die Prävalenz von Problemen gesunken ist –

ein Umdenken erzwungen und neue Chancen gebracht:

und es ging den Menschen besser, sie fühlten sich wohler

„Wir mussten unsere Pflege neu erfinden, ohne die Kosten

und sicherer“, erzählte die Pflegeexpertin. Der Schlüssel

zu erhöhen. Unser Fazit: Wir können den Zustand der Men-

zum Erfolg sei die aktive Beteiligung der älteren Menschen –

schen oft nicht verbessern – aber wir können ihnen Leben

nicht nur als Forschungsobjekt. „So ist das Programm zur

injizieren und ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Die Idee:

Bewegung geworden: Ageing better. Diese Bewegung hat

Studenten wohnen kostenlos im oder am Pflegeheim und

sehr viele Botschafter, die zeigen: Älter werden bedeutet,

beteiligen sich dafür an den dortigen Aktivitäten. „Ab dem

dass es eine neue Phase in Ihrem Leben ist, bei der Sie aber

Zeitpunkt, als die erste Studentin ins Humanitas einzog,

im Mittelpunkt stehen.“

änderte sich die ganze Stimmung. Es gab ganz andere Gesprächsthemen, Musik, Partys“, erzählt Sijpkes. Heute leben

Dr. Matthias Thöns, Palliativarzt und Buchautor, zeigte da-

sechs Studenten in Humanitas – und beide Parteien profi-

gegen Schattenseiten des Älterwerdens: Der Mediziner be-

tieren: Die Studenten lernen über das Leben und Sterben.

schäftigt sich mit der „Übertherapie am Lebensende“. Thöns

Die Älteren sind stolz auf die Jungen – und sehen sie wie

berichtete von einem 78-jährigen Mann im Wachkoma,

Enkelkinder an. Sie machen gemeinsam Pyjamapartys, sin-

„beatmet, Magensonde, ALS und Demenz“. Ein Gespräch

gen, musizieren: „Die Studenten sind aber nur ein Teil des

mit seiner Frau hätte ergeben, dass ihr Mann das so nie ge-

Puzzles. Wir brechen Zäune und Mauern.“

wollt hätte. Man habe die Therapie eingefroren. „Nach vier Wochen kam ich ans Bett und der Mann war noch immer

Mauern im Kopf überwand auch Joe Dickinson, Erfin-

beatmet, die Leichenstarre hatte aber schon eingesetzt:

der von Call&Check auf der Kanalinsel Jersey. Auf dem

Die Schwester hatte nicht erkannt, was der Unterschied

100.000-Einwohner-Eiland suchte der Postbote eine sinn-

zwischen Leben und Tod ist.“ Als weiteres Beispiel berichtet

volle zusätzliche Aufgabe für die Jersey Post und schuf ein

Thöns von einer älteren Frau mit Krebs im ganzen Bauch-

Projekt, „das auf jeden Postservice der Welt übertragen

raum, starken Schmerzen und Atemnot. Laut Empfehlung

werden kann“. „Die Reise startete aus einer kommerziel-

sollte sie palliativ behandelt werden. „Aber der Chefarzt

len Sicht. Jede Post der Welt steht unter wirtschaftlichem

setzte sich durch: Bauchspiegelung, Chemotherapie – Car-

Druck – aber wenn die Postboten erst mal weg sind, kom-

boplatin – Morphiumtropf.“ Thöns stellt ernüchtert fest:

men sie nicht mehr wieder. Deshalb stellte ich mir die Frage,

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Die Veranstaltung

ob unsere Postboten auch etwas anderes können, als Briefe

Hygienekonzepte, um nosokomialen Infektionen und Keim-

zu verteilen beispielsweise eine andere Rolle in der Com-

verschleppungen erfolgreich entgegenzuwirken. Gerade

munity übernehmen?“ Sie können! So wird der Postbote als

Pflegeheime müssten sich diesen Herausforderungen stel-

Dienstleister genutzt, der jeden Tag von Haus zu Haus geht

len, denn die Bewohner entwickeln zunehmend komplexere

und mit einer kurzen persönlichen Konversation ermittelt,

Risikoprofile für Infektionen.

ob es Unterstützungsbedarf gibt. „Hier geht es nicht um Pflege, sondern um die Verbindung zu den Menschen und

Alternative Finanzierungsformen diskutierte das Fachfo-

um Unterstützung. We keep it simple“, sagt Dickinson.

rum 3: „Was kann Social Investment zur Verbesserung der Pflege leisten?“ Eine solide finanzielle Basis ist unverzicht-

Auch die fünf parallelen Fachforen des ersten Tages bilde-

bar, um Versorgungs- und Betreuungsstrukturen nachhal-

ten ein breites Spektrum an Themen rund um die Pflege

tig weiterzuentwickeln und auch Innovationen und Digi-

ab. So wurde in Fachforum 4 die sehr aktuelle Frage „Was

talisierung zu ermöglichen. Social Investment kann hier

bringt die Pflegekammer?“ diskutiert. Dr. Christina Topho-

nach Meinung von Experten ein ganz neuer Ansatz sein, um

ven, Geschäftsführerin der vor rund zehn Jahren gegrün-

Finanzierungslücken zu überbrücken und echte Win-win-

deten Bundespsychotherapeutenkammer, beschrieb ihre

Situationen für die Beteiligten schaffen.

Erfahrungen mit der Errichtung: „Auch, wenn es hier und da Nerven kosten wird: machen!“, riet Tophoven. Dagegen hielt

Das Fachforum 5 widmete sich unter dem Titel „Grenzsitu-

Kai Boeddinghaus, Bundesgeschäftsführer des Bundesver-

ationen – Sexualität in der Pflege“ einem häufig tabuisier-

bands für freie Kammern: „Die Pflegekammer ist ein teures

ten Thema. Eine menschenwürdige Pflege bedeutet aber

Plazebo!“ Ausgerechnet die Pflegekräfte müssten deren

auch, Pflegebedürftigen ein Recht auf sexuelle Selbstbe-

Errichtung über ihre Beiträge finanzieren. „Wollen Sie eine

stimmung zuzubilligen. Eine ausschließlich im Sinne des

solche Zwangsmitgliedschaft?“ Als Alternative könnte das

Vermeidens herausfordernden Verhaltens stattfindende

Modell der Bayern dienen, das Georg Sigl-Lehner, Präsi-

Diskussion wird diesem Thema nicht gerecht. Hier wur-

dent der Vereinigung der Pflegenden in Bayern, vorstellte.

den daher Lösungen erörtert, wie den Bedürfnissen dieser

Fazit: Es gilt, das Für und Wider sorgfältig abzuwägen, um

Menschen entsprochen werden kann. Denn: „Wir können

Attraktivität und Qualität des Pflegeberufs zu stärken, mit

die Herausforderungen in der Pflege nur annehmen, indem

dem Ziel, eine menschenwürdige Pflege auch in Zukunft ge-

wir darüber und vor allem miteinander reden“, betont Gab-

währleisten zu können.

riele Paulsen, Geschäftsführerin der Nessita GmbH.

Ganz andere Eindrücke lieferte das Fachforum 1: „Wie gelangen Innovationen in die Pflegepraxis?“ Hier diskutierten Experten aus der Pflege mit solchen aus dem digitalen Umfeld: Was verstehen wir eigentlich unter Pflegeinnovationen – insbesondere vor dem Hintergrund des digitalen Wandels? Welche Hindernisse gibt es für den Transfer in die Praxis und wie können sie überwunden werden? Diese und andere Fragen diskutierten die Referenten mit den Teilnehmern unter anderem anhand von Beispielen aus den Niederlanden. Mit dabei war auch Pflegeroboter Pepper, an dessen Beispiel der Entwicklungs- und Implementierungsprozess anschaulich erläutert wurde. Großen Zuspruch bekam auch das Fachforum 2: „Hygiene in der ambulanten und stationären Versorgung“. Viele Pflegende bekamen hier pragmatische Tipps für die einfache Einhaltung von Hygienevorschriften. „Immer ein paar Handschuhe am Bett des Patienten platzieren – das geht schneller, als immer ans Händewaschen zu denken!“ Aber auch: „Sie können nicht die absolute Keimfreiheit erreichen, fragen Sie sich deshalb, was innerhalb ihrer Grenzen machbar ist – dann machen Sie schon sehr viel!“ Klar wurde: Im Zeitalter zunehmender Resistenzen braucht es

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Impressionen der 4. Berliner Pflegekonferenz Tag 2, 10. November 2017

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Die Veranstaltung

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Die Veranstaltung

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Pflege im Wandel – viel Potenzial und drängende Fragen Am zweiten Tag der Berliner Pflegekonferenz bekamen die Besucher in fünf weiteren Fachforen Informationen über aktuelle Entwicklungen in der Pflege, Inspiration durch nationale und regionale Leuchtturmprojekte und in den Keynotes Denkanstöße unter anderem von Mecklenburg-Vorpommerns Sozialministerin Stefanie Drese, Franz Knieps und Prof. Richard David Precht. Auch am zweiten Tag füllten sich die Stuhlreihen in den fünf

gleichmäßig teuer geworden sind. Die Gewinner sind die

parallelen Fachforen wieder schnell. Es wurden unter an-

ambulanten Versorgungsmöglichkeiten, die ihre Angebote

derem die Auswirkungen der gesetzlichen Änderungen auf

je nach Bedarf kombinieren können.“

die Pflege thematisiert – denn die Pflegestärkungsgesetze werden auch die Versorgungsstruktur deutlich verändern.

Innovative Konzepte zur Fachkräftegewinnung

Martin Melcer, Bereichsleiter Koordination und Kommu-

Wie kann gute Pflege trotz Fachkräftemangel gelingen? Um

nikation vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes

diese Frage ging es in einem weiteren Fachforum, in dem zu-

Bund der Krankenkassen e.V. (MDS), gab einen Überblick

kunftsweisende Lösungsansätze zur Fachkräftegewinnung

über die ersten verfügbaren Zahlen und Fakten bei der Auf-

aus Praxis und Lehre vorgestellt wurden. Hierzu gehört der

trags- und Begutachtungsentwicklung seit dem Inkrafttre-

erste Modellversuch einer neuen Ausbildung zur staatlich

ten der Pflegestärkungsgesetze II und III zum Jahresbeginn

geprüften Pflegehilfe, die sich an Menschen ohne Schulab-

2017. Diese schafften einen grundlegenden Systemwech-

schluss und mit geringen Deutschkenntnissen richtet. Anja

sel für die Pflegebegutachtung sowie die gesamte Pfle-

Lull, Fachkoordinatorin Pflegeberufe am Oberstufenzent-

geversicherung. „Die ersten Erfahrungen mit dem neuen

rum I in Berlin, referierte über diese diversitätsspezifische

Begutachtungsinstrument sind positiv“, so Melcer. Die Zah-

Ausbildung für Menschen mit Migrationshintergrund und

len würden nahelegen, dass der Zugang zur Pflege niedrig-

hält fest: „Eine staatliche Pflegehilfeausbildung, wie sie jetzt

schwelliger wird. Gerhard Schuhmacher, Vorsitzender der

in Berlin konzipiert worden ist, bietet die Möglichkeit der

Caritas Sozialstation St. Johannes e.V., sprach von einem

Durchlässigkeit. Wir können die Potenziale von interessier-

Paradigmenwechsel durch die Neubemessung der Pflege-

ten Menschen ohne (in Deutschland anerkannten) Schul-

grade, bei dem es Gewinner und Verlierer gibt: „Verlierer

abschluss mit geeigneten Pflegebildungskonzepten heben

sind durch die Standardisierung zwischen Pflegegrad 2 und

und somit Pflegekräfte für die Zukunft generieren.“ Die

5 die stationären Einrichtungen, weil damit im Prinzip alle

Nachfrage nach Ausbildungsplätzen steige kontinuierlich.

64


Die Veranstaltung

Ein weiteres innovatives Konzept stellte Prof. Dr. Claudia

Bevölkerungsstruktur bei gleichzeitig sinkender Einwoh-

Schacke von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen

nerzahl vor großen Herausforderungen. Daher wurden

Berlin vor: den 2015 initiierten berufsbegleitenden Bache-

hier innovative Modelle zur telemedizinischen Versorgung

lor-Studiengang „Soziale Gerontologie“, der eine Schnitt-

und künftigen Arbeitsteilung zwischen Medizin und Pflege,

stelle von Altenpflege und sozialer Arbeit bieten soll. Das

aber auch Projekte zum Mehrgenerationenwohnen und zur

Studienangebot richtet sich explizit an Fachkräfte aus dem

lebendigen Dorfgemeinschaft vorgestellt und diskutiert.

Bereich der (Alten-)Pflege sowie an weitere im Feld der Altenhilfe qualifizierte und berufserfahrene Personen und

Um Möglichkeiten zur Stärkung der Pflege ging es auch im

bietet somit eine neue Möglichkeit der Qualifizierung auf

anschließenden Plenum, das von Stefanie Drese, Mecklen-

Hochschulniveau. Didaktisch setzt es auf eine enge Ver-

burg-Vorpommerns Ministerin für Soziales, Integration und

knüpfung von Theorie und Praxis sowie projektorientiertes

Gleichstellung, eröffnet wurde: „Die meisten Menschen

Lernen.

wollen ihren Lebensabend so lange wie möglich zu Hause verbringen. Diesen Wunsch möchten wir in Mecklenburg-

Partnerbundesland Mecklenburg-Vorpommern

Vorpommern noch stärker als bisher berücksichtigen.

im Fokus

Dafür benötigen wir einen intelligenten Mix aus profes-

Auch die anderen drei Fachforen gaben spannende Impul-

sioneller, familiärer und ehrenamtlicher Pflege für Pfle-

se – etwa die Vorstellung von durch den Innovationsfonds

gebedürftige und ihre Angehörigen. Deshalb wollen wir,

geförderten „Leuchtturmprojekten“ in der Pflege wie

begleitet von integrierten Pflegesozialplanungen in allen

„NetzWerk GesundAktiv“, „SaarPHIR“ und „interprof ACT“.

Regionen Mecklenburg-Vorpommerns, diese Netzwerke

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund widmete ein

sinnvoll weiterentwickeln und etablieren.“

Forum der Frage nach altersgerechten Lebensräumen und Pflegestrukturen in der Kommune und zeigte die regional

Erschreckende Krankenzahlen im Gesundheitswesen

sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen für Senioren

Im Anschluss weitete Franz Knieps, Vorstand des BKK

oder pflegebedürftige Menschen anhand von Best-Prac-

Dachverbandes, den Blick auf Bundesebene. Er lieferte

tice-Beispielen auf. In diesem Jahr gab es zum ersten Mal

Fakten zur Gesundheit im Pflegeberuf und verwies dabei

bei der Berliner Pflegekonferenz ein Partnerbundesland,

auf den jährlichen Gesundheitsreport des Dachverbandes.

das auch ein eigenes Forum ausrichtete: Das Flächenland

Dieser habe gezeigt, dass einheitliche Gesundheitsbedin-

Mecklenburg-Vorpommern steht mit seiner alternden

gungen nicht vorhanden seien. Noch immer gebe es ein

65


Nord-Süd- und ein Ost-West-Gefälle. In ärmeren Regio-

Die zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten der Digitalisie-

nen seien gesundheitliche Beeinträchtigungen überdurch-

rung in der Pflege – etwa das Sammeln und Vernetzen von

schnittlich hoch. Die Ergebnisse der Sonderauswertung

Krankendaten oder das Automatisieren von Abläufen –

„Blickpunkt Gesundheitswesen“ seien erschreckend: Be-

stehe nicht ethisch in der Diskussion. Schwieriger werde

schäftigte in diesem Bereich fehlen bei bestimmten Krank-

es beim Thema künstliche Intelligenz: Japan beispielsweise

heitsarten teilweise doppelt so oft beziehungsweise dop-

investiere „Fantastilliarden“ in die Erforschung humano-

pelt so lange wie der Durchschnitt aller Arbeitnehmer. Bei

ider Roboter, die Pflegekräfte so weit wie möglich erset-

einer Umfrage unter 2.000 Beschäftigten gab jeder zweite

zen sollen. „Doch inwiefern kann man die Pflege mehr und

an, dass er befürchtet, in zwei Jahren aufgrund der hohen

mehr den R2D2s dieser Welt überlassen?“, fragte Precht.

psychischen und physischen Belastungen nicht mehr in sei-

Maschinen, die dem Menschen assistieren, um technisch-

nem Beruf tätig sein zu können.

handwerkliche Arbeiten zu verrichten, seien in der Pflege willkommen. „Maschinen, die die Aufgabe haben, den Men-

All dies sollte Arbeitgeber dazu motivieren, Maßnahmen

schen zu substituieren, um psychologisch-humanoide Auf-

für die betriebliche Gesundheitsförderung der Pflegenden

gaben zu übernehmen, halte ich für hochproblematisch“,

zu ergreifen, forderte Knieps. Sein Fazit: „Wir haben kein

erklärte Precht. Die Roboterisierung menschlicher Zuwen-

Normendefizit, sondern ein Vollzugsdefizit. Wir führen

dung könnte in eine Zweiklassengesellschaft driften.

eine teilweise oberflächliche

Scheindiskussion

Precht verwies auf das

über

Arbeitsverhältnis-

Phänomen der „Shifting

se.“ Man müsse zu den

Baselines“: Das, was wir

Kernbedingungen

vor-

für normal halten, kann

dringen. Bei Themen wie

sich in kürzester Zeit in

autonomem

vielen kleinen Schritten

Arbeiten,

Mitspracherecht der

oder

total verändern. Diese

Individualisierung

Grenzverschiebung kön-

von Organisations- und

ne irgendwann zu einem

Zeitplänen

„Brave-New-World-

lasse

sich

viel gestalten und ver-

Pflegesystem“

ändern. Es lohne sich,

Er schloß seinen Vortrag

Best-Practice-Beispiele

mit mahnenden, zur Re-

zu studieren und Förder-

flexion anregenden Wor-

gelder zu nutzen. Knieps’

ten: „Sollte es uns nicht

Botschaft: „Trauen Sie

gelingen, in der Pflege

sich was!“

eine Grenze zu ziehen

führen.

zwischen der Ergänzung Gefahr durch

menschlicher Arbeit mit-

Grenzverschiebungen

tels technisch-handwerk-

Unterhaltsam und tief-

licher Leistungen durch

gründig zugleich ging es mit der letzten Keynote des Tages

die Maschine und dem Ersetzen von Zuwendung, Aner-

weiter: Der Philosoph, Publizist und Bestsellerautor Prof.

kennung und Zuspruch, leben wir tatsächlich irgendwann

Richard David Precht schilderte seine Gedanken über die

in einer Gesellschaft, die zu diesem Zeitpunkt niemand hat

Digitalisierung in der Pflege und die Frage, wo beim Einsatz

haben wollen – obwohl er jeden einzelnen Schritt dorthin

von Robotern die ethische Grenze liegt. Precht glaubt, dass

nicht schlimm fand.“

wir diese Zeit einmal als „die größte revolutionäre Umbruchzeit unserer Gesellschaft seit 250 Jahren“ beschreiben werden. Dennoch werde keines der großen Themen bei den derzeitigen Sondierungsgesprächen ernsthaft diskutiert. „Wir dekorieren im Augenblick auf der Titanic die Liegestühle um“, kritisierte Precht. Ihm sei bisher kaum jemand in der Politik oder Wirtschaft begegnet, der der Digitalisierung gewachsen schien. „Das Hauptgefühl ist Überforderung.“

66


Die Veranstaltung

67


Wie kann gute Pflege und gesellschaftliche Teilhabe im Alter gelingen?

Mehr Ehrlichkeit, mehr Wertschätzung für den Beruf, mehr Kompetenzen für Landkreise und Kommunen: Während der hochrangig besetzten Podiumsdiskussion im Rahmen der Berliner Pflegekonferenz tauschten sich Experten über die Situation in der Pflege aus und gaben wichtige Impulse für die neue Bundesregierung.

68


Die Zahl der Pflegebedürftigen wird Prognosen zufolge

Fussek, selbst pflegen-

bis 2030 um ein Drittel steigen, die Zahl der pflegenden

der Angehöriger, ist

Angehörigen wird aufgrund des langjährigen Geburten-

der Meinung, das „Pfle-

rückgangs sinken – und bereits jetzt spitzt sich aufgrund

gen in die Betten“ habe

schlechter Arbeitsbedingungen und Imageproblemen der

System. „Je schlechter

demografiebedingte Fachkräftemangel in der Pflege zu.

Sie gepflegt werden,

Was also sollte in der neuen Legislaturperiode unternom-

je immobiler und pfle-

men werden, um unsere Gesellschaft und damit auch die

gebedürftiger Sie sind,

Pflege „demografiefest“ zu gestalten? Mit dieser Ausgangs-

desto mehr Geld kriegt

frage eröffneten die Moderatoren Amelie Fried und Jörg

man in diesem System

Thadeusz die Podiumsdiskussion im Rahmen der Berliner

– das ist gesetzlich le-

Pflegekonferenz.

gitim.“

„Dokumentiert endlich nur noch das, was ihr tatsächlich in der Pflege leisten könnt!“

Rehabilitation

vor Pflege stehe ledigThadeusz ist persönlich bereits mit dem Thema Pflege in

lich auf dem Papier,

Kontakt gekommen – im Zivildienst als Rettungssanitäter.

die Praxis sehe anders

„Ich hatte als Abiturient keine Ahnung, was in Altenheimen

aus. „Ich brauche ja nur

los ist. Und habe dann gesehen, was das für eine schwere

auf eine durchschnittliche Pflegestation gehen. Da sind

Arbeit ist. Das Fürchterlichste fand ich, wenn einem Arbeit

zwei Menschlein, die dort 30 Leute anziehen, waschen –

aufgebürdet wird, die man nicht schaffen kann“, erinnert er

das kann ja gar nicht gehen!“

Claus Fussek, Pflegeexperte und Autor

sich. Nach einer Operation machte er zudem die Erfahrung, auf Pflege angewiesen zu sein: „Eine Nachtschwester mit

Pflege muss mit Prävention einhergehen

30 Jahren Berufserfahrung, die einen Patienten wie mich

Auch Prof. Dr. Ursula Lehr, stellvertretende Vorsitzende der

tausendfach gesehen hat, kam trotzdem zu mir und gab mir

Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen

das Gefühl, als sei es ihr ganz persönliches Anliegen, dass

(BAGSO) und Ex-Bundesministerin für Jugend, Familie,

ich keine Schmerzen mehr habe. Das fand ich spektakulär.“

Frauen und Gesundheit, kritisiert, dass der Grundsatz „Rehabilitation vor Pflege“ kaum realisiert wird. „Kriegen Sie

Den Vorschlag von Karl Lauterbach, Gesundheitspolitik-Ex-

einen Schlaganfall zu Hause, ist eine Reha selbstverständ-

perte und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD,

lich. Kriegen Sie ihn im Altenheim, obwohl Sie rehafähig

die Löhne der Pflegenden um 30 Prozent zu erhöhen, habe ihn daher auf Anhieb überzeugt. Laut Thadeusz muss in der Gesellschaft die Wertschätzung des Pflegeberufs erhöht werden: „Wir können

wären, werden Sie aber noch längst

„Wir müssen mehr nach dem schauen, was der Mensch noch kann.“

nicht in die Reha geschickt. Und wenn Sie geschickt werden und die Reha erfolgreich ist - wie das bei Schlaganfällen sehr häufig der Fall ist –, ist das ein Ver-

Bewunderung organisieren, indem wir

lust, denn dann bekommen Sie weniger

eine breitere Öffentlichkeit schaffen.“

Pflegegeld.“ Die Gefahr einer Regression der Pflegestufe sei ein Webfehler im

Konfrontation statt kollektiver

ersten Pflegegesetz von 1995 gewesen

Verdrängung

– erfolgreiche Pflege wird nicht belohnt,

Der prominente Pflegekritiker Claus

sondern bestraft.

Fussek geht sogar noch einen Schritt weiter und verlangt, das Thema Pflege

Der Begriff „gesund pflegen“ oder we-

zur „Schicksalsfrage der Nation“ zu ma-

nigstens „gesünder pflegen“ müsse wie-

chen. Er sieht Deutschland in Bezug auf

der an Bedeutung gewinnen. Die Ange-

die Brisanz und Dramatik des Themas in einem „Zustand kollektiver Verdrängung“. „Es kann doch nicht sein, dass

hörigenpflege sollte besser gewürdigt Prof. Dr. Ursula Lehr, Vizepräsidentin der Bundesarbeitsgemeinschaft der SeniorenOrganisationen (BAGSO) e.V.

wir angeblich kein Geld in der Pflege

und die Situation der Gepflegten verbessert werden. „Pflege darf nicht nur bewahrend sein, sondern sollte immer

haben, uns aber den volkswirtschaftlichen und ethischen

einhergehen mit Prävention – mit dem Bemühen, die vor-

Irrsinn leisten, Milliarden an den Folgen schlechter Pflege

handenen Fähigkeiten, die Selbständigkeit zu verstärken“,

zu verdienen.“ Fussek ist empört darüber, dass sich niemand

sagt Lehr. Das funktioniere in der Praxis jedoch nicht hinrei-

empört.

chend: „Es gibt Studien, die zeigen, dass sich ein Drittel der Pflegebedürftigen nach einem halben Jahr Heimaufenthalt

69


mehr und mehr zurückzieht und an Mobilität verliert. Hier

der Pflegenden organisiert. Die Gewerkschaften oder

wird nicht genug nach den Ressourcen geschaut – nach

Pflegeverbände sollten als Interessenvertreter attraktiver

dem, was der Mensch noch kann.“ Stattdessen komme es

werden.

häufig vor, „dass einer in den Rollstuhl gesetzt wird, weil das Bloß kein schwaches Bild abgeben

Schieben schneller geht, als langsam nebenher zu gehen“.

Knieps wünscht sich einen Aktionsplan zur Verbesserung Imagewandel dringend nötig

der Arbeitsbedingungen für Beschäftigte im Gesundheits-

Lehr hat während des Wahlkampfs einen Fragenkatalog zu

wesen, differenziertere Lösungen – und dass man notfalls

allen Themen, die ältere Menschen betreffen, an die Politik

auch gesetzlich konkretisiere, was in der betrieblichen

formuliert. Zu den Forschungsschwerpunkten der studier-

Gesundheitsförderung zu tun ist. Anders als Claus Fussek

ten Psychologin und Philosophin zählen Entwicklungs- und

sieht Knieps durchaus bereits Verbesserungen, doch auch

Sozialpsychologie, Gerontologie, Altersbilder und demo-

er sagt: „Die Möglichkeiten, die bestehen, werden nicht ge-

grafischer Wandel. Eine ihrer Kernforderungen ist es, den

nutzt.“ Wichtig ist ihm ein schnelleres, organisiertes Lernen

Pflegeberuf wieder attraktiv zu machen und Pflegende

aus guten Beispielen. „Warum schaffen wir es nicht, Dinge,

nicht zu überfordern.

die wir in Modellen erproben, zügig in die Regelversorgung zu bekommen?“, fragt er. Zusätzliches Geld sollte für Spiel-

Gerade weil die examinierte Altenpflegerin Sophia War-

räume ausgegeben werden, „nicht für eine noch weitere

neke, Trägerin der Bronzemedaille EuroSkillsEurope und

Präzisierung und Verfeinerung des Bestehenden.“ Knieps

stellvertretende Nationaltrainerin der Nationalmannschaft

weist zudem auf das Problem hin, dass sich bei angekün-

Pflege, ihrem Berufsstand grundsätzlich positiv gegenüber-

digten Besuchen von Politikern in Pflegeeinrichtungen alle

steht,

„Die Möglichkeiten, die bestehen, werden nicht genutzt.“

auch

„in Höchstform“ präsentieren, statt auf Missstände hinzu-

sie sich mehr Wert-

weisen. „Das ist wie der Besuch bei den gealterten Eltern.

schätzung und bessere

Sie wollen, dass alles stimmt, alles klappt – wollen bloß kein

Arbeitsbedingungen:

schwaches Bild abgeben.“

„Ich mache meinen Beruf

Franz Knieps, Vorstand BKK Dachverband e. V.

wünscht

unheimlich

gern,

Pflegekritiker Fussek hat hier ähnliche Erfahrungen ge-

dennoch fehlen Pfle-

macht: „Ich bekomme seit Jahrzehnten Tausende von Hil-

gekräfte en masse – im

ferufen von Pflegekräften. Die erzählen mir Dinge, die man

stationären wie ambu-

kaum aushalten kann!“ Dennoch würden sie Politik, Gesell-

lanten Bereich. Mit dem

schaft, Kostenträger oder auch direkte Vorgesetzte noch

derzeitig aufgestellten

viel zu selten mit der Lebensrealität in den Heimen konfron-

Personal wird die Pfle-

tieren. Sein Wunsch an die Pflegekräfte ist es, sich unter-

ge über kurz oder lang

einander zu solidarisieren

zusammenbrechen. Wir

und Probleme gegenüber

brauchen dringend ei-

der Politik ehrlicher zu

nen Imagewandel.“ Zu

kommunizieren.

„Wir brauchen dringend einen Imagewandel.“

ihrem Beruf bekomme sie oft zu hören: „Das ist

Ein

weiterer

„großer

ja toll, aber ich könnte das nicht.“ Das sei für sie durch die

Bluff“ ist laut Knieps die

Blume ein schlechtes Feedback. Mehr Wertschätzung ist

Tatsache, dass der Bevöl-

Warneke wichtiger als mehr Lohn – auch wenn die Alten-

kerung erzählt wird, die

pflege 30 Prozent schlechter bezahlt wird als die Kranken-

Pflegeversicherung funk-

pflege. „Natürlich würde ich mir wünschen, dass Altenpfle-

tioniere genauso wie eine

ger das Gleiche wie Krankenpfleger verdienen. Trotzdem

Krankenversicherung.

ist Bezahlung nicht alles.“

„Tut sie aber nicht, sie ist nämlich nur eine Teil-

In diesem Punkt ist sie sich mit Franz Knieps einig. Der Vor-

kaskoversicherung. Aber

stand des Dachverbands der Betriebskrankenkassen (BKK)

nahezu niemand sagt das

hält Geld ebenfalls nicht für das Primärproblem. „Organisa-

laut.“ Auch hier sei mehr Ehrlichkeit nötig.

Sophia Warneke, examinierte Altenpflegerin

tion, Personalausstattung, Schaffung eines ausreichenden Nachwuchspotenzials – das ist viel wichtiger, als nur über

Auch ältere Menschen brauchen Aufgaben

die Reallohnhöhe zu reden.“ Bisher seien nur zehn Prozent

Neben all den Überlegungen für eine bessere Situation in

70


„Vereinsamte Alte sind die größte Herausforderung,der wir etwas entgegnen müssen.“

der Pflege verweist Prof. Lehr auf ein ebenso wichtiges The-

ausgefüllt wirkt. Sie er-

ma: Die Tatsache, dass wir dringend ein anderes Verständ-

zählt, dass es da ande-

nis vom Alter entwickeln müssen – eines, das mehr gesell-

re Menschen gibt, die

schaftliche Teilhabe ermöglicht. Ältere Menschen sollten

noch

nicht nur als „die zu Betreuenden“ gesehen werden. „Auch

sind als sie, die zu ihr

die Hochaltrigen wollen eine Aufgabe, wollen sich um et-

kommen und denen sie

was oder jemanden kümmern. Sie fühlen sich nicht einsam

etwa in die Jacke hilft.

in dem Moment, in dem sie selber etwas tun können.“ Bei-

Das gibt ihr ein gutes

spielhaft skizziert sie den Fall einer 87-jährigen Juristin, der

Gefühl.“ Insbesondere

nach dem Tod ihres Mannes die Lebensaufgabe fehlte. „Sie

für Frauen, die früher

kam nicht mehr aus dem Bett, räumte die Wohnung nicht

eine

mehr auf. Als ein Arzt kam, weil sie eine Grippe bekommen

versorgt haben, sei es

hatte, diagnostizierte er bei ihr Demenz – dabei war das

schwierig, irgendwann

eine Depression!“ Eine Nachbarin habe der Dame schließ-

nicht mehr den Haus-

lich den Vorschlag gemacht, sich um ein zehnjähriges Mäd-

halt machen zu können

chen zu kümmern und ihm Deutschnachhilfe zu geben. Und

oder dürfen. „Ich halte daher die Tagespflege für eine sehr

siehe da: „Sie hat geputzt, sich selbst angezogen, gekocht

sinnvolle Einrichtung“, so Warneke. Pflegekritiker Fussek

und gebacken. Das Mädchen kam letztlich nicht nur eine

fordert gar „einen Rechtsanspruch auf Tagespflege, auf

Stunde in der Woche, sondern drei. Die Dame hat so ein

Nachtpflege, auch am Wochenende“.

hilfebedürftiger

ganze

Familie Kirsten Fründt, Landrätin im Landkreis Marburg-Biedenkopf

zweites Leben begonnen.“ Kommunen und Landkreisen mehr Die Altenpflegerin Sophia Warneke kann diese Beobach-

Kompetenzen einräumen

tungen bestätigen und berichtet von den positiven Effek-

Der gesellschaftlichen Teilhabe älterer Menschen misst

ten, die die Tagespflege auf Senioren haben kann. Warneke

Kirsten Fründt, Landrätin im Landkreis Marburg-Bieden-

arbeitet im ambulanten Dienst und erlebt bei ihren Besu-

kopf, ebenfalls hohe Bedeutung bei – der Vereinsamung

chen im Spätdienst oft, dass ihre Klienten wie ausgewech-

müsse etwas entgegengesetzt werden. Ihr Landkreis unter-

selt von der Tagespflege zurückkommen. „Ich betreue zum

stützt daher Bürger- und Nachbarschaftsinitiativen vor Ort,

Beispiel eine Dame, die danach immer sehr zufrieden und

die etwa dafür sorgen, dass ältere Menschen gemeinsam

71


zu Mittag essen oder aufsuchende Unterstützungsleistun-

tun“, sagt Precht. Ein Drittel aller älteren Leute sei bereits

gen bekommen, beispielsweise für den Einkauf oder den

ehrenamtlich beschäftigt, ein weiteres Drittel sei dafür aus

Arztbesuch. „Viele Ältere nehmen das gerne an“, berichtet

psychischen oder körperlichen Gründen nicht in der Lage.

Fründt.

„Aber für das andere Drittel wäre es gut, das zu machen.“ Von alleine kämen sie vermutlich nicht darauf, weil sie in

Auch sie hat klare Verbesserungsvorschläge: „Bei uns ist

keinem Verein sind oder keine Freunde haben, die so etwas

es immer noch so, wie in den meisten ländlichen Regionen,

machen. „Nach dem Jahr gibt es sicher viele, die dabei blei-

dass trotz aller Diskussionen um die stationären Bedingungen in der Pflege 75 Prozent der Pflegebedürftigen von ihren Familienmitgliedern gepflegt werden, meist ohne Fachlichkeit. Das ist eine große Herausforderung. Da Pflege

„Ich plädiere für zwei soziale Pflichtjahre – eins nach der Schule, eins vor der Rente.“

ben“, meint Precht. Keine Supermärkte ohne Menschen Das Thema Digitalisierung, über das der Philosoph zuvor bereits in seiner Key Note gesprochen hatte, kam auch in

vor Ort in den Kommunen stattfindet,

der Diskussionsrunde noch einmal zur

sollte diesen mehr Kompetenz einge-

Sprache. Precht nannte als Beispiel die

räumt werden.“ Darauf ziele das dritte

Supermärkte der Zukunft, in denen kei-

Pflegestärkungsgesetz zwar durch zu-

ne Menschen mehr arbeiten werden –

gestandene Beratungsleistungen ab,

Roboter bestücken Regale, man zahlt

„aber tatsächlich konzeptionelle und

bargeldlos an der Kasse und kommt

planerische Leistungen sowie die ent-

mit niemandem in Kontakt. „Für meine

sprechende

sind

Großmutter war das tägliche Einkau-

nicht umgesetzt worden. Hier erwarten

Finanzausstattung

fen ein ganz wichtiger sozialer Akt, ein

und erhoffen sich die Kommunen zu-

Event. Aber das verschwindet.“ Die Si-

künftig deutlich mehr Einfluss.“

Prof. Richard David Precht, Philosoph, Publizist und Bestsellerautor

Nicht alles spezialisieren und

tuationen, in denen man miteinander ins Gespräch kommt, würden seltener. Unter dieser „totalen Versteppung der

institutionalisieren

Alltagskultur“ litten insbesondere ältere Menschen, die „in

Einen Metablick auf das Thema Pflege gab schließlich der

der digitalen Welt die Welt nicht mehr verstehen“ werden.

Philosoph, Publizist und Bestsellerautor Prof. Richard Da-

„Ich würde mir wünschen, dass man als Kommunalpolitiker

vid Precht. Er kritisiert die Vorstellung, dass man alles spe-

sagen kann, ‚digitale Supermärkte ohne Menschen gibt’s bei

zialisieren muss. „Kinder in die Schule, Irre in die Irrenan-

uns nicht“, so Precht.

stalt, Pflegebedürftige irgendwohin, wo Pflegebedürftige hinkommen, Kranke dahin, wo Kranke hinkommen: Institu-

Für Claus Fussek geht es nicht um die Zukunft der Pflege, son-

tionen, in der nur Pflegebedürftige sind und Leute, die sie

dern vielmehr um die Gegenwart. Er mahnt: „Keine Appelle

pflegen, sind selten Orte, die besonders inspirierend sind

mehr, keine Studien mehr, keine Modellversuche mehr –

und zum Weiterleben motivieren.“ Seiner Meinung nach

wir brauchen Sofortprogramme, denn wir haben keine Zeit

leben wir heute in einer Zeit, in der die Individualisierung

mehr zu verlieren.“ Gäbe es in den Pflegeheimen Frühwarn-

der Menschen offensichtlich keinen Platz dafür lässt, die

systeme, würden die strukturell bedingten Probleme recht-

eigenen Eltern zu pflegen – ein Dilemma. Zwar sieht er die

zeitig erkannt und ein rechtzeitiges Handeln möglich. An die

Gewinnorientierung von Pflegeheimen nicht als das alleini-

Pflegekräfte gerichtet fordert er: „Dokumentiert endlich

ge Problem, jedoch dürfe diese nicht der einzige Maßstab

nur noch das, was ihr tatsächlich in der Pflege leisten könnt.

sein – dann werde es inhuman.

Dann haben wir die Missstände endlich schwarz auf weiß – und kommen vielleicht auch mal einen Schritt weiter.“

Um älteren Menschen eine aktive Rolle in der Gesellschaft zu geben, hat Precht einen konkreten Vorschlag: die Einführung von zwei sozialen Pflichtjahren in Deutschland, eines nach dem Schulabschluss und das andere, bevor man in Rente geht. Letzteres mit der Einschränkung, weniger Stunden zu leisten und sich auch befreien lassen zu können. „Für nachfolgende Generationen ist das, was man dem Staat schuldet, immer weniger geworden. Aber es kann durchaus auch ein schönes Gefühl sein, seine Pflicht zu

72


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Marie Simon Pf legepreis

Die Schirmherrin Sr. Liliane Juchli

Urheberin des ersten Pflegefachlehrbuches im deutschsprachigen Raum, Institut der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz von Ingenbohl (Schweiz), Kloster Ingenbohl

Was verbindet Sie mit der Intention des Marie Simon Pflegepreises?

Was möchten Sie den Nominierten mit auf den Weg geben?

Ich denke, es ist die Verbindung dessen, was dieser Pflege-

Wenn ich an diesen Abend denke, an die Projekte, die vor-

preis eben will: Veränderung. Ein Kernwort meines Lebens

gestellt werden, kann ich eigentlich nur eines sagen, drei

war immer schon die Leidenschaft für das Mögliche. Die

Worte: Bleiben Sie dran! Und: Weiter so! Vor allem denke

Leidenschaft, zu spüren, der Patient braucht Pflege. Wir

ich auch an die Berufsfreude und den Berufsstolz. Bleiben

müssen für die Pflege Verantwortung übernehmen. Es geht

Sie mit diesem Wissen auf dem Weg einer Pflege, die sich

um die Würde des Menschen. Und damit sind wir auch bei

heute großen Herausforderungen stellen muss.

einem Kernwort meines Lebens, das zweite eben: die WürUnser besonderer Dank geht an Sr. Liliane Juchli, die als Pionierin der Pflege die Schirmherrschaft für den Marie Simon Pflegepreis übernommen hat.

de des Menschen. Und wenn Sie mich fragen: „Was verstehen Sie unter der Würde der Menschen?“, könnte ich das in einem Satz zusammenfassen: Menschenwürde geschieht dort und dann, wo ich den Menschen Mensch bin.

75


Mit neuen Ideen die Lebensqualität älterer Menschen verbessern

Wir haben die Unantastbarkeit der Würde aller Menschen

Auftrag müssen wir erfüllen. Dazu gehört eine flächende-

in unserem Grundgesetz verankert. Wie ernst wir es damit

ckende ärztliche Versorgung, Wohn- und Mobilitätsange-

meinen, zeigt sich besonders im Umgang mit kranken und

bote sowie Möglichkeiten auch der kulturellen Teilhabe in

pflegebedürftigen Menschen. Den Pflegebedürftigen ein

Stadt und auf dem Land für alle, also auch für ältere Men-

möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen und ihre

schen. Das wird allerdings nur gelingen, wenn wir bereit

Wünsche zu respektieren ist dabei eine der zentralen Her-

sind, auch neue Wege zu gehen und die Alterung als ge-

ausforderungen unserer Zeit.

samtgesellschaftliche Herausforderung begreifen.

Deutschland altert, der Anteil älterer Menschen nimmt ra-

Dafür, dass wir mit neuen, frischen Ideen die Lebensqualität

pide und kontinuierlich zu. Das ist Herausforderung, aber

der älteren Menschen verbessern, stehen die Projekte, die

auch Chance. So wie wir mit einem Kraftakt auf dem Weg

mit dem Marie Simon Pflegepreis ausgezeichnet wurden.

sind, ein kinderfreundliches Land zu werden, müssen wir

Ich gratuliere den Nominierten und den Preisträgern und

uns viel ambitionierter auf den Weg machen, auch ein al-

freue mich außerordentlich, dass der Deutsche Städte- und

tersgerechtes Land zu werden. Das Grundgesetz fordert

Gemeindebund gemeinsam mit spectrumK bereits zum

gleichwertige Lebensbedingungen im ganzen Land. Diesen

vierten Mal den Marie Simon Pflegepreis verleihen darf.

Jann Jakobs + Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Potsdam, Mitglied des Präsidiums des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Präsident des StGB Brandenburg + www.potsdam.de

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Marie Simon Pf legepreis

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Marie Simon Pflegepreis 2017 Wo Menschen mit Demenz Selbstwirksamkeit erfahren und Pflegekräfte aus Osteuropa sich über ihre Sorgen austauschen können Auch Pflegebedürftige und Hochaltrige haben ein Recht

Betreuung oder alternativen Wohnformen. Zudem gibt es

auf gesellschaftliche Teilhabe. Daher prämiert spectrumK

eine Schulung zum speziellen Umgang und zur Kommu-

in Kooperation mit dem Deutschen Städte- und Gemein-

nikation mit Demenzpatienten. Die teilnehmenden Höfe

debund mit dem Marie Simon Pflegepreis Projekte, die

können anschließend auch als Ausflugsziel für Pflegeheime,

das Ziel verfolgen, die Lebensqualität dieser Menschen

Wohngemeinschaften und Angehörigengruppen gebucht

nachhaltig zu verbessern. In diesem Jahr durfte das Ko-

werden.

operationsprojekt „Bauernhöfe als Ort für Menschen mit Demenz“ der Alzheimer Gesellschaft Schleswig-Holstein

Im Flächenland Schleswig-Holstein sind viele Menschen

e.V./Selbsthilfe Demenz und der Landwirtschaftskammer

im ländlichen Raum groß geworden. Der Kontakt zu Höfen

Schleswig-Holstein die Auszeichnung bei der 4. Berliner

ist gerade in der Nachkriegsgeneration eng. Daher kön-

Pflegekonferenz entgegennehmen. Ein Sonderpreis ging

nen dort Erinnerungen gezielt geweckt und Momente des

zudem an die Caritas-Konferenzen im Dekanat Linzgau, die

Wohlbefindens durch Gerüche, Naturerlebnisse und Kon-

mit ihrem Projekt „Gelebte Solidarität mit Haushaltshilfen/

takt mit den Tieren geschaffen werden. Die Menschen wer-

Pflegehelferinnen aus Osteuropa“ die Pflegekräfte selbst in

den – je nach Wunsch, Bedarf und Ressourcen – in den Ta-

den Fokus rücken.

gesablauf auf dem Hof einbezogen oder können an speziell auf ihre Fähigkeiten zugeschnittenen Einzel- und Gruppen-

Von der Umgebung berührt und aktiviert

aktivitäten teilnehmen. Die Beschäftigung im Garten oder

Das Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein ge-

Stall beteiligt Menschen mit Demenz direkt am sozialen

staltet seit Anfang 2015 Bauernhöfe zu Orten für Menschen

Geschehen auf dem Hof und lässt sie körperlich aktiv sein.

mit Demenz um und trägt damit dazu bei, Versorgungslü-

Die Freizeitangebote entlasten darüber hinaus die Angehö-

cken im ländlichen Raum zu schließen. Die Nähe zu Tieren

rigen. Zwar gelinge es bisher nur schwer, sie auf die Mög-

und zur Natur macht den Hof für die Menschen mit Demenz

lichkeiten aufmerksam zu machen, erzählt Wilken von ihren

zu einem Platz, an dem sie Selbstwirksamkeit erfahren und

Erfahrungswerten. „Wenn sie aber davon erfahren und die-

unmittelbare Rückmeldungen bekommen. „Menschen mit

se nutzen, sind sie begeistert. Entweder, um gemeinsam ein

Demenz werden von der Umgebung berührt und damit ak-

paar schöne Stunden zu erleben oder um in der Zeit etwas

tiviert“, erklärt die Projektverantwortliche Anneke Wilken.

für sich zu tun.“

Dahinter steckt das Konzept der „Green Care Farms“, das in den Niederlanden schon länger etabliert ist. Ausgebildete

Netzwerkarbeit vor Ort und Ehrenamtliche wichtig

Fachkräfte besuchen landwirtschaftlich tätige Höfe und be-

In der Regel empfängt der Hof seine Gäste für zwei bis

raten interessierte Landwirte zum Projekt. Auf dieser Basis

drei Stunden. „Die Hofbesitzer gehen individuell auf die

entstehen Konzepte zur Tagespflege, zu niedrigschwelliger

Besucher ein und können je nach Bedarf aktivieren und

78


Marie Simon Pf legepreis

beschäftigen – sei es durch den Kontakt zu den Tieren, das

anerkannt. Viele schauen jetzt auf Schleswig-Holstein“,

Einbinden in anfallende Arbeiten oder Biografiearbeit“, sagt

sagt Wilken.

Wilken. Derzeit gebe es vier Höfe, die dabei sind, ein regelmäßiges Angebot zu etablieren. Sie haben vom Landesamt

Wer pflegt, muss sich auch pflegen

für Soziale Dienste in Schleswig-Holstein die Anerkennung

Ein innovatives Programm ganz im Süden von Deutschland

als niedrigschwelliges Betreuungsangebot erhalten und

hat in diesem Jahr den Sonderpreis erhalten: Das Projekt

schon erste Gruppen zu Besuch gehabt. „Es fehlen aller-

„Gelebte Solidarität mit Haushaltshilfen/Pflegehelferinnen

dings noch ausreichend Teilnehmende. Wir und die Höfe

aus Osteuropa“ der Caritas-Konferenzen im Dekanat Linz-

stürzen uns jetzt in die Netzwerkarbeit vor Ort.“ Seit Sep-

gau hat die Pflegenden selbst im Fokus. Die Idee dazu hatte

tember finden Austauschtreffen mit den aktiven Höfen

die Projektleiterin Gerda Dilger bei Besuchen von alten und

statt, wo erste Erfolge und Schwierigkeiten reflektiert und

kranken Menschen in Bermatingen, Baden-Württemberg.

neue Ideen besprochen werden können.

Dort traf sie Haushaltshilfen und Pflegehelferinnen aus Ländern wie Polen oder Bulgarien, die vereinsamt und überfor-

Ein Problem ist die Mobilität der Menschen mit und ohne

dert waren. Viele klagten zudem über Schlafstörungen und

Demenz, denn nicht immer

Kopfschmerzen. „Es lag

können Angehörige den Be-

mir sehr am Herzen, ein

sucher auf den Hof bringen.

regelmäßiges Austausch-

„Die Höfe sind naturgemäß

treffen samt Fahrdienst

im ländlichen Raum ange-

einzurichten,

siedelt. Dort gibt es selten

Frauen zu vernetzen und

Fahrdienste oder Ähnliches.

ihnen eine Möglichkeit zu

Diese Lücken müssen noch

geben, über ihre Sorgen

geschlossen werden“, sagt

und Nöte zu sprechen“,

Wilken. Das Ehrenamt sei

erklärt Dilger. Seit Herbst

ein weiterer wichtiger Punkt.

2013 gehört auch kosten-

„Viele Höfe sind an dem An-

loser

gebot interessiert, aber es

zum Angebot. „Sie kom-

fehlen ihnen manchmal die

men für ein paar Stunden

Ehrenamtlichen für diesen

aus

Bereich.“

raus, gemäß dem Spruch:

um

diese

Deutschunterricht

den

Pflegefamilien

Wer pflegt, muss sich auch Das

Kompetenzzentrum

pflegen.“

Demenz schmiedet bereits weitere Pläne: „Für die Zu-

Das Angebot werde von

kunft möchten wir zum Bei-

den Frauen rege genutzt;

spiel auch Urlaub auf dem

sie unterstützen und er-

Bauernhof

mutigen

für

Menschen

sich

gegensei-

mit Demenz realisieren“, er-

tig. „Der Zusammenhalt

zählt Wilken. Bereits Anfang

zwischen ihnen ist ge-

2017 wurden Betreiber von

wachsen, auch über ihren

Bauernhofcafés unter dem Motto „Torte geht immer – das

Arbeitsalltag hinaus sind persönliche Beziehungen entstan-

demenzfreundliche Bauernhofcafé“ geschult. Häufig fällt

den. Sie sind selbstbewusster geworden“, berichtet Dilger.

es betroffenen Familien schwer, gemeinsame Ausflüge in

Auf Wunsch der Helferinnen seien bereits Fachreferate zu

die Öffentlichkeit zu unternehmen. Damit sich diese Scheu

Spezialthemen wie Achtsamkeit, Nähe und Distanz, Ent-

legt, zeigen die Gastgeberinnen, wie entspannt es in diesen

spannungsübungen, Diabetes, richtige Lagerung im Bett

Landcafés zugehen kann und was sich auf den Höfen noch

und Versorgung offener Wunden angeboten worden. Auch

so alles gemeinsam entdecken lässt. Der Marie Simon Preis

Fortbildungen zu Sucht, häuslicher Gewalt oder Trauerver-

gibt den Verantwortlichen weiteren Ansporn: „Der Vor-

arbeitung sind angedacht. Die Projektverantwortlichen

stand der Alzheimer Gesellschaft Schleswig-Holstein, das

begleiteten anfangs einzelne Pflegehelferinnen zudem bei

ganze Team des Kompetenzzentrums, unser Kooperations-

Behördengängen oder Arztbesuchen und stellten mitunter

partner die Landwirtschaftskammer und viele Weggefähr-

als Ersatz in Abwesenheit der Helferin eine Besuchsdienst-

ten haben sich mit uns gefreut. Der Preis ist bundesweit

mitarbeiterin zur Verfügung.

79


Not wahrnehmen und Hilfe anbieten Projektleiterin Dilger erlebt bestehende Probleme, auch mit dem Dialekt, hautnah. „‚A bissle rum, a bissle num‘ steht in keinem Wörterbuch. Ich sehe aber auch die Überforderung in deutschen Familien, wenn eine Pflegekraft rund um die Uhr benötigt wird. Die osteuropäischen Frauen können nicht alles, gleich und sofort.“ Dilger ist wichtig, die Öffentlichkeit für die verbesserungsbedürftigen Arbeits- und Rahmenbedingungen der osteuropäischen Pflegekräfte zu sensibilisieren sowie „die Not dieser Randgruppe in unserer Gesellschaft wahrzunehmen, ihnen zu helfen und Nachahmer für das Projekt zu begeistern. Viele Betroffene sind dankbar, informieren sich über unser Tun und geben auch manchmal eine Spende“, sagt Dilger. Erste vergleichbare Projekte gebe es bereits. Als größte Herausforderungen bei diesem Projekt, das Pionierarbeit leistet, empfindet Dilger die Öffentlichkeitsarbeit, Mittelbeschaffung, das Führen einer Gruppe mit Deutschbegleitung, das Verwalten des Projekts und die Vernetzungsarbeit mit Kooperationspartnern. Dazu gehören vor allem das Mehrgenerationenhaus (MGH) Markdorf und der Pflegestützpunkt Bodenseekreis, aber auch die Arbeitsagentur, alle Pfarreien und Besuchsdienste im Dekanat Linzgau sowie die Caritas-Stiftung der Erzdiözese Freiburg und die Caritas-Konferenzen Deutschlands, Diözesanverband Freiburg. Ihre Patenschaft zu Pflegehelferinnen hat Dilger inzwischen abgetreten, doch das Projekt werde sie weiterführen. Die Auszeichnung mit dem Marie Simon Pflegepreis bedeutet ihr sehr viel: „Es ist eine große Wertschätzung und Anerkennung meines Engagements. Das Preisgeld finanziert uns die Raumnutzungsgebühr im MGH Markdorf – und darüber bin ich sehr dankbar, denn Ehrenamt ohne Geld geht nicht.“ Wir beglückwünschen die Preisträger und bedanken uns herzlich bei Anneke Wilken und Gerda Dilger für die Interviews.

80


Marie Simon Pf legepreis

Die Preisträger Organisation

Projekt

Web

Alzheimer Gesellschaft Schleswig-Holstein e.V.

Bauernhöfe als Orte für Menschen mit Demenz

www.demenz-sh.de/hilfen-vor-ort/bauernhoefe -als-orte-fuer-menschen-mit-demenz/

Caritas-Konferenzen (CK)

Gelebte Solidarität mit Haushalts-

www.ckd-netzwerk.de

im Dekanat Linzgau

hilfen/Pflegehelferinnen aus Osteuropa

Metropolregion Rhein-Neckar GmbH

Hilfe beim Helfen - Forum

www.m-r-n.com

„Vereinbarkeit von Beruf und Familie“

futur-uno. Perspektiven GmbH

Care4Me. Ambulante Pflege für

www.care4me-berlin.de

selbstbestimmte Menschen.

St. Anna-Stift Kroge GmbH

Implementierung der palliativen

www.zerhusenbloemer.de/silviahemmet/

Philosophie „Silviahemmet“ UGHO Unternehmung Gesundheit

www.ugho.de

eNurse

Hochfranken GmbH und Co. KG

Preisträger

Sonderpreis

Nominierte

81


Otto Heinemann Preis 2017 Drei Vorbilder für eine pflegefreundliche Arbeitswelt stellen sich vor

Die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege wird auch für Unternehmen ein zunehmend wichtiges Thema. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und des absehbaren Fachkräftemangels rücken Erwerbstätige, die Angehörige pflegen müssen, in den Fokus. Arbeitgeber sollten daher Familienförderung als Faktor im Wettbewerb um motivierte, talentierte Mitarbeiter nutzen und sie als effektive Maßnahme zur Mitarbeiterbindung begreifen. Der von spectrumK in Kooperation mit den Dachverbänden der Betriebs- und der Innungskrankenkassen vergebene Otto Heinemann Preis zeichnet Unternehmen aus, die bereits innovative und praxistaugliche Lösungswege zum Meistern dieser Doppelbelastung entwickelt haben und damit Anregungen zum Nachahmen geben. Auch das Engagement der diesjährigen Preisträger ist vorbildlich – überzeugen Sie sich selbst.

82


Otto Heinemann Preis

Handwerkskammer Karlsruhe

jedem Mitarbeitergespräch vom Vorgesetzten angespro-

Preisträger für Unternehmen mit bis zu 1.000

chen, um möglichst zeitnah auf die Bedürfnisse eingehen zu

Mitarbeiter(inne)n

können“, erklärt Backes. So sei beispielsweise auch kurzfris-

Die Handwerkskammer Karlsruhe ist eine in der Rechts-

tig das Arbeiten von zu Hause möglich. Mitarbeiter können

form einer Körperschaft des öffentlichen Rechts organi-

zudem kostenlos an einem Intensivseminar zum Thema

sierte Selbstverwaltungseinrichtung des Handwerks mit

Pflege teilnehmen. „Der Umgang mit dem Thema Pflege

Hauptsitz in Karlsruhe. Zum Kammerbezirk mit insge-

ist wesentlich offener geworden. Auch die Kollegen von

samt rund 19.000 Mitgliedsbetrieben gehören die Stadt

betroffenen Mitarbeitern wurden sensibilisiert“, berichtet

und der Landkreis Karlsruhe, die Stadt Pforzheim und der

Backes von ihren bisherigen Erfahrungen. Es helfe den Mit-

Enzkreis, der Landkreis

arbeitern sehr, mit der

Calw sowie die Stadt

Thematik auf Verständ-

Baden-Baden und der

nis zu treffen.

Landkreis Rastatt. Die Bildungsakademie

der

Als größte Herausforde-

Handwerkskammer

rung beim Thema Pfle-

Karlsruhe,

der

ge und Beruf sieht sie

Bildungsein-

„den Spagat zwischen

größten richtungen

eine in

Baden,

unserem Anspruch, als

besuchen im Rahmen

Dienstleister für unse-

der

re

überbetrieblichen

Mitgliedsbetriebe

Lehrlingsunterweisung

präsent zu sein, und der

jährlich mehr als 5.000

Berücksichtigung

Lehrlinge. Zu den Auf-

individuellen familiären

gaben der derzeit 135

Situationen

einzelner

Mitarbeiter

Mitarbeiter“.

Dennoch

gehören

der

die Führung der Hand-

sollen die bestehenden

werks- und Lehrlings-

Angebote weiter aus-

rolle, das Ausbildungs-

gebaut werden, damit

und

Prüfungswesen,

das Unternehmen sein

umfassende technische,

Zertifikat „audit beruf-

betriebswirtschaftliche

undfamilie“

und

erhalten

juristische

Bera-

aufrechtkann.

Den

tungen sowie die Inte-

Otto Heinemann Preis

ressenvertretung

empfindet Backes als

der

Mitgliedsbetriebe. Dass

„große

Unterstützungsbedarf

unseres

im Bereich Pflege be-

Engagements – und na-

steht und dieser auch

türlich hat die Auszeich-

Anerkennung jahrelangen

zunehmen wird, zeigte eine Mitarbeiterumfrage bereits

nung zudem eine Signalwirkung für unsere Mitgliedsbetrie-

im Jahr 2014. „Wer einen Angehörigen pflegt, verdient An-

be, die wir auch zu der Thematik Vereinbarkeit von Beruf

erkennung und Unterstützung. Dies möchten wir auch als

und Familie/Pflege beraten“.

Arbeitgeber, soweit möglich, leisten“, sagt Annette Backes, Leiterin Geschäftsbereich Zentrale Dienste. Niemand solle

SHG-Kliniken Völklingen

sich damit alleine fühlen. „Nicht zuletzt soll natürlich die

Preisträger für Unternehmen mit 1.001 bis zu 5.000

Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter gestärkt werden bezie-

Mitarbeiter(inne)n

hungsweise erhalten bleiben – und wir wollen unsere At-

Die SHG-Kliniken Völklingen sind ein hoch spezialisiertes

traktivität als Arbeitgeber steigern.“

Krankenhaus mit der Schwerpunktversorgung HerzZentrum Saar, LungenZentrum Saar, GefäßZentrum, einem

Das schafft die Handwerkskammer Karlsruhe mit flexiblen,

psychiatrischen Zentrum, einer Klinik für Urologie sowie

auf die individuelle Situation des betroffenen Mitarbeiters

der Nephrologie und Dialyse. Seit 2010 gibt es für die über

abgestimmten Angeboten sowie mit umfassenden Informa-

1.200 Mitarbeiter vielfältige Maßnahmen zur Unterstüt-

tionsmöglichkeiten im Betrieb. „Das Pflegethema wird in

zung von pflegenden Angehörigen. Hierfür wurde unter

83


anderem ein „Internes Pflegenetzwerk“ eingerichtet. Mit

wirksame Vernetzung nach innen und außen ist somit einer

diesem niederschwelligen, multiprofessionellen Netzwerk,

der Erfolgsfaktoren“, reflektiert Koch. Für die Zukunft sei

bestehend aus der Servicestelle „Familie & Beruf“, dem

die weitere Etablierung der Familiendienste und des Seni-

Familienhaus Sterntaler, der Personalabteilung, dem Sozi-

orenbegleitdienstes geplant. Zudem sollen die während der

aldienst, der Seelsorge, der Schwerbehindertenvertretung

Familienzeit – sei es aufgrund von Betreuungsverantwor-

sowie der Psychoonkologin, werden die in den Kliniken vor-

tung für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige – entwi-

handenen Kompetenzen für die Mitarbeiter transparent

ckelten Kompetenzen der Mitarbeiter auch in den Kliniken

und verlässlich nutzbar gemacht. „Wir denken hierbei die

nutzbar gemacht werden. Den Otto Heinemann Preis ver-

frühe Phase der Betreuungs- und Unterstützungsverant-

steht das Unternehmen auch als Beleg für den saarländi-

wortung bereits mit. Und zwar nicht erst ab Rollstuhl oder

schen Imageslogan „Großes entsteht immer im Kleinen“.

Pflegebett“, erklärt Martina Koch von der Servicestelle „FaGlobus (SB-Warenhäuser und SB-Warenhaus-Holding)

milie & Beruf“.

Preisträger für Unternehmen ab 5.001 Mitarbeiter(inne)n Die Angebote sollen die Mitarbeiterzufriedenheit steigern.

Das konzernunabhängige Familienunternehmen Globus

Sie orientieren sich an den Mitarbeitern und Patienten

betreibt in fünfter Generation 46 SB-Warenhäuser im

gleichermaßen. „Wir sind der festen Überzeugung, dass

Einzelhandel. Ein Teil der verkauften Ware wird im jewei-

auch Patienten vom Engagement der Kliniken für die Ver-

ligen Haus vor Ort hergestellt, etwa in Fachmetzgereien

einbarkeit von Familie, Pflege und Beruf profitieren. Denn

und Bäckereien. Das 1828 gegründete Unternehmen be-

zufriedene

Mitarbeiter

schäftigt aktuell 18.427

sind eine Voraussetzung

Mitarbeiter.

für zufriedene Patienten“,

bietet es Maßnahmen zur

sagt Koch. Besteht Unter-

besseren

stützungs- oder Betreu-

von Beruf und Familie an.

ungsbedarf für Familien-

„Das Thema ist uns sehr

angehörige, können die

wichtig. Wir sehen dies

Mitarbeiter entscheiden,

nicht losgelöst, sondern

ob sie die personalisierte

betrachten es im Rahmen

Servicestelle „Familie &

unseres Engagements zur

Beruf“ als innerbetrieb-

lebensphasenorientierten

lichen Pflegeguide zu in-

Mitarbeiterpolitik – wir

ternen oder externen An-

nennen es ’die Kontinuität

sprechpartnern

nutzen,

der kleinen Schritte‘“, er-

oder ob sie sich direkt an

klärt Petra Kannengießer,

einen der anderen Partner

Bereichsleiterin Systeme

des Internen Pflegenetz-

in der Betriebsstätte Zell.

werks wenden. Diese bie-

„Bei uns steht der Mensch

Seit

2008

Vereinbarkeit

ten eine umfassende, individuelle Beratung an, welche die

im Mittelpunkt, dies gilt sowohl für unsere Kunden als auch

Mitarbeiter gerne wahrnehmen. „Das zeigen insbesondere

für unsere Mitarbeiter. Wir sind ein Familienunternehmen

die vielen positiven Rückmeldungen in der letzten Mitar-

mit langer Tradition, bei dem die Mitarbeiter schon immer

beiterbefragung“, berichtet Ramona Kiefer, Leiterin des

als wichtig angesehen und mit Respekt und Wertschätzung

Familienhauses.

behandelt wurden. Dies haben wir in unseren Globus-Werten festgeschrieben und dies wird von der Unternehmens-

Eine schwierige Aufgabe bleibe es, das Thema privater Be-

leitung vorgelebt und eingefordert.“

treuungs- oder Pflegeverantwortung aus dem Tabubereich herauszuholen und tatsächlich entlastende, bezahlbare

Das Unternehmen bietet flexible, individuelle Tages-, Wo-

Angebote zu entwickeln. „Auch die Sensibilisierung der

chen- und Jahresarbeitszeiten sowie familiengerechte

Kollegen für die Bedarfe von Mitarbeitern mit Betreuungs-

Teilzeitmodelle an. Denn in Bezug auf die Vereinbarkeit

verantwortung ist herausfordernd.“ Für ein gutes Gelingen

von Beruf und privater Lebenssituation wünschen sich die

sei es notwendig, am eigenen Standort herauszufinden, wer

Globus-Mitarbeiter vor allem den Freiraum, sich im Notfall

mit welchen Angeboten zur Unterstützung beitragen kann.

selbst organisieren zu können. „Wir fordern von unseren

Gleiches gelte für die Nutzung der gegebenenfalls bereits

Mitarbeitern Solidarität untereinander ein, sonst kann die-

im eigenen Unternehmen vorhandenen Kompetenzen. „Die

se Selbstbestimmtheit nicht gelingen“, sagt Kannengießer.

84


Otto Heinemann Preis

Geprägt durch das Alter der Beschäftigten – im Schnitt über 43 Jahre – sei das Thema Pflege von Angehörigen sehr präsent. Um Pflegeberatung mit allen Facetten professionell angehen zu können, kooperiert Globus mit WDS.care und nutzt dessen Betreuungs- und Pflegekonzept „Eldercare“, das unter anderem Vor-Ort-Sprechstunden, Pflegekurse und Beratung zur Sicherung des Pflegegeldes umfasst. „Unsere Mitarbeiter schätzen dieses neue Angebot sehr. Man kommt viel schneller zum Ziel, wenn man mit einem professionellen Partner zusammenarbeitet. Und der Faktor Zeit spielt eine große Rolle für die Betroffenen.“ Zwar gelte der Handel aufgrund der langen Öffnungszeiten als familienunfreundlich, doch biete er insbesondere Frauen mit Familienverantwortung „je nach Qualifikation, Neigung und Arbeitszeitmöglichkeiten vielschichtige Beschäftigungsvarianten“, so Kannengießer. Die Diversität der Arbeitszeitmodelle werde sich bei Globus künftig noch erhöhen. Hier komme den Personalleitern und Betriebsräten vor Ort eine Schlüsselrolle zu, da sie die Umsetzungsverantwortung im Betrieb übernehmen. „Unsere ausgeprägte Vertrauenskultur führt dazu, dass sich die meisten Mitarbeiter frühzeitig melden und dass offen über die persönlichen, finanziellen und auch psychischen Belastungen gesprochen werden kann.“ Denn oft gehe die Pflege über die Grenzen der Belastbarkeit hinaus. Die Nachfrage bei den Sprechstunden sei sehr hoch. Die Auszeichnung mit dem Otto Heinemann Preis sei eine Ehre, sagt Kannengießer. „Diese Anerkennung bestätigt uns in unserer Arbeit auf dem Gebiet Beruf und Pflege und spornt uns dazu an, diese weiter aktiv voranzutreiben.“ Wir beglückwünschen alle Preisträger und bedanken uns herzlich bei Annette Backes, Martina Koch und Petra Kannengießer für die Interviews.

85


Die Preisträger

Organisation

Nominiert in der Kategorie

Web

Handwerkskammer Karlsruhe

Unternehmen mit bis zu

www.hwk-karlsruhe.de

1.000 Mitarbeiter(inne)n Oberlandesgericht Köln

Unternehmen mit bis zu

www.olg-koeln.nrw.de

1.000 Mitarbeiter(inne)n Frankfurter Rotkreuz-Kliniken e.V.

Unternehmen mit bis zu

www.rotkreuzkliniken.de

1.000 Mitarbeiter(inne)n SHG-Kliniken Völklingen

Unternehmen mit bis zu

www.vk.shg-kliniken.de

5.000 Mitarbeiter(inne)n Deutsche Rentenversicherung

Unternehmen mit bis zu

Bayern Süd

5.000 Mitarbeiter(inne)n

ING-DiBa AG

Unternehmen mit bis zu

www.drv-bayernsued.de

www.ing-diba.de

5.000 Mitarbeiter(inne)n Globus (SB-Warenhäuser

Unternehmen ab

und SB-Warenhaus-Holding)

5.001 Mitarbeiter(inne)n

Gesundheit Nord gGmbH

Unternehmen ab

Klinikverbund Bremen

5.001 Mitarbeiter(inne)n

Vodafone GmbH

Unternehmen ab

www.globus.de

www.gesundheitnord.de

www.vodafone.com

5.001 Mitarbeiter(inne)n

Preisträger

Nominierte

86


87


Übertherapie am Lebensende

Übertherapie ist definiert als eine medizinische Behand-

Viele Ärzte führen zu vielen Arztbesuchen, viele Intensivsta-

lung, die voraussehbar dem Patienten mehr schadet als

tionen führen zu vielen Intensivbehandlungen. Wo Klinik-

nützt. Sie nimmt weltweit zu. Die Häufigkeit der Überthe-

konzerne selbst die Behandlungsausrichtung bestimmen,

rapie wird in den USA mit 29 Prozent angegeben, teilweise

gibt es ein Überangebot hochpreisiger Behandlungsverfah-

werden international auch 89 Prozent erreicht.

ren (Katheterlabor, OP) und eine Unterversorgung an weni-

Vielfach ist etwa eine zu aggressive Krebsbehandlung am

ger profitablen Therapien (z. B. Palliativversorgung).

Lebensende dokumentiert, bei jungen Patienten in den letzten 30 Lebenstagen zu ca. 75 Prozent. Aber auch andere

Problem Krebsbehandlung

Verfahren werden international kritisiert, wie die therapie-

Die Auswertung einer großen deutschen Universitätsklinik

ziellose PEG-Anlage, Chemotherapie, die das Leben ver-

zeigt, dass Krebsbetroffene noch in den letzten Lebensta-

kürzt, Bestrahlungsbehandlung kurz vor dem Tod, nutzlose

gen zuhauf Übertherapie erhalten. Chemotherapie, Blutwä-

Medikation, ineffektive Intensivtherapie am Lebensende

sche, Operationen, Intensivbehandlung, ja sogar Wiederbe-

oder die ziellose intravenöse Ernährung.

lebungen fanden bei den sterbenden Krebskranken häufig

Als Ursachen gelten:

statt. Die Chance Letzterer das Krankenhaus überhaupt lebend zu verlassen, liegt deutlich unter 10 Prozent, zum

1. ökonomische Fehlanreize,

Großteil dann auch noch mit schwerem Hirnschaden. Etwa

2. Wissenslücken, Fehlglauben von Patienten

jeder dritte Krebspatient starb auf der Intensivstation.

und Angehörigen,

Krebsbetroffene haben grundsätzlich viele belastende Be-

3. das Ungleichgewicht der Arzt- und Patientenrolle,

schwerden, Ängste und Nöte, nicht erst in fortgeschritte-

4. Angst vor Rechtsfolgen bei Unterlassen aller denkba-

nen Krankheitsstadien. So ist es seit Jahren unumstritten,

ren Therapieoptionen.

dass möglichst bald eine Mitversorgung durch Palliativteams erfolgen sollte. Hierzu gibt es amerikanische und eu-

Auf Patientenseite führen typische Mythen zur Überthera-

ropäische Grundsatzempfehlungen.

pie: „Mehr ist besser, neu ist besser, teurer ist besser, Tech-

Frühzeitige Palliativversorgung – also die umfassende Lei-

nologie ist besser, Therapie ist besser. Dabei ist oftmals das

denslinderung bereits bei Feststellung von metastasiertem

Abwarten des Spontanverlaufs der wahrscheinlich bessere

Krebs – hat viele Vorteile: Lebensqualität von Patient und

Weg. So gilt dies bei manchen Prostatakrebskonstellatio-

Familie, Stimmung, Krankheitsverständnis, Vorsorge und

nen. Die groß angelegte deutsche Studie, die dies belegen

sogar Überleben bessern sich. Palliativversorgung führt zu

solle, scheiterte an mangelndem Arzt- und Patienteninte-

einer geringeren Krankheitslast, weniger Chemotherapie

resse. „Therapie muss doch einfach helfen, die kann man

in den letzten Lebensmonaten zu selteneren Notarztein-

nicht mit Nichttherapie vergleichen“, obwohl dies hier zwi-

sätzen und weniger sowie kürzeren Krankenhausaufent-

schenzeitlich als belegt gelten darf.

halten. Damit sinken nachweislich Kosten, aber eben auch

88


Pf legepraxis

die Gewinne der Krebsmedizin. Ob es da ein Zufall ist, dass

Prozeduren ein Entgelt bestimmt: je schlimmer die Krank-

dieses Kriterium nicht in die deutschen Zertifizierungsre-

heit und je technischer der Eingriff, desto höher der Erlös.

geln von Krebszentren aufgenommen wurde? Thöns’ dies-

Über Bonusverträge werden viele leitende Ärzte an lukrati-

bezüglicher Vorschlag wurde 2013 in einer Mail von einem

ven Eingriffen oder am Klinikgewinn beteiligt. Dies setzt bei

Fachgebietspräsidenten abgebügelt und auf „Freiwilligkeit“

einigen Verträgen Fehlanreize, wo etwa eine Beteiligung

verwiesen: Freiwillig auf Pfründe verzichten? Bis heute je-

von 15 Prozent am DRG-Erlös vereinbart wurde. Während

denfalls wird Palliativversorgung fehlerhaft als „Medizin

Bundesärztekammer und Gesetzgeber diese Verträge äch-

für die letzten Lebenstage“ verstanden, echte Palliativver-

ten und auf freiwilligen Verzicht drängen, hatten 2015 noch

sorgung fand in der oben zitierten Studie bei weniger als 2

97 Prozent der neuen Chefarztverträge entsprechende

Prozent der sterbenden Krebsbetroffenen statt – es müss-

Klauseln. Hier besteht dringender Handlungsbedarf.

ten 100 Prozent sein.

International gibt es erste Initiativen, in Großbritannien die „do not do“-Liste, in den USA die „choosing wisely“-Kampa-

Problem Beatmungsmedizin

gne oder in Deutschland die Initiative „klug entscheiden“.

Beatmungsmedizin, ob in der Klinik oder zu Haus wird ext-

An Letzterer haben sich die deutschen Chirurgen allerdings

rem hochpreisig vergütet. Die Versorgungskosten belaufen

nicht beteiligt, „es gäbe kein Problem“. Hier sei einfach nur

sich für Deutschland für häuslich versorgte Intensivpati-

auf die ARD-Dokumentation „Operieren und kassieren“ aus

enten auf 2–4 Mrd. Euro. Die extreme Zunahme der Fälle

dem Jahr 2017 verwiesen.

in den letzten zehn Jahren um den Faktor 30 (!) ist ganz überwiegend auf Patienten mit Versagen der Beatmungs-

Anteil Behandlungen bei Krebsbetroffenen

entwöhnung nach Akut-Intensivtherapie zurückzuführen

vor dem Tod (letzte Woche / Monat)

(85 Prozent!). 70 Prozent der so leidenden Patienten könnten erfolgreich zurück in ein eigenständiges Leben geführt

Chemotherapie (7,7 Prozent/38,3 Prozent)

werden, so die zuständige Fachgesellschaft. Dann aber er-

Bestrahlung (2,6 Prozent/6,4 Prozent)

lischt der Anspruch auf die ca. 20.000 Euro Behandlungs-

Wiederbelebung (8,5 Prozent/10,5 Prozent)

pflege pro Monat. So werden viele Patienten mit „niedrigem

OP (15,2 Prozent/31,0 Prozent)

Druck“ beatmet, eigentlich bräuchten sie die Beatmung

Dialyse (12,0 Prozent/16,9 Prozent)

nicht, so der Medizinische Dienst (MdK). Noch viel schlim-

Bluttransfusion (21,2 Prozent/39,5 Prozent)

mer ist die Situation bei den Patienten mit einer Trachealka-

CT (33,8 Prozent/60,9 Prozent)

nüle (Schlauch durch den Hals in die Luftröhre): Argument

Tod auf der Intensivstation: 30,3 Prozent

hierfür ist eine Schluckstörung oder eine Bewusstseinsstö-

Palliativversorgung > 20 Tage: 1,9 Prozent

rung mit der Gefahr des Verschluckens. Allerdings wird eine Schluckstörung durch eine Trachealkanüle eher gefördert, das Husten massiv behindert. Verschlucken wird hierdurch gerade begünstigt! Vermehrte Atemwegsinfektionen, vermehrte Schleimbildung, vermehrte Notwendigkeit des qualvollen Absaugens sind die Folge. Unglaublich: Genau dies wird zur Begründung der fortgesetzten Trachealkanüle herangezogen. In der Klinik ist es kaum besser: Beatmung über 24 Stunden bringt teils 23.426 Euro, über 1799 Stunden 204.243 Euro – wohlgemerkt pro Patient. Durch die Definition sogenannter „Beatmungshürden“ steigern sich die Beträge nach bestimmten Stunden (z.B. 24, 95, 249 Stunden). Teils gibt es in Kliniken „Ampelsoftware“, die dem Arzt das „wirtschaftlich günstige Beatmungsende“ signalisiert. Das allein ist unerträglich, denn jede Minute nicht notwendige Beatmung kann tödlich enden, Beatmung ist nicht gesund. Während früher die Kliniken, jeweils zum Jahresende, ihre Kosten vorrangig anhand der Verweildauer geltend machen konnten (sogenanntes Kostendeckungsprinzip), wird durch

Dr. med. Matthias Thöns + Palliativnetz Witten e.V. + www.uebertherapie.de

das neue DRG-System (Diagnosis Related Groups) auf der Basis eines Diagnosemix und anhand der durchgeführten

89


Verraten und verkauft? Der zurückliegende Bundestagswahlkampf hat es wieder

Das große Manko besteht darin, dass es für die beruflich

deutlich werden lassen: Pflegende haben zu wenig Lobby in

Pflegenden keine wirklichen Verbesserungen gegeben

Deutschland!

hat. Noch immer gibt es keine richtige Teilkasko, von einer

Das Schlimmste an diesem Befund ist aber, dass er nicht

belastbaren Vollkasko ganz zu schweigen. Alters und Ge-

nur zu Wahlkampfzeiten Gültigkeit hat (das wäre zu ver-

brechlichkeitsrisiko gehen voll zu Lasten des Einzelnen und

schmerzen), sondern sich vor allem auch im politischen All-

der Familie und es gibt, zumindest noch, keine Personalmin-

tag widerspiegelt. Die beruflich Pflegenden, die eine enor-

deststandards für die Bereiche der ambulanten, teilstatio-

me, gesamtgesellschaftliche Verantwortung tragen, waren

nären und stationären Langzeitpflege. Damit ist eine große

auch in der letzten Legislaturperiode des Deutschen Bun-

Chance vertan.

destags die Gekniffenen der Politik. Leider muss man es so

Ein noch größeres Desinteresse an den Belangen der beruf-

deutlich sagen.

lich Pflegenden, der Weiterentwicklung des Berufsbildes und der weiter gehenden Professionalisierung in der Pfle-

Pflegestärkungsgesetze und Pflegeberufereform

ge haben die Beratungen zum Pflegeberufereformgesetz

Natürlich haben wir in den letzten Jahren die Verabschie-

deutlich gemacht. Zwischen den Bundestagsabgeordneten,

dung der drei sogenannten Pflegestärkungsgesetze (PSG

insbesondere der Koalitionsfraktionen, ging es zeitweise

I−III) erlebt, die, das gehört zur Wahrheit zweifelsfrei dazu,

zu wie auf einem Basar. Die nun sehr lange andauernde

in einigen Punkten in die richtige Richtung weisen. Nur lei-

Debatte um die Sinnhaftigkeit einer generalistischen Pfle-

der hatten die Regelungen der Gesetze kaum positive Wir-

geausbildung, garniert mit zahlreichen Studien und durch-

kungen für die Kolleginnen und Kollegen, die professionell

geführten Modellausbildungen, wurde zuletzt auf mehr als

pflegen.

unangemessene Art geführt. Das unwürdige Geschacher

So sehen die neu gefassten Regelungen, im Bereich des

der regierungstragenden Bundestagsfraktionen um eine

elften Sozialgesetzbuches (SGB XI), unter anderem eine

vernünftige Ausbildung im so sensiblen Bereich der Pfle-

Beitragserhöhung der Pflegeversicherung, mehr Geld für

ge hätte es bei keiner anderen Berufsgruppe in der Form

Versorgung dementer Menschen, stärker angepasste Ei-

gegeben.

genanteile, eine neue Wohnraumförderung, verbesser-

Die Generalistik ist ein elementarer Aspekt, um beispiels-

te Ansätze zur Verhinderungs und Kurzzeitpflege, mehr

weise die Bezahlung in der Altenpflege zu verbessern. Die

Kompetenzen für Kommunen für die Organisation von

Kompromisslösung, nach zwei Jahren gemeinsamer Aus-

Angeboten sowie Tarifabrechnungsmöglichkeit für private

bildung die Kurse aufzutrennen und drei verschiedene Ab-

Anbieter vor. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff, der auf

schlüsse zu vergeben, nutzt aus unserer Sicht niemandem

der Beeinträchtigung von Selbstständigkeit der Pflegeemp-

außer den Arbeitgebern. Die Alten- und Kinderkrankenpfle-

fänger basiert, führt weg von der Minutenpflege hin zu grö-

ge bleiben weiterhin benachteiligt. Einmal, was die inter-

ßerer Ressourcenorientierung.

nationale Anerkennung der Altenpflege angeht, vor allem

90


Pf legepraxis

aber bezüglich der Gehaltsstrukturen. Auch die Bildungs-

Die Forderungen nach einem „Masterplan Pflege“, die von

einrichtungen und Ausbildungsträger stehen aufgrund der

Pflegewissenschaftlern des „Deutschen Instituts für an-

Kompromisslösung vor großen Herausforderungen.

gewandte Pflegeforschung“ (dip) um Professor Dr. Frank

Dies ist ein klassisches Beispiel dafür, wie die sehr aktive

Weidner erhoben werden, teilt auch die Landespflegekam-

Arbeitgeberlobby in Berlin eine Gesetzgebung entgegen

mer Rheinland-Pfalz vollumfänglich. Ziel des Masterplans

der klaren Interessen der Pflegenden im Land verwässert

Pflege ist es, unter anderem die Vergütungen für Pflegeper-

hat. Dem müssen wir dringend eine institutionalisierte Pfle-

sonal (insbesondere in der Altenpflege) um bis zu 30 Prozent

gelobby gegenüberstellen. Dies hat man auch bei der Ver-

anzuheben und bis zum Ende der Legislatur bis zu 100.000

abschiedung des Gesetzes im Bundestag deutlich gemerkt.

zusätzliche Pflegestellen in Krankenhäusern, Altenheimen und ambulanten Diensten zu schaffen. Außerdem sollen

Pflegende müssen lauter werden

Mittel in Forschung, Innovation und hochschulische Pfle-

Für die Pflege ist immer schon symptomatisch gewesen,

geausbildung fließen. Dafür werden jährlich Finanzmittel

dass sie in der Gesundheitspolitik ein Schattendasein ge-

in Höhe von etwa 12 Mrd. Euro zusätzlich gebraucht, die

führt hat. Andere Akteure und Berufsgruppen haben mit

solidarisch über die Kranken- und Pflegeversicherungen

ihren starken Lobbys einen großen Einfluss auf die Gesetz-

sowie durch zusätzliche Steuermittel aufgebracht werden

gebung, oftmals sehr zulasten der Pflege. Pflegende spüren

müssen.

das überall in ihrem beruflichen Alltag. Begleitet wird diese jahrelange fehlende politische Mitsprache durch gesamtgesellschaftliche

Entwicklungen,

wie eine zunehmend älterwerdende Bevölkerung. Wenn die Menschen immer älter werden, verändern sich auch Krankheitsbilder. So werden die Zahl multimorbider Patienten und die Zahl neurodegenerativer Erkrankungen stetig größer. Pflegerische Handlungsfelder werden hierdurch komplexer und anspruchsvoller. Nicht ohne Grund wird der Ruf nach einer starken beruflichen Selbstverwaltung in immer mehr Bundesländern lauter. Sie ist kein Selbstzweck,

Dr. Markus Mai + Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz + www.pflegekammer-rlp.de

sondern Konsequenz. Sie schafft Autonomie, eine starke, selbstbewusste Profession und vor allem politische Mitsprache. Die Politik wird in Zukunft nicht mehr um die Pflege herumkommen, aus gutem Grund!

91


Auswirkungen der gesetzlichen Änderungen auf die Pflege

Unsere Gesellschaft verändert sich. Noch nie war die Le-

dass die Selbstständigkeit oder die Fähigkeiten, die Hilfe

benserwartung so hoch wie heute. Der Wunsch dabei ist,

durch andere bedürfen, als Grundlagen der neuen Ermitt-

so lange wie möglich nicht pflegebedürftig zu werden. Dazu

lung der fünf Pflegegrade zugrunde liegen. Die Schwere

hat der Gesetzgeber in der vergangenen Legislaturperiode

der Beeinträchtigungen werden mittels MDK-Gutachten

die Weichen gestellt. Neben dem Präventionsgesetz, dem

mit 64 Bewertungen ermittelt. Innerhalb der Begutach-

E-Health-Gesetz und dem Pflegestärkungsgesetz wurden

tung werden bei der Beurteilung verschiedentliche pro-

weitere zielführende Regularien verabschiedet.

zentuale Bewertungen ermittelt. Aus der ursprünglichen

Die Themen Sorge, Pflege, hohes Alter dürfen nicht an die

auf Pflegeminuten ausgerichteten Bewertung wurden nur

Medizin, die Pflegeheime oder die Pflegeversicherung de-

wenige Kriterien übernommen. Wesentlich ist, dass das

legiert werden. Gutes Leben im Alter setzt nicht nur auf

Thema Demenz einen höheren Stellenwert bekommen hat.

Selbstständigkeit, es akzeptiert auch die vordergründig

Das Begutachtungsinstrument ist in sechs Module geglie-

unproduktive Seite des Alters. Schwerpunkt in der Zukunft

dert: Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten,

muss die Qualität des menschlichen Zusammenlebens sein.

Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, Selbst-

Grundsätzlich muss das Alter nicht Pflegebedürftigkeit

versorgung, Bewältigung und selbstständiger Umgang mit

bedeuten. Ende 2015 waren in Deutschland 2,9 Mio. Men-

krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und

schen pflegebedürftig, von denen 70 Prozent zu Hause

Belastungen, Gestaltung des Alltagslebens und sozialer

gepflegt wurden. Fakt ist, dass von den 80- bis 85-jährigen

Kontakte.

Menschen 78,9 Prozent nicht pflegebedürftig waren. Bei

Der neue Pflegeansatz – Selbstständigkeit – muss nun ge-

den 85- bis 90-jährigen waren 70,3 Prozent und bei den

zielt umgesetzt werden. Der Gesetzgeber geht davon aus,

90-jährigen und älteren Menschen waren es nur noch 42,2

dass die Selbstständigkeit durch Aktivierung und Reha-

Prozent die nicht pflegebedürftig waren.

maßnahmen zumindest stabilisiert bzw. erhalten bleibt.

Das Thema Demenz spielt dabei eine bedeutende Rolle.

Hier müssen sich die Pflegedienste und stationären Einrich-

Der Anteil der Demenzkranken nimmt je nach Alter ent-

tungen neu ausrichten.

sprechend zu. Bei den 80 bis 85jährigen Menschen ist der

Überversorgung oder Überbehütung muss unbedingt ver-

Anteil der Demenzkranken 13,3 Prozent, mit der Tendenz

hindert werden.

steigend, bei den über 90-jährigen auf 34,6 Prozent. Der

Jeder Pflegefall ist anders. Man muss die Versorgung, Be-

Anteil der Frauen beträgt 70 Prozent, da Frauen grundsätz-

treuung, Unterstützung und Hilfe maßgeschneidert auf

lich älter als Männer werden. Durch wissenschaftliche Er-

die einzelne Person anpassen. Die Pflegeeinstufung ist le-

hebungen hat man jedoch festgestellt, dass man von einem

diglich ein Kunstgebilde zur Erfassung des jeweiligen kör-

Anteil bis zu 30 Prozent Scheindemenz ausgehen kann.

perlichen und geistigen Zustandes. Hilfe und Pflegebedarf

Insbesondere das Pflegestärkungsgesetz II hat wesentliche

muss innerhalb der Familien neu geplant werden. Der 7. Al-

Umgestaltungen durch die Veränderung der Pflegedefini-

tenbericht der Bundesregierung hat 2016 dazu verschiede-

tion veranlasst. Das ist ein ganz wesentlicher Einschnitt in

ne zukunftsweisende Hinweise gegeben. Schwerpunkt ist

der Beurteilung der Pflegebedürftigkeit. Wegweisend ist,

die stärkere Verantwortung der Kommunen vor Ort. Dort

92


Pf legepraxis

müssen nachbarschaftliche Systeme neu aufgebaut oder

Dazu hat die Initiative „Pro Pflegereform“ qualifizierte Vor-

ausgebaut werden. Das bürgerschaftliche Engagement als

schläge unterbreitet. Die eingesparten Leistungen im stati-

sorgende Gemeinschaft braucht dazu auch finanzielle Un-

onären Bereich aus der Krankenversicherung müssen dem

terstützung. Welche Sorgekultur gibt es in der Kommune?

System zur Verfügung gestellt werden.

Wer ist Träger der Einrichtung? In den nächsten Jahren

Das Thema fehlende Fachkräfte ist ein Versäumnis der Po-

wird die Berufstätigkeit von Frauen weiter zunehmen, was

litik, da bis heute in verschiedenen Bundesländern für die

dazu führt, dass teilstationäre Einrichtungen an Bedeutung

Ausbildung als Altenpfleger bzw. Alterpflegerin Schulgeld

gewinnen werden.

zu bezahlen ist. Die neuen Überlegungen zur generalisti-

Ambulant vor stationär ist der Wille der Gesetzgebers. Das

schen Ausbildung sind aus heutiger Sicht unbefriedigend,

hat von Anfang an verschiedene Hintergründe.

da es mit großer Wahrscheinlichkeit keine bundeseinheit-

Die Familie war von Anfang an der größte Pflegedienst in

liche Lösung geben wird.

Deutschland. Jedoch haben sich die Bedingungen wesent-

Das Alter bedeutet nicht automatisch Pflegefall. Die heu-

lich verändern und werden dies noch weiter tun.

tige Gesellschaft muss rechtzeitig die vierte Lebensphase

Eine gute Gemeinschaft in der Nachbarschaft trägt dazu

planen. Der Familienbegriff muss erweitert werden. Die

bei, dass wir uns in unserem häuslichen und sozialen Um-

Kommunen müssen neue Aufgaben im Rahmen des bürger-

feld geborgen und wohlfühlen.

schaftlichen Engagements übernehmen.

Projekte lebendiger Nachbarschaft ermöglichen älteren Menschen, ihre Selbstständigkeit und Lebensqualität aufrechtzuerhalten und lange zu Hause wohnen zu bleiben. Auch neue Wohnformen, wie Pflegegemeinschaften, ermöglichen vor Ort auch im Pflegefall wohnen zu bleiben. In den nächsten Jahren werden dazu viele neue Angebote entstehen. Für betreutes Wohnen oder Servicewohnen sind bereits in den letzten Jahren in den Kommunen Angebote entstanden. Hier kommt es auf allgemein verbindliche Qualitätsmerkmale an. Grundsätzlich sollten in einer Kommune fußläufig alle notwendigen Einrichtungen erreichbar sein. Dazu zählen: Arzt, Apotheke, Einkaufsmöglichkeiten und Seniorentreffpunkte. Gerhard Schuhmacher + Vorsitzender der Caritas-Sozialstation St. Johannes e. V. Erlenbach, 1. Vorsitzender DiAG Altenhilfe Würzburg + www.pflege-unterfranken.de

Der Bedarf an stationären Einrichtungen wird mittel- bis langfristig steigen. Derzeit entsprechen nicht alle Einrichtungen dem notwendigen Standard. Außerdem muss die Finanzierung dieser Einrichtungen neu überdacht werden.

93


Die neue Pflegebegutachtung in der Praxis

Erste Zwischenbilanz aus Sicht der Medizinischen Dienste der Krankenversicherung Mit den Pflegestärkungsgesetzen, insbesondere dem 2.

Selbstständigkeit erhalten und gefördert werden soll. Die

Pflegestärkungsgesetz (PSG II), hat die Pflegeversicherung

von den Pflegebedürftigen und deren Angehörigen wie

die weitreichendste Reform seit ihrem Bestehen erfahren.

auch vonseiten der Pflegegutachterinnen und -gutachtern

Die bisherige Fokussierung auf körperliche Beeinträchti-

oftmals beklagte „Minutenzählerei“ gehört der Vergangen-

gungen bei der Begutachtung und Feststellung von Pflege-

heit an.

bedürftigkeit wurde durch einen neuen Pflegebedürftig-

Die Erwartungen an die erfolgreiche Umsetzung des neuen

keitsbegriff abgelöst, der den Grad der Selbstständigkeit

Pflegebedürftigkeitsbegriffs sind hoch. Nach einem knap-

von pflegebedürftigen Menschen als entscheidendes Be-

pen Dreivierteljahr lässt sich aus Sicht der Medizinischen

urteilungskriterium heranzieht und hierbei körperliche und

Dienste eine erste positive Bilanz ziehen.

psychisch-kognitive Beeinträchtigungen gleichermaßen berücksichtigt.

Auftrags- und Begutachtungsentwicklung

Auf diesem Wege erhalten alle pflegebedürftigen Menschen

Die Zahl der Anträge auf Pflegeleistungen ist im Zuge der

Anspruch auf Leistungen aus der Pflegeversicherung –

Umstellung auf das neue Pflegebegutachtungssystem

unabhängig davon, ob sie von körperlichen, geistigen

deutlich angestiegen. Im ersten Quartal 2017 sind 690.000

oder psychischen Beeinträchtigungen betroffen sind. Ein

Aufträge zur Feststellung von Pflegebedürftigkeit bei den

besonderes Augenmerk liegt dabei auf der besseren Be-

MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung)

rücksichtigung von Menschen mit gerontopsychiatrischen

eingegangen. Dies entspricht einer Steigerung von über

Erkrankungen. Mit dem neuen Begutachtungsverfahren

30 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Die Dynamik

wird eingeschätzt, was ein Mensch noch allein kann und in

des Auftragsanstiegs hat sich mittlerweile ein wenig ab-

welchen Bereichen Unterstützung durch andere notwen-

geschwächt. Dennoch ist der Zuwachs im ersten Halbjahr

dig ist. Für die Beurteilung der Pflegebedürftigkeit ist nicht

2017 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum mit insgesamt

mehr entscheidend, wie hoch der Umfang der pflegerischen

knapp 18 Prozent hoch geblieben. Dabei verzeichnen die

Maßnahmen in Minuten ist. Die bisherige defizitorientierte

MDK eine starke regionale Spreizung des Auftragsanstiegs

Sicht auf die Pflegebedürftigkeit wird durch einen ressour-

(zwischen 9 und 26 Prozent). Die zunehmende Medien-

cenorientierten Blick auf den Menschen ersetzt, dessen

berichterstattung über die Pflegestärkungsgesetze hatte

94


Pf legepraxis

bereits im vierten Quartal 2016 zu einem Auftragsanstieg

praktikabel, gut strukturiert und nachvollziehbar. Die Be-

von über 17 Prozent geführt.

wertung der einzelnen Module und die Berechnung des

Die MDK haben sich auf diese Entwicklung frühzeitig ein-

Pflegegrades erschließen sich aber nicht auf Anhieb. Bei

gestellt. Schon im Jahr 2016 wurden insgesamt rund 5 Pro-

der weiteren Planung pflegerischer Hilfen wünschen sich

zent mehr Pflegebegutachtungen als im Vorjahr durchge-

viele Betroffene eine umfangreichere Beratung. Dennoch

führt. Bis Juli 2017 waren es trotz Einarbeitung in das neue

deuten die ersten Daten darauf hin, dass die Akzeptanz

System nochmals knapp 10 Prozent mehr Pflegebegutach-

und die Zufriedenheit mit der neuen Begutachtungssyste-

tungen als im Vorjahreszeitraum. Im Zuge des Auftragsan-

matik gestiegen sind. Darauf deuten auch die Ergebnisse

stiegs hat sich die durchschnittliche Laufzeit der Pflegebe-

der jährlichen Versichertenbefragung der Medizinischen

gutachtung etwas verlängert. So lag die durchschnittliche

Dienste hin, bei denen 2,5 Prozent der rund 1,7 Millionen

Laufzeit aller im Juli 2017 erledigten Pflegebegutachtun-

begutachteten Versicherten zu ihrer Zufriedenheit mit dem

gen bei über 30 Arbeitstagen. Die Bearbeitungsfristen für

MDK befragt werden. Es zeichnet sich ab, dass sich die Ge-

besonders eilbedürftige Fälle wie z.B. für Versicherte beim

samtzufriedenheit der begutachteten Menschen im neuen

Übergang vom Krankenhaus oder von der Rehabilitations-

Pflegesystem weiter erhöhen wird. 2016 lag die Zufrieden-

einrichtung in die Pflege sowie bei Fällen der Palliativpflege

heitsquote bei 85 Prozent.

konnten zu etwa 96 Prozent eingehalten werden. Ausblick Mehr Leistungsberechtigte

Durch die Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbe-

Das neue Pflegegesetz wirkt. Im ersten Halbjahr 2017

griffs und die damit verbundene neue Pflegebegutachtung

haben tatsächlich mehr Menschen Leistungen aus der

erhalten mehr Menschen Leistungen aus der Pflegeversi-

Pflegeversicherung erhalten. In dieser Zeit haben die

cherung. Die Begutachtung bildet die individuelle Lebens-

MDK-Gutachterinnen und -Gutachter bei ca. 280.000 pfle-

situation der Versicherten besser ab und erhöht so auch

gebedürftigen Menschen einen der fünf neuen Pflegegrade

die Akzeptanz gegenüber der Pflegeversicherung und der

empfohlen.

MDK-Begutachtung. In einem nächsten Schritt müssen die

Ein Vergleich der Begutachtungsergebnisse nach altem und

Ergebnisse der Pflegebegutachtungen und die daraus re-

neuem Recht, bei denen keine Pflegebedürftigkeit festge-

sultierenden Empfehlungen in die Pflegegrade näher unter

stellt wurde zeigt, dass die Schwelle für einen Leistungsan-

die Lupe genommen werden. Dabei muss evaluiert werden,

spruch der Versicherten niedriger geworden ist. Lag dieser

ob die beabsichtigte Verbesserung der Versorgung für pfle-

Anteil bei Zugrundelegung des alten Pflegebedürftigkeits-

gebedürftige Menschen auch wirkungsvoll erreicht wird.

begriffs in den letzten Jahren noch bei rund 20 Prozent,

Ferner müssen den neuen und zusätzlichen Leistungsan-

konnte im neuen System im Juli 2017 in 12,9 Prozent der

sprüchen der Pflegebedürftigen auch zusätzliche Angebote

Fälle keine Pflegebedürftigkeit festgestellt werden. Es ist

bei den Leistungserbringern – insbesondere im Bereich der

davon auszugehen, dass dieser Anteil im Laufe des Jahres

Betreuungsleistungen – folgen. Hier sind neben den Leis-

noch weiter sinken wird, denn aufgrund der Medienbericht-

tungserbringern auch die Kommunen gefordert, die not-

erstattung über die Pflegereformen sind zusätzliche Anträ-

wendigen Rahmenbedingungen dafür zu schaffen.

ge von Versicherten ausgelöst worden. Hier handelte es sich um einige Fälle, bei denen weder nach dem alten noch nach dem neuen Verfahren eine Pflegebedürftigkeit im Sinne der Pflegeversicherung festgestellt wurde. Bei den letzten Begutachtungen, die noch nach altem Recht durchgeführt worden sind, wurde anstatt bei bisher 20 Prozent sogar bei 27 Prozent der Fälle keine Pflegebedürftigkeit festgestellt. Positives Feedback Die bisherigen Erfahrungen mit dem neuen Begutachtungsinstrument sind positiv. Die umfassende und differenzierte Abbildung von Pflegebedürftigkeit kommt sowohl bei Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen als auch bei den Gutachterinnen und Gutachtern gut an. Den Medizinischen

Martin Melcer + Bereichsleiter Koordination/Kommunikation, Medizinischer Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e. V. (MDS) + www.mds-ev.de

Diensten wird zurückgespiegelt, dass die neue Pflegebegutachtung die individuelle Lebenssituation der Antragssteller stärker berücksichtigt. Das Begutachtungsinstrument ist

95


Beratung von pflege- und hilfebedürftigen Menschen in Deutschland Im Spannungsfeld zwischen gesetzlichem Auftrag und praktischer Umsetzung

Ergebnisse einer systematischen Literaturrecherche Hintergrund und Zielsetzung

Umfeld vor große Probleme, die für sie persönlich am bes-

Nach dem aktuellen Teilhabebericht der Bundesregierung

ten passenden Angebote zu finden und in Anspruch zu neh-

sind in Deutschland mehr als 15 Prozent der Bevölkerung

men. Um dies zu verhindern, gibt es eine Vielzahl von ge-

(12,8 Millionen Menschen) durch Krankheit, Pflegebedürf-

setzlichen Beratungsaufträgen, die von unterschiedlichen

tigkeit und Behinderung in ihrer Teilhabe am Leben in un-

Trägern umgesetzt werden müssen. Diese gesetzlichen

terschiedlichen Bereichen der Gesellschaft beeinträchtigt.

Beratungsaufträge sowie der aktuelle Forschungsstand zu

Um den spezifischen Bedarfen und Bedürfnissen dieser

ihrer Umsetzung wurden erstmals systematisch erhoben

Menschen gerecht zu werden, gibt es eine Vielzahl von me-

und ausgewertet.

dizinischen, pflegerischen und ergänzenden Hilfs- und Unterstützungsangeboten. Diese Angebote werden allerdings

Methodik

von vielen Experten als unzureichend vernetzt, fragmen-

Das Projekt wurde zweistufig durchgeführt. In der ersten

tiert, sich teilweise gegenseitig beeinträchtigend und da-

Stufe wurden alle Paragrafen der Sozialgesetzbücher SGB

mit letztendlich als zu unübersichtlich bewertet. Dies stellt

V (Gesetzliche Krankenversicherung), SGB IX (Rehabilita-

viele hilfe- und pflegebedürftige Menschen und ihr soziales

tion und Teilhabe behinderter Menschen), SGB XI (Soziale

96


Pf legepraxis

Pflegeversicherung) und SGB XII (Sozialhilfe) recherchiert,

Beratung und Fallsteuerung bei ihren Pflegekassen einfor-

in denen die Begriffe Information, Beratung, Unterstützung

dern können. Auch zur Beratung durch niedergelassene

und Steuerung verwendet werden. Aus diesen Vorschriften

Ärztinnen/Ärzte, Krankenhäuser, Rehabilitationsträger,

wurden daraufhin, teilweise unter Verwendung bestehen-

Pflegedienste oder dem Medizinischen Dienst der Kran-

der Gesetzeskommentierungen, die bestehenden gesetz-

kenkassen gibt es wenige Daten. Die vorhandenen Erkennt-

lichen Beratungsaufträge für pflege- und hilfebedürftige

nisse geben allerdings teilweise deutliche Hinweise darauf,

Menschen zusammengefasst. In der zweiten Stufe wurde

dass Beratungsaufträge zumindest von einigen Trägern

zu allen gesetzlichen Beratungsaufträgen der aktuelle For-

nicht oder nur unzureichend umgesetzt werden. Außerdem

schungsstand erhoben. Hierzu wurde jeweils eine spezifi-

können die bestehenden Beratungsangebote kaum mitei-

sche Suchstrategie mit zentralen Begrifflichkeiten aus den

nander verglichen werden. Sie können auch teilweise nur

einzelnen Paragrafen in allgemeinen und fachspezifischen

sehr schwer den gesetzlichen Beratungsaufträgen zuge-

Suchmaschinen durchgeführt.

ordnet werden. Dies gilt insbesondere für die Kommunen, deren Beratung im Rahmen der Sozialhilfe häufig sehr stark

Ergebnisse

mit ihren Aufgaben der allgemeinen Daseinsvorsorge und

Die Ergebnisse der systematischen Recherche haben er-

der offenen Altenhilfe verknüpft ist. Darüber hinaus gibt es

geben, dass die meisten Beratungsaufträge in der sozialen

Hinweise darauf, dass es bei der Vernetzung der Beratungs-

Pflegeversicherung (SGB XI) zu finden sind. Allerdings sind

angebote noch große Defizite gibt.

diese Beratungsangebote häufig nicht ausschließlich für Menschen gedacht, die im Sinne der sozialen Pflegeversi-

Diskussion

cherung pflegebedürftig sind, sondern sollen beispielswei-

Die Ergebnisse repräsentativer Befragungen machen deut-

se auch zur Prävention von Pflegebedürftigkeit und zur Un-

lich, dass die Intransparenz vieler Beratungsangebote dazu

terstützung von pflegenden Angehörigen beitragen. Auch

führt, dass diese nur selten in Anspruch genommen werden.

bei den Zielgruppen der Beratungsaufträge aus den wei-

Zudem wird in der Bevölkerung in der Regel nur zwischen

teren Sozialgesetzgebungsbüchern gibt es teilweise große

einer ausführlichen und einer weniger ausführlichen Be-

Überschneidungen. Der Gesetzgeber berücksichtigt dies,

ratung unterschieden. Menschen, die bereits mindestens

indem er in den Beratungsaufträgen eine Vielzahl von An-

einmal eine ausführliche Beratung in Anspruch genommen

forderungen an die Zusammenarbeit der unterschiedlichen

haben, sind deutlich zufriedener als diejenigen, die bisher

an der Beratung beteiligten Akteure formuliert.

nur Informationen erhalten oder gar keine Beratung in

Die Auswertung des bestehenden Forschungsstandes hat

Anspruch genommen haben. Aufgrund der beschriebenen

gezeigt, dass bezüglich der Umsetzung der gesetzlichen

Problematik hat allerdings bisher nur etwa die Hälfte der

Beratungsaufträge eine große Intransparenz besteht. So

Pflegehaushalte eine ausführliche Beratung in Anspruch

ist beispielsweise nicht bekannt, inwieweit alle pflegebe-

genommen. Zusammenfassend besteht ein hoher Bedarf an

dürftigen Versicherten ihren bereits seit 1. Januar 2009

Nachbesserung der aktuellen Situation.

bestehenden gesetzlichen Anspruch auf eine umfangreiche

Ralf Tebest + NRW Fortschrittskolleg GROW der Universität zu Köln Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Uniklinik Köln + www.hf.uni-koeln.de/37221

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Sinnlichkeit und Erotik im Alter und bei körperlicher Immobilität

Das Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Sexualität hört nicht ab einem bestimmten Alter auf. Gerade wenn aufgrund einer Pflegebedürftigkeit diese Bedürfnisse nicht mehr so einfach selbstbestimmt erfüllt werden können, führt dies immer wieder zu Konfliktsituationen zwischen Pflegebedürftigen und Pflegenden. Gabriele Paulsen, gelernte Krankenschwester und seit über 15 Jahren Beraterin im Gesundheitswesen, gründete daher 2014 die Nessita GmbH, die Sexualassistenz für ältere und immobile Menschen vermittelt.

Frau Paulsen, aus welcher Intention heraus haben Sie die Idee der Sexualbegleitung bzw. -assistenz für ältere und immobile Menschen weiterentwickelt?

Nessitos sich selbst nicht so sehen und auch nicht so gesehen werden wollen. Sie haben in der Regel einen pflegerischen oder sozialpädagogischen Hintergrund und gehen mit einer anderen Intention und Motivation an die Arbeit. Die vor allem freiwillig

Durch meine Tätigkeit im Vertrieb habe ich meine Kunden

und selbstbestimmt ist.

immer wieder nach ihrem Bedarf gefragt. Ich wollte wissen,

Die Sexualassistenz wird in Medien und in der Gesellschaft kontrovers diskutiert. Macht diese Form der Ablehnung Ihre Arbeit schwieriger und wie gehen Sie mit dieser Kritik bzw. der Herausforderung um?

in welchen Bereichen sie sich nicht unterstützt fühlen. Da ploppte das Thema Sexualität im Gespräch mit Einrichtungsleitungen von Senioreneinrichtungen stets wieder auf.

Was genau können wir uns unter dem Begriff Sexualassistenz vorstellen? Wo grenzt sich die Sexualassistenz von der Prostitution ab?

Diesen Eindruck kann ich so nicht bestätigen. Im Gegenteil, ich treffe bis auf wenige Ausnahmen auf offene Türen. Unsere Arbeit gestaltet sich wegen der Tabuisierung von

Die Sexualassistenz hat ihren Ursprung in der Behinderten-

Sexualität und Alter schwierig. Wir plagen uns mit dem

hilfe. Nina de Vries hat als Pionierin diese Art der Unterstüt-

Thema Scham. Die Sehnsucht nach körperlicher Nähe wird

zung von Holland nach Deutschland gebracht. Ich transfe-

oft als persönlicher Mangel empfunden. Daher braucht es

riere dieses Konzept schlicht in den Seniorenbereich.

die offene Diskussion, um den gesellschaftlichen Wandel

Wir bieten weder eine Liebesbeziehung noch Geschlechts-

herbeizuführen.

oder Oralverkehr an. Seit dem 1 Juli 2017 gibt es mit dem

Sie bieten zusätzlich Coachings und Workshops an, in denen Sie theoretisches Hintergrundwissen und praktische Unterstützungen im Alltag vermitteln.

neuen Prostitutionsschutzgesetz allerdings – rein rechtlich betrachtet – keinen Unterschied mehr zur Prostitution. Der Gesetzgeber hat nun auch Tantramassagen und Sexualassistenz zur Prostitution deklariert, obwohl die Nessitas und

98


Pf legepolitik

Was erwartet die Teilnehmer bei so einem Coaching? Mir fällt die große Unsicherheit bei allen an der Pflege Beteiligten auf. Wir üben uns gemeinsam darin, Situationen weitestgehend wertfrei darzustellen, und versuchen, darüber professionell, aber nicht weniger empathisch zu sprechen. Im Team, mit den Bewohnern/ Klienten und den Angehörigen. Das fällt nicht immer leicht und will gelernt sein.

Was möchten Sie den Pflegenden für die Zukunft mitgeben? Mehr Gelassenheit in der Pflege, wir können nicht alles richtig machen. Keiner kann das!

Wir danken für das Gespräch!

Gabriele Paulsen + Geschäftsführerin Nessita GmbH + www.nessita.de


„Aktion Saubere Hände“ – mehr Patientensicherheit durch Händedesinfektion

Wie das mit der Händedesinfektion im Krankenhaus funktioniert und wie wichtig sie ist, das weiß doch eigentlich jeder, der dort arbeitet, oder? Trotzdem treten in Deutschland rund 400.000 Krankenhausinfektionen (nosokomiale Infektionen) pro Jahr auf, davon 30.000 mit multiresistenten Erregern (MRE). Sie führen zu zusätzlichem Leid für die Patienten, längeren Liegezeiten und immensen zusätzlichen Kosten für das Gesundheitswesen.

Etwa ein Drittel dieser Infektionen wäre vermutlich ver-

sondern ein Zeichen von Kompetenz und Professionalität

meidbar. Die Händedesinfektion gilt als wichtigste Einzel-

des medizinischen Personals und die richtige Anwendung

maßnahme zur Vermeidung von nosokomialen Infektionen.

zeugt von Respekt gegenüber den Patienten.

Die Compliance der medizinischen Mitarbeiter bei der Händedesinfektion hat den entscheidenden Einfluss auf die

Mit einem evidenzbasierten multimodalen Interventi-

Übertragung von Erregern von Patient zu Patient.

onsprogramm schult die ASH die Teilnehmer, um sowohl Veränderungen im individuellen Verhalten zu erreichen

Aus diesem Grund wurde 2008 mit Unterstützung des

als auch um den institutionellen Kontext zu beeinflussen.

Bundesministeriums für Gesundheit, des Nationalen Refe-

Jährlich gibt sie neue Denkanstöße für mehr Patientensi-

renzzentrums für Surveillance von nosokomialen Infektio-

cherheit, veröffentlicht zum weltweiten Tag der Händehy-

nen (NRZ), des Aktionsbündnisses Patientensicherheit e.V.

giene am 5. Mai neue Informations- und Fortbildungsma-

(APS) und der Gesellschaft für Qualitätsmanagement in der

terialien wie interaktive Videotutorials, E-Learnings oder

Gesundheitsversorgung e.V. die „Aktion Saubere Hände“

kurze Erklärfilme zur Infektionsprävention und fördert

(ASH) ins Leben gerufen. Ziel der nationalen Kampagne ist

den Erfahrungsaustausch der Teilnehmer untereinander.

es, durch die Verbesserung der Compliance bei der Hän-

Auch der Dialog zwischen dem medizinischen Personal und

dedesinfektion die Patientensicherheit nachhaltig zu för-

den Patienten sowie deren Angehörigen ist ein wesentli-

dern. Denn Händedesinfektion ist keine optionale Tätigkeit,

ches Element der Patientensicherheit. Wird eine offene

100


Pf legepraxis

Kommunikationskultur beworben und angenommen, so können davon sowohl Patienten als auch das medizinische Personal profitieren. Nach neun Jahren mit rund 2.400 Teilnehmern blickt die ASH auf breite Akzeptanz zurück und ist weltweit die größte Kampagne mit freiwilligen Teilnehmern. Die Kampagne hat das Händedesinfektionsverhalten in den letzten Jahren maßgeblich so positiv beeinflusst, dass sich in den teilnehmenden Krankenhäusern der Händedesinfektionsmittelverbrauch nahezu verdoppelt hat. Auch die unmittelbare Verfügbarkeit von Händedesinfektionsmitteln ist eine Grundvoraussetzung für eine hohe Compliance, daher hat die ASH erstmalig eine Mindestausstattung an Spendern definiert. Diese wurden durch die KRINKO (Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention) übernommen und in ihren Empfehlung verankert. Eine so einfache Maßnahme wie die Händedesinfektion rettet Leben, sie ist die wichtigste und effektivste Methode zur Vermeidung nosokomialer Infektionen und Übertragungen. 2018 wird erstmals für alle bettenführenden Einrichtungen ein jährlicher Beitrag von 500 Euro pro Jahr erhoben werden, damit die Kampagne weiter existieren kann. Das Team der „Aktion Saubere Hände“ hofft, dass sich dennoch weiterhin so viele Krankenhäuser und Rehakliniken freiwillig entschließen, einen bedeutenden Beitrag für mehr Patientensicherheit zu leisten.

Dr. Tobias Kramer + Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Hygiene und Umweltmedizin, Charité Universitätsmedizin Berlin + www.aktion-sauberehaende.de


Ein Beispiel für die Akademisierung der Altenpflege Der berufsbegleitende Studiengang Soziale Gerontologie an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin Darstellung des Studiengangskonzeptes

Wissens, das sich aus aktuellen verhaltens-, sozial- und gesundheitswissenschaftlichen sowie rechtlichen Kennt-

Zielgruppe und Abschluss

nissen speist. Zentral ist dabei der Erwerb von Kompeten-

Der seit 2015 an der Katholischen Hochschule für Sozial-

zen in drei Bereichen: Kommunikation mit und Beratung

wesen (KHSB) angebotene Studiengang Soziale Geronto-

von älteren Menschen in Krisen- und Grenzsituationen (1),

logie bietet Praktiker(innen), die im Feld der gerontologi-

Planung, Koordinierung und Konzeptionierung von Unter-

schen Pflege tätig sind, eine grundständige akademische

stützungsarrangements im Kontext von Multimorbidität

Ausbildung, die zu dem Abschluss Bachelor of Arts führt.

und Pflegebedürftigkeit (2), Initiierung und Gestaltung von

Voraussetzung für das Studium sind eine dreijährige Aus-

Bildungsprozessen im Bereich der familialen und professio-

bildung in einem Pflegeberuf (Altenpflege sowie Gesund-

nellen Pflege und Betreuung (3).

heits- und Krankenpflege) nach den Ausbildungs- und Prü-

Die Studierenden sollen befähigt und ermutigt werden, in-

fungsordnungen von 2002 bzw. 2003 sowie mindestens

novative Konzepte zu entwickeln und praxisgerecht zu im-

ein Jahr Berufserfahrung im gerontologischen Praxisfeld.

plementieren. Neben dem Erwerb von Wissen und Kompe-

Bewerber(innen) ohne diese Ausbildung, aber mit fünfjäh-

tenzen zielt der Studiengang auf die (Weiter-)Entwicklung

riger Berufserfahrung im gerontologischen Feld, können

von konstruktiven Einstellungen und Haltungen ab. Diese

bei vorhandener Hochschulzugangsberechtigung über eine

sollen es den Studierenden erlauben, in einem von Beein-

Einstufungsprüfung ihre Eignung nachweisen.

trächtigungen und Verlusten geprägten Feld den Blick auf Ressourcen und Potenziale zu richten und diese systema-

Studiengangsprofil und Schlüsselqualifikationen

tisch zu fördern.

Der Studiengang Soziale Gerontologie an der KHSB fokus-

Zur Erlangung dieser Kompetenzen ist das Studium in zwölf

siert die soziale Situation von multimorbiden, hochaltrigen

Module mit insgesamt 33 Bausteinen gegliedert, in denen

und jenen vulnerablen älteren Menschen, für die Konzep-

180 Credits erworben werden. 60 Credits bzw. zwei Mo-

te von Stärkung, Unterstützung, Begleitung und Inklusion

dule sind mit dem Nachweis der geforderten Studienvor-

bislang noch weitgehend fehlen (z.B. Menschen mit Be-

aussetzungen – also dem Nachweis der pflegefachlichen

hinderungen, psychisch kranke Menschen, Menschen mit

Qualifikation bzw. der bestandenen Einstufungsprüfung –

Migrationshintergrund).

angerechnet.

Entsprechend dem Studienprofil sollen die Studierenden befähigt werden, an der Lösung sozialer Probleme im Kon-

Didaktisches Konzept des Studiengangs

text von Altern und Beeinträchtigung mitzuwirken. Sie er-

Der Studiengang Soziale Gerontologie ist berufsbeglei-

werben Kompetenzen in der Anwendung gerontologischen

tend organisiert. Berufserfahrung bzw. eine einschlägige

102


Pf legepraxis

Berufsausbildung sind Voraussetzung für die Aufnahme in

Anstellungsträger sich zwar theoretisch mehr geronto-

den Studiengang. Die besonderen Voraussetzungen von

logische Kompetenz wünschen, andererseits aber auch

berufsbegleitend Studierenden (umfangreiche Praxiserfah-

befürchten, dass ihnen ihre ohnehin schon zu wenigen

rung, berufspraktische Sozialisation, Gleichzeitigkeit von

Fachkräfte „vom Bett wegqualifiziert“ werden könnten. Er-

beruflichen, finanziellen, familiären und studiumsbezoge-

fahrungen anderer (Fach-)Hochschulen zeigen ebenfalls,

nen Verpflichtungen) werden im Hinblick auf Studienorga-

dass die Nachfrage an gerontologischen Studienangebo-

nisation und Didaktik in besonderer Weise berücksichtigt.

ten nur langsam steigt. Im Rahmen der Studienberatung

Die Studieneingangsphase knüpft konsequent an die sys-

äußerten mehrere konkret Studieninteressierte, dass ihre

tematisch thematisierten beruflichen Erfahrungen der

Arbeitgeber(innen) nicht mit der Aufnahme des Studiums

Studierenden an. In einem von studentischen Tutor(innen)

einverstanden seien. Für die zweite und dritte Kohorte ist

begleiteten Propädeutikum können die Studierenden sich

die Nachfrage (23 bzw. 22 zugelassenene Bewerber(innen))

in einem individuellen Lernprozess über zwei Semester

stabil.

mit Techniken wissenschaftlichen Arbeitens vertraut ma-

Betrachtet man die hohe Zufriedenheit der Studierenden

chen. Kooperative Elemente sowie die Lernbegleitung in

mit dem Studienangebot und die stabile Nachfrage, kann die

Peergroups sollen zu positiven Lernergebnissen führen und

Startphase des neuen Studiengangs insgesamt als gelungen

helfen, die Einstiegshürden in akademische (Arbeits-)Struk-

bezeichnet werden. Inwieweit sich das Modell dauerhaft

turen zu überwinden.

als erfolgreich erweist, hängt entscheidend davon ab, wie

Durch die berufsbegleitende Studienstruktur fungiert das

das Praxisfeld auf die neue Qualifikation reagiert. Wenn

berufliche Tätigkeitsfeld als „dritter Lernort“. Die Studie-

auch einzelne Personalverantwortliche Mitarbeiter(innen)

renden erproben ihre neuen Kompetenzen am eigenen

gezielt angesprochen haben, so ist diese Strategie von

Arbeitsplatz oder in kooperierenden Praxiseinrichtungen.

Seiten der Anstellungsträger bislang noch eher die Aus-

Vor dem Hintergrund der modularen Lerninhalte bear-

nahme. Ein Großteil der Studierenden nimmt das Studium

beiten sie Lernaufgaben in der beruflichen Praxis (z.B. die

ausschließlich aus eigenem Antrieb auf, einige von ihnen

Planung und Durchführung eines Beratungsgesprächs) und

mussten um das Einverständnis ihrer Arbeitgeber(innen)

reflektieren diesen Lernprozess in einem Theorie-Praxis-

regelrecht kämpfen. Mittel- und langfristig gesehen müs-

Portfolio. Dieses soll die doppelt gerichtete Rückkopplung

sen Personalverantwortliche die Erfahrung machen, dass

strukturieren und damit sowohl Studierenden als auch Leh-

die erworbene Qualifikation die Qualität der Arbeit in der

renden als Basis für Reflexion, (Neu-)Identifikation und Prä-

Praxis spürbar steigert. Das bedeutet allerdings auch, dass

sentation dienen.

den Absolvent(innen) die Chance gegeben werden muss,

Gefördert wird die Theorie-Praxis-Verknüpfung auch durch

ihre erworbenen Kompetenzen tatsächlich auch umzuset-

die Arbeit mit authentischen Lernsituationen, bei der die

zen. Dies wird nur dann der Fall sein, wenn Personalverant-

unmittelbare berufliche Erfahrung aufgegriffen und mithil-

wortliche auch den Mut aufbringen, in Qualität zu investie-

fe theoretischer und empirischer Bezüge analysiert und zu

ren und die erworbene Kompetenz auch entsprechend zu

neuen interdisziplinären Handlungskompetenzen verdich-

vergüten.

tet wird. Die für die Lösung bzw. Bearbeitung dieser Fälle notwendigen Kompetenzen stellen die zentralen Lernergebnisse der jeweiligen Module bzw. Modulbausteine dar und münden in dementsprechend kompetenzorientierte Prüfungsformate. Ein über den gesamten Studienverlauf angelegtes Modul soll im Sinne einer Studienreflexion Raum für (Lern-)Prozesssteuerung und -evaluation sowie das Aufgreifen individueller Bedarfe der Studienkohorte und gruppendynamischer Prozesse geben. Bisherige Erfahrungen mit dem Studienangebot und vorläufiges Fazit Prof. Dr. Claudia Schacke + Professorin für Soziale Gerontologie, Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) + www.khsb-berlin.de/studium/studieren-an-der-khsb/ bachelorstudiengaenge/soziale-gerontologie-ba-berufsbegleitend/

Im ersten Durchgang im Sommersemester 2015 konnten 24 der 30 Studienplätze vergeben werden. Diese eher moderate Nachfrage überrascht nicht, zeigte es sich doch in zahlreichen Gesprächen mit Praxisvertreter(innen), dass

103


Vereinbarkeit von Familie und Beruf – ohne die geht es nicht

Jede Führungskraft kennt diese Situation: Eine Mitarbeite-

ohne Ausstieg aus dem Arbeitsleben. Davon profitieren

rin meldet sich ab, weil ihr Kind krank ist. Ein anderer Kolle-

dann alle Akteure.

ge muss kurzfristig weg, um sich um seine pflegebedürftige

Viele der engagierten Unternehmen und betroffenen Mit-

Mutter zu kümmern, die gerade ins Krankenhaus gekom-

arbeiter halten übrigens die gesetzlichen Regelungen für

men ist. Alltägliche Probleme, die nur dann gelöst werden

zu aufwendig und bürokratisch. Vielleicht erklärt sich so

können, wenn alle zusammenstehen, vom Team über die

auch, dass erst wenige von dem Instrument der Pflegezeit

Abteilung, bis hin zur Unternehmensführung.

Gebrauch machen. Zur Erinnerung: Wird ein Angehöriger

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für Betroffene,

plötzlich zum Pflegefall, haben Arbeitnehmer einen gesetz-

aber auch für Kollegen und Vorgesetzte häufig eine Her-

lichen Anspruch auf eine kurzzeitige Freistellung von maxi-

ausforderung. Und dennoch: Noch nie in der Geschichte

mal zehn Arbeitstagen. Eine Zustimmung des Arbeitgebers

der Bundesrepublik waren die Voraussetzungen so gut,

ist nicht nötig. Diese Jobauszeit soll helfen, die Pflege des

beides unter einen Hut zu bringen. Zu den Pluspunkten

Angehörigen zu organisieren. Der Lohnausfall wird durch

zählen: die konjunkturelle Lage auf dem Arbeitsmarkt, die

das sogenannte Pflegeunterstützungsgeld ausgeglichen.

gesellschaftlichen Veränderungen und die gesetzlichen Er-

Es beträgt bis zu 90 Prozent des Nettogehalts und wird von

rungenschaften – wie Pflegeteilzeit. Aber natürlich ermög-

der Pflegeversicherung des Pflegebedürftigen gezahlt.

lichen heute auch technische Innovationen Arbeitgebern

Wenn der Angehörige länger pflegebedürftig ist, kann der

wie Arbeitnehmern vielfältige Optionen.

Arbeitnehmer für maximal zwei Jahre seine Arbeitszeit auf

Auch wenn es noch vielen zu langsam geht, das Verständ-

bis zu 15 Stunden pro Woche reduzieren. Um den Lohnaus-

nis in den Unternehmen wächst – für Väter und Mütter in

fall abzumildern, gibt es das zinslose Darlehen vom Bun-

Elternzeit oder allgemein für Mitarbeiter in Teilzeit, die

desamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben mit

nicht nur die Betreuung ihrer Kinder mit dem Beruf verein-

Rückzahlungspflicht.

baren, sondern auch den Spagat zwischen der Pflege von

Das Familienministerium geht davon aus, dass seit Januar

Angehörigen und dem Job hinbekommen. Flexibilität auf al-

2015 rund 70.000 Menschen die Möglichkeit einer beruf-

len Seiten ist hier gefragt. Und nicht wenige Unternehmen

lichen Freistellung genutzt haben. Das ist immerhin ein An-

lassen sich dafür allerhand einfallen, wie die Nominierten

fang. Vom zinslosen Darlehen machen hingegen nur wenige

und Preisträger für den Otto Heinemann Preis gezeigt ha-

Betroffene Gebrauch. Seit 2015 wurden laut Familienmi-

ben. Flexible Tages- oder Wochenarbeitszeit, Jobsharing,

nisterium 709 Anträge eingereicht, davon wurden 579 be-

Homeoffice sind nur einige und gängige Beispiele. Doch die

willigt. Das Angebot scheint nicht attraktiv zu sein.

Anstrengungen der Unternehmen für Arbeitnehmer gehen

Nicht verwunderlich ist, dass zu Pflegende vor allem auf das

noch weiter: Vermittlungshilfe bei auftretender Pflegebe-

eigene Unternehmen setzen. Und auch die Innungskran-

dürftigkeit von Angehörigen oder auch Unterstützung bei

kenkassen handeln familienorientiert. Die IKK classic geht

der Suche nach Betreuungsplätzen bis hin zum Angebot

seit mehreren Jahren neue Wege, um eine Arbeitsorganisa-

einer kostenlosen Teilnahme an der Kantinenverpflegung.

tion zu schaffen, die unkompliziertes Reagieren erlaubt. Bei

Es gibt viele Möglichkeiten und Wege, um im Ernstfall kurz-

einem Frauenanteil von 75 Prozent liegt das Thema auch

fristig Zeit für die Sicherstellung der Pflege zu gewinnen,

auf der Hand. Für Erziehende und Pflegende sei dies „Gold

104


wert“, wie es die Leiterin des Geschäftsbereiches Personal-

notwendige Flexibilität zu sorgen. Die Wirtschaft kann es

entwicklung der IKK classic formuliert. Nicht nur generelles

sich fürwahr nicht leisten, hoch qualifizierte Mitarbeiter zu

Homeoffice ist gefragt, sondern einige Tage lang mal von zu

verlieren, weil diese gezwungen sind, wegen ihrer Kinder

Hause arbeiten, um spontanen, unerwarteten Herausfor-

oder zu pflegenden Mütter oder Väter zu Hause zu bleiben.

derungen in der Familie zu begegnen.

Die Digitalisierung bietet hervorragende Möglichkeiten,

Weg von der Präsenzkultur, hin zu mehr Work-Life-Ba-

dafür die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Tele-

lance. Das ist das große Thema – auch bei der IKK Südwest,

fon- oder Videokonferenzen von zu Hause, Weiterbildun-

die wiederholt 2017 das Siegel „familienfreundliches Un-

gen per Webinar – all dies war vor wenigen Jahren noch

ternehmen“ verliehen bekommen hat. Neben dem flexiblen

Zukunftsmusik. Jetzt ist es mehr denn je nicht nur möglich,

Arbeitszeitmodell hat die Krankenkasse an vier verschie-

sondern auch gefordert.

denen Standorten Familienbüros eingerichtet, in denen Kinder, aber auch hilfsbedürftige Angehörige während der Arbeit betreut werden können. Nicht nur die Arbeitnehmer profitieren von den verschiedenen Angeboten. Auch die Führungskräfte sind Nutznießer: Die Leistungsbereitschaft der Beschäftigten ist höher, weil die Wertschätzung stimmt. Die BIG direkt gesund punktet mit speziellen Gesundheitsprogrammen gegen Stress. Individuelle Anpassung der wöchentlichen Arbeitszeit bietet die IKK gesund plus, wie auch die IKK Brandenburg und Berlin. Knapp 40 Prozent der Mitarbeiter nutzen flexible Teilzeitmodelle bei der IKK Brandenburg und Berlin. Neue Ideen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen steuern die Mitarbeiter in einem internen „Ideenmanagement“ bei. Fachliche und organisatorische Unterstützung bei Pflegefragen – darauf setzt die IKK Nord neben familienfreundlichen Arbeitszeitmodellen. Sie punktet mit einem besonderen Angebot für pflegende Angehörige. Bei unvorhersehbarer Pflegebedürftigkeit können sie eine Arbeitsbefreiung für jeweils zwei Arbeitstage erhalten. Es profitieren Ehemann, Lebenspartner, Partner, Geschwister oder Kind. Maximal sechs Arbeitstage pro Jahr sind möglich.

Jürgen Hohnl + Geschäftsführer des IKK e.V. + www.ikkev.de

Angesichts des Fachkräftemangels sind die Unternehmen gezwungen, neue Wege zu gehen. Attraktiv als Arbeitgeber ist nur, wer es schafft, passende Jobs zu bieten und für die

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Pflegekurse machen Angehörige für den Umgang mit Pflegebedürftigen fit

Wer als Angehöriger oder ehrenamtlich Tätiger einen Pflegebedürftigen in seinem häuslichen Umfeld betreuen möchte oder bereits betreut, benötigt Anleitung und Beratung. Beides bietet ein Pflegekurs, der entweder in einer Gruppe oder individuell zu Hause absolviert werden kann. Die Teilnahme zahlt die jeweilige Pflegekasse.

Die vertraute Wohnung verlassen und in ein Pflegeheim

Bettlägerigen ihren eigenen Rücken schonen, wie sie einen

ziehen – das wollen viele auch im Fall der Pflegebedürftig-

Pflegebedürftigen waschen oder wie ein Transfer vom Bett

keit nicht. Angehörige stellt dies oft vor eine große Her-

in den Rollstuhl gut und für beide Seiten schonend gelingt.

ausforderung: Sie wollen ihren Lieben beistehen und sie

Neben den in erster Linie praktischen Einheiten geben die

betreuen, wissen aber nicht, wie sie das im Alltag umsetzen

Fachkräfte auch Tipps – etwa, wie sich die Wohnung be-

und schaffen sollen. Anleitung und Beratung bekommen

hindertengerecht umgestalten lässt. Auch die psychische

sie in Pflegekursen, die von den Pflegekassen selbst oder

Belastung der Pflegenden ist nicht zu unterschätzen: Was

von externen Dienstleistern wie spectrumK durchgeführt

können Angehörige im Fall eines drohenden Burn-outs tun?

werden. Ziel dieser Kurse ist es, Angehörige und Ehrenamt-

Welche weiteren Angebote – zum Beispiel Selbsthilfegrup-

liche für den Umgang mit Pflegebedürftigen fit zu machen.

pen – gibt es? Auch hier geben die Pflegeberater wertvolle

So können pflegebedürftige Menschen länger im eigenen

Hinweise.

Haushalt bleiben und ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen. Das ist wichtig, denn für viele bedeutet das Le-

Individuelle Pflegekurse

ben in den eigenen vier Wänden Lebensqualität.

Die „Individuellen Pflegekurse für Angehörige“ (INKA) umfassen bis zu sechs Hausbesuche. Diese Pflegekurse sind –

Ein Pflegekurs vermittelt Laien – pflegenden Angehörigen

ihrem Namen entsprechend – indikationsoffen: Sie orien-

oder ehrenamtlichen Helfern – Fachwissen, praktische

tieren sich an der Lebenssituation eines Pflegebedürftigen

Handgriffe und Alltagstipps. Von examinierten Fachkräf-

und seiner Angehörigen. Auch der Umgang mit Hilfsmit-

ten erfahren sie zum Beispiel, wie sie beim Heben eines

teln, wie zum Beispiel dem Laufen am Rollator, kann in solch

106


einem Kurs erlernt werden. Neben diesen INKA-Schulun-

Grundkenntnissen für die Pflege und Mobilisation eines

gen gibt es bei spectrumK auch den „Pflegekurs Demenz“,

Pflegebedürftigen können Bestandteil der Überleitungsbe-

der mit bis zu drei Hausbesuchen individuell auf die Um-

ratung sein.

stände des Dementen und den Umgang mit ihm eingeht. Pflegekassen zahlen für Kurs, Schulung oder Beratung Gruppenschulungen

Wer Bedarf an einem individuellen Pflegekurs, einer Grup-

An einer Gruppenschulung nehmen zwischen zehn und 15

penschulung oder Überleitungsberatung hat, sollte Kontakt

Angehörige bzw. ehrenamtlich Tätige teil. Angeboten wird

mit seiner Pflegekasse aufnehmen. Diese muss pflegenden

sie beispielsweise von spectrumK, von Pflegekassen oder

Angehörigen, aber auch an ehrenamtlichen Pflegetätigkei-

ambulanten Pflegediensten. Themen können unter ande-

ten interessierten Personen die Teilnahme an einem Pfle-

rem Informationen zu Pflegehilfsmitteln, der Umgang mit

gekurs unentgeltlich ermöglichen – auf Wunsch auch bei

körperlichen und seelischen Belastungen oder allgemei-

einem bestimmten Anbieter. Es kann zudem sinnvoll sein,

ne Fragen zur häuslichen Pflege und Betreuung sein. Eine

einen individuellen Pflegekurs präventiv in Anspruch zu

Gruppenschulung hat den Vorteil, dass ein Erfahrungsaus-

nehmen. Wenn zum Beispiel die eigene Mutter im fortge-

tausch zwischen Angehörigen stattfindet und sie ein Netz-

schrittenen Alter ist, kann man schon frühzeitig handeln

werk aufbauen können. Der Nachteil: Der Pflegebedürftige

und sich auf den Alltag mit ihr vorbereiten.

ist in der Regel nicht dabei, seine Betreuung ist mitunter nicht gesichert und der Betreuende hat keine Ruhe, das Angebot des Pflegekurses für sich gut nutzen zu können. Überleitungsberatung Manchmal geschieht es von heute auf morgen: Ein schwerer Sturz oder ein Unfall und ein naher Angehöriger wird plötzlich zum Pflegefall. Die Hilfe sollte dann bereits im Krankenhaus beginnen – mit einer Überleitungsberatung, die die häusliche Pflege des Angehörigen für daheim vorbereitet. Die Pflegefachkraft unterstützt den Pflegebedürftigen und seine Angehörigen beispielsweise dabei, einen wohnortnaThomas Nöllen + Teamleiter Pflegemanagement, spectrumK GmbH + www.spectrumk.de

hen ambulanten Pflegedienst zu finden. Sie erklärt zudem, welche Leistungen aus der Pflegeversicherung den Betroffenen zustehen und welche Kombinationen für die jeweilige Situation von Vorteil wären. Auch das Vermitteln von

107


Das „Dutch National Care for the Elderly Program“

Zwischen 2008 und 2016 wurde das „Dutch National Care

1. Umfassende Nachbarschaftshilfe

for the Elderly Program“ von ZonMw, der niederländischen

(EvenBuurten)

Organisation für Gesundheitsforschung und Entwicklung,

2. Ein Ja zur umfassenden Grundversorgung

durchgeführt. Ziel war es, den komplexen Bedarf gebrech-

(SamenOud)

licher älterer Menschen festzustellen und eine diesen Be-

3. Integration transmuraler Fürsorge zwischen

dürfnissen besser angepasste integrierte Versorgung zu

Grundversorgung und Krankenhausversorgung

bieten. Mit einem Budget des Gesundheits- und Sportmi-

(Transmurale zorgbrug)

nisteriums in Höhe von 88 Millionen Euro wurde das Programm organisiert. Das ZonMw-Komitee stellte sicher,

Beteiligung der Älteren

dass die älteren Menschen daran nicht nur als Interviewte

Indem die Menschen in die Organisation der Netzwerke

und Forschungsobjekte beteiligt wurden, sondern auch als

eingebettet und an Projekten und Forschung beteiligt wur-

aktive Teilnehmer. Im Laufe der Zeit rückten Wohlergehen

den, hatte jedes Netzwerk eine starke Kerngruppe aus ak-

und Unterstützung jenseits der medizinischen Versorgung

tiven älteren Menschen. Sie nahmen an Zielgruppenkonfe-

immer mehr in den Fokus. Zusätzlich zur Unterstützung der

renzen und Beratungsgremien teil, sodass das Ergebnis der

älteren Menschen wurde die Ausbildung der Fachkräfte

Projekte dem Bedarf der Älteren besser angepasst wurde.

verbessert. Das Ergebnis: Es wurden acht Geriatrie-Netzwerke entwi-

Fortführung

ckelt, die von acht medizinischen Universitäten koordiniert

Das Programm, das ursprünglich ein Forschungsprojekt

wurden, in denen 650 in der Versorgung älterer Menschen

war, wurde zu einer Bewegung. Die Ergebnisse werden wei-

aktive Parteien und Organisationen zusammenarbeiteten.

tergeführt vom Konsortium „Beter Oud“ (Besser im Alter),

Insgesamt wurden 218 Projekte durchgeführt, an denen

einer Kooperation von sechs Organisationen und vielen

43.000 ältere Menschen beteiligt waren, von denen 200

Botschaftern. Sie verbreiten die Botschaft von „Beter Oud“:

eine aktive Rolle in den Netzwerken übernahmen. Eine ein-

Das Älterwerden ist eine neue Lebensphase, die logische

zigartige Datenbank, TOPICS-MDS, wurde aufgebaut, 300

Fortführung des Lebens, in dem man das eigene Leben noch

Praxistools entwickelt und die Website www.BeterOud.nl

selbst beherrscht und die Hauptrolle darin spielt. „Beter

fungiert als zentrale Plattform für Ergebnisse, Tipps und

Oud“ soll alle unterstützen und inspirieren, persönlich und

Werkzeuge.

online, damit diese neue Lebensphase wertvoll wird.

Die 200 Projekte im Rahmen des „Dutch National Care for the Elderly Program“ widmeten sich unterschiedlichen

Zukunft

Themen wie Früherkennung, persönliche Pflegepläne, Ver-

2015 wurde die Versorgung und Unterstützung älterer

sorgung nach einem Krankheitsfall, IT- und E-Health, lokale

Menschen von der nationalen Regierung auf die Gemein-

Versorgung in der Nähe, Wohlergehen und Bildung, Teilha-

den übertragen, gemäß der Vision: Versorgung in der Nähe.

be der Älteren, Finanzierungsfragen. Beispielsweise wur-

Im Jahr 2015 wurde ein großes, landesweites Programm

den folgende Projekte mit dem Ziel einer ganzheitlichen

für die Grundlagenforschung im Bereich Demenz gestartet

Versorgung durchgeführt:

und es entstanden Initiativen für eine bessere Versorgung

108


Internationale Beispiele

von Menschen mit Demenz. 2018 wird das Programm zur

Von Anfang an wurde die Zusammenarbeit gesichert und

langfristigen Versorgung nicht nur von älteren Menschen,

gefördert, während die Einführung und Verbreitung integra-

sondern auch von Menschen mit physischen und psychi-

ler Bestandteil des Projektvorschlags und des Budgets war.

schen Einschränkungen von ZonMw durchgeführt.

Das „Dutch National Care for the Elderly Program“ (2008–2016) wird weitergeführt als „Ageing Better in the Netherlands“.

Erkenntnisse aus dem Programm Der Schlüssel zum Erfolg eines Projekts ist die Beteiligung der Zielgruppe. Obwohl es uns nicht gelungen ist, gebrechliche ältere Menschen zu beteiligen, wurden ihre aktiven Kolleginnen und Kollegen auch deren Sprachrohr, indem sie häufig mit ihnen in Kontakt standen. Für gebrechliche Ältere liegt der Lebenssinn in der Lebensqualität. Wohlergehen und medizinische Versorgung müssen miteinander verzahnt werden, sodass auch die Lebensund Wohnsituationen berücksichtigt werden. Integrierte, gute Versorgung in der Nachbarschaft, in der Grundversorgung sowie zwischen Krankenhaus und Grundversorgung ist ein Mittel zur Realisierung von guter Pflege und Wohlergehen. Es lohnt sich, einen gesunden Lebensstil zu fördern, damit möglichst viele physische, psychische und soziale Einschränkungen verzögert werden. Die Älteren selbst empfehlen, soziale Kontakte zu pflegen, das eigene Glück wahrzunehmen und für andere Menschen Gutes zu tun. Die beschriebenen dauerhaften Ergebnisse der Initiativen verdienen die ständige Aufmerksamkeit der älteren Menschen selbst, der Fachkräfte, Forschenden und Führungskräfte sowie der Gemeinden, Gesundheitsorganisationen und der Regierung.

Prof. B. Meyboom-de Jong, MD, PhD + Vorsitzende des „Dutch National Care for the Elderly Program“ und Botschafterin von „Ageing Better“ + www.beteroud.nl/ouderen/dutch-national-care-programme-for-the-elderly.html


Das Modell „Humanitas Deventer“ Humanitas war ein altes Seniorenpflegeheim, das 1965 in

neu erfinden. Was tun wir eigentlich? Was möchten wir er-

Deventer in den Niederlanden gegründet wurde, bis wir diese

reichen und wie können wir es erreichen, ohne dabei weite-

Einrichtung in einen offenen Lebensraum und Betreuungsort

re Kosten zu verursachen?

für viele Menschen umgewandelt haben. Humanitas hat eine

Humanitas hat entschieden, dass wir ein Umfeld schaffen

neue Sozialstruktur geschaffen und ist zum gesellschaftlichen

wollen, in dem die Fähigkeiten der Menschen gestärkt wer-

Rückgrat eines Stadtteils von Deventer geworden. Es sichert

den oder in dem sie sich zumindest wohlfühlen. Wir wollen

ganzheitliche Altenpflege und stärkt die gesellschaftlichen

alte Menschen wieder in die Gesellschaft einbinden. „Jeden

Prozesse. Wir bieten eine Umgebung, in der junge und alte

Tag ein Lächeln auf ihr Gesicht zaubern.“ Wir wünschen uns

Menschen, Menschen mit besonderen Bedürfnissen, einsame

Freude und Sicherheit.

Menschen oder Menschen, die sich in einer Umschuldung be-

Wir möchten, dass die Senioren eigene Geschichten haben

finden, einbezogen und gestärkt werden.

und neue Erfahrungen machen. Die Probleme, die mit dem Alter kommen, können wir nicht lö-

2012

sen. Wir können das kaputte Knie

Um die Geschichte von Humanitas

medizinisch nicht heilen. Aber wir

besser verstehen zu können, gehen

können „Leben injizieren“.

wir zurück ins Jahr 2012. Damals wurde das öffentliche System in den

Was wir gemacht haben

Niederlanden komplett neu struk-

Ein sehr wichtiger Schritt war es,

turiert: In den nächsten Jahren soll

Studierende einzuladen, kostenlos

sich der Anteil älterer Menschen in

unter den älteren Bewohnern zu le-

der Gesellschaft verdoppeln oder

ben. Sie zahlen keine Miete, sie sol-

gar verdreifachen und daher kön-

len nur gute Nachbarn sein.

nen wir uns das bisherige Altenpfle-

Zunächst erschien die Vorstellung,

gesystem in den Niederlanden nicht

dass Studierende mit Älteren zu-

länger leisten. Früher bekam fast

sammenleben, merkwürdig. Es gab

jeder über achtzig eine All-inclu-

viel Widerstand dagegen. Studie-

sive-Eintrittskarte für die stationä-

rende wollen schließlich Sex, Drugs

re Altenpflege. Heute haben ausschließlich Menschen mit

and Rock ’n’ Roll – wie sollen sie da mit empfindlichen alten

erheblichem Pflegebedarf Anspruch auf das Pflegesystem.

Menschen zusammenleben?

Die gesellschaftliche Sicht auf die Lebensqualität und die

Es gab viele Diskussionen. Doch schließlich stimmte der

Qualität der Altenpflege hat sich also geändert. Und dies

Vorstand zu. Allerdings nur zu einem einzigen Studenten

ist Teil des Paradigmenwechsels weg vom Wohlfahrtsstaat

und für nur wenige Monate, damit man ihn loswerden könn-

und hin zur Partizipationsgesellschaft, unserer niederlän-

te, falls das Projekt nicht funktioniert. Sobald der Student

dischen Suche nach neuen und dauerhaften Antworten auf

Humanitas betreten hatte, wogte eine Welle neuer Energie

zukünftige Herausforderungen.

durch das Gebäude. Wir entdeckten den Einfluss der Jugend

Das Gute an Veränderungen ist, dass sie uns zum Umden-

in diesem Haus: Freunde kamen vorbei und die Geschichten

ken einladen; dazu, uns selbst wieder Fragen zu stellen.

der Älteren veränderten sich. Es wurde darüber spekuliert,

Aufgrund der Kosteneinsparungen und der wachsenden

ob er eine Freundin habe. War das dasselbe Mädchen wie

Gruppe älterer Menschen mussten wir unsere Altenpflege

letzte Woche? Und bleibt sie schon über Nacht?

110


Internationale Beispiele

Heute leben sechs Studierende bei Humanitas. Max (24,

wichtiger Teil, aber nur ein Teil). Wir werden immer mehr zu

studiert Kommunikation) bringt einigen Älteren den Um-

einem inklusiven Teil der Gesellschaft. Wir reißen Mauern

gang mit dem iPad bei, damit sie direkten Zugang zu den

ein. Wir experimentieren. Wir sagen JA zu jeder Frage.

Bildern ihrer Enkel haben.

Einige Beispiele:

Und Aneloes (22, studiert Naturwissenschaften) ist der Schatz des Hauses. Sie lackiert sehr gerne die Nägel unserer

Wir haben einen Gärtner, der sich in einer Umschul-

Bewohner. Manchmal sind alle rosa, manchmal violett. Die

dung befindet. Dank ihm haben wir einen wunder-

Farben entsprechen immer dem aktuellen Trend. Zudem

schönen Garten. Er arbeitet mit unseren Nachbarn

macht sie gerne Selfies, oft zusammen mit den Bewohnern.

zusammen, die spezielle Bedürfnisse haben. Und

Onno studiert Stadtentwicklung und ist ein echter Party-

unsere Älteren lieben es, die Blumen zu pflücken.

löwe. Er besucht häufig Musikpartys. Eines Morgens traf

ihn sein 92-jähriger Nachbar vor der Tür und sagte: „Du

Wir haben junge Teenager-Mütter, die ihre Babys vorbeibringen und sich mit den alten, erfahrenen

bist aber früh auf. Ich dachte, du warst gestern auf einer

Großmüttern im Haus unterhalten.

Party.“ Onno antwortete: „Ich bin nicht früh auf. Ich muss

Wir haben junge Leute, die in unserer großen, kom-

noch schlafen gehen.“ Sie können sich vorstellen, dass diese

plexen Gesellschaft nicht alleine leben können. Sie

Dinge die Gespräche der Älteren beeinflussen. Plötzlich hat

wohnen in einem Apartment neben Humanitas. Sie

man das kaputte Knie vergessen. Unsere Bewohner spre-

bekommen Struktur und Unterstützung bei Alltags-

chen über Liebe und Musikpartys. Die Abenteuer der Stu-

fragen von allen im Haus. Im Gegenzug helfen diese

dierenden sind Stadtgespräch.

jungen Leute den Älteren. Sie profitieren von neuer Selbstsicherheit, weil sie etwas Sinnvolles tun. Wir schauen nicht danach, was sie nicht können, sondern darauf, was sie können. Was wir gelernt haben Die wichtigsten Grundsätze unseres Humanitas-DeventerModells sind: •

Im Großen denken, im Kleinen handeln.

Sich verbinden und treffen, eine heterogene Bevölkerung schaffen.

Sich zu Hause fühlen; für sich und andere sorgen.

Die Beziehung zwischen den Menschen lässt sich so beschreiben: „Füreinander ein guter Nachbar sein.“

Beide Gruppen profitieren Das Humanitas-Modell bringt Menschen zusammen. Und beide Gruppen profitieren.

Das, so haben wir gelernt, schafft generationenübergrei-

Die Studierenden haben Kontakt zu ihren älteren Mitbe-

fenden Reichtum und ein tägliches Lächeln. Für Bewohner,

wohnern, sie entwickeln fürsorgliche Fähigkeiten. Sie ler-

Studierende und Personal. Diese Grundsätze beschreiben

nen den Tod als Teil des Lebens kennen. Sie lernen etwas

unsere neue Sozialstruktur.

fürs Leben. Sie werden zu wunderbaren Erwachsenen, zu wunderbaren Menschen. Die Alten sind stolz auf ihre Studenten. Manchmal betrachten sie sie als ihre Enkel, manchmal als eine Art „Haustier“ zum Knuddeln. Die Alten haben ihre eigenen Geschichten über den Alltag in Humanitas. Und ganz sicher lernen sie Neues kennen, zum Beispiel spielen sie nun an jedem Geburtstag „Bier-Pong“. Die Bewohner gehen zu Pyjama-Partys, die von den Studierenden organisiert werden. JA sagen

Dr. Gea Sijpkes + Geschäftsführerin Humanitas Deventer + www.humanitasdeventer.nl

Es geht nicht nur darum, dass Studierende in Humanitas leben. Die Studierenden sind nur ein Teil des Puzzles (ein sehr

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Call&Check Ein sozialer Dienst Die Dringlichkeit von Innovationen in der häuslichen Be-

nachfragt, wie es ihnen geht und ob sie irgendwelche Hilfe

treuung wird immer offensichtlicher. Die Notaufnahme

benötigen – sei es in medizinischer oder sozialer Hinsicht.

ist ein kostspieliger und größtenteils ungeeigneter Weg,

Dieser Service, den ich 2013 entwickelt habe, nennt sich

den wachsenden und sich verändernden Anforderungen

„Call&Check“.

einer alternden Bevölkerung zu begegnen. Und doch wird ohne größere Unterstützung auf sozialer Ebene die Zahl

Call&Check ist ein einfaches Konzept, bei dem Zusteller

älterer Patienten, die sich an die Notaufnahme wenden,

und Zustellerinnen während ihrer normalen Zustelltouren

voraussichtlich noch weiter steigen. Eine Innovation, die

ältere Menschen besuchen. Diese Besuche durch die Jersey

ich auf Jersey erstmals erforscht habe, bietet eine bessere

Post können täglich, wöchentlich oder nach Vereinbarung

Möglichkeit der Betreuung unserer rasch alternden Bevöl-

mit dem Kunden stattfinden. Bei dem Besuch geht der Post-

kerung, deren Gesundheits- und Pflegeanforderungen die

mitarbeiter an die Tür des Kunden und führt ein kurzes Ge-

medizinischen, sozialen und ehrenamtlichen Dienste zu-

spräch, fragt, wie es ihm oder ihr geht und ob es irgendwel-

nehmend zu überfordern drohen. Diese Innovation erfor-

che drängenden Sorgen oder Wünsche gibt. Falls der Kunde

dert keine umfangreiche Neustrukturierung des Gesund-

ein Anliegen hat, wird diese Information zwecks weiterer

heitswesens. Vielmehr müssen wir lediglich überdenken,

Maßnahmen an eine passende Partnerorganisation weiter-

wie wir miteinander in der Gesellschaft umgehen, und dazu

geleitet, beispielsweise an den jeweiligen Arzt bei Fragen

den letzten Dienstanbieter nutzen, der noch die Infrastruk-

der medizinischen Betreuung oder an die Kirchengemeinde

tur besitzt, jede einzelne Wohnung zu besuchen – die Post.

oder einen ehrenamtlichen Dienst bei Problemen wie Hil-

Elsie (81) lebt seit über fünf Jahren allein, Norma (72) seit

fe bei Einkäufen, Begleitungen/Gesellschaft, Kontaktauf-

sieben Jahren, und George (78) lebt den Großteil seines Er-

nahme zu Handwerkern oder Verwandten. Darüber hinaus

wachsenenlebens allein. Was haben diese drei Personen –

kann der Postmitarbeiter regelmäßige Verschreibungen

mit vielen anderen – gemeinsam? Alle drei erhalten zwei-

liefern und Kunden an Medikamente oder Krankenhauster-

bis dreimal pro Woche Besuch von ihrem Zusteller, Jim, der

mine erinnern.

112


Internationale Beispiele

Call&Check ist der erste soziale Dienst, der die Infrastruk-

„Ich bin ein selbstständiger Mensch, aber ich freue mich auf die Besuche von meinem Call&Check.“

tur eines Postdienstleisters nutzt. Als letzter verbleibender

Derek, 90 Jahre, allein lebend

Dienstanbieter mit der Möglichkeit, jeden Tag jede Wohnung zu besuchen, hat die Post das Potenzial, eine noch

„Vielen Dank für Call&Check und die Organisation der Lieferung meiner Einkäufe zu mir nach Hause. Das erleichtert mir das Leben sehr.“ Alice, allein lebend

größere Rolle in der Unterstützung des Gemeinwohls zu übernehmen.

„Zu wissen, dass unter der Woche jeden Tag nach meiner Mutter gesehen wird, entlastet meine Frau und mich und gibt uns zusätzliche Sicherheit.“ Mike, dessen Mutter allein lebt

Dies ist für die Zukunft des Postwesens ebenso bedeutend wie für die Gesundheits- und Sozialbehörden: Nahezu jeder Postdienstleister auf der ganzen Welt musste in den letzten fünf Jahren aufgrund der Nutzung von E-Mails und sozialen

„Der Call&Check-Service gibt meiner Mutter und mir ein wirklich beruhigendes Gefühl durch die Gewissheit, dass jemand regelmäßig nach ihr sieht.“ Danielle, deren Mutter allein lebt

Medien einen stetigen Rückgang seiner Briefpost hinnehmen. Wenn Postbetreiber ihre Dienstleistungen nicht weiterentwickeln und ihre Zusteller und Zustellerinnen stärker

Der Dienst Call&Check kann zu einem Kernelement eines

nutzen, werden diese von unseren Straßen verschwinden

neuen, kosteneffektiveren Gesundheits- und sozialen Pfle-

und durch Paketauslieferer in Lieferwagen und automa-

gedienstes werden. Die bessere Koordinierung der Betreu-

tisierte Packstationen, an denen Menschen ihre Pakete

ung, die Entlastung der traditionellen Dienste und die poten-

abholen, ersetzt. Dies wäre ein großer Verlust für unsere

zielle Schaffung neuer Ertragsquellen im Postwesen können

Kommunen – ist der Postbote erst einmal weg, wird er nicht

Call&Check zu einer „Win-win-win“-Situation machen.

mehr wiederkommen.

Aus diesen Gründen wird Call&Check derzeit auch in an-

Als Call&Check im Jahr 2013 startete, war ein derartiger

deren Ländern übernommen. Der Service eignet sich po-

Ansatz noch nirgends ausprobiert worden, sodass es wich-

tenziell für eine große Bandbreite an Kunden wie Betreu-

tig war, die Machbarkeit nachzuweisen. Ausgewählte Re-

er und Pflegende, trauernde Hinterbliebene oder einsame

gionen von Jersey mit repräsentativer Einwohnerstruktur

Personen sowie kürzlich aus dem Krankenhaus entlassene

wurden als Piloten für Call&Check erschlossen, um zwei

Patienten. Auf direkterer Ebene stellt der Service Teil einer

grundlegende Elemente des Dienstes zu testen:

besseren und günstigeren Lösung für die Erfüllung der Bedürfnisse einer zunehmend alternden Bevölkerung dar, die

1. Würde ein Postdienstleister Call&Check überhaupt

zu Hause leben möchte, jedoch langfristige Betreuung und

in seine normalen Zustelltouren integrieren können

Unterstützung benötigt.

(entscheidender Test der Kosteneffektivität)? 2. Würden Kunden den Call&Check-Dienst akzeptieren

Call&Check berät aktuell eine Reihe von Postdienstleis-

und mögen und würde dieser die Rolle eines Hilfe- und

tern, Behörden und Krankenkassen zur Entwicklung von

Kontaktservice erfüllen können?

Call&Check-Programmen. Im April dieses Jahres fand in London die erste internationale Konferenz von Call&Check-

Die Antwort auf beide Fragen war ein überwältigendes

Nutzern statt.

„Ja“. Die Pilotstudie gab uns außerdem das nötige Wissen zur Entwicklung der „Call&Check Engine“. Dabei handelt es sich um ein digitales System, das sämtliche Aspekte des Call&Check-Dienstes verwaltet/überwacht/berichtet, inklusive Modulen für die gesundheitlichen Ergebnisse, und das über Anbindungsmöglichkeiten an verschiedene Systeme der Post-, Gesundheits- und Sozialdienste verfügt. Mit der zunehmenden Ausweitung des Service von Call&Check wurde Jersey Post auch ermuntert, Stellungnahmen einzuholen: „Es gibt mir ein so viel besseres Gefühl zu wissen, dass ich dreimal in der Woche freundlichen Besuch von meinem Briefträger bekomme, der nach mir sieht.“

Joe Dickinson + Erfinder von Call&Check + www.jerseypost.com/community/callandcheck/

Amy, 82 Jahre, allein lebend

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Impressum

Herausgeber: spectrumK GmbH

Bestellung online: www.die-pflegewelt.com bestellung@die-pflegewelt.com

Postadresse: Spittelmarkt 12, 10117 Berlin

Layout & Satz : Michael Tuszynski

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Redaktionsschluss: 30.11.2017 ISSN 2366-3502

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M ar ie Sim o n Pf le gepre is 2018 Wir suchen die besten und innovativsten Pflegeprojekte – bundesweit! Prämierungswürdig sind für uns Projekte, die mit neuen Ideen und zielgerichtetem Vorgehen altersgerechte Strukturen schaffen und die Lebensqualität von Pflegebedürftigen und deren Angehörigen nachhaltig verbessern. Machen Sie mit und überzeugen Sie uns mit Ihren Vorschlägen von besonders gelungenen Projekten zur Gestaltung der Pflege in städtischen und ländlichen Regionen. Dabei freuen wir uns auch sehr über die Einreichung von bereits erprobten Konzepten in der Pflege als Wettbewerbsbeitrag. Preisträger

Bewerbungsschluss: 2. Juli 2018

2017 Alzheimer Gesellschaft Schleswig-Holstein e.V.

Alle Informationen rund um die Ausschreibung auf www.marie-simon-pflegepreis.de


pflege\welt - Ausgabe 03/2018  

Pflege braucht Innovationen | Anerkennung des Pflegeberufs stärken | Übertherapie am Lebensende

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